Es lebt ein anders denkendes Geschlecht.
2, 2 bietet:
Wir sind ein Volk und einig woll'n wir handeln,
und gegen Ende:
Wir wollen sein ein einzig (nicht: einig) Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Aus 3, 1 entnehmen wir die Worte Walthers:
Was da fleucht und kreucht,
gewöhnlich in der Form sämtlicher späteren Auflagen:
Was da kreucht und fleucht,[50]
Worte, die sich an 1. Mos, 7, 14 anlehnen.
[50] Schon Walther von der Vogelweide singt (nach Simrocks Übersetzung, 6. Aufl., Leipz. 1876, S. 5) im Gedichte "Wahlstreit" (1198): "Was kriechet oder flieget", vrgl. Homers "Ilias" 17, 447: "ὅσσα τε γαῖαν ἔπι πνείει τε καὶ ἕρπει", Herodot 1, 140: "τἆλλα ἑρπετὰ καὶ πετεινά" u. s. w.—
Aus derselben Scene brauchen wir drei Worte Tells:
Früh übt sich, was ein Meister werden will;
Die Axt im Haus erspart den Zimmermann;
Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.
3, 3 enthält des Rudenz Worte:
Allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen.[51]
[51] Amasis, König von Ägypten (570-526) sagte vom Bogen (Herodot II, 173): "εἰ γὰρ δὴ τὸν πάντα χρόνον ἐντεταμένα εἴη, ἐκραγείη ἄν"—"denn bliebe er alle Zeit gespannt, so würde er wohl zerbrechen". Er entschuldigte damit seinen Hang, die Regierungsmühen mit Trinkgelagen abwechseln zu lassen. Dann leiht Phädrus (3, 4, 10) dem Aesop die Weisheit, der Geist brauche Spiel, um wider [wieder] denkfrisch zu werden, denn: "Cito rumpes arcum, semper si tensum habueris"—"du zerbrichst den Bogen schnell, wenn du ihn stets gespannt haben willst". Grimmelshausens "Simplicissimus" IV, 1 bietet: "Wann man den Bogen überspannet, so muss er endlich zerbrechen". Doch Schiller schöpfte wohl aus F. M. Klingers Trauerspiel: "Die Zwillinge" (1774), wo es 2, 2 heisst: "wir wollen den Bogen nicht zu stark spannen, damit die Sehne halte".
4, 2 spricht der sterbende Attinghausen:
Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen;
Seid einig—einig—einig!
Aus Tells Monolog 4, 3 wird citiert:
Durch diese hohle Gasse muss er kommen,
Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht.—Hier
Vollend ich's.
Die Gelegenheit ist günstig.
Dort der Hollunderstrauch verbirgt mich (ihm);
Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt!
Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen;
in gährend Drachengift hast du
Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt;
(wobei wohl 5. Mos. 32, 33 "Ihr Wein ist Drachengift" und Lady Macbeth ["Macbeth" 1, 5] vorgeschwebt hat, die vom Gemüt ihres Mannes sagt, es sei "zu voll von der Milch der Menschenliebe";)
Es lebt ein Gott zu strafen und zu rächen;
Entränn' er jetzo kraftlos meinen Händen (nämlich der Pfeil),
Ich habe keinen zweiten zu versenden;
endlich:
Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen,
was schon des auffallenden Stils wegen citiert wird.
Aus dem darauf folgenden Gespräch Tells mit dem Flurschützen ist bekannt:
Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben,
Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt,
die Umänderung eines älteren Sprichworts: "Niemand kann länger Frieden haben, als seinem Nachbar beliebt".
Dann ruft der getroffene Gessler (4, 3):
Das ist Tells Geschoss!
Und nun singen die barmherzigen Brüder:
Rasch tritt der Tod den Menschen an.—
Aus dem durch Schillers Tod (1805) unvollendet gebliebenen "Demetrius" citieren wir:
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen,
wodurch ein oft dagewesener Gedanke[52] für uns seine bleibende Form erhielt.—
[52] S. Cicero "d. off." 2, 22: "non enim numero haec iudicantur, sed pondere"; Plinius d. jüng. B. 2, Ep. 12: "numerantur enim sententiae, non ponderantur"; Moses Mendelssohn (Ges. W. 3, 370; an Nicolai): "Stimmen . . . wollen gewogen und nicht gezählt sein"; Wieland (1774. "Abderiten" 5, 3), der da meint, es komme nicht auf "majora" (das Mehr), sondern auf "saniora" (das Vernünftigere) an; Lichtenberg (1777. Ausg. v. 1867 B. 2, 3, 236), der es bedauert, "dass wir so oft die Stimmen nur zählen können. Wo man sie wägen kann, soll man es nie versäumen"; Klopstock (Aug. 1800. "Die Wage"): "Du zählst die Stimmen; wäge sie—" und endlich Schiller selbst (1801. "Maria Stuart" 2, 3): "Nicht Stimmenmehrheit ist des Rechtes Probe", (vrgl. Stahls "Autorität nicht Majorität!")
Chr. Fürchteg. Fulda, Lehrer am Pädagogium zu Halle, ist der Verfasser eines Spottverses gegen Goethes und Schillers "Xenien":
Die neumodischen Distichen.
Īn Wĕimăr ūnd īn Jēnā mācht măn Hĕxāmĕtĕr wīe dēr.
Aber die Pentameter sind doch noch excellenter,
der in "Trogalien zur Verdauung der Xenien, Kochstädt, zu finden in der Speisekammer", 1797 zu lesen ist.—
Nikolaus Sturm, mit dem Klosternamen Marcellinus (1760-1819), ist Verfasser eines Liedes, dessen Anfang lautet:
Nach Kreuz und ausgestand'nen Leiden.
("Lieder, zum Teil in bayerischer Mundart von P. Marcelin Sturm, ehemaligem Augustiner". 1819 No. 15.)—
Joh. Peter Hebel (1760-1826) "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes" (1811) erzählt eine Geschichte "Die zwei Postillone":
"Diese Postillone, welche zwischen Dinkelsbühl und Ellwangen fuhren, hatten von zwei Handelsleuten stets so schlechte Trinkgelder erhalten, dass sie sich vornahmen, die Herren freigebiger zu machen. Einst traf es sich, dass der Dinkelsbühler Schwager, den einen dieser Handelsleute fahrend, auf der Landstrasse dem Postillon von Ellwangen begegnete, welcher den anderen Handelsmann fuhr. Keiner will dem anderen ausweichen. Zuerst zanken sich die Postillone, und als die Reisenden sich in den Wortwechsel mischen, schlägt der Ellwanger Postillon dem Passagier in dem gegenüberstehenden Postwagen mit der Peitsche ins Gesicht, worauf der Postillon aus Dinkelsbühl ein Gleiches an dem anderen Passagier that. Nachdem sie ihre gegenseitigen Passagiere durchgepeitscht hatten, trennten sie sich. Diesmal gab jeder der beiden Reisenden ein besseres Trinkgeld.—Hebel lässt den einen Postillon sagen: 'Du sollst meinen Passagier nicht hauen; er ist mir anvertraut und zahlt honett, oder ich hau' den Deinigen auch'."
Der Volksmund hat die Worte des Postillons verkürzt zu:
Haust Du meinen Juden, so hau' ich Deinen Juden.
Hebel erklärt in der Vorrede, dass mehrere der mitgeteilten Geschichten anderswo bereits zu hören oder zu lesen waren, und dass er auf diese Kinder des Scherzes und der Laune, denen er ein nettes und lustiges Röcklein angehängt, keine weiteren Ansprüche mache. Wem entlehnte er diesen Schwank?—
Durch Aug. Friedr. Ferd. von Kotzebues (1761-1819) Lustspiel "Die Indianer in England" (1789 zu Reval aufgeführt, 1790 zu Leipzig erschienen) ist der Name der Tochter des Nabob von Mysore,
Gurli,
eine Bezeichnung für ein gefühlvoll-naives Frauenzimmer geworden. Auch citiert man den Sammeltitel einiger Schriften Kotzebues:
Die jüngsten Kinder meiner Laune
(Leipz. 1793-97) gewöhnlich in der Form:
Das jüngste Kind meiner Laune,
mit welchem Scherzworte der Tischler Valentin in Raimunds "Verschwender" 3, 7 seine Pepi vorstellt.—
Die Anfangsverse von Kotzebues 1802 verfasstem, von Himmel komponierten Liede (im Februarheft des "Freimütigen" von 1803) "Trost beim Scheiden" (zuerst "Gesellschaftslied" genannt) citieren wir in der Form:
Es kann ja nicht immer so bleiben
Hier unter dem wechselnden Mond,
und den Anfang von dessen vierter Strophe also:
Wir sitzen so fröhlich beisammen,
Wir haben einander so lieb;
während es ursprünglich "Es kann schon nicht Alles so bleiben" hiess und "Wir haben uns Alle so lieb".—
Der Anfangsvers einer 1810 erschienenen Romanze Kotzebues aus seinem Lustspiele "Der arme Minnesinger" (Alman. dram. Spiele, 9. Jhrg. S. 146) heisst:
Über die Berge mit Ungestüm.
Das Lied wurde 1811 allgemein bekannt durch Carl Maria von Webers Composition, die seine erste war.—
Rinaldo Rinaldini
wurde zur stehenden Bezeichnung für einen räuberhaften Gesellen durch des Chr. Aug. Vulpius (1762-1827) ehemals weitverbreiteten Schauerroman "Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptman; eine romantische Geschichte unsers Jahrhunderts" (Leipz. 1797 ff.). In seiner Zeitschrift "Janus" veröffentlichte Vulpius im Jahre 1800 "Romanzen und Lieder über Rinaldini". Die zweite "Romanze" dort (1, 371) beginnt: "In des Waldes düstern Gründen", und wurde zum Volkslied (vrgl. den "Liederhort" von Erk und Böhmer). Diesen Anfangsvers citieren wir in der Form:
In des Waldes tiefsten Gründen,
wohl mit Anlehnung an Schiller, der in seiner "Kassandra" (1802) singt:
"In des Waldes tiefste Gründe
Flüchtete die Seherin."—
Die letzte Strophe des Gedichtes "Das Grab" von Joh. Gaudenz Gusert Graf von Salis-Seewis (1762-1834) lautet ("Götting. Mus.-Alman." f. 1788):
Das arme Herz, hienieden
Von manchem Sturm bewegt,
Erlangt den wahren Frieden
Nur, wo es nicht mehr schlägt.—
Der Anfang des Weihnachtsliedes:
Morgen, Kinder, wird's was geben,
Morgen werden wir uns freu'n,
wird oft angewendet. Es steht in Splittegarbs Liedersammlung, Berlin 1795, 2. Aufl., S. 317, wurde aber schon vor 1783 von Joh. Phil. Kirnberger in Berlin komponiert. Nach einer Familientradition war der Verfasser der Schulvorsteher Martin Friedrich Philipp Bartsch in Berlin († 1833).—
Unterbrochenes Opferfest
ist der Titel einer von Winterschen, 1796 erschienenen Oper, deren Text von F. X. Huber herrührt.—
Joh. Gottfr. Seume (1763-1810) bietet uns in dem Gedichte "Der Wilde" ("Gedichte", Riga, 1801) die Worte:
(Ein Kanadier, der noch) Europens
Übertünchte Höflichkeit (nicht kannte).
(Seht,) wir Wilden sind doch bess're Menschen,
Und er schlug sich seitwärts in die Büsche.
Zuerst erschien das Gedicht in Schillers "Neuer Thalia" (Bd. 3 S. 255 Lpz. 1793) und begann:
"Ein Amerikaner, der Europens . . ."—
In der "Zeitung für die elegante Welt", 1804, No. 23, liess Seume das Gedicht "Die Gesänge" erscheinen, dessen erste Strophe:
Wo man singet, lass dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt;
Bösewichter haben keine Lieder,
im Volksmunde umgewandelt worden ist in:
Wo man singt, da lass dich ruhig nieder;
Böse Menschen haben keine Lieder.
Schon Luther sagt in seinem Gedichte "Frau Musica" (Klugs Gesangbuch, Wittenberg 1543):
Hie kann nicht sein ein böser Mut,
Wo da singen Gesellen gut,
und Cervantes "Don Quijote", II 34 (1615) gegen Ende:
Senora, donde hay musica, no puede haber cosa mala.
Gnädige Frau, wo Musik ist, da kann nichts Böses sein.
Die Parodie der Seumeschen Verse von David Kalisch:
Wo man raucht, da kannst du ruhig harren,
Böse Menschen haben nie Cigarren
steht im "Humoristisch-satirischen Volkskalender des Kladderadatsch" von 1850, S. 27.—
Jean Paul (Johann Paul Friedrich Richter, 1763-1825) machte zum Schauplatz seiner Satire "Das heimliche Klaglied der jetzigen Männer" (Bremen 1801) das Landstädtchen[53]
Krähwinkel,
das dadurch, wie dann durch Kotzebues Lustspiel "Die deutschen Kleinstädter" (1803), die Bedeutung eines Klatschnestes erhielt. Auch schrieb Kotzebue "Des Esels Schatten oder der Process in Krähwinkel" im "Almanach dramatischer Spiele für 1810" (Riga 1809). Danach nennt man jedes kleinstädtisch aufgebauschte Ereignis eine
Krähwinkelei.—
[53] Crawinkel, von Jahn (nach H. Pröhle in "Fr. Ludwig Jahns Leben") in einem Briefe von 1825 Krähwinkel genannt, ist ein Dorf bei Laucha im Kreise Eckartsberga unweit von Jena; Krehwinkel, ein Weiler im Oberamt Schorndorf in Württemberg; Krähwinkel, ein Dorf im Kreise Solingen des Regierungsbezirks Düsseldorf.
Ferner gab Jean Paul (1804-5) den Roman
"Flegeljahre"
heraus, nachdem er schon in seinem "Siebenkäs" (1795 Band 2, Kap. 5) schrieb: "Wenn der Mensch über die Tölpeljahre hinüber ist, so hat er noch jährlich einige Tölpelwochen und Flegeltage zurückzulegen".—
Auch ist wohl Jean Paul als der Schöpfer des Worts
Weltschmerz
anzusehen. In seinem 1810 begonnenen posthumen Werke "Selina oder über die Unsterblichkeit" (ersch. 1827; s. Bd. 2, S. 132) sagt er von Gott: "Nur sein Auge sah alle die tausend Qualen der Menschen bei ihren Untergängen. Diesen Weltschmerz kann er, so zu sagen, nur aushalten durch den Anblick der Seligkeit, die nachher vergütet." Hier also bedeutet das Wort entweder "Qualen aller Menschen" oder "schmerzliches Mitgefühl Gottes für das Weltelend". Heine jedoch verlegte den "Weltschmerz" dann in die empfindsame Menschenseele, indem er in seiner pariser Schrift "Aus der Gemälde-Ausstellung von 1831" bei der Besprechung des Bildes von Delaroche: "Oliver Cromwell vor Karls I. Leiche" ausruft: "Welchen grossen Weltschmerz hat der Maler hier mit wenigen Strichen ausgesprochen". Es bedeutet hier "Schmerz für den fühlenden Menschen über die Vergänglichkeit alles Irdischen". An Jean Paul und Heine lehnte sich dann Julius Mosen an, der da sang ("Gedichte" 1836, S. 93: "Weltsünde" Str. 2):
"Und meine Seele riss entzwei der Schmerz,
Doch der mich schlug, den hört' ich also sagen:
Das ist der Weltschmerz, den einst Gott getragen!"
und ferner ("Ahasver" 1838, Gesang 1 Str. 10) im Sinne eines die ganze Welt umfassenden heroischen Schmerzes:
"Zur Zeit nur eines Volkes Todesschmerzen,
Zur Zeit die Noth nur einer einz'gen Stadt,
Trägt er den Weltschmerz bald in seinem Herzen".
Heine wiederum wendet dann das Wort in der Vorrede (1854) zu den "Geständnissen" ironisch an im Sinne des Mitleids für das Weltelend, das auch "Schufte von Gefühl" hegen. Wir aber brauchen "Weltschmerz" heut im Sinne von "schmerzlichem oder eingebildetem Ekel an Welt und Leben"; und dazu schlug abermals Heine die Brücke, obwohl er das Wort da in "Weltqual" ummodelt, durch folgende 1840 geschriebene Stelle ("Ges. W." Strodtmann, 12, 230): "Wenn ich auch am Tage wohlbeleibt und lachend dahinwandle durch die funkelnden Gassen Babylon's, glaubt mir's! sobald der Abend herabsinkt, erklingen die melancholischen Harfen in meinem Herzen, und gar die Nacht erschmettern darin alle Pauken und Cymbeln des Schmerzes, die ganze Janitscharenmusik der Weltqual, und es steigt empor der entsetzlich gellende Mummenschanz . . ."—
Das 1793 von Johann Martin Usteri (1763-1827) verfasste Lied:
Freut euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht;
Pflücket die Rose,
Eh' sie verblüht!
erschien zuerst als Einzeldruck 1793 in Zürich und dann mit Nägelis Komposition in Böheims "Freimaurer-Liedern mit Melodien" (Berlin 1795).—
Ludwig Ferdinand Huber (1764-1804) nannte Goethes 1803 zuerst in Weimar aufgeführtes und 1804 erschienenes Trauerspiel "Die natürliche Tochter" (im "Freimütigen" von 1803, No. 170, S. 678)
marmorglatt und marmorkalt.
(L. F. Hubers "Sämtliche Werke seit dem Jahre 1802", 2. T., S. 240.)—
Der Prediger Friedr. Wilh. Aug. Schmidt zu Werneuchen (1764-1838) hat in seinem Gedichte "Der Mai 1795" ("Neuer Berliner Musen-Almanach für 1797", S. 86) Anlass zu der Redensart gegeben:
Sich freuen wie ein Stint,
indem er sang:
"O sieh; wie alles weit und breit,
Von lindem Schmeichelwind
Mit Wonneblüten überstreut,
An warmer Sonne minnt!
Vom Storche bis zum Spatz sich freut,
Vom Karpfen bis zum Stint!"—
Aus Wenzel Müllers Singspiele "Das Neu-Sonntagskind" (1793 zuerst aufgeführt, 1794 zuerst in Pressburg gedruckt), Text von Joachim Perinet (1765-1816), stammt:
Wer niemals einen Rausch hat g'habt,
Der ist ein schlechter Mann,
was in der Form:
Wer niemals einen Rausch gehabt,
Der ist kein braver Mann
citiert wird und sein Vorbild hat in den Versen, die wir bei Keil in den "Deutschen Studentenliedern des 17. u. 18. Jahrh.", S. 33 finden:
Denn wer sich scheut, ein Rausch zu han,
Der will nicht, dass man ihn soll kennen,
Und ist gewiss kein Biedermann.—
Joh. Friedr. Kind (1768-1843) ist zu nennen wegen:
Komm doch näher, liebe Kleine!
aus seinem Gedichte "Der Christabend" (das auch Citat aus Mozarts "Don Juan" sein kann); und aus seinem Text zu Karl Maria von Webers zuerst am 18. Juni 1821 in Berlin aufgeführtem "Freischütz" citieren wir:
Glaubst du, dieser Adler sei dir geschenkt?
Werft (eigentlich: Stürz't) das Scheusal in die Wolfsschlucht!
Samiel, hilf! oder: Hilf, Samiel!
Er war von je ein Bösewicht;
Ihn traf des Himmels Strafgericht!
Was gleicht wohl auf Erden
Dem Jägervergnügen!—
Von Friedr. Dan. Ernst Schleiermacher (1768-1834) rührt her:
In sieben Sprachen schweigen.
In "Zelters Briefwechsel mit Goethe" (V. S. 413) sagt Zelter in einem Briefe vom 15. März 1830: "nun muss ich schweigen, (wie unser Philologus Bekker, den sie den Stummen in sieben Sprachen nennen)"; und Halm "Nekrolog auf Immanuel Bekker" ("Sitzungsber. d. bayerisch. Akad. d. Wissensch." 1872, S. 221) sagt: "Schleiermachers geistreiches Wort, Bekker schweige in sieben Sprachen, ist zu einem geflügelten geworden".
Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.
wird in Berlin auch auf Schleiermacher zurückgeführt. Wo findet es sich aber in dieser Form zuerst gedruckt?—
Ernst Moritz Arndt (1769-1860) beginnt sein "Vaterlandslied" (1812):
Der Gott, der Eisen wachsen liess,
Der wollte keine Knechte;
und ferner verdanken wir ihm das Wort:
Soweit die deutsche Zunge klingt,
welches den dritten Vers der sechsten Strophe seines Gedichtes "Des Deutschen Vaterland" bildet, das 1813 zu Ostern erschien (s. "Deutsche Wehrlieder für das Kgl. preuss. Frei-Corps", 1. Samml.) und 1825 von Gustav Reichardt komponiert wurde.—
Schliesslich citieren wir auch den Titel von Arndts 1813 zu Leipzig bei W. Rein erschienener Schrift: "Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze" in der Form:
Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze.
Diese Worte schmücken Afingers Arndtdenkmal in Bonn.—
Friedr. Voigt (1770-1814) beginnt ("Lieder für das Herz; zur Beförderung eines edlen Genusses in der Einsamkeit", Lpz. 1799) ein Lied "Elisas Abschied":
Noch einmal, Robert, eh' wir scheiden,
(Komm an Elisas klopfend Herz).
Ursprünglich stand Heinrich statt Robert da (s. den ersten Druck in der deutschen Monatsschrift, August 1798, S. 281 ff.).—
Den Bürgermeister ausgenommen
steht in dem Gedichte "Die Ausnahme" von Andreas Wilke († 1814 zu Grabow in Mecklenburg-Schwerin als Vorsteher einer Privatschule). Entlehnt hat er wohl den Schwank einer Erzählung im "Vademecum für lustige Leute" (8. T., Berlin 1781, S. 68, No. 130). Danach sagt ein Fremder in einer kleinen Stadt nach der Mahlzeit zum Gastwirt, er habe so gut gegessen wie irgend einer im Lande. Der Wirt, ein Ratsherr des Städtchens, versetzt darauf: "den Herrn Bürgermeister ausgenommen". Als der Fremde dies bestreitet, muss er vor Gericht einen Gulden Strafe zahlen. Dabei aber bemerkt er: "Der Kerl, der mich hier vor Gericht gebracht hat, ist der grösste Narr der Christenheit—Sie, Herr Bürgermeister, ausgenommen".—
Alles, was ist, ist vernünftig
ist eine Umformung der Worte Georg Wilh. Friedr. Hegels (1770-1831) in der Vorrede zu seinen: "Grundlinien der Philosophie des Rechtes" (1821):
Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig;
(Aristot. Ethic. Nicom. I, 8, § 1). Pope "Essay on Man", 1, 289 hat:
Whatever is, is right,
Alles was ist, ist recht so.—
Das Motto der Briefe Rahels:
Still und bewegt
entlehnte Varnhagen v. Ense aus Joh. Christ. Friedr. Hölderlins (1770-1843) "Hyperion" (Tübingen 1797-99, Bch. 2, Brief 2: "Wie der Sternenhimmel, bin ich still und bewegt"), eingedenk der Worte Goethes (1795) über Rahel: "Sie ist, soweit ich sie kenne, in jedem Augenblicke sich gleich, immer in einer eigenen Art bewegt, und doch ruhig,—kurz, sie ist, was ich eine schöne Seele nennen möchte", (vrgl. "Rahel, ein Buch des Andenkens für ihre Freunde". Berlin 1833. S. 98.) Wahrscheinlich ist Hölderlins Vergleich eine Übertragung von: "in motu immotum", dem Motto des Kardinals Luigi Este († 1586), das mit dem Emblem des sternenbedeckten Firmaments die Devise jenes Fürsten bildete.—
Der König rief, und alle, alle kamen,
ist der Anfang eines von H. Clauren (Carl Heun 1771-1854) gedichteten Liedes, dessen erster Druck das Datum "Gnadenfrei, den 24. Juni 1813" trug, "in Kommission zu haben bei W. G. Korn in Breslau und bei Gröbenschütz in Berlin".—
Der Anfangsvers eines Liedes von August Mahlmann (1771-1826) in Beckers "Taschenbuch zum geselligen Vergnügen" (1802, S. 278, 279) lautet:
Ich denk' an euch, ihr himmlisch schönen Tage
(der seligen Vergangenheit!).—
Von Friedrich von Schlegel (1772-1829) ist:
Der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet.
Es steht in dem von seinem Bruder August Wilhelm und ihm herausgegebenen "Athenaeum", Berlin 1798-1800, Bd. 1, Stück 2, S. 20 unter "Fragmente".—
Göttliche Grobheit
ist aus Fr. v. Schlegels Roman "Lucinde" (Berlin 1799) entwickelt, in dem es S. 30 heisst:
"Ich wollte Dir erst beweisen und begründen, es liege ursprünglich und wesentlich in der Natur des Mannes ein gewisser tölpelhafter Enthusiasmus, der gern mit allem Zarten und Heiligen herausplatzt, nicht selten über seinen eigenen treuherzigen Eifer hinstürzt und mit einem Wort leicht bis zur Grobheit göttlich ist".
Koberstein ("Grundriss", 5. Auflage, 4. Band, S. 696) sagt: "Die Gegner (der Romantiker) griffen den Ausdruck Fr. Schlegels 'göttliche Grobheit', dessen er sich in der 'Lucinde' bedient hatte, auf und wandten ihn häufig auf die Kritik und Polemik der neuen Schule an". (?) Hiernach wäre der erste, welcher "göttliche Grobheit" anwendete, nicht E. T. A. Hoffmann gewesen. (?) In seiner Erzählung im Berlinischen Taschen-Kalender von 1821: "Die Irrungen. Fragment aus dem Leben eines Phantasten" heisst es im Kapitel "Traum und Wahrheit": "O Baron, sprach die Jungfrau, du hast Mut und nicht fremd blieb dir göttliche Grobheit".—
Von Novalis (Friedrich Freiherr von Hardenberg 1772-1801) ist das im Schlegel-Tieckschen Musenalmanach für 1802 mitgeteilte:
Wenn ich ihn nur habe,
Wenn er mein nur ist,
sowie das ebenda befindliche:
Wenn alle untreu werden,
So bleib' ich dir doch treu.
Max von Schenkendorf ("Gedichte", Cotta 1815, S. 141 "Erneuter Schwur". Junius 1814. An Friedrich Ludwig Jahn.) wiederholte diese Verse, nur dass er "euch" statt "dir" setzte und die Gefährten seiner Jugend damit besang.—
Nach R. Köpke: "Ludwig Tieck, Erinnerungen aus dem Leben des Dichters" (I, 210 und 211) ist Ludwig Tieck (1773-1853) der Schöpfer des Wortes:
Waldeinsamkeit.
Es heisst daselbst: "Als Tieck sein Märchen 'Der blonde Eckbert' (1797) im Kreise der Freunde aus dem Korrekturbogen vorlas, erfuhr das Wort, welches im Mittelpunkt desselben stand, Waldeinsamkeit, eine scharfe Kritik, Wackenroder erklärte, es sei unerhört und undeutsch, wenigstens müsste es heissen: "Waldeseinsamkeit". Die Übrigen stimmten bei. Umsonst suchte Tieck sein Wort durch ähnliche Zusammensetzungen zu verteidigen. Er musste endlich schweigen, ohne überzeugt zu sein, strich es aber nicht aus und gewann ihm das Bürgerrecht in der Litteratur". Tieck selbst erzählt dies in seiner 1841 in der "Urania", (S. 133 ff.) erschienenen Novelle "Waldeinsamkeit", nennt jedoch das Jahr 1796.—
Das Wort
romantisch,
das 1734 im "Bernischen Spectateur" neben dem bis dahin üblichen "romanisch" zuerst[54] vorkommt, erlangte seine allgemeine Bedeutung als litterarischer Parteiname, nachdem Tieck 1800 seine Gesamtgedichte unter dem mit vollster Unbefangenheit gewählten Titel "Romantische Dichtungen" herausgegeben hatte (s. R. Köpke: "Ludwig Tieck, Erinnerungen aus dem Leben des Dichters", I, 265; s. auch II, 172). Erst A. W. Schlegel stellte in "Charakteristiken und Kritiken" (Königsberg 1801) die klassische Poesie des Altertums und die romantische des Mittelalters und der Neuzeit als auf ganz verschiedene Weise entstanden gegenüber. Romantic wird nach Friedländer ("Darstell. aus d. Sittengesch. Roms", 5. Aufl. 1881. Bd. 2, S. 245) im Englischen schon Mitte des 17. Jahr. von Personen und Naturscenen gebraucht.—
[54] S. "Die Gegenwart" XXVII, S. 71 "Klassisch und Romantisch." Eine Wortstudie von H. Breitinger.
Ein Losungswort für und gegen die Romantik war einst Tiecks:
Mondbeglänzte Zaubernacht.
Nämlich im Prolog und am Schlusse seines "Kaiser Oktavianus" (1804) glossiert er das Thema:
Mondbeglänzte Zaubernacht,
Die den Sinn gefangen hält,
Wundervolle Märchenwelt,
Steig' auf in der alten Pracht!
Uhland verwendet das Wort in seiner Glosse "Der Romantiker und Recensent".—
Amadeus Gottfr. Adolf Müllners (1774-1829) Worte in dem Drama "Die Schuld" (aufgeführt 1813, ersch. 1816) 2, 5:
(Und) erklärt mir, Oerindur,
Diesen Zwiespalt der Natur!
(Bald möcht' ich in Blut sein Leben
Schwinden seh'n, bald—ihm vergeben)
hat der Volksmund also umgestaltet:
Erkläret (löset) mir, Graf Oerindur,
Diesen Zwiespalt der Natur.—
Von Luise Brachmann (1777-1822) citieren wir den ersten Vers ihres Gedichtes "Columbus":
Was willst du, Fernando, so trüb und so bleich?—
De la Motte Fouqués (1777-1843) "Trost" ("Frauentaschenbuch für 1816" S. 187) beginnt:
Wenn alles eben käme,
Wie du gewollt es hast.—
Zahlen beweisen
oft erweitert zu:
Zahlen beweisen, sagt Benzenberg,
müsste eigentlich heissen: "Zahlen entscheiden"; denn so lautet es an vielen Stellen der Schriften des rheinischen Physikers und Publicisten Joh. Friedr. Benzenberg (1777-1846). Verbreitet wurde der Ausdruck besonders durch die "Kölnische Zeitung". Als nämlich 1833 der Stadt Köln das Stapelrecht genommen und ihr zum Ersatz ein Freihafen gegeben wurde, entspann sich unter den Beteiligten ein lebhafter Streit über den Nutzen oder den Schaden der neuen Einrichtung, welcher in der genannten Zeitung unter der abwechselnden Überschrift "Zahlen beweisen" und "Zahlen beweisen nicht" ausgefochten wurde. Der Karneval von 1834 bemächtigte sich der Frage und verschaffte durch allerlei drollige Wendungen und Zusätze dem Worte Eingang in die weitesten Kreise.—
In Clemens Brentanos (1778-1842), Lustspiel "Ponce de Leon" (1804), 5, 2, sagt der Haushofmeister Valerio zu einem Schulmeister mit Bezug auf eine erwartete Musikantenschar: "Diese schlechten Musikanten und guten Leute aber werden sich unter Eurer Anführung im Walde versammeln". Hieraus entstand durch E. T. A. Hoffmann ("Seltsame Leiden eines Theater-Direktors", anonym, Berl. 1819, S. 198, u. "Kater Murr", 1820, 2. Abschn.) und Heinrich Heine ("Ideen. Das Buch le Grand", 1826, Kap. 13) das Dictum:
Gute Leute und schlechte Musikanten.
Brentano wird dadurch zu seinem Worte angeregt worden sein, dass die Amme in Shakespeares "Romeo und Julia" (IV, 5) die Musikanten "Ihr guten Leute" anspricht, denen weiterhin Peter sagt: "Es heisst 'Musik mit ihrem Silberklang', weil solche Kerle, wie ihr, kein Gold fürs Spielen kriegen".—
Aus dem zuerst im "Neuen Liederbuch für frohe Gesellschaften", Hamburg 1808, S. 91, sodann im Sommer 1810 bei J. A. Böhme in Hamburg erschienenen "Gesellschaftslied: Im Kreise froher kluger Zecher, in Musik gesetzt fürs Piano-Forte von Karl Döbbelin" stammt:
Wir Menschen sind ja alle Brüder.
(Schon Maleachi 2, 10 ruft aus: "Haben wir nicht alle einen Vater?") Das Lied ist unterzeichnet Ludwig. Ist damit Johannes Ludwig gemeint, der Verfasser der "Lieder und Gedichte für Freunde der Natur und häuslichen Glückseligkeit", Hildburghausen 1802? Später steht Zschokkes Name unter dem Liede. Nach dem "Nekrolog der Deutschen" (IV, 281) soll Christian Gottlob Otto, Professor der Mathematik an der Fürstenschule zu Meissen (1763-1826) der Verfasser sein.—
Volkstum
ist Friedrich Ludwig Jahns (1778-1852) Erfindung. Er gab "Das deutsche Volkstum" 1810 zu Lübeck heraus. In der bereits 1808 geschriebenen, dem Buche vorangehenden "Erklärung", erwähnt er, dass er schon früher eine Schrift "Volkstum" verfasst habe, die verloren gegangen sei.—
Turnen
ist ein ebenfalls von Jahn um jene Zeit eingeführtes Wort. Er eröffnete 1811 den ersten Turnplatz in der Hasenhaide bei Berlin. Turner (mit turnieren in Verbindung) steht bereits gegen 1650 bei Moscherosch, "Philander von Sittewald", II, 146. (Althochdeutsch turnan = wenden, lenken).—
(Das Publikum, das ist) ein Mann,
Der alles weiss und gar nichts kann,
beginnt ein Gedicht "Das Publikum" von Ludwig Robert (1778-1832), welches nach dem Nekrolog von W. Alexis für Robert (im "Freimütigen", Juli 1832) "von Mund zu Munde" ging (s. "Ludw. Roberts Schriften". Mannh. 1838. T. I, S. 19). Ernst von Wildenbruch in seinem "Christoph Marlow" (1884) lässt Ben Jonson sagen (Akt 3, Sc. 5): "Ein Recensent, siehst du, das ist ein Mann, der Alles weiss und gar nichts kann".—
Aus Roberts Gedicht "An L. Tieck. Promenaden eines Berliners in seiner Vaterstadt" (1824) stammt das Wort (s. "Morgenblatt" vom 21. Sept. 1824 und L. Roberts "Schriften" II, 125):