9.
Die Kräftigung nach jugendlichen Verirrungen. Die Bekämpfung krankhafter Sinnlichkeit.

Was soll ich nun tun, um mich wieder zu kräftigen? Und wie werde ich des Triebes Herr, der mich quält und unruhig mir im Fleisch sitzt? –

Diese Frage liegt dir auf den Lippen, und ich höre sie von Tausenden deiner Altersgenossen. Auch darüber wollen wir sprechen.

Der Trieb kommt aus dem Fleische, aus dem chemisch-physikalischen Getriebe des Körpers, und darum ist es wohl ein Gebot der Klugheit, ihm zunächst mit den Waffen der körperlichen Pflege und der gesundheitlichen Zucht beizukommen.

Das wird nicht von allen Seiten anerkannt, und es gibt Leute, die viele Worte machen und dicke Bücher schreiben, und entweder an der Onanie und den einsamen Leiden junger Menschen mit ein paar Worten vorbeigehen oder aber das Körperliche dabei kaum beachten. Ich will diesen Leuten keinen Vorwurf machen, so sehr der Ernst der Sache es rechtfertigen würde. Aber ich sage es, um dich ganz besonders auf die körperliche Entstehung des Geschlechtstriebes und damit auf die körperlichen Heilungsmöglichkeiten der Onanie hinzuweisen.

Pflege deinen Körper! Halte dich gesund und frisch und straff! Ich sagte dir schon, daß ein geschwächtes und darum reizbares Nervensystem den sinnlichen Anreizen, die von überall herkommen, und die man nicht alle abwehren kann, keinen Widerstand entgegenzusetzen vermag. Es erliegt der geschlechtlichen Erregung. Der gesunde Körper, der Mark und Saft hat, bleibt eher im Gleichgewicht. Alles Gesunde ist in sich ruhig.

Was gehört zur gesunden Lebensführung?

Nichts weiter, als die einfache Befolgung der Naturgesetze, die sich für den Menschen aus der vergleichenden Naturbeobachtung ergeben. Ein gesunder Gebrauch der Kräfte und Organe, damit sie in ruhiger, gleichmäßiger Anstrengung erstarken.

Aus Atmung, Ernährung, Muskelarbeit und Ausscheidung setzt sich das körperliche Leben zusammen.

Atme planmäßig, tief und ergiebig. Besser, als du es bisher getan, und gründlicher, als es die meisten Menschen tun. Atmung ist Leben. Die Atmung ist die dynamische, das heißt die Antriebskraft für den ganzen Organismus. Von hier aus gehen die feinen Schwingungen, die überall die Organe zur Tätigkeit anregen. Der Atem ist Stoffwechsel. Denn wir entnehmen der Luft den belebenden Sauerstoff, das Brennmaterial des Lebens, und befreien im Ausatmen den Körper von der giftigen Kohlensäure. Die Kohlensäure ist ein lähmendes Gift, das, wenn es zurückgehalten wird, den Körper erschlafft, den Aufbau in den Geweben hemmt, den Geist träge macht und durch all dies der Geschlechtserregung die Tore öffnet. Tiefes Atmen, namentlich energisches Ausatmen, befreit den Körper von der Kohlensäure.

Darum atme grundsätzlich dreimal jeden Tag etwa 10 bis 15 Minuten lang tief und ergiebig ein und aus. Etwa morgens gleich nach dem Erwachen, mittags vor dem Essen und abends vor dem Schlafengehen. Nimm dabei eine aufrechte Haltung mit zurückgebogenen Schultern an, und wenn du glaubst, gut ausgeatmet zu haben, dann versuche zum Schlusse noch – ohne neuen Atem zu nehmen – den Buchstaben e langsam singend herauszupressen, solange du kannst, dann wird der letzte Rest verbrauchter Luft aus der Lunge entfernt sein, und du kannst die wundersame Saugkraft deiner Lungen wieder in einem nun um so tieferen Atemzug bewundern.

Du wirst mir für diesen Rat dankbar sein, wenn du erkennst, welche Wunder solch ein tiefes, planmäßiges und vor allen Dingen tägliches Atmen an Körper und Geist zuwege bringt.

Die zweite – und sicherlich die wichtigste – Forderung liegt in der Ernährung.

Die Nahrung soll den Körper aufbauen, ihm seine Wohlgestalt und die Kraft zur Arbeit geben.

Als die erzeugende Substanz der Kraft gilt das Eiweiß. Und weil davon das Fleisch besonders viel enthält, so ist seit langem in der Wissenschaft, und von da aus in den allgemeinen Anschauungen, der Satz feststehend, daß Fleisch = Kraft sei. Die praktische Folge davon ist, daß alle Welt gern und viel Fleisch ißt. Je mehr das Volk in seiner Gesamtheit degeneriert, desto mehr sucht es durch Fleischnahrung seiner sinkenden Kraft aufzuhelfen.

Das ist verständlich, so groß auch wohl der Irrtum ist. Und die Vegetarier, das sind die ohne Fleisch und nur von Pflanzenkost lebenden Menschen, haben durch glänzende Siege bei sportlichen und gymnastischen Veranstaltungen längst jenen alten Satz der Medizin widerlegt. Unter den Siegern bei solchen Veranstaltungen sind die meisten Vegetarier.

Jedes Nahrungsmittel hat seine ganz bestimmte chemische Zusammensetzung, und jeder von diesen chemischen Stoffen hat eine besondere Wirkung auf den Körper und damit auch auf den Geist. Sie können nun so wirken, daß sie die Blutbeschaffenheit beeinflussen, oder so, daß sie direkt das Nervensystem erregen, und schließlich so, daß sie bei der Ausscheidung ihrer Stoffwechselreste durch die Nieren reflektorisch erregen, d. h. erst die Schleimhäute der Harnwege und von diesen aus die Geschlechtsnerven erregen. In jedem Falle kann ein erregender Einfluß auf die Geschlechtsempfindungen zustande kommen, und das können wir vom Fleisch mit Bestimmtheit behaupten.

Es wäre mit dem Fleisch nicht gar so schlimm, wenn man nicht zwei Übelstände nebeneinander sich ausbreiten sähe. Die Grenzlinie für eine normale, ausreichende Ernährung hat sich längst verschoben, und die Menge dessen, was viele Menschen essen, geht weit über das Maß des für sie Zuträglichen hinaus. Namentlich wird zu viel Fleisch gegessen. Andererseits fehlt aber das für eine solch starke Nahrungsmenge notwendige Maß von Bewegung, zumal Fleischnahrung an und für sich träge macht. So kommt also eine schädliche Wechselwirkung zustande.

Die Pflanzenkost verlangt wegen ihres größeren Darmballastes mehr körperliches Bewegen; aber sie befähigt dazu auch in weit höherem Maße, denn Pflanzenkost macht den Körper frischer und beweglicher, den Geist und den Willen frischer und mobiler. Pflanzenkost hält auch die Darmtätigkeit rege, während starke Fleischnahrung nach einiger Zeit Darmträgheit, also Verstopfung, im Gefolge hat. Dadurch entstehen giftige Gase, die die Gewebe durchdringen und reizend und erregend auf die Geschlechtsnerven einwirken. Das tut ja nun das Fleisch schon an und für sich, und zwar durch Stoffe, die ohnehin in ihm enthalten sind, und durch andere Stoffe, die durch den Vorgang des Schlachtens oder denjenigen des Jagens in dem getöteten Tier erzeugt worden sind, und die man schlechthin als „Angststoffe“ bezeichnen kann. Das Vorhandensein und die Wirkung dieser Angststoffe ist durchaus keine Phantasie, sondern eine durch nichts hinwegzudisputierende Tatsache. Jedem geistigen Vorgang geht ein bestimmter Stoffwechselvorgang parallel. Spritzt man den Angstschweiß eines gejagten Tieres einem anderen ins Blut, so kann dasselbe sterben. Ja, das geängstete Tier kann ebenso wie der geängstete Mensch am Herzschlag sterben. Das ist nur und ausschließlich die Wirkung der freigewordenen giftigen Angststoffe.

Es ist verständlich, daß diese im Fleisch enthaltenen, durch das Töten vermehrten Stoffe auch auf den Menschen ihre reizende und erregende Wirkung entfalten. Dieser Reiz ist, weil widernatürlich, ein Überreiz, und er wirkt überall da am stärksten, wo die Widerstandsfähigkeit am geringsten ist. Wer zur Trägheit neigt, wird durch das Fleisch noch träger, wer jähzornig ist, wird durch das Fleisch noch mehr gereizt, und so wird durch das Fleisch auch die geschlechtliche Reizbarkeit gesteigert und die Onanie gefördert. Der Fleischgenuß soll also auf das geringstmögliche Maß herabgesetzt oder ganz ausgeschaltet werden.

Es ist recht interessant, daß Kinder, die frühzeitig lebhaft nach Fleisch verlangen, zu frühzeitigem geistigem und körperlichem Verfall neigen, während andererseits Kinder, die sich dem Fleisch widersetzen, eine kräftigere, ruhigere, überhaupt normalere Entwicklung nehmen.

Besonderer Gunst erfreut sich ja das Wildbret (Hasen-, Rehbraten u. dergl.). Und doch ist gerade von unserem Gegenstand aus vor dem Fleisch des Wildes zu warnen. Denn abgesehen davon, daß das Wild vor dem Tode gehetzt wurde, läßt man es meist vor der Zubereitung noch tage-, ja wochenlang (drei Wochen!) „abhängen“, um einen bestimmten Geschmack zu erzeugen, den man „haut goût“ nennt. Dieser Geschmack ist aber nur die Folge eines Zerfall- (Verwesungs-) Vorganges, der bestimmte Zerfallsstoffe freiwerden läßt, deren Geruch und Geschmack dem unverdorbenen Menschen höchst widerlich sind, deren aufreizende Wirkung auf den Organismus jedenfalls sehr stark ist und nicht in Frage gestellt werden kann. Denn ausgesprochenermaßen ist das ja der Zweck des Wildbretgenusses.

Noch vorsichtiger sollen alle diejenigen, die unter geschlechtlichen Anfechtungen leiden, mit dem Genuß von Wurst sein. Abgesehen davon, daß sie ein recht teures und an Nährwert dem Preise durchaus nicht entsprechendes Nahrungsmittel ist, wird einigen und gerade den besseren Sorten recht viel Gewürz (Pfeffer, Salz usw.) beigemengt, dessen Wirkung auf die Geschlechtserregung durch alltägliche Beobachtung bewiesen wird.

Viel Aufhebens wird ja in der Ernährung des Volkes von Fleischbrühe und Fleischextrakt gemacht. Erstens herrscht darin die gedankenlose Überlieferung und zweitens die suggestive Macht der ungeheuren Reklame, die für künstliche Fleischextrakte gemacht wird. Es muß gesagt werden, daß der Gehalt an eigentlichen Nährstoffen bei der Fleischbrühe nur sehr, sehr gering ist, und man die anregende Wirkung nur jenen Auszugsstoffen zuschreiben muß, über deren reizende und erregende Rolle wir schon sprachen. Wenn die Fleischbrühe hier und da im medizinischen Sinne als Reizmittel Verwendung findet, so hat das seine Gründe. Als Nahrung aber ist die „Bouillon“ nicht das, was man von ihr hält. Sie gehört mit zu jenen inneren Geschlechtsreizen, die um so gefährlicher werden, je weniger man sie in ihrem Wesen kennt, je häufiger und gedankenloser man sie also verwendet. Wer über seine Sinne wachen muß, der darf sich nicht am guten Willen genügen lassen, sondern muß jene oft handgreiflichen Triebkräfte seiner sinnlichen Erregbarkeit abstellen, damit nicht der Geist den Kampf gegen das – „Fleisch“ im doppelten Sinne zu führen hat.

Auch andere Nahrungsmittel gibt es, die in diesem Sinne keineswegs unbedenklich sind. Ich nenne vor allem die Eier. Sie scheinen die Samenerzeugung zu steigern, haben aber besonders eine Wirkung auf den Blutdruck. Hoher Blutdruck drängt gewissermaßen zur geschlechtlichen Entspannung, durch die er herabgesetzt wird, weshalb alles, was ihn steigert, vermieden werden sollte. Das chemische Medium dabei sind die Alkaloide, die als „Harnsäure“ eine nach verschiedenen Richtungen hin krankmachende Wirkung entfalten. Sie sind aber auch im Kaffee und im Tee enthalten, weshalb diese Getränke jedenfalls nicht gewohnheitsmäßig und nicht in starkem Aufguß genossen werden sollten. Ein schwacher Tee ist weitaus besser als der übliche Kaffee, der bei den meisten Menschen ganz bedenklich die Magenarbeit stört, die Nerven erregt und bei jungen Menschen recht geeignet ist, sinnliche Bilder in die Phantasie hineinzuspiegeln.

Gewürze sind über ein gewisses Maß hinaus zu verwerfen. Denn als Fremdstoff üben sie eine reizende Wirkung auf die Geschlechtsnerven aus. Werden die Nahrungsmittel, besonders die Salate und Gemüse, richtig zubereitet, so verlangen sie nicht einmal so viele Gewürze, aber gerade weil man in der Ernährung den Boden des Einfach-Notwendigen verlassen und sich oft zur sogenannten „Delikatesse“, zur Feinschmeckerei, zur Raffiniertheit verstiegen hat, hat man den Geschmack an einfachen und natürlichen Nahrungsmitteln verloren und das Nervensystem in einen beständigen Aufruhr, in eine „Süchtigkeit“ versetzt, die heftig das verlangt, an das es gewöhnt wurde, wenn es auch falsch war. An diesem Aufruhr ist das Geschlechtsempfinden beteiligt. Es wird aus der gesunden Ruhe aufgescheucht, zu krankhafter Erregung getrieben, und es wäre recht gut und förderlich, wenn alle die jungen Menschen, die in heißem Ringen um ihre sittliche Würde immer wieder der geschlechtlichen Anfechtung verfallen, ganz sorgfältig die Nahrung prüfen würden, damit die inneren Geschlechtsreize unterbunden werden, bevor man den sittlichen Willen in den Kampf schickt.

Man darf behaupten, daß eine vegetarische Diät weit mehr den natürlichen Lebensgesetzen des menschlichen Organismus angepaßt und darum nach jeder Richtung hin geeignet ist, Unruhe und Krankheit aus dem Körper zu beseitigen und normale, ruhige, gesunde Verhältnisse wiederherzustellen. Dem menschlichen Geschlechtsleben ist der starke Fleischgenuß verderblich gewesen, und eine Rückkehr zu einfacher Pflanzennahrung wird wieder gesunde Ruhe und ruhige Kraft bringen.

Kennst du so die gefährliche Wirkung der mit der Nahrung eingeführten Reizstoffe, so mußt du auch daran denken, daß die Resterzeugnisse des Verdauungs-, Assimilations- und Stoffwechselvorganges gerade wegen ihres Zerfallscharakters auch nichts anderes als schädliche Reizstoffe sind. Sie müssen den Körper sobald wie möglich verlassen. Nur dann, wenn es geschieht, kann man von einem gesunden Stoffwechsel sprechen. Es geschieht aber nicht immer, und die Zahl der Menschen ist Legion, die an Darmträgheit oder Verstopfung leiden.

Über die Ursachen dieses Übels sprachen wir schon. Zu viel Fleischkost und zu wenig Bewegung, also nervöse und Muskelerschlaffung. Später wird die Darmerschlaffung eine Folge des geschlechtlichen Mißbrauches in der Jugend. Mit diesen Ursachen kennen wir zugleich auch die Mittel zur Beseitigung. Notwendig ist diese; denn der gefüllte Darm übt rein mechanisch einen Druck aus, der sich in Geschlechtserregung auslöst. Grobes Brot (Schrot-, Graham-, Simons- oder Molkenbrot), Gemüse, Salate und reichlich Obst führen in den meisten Fällen eine gute Darmtätigkeit herbei.

Auch die gefüllte Blase steigert auf reflektorischem Wege den Geschlechtsreiz, und namentlich junge Männer haben am Morgen beim Erwachen meist Gliederregungen, die mit dem Harndrang zusammenhängen. Ist die Harnblase entleert, so ist meist auch die Erregung verschwunden. Im Hinblick darauf sollten junge Männer es vermeiden, am Abend viel zu trinken. Das Trinken ist ja schon an sich sinnlos, aber für die Zurückdrängung der Sinnlichkeit besonders zu beachten.

Den alkoholischen Getränken gegenüber entschließest du dich am besten zu vollkommener Enthaltsamkeit. Bier, Wein, Schnaps, Liköre und dergleichen haben keinen Wert als Nahrungsmittel und werden darin von den allereinfachsten Dingen wie Milch, Brot, Käse, Obst und Obstsäften übertroffen. Als Reizmittel aber sind sie dem Nervensystem verderblich, dem Geschlechtstrieb gefährlich, und darum ist es sinnlos, sie zu trinken. Im Kampf mit dem Geschlechtstrieb muß man solche gefährlichen Gegner, wie den Alkohol, zu allererst verscheuchen.

Ich will an dieser Stelle einiges über das Bett sagen; denn auf sein Schuldkonto ist manches von den sinnlichen Verirrungen zu setzen. Mit zunehmender Kultur wurden Unter- und Oberbett und auch die Kissen immer weicher, schmiegsamer. Dadurch wird die Berührung dieser Dinge mit dem Körper inniger, und das ist angesichts der großen Empfindsamkeit der äußeren Nerven nicht unbedenklich. Es entsteht unter den Federbetten eine Wärmestauung, und Wärme steigert überall das Empfinden. Wenn nun aus gesteigerter Wärme und äußeren Tastreizen sinnliche Träume entstehen, so geschieht es leicht, daß die Hände die geschlechtlichen Organe berühren und eine Geschlechtserregung unbewußt im Schlafe oder auch bewußt herbeiführen. Mancher junge Mensch wacht plötzlich vom Schlafe auf in einem Augenblicke, wo der onanistische Akt ganz oder teilweise vollführt ist.

Diese Gefahr ist ganz besonders groß morgens kurz vor oder nach dem Erwachen, wo die gefüllte Harnblase eine Erregung verursacht und die Bettwärme sinnliche Bilder entstehen läßt. Am Morgen ist namentlich bei nervösen oder sonstwie leidenden Menschen die allgemeine Kraft und besonders die Willenskraft noch gering. Beide wachsen erst an den Arbeitspflichten des Tages. In dem Träumen und Hindämmern im Bett nach dem Erwachen liegt etwas riesig Gefährliches, und es hat wohl schon ungezählte Tausende von jungen Menschen ihrem guten Vorsatz entfremdet.

Es gilt hier, wie in so vielen Gefahren des Lebens, der Satz. „Principiis obsta“. Widerstehe dem Anfang! Wenn du erwachst, so erhebe dich mit einem mannhaften Entschluß! Stehe frisch entschlossen auf, kleide dich an, bewege dich und beginne zu arbeiten. Gib dich nicht eine Sekunde dem sinnlichen Hindämmern hin. Es ist immer ein Ringen zwischen Trieb und Wille. Je mehr du den sinnlichen Trieb träumend ansteigen lässest, desto schwächer wird dein Wille, bis er schließlich ganz unterliegt. Mache es dir vor allem zum eisernen Grundsatz, die Geschlechtsorgane nur dann zu berühren, wenn die Notdurft des Leibes es verlangt, sonst unter keinen Umständen. Jenes Spielen, das die angenehme leichte Erregung herbeiführt, ist wie ein Zunder in einem Explosionsstoff. Du willst nicht die Explosion, aber es glüht und glüht, bis mit einem Male dein Wille und dein moralischer Widerstand zusammenbrechen unter der angetriebenen Sinnlichkeit, und es – wieder einmal geschehen ist. Principiis obsta! Widerstehe dem Anfang!

Auch Krankheitserscheinungen mancherlei Art gibt es, die geschlechtsreizend wirken. Von den schweren Leiden, wie Lungenschwindsucht, mit ihrer oft verzehrend-fieberhaften Sinnlichkeit, will ich nicht sprechen. Wohl aber von örtlichen Störungen in der Geschlechtsgegend, die von einem mehr oder weniger heftigen Juckreiz gefolgt sind. Entweder finden sich dann Darmparasiten, Eingeweidewürmer mancherlei Art, oder es handelt sich um Hautmilben oder Hautleiden, welch letztere von Blasen-, Knötchen- oder Borkenbildung gefolgt sind und ein oft fürchterliches Jucken und Kratzen veranlassen. Wohl immer sind dies Folgen von Unsauberkeit, und der wohlmeinende Hygieniker hat ernstlich darüber Klage zu führen, daß die wohltätige und gesundheitswichtige Gewohnheit des Badens noch nicht genügend weit im Volke verbreitet ist. Auf ein einmaliges Bad in der Woche bildet man sich schon mancherlei ein. Aber für junge Menschen, die über geschlechtliche Anfechtungen klagen und sich von der Onanie befreien oder freihalten wollen, genügt das keineswegs. Sie sollten die gar zu warmen Bäder meiden und allabendlich eine Waschung des gesamten Unterleibes einschließlich der Oberschenkel und des unteren Rückens mit kühlem Wasser machen und könnten, wenn die sinnliche Erregung nur schwer zu bändigen ist, diesem Wasser etwa ein Fünftel Kampferspiritus beimengen; das kühlt und beruhigt. Namentlich ist es dem jungen Manne ratsam, den vorderen Teil des Gliedes, die Eichel, öfter durch Zurückziehen der Vorhaut freizulegen und kühl abzuwaschen. Dadurch entfernt man jenen Ausscheidungsstoff, der sich hier festsetzt und die Geschlechtsnerven reizt.

Die kluge Gewohnheit des Badens wird an Wert und gesundheitlicher Bedeutung noch übertroffen durch das Luftbad. Es schließt eine natürliche Form des Lebens in sich und bringt viel Kraftsteigerung für das Nervensystem. Es gehen viele ins Luftbad, die krank sind und sich von ihren Leiden befreien wollen. Aber klüger ist es wohl, schon – ehe man krank geworden – einen Teil der Jugendjahre im Luftbade zuzubringen, um im kräftigenden Reiz der atmosphärischen Luft, im freien Lauf und im frisch-fröhlichen Spiel die sinnliche Lust einzudämmen und umzuwandeln in Spannkraft des Körpers und des Geistes. Die sitzende Lebensweise in den Schulen, Bureaus, Werkstätten und Fabriken führt zu einer Stockung des Blutes und der Säfte in den inneren Organen und zur Erschlaffung der Muskeln und der äußeren Haut; das häufige Luftbaden schafft gründliche Änderung darin und bringt, namentlich wenn es grundsätzlich auch im Winter im Freien genommen wird, mit der Abhärtung zugleich auch einen frischen offenen Sinn, der es für verderblich und unmännlich halten muß, sich schlaffen, sinnlichen Träumereien hinzugeben.

Um im Luft- und Sonnenbade ganz richtig zu handeln, dir nicht zu schaden, lies mein Buch „Die Heilkraft des Luft- und Sonnenbades. Rationelle Körperpflege durch Luft, Licht und Wasser“[3]. Du findest darin eine ganz eingehende Darstellung dieses vornehmsten Gesundheitsmittels und genaue Anweisungen für dein Verhalten.

Da, lieber Leser, sind wir überhaupt bei der Frage der Muskelarbeit angelangt, und damit bei einer Frage von so großer Wichtigkeit, daß wir darüber noch einiges sagen müssen.

Das Leben ist eine wunderbare Einheit, und tief im Innern des Organismus, im Chemismus der Gewebe, werden in geheimnisvoller Weise die Kräfte frei, die das Leben zur Entfaltung bringen. Im ewigen Kampf ums Dasein empfing jedes Lebewesen, empfing auch der Mensch seine ganz bestimmte Form, seine körperliche und geistige Organisation. Der Kampf ums Dasein zog die Kräfte bald hierhin, bald dorthin und hat vor allen Dingen in der Notwendigkeit der Körperarbeit und der körperlichen Anstrengungen die Muskeln stark und leistungsfähig gemacht.

Mit einem Male wurde die Muskelarbeit zurückgedrängt. Durch die Entfaltung der Technik, der Industrie, der Wissenschaften, wurden immer mehr geistige Kräfte verlangt, während die Körperkraft im Kampf ums Dasein von Tag zu Tag mehr ihre Bedeutung verliert.

Namentlich der Jugend aber, die ihres raschen Wachstums und Stoffwechsels wegen und ihrer ganzen Anlage nach zu körperlicher Bewegung drängt und darauf angewiesen ist, wenn sie sich normal entwickeln soll, ist das viele Stillsitzen gefährlich geworden. Die frei werdenden Kräfte finden keine Verwendung, keinen Ausweg. Würden sie in Körperarbeit verwendet, so würde sich der Körper dabei aufbauen, würde die gelösten Stoffe sich selber als dauernden Besitz anbauen, würde stark und kräftig werden. So aber suchen sich die herrenlosen Kräfte einen Ausweg und werfen sich auf den Geschlechtssinn, den sie erregen und steigern und zur Entladung drängen. So ist vielfach die Onanie eine Entladung von Kräften. Aber diese Kräfte werden dem körperlichen und geistigen Dauerbau entzogen, und statt daß sie in ihrer stetigen Verwertung den Organismus stark machen sollen, führen sie nun ein Anwachsen, eine Züchtung des Geschlechtstriebes herbei. So verstehen wir es, daß eine starke Geschlechtsbetätigung eine verhehrende Wirkung auf Körper und Geist hat.

Ja, gerade die in der Gegenwart so beliebt gewordene Methode der frühen geistigen Erziehung der Kinder fördert ihre sinnliche Entwicklung maßlos. Die Freude der Mutter über die regen geistigen Interessen ihrer Lieblinge ist verderbliche Naivität; denn die geistige Regsamkeit ist nervöse Entwicklung. Diese unsinnige Erziehung: geistiger Drill bei körperlicher Trägheit! Unaufhaltsam werden die Kinder der Geschlechtserregung zugetrieben. Die Eltern sind blind, sehen nichts und lassen zwischen ihren Kindern oder zwischen den Kindern und den Dienstboten Dinge geschehen, über die sie entsetzt sein würden, wenn sie nur ein einziges Mal Augen- oder Ohrenzeugen wären. Und dabei sind es oft Väter und Mütter, die mit größtem Ernst, mit sittlichen und religiösen Mitteln ihre Kinder erziehen wollen und doch sie verderben.

Nichts ist notwendiger in unserer Zeit, als diesen Kräftestrom wieder in sein natürliches Bett zurückzulenken, die natürlichen Lebensbedingungen wiederherzustellen, körperlich zu arbeiten. Oder, wo das nicht ausgiebig möglich ist, Sport und Gymnastik zu betreiben. Der gesunde Instinkt der Jugend hat das überall erkannt. Und überall in Deutschland begegnet man jetzt den Wandervögeln, den Pfadfindertrupps, sieht man Tennisspiel, Fuß- und Faustball u. a., gibt es Turn- und Sportvereine, Sommer- und Wintersport, Berg- und Wassersport. So ist es recht, und niemand sollte sich davon ausschließen. Ein junger Mensch, der immer zu Hause sitzt und nicht da draußen seine Kräfte übt, seine Lungen weitet, hat keine rechte Jugend gekannt. Und daß gerade die blassen Stillsitzer unter den Onanisten so häufig zu finden sind, beweist die Gefahren der körperlichen Untätigkeit. Die Wandervögel, die Pfadfinder sind an Zahl gewachsen. Aber zehnmal, hundertmal so viel müßten es sein. Ein nationales Erwachen müßte durch das Volk, müßte vor allem durch die Jugend gehen, daß wir mehr von den Büchern und der blassen Stubenhockerei und dem verdammten Kneipen-, Sauf- und Lumpenleben loskommen. Das deutsche Volk wurde vor dem Kriege leider immer reicher an Theoretikern, Maulhelden und Schlafmützen und an jenen ästhetischen, saftlosen Dekadenten, die elegant und blasiert im Café saßen, über Gott und die Welt räsonnierten und überlegen philosophierten, aber selber im Leben nirgendwo einen rechten Platz ausfüllten, sondern nur die Scheu vor der Arbeit allerorten großzogen. Diese schlaffen Kerle kriegen nur Spannung, wenn das Erotische ihr Auge oder ihr Ohr trifft, wenn „die Weiber“ das Gesprächsthema bilden. Alles andere vermag ihre ausgelaugte Intelligenz nicht mehr hervorzulocken.

Laß dir dies kühl blasierte Gesicht nicht imponieren! Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Laß dir daran gelegen sein, einen kräftigen, gesunden, elastischen Körper zu gewinnen, den diese „moderne“ Schlaffheit und Moralfaulheit nicht überwinden kann. Sparst du die Geschlechtskraft, so lenkst du sie um in alle Organe deines Körpers und baust dir aus dem geheimnisvollen Lebensstoff ein Leben, das im Alter die Klugheit deiner Jugend segnet.

Es ist wahrlich keine Schwarzseherei, wenn ich darauf hinweise, daß auch das Turnen in mancherlei Hinsicht Gefahren in sich trägt. Die Geschlechtsorgane sind bei vielen, namentlich bei den nervös veranlagten jungen Menschen leicht reizbar. Darum ist es geraten, zum Beispiel beim Klettern an Stangen und Tauen Reibungen der sexuellen Organe zu vermeiden. Wo eine Gefahr besteht, kann man nicht genug auf der Hut sein. In den Schulen und beim Militär wird ja auch auf einen korrekten Kletterschluß geachtet.

Vorzügliche Beachtung verdient neben den Wanderungen, die den Körper stärken und den Geist zugleich ablenken und ausfüllen, das Schwimmen. Junge Menschen, deren sinnlicher Trieb sich in den Vordergrund drängt, sollten fleißig das Schwimmen üben; denn es behebt die Blutfülle in den Unterleibsorganen, die oft die unmittelbare Ursache der geschlechtlichen Erregungen ist. Auch werden die sinnlichen Vorstellungen und Träume, die aus solchen Blutstauungen entstehen, durch das Schwimmbad energisch beseitigt und durch den niederschlagenden Kältereiz stets auf einige Zeit zurückgehalten. Ich empfehle aber rasches Auskleiden, energisches Hineingehen ins Wasser und schnelles Wiederankleiden. Nichts aber ist nach allen Seiten hin von so großem Werte wie das tüchtige Luftbaden. Es vereinigt viele Faktoren der Gesundheitspflege und Nervenstählung in sich und stellt die kraftvollste und unmittelbarste Verwirklichung jenes „Zurück zur Natur“ dar, das seit Rousseau immer lebendiger in die allgemeinen Lebensanschauungen hineingetreten ist. Zeitweilig und regelmäßig sich im Freien, in abgeschlossenen Luftbädern oder im einsamen Wald, der Kleider zu entledigen und den nackten Körper bei guter und schlechter Witterung der Luft auszusetzen, das ist eine Klugheit und eine Wohltat zugleich. Ein Kraftzuwachs ist der Gewinn dieser Klugheit. Und wenn das Luftbad mit tüchtiger Bewegung, Laufen, Springen, Turnen oder – wo es geht – mit Schwimmen verbunden wird, dann verscheucht es sicherlich alle die wirren sinnlichen Phantasien, unter denen der blasse Stubenhocker leidet. Der gewaltige Bewegungsdrang der Jugend will und muß entladen werden, denn dieser Bewegungsdrang ist ja eben Jugend, und in seiner Betätigung liegt das Geheimnis des Wachstums, der Erstarkung. Wird alles Körperliche, Spiel, Sport, Gymnastik, Schwimmen, Luftbad, Turnen, unterbunden, und zwingen Elternhaus und Schule zur Stillsitzerei hinter den Büchern, dann stauen sich die Jugendkräfte und entladen sich da, wo krankhafte Reizbarkeit ihnen ein Tor öffnet, in der Geschlechtssphäre. Wenn so die drängenden, jugendaufbauenden, lebengestaltenden Kräfte in der Onanie einen Ausweg gefunden haben, dann verlangt der erschöpfte Organismus nicht mehr nach körperlicher Kraftentladung. Dem erschlafften Körper ist das Stillsitzen ein Bedürfnis, eine Wohltat, und aus dem Onanisten entwickelt sich oft in der Schule der blasse, folgsame Streber, der der Stolz des Lehrers ist und den doch das Leben später, wenn er nicht mehr so recht vorwärtskommt, darüber belehrt, daß nicht allein geduldiges Sitzen, sondern Entschlußkraft, Mark und Saft dazu gehören, ein Ziel zu erreichen. Dies sind aber Werte, die durch geschlechtliche Reinheit in der Jugend gewonnen werden.

Besser noch und richtiger als alles, wovon ich oben sprach, besser als Sport, ist die Arbeit, die rauhe körperliche Arbeit. Der Sport hat noch kein Volk groß gemacht, sondern die Arbeit, die harte, rauhe Notwendigkeit. Denn Sport verleitet überall zu Rekordleistungen, zu Übertreibungen, zu Fexerei und – Schwindel. Der Sport läßt hier und da nichts mehr von seinem inneren Werte merken und ist zum Schaustück, zur Unterhaltung, zum Nervenkitzel geworden. Das beweisen – die Wetten und der Totalisator. Die Sucht nach wahnsinnigen Gipfelleistungen ist eine Erscheinung der Neurasthenie eines ganzen Volkes. Schlaffe Nerven antworten nur auf starke Reize.

Der Sport ist sicherlich die notwendige und wohltätige Reaktion gegen Schul- und Schreibstuben- und Fabrikarbeit. Aber der Sportmatador hat viel zu sehr die bewundernden Blicke auf sich gezogen und den Sinn abgelenkt von der körperlichen Arbeit, die greifbare Werte schafft. Geh aufs Land hinaus und sieh die Arbeit der Bauern. Sie bestellen den Acker, und von den Erzeugnissen ihrer Arbeit, von Kartoffeln, Kornfrucht, Grünzeug, Obst und Viehzucht nährt sich das ganze Volk. Ist das nicht wertvoller als sechs Tage lang wie ein Besessener im Kreis herumzuradeln und klüger noch, als bei diesem Unsinn zuzusehen?

Aber im Frühjahr und namentlich im Herbst ist auf dem Lande Leutenot. Haben wir Deutschen nicht genug Hände zum Arbeiten? Ei, jawohl! Aber sie stecken in den Hosentaschen und sind – manikürt. Und während der Bauer am Abend sorgend den drohenden Himmel betrachtet und vor Sonnenaufgang aufsteht, um in harter Arbeit, mit Frau und Kindern und mit den wenigen Kräften, die er bekommen kann, den Reichtum seiner Fluren in den Scheunen zu bergen, sitzen in der Stadt Tausende im Kaffeehaus, spielen sie Tennis- und Fußball und tragen in sich den glückseligen Gedanken von der „Gesundheit des Sports“.

Ja, gewiß ist er gesund! Aber ließe sich nicht ein weniges von all der spielenden Kraft in Ernst, in Arbeit umwandeln? Sollen wir geschlagenen Deutschen nicht eine ganz neue Zukunft bauen? Könnten nicht die jungen Burschen, die Sportklubs, die Wandervögel und Pfadfinder, zum mindesten in den Ferien, einmal zu den Bauern hinauswandern, um zu arbeiten? Muß man immer spielen? Und vielleicht nur deshalb spielen, weil zu jedem Sport auch gleich ein „schickes“ Kostüm erdacht wird? Ja, die kostümlich-dekorative Marke verdrängt oft sehr aufdringlich die innere Kraft der Sache. Die Arbeit auf dem Lande wäre für die jungen Burschen aller Stände nicht nur gesundheitlich förderlich, sondern auch ein kräftiger Faktor ihrer sozialen Erziehung.

Das deutsche Volk war vor dem Kriege auf jener Stufe der Degeneration angelangt, wo in einem letzten Aufflackern der Körperkraft der Gedanke an die Arbeit im Sport ästhetisch kultiviert wurde. Alle Welt litt und erkrankte an der körperlichen Untätigkeit und der geistigen und nervösen Überreizung. Alle Welt schaffte sich nicht Hunger und Verdauungskraft in der Arbeit, sondern hatte die Mahlzeiten zu einer Haupt- und Staatsaktion erhoben und litt am zu vielen Essen. Das Geschlechtliche war das Ventil, aus dem die krankhafte Spannung entwich, und der geschlechtliche Mißbrauch folgte der körperlichen Untätigkeit und der Unmäßigkeit des Essens und Trinkens auf dem Fuße. Aber das ging an die Nervenkraft, und alle Welt ging in die Sanatorien, um – die Zeit weiter totzuschlagen. Das große Heilmittel für die Neurastheniker und die anderen Leidenden, die Körperarbeit, wollte niemand versuchen. Hatte der Arzt eine Überzeugung, so mußte er sie für sich behalten, sonst kostete sie ihn die Kundschaft. Nur wenigen gelang es, sich dem großen Humbug mit Erfolg entgegenzustemmen. Nun hat der Krieg uns aus dem Hindämmern aufgeschreckt, uns den Abgrund gezeigt, an dem wir hintaumelten. Nun soll ernste, strenge, harte Arbeit uns einen ganz neuen Weg führen.

Aus Arbeit und rauhen Notwendigkeiten entstieg die Kraft und erblühte das Leben in tausend Schönheiten. Nun war die Kraft im Schwinden, und ihre Wiedergeburt, die Regeneration, muß auch erst wieder durch die rauhe Notwendigkeit der Arbeit, durch Einfachheit, durch Körperstählung und durch geschlechtliche Reinheit hindurchgehen.

Die Menschen haben sich an den Anblick der körperlichen und seelischen Leiden und an das häufige und allgemeine Schmerzgefühl so sehr gewöhnt, daß sie glauben, Schmerz und Krankheit lägen in der Natur der Dinge und seien unvermeidliches und unabwendbares Schicksal. Darum ertragen viele ihre Leiden in gedankenloser Ergebenheit oder führen Klage über ihr persönliches Unglück. Die heftigen, impulsiven Naturen murren auch wohl gegen das „Schicksal“. Die wenigsten nur sind es, die bei sich selbst nach den Ursachen spähen und – durch Erkenntnis klug geworden – in vorsichtigerer Lebensführung alle die allgemeinen Übel vermeiden.

Von nichts aber dürfen wir mehr überzeugt sein als davon, daß bei vernünftiger Lebensführung Krankheiten ganz außerhalb der Lebensgesetze des menschlichen Organismus liegen. Haben wir nur ein klein wenig natürlich denken gelernt, so müssen wir erkennen, daß die Natur Gesundheit und Glück gewollt hat, und die Irrtümer und Fehler des Lebens dem Einzelmenschen schaden und von ihm aus die Gesamtheit angreifen.

Die Verletzung der Naturgesetze – im Geschlechtsleben mehr als anderswo – verwirrt die Wege der Kraft, der Schönheit und des Glückes, die den Menschen von der Natur gewiesen sind, und bringt Krankheit, Schwäche und Tod. Wir Menschen von heute aber haben etwas, was niemand je vorher besaß, die klare Erkenntnis von den wahren und eigentlichen Ursachen des Verfalls. Wir sehen mit Entsetzen den Geschlechtsmißbrauch die Kraft der Menschen und der Völker zerstören und sammeln alle Kräfte, um dieser zerstörenden Gewalt zu begegnen. Die klare Erkenntnis hat uns Hoffnung, Mut und Wille gegeben, und das Leben, das vor uns liegt, steht im Zeichen einer neuen Zeit, in der in einem gesunden Körper wieder eine gesunde Seele lebt.

Zweiter Teil.
Der junge Mann und das Weibliche.
 
Rätsel und Irrtümer der Liebe.

„Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt.
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt.“

 

Schiller.

 

Dropcap3

ie alten Griechen hatten einen Gott, den sie Janus nannten, und den sie sich mit zwei Köpfen dachten. Wollten wir Menschen die Liebe darstellen, wahrlich, auch sie hätte einen Januskopf; denn kein Empfinden gibt's im Leben, das so sehr Glück und Leid, Jubel und Tränen, Freude und Trauer umschließt, kein Empfinden, das mit so viel stürmenden Hoffnungen begann und mit so viel bitterer Resignation endete. Heiße, große Jugendsehnsucht auf dem einen Gesicht und begrabene und beweinte Wünsche auf dem andern, das ist der Januskopf der Liebe.

Aller Jammer, alles Elend, alle Krankheit entspringt dem Irrtum. In den Geschlechtsirrtümern verlieren die Menschen ihre Kraft.

1.
Das Erwachen der Liebe.

Um das 15., 16. oder 17. Jahr herum geschieht es, daß aus dem Knaben ein junger Mann wird und der Körper alle jene bedeutsamen Veränderungen erlebt, die vereint den Geschlechtscharakter bilden. Der Körper entwickelt besondere Triebkraft im Wachstum, und dieses rasche, oft schußweise Wachsen im Knochenbau, dem die Muskelfülle nicht ganz zu folgen vermag, gibt der Gestalt jene merkwürdige Eckigkeit und Unbeholfenheit, die uns den jungen Mann in den „Flegeljahren“ oft so lächerlich ungeschickt erscheinen lassen. Auf der Oberlippe erscheint der erste Bartflaum, die sexuellen Organe entwickeln sich stärker; es mehren sich die Schamhaare; die Stimme verliert den kindlichen Klang; sie „bricht“ und gewinnt jenen dunklen, oft rauhen Timbre, aus dem man den „Stimmbruch“ eine Zeitlang deutlich heraushört.

Dieser ganzen äußeren Entwicklung, die einen ausgeprägt geschlechtlichen Charakter trägt, entspricht auch eine innere Entwicklung. Denn das geistige Leben wird beeinflußt und gespeist von jenen inneren Absonderungen der Keimdrüsen, die in dieser Zeit lebhafter zu arbeiten begonnen haben. Das Geschlechtsgefühl ist nun nicht mehr bloß allgemein körperlich, sondern wird reicher an plastischen, geistigen Vorstellungen. Denn in demselben Maße, in dem das eigentlich Männliche sich in dem jungen Manne ausbildet und äußerlich und innerlich ausprägt, stellt sich sein ganzer männlicher Organismus auf das Weibliche in seiner Umgebung ein. Männlichkeit und Weiblichkeit bilden eben im kosmischen Geschehen jene gewaltige Polarität, aus der das weltenbewegende Wunder der Liebe entsteigt. Jeder Pol sucht seinen Gegenpol, und alle die feinen und starken Ausstrahlungen der Männlichkeit suchen und finden das Weibliche, das sie mit dem gleichen Gesetz anziehen und sich zu verschmelzen trachten. So gewinnt das Weibliche eine gewisse Herrschaft über das Männliche, das sich – gebändigt durch unklare sinnliche Wünsche – dieser Herrschaft gern beugt, ja sich manche „süße Tyrannei“ eines jungen Mädchens gefallen läßt und aus Liebe und Ritterlichkeit zu jedem Dienst und – jeder Torheit fähig ist.

Das sind etwa so die Tanzstundenjahre. Eine kleine Welt für sich, deren glückliches Hoffen nie wiederkehrt. Je stärker und unklarer diese männliche Sehnsucht ist, desto verlegener und ungeschickter kann der sonst ganz ruhige und sichere junge Mann werden, wenn in der Gesellschaft ein junges Mädchen all seinen stürmend-sehnsüchtigen Gefühlen ein naheliegendes Ziel gibt. Dann ist es mit der Ruhe vorbei. Er möchte den allerbesten Eindruck machen, die Ritterlichkeit in Person sein, glaubt sich von allen Anwesenden beobachtet und möchte sich doch um alles in der Welt vor seiner „Angebeteten“ keine gesellschaftliche Blöße geben. Das geringste Mißgeschick bringt ihn in unglaubliche Verwirrung. Er steckt das Tischtuch als Serviette ins Knopfloch, schüttet der Dame die Suppe aufs Kleid, wirft einen Stuhl um und sucht verzweifelt nach einem Gesprächsthema.

Das Liebesspiel hat begonnen, und alle die grotesken Verlegenheiten sind nur die grenzenlose Verwirrung, die das Weibliche anrichtet in der Seele des jungen Mannes, dessen erwachte Geschlechtlichkeit sich in dieser neuen Welt noch nicht zurechtzufinden weiß.

Und dann ergreift das Weibliche immer mehr Besitz vom Denken und Fühlen des jungen Mannes. Es schärft auf der Straße und in der Gesellschaft seine Augen für Jugend und Schönheit, Grazie und Charme. Es dringt in seine Träume ein, und während der gesunde, wohlerzogene junge Mann die Schönheit dieser Jugendjahre nicht ihres idealen Gewandes entkleidet und die Poesie der jungen Liebe nicht in der sexuellen Gier vernichtet, kämpfen viele – und namentlich diejenigen, die den onanistischen Geschlechtserregungen verfallen sind – mit sexuellen Vorstellungen. Und während bei dem einen die ersten Regungen der Liebe zugleich seinen männlichen Stolz und seine sittliche Selbstachtung wecken, und ihm die Liebe zur Waffe gegen seine unreine Verirrung wird, gerät der andere noch tiefer in die Gewalt des krankhaften Triebes.

Hier findet der zügelnde Wille und die Klugheit einer gesunden Lebensführung einen besonderen Boden, zumal es sich darum handelt, jene nächtlichen automatischen Samenergüsse, die sogenannten Pollutionen, in ihren physiologischen Grenzen zu halten.

Mancher junge Mann wird verwirrt oder erschreckt, wenn er in der Nacht oder am Morgen einen Samenverlust beobachtet, der von einer mehr oder weniger starken Erregung, von mehr oder weniger lebhaften sinnlichen Träumen begleitet war. Den Unwissenden und Ängstlichen mag gesagt sein, daß die Pollutionen nichts Krankhaftes an sich haben, sondern eine normale Entscheinung sind, wenn sie etwa alle 10-20 Tage sich höchstens einmal einstellen. Darüber hinaus und besonders dann, wenn der Pollution am nächsten Tag schlaffes, schlechtes Befinden, blasses Aussehen, Kopfschmerz, Kreuzschmerzen, Nervosität und dergleichen folgen, haben wir es mit nervöser Schwäche zu tun, oder der Samenerguß war durch einen äußerlichen oder innerlichen Reiz, jedenfalls aber durch einen Fehler in der Lebensführung, herbeigeführt worden. In solchen Fällen wirst du gut tun, lieber Freund, alle die Ratschläge zu befolgen, die ich schon zur Heilung der Onanie gegeben habe, und namentlich die Abendmahlzeit nicht nach 6 Uhr einzunehmen und sie nur aus Brot und Früchten bestehen zu lassen.

Wenn es möglich wäre, die Menschen in ihrer Allgemeinheit wieder zu einer gesunden und einfachen Lebensweise zurückzuführen, so müßten wahrscheinlich die Pollutionen entweder gänzlich schwinden oder auf ein äußerst geringes Maß zurückgehen. Aber diese Erscheinungen hängen wohl mit der nervös gesteigerten Erregbarkeit des Lendenmarkes, mit körperlicher Untätigkeit und mit einer falschen Ernährung weit mehr zusammen, als man auch nur ahnt. Wenn aber zum Beispiel eine geschlechtliche Erscheinung mit der Ernährung zusammenhängt und zugleich mit dieser geändert werden kann, so ist es doch zum mindesten recht schwer, zu sagen, sie sei so, wie sie ist, normal.

Keinesfalls aber läßt sich aus solchen Erscheinungen die Anschauung herleiten, daß nun der Organismus reif sei für die Fortpflanzungstätigkeit, und daß nun die Geschlechtsbetätigung für den jungen Mann zu einem persönlichen Recht und zu einer gesundheitlichen Forderung werde. Denn wenn auch – was jedenfalls bestreitbar ist – die Pollutionen normale, physiologische Erscheinungen wären, so könnten sie doch nur eine passiv-automatische Übung und Wachstumssteigerung eines Triebes darstellen, der seiner sozialen Beziehungen und Folgen wegen nicht allein in der körperlichen Entladung begriffen werden kann.

2.
Die Sittlichkeitsfrage.

Hier haben wir mit einem Male einen Sprung mitten in die sogenannte „Sittlichkeitsfrage“ hinein getan. Denn der Begriff des „Sittlichen“ hat sich stillschweigend und in seiner ganzen Ausdehnung an das Geschlechtliche angeschlossen.

Diese Sittlichkeitsfrage beschäftigt sich im wesentlichen damit, ob es einem jungen Manne erlaubt sein kann, vor der Ehe und in noch jugendlichem Alter geschlechtliche Beziehungen zu unterhalten.

Diese Frage ist durchaus neueren Datums. Denn erstens waren die sittlichen Anschauungen von früher strenger und straffer, zweitens hat die Gesellschaft heute in allen Fragen, und somit auch in der sexual-moralischen, die soziale und sittliche Kritik über das gedankenlose Sichgehenlassen gesetzt, und drittens ist gerade mit dem Erwachen dieses kritischen Geistes jener eigenwillige Individualismus großgezogen worden, der über die Rechte der Persönlichkeit hinaus auch die Ungebundenheit des Trieblebens mit „Individualität“ und anderen Phrasen verteidigt, die sozialen Wurzelungen lockert und dieses ganze philosophische Vorspiel nur beginnt, um endlich und insbesondere dem vorehelichen Geschlechtsleben eine unbeschränkte Freiheit zu verschaffen.

Beiläufig gesagt: nur dem männlichen, nicht dem weiblichen Geschlechtsleben. Denn daß das junge Mädchen vor der Ehe keusch zu leben habe, ist eine so verbriefte, so tiefempfundene sittliche Forderung, daß ein Sturm sich erhob, als einige dem Lager der Frauenbewegung entstammende Schriften auch diese Schranke zu durchbrechen suchten. Nicht nur tiefe und bedeutsame biologische Gründe, sondern schlechterdings der sexuelle Egoismus des Mannes verlangen es, daß das junge Mädchen vor der Ehe seine Jungfräulichkeit bewahre.

Der gleiche Sturm der Verwunderung und Entrüstung erhob sich aber auch, als vor nunmehr etwa 30 Jahren in der Öffentlichkeit klipp und klar gesagt wurde, daß es auch für den Mann die sittliche Forderung der Enthaltsamkeit gebe.

Das traf die gedankenlosen Gehirne wie ein scharfer Sonnenstrahl, der die Augen blendet. Bis dahin hatte der Mann dasselbe getan, was er noch heute mit der gleichen aufreizenden Selbstverständlichkeit tut: er hatte jede sich bietende Gelegenheit zum Geschlechtsgenuß bereitwilligst benutzt.

Die Forderung der Enthaltsamkeit war durchaus nicht neu. Die christliche Religion und auch andere Kulte hatten sie aufgestellt. Nur war die Gedankenlosigkeit des Alltags allmählich über das unerschütterliche Gefüge ethischer Grundgedanken hinweggewuchert. Da fiel wie ein Funke ins Pulverfaß jene Erstaufführung des Björnsonschen Dramas „Der Handschuh“ durch die Berliner „Freie Bühne“ Ende des Jahres 1889. Die Heldin dieses Dramas, Svava, erfährt, daß ihr Bräutigam früher schon Geschlechtsverkehr mit einem Mädchen hatte, und sagt sich von ihm los. In der reichen literarischen Nachfolge, die diese Arbeit fand, finden wir den gleichen Gedankengang namentlich in „Vera. Eine für viele“.

Der starke und imponierende Björnson hatte also sich selbst zum Wortführer einer geschlechtsmoralischen Forderung gemacht und sie dadurch, daß er sie auf der Bühne abhandelte, in den Brennpunkt des allgemeinen Interesses gerückt. Die Presse griff denn auch diesen –8211; „Handschuh“ wie ein Mann auf, die einen mit Hohnlachen und dem zeternden Wortschwall einer angstvollen Verteidigung, die andern mit wohlwollender Zustimmung.

Genug, der Stein war ins Rollen gekommen, und Björnson selbst sorgte dafür, daß die Sache zumindest in den skandinavischen Ländern nicht so bald zum Stillstand kam. Man erinnert sich seiner eindrucksvollen, faszinierenden Persönlichkeit, die überall den strengen Sittlichkeitsgedanken, die monogamische Ehe, in glänzender Rede gegen jede geschlechtliche Lauheit, gegen jedes psychologisch oder philosophisch umschleierte Triebleben verteidigte.

Zur selben Zeit begann die Wissenschaft, die bis dahin scheu und ängstlich dieses Gebiet gemieden hatte, sich doch damit aus biologischen und medizinischen Interessen zu beschäftigen. Die Geschlechtswissenschaft (Sexuologie) spürte den geheimnisvollen Gesetzen dieser menschlichen Leidenschaft nach, um alle Zusammenhänge zu finden. Und mit einem Male übersah man auch klarer als bisher die ungeheuren gesundheitlichen Schäden, die das gedankenlose vielweiberische (polygamische) Geschlechtsleben des Mannes angerichtet hatte. Man erkannte den Einfluß alles Geschlechtlichen auf die Erziehung, das Denken überhaupt, auf alle sozialen Beziehungen, auf die Vererbung, auf Lebensgestaltung und Lebensglück, und es war wie ein jähes Erwachen, das den erschreckend neuen Eindruck von der gewaltigen Bedeutung alles Geschlechtlichen in zahllosen Schriften festhalten zu wollen schien.

Und was bis dahin nie und nirgendwo geschehen war: die Frauen hatten aufgehorcht. Sie, die bis dahin in der allgemeinen Komödie der Prüderei die Statisterie gemacht hatten, gewannen nun mit einem Male das Bewußtsein, daß es eine empörende Ungerechtigkeit ist, wenn der Mann vom Weibe voreheliche Enthaltsamkeit verlangt, während er sich selbst doch zu gleicher Zeit recht munter amüsiert und der Frau als Dank für ihre sittliche Bewahrung eine – Geschlechtskrankheit als Morgengabe in die Ehe bringt.

Was Wunder, daß gerade die Frauen sich gegen diesen Zustand auflehnten und mit großer Energie die sexuelle Frage der prüden Umschleierung entrissen.

Wir stehen ja noch heute vor der Tatsache, daß junge Männer, wenn sie die Schule und das Elternhaus verlassen haben, oft ohne alle Gewissensbisse von den sich bietenden Gelegenheiten zum Geschlechtsverkehr Gebrauch machen, ohne der moralischen und sozialen Gesetze zu gedenken, welche sich natürlicherweise gegen den eigenwilligen geschlechtlichen Individualismus auftürmen. Denn die Beurteilung eines Triebes, der über den Einzelmenschen hinaus von sozialen Folgen ist, erschöpft sich keineswegs in den Wünschen und Rechten des Individuums, sondern muß notwendigerweise eine soziale sein. Die tiefsitzende Inkonsequenz beginnt aber schon mit der Forderung der Keuschheit der jungen Mädchen, und die sozialen und mehr noch die sittlichen Zwiespalte fallen zusammen mit der gesellschaftlichen und seelischen Verwirrung, die ein Mann im Leben eines Weibes anrichtet, wenn sie der Gegenstand seiner geschlechtlichen Wünsche geworden ist.

3.
Geschlechtsleben und Gesundheit.

Das jugendliche Geschlechtsleben mit den Forderungen der Gesundheit zu entschuldigen, ist eine jener sophistischen Ungereimtheiten, die nur da entstehen, wo die erotischen Wünsche das Gewissen zum Schweigen bringen wollen.

Es gibt gegenwärtig wenige Fragen, in deren Beantwortung so heftige Widersprüche herrschen, wie diejenige des Nutzens oder Schadens der vorehelichen Geschlechtsenthaltsamkeit. Aber selbst wenn die Wissenschaft sich zugunsten der – Frivolität entscheidet und Fälle von Schädigungen durch Enthaltsamkeit bei der Jugend aufzählt, so müßte sie doch der degenerativen Entwicklung Rechnung tragen. Sie müßte in Rücksicht ziehen, daß die Kultur weit von den physiologischen Gesetzen der menschlichen Natur abgerückt ist, und daß durch geschlechtlichen Mißbrauch, durch die Raffiniertheit und Grenzenlosigkeit der Ernährung, sowie durch körperliche Untätigkeit eine sexualnervöse Reizbarkeit gezüchtet wurde, die das ordnende Urteil trübt. Was aber ein sinnlich gesteigerter Organismus verlangt, das darf die Wissenschaft nicht als allgemeines Geschlechtsrecht im ganzen Volke austeilen. Erkennt man, daß ein Trieb durch Mißbrauch sich im Organismus in den Vordergrund drängte, so muß man den Begriff des „Natürlichen“ an diesem Trieb arg beschneiden. Und selbst wenn man, ohne der mißbräuchlichen Steigerung zu gedenken, den Trieb mit Recht „natürlich“ nennt, so vermag man ihn doch in keiner Weise zu trennen von den seelischen, sittlichen und sozialen Kräften, die das Wohl der menschlichen Gemeinschaft und ihre Entwicklung bedingen. Wird der Geschlechtstrieb rein körperlich gezüchtet, so bringt er das Menschengeschlecht rückwärts, nicht vorwärts.

Wenn ein Mensch ißt und dabei den Zweck des Essens vergißt und zur Eßgier gelangt; wenn er trinkt, nicht weil der Körper Flüssigkeit verlangt, sondern weil er der Leidenschaft des Trinkens verfallen ist, so werden die geistigen Kräfte in demselben Maße schwinden, in dem die körperliche Sucht sich steigert. So bedeutet auch der unerlaubte Geschlechtsverkehr der Jugend, eben weil er die sozialen und sittlichen Kräfte nicht auslöst, eine Hemmung der geistigen und charakteriellen Entwicklung.

Daß die geschlechtlichen Erschütterungen und die Samenverluste einen noch nicht ausgereiften Organismus in seiner Entwicklung hemmen, ist eine ganz allgemeine Erfahrung. Es ist schon rein logisch und ohne jeden wissenschaftlichen Beweis einzusehen, warum jene geheimnisvollen Lebensstoffe, deren Entstehung im Körper zu einem solchen Reichtum und Überschwang des Gefühls führt, die das Urgeheimnis der polaren Spannung zwischen Mann und Weib in sich bergen, und die in der Leidenschaft ihrer Vereinigung das Wunder der Menschwerdung vollbringen, warum sie ohnedies dem Organismus, solange er sich in der Entwicklung befindet, seine Spannung geben; denn diese Stoffe, die immer wieder neues Leben auf die Bahn des Werdens schleudern, sind nicht nur Ursubstanz des Lebens, sondern zugleich auch seine feinste Blüte. Sie behalten immer ihre gestaltende Kraft. Und es liegt große Klugheit darin, durch diese gestaltende Kraft zunächst den eigenen Organismus auf den möglichen Höhepunkt seiner Entwicklung zu bringen, ehe man im bloßen Geschlechtsgenuß Rechte sucht, die erst der mit sich selbst fertige, vollendete Organismus besitzt.

An den Erscheinungen der Geschlechtsreife (Pubertät) erkennen wir die treibende und gestaltende Kraft jener Lebensstoffe. Ein Ausreifen nach allen Richtungen ist es, das wir beim Erwachen der Liebesempfindung staunend beobachten. Was späterhin das neue Leben formt, das verleiht einige Jahre vorher der Stimme ihren tieferen Vollklang, das treibt den Bart als eins der Zeichen der Mannheit, das gibt dem Charakter seine Festigkeit und dem Geiste Stolz und Kühnheit. Entfernen wir die Keimdrüsen (Kastration) so hört alle diese Entwicklung ins Männliche mit einem Male auf. Die treibenden Kräfte sind unterbunden. Die Stimme bleibt dünn, der Bart wächst nicht, der Charakter bleibt weichlich, ängstlich, tatenlos oder verschlagen.

Es mag darüber gestritten werden können, ob wir dem häufigen Samenverlust allein die Schäden, von denen die Rede war, zuschreiben sollen. Keinesfalls dürfen wir aber der gewaltigen allgemeinen Erschütterung vergessen, die der Organismus in der Geschlechtserregung erleidet. Kommt sie schon in der Jugend, noch ehe der Gesamtbau seine ordentliche Kraft und Festigkeit erlangt hat, und wiederholt sie sich zu oft, so verlieren die gar zu stark erregten Nerven, die in der Erregung gar zu oft ausgedehnten Blutgefäße, verliert das stark erregte Herz, verlieren die oft krampfhaft angespannten Muskeln die Fähigkeit, wieder zu vollkommener Ruhe, zur physiologischen Norm zurückzukehren. Alles erschlafft, und diese Erschlaffung ist traurige Widerstandsunfähigkeit und Empfindsamkeit. Und in demselben Maße, in dem die Kraft und die Energie zu tüchtiger Arbeit verloren gehen, bemächtigt sich des Organismus jene lüsterne Träumerei, die selbst am Tage alles Geschlechtliche umkreist und gewissermaßen mit angehaltenem Atem auf der Lauer liegt, um alles Geschlechtliche gierig einzusaugen und selbst das Harmlose im Gespräch, im Leben, in Büchern und Bildwerken, zum Geschlechtlichen zu machen. Dann zehrt die Sinnlichkeit von der körperlichen und geistigen Kraft, und es fehlt meist jenes notwendige Maß körperlichen Ausarbeitens, um die gefährlich wuchernde Sinnlichkeit einzudämmen.

Es ist sehr oberflächlich, wenn ein junger Mann seinen Geschlechtsverkehr mit seiner scheinbaren Reife, mit den nächtlichen Pollutionen und mit dem Hinweis auf die Erwachsenen entschuldigt. Denn erstens habe ich gezeigt, daß die scheinbare Reife sehr wohl frühzeitige Triebsteigerung sein kann, die als nervöse Anlage sich genau so erblich überträgt wie irgendeine Krankheit. Daß zweitens die Pollutionen eine recht zweifelhafte Erscheinung sind, und daß wir große, starke und gesunde Männer mit wenig oder gar keinen Pollutionen, dagegen oft schwächere, nervöse, blasse Jünglinge mit häufigen Pollutionen antreffen, sowie, daß die Pollutionen durch Onanie hervorgelockt werden können. Drittens, daß die Jahre der Geschlechtsreife beileibe nicht die Rechte geschlechtlicher Tätigkeit mit sich bringen, sondern durch die Steigerung der Samenerzeugung und der inneren Absonderungen dem Körper die geschmeidige, jugendliche Kraft und Biegsamkeit, dem Geist die Frische und die Fähigkeit schnellen Erfassens und der Seele Tiefe und Wärme verleihen sollen.

Es mag als Grundsatz gelten, vor vollendetem Längenwachstum alle sexuellen Kräfte zu sparen.

Die Tierzüchter haben reiche Erfahrungen in diesen Dingen gesammelt, und keiner von ihnen wird ein nicht völlig ausgewachsenes Tier zur Fortpflanzung zulassen. Jeder von ihnen weiß, wie schwer dadurch das Tier in seinem ferneren Wachstum aufgehalten und wie empfindlich man schließlich die ganze Rasse schädigen wird. Es mag auch nicht unerwähnt bleiben, daß, wenn man kranken, schwächlichen, nervös erschlafften Menschen Samenflüssigkeit unter die Haut spritzt, sie eine bedeutende Vermehrung ihrer körperlichen und geistigen Frische zeigen.

Die Athleten und die Sportsleute, die sich zu besonderen Höchstleistungen vorbereiten, müssen Geschlechtsenthaltsamkeit beobachten. Ja, diese ist ein ganz besonderes Erfordernis des „Trainings“. Wir erkennen daran das Gesetz von der Umwandlung der Kräfte im Organismus, und es darf als sicher gelten, daß die geschlechtliche Selbstzucht nicht nur die körperlichen Kräfte mehrt, sondern vor allem auch Ausdauer und jenen äußersten Willen weckt, der bei besonderen Leistungen den Ausschlag gibt.

Sind aber nicht auch die Jahre der Jugend eine Art Training, eine Vorbereitung für tüchtige Leistungen im Leben? Sollte die Jugend nicht ebenfalls alle die Kräfte sparen, deren Besitz die offenbare Quelle für körperliche und geistige Leistungsfähigkeit ist? Wenn die Eltern alle Nahrungssorgen auf sich nehmen, nur damit die Kräfte der Jugend sich nicht zwischen Entwicklung und Daseinskampf zersplittern, hat dann die Jugend ein Recht, diese Kräfte trotzdem zu vergeuden, und zwar in der Geschlechtslust?

Die Spannung, die durch Enthaltsamkeit erzeugt wird, ist Triebkraft und hat sowohl hohen kulturlichen wie lebenssteigernden Wert. Nichts ist sicherer, als daß die Geschlechtsenthaltsamkeit der Jugend und die Mäßigkeit der Erwachsenen nicht nur für den Einzelnen Sinn und praktische Bedeutung haben, sondern vielmehr für ein ganzes Volk von einschneidendem kulturlichem Wert sind. Eine Nation, die ihr Gewicht in die Wagschale der Geschehnisse werfen will, muß ihre geschlechtlichen Kräfte sparen. Das mögen wir Deutschen uns für den mühsamen Aufstieg, der die nächsten Jahrhunderte unserer Geschichte ausfüllen wird, und für unsere ganze Zukunft merken.

4.
Die Geschlechtsehre.

Freilich wird ja ein junger Mann, wenn er ins Leben hinaustritt, in einen argen Zwiespalt gebracht. Aus dem Knaben wird ein „Mann“, und diese „Männlichkeit“ ist im dickflüssigen Strom einer geschmacklosen Überlieferung leider gar zu sehr aus geschlechtlicher Abenteuerei und Renommisterei zusammengesetzt worden. Wer ein „Mann“ sein will, glaubt, etwas erlebt haben zu müssen und sieht mit Überlegenheit und Spott auf jüngere Kameraden herab, die noch einen Rest des Schamgefühls aus den Erziehungsjahren in sich tragen. Aber die freche Großsprecherei und der Spott der Älteren verwirrt den Jüngeren. Zwar weiß er ganz gut, wie der anständige Mensch zu handeln hat. Aber sein Wissen in diesen Dingen ist Stückwerk, ist unklar, unbestimmt, seine Persönlichkeit ohne Entschiedenheit, ohne Festigkeit. Diesen ewigen Verlockungen, den spöttelnden Angriffen, erliegt schließlich das gute Gewissen. Ja, der dumpfe, nicht gezügelte Geschlechtstrieb setzt sich in einem Augenblicke über Dinge hinweg, die bei ruhiger Betrachtung häßlich, abstoßend und empörend sind, über Schmutz, Roheit und ernste Krankheitsgefahr.

Darin liegt die große Niedertracht der Gesellschaft überhaupt, daß einer, der eine Dummheit macht, den anderen zu sich herabziehen will; denn die vergesellschaftete Dummheit erstickt ihren eigenen Vorwurf. Der Pluralis erscheint ihr als Entschuldigung, und so holt sich denn die jugendliche „Männlichkeit“ weiter ihr Rüstzeug – bei der Dirne.

Wie ist es doch sonderbar, daß ein junger Mann, kaum daß er in das Leben hinausgetreten ist – und oft schon vorher – ein Geheimnis in sein Leben hineinträgt, das ihn in einen inneren Widerspruch zu seiner gesamten Erziehung bringt. Ein Geheimnis, dessen er sich – würde es offenbar – vor aller Welt schämen müßte. Ja, er selbst schämte sich, und scheu und angstvoll, daß er um alles in der Welt nicht gesehen würde, umschlich er das geheimnisvolle Haus, das die eigenen Kameraden oder seine lüsterne Neugier ihm gezeigt, und verschwand darin in einem günstigen Augenblick. Wäre nicht der Stolz in der sexuellen Spannung erstickt, so müßte sich die Wirklichkeit des bezahlten Geschlechtsgenusses dem Bewußtsein in ihrer ganzen Widerlichkeit aufdrängen. Ein Weib, das nicht mehr Weib, sondern wahlloser Sinnlichkeitsgegenstand wahllos sich einfindender Männer ist, das oftmals die einfachsten Gesetze der Reinlichkeit übersieht, für eine Weile zu besitzen, kann einen Mann von wahrer Mannhaftigkeit nicht locken. Was die jungen Männer zu diesen frühzeitigen geschlechtlichen Verbindungen treibt, ist ja auch bei aller Sinnlichkeit tief im Innern die Sehnsucht nach Liebe und das urewige Rätsel des Weibes. Aber diese zarten knospenden Empfindungen, die sich in der Ehe, in der Familie, in echter, mannhafter Liebe ausreifen sollen, werden von den jungen Männern in Schmutz und gemeine Niedertracht geworfen. Daher die verkümmerte Empfindungswelt so vieler Menschen, die ihre eigene Lebenspoesie zerstört haben. Wünsche, Träume, Sehnsucht und Vorstellungen dürfen nicht in gar zu häßlicher Wirklichkeit erstickt werden, sonst ist das Ende seelische Erschlaffung, Pessimismus.

Die vorehelichen Geschlechtsbeziehungen haben eine so ungeheure Ausdehnung gewonnen, daß viele in ihnen eine Art von normaler Vorschule der Ehe erblicken. Wie riesenweit ist aber der Abstand zwischen Bordell und Familie, zwischen der Dirne und der Mutter, zwischen bezahltem Geschlechtsgenuß und der Liebe zweier Menschen, die miteinander in ihrer Kinder Land einziehen! Kann dies Gemisch von Lüsternheit, geschlechtlichem Schmutz, alkoholischer Frechheit und sittlicher Erniedrigung, das das Dirnenleben durchzieht – kann das die richtige Vorbereitung sein für die Ehe, in der das Glück der Gatten und das Wohl der Kinder aus Kraft und Reinheit kommen sollen?

Man spricht viel und gern von dem Kampf, den die voreheliche Geschlechtsentsagung mit sich bringt. Freilich ist es ja wohl am bequemsten, diesen Kampf durch die erste beste Dirne zu beenden. Aber ist es denn gut, ihn so rasch zu beenden? Ist nicht der Kampf die treibende Kraft aller Entwicklung? Weckt er nicht alle verborgenen Kräfte? Wer die Flinte ins Korn wirft, ist sittlich ein Feigling. Dieser kampflose, bezahlte, bequeme Geschlechtsgenuß vor der Ehe, dessen sich junge Männer und auch junge Mädchen bemächtigen, schadet der Ehe, schadet den Kindern; denn er nimmt dem Leben und dem Geschlechtsgefühl die Hochspannung. Er befriedigt die Wünsche, tötet die Sehnsucht, zerstört Illusionen. Enthaltsamkeit ist biologische Spannung, deren Fehlen man den Kindern vom Gesicht herunterlesen kann.

Wie bilden sich denn eigentlich Charaktere? In der Entsagung, im Kampf mit sich selbst. Was ist denn überhaupt ein Charakter? Ein Mensch, der seine tierische Triebwelt unter die Herrschaft seiner sittlichen Erkenntnis gebracht hat und mit festem Willen seiner Erkenntnis folgt, der durch Willenskraft und Folgerichtigkeit sich Selbstachtung und Selbstvertrauen erwarb. Solche Charaktere, solche Persönlichkeiten braucht ein Volk, braucht das Leben; denn sie haben Erfolg. Wie kann aber ein Mensch Selbstvertrauen und Selbstachtung haben, der im Kern seines Wesens, im Geschlechtsgefühl, wider seine bessere Erkenntnis handelt, der in seinem Tun sich immer wieder durch den Geschlechtstrieb vom Wege abreißen läßt?

Tausende sagen. „Es ist unmöglich, ihn zu bändigen!“ Aber wie viele davon haben's denn ehrlich versucht? Sind nicht die meisten bei der ersten Versuchung umgefallen? Sie haben die Geschlechtserregung kennen gelernt, kennen sie durch die Onanie und manches andere, haben ihre Phantasie mit Sinnlichkeit erfüllt. Das Nervensystem birgt in sich ein Gesetz der Periodizität. Erregungen wiederholen sich periodisch. Das macht den Kampf zunächst so schwer. Wie selbst den Magenkranken die dumme Gewohnheit des dreimaligen täglichen Hungerns quält und seine Heilung stört, so meldet sich im Hirn und Lendenmark das gewohnte Geschlechtsgefühl, und dem Bewußtsein wird der alberne und gefährliche Satz aufgedrückt „Ich kann den Trieb nicht bändigen!“ – Wer freilich den Kampf aufgibt, ehe er ihn begonnen hat, was weiß der von seinen Kräften! Treibe deine Gefühle nur erst ein wenig zurück, siege erst einmal, dann noch einmal, und es wächst das Vertrauen, und es wachsen die Kräfte. Die gesparte Geschlechtskraft speichert sich in dir auf als Spannkraft der Nerven und Muskeln, als Mut und geistige Frische. Das alles sind deine Waffen, die darum immer stärker werden.

Wenn's sein kann, sprich dich mit den Eltern, mit dem Lehrer, mit einem guten Freund von gesundem Denken und gutem Charakter darüber aus! Sei nicht wie jene, die im geheimen sündigen und die Nase rümpfen, wenn ein Wort über Geschlechtliches gesprochen wird. Das Geschlechtliche soll weder im bösen noch im guten Sinne das Gesprächsthema sein; aber ein offenes Wort an rechter Stelle hat oft befreiend gewirkt. Ein klares Wort entreißt oft junge Menschen der schwülen Phantasiearbeit. Betrachte das Geschlechtliche als eine besondere Kraft, dich selbst ebenso, und frage dich. „Wer von uns beiden soll herrschen, ich oder du?“

Du mußt herrschen, immer und allerwege!!!

Schäme dich nicht dieses Triebes, und sei niemals niedergeschlagen im Kampf. Alles Leben entsteigt dem Liebeswollen. Aber die Zeugung ist nicht die alleinige Lösung dieses Ewigkeitsrätsels. Eine allstündliche, ununterbrochene Neuzeugung im Einzelorganismus ist es, die wir vor allem diesem Triebe verdanken. Der geheimnisvolle Quell der inneren Zeugungsorgane entsendet ununterbrochen Stoffe, die als Spannkräfte wirken, in Körper und Geist. Darum aber darf diese Urquelle nicht verschüttet werden. Wir verstehen jetzt sehr wohl, warum der Lebenslauf mit dem Geschlechtsleben in der Jugend zusammenhängt, warum die Geschlechtssparsamkeit in der Jugend einen Gewinn für das spätere Leben ergibt. Nicht nur für unser kleines, eigenes Leben – nein, die ganze Menschheit trinkt ihre Verjüngung aus diesem Quell, und jeder Einzelmensch ist zum Sachwalter der Menschheitsgesundheit und Menschheitswürde bestellt, weil er einen Teil der kosmischen Liebeskraft in sich trägt.

Der Augenblick, der Mann und Weib in der Liebeserschütterung vereinigt, erzeugt ein neues Leben. Aber nicht dieser Augenblick entscheidet, sondern alles, was Vater und Mutter in ihrem ganzen Leben waren und taten. Davon hängen Kraft und Gesundheit des Kindes ab. Sollte das nicht schon lange vor der Ehe dem Triebe Zügel anlegen, damit er nicht die Kraft vergeudet, die dem Kinde darum fehlen wird?

Wer sein Kind anschaut und aus seinem Gesicht die Schwäche liest, muß der nicht niedergedrückt werden, wenn er sich selbst daran schuldig weiß? Wer an seinen Kindern häßliche Züge, Lüsternheit und Verirrungen bemerkt, muß der nicht entsetzt sein, wenn er weiß, daß sie nur seine eigene Jugend von neuem beginnen? Es vererbt sich nicht nur Kraft, sondern auch Schwäche, nicht nur Körperliches, sondern auch Geistiges, nicht nur gutes Denken, reines Empfinden, sondern auch geschlechtlich verirrtes Denken, Charakterlosigkeit und Ausschweifung. Nie kann ein Mensch etwas anderes erzeugen, als was er selber ist. Ein Kind ist wie Vater und Mutter, gut oder schlecht. Darum sei gut, handle gut, damit dein Kind gut sei und gut handle! Laß alles Unsaubere aus deinem Liebesempfinden heraus, damit dein Kind ein schönes, reines Empfinden habe! Gehe nicht den traurigen Weg vom Gott zum Tier, sondern geh den einzig menschenwürdigen Weg, auf dem Gott den Menschen zum Herrn über das Tierische eingesetzt und ihm eine Durchgeistigung und Beseelung seiner Triebe geboten hat. Denn ein geistiger Grundsatz, ein göttliches Gebot, herrscht in der Welt! Erkennst du das, so wird das Geschlechtliche dir zur Lebensschönheit, und du wirst die Kraft sparen, die erst deiner Reife dienen soll, ehe sie dir in der Ehe und in den reinen Augen deiner Kinder unendliches Glück bringen wird.

Es gibt Gründe, die dir die Geschlechtsbeziehungen vor der Ehe entschuldigen und beschönigen wollen. Und gewiß ist, an sich gesehen, nicht alles häßlich, was nicht die Ehe sucht. Aber ob's für diese spätere Dauergemeinschaft gut ist, das ist der Frage innerster Kern. Und wenn auch die Farbenspiele bestechender Gründe den eigensüchtigen Liebesgenuß umstrahlen – macht uns die Selbsttäuschung besser? Vor dem unbestechlichen Schiedsamt des Menschenwohles sind die schimmernden Entschuldigungsgründe wie Seifenblasen.

Stähle die sittliche Kraft deiner Jugend in der Entsagung! Je weniger du den Geschlechtstrieb aufkommen lässest, desto mehr verliert er das körperlich Aufdringliche, desto mehr verschmilzt er mit deiner Seele, deinem ganzen Menschen. Mehr und mehr wirst du dann zu jenen Menschen gehören, deren körperliche Liebe allein aus dem Wunderborn der Seele quillt, und nicht zu denen, deren Seele schweigt, während zugleich ihr Körper von Geschlechtserregung gepeitscht ist.

Und du wirst Achtung vor der Frau und vor allem Weiblichen haben. Die Welt ist so, wie wir sie sehen. Siehst du sie gut, so ist sie gut. Siehst du sie schlecht, so ist sie schlecht. Es ist eine traurige Mannhaftigkeit, die sich ihrer Verachtung alles Weiblichen rühmt, weil sie Siege errang, die nur bezahlte Willfährigkeit waren. Wer nur die Dirne kennt, kennt nicht das Weib, und sein Urteil ist Anmaßung. Es ist Zeit, daß anständige junge Menschen den Mut finden, die frechen Zotenreißer und bramarbasierenden Bordellhelden zum Schweigen zu bringen.

Wenn ein Mann das Weib, das er liebt, anschaut, so drängen sich dazwischen gar leicht seine früheren Erlebnisse. Dann werden sie begehrlich wieder lebendig, und Augen, die im Stolz leuchten sollten, werden zu Boden gerichtet, weil ein Geheimnis die schöne Wirklichkeit trübt. Wer nur zur Befriedigung seiner Sinnlichkeit den Spuren des Weibes folgte, kann nur schwer die Sinnlichkeit aus seinem Fühlen, seinen Blicken scheuchen. Und er kennt nicht den wunderbaren Einklang zweier Seelen, die in ihrer Liebe unbewußt den Willen zum Guten, die große, allumfassende Menschenliebe in sich tragen.

Welch eine Welt von Schönheit verschließt sich mancher Mensch, weil die sinnliche Schwerfälligkeit seines Körpers ihm den geistigen Flug verwehrt! Manche Seele hat sich in diesen rohen Geschlechtsverbindungen verblutet und nur einen gierigen Körper zurückgelassen, in dem alles Zarte, Schöne, alles Weiche und Feine, erstickt ist. Das ist seelische Verarmung – das allerschlimmste Menschenlos. Es ist ein Leben, das keine Sonne, keine Wärme mehr hat. Warum nur schätzen wir diese wundervolle Spannung der Keuschheit nicht höher? Warum ist die Jugendkeuschheit nur ein Ideal für das Weib und nicht auch für den Mann? Warum warten junge Männer denn geradezu darauf, diese Reinheit von sich zu werfen, und warum muß die vielgerühmte „Männlichkeit“ sich denn zuerst auf den gegensozialen Wegen des Dirnentums bewegen?

„Ist denn wirklich die Geschlechtsehre des Mannes eine andere als die des Weibes?“ sagt Vera in „Eine für viele“. Und weiter. „Ist die Notwendigkeit der geschlechtlichen Befriedigung in den jüngsten Jahren nicht ein wohlorganisierter Schwindel? Oder ein großes Irren der Ärzte? Kann die Keuschheit je so furchtbare, leben- und glückzerstörende Krankheiten nach sich ziehen wie die Unkeuschheit?“ Und weiter. „Der Mann verlangt von dem Mädchen seiner Wahl nicht Keuschheit allein, sondern auch einen unbefleckten Ruf. Mit Recht! Und das Weib soll ihren Gatten mit Straßendirnen teilen? Sie soll die Schmerzen der Mutterschaft tragen, mit dem furchtbaren Bewußtsein, daß der Vater ihrer Kinder in gekauften Umarmungen seine Jugendkraft vergeudete – – – sich nicht scheute vor dem Schmutz, vor ekelhaften Krankheiten, in gemeiner tierischer Sinnlichkeit seine Reinheit fortwarf ... der Vater ihrer Kinder – sage ich.“ – –