Leni wollte einen Brief an den lieben Gott schreiben.
Sie dachte ganz ernsthaft daran, obgleich das Schreiben eine beschwerliche Sache war. Man mußte sich da das Händchen führen lassen, sah krause schwarze Zeichen entstehen, die man nicht deuten konnte und meist verstanden die Erwachsenen gar nicht, wie wichtig solch ein Brief war; ja, sie sagten wohl ein bissel unwirsch: „Warte doch, bis du selbst schreiben kannst.“
So lange konnte Leni aber wirklich nicht warten. Ostern tat sich ihr erst die Schule auf, und dazwischen lag noch Weihnachten und Mutters Geburtstag; also dauerte es noch ewig lange, ehe die Schule begann. Und Lenis Bitte eilte. Der Vater sollte doch endlich aus dem bösen Krieg heimkommen, bald zu Mutters Geburtstag. Am einfachsten wäre es ja gewesen, den Wunsch im Abendgebet vorzubringen, aber da hörte Mutter zu und manchmal auch die Tanten, die im gleichen Hause wohnten. Sehr liebte Leni dies Zuhören eigentlich nicht. Sie schämte sich immer etwas, denn sie hatte es wohl gemerkt, die Tanten lachten manchmal heimlich, wenn sie dem lieben Gott recht viel zu sagen hatte, und wenn sie dem Schutze des gütigen Vaters selbst den Kohlenmann empfahl, auch die Gemüsefrau Müller und alle Leute, die nur den Fuß über die Schwelle der Wohnung setzten. Freilich, wenn sich dann die Tanten zunickten und Tante Nora sagte: „Süß!“ und Tante Traute antwortete: „Goldig!“, das gefiel ihr dann.
Sie hörte es überhaupt gern, wenn die Erwachsenen von ihr sprachen. Manchmal taten die das in ihrer Gegenwart und meinten, sie höre es nicht. Aber Leni hatte Mäusleinohren. Sie paßte gut auf, sie hörte dabei freilich auch andere Dinge und sie fand es manchmal etwas sonderbar, wie die Erwachsenen miteinander redeten; gar nicht zu verstehen war da allerlei. Auf den Gedanken, einen Brief an den lieben Gott zu schreiben, hatte sie auch ein Gespräch der Tanten gebracht, die hatten sich so einen Brief aus der Zeitung vorgelesen und herzhaft darüber gelacht, hatten den Brief entzückend gefunden und gesagt: so etwas brächte unsere Leni auch fertig.
Warum der liebe Gott seine Briefe in die Zeitung tat, verstand Leni freilich nicht, aber der Gedanke, an den lieben Gott zu schreiben, beschäftigte sie seitdem sehr. Der Gedanke lief freilich wieder fort, denn andere kamen und huschten durch das kleine Hirnchen, aber auf einmal mußte Leni doch wieder an den Brief denken und da ging sie und trug ihre Sorgen zu Martha in die Küche. Und Martha sagte: „Das tu nur!“ Sie versprach auch ihre Schreibhilfe und allertiefstes Stillschweigen, sie spendete sogar einen himmelblauen Bogen, „ein Brief an den lieben Gott muß schon ein Ansehen haben“, sagte sie.
Mit Marthas Unterstützung schrieb dann Leni am Nachmittag, an dem die Mutter ausgegangen war, ihren Brief. Er wurde „fein“, darüber waren sich die Schreiberinnen einig, obgleich Leni ihn nicht lesen konnte und Martha der guten Frau Orthographie manches Schnippchen geschlagen hatte. Über den rechten Weg der Beförderung gingen die Ansichten freilich auseinander. Martha schlug das Fensterbrett vor, Leni hatte mehr Zutrauen zum Briefkasten, der Briefträger fand doch alle Leute, warum sollte er da nicht des ewigen Vaters lichte Wohnung finden! „An den lieben Gott im Himmel“, wie leicht war das! — Der Briefkasten siegte.
Martha sagte: „Heute abend werfe ich den Brief ein, da merkt es niemand.“
„Niemand, auch die Mutter nicht!“
Der Gedanke an das große Geheimnis bedrückte Leni ein wenig. Abends, als sie betete, hätte es die Mutter beinahe erfahren, doch Leni hielt es gerade noch fest, nur eine Frage hüpfte ihr eilig über die Lippen: „Antwortet der liebe Gott, wenn er einen Brief kriegt?“
„Nein, Kind!“ Die Mutter lachte. „Da hätte er viel zu tun, aber er sieht alles und hört alles.“
Die Kleine atmete tief. „Vielleicht ist Sonntag schon der Krieg aus“, sagte sie froh, und die Mutter sah ein holdes Scheinen unendlichen Vertrauens auf dem Gesichtchen erblühen, und sie lächelte wissend, denn ein blaues Brieflein knisterte in ihrer Tasche.
Der nächste Morgen brachte so warmen Sonnenschein, daß der Spätherbsttag sommerlichen Glanz erhielt. Leni konnte im Garten spielen und darüber vergaß sie den Brief. Am Nachmittag, als sie über ihren Bilderbüchern hockte und darin dem Christkind begegnete, dachte sie wieder daran. Im Nebenzimmer saßen der Mutter Freundinnen, und auf einmal dämpften die Frauen ihre Stimmen, geheimnisvoll klang es, und Leni vergaß ihren Brief und rutschte mit ihrem Schemelchen der Tür näher und näher, denn sie meinte ihren Namen zu hören.
„Lies ihn noch einmal,“ bat drinnen Tante Nora, „er ist zu niedlich.“
„Sie hört es vielleicht.“
„Ach nein, sie hat ihre Bilderbücher vor.“
Die Mutter las. Leni erschrak tief.
Wie seltsam das war! Mutter las alles vor, was sie gestern an den lieben Gott geschrieben hatte, und als sie fertig war, riefen die Tanten „Reizend!“ und „Süß“ und Tante Traude fragte: „Hat sie dir den Brief gegeben?“
„Bewahre, er soll ein Geheimnis sein. Martha brachte ihn mir, sie sollte ihn in den Briefkasten stecken.“
„O das kleine dumme Dummchen!“
„Entzückend, dies Vertrauen!“
„Gut, daß nicht alle Leute den lieben Gott so viel bitten wie unsere Leni, der Arme, er hätte sonst zu viel zu tun.“
Die Frauen lachten. An das Ohr der kleinen Lauscherin drangen seltsame Worte, sie verstand sie nicht und meinte doch, der liebe Gott müßte bitterböse werden, weil man so von ihm sprach. Konnte denn der liebe Gott nicht alles, wußte er nicht alles?
Wieder umtönte das Lachen der Frauen Leni. Die schrie plötzlich laut auf, und nebenan verstummte jäh das Lachen. Die Mutter und die Tanten kamen erschreckt in das Zimmer, und Leni sah — ihren himmelblauen Brief in der Mutter Hand.
„Sie hat gehorcht!“
Die Mutter sah verwirrt auf ihr Kind, sie wollte es in die Arme nehmen, doch Leni wehrte sich störrisch, sie rutschte von ihrem Schemelchen herab und rannte hinaus, lief in die Küche und stand plötzlich vor Wut schreiend vor Martha.
Die begriff nicht den Zorn ihres Lieblings, wußte nicht, daß sie des Kindes Vertrauen getäuscht hatte, und sie wollte trösten mit täppischen Liebkosungen wie sonst, doch Leni wehrte sich ungestüm, sie biß und kratzte, sie ließ sich auch nicht von der Mutter in die Arme nehmen, und als auch die Tanten in die Küche kamen, streckte sie ihnen ihr rotes Zünglein entgegen.
An diesem Nachmittag war Leni kein süßes, reizendes Kind. Sie blieb ungebärdig, und als sie in ihrem Bettchen lag und die Mutter ein wenig zögernd mahnte: „Willst du nicht beten!“, da huschelte sich Leni flink in die Kissen und knurrte: „Ich mag nicht!“
„Du bist ungezogen,“ sagte die Mutter streng, „der liebe Gott wird ganz böse auf dich sein!“ Sie ging hinaus und wußte nicht, wie tief ihres Kindes Sehnsucht nach ihr klagte. Sie wußte nichts von allem, was heute in dem kleinen Herzen zerbrochen war, welch köstliches feines Blümlein zerknickt am Boden lag. Leni war ungezogen gewesen, das kam vor, morgen würde sie wieder brav sein, denn ein süßes Ding war sie doch.
Und Leni weinte sich in den Schlaf, tat dann eine Reise ins bunte Traumland und wachte am Morgen hungrig und spiellustig auf.
Es war wie sonst. Doch am Abend wollte Leni wieder nicht beten, und als die Mutter ärgerlich wurde und das Gebet forderte, schlabberte sie ganz schnell ihr Verslein her vom kleinen reinen Herzen, besondere Wünsche, besondere Sorgen vertraute sie dem lieben Gott nicht mehr an.
Tat es nie mehr. Scheue Scham verschloß ihr den Mund.
Die Mutter hatte ein Märlein erzählt, eine feine liebe Geschichte von einem Englein, das eine Erdenreise machen wollte. Heimlich hat es dem alten Petrus, wie der gerade etwas auf der blühenden Himmelswiese spazieren ging, von seinem Schlüsselbund das kleinste, goldene Schlüsselein für die allerkleinste Himmelstüre genommen, hat die aufgeschlossen und ist abwärts geflogen, der Erde zu, nach der es Sehnsucht hatte — vielleicht, weil es ihm im lichten, hohen Himmel zu friedestill war. Wer weiß es denn.
„Tun Engel denn so etwas?“ hat Heinerle, der Jüngste, gefragt.
„Ja, manchmal doch. Manchmal, aber nur sehr sehr selten, sind auch kleine Engel ein linschen unnütz. Freilich, der ausgerissene kleine Engel hat seine Strafe auch gleich bekommen, sein Schlüssel ist zu Boden gefallen, ist in Millionen Splitterchen zerschellt, von denen war jedes ein Samenkorn, daraus ist dann eine feine, zarte, goldgelbe Blume erblüht. Himmelsschlüssel heißen sie die Menschen.“
„Kann man damit den Himmel aufschließen?“
„Schon. Wenn ein Mensch hier unten stirbt und ein Engel wird, der kann sich dann oben selbst die Himmelstüre aufschließen, und Sankt Petrus lacht dann wohl und sagt: „Eia, du bist aber vorsichtig, lieber neuer Engel du, hast gleich den Schlüssel mitgebracht.““
„Hat der kleine Engel auch so wieder den Himmel aufgeschlossen?“
„Nein, nein, die Blumen erblühten erst im Frühling, und als der Engel auf die Erde kam, war es Winter. Kalter, eisiger Winter. Es ist ihm übel ergangen, dem kleinen Vorwitz. In sternenlosen Nächten, an bitterkalten Tagen ist er lange, lange auf der Erde umhergeirrt, bis er endlich dem Engel des Todes begegnete, der sich seiner erbarmte und ihn hinauf in den lichten, warmen Himmel trug. Denn zurückfliegen konnte der kleine Engel nicht mehr, seine Flügel waren zerbrochen, und traurig war er, wie es nie ein Engel im Himmel ist.“
„Hat der liebe Gott sehr gezankt?“
„Nein, nein, so sehr nicht! Er hat ein bißchen mit dem Finger gedroht und dann hat er dem kleinen Ausreißer über die Flügel gestrichen, da wurden die wieder heil. In seiner großen Güte hat der liebe Gott wohl gedacht, du kleiner Vorwitz du, du hast Strafe genug gehabt.“
Dem Heinerle war die Geschichte tief ins Herz gesunken, so wie ein Regentropfen in eine Blüte fällt. Er läuft auf die Wiese, wo die Himmelsschlüssel blühen, goldgelb und heiter, so recht frühlingsfroh.
Blau ist der Himmel, klar die Luft, eine Lerche wirbelt singend zur hellen Höhe empor, doch Heinerle hört nichts und sieht nichts, er pflückt Blumen, viele, viele und denkt an das Märlein, das ihm Wahrheit dünkt. Die gelben Blumen schließen den Himmel auf!
Wem denn?
Wer ein Engel werden will, muß sterben. Heinerle steht und denkt an das Sterben und leise Schauer durchzittern sein Herzlein.
Wer stirbt denn aber? Der alte Tischler Seifert vielleicht, gestern noch hatte es Heinerle sagen hören, er würde bald sterben.
Soll er dem die Blumen bringen? Damit er es leicht hat, in den Himmel zukommen und Sankt Petrus auch sagt: „Eia, du bist aber vorsichtig, lieber neuer Engel du!“
Ich bring' ihm die Blumen! Husch, ist der Gedanke da, und schon rennt Heinerle ins Dorf zurück. Er hat es sehr eilig, will nicht zu spät kommen mit seinen goldenen Wunderschlüsseln.
Seiferts Johann ist alt und arm, und alle Not des Lebens ist über ihm gewesen, und er ist durch viele dunkle Täler geschritten. Davon weiß Heinerle nichts, er weiß noch nicht, was es heißt, alt, arm und einsam sein. Für ihn hat der alte Mann in Lust und Freude gelebt, denn dem muß es doch gut gehen, der eine Katze und vier Vögel hat, die sich mitsammen vertragen. So etwas Wunderbares.
Ob er wohl die Katze und die Vögel mit in den Himmel nimmt? — Wer weiß das alles!
Er will den Alten fragen, aber als er eintritt in die niedrige, dumpfe Stube, erhält er keine Antwort mehr. Der Tischler Johann Seifert steht schon auf der Schwelle des großen, unbekannten Landes, ein paar Atemzüge noch und er ist drüben. Alles Klingen und Lärmen der Erdenwelt ist schon für ihn verstummt, und Fragen sind ihm nicht mehr Fragen.
Heinerle erschrickt vor dem Alten. Wie sonderbar der aussieht! Er wirft hastig die Blumen auf das schmutzige, zerwühlte Lager und rennt wieder hinaus, von der Furcht gejagt. Doch an der Türe bleibt er stehen, dreht sich noch einmal um und ruft mit angstgedämpfter Stimme: „Vergiß die Himmelsschlüssel nicht, da — damit du gleich rein kannst.“
Die Türe klappt. Heinerle steht draußen im Sonnenschein.
Niemand erfährt etwas von seinem Gang. Der Tag wird müde und läßt sich von der Nacht in die Arme nehmen. Ein neuer steigt herauf, und an ihm hört Heinerle sagen: Der alte Seifert wäre tot.
Ein Nachbar redet es im Flur des Hauses, er lacht dazu, und Frau Mädler, die Wirtschafterin, sagt: „Na, schade ist's nicht um den alten Lump. Einer weniger von der Sorte, das ist gut.“
„Er ist jetzt im Himmel“, sagt Heinerle auf einmal ernsthaft.
„Der und im Himmel!“ Der Nachbar lacht grob. „Der hat da drin nichts zu suchen, den lassen sie gar nicht ein.“
„Doch — er hat ja einen Schlüssel!“ Heinerle hätte gern erzählt, wie der alte Seifert in den Himmel gekommen ist, aber vor dem lauten ungläubigen Lachen der andern läuft er davon. Er flüchtet zur Mutter und vertraut der sein großes Geheimnis an. Und die Mutter glaubt auch, daß sich Seiferts Johann nun den Himmel aufgeschlossen hat, sie zweifelt nicht, sie lächelt nicht, sie hält ihren kleinen Jungen fest im Arm, und ihr Blick taucht tief in den seinen.
„Ist er jetzt — schon oben?“ Heinerle hält den Atem an, so sehr erregt ihn selbst die Frage.
„Gewiß, jetzt ist er schon beim lieben Gott.“
Heinerle lächelt glückselig. Er träumt dem Engel nach, der zum Himmel emporgeflogen ist und der hier auf Erden der alte Tischler Johann Seifert war, von dem die Leute reden, er sei ein Lump gewesen.
Die Mutter sinnt ernst der Zukunft entgegen. Wird ihrem Kind auch einmal das goldene Schlüsselein zum Himmel des Glaubens in tausend Splitter zerschellen, wird er sich auch die lichten Flügel seiner reinen kleinen Seele zerbrechen? Nein, nein, ruft es in ihr, ich will wachsam sein immerzu und ihm selbst eine Türe der Erkenntnis nach der anderen öffnen, sacht und vorsichtig, damit seine Seele nicht Schaden leide.
Ein schweres Werk. Wird es gelingen? Wer weiß es denn?
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