Dies Verabuch war trotz seiner Härten wie eine Fanfare, die eine neue Zeit und eine neue Menschheit ankündete. Die geschlechtssittlichen Forderungen konnten seitdem nicht mehr unterdrückt werden. Wir werden an ihrer Durchführung arbeiten müssen, um den Menschen durch ein reineres Geschlechtsleben eine festere Grundlage des Glückes zu geben.
Es wird eine Zeit kommen, in der das, was die Menschen heute belachen, wie eine heiße, große Sehnsucht in ihnen lebt. Vielleicht erwächst diese Sehnsucht gerade aus dem Geschlechtselend unserer Tage. Dies Irren, dies Leiden und Dulden in Geschlechtsausschweifungen, die dem Manne Unterhaltung, dem Weibe schandbare Versklavung sind, wird sicher einmal als entsetzliche Last empfunden werden, wenn die Menschen über den stumpfen Materialismus hinaus die feinen, geistigen Gesetze erkennen lernen. Dann erst werden die Menschen das Märchenland der Liebe finden, wenn kein häßliches Erinnern mehr ihre Seele verwirrt.
Das Leben ist darum nicht verloren, weil die Jugend nicht rein und voll Schönheit war. Ja, mancher Charakter formte sich erst aus trüben Erinnerungen, aus Fehl und Schuld. Aber den meisten hat doch der Dirnengeist die Jugend vergiftet; denn für die Seelenweichheit der Jugend ist das Geschlechtsabenteuer ein starker Eindruck, vielleicht in seiner rohen Sinnlichkeit stärker als das, was später ein reines, liebendes Weib gibt. Und von all den Roheiten der bezahlten Liebe wird etwas ins Erinnern eingefügt und schiebt sich häßlich in all die blühende Schönheit, die die Liebe bringt.
Wie viele Frauen bereuen die Ehe, hassen und verachten den Mann, den sie doch einmal über alles geliebt haben. Aber er hat sie getäuscht. Mit ein wenig Charakterlosigkeit und geschlechtlichem Schmutz in seinem Vorleben begann es. Das fraß sich in ihm fest. Das durchwob sein Inneres so, daß ihm die Ehe zu rein, zu langweilig erscheint. Zunächst verschweigt er sein Vorleben. Dann kann dies trübe Geheimnis nichts Gutes für seine Ehe sein. Oder er sagt's seiner jungen Frau. Dann werden ihre Gedanken versuchen, sich in dieser ihr innerlich fremden Welt zurechtzufinden, und unter Tränen, mit viel Weh im Herzen, entwickelt sich die Ehe aus – einem Verzicht. Oder aber die Frau ist flach und oberflächlich, dann lacht sie, und es ist ihr alles gleichgültig. Die Vera-Naturen aber sind zahlreicher, als man glaubt, Frauen, in deren Innerem in solcher Stunde eine Saite angeschlagen wird, deren Ton für immer dem Ohr verklingt. Sie, deren monogamischer Instinkt höchstes Feingefühl ist, können nicht oder nur mit Überwindung einem Manne folgen, der aus einer ganz anderen, viel gröberen Gefühlswelt kommt, und den die Häßlichkeit geschlechtlicher Ereignisse, ein anderes Weib, ein uneheliches Kind, von ihnen trennt.
Zwar leben wir in einer Zeit sittlicher Neuordnung. Und ehe aus dem Streit der Meinungen das feste Gefüge der neuen, gerechteren Moral sich bildet, wird großherziges Verzeihen, auch von seiten der Frau, dem Manne den Weg ebnen von den wirren Geschlechtsirrtümern der Jugend zur Reinheit der Ehe. Wie groß ist aber der Jammer der vielen Frauen, deren Männer das heilige Treuversprechen gebrochen haben, weil die Dirnenerinnerungen wie Unkraut, wie eine böse Krankheit der Phantasie, in ihnen fortwucherten, bis der ganze Schmutz der Untreue und der sittlichen Verlumpung sich auf die Ehe wirft und sie zerstört! Von ungefähr kommen doch diese Eheskandale nicht. Die Untreue, dieses rein körperliche, gemeine, geschlechtliche Veränderungsbedürfnis hat sich der Mann angezüchtet bei den wechselnden Dirnen und der treulosen Zufälligkeit seiner „Verhältnisse“. Und wer festigt dem Weibe den Begriff der Treue, wenn sie als Mädchen einmal in dieses, ein andermal in jenes Mannes Händen war? Die geschlechtliche Treulosigkeit vor der Ehe baut dem Treubegriff der Ehe ein morsches Fundament.
Die moralisch-monogamischen Forderungen, die wie eine neue Ordnung – aber aus uralten Entwicklungsgesetzen heraus – von Frauen erhoben worden sind, können nicht mehr verstummen. Denn Einehe (Monogamie) ist das Gesetz des Weiblichen, ist der Unterbau der Ehe, die sittliche Grundlage der Erziehung. Prof. Albert Heim, Zürich sagt: „Der monogamische Instinkt ist von der Natur erzüchtet. Bricht ihn die Menschheit im ganzen und dauernd wieder, so bricht sie mit ihm zusammen“.
Je willenloser ein Mensch sich dem Geschlechtsempfinden hingibt, desto mehr ist er Sklave seiner unsauberen Erinnerung geworden. Will er die Erinnerung auslöschen, so braucht's einen mannhaften Entschluß: „Bis hierher! Nun nicht mehr weiter!“
Wer so ein neues Leben auf dem festen, fröhlichen Willen zum Guten beginnt, den wird das Schlechte, das er getan, nicht in alle Zukunft hinein verfolgen. Es ist abgetan, und schön und rein leuchtet dir die Zukunft.
Der Mensch ist Wille!
Die Ehe ist ein Idealzustand und trägt in sich den Zweck und die Möglichkeiten einer unendlichen Vervollkommnung der Menschheit. Die Forderung der Treue, die wir für die Ehe aufgestellt haben, entspricht dem uns eingeborenen sittlichen Empfinden, und diese tiefinnerliche Moral ist immer diejenige, welche dem Fortschritt der Rasse dient.
Wenn darum Stimmen laut wurden und namentlich gegen das unbedingt folgerichtige Verabuch Schriften über Schriften erschienen, die gerade im Geschlechtsleben vor der Ehe eine Art von Läuterung und Ausreifung der Persönlichkeit sehen, so ist demgegenüber auf das Wort des positivistischen Philosophen Comte hinzuweisen, daß man sich nicht durch Unsauberkeiten auf ein Ideal vorbereiten kann. Unsauberkeiten sind es aber; denn alles Häßliche, das das menschliche Geschlechtsleben erfaßt und überwuchert hat, kam aus der Verletzung der moralischen Gesetze. Ja, sicherlich nicht nur für das Geschlechtsleben, sondern für das ganze Menschenleben ist nichts von so furchtbaren Folgen gewesen als diese geschlechtliche Unsittlichkeit, diese Treulosigkeit gegenüber sittlichen Gesetzen, die in der göttlichen Natur des Menschen liegen.
Mit jeder Verletzung der Moral schreiten wir rückwärts, durchqueren wir das Weltgesetz der Entwicklung, das nach oben und nicht nach unten, nicht rückwärts, führt. Mit jeder Verletzung der Moral greifen wir störend in die Rechte und das Wohl anderer ein. Denn es gibt keine persönliche Sittlichkeit, es gibt nur eine Sittlichkeit, die die Gesamtheit fördert. Diese Sittlichkeit haben auch tiefstehende Völker, ja selbst Tiere haben sie; denn wir sehen die Tiere handeln nach Gemeinschaftsgesetzen. Die Gemeinschaft der Lebewesen braucht die Geschlechtskraft, und der blühende Empfindungsreichtum der Zeugung ist das große Wunder der Natur. Aber sie braucht diese Geschlechtskraft natürlich und rein und nicht als einen gegen das soziale Wohl gerichteten Eigennutz. Wer das nicht fühlt, hat darum nicht das Recht für sich. Und der Stolz junger Menschen müßte sich aufbäumen gegen die schlaffe Massenauffassung des Alltags. In hochentwickelten Einzelmenschen nur leben die Sittengesetze als gesunder Rasseninstinkt, und wir andern werden ihnen nacheifern, wenn wir an Carlyles Wort denken:
„Die Menschen leben um des Besten willen!“
Prof. A. Herzen sagt[4]: „Die wirkliche sittliche Handlungsweise ist diejenige, welche man als allgemeine Verhaltungsmaßregel aufstellen kann; und diese Regel wird sofort von jedem normalen kultivierten Menschen angenommen werden, der nicht mit geistiger oder sittlicher, angeborener oder erworbener Unzulänglichkeit oder mit Wahnsinn behaftet ist.“
Wenn nun, wie wir wissen, die Zeugungskraft und Liebesfähigkeit ein Hauptstamm des Lebens ist, dessen verschiedene Abzweigungen wir Menschen- und Nächstenliebe, Spannkraft, Begeisterungsfähigkeit, Mut, Ritterlichkeit, künstlerische Kraft usw. nennen, müssen nicht alle diese Kräfte eine Verschlechterung erfahren, wenn die Liebeskraft mit unreinem Denken genährt wird?
Diese Besudelung des Liebeslebens ist schlimmer, als die meisten ahnen. Und es ist darum wohl erklärlich, daß heute mehr über diese Dinge gesprochen wird, als dem feinempfindenden Menschen lieb sein kann. Aber wir müssen darüber einmal zur Klarheit kommen, schon deshalb, weil das Wort vom „Sichausleben“ zur Phrase geworden ist und unsere Jugend verderbliche Wege führt. Warum bewegt sich die Wirklichkeit dieses Sichauslebens denn nur immer im Rahmen eines unsauberen Geschlechtslebens und richtet sich nicht auf körperliche und geistige Höchstentwicklung?
Wüßten die jungen Leute nur erst, wie sie ihr eigenes Glück schädigen, weil die Dirne ihnen die Achtung vor dem Weibe und allem Weiblichen nimmt! Der Glaube an die Mutter hat einmal unsere Jugend verschönt, und diese schöne Erinnerung folgt uns in das Leben. Was hat die Mutter alles für dich getan? Mit Schmerzen hat sie dich geboren, deinetwegen mußte sie auf so vieles verzichten, was dem Manne das Leben vielgestaltig macht. Das Verhältnis von Mutter und Kind ist ein kleines Heiligtum, das der Mann als Gatte und Vater schützt.
In jedem Weibe aber steckt die Mutter. Jedes Weib soll Reinheit dem Manne darbringen, der sie zur Mutter macht. Willst du vorzeitig in dies Heiligtum eingreifen? Willst du, der du als Mann Schützer und ritterlicher Hüter des Weibes sein sollst, ihr Verderber, ihr Verführer werden? Sei gut und voll Achtung zu jedem Weibe, achte und ehre die Mutter in ihr!
Du wirst antworten, daß nicht immer der Mann die Schuld trage, sondern oft das Weib die Verführerin sei, und daß die Prostituierte nicht Achtung verdiene, sondern genommen werden müsse, wie sie ist. Ich will die Dirne nicht besser machen, als sie ist. Aber wie viele von denen, die auf den Straßen sich verkaufen, sind durch Verführung, Elend, schlechte Erziehung in das Schandgewerbe hineingetrieben worden! Darfst du die elende Lage, in die ein Mensch durch eigene oder fremde Schuld hineingetrieben wurde, für deine Genüsse mißbrauchen? Und wenn du die Prostituierte gar nicht achten kannst, wenn sie dir verworfen erscheint und du dich darum der Verantwortung überhoben glaubst, so bleibt es für dich entwürdigend, mit einem Menschen in Beziehung zu treten, den du verachtest.
Aber mit der Verachtung sollten wir vorsichtig sein. Im Gewoge des Lebens steigt einer nach oben, der andere sinkt unter. Gute erbliche Anlagen erleichtern das Leben, schlechte erschweren es. Dem Weib, das Dirne wurde, gab die Vererbung wohl schlimme Keime. Schlimme Verhältnisse ließen das Schlechte aufblühen. Aber mache sie nicht schlechter! Wenn du ihr Gewerbe benutzest, so bringst du sie – wie so viele andere – noch tiefer in den Sumpf hinein. Warum wolltest du das tun?
Das Erwachen der Liebe bringt der Jugend Gefahren und Irrtümer. Je stärker ausgeprägt der sinnliche Trieb ist, desto lebhafter werden Beziehungen zu weiblichen Wesen gesucht. Wie die Sonne alles in ihre Farben taucht, so umspielt die Erotik Mann und Weib. Eine freudig-festliche Stimmung, Lichterglanz, ein paar Musikakkorde, ein erregter Tanz oder dergleichen, und schon ist der Liebesfunke zur Flamme angefacht. Schon schiebt sich der Begriff „ewig“ in das eben geknüpfte Band ein. Manchmal ist's ja ein Band fürs Leben, häufig aber zerreißt's schon früh, und manchmal sieht der andere Morgen schon Ernüchterung und Reue.
Aus diesen losen, flüchtigen Beziehungen hat sich das herausgeschält, was Tausende von Männern kennen, und was in unserer Gesellschaft ein öffentliches Geheimnis ist, das „Verhältnis“. Ein im Grunde einfacher Vorgang: eine geschlechtliche Beziehung zu einem Mädchen, das nicht Dirne ist, sondern Bürgerstochter, Verkäuferin, Modistin, Schneiderin oder Ähnliches, und das man eines Tages verläßt, um eine andere zu heiraten. Sie gibt sich ihm hin, weil seine bessere soziale Stellung ihrer Eitelkeit schmeichelt, oder weil er die ihm geschenkte Gunst bezahlt, oder auch, weil – sie ihn liebt und glaubt, von ihm geheiratet zu werden.
Von seiner Seite ist's nicht Liebe, sondern die Gewohnheit des Geschlechtsgenusses. Liebe nur, wenn die sozialen Abstände die Ehe unmöglich machen. Manche Tragik entsprang dieser Wurzel; das sogenannte „Verhältnis“ aber ist meist für den jungen Mann ein bequemer Weg des Geschlechtsgenusses, der keine ernstliche Verantwortung mit sich bringt. An sich selbst denkt er, und die Geschlechtserregung mag ihm ja auch Liebe vortäuschen, aber seine Absicht geht gegen ein dauerndes Band. Das kann nicht Liebe sein. Und wenn die Stunde der Trennung kommt, gibt's oft viel Weh im Herzen des jungen Mädchens, viel Jammer und Bitten und Tränen, weil doch die Liebe des Weibes, das seinen Leib hingab, ein Stück von ihrem Leben ist, während der junge Mann sich von seinen Geschlechtserlebnissen oft mit rücksichtsloser Kälte loslöst.
Können diese Rohheiten Vorbereitung auf die Ehe sein? Zerstören sie nicht die Gemütstiefe, die einer Ehe Inhalt und Schönheit gibt? Wird nicht die Liebeskraft vergeudet, die ungebrochen einem einzigen Weibe gehören soll?
Und was wird aus dem Mädchen, das verlassen ist? Findet sie einen anderen Mann, der sie heiratet, so wird sie verschweigen müssen, was sie erlebt. Was man verschweigen muß, kann nicht gut gewesen sein. Oft aber geht sie aus einer Hand in die andere und endet als Dirne. Denk' einmal, wenn es deine Schwester wäre! Welch ein entsetzliches Geschick für dich und deine Familie! Und viele junge Leute häufen, nur weil sie genießen wollen, solches Leid auf die anderen, die oft schwer daran zu tragen haben.
Es liegt im „Verhältnis“ eine Unehrlichkeit, die die sittliche Persönlichkeit untergräbt. Du verlierst die Ehrfurcht vor dem Weibe, weil du es nicht mit Achtung als Mensch, sondern mit Sinnlichkeit als Geschlechtswesen genommen hast.
Es gibt gewissenlose Schürzenjäger, deren dumme Frechheit jahrelange Erfolge hat, weil selbst unter den Freunden und Kameraden niemand ihnen sagt, daß ihr Tun nicht Mannhaftigkeit, sondern Erbärmlichkeit ist. Wir müßten für mehr Klarheit in unserem Urteil sorgen.
An geistig hochstehenden, wertvollen Frauen prallt der schale Witz solcher Laffen ab; sie können sich höchstens ihrer Erfolge bei Dirnen und charakterlosen Elementen rühmen, und auch da sind sie oft betrogene Betrüger, ausgenutzte Dummköpfe gewesen.
Das „Verhältnis“ ändert seinen durch die Erregung der Sinnlichkeit immer wieder beschönigten Charakter in demselben Augenblick, in welchem die hier ebenso notwendigen wie häßlichen Maßnahmen zur Verhütung der Befruchtung mißlungen sind, und das werdende Kind als eine angstvolle Tatsache da ist, das nun das wohlbehütete Geheimnis dieser Geschlechtsbeziehungen der Öffentlichkeit zu enthüllen droht. –
Und dann?
Beim Manne tödliche Verlegenheit, Sorge für Ruf, Stellung, Name, Gedanken an Trennung, weil nun das „Verhältnis“ lästig wird. Beim Mädchen jagende Angst, Wunsch nach Schutz, Furcht vor dem Entdecktwerden und dazu körperliche Leiden. Und dasselbe Kind, das zwei sich wahrhaft liebende Menschen in der Ehe erst recht fest aneinanderkettet, trennt meist zwei Menschen, die den bloßen Geschlechtszweck ihres „Verhältnisses“ mit dem Worte – „Liebe“ zu entschuldigen suchten.
Auf dem Lande und bei der Arbeiterschaft pflegt die unwillkommene Liebesfrucht meist den Entschluß zur Ehe zu erzwingen. Man heiratet sich, und das ist ehrlich. Damit bereitet man dem Kinde ein Nest, ein Heim, und die junge Mutter ist geschützt vor Sorgen und bösen Lästerzungen.
Aber in der Stadt besteht für alle „besseren Schichten“ die bequeme Einrichtung der „Alimente“. Die Vatersorgen und die anständige Gesinnung werden abgelöst durch ein geringes monatliches Geldopfer. Gewiß, der Gesetzgeber konnte vielleicht nicht anders. Er kann nur einige rechtliche Ordnung schaffen. Aber er hat uns zu viele Möglichkeiten geschaffen, Gemütswerte durch Geldwerte abzulösen.
Es wäre falsch, zu sagen, daß der Leichtsinn des „Verhältnisses“ die Pflicht zur Ehe in sich trägt, wenn das Kind dem sinnlichen Idyll ein jähes Ende bereitet. Denn dann könnte die Schwangerschaft eine Leimrute sein, mit der ein raffiniertes Weib einen Gimpel fängt. Ich will nur die Verwirrung beleuchten und die Rohheit zeigen, die oft mit dem unehelichen Kind sich entwickeln. Manche himmelstürmende Liebe endet durch die Abtötung der Frucht vor dem Strafrichter.
Die Zahl der Totgeburten übersteigt bei den unehelichen Kindern überall in Europa anderthalbmal diejenige bei den ehelichen. Manches eben geborene Kind wird von der ratlosen, verzweifelten Mutter getötet oder an Fremde abgegeben.
Das Höchste, Heiligste, was wir Menschen kennen, die Mutterschaft, wird besudelt, entehrt, wird zum Verbrechen. Grenzenloser Jammer erstickt das Gefühl des Mädchens, das Mutter wurde und verlassen wurde.
Rings um die großen Städte wohnt in ländlichen Bezirken ein Kreis von Menschen, die sich mit der Pflege unehelicher Kinder gegen einmalige oder periodische Vergütung systematisch und beruflich beschäftigen, systematisch und beruflich aber auch unter dem Deckmantel der Pflege die – Tötung besorgen. Manchmal weiß das die Mutter nicht, manchmal aber weiß sie es.
Das Leid des unehelichen Kindes ist zu oft gesungen worden, als daß ich dazu Mollakkorde geben müßte. Verbrechen und Unehelichkeit, Prostitution und Unehelichkeit, das sind fast unlösbare Zusammenhänge. Der Unterbau des Lebens und der Charakterbildung, die mit Liebe und Achtung durchzogene Ehe, fehlt dem unehelichen Kinde. Gerade in den Kinderjahren, den Jahren der Weichheit und Aufnahmefähigkeit, der Lenkbarkeit, fehlen oft die festen Grundsätze gesunder Erziehung, herrschen oft Willkür, Vernachlässigung und der verderbliche Einfluß der Straße. Der Vater fehlt, die Familie fehlt. Dem Genuß eines Augenblicks entsteigt ein neues Menschenleben, das verfehlt und verdorben ist, weil die Verantwortung fehlte.
Es ist oft, als sei im Geschlechtsleben das Rechtsgefühl vollkommen geschwunden, das doch beispielsweise in den kleinsten Geschäfts- und Geldsachen so fein entwickelt ist. Wer ein Geldstück stiehlt, kann ins Gefängnis kommen. Wer aber im Geschlechtsleichtsinn einem andern Menschen Glück und Namen, Ehre und Leben stiehlt, der kann sich auch ohne viel Geschick durch die Paragraphen hindurchwinden. Die gesetzeberatenden und gesetzemachenden Männer haben augenscheinlich zu wenig an das Weib gedacht; denn die Rechtsprechung aller zivilisierten Länder läßt dem Manne überall da Durchschlupfe, wo sich das Weib in den Irrgängen der sexuellen Doppelmoral fängt. Ja, die napoleonischen Gesetze Frankreichs zeigen eine offenbare Verachtung der Frau. Diese Verwirrung in Geschlechtsfragen hat scheußliche Zustände gezeitigt. Irgendein junger Mensch ist der Verführer. Seine sexuellen Wünsche sind lebendig geworden. Er lernt ein Mädchen kennen, und seine Sinnlichkeit treibt ihm betörende Lügen auf die Lippen. Sie glaubt ihm und wird verführt. In irgendeinem verschwiegenen Winkel kommt sie nieder. Alle Welt zeigt mit Fingern auf sie: „sie hat ein Kind.“ Warum nicht auch auf ihn? Es ist doch auch sein Kind. Ein uneheliches Kind kann die Ursache sein, daß die Mutter in Ächtung, Verzweiflung und Tod getrieben wird, daß sie ein Leben lang büßt für eine Stunde voll glühender Worte. Der Mann aber kann am nächsten Tage die gleiche Komödie wiederholen. Und wenn dieser brutale Egoismus soundso oft mal in das Leben von soundso vielen Frauen zerstörend eingegriffen hat, dann deckt leicht eine glänzende Heirat den Schleier der gesellschaftlichen Stellung über die innere Erbärmlichkeit.
Wo bleibt hier das Rechtsbewußtsein, die Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft? Wie viele Männer gibt es, Geschäftsleute, Direktoren von Theatern, Gesellschaften, Kaufhäusern usw., die ihre soziale Macht und die soziale Bedrängnis ihrer Angestellten dazu ausnutzen, die hübscheren jungen Mädchen in ihre Hand zu bekommen, die aber bei der Heirat sich doch nach einer Frau „von gutem Ruf“ umsehen.
Welch ein beschämender Mangel an einfachem Rechtsgefühl! Mancher Mann, der ein unschuldiges junges Mädchen zur Mutter gemacht hat, ist dadurch wie ein wildes Tier in das Glück und den Frieden einer ganzen Familie eingebrochen. Und doch geht uns die Phrase nicht aus den Ohren, die Geschlechtsbeziehungen des Mannes seien weniger verhängnisvoll als diejenigen des Weibes.
Wenn die Mädchen, die heiraten, immer wüßten, wie sehr die häßlichen Bilder der Vergangenheit ihres Geliebten den schönen Phrasen des Augenblicks widersprechen, wenn sie wüßten, wieviel himmelschreiendes Unrecht, begangen an anderen, durch die Ehe sanktioniert werden soll, wenn sie wüßten, wie oft es vorkommt, daß abseits von dieser Ehe ein verlassenes, verhärmtes Weib in Not und mit Bitterkeit für das Kind des Geliebten sorgt, dann würden Schatten durch glückliche Gesichter ziehen, und in mancher Frau würde wohl die Erkenntnis reifen, daß für das Glück der Menschen und die Schönheit der Ehe die voreheliche Reinheit des Mannes genau so wichtig ist, wie die Reinheit des Weibes. Immer ist die Liebe die Lebensgestalterin. Sie gestaltet es gut oder schlecht. Darum muß diese gestaltende Kraft rein gehalten werden.
An der alljährlichen Zunahme der unehelichen Geburten erkennen wir die ins Grenzenlose gewachsene geschlechtliche Gewissenlosigkeit der Jugend. Der unehelichen Mutter hat das Kind die soziale Lage sehr erschwert. Um so schutzbedürftiger sieht sie nach dem Manne; um so schmachvoller ist es, wenn dieser sie verläßt. Nur die Ehe kann dem mütterlichen Weibe und dem Kinde ein sicherer Hort sein. Darum lockern diese leichtsinnigen Geschlechtsverbindungen das ganze Gebäude unseres sozialen Fühlens, Denkens und Handelns. Geschlechtliche Ungebundenheit ruiniert ein Volk; denn sie ist eine Roheit und eine Gefahr für den Nachwuchs. Sie ist ein ununterbrochener, geheimer und niederträchtiger Kampf gegen die Einehe, die als höchstes Sittenideal unserer in uns schlummernden Ethik entstiegen ist. Alles, was die monogamische Ehe fördert und vorbereitet, ist zugleich sittliche Ordnung, Festigkeit, Gesundheit, Kraft und Menschenglück, alles, was sie stört, bringt Zerfall, Unglück, Proletariat, Krankheit. Das ist das uralte und urewige Gefüge der Natur, daß der Mann Hüter und Schützer von Weib und Kindern sein soll. Mag auch die Strömung der Zeiten die Frau „emanzipieren“, ihr soziale Selbständigkeit und Unabhängigkeit geben wollen, was vermag dies Eifern vor dem gebietenden Wort der Natur! Das Weib ist Mutter! Das ist sein Glück und sein Ruhm, aber auch die ewige Bedingtheit ihrer Lebensform, ihre ewige und unabänderliche Abhängigkeit vom Mann.
Und wer aus der traurigen Nüchternheit und grenzenlosen Banalität vieler Ehen eine Waffe zur Bekämpfung der ehelichen Gemeinschaft überhaupt sich herrichtet und in der „freien Liebe“ das Heil sieht, der sollte sich fragen, ob denn die freie Liebe etwas ändert an den ehernen Naturgesetzen, die die Ehe geformt haben, sollte sich fragen, ob denn die Menschen, deren Seelen matt sind und die kraftlos zu einem Liebesideal aufschauen, in einer ungebundenen Liebe die Verjüngung finden, die sie glücklicher machen kann. Das Leben bedarf so sehr dieser ewigen Verschmelzungs- und Verjüngungsprozesse durch Mann, Weib und Kind, daß sich die Forderung der vorehelichen Reinheit, das Ideal der Treue und die Tatsache der monogamischen Ehe als biologische, soziale und sittliche Grundforderungen herausgebildet haben.
Der Vergleich mit der geschlechtlichen Wahllosigkeit mancher Ur- und Primitivvölker ist nicht stichhaltig. Sie haben ein auf tiefster Stufe stehendes Geistesleben und kennen darum nicht die Liebe, können uns nicht Maßstab sein. Aber die Liebe ist durch die Jahrtausende hindurchgeschritten und steigerte ständig ihre Seelenkraft, vertiefte und verfeinerte sich, und ward so eine duftige Blüte zartester Seelenkultur. Jeder rohe körperliche Akt, dem die Seele mangelt, treibt sie wieder zurück bis dahin, wo sie angefangen. In dem unbewußten Stammeln der im Selbstvernichtungsrausch versinkenden Liebenden „Nur du“, „ewig du allein“, liegt unbewußt die allerstärkste Betonung der Monogamie.
Es kann nur einen Weg der Vorbereitung auf die glückliche Ehe geben, das ist der der eigenen Reinheit und die bei aller unbewußten Erotik geschlechtslose Beziehung zu Frauen. Wehe dem Manne, der im Weiblichen nur das Geschlechtliche sehen kann, der für dies eine seinen Sinn steigerte und für alles andere stumpf wurde. Ihm hat auch die Ehe nur Geschlechtsinhalt. Er kennt nicht die höchsten Genüsse, die in der innigen Ergänzung der besonderen geistigen Persönlichkeit des Mannes mit weiblicher Art, weiblichem Denken liegt. Meide den Umgang mit wertlosen Frauen, aber suche und pflege mit der Freundschaft zu guten Menschen besonders die geistigen Beziehungen zu edler Weiblichkeit. Deine Männlichkeit, dein Auftreten, deine Lebensformen werden ausreifen, wenn der Hauch gesunder Weiblichkeit dich umweht. Kannst du deine Interessen mit einer Freundin austauschen, so bekommt deine Anschauung noch eine andere, sich ergänzende Richtung.
Und siehst du in der Freundin eines Tages die Geliebte, denkst du sie dir als Gefährtin des Lebens, nun, so war's wohl ein guter Entschluß. Aber prüfe, ehe du dich bindest! Hast du dich entschlossen, so glaube nur nicht, jetzt sexuelle Rechte zu haben! Gerade dies „Poussieren“, diese häufigen Geschlechtserregungen in allen Winkeln und dunklen Ecken, diese Liebkosungen sexueller Art sind so verderblich für das Nervensystem. So wenig Haltung bewahren oft junge Menschen, daß sie jedes Alleinsein zu unsauberem Denken und Tun mißbrauchen, oft nur, weil sie zu geistlos und zu sehr ohne inneren Wert sind, als daß sie das Alleinsein mit Schönerem ausfüllen könnten. Wenn so schon der Jugend die Poesie gestorben ist, sollte man den Schritt zur Ehe nicht mehr wagen; denn die Ehe wird zum Ekel.
Lerne bewundernd zu lieben, ohne zu begehren! Dann wird das, was du liebst, dir lange, lange das Schöne bleiben! Liebe ist Wunsch, ist Sehnsucht, ist Spannkraft der Seele. Töte das alles nicht, indem du vorschnell an dich reißest, was deiner Sehnsucht lebendiges Ziel sein soll. Mag auch ein sinnliches Begehren dich zu dem Mädchen, das du liebst, hinreißen, falle ihm nicht zum Opfer. Ihr entschleiert das Bild zu Saïs! Solange die unerfüllten sinnlichen Wünsche in dir leben, beschwingen sie deine Liebe und treiben dir Worte der Poesie auf die Lippen. Du siehst alles, alles schön und farbenprächtig, idealisierst die Wirklichkeit, hast Jugend in dir; denn Jugend ist Wunsch und poesievolle Spannung. Die befriedigte Liebe aber, wenn sie nur körperliches Begehren war, wird arm an Worten, und es ist die tiefe Tragik der Liebe, daß sie in ihrem höchsten Begehren stirbt. Sie kann sich selbst bekämpfen, in der eigenen Glut aufzehren, und es braucht klare Augen und einen festen Willen, sie in Schranken zu halten.
Wieviel unglückliche Ehen entsteigen dieser geschlechtlichen Voreiligkeit! Die Erregung raubt Besonnenheit und Urteil. Ein Kind ist entstanden und treibt die zwei leichtsinnigen Menschen in die Ehe hinein, den Mann oft gegen seinen Willen. Was freieste Entschließung und seelische Hochspannung zweier Menschen sein sollte, wird eine Zwangsmaßnahme, die aus innerer Angst und aus Furcht vor dem Skandal geschah. Gerade wenn der Wunsch nach dem Weibe die Sinne füllt, sollte man mit Entschlüssen zögern. Was wir gar zu heftig begehren, sehen wir nur in seinen Vorzügen, nicht auch in seinen Schwächen und Mängeln. Und manches Mädchen, das für den Geliebten „göttlich“ war, wird für den Gatten, wenn der Alltag der Ehe den Morgentau der Liebe abstreifte, mehr als irdisch. Darum prüfe dich lange und zähme immer deine Sinnlichkeit. Denn durchbricht sie die Schranken, so entscheidet sie oft über Dinge, die noch gänzlich unentschieden sind, und knüpft oft ein Band, das besser ungeknüpft bliebe.
So betrachtet, wird dir die Liebe zur beschwingenden Kraft. Aus dem Gegenspiel von Erotik und ihrer Beherrschung erwächst dir die Achtung vor dir selbst und vor der Weiblichkeit. Je größer diese doppelte Achtung ist, desto weiter rückst du ab von der Prostitution und allem, was aus ihr entspringt und mit ihr zusammenhängt.
Es wird viel und gern davon gesprochen, daß die geschlechtliche Betätigung vor der Ehe eine Notwendigkeit sei, eine Forderung der Gesundheit. Diese letztere solle Schaden nehmen in der Enthaltsamkeit.
Die einen stellen diese These auf und verteidigen sie mit Hartnäckigkeit, die anderen bestreiten sie energisch. Ich zögere keinen Augenblick, zu sagen, daß es viele Fälle von Schäden der Enthaltsamkeit gibt, Schäden, die sich bei der geistigen Arbeit, im Schlaf, im ganzen geistigen und körperlichen Leben überhaupt zeigen. Es wäre falsch und widerspräche der Wissenschaft und den alltäglichen Vorkommnissen, einer sittlichen Absicht zuliebe physiologische Erscheinungen rundweg leugnen zu wollen. Das erzeugt Widersprüche, die zu Waffen in der Hand der Gegner werden.
Aber derartige Schäden treten erst bei der Geschlechtsenthaltsamkeit der Erwachsenen auf und haben für die Jahre der Entwicklung, für die Jugend, nicht die mindeste Geltung. Für die Jugend ist die Enthaltsamkeit nicht nur nicht schädlich, sondern eine Grundbedingung vollkommener Entwicklung.
In der Tierzucht ist es ein ganz selbstverständlicher Grundsatz, Tiere niemals vor vollendeter Reife zur Geschlechtsbetätigung zuzulassen, weil man dadurch das Tier schwächt, seine Leistungsfähigkeit (z. B. bei Rennpferden, Jagdhunden, Lasttieren) vermindert und schließlich die ganze Rasse herabzüchtet. Zwischen Fortpflanzungstrieb und Lebensdauer besteht eben ein unlösbarer Zusammenhang. Ganze Völker versinken in der Widerstandslosigkeit gegen den Geschlechtsreiz. Den Indiern hat nichts so sehr die Kraft genommen, als die frühen Heiraten, die schon von Kindern geschlossen werden. Es kann niemals gut sein, wenn ein Trieb sich so entwickelt, daß er alles beherrscht. Eine Schwächung des Ganzen muß die Folge sein.
Noch nie, solange die Welt steht, hat die Keuschheit so ungeheuren und entsetzlichen Schaden angerichtet, wie die Ausschweifung.
Die Schäden, von denen man spricht, sind aufgebauscht und werden zur bequemen Entschuldigung für den Geschlechtstrieb, den zu zügeln man nicht die Kraft und den Willen hat. In diesem Punkte gibt es so viele Täuschungen, als es Behauptungen gibt. Denn alle die Zustände, die man in den bequemen und gedankenlosen Begriff „nervös“ zusammenfaßt, die Unruhe, Schlaflosigkeit, Arbeitsunfähigkeit, allgemeine Schlaffheit, Verdauungsträgheit, Mißmut, Gemütsbedrücktheiten u. dergl., die fast alle aus völlig unnatürlicher Lebensart sich ergeben, wenn die Freuden der Tafel über die Bedürfnisse des Lebens hinausgehen und der Körper nicht genug Bewegung hat, diese Zustände werden gern und vorschnell dem Mangel an Geschlechtsgenuß zugeschrieben, weil man so die Sinnlichkeit, mit Gründen wohl versorgt, auf den glatten Boden eines vergnügten Lebens hinausschicken kann. Denn um ein Vergnügen handelt sich's wohl bei all den jungen Männern, die ihre leichtfertigen Liebesabenteuer mit der Flagge der bedrohten Gesundheit verteidigen.
Die gesamte Art der Menschheit, zu leben, zu arbeiten, zu essen und zu trinken, und demgemäß zu denken und zu fühlen, ist so grundfalsch, so von den natürlichen Gesetzen abgewichen, auf Abwege geraten, daß auch unser Urteil über den Geschlechtstrieb und seine Äußerungen notgedrungen falsch sein muß. Wie kann man aus ungesunden Lebensformen physiologische Gesetze folgern wollen?
Es ist wohl gut, auf einige Äußerungen von Männern hinzuweisen, die auf Grund ihres wissenschaftlichen Urteils und ihrer Lebenserfahrungen gehört zu werden verdienen. Dabei will ich verzichten auf die Wiedergabe des bekannten Schreibens der medizinischen Fakultät der Universität Christiania, erstens, weil es aus dem Jahre 1887 stammt, und vor allem, weil mehrfach angezweifelt worden ist, ob in der Tat die ganze Fakultät es unterzeichnete. Tatsache aber bleibt, daß die jüngeren norwegischen Ärzte in ihrem Fachblatt das erwähnte Urteil der Fakultät zu ihrem eigenen gemacht haben.
Der bekannte Nerven- und Irrenarzt Prof. Dr. Aug. Forel sagt: „Die angebliche Nervosität resp. physische Erregbarkeit, Abspannung usw., welche die Keuschheit nach sich ziehen soll, wird als ein Hauptargument zur Verteidigung der staatlichen Fürsorge für weiberbedürftige Männer herangezogen. Ich bin in meiner ärztlichen Laufbahn von zahlreichen jungen Neurasthenikern und Hypochondern konsultiert worden, welche früher keusch waren, erst auf ärztliche Anordnung hin Bordelle besuchten und vielfach dort venerisch angesteckt, jedoch weder von Neurasthenie noch von Hypochondrie kuriert wurden. Einen irgendwie nennenswerten Erfolg von dieser Therapie habe ich selbst nie beobachtet.
„Zweifellos dagegen ist es, daß der ausposaunte angebliche Schutz gegen Syphilis (von einem Schutze gegen gonorrhöische Infektion wagt niemand zu sprechen), verbunden mit den zahllosen Lockungsmitteln, welche die in diesen Geschäften pekuniär interessierten Personen zur Vermehrung ihrer Kundschaft anwenden, die Zahl der sich prostituierenden jungen Männer ungeheuer steigert; es bildet sich unter denselben allmählich die ‚Suggestion‘, daß die Keuschheit ein unmögliches Ding sei, daß ein keuscher Jüngling kein ‚Mann‘ sei u. dergl. mehr. – Zwar liefert überall die Landbevölkerung, ohne daß wir an unsere Vorfahren zu appellieren brauchten, den Beweis, daß ohne regulierte Prostitution und ohne Prostitutionshäuser die Männer existieren und gesund bleiben, sogar viel gesünder werden können. Es beweisen ferner zahlreiche Einzelfälle, daß die Keuschheit ohne Nachteil für die Gesundheit bestehen kann ... Doch wird dies meist ignoriert.
„Die Prostitution ist kein Heilmittel gegen die Onanie. Beide bestehen sehr oft nebeneinander...... Tatsache ist ..., daß der Geschlechtsreiz durch vermehrte Befriedigung sich steigert, zu einem immer häufigeren Bedürfnis wird. Das erklärt die weitere Tatsache, daß ... sehr viel Exzedenten daneben noch onanieren oder nächtliche Pollutionen haben...
„Nie habe ich eine durch Keuschheit entstandene Psychose gesehen, wohl aber zahllose solche, die die Folgen von Syphilis und Exzessen aller Art waren...
„Wir müssen dabei bleiben, daß für den jungen Mann bis zu seiner Verehelichung die Keuschheit nicht nur ethisch und ästhetisch, sondern auch der Prostitution gegenüber hygienisch das Zuträglichste ist.“
Auch der hervorragende Psychiater Prof. Dr. Eulenburg bezweifelt in seiner „Neuropathia sexualis“, „daß schon irgend jemand bei sonst vernünftiger Lebensweise durch geschlechtliche Abstinenz allein krank, speziell neurasthenisch oder sexual-neurasthenisch geworden ist.“ Er sagt weiter: „Ich halte diese immer wiederkehrenden, phrasenreichen Behauptungen für völlig leeres und nichtssagendes Gerede, wobei es sich nur um gedankenloses Miteinstimmen in den allgemeinen Chorus oder – noch schlimmer – um ein bewußtes Kniebeugen vor Vorurteilen handelt... Jene im Laienpublikum außerordentlich beliebte und leider auch von gewissen Ärzten laut oder stillschweigend gebilligte Meinung von der unbedingten Schädlichkeit geschlechtlicher Abstinenz wirkt zumal auf die heranwachsende Jugend in hohem Maße verderblich; sie treibt diese dem illegitimen Geschlechtsverkehr, d. h. der Prostitution, geradezu in die Arme...“
Das Wort von den Schäden durch Enthaltsamkeit ist am lautesten im Munde derjenigen, die die Venus Anadyomene (sinnliche Liebe) kennen und ihr nicht entsagen wollen. Sie wissen nicht, daß das zur Periodizität neigende Rückenmark aus einem gewöhnlichen Reiz ein gebieterisches Recht macht. Findet man nicht im Essen, im Trinken, im Rauchen und in allen Lebensgewohnheiten genau dasselbe? Man entziehe nur einmal einem starken Esser oder Trinker sein gewohntes Quantum, und er wird – obwohl die Entsagung seinem Organismus höchst dienlich ist – Unbehaglichkeiten, ja Qualen erleiden. So ergeht's dem Raucher, so dem Morphinisten. Ist darum in ihren Wünschen, ihren Gefühlen, ihren Ansichten auch nur ein Schimmer von Recht?
Wer das Geschlechtsgefühl häufiger kennen lernte, hat seinen Organismus sozusagen darauf eingestellt. Wie Wellenlinien durchzieht's die Nervenzentren, periodisch sie erregend. Dann bringt zunächst die Enthaltsamkeit Beschwerden, wie allen, die unbeherrscht und triebhaft leben. Aber nur zunächst. Bald stellt sich das Nervensystem mit dem ganzen Organismus auf diese neue Marschroute ein, und die inneren Absonderungen vermehren bald merkbar die Spannkraft des Körpers und des Geistes. Ja, wer beobachten kann, findet bald heraus, daß der die Geschlechtskraft sparende Organismus mit einem geringeren Maß von Schlaf und Nahrung auskommt, weil er trotz erhöhter Leistungsfähigkeit sparsamer wirtschaftet. Für viele, viele Menschen ist der Geschlechtsgenuß ein jedesmaliger Kraftverlust, sie erschlaffen tagelang nachher, und Menge und Wert ihrer Arbeit leidet. Sie brauchen Tage, um durch Ruhe und Sorgfalt in der Ernährung wieder auszugleichen, was sie in einer Minute verloren haben. Trotzdem aber können sie nicht loskommen von dem entnervenden Glauben an die Notwendigkeit geschlechtlichen Lebens.
Freilich bedingt ein so besonders beherrschtes Leben auch veränderte Lebensgewohnheiten. Wenn du an Kopfschmerzen leidest, an unruhigem Herzen, an Schlaflosigkeit und wüsten Träumen, oder durch Pollutionen erschlafft wirst und in all diesen Dingen Gründe für ein voreheliches Geschlechtsleben siehst, dann handelst du wie ein Kind, das die eine Dummheit durch die andere beseitigen will. Du sollst deine Eßgewohnheiten ändern, den Alkohol meiden, das Rauchen einschränken, Gewürze und gewürzte Nahrung fortlassen und alles das beachten, was wir schon beim Kapitel der Onanie miteinander besprochen haben. Und wenn der Arzt in all den eben genannten Störungen die Zeichen eines zu hohen Blutdruckes erkennt, so sollte er seinen Patienten nicht auf den gefährlichen Weg zur Dirne senden, sondern den Blutdruck durch den gesünderen und klügeren Rat der fleischlosen Nahrung, der Vermeidung von Kaffee und Tee und Alkohol herabsetzen. Kann diese gedankenlose Suggestion der Dirnennotwendigkeit sich bei der ärztlichen Autorität ihr Lebensrecht holen, dann ist es kein Wunder, wenn die Köpfe junger Männer erfüllt sind von wilden, ungezügelten und schmutzigen sexuellen Vorstellungen, die den erregten Körper zu nächtlichen Samenergüssen und damit zur Erschlaffung mit Rückenschmerzen, Verdauungsschwäche und Melancholie treiben! Ein straffes Halt der lüsternen Phantasie gebieten, Geist und Körper in ernste, energische Arbeit einspannen, das hält den Geist sauber und den Körper gesund!
In Klöstern, wo die Frauen arbeiten, hat man selten Hysterie gefunden; bei Prostituierten dagegen ist sie häufig.
Du wirst einsehen, daß gerade die wunderbare Tatsache der inneren Drüsenabsonderungen der Jugend die Pflicht der Keuschheit auferlegt. Denn der Organismus, der diese Drüsensekrete zu seiner Entwicklung gebraucht, kann nicht zu seiner vollen Entwicklung kommen, wenn ihm vorher das Wachstumsmaterial entzogen wird. Und wenn dem Körper die Kraft genommen ist, wie sollte er Kraft seinen Nachkommen geben können? Dem eigenen Leichtsinn folgt die Schwäche der Nachkommen, und sie ist ein drückender Vorwurf für den, der noch ein Gewissen hat.
Es ist nicht geschickt, zur eigenen Entschuldigung auf die Männer hinzuweisen, die trotz ihrer sexuellen Ausschweifung geistig groß, bedeutend und machtvoll waren. Denn erstens sind solche Männer in der Minderzahl, zweitens hätten sie bei größerer Selbstzucht noch Größeres erreicht. Die Zahl der Großen aber, die ihr persönliches Leben unter die ordnende Macht sittlicher und gesundheitlicher Gesetze gestellt haben, ist wesentlich größer, und man braucht nur auf Immanuel Kant, auf A. v. Humboldt hinzuweisen, um sexuelle Enthaltung und geistige Größe eindrucksvoll nebeneinander zu sehen. Jedenfalls hat frühzeitiger Geschlechtsverkehr noch keinen großen Mann gezeitigt. Dagegen fällt das Auge überall auf Menschen, die durch vorzeitige Vergeudung der Zeugungskräfte an Körper und Geist verarmt und verkümmert und zu jedem geistigen Hochflug unfähig geworden sind.
Obermedizinalrat Prof. Dr. Gruber in München sagt: „An eine Schädlichkeit der Zurückhaltung des Samens im Körper ist nicht zu denken.“ Er weist darauf hin, daß die Samenflüssigkeit, wenn sie als Auszug aus Tierhoden unter die Menschenhaut gespritzt wird, die Leistungsfähigkeit der Muskeln erhöht und diese sich rascher erholen. Er weist ferner auf die Enthaltung von Gelehrten und Künstlern hin und sagt: „Während der Zeit der Enthaltung wird sicherlich Samen aufgesaugt, und seine Bestandteile gelangen ins Blut. Dies wirkt nicht schädlich, sondern günstig.“ –
Zweifellos gibt es Menschen von so heftiger geschlechtlicher Begierde, daß sie sich wie ein Wesenszug ihrer besonderen Persönlichkeit ausprägt und oft ihrem Handeln eine bestimmte Note gibt. Sie können sich nicht bezähmen, sondern werden von ihrer Begierde beherrscht. Solchen Menschen erscheint der Gedanke an geschlechtliche Entsagung lächerlich, und sie sind es auch, die, von ihrem eigenen Zustand ausgehend, ihren jugendlichen Kameraden die Gefahren der Keuschheit anschaulich machen wollen. Sie geben oft einer Unterhaltung den Ton, und die anderen schämen sich, ihre Unschuld zu zeigen oder gar zu verteidigen. Wir wollen nicht Pharisäer sein und Steine werfen auf diejenigen, deren heftige, unstillbare Begierde die Selbstbeherrschung übersteigt. Aber man soll in diesen Dingen das Herdenmäßige niederhalten, damit nicht der eine zur gefährlichen Antriebskraft für die anderen wird, die zu spät den gefährlichen Weg, den Krankheitsjammer und das moralische Elend erkennen, in das ihre durch ein paar verführende Worte angefachte Sinnlichkeit sie hineingetrieben hat. Man kann, durch ein Irrlicht geleitet, leicht in einen Sumpf geraten. Ob aber die Kraft zum Herauskommen später noch da ist, ist nicht vorherzusagen.
Prof. Dr. Albert Heim hat in einer kleinen Schrift, „Das Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkt der natürlichen Entwicklungsgeschichte“, vortrefflich nachgewiesen, daß diese sexuelle Planlosigkeit und Willkür, die wir in der „zivilisierten“ Menschheit finden, nicht einmal beim Tiere existiert, daß für das in Freiheit lebende Tier durchaus keine Geschlechtsfreiheit besteht, daß es vielmehr in polygamischer oder monogamischer Ehe lebt. Er sagt:
„Und indem allmählich die zeitliche Beschränkung der Geschlechtsliebe auf Brunftzeiten verschwunden ist, die Zeit der Brutpflege und der Erziehung der Nachkommen sich immer verlängert hat, wird die Familie fester und dauernder und dadurch die lebenslängliche Einzelehe immer natürlich-notwendiger. In geschichtlicher Zeit sehen wir in der Menschheit selbst alle Stufen von Unregelmäßigkeit, polygamischer, monogamischer Ehe sich fortschreitend entwickeln bis gegen die Alleinherrschaft der lebenslänglichen Einzelehe in Praxis, in Sitte und in Gesetz. Was die Natur schon am Tierreiche in verschiedenen Zweigen aufsteigend entwickelt und mit verstärkter Notwendigkeit dem Menschen als Erbe überbunden hat, das wird sie nicht zurücknehmen können. Es gibt kein anderes Rückwärtsschreiten als dasjenige zum Untergang.
„Die monogamische Lebensehe ist in ihrer Ausbildung ein allgemeines Naturgesetz, und indem das Sittengesetz der Menschheit dieselbe fordert und anstrebt, ist es eben nicht ein Stück „zivilisatorischer Unnatur“, sondern ein Stück Natur. Ein ungehemmtes Verfolgen seiner Triebe ist kein Naturrecht. Die freie Natur gibt dies bei höheren Tieren nirgends zu. Auch das Tier würde bei Geschlechtsfreiheit rasch zugrunde gehen. Der außereheliche Geschlechtsverkehr ist in der Natur gar nicht vorgesehen; er ist nur eine unglückliche Abirrung der Zivilisation, ein Irrtum! Je intensiver der Geschlechtstrieb, je beseligender seine Befriedigung wird, desto bestimmtere und engere Schranken setzt ihm die Natur, desto höher und heiliger aber auch gestaltet sie die geschlechtliche Verbindung; sie wird zur Liebe, zur Ehe. Beim Menschen gibt uns Liebe und Gegenliebe, nicht der Geschlechtstrieb, Recht aus Geschlechtsgenuß.
„Das Gerede vieler Männer von der Unnatur der Enthaltsamkeit und der monogamischen Lebensehe ist also eitel Säbelgerassel und steht im grellsten Widerspruche mit den Leitlinien der natürlichen Entwicklung. Diesem Gerede zuliebe wird die Natur nicht umkehren, sondern wer ihren Entwicklungsgedanken zuwider lebt, der wird an seinem Laster verderben! Aus der Natur, aus ihren Gesetzen, kommen wir nimmer heraus!“