Racker von Staat

oft im Munde (s. "Briefe von Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense", Lpz. 1840, S. 274). W. Hoffmann erzählt darüber in "Deutschland einst und jetzt im Lichte des Reiches Gottes" (Berl. 1868, S. 299):

"Ein Bauer aus dem Regierungsbezirk Merseburg, dem der König eine unbillige Forderung, die er mündlich vorbrachte, nicht gewähren konnte und sich dabei auf den 'Staat und dessen Ordnung' berief, hatte nämlich geantwortet: 'O! ich wusste wohl, dass nicht mein geliebter König mir entgegensteht, sondern der Racker von Staat'. Dieses Bauers Wort gebrauchte der König im Scherze, oft auch in Ironie".—

Heinrich LXXII., Fürst Reuss zu Lobenstein und Ebersdorf, hat durch einen seiner wunderlichen Erlasse der deutschen Sprache:

Auf einem Prinzip herumreiten

und das daraus gebildete

Prinzipienreiter

zugeführt. Dieser Erlass stand im "Adorfer Wochenblatt", wurde vom "Halleschen Courier" nachgedruckt, ging aus letzterem in die "Vossische Zeitung" (18. Sept. 1845) über und lautet:

"Ich befehle hiermit Folgendes in's Ordrebuch und in die Spezial-Ordrebücher zu bringen. Seit 20 Jahren reite Ich auf einem Prinzip herum, d. h. Ich verlange, das ein jeglicher bei seinem Titel genannt wird. Das geschieht stets nicht. Ich will also hiermit ausnahmsweise eine Geldstrafe von 1 Thlr. festsetzen, der in Meinem Dienste ist, und einen Andern, der in meinem Dienste ist, nicht bei seinem Titel oder Charge nennt".

Schloss Ebersdorf, den 12. Oktober 1844.

Heinrich LXXII.

Rühmlichst abwesend

nannte die amtliche Zeitung den Prinzen Waldemar von Preussen, der, in Ostindien weilend, dem Begräbnis seiner Mutter in Berlin am 18. April 1846 nicht beiwohnen konnte. So berichtet Varnhagen in seinem Tagebuche unter dem 18. April 1846 und unter dem 22. April sagt er, der Verfasser jener amtlichen Anzeige sei der Geheimrat und Archivdirektor Georg Wilhelm von Raumer († 1856).—

In einer Sitzung der Kurie der drei Stände des Vereinigten Landtages am 5. Juni 1847 (s. "Der erste Preuss. Landt. in Berl." Berlin 1847, 2. Abt., 10. Heft, S. 1387) sprach der Abgeordnete Hermann von Beckerath (1801-1870) das oft citierte Wort:

Meine Wiege stand am Webstuhl meines Vaters.—

Am 8. Juni 1847 sagte ebenda David Hansemann (1790-1864) (s. die soeben citierte Samml., 2. Abt., 13. Heft. S. 1507):

"Bei Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf",

was gewöhnlich in der Form citiert wird:

In Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf.

Lessings Anton im "jungen Gelehrten" (3, 12) bemerkt schon: "Ich bin ein wenig hitzig, zumal in Geldsachen"—

Auf einer Äusserung des Fürsten Metternich (1773-1859), die sich in dessen Brief vom 19. Nov. 1849 an Prokesch (vrgl. "Aus d. Nachlasse d. Grf. Prokesch-Osten. Briefwechsel mit Herrn v. Gentz u. Fürsten Metternich". Wien, 1881; Bd. II, S. 343) findet, beruhen die Worte:

Italien ein geographischer Begriff

und:

Deutschland ein geographischer Begriff.

Metternich sagt daselbst: "Ich habe in meiner Controverse mit Lord Palmerston in den italienischen Fragen im Sommer 1847[81] den Ausspruch gefällt, dass der nationale Begriff 'Italien' ein geographischer sei, und mein Ausspruch: l'Italie est un nom géographique, welcher Palmerston giftig ärgerte, hat sich das Bürgerrecht erworben. Mehr oder weniger—wie dies auf alle Vergleiche passt—gilt derselbe Begriff für das Deutschland, welches bei der Menge in der zweiten Linie der Gefühle und der Strebungen steht, während es von reinen oder berechnenden Phantasten (also von ehrlichen und kniffigen) auf die oberste Stelle erhoben wird".—

[81] Nach Karl Hillebrands "Gesch. Frankr. v. Ludw. Phil. bis Nap. III." 1879. II, 689 enthielt schon Metternichs Memorandum an die Grossmächte vom 2. Aug. 1814 dieses Wort.

Uhland schloss am 22. Jan. 1848 im Frankfurter Parlament seine Rede gegen die Erblichkeit der Kaiserwürde und den Ausschluss Österreichs mit den Worten: "Glauben Sie, meine Herren, es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen

Tropfen demokratischen Öls

gesalbt ist".—

Viribus unitis

Mit vereinten Kräften

ist der vom Kaiser Franz Joseph I. durch "Allerhöchste Entschliessung" vom 12. Februar 1848 angenommene Wahlspruch. Dessen Schöpfer ist Ritter Joseph v. Bergmann, Lehrer der Söhne Erzherzogs Karl. Das vom Kaiser am 4. März 1849 von Olmütz aus erlassene Manifest, wodurch er die Auflösung des Reichstages von Kremsier verkündete, schliesst: "Gross ist das Werk, aber gelingen wird es den vereinten Kräften".—

In der 1. Sitzung des Vereinigten Landtages von 1848 am 2. April sprach Graf Adolf Heinrich Arnim-Boytzenburg (1803-68) in der Debatte über die Adresse an den Thron ein in verschiedenen Fassungen, z. B. in dieser:

Die Regierung muss der Bewegung stets einen Schritt voraus sein,

oft citiertes Wort in folgendem Zusammenhange aus:

"Das Ministerium hat sich ferner gesagt, dass in einer Zeit, wie die seines Eintritts, es nicht ratsam sei, hinter den Erfahrungen der drei letzten Wochen und deren Ergebnissen in den übrigen deutschen Staaten zurückzubleiben, sondern, dass es besser sei, den Ereignissen um einen Schritt voranzugehen, damit nicht erst durch einzelne Konzessionen Einzelnes gegeben und immer wieder von dem Strom der Zeit überflutet werde, sondern damit das, was gewährt werden könne, auf Einmal gegeben, Geltung und Dauer gewinne".—

In der Sitzung vom 14. Juni 1848 der preussischen Nationalversammlung nannte Georg Jung bei Gelegenheit des Reichenspergerschen Antrags, welcher aus Anlass einer angeblichen Misshandlung des Herrn von Arnim eine Kommission zur Untersuchung dieser Angelegenheiten zu ernennen vorschlug, solche Ausschreitungen: das

Schaumspritzen jugendlicher Freiheit.—

Von Treitschke ("Histor. u. polit. Aufsätze" 4. Aufl., Lpz. 1871. I, 429, im Aufsatze "F. C. Dahlmann", Freiburg 1864) spricht über das Vertrauen zu den rettenden Thaten der "Kabinette der bewaffneten Furcht in Wien und Berlin" und über die auch in die Hallen von St. Paul hereinbrechende Reaktion und sagt dann: "Kein geringerer Mann als Dahlmann hat das unselige Wort:

Rettende That

erfunden". (Friedrich Christoph Dahlmann, geb. 1785, gest. 1860.)—

Aus der deutschen konstituierenden Nationalversammlung ist das Wort des Präsidenten von Gagern in der 22. Sitzung am 24. Juni 1848:

der kühne Griff,

tief ins Volk gedrungen. Er sprach:

"Wer soll die Centralgewalt schaffen? Meine Herren! ich habe diese Frage von dem Standpunkte des Rechtes und von dem Standpunkt der Zweckmässigkeit vielfach beurteilen hören; ich würde bedauern, wenn es als ein Prinzip gälte, dass die Regierungen in dieser Sache gar nichts sollten zu sagen haben; aber vom Standpunkte der Zweckmässigkeit ist meine Ansicht bei weiterer Überlegung wesentlich eine andere, als die der Majorität im Ausschuss . . . . . . Meine Herren! Ich thue einen kühnen Griff und ich sage Ihnen: wir müssen die provisorische Centralgewalt selbst schaffen".

Der stürmische Jubelruf, mit dem Gagerns Wort aufgenommen wurde, verschaffte diesem seinen Widerhall, und doch hatte Gagern nur ein Wort seines Vorredners Karl Mathy (1807-1868) wiederholt, der, von der Ansicht ausgehend, dass auch die Einzelstaaten bei Begründung einer deutschen Centralgewalt gehört werden müssten, gesagt hatte:

" . . . sollten die Regierungen einzelner Staaten unterlassen, dem Beispiele zu folgen, dem Beispiele treuer Pflichterfüllung gegen das gesammte Vaterland, welches die Versammlung, wie ich nicht zweifle, geben wird, dann meine Herren, ja dann wäre uns ein kühner Griff nach der Allgewalt nicht nur erlaubt, sondern durch die Not geboten".

Vielleicht schwebten Schillers Worte vor ("Gesch. d. 30jähr. Krieges" B. 3, vorletzter Absatz):

"Die Geschichte . . . sieht sich zuweilen durch Erscheinungen belohnt, die gleich einem kühnen Griff aus den Wolken in das berechnete Uhrwerk der menschlichen Unternehmungen fallen".—

Das ist das Unglück der Könige, dass sie die Wahrheit nicht hören wollen

sagte Johann Jacoby (1805-77) am 2. November 1848 als Mitglied der von Friedrich Wilhelm IV. empfangenen Deputation der Berliner Nationalversammlung.

Möglicherweise kam dieses Wort, dem Erregten in jenem Augenblick natürlich unbewusst, aus Herders "Cid" (2, 32), wo Graf von Cabra zum sterbenden König Don Sancho spricht:

"Ach, der Kön'ge hartes Schicksal,

Dass, wenn man sie nicht mehr fürchtet,

Dann nur ihnen Wahrheit spricht".

Worauf der Cid leise, dass es den Verscheidenden nicht beleidige, hinzufügt:

"Auch zu andern, andern Zeiten

Sagt man ihnen wohl die Wahrheit;

Aber sie, sie hören nicht—".—

In der Nacht vom 9. u. 10. Novemb. 1848, als die Bürgerwehr und die Gewerke Berlins der Nationalversammlung bewaffneten Schutz anboten, sprach der damalige Präsident der Versammlung Hans Victor von Unruh (1806-1886): "Ich wäre entschieden der Meinung, dass hier nur

passiver Widerstand

geleistet werden könne, und dass die wahre Entscheidung über die schwere Krisis, welche durch die jetzigen Ratgeber der Krone hereingebrochen ist, in der Hand des Landes liege. So lange die Presse, so lange das Vereins- und Versammlungsrecht nicht von neuem geknebelt ist, hat das Land die Mittel in den Händen, ohne Blutvergiessen den Sieg über die Bestrebungen der Reaktion herbeizuführen", und im weiteren Verlauf seiner Rede wiederholte er: "wir dürfen, wenn wir den Boden im Lande nicht verlieren wollen, den Gewaltschritten der Krone nur passiven Widerstand entgegensetzen".—

Der Ausdruck:

Bassermannsche Gestalten

zur Bezeichnung zerlumpter Galgenvögel entstand auf Grund des am 18. Nov. 1848 im Frankfurter Parlamente vom Abgeordneten Friedrich Daniel Bassermann (1811-1855) erstatteten Berichts über Berliner Zustände:

"Spät kam ich (in Berlin) an, durchwanderte aber noch die Strassen und muss gestehen, dass mich die Bevölkerung, welche ich auf denselben, namentlich in der Nähe des Sitzungslokals der Stände, erblickte, erschreckte. Ich sah hier Gestalten die Strassen bevölkern, die ich nicht schildern will".

Das Wort wurde schnell populär. Schon die Überschrift des zweiten Heftes vom Band 1 der "Bibliothek moderner Räubergeschichten" (Berlin, C. Schultze, 1851) lautet: "Bassermannsche Gestalten".—

Der Abgeordnete Julius Kell sagte in der Sitzung der sächsischen zweiten Kammer am 15. Febr. 1849:

Die Gründe der Regierung kenne ich nicht; aber ich muss sie missbilligen.—

Der Minister des Auswärtigen, Freiherr Otto Theodor von Manteuffel (1805-1882), äusserte in der 8. Sitzung der Preussischen Zweiten Kammer vom 3. Dez. 1850 das zum Citat gewordene Wort:

Der Starke weicht einen Schritt zurück

in diesem Zusammenhange:

"Das Misslingen eines Planes hat immer etwas Schmerzliches; es wirkt aber verschieden auf den Schwachen. Der Schwache gelangt dadurch in eine Gereiztheit; der Starke tritt wohl einen Schritt zurück, behält aber das Ziel fest im Auge und sieht, auf welchem andern Wege er es erreichen kann". (S. Kap. XI. Martial "De Spectaculis" 31.)—

Autorität, nicht Majorität

ist die Zusammenfassung folgender Betrachtungen, die Friedrich Julius Stahl (1802-1861) am 15. April 1850 in der 11. Sitzung des Volkshauses des Erfurter Parlaments anstellte:

"Wie können vollends die Anhänger jenes Systems mit solcher Zuversicht jetzt vor uns hintreten, nach den Erfahrungen von 1848? Standen sie da der entfesselten Bewegung nicht ebenso gegenüber wie jener Zauberlehrling den Gewässern, die er heraufbeschworen hatte und nicht mehr zu bannen vermochte? Sie hatten den Spruch vergessen, sie zu bannen, oder vielmehr dieser Spruch stand nicht in ihrem Lexikon: denn dieser Spruch heisst 'Autorität'. Da wollen sie die Gewässer besprechen mit einem Zauberspruche ihres Systems: Majorität, Majorität!"

Die Fassung: "Autorität, nicht Majorität" findet sich zuerst in einer, 1851 im Selbstverlage des Verfassers erschienenen Schrift von E. Knönagel: "Autorität—nicht Majorität—beherrscht die Welt. Epistel in 12 Capiteln wider den Aberglauben am Constitutionalismus. An Bürger und Bauer, Städter und Landmann." Stahl hatte am 5. März 1852 in der Ersten Kammer die Aristokratie verherrlicht. Als er am 12. Dez. 1852 bei einem ihm zu Ehren im Englischen Hause zu Berlin, Mohrenstrasse No. 49, gegebenen Festmahle von Gesinnungsgenossen eine silberne Säule empfing, die auf der einen Seite die Inschrift: "Zur Erinnerung an den 5. März 1852 von gleichgesinnten Männern des Regierungsbezirks Köslin", auf der anderen

"Autorität, nicht Majorität"

trug, wies er in der Erwiderungsrede darauf hin, dass er diesem Grundsatze seines Lebens zum ersten Male in jenem Parlamente Ausdruck gegeben habe. Im weiteren Verlaufe seiner Erwiderung wandte er das berüchtigte Wort an: "Die Wissenschaft bedarf der Umkehr", was gewöhnlich in der Form citiert wird:

Die Wissenschaft muss umkehren,

("Neue Preussische Zeitung", No. 291, 15. Dez. 1852.)—

Für die Klodt v. Jürgensburgschen Rossebändiger vor dem königlichen Schlosse in Berlin erfand in der Reaktionszeit nach 1850 der Oberlehrer Dr. Julius Bartsch († 1867 zu Berlin) die Bezeichnung:

der gehemmte Fortschritt und der beförderte Rückschritt.—

Die grossen Städte müssen vom Erdboden vertilgt werden

hat von Bismarck nicht gesagt. Er äusserte in der 46. Plenarsitzung der zweiten Kammer vom 20. März 1852 in Erwiderung gegen den Abgeordneten Harkort:

"Wenn der Herr Abgeordnete auch die Äusserung hier wiederholt hat, dass die Regierung dem Volke misstraue, so kann ich ihm sagen, dass auch ich allerdings der Bevölkerung der grossen Städte misstraue, so lange sie sich von ehrgeizigen und lügenhaften Demagogen leiten lässt, dass ich aber dort das wahre preussische Volk nicht finde. Letzteres wird vielmehr, wenn die grossen Städte sich wieder einmal erheben sollten, sie zum Gehorsam zu bringen wissen, und sollte es sie vom Erdboden tilgen".—

von Bismarck schrieb 1853 (ohne Datum) seiner Schwester vom Frankfurter Bundestage: "Ich gewöhne mich daran, im Gefühle gähnender Unschuld alle Symptome von Kälte zu ertragen und die Stimmung

gänzliche(r) Wurschtigkeit

in mir vorherrschend werden zu lassen, nachdem ich den Bund allmählich mit Erfolg zum Bewusstsein des durchbohrenden Gefühls seines Nichts zu bringen nicht unerheblich beigetragen zu haben mir schmeicheln darf" (L. Hahn: "Fürst Bismarck", Berl. 1878, I, S. 45).—

Heinrich Leos (1799-1878) Kraftausdruck:

Skrophuloses Gesindel!

steht im Geschichtlichen Monatsbericht vom Juni, "Volksblatt für Stadt und Land", 1853, No. 61, wo es heisst:

"Gott erlöse uns von der europäischen Völkerfäulnis und schenke uns einen frischen, fröhlichen Krieg, der Europa durchtobt, die Bevölkerung sichtet und das skrophulose Gesindel zertritt, was jetzt den Raum zu eng macht, um noch ein ordentliches Menschenleben in der Stickluft führen zu können".

Der frische fröhliche Krieg

steht noch einmal in Leos "Volksblatt für Stadt und Land", 1859, No. 35:

"Ein langer Friede häuft nach des Verfassers Argument eine Menge fauler Gährungsstoffe auf. Drum thut uns ein frischer, fröhlicher, die Nationen, namentlich die die europäische Bildung tragenden Nationen tiefer berührender Krieg bitter Not" u. s. w.—

Aufkläricht

stammt ebenfalls von Leo. (S. Wilhelm Harnisch: "Briefe an seine Tochter", Essen 1841, S. 11, 12, 19, 20, 27, 29, 50, 113, 202.)—

Glaubwürdiger Überlieferung nach hat ein von Colberg 1855 (s. Rangliste) nach Graudenz versetzter und vom dortigen Militärgericht vernommener, humoristischer Artillerielieutenant Haase ausgesagt: "Mein Name ist Haase, ich weiss von gar Nichts und bin bereit, diese meine Aussage zu beschwören." Daher das Wort:

Ich weiss von Nichts. Mein Name ist Haase.—

Der Prinz-Regent von Preussen, der nachmalige deutsche Kaiser Wilhelm der Grosse hielt am 8. Nov. 1858 eine Ansprache an das am 5. von ihm gebildete Ministerium, in der vorkam ("Nationalz." v. 25. Nov. 1858, Abendausg.): "In Deutschland muss Preussen

moralische Eroberungen

machen durch eine weise Gesetzgebung bei sich" u. s. w. Nach der "Hannoverschen Tagespost" wiederholte er als König das Wort am 30. August 1866 beim Empfang einer Deputation aus Hannover.—

Nach der Entlassung des Ministeriums von der Pfordten hatten die Gemeindebevollmächtigten der Stadt Würzburg die Absicht, den königlichen Professor an der Universität Würzburg und Appellationsgerichtsrat Dr. Weis, mit dem die Regierung bisher im Kampfe gelegen hatte, zum rechtskundigen Bürgermeister zu wählen. Staatsminister von Neumayr berichtete darüber an König Max II. von Baiern und erhielt darauf folgende (in No. 137 der "Neuen Münchener Zeitung" von 1859 abgedruckte) Entscheidung des Monarchen zu Antwort:

"Den politischen Kampf gegen Dr. Weis in irgend welcher Form fortzuführen, halte ich für durchaus nicht mehr geeignet;

Ich will Frieden haben mit Meinem Volke

und den Kammern; deshalb habe ich das Ministerium gewechselt, und es ist infolge dessen auch die Weissche Frage in das Stadium des Vergessens von Meiner Seite eingetreten. Von diesem Gesichtspunkte aus widerstrebt es Meinem Gefühle, den Dr. Weis zu befördern; Ich werde aber der Sache ihren jetzigen naturgemässen Lauf lassen und habe nicht das Geringste dagegen, wenn derselbe zum Bürgermeister von Würzburg gewählt wird, werde ihn vielmehr ohne Anstand nach den bestehenden gesetzlichen Normen in dieser Eigenschaft bestätigen".

Heinrich von Sybel berichtet in seinem Buche "Die Begründung des deutschen Reiches durch Wilhelm I." (1889. Bd. 2, S. 301), dass Ludwig Karl Heinrich Freiherr von der Pfordten (1811-1880) dieses Wort dem Könige soufflierte. Man hatte "einen kleinen Staatsstreich" in Bayern geplant, "Auflösung der Kammer, Oktroyierung eines neuen Wahlgesetzes, und was sonst solche Rettungen zu begleiten pflegt". Als aber der Prinz von Preussen das Ministerium Manteuffel stürzte, musste auch v. d. Pfordten in München weichen und er rieth seinem König, den Forderungen der Kammer nachzugeben, die Schuld des Zwistes auf die Minister zu schieben und jene beruhigende Wendung zu gebrauchen. "Der von dem Staatsstreichminister erfundene Satz wurde zu einem populären Schlagwort, auf welches während der späteren preussischen Verfassungswirren jeder Bayer mit patriotischem Stolze hinwies, ohne zu ahnen, dass Bayern die Erhaltung seines allerdings hohen Ruhmes, niemals einen Bruch seiner Verfassung erlebt zu haben, in erster Linie dem Prinzen von Preussen verdankte". (In Schillers "Maria Stuart", 1, 6 heisst es:

Nicht eine Welt in Waffen fürchtet sie,

So lang' sie Frieden hat mit ihrem Volke.)—

Gyulai erkannte (1859, nach dem Gefechte bei Palestro), dass seine einzige Rettung der schleunige Übergang über den Tessin sei, und so gab er am 1. Juni den Befehl:

sich rückwärts zu konzentrieren,

ein Ausdruck, der dadurch geschichtlich wurde, der aber schon vordem in Militärkreisen üblich war.

Nämlich in einem aus Bautzen, 21. Sept. 1813 datierten Briefe des Obersten von Müffling an General von dem Knesebeck heisst es: "Kömmt er (Napoleon) endlich aus seinem Loch—schnell rückwärts konzentriert u. s. w." (G. H. Pertz: "D. Leben d. Feldm. Gr. v. Gneisenau", Berl. 1869, Bd. 3, S. 360).—

Der preussische Minister Alexander Gustav Adolf Graf von Schleinitz (1807-1885) gebrauchte im Jahre 1859 hinsichtlich des französisch-österreichischen Krieges den Ausdruck:

die Politik der freien Hand.

Bismarck bediente sich desselben Ausdrucks am 22. Jan. 1864 im Abgeordnetenhause.—

Der Österreichische Minister Johann Bernhard Graf von Rechberg (geb. 1806) sagte in seiner Antwortdepesche nach Berlin hinsichtlich der Anerkennung Italiens (1861):

Garantien, die das Papier nicht wert sind, anf dem sie geschrieben stehen.—

Angenehme Temperatur

ist eine Redeblume des preussischen Kriegsministers Albrecht Theodor Emil Graf von Roon (1803-1879). Er begleitete in der Sitzung des Herrenhauses am 23. Januar 1862 die Einbringung des Gesetzentwurfs wegen Abänderung des Gesetzes über die Verpflichtung zum Kriegsdienst vom 3. Sept. 1814 mit den Worten:

"Ich habe über die Bedeutung dieses Gesetzentwurfes mich an diesem Orte eigentlich näher auszusprechen: sein Zusammenhang mit der Organisation des königlichen Heeres ist unverkennbar, und da ich bereits zweimal Gelegenheit gehabt habe, die angenehme Temperatur, welche in diesem Hause in Betreff jener grossen Massregel herrscht, zu fühlen, so wäre es eine Art von Undankbarkeit, wenn ich die Herren mit einer weitläufigen Auseinandersetzung der Notwendigkeit und Nützlichkeit des fraglichen Gesetzentwurfes ermüden wollte".—

In einer Abendsitzung der Budgetkommission des preussischen Abgeordnetenhauses, 30. Sept. 1862, sagte von Bismarck, "im Lande giebt es eine Menge

catilinarischer Existenzen,

die ein grosses Interesse an Umwälzungen haben". Danach gab Theodor König einem Roman den Titel: "Eine catilinarische Existenz" (Breslau 1865).—

Zeitungsschreiber ein Mensch, der seinen Beruf verfehlt hat

wurde in dieser Form nicht von Bismarck gesagt, beruht aber auf einer Äusserung von ihm. Als eine Ergebenheits-Deputation aus Rügen an den König, welche dieser am 10. November 1862 empfing, einige Tage zuvor dem Minister-Präsidenten ihre Aufwartung machte, äusserte dieser, nach dem Kreisblatte der Insel Rügen, "die Regierung werde Alles aufbieten, ein Verständnis mit dem Abgeordnetenhause herbeizuführen, dass aber die oppositionelle Presse diesem Streben zu sehr entgegenwirke, indem sie zum grossen Teil in Händen von Juden und unzufriedenen, ihren Lebensberuf verfehlt habenden Leuten sich befinde".—

Macht geht vor Recht

hat Bismarck nie gesagt. Am 27. Januar 1863 sprach Bismarck im Abgeordnetenhause: "Conflicte werden, da das Staatsleben nicht still zu stehen vermag, zu Machtfragen; wer die Macht in Händen hat, geht dann in seinem Sinne vor". Graf Maximilian von Schwerin (1804-1872) erwiederte darauf: "Ich erkläre, dass ich den Satz in dem die Rede des Herrn Minister-Präsidenten kulminierte: 'Macht geht vor Recht' . . . nicht für einen Satz halte, der die Dynastie in Preussen auf die Dauer stützen kann . . ., dass dieser vielmehr umgekehrt lautet:

Recht geht vor Macht u. s. w."

Bismarck, der während dieser Rede seines Gegners nicht anwesend war und erst später, wieder in den Saal eingetreten, vernommen hatte, dass man ihm den Ausspruch: "Macht geht vor Recht" untergelegt hatte, verwahrte sich dagegen, worauf Graf von Schwerin erwiderte, er erinnere sich nicht gesagt zu haben, der Minister-Präsident habe diese Worte gebraucht, sondern nur, dass dessen Rede in diesem Satze kulminiere. Noch am 1. Februar 1868 wehrte sich Bismarck dagegen im preussischen Landtage, als ihm Twesten eine Redewendung missdeutete. Bismarck sagte damals: "Ich möchte nicht, dass aus diesem meinem Worte durch die Geburtshilfe des Herrn Vorredners ein fliegendes Wort gemacht werde, wie aus einem früheren, welches ich niemals ausgesprochen habe, dass Macht vor Recht gehe."

(S. Habakuk 1, 3, wo Luther "Es gehet Gewalt über Recht", das er in der "Auslegung des Habakuk" als ein "gemein Sprichwort" bezeichnet, hineintrug. Seit Agricola lautet dies in den Sprichwörtersammlungen: "Gewalt geht für Recht" und Spinozas "Tract. polit." cap. II, § 8 bietet: "quia unusquisque tantum iuris habet, quantum potentia valet", weil jeder so viel Recht hat, als er Macht hat.)—

(Das) innere Düppel

stand zum ersten Male nach der Erstürmung der Düppeler Schanzen durch die Preussen am 18. April 1864 in der Form "Düppel im Innern" im Politischen Tagesberichte der "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" vom 30. Sept. 1864.—

Seitdem Georg Büchmann (1822-84) den vorliegenden "Citatenschatz des deutschen Volkes" erscheinen liess, also seit 1864, wurde der Name

Büchmann

vielfach für citatenreiche Leute (z. B.: "Sie sind ja der reine Büchmann!") oder zum Titel solcher Bücher (z. B.: "Der rothe Büchmann", "Der ungeflügelte Büchmann") verwendet.—

Aus authentischer Quelle kann versichert werden, dass Feldmarschall Frhr. v. Manteuffel als preussischer Gouverneur von Schleswig im Okt. 1865 das ihm von antipreussischen Zeitschriften aufgebürdete Wort:

Wir haben heidenmässig viel Geld

nie gesagt hat.—

An der Spitze des Morgenblattes der Wiener Zeitung "Die Presse" vom 18. Juni 1866 steht:

"Wien, 17. Juni. Die bis heute Abend eingetroffenen Nachrichten entsprechen nicht der Wichtigkeit des Moments. Die militairische Situation betrachten wir in einem unten folgenden Artikel. Hier konstatieren wir bloss, dass nach den eingetroffenen Nachrichten die Preussen viele Theile Sachsens besetzt haben, und dass preussische Truppen nicht bloss in Hannover und Kurhessen, sondern auch in Darmstadt eingerückt wären. Die Preussen entwickeln überhaupt eine

affenähnliche Beweglichkeit".

Das Wort ist umgestaltet worden in:

affenartige Beweglichkeit, affenmässige Geschwindigkeit u. s. w.

Der Verfasser des Artikels war der damalige Mitarbeiter der Presse August Krawani.—

Der preussische Schulmeister hat die Schlacht bei Sadowa gewonnen

ist die Umformung eines Ausspruchs des Geheimrats Dr. Oskar Peschel (1826-75), Professors der Erdkunde in Leipzig, welcher in einem Aufsatze des von ihm redigierten Blattes "Ausland" ("Die Lehren der jüngsten Kriegsgeschichte", No. 29 17. Juli 1866, S. 695, Spalte 1) schrieb:

"Wir sagten eben, dass selbst der Volksunterricht die Entscheidung der Kriege herbeiführe: wir wollen jetzt zeigen, dass, wenn die Preussen die Österreicher schlugen, es ein Sieg der preussischen Schulmeister über die österreichischen Schulmeister gewesen sei"; und (Spalte 2): "Die Mathematik ist der Wetzstein, und in diesem Sinne darf man wohl sagen, die preussischen Schulmeister haben in dem ersten Abschnitt des böhmischen Feldzuges über die österreichischen gesiegt".—

Berechtigte Eigentümlichkeiten

steht in den vom 3. Okt. 1866, Schloss Babelsberg datierten Patenten der Besitzergreifungen von Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt durch König Wilhelm I.

Graf Bismarck soll den Schluss seiner am 11. März 1867 im Norddeutschen Reichstage gehaltenen Rede:

"Meine Herren, arbeiten wir rasch!

Setzen wir Deutschland, so zu sagen, in den Sattel! Reiten wird es schon können",

nach der Spenerschen Zeitung vom 28. März 1874 in einem Gespräche mit zwei Abgeordneten selbst als "geflügeltes Wort" bezeichnet haben. Im Zoll-Parlament sagte er am 18. Mai 1868: "Dem Herrn Vorredner gebe ich zu bedenken, dass

ein Appell an die Furcht in deutschen Herzen niemals ein Echo findet".—

Als es sich im Anfange des Jahres 1869 darum handelte, das in Preussen noch vorfindliche Vermögen des Kurfürsten von Hessen mit Beschlag zu belegen, wurde Graf Bismarck, dem damaligen Minister-Präsidenten, der Vorhalt gemacht, er werde die ihm schon zur Verfügung stehenden geheimen Fonds, um unbekannte Summen vermehrt, zur Korruption der Presse und anderen sich der Aufsicht entziehenden Zwecken verwenden. Es handelte sich nämlich nicht bloss um die verhältnismässig kleinen Revenuen aus dem in Beschlag genommenen Vermögen des Kurfürsten, sondern auch um die Zinsen der 16 Millionen Thaler, welche dem König von Hannover erst bewilligt und dann einbehalten waren, und mit deren Verwendung das Abgeordnetenhaus sich erst am Tage vorher beschäftigt hatte. Darauf antwortete Graf Bismarck am 30. Jan. 1869:

"Ich bin nicht zum Spion geboren meiner ganzen Natur nach; aber ich glaube, wir verdienen Ihren Dank, wenn wir uns dazu hergeben, bösartige Reptilien zu verfolgen bis in ihre Höhlen hinein, um zu beobachten, was sie treiben. Damit ist nicht gesagt, dass wir eine halbe Million geheimer Fonds brauchen können; ich hätte keine Verwendung dafür und möchte die Verwendung für solche Summen nicht übernehmen. Es werden sich andere Verwendungen finden, die Ihre nachträgliche Genehmigung und Zustimmung finden werden. Auf dem hessischen Hofvermögen haften, wie man sagt, Verpflichtungen dem Lande gegenüber, Baupflichten, die übernommen worden sind. Es wird eine Ehrenpflicht der Regierung sein, wenn sie in dem Besitz der Fonds ist, solche Schulden zu tilgen; aber machen Sie uns aus dem bedauerlichen Zwange, dass wir Gelder auch zu anderen Zwecken verwenden müssen, keinen Vorwurf; probieren Sie selbst erst, ob Sie Pech anfassen können, ohne sich zu besudeln".

Auf Grund dieser Äusserung nannte man die einbehaltenen Gelder den

Reptilienfonds,

später nannte man dann

Reptil

Jeden, der in der Presse thätig, Beziehungen zu den Behörden hat. Graf Bismarck sagte darüber im Reichstage, 9. Febr. 1876, Folgendes:

"Dieser Beisatz "offiziös" und diese Verdächtigungen irgend eines Blattes, je nachdem man es gerade braucht, als eines "subventionierten" durch das Wort "Reptilie" ist ja eine wirksame Hülfe in der publizistischen Diskussion. Das Wort Reptilie, Reptilienvater, Reptilienpresse in der Meinung, wie es gebraucht wird, kommt mir immer vor, als wenn Leute, die mit dem Gesetze in Konflikt treten, auf die Polizei schimpfen und sie Diebsjäger und dergleichen nennen. Reptilie—wie entstand das Wort? Unter Reptilien verstanden wir Leute, die in Höhlen—bildlich gedacht, kurz und gut in verwegener Weise intriguieren gegen die Sicherheit des Staats und man hat das nun umgedreht und nennt jetzt Reptile diejenigen, die das aufzudecken streben. Mit diesem Sprachgebrauch will ich nicht rechten. Es ist ja ganz einerlei; ich erkläre nur, dass es Reptile des auswärtigen Amts in dem Sinne, wie Gegner den Ausdruck gebrauchen, absolut nicht giebt".

Burke hatte jedoch schon das Wort Reptilien im Unterhause für die Magistrate von Middlesex verwendet (Lord Mahon VII, 13), und der Major Scott, Hastings Organ, nannte Burke selbst "jenes Reptil, Herr Burke" (Macaulay "Warren Hastings"). Der Vergleich des Reptils für Pressorgane scheint übrigens aus Frankreich zu stammen (vrgl. "Gegenwart" XXVI, 45 u. 48) und Zeitungsschreiber werden so von Dickens genannt (z. B. "Pickwick Papers" Ch. 15; vrgl. auch Georg Winter: "Unbeflügelte Worte", 1888, S. 349.)—

Am 13. Febr. 1869 sagte Graf Bismarck im Herrenhause: "Es wird vielleicht auch dahin kommen zu sagen:

Er lügt wie telegraphiert".—

In Graf Bismarcks telegraphischer Mitteilung vom 28. Juli 1870 an den Gesandten des Norddeutschen Bundes in London, Grafen Bernstorff, heisst es:

"Nach Eintritt der patriotischen Beklemmungen des Ministers Rouher hat Frankreich nicht aufgehört, uns durch Anerbietungen auf Kosten Deutschlands und Belgiens in Versuchung zu führen. Im Interesse des Friedens bewahrte ich das Geheimnis und behandelte sie dilatorisch".

Das Wort

dilatorische Behandlung

für "hinhaltende Behandlung" bürgerte sich seitdem in Parlamenten und Zeitungen ein.—

Vor Paris nichts Neues

schloss eine Depesche des Generals Eugen Anton Theophil von Podbielski (1814-79) aus Ferrières vom 25. Sept. 1870, seine Depeschen aus Versailles vom 8. und 11. Okt. 1870 und eine aus Versailles vom 26. Jan. 1871, während die vom 18. Okt. 1870 so beginnt.—

Heinrich von Treitschke (1834-96) gebrauchte in den "Historischen und politischen Aufsätzen" (1. Aufl., Lpz. 1870) in dem Aufsatze "Fichte und die nationale Idee" den Ausdruck "Brustton der tiefsten Überzeugung", was viel citiert wird als

Brustton der Überzeugung.—

Heinrich Bernhard Oppenheim (1819-80) richtete (nach dem Feuilleton "Pamphletliteratur" der "Nationalzeitung" vom 20. April 1872) gegen die jugendlichen Professoren der Nationalökonomie das Wort

Kathedersocialisten

und gab i. J. 1872 die Schrift heraus: "Der

Kathedersocialismus".

Dieser Spottname rief eine Flut von Gegenschriften hervor und blieb haften.—

Am 14. Mai 1872 sagte Fürst Bismarck im deutschen Reichstage:

Nach Canossa gehen wir nicht.—

Emil du Bois-Reymond (1818-96) schloss seine 1872 zu Leipzig gehaltene und erschienene, dann in mehreren Auflagen, sowie in französischer, englischer, italienischer und serbischer Übersetzung verbreitete Rede über die "Grenzen des Naturerkennens" mit den Worten: "In Bezug auf die Rätsel der Körperwelt ist der Naturforscher längst gewöhnt, mit männlicher Entsagung sein ignoramus auszusprechen. In Rücksicht auf die durchlaufene siegreiche Bahn, trägt ihn dabei das stille Bewusstsein, dass, wo er jetzt nicht weiss, er wenigstens unter Umständen wissen könnte und dereinst vielleicht wissen wird. In Bezug auf das Rätsel aber, was Materie und Kraft seien und wie sie zu denken vermögen, muss er ein für allemal zu dem viel schwerer abzugebenden Wahrspruch sich entschliessen:

Ignorabimus".

"Wir werden es nie wissen."

Dies Wort wiederholte er 1881 in der Rede über "Die sieben Welträtsel" und es ist nun aus den Kreisen der Fachmänner in weitere, besonders in gläubige Schichten gedrungen.

Im Juli 1858 hatte du Bois-Reymond in der "Gedächtnisrede auf Johannes Müller" gesagt, es habe Müller nie verdrossen, "als das Ergebnis nach so langer und mühsamer Erörterung den altschottischen Wahrspruch niederzuschreiben: 'Ignoramus'". Dies "Ignoramus" ("wir wissen es nicht") ist somit der Keim seines "geflügelten Wortes". "Ignoramus" war die Formel der Geschworenen Altenglands im Fall ihrer Unentschiedenheit, ob eine Anklage begründet oder unbegründet sei. Nach R. Gneist ("Englische Verfassungsgeschichte" 1882, S. 604, Anm.) suchte König Karl II. dies "Ungeheuer", wie er es nannte, zu beseitigen, das "in den Jahren 1680-82 in der City von London gewütet habe", als es sich für die Krone um die Frage handelte, "ob Verrat und Aufruhr in London und Middlesex strafbar sei oder nicht".—