Dein Leben gelte der Arbeit! In diesem Zeichen wirst du siegen.

Aber es gilt, auf der Hut zu sein, um alles zu vermeiden, was eine Geschlechtserregung herbeiführen könnte. Je gesünder und normaler der Organismus, desto gleichmäßiger sind seine Kräfte in den Nervenzentren verteilt. Der nervöse, überhaupt der geschwächte Mensch hat meist eine Schwäche und leichte Erregbarkeit im Lendenteil des Rückenmarkes. Hier ist der hauptsächlichste Sitz des Geschlechtsgefühls. Alles, was stark auf den Organismus einwirkt, trifft am meisten dies schwache und wegen seiner Schwäche leicht erregbare Fundament. Darum werden nicht nur rein geschlechtliche Dinge hier gefährlich, sondern auch ungünstige Einwirkungen durch Essen und Trinken, Überanstrengung, Trägheit, d. h. Mangel an Arbeit, falsche Lektüre, seelische Erregungen usw.

Natürlich ist der rein geschlechtliche Reiz der weitaus stärkste, weshalb denn für diese oft vorhandene Schwäche des Lendenmarkes nichts unheilvoller und verhängnisschwerer wird als Onanie oder vorzeitiger Geschlechtsumgang. Das Nervensystem neigt zur Periodizität, und jede Übung steigert die Reizempfänglichkeit. Es ist deshalb nicht ohne weiteres richtig, zu sagen, daß die Betätigung den Trieb befriedigt. Nein, durch die Geschlechtsbetätigung wird oft erst ein Bedürfnis geschaffen, was in gleicher Stärke vorher nicht vorhanden war.

Über die rein körperlichen Ursachen der Geschlechtserregung haben wir schon im ersten Teile gesprochen. Meide also das viele Stillsitzen, das den Unterleibs- und Geschlechtsorganen eine stockende Blutüberfüllung gibt und das Nervensystem in einen Zustand von Gereiztheit versetzt. Gerade das in den Schulen, in allen Studienanstalten und in allen Schreibstuben geübte dauernde Stillsitzen ist eine verbreitete Ursache der Onanie und aller sinnlichen Erregung überhaupt.

Bei hoher geschlechtlicher Reizbarkeit sind auch gewissen Sportsübungen sinnlichkeitsreizende Gefahren nicht abzusprechen. Das ist z. B. das Klettern, das Reiten und das Radfahren. Die Bewegungen und Reibungen der Geschlechtsorgane sind bei vielen erregbaren jungen Menschen nicht unbedenklich. Der beste Kenner dieser Dinge in Deutschland, Dr. Rohleder in Leipzig, behauptet, daß infolge des Reitens die Onanie bei der Kavallerie ungeheuer verbreitet sei.

Und noch eins ist zu erwähnen, das ist der Tanz. Er hat schon entwicklungsgeschichtlich so viel geschlechtlich-symbolische Züge, daß man auch seine sexualerregende Wirkung wohl verstehen kann. Wenn du durch ihn in dieser Richtung gefährdet bist, so schränke ihn ein. Ja, bringe unter Umständen deiner Gesundheit das Opfer, ihn ganz zu lassen. Jedenfalls bringe nicht Tanz und Alkohol zusammen; denn das leicht erregbare Nervensystem ist diesem doppelten Reiz nicht gewachsen.

Achte auf das Bett, wie ich schon früher sagte. Laß dein Lager kühl und hart sein und schlafe nicht länger, als es dir dienlich ist. Vor allem träume nicht im Bett in die Morgenstunden hinein.

Bade fleißig! Halte den Körper und namentlich die Geschlechtsorgane sauber. Schwimme und turne, wandere, singe und sei fröhlich!

An erster Stelle soll in der Pflege deines Körpers das Luftbad stehen. Ich hab's genau beschrieben in einem anderen Buche: „Die Heilkraft des Luft- und Sonnenbades“[7]. Nackt in der Luft stählst du die Nerven. Nur meide die starke Sonne und träges Herumliegen in der Sonne. Es erschlafft den Körper und kann sinnlich erregen. Hat es dich erschlafft, so nimm ein kühles Fluß- oder Brausebad. Überhaupt sind kühle Bäder und kühle Waschungen zuträglich, wenn die Gefahr der sinnlichen Erregung naht. Hast du morgens beim Erwachen Erektion, so stehe rasch auf, mache eine kühle Abwaschung und kleide dich rasch an. Aber übertreibe diese Dinge niemals, weil sonst Schwächung eintritt, die doch wieder zu sinnlicher Erregung führt. Übertreibe auch nicht bei gymnastischen und sportlichen Dingen, bei Wanderungen und ehrgeizigen Wettveranstaltungen. Alles Übermaß führt zur Disharmonie, und nur in der Harmonie aller Kräfte liegt die Möglichkeit zu ihrer Beherrschung.

Und sei einfach und mäßig in deiner Nahrung. Denke daran, daß jedes Übermaß deine Geschlechtsbegierde steigert, und daß namentlich Fleisch, Fleischbrühe, Wurst, Eier und alter, scharfer Käse, sowie Gewürze, die Sinnlichkeit erregen und den Kampf gegen diese namenlos erschweren. Wir Menschen haben meist keinerlei Vorstellung davon, wie eng unser ganzes geistiges und Gefühlsleben mit den Stoffen zusammenhängt, die wir als Nahrung zu uns nehmen. Nichts zeigt unsere Erdgebundenheit mehr, als diese unbestreitbare Abhängigkeit.

Namentlich das Abendessen sei einfach und mild. Du mußt es früh einnehmen, damit nicht die Arbeit der Verdauung deinen Schlaf stört und eine Phantasietätigkeit weckt, die dir gefährlich werden kann. Die einfachsten Speisen sind die zuträglichsten. Ein gesunder Geist und ein gesunder Körper neigen zur Einfachheit. Schwache Nerven erzeugen Unmäßigkeit und die Sucht nach Pikantem.

Auch erregende Getränke haben direkten und unzweifelhaften Einfluß auf Körper und Geist und namentlich auf die Geschlechtlichkeit. Und nichts gibt es, das in dieser Hinsicht so verderblich, so furchtbar niederreißend ist wie der Alkohol. Er ist ja innerhalb der menschlichen Gesellschaft geradezu der Quell aller unerlaubten, unsauberen Beziehungen, alles unehrlichen, schlechten Denkens und aller niedrigen, gemeinen Handlungen geworden.

Der Alkohol ist des deutschen Volkes angestammtes Laster. Schon die alten Deutschen verkauften im Trunk Haus und Hof, Weib, Ehre und Freiheit. Das Trinken ist Gewohnheit, Gesellschaftskodex, eiserner Bestand, historisches Gesellschaftsrecht geworden. Es herrscht überall und drückt allem Handeln der Deutschen seinen besonderen Stempel auf.

Eine fluchwürdige Entwicklung, in der man nicht weiß, was man mehr verachten soll, die Schlaffheit derjenigen, die immer weiter trinken, oder die Gewissenlosigkeit des Braukapitals, das an allen Straßenecken zum Trinken verleitet.

Nirgendwo aber spielt der Alkohol eine so verheerende Rolle, wie im Nervensystem der Menschen und vor allem im Geschlechtsleben. Der Alkohol ist, weil ein dem Körper durchaus fremder, nicht assimilierbarer Stoff, ein Überreiz, der nicht nur den Körper schwächt, sondern vor allem höchst merkwürdige Wirkungen an Geist und Seele entfaltet. Er bewirkt eine Erregung, die sich als gesteigerte Phantasie, als erhöhter Mut, als Fessellosigkeit des Denkens, als sexuelle und allgemeine Unternehmungslust äußert, in Wirklichkeit aber Schwäche ist, denn der klaffende Spalt zwischen gesteigertem Wollen und geschwächtem Können ist eine wesentliche alkoholische Merkwürdigkeit.

Vor allem aber reißt der Alkohol das nieder, was die Menschheit in jahrtausendealter Kulturentwicklung aufgebaut hat und was das Ziel aller Erziehung und aller Persönlichkeitsentwicklung ist, jene feinen und klaren Unterscheidungen zwischen Gut und Böse und jene Hemmungen der Einsicht, der Moral und des Willens, die sich gegen das Schlechte, das Niedrige und Rohe aufrichten. Fällt das alles, so tritt der Mensch in seiner ursprünglichen Roheit und Brutalität wieder hervor, wie wir es ja in der Alkoholwirkung tatsächlich sehen.

Wo anders kann das deutlicher sich zeigen als in den geschlechtlichen Dingen? Hier steigert der Alkohol die Begierde und wird zum Kuppler, weil er das Verantwortlichkeitsgefühl tötet, die sittliche Würde und Selbstbeherrschung zurückdrängt und zu Geschlechtsverbindungen treibt, die in solcher Art und solcher Häufigkeit bei nüchternem Kopfe undenkbar wären.

Der Alkohol verleitet tatsächlich zu den leichtsinnigsten Geschlechtsverbindungen und gefährlichsten Abenteuern. Tausende von jungen Männern erwerben ihre Geschlechtskrankheit, wenn sie angeheitert zum Haus der Dirne gehen. Ja, die meisten haben wohl die Bekanntschaft der Prostitution erst mit erleichternder Hilfe des Alkohols gemacht. Forel machte unter seinen geschlechtskranken Patienten eine Statistik und fand, daß 75% davon sich unter dem Einfluß des Alkohols angesteckt hatten.

Je höher der Alkoholgehalt eines Getränkes, desto stärker auch seine Wirkung. Aber von den Getränken mit geringem Alkoholgehalt, wie z. B. Bier, werden oft solche Mengen getrunken, daß trotzdem stärkste Wirkungen, Trunkenheit, leichtsinnige Geschlechtsverbindung, venerische Ansteckung, geschlechtliche Verirrungen u. dergl. zustande kommen. Und die Statistik lehrt, daß die Zahl der unehelichen Geburten mit dem Bierverbrauch in den einzelnen Städten steigt und sinkt.

Von den Sittlichkeitsdelikten kommt ein sehr hoher Prozentsatz aus dem Alkoholgenuß. Und was diesen vielen und vielerlei Ausschreitungen, Fehlern, Unbesonnenheiten und Vergehen an Unglück, Familienjammer und sozialem Elend folgt, das ist kaum zu übersehen. Hier gibt's für den einsichtsvollen Menschen nur einen Weg, den der Enthaltsamkeit vom Alkohol.

Wie Schreck fährt's manchem durch die Glieder, wenn es heißt, er soll kein Bier mehr trinken. So fest sitzt es in seinen Lebensbegriffen, daß ihn der Verzicht ungeheuerlich anmutet. Und doch gibt's nicht den kleinsten Vorteil, der im Alkohol wohnt, sondern nur Nachteil, unbedingten, unbegrenzbaren Schaden. Was schädlich ist, geht wider die menschliche Vernunft. Darum räumen wir etwas aus dem Weg, was die Menschen in ihrer gesamten Entwicklung hindert, und verzichten auf den Alkohol. In diesem Verzicht liegt Selbstachtung, Stolz, Würde. Gute Entschlüsse machen den Menschen reifer, willenskräftiger, sittlich freier. Und der Verzicht auf den Alkohol ist ein guter Entschluß!

Meidest du den Alkohol, so meidest du von selbst jene häßlichen Stätten, wo der Alkohol bewußt und planmäßig zur sinnlichen Anreizung gebraucht wird, die Animierkneipen und alle anderen Kneipen „mit Damenbedienung“. Es liegt etwas unsäglich Häßliches und Niedriges, etwas namenlos Gemeines in diesen Kneipen, und es ist mir völlig unverständlich, wie ein junger Mann in der Dunstwolke dieser alkoholischen Geilheit auch nur einen einzigen Atemzug tun kann.

Hier stehen wir auf der Grenze, wo die körperlichen Anreize der Geschlechtlichkeit in die geistigen übergehen. Und so, wie du den Körper freihalten mußt von unsauberen Dingen, so gib auch dem Geist nur und ausschließlich gute Nahrung. Leicht mag das nicht sein. Denn die erotische Hochspannung der Kultur hat auch in die Literatur und in die Kunst einen erotisch-neurasthenischen Ton hineingetragen. Die Betonung des Sexuell-Sinnlichen kommt dem Interesse der Menge entgegen. Sexuelle Dinge werden breit, mit zynischer Behaglichkeit oder mit geschickt und elegant verborgener Lüsternheit geschildert oder gemalt. Vor nichts scheut man zurück, und die Schamlosigkeit macht sich breit unter dem Deckmantel des „Realismus“.

Wir wollen ganz absehen von Kolportageromanen, die auf die niedrigsten Instinkte spekulieren. Nein, auch fähige Schriftsteller, begabte Bildhauer und Maler haben sich der Erotik verschrieben und prostituieren ihre Kunst, um den billigen Beifall der Menge zu erhaschen.

Wieviel Unheil richten sie in jugendlichen Köpfen an! Unruhige sinnliche Wünsche werden geweckt, sittliche Begriffe gestürzt; denn das, was ohne Zweifel schlecht ist, wird durch diese erotische Literatur „interessant“ gemacht. Wieviel schlechte Handlungen entsteigen der durch schlechte Lektüre verwilderten Phantasie! Wie oft erfährt der Richter, daß ein schlechtes Buch den Antrieb zu einer sittlichen oder strafrechtlichen Entgleisung gab!

Die Zahl der scheußlichen Witzblätter ist groß, und selbst Witzblätter, denen manch ernstes Wort eine Bedeutung gab, haben sich dem erotischen Zynismus mit Haut und Haaren verschrieben. Die Inseratenseiten wimmeln von Anzeigen erotischer Literatur, von Anpreisungen von „Aktzeichnungen“, die angeblich nur für „Kenner“ oder „Künstler“ bestimmt sind. Aller Schmutz kann in solchen Inseratteilen abgeladen werden, und die vielen Anzeigen von Heiratsgesuchen, von Wohnungen „mit separatem Eingang“ und dergleichen sind nur eine schwungvolle geldliche Ausnützung der allgemeinen Lüsternheit.

Schmach und Schande über eine Presse, die sich ihrer erzieherischen Pflicht so wenig bewußt ist!

Am meisten hast du dich zu schützen vor jener Literatur, die angeblich „Aufklärung“ verbreiten will in geschlechtlichen Dingen und mit allerlei unverfänglichen oder auch verfänglichen Titeln die Neugier der Jugend erregt. Ich weiß aus vielen Berichten, die mir zugegangen sind, wie solche Bücher Schaden anrichten. Die Lüsternheit und Sinnlichkeit des Verfassers steigt zwischen den Zeilen auf und teilt sich dem Leser – ihn erregend – mit, so daß mancher mir schon berichtete, wie sehr ihn gerade diese Aufklärungsliteratur zur Onanie und sinnlichen Gesprächen verleitete.

Auch da, wo der Inhalt des Buches an sich richtig und gut ist, kann diese Gefahr bestehen, denn hier macht der Ton die Musik, und ich stehe keineswegs bei denjenigen, die da meinen, man müsse aus Gründen der „Natürlichkeit“ den letzten zarten Schleier der Schamhaftigkeit von den geschlechtlichen Dingen hinwegnehmen. Nicht das restlose Wissen, nicht die absolute Entschleierung ist der beste Schutz, sondern die zarte, poesievolle und doch kraftvoll-gesunde Auffassung vom Liebesleben, jene innere, tiefe und wahrhaftige Schamhaftigkeit. Nicht im Verstand liegt die Sittlichkeit, sondern in der Seele. Darum haben diejenigen die höchsten sittlichen Kräfte, die die stärksten Glaubenskräfte haben.

Prostituiert ist auch die bildende Kunst. Vorbei ist die Hoheit der griechischen Meister, die mit der Darstellung der Nacktheit höchste Schamhaftigkeit und sittliche Würde verbanden. Wir leugnen gar nicht die sinnlichen Elemente des Kunstgenießens. Aber die Kunst soll unsere Sinnlichkeit idealisieren, durch das körperlich Schöne den Enthusiasmus der Seele wecken, nicht aber die rohe Sinnlichkeit entflammen und den aufstrebenden Geist in die Fesseln der quälenden Körperlichkeit bannen. Eine gemeine Kunst verführt zu einsamen Triebverirrungen, zu Lüsternheit und Ausschweifung. Es ist nicht ratsam, in Kunstfragen den Staatsanwalt und die Polizei zur obersten Instanz zu machen. Bessere Richter einer gesunkenen, feilen und geilen Kunst sind guter Geschmack, anständige Gesinnung und Selbstachtung. Das Angebot wird durch die Nachfrage hervorgelockt, und jeder vernünftige Mensch sollte es für unter seiner Würde halten, ein Bildwerk zu betrachten oder gar zu kaufen, das die Lüsternheit herausfordert.

Der Stolz müßte sich auch aufbäumen gegen den Schmutz, der sich in photographischen oder literarischen Pikanterien breit macht. Warum gehen junge Männer nicht diesen gemeinen Anreizen aus dem Wege? Warum erschweren sie sich den Kampf und lassen sich immer mehr herabziehen? Nicht die gewissenlosen Händler sollte man anklagen, sondern die charakterlosen Männer, die den Schmutz begehren.

Das Denken in geschlechtlichen Dingen ist sehr wohl ein Maßstab der allgemeinen Kraft und Sittlichkeit eines Volkes überhaupt, und es ist charakteristisch, wenn wir aus Frankreich hören, daß dort die Väter ihren beim Militär dienenden Söhnen zur Unterhaltung pornographische Photographien senden.

Was aber soll man dazu sagen, wenn sogar die dramatische Kunst, die den stärksten Einfluß auf das Volk hat, ihre Verantwortlichkeit verliert und im sexuellen Zynismus landet? Die Kunst geht nach Brot, und wenn der Brotherr, das Publikum, einen verkommenen Geschmack hat und mit gierigem Blick nach Lüsternheiten Ausschau hält, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Bühne französische Ehebruchsdramen und zynisch-erotische Vaudevilles aufführt. Da ist der Held der Bühne nicht der stolze, edle Mensch, nicht Tell, Tasso oder Posa, sondern der seine Frau betrügende Ehemann, der weichlich-erbärmliche Don Juan, der in tausend Ängsten vor dem Entdecktwerden und in tausend Nöten von einer jammervollen Situation in die andere gerät, und der uns dann als von den Frauen besonders begehrt dargestellt wird. Sieht man, wie vollbesetzt diese Theater sind, und wie im Publikum die Mienen ohne alle Selbstbeherrschung gierig-lüstern werden, so kann man das Gefühl von Scham und Empörung nicht unterdrücken über ein Volk, das so seine großen Männer vergißt, und über Menschen, die so sehr alles Edle, Schöne, Menschliche von der Geilheit überwuchern lassen.

Schule deinen Geschmack und deinen ganzen inneren Menschen an echter, edler Kunst und sei zu stolz, ein Spielball dieser lüstern-geschäftlichen Spekulationskunst zu werden.

Halte dich auch fern von den auf niedriger Stufe stehenden Varieté-Theatern, wo der Humorist ein privilegierter Zotenreißer ist und die Tänzerinnen mit dem Mangel an Kleidung den noch größeren Mangel an Können verdecken, wo ein rauch- und bierdunstiges Lokal bis zum letzten Platz mit Männern angefüllt ist, und sogar Frauen sich nicht scheuen, ihr eigenes Geschlecht auf der Bühne prostituiert zu sehen. Warum sind die Varietés, die Singspielhallen, die Konzertcafés mit erotisch-winselnder Geigenmusik überfüllt, und warum können sich ernste Bühnen so schwer halten? Weil die Massen korrumpiert sind, und weil die wachsende Degeneration die Sinnlichkeit triumphieren läßt und zugleich die Selbstkritik schweigen heißt.

Diese bedrohlich angewachsene Sinnlichkeit wird von dem Kapital in raffinierter Weise ausgeschlachtet. Ganze Industrien rechnen ja mit dieser Sinnlichkeit. Aber wieviel Unheil richtet sie an! Wieviel Nervenkraft und Menschenglück wird dabei zerstört! Es ist nicht ehrlich, Geld zu verdienen, wenn ein anderer dabei geschändet wird.

Aber niemand ist genötigt, sich diesen Schäden hinzugeben. Setze an die Stelle dieses wirren und wüsten Treibens deinen Stolz, deine Würde, dein besseres Ich und eine ernste Arbeit mit festem Lebensziel, dann wird die Gefahr deine Kräfte stählen. Die Arbeit ist die Grundlage deines Lebens, und die Stunden, die nicht deinen Pflichten gehören, sondern dir selbst, die sollst du ausfüllen mit Schönem, mit guter Lektüre. Unser deutsches Schrifttum ist reich an guten Büchern. Du sollst die freien Stunden benutzen, gute Kunst kennen zu lernen. In Museen und Galerien ist Gelegenheit dazu. Und vor allem sollst du die Natur, deine Heimat, kennen lernen und wandern, damit dein Körper stark und dein Geist fröhlich werde. Geh allem aus dem Wege, was dich herabzieht. Schaue nur Schönes, denke nur Gutes, handle nur edel, dann wirst du den Sinn und die Schönheit des Lebens in dir selbst finden, weil du in Harmonie mit dem Weltprinzip bist.

Schlußwort.

So bist du mir nun gefolgt, lieber junger Freund, und wir haben das Gebiet durchwandert, das gleicherweise Glück und Unglück, Jubel und Tränen, Schönheit und Grauen umschließt, in das fast alle Menschen mit Kraft und Sehnsucht einziehen, und in dem wir sie weiterwandern sehen mit Krankheit, Schwäche, gebrochener Seele, verlorener Jugend und beladen mit wirren und schwülen Geheimnissen.

So viel Jammer entsteigt der Unwissenheit!

War's da nicht recht, deine Augen sehend zu machen? Ich habe dir nicht nur Häßliches zeigen und dich vor Gefahren warnen wollen, nein, auch die Schönheiten des Liebesgefühls habe ich in dir keimen lassen, weil ich weiß, daß alle Lebensschönheit nur in der Natur steckt und die Natur auch im Menschen wohnt. Naturalia non sunt turpia!

Nicht das ist die wahre Sittlichkeit, die einen Gegensatz zwischen Mensch und Natur errichtet, die vom Menschen ein Abtöten seiner Natur verlangt und ihn in einen letzten Endes vergeblichen Kampf zwischen Tun und Willen stürzt. Nein, die wahre Sittlichkeit liegt im Erkennen der erdgeborenen Natur des Menschen und in dem festen Willen, schrittweise und allmählich auf höhere Stufen zu gelangen. Weder haben diejenigen recht, die leichtsinnig in den Tag hineinleben, die alles, so wie es ist, für gut halten und vom Baume des Lebens so viel Früchte herabnehmen, wie sie erhaschen können, noch können wir denjenigen folgen, die in düsterem Pessimismus alle Lebensschönheit nicht sehen wollen und sich auf den Himmel vorzubereiten wähnen, während doch zugleich ihr Aszetismus ein göttliches Gebot in den Staub zieht.

Zwischen diesen zwei Irrenden steht der wahrhaft sittliche Mensch, der sein Leben und seine Persönlichkeit reich und kraftvoll entfaltet, aber nicht eingreift in die Rechte der anderen und nicht das Wohl der Nachgeborenen untergräbt. Dem die tiefe Erkenntnis der biologischen Zusammenhänge ein starkes Selbstverantwortlichkeitsgefühl aufzwingt, und der seine Wünsche schweigen heißt, wenn ihre Befriedigung die feinen geheimnisvollen Fäden verwirrt, die alle Menschen in Glück und Unglück miteinander verbinden.

Da sehen wir die strengen Grenzen zwischen individueller und sozialer Ethik. Die eine lebt sowohl im Aszetismus wie in der Vergnügungssucht der Masse, die sich in ihrem oberflächlichen Individualismus eine Kollektivethik geschaffen hat. Beide aber maßen sich an, selbst Richter aller Dinge zu sein. Hoch über beiden steht die soziale Ethik, die von Einzelnen in das Volk getragen wird, von jenen Einzelnen, in denen die schreiende sexuelle Not der Menschen ein Echo fand, und in denen das Menschheitsgewissen, jene feine und sichere Unterscheidungskraft zwischen Gut und Böse, lebte.

Diese soziale Ethik nimmt einem natürlichen Triebe alles, was ihn häßlich macht und die Menschennatur herabwürdigt, und sie gestaltet sein Äußern so, wie es das Wohl der sozialen Gesamtheit verlangt.

Alle Ethik hat ihre Wurzeln im Geschlechtsleben. Denn das Geschlechtsgefühl ist die eigentliche Urquelle aller menschlichen Sympathiegefühle und aller sozialen Organisationen überhaupt. Ist daher das Geschlechtsleben krank und verdorben, so muß der ganze Bau des Menschendaseins erschüttert werden.

Das Geschlechtsleben ist die höchste und stärkste Entwicklungskraft der Menschheit. Es hat der Religion Nahrung gegeben, hat Kultur, soziale Gemeinschaft und Kunst entwickelt und dem Geist seine feinsten Blüten gegeben. Aber es ist auch die Kraft, die wie keine andere die Menschen hinabstößt in Schwäche und Elend, in Verwilderung und Versumpfung, in leiblichen und geistigen Tod. Das Geschlechtsgefühl ist dem Menschengeschlecht Himmel und Hölle zugleich. Darin liegt sein tiefer, eherner Ernst.

Aus dem Geschlechtsgefühl quillen Menschenwerte. Ein niedriges Geschlechtsleben schafft Krankheit und niedriges, schlechtes Denken. Ein reines Geschlechtsleben dient der Gesundheit, adelt den Menschen und veredelt die Rasse. Diese Reinheit vereinigt Natürlichkeit mit feinstem Schamgefühl, gesunde Kraft mit zartschöner, idealistischer Auffassung.

Das ist's, wozu ich dich mit diesem Buche hinführen wollte. Nicht die „Natürlichkeit“ in jenem stumpfen Sinne einer seelenlosen Nüchternheit, die das Geschlechtliche zu einer Alltagsgebärde stempelt. Die dem Liebesgefühl seine Gefahren dadurch nehmen will, daß man es in der Nüchternheit körperlicher Selbstverständlichkeit erstickt. Nein, diejenige Natürlichkeit will ich dich lehren, die zwar den körperlichen Untergrund aller Dinge sieht, aber alle Körperkultur nur als Ausgangspunkt einer kraftvollen Seelenkultur erkennt.

Dem Seelenkultus dienen wir! Der rohe Körperkult dient letzten Endes der Form- und Zügellosigkeit, wenn der Seele feinste Strömungen nicht das körperliche Tun durchwehen. Die Seele allein birgt die wahre Scham, des Geschlechtsempfindens zarteste Blüte.

So habe ich dir die Wege deines Tuns gewiesen. Unbeirrt und klaren Auges kannst du in das Leben hinaustreten. Trenne dich von der Masse, von denen, die ideallos geworden sind, folge dem Stern deines besseren Ich, schreite mutig und siegreich durch alle Gefahren! Vermehre nicht das Unglück und den Kummer der Menschen, sondern sei in deiner sittlichen Kraft wie ein Licht, das ins Dunkle strahlt und auch anderen Menschen das Leben verschönt.

So trenne ich mich von diesem Buche und trenne mich von dir.

Lebe wohl!

Dein Leben sei rein und ehrlich und voll Glück! Und daß es so sei, gehe den einsamen Weg der Guten!

Lebe wohl!

Fußnoten:

1 Man lese „Arbeit, Kraft und Erfolg“, Wege zur Steigerung der Leistungsfähigkeit in körperlichem und geistigem Schaffen. Von Emil Peters. Mk. 4.25. Zu beziehen durch den Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee.

2 Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee.

3 Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2.75, geb. Mk. 4.50.

4 Wissenschaft und Sittlichkeit, Berlin 1908.

5 Die Gefahren des außerehelichen Geschlechtsverkehrs. 2 Aufl. München 1904. A. Müller.

6 a. a. O., S. 6.

7 Volkskraft-Verlag Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2.75, geb. Mk. 4.50. Porto 25 Pfg.

Anmerkungen zur Transkription:

Das Original ist in Fraktur gesetzt.

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