Dritter Teil.
Die Geschlechtskrankheiten.

Ja, wenn noch aus all dieser lüstern-lockenden Welt der geschlechtlichen Ungebundenheit Glück und Kraft und Schönheit käme! Wenn die Wege des Genusses nicht zur Reue führten, die oft fassungslose Verzweiflung ist! Denn das voreheliche Geschlechtsleben hat einen Januskopf. Auf der einen Seite das lächelnde Antlitz des Augenblicksgenusses und auf der anderen die grause Kehrseite der venerischen Krankheiten, allen voran Tripper (Gonorrhöe) und Syphilis. Weißt du, welche Schrecken diese Krankheiten für den Einzelnen, welche Geißel sie für das Volk sind? Ruinierte Kräfte, zerstörte Leben auf der ganzen Linie. Nur ein paar Zahlen sollen den Umfang der venerischen Seuche zeigen:

Das Kultusministerium in Preußen versandte im Jahre 1900 Fragebogen, die Geschlechtskrankheiten betreffend, an die Ärzte. Aus der Beantwortung derselben ergab sich, daß am 30. April des genannten Jahres 41000 Geschlechtskranke sich in ärztlicher Behandlung befanden. Darunter waren allein 11000 an frischer Syphilis Erkrankte. Berlin zählte allein 11600, darunter 3000 frisch Syphilitische. Es kamen somit in Preußen auf 10000 Einwohner = 28 Geschlechtskranke, in Berlin 142. Berücksichtigt man, daß ein Drittel aller Ärzte die Fragebogen unbeantwortet gelassen hatte, und daß zahllose Erkrankte ohne eine Ahnung von ihrem Leiden herumlaufen oder aber leichtsinnigerweise nicht zum Arzt gehen, so kann man sehr wohl für Preußen eine Zahl von 100000 Geschlechtskranken am Tage annehmen. Professor Brentano sprach 1903 in München auf dem Kongreß der „Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ sogar von 170000.

Diese Krankheiten kosten dem Volke an Mindereinnahmen und Mehrausgaben (für Behandlung) viele Millionen.

Das Elend, das diese Zahlen in sich einschließen, ist kaum zu schildern und hat etwas Grauenhaftes, wenn man sieht, daß ihm die Menschen mit lächelndem Leichtsinn entgegeneilen. Denn fast alle Geschlechtskrankheiten (90%) entstehen bei der Prostitution oder durch die flüchtigen „Verhältnisse“ mit Kellnerinnen und dergl.

Dr. Iwan Bloch-Berlin berichtet („Sexualleben“), daß in Berlin alljährlich ein Drittel aller Kellnerinnen als geschlechtskrank aufgegriffen werden, daß unter den Geschlechtskranken folgende Skala besteht: 30% Kellnerinnen, 25% Studenten, 16% Kaufleute, 9% Arbeiter, 4% Soldaten. Daß die Studenten gleich hinter den Kellnerinnen stehen, spricht für ihren bodenlosen Leichtsinn. Der verstorbene Leipziger Nervenarzt Dr. Möbius sagt („Vermischte Aufsätze“, 1898): „Der, der Erfahrung hat, muß zugeben, daß wenigstens acht von zehn, die durch Dirnen angesteckt worden sind, nicht durch Leidenschaft dazu gekommen sind, sondern einfach durch Leichtsinn und Übermut, Verführung und Betrunkenheit. Ja, viele setzen sich kaltblütig der Gefahr aus, bloß weil man ihnen eingeredet hat, regelmäßiger Geschlechtsverkehr sei zur Gesundheit nötig.

„Wüßten die Leute ganz klar, wie groß die Gefahr ist, daß sie bei jedem Verkehr mit Dirnen die Gesundheit, ja das Leben auf das Spiel setzen, so würden gewiß viele sich zurückhalten. Deshalb halte ich es für eine ernste Pflicht aller Wohlmeinenden und ganz besonders der Ärzte, so oft und so nachdrücklich wie möglich die Wahrheit über die venerischen Krankheiten anszusprechen, ja den Menschen ins Ohr zu schreien. Jeder bedenke, welche Verantwortung er auf sich lädt, wenn er diese Dinge leichtsinnig behandelt. Sollten Ärzte lächelnd von ‚Kinderkrankheiten‘ reden, oder wohl gar zum Besuche der Dirnen ermuntern, so darf man von ihnen sagen, daß sie ‚viel schlimmer als die Pest‘ wirken.“

Weil Wissen überall die starke Waffe der Sittlichkeit ist, wollen wir hier kurz die häufigsten und schrecklichsten Geschlechtskrankheiten darstellen. Es sind dies 1. der Tripper (Gonorrhöe), 2. der weiche Schanker, 3. die Syphilis.

Der Tripper ist eine uralte Krankheit, die schon Moses zu ernsten Maßregeln veranlaßte. Das Mittelalter hat eine große Ausdehnung des Trippers erlebt, aber die großen Irrtümer über diese Krankheit waren für die Kranken von sehr trüben Folgen. Klarheit brachte erst die im Jahre 1879 gemachte Entdeckung von Prof. Neisser-Breslau, daß der Tripper eine zunächst lokale Entzündung der Harnröhrenschleimhaut ist, die auf bestimmten Mikroorganismen (Kleinwesen), den Gonoccoci Neisseri oder Tripperkokken, beruht.

Es gibt keine andere Ursache für den Tripper oder die Gonorrhöe als den Geschlechtsverkehr. Was man sonst darüber redet, ist falsch. Man kann ohne weiteres sagen, daß alle käuflichen Dirnen geschlechtskrank sind, und daß die sittenpolizeiliche Kontrolle (Reglementierung) nicht den geringsten Schutz gegen die ungeheure Ansteckungsgefahr gewährleistet.

Ein oder mehrere Tage nach der Ansteckung macht sich ein lästiges Brennen und Jucken in der Harnröhre bemerkbar, das häufige Gliederektionen mit erhöhtem Schmerzgefühl bewirkt und besonders beim Harnlassen sich steigert. Zugleich beginnt ein schleimiger Ausfluß, der in kurzer Zeit zu einem mehr oder weniger übelriechenden grünlich-gelben Eiter wird. Die Menge dieser eiterigen Absonderung hängt von der Heftigkeit der Erkrankung und von der gesamten Kräfte- und Säftebeschaffenheit des Patienten ab. Die Harnröhrenmündung erscheint gerötet. Wird bei der Untersuchung der Harn in ein Glas gelassen, so senkt sich der Eiter darin in dicker Schicht zu Boden, und man kann die Gonokokken darin mit Sicherheit feststellen.

Die schmerzhaften Gliederregungen, der gestörte Schlaf, das Angegriffensein des ganzen Nervenapparates, sind natürlich für den Patienten sehr angreifend. Der Verlust an Säften und Kräften läßt sich wohl auch bei jedem heftigen Tripper an dem schlechten Aussehen des Patienten erkennen.

Je nach Umständen läßt nach 3-4 Wochen die Heftigkeit des Ausflusses nach. Der Eiter verliert seine Dickflüssigkeit und gewinnt wieder das Aussehen wie zu Beginn der Krankheit; er wird wässeriger und heller.

Es kommt vor, daß ein leichter Tripper verhältnismäßig lange Zeit besteht und hartnäckig erscheint, daß aber andrerseits hin und wieder ein sehr heftig auftretender Tripper in kurzer Zeit verschwindet. Das hängt ganz von Konstitution und Lebensweise und von der im Körper wirkenden Heilkraft ab.

Meist hat der Tripper seinen Sitz zunächst in dem vorderen Teil der Harnröhre. Durch unrichtiges Verhalten, vor allem durch unzweckmäßige Behandlung, verbreitet er sich aber über den hinteren Teil der Harnröhre, und damit beginnt sein ernster Charakter, beginnen die Gefahren des Blasenkatarrhs, der Nebenhoden- und Prostataentzündung usw. Jetzt können Schäden entstehen, die im ganzen Leben nicht wieder gutzumachen sind, wenn nicht mit allem Ernst die Behandlung in die Wege geführt wird.

Wird die zweckmäßige Behandlung versäumt, so geht der frische (akute) Tripper in das chronische Stadium über. Damit gewinnt diese Krankheit ihren wahrhaft heimtückischen Charakter. Man kann deshalb nicht ernst genug raten, sofort nach dem Ausbruch der Krankheit einen Arzt aufzusuchen. Warnen muß man vor allem vor der Selbstbehandlung, die junge Männer auf den Rat „erfahrener“ Freunde beginnen, weil sie sich schämen, zum Arzte zu gehen, oder weil sie Störungen in ihrem Berufe und Entdeckungen seitens der Angehörigen fürchten. Wer sich nicht schämte, sich die Krankheit bei der Dirne oder einem sonstwie unerlaubten Geschlechtsumgang zu holen, der sollte auch den Mut besitzen, sich durch einen erfahrenen Arzt ausheilen zu lassen, um sich selbst und seine spätere Familie vor schlimmen Folgen zu bewahren. Die Selbstbehandlung ist ein Leichtsinn und eine Unklugheit, weil durch sie oft die Krankheit erst ins chronische Stadium hineingetrieben wird. Übrigens schützt das ärztliche Berufsgeheimnis den Patienten vor jedem bösen Klatsch und vor gesellschaftlicher Ächtung. Das ist bei der herrschenden besonderen Auffassung der Geschlechtskrankheiten doppelt wichtig. Zwischen der medikamentösen Behandlungsweise und der naturgemäßen entscheide ich mich unbedingt für die letztere, die in der ärztlichen Praxis mehr und mehr an Anerkennung und Würdigung gewinnt.

Ist der Tripper erst einmal chronisch geworden, so bietet er der Behandlung weit größere Schwierigkeiten. Im allgemeinen kann man die Erkrankung als chronisch ansehen, wenn sie einer zweckmäßigen Behandlung nicht innerhalb drei Monaten weicht. Dann wird der Tripper zu einem langwierigen, schleichenden Leiden, das monate- und jahrelang, ja durchs ganze Leben hindurch bestehen und schließlich tödliche Erkrankungen hervorrufen kann. Jedenfalls haben die neueren klinischen Erfahrungen das Gesamtbild des Trippers ganz wesentlich gefahrvoller erscheinen lassen, als man es früher glaubte. Subjektiv sind die Beschwerden zunächst nicht sonderlich groß und bestehen im wesentlichen darin, daß morgens die Harnröhrenmündung verklebt ist und auf Druck einen grau-weißlichen Schleimtropfen absondert, in welchem die bakteriologische Untersuchung manchmal Gonokokken, manchmal aber auch nur Eiter nachzuweisen vermag. Das Urinieren ruft häufig, besonders nach dem Genuß scharfer Speisen, Schmerzen hervor.

Was aber dem chronischen Tripper erst seinen heimtückischen Charakter gibt, das sind seine Folgeerscheinungen, von denen vorerst die gefährlichen Strukturen, das sind Verengerungen der Harnröhre durch Bindegewebswucherungen, zu nennen sind. Dieselben sind oft ungeheuer schmerzhaft, erschweren das Harnlassen und können zu schweren Nervenstörungen führen.

Zum zweiten ist zu nennen die sogenannte Prostatitis; das ist eine Entzündung der zwischen Harnröhre und Blase liegenden Vorsteherdrüse, die große Schmerzen hervorruft und mit einem starken Eiterausbruch endet. Auch diese Krankheit kann chronisch werden und ist dann verhängnisvoll für die Geschlechtstätigkeit, da sie sexuelle Neurasthenie hervorrufen kann.

Bei Vernachlässigung, namentlich aber bei der leichtsinnigen Selbstbehandlung und dem Gebrauch innerlicher, reizender Mittel, schließt sich dem Tripper ein Blasenkatarrh an, ein im akuten Stadium äußerst schmerzhaftes Leiden, das mit fortwährendem Harndrang verbunden ist und sehr leicht chronisch werden kann. Dann kann es monate- und jahrelang bestehen, ja während des ganzen Lebens eine Schwächung der Blase und ihres Schließmuskels hinterlassen und so zu einem ganz außerordentlich lästigen und hinderlichen Leiden werden. Ja, in der chronisch erkrankten Blase bildet sich der entsetzlich schmerzhafte Blasenstein, der die den Strukturen folgende Harnverhaltung unter Umständen zur Ursache schwerster Blutvergiftungen, Vereiterungen und tödlicher Prozesse werden lassen kann.

Zu den schlimmsten Folgekrankheiten des Trippers gehört die Nebenhodenentzündung, bei der im Zeitraum von einem oder mehreren Tagen einer der beiden Hoden anschwillt auf das Zwei- und Dreifache seiner normalen Größe, sich heiß und äußerst schmerzhaft anfühlt und das Gehen, sowie jede Bewegung unmöglich macht. Wird die Behandlung dieses Entzündungsprozesses nicht energisch, bei völliger Bettruhe, in die Hand genommen, so bleiben Verhärtungen zurück, die jahrelang oder auch während des ganzen Lebens bestehen bleiben.

Vor allem aber besteht die Gefahr, daß die Entzündung beide Hoden ergreift und dann durch Zerstörung des Hodengewebes, das wir als die Brutstätte der befruchtenden Samenzellen anzusehen haben, zur dauernden Unfruchtbarkeit führt. Das geschieht tatsächlich in 85% aller Fälle von doppelseitiger Hodenentzündung. Man stellt dann entweder Azoospermie fest, d. i. gänzliches Fehlen von Samenfäden (Spermatozoen), oder aber unbewegliche, also tote, zur Befruchtung unfähige Samenfäden.

So kann der Leichtsinn des vor- und außerehelichen Geschlechtslebens eine fürchterliche Strafe finden, kann ein Augenblick der ungezügelten Sinnlichkeit, der zum Haus der Dirne trieb oder eine jener zufälligen und wahllosen Geschlechtsverbindungen bewirkte, mit dem Verlöschen der Zeugungsfähigkeit enden. Das Wort „Vater“ verliert seinen Klang, und alles, was es an Schönheit und Freude in sich einschließt, ist begraben, ehe es ins Leben treten kann. Die edelste Kraft wird eingebüßt, und diese Möglichkeit allein müßte jeden Leichtsinn im Keim ersticken.

Aber mit diesen festumrissenen Folgekrankheiten erschöpft sich der Tripper nicht, und wir werden noch sehen, welch ein furchtbarer Leichtsinn es ist, vom Tripper lächelnd als von einer „Kinderkrankheit“ zu reden, wie es unter jungen Leuten oft geschieht. Es besteht ja die verhängnisvolle Anschauung, daß man einmal ein „kleines Tripperchen“ gehabt haben müsse, um gegen spätere Ansteckungen gefeit zu sein. Das direkte Gegenteil ist richtig; denn wer einmal einen Tripper hatte, neigt in außerordentlichem Maße zu weiteren Ansteckungen, weil die Schleimhäute ihre Widerstands- und Abwehrkraft eingebüßt haben.

Leider bleibt der Tripper nicht einmal auf die Entzündung der Geschlechtsorgane beschränkt; vielmehr wird durch den Blut- und Säftestrom das Trippergift überall im Körper umhergetragen und kann an allen Organen schwere Entzündungen hervorrufen. Seit man bei gewissen Krankheitsformen den Neisserschen Gonokokkus gefunden hat, liegen die Zusammenhänge klar zutage. Darüber sagt Prof. Dr. Wyß-Zürich[5]:

„So ist vor allem der Tripperrheumatismus als eine sicher durch Transport von Gonokokken durch die Blutbahn von der erkrankten Schleimhaut der Harnröhre nach den serösen Häuten der Gelenke bedingte Entzündung anzusehen; wir verstehen, daß auch andere seröse Häute erkranken können; wir wissen, daß gewisse schwere Entzündungen der Herzklappen unter Umständen mit all ihren weiteren Komplikationen: Nierenerkrankungen, Gehirnerkrankungen, Lungenerkrankungen usw., die Folge einer Gonorrhöe sind; doch auch ohne Beteiligung des Herzens können akute eiterige Entzündungen im Gehirn und Rückenmark oder deren Häuten durch den Gonokokkus sich ereignen und unrettbar den Tod herbeiführen. Gewisse Nasen- und Ohrenerkrankungen, Dickdarmerkrankungen, Speicheldrüsen- und Knochenhautentzündungen sind durch ihn bedingt. Somit ist der Tripper für den Mann oft als eine lebensgefährliche Krankheit erkannt worden, und zwar zuweilen selbst dann noch, wo er örtlich keine Erscheinungen mehr oder nur noch ganz unbedeutende gemacht hat.“ –

Bliebe der Tripper auf sich selbst beschränkt, so könnte man den Gedanken hegen, daß der Schuldige büßen muß für Unwissenheit, Fehl, Leichtsinn und Gewissenlosigkeit. Zwar ist oft die Strafe zu hart; denn nicht immer ist der Einzelne schuld an seinem Tun, wenn ihm ein warnendes Wort von Eltern und Lehrern fehlte. Und wenn die alkoholische Lustigkeit einer Tafelrunde bei der Dirne endete, so büßen viele ihr Leben lang den Augenblick des Leichtsinns, der ausreichte, eine Geschlechtskrankheit zu übertragen. Mit Tränen in den Augen haben sie oft vor mir gestanden, die jungen Männer, die körperlich und seelisch an der geheimen Häßlichkeit ihrer venerischen Krankheit leiden. Gar zu hart hatte sie's betroffen.

Was aber sollen wir sagen, wenn die Unschuldigen leiden müssen, büßen für den Leichtsinn eines andern, büßen ein Leben lang, büßen ohne Schuld, leiden, wo sie liebten oder wo die Liebe ihnen das Leben gab? Denn der Tripper ist ansteckend, ist übertragbar auf die Frau, die liebend und voll Vertrauen dem Manne in die Ehe folgt und von demselben Manne, dem sie all ihre Jugend, ihre Frische dargeboten, den Krankheitskeim empfängt, der sie von der gleichen Stunde ab zur leidgequälten Frau macht.

Das Gefährliche des weiblichen Trippers besteht darin, daß er sich nicht auf die Harnröhre beschränkt, sondern alle äußeren und inneren Geschlechtsteile auf das heftigste erfassen kann. Das alles sind äußerst schmerzhafte, quälende, störende Leiden, die sehr verschiedenartige Erscheinungen machen können, so daß man früher oft eine andere Diagnose stellte, wo heute eine Tripperansteckung zweifelsfrei feststeht.

Ja, von den sogenannten „Frauenleiden“ beruhen drei Viertel wohl auf nichts anderem, als auf venerischer Ansteckung durch den Mann. Denn der Tripper geht tiefer in die inneren Organe hinein und befällt besonders die Gebärmutter, am Hals derselben beginnend und allmählich sie ganz überziehend, so daß in solchen Fällen die Unfruchtbarkeit der Frau eine unausbleibliche Folge ist.

Wieviel Jammer und Tränen hängen mit dem Worte Unfruchtbarkeit zusammen! Wieviel ungestillte Muttersehnsucht, wieviel bittere Entsagung schließt es in sich ein! Ich habe Frauen gesehen, die weinten, wenn sie Kinder sahen, sie herzten und küßten, weil ihnen selbst dies größte Frauenglück versagt geblieben war. Und wie oft regnet es Vorwürfe von seiten des Mannes auf die arme Frau herab, deren Herz nach einem Kindchen jammert, deren mütterliche Kraft aber im Keim erstickt wurde durch eine Tripperinfektion. Entweder leidet der Mann an Azoospermie (Fehlen von Samentierchen) infolge von tripperhafter Hodenentzündung, oder aber die inneren Organe der Frau sind durch die Ansteckung angegriffen.

Die heimtückische chronische Form des Trippers bietet selbst beim Schwinden der Symptome keine unbedingte Sicherheit für den Glauben an Heilung. Chronische Tripper können in furchtbarer Heftigkeit wieder akut werden. Ja, es kommt vor, daß ein chronisch tripperkranker Mann mit einer Frau Umgang hat, diese aber gesund bleibt, und die abgelagerten Gonokokken beim nächsten Mal rückwirkend beim Manne einen akuten Tripper erzeugen.

Unwissenheit und Schamgefühl hindern das weibliche Geschlecht mehr noch als das männliche, den Tripper gleich nach Ausbruch ärztlich behandeln zu lassen. Das ist der Grund, warum der Tripper bei der Frau so verheerend wirkt. Denken wir nun daran, daß der Tripper so ungeheuer verbreitet ist, daß nach den Angaben des amerikanischen Arztes Noegerath von 1000 Männern 800 einmal in ihrem Leben an Tripper erkrankt gewesen sind, und daß die meisten davon ihn nie wieder verloren, so sehen wir mit einem Schlage, daß es sich hier nicht um eine Einzelkrankheit handelt, der man bisher mit lächelndem Spott gegenübergestanden hat, sondern um eine furchtbare Seuche, die der Kraft eines ganzen Volkes Wunden schlägt. Man lachte über Noegerath, hielt ihn für einen ideologischen Schwarzseher. Aber seine aus der Praxis des Arztes gewonnenen unerbittlichen Zahlen vermochten doch schließlich unter den deutschen Ärzten den Indifferentismus und den Gleichmut zu beseitigen, womit man bisher diesen Dingen gegenüberstand. Man sah genauer hin, beobachtete schärfer, arbeitete gleichfalls statistisch und – fand, daß Noegerath recht hatte. Man erkannte mit einem Male, daß man mit der angeblichen Heilbarkeit des Trippers gar zu optimistisch umgegangen war, daß der Tripper geradezu ungeheuer häufig chronisch wird und auch dann noch bestehen kann, wenn ihn selbst der Arzt für geheilt erklärt, daß er dann noch ansteckend auf die Frau oder auf den Mann wirkt. Man sah von da ab auch die Frauenleiden mit ganz anderen Augen an und fand in weit größerem Umfange als bisher als Ursache – den Tripper. Von den leichten Formen des Weißflusses an, der sich oft schon ganz kurz nach der Hochzeit einstellt, bis zu den schweren Entzündungen der Eileiter, Eierstöcke, der Gebärmutter und selbst des Bauchfells, überall fand man den Gonokokkus, und – manches Rätsel war gelöst.

Prof. Dr. Wyß-Zürich sagt darüber[6]:

„Während der Geschlechtsapparat des Mannes nach dem Bauchfellraum hin abgeschlossen ist, kommunizieren die inneren Schleimhäute der Geschlechtsorgane im weiblichen Organismus direkt mit dem Peritoneal- oder Bauchfellsack. Infolgedessen greift der Entzündungsprozeß, den der Tripper auf der Schleimhaut des Geschlechtsapparates der Frau erzeugt, leicht auch auf das Bauchfell über. Sowohl für sich, als auch in Verbindung mit anderen Mikroben (Bakterien) werden dadurch akute und chronische Entzündungs- und Eiterungsprozesse bedingt, welche die Frau schwer erkranken machen, und welche leider oft in kürzerer oder erst nach längerer Zeit den Tod herbeiführen, mindestens aber monate-, ja jahrelanges Kranksein und oft fürs ganze Leben Leidendsein bedingen. Da diese Zustände oft einsetzen im Anschluß an eine Geburt oder einen anderen physiologischen oder auch pathologischen Vorgang (Menstruation, Abortus, vorzeitige Geburt), so hat man früher, als man die Krankheitserreger noch nicht kannte, jene Vorgänge der Ätiologie beschuldigt, die wahre Ursache nicht erkannt. Erst seit der Gonokokkus in solchen Entzündungsprodukten mikroskopisch nachgewiesen werden konnte, ist man auf die richtige Fährte gelangt und weiß man, daß viele früher auf eine „böse Geburt“ zurückgeführten tödlichen Erkrankungen oder heutzutage oftmals zu schweren Operationen oder in anderen Fällen auch wiederum zu langem Siechtum führenden Affektionen junger, blühender, bis zu ihrer Verheiratung absolut gesunder Frauen – auf einen nicht ausgeheilten oder geheilt erschienenen Tripper des Herrn Gemahls zurückzuführen sind.“

So finden wir's in allen Gesellschaftsschichten. Wann wird es eines Tages gelingen, diese fürchterlichen Tatsachen in die Herzen der männlichen Jugend einzugraben, damit sie abläßt vom gewissenlosen geschlechtlichen Leichtsinn! In die Ohren müßten wir's ihr hineinschreien, wieviel Jammer das sexuelle „Amüsement“ in die Welt bringt. Als Prof. Bumm in Leipzig einst unter den Hörern seines Kollegs Fragezettel bezüglich eines etwaigen Trippers verteilte, antworteten 36 von 53 Studenten mit „Ja“. Das waren 70%. Die übrigen 30% werden ihn leider früher oder später auch noch bekommen haben.

Wie viele von diesen Trippern bleiben ungeheilt, werden chronisch und richten in der Ehe körperliche und seelische Verwüstung an! Noegerath hält den Tripper überhaupt für – unheilbar!!! Das ist zum Teil die Folge seines medikament-medizinischen Standpunktes, den wir nicht teilen. Aber daß überhaupt ein ernster Forscher und warmherziger Menschenfreund wie Noegerath zu einer solch furchtbaren Auffassung kommt, das ist's, was uns erschreckt.

Tatsächlich trotzen viele Tripper jeder Behandlung. Der Patient ist eine Zeitlang trostlos. Dann gewöhnt er sich an den Krankheitszustand, hält ihn für immer weniger ernst, heiratet und – steckt seine Frau an. Damit beginnt dann für die Frau und für die Ehe die lange Leidenskette, schwere Unterleibsleiden und unter Umständen Unfruchtbarkeit.

Prof. Flesch-Frankfurt a. M. sagt: „In meiner ärztlichen Tätigkeit habe ich es nur zu oft erlebt, daß unglückliche Frauen der ärmeren Klassen, wenn Hunger und Sorge wegen ihrer andauernden Arbeitslosigkeit ‚wegen Unterleibsentzündung‘ eingezogen waren, daß Frauen der bemittelten Klassen, wenn Kinderlosigkeit die Ehe vergiftete, sich den Tod herbeiwünschten, sich den schwersten Operationen unterzogen, und ihre Männer noch um Verzeihung baten, weil sie ihren Mann unglücklich machten. Und der um Vergebung Angeflehte war fast immer, ohne es zu ahnen, der Urheber des Unglücks.“

Aber auch damit macht der Tripper nicht halt. Das Trippergift, das in den Geburtswegen einer Frau abgelagert ist, kann während des Geburtsaktes in die Augen des Kindes kommen. Dann entsteht eine Bindehautentzündung, die das Augenlicht zerstört. 60 von 100 Blinden haben ihr namenloses Unglück aus dieser lebentötenden Quelle. Gibt es Worte für soviel Jammer? Tausende büßen mit Blindheit den Jugendleichtsinn ihrer Väter.

Und dieses gedankenlose „Vorleben“ wird immer noch entschuldigt! Immer noch finden sich Stimmen, die von „Männlichkeit“ sprechen, wenn ein junger Mann geheime Wege geht. Wären diese qualvollen „Frauenleiden“ nicht allesamt vorher „Männerleiden“, oder bliebe die Krankheit auf den Mann beschränkt, so könnte er sündigen, wenn er für sich allein büßen will. Aber Unschuldige büßen! Unschuldige zu Hunderttausenden! Hört ihr's, ihr jungen Männer? Laßt dies Leid der Unschuldigen nicht größer werden! Das junge Mädchen, das still und in den Träumen der Jugend im Elternhaus lebte, vergiftet ihr! Ihre Augen leuchten, wenn ihr Liebesworte sprecht! Und ihr Herz weiß nicht, was ein junger Mann im Haus der Dirne sah und tat. Es liegt ein böses, aufreizendes Unrecht in diesem Vorleben. Mit einer niederträchtigen Disharmonie beginnt die Ehe: sie geschlechtlich unschuldig oder harmlos, er weiterfahren, sexuell blasiert und – mit einem chronischen Tripper behaftet. Nach kurzer Ehe sind die frohen Hoffnungen der Brautzeit zusammengefallen. Aus dem fröhlichen Mädchen wurde eine müde, kranke Frau, gereizt, übellaunig oder todestraurig. Wir denken an das Wort Noegeraths, der sagte: „Es ist so weit gekommen, daß junge Damen sich fürchten, in die Ehe zu treten, weil sie wissen, daß alle ihre Bekannten erkrankt und nicht wieder gesund geworden sind.“

Die zweite in dem Trio der Geschlechtskrankheiten ist

der weiche Schanker (Ulcus molle).

Er ist ein meist an der Eichel oder der Vorhaut des Geschlechtsgliedes durch Ansteckung beim Geschlechtsverkehr entstehendes Geschwür, das ein bis fünf Tage nach der Ansteckung sich mit Jucken und Brennen bildet und meist eine durch Unreinlichkeit oder sonstwie verletzte, eingerissene Stelle der Schleimhaut zur Voraussetzung hat. Bei Sauberkeit und unverletzter Schleimhaut findet das Schankergift keinen Eingang.

An der entzündlich geröteten Ansteckungsstelle bildet sich ein Bläschen, das nach seinem Zerfall einen Eiter absondert und einen wulstigen aber weichen, ein wenig ausgezackten Rand bildet. (Das syphilitische Erstgeschwür hat harte Ränder; daher „harter Schanker“ genannt.)

Sehr häufig schwellen die Drüsen in der Schenkelbeuge, die sogenannten Leistendrüsen, an (Bubonen), ja, es kann zu Vereiterungen derselben und zum Durchbruch des Eiters nach außen kommen.

Ist auch der weiche Schanker nicht von so ernstem und gefährlichem Charakter wie der harte, so darf er doch nicht leichtsinnig aufgefaßt werden, weil einerseits üble und häßliche Folgeerscheinungen auftreten können, wie namentlich der phagedänische (d. i. der weiterfressende, gewebszerstörende) Schanker, und andrerseits alle venerischen Krankheiten so merkwürdig vielgestaltig auftreten, daß selbst der erfahrene Arzt nicht sicher vor Täuschungen bleibt.

Konstitution und zweckmäßiges Verhalten entscheiden darüber, ob der weiche Schanker harmlos bleibt und schnell ausheilt, oder ob er der Ausheilung hartnäckigen Widerstand entgegensetzt.

Unsere ganz besondere Aufmerksamkeit aber verlangt

die Syphilis (Lues venera),

zumal ihr Charakterbild nach jeder Richtung hin in der Geschichte und in der Gegenwart schwankt.

Die Erscheinung der Syphilis ist der sogenannte harte Schanker (Ulcus dure), der in den weitaus meisten Fällen durch den geschlechtlichen Verkehr mit einer syphilitischen Person entsteht, und zwar dadurch, daß das syphilitische Gift durch eine kleine Schrunde, einen kleinen Riß in der Haut eintritt. Die Möglichkeit, daß eine solche kleine Hautverletzung besteht oder beim Geschlechtsumgang entsteht, ist allerdings so groß, und die Ansteckungsfähigkeit der Syphilis so ungeheuer, daß der geschlechtlichen Verbindung mit einer syphilitisch kranken Person fast stets eine Ansteckung folgt.

Das Ansteckungsfeld ist zumeist der uneheliche Geschlechtsverkehr. Dr. Blaschko-Berlin erzählt, daß einmal von 1129 Geschlechtskranken in seiner Poliklinik (1009 Männer und 120 Frauen) die Männer ihre Syphilis fast ausschließlich außerhalb der Ehe, die Frauen innerhalb der Ehe von den Männern erworben hatten. Welch eine furchtbare Anklage bedeutet das für den Mann, welch ein entsetzliches Martyrium schließt das für die Frau ein! Der Jugendleichtsinn des Mannes, den Weib und Kind in der Ehe büßen müssen!

Die Verbreitung der Syphilis hat Zahlen angenommen, die Entsetzen wecken.

Sie ist eine der furchtbarsten Volkskrankheiten geworden, die das Interesse der ärztlichen Wissenschaft und der behördlichen Organe unausgesetzt beschäftigt. Unsummen gehen in Heilungskosten auf, und das Ende dieses unseligen Zerstörungsprozesses in der Menschheit ist nicht abzusehen.

In großen Städten schleicht das Gespenst der Syphilis durch alle Straßen. Wo die Menschen dichter zusammenwohnen, steigert sich das Leben, vermehren sich auch die Krankheiten. Und die Prostitution, die die Moral der Männer verschlingt, speit dafür die Geschlechtskrankheiten, Tripper und Syphilis, auf die Menschheit aus.

Dieser Gifthauch trifft auch die Bewohner des Landes, dessen junge Söhne in den Städten als Soldat dienen oder ein Handwerk, ein Geschäft lernen und ausüben oder die Schulen, die Universität besuchen und mit der Kultur der Stadt auch die Syphilis in die Heimat bringt. Der vierjährige Feldzug hat die Zahlen der Geschlechtskrankheiten ins Fürchterliche gesteigert.

Die Syphilis beginnt mit einem kleinen Knötchen, das 2-4 Wochen nach erfolgter Ansteckung auftritt (sogenannter Primäraffekt) und bald zu zerfallen beginnt. Dabei bildet sich ein tiefer fressender Untergrund und ein etwas erhöhter Randwulst. Beide sind hart, weshalb man hier vom harten Schanker spricht. Auch Schwellungen der Leistendrüsen stellen sich ein.

Die Ansteckungsfähigkeit der Syphilis ist eine ganz außerordentliche. Jedes Hautritzchen genügt, um das syphilitische Gift eindringen zu lassen, und zwar nicht nur an den Geschlechtsteilen, sondern überall am Körper. Es gibt demnach eine außergeschlechtliche Syphilis, die bei 4% aller Syphilitiker vorliegt. Dieselbe wird ungemein leicht erworben, beispielsweise durch Küssen, Händedrücken, durch Benutzung von Handtüchern, Bettwäsche, Kissen, Polstern usw., die vorher mit syphilitischen Geschwüren in Berührung kamen.

Eine sekundenlange Berührung genügt – und das Gift ist in den Körper eingedrungen und spielt seine verderbliche Rolle. Wenn's Schuld war, kann man von Sühne sprechen. Was aber sagt ihr zu den Unglücklichen, die ohne Schuld, ganz ohne Liebe und Geschlechtsumgang die Syphilis erwarben? Die unwissend, schuldlos und wehrlos ein zerstörendes Gift empfangen und es womöglich monate- und jahrelang in sich tragen, ohne den Charakter der Leiden zu ahnen, die sie nacheinander heimsuchen?

Ist das syphilitische Erstgeschwür ausgeheilt, so beginnt etwa nach 8-10 Wochen die sekundäre Syphilis, meist als roter Fleckenausschlag, als Knötchen (Papeln) oder eiterige Pusteln, die sich über den ganzen Körper verbreiten und namentlich in Hautfalten (Schenkelbeuge, Geschlechtsgegend, zwischen den Fingern usw.) als nässende Wunden auftreten können. Die Absonderungen dieser Ausschläge haben eine starke Ansteckungsfähigkeit. Dazu gesellt sich ein Schorf auf der behaarten Kopfhaut, der das Haar büschelweise zum Ausfallen bringen kann.

Dazu stellt sich Fieber ein, Mattigkeit, Abgeschlagenheit der Glieder, rheumatismusähnliche Schmerzen in den Gelenken und den Knochen (namentlich in den langen Arm- und Schenkelknochen), am Tage Frostschauer und in der Nacht Schweiße, dazu schwere Gemütsverstimmungen.

In den Schleimhäuten zeigen sich vielerlei Störungen, vom einfachsten Katarrh angefangen bis zu den Papeln, die zu eiterigen Wucherungen (sogenannten Kondylomen) werden können. Diese treten vor allem gern im Rachen und im Munde auf und haben eine ungeheure Ansteckungsfähigkeit. Nie ist beim Besuch einer Prostituierten der Besucher sicher, daß nicht irgendwo am Körper ein Kondylom ihm die tückische Krankheit überträgt.

Häßlicher und schlimmer noch sind die syphilitischen Geschwüre, die noch in dem sekundären Stadium auftreten und als schmerzhafte Gewebszerstörungen überall im und am Körper auftreten können. So namentlich an den Nasenflügeln und dem Nasensteg, in den Mundwinkeln, am Zahnfleisch, an der Zunge, den Stimmbändern, dem Zäpfchen usw. Wie viele Redner, Sänger, Schauspieler usw. haben schon durch diese fressenden Geschwüre ihre Stimme und damit ihre Existenz und ihre Lebensfreudigkeit verloren! Wieviel Entstellungen des Gesichts, wieviel Sprachstörungen haben allein diese Ursache! Wohl selten ahnt jemand, daß der leichtfertige Augenblicksgenuß bei der Dirne oder das zufällige Geschlechtserlebnis der Straße ein so grauenhaftes Ende nehmen kann.

Manchmal, wenn der Kranke sich schon ganz oder fast ganz geheilt glaubt, bricht mit einem Male die Krankheit in voller Stärke wieder aus. Der ganze körperliche und seelische Jammer ist wieder da, und es ist wohl zu verstehen, von welch grenzenloser, dumpfer Verzweiflung oft die Unglücklichen befallen werden.

Glaubt man aber die sekundäre Syphilis völlig geheilt, ja, versichert sogar der Arzt, daß sie völlig geheilt sei, so liegt auch darin nicht eine Spur von Sicherheit; denn nach Jahren oder Jahrzehnten bricht die Syphilis mit völlig verändertem Charakter wieder aus und wird dann in der Tat furchtbar. Sie ist in ihr drittes (tertiäres) Stadium eingetreten und nimmt insofern einen gänzlich anderen Weg, als die sekundäre Syphilis ausschließlich die Haut und die Schleimhäute befällt, während im tertiären Stadium vorwiegend die inneren Organe (Knochenhaut, Muskeln, Darmsystem, Leber, Nieren, Lungen, Gehirn und das ganze Nervensystem) erkranken.

Bei der tertiären Syphilis erscheinen runde oder ovale Papeln, die bald geschwürig zerfallen und rotbraune Färbung gewinnen. Man nennt solch ein Geschwür Gumma. Mehrere Gummata können zu einem einzigen Geschwür sich vereinigen, das sich tief in das Gewebe hineinfrißt.

Das ist gerade das Entsetzliche dieser Gummata, daß sie die tieferen Gewebsschichten und die inneren Organe angreifen und diese zu geschwürigem Zerfall bringen.

So wird häufig die Nasenscheidewand durchgefressen, und die im Innern abgefressenen Gewebsteile werden beim Räuspern oder Husten ausgestoßen. Von den vorkommenden Kehlkopfzerstörungen ist wohl ein reichliches Teil auf tertiäre Syphilis zurückzuführen. Die schrecklichen und widerlichen Verwüstungen der Nase kann man ja hin und wieder auf der Straße beobachten.

Die Knochen erfahren Auftreibungen und Verdickungen und werden stellenweise ausgefressen, ausgehöhlt, so daß dauernde und auffallende Veränderungen zurückbleiben. Ja, es kann beispielsweise der lange Unterschenkelknochen so weit durchgefressen werden, daß er bei irgendeiner Gelegenheit bricht.

Besonders schmerzhaft und gefährlich ist das Gumma, wenn es am Schädelknochen sitzt. Dann frißt es sich bis zu den Hirnhäuten durch, durchlöchert also die Schädeldecke und kann das Leben zerstören.

Schwere Nieren-, Leber-, Lungen- und Herzerkrankungen treten bei der tertiären Syphilis auf und können gleichfalls den Tod herbeiführen.

Ergreift die tertiäre Syphilis das zentrale Nervensystem, so ist der Kranke unrettbar dem Tode verfallen. Das am Schädel sitzende Gumma frißt sich durch den Knochen hindurch oder treibt ihn auf; daraus erklären sich die Vorboten jener fürchterlichen Krankheit, der Gehirnerweichung, die wohl in den meisten Fällen den Charakter der tertiären Syphilis trägt. Diese Vorboten sind: dauernder Kopfschmerz, Schwindel, Ohnmachtsanfälle, Gedächtnisschwäche, tiefe Gemütsverstimmung und die lange Reihe jener merkwürdigen, unüberlegten und sinnlosen Handlungen, die oft bei einem früher klugen, geistvollen Menschen auftreten und den Gehirnparalytiker verraten, ehe noch die schreckliche Krankheit zum furchtbaren Ausbruch kommt. Daß ein sonst sparsamer Mann auf einmal ein unruhiger Verschwender wird, ein sittenstrenger Mann zum wüsten, ausschweifenden Erotiker, erklärt sich nur durch teilweisen und fortschreitenden Verfall des Gehirns.

Bei der Rückenmarksschwindsucht ist ihr Zusammenhang mit der Syphilis (oder mit ihrer Quecksilberbehandlung?) so offenbar, daß man fast von Ausnahmslosigkeit sprechen kann.

Die bei Tabes des oberen Rückenmarkes auftretenden Sehstörungen, namentlich Augenlähmungen und Entzündungen der Iris, sind fast alle syphilitischen Charakters.

Es gibt keinen Teil am und im Körper, der nicht von der Syphilis ergriffen und zerstört werden könnte. Zwar trifft die Krankheit nicht jeden so schwer; aber sie ist heimtückisch und unberechenbar, und wenn ein von dieser Krankheit befallener Körper nicht genügend Lebenskraft hat, sich vernachlässigt und noch dazu ein ausschweifendes, nervenzerstörendes Leben führt, so kann ihn die Krankheit bei lebendigem Leibe zum Verfaulen bringen.

Die Syphilis ist erblich, das ist ihr größtes Schreckbild. Die Nachkommen empfangen das Gift im Keim, und dieser angefaulte Keim wird – wenn er nicht abstirbt – zu einer faulen Frucht. Dies ist das Schrecklichste im Leben, der grauenvolle Leichtsinn, mit dem ein syphilitisch Kranker das Gift auf Weib und Kinder überträgt und Leben erweckt, das morsch, faul und unglücklich ist. Wieviel jammervolle Menschen laufen umher, denen die Syphilis des Vaters oder der Mutter die Kraft nahm und die Flügel gebrochen hat! Das ist die fluchwürdigste Tat, deren ein Mensch fähig ist.

Die erbliche Übertragung der Syphilis geschieht durch syphilitische Vergiftung der Keimzellen. Die Folgen sind Absterben der Frucht, Frühgeburten und Fehlgeburten oder ganz elende, schwächliche und erbärmliche Kinder.

Prof. Neumann machte im „Archiv für Kinderheilkunde“ folgende Angaben über die geradezu verheerenden Wirkungen der vererbten Syphilis: „Es gebaren 71 Mütter im sekundären Stadium der Syphilis insgesamt 99 Kinder, d. h. es standen so viele Fälle zur Beobachtung. Dabei fanden sich: 40 mal Abortus, 4 Frühgeburten, 3 Totgeburten, 24 Kinder, die gleich nach der Geburt starben, 5 waren lebend, aber syphilitisch, und nur 2 schienen gesund zu bleiben. Die Sterblichkeit war also 98 Prozent!!

Dies große Kindermorden bezeichnet überall den Weg der Syphilis. Zwar mildert sich das Bild, wenn die syphilitische Ansteckung der Mutter nicht vor der Befruchtung oder zugleich mit ihr, sondern später erfolgte. Zwar ist dann immer noch die Gefahr für das Kind groß; aber es bleibt wahrscheinlich am Leben. Ist aber einmal die Syphilis im Körper einer Frau, so ergreift sie die Keimzellen, die im weiblichen Organismus in den Eierstöcken von Jugend auf fertig ausgebildet sind, und jedes nachher geborene Kind wird geschädigt. Darin liegt die Furchtbarkeit der Syphilis beim Weibe. Die Samenzellen des Mannes werden fortdauernd neu gebildet, so daß beim Ausheilen der Syphilis auch die Erblichkeit erloschen ist. Das ist beim Weibe nicht der Fall, weil immer in den fertigen und auf Befruchtung wartenden Eizellen Syphiliskeime zurückgeblieben sein können. Eine einmal syphilitisch gewesene Frau sollte darum nie wieder Kinder bekommen. Und gerade hier sieht man die ganze Schrecklichkeit dieser Krankheit, erkennt man, wie sie alles Mutterglück für alle Zeit ersticken kann, und wie ein unschuldiges Weib krank und unsagbar unglücklich werden kann, weil der Mann ihr in schrecklichem Leichtsinn den Keim einer Krankheit übertrug, die er in einer Stunde des bloßen Vergnügens erwarb.

Arme, arme, bejammernswerte Frauen, die nichts Böses taten und so schwer leiden müssen! Wie kam so bitteres Unrecht in die Welt? Und wie ist es auszudenken, daß es Männer gibt, gewissenlos und verbrecherisch genug, wissend Leib und Seele einer Frau zu zerstören!

Ein syphilitisch erblich zerstörtes Kind ist das Grauenhafteste, was man sich vorstellen kann. Ein jammervolles Leben, das schuldlos eine schwere Bürde trägt. Eine Haut, die unter Umständen mit roten Flecken, Blasen, nässenden Wunden und Eiterbeulen bedeckt ist, kranke, wuchernde Schleimhäute, chronische Nasen- und Ohrenkatarrhe mit eiternden, stinkenden Ausscheidungen, dazu wohl auch Taubheit, Blindheit, Knochenentzündungen und Knochenauftreibungen mit schrecklichen Formänderungen und ein rascher Zerfall der Zähne. Gehirn und Rückenmark sind meist bei solchen unglücklichen Kindern angegriffen, und es zeigen sich schon früh teilweise oder vollständige Lähmungen, Krämpfe, Zuckungen, Epilepsie und vielerlei geistige Störungen, von einfachstem Gedächtnisschwund und der Gemütsbedrückung angefangen bis zu Wahnvorstellungen, fixen Ideen, furchtbaren Ausbrüchen und völliger geistiger Zerrüttung.

Vierter Teil.
Der Kampf um Sittlichkeit und Gesundheit.

Das ist das Schreckbild der Geschlechtskrankheiten, und wer je offene Augen hatte, der wird nichts für Übertreibung halten.

Du kennst nun die Gefahr. Und die Gefahr wird deinen starken Willen wecken, und du beginnst den Kampf. Den Kampf? Gegen was? Gegen alles, was dich bedroht; denn ohne Kampf geht es nicht ab. Wahrlich, es gibt einen Kampf zwischen triebhaftem Leib und sieghaftem Willen. Mensch sein, heißt ein Kämpfer sein, und dieser Kampf ist der Menschheit urewiges Erbstück.

Schmiede Waffen für diesen Kampf! Und willst du die wirksamsten kennen, so suche sie im Widerstreit der Kräfte in deinem eigenen Körper und Geist. Auf Arbeit sind alle deine Kräfte eingestellt. Sinnliche Verschwendung zehrt an deiner Arbeitskraft, macht dich schlaff, unlustig, geistlos. Die Arbeit aber zähmt und bändigt deine sinnlichen Triebe. Darum stelle dein Leben auf Arbeit ein! Stecke dir ein Ziel, und setze an die Erreichung dieses Zieles alle deine Kräfte. Dann wird die Arbeit Inhalt und Halt deines Lebens, sie wird dir Sittlichkeit und Grundlage der Persönlichkeit werden.

Völker sind durch Arbeit groß geworden, sind mit ihrer Arbeit gewachsen, und es war stets ein Zeichen des Niederganges, wenn ein Volk sich teilte in Arbeitende und Müßiggänger. Denn unter diesen Müßiggängern, die nicht einen einzigen Tag mit ernsten Pflichten erwachen, sondern sich treiben lassen von ihren Stimmungen und Einfällen, führt die Sucht nach Unterhaltung über Sport und Spiel zu Liebesabenteuern und Geschlechtserregungen. Und je weniger der Körper durch den strengen Willen und die rauhe Notwendigkeit der Arbeit gebändigt ist, desto weichlicher und haltloser wird der Charakter, desto ungebärdiger und zügelloser die Phantasie, und eine wirre, unsaubere Sinnlichkeit erfüllt den Geist, dem durch Mangel an Arbeit die straffen Zügel genommen sind.

Sicherlich gibt es Menschen von ruhelosem Arbeitsdrang, Menschen, denen die Arbeit zum Laster, zur Krankheit, zu einem neurasthenischen Zwang wurde, die ruhelos arbeiten müssen, um die gejagten Nerven zu befriedigen und um sich über die entsetzliche Leere ihres Inneren hinwegzutäuschen. Solche Menschen sind uns nicht Vorbild. Sie sind die eine Ausschreitung, der Müßiggänger die andere.

Wie wohltuend steht dazwischen der ruhig und kraftvoll Arbeitende! Das, was er schafft, gibt ihm Ernst und Würde, gibt ihm Stolz, und in dieser Würde, diesem Stolz liegt die große Widerstandskraft gegen alles Schlechte. Die Arbeit ist eine innere Spannung, die über Mißgeschick hinweghilft und eine stille Fröhlichkeit um sich verbreitet. Wer sein Geld durch Arbeit erwarb, wird es höher schätzen, wird sparsamer sein als der Müßiggänger, der mit des Vaters ererbtem Gelde seine Stunden totschlägt und aus Überdruß nach vielen Genüssen nur noch den Geschlechtsgenuß kennt. Dann ist's mit der Arbeit vorbei, denn Arbeit verlangt Kraft und innere Stählung, und nichts zerstört diese Kraft so sicher, wie die Sinnlichkeit, wenn sie unbeherrscht und krankhaft in Leib und Sinn wühlt.

Niemand wird eine gesunde Sinnlichkeit abtöten können. Und niemand soll es tun. Aber sie soll als bewegende Kraft in der beherrschenden Kraft des Willens liegen und nicht durch beständigen Anreiz zu einer triumphierenden und den Menschen versklavenden Macht werden. Ernste Arbeit entzieht dich vielen solchen Anreizen, und ein festes Lebensziel fesselt deinen Willen an diese Arbeit.

Schopenhauer schrieb 1813 in sein Tagebuch: „An den Tagen und Stunden, wo der Trieb zur Wollust am stärksten ist, ... gerade dann sind auch die höchsten Kräfte des Geistes, ja das bessere Bewußtsein zur größeren Tätigkeit bereit, ob zwar in dem Augenblicke, wo das Bewußtsein sich der Begierde hingegeben hat und davon voll ist, latent; aber es bedarf nur einer gewaltigen Anstrengung zur Umkehr der Richtung, und statt jener quälenden, bedürftigen, verzweifelnden Begierde (dem Reich der Nacht) füllt die Tätigkeit der höchsten Geisteskräfte das Bewußtsein (das Reich des Lichts). In besagten Zeiten ist wirklich das kräftigste, tätigste Leben überhaupt da, indem beide Pole mit der größten Energie wirken. Dies zeigt sich bei ausgezeichnet geistreichen Menschen. In besagten Stunden wird oft mehr gelebt als in Jahren der Stumpfheit.“

Schiller hat diesen Gedanken in wundervolle Worte gekleidet:

Leidenschaften sind schäumende Pferde,
Angespannt an den rollenden Wagen.
Wenn sie entmeistert sich überschlagen,
Zerren sie dich durch Staub und Erde.
Aber lenkest du fest den Zügel,
Wird ihre Kraft dir selbst zum Flügel,
Und je ärger sie reißen und schlagen,
Um so herrlicher rollt dein Wagen.