[608] Bericht des intern. sozialistischen Bureau über den G-str. in Holland (cit. bei Katz, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3.); Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.".
Die sozialdemokratische Partei scheint ohne wesentliche Beeinträchtigung aus dem Generalstreik hervorgegangen zu sein.[609] Sie hatte von jeher die anarchistische Generalstreikidee bekämpft, sich aber, als proletarische Parteivertretung, verpflichtet gefühlt, der Arbeiterschaft beizustehen, obwohl sie den Aprilstreik von vornherein als eine aussichtslose und verfehlte Unternehmung angesehen hatte.[610] Die Erfahrungen dieses Streiks bestärkten einen Teil der niederländischen Sozialisten, so vor allem Vliegen, in der strikten Ablehnung jedes Klassenstreiks überhaupt. Die Mehrheit der Partei aber erklärte sich bereits auf dem Parteitag von Enschede, bloß zwei Monate nach dem unglücklichen Generalstreik ausdrücklich für den politischen Massenstreik.[611] Sie wiederholte dies auch auf dem Parteitag 1904 in Dordrecht und arbeitete hiermit dem internationalen Kongreß in Amsterdam vor.[612]
[609] Wenigstens war dies die Auffassung der Partei selbst auf dem Parteitag zu Dordrecht 1904; vgl. Roland-Holst, "Zur Lage in Holland", "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland"; Prot. Gwftskongr. Köln 05, p. 225.
[610] Vgl. Roland-Holst, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland". Einige Parteimitglieder, wie z. B. Roland-Holst, sollen das von ihnen prinzipiell mißbilligte Unternehmen doch mit großen persönlichen Opfern unterstützt haben.
[611] Vgl. die Mitteilungen der Delegierten der holländischen Partei auf dem Parteitag in Jena 1905 (Prot. p. 342).
[612] Vgl. Roland-Holst, "Der politische Streik auf dem 10. Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie". Im Auftrag des Internat. sozialist. Bureau (um "dem internationalen Kongreß einen Bericht und den Entwurf einer Resolution über diese Frage vorzulegen", vgl. Vliegen, "Der zehnte Parteitag der niederländischen Sozialdemokratie") arbeitete die Redaktion der Zeitschrift "Die nieuwe tijd" einen Entwurf aus, auf Grund dessen der Parteitag in Dordrecht eine Resolution annahm, die das fast wörtliche Vorbild derjenigen des intern. Kongresses in Amsterdam darstellt.
Die Darstellung und Beurteilung der russischen Klassenstreikbewegung begegnet so mannigfachen innern und äußern Schwierigkeiten,[613] daß wir uns hier mit einer Skizzierung der äußersten Umrisse begnügen müssen.
[613] Die besonderen Schwierigkeiten beruhen auf der Verknüpfung der Streikbewegung mit der Revolution, der Unzugänglichkeit der russischen Literatur und der Unmöglichkeit einer Kontrolle unseres spärlichen Materials.
Trotz des Koalitionsverbots[614] kam seit der Mitte der 1890er Jahre der Streik, auch der Massenstreik, in Rußland immer häufiger zur Anwendung.[615] Als eine bedeutende Industriekrise im Süden die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen und politischen Lage gesteigert hatte,[616] entlud sich die allgemeine Erregung schließlich im Juli 1903 in einer kolossalen Streikbewegung mit der bis dahin in Rußland unerreichten Ausstandsziffer von einer Viertelmillion.[617] Die Bewegung ergriff "epidemieartig" den ganzen Süden,[618] woselbst sie wegen der Beteiligung aller Gewerbe[619] eine mehrtägige völlige Stockung von Industrie, Handel und Verkehr, sowie empfindlichen Mangel an Lebensmitteln samt entsprechenden Preissteigerungen, auch das Versagen des Beleuchtungs- und Reinigungsdienstes zur Folge gehabt haben soll.[620] Während der Dauer des Ausstands waren die Arbeiter auf der Straße, forderten die Arbeitswilligen zum Anschluß auf, entleerten die Dampfkessel und hielten Demonstrationen ab.[621] Anfangs blieben sie unbehelligt. Dann, als der erste Elan vorüber war und die Bewegung nach und nach verlief, scheinen Militär und Polizei immer energischer eingegriffen zu haben, sodaß der Streik viele Opfer kostete.[622] Bei der Verschwommenheit der Ziele[623] konnte von einem direkten "Erfolg" keine Rede sein, wenn auch versucht worden ist, die Entwicklung des "Klassenbewußtseins" und die Entfaltung revolutionärer Energie als einen solchen zu konstruieren.[624]
[614] Vgl. Roland-Holst, "Generalstreik und Sozd.", p. 35; ihre diesbezüglichen Angaben sind übrigens mit Vorsicht aufzunehmen.
[615] Vgl. "Die Sozialdemokratie in Rußland", Bericht der Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands an den intern. sozialist. Kongreß in Amsterdam 1904, p. 3. Da die Regierung von jeher gegen Streiks mit Gewalt vorgegangen sein soll (Bourdeau, p. 436), hätten sich aus den rein ökonomischen Streiks häufig politische Streiks entwickelt, die bei zu geringer Ausdehnung den Arbeitern leicht gefährlich wurden, weshalb man sie zu vermeiden suchte (Streltzow, "Der politische Massenstreik in Rußland und seine Lehren"). 1902 fand in Rostow am Don ein großer Sympathiestreik mit pol. und ökonom. Forderungen statt (vgl. Bourdeau; Roland-Holst, "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution").
[616] In Odessa soll die Agitation der Subatow'schen Arbeiterorganisationen den von ihren Lenkern durchaus nicht beabsichtigten Anstoß zum Streik gegeben haben (Ber. der Delegation).
[617] Vgl. Bericht der Delegation p. 24 ff.; Bourdeau; Roland-Holst, "Gstr. u. Sozd."
[618] Vgl. Bericht der Delegation, p. 3, 24, 25. Am 1. Juli begann der Streik in Baku (Petrolarbeiter), Odessa (Hafenarbeiter); er war in diesen Städten und in Tiflis am 4. schon vollständig; es folgten Batum, Nikolajew, Kiew (21. Juli), Jelisawetgrad (28. Juli) und, nach Beendigung des Streiks in diesen Städten, Jekaterinoslaw (7. August) und Kertsch. In den drei kaukasischen Städten sollen 10 000 (?) in Odessa 50 000, in Kiew 30 000, in Nikolajew 10 000, in Jekaterinoslaw 20-30 000, in Jelisawetgrad 2 000, in Feodosien, Kertsch, Konotop je mehrere Tausend Personen gestreikt haben.
[619] Es streikten Fabrik- und Werkstättenarbeiter, Verkehrsarbeiter (Tram-, Eisenbahn-, Hafenarbeiter), Lebensmittelarbeiter (Metzger, Bäcker, Müller; Hôtelpersonal), Schriftsetzer, Telegraphisten, Handelsgehilfen, Handwerker, selbst Stiefelputzer.
[620] Bericht der Delegation, p. 25 ff.
[621] Sie demonstrierten mit revolutionären Liedern und roten Fahnen, wobei sich die sozd. Arbeiterpartei Rußlands lebhaft beteiligt zu haben scheint.
[622] Bericht der Delegation, p. 25 ff.
[623] Ursprünglich handelte es sich um überall ziemlich gleichlautende, fest formulierte wirtschaftliche Forderungen (betr. Arbeitszeit und -lohn, Fabrikdisziplin, usw.) und polit. Forderungen (Volksvertretung und die verschiedenen Freiheitsrechte); diese lösten sich aber immer mehr in einen allgemeinen Protest gegen den gesamten wirtschaftlichen und politischen Druck auf (vgl. Bericht der Delegation; Roland-Holst "G-str. u. Sozd.", p. 35, ist anderer Meinung).
[624] Bericht der Delegation, p. 28.
Ein ganz anderes Bild bietet die russische Streikbewegung des Jahres 1905, deren erste Phase sich unmittelbar an den sog. blutigen Sonntag (22., resp. 9. Januar 1905) anschloß.[625] Sie umfaßte 1-1/2 Monate, während welcher Zeit Streiks mit vorwiegend politischen Zielen in 150 Städten Rußlands ausgebrochen sein sollen.[626] Am intensivsten scheint sich die Bewegung in Russisch-Polen entwickelt zu haben,[627] wo der proletarische Klassenstreik zudem noch einen "eigenartigen Widerhall" im Gymnasialstreik fand.[628] — Im Mai erfolgte eine neue Steigerung, die sich den Sommer hindurch fortsetzte.[629] Ihren Höhepunkt bildete der politisch-revolutionäre Ausstand vom 7. bis 17. Oktober 1905, der einzige wirklich allrussische Streik. Zu diesem gaben die Eisenbahner den Anstoß;[630] alsbald ruhte die Arbeit auf fast allen Eisenbahnlinien und in fast allen Städten des europäischen und asiatischen Rußlands.[631]
[625] Schon vorher streikten 13 000 Arbeiter der Poutiloff-Werke (wegen Maßregelung von Kameraden, usw.); andere Arbeiter hatten sich angeschlossen; am 22. Jan. sollen es schon 200 000 Ausständige gewesen sein (Bourdeau, p. 436).
[626] Vgl. Roland-Holst, a. a. O. p. 79 ff. Es traten "auch ganz bestimmte Klassenansprüche" der Arbeiter (betr. Arbeitsbedingungen, Behandlung, Anerkennung der Organisationen usw.) hervor (vgl. Dr. v. Wiese, "Die Arbeiterfrage in Rußland"); die "Diktatur des Proletariats", die Bourdeau unter Hinweis auf einen Vorwärts-Artikel von Luxemburg erwähnt, dürfte in der Regel wohl kaum unter den offiziellen Zielen der Arbeiter figuriert haben. Forderte doch der Arbeiterdeputiertenrat — "eine Vertretung der spezif. großindustriellen Arbeiterelite" — die Unternehmer zur Schließung der Fabriken auf, weil "ja auch ihre Interessen an Freiheit und Sicherheit von der Arbeiterschaft verfochten würden" (vgl. M. Weber, "Zur Lage der bürgerlichen Demokratie in Rußland", p. 286).
[627] Die Bewegung dauerte hier ungefähr vom 27. Januar bis 4. Februar (vgl. "Der politische Streik im Königreich Polen", Krakau, Verlag des Przedswit, besprochen in "Dokumente des Sozialismus", V, 9.). Es nahmen 400 000 Arbeiter daran teil (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, April, p. 359). Der Streik wurde durchschnittlich nach 8-10 Tagen, in Warschau schon nach 3 Tagen, von den Parteikomitees der einzelnen Städte für beendet erklärt. Die Leitung scheint die polnische sozialistische Partei, P. P. S., gehabt zu haben. Für die gleichzeitig erhobenen wirtschaftlichen Forderungen wurde vielerorts nach Beendigung des des polit. Streiks noch weiter gestreikt, mit nur teilweisem Erfolg (vgl. Rdsch. Soz. Mh. a. a. O.).
[628] Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Mai 05, p. 458, 459. Nach persönlichen Mitteilungen eines aktiv Beteiligten protestierte die polnische Gymnasialjugend, durch das Beispiel der Arbeiter zum Ausstand angeregt, durch den Schulstreik gegen die langverhaßte Russifizierung der Gymnasien.
[629] Im Sommer 1905 fand z. B. ein allgemein durchgeführter eintägiger Streik statt, den das Warschauer Komitee des P. P. S. als Protest gegen die blutigen Zusammenstöße zwischen demonstrierenden Arbeitern und Militär in Lodz (die im Juni 05 ca. 2 000 Tote gekostet haben sollen) veranstaltete. (Rdsch. Soz. Mh. Aug. 05, p. 706).
[630] Im April 1905 hatte sich endlich der allrussische Eisenbahnerverband gebildet (noch 1903 war eine diesbezügliche Anregung, die, unter Hinweis auf die Bedeutung der Eisenbahner bei einem ev. M.-str., bezeichnenderweise von südrussischen Eisenbahnern ausgegangen war, erfolglos geblieben). Der Streik begann auf der Moskau-Kasaner Linie. Sogleich proklamierte das Zentralkomitee den Generalstreik (vgl. Streltzow, a. a. O.).
[631] Streltzow, p. 133 ff.
Die ungeheure Wirkung des Streiks[632] war für die Regierung einer der Beweggründe, die Erfüllung der dringendsten Forderungen im Oktobermanifest zuzusichern.[633] Dieser Erfolg war in den besonderen russischen Verhältnissen begründet. Kämpfte doch Schulter an Schulter mit den Arbeitern fast die ganze russische Gesellschaft gegen die Regierung.[634] Sogar zahlreiche Angehörige unproletarischer Berufe folgten dem Streikbeispiel der Lohnarbeiter.[635] Letztere scheinen im Bürgertum, selbst bei den Unternehmern, Sympathie und Unterstützung gefunden zu haben.[636]
[632] Die Verkehrsstockung führte zu einer Isolierung der großen Wirtschaftszentren. Die Truppenbewegungen waren erschwert. Immerhin dürften Behauptungen, wie die, daß der Massenstreik "die gesamte Staatsmaschinerie" "desorganisiert" (vgl. Roland-Holst, "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 216), Rußland "aus den Angeln" gehoben, (vgl. Lensch, "Die Idylle im Sumpf"), den "Tron ins Wanken" gebracht (vgl. Ellenbogen, Prot Parteitg. Wien 05, p. 121), "den Absolutismus für eine Weile niedergestreckt" habe, denn doch etwas übers Ziel hinausschießen.
[633] Weniger meßbar sind die übrigen sogenannten Erfolge des Streiks, wie Aufrüttelung der indifferenten Volksschichten. Förderung der proletarischen Organisation (die Gewerkschaften entwickelten sich allerdings nach dem Streik, aber wohl nicht, wie mehrfach behauptet wurde, wegen des Streiks an sich, sondern infolge der errungenen Freiheiten; vgl. Streltzow, p. 134) und Schwächung des Heeres. Die von Roland-Holst (a. a. O., p. 218 ff., und "G-str. und Sozd.", p. XVI) prognostizierte "allmähliche Aufreibung der Armee durch die Streikbewegung" hat keineswegs stattgefunden.
[634] Vgl. Streltzow, a. a. O.
[635] Es streikten Handels- und Bankangestellte, Lehrer, Schauspieler, Advokaten, Ärzte, Apotheker, Seminaristen, Ingenieure, Staatsbeamte (Richter, Telegraphisten, Eisenbahnbeamte), Kellner, Dienstboten usw. (vgl. Kropotkin, "Die direkte Aktion und der Generalstreik in Rußland"; Streltzow, a. a. O.).
[636] Vgl. Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; Streltzow, a. a. O.; Plechanow (cit. bei Streltzow) sagt: "die allgemeine Sympathie ersetzte den Arbeitern die Unzulänglichkeit der Organisation". — Semstwoleute, Staatsbeamte, Ingenieure sollen Streikfonds zur Unterstützung streikender Arbeiter gegründet haben (Streltzow). In der Streikleitung seien bürgerliche Elemente, z. B. höhere Eisenbahnbeamte, vertreten gewesen. Die Unternehmer sollen mehrfach während des Streiks den Lohn weiter gezahlt und sich regelmäßig mit den Arbeitern solidarisch erklärt haben (Streltzow). Die Frage, inwieweit hierbei Furcht vor den Drohungen der Arbeiter eine Rolle spielte (vgl. N. Z. Z. 8. Dez. 05, 2. Beilage, Nr. 340), kann hier natürlich nicht entschieden werden. Die Roland-Holst'sche Auffassung, das russische Proletariat habe "den Angriff gleichzeitig gegen die ökonomischen Ausbeuter, wie gegen die staatlichen Unterdrücker gewendet", und es habe, "was es den Ersten abtrotzt, gebraucht, um die Zweiten weiter zu bekämpfen" (vgl. "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 215), geht wohl zu weit.
Der Klassenstreik war die typische Form, in der die russischen Arbeiter sich an der Revolution beteiligten.[637] Er war eine überaus bedeutende Begleiterscheinung der russischen Revolution, doch immerhin nicht diese selbst. Seinen Erfolg dankte er den ganz einzigartigen Umständen, unter denen er stattfand. Aber selbst in Rußland hat der Massenstreik zu politischen Zwecken vorläufig seine Rolle ausgespielt,[638] und um so mehr muß man sich hüten, in den russischen Erfahrungen einen Fingerzeig für die proletarischen Kämpfe anderer Länder zu erblicken.[639]
[637] Wollten sich die Arbeiter überhaupt an der Revolution beteiligen, so mußten sie die Arbeit verlassen, woraus naturgemäß der Streik entstand. Der "spontane" Ausbruch desselben, ohne vorherige literarische Entdeckung und parteitägliche Sanktionierung, ist daher nichts Überraschendes. Roland-Holst erachtete übrigens, trotz dieses sie so sehr befriedigenden politischen Streikdebuts der russischen Arbeiter, bei diesen die theoretische Vertiefung des Problems für notwendig. Ihr Generalstreikbuch erschien auch in russischer Sprache (vgl. "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 214 ff.).
[638] Streltzow: "Darin sind wohl alle namhaften russischen Politiker nur einer Meinung"; nur gewisse Sozialrevolutionäre glauben noch, daß jetzt die Ära der gewaltsamen Streiks beginne. Nach Labriola, "Riforme e Rivoluzione sociale", p. 163, bestünde die den russischen M-streiks entnommene Bereicherung der revolutionären Erfahrung in der "combinazione dello sciopero generale con la dimostrazione armata e l'uso personale degli esplosivi". Übrigens war natürlich nicht andauernd gestreikt worden, sondern die Bewegung ruhte vorübergehend hier und dort; die Arbeiter sammelten inzwischen wieder Kräfte; der Streik war also parzelliert (Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 105 ff.). — Es wurde noch bis in den Dezember 1905 hinein gestreikt, aber die Beteiligung nahm ab (Streltzow, a. a. O.), der Erfolg blieb aus, und durch die Mißerfolge wurde der Streik diskreditiert, "der Glaube an seine schöpferische Kraft ging verloren" (Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; vgl. auch Bebel, Prot. Parteitg. Mannheim 06). Inzwischen hatten sich nämlich Staat und Gesellschaft organisiert. Im Oktober hatte die Regierung dem Streik isoliert gegenüber gestanden; andernfalls hätte sie gewiß die "in ihrer materiellen Bedeutung nicht sehr erheblichen Arbeiter" bald unterworfen gehabt (Katz). Die Arbeiter aber hatten sich durch ihre Methode der Abstoßung der liberalen Elemente selbst isoliert (Streltzow, p. 135). — Die Frankf. Ztg. meldet am 20. Juni 1907 aus Petersburg, die sozialdemokratische Konferenz habe darauf verzichtet, die Dumaauflösung mit dem Massenstreik zu beantworten, da dieser "mit Rücksicht auf die mangelnde Organisation des Proletariats" jetzt scheitern würde.
[639] Dies scheint z. B. M. Beer ("La grève générale, son histoire et sa signification", Dez.-Nr. von "The Social-Democrat", vgl. Bulletin Bibliographique de la Revue socialiste, Janvier 06, p. 125) zu tun; ähnlich Roland-Holst (a. a. O. und "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution"). Vor derartigen Verallgemeinerungen warnen z. B. Streltzow a. a. O. und Bernstein a. a. O.
Die Sozialisten schenkten der Klassenstreik-Idee anfänglich keine besondere Beachtung, und sie ignorierten auch die auf dem internationalen Kongreß in London 1888 französischerseits gemachten diesbezüglichen Andeutungen.[640] Um so eifriger bemühten sich die Anarchisten, diesen ihren Lieblingsgedanken[641] in die "Neue Internationale" einzuführen, erfuhren hierbei aber, wie bei allen ihren Projekten, schroffste Ablehnung.
[640] Vgl. Pouget (Enquête, p. 42).
[641] Die Anarchisten verdankten zum guten Teil dem G.-str. die Wiederbelebung ihrer Bewegung (vgl. Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 195). Eine Anarchisten-Konferenz in London, im Frühling 1902, beriet über die Propaganda eines G-streiks in Deutschland, Österreich-Ungarn und Dänemark und beschloß die wöchentliche Verbreitung von 100 000 Exemplaren eines unter dem Titel "Generalstreik" zu gründenden Anarchistenblattes in den deutschen Gewerkschaften (vgl. N. Z. Z., Nr. 137, 17. Mai 02). — Neuerdings erklären die Anarchisten übrigens den G.-str. und die Gewerkschaft "als mächtige revolutionäre Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution" (vgl. die Resolution Malatesta vom internat. Anarchistenkongr. in Amsterdam am 31. Aug. 1907 [vgl. Frankf. Ztg., Sept. 07]).
Auf dem internationalen Kongreß in Paris 1889 hatte Tressaud den Generalstreik zur Verstärkung der gerade damals beschlossenen Maidemonstration, ferner als Eröffnungsakt der sozialen Revolution empfohlen. Aber nur zwei Delegierte unterstützten diesen Antrag, der von Liebknecht aufs Entschiedenste zurückgewiesen wurde.[642]
[642] Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126.
Der folgende Kongreß, Brüssel 1891, hatte sich u. a. mit der Stellung des Proletariats zum Militarismus zu befassen. Bei dieser Gelegenheit plädierte der holländische Anarchist Nieuwenhuis, nur von den holländischen und einem Teil der englischen und französischen Delegierten unterstützt, für den Generalstreik im Kriegsfalle. Aber sowohl dieser Vorschlag, wie auch Nieuwenhuis' Plan der Stellungsweigerung, wurde abgelehnt.[643] Eine Resolution der Engländer und Franzosen, wonach die Arbeiter "sich durch eine starke Organisation auf die Möglichkeit eines Generalstreiks vorbereiten" sollten,[644] erfuhr das gleiche Schicksal.
[643] Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 24, 27-31.
[644] Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 19.
Auf Antrag der französischen Sektion erschien sodann die Frage des Generalstreiks auf der Tagesordnung des Kongresses in Zürich 1893.[645] Eine Kommissions-Resolution, die allerdings nicht mehr zur Erörterung im Plenum gelangte, lehnte den Weltstreik ausdrücklich ab. Aber, offenbar unter dem Eindruck des erst kurz zuvor stattgehabten belgischen Wahlrechtsstreiks, erklärte jene Resolution den Massenstreik für eine unter gewissen Voraussetzungen "höchst wirksame Waffe nicht bloß im ökonomischen, sondern auch im politischen Kampfe". Dies ist das erste Aufflackern eines Flämmchens, das nach und nach zu einem ansehnlichen Feuerwerk angewachsen ist, und das den internationalen, vor allem aber den deutschen Sozialismus eine Zeit lang völlig beherrschte. — Der französische Antrag, den Generalstreik in allen Ländern zu dekretieren, sofern die Regierungen nicht innerhalb Jahresfrist dem Verlangen des Zürcher Kongresses nach einer internationalen Staatenkonferenz zur Durchführung des Achtstundentags entsprächen, wurde schon in der Kommissionsberatung abgelehnt. — Bei dem Punkte "Stellung der Sozialdemokratie im Kriegsfall" empfahl Nieuwenhuis wieder sein Militärstreikprojekt, das er diesmal auf die Reservisten und die für die Kriegsführung unentbehrlichsten Lohnarbeiter beschränkt hatte; es wurde aber wiederum abgewiesen.
[645] Vgl. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 11, 17, 53 ff.
Bei Behandlung der proletarischen Wirtschaftspolitik berührte auch der Kongreß in London 1896 die Klassenstreikfrage.[646] Zwar hielt er "die Möglichkeit für einen internationalen Generalstreik nicht gegeben"; immerhin empfahl er den Ausbau der gewerkschaftlichen Organisation auch als Voraussetzung der Streikerweiterung auf ganze Industrien und Länder.
[646] Vgl. Prot. int. Kongr. London 1896, p. 29.
Da ein Teil der französischen Sozialisten mit dem Londoner Resultat unzufrieden war, verlangten die Allemanisten die Behandlung des Klassenstreiks auch auf dem Kongreß in Paris 1900.[647] Die Kommissionsminderheit, die sich, wie Legien hervorhob, bezeichnenderweise aus französischen, italienischen und solchen Delegierten zusammensetzte, in deren Ländern überhaupt noch keine Gewerkschaftsorganisationen bestanden, verlangte durch Briand die Vorbereitung des Generalstreiks zur Erreichung revolutionärer, wie reformistischer Ziele. Der Kongreß begnügte sich jedoch mit der Wiederholung des Londoner Beschlusses.
[647] Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 7, 31 ff.
Am Amsterdamer Kongreß 1904 wehte aber bereits ein ganz anderer Wind. Auch in sozialistischen Kreisen hatte man nun nämlich angefangen, sich recht eifrig mit der Klassenstreikidee zu beschäftigen.[648] Infolge der Erfahrungen, die inzwischen bei mehreren Riesenausständen gemacht worden waren, infolge der Fortschritte anarchistischer Tendenzen in gewissen Gewerkschaftskreisen und infolge verstimmender politischer Ereignisse hatte sich eine Wandlung in der sozialistischen Kritik des Klassenstreiks vollzogen. Der Kongreß errichtete zwar wiederum eine scharfe theoretische Grenzlinie gegenüber der anarchistischen Generalstreikpropaganda, erklärte aber, daß der politische Massenstreik unter bestimmten Voraussetzungen, zu bestimmten Zwecken, akzeptiert werden müsse.[649] — Die Gegner des Klassenstreiks tadelten den kompromißartigen Charakter der Amsterdamer Resolution;[650] knüpfte sie doch die Verwirklichung des politischen Massenstreiks an so ungeheure Voraussetzungen, daß bei strikter Interpretation die Aufnahme des Klassenstreiks in das sogenannte Arsenal der proletarischen Kampfmittel illusorisch wurde. Die Anarchisten und Syndikalisten aber beklagten den parlamentarischen Beigeschmack der Resolution. Immerhin begrüßten sie dieselbe mit Genugtuung als eine Annäherung des internationalen Sozialismus an die "direkte Aktion".[651] Die Amsterdamer Resolution, diese Verlegenheitsresultante aus den von Land zu Land so verschiedenen proletarischen Tendenzen, gab allen Parteirichtungen Gelegenheit zu Lob und Tadel, weil sie im Grunde eben wirklich nur besagte: "Sans doute, la grève générale peut être utile, mais elle est impraticable".[652] — Auf dem Stuttgarter Kongreß von 1907 spielte der Klassenstreik keine Rolle mehr.
[648] Hiervon legt die vom Juni bis September 1904 erschienene internationale Enquête Zeugnis ab.
[649] Die Resolution der Allemanisten, die das Studium und die Vorbereitung des G-streiks, dieses wirksamsten Mittels der sozialen Revolution, verlangte, wurde abgelehnt, ebenso die Resolution der Guesdisten, die den G-str. als Organisations- und Kampfmittel anerkannte, ihn aber zur reinen Gewerkschaftsangelegenheit erklärte, deren bloße Unterstützung der sozialist. Partei obliegen sollte (vgl. Prot. int. Kongr. Amsterdam 1904, p. 27-30).
[650] Vgl. Wolfg. Heine, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?" p. 754.
[651] Diese Auffassung in anarchistischen Kreisen konstatiert z. B. Bömelburg (Prot. Gewerkfts. Kongr. Köln 1905, p. 218.)
[652] Vgl. "Chronique" du Musée sociale, Oct. 1904, p. 455.
Der Ausbruch eines Klassenstreiks ist vor allem an gewisse objektive Voraussetzungen gebunden: nämlich an das Vorhandensein einer zahlreichen Lohnarbeiterschaft, von deren Arbeitsleistung ein so großer Bruchteil der Gesamtheit abhängt, daß die Arbeitsverweigerung eine aufsehenerregende gesellschaftliche Störung herbeiführen kann. Diese Bedingung wird in vollem Umfang durch die moderne Wirtschaftsordnung erfüllt.
Hierzu gesellt sich als subjektive Voraussetzung die Fassung des Streikentschlusses durch die erforderliche Anzahl von Arbeitern resp. Arbeitergruppen.
a) Der Streikentschluß kann planmäßig, überlegt gefaßt werden. Hierbei haben sich alle Beteiligten bereits vorher untereinander über ihr Vorhaben verständigt. Sie wissen, um was es sich handelt. Sie besitzen eine gewisse Organisation zur Durchführung des Streiks im konkreten Fall. Das "Kommando" zum Ausstand[653] wird von einer im Voraus bestimmten Leitung erwartet und gegeben.
[653] Vgl. z. B. Resel (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 ff.). Wir begegnen dieser Form des Streikentschlusses z. B. in Belgien und Schweden.
Anders beim spontanen Streikentschluß. Dieser wird von jedem einzelnen für sich allein gefaßt. Es ist möglich, daß ein und dasselbe Ereignis in jedem einzelnen Teilnehmer den Streikentschluß ausgelöst hat, daß die Faktoren aller einzelnen Streikentschlüsse objektiv zusammenhängen, daß der Streik also mit innerer Notwendigkeit aus den allgemeinen Ereignissen herauswächst.[654] Es kann aber auch der Fall eintreten, daß die einzelnen Teilnehmer oder Teilnehmergruppen durch ganz verschiedene Ereignisse zum Streikentschluß geführt werden. Wenn nun eine größere Zahl partieller Ausstände zeitlich zusammenfällt, so kann sich aus diesem Streikkonglomerat leicht ein Klassenstreik entwickeln.[655]
[654] So z. B. beim ital. G-str. 1904; so auch wohl beim Versuch des "heiligen Monats" 1842.
[655] Ein solches Streikkonglomerat schwebte wohl der Brüsseler Zeitung "Internationale" vor, als sie 1869 schrieb: "Wenn die Streiks sich ausbreiten und einander nähern, sind sie wohl nahe daran, ein Generalstreik zu werden" (cit. bei Umrath p. 13, 14).
b) Der Entschluß zum Klassenstreik entsteht nur, wenn eine tiefgreifende und allgemeine proletarische Erregung[656] die Widerstände gegen den Streik, die in der Arbeiterschaft selbst vorhanden sind, ausschaltet. Diese Erregung ist aber an bestimmte Voraussetzungen geknüpft, von mannigfachen Faktoren abhängig.
[656] Diese allgemeine Erregung betrachten Bebel (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 277 ff.), Bömelburg (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 333, u. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228), Bernstein ("Pol. M.-Str. u. pol. Lage"), Adler (Prot. Parteitag Wien 1894, p. 78, und Parteitg. Wien 1905, p. 131), Zetkin (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05), Kautsky ("Allerhand Revolutionäres") p. 735, und viele andere als unerläßliche Voraussetzung des Klassenstreiks.
Vorbedingung ist ein Ereignis oder ein Tatbestand, der in hohem Maße die Unzufriedenheit des Proletariats erweckt, der, auch wenn er nur eine Gruppe von Arbeitern persönlich berühren sollte, doch als eine der Gesamtheit angetane wirtschaftliche, politische oder ethische Unbill empfunden wird.[657] Sei es, daß infolge allgemeiner Zeitumstände, (wie Krieg, Teuerung, Hungersnot, Krise,[658] Staatsstreich[659] oder Revolution), den Arbeitern der Druck ihrer Lage besonders deutlich zu Bewußtsein kommt, sei es, daß sie ihre bisherigen Rechte bedroht glauben, sei es endlich, daß ihnen infolge ihrer eigenen Entwicklung oder infolge von proletarischen Errungenschaften in anderen Ländern eine Verbesserung auch ihrer Position als dringende Notwendigkeit erscheint.