Mit dem Mantel der Liebe zudecken.

In Friedrich Wilhelm Gotters "Gedichten" (I, S. 91; Gotha 1787) heisst es in der Romanze "Die Trauer" (1774):

"Elise, die gern Thränen stillt,

Verirrte gerne leitet,

Und über kleine Schwächen mild

Der Liebe Mantel breitet".

Es sei hierbei erinnert an "Sprüche Salomonis" 10, 12: "Liebe decket zu alle Übertretungen", an 1. Petri 4, 8: "Die Liebe decket auch der Sünden Menge" und an das (nach dem "Corpus iuris canonici", Dist. 96, c. 8) dem Kaiser Konstantin zugeschriebene Wort: "er würde, wenn er mit eigenen Augen einen Priester oder Einen im Mönchsgewande sündigen sähe, seinen Mantel ausziehen und ihn so damit bedecken, dass Niemand ihn gewahre" ("chlamydem meam expoliarem et cooperirem eum, ne ab aliquo videretur").—

Aus Paul Gerhardts (1606-76) Kirchenliede "Nun ruhen alle Wälder" ("Geistliche Lieder und Psalmen", Berlin 1653) stammt die Frage:

Wo bist du, Sonne (ge)blieben?—

Auch citiert man die erste Zeile seines 1649 gedichteten Liedes vom Folgenden abgelöst, also:

Wach auf, mein Herz, und singe!—

Ein Weihnachtslied von Johann Rist (1607-67) beginnt:

Ermunt're dich, mein schwacher Geist.—

Nürnberger Trichter

beruht auf dem Titel eines Buches von Harsdörffer (1607-58): "Poetischer Trichter, die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugiessen", das 1648 ohne Namen in Nürnberg erschien.

Das Bild vom Trichter ist nicht seine Erfindung, da er sich in der Vorrede auf "H. Schickards Hebreischen Trichter" (Tüb. 1627) bezieht, und ein solcher Trichter schon in der lateinischen Komödie "Almansor, sive ludus literarius" des Mart. Hayneccius (Lpz. 1578) 5, 5, genannt wird. Vrgl. Zincgref-Weidner ("Apophthegmata", T. 3, Amst. 1653, S. 227): "Der Drechter Almansoris, mit welchem man den Leuten ingegossen, ist lang verlohren". "Mit einem Trichter eingiessen" steht bereits bei Sebast. Franck ("Sprichw." 1541, II, 107 b). "Eintrichtern" sagen wir jetzt. Franz Trautmann gab 1849-50 in Nürnberg ein humoristisches Blatt "der Nürnberger Trichter" heraus.—

Philipp von Zesen (1619-89), wendete

lustwandeln

in "Der Adriatischen Rosemund" (1645) zum ersten Male für "spazieren gehen" an. Mit seinen anderen, S. 366 daselbst zusammengestellten Verdeutschungen drang er nicht durch; aber "lustwandeln" erhielt sich, weil es den Spott ganz besonders hervorrief. Christian Weise macht sich in dem satirischen Romane (1672) "Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt", Kap. 11 darüber lustig, sowie Grimmelshausen in "Des weltberühmten Simplicissimi Pralerey und Gepräng mit seinem Teutschen Michel u. s. w." (o. O. u. J. Kap. 5 g. E.). Im obengenannten Verzeichnisse bildete Zesen das Wort

Gottestisch (für Altar)

wohl mit Anlehnung an 1. Kor. 10, 21 "Teilhaftig sein des Herrn Tisches".—

Samuel Rodigast (1649-1708) dichtete das evangelische Gesangbuchlied:

Was Gott thut, das ist wohlgethan.—

Wenn in unfeinen Kreisen die Geliebte eines Menschen als seine

Charmante

(noch gemeiner: Schockscharmante) bezeichnet wird, so ist dieser Ausdruck dem Französischen nicht unmittelbar entnommen, da "sa charmante" einem Franzosen in diesem Sinne unverständlich ist. "Charmante" ist vielmehr eine der Geliebten des Helden in Christian Reuters (geb. 1665) die entarteten Simpliciaden geisselnden Romane "Schelmuffskys Wahrhafftige, Curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande, in hochteutscher Frau Muttersprache eigenhändig und sehr artig an den Tag gegeben von E. S". (Hamburg 1696.)[19]

[19] S. die Anmerkung unter "Ente".

Das Ende der 2. Strophe im Liede Erdmann Neumeisters (1671-1756): "Herr Jesu Christ, mein Fleisch und Blut" lautet:

Herr Jesu Christ! wo du nicht bist,

Ist Nichts, das mir erfreulich ist;

was geschmacklos umgestaltet wurde in:

Wo du nicht bist, Herr Organist,

Da schweigen alle Flöten.—

Als Bezeichnung Berlins findet sich

Spree-Athen

wohl zuerst in dem Gedichte des Erdmann Wircker zu Friedrichs I. Lobe "An seiner königl. Majestät zu Preussen im Nahmen eines andern", worin es heisst:

"Die Fürsten wollen selbst in deine Schule gehn,

Drumb hastu auch für Sie ein Spree-Athen gebauet".

(In dem Buche "Märkische neun Musen, welche sich unter dem allergrossmächtigsten Schutz Sr. koenigl. Majestät in Preussen als Ihres allergnädigsten Erhalters und ändern Jupiters bey glücklichen Anfang Ihres Jubel-Jahres auff dem Franckfurtischen Helicon frohlockend aufgestellt" Erste Assemblée verlegts Johann Völcker 1706. S. 59.)—

Bramarbas

für "Prahlhans" ist dem satirischen Gedichte eines nicht bekannten Verfassers "Cartell des Bramarbas an Don Quixote" entnommen, das Philander von der Linde (Burchard Menke 1675-1732) in der zu seinen "Vermischten Gedichten", (Leipz. 1710) den Anhang bildenden "Unterredung von der deutschen Poesie" mitteilt. Hiernach gab Gottsched ("Deutsche Schaubühne", Leipz. 1741, III) dem Lustspiele Holbergs "Jacob von Tyboe eller den stortalende Soldat" (oder der grosssprecherische Soldat), das er in der Übersetzung Dethardings veröffentlichte, den Titel "Bramarbas oder der grosssprecherische Officier", weil, wie er sich in der Vorrede äussert, der Name Tyboe "in unserer Sprache keine Anmut gehabt haben würde"; er setzt hinzu, dass er diesen Namen dem Philander von der Linde entlehnt habe.—

Ein sorglos bei seinem Tagewerk Singender und überhaupt ein laut Vergnügter wird gern

Johann, der muntre Seifensieder

genannt nach der Anfangs- und Schlusszeile des Friedrich von Hagedornschen (1708-54) Gedichtes "Johann der Seifensieder" ("Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen" 1. Buch, Hamb. 1738). Auch spricht man kurzweg von einem

muntren Seifensieder,

wie denn schon Gleim ("An die Freude". S. Voss: "Musenalm." f. 1798; S. 88) dichtet:

"Alle muntren Seifensieder

Sind verschwunden aus der Welt!

Hagedorns und meine Lieder

Singt kein Trinker und kein Held!"

Hagedorn schöpfte den Stoff aus La Fontaines ("Fables" VIII, 2) "Le savetier et le financier", nur machte er aus dem "Schuhflicker" einen "Seifensieder", indem er wohl "savetier" von "savon" ableitete. Die Moral der Geschichte stammt aus Horaz (Epist. 1, 7, 95): "vitae me redde priori"; "gieb mich meiner alten Lebensart zurück!"—

von Haller (1708-77) sagt in dem Gedichte "Falschheit menschlicher Tugenden" im "Versuche schweizerischer Gedichte" (1732 in Bern zuerst anonym erschienen):

"Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist;

Zu glücklich, wann sie noch die äussre Schale weist".

Dieser Behauptung widerspricht Goethe heftig in den Gedichten "Allerdings" (1820, 3. Heft der Morphologie) und "Ultimatum" (zuerst in der Ausg. von 1827). Aus dem Ersteren citieren wir Hallers Wort also:

In's Innre der Natur

Dringt kein erschaffner Geist,

Glückselig! wem sie nur

Die äussre Schale weis't!—

In demselben Buche Hallers (S. 47) steht zu lesen:

"Unselig Mittelding von Engeln und von Vieh!

Du prahlst mit der Vernunft und du gebrauchst sie nie".

Brockes trat in seinem "Irdischen Vergnügen in Gott" (1748; 133. 9, S. 344) diesen Gedanken breit, dem der Altonaer Goldschmied Joachim Lorenz Evers die knappe Form gab:

Was ist der Mensch? Halb Tier, halb Engel.

So nämlich beginnt seine Nr. 369 der 1797 erschienenen "Vierhundert Lieder", die "der geselligen und einsamen Fröhlichkeit gewidmet" sind.

Bemerkt sei hier, dass Hallers Verse wohl Goethe ("Faust", "Prolog im Himmel", 43-44) zu den Worten des Mephistopheles über den Menschen anregten:

"Er nennt's Vernunft und braucht's allein,

Nur tierischer als jedes Tier zu sein".—

Sternwarte

ist ein von Popowitsch ("Untersuchungen vom Meere", Frankf. u. Leipz. 1750, S. 89) geschaffener Ausdruck. Nicht Haller bildete das Wort, wie Jahn ("Deutsches Volkstum", VIII, 1, 6) angiebt.—

Baumgarten (1714-62) hielt 1742 zu Frankfurt a. O. über die Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis Vorlesungen, welche er unter dem Namen "Aesthetica", Frankfurt a. O. 1750-58, herausgab. Daraus entstand

Aesthetik.—

Gellerts (1715-69) Fabel "Der Tanzbär" (B. 1 der "Fabeln u. Erzählungen", Lpz. 1746) liefert uns das Begrüssungswort für einen Heimkehrenden:

Petz ist wieder da!

womit die Bären des Waldes sich freudig anbrummen, als der Tanzbär zu ihnen zurückgekommen ist.—

Aus Gellerts Erzählung (B. 1): "Die Widersprecherin" haben wir uns zur Bezeichnung einer Widerspruch liebenden Frau das Wort:

Der Hecht, der war doch blau

zurecht gemacht, welches in dieser Form nicht darin vorkommt. Es handelt sich in der Fabel darum, ob ein Hecht zu blau oder zu wenig blau gesotten ist; dem Hausherrn ist er's zu wenig, der Hausfrau zu sehr. Da Jener bei seiner Meinung beharrt, so fällt Ismene darob in Ohnmacht, aus der sie Nichts zu erwecken vermag. Ihr Tod scheint gewiss. Der tiefbetrübte Mann bricht in die Klage aus:

"Wer hiess mich dir doch widerstreben,

Ach der verdammte Fisch! Gott weiss, er war nicht blau!"

Den Augenblick bekam sie wieder Leben.

"Blau war er", rief sie aus, "willst Du Dich noch nicht geben?"—

Gellerts Erzählung "Der Greis" (B. 1) schliesst:

(Er ward geboren,)

Er lebte, nahm ein Weib und starb.

Hiermit ahmte Gellert des Chr. Gryphius Epigramm nach ("Poetische Wälder". Anderer Teil. Bresl. u. Leipz. 1718, S. 439):

"Ein sechzigjähr'ger Mann ward unlängst beigesetzt;

Er kam auf diese Welt, ass, trank, schlief, starb zuletzt."—

Die Schlussworte aus Gellerts Erzählung "Der sterbende Vater" (1748; B. 2), worin der Vater dem ältesten Sohn ein Juwelenkästchen, dem jüngeren nichts vermacht, heissen:

Für Görgen ist mir gar nicht bange,

Der kommt gewiss durch seine Dummheit fort.—

Aus Gellerts Erzählung "Das junge Mädchen" (B. 2) wird citiert:

Vierzehn Jahr' und sieben Wochen,

womit dies heiratslustige Wesen eine irrige Angabe ihres Vaters verbessert, als er ihre vierzehn Jahre als Einwand gegen einen Eheschluss anführt. Es ist die Bearbeitung einer Anekdote im "Kurtzweiligen Zeitvertreiber" von 1666, S. 351.—

Aus Gellerts Erzählung "Der Bauer und sein Sohn" (B. 2) führen wir an:

Die Brücke kommt. Fritz, Fritz! wie wird dir's gehen?

was auch umgestaltet wird zu:

Fritz, Fritz! Die Brücke kommt!—

Weit verbreitet ist eine geschmacklose Travestie des Beginns von Gellerts "Morgengesang" ("Geistliche Oden und Lieder" 1757):

"Mein erst Gefühl sei Preis und Dank!"—

Aus Gellerts Liede "Zufriedenheit mit seinem Zustande" (a. a. O.) sind die Verse:

Geniesse, was dir Gott beschieden,

Entbehre gern, was du nicht hast.

Ein jeder Stand hat seinen Frieden,

Ein jeder Stand auch seine Last.

In dem folgenden Liede "Vom Tode" beginnt die zweite Strophe:

Lebe, wie du, wenn du stirbst,

Wünschen wirst, gelebt zu haben.

Vielleicht ist dieser Gedanke dem frommen Spruchdichter Antoine Faure (1551-1624) entlehnt, dessen Quatrain No. 48 (Ausg. v. 1612) lautet:

Puisque tu sais quel moyen il faut suivre

Pour vivre bien, pourquoi ne vis-tu pas

Pour bien mourir ainsi, qu'à ton trépas

Tu voudrais bien avoir su toujours vivre?

Faures Quatrains waren noch im 18. Jahrh. ein sehr verbreitetes Spruchbuch. Doch mögen Faure und Gellert aus Marc Aurel geschöpft haben, der (5, 29) lehrt: "Wie du beim Hinscheiden gelebt zu haben wünschest, so kannst du jetzt schon leben" (Ὡς ἐξελθὼν ζῆν διανοῇ, οὕτως ἐνταῦθα ζῆν ἔξεστιν). In des Christian Germann aus Memmingen Stammbuch schrieb 1766 Gellert zu einem Todtenkopf die Worte:

"Fac ea, quae moriens facta fuisse velis".

(s. "Deutsche Stammbücher" der Brüder Keil. 1893 Nr. 1729).—

Lichtwer (1719-83) gab 1748 zu Leipzig "Vier Bücher Aesopischer Fabeln" ohne Namen heraus. In der 22. Fabel des 1. Buches "Die Katzen und der Hausherr" lautete, wie in der Ausgabe von 1758, der 1. Vers der 2. Strophe:

Mensch und Tiere schliefen feste,

während in der zu Berlin und Stralsund 1762 mit Namen erschienenen Ausgabe die Fabel umgeändert ist, mit den Worten

Tier' und Menschen schliefen feste,

beginnt und ferner die Worte

So ein Lied, das Stein erweichen,

Menschen rasend machen kann,

enthält, welche in den beiden früheren Auflagen gar nicht vorkommen. Die Fabel schliesst:

Blinder Eifer schadet nur.—

Der Anfang von Lichtwers Fabel (4, 24) "Die Kröte und die Wassermaus":

"Von dem Ufer einer See

Krochen annoch Abends späte

Eine Wassermaus und Kröte

An den Bergen in die Höh"

begeisterte den Berliner Hofschauspieler Rüthling zu folgenden Versen [20]:

"Eines Abends noch sehr späte

Gingen Wassermaus und Kröte

Einen steilen Berg hinan".

"Da sprach die Wassermaus zur Kröte:

Eines Abends es war schon späte

Gehen wir diesen Berg hinan".

"Da sprach zur Wassermaus die Kröte:

Eines Abends noch sehr späte

Gehen wir diesen Berg hinan!"

"Und so gingen Wassermaus und Kröte

Eines Abends noch sehr späte

Diesen steilen Berg hinan".

Hieraus hat sich das "geflügelte Wort" gebildet:

Eines Abends spöte

Gingen Wassermaus und Kröte

Einen steilen Berg hinan . . . .

was dann verschieden fortgesetzt zu werden pflegt.—

[20] Zu finden in der Intendanturbibliothek des Berliner Kgl. Schauspielhauses (Französischestr. 36) als Einlage im Souffleurbuch von "Richard's Wanderleben" (Lustspiel in 4. Aufz. nach d. Englischen des John O. Keefe frei bearbeitet v. G. Kettel), zuerst aufgeführt 1831.

Gleim (1719-1803) sagt in den "Fabeln", Berlin 1756 (anonym), S. 9 am Schlusse der 4. Fabel: "Der Löwe, der Fuchs":

(Denn) was von mir ein Esel spricht,

Das acht' ich nicht.—

Im "Musenalmanach für das Jahr 1798", hrsg. von J. H. Voss, dichtet Gleim:

"Beim Lesen eines wizreichen Buchs".

"Wiz auf Wiz!

Bliz auf Bliz!

Schlag auf Schlag!

Ob's auch einschlagen mag?"

Hieraus entstammt unser:

Witz auf Witz! Schlag auf Schlag!

vrgl. Raupachs "Schleichhändler" (1828)2, 9, wo der Bader Schelle sagt: "Und so ging der Witz immer weiter, Schlag auf Schlag".—

Fr. K. von Moser (1723-98) schrieb an Hamann ein "Treuherziges Schreiben eines Layen-Bruders im Reich an den

Magum im Norden

oder doch in Europa, 1762" (Mosers "Moral. u. pol. Schrift." Bd. 1, Frankf. a. M. 1766, S. 503). Hamann adoptierte das Wort sofort und nannte sich

Magus im Norden und Magus des Nordens.—

Anton Friedrich Büsching (1724-93) übersetzte "Geographie" zuerst mit

Erdbeschreibung.

Der 1. Teil seiner "Erdbeschreibung" erschien 1754 in Hamburg.—

Klopstock (1724-1803) singt wiederholt in seiner Ode "der Zürchersee" (1750), Dichterunsterblichkeit sei

des Schweisses der Edlen wert.—

Saat, von Gott gesäet, dem Tage der Garben zu reifen,

was Klopstock 1758 auf seiner Meta Grab in Ottensen bei Altona setzen liess, was seine zweite Gattin 1803 ihm auf's Grab setzte, und womit Rückert sein Gedicht "Die Gräber zu Ottensen" schliesst, ist der 845. Vers des 11. Gesangs des "Messias" (1768). Klopstock lehnt sich hier an Vers 5 und 6 des 125. Psalms an: "Die mit Thränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben".—

Immanuel Kants (1724-1804)

kategorischer Imperativ

kommt zuerst in seiner 1785 zu Riga herausgegebenen "Grundlegung der Metaphysik der Sitten" vor, wo es im zweiten Abschnitt heisst: "Alle Imperativen gebieten entweder hypothetisch oder categorisch. Jene stellen die praktische Notwendigkeit einer möglichen Handlung als Mittel zu etwas Anderem was man will (oder doch möglich ist, dass man es wolle) zu gelangen vor. Der categorische Imperativ wird der sein, welcher diese Handlung als für sich selbst, ohne Beziehung auf einen andern Zweck, als objektiv notwendig vorstellt". Weiterhin sagt Kant: "Dieser Imperativ mag der der Sittlichkeit heissen".—

Karl Wilhelm Ramlers (1725-98) Ode: "Der Triumph", worin er Friedrich den Grossen feierte, beginnt:

Schäme dich, Kamill,

(Dass du mit vier Sonnenpferden

In das errettete Rom zogst),

weil der König am 30. März 1763 nach dem Friedensschlusse dem festlichen Empfange der Berliner aus dem Wege gegangen war.—

Ja, Bauer! das ist ganz was Anders,

steht in Ramlers "Fabellese" (Berlin 1783-90), 1, 45 in der Fabel "Der Junker und der Bauer", einer Umschmelzung der Fabel Michael Richeys, welche in dessen "Deutschen Gedichten" (herausg. von Gottfried Schütz in Hamburg von 1764-66) im 1. Bande unter dem Titel "Duo quum faciunt idem, non est idem" (Wenn zwei dasselbe thun, ist's nicht dasselbe) die einhundertneunzehnte Nummer der 4. Abt. "Sinn- und Scherzgedichte" ist, und wo der entsprechende Vers lautet:

Ja, Bauer, das ist ganz ein anders!

Die dort erzählte Geschichte ist alt.[21]

[21] Halliwell "Dictionary of archaic and provincial words", Lond. 1844-1845, führt die alte sprichwörtliche Redensart "The case is altered, quoth Plowden" (der Fall ist ein anderer, sprach Plowden) auf diesen ausgezeichneten Juristen zur Zeit der Königin Maria von England (1553-58) zurück. In "Tales and quicke Answeres", (o. J. um 1535) wird sie von einem Bauer in Seeland erzählt; (Shakespeare Jest-Boocks. W. Carew Hazlitt. Lond. 1860. Vol. I. 2. Abt. S. 134, No. 121); auch Erasmus in "Ecclesiastae sive de ratione concionandi" (2. Ausg., 1536, S. 454) nennt sie eine Seeländische Geschichte. Nach "Luthers Tischreden", Eisleben, 1566, S. 612 erzählte sie Luther 1546. Dort heisst es: "Da sprach der Schultes: 'War's meine Kuh? Das ist ein ander Ding'". In "Bidermanni ex societate Jesu Acroamatum libri 3" wird in 3, 1, 13 sprichwörtlich "die Kuh des Praetor" angeführt. Eine andere Geschichte, in der einem Bauer doppeltes Recht, das zweite Mal mit den Worten: "Mein Bauer, das wär ein anders" in Aussicht gestellt wird, erzählt Grimmelshausen im "Wunderbarlichen Vogelnest", 1, 6 (1672); er wiederholt sie im "Deutschen Michel", 8.

Ach, wie ist's möglich dann,

Dass ich dich lassen kann

ist der Anfang eines um 1750-1780 entstandenen Volksliedes. ("Deutscher Liederhort" von Erk und Böhme, 1893, No. 548.) Zur ersten Strophe sind zwei hinzugedichtet; diese drei bilden den jetzt üblichen Text, den Georg Scherer ("Volkslieder", 1868, No. 40) mitteilt. Der neue Text ist komponiert von Moritz Ernemann: "Acht Lieder. Berlin 1825"; darin steht unter dem Texte: Hel. (mina) v. Chézy (1783-1856).

Die jetzt übliche Melodie hat Friedrich Kücken (geb. 1810, † 1882) komponiert. Die "Gartenlaube" machte Louis Böhmer († 1860) zum Dichter und Komponisten des Liedes, was Hoffmann von Fallersleben "Unsere volkstümlichen Lieder", 3. Aufl., Leipzig 1869, S. 159 eine Schrulle nennt. Erk schrieb darüber an Büchmann: "Der Bummelante Böhner kann nichts dazu, dass ihm unverständige Leute die Melodie zugeschrieben haben".—

Morgen, morgen! nur nicht heute![22]

(Sprechen immer träge Leute)

ist der Anfang des Liedes "Der Aufschub" von Christian Felix Weisse (1726-1804) in dessen "Liedern für Kinder", 1766, verm. Aufl. Mit neuen Melodien v. J. A. Hiller, (Leipz. 1769, S. 104-5). Laut Vorrede sind die Lieder von S. 100 an hier neu hinzugekommen.—

[22] "Also das Eilige auf Morgen" sprach Archias lächelnd zu Pelopidas und steckte den Brief zu sich, welchen ihm dieser als eilig überbrachte. Das "οὐκοῦν εἰς αὔριον τὰ σπουδαῖα" wurde nach Plutarch ("Pelopidas" c. 10) sprichwörtlich in Griechenland.

Aus Gotthold Ephraim Lessings (1729-81) "Sinngedichten" (1753) citieren wir den Schluss des ersten "Die Sinngedichte an den Leser":

(Wer wird nicht einen Klopstock loben?

Doch wird ihn Jeder lesen?—Nein.)

Wir wollen weniger erhoben

Und fleissiger gelesen sein.

Geschöpft sind diese Verse aus Martials (4, 49) Spottworten an den Dichter Flaccus:

"Confiteor: laudant illa, sed ista legunt",

"Ja; dich preisen sie hoch, doch lesen thuen sie mich".—

Aus Lessings "Liedern" (1, 6) citiert man ungenau, aber verbessernd den Schluss der "Antwort eines trunknen Dichters":

Zu viel kann man wohl trinken,

Doch trinkt man nie genug.

Im Text heisst es: "Doch nie trinkt man genug".—

Aus Lessings "Hamburger Dramaturgie", 101.-104. Stück, (1768) stammt:

Seines Fleisses darf sich jedermann rühmen.—

Aus "Emilia Galotti" (1772) 1, 4 ist

Weniger wäre mehr

durch Wielands Vermittelung entstanden, welcher im Neujahrswunsche der Zeitschrift "Merkur" von 1774 den Ausspruch des Prinzen:

"Nicht so redlich, wäre redlicher"

folgendermassen umformte:

"Und minder ist oft mehr, wie Lessings Prinz uns lehrt".

(Siehe Hesiod: "die Hälfte ist mehr als das Ganze" und Cervantes, in dessen "Don Quijote" [1, 6 g. E.] der Pfarrer den "Schatz mannichfaltiger Dichtungen" also kritisiert: "como ellas no fueran tantas, fueran mas estimadas", "wären es nicht so viele, so hätten sie mehr Wert").—

Das oft wiederholte Wort aus "Emilia Galotti":

Raphael wäre ein grosser Maler geworden, selbst wenn er ohne Hände auf die Welt gekommen wäre,

lautet in derselben Scene eigentlich also:

"Oder meinen Sie, Prinz, dass Raphael nicht das grösste malerische Genie gewesen wäre, wenn er unglücklicher Weise ohne Hände wäre geboren worden?"

(Seneca "De beneficiis", IV, 21: "Artifex est etiam, cui ad excercendam artem instrumenta non suppetunt", "auch der ist ein Künstler, dem zur Ausübung der Kunst die Werkzeuge mangeln").—

Aus "Emilia Galotti" 2, 7 u. 8 wird citiert:

Perlen bedeuten Thränen,

womit Lessing einen Aberglauben wieder auffrischt, der bereits im 9. Jahrh. verbreitet war. Zu jener Zeit erschienen die "Traumlehren" des Astrampsychus und des Nicephorus (her. v. Rigaltius. Par. 1603), in denen es heisst: "οἱ μάργαροι (bei Niceph.: "μαργαρῖται") δηλοῦσι δακρύων ῥόον", "Perlen bedeuten einen Thränenstrom".—

Aus "Emilia Galotti" 4, 7 stammt:

Wer über gewisse Dinge den Verstand (5, 5: seinen Verstand) nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.

Gewiss kam der in spanischer Litteratur so bewanderte Lessing auf diese Wendung durch Baltazar Gracians Wort: "Muchos por faltos de sentido, no le pierden"—"Viele verlieren den Verstand deshalb nicht, weil sie keinen haben" ("Oraculo manual" § 35, 1637 zuerst erschienen, übersetzt von Arth. Schopenhauer: "Handorakel" 3. Aufl. 1877, S. 22).—

In "Emilia Galotti" 4, 7 heisst es ferner:

(Ha, Frau,) das ist wider die Abrede.

Schiller lässt in "Kabale und Liebe", 2, 3, Ferdinand, und im "Fiesco", 2, 9, den Mohren diese Worte sagen. Fr. Kind legt sie in der Wolfschluchtscene des "Freischütz" dem Jägerburschen Max in den Mund.—

"Emilia Galotti", 5, 2 steht:

Hohngelächter der Hölle;

und 5, 6:

Wer lacht da? (Bei Gott, ich glaub', ich war es selbst).—

Ebenda 5, 7 ruft Emilia, als sie die Rose zerpflückt hat, die ihrem gemordeten Verlobten Appiani galt, und sie nun, den Dolch im Herzen, niedersinkt:

Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert.—

"Nathan der Weise" (1779) enthält 1, 2:

Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche,

wobei Lessing wohl an Romeos Worte in "Romeo und Julia", 5, 2:

Come cordial, not poison,

Komm Medizin, nicht Gift,

gedacht hat, und 1, 3 (ähnlich 3, 10):

Kein Mensch mnss müssen.—

Als Bekräftigung dient uns das in Lessings "Nathan" 1, 5 sechsmal vorkommende Wort des Klosterbruders:

Sagt der Patriarch.—

Viel citiert werden auch die Worte Nathans 2, 5:

Nur muss der Eine nicht den Andern mäkeln,

Nur muss der Knorr den Knubben hübsch vertragen,

Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen,

Dass es allein der Erde nicht entschossen.—

Der Schluss vom 2. Akt des "Nathan" ist:

Der wahre Bettler ist

(Doch einzig und allein) der wahre König!—

4, 2 steht dreimal:

Thut nichts, der Jude wird verbrannt.—

und 4, 4:

Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.—

Aus Christoph Martin Wielands (1733-1813) "Idris und Zenide", 3, 10 (1768) citieren wir:

Ein Wahn, der mich beglückt,

Ist eine Wahrheit wert, die mich zu Boden drückt,

was vielleicht dem Worte Grays aus "On the Prospect of Eton College" nachgebildet ist:

Where ignorance is bliss,

't is folly to be wise.

Wo Nichtwissen Seligkeit,

Ist es Thorheit klug zu sein.—

Wieland ist ferner durch seine Worte in "Musarion" (1768 B. 2, V. 142, in späteren Ausgaben, V. 135):

Die Herren dieser Art blend't oft zu viel Licht;

Sie seh'n den Wald vor lauter Bäumen nicht,

der Schöpfer der Redensart:

Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

geworden, die er in seiner "Geschichte der Abderiten" (1774), V. 2 wiederholt. Blumauer bestätigt diese Autorschaft Wielands durch "Aeneis", B. 2, Str. 9:

Er sieht oft, wie Herr Wieland spricht,

Den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Eigentlich aber hat Wieland nur ein älteres Wort "die Stadt vor lauter Häusern nicht sehen" umgeändert, welches J. Eiselein ("Sprichwörter" S. 576) falsch auf Agricola zurückführt, und das französischen Ursprungs ist.[23] Auch fühlt man sich erinnert an Ovids (Trist. 5, 4, 9 und 10):

"Nec frondem in silvis, nec aperto mollia prato

Gramina, nec pleno flumine cernit aquas."

"Weder die Blätter im Wald, noch auf sonniger Wiese die zarten

Gräser, noch im Fluthstrom weiss er das Wasser zu seh'n."

und an des Properz (1, 9. 16): "Medio flumine quaerere aquam", "mitten im Fluss das Wasser suchen".—

[23] Edouard Fournier "l'Esprit des Autres", 7. Ausg., S. 2 citiert ein Lied eines poitevinischen Bauern:

La hauteur des maisons

Empêch' de voir la ville.

Dies Citat scheint aus der Luft gegriffen. Die Redensart steht vielmehr in "Les bigarrures et touches du seigneur des Accords. Avec les Apophthegmes du Sieur Gaulard. Et les Écraignes dijonnoises. Dernière édition, revue et beaucoup augmentée. Paris. Jean Richter 1603". Der besondere Titel des zweitgenannen Werkes ist: "Les contes facétieux du sieur Gaulard, gentilhomme de la Franche Comté Bourguignotte" (sic!). (1. Ausg. 1582.) S. 21 heisst es: "Als er in Paris war und durch die Strassen ging, sprach er: Jeder sagte mir, ich würde eine so grosse und schöne Stadt sehen; aber man machte sich über mich lustig; denn man kann sie nicht sehen wegen der Menge von Häusern, die den Umblick verhindern". Sam. Gerlach teilt dann in "Eurapeliae" (Lübeck 1639), 3. Hundert, No. 7-29 närrische Reden und Wendugen des M. Gaulard mit und erzählt No. 24 die eben erwähnte Äusserung.—Zincgref-Weidner ("Apophthegmata", 3. T. 1653 S. 55 und 5. T. 1655 S. 112) wiederholt die Geschichte und nennt den Erzähler (S. 118) Herrn Gaulardt, Baron aus Burgundien.

In Wielands "Oberon" (1780) steht

1, 1:

Ritt in das alte romantische Land,

5, 30:

Nichts halb zu thun ist edler Geister Art,

7, 75:

Ein einz'ger Augenblick kann Alles umgestalten.—

Aus Wielands Singspiel "Alceste", 4, 2 wird citiert:

Noch lebt Admet (in deinem Herzen).

1, 2 heisst es:

noch

Lebt dein Admet.—

August Ludwig von Schlözer (1735-1809) wurde in gerechtem Zorn über die Hinrichtung der "Hexe" Anna Göldi aus Glarus zum Schöpfer des Wortes

Justizmord.

Nämlich in seinen "Staatsanzeigen" (1782-93; 2. Bd., S. 273) steht ein Aufsatz von ihm: "Abermaliger Justizmord in der Schweiz 1782". In der Fussnote heisst es:

"Ich verstehe unter diesem neuen Worte die Ermordung eines Unschuldigen, vorsätzlich, und sogar mit allem Pompe der heiligen Justiz, verübt von Leuten, die gesetzt sind, dass sie verhüten sollen, dass ein Mord geschehe oder, falls er geschehen, doch gehörig gestraft werde".

Von "assasins juridiques", Justizmördern, sprach übrigens schon Voltaire in einem Briefe an Friedrich II. (Apr. 1777).—

Aus Gottlieb Konrad Pfeffels (1736-1809) "Tobakspfeife" (1782 gedichtet, 1783 im Vossischen "Musenalmanach" S. 159 erschienen) citiern wir: