Title: Jugend, Liebe und Leben
Author: Emil Peters
Release date: December 5, 2013 [eBook #44368]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Credits: E-text prepared by Norbert H. Langkau, Iris Schröder-Gehring, and the Online Distributed Proofreading Team
The Project Gutenberg eBook, Jugend, Liebe und Leben, by Emil Peters
Körperliche, seelische
und sittliche Forderungen der
Gegenwart
Von
Emil Peters
Volkskraft-Verlag
Konstanz am Bodensee
Strahlende Kräfte. Wege zu Glück und Erfolg durch Charakter-, Willens- und Menschenbildung. Mit Titelbild von Fidus. 10. Tausend. Geheftet M. 5.50. Gebunden M. 7.70. Geschenkband mit Goldschnitt M. 8.25. Porto bei direkter Zusendung 25 Pf.
Kranke Seelen. Wege des Lebens für die Einsamen und Unverstandenen, die Ruhelosen und Nervösen, die Unzufriedenen, die Unglücklichen, und Seelenleidenden. Mit Bildnis des Verfassers, Umschlagzeichnung und Innenbildern von Prof. Richard Pfeiffer. Geheftet M. 6.–. Gebunden M. 8.25. Porto bei direkter Zusendung 35 Pf.
Die das Glück suchen.... Brücken von der sichtbaren in die unsichtbare Welt und in die geheimen Lebensgesetze der Seele. Deckelzeichnung von E. Anslinger-München. Geheftet M. 5.50. Gebunden M. 7.50. Vornehmer Geschenkband mit Goldschnitt M. 8.50. Porto bei direkter Zusendung 25 Pf.
Unbekannte Gedankenkräfte. Geistige Lebensgesetze und seelische Welten. Deckelzeichnung von E. Anslinger-München. Geheftet M. 2.75. Gebunden M. 4.40. Porto 15 Pf.
Kinderzeit. Fröhliche Erziehung. Ernstes und Heiteres aus natürlicher Erziehung. Mit 16 Bildern nach photographischen Aufnahmen von des Verfassers Kindern. Geheftet M. 5.–. Gebunden M. 7.50. Porto bei direkter Zusendung 25 Pf.
Schaffende Menschen! Charakterbildung, Energie und Erfolg in Leben und Arbeit. Umschlagzeichnung von E. Anslinger-München. Geheftet M. 5.50. Gebunden M. 7.70. Porto 25 Pf.
Arbeit, Kraft und Erfolg. Wege zur Steigerung der Leistungsfähigkeit in körperlichem und geistigem Schaffen. Deckelzeichnung von E. Anslinger-München. Geheftet M. 4.–. Gebunden M. 6.–. Porto bei direkter Zusendung 25 Pf.
Die Bücher sind auch in jeder guten Buchhandlung zu haben.
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Copyright 1920 by Volkskraft-Verlag
Konstanz am Bodensee.
Den Druck besorgte die Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. in Altenburg, S.-A.
Diese Buch ist auch in hübschem Einband als Geschenkband beim Verlag oder in jeder Buchhandlung vorrätig.
ies Buch, das in seiner ersten Auflage „Wenn ihr ins Leben tretet!“ hieß, erscheint in seiner zweiten Auflage unter neuem Titel und in anderem Gewande. Es entspricht darin mehr den Vorträgen, die ich allerorten hielt.
Der Gegenstand ist ernst und schwer in seiner Darstellung. Es gibt Dinge, die so grenzenlos traurig und häßlich sind, daß die Feder oft zögert, sie niederzuschreiben. Aber wer, wie ich, das Menschenleben zu schöneren, höheren und edleren Formen bringen will, der darf, wo er das Licht zeichnet, auch die Schatten zu malen nicht vergessen. Jugend und Liebe – sie sind beide das Licht, das leuchtend und glückselig eine Weile über unserem Wege steht. Aber Irrtum und Schuld verschlingen die unglückseligen Hände und reißen die Menschen in die Tiefen, wo in Unglück und Krankheit, in Nacht und Chaos die Liebe erstickt.
Das Häßliche ist hier wahrlich nicht um des Häßlichen willen geschildert worden. Nein, die Feder stockt dabei, und Scham durchzog den Sinn. Aber mutig galt es die Aufgabe zu lösen und jungen Menschen, die klopfenden Herzens vor dem Wundergarten der Liebe stehen, den rechten Weg zu zeigen.
Wer das Dunkel geschaut, dessen Auge ist dankbar für das Licht. So soll dies Buch verstanden sein.
Nicht ein „Aufklärungsbuch“ im landesüblichen Sinne soll es sein. Es soll nicht mit kaltem Verstande Dinge sagen, die zu wissen noch nicht sittliche Kraft bedeuten. Weh uns, wenn Wissen und Verstand der Liebe die Tiefen rauben, wenn wir nicht mehr erröten und die Rätsel der Liebe uns nicht mehr die Pulse stocken machen! Nicht dem Verstand und dem kalten Wissen – nein, der Seele wollte ich die Geheimnisse junger Liebe ablauschen. Was nutzt „Aufklärung“, wo die seelenvolle Menschlichkeit, die sittliche Persönlichkeit fehlt! Erzieherisch ging ich zu Werke, von innen – nicht von außen her.
Worte und Begriffe sind dem Verständnis junger Menschen angepaßt. Eltern mögen das Buch schulentlassenen Jünglingen in die Hand geben. Es soll ihnen Wegweiser sein. Und wenn die traurigen und schreckensvollen Dinge dieses Buches auch mit Wehmut ihre Seele füllen und in den Freudenkelch der Jugend bittere Tropfen fallen, so wird die Wahrheit doch denen nicht den Zauber junger Liebe rauben, die „frei von Schuld und Fehle“ mit diesem Buche den glücklichen Weg des Reinen gehen.
Neuenhagen (Ostbahn) bei Berlin.
Emil Peters.
ir wollen miteinander über Dinge sprechen, über die man eigentlich – nicht spricht. Jedenfalls nicht allgemein und vor allem nicht so, wie man über andere Dinge spricht. Das ist das Geschlechtliche.
Wie merkwürdig, daß es etwas im Menschenleben gibt, von dem es scheint, daß es verborgen werden müßte. Und doch ist es nicht weniger natürlich, als alles andere, ja, natürlicher und selbstverständlicher wohl. Aber wer viel in der Irre ging, der findet nachher den rechten Weg nicht mehr. So haben die Menschen in den geschlechtliche Dingen durch viel, viel Irrtümer eine Wirrnis geschaffen, in der nun mancher nicht ein und aus weiß. Er möchte fragen, den oder jenen: „Was ist's mit der Geschlechtlichkeit? Mit all den aufsteigenden Empfindungen, die mich quälen und freuen, die mir unruhige Stunden machen und bunte Bilder vorgaukeln?“
Aber wen soll er, ja, wen darf er fragen? Der Frage folgt Schweigen oder verlegenes Lächeln. Das Leben hat den Erwachsenen die Antwort schwer gemacht. Trübe Ereignisse und Reue verstellen der Wahrheit den Weg.
Aber wer in Gefahr war, sollte den Neuankommenden warnen. Wer strauchelte, sollte verhüten, daß auch der andere strauchelt. Darum ist es nicht gut, wenn du noch unbelehrt und ungewarnt bist.
Ich will niemandem einen Vorwurf machen, am allerwenigsten deinen Eltern oder deinen Lehrern. Sie haben dich gefördert, wie sie nur konnten. Aber dies Geschlechtliche, siehst du, nimmt in allen Dingen des Lebens eine Ausnahmestellung ein. Es schlummert in ihm – und darum auch in dir – etwas Gefährliches, das man durch Schweigen dämpfen möchte; denn niemand kann sagen, ob Glück oder Unglück daraus entspringt.
Ich aber meine, im Dunkeln sei kein Weg zu finden. Licht soll auf alle Lebenswege fallen. Darum will ich dir die Wahrheit sagen, will mit dir über ein paar Lebensfragen sprechen, damit dein Leben Halt und Festigkeit und Richtung bekommt. Und insbesondere will ich dir alle deine stummen Fragen beantworten, die scheu und geheimnisvoll-verlegen dem Geschlechtlichen entsteigen und neugierig das Geschlechtliche umflattern.
Hast du schon einmal darüber nachgedacht, welchen Sinn wohl das Leben haben könne? Ja, hast du versucht, die Lebenserscheinungen denkend zu einer Lebens-„Anschauung“, zu einem Lebensbild, zu vereinigen und dein eigenes Denken und Tun mit diesem Lebensbild in Einklang zu bringen?
Ich glaube nicht. Denn das Elternhaus hat dich treusorgend bewahrt. Den Tisch fandest du stets gedeckt, und manche Sorge ums Alltägliche und um das, was die nächsten Tage bringen werden, haben die Eltern dir ferngehalten und allein ihre Stunden damit ausgefüllt, während du lachen und scherzen oder schlafen konntest. Die Schule setzte dir fertiges Wissen vor. Du nahmst, was andere gedacht, und warst des eigenen, tieferen Denkens enthoben.
Nun aber trittst du ins Leben hinaus. Nun beginnt auch für dich der Kampf. Die Pflichten mehren sich, und der Tag ist nicht mehr fern, an dem auch deine Schultern tragen sollen, was ein Mensch zu tragen vermag. Und zeitweilig noch mehr. Da gilt es, Kräfte zu sparen und stark zu werden, um mutig und aufrecht den Lebensstürmen zu trotzen.
Es mag ein banges Zagen dich beschleichen, wenn du daran denkst, bald ganz auf dich allein gestellt zu sein. Du zweifelst, ob deine Kräfte ausreichen werden. Aber sei getrost! Nicht als ein Fertiger tritt der Mensch an seine Aufgaben heran, sondern die Pflicht steigert die Kraft. Alles in der Natur und im Leben ist ein Werden, ein Wachsen. Alles Leben ringt nach Vollendung und vollendet sich im Kampf. Der Starke triumphiert im Kampf, bleibt Sieger. Den Schwachen zerbricht das Leben.
Wohlan! Sei ein Starker! Fasse Mut, und freue dich der wachsenden Kraft! Kleine Widerstände geben dir Mut, dich an großen zu messen, und ehe ein paar Jahre ins Land gegangen, schaust du deinen Weg zurück und lachst der Zaghaftigkeit, die dich heute beschleicht.
Und da haben wir schon einen Blick aufs Ganze. Da sehen wir schon Richtung und Weg und Ziel, und langsam formt sich aus den Nebeln der Unreife und Unklarheit ein Lebensbild.
Schau um dich in der Natur! Roh und formlos ist der Anfang. Gott aber blies allem seinen „lebendigen Odem“ ein. Was heißt das? Das heißt, daß in die brodelnden Urgewalten das Gesetz der Entwicklung hineingeworfen wurde, daß eine unendliche Harmonisierung den Lauf des Lebens begleitet, daß alles, was in die Bahn des Lebens geworfen wird, um seines Daseins Kreise zu vollenden, dem Göttlichen sich entgegen entwickeln soll.
So gehörst du nicht dir selbst, du bist ein Teil des Weltgeschehens, bist eine von den zahllosen Formen, in denen die Natur das Leben neu erzeugt, und in dir schlummert der göttliche Funke, der dich zum Menschen macht, der Funke, der durch dein Leben zur Flamme angeblasen werden soll, die dich läutert. Dieser göttliche Funke ist dein Gewissen, ist das Menschheitsgewissen, jener oberste Richter über Gut und Böse, der Ewigkeitsgesetze geschrieben hat und heute wie vor Tausenden von Jahren herrscht.
Die Menschen leben um des Besten willen. Die Entwicklung geht den Weg des Guten; denn das Gute ist die Entwicklung. Das Schlechte stirbt in sich, weil es dem Gesetz der Entwicklung widerstrebt.
So siehst du, werden wir Menschen durch ein geheimnisvolles und gewaltiges Gesetz geführt. Dies Gesetz, der sittliche Grundgedanke, zeichnet der Entwicklung ihren Weg. Wer sich gegen dies Gesetz vergeht, sei es, daß er dem unkontrollierten Genuß des Augenblicks huldigt, oder im materiellen Vorteil das Gewissen schweigen heißt, der versündigt sich gegen die Majestät der Menschheit, und er fühlt den leisen Mahner in seinem Innern, der ihm sagt. „Das durftest du nicht tun.“ –
Diese Sauberkeit und Klarheit des Gewissens mußt du dir erhalten, denn damit hast du die nötige Festigkeit in dir, um jenen Hohlköpfen und Wichten zu begegnen, die ihr Leben auf sich selbst, und damit auf nichts, gestellt haben; denn sie sind nichts, und das „Ich“, das sie in ihrer Phrase vom „Sichausleben“ in den Vordergrund drängen, ist wie eine taube Nuß. Je weniger fest und stark das Leben im Innern ist, desto ruheloser und schwankender wird es nach außen. Darum gerade verfallen sie einem unruhevollen Geschlechtsgenuß und ertränken ihr Gewissen in Lärm und Alkohol und vielen Phrasen von „Individualität“ und „Männlichkeit“. Diese Worte aber sind nichts als Angst und sind ein Versuch, den Starken, der wie ein stiller Vorwurf neben ihnen herschreitet, aus dem Wege zu räumen, das heißt, durch philosophische Phrasen zu sich hinabzuzerren und für ihre eigene Hohlheit breitzuschlagen.
Wenn du diesen Menschen begegnest, so wehre dich gegen sie! Wenn sie dir sagen. „Der Mensch gehört sich selbst, und niemand ist Richter über ihn,“ so antworte ihnen: „Nein! das Leben ist ein Geschenk der Natur. Niemand ist auf sich selbst gestellt, niemand gehört sich selbst. Feine Fäden verbinden die Menschheit in Glück und Leid miteinander, und jede schlechte Tat vermehrt das Leid und das Unglück, jede gute Tat aber ist ein kleiner Schritt weiter auf dem Wege der Bereicherung und Verschönerung des Lebens.“
Tiefgreifende Besonderheiten haben von jeher die Menschheit in Rassen und Völker geschieden.
Du gehörst dem deutschen Volke an! Vergiß das nicht! Und vergiß nicht, wenn du das Wort „Deutsch“ sprichst, daß es nicht eben bloß ein Wort ist wie tausend andere, sondern daß es aus fernen Jahrtausenden zu uns herübertönt mit ehernem Klang, einer Fanfare gleich, die schmetternd zum Appell ruft.
Deutsch sein! Diesem Schlachtruf unterlagen die römischen Legionen in den finsteren germanischen Wäldern. Für diesen Begriff blutete Deutschland aus immer wieder frischen Wunden. Unter diesem Zeichen siegten wir und wurde unser Volk stark und groß. Deutsch sein! das ist nicht ein bloßes Wort, nein, das ist Blut und Mark und Saft von besonderer Art. Die Form des Kopfes, Farbe und Glanz des Auges, Empfindung, Denken und Tun: all das ist deutsch, ist anders als das der anderen Völker. Um dies Deutschsein haben Tausende auf rauchenden Schlachtfeldern gelitten und gestritten, Tausende haben sich in der Ferne in Sehnsucht nach der Heimat verzehrt, und Jubel und Jauchzen erfüllte ihre Brust, wenn sie an Rückkehr denken durften.
Deutsch sein! dafür haben wir vier Jahre lang dem Ansturm einer ganzen Welt standgehalten, bis das Aufgeben dieses Deutschseins uns die Waffen aus den Händen schlug, uns wehrlos machte, daß wir zusammen brachen.
Nun merke auf! Es gibt Menschen von fremder, heimatloser Art um dich und charakterlose Schwätzer, die deinen Rassen- und Volksbegriff leugnen und zerstören möchten. Sie setzen viel hohle Phrasen an die Stelle des greifbaren Volkstums. Laß dir dies Rassen- und Volksbewußtsein, diesen völkischen Stolz, nicht rauben! Schlage die Blätter der Weltgeschichte um! Blatt für Blatt erkennst du das gewaltige Ringen der Völker um ihre angestammte Art. Und du erkennst, daß nur dann ein Volk stark nach außen sein kann, wenn es zugleich stark nach innen ist, gesund und fest in seinem Kern und sittenstark. Die sittliche Kraft in einem Volke war stets auch seine politische Kraft. An der Sittenlosigkeit, in der geschlechtlichen Ausschweifung, gingen die Völker, die Staatengebilde zugrunde. Kennst du das Beispiel Roms? Lerne es fürchten! Weißt du, daß die morsche, sinnliche römische Kultur dem Ansturm Odoakers erlag, der mit den heldenhaften und sittenstrengen Söhnen der germanischen Wälder heranrückte? Lerne dies deutsche Volk um seiner großen Vergangenheit und seiner Tugenden willen lieben! Aber zugleich beobachte, daß der Sittenverfall auch bei uns sich ausbreitet, daß zerstörende Mächte an den alten, festen Grundlagen unserer Volksart tätig waren, und daß wir längst im Innern morsch waren, ehe die Übermacht der Feinde uns auf die Knie zwang.
Nun aber wollen wir wieder hochkommen, wollen wieder die Schmach von uns abwaschen, wollen unsere Kraft und unsere Ehre wiedergewinnen – und dazu muß jeder Einzelne bei sich selber anfangen. Sittliche Reinheit! so heißt der Wahlspruch.
Hier hast du ein zweites Lebensziel: Liebe dein Volk und lebe für dich so, wie du möchtest, daß das Ganze sei: stark und gesund und rein. Was nützen all die schönen Worte von Vaterland und Volk und Ruhm und Zukunft, wenn nicht jeder Einzelne sein Teil Verantwortung für das Ganze in sich trägt und danach lebt.
Dem politischen Ehrgeiz eines Volkes muß eine gesunde und sittliche Lebenshaltung die treibenden Kräfte geben. Darum ist es betrübend, zu sehen, wie Staatsmänner und Politiker starke Worte machen und heftige, erbitterte Parteikämpfe ausfechten, ohne doch der Notwendigkeit zu gedenken, daß all dies Mühen nur ein Tageserfolg ist, wenn er nicht aus der klug gepflegten Volkskraft dauernd gespeist werden kann. Eine zahlreiche, körperlich und sittlich starke Jugend ist der Lebensquell des Volkes, und dies Bewußtsein muß jeder junge Mensch in sich tragen.
Du siehst, auch hier gehörst du nicht dir selbst. Ein zweiter Wegzeiger ist in deinem Leben. Er zeigt auf dein Volk. Ihm gehörst du mit deiner ganzen Art, mit Leib und Seele, mit dem Wollen und Wünschen. Und darum muß dein Leben sich so gestalten, daß es deinem Volke nicht Schaden bringt.
Von der Volkseinheit und -Eigenart trennt sich die Einheit und Eigenart der Familie ab. Und hier erblüht dem Baume deutscher Art die schönste Blüte: das deutsche Familienleben. Wie ist es besungen worden, und wieviel schöne Erinnerungen an das Elternhaus tragen wir mit uns in das Leben hinein. Sorgende Liebe erfüllt die Räume. Milde und Strenge paaren sich, um die Buben und Mädchen zu bilden zu tüchtigen Menschen, damit sie einen Platz im Leben ausfüllen können. Und jeder von ihnen tritt in das Leben hinaus und wird und will wieder eine Familie gründen. Was er zu Hause Gutes sah, pflegt er weiter und verbindet's mit Neuem. Wohl ihm, wenn er nur Gutes sah, wenn recht viel gute Erinnerungen ihn begleiten. Was die Eltern Gutes an ihren Kindern gewollt, das müssen die Kinder zu erreichen trachten. Denn darin liegt ein Dank für die dahingegangenen Geschlechter und ein großes, starkes Versprechen an die kommenden. Die Eltern denken Gutes von dir, die Brüder und Schwestern tun es auch. Wie kannst du darum Schlechtes tun und dann ein schlimmes Geheimnis mit dir herumtragen, das zu verraten du kaum den Mut findest? Die Familie ist der Hort der guten Sitten. Ehre die Stätte, der du entstammst, und tue nichts, was nicht jeder wissen darf.
Zum dritten Mal stecke ich dir ein Lebensziel, zeige dir einen Maßstab und eine Grenze deines Tuns: deine Zugehörigkeit zur Familie. Zum dritten Male sage ich dir, daß du nicht dir selbst gehörst, sondern gebunden bist im Denken und Tun an die Gesamtheit, an die Familie, an das Volk, an die Menschen überhaupt. Dein Wohl ist das der anderen. Die Kraft und die Ehre der Gesamtheit liegen für dein Teil in deiner Hand.
Du wirst mir entgegenhalten. „Bin ich, ich selbst, denn gar nichts, daß ich nur aufgehen soll im Ganzen? Daß ich immer nur an die anderen denken soll?“
Ja, du bist, und dein „Ich“ soll stark und stolz dir zum Bewußtsein kommen. Nicht niederdrücken, schwach und zage machen soll dich deine Zusammengehörigkeit zur Familie, zu Volk und Menschheit, nein, aufrecht und freudig sollst du es empfinden; denn in dir verkörpert sich die Familie, in deiner Art erkenne ich ihre Art, in dir lebt die Art des ganzen Volkes, in dir glüht der heilige Funke der Menschheit. Das Leben drängt sich immer wieder, um neu zu erblühen, in eine enge Form, das ist der persönliche Mensch, das Individuum. Der persönliche Mensch ist die höchste Steigerung der Natur, ist der höchste Wille der Schöpfung.
Dieser persönliche Mensch muß frei sein. Damit meine ich nicht jene rohe Freiheit, die sich hinwegsetzt über gesetzliche und gesellschaftliche Schranken. Das ist Willkür und rohes Triebleben. Diese rücksichtslose Freiheit, die da glaubt, alles tun zu dürfen, was ihr in die Sinne steigt, ist doch nur bemitleidenswerte Gebundenheit an die Tiernatur. Ich meine vielmehr jene sittliche Freiheit, die mit einem geschlossenen Willen sich der Gedankenlosigkeit der Menge entgegenstemmt. Die Freiheit, in der im Gehorsam gegen selbstdiktierte sittliche Gesetze der Mensch triumphiert. Diese Überlegenheit über die Gedankenlosigkeit, das stumpfe Triebleben, die oberflächliche Genußsucht anderer, ist wahrhaftig Freiheit, eine Freiheit, die in wichtigen Lebensfragen nur sich selbst befiehlt und gehorcht, keinem andern, am allerwenigsten der Menge. Der Geist muß wach bleiben und muß mit heller, scharfer Kritik über die Regungen der Sinne wachen. Der Gedankenlose verliert sich an die stumpfen und dumpfen Triebe der Menge. Er glaubt dann Freiheit gefunden zu haben und verlor doch nur sein „Ich“, seine Persönlichkeit. Du siehst also, daß das „Ich“ nur triumphiert, wenn es sich selbst Gesetze gibt. Darum darfst du nicht aufgehen in der Menge, die dich hinabzieht, sondern mußt jenen Größten nacheifern, in denen unseres Volkes Art sich am reinsten verkörperte. „Die Menschen leben um des Größten willen,“ sagt Carlyle. In ihnen glüht der göttliche Funke des Menschentums am stärksten. Hast du Vorbilder, so gehst du mit deinem Wollen auf in der Menschheit, im Volk, in der Familie. Du hast damit starke und große Ideale in dein Leben hineingestellt, und diese Ideale werden dich erziehen. So, siehst du, ist das ausgeprägte „Ich“, ist der persönliche Mensch, der höchste Wille zum Guten. Indem du stolz dein „Ich“ erhebst, beugst du dich unter das große Entwicklungsgesetz der Menschheit.
Alles Leben hat nur eine Quelle: die Fortpflanzung. Und sie ist umwoben und durchflochten von der Liebe, von jenem wunderbaren Empfindungsgewoge, das unser Leben schön und glücklich macht; oder auch häßlich und traurig und unglücklich. Wie man's lebt.
Die Natur schuf zwei Geschlechter. Und an dem Gegensatz zwischen männlicher und weiblicher Art erkennst du, wie unbeholfen und roh die Auffassung derer ist, die das Geschlecht nur als etwas Körperliches sehen, die beim Worte „Geschlecht“ nur an Geschlechtsorgane denken. Schon beim Spiel der Kinder unterscheidet sich der wilde Wagemut des Knaben von der stilleren Art der Mädchen. Das ist wie ein Symbol fürs ganze Leben. Das Geschlechtliche wurzelt tief in der Seele, und du darfst es nicht so ohnehin als das bloß Sinnliche auffassen. Denn es ist mit dem ganzen Körper, mit allen Sinnen, mit dem Denken und Fühlen innig verwebt und verschmolzen. Der Mann denkt, fühlt, urteilt, handelt anders als die Frau. Das eben ist der tiefgreifende Geschlechtsunterschied zwischen beiden, der jedem eine andere Stellung in der Natur und in der Welt und darum auch eine andere Gefühlswelt gibt.
In Mann und Weib verschmilzt das geheimnisvoll-ewige Sehnen der Menschheit nach Vollendung. Denn jedes der beiden Geschlechter birgt eine Hälfte menschlicher Eigenschaften in sich. Der Mann Kraft, Mut, Wille, Entschluß, Edelmut, Ritterlichkeit; das Weib Milde, Sanftmut, Mutterliebe, Gefühlstiefe; beide aber Treue, Schamhaftigkeit, Ehrgefühl. Das eine Geschlecht sehnt sich nach dem andern, um zu gewinnen, was es nicht hat, sich so zu ergänzen, zu vervollkommnen. Dieser tiefe Lebenswille der Natur lebt in beiden, und der Fortpflanzung entsteigt das Kind als eine höhere Entwicklungsstufe. Es ist auch wieder entweder männlich oder weiblich, aber es trägt von beiden Eltern ein Teil in sich. Ein gutes oder ein schlechtes, je nachdem, was das stärkere war.
In der Geschlechtlichkeit, in der Zeugung, erhebt sich der Mensch zur höchsten Bedeutung. Er selbst wird ein Schöpfer, wird ein Neugestalter des Lebens. Was Menschheit, Volk und Familie ihm gegeben haben: Leben, Kraft, Gesundheit, Menschenwürde, das gibt er einem von ihm in Liebe erzeugten Wesen wieder. Darin liegt ein Teil Unsterblichkeit.
Es gab eine Zeit, da erzählte man dir vom Storch, der die kleinen Kinder bringe und sie aus dem Brunnen oder einem großen Teich hole. Ja, ja, aus dem großen Meer der Schöpfung sind sie ja gekommen; aber es war nicht jener Verlegenheitsstorch der Fabel, der sie brachte, sondern die Liebe, die geschlechtliche Verbindung deiner Eltern, die den Werdekeim entfachte. So wie die Natur für alles in unserem Tun ein bestimmtes Organ, ein Körperglied mit einem besonderen Zweck, schuf, wie sie uns zum Gehen Beine und Füße, zum Greifen Arme und Hände, zum Sehen die Augen, zum Kauen die Zähne gab, so verlieh sie auch dem gewaltigen Sehnen nach Liebe und Zeugung, das die Menschen in sich tragen, bestimmte Organe, durch die der Wille der Natur und das Liebesgefühl der Menschen einen körperlichen Ausdruck finden kann. Diese Geschlechtsorgane sind bei Mann und Frau ganz verschieden. Sie liegen teils außerhalb, teils innerhalb der Leibeshöhle, teils sind es Brutstätten, Werkstätten für die Erzeugung der Keimzellen, teils Wege, diese Keimzellen zum Ausstoßen und zur Vereinigung zu bringen. Beim weiblichen Organismus liegen in der Leibeshöhle die sogenannten Ovarien, die Eierstöcke, in denen während einer Fruchtbarkeitszeit von etwa 30 Jahren rund 400 Eichen (das ist allmonatlich eins) reifen und ausgestoßen werden. Beim Manne wird der Samen in den beiden Hoden bereitet, aber nicht nur 400 Samenzellen, sondern viele Millionen. Die Geschlechtserregung nun, die den erwachsenen Menschen von Zeit zu Zeit ergreift, läßt alle Empfindung in die Geschlechtsorgane strahlen. Alle Wünsche schweigen. Alle Kräfte von Körper und Seele beugen sich dem großen Zeugungswillen der Natur und konzentrieren sich im Zeugungsakt. Die Geschlechtsorgane vereinigen sich, und die männlichen Samenzellen werden ausgestoßen in die weiblichen Organe und suchen in großer Zahl das weibliche Ei. Aber nur die stärkste Samenzelle, die die größte Kraft und Lebensenergie hat, erreicht – allen anderen voraus – die Eizelle, durchbohrt sie, und die Befruchtung ist geschehen. Jeder weiteren Samenzelle ist dann der Eintritt verwehrt.
Hier sehen wir im kleinen und doch so gewaltig-großen Zeugungswunder, daß das Leben sich immer nur aus der verhältnismäßig größten Kraft aufbaut, daß darum der Stärkste und Beste das größte Recht auf Leben und Zeugung besitzt. Der Kampf der Samenzelle um die Eizelle ist wie eine Darstellung des menschlichen Lebenskampfes.
Obwohl das alles so natürlich, so groß und schön ist, hat man dir die Wahrheit nicht sagen wollen, ist alle Welt mit der Geschichte vom Storch, mit Unsicherheit und Verlegenheit, um dich herumgegangen. Warum? wirst du fragen.
Das hat zweierlei Gründe, einen guten und einen schlimmen. Der gute liegt in der Sache selbst. Das Geschlechtsempfinden gehört nicht dem lauten Lärm des Alltags. Der feinfühlende Mensch wird das, was in Schönheit und geheimnisvoller Spannung in seinem Innern aufkeimt, was ihm das Herz zum Springen füllt, und was so viel Sehnsucht in ihm reifen läßt, er wird das alles nicht mit nüchternem, lautem Wort in den Kreis der alltäglichen Dinge ziehen. Dies Geschlechtsempfinden, das soviel ganz Persönliches, soviel unaussprechlich Feines und Zartes in sich birgt, wird dem feinfühligen Menschen sein Allerheiligstes sein, das er der Welt und der Neugierde anderer verbirgt. Darum ist das Geheimnisvolle im Geschlechtsleben eben gerade das Menschliche, die ästhetische Verfeinerung eines im Anfang rohen und wilden Triebes. Diese ästhetisch-geheimnisvolle Umschleierung ist unlösbar mit unserem Glücksbestand verbunden; denn das Geschlechtliche, das zugleich Urgewalt und feinste Kulturblüte ist, enthüllt so sehr das innerst Persönliche eines Menschen, daß es sich nur schwer in Worte fassen läßt. Zwischen starken Empfindungen und ruhig-erklärenden Worten liegt immer ein Widerstreit. Darum rang man nach Worten, um dir die Wahrheit über das Geschlechtliche zu sagen, und schließlich fand man die Worte nicht und darum auch nicht den Mut.
Der andere und schlimmere Grund aber ist der, daß der Geschlechtstrieb in der Allgemeinheit des Volkes überstark und krankhaft geworden ist und sich nun dem Leben und der Persönlichkeit als etwas Feindseliges entgegenstellt. Man fürchtet, ihn durch Belehrung zu wecken, und glaubt, ihn durch Schweigen im Zaume zu halten. Das ist ein Irrtum.
Der große und manchmal so hoffnungslose und traurige Kampf mit dem krankhaft gesteigerten Geschlechtstrieb brachte die tiefe Zweiteilung von „Fleisch“ und „Geist“. Die Sinnlichkeit wurde „Sünde“ genannt. Und sie ist doch nur Natur. Dieses feindselige Denken gegen die Geschlechtlichkeit hat die Prüderei geboren, die ängstlich darüber wacht, daß auch nicht eine Silbe über diese Dinge gesprochen werde, und die doch weiß, daß viel Häßliches geschieht.
Es ist nicht gut, etwas, was in der Natur liegt, für unnatürlich und „sündig“ zu halten; denn damit geraten wir in Zweifel. Und wenn dieses Etwas dann als ein starker Trieb in uns Menschen groß wird, das mit unserem Wesen, unserem Charakter sich verbindet und zuzeiten uns ganz allein auszufüllen scheint, so ist es richtiger, einen festen, klaren Blick dem Geschlechtlichen gegenüber zu behalten, um es zu beherrschen und zu bemeistern, nicht aber ängstlich, prüde und verlegen zu sein, den Trieb für tierisch zu halten und dadurch von einem Konflikt in den andern zu stürzen. Schließe dich nicht dieser unwahren, lebensfeindlichen Denkart an, sondern erkenne im Geschlechtstrieb die Quelle alles Empfindungslebens, erkenne ihn als die Grundmauer des Lebens und die treibende Kraft aller Entwicklung. Sage nicht, daß er tierisch und häßlich und sündig sei, sondern daß durch ihn der Mensch erst wahrhaft Mensch wird, daß durch ihn der göttliche Wille des Schöpfers in jeden einzelnen Menschen gelegt worden ist, und daß gerade im Liebesgefühl und im Liebesleben der Reichtum der Menschennatur sich entfaltet, so wie im Blütensegen des Frühlings die Natur in ihrer Schöpferkraft jubelt.
Verstehe mich nicht falsch! Du sollst dem Geschlechtstrieb stark und ehrlich und mutvoll gerade ins Auge sehen. Sollst ihn erkennen als das Schöpfungswunder der Natur und als die in dich selbst gelegte Schöpferkraft, mit der du dem Willen der Natur dienen sollst. Aber darum darfst du nicht sagen: „Dieser Trieb ist mein Recht! Habt ihr prüde jedes Wort von ihm vermieden, so ist er doch in mir emporgewachsen, und nun lebt er in mir, und ich will und darf ihn betätigen.“
Schau um dich in der Natur! Auch die jungen Bäume treiben Blüten, aber sie tragen noch keine Frucht. In der Natur herrscht ruhige und langsame Entwicklung; denn nur die Ruhe ist Kraft. Alles vorschnell Entwickelte trägt schon den Verfall in sich. Wenn im Geschlechtlichen das Leben sich aufbaut, dann muß auch gerade das Geschlechtliche den Zerfall bringen, wenn es dem Mißbrauch entgegentreibt.
Das ist die große Wunde am Leben der Völker: der Geschlechtsmißbrauch! Daran sind sie zugrunde gegangen, die Kulturvölker des Altertums, und das ist es, was heute noch die Völker zerstört: die Vergeudung der Geschlechtskraft!
Denn Geschlechtskraft ist Lebenskraft! Wer das eine verschwendet, der zerstört das andere. Aus dem Geschlechtsmißbrauch kam die Degeneration in die Völker. Die Geschlechtlichkeit, die der Kraft und dem Aufstieg des Lebens dienen sollte, wurde dem Menschen zum Verhängnis, ja zum Fluch. Die Sünden der Väter wurden heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.
Von allen Lebewesen ist der Mensch das einzige, dessen Geschlechtstrieb unter die Herrschaft der Vernunft gestellt wurde. Indes:
„Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Um tierischer als jedes Tier zu sein!“
Gerade die ideale Verbindung des Körperlich-Sinnlichen mit der Gesamtheit geistigen Lebens, eine Verbindung, die so viel Schönheit und so viel Möglichkeiten kluger Beherrschung und sittlicher Gesetze in sich birgt, ist verhängnisvoll geworden; denn das Geistige (Gedanke, Empfindung, Vorstellung, Kunst) wird zum Einfallstor des Sinnlichen, und bei gar zu vielen liegt die Vernunft in ewiger Fehde mit dem sinnlichen Trieb.
Das ist es, was so viel schwüles Schweigen erzeugt: Die lüstern lockende Geschlechtsempfindung im Innern, mit der man ringt, und das böse Gewissen, die trübe Erinnerung an vieles, was nicht gut war.
Aber soll das weiter und immer so bleiben? Sollen wir ruhig danebenstehen, wenn starke und mannhafte Geschlechter im Geschlechtsirrtum ihre Kraft verlieren? Wenn wir sehen, daß junge Menschen durch krankhafte Erregungen zur Erschöpfung getrieben werden?
Alle Welt kennt das große und traurige Geheimnis, das junge Menschen mit sich herumtragen, das drückende Geheimnis der Geschlechtsverirrung, der Onanie. Nur ganz wenigen ist der Sinn frei davon geblieben, und diese kennen nicht den bitteren Kampf, den der sittliche Wille mit dem Triebe führt, der sich quälend und entnervend im Körper und in den Sinnen breit gemacht hat. Immer wieder rafft man allen Willen zusammen, immer wieder bäumt sich der Stolz auf, und man sagt „Ich will nicht“, aber so oft ist dieser Trieb der Stärkere. Es ist wie ein Ringen um die Oberherrschaft. Je schwächer das Nervensystem und je nachgiebiger und schlaffer das Denken, desto mehr reißt der sinnliche Trieb die Oberherrschaft an sich.
Ein offenes, freies Wort würde den Kampf mildern, ein Freund, ein Vertrauter, dem man von sich in diesen Dingen sprechen kann, würde die seelische Bedrücktheit verscheuchen und den Mut heben können. Aber alle jungen Menschen sind ratlos, tragen ihr Geheimnis weiter mit sich herum und – verfallen weiter in der Einsamkeit dem wühlenden sinnlichen Trieb.
Dies traurige Schauspiel muß vor allen Dingen der Einsamkeit und dem Schweigen entrissen werden. Man muß darüber sprechen, deutlich und ernsthaft, damit der Vergeudung der Lebenssäfte Hemmnisse in den Weg gelegt werden, damit die geschwächten Körper wieder frischer und gesunder, der Wille wieder zuversichtlicher, der Mut wieder froher und das Auge wieder klarer wird. Es soll alles aus dem Leben heraus, worüber man sich schämen muß.
Die Onanie tritt oft schon in sehr frühem Alter auf. Desto gefährlicher ist sie. Dann handelt es sich aber um einen Organismus, der wahrscheinlich erblich geschwächt ist, eine „nervöse Anlage“ hat.
Solch ein geschwächter Organismus ist ungemein empfänglich für alles Sinnliche. Worte, Bilder, die auf das Erotische Bezug haben, sind wie ein Feuerfunken in einen Strohhaufen. Ja, wie mit einem schwülen Drang wird aus allen Gesprächen, aus Bildern und Büchern das Geschlechtliche hervorgesucht. Diese grüblerisch-ungesunde Art raubt dem Betreffenden viel frischen Sinn für das Wirkliche, viel Arbeitskraft und Lebensfreude. Immer lenkt das Geschlechtliche seinen Blick ab, und es ist nicht jeder unter den jungen Menschen stark genug, sich frisch loszureißen von der schwächlich-lüsternen Phantasiearbeit.
Gehirn und Zeugungsorgane scheinen sich da in einem schwächlichen und verderblichen Reizabhängigkeitsverhältnis voneinander zu befinden. Und oft ist es so, daß die Betreffenden von sinnlichen Bildern geradezu verfolgt werden, daß sie harmlosen Worten eine sinnliche Bedeutung geben, daß sie ein angeschautes Bildwerk oder eine Plastik zu sinnlichen Vorstellungen gebrauchen, daß sich in die Lektüre, in das Studium, in das Anhören eines Vortrages oder namentlich der Musik ein bestimmtes erotisches Bild einschiebt, von dem sie nur schwer wieder loskommen. Gewisse angeborene Neigungen, die sich am Gesicht oft erkennen lassen, spielen hier eine Rolle. Das ganze Leben scheint da in die fieberhafte Geschlechtserregung hineingezogen zu werden, und die Gefahr der Selbstbefleckung rückt immer näher.
Nicht lange dauert es, dann kommt es zu Berührungen der Geschlechtsteile, in denen diese Empfindungen sich konzentrieren. Durch diese Berührungen und Bewegungen kommt es zum krampfhaften, konvulsivischen Höhepunkt geschlechtlicher Erregung, und zum ersten Male findet beim Knaben ein Verlust von Samenflüssigkeit, beim Mädchen eine starke Absonderung gewisser Drüsen statt.
Warum hat dir bisher niemand die Gefahr gezeigt? Warum antwortete man deiner stummen Frage nicht und gab dir Anlaß, dich mit deinen Bekannten oder mit anderen insgeheim über diese Dinge zu besprechen? Und wie es so oft vorkommt, kam's vielleicht da zur Verführung. Ältere Schulkameraden oder häßlich denkende andere Menschen, Dienstboten, Arbeitsgenossen usw. vergnügen sich oft damit, in den jüngeren den geschlechtlichen Sinn zu wecken. Wenn's eine Strafe für sie gäbe, könnte sie nicht scharf genug sein.
Gar zu viele wissen davon zu berichten, daß in der Jugend die Dienstboten für sie die Lehrer dieser geheimen Fehler gewesen sind, und sie fühlen es ganz genau, welch ein Maß von Kraft sie dabei eingebüßt haben. Die besonderen Brutstätten dieser geheimen Verfehlungen aber sind die Schulen. Und man sieht, wie das Übel sich in den Klassen forterbt, wie es von einem frivolen Schüler, einer Schülerin, durch Verführung auf die anderen übergehen kann. Ja, die jüngeren denken sich nicht einmal was dabei, wenn die älteren sie dazu verleiten, an versteckten Orten mit den Geschlechtsorganen zu spielen, bis dann der geweckte Trieb sich schwer wieder eindämmen läßt und die Erregungen zur willkürlichen Gewohnheit werden. Das trübe, schlaffe, verlegene Aussehen, der unreine Teint vieler Kinder sollten Eltern und Lehrer darüber belehren, wie dieses Übel der Selbstbefleckung gerade in den Schülerjahren und in den Schulen ausgebreitet ist.
Hüte dich, mit deinesgleichen oder überhaupt mit anderen über das Geschlechtliche zu sprechen, wenn du nicht weißt, daß sie dir wohlwollen.
Und meide alle jene lüsternen, schmutzigen Unterhaltungen, die sich nur um das Geschlechtliche bewegen. In Schulen, Internaten, Seminaren sind die Gespräche der Schüler, wenn sie allein sind, oft von beschämender und empörender Häßlichkeit, und man kann es kaum fassen, wie das Schamgefühl so weit erstickt werden konnte. Die Lüsternheit verzerrt die Mienen, und die Unsauberkeit des Denkens weicht oft nicht mehr von dem Gesicht. Halte deine Phantasie rein von schmutzigen Vorstellungen, dein Denken gesund! Weise die leichtsinnigen Zungen ernst und überlegen zurück und stelle eine geistige Scheidewand zwischen dich und sie! Beschäftige dich auch nicht mit sinnlich erregender Lektüre oder lüsternen Bildern, die oft geheimnisvoll unter den Schülern und Schülerinnen verbreitet werden.
Wenn Eltern wüßten, in welch eine sinnlich schwüle Atmosphäre sich Kinder verirren, sie würden offenere Augen haben und die Gefahren abzulenken suchen, ehe es zu spät ist.
Die Reue über das Falsche und Schädliche, was man getan, läßt die Erinnerung daran wachbleiben.
Und es ist zu beobachten, daß wohl alle jungen Menschen Scham empfinden. Die fröhliche Offenheit, mit der sie sonst alles Tun vollziehen, macht vor ihren sinnlichen Fehlern halt; denn hier sagt schon ohne alle äußerliche Belehrung der natürliche Instinkt, daß man Unrechtes tut, und diese geheimnisvolle Triebverirrung sucht stets ein Versteck. Ja, das Bewußtsein des Unrechttuns ist so lebendig, daß bei den jungen Menschen oftmals das schlechte Gewissen sich in dem scheuen Blick kundgibt, der nichts mehr hat von der reinen, unschuldigen Natürlichkeit eines Kinderauges. Sie glauben sich beobachtet und in ihrem geheimen Treiben erkannt und werden deshalb oft verwirrt und untauglich für gesellschaftlichen Umgang. Sie lieben es, allein zu sein, zu grübeln, weil sie mit der Geschlechtskraft zugleich jene antreibenden Kräfte erschöpfen, welche einen jungen Menschen in das Leben hinaustreiben und seine sozialen Fähigkeiten entwickeln.
So ist aus der Erschöpfung der in sozialer Hinsicht antreibend wirkenden Geschlechtskraft durchaus jene geistige und gesellschaftliche Unfreiheit zu erklären, die den richtigen Onanisten oft durch das ganze Leben hindurch verfolgt. In gesunder Geschlechtskraft liegen die Wurzeln zu sozialer Entwicklung. Der Verlust der Lebenssäfte untergräbt die Energie, und das drückende Bewußtsein des geheimen geschlechtlichen Unrechts prägt sich störend und hemmend der Persönlichkeit und dem ganzen Auftreten der Betreffenden auf. Je fester aber diese einsame Triebverirrung den jungen Menschen umklammert, desto schwerer wird es, von der unsauberen Gewohnheit zu lassen.
Je häufiger ein menschlicher Trieb rein körperlich und losgelöst von seinen geistigen Beziehungen betätigt wird, desto mehr sinkt er ins Körperliche hinab und verliert seine geistige Beherrschung.
Immer wieder triumphiert der dumpfe, schwüle Geschlechtsdrang über den sittlichen Willen, und jede Niederlage schwächt den Glauben an die eigene sittliche Kraft, zumal jeder einzelne Akt der Onanie die allgemeine Kraft verringert und die nervös-geschlechtliche Erregbarkeit vermehrt. Dann sieht es oft verworren und trostlos im Innern solcher Menschen aus. Und mancher hat schon vor mir gestanden mit tränendem Auge und zuckendem Munde, weil die Scham über seine Schwäche ihm namenlose Qual verursachte.
Der Onanist träumt sich selbst in die Gewalt der sinnlichen Empfindung hinein und treibt dadurch jedesmal wieder seinem Fehler entgegen. Und doch wäre es ratsamer, wenn er sich vorher jenen Zustand von Mattigkeit, herabgesetzter Spannung, schwächerer Atmung und Herztätigkeit, Reue und sittlichem Elend vorstellen wollte, der dem Samenverlust folgt. Dies Bild wäre wohl imstande, seine sinnliche Erregung zu verdrängen.
Man muß die Gefahr in ihrem ganzen Umfange kennen, wenn man ihr überlegen begegnen will. Darum will ich dir vorerst einmal sagen, welchen Schaden diese krankhafte Erregung mit dem Samenverlust bringt. Ich will nicht übertreiben; denn deine einsamen Verirrungen haben dir Sorge und Angst genug gemacht. Und ich warne dich vor jenen albernen und dummen Büchern, die dir das Gespenst eines schrecklichen körperlichen und geistigen Verfalls vor die Augen malen. Gerade die übertriebenen Schreckbilder haben schon viel Schaden angerichtet. Ich will die Wahrheit über die Folgen nicht übertreiben; aber du sollst die Wahrheit auch nicht fürchten. Also höre!
Die einmalige Onanie ist von einer starken Erregung begleitet, die alles Leben rascher in dir antreibt. Die Pulse fiebern, das Gesicht rötet sich, der ganze Körper ist angespannt und wird von dieser einen verzehrenden Empfindung beherrscht. Es gibt aber ein Gesetz in der Natur und im Organismus, daß jeder Kraftsteigerung ein Nachlassen der Kraft, jeder Erregung eine Erschlaffung folgt. So auch hier. Und diese Erschlaffung zeigt sich auch äußerlich, je mehr die Onanie sich wiederholt, in blassem Aussehen oder bei gutem Aussehen in merkwürdiger Unreinheit der Gesichtsfarbe, in dunklen Ringen unter den Augen, in dem Erscheinen von Pickeln auf der Stirn, in schwitzenden Händen und oft in gestörter Verdauung.
Es ist leicht einzusehen, daß ein Schaden, dem jugendlichen Organismus zugefügt und in die Wachstumsjahre fallend, weit nachteiliger sein muß, als wenn er in reiferem Alter einen festen und kräftigen Körper trifft. Dies ist der Fall bei den sinnlichen Fehlern der Jugend, deren größte Gefahr eben in der frühzeitigen, unbehinderten und häufigen Ausübung liegt. Denn es gibt viele Knaben und Mädchen, die dem Übel der Selbstbefleckung längere Zeit hindurch mehrmals am Tage verfallen.
Der Organismus zieht aber alle Reservekräfte heran, um dem Schaden zu begegnen. Er überwindet ihn einmal, zweimal, zehnmal und noch öfter. Der starke Erregungsvorgang setzt sich aber schließlich im ganzen Nervensystem fest. Denn das Nervensystem ist dasjenige Organ, das alle diese Vorgänge vermittelt. Die Erregung wird also bleibend, wird zu einer besonderen Eigentümlichkeit des ganzen Menschen. Eine Zeitlang ist das Leben dann von besonders kraftvollem Ausdruck, körperlich und geistig herrscht Hochspannung. Das ist in den zwanziger Lebensjahren, und viele meinen da, die Onanie habe ihnen nichts geschadet, weil sie womöglich gut aussehen und keine Klage über mangelhafte Gesundheit zu führen haben. Trotzdem sie vielleicht gerade noch in dieser Zeit häufiger onanieren.
Aber gemach! Es ist immer oberflächlich, die Dinge nur so zu beurteilen, wie sie im Augenblick erscheinen. Es gibt keinen festen Punkt in der Natur und im Leben, alles ist ein Werden oder Vergehen. Nicht eine Sekunde steht das Leben still.
Auch hier schreitet es weiter, aber nicht mehr aufwärts, sondern abwärts. Es beginnt die Erschlaffung, der Kraftverlust.
Wie ist das zu erklären?
Kennst du ein elektrisches Element? Das ist ein Gefäß, das verschiedenartige chemische Stoffe enthält, durch die der elektrische Strom erzeugt wird, den dann der metallische Draht an seinen Verbrauchsort leitet. So ist es mit der Kraft im Körper, der Lebenskraft. Sie entsteht und wird frei in der chemischen Umwandlung des Körperstoffes. Wir können also sagen, Lebenskraft sei tierische Gewebselektrizität.
Speisest du mit den elektrischen Elementen etwa eine Klingelanlage oder sonst einen elektrischen Betrieb, so bedeutet jeder Gebrauch eine elektrische Entladung, also eine vorübergehende Erschöpfung der Elemente. Das Element, also die Brutstätte des Kraftstromes, sammelt in der Ruhe wieder die notwendige Kraft. Wird es aber überstark, ohne genügende Zwischenpausen, also mißbräuchlich benutzt, so erschöpft sich das Element vollkommen, wird also zerstört, unbrauchbar.
Genau so ist es im Körper, der auch ein Element, eine allgemeine Brutstätte für Lebenskraft ist. Die in den Geweben erzeugte Elektrizität wird als Kraft durch das Nervensystem allen Teilen des Körpers zugeführt. Die Onanie bringt eine Steigerung der gesamten Lebenstätigkeit, eine schnellere Entwicklung, etwa so wie man Pflanzen durch die schwüle Treibhaushitze zu schnellerem Wachstum, aber auch zu schnellerem Verblühen bringt. Infolgedessen wird zwar im Körper Kraft verbraucht, aber auch rascher neu erzeugt, weil der junge, in der aufsteigenden Entwicklung stehende Körper sich wie ein Akkumulator immer wieder mit neu erzeugter Kraft ladet. Schließlich aber erschöpft sich die Brutstätte und erschöpft sich das Krafthauptlager, als das wir das zentrale Nervensystem – Rückenmark und Gehirn – erkennen.
Die Geschlechtsorgane sind eine Stätte für elektrische Entladungen. Und sicher ist, daß beim normalen Zeugungsvorgang zwischen Mann und Weib eine Stromübertragung stattfindet, die bei der Befruchtung und für dieselbe eine große Rolle spielt. Mann und Weib sind Gegenpole, auch im rein elektrischen Sinne aufgefaßt. Der Stromentladung folgt eine Ladung von seiten des Gegenpols. Dem Kraftverlust folgt ein Zustrom an Kraft, und dieser Vorgang fehlt bei der Onanie gänzlich. Sie ist nur und ausschließlich Entladung, nur Kraftverlust. Und wenn auch der junge Körper eine Zeitlang immer wieder den Ausgleich schafft, so vermag doch – namentlich wenn die Onanie zu häufig ausgeübt wird – der Körperakkumulator sich nicht wieder genügend und völlig zu laden. Der Kraftstrom wird immer geringer. Die Kraft schwindet, und die chronische, also dauernde Schwäche schleicht heran und breitet sich im ganzen Organismus aus. Im Nervensystem zeigt sich dieser Zustand in der Veränderung der Marksubstanz. Das Nervenmark verliert seine Geschmeidigkeit und gleichmäßige Verteilung. Und weil es gewissermaßen den Strahlpunkt und den Kernstoff des Lebens bildet, so kann man wohl verstehen, daß das Leben selber, nun, wenn es seinen gar zu frühzeitigen Höhepunkt überschritten hat, langsam zurückgeht.
Nun haben alle Tätigkeitsgruppen des Organismus im Gehirn und im Rückenmark ihre ganz bestimmte Lagerung. Mit diesem Teile steht die Atmung und die ganze Lungentätigkeit in Verbindung, mit jenem Teil das Herz, mit einem dritten die Haut, und so fort.
Die Fortpflanzungstätigkeit hat zum großen Teil ihren Strahlpunkt im mittleren (Kreuz-) Teil des Rückenmarks. An den Kreuzschmerzen nach geschlechtlichen Ausschweifungen und bei Geschlechtskrankheiten ist das sehr wohl zu erkennen. Der Grenzbezirk der Geschlechtlichkeit im Rückenmark ist aber nur sehr schwer zu trennen von demjenigen der Verdauungs- (Magen- und Darm-) Tätigkeit. Und diese Tatsache ist einerseits sehr folgenschwer für den Geschlechtsmißbrauch, andrerseits aber ein klarer Beweis für die Richtigkeit der von Dr. Damm aufgestellten Behauptung, daß der Geschlechtsmißbrauch weit mehr als alle anderen Schäden als die Hauptursache der Degeneration, d. h. des dauernden Kraftverlustes, anzusehen ist. Das gilt für den einzelnen Menschen genau so wie für das ganze Volk.
In der Tat macht sich der Kraftverlust meist zuerst in Störungen der Magen- und Darmtätigkeit bemerkbar. Und die geschwächte Verdauungstätigkeit ist so bezeichnend für das Gesamtbild onanistischer Folgen, daß wir außer der nervösen Schwächung durch den krankhaften Geschlechtsreiz auch eine auf gleicher Ursache beruhende Verminderung der inneren Ausscheidung annehmen müssen. Denn das Nervensystem bringt alle Teile des Organismus zueinander in rege Beziehung, und wenn die krankhafte Geschlechtserregung sich eine Zeitlang dem ganzen Körper mitgeteilt hat, dann tritt in allen Teilen eine gewisse Erschöpfung ein.
Der Magen wird schwach und zeigt Reizbarkeit und eine Art von Launenhaftigkeit, die sich in Merkwürdigkeiten des Appetits äußert. Zeitweilig schwindet der Appetit, zeitweilig aber auch tritt er heftiger hervor, und man vermag zu beobachten, daß mancher geschlechtlich ausschweifende Mensch einen auffallend gesteigerten Appetit hat. Es scheint dann, als wolle die Natur den Verlust wieder ersetzen. Aber da durch eine Herabsetzung der inneren Absonderungen die aufbauende Kraft vermindert ist, so kann die Nahrung nicht „anschlagen“. Trotz guter Ernährung findet sich dann ein Gefühl der Schwäche, der Mattigkeit und Erschöpfung ein, was oft durch das ganze fernere Leben hindurchgeht und oft allein vom Magen seinen Ausgang nimmt.
Auch Darmstörungen, meist Trägheit und Verstopfung, sind bezeichnende Folgen geschlechtlichen Mißbrauchs, und mancher Verdauungsneurastheniker wird gestehen müssen, daß in oder nach den Jahren der Onanie seine Verdauungsbeschwerden und seine Mattigkeit begannen.
Darunter leidet natürlich bald die Ernährung und der Neuaufbau des Körpers, ebenso die Blutbildung und das gute Aussehen.
Die Herz- und Muskelkraft und das Muskelgewebe erleiden eine Einbuße, und die Freudigkeit an der Körperarbeit, an Gymnastik, Sport und Spiel läßt nach.
Es ist wohl zu verstehen, warum gerade ein Organ, wie das Herz, das an allen Erregungen des Körpers und der Sinne direkten und unmittelbaren Anteil nimmt, durch häufige und starke Geschlechtserregungen besonders erschöpft werden muß. In der Tat treten oft schon nach den zwanziger Jahren nervöse Herzbeschwerden auf, zunächst als beschleunigter, oft ganz heftiger, beängstigender Herzschlag sich zeigend, während später eine gewisse Herzschwäche sich einstellen kann.
Der verminderten Stoff- und Säfteumwandlung in den Geweben folgt auch eine Verminderung der Wärmebildung, und leichtes und öfteres Frösteln, Gefühl von Unbehaglichkeit, tritt auf. Kalte Hände und Füße, dazu beide leicht schwitzend, stellen sich ein.
Die Hauttätigkeit kann gleichfalls erschlaffen; denn sie steht in regsten Wechselbeziehungen zu den Nervenzentren und vor allem zu der Geschlechtstätigkeit. Ebenso wie sie durch Rötung, Blutfülle, Schwitzen usw. an den Geschlechtserregungen teilnimmt, wird sich die organische Erschlaffung auch durch herabgesetzte Hautarbeit kennzeichnen. Es fehlt der Haut die pralle, blutreiche Straffheit. Sie beteiligt sich nicht mehr regsam genug am allgemeinen Stoffwechsel, verliert ihre Fähigkeit, sich zusammenzuziehen und auszudehnen und dadurch der wechselnden Witterung und plötzlichen Kälteeinflüssen sich anzupassen. Sie fröstelt leicht, es bilden sich krankhafte Schweiße, und namentlich im Kreuzteil des Rückens ist der Wechsel von heiß und kalt und jenes angstvolle Schwächegefühl oft eine ständige Erscheinung. Die Unreinlichkeiten der Haut, Pickel, Ausschläge, die schon während der jugendlichen Onanie so bezeichnend sind, kann man bei den geschlechtlich erschlafften Menschen oft im ganzen Leben beobachten. Das Haar verliert seinen Glanz und seine Triebkraft, und bald beginnt es grau zu werden oder auszufallen. Daß wir heute Kahlköpfe selbst unter den jungen Leuten sehen, ist kein Ruhmeszeichen für unser deutsches Volk. Denn wenn schon die Jugend Erscheinungen des Alters trägt, dann hat das Volk den Weg abwärts beschritten.
Der Haarausfall hängt ganz sicherlich auch mit der Verminderung der ausdünstenden Tätigkeit der Haut zusammen, deren Gleichmäßigkeit eine notwendige Bedingung der Gesundheit ist. Der durch die erschlafften Gewebe bewirkte unvollkommene Stoffwechsel stellt eine Vergiftung des Körpers durch chemische und gasförmige Stoffe dar, die den Haarboden zerstören. Ebenso bedeutet aber auch die krankhafte Schweißbildung, die in den Folgen des geschlechtlichen Mißbrauches auftritt, eine nervöse und Gewebserschlaffung.
Da nun das Leben und die mancherlei Berufe große Anforderungen an die Nervenkraft stellen, denen der geschwächte Organismus nicht mehr gewachsen ist, so sehen wir bald das Bild der Nervosität in all den trüben Farben, die uns jeder Tag und sozusagen jeder Mensch zeigt. Schlaflosigkeit, Unruhe, Zerfahrenheit, Zerstreutheit, Gedächtnisschwäche, Mangel an Konzentration und Willenskraft, Melancholie und alle diese Feinde eines gesunden, frischen Lebens stellen sich ein, die geistige Schwungkraft und Arbeitsfreudigkeit der Jugendjahre schwinden. Die Denkkraft vermindert sich, und der Kampf zwischen Wollen und Können endet oft in der bitteren und verzweifelten Erkenntnis des Nichtmehrkönnens.
Wie viele sind es schon, die mir diesen beklagenswerten Zustand erzählt haben, viele, die ganz genau wissen, wie geistig munter sie früher waren, und welch ein geistiges Wrack sie nun geworden sind! Wie vielen habe ich in dieser Lage schon Trost und Mut und Rat für eine Lebensführung geben können, die den Körper wieder kräftigt[1].
Auch die Lungen und Bronchien leiden unter den erschöpfenden Erregungen und dem Samenverlust. Ist die Lunge von Haus aus schwach, so kann sie ernstlich erkranken. Ein durch sinnliche Fehler erschöpfter Organismus ist ganz sicher ein besserer Angriffspunkt für die Tuberkulose, für Lungenentzündung und für ungünstige klimatische Einflüsse als ein vollsaftiger Organismus.
Die krankhaften Veränderungen des Seelenlebens, Gereiztheit, Launenhaftigkeit, Übelnehmen, Einbildung, Trübseligkeit und dergleichen machen den Menschen sich selbst und gegenseitig das Leben schwer.
Wenn wir dann diese Veränderung des Charakters und die Abschwächung des Willens sorgfältig beobachtend verfolgen, so ist es durchaus einleuchtend, daß bei einem so untergrabenen körperlichen und sittlichen Fundament gewisse angeborene krankhafte Neigungen, wie Unverträglichkeit, Gehässigkeit, Neid, Trägheit, ja selbst verbrecherische Triebe, eine Steigerung erfahren können. Der Mensch und sein Leben sind nichts Fertiges und Unveränderliches, sondern sind ein immerwährendes Werden, ein Etwas, das sich aus Anlage und äußeren Einflüssen werdend ergibt. Sind die körperlichen Grundlagen erschüttert und die sittlichen Hemmungen geschwächt, so wird es einer krankhaften oder verbrecherischen Neigung leichter gemacht, zu triumphieren. Das erscheint mir durchaus logisch und bestätigt sich auch durch die Erfahrung. Überall hat die Onanie einer schlechten Anlage Vorschub geleistet.
Und wenn dann dem großen Wollen und Wünschen im Leben sich Schwäche und Krankheit in den Weg stellen, wenn die frühzeitige Erschlaffung sich körperlich und geistig bemerkbar macht und der Organismus, den Blick auf das Lebensziel gerichtet, auf halbem Wege zusammenbricht, dann zieht oft trostlose Verzweiflung ins Gemüt. Reue und Selbstanklagen zermartern den Sinn; denn es wurde ja vorzeitig im Leben die Kraft vergeudet, die all dies große Wollen zur Tat werden lassen sollte.
Die Reizempfänglichkeit des Körpers wird mehr und mehr auf geschlechtliche Eindrücke eingestellt, und er beantwortet schließlich mit geschlechtlicher Erregung auch solche Reize, die keinerlei geschlechtlichen Charakter tragen und an einem gesunden Organismus spurlos vorübergehen. Diese häufige Geschlechtserregung halten viele in einem bedauerlichen Wahn für Kraft. Sie ist aber meist das Gegenteil, ist nervöse Schwäche.
Diese häufigen Erschütterungen von Rückenmark und Gehirn, an denen alle Organe, Herz, Lungen, Magen, Leber, Haut usw. teilnehmen, können schließlich jene äußerste Schwächung des Nervensystems im Gefolge haben, die wir als Neurasthenie kennen, und die mit ihren Erscheinungen endlich auch in das geschlechtliche Leben hineinragt, weil sie die geschlechtliche Kraft zu vermindern und mancherlei Störungen hervorzurufen vermag.
Von diesen Störungen erwähne ich vor allem die Pollutionen, jene nächtlichen Samenergüsse, die als Zeichen der Lendenmarksschwäche häufiger auftreten. Sie werden ausgelöst durch viele äußere und innere Reize, die an sich ganz unbedeutend sein können und beim Gesunden auch tatsächlich keinen Eindruck machen. Hier aber wird der Schlaf sehr durch wollüstige Träume gestört, und Samenergüsse vermehren die allgemeine Mattigkeit und das Gefühl des körperlichen Elends.
Der durch die sinnlichen Verirrungen bewirkten krankhaften Geschlechtserregung folgt fast mit Sicherheit im späteren Leben ein frühzeitiges Sinken der Geschlechtskraft. Und dieser disharmonische, unnatürliche Zustand, der das ganze Volk durchzieht, raubt den Menschen viel Liebesglück und Daseinsfreude und den Ehen sehr viel, oft alles, von der inneren Poesie.
Bei der ausgedehnten und sehr feinen Durchnervung des gesamten Geschlechtssystems muß ja das Nervensystem unter geschlechtlichen Fehlern am meisten leiden. Das macht sich in der oft so grenzenlos matten und verzweifelten Stimmung bemerkbar, in ihrer raschen Wandelbarkeit und Sprunghaftigkeit, sowie in einer Reizbarkeit oder Abgestumpftheit der Sinne. Namentlich Augen und Ohren leiden. Denn während einerseits Sehschwäche, und zwar Kurzsichtigkeit, ganz sicherlich in vielen Fällen auf heftige Onanie zurückzuführen ist, finden wir andrerseits das Ohrensausen als ein ganz außerordentlich verbreitetes Zeichen nervöser Störungen. Auch der Geschmack leidet und richtet sich darum oftmals auf ganz merkwürdige Dinge. Vor allem ist oft das Sättigungsgefühl verloren, und dadurch kommt es zu überstarker Nahrungsaufnahme.
Nicht jeden trifft's so schwer. Und wen die Vererbung mit großer Kraft bedachte, der vermag noch Leistungsfähigkeit ins spätere Leben hinüberzuretten. Aber doch sollte niemand die Gefahr verkennen und mit leichtem Sinn und scherzendem Wort über diesen tiefinneren Zusammenhang zwischen Geschlechtskraft und Lebensaufbau, zwischen Geschlechtsmißbrauch und Lebenszerfall hinweggehen.
Wer nicht direkt und unmittelbar den Schaden der Kraftvergeudung verspürt, der darf darum nicht sagen, es habe ihm gar nichts geschadet. Denn in den Gesetzen des Nervenlebens liegt es, daß die feindseligen Reize zunächst eine Kraftsteigerung bringen, der aber früher oder später das Niedergehen der Kraft folgt. Der Kräftige hat freilich mehr Widerstand als der Schwächling, aber wohl jeder wird an einen Zeitpunkt gelangen, wo mit einem Male seine Widerstandskraft gegen Arbeit, Unruhe, Klima und Temperatur, schwerere Speisen, Ärger und dergleichen geringer wird und er mehr oder weniger klar empfindet, wie eng das mit der Kraftverschleuderung in den Jugendjahren zusammenhängt.
Das Geschlechtsproblem löst sich nicht allein in der Zeugung und Fortpflanzung. Nach außen zwar läßt die Geschlechterliebe in der Tiefe der Leidenschaft ein neues Menschenleben entstehen. Aber ich wies schon darauf hin, daß in ihrer inneren Wirkung die Geschlechtlichkeit sowohl den männlichen wie den weiblichen Charakter ausgestaltet. Werden die Organe, in denen der Zeugungsstoff entsteht, also beim Manne die Hoden (Samenbereiter), auf operativem Wege entfernt, wie es bei der Entmannung in den morgenländischen Völkern und teilweise auch bei abendländischen geschah und geschieht, so sehen wir von derselben Stunde an eine völlig andere Entwicklung des betreffenden Individuums. Es entsteht ein von Grund aus anderer Charakter, der etwas Rückschrittliches, Unentwickeltes, darstellt und teilweise unangenehme Züge aufweist.
Hier haben wir einen glänzenden Beweis für die entscheidende Bedeutung des Geschlechtlichen im Menschenleben. Und wir erkennen, daß der Geschlechtsmißbrauch auch eine Art Entmannung ist; denn er ist Verlust der Kraft auf andere Weise.
Die Wissenschaft hat den hochwichtigen Beweis erbracht, daß der Körper in seinem Innern außer den Keimzellen in den Keimdrüsen noch durch einige andere Drüsen, die an der Entstehung des Geschlechtsempfindens mitbeteiligt sind, einen chemischen Stoff erzeugt, der im ganzen Körper anregend und belebend wirkt. Darum verstehen wir, warum die aufkeimende Liebesempfindung des einen Menschen zum andern so wunderbar fördernd auf ihn selber wirkt. Darum eben erkennen wir in dem Liebes- und Geschlechtsempfinden die Quelle alles Empfindens, alles Denkens und aller Kraft überhaupt. Es ist der geheimnisvolle Urquell all der wunderbaren Spannung, die die Jugend vor dem Alter auszeichnet. Gerade darum aber wirst du auch verstehen, warum diese jugendliche Spannung, diese Kraft und Frische, dieser schnell erfassende Geist, dieser rasche Entschluß, dieser feste Wille, dieser Reichtum des Empfindens, warum das alles schwinden und der trübseligen Schwäche Platz machen muß, wenn in der häufigen Onanie die Zeugungskeime verschwendet werden und jenem wunderbaren chemischen Lebensstoff der Weg zu seiner Wirksamkeit verlegt wird.
Von allen Seiten türmen sich Gründe auf, aus denen du selbst den Schluß ziehen kannst, daß die geschlechtliche Reinheit, das Freisein von geschlechtlicher Ausschweifung, die wichtigste Entwicklungsfrage deiner Jugend ist.
Glaube nicht, daß ich in irgendeinem Punkte übertrieben habe, oder daß ich nur deshalb übertrieb, um dich von falschem Tun abzuschrecken. Und wenn du schon ein Opfer krankhafter geschlechtlicher Erregungen wurdest, so möchte ich nicht, daß meine Worte in dir Verstörung, Angst und Verzweiflung erregen. Das, was geschah, war nicht gut, war schädlich. Gewiß! Aber laß es dich nicht niederdrücken! Trage nicht die Ketten trüber Erinnerungen mit dir herum, sondern schau auf die nächste Zukunft. Wir Menschen irren viel. Und wenn's geschah, soll die Erkenntnis niemanden niederdrücken, sondern Mut und Entschluß geben zu einem kraftvolleren, gesunderen Leben. Der Wille zum Guten muß vorhanden sein, der rasche, frische Wille. Laß dich das Bild der Folgen nicht niederdrücken, aber laß es dir den energischen Entschluß geben, von heute ab den ruhigen, verständigen Kampf gegen die einsame Verirrung aufzunehmen.
Zähme deine Ungeduld und lasse nicht erneute Trostlosigkeit einziehen, wenn die Schäden der Verirrungen nicht gleich verschwinden. Es braucht dazu oft viel Zeit und viel Geduld. Nicht jeder kehrt wieder zur ursprünglichen Kraft zurück. Wenn's auch bei dir so ist, so wisse, daß dein Leben sich den krankhaft veränderten Verhältnissen in deinem Organismus anpassen muß. Verringerte Kraft bedingt ein weniger ergiebiges Leben. Dies alles, also die Grundlagen deiner zukünftigen Lebensweise, lernst du kennen aus Dr. Alfred Damms Reizlehre, und du kannst sie aufmerksam studieren in meinem Buche „Der nervöse Mensch“.[2]
Lasse dich nicht täuschen durch die Anpreisung von Heilmitteln und von Stoffen, die entweder nur vorübergehend als Reiz wirken und Gesundung vorspiegeln oder aber einige Erscheinungen unterdrücken und dadurch zu einem weniger sorgfältigen Leben Anlaß geben, während doch zugleich die Schwäche weiter und geheimnisvoller sich im Körper einnistet. Viele solcher Mittel und Medikamente erhöhen nur den Geschlechtstrieb. Aber es folgt später eine um so tiefere Erschlaffung. Die Gesundung und Kräftigung kann immer nur aus dem Organismus selbst kommen, aus seinem verbesserten und vorsichtig überwachten Lebensbetrieb. Das ist ein zwar langer und langsamer Weg, aber einer, der sicher zum Ziele führt. Versuche nur niemals durch Reizmittel und starke Antriebe irgendwelcher Art deine Schwäche zu überwinden. Denn oft liegt gerade in dem Gefühl der Schwäche ein Bestreben des Körpers, Herr zu werden über einen krankhaften Vorgang, einen Überreiz zu beseitigen, eine besondere Anpassung oder Absonderung zu bewirken. Aus jenem obengenannten Buche über das Nervenleben wirst du erkennen, daß der Organismus ein einheitliches Getriebe ist, und daß alle günstigen oder ungünstigen Einflüsse nicht nur ein einzelnes Organ, sondern das ganze System treffen. So kann also die Kräftigung nur eine allgemeine organische, langsame, aber umfassende sein.