[367] Bernstein, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik".

[368] Zum besseren Verständnis des Auslands, zur klaren Erkenntnis der eigenen Widerstandskraft, zur Vorbereitung auf den Amsterdamer Kongreß wünschte Kautsky eine lebhafte Diskussion der noch wenig geklärten Frage (vgl. die Anmerkung der Redaktion in der "Neuen Zeit", 22, I, p. 134; vgl. Kautsky, a. a. O.; ders., "Zum Parteitag", "Der Bremer Parteitag", "Allerhand Revolutionäres"; ferner Vorwärts, 4. Juli 06).

[369] Bebel, "Der Bremer Parteitag", p. 742.

[370] Z. B. in der "Neuen Zeit" im Anschluß an den Artikel von Hilferding, "Zur Frage des Generalstreiks".

[371] Hingegen gab das Roland-Holst'sche Buch nicht, wie der Vorwärts (4. Juli 06) annimmt, überhaupt erst den Anstoß zur deutschen Massenstreikdebatte.

[372] Roland-Holst's Buch erschien sehr bald schon in 2. Auflage; sicher hat es einen beträchtlichen Einfluß auf den Jenaer Parteitag ausgeübt, obgleich es nicht an scharfer Kritik fehlte: Bernstein (in "Dokumente des Sozialismus", V. 9) wandte sich besonders gegen die von Roland-Holst vertretene Katastrophentheorie, griff auch ihre Darstellung der belgischen Wahlrechtsbewegung an; Heine verurteilt das "Gerede" über den Verlauf eines Massenstreiks in Deutschland als ein "Phantasieprodukt ohne Realität" (a. a. O.); vgl. auch die kritischen Bemerkungen bei Katz, a. a. O. Nr. 34.

5. Eine wesentlich andre Auffassung vom Klassenstreik, als die Parteischriftsteller verschiedener Richtung, vertraten, (vertreten noch), die "Anarchosozialisten", (auch Berliner Lokalisten genannt).[373] Der "Wahlrechtsraub in Sachsen", der "Bruch der Geschäftsordnung im Reichstag", die Neutralitätserklärung der Gewerkschaften hatten auch den Führer der Lokalisten, Dr. R. Friedeberg, zu einer Revision der Taktik veranlaßt, die ihn geradewegs zu "proletarischen Massenaktionen", mit deren Hilfe die "Ideale des Klassenkampfs" wieder in den Vordergrund gerückt werden sollten,[374] zum anarchistischen Generalstreik führte. Um seine Anschauungen auch dem Amsterdamer Kongreß nahe zu legen, sprach Friedeberg am 3. August 1904 in Berlin unter großem Beifall der Anwesenden über "Parlamentarismus und Generalstreik".[375] Ebenso versuchte er dem Jenaer Parteitag vorzudemonstrieren, daß die deutschen Proletarier einen "neuen Kurs" verlangten.[376] Zu diesem Zweck sprach er am 23. August 1905 in Berlin über "Weltanschauung und Taktik des deutschen Proletariats" und veranlaßte seine 3-4 000 Zuhörer,[377] eine anarchosozialistische Resolution, mit Generalstreik als pièce de resistence, anzunehmen (sogen. Feenpalast-Resolution, nach dem Namen des Versammlungslokals).[378] Freilich wies die sozialdemokratische Partei die Friedebergsche Generalstreikpropaganda zurück, wie überhaupt den ganzen "anarchosozialistischen Spuk";[379] dennoch fühlte die Partei sich eingestandenermaßen zum Teil gerade durch die großen Berliner Versammlungen der Lokalisten zur Erörterung des Klassenstreik-Problems genötigt.[380]

[373] Giesberts, a. a. O. p. 30, berechnet ihre Zahl auf 17 000; sie liegen in beständiger Fehde mit den Zentralverbänden; Kampffmeyer ("Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht") setzt die anarchosozialistische Bewegung in Parallele zur Bewegung der "Jungen" von 1891; die Anarchosozialisten hatten sich unter Führung von Dr. R. Friedeberg samt ihrem Blatt, "Die Einigkeit", immer mehr von den offiziellen Gedankengängen der Partei ab- und dem Anarchismus zugewandt.

[374] Friedeberg, Prot. Parteitg. Dresden 03.

[375] Seine Resolution, die den Parlamentarismus verurteilt, der Partei und den Gewerkschaften aber den Generalstreik als ethisches Befreiungsmittel empfiehlt, (vgl. Friedeberg, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32), soll mit Tausenden gegen 6 Stimmen angenommen worden sein (vgl. Friedeberg, "Weltanschauung und Taktik des deutschen Proletariats", Nr. 41); Friedeberg erklärte in einer Berliner Versammlung am 29./8. 04 die Stellungnahme des Amsterdamer Kongresses für eine Konzession an seine Richtung (vgl. Allg. Ztg. 1./9. 04).

[376] Die gleiche Absicht verfolgte die "Einigkeit" (Nr. 35, Sept. 05, Beilage) mit ihrem Artikel "Jena".

[377] Vgl. "Einigkeit", 2./9. 05; Michels, a. a. O. p. 287 ff.

[378] Friedeberg, a. a. O.

[379] Der Anarchosozialismus sei der unvermeidliche Ausbruch "fortschrittshungriger Ungeduld", der "das Kind mit dem Bade" ausschütten wolle (Hue, "Partei und Gewerkschaft"). Vorwärts, Leitart. vom 4. Juli 06, Nr. 152, "Der politische Massenstreik"; Kautsky ("Der Bremer Parteitag", p. 7 ff.) meint, man müsse die Massenstreikdiskussion nicht wegen, sondern trotz Friedeberg betreiben; vgl. ders., Rezension über Friedebergs "Parlamentarismus und Generalstreik".

[380] Vgl. Bebel (Prot. Parteitag Bremen 04, p. 307); mehrfach in der sozialdemokratischen Presse ausgesprochene Vorwürfe, die Parteileitung lasse sich zu sehr durch die Lokalisten beeinflussen, weisen ebenfalls darauf hin, daß die anarchosozialistische Propaganda nicht ohne Einfluß auf die allgemeine Massenstreikbewegung in Deutschland war.

Das Zusammentreffen all dieser Faktoren macht es begreiflich, daß die deutsche Sozialdemokratie sich dem Klassenstreik zuwandte, dessen sie sich doch so lange Zeit hindurch erfolgreich erwehrt hatte, so auch noch auf dem Dresdener Parteitag 1903, wo Friedebergs Anstrengungen, den Klassenstreik auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags zu setzen, nur bei Kautsky und einigen wenigen andern, "die zur sog. "radikalen" Richtung zählen",[381] Unterstützung fanden. Denn obgleich der Klassenstreik doch nur eine logische Konsequenz der neu beschworenen Katastrophentheorie[382] und der Annahme eines "in greifbare Nähe gerückten" Sieges der Sozialdemokratie dargestellt hätte, gelang es dem Einfluß Legiens und Ledebours, die offiziell radikale Dresdener Mehrheit zur Verwerfung des Friedebergschen Antrags zu bewegen.

[381] Vgl. Kolb, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207, und Flüchtig, "Zur Frage des Generalstreiks"; vgl. auch Prot. Parteitg. Dresden 03, p. 134, 431 ff.

[382] Vgl. Bernstein, "Ist der pol. Streik in Deutschland möglich?"

Doch schon auf dem Bremer Parteitag 1904 trat ein Umschwung in der Beurteilung des Klassenstreiks zu Tage. Zwar fehlte es nicht an Stimmen, die die neuen Bestrebungen für "einfach lächerlich" erklärten.[383] Aber als Dr. Liebknecht, unter Hinweis auf den Wert des Massenstreiks für den Wahlrechtsschutz, auf die Bedeutung der ausländischen Diskussion und das Ansehen der inländischen Verteidiger des Klassenstreiks und unter ausdrücklicher Ablehnung des Generalstreiks Friedeberg'scher Observanz, die Behandlung des Problems auf dem folgenden Parteitag verlangte, und als unter anderen auch Bernstein und Zetkin eine Diskussion der Frage befürworteten, da wurde der Liebknechtsche Antrag mit großer Mehrheit dem Parteivorstand zur Erwägung überwiesen.[384]

[383] So die "Chemnitzer Volksstimme", cit. von Dr. Liebknecht, (Prot. Parteitg. Bremen, p. 190). Katzenstein meinte, die Anhänger des Generalstreiks hätten einen unfruchtbaren Boden zu beackern (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190).

[384] Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190-198; Bebel, der über den Amsterdamer Kongreß referierte, ohne sich aber persönlich zur Klassenstreik-Frage zu äußern, befürwortete deren gründliche literarische Diskussion, ehe die Partei sich offiziell mit ihr zu beschäftigen habe (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); Kautsky erklärte, "mehr als solche Studien sind zunächst in Deutschland nicht erforderlich" ("Der Bremer Parteitag", p. 9).

Während der Klassenstreik in der Partei Anhänger gewann, beharrten die freien Gewerkschaften auf seiner Ablehnung, "einerlei, für welche Zwecke er inszeniert werden soll"[385] und schienen "gegen den Generalstreik-Bazillus immun zu sein".[386] Um jedoch die immerhin gefährlichen Infektionsversuche zu verhindern, sowie um etwaigen, von der Partei zu gewärtigenden, unerwünschten Direktiven zuvorzukommen,[387] wurde der Klassenstreik im Mai 1905 vom Gewerkschaftskongreß in Köln behandelt.[388] Nur ganz wenige Gewerkschaftsführer (so z. B. von Elm) traten dort für den politischen Streik ein. Die Mehrzahl glaubte, in entscheidenden Augenblicken auch ohne vorherige Beschlußfassung die richtige Taktik finden, und selbst eine Zeit der Wahlrechtsverkürzung ohne Klassenstreik überstehen zu können;[389] sie sah in dessen Diskussion daher eine überflüssige Beunruhigung organischer Gewerkschaftsentwicklung und wies "alle Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreiks eine bestimmte Taktik festlegen zu wollen", entschieden zurück.[390] Übrigens sollte durch den Kölner Beschluß dem politischen Massenstreik eine event. Funktion in einer event. sozialen Revolution nicht abgesprochen werden.[391] Fast die ganze Partei, voraus die in Köln nicht allzusehr gefeierten Literaten, verurteilten die Stellungnahme der Gewerkschaften.[392] Diese hatten gehofft, durch ihre Resolution die Massenstreikdebatte einzudämmen; aber das Gegenteil trat ein:[393] die Massenstreikdebatte beherrschte mehr und mehr das Parteileben. Sie erreichte ihren Höhepunkt im Herbst 1905 am Parteitag in Jena, wo der Klassenstreik überhaupt im Mittelpunkt des Interesses stand.[394] Von der Stellung der Partei zum Klassenstreik-Problem hing ja auch ihr Verhältnis zu den Gewerkschaften ab. Vergeblich mahnte eine kleine Minderheit zur Mäßigung. In einem "Taumel" von Begeisterung und Unbesonnenheit nahm der Parteitag, gemäß der Resolution Bebel, den politischen Massenstreik unter die "gegebenenfalls" in Betracht zu ziehenden Eroberungs- und Verteidigungsmittel der Sozialdemokratie auf.[395] Der schon hierdurch, gewollt oder ungewollt, entstandene Gegensatz zur Kölner Resolution[396] wurde übrigens durch den leidenschaftlichen Tatendurst, der einen Teil der Debatte beherrschte, noch bedeutend verschärft. — Der Gedanke, daß der Massenstreikbeschluß dem Parteirenommé wenig dienlich, daß die deutsche Sozialdemokratie hiermit vollständig in eine schon zu Dresden betretene Sackgasse hineingeraten[397] sei, war der Partei selbst vorläufig noch fremd; wurde doch die Jenaer Resolution von einem Teil der Parteipresse geradezu "als ein Weltereignis" gefeiert.[398] Sie befriedigte ja im allgemeinen die Klassenstreikpropheten aller Richtungen: Marxisten sahen den Klassenstreik mit Genugtuung dem Arsenal des deutschen Proletariats eingereiht; Revisionisten (bes. Bernstein) sprachen Bebels Referat in Jena als einen Sieg ihrer Bestrebungen an;[399] Antiparlamentarier und Anarchosozialisten konstatierten zuversichtlich einen "Ruck nach links",[400] ein erstes In-Betracht-ziehen der direkten Aktion.

[385] Vgl. Bebel, vgl. "Der Bremer Parteitag", p. 742.

[386] Legien, "In Köln am Rhein", p. 378.

[387] Vgl. Bömelburg, in einer öffentlichen Maurerversammlung in Leipzig am 14. Nov. 05 (Bericht hierüber im Vorwärts, 16. Nov. 05, 2. Beilage). — Bei den üblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands fürchtete die letztere nicht mit Unrecht, der nächste Parteitag werde einseitig über den M-str. Beschlüsse fassen, die den Gewerkschaftstendenzen zuwiderlaufen könnten (vgl. Bömelburg, Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 215).

[388] Vgl. Prot. Gwft. Köln 05, p. 215-229.

[389] Man habe einst das Sozialistengesetz auch ohne Massenstreik überdauern können. (Vgl. Edm. Fischer, a. a. O. p. 299).

[390] Resolution Bömelburg; mit allen gegen 7 Stimmen angenommen (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 30).

[391] Wenigstens soll in der Resolution Bömelburg ein solcher Sinn ursprünglich nicht gelegen haben (vgl. Legien, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.).

[392] So z. B. die Leipziger Volkszeitung (cit. im Vorwärts, 31./5. 05.). Zu den wenigen Parteiblättern, die den Kölner Beschluß billigten, gehörte damals auch der Vorwärts (vgl. Kautsky, Vorwort zu Roland-Holst, p. VIII).

[393] Vgl. A. v. Elm, "Partei und Gewerkschaft", p. 734, 735.

[394] Vgl. Prot. Parteitg. Jena 05.

[395] Prot. Parteitg. Jena 05, p. 285 ff.; Annahme der Resolution Bebel mit 287 gegen 14 Stimmen (bei 2 Stimmenthaltungen); die Partei war aber durchaus nicht so einig, wie man nach diesem Ergebnis und nach dem Singer'schen Schlußwort (p. 364) annehmen könnte.

[396] Die Rdsch. Soz. Mh. meint, man habe sich in Jena "absichtlich in Gegensatz zu der Kölner Resolution der Gewerkschaften" gestellt.

[397] Vgl. v. Gerlach, "Maifeier und Massenstreik"; Katz, a. a. O. Nr. 33.

[398] Leimpeters, "Die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften", p. 928.

[399] Bernstein (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315); vgl. auch Fournière in der Revue socialiste (cit. Rdsch. Soz. Mh. Nov. 05 p. 984).

[400] Vgl. Michels, a. a. O.

Alsbald begann auch in Presse und Versammlungen eine muntere Massenstreik-Agitation, mehrfach sogar unter direkter Bezugnahme auf die russische Revolution.[401] Dies steigerte sich noch, als die Absichten der Parteileitung bezüglich der preußischen Wahlrechtsbewegung bekannt wurden; denn zahlreiche Phantasten glaubten nun zuversichtlich, daß die für Januar, März und Mai 1906 vorgesehenen Massendemonstrationen nur ein Vorspiel bedeuten würden, daß die Bewegung sich steigern und im Massenstreik gipfeln müsse.

[401] Vgl. z. B. Paul Göhre, "Sturmzeichen in Deutschland".

Doch schon nach kurzer Zeit erfolgte der Rückschlag. Verschiedene ursprüngliche Verfechter der Massenstreikidee begannen, deren unzeitgemäße Propaganda, die "Revolutionsromantik", die in Presse und Versammlungen aufblühte, energisch zu bekämpfen.[402] Besonders aber setzte die Umkehr des Parteivorstandes dem Massenstreiklärm einen wirksamen Dämpfer auf. Im Sommer 1906 wurde es nämlich bekannt,[403] daß zwischen dem Parteivorstand und der Generalkommission bereits am 16. Febr. 1906 ein "unverbindlicher" Meinungsaustausch betreffend die Opportunität eines momentanen politischen Streiks in Preußen und über die bei einem solchen ev. innezuhaltende Taktik stattgefunden habe, und daß hierbei sechs von Bebel formulierte Thesen zur Annahme gelangt waren, von denen es nun hieß, sie stellten eine Preisgabe der Jenaer Resolution dar.[404] Bebel und der Parteivorstand verwahrten sich aufs bestimmteste gegen eine solche Verdächtigung,[405] die sie auf Entstellung des ersten und wichtigsten der Bebel'schen Sätze zurückzuführen versuchten.[406] Zwischen beiden Fassungen besteht aber durchaus kein prinzipieller, sondern bloß ein formeller und allenfalls gradueller Unterschied; denn in beiden spiegelt sich gleichmäßig der deutliche Wunsch: wenn irgend möglich, nur jetzt keinen Massenstreik![407] Die Abmachungen der Februarkonferenz beschränkten sich nämlich auf die augenblickliche Situation[408] und sollten die Frage des Klassenstreiks an sich nicht weiter berühren. — Diese Angelegenheit bot der Parteipresse reichlichen Stoff zu nicht eben allzu freundlichen Erörterungen.[409] Es handelte sich aber hierbei nicht nur um die Formalitäten;[410] vielmehr tauchten auch materielle Fragen über den Inhalt der Vereinbarung auf, insbesondere, ob der Parteivorstand im Frühjahr 1906 mit Recht von einer Inszenierung des politischen Streiks abgesehen habe, und ob diese seine Handlungsweise im Einklang mit der Jenaer Resolution stehe. Beide Fragen wurden vom Parteitag 1906 in Mannheim bejaht.[411] Nach gründlicher Reproduktion aller diesbezüglicher Streitpunkte erklärte der Parteitag schließlich die Massenstreikbeschlüsse von Köln und Jena als "nicht im Widerspruch" miteinander,[412] als innerlich wesensgleich, so daß die Mannheimer Resolution, trotz zahlreicher "Schönheitsfehler",[413] den Frieden zwischen Partei und Gewerkschaft wieder herstellte. Diese Resolution entsprach im Grunde durchaus den Tendenzen der Februar-Konferenz, da sie auch den politischen Massenstreik zum ganz ausnahmsweisen, vornehmlich defensiven Kampfmittel stempelte und ihn in den hintersten Hintergrund der deutschen Arbeiterpolitik verwies.[414]

[402] Dies führte natürlich zu unerfreulichen Auseinandersetzungen, z. B. zwischen dem Vorwärts und Bernstein (vgl. "Eine Legendenbildung", Leitart. des Vorwärts vom 30. Dez, 05, Nr. 304; Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"). Die "Einigkeit" (9./12. 05) verhöhnte in einem "Chamäleon" überschriebenen Artikel die sogenannten "Hirtenbriefe" von v. Elm, Frohme und Lesche im "Hamburger Echo" vom 23. Nov. 05, Erklärungen, in denen sich die Genannten gegen die revolutionäre Auslegung der Jenaer Resolution wandten (vgl. Prot. Parteitg. Mannheim 06 p. 288). — Bernstein klagte, daß die "Revolutionsverbrämung" die an sich legitime Form seines gewaltlosen Demonstrationsstreiks kompromittiere (a. a. O. und Vorwärts, 30. Jan. 06); vgl. auch Rob. Schmidt, "Irrgänge der Massenstreiktaktik".

[403] Infolge einer Indiskretion der "Einigkeit", die sich wohl besonders ärgerte, daß die preußische Wahlrechtsbewegung so kläglich im Sande verlaufen war.

[404] Die 6 Bebel'schen Sätze notierte sich, da kein Protokoll geführt wurde, ein Teilnehmer, Silberschmidt; in der Silberschmidt'schen Fassung legte die Generalkommission diese Thesen einer Konferenz der Vertreter der Zentralverbände der Gewerkschaften vor (die vom 19. bis 23. Febr. 06 stattfand), die sie ebenfalls akzeptierte.

[405] Vorwärts, 27. Juni, 1. Juli 06.

[406] Jener Satz sei am 16./2. 06 anders von Bebel formuliert worden, als er später im Protokoll der Gewerkschaftskonferenz erschienen sei, und ihn demzufolge auch die "plumpe" Enthüllung der Einigkeit wiedergebe. Die Generalkommission bestritt die Entstellung (Vorwärts, 1. Juli 06). — Nach Bebel soll dieser Satz gelautet haben: "der Parteivorstand hat nicht die Absicht, gegenwärtig den politischen Massenstreik zu propagieren; sollte derselbe aber propagiert werden müssen, so wird sich der Parteivorstand mit der Generalkommission zuvor ins Benehmen setzen". Nach dem Protokoll der Konferenz der Zentralvorstände lautete dieser Satz: "der Parteivorstand hat nicht die Absicht, den politischen Massenstreik zu propagieren, sondern wird, soweit es ihm möglich ist, einen solchen zu verhindern suchen" (Vorwärts, 1. Juli 06).

[407] Die übrigen Sätze enthielten Abmachungen, wie sich Partei und Gewerkschaften zu verhalten hätten, wenn dennoch ein Massenstreik ausbrechen würde.

[408] Bebel (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 228 ff.), Silberschmidt (ebenda, p. 301 ff.).

[409] Vgl. Vorwärts, insbes. 27. Juni, 4. bis 12. Juli 06; die Angelegenheit zog übrigens auch noch die Veröffentlichung eines Teils des bis zur "Einigkeits"-Enthüllung geheimen Protokolls der Gewerkschaftsvorstände gegen deren Willen nach sich ("Partei und Gewerkschaft", wörtlicher Abdruck des Punktes Partei und Gewerkschaft aus dem Protokoll der Gewerkschaftsvorstände vom 19. bis 23. Februar 06 [Beilage zum Vorwärts, Nr. 185, 11. August 06]).

[410] Man stritt, ob die von Bebel verteidigte Fassung der Thesen die ursprüngliche sei (dies nimmt z. B. die "Leipziger Volkszeitung" an [vgl. Vorwärts, 4. Juli]), oder die Silberschmidt'sche (dies behauptet z. B. die Karlsruher Volksstimme [vgl. Vorwärts, 6. Juli 06], übrigens auch die Frankf. Ztg. vom 27. Juni 06, Nr. 175); ob Silberschmidt die Bebel'schen Thesen "sinngemäß" niedergeschrieben habe, ob er sich eine Abschrift hätte nehmen sollen oder können; ob Molkenbuhr den Parteivorstand rechtzeitig vom Eingang der Konferenzprotokolle unterrichtete; ob der Parteivorstand korrekt gehandelt habe; ob er den an ihn zu stellenden Anforderungen überhaupt genüge; ob die Spannung zwischen Partei und Gewerkschaften, die an allen "Mißverständnissen" schuld sei, sich nicht beseitigen lasse.

[411] In Mannheim referierte wiederum Bebel über den pol. M.-str.; auf vielseitigen Wunsch übernahm Legien das Korreferat (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 155, 241-254).

[412] Prot. p. 138; 276 ff.: die Kölner Resolution verbiete den M-str. ja nicht, die Jenaer fordere ihn aber nur "gegebenenfalls".

[413] So die Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06 p. 895, 896.

[414] Vgl. Prot p. 227-306; Annahme der Resolution Bebel mit Amendement Bebel und Legien und einem Teil des Amendements Kautsky durch 386 gegen 5 Stimmen.

Da der Mannheimer Parteitag sozusagen in einem Atem die Jenaer Resolution und die sechs Bebelschen Thesen billigte, so kann von einem Widerspruch zwischen beiden, wenigstens in formellem Sinn, nicht wohl die Rede sein. Trotzdem war eine Wandlung vor sich gegangen.[415] Es wurde zwar versucht, alle Zwistigkeiten aus der verschiedenartigen Betrachtungsweise des Klassenstreiks in der bisherigen Diskussion herzuleiten.[416] Aber diese Bemäntelungen verdecken nur unvollkommen den tatsächlichen Gesinnungswechsel, den materiellen Rückzug, der sich in der veränderten Auslegung der Jenaer Resolution kund gab.

[415] Das geht schon daraus hervor, daß die zielbewußten Gewerkschaftsführer die Jenaer Resolution in Jena ablehnten (Hoffmann, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 271), sie aber in Mannheim billigten.

[416] In Jena sei der Massenstreik an sich, in Köln seine praktische Durchführbarkeit erörtert worden (so Rob. Schmidt, Prot. Mannheim, p. 262, 263), was übrigens nicht zutrifft.

Dem Wortlaut nach war die vielbesprochene Jenaer Resolution eine kleine historische Abhandlung über die für die Partei betrübenden Zustände in deutschen Landen und über die Notwendigkeit, sich gegen Bedrohungen und Vorenthaltungen unentbehrlicher Rechte zu wappnen. Die Resolution empfahl daher, neben andern Mitteln und unter Voraussetzung genügender Organisation und Aufklärung, "gegebenenfalls" die In-Betrachtziehung des politischen Massenstreiks.[417] Das bedeutete an sich wirklich nur "die Freigabe des Themas zur Diskussion"; das bisher partei-offiziell verpönte Mittel wurde "parteihoffähig",[418] "moyen "permis".[419] Eine Festlegung der Taktik fand nicht einmal in defensiver Hinsicht statt,[420] so daß es "praktisch ... bei der Gewerkschaftsdevise "kommt Zeit, kommt Rat" blieb.[421] — In dieser äußerlich so harmlosen Resolution wurde aber vielerorts eine "Fanfare", die Ankündigung großer Aktionen für die nächste Zukunft erblickt.[422] Begreiflich genug! Mußte doch jede Maßregel, die auf einem Parteitag zur Sprache kam, um so mehr den Anschein unmittelbarer Aktualität gewinnen, als die deutsche Sozialdemokratie bisher rein akademische Disputationen auf Parteitagen prinzipiell mißbilligt hatte.[423] Daher kann es nicht überraschen, daß aus der bloßen In-Betrachtziehung des Klassenstreiks auch auf seine baldige Inszenierung geschlossen wurde. Eine scheinbare Bestätigung fand diese Annahme in dem "revolutionären Taumel",[424] "der kühnen Sprache von Jena".[425] Dies war die Quelle, aus der einige Ultraradikale den Glauben an einen baldigen katastrophalen Massenstreik zur Herbeiführung der sozialen Revolution,[426] verschiedene Revisionisten[427] die Zuversicht sofortiger Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Preußen mittels politischen Massenstreiks,[428] die Anarchosozialisten die Hoffnung auf weitere Konzessionen seitens der Partei[429] geschöpft hatten.

[417] Prot Parteitg. Jena 05, p. 142.

[418] E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik". ("Einigkeit", 9. Dez. 05.)

[419] Michels, a. a. O. p. 305.

[420] Vgl. Legien (Prot Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.); David, Michels (a. a. O.) Labriola (cit. bei Michels) und andere sprachen der Jenaer Mstr.-Resolution einen rein defensiven Charakter zu.

[421] David, "Rückblick auf Jena".

[422] Vgl. z. B. die Sächsische Arbeiterzeitung, cit. im Vorwärts, 14. Juli 06.

[423] Vgl. Bebel, "Der Bremer Parteitag"; Liebknecht, Prot. Parteitag Köln a. Rh. 1893, p. 171; Heine, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"

[424] Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06, p. 895, 896; auch Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 297 ff.

[425] Sächsische Arbeiterzeitung, cit. im Vorwärts, 4. Juli 06. Diese "kühne Sprache" zeigte sich in dem äußerst temperamentvollen Bebel'schen Referat (vgl. auch Prot. Parteitg. Mannheim, p. 297 ff.), ferner in der Debatte, in der lebhaft auf den "Heldenkampf des russischen Proletariats" verwiesen wurde.

[426] Sie hofften, das russische Feuer werde auch nach Deutschland hinüber zünden.