In Altenburg entfaltete Brockhaus, sobald er die Verwickelungen aus der amsterdamer Periode zum Abschluß gebracht, gleich eine überaus rege und umfassende Thätigkeit. Mit neuer Kraft und mit gewohnter Energie gelang es ihm, von dem rasch wiederkehrenden Vertrauen der Buchhändlerwelt gehoben und von seinen neugewonnenen Freunden in Altenburg moralisch und materiell unterstützt, sein Verlagsgeschäft bald zu größerer Bedeutung zu bringen, als es in Amsterdam gehabt, und dadurch auch seine äußere Lage wieder zu einer günstigen zu gestalten.
Seine Verlagsthätigkeit in dieser altenburger Periode erstreckte sich besonders nach drei Richtungen hin. Die eine umfaßt seine Thätigkeit auf politisch-publicistischem Gebiete während der ereignißreichen und für Deutschland so hochbedeutsamen Jahre 1813-1815. Die zweite Hauptthätigkeit betrifft das »Conversations-Lexikon«, das er wesentlich in diesen Jahren zu dem gestaltete, was es für ihn und für die deutsche Literatur geworden ist. Die dritte Seite endlich ist die seiner allgemeinen Verlagsthätigkeit auf fast allen Gebieten der Literatur.
Die beiden ersten Gruppen einer schon durch ihre Wichtigkeit geforderten eingehendem Schilderung vorbehaltend, beginnen wir mit der dritten, auch der Zeit nach den andern beiden meist vorangehenden Gruppe.
Zunächst hatte Brockhaus noch Unannehmlichkeiten wegen zweier früher von ihm übernommener und von uns bereits erwähnter Verlagswerke, die im Herbste 1811 mit der Jahreszahl 1812 und unter der bekannten fingirten Verlegerfirma »Peter Hammer in Köln« erschienen waren: »Handzeichnungen aus dem Kreise des höhern politischen und gesellschaftlichen Lebens« und »Briefe eines reisenden Nordländers«.
Der ungenannte Verfasser des erstern Buchs ist auch unbekannt geblieben. Aus einer von Brockhaus selbst herrührenden Notiz geht nur hervor, daß die Hofräthin Spazier es vor dem Druck redigirt hatte und dafür 50 Thlr. »Redactionsgebühren« erhielt; verfaßt ist es von ihr schwerlich, vielleicht von dem Kriegsrath von Cölln. Das kleine Buch enthält eine Reihe meist hochgestellte Persönlichkeiten betreffender Anekdoten und Erzählungen, die, ihre Wahrheit vorausgesetzt, allerdings »zur Charakteristik der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts« (wie noch auf dem Titel steht) dienen, aber zum Theil Skandale und Verbrechen unter voller Namensnennung der Betreffenden enthüllen und deshalb bei diesen wie im Publikum großes Aufsehen erregten. Der daraus entstandene Conflict mit dem Staatskanzler Fürsten Hardenberg, aus dessen früherm Leben eine pikante Anekdote erzählt wird, wurde bereits früher berichtet. Jetzt verursachte Fürst Hatzfeld in Berlin, von dessen verstorbenem Bruder in dem Buche ebenfalls eine schlimme Gerichte erzählt wird, dem Verleger ernstere Unannehmlichkeiten, indem auf seine Veranlassung dasselbe gleich den »Briefen eines reisenden Nordländers« in Leipzig mit Beschlag belegt wurde, nachdem er außerdem eine Klage gegen ihn anhängig gemacht hatte.
Die »Briefe eines reisenden Nordländers« sind von Reichardt, dem bekannten Musiker und Reiseschriftsteller, verfaßt, von dem Brockhaus bereits 1810 »Vertraute Briefe« über Wien und Oesterreich verlegt hatte, und waren, wie früher erwähnt, von Brockhaus selbst hervorgerufen worden. Das Buch erschien zuerst ebenfalls anonym, dagegen ist der Verfasser auf der (1816 veranstalteten) neuen Auflage genannt, wenn auch eigenthümlicherweise mit einem Druckfehler: Reichhardt statt Reichardt.
Ueber die Conflicte wegen dieser beiden Bücher schreibt Brockhaus am 5. December 1811 aus Altenburg an Bornträger:
Ich befinde mich hier seit wenigen Tagen in einer besondern Krisis. Von unserm Verlage haben die »Handzeichnungen« und die »Briefe des Nordländers« große Sensation gemacht. Von den ersten sind in Leipzig 73 Exemplare confiscirt und sind solche in vielen Orten verboten worden. Auch die »Briefe des Nordländers« sind in Leipzig vor der Hand verboten, doch nur erst dort, weil sie erst seit kurzem versandt sind. In Leipzig soll ich von der Büchercommission gar, wie Mitzky mir meldet, zu sechswöchentlichem prison verdammt worden sein, weil ich die Firma Peter Hammer gebraucht habe.
Auch bin ich direct vom Fürsten von Hatzfeld in Berlin wegen einer seinen verstorbenen Bruder betreffenden Anekdote in den »Handzeichnungen« auf rechtlichem Wege in Anspruch genommen worden, und habe ich deshalb heute eine Vernehmung zu erdulden gehabt.
Dies ist es indessen weniger, was mich afficirt gerade, ob ich gleich glaube, daß noch von vielen Seiten Reclamen wegen der »Handzeichnungen« erfolgen werden. Es schützt mich hier so ziemlich die passirte Censur und die Erlaubniß der Nennung des Verfassers, den ich aber bisjetzt noch nicht genannt habe.
Mehr bin ich besorgt wegen des »Nordländers« in Rücksicht des darin wehenden Geistes, ob ich gleich alle marquanten Stellen gestrichen habe. Die Gefahren scheinen aber demohnerachtet nicht unbedeutend zu sein, da besonders heute sehr schreckbare Nachrichten eingelaufen sind. So ist Hofrath Becker in Gotha vor drei Tagen durch 250, ich sage 250 Mann französische Dragoner aus der Residenz ohne Vorwissen des Herzogs und der Landesregierung aufgehoben und in Zeit von 10 Minuten aus der Stadt mit allen seinen Papieren fortgefahren worden, ohne daß man weiß wohin. So ist Hofrath Voigt in Jena wegen leichtsinniger Censur des dritten Bandes von Seume's »Reise nach Syrakus« ebenfalls beim Kopf genommen. In Leipzig ist, wie ebenfalls heute die Nachricht eintrifft, die alte Büchercommission cassirt und ein Einziger statt derselben angestellt worden mit den größten Vollmachten. Dieser Einzige heißt Brückner, das Alles ist, was ich bis zur Minute von ihm weiß.
Von Gotha war ich von unbekannter Hand von der Hatzfeld'schen Requisition vorab unterrichtet worden, und ich werde hier so leicht nichts zu fürchten haben, wenn Alles im gewohnten rechtlichen Wege ginge. Bei diesen außerordentlichen Begebenheiten ist aber für nichts zu stehen, und die Freunde und die Freundinnen beschwören mich, mich zu entfernen. Dies ist auch beschlossen, und werde ich eine längst vorgehabte Reise unternehmen.
Einige Tage darauf, am 11. December, schrieb Brockhaus:
Ich habe die Idee, die ich Ihnen neulich mittheilte, wieder aufgegeben, da mir die Gefahr bei näherer Ueberlegung minder dringlich scheint. Adressiren Sie indessen Ihre Briefe nur immerhin an Scholber[48], da doch ein Fall eintreten könnte. Wegen Becker weiß man noch nichts Näheres. Man sagt, er sei nach Hamburg gebracht.
Rudolf Zacharias Becker, der bekannte Volksschriftsteller und Buchhändler, war auf Davoust's Befehl in Gotha verhaftet und nach Magdeburg gebracht worden, wo er bis zum April 1813 gefangen gehalten wurde; er hat dies selbst in der interessanten Schrift: »Becker's Leiden und Freuden in siebzehnmonatlicher französischer Gefangenschaft« (Gotha 1814), geschildert.
Wie die Angelegenheit mit jenen beiden Verlagswerken und speciell die Klage des Fürsten Hatzfeld schließlich für Brockhaus verlief, wissen wir nicht. Unter unsern Papieren findet sich darüber nur noch ein eigenhändiges Concept folgender am 5. März 1812 von Brockhaus der altenburger Regierung abgegebenen loyalen Erklärung:
Ich wiederhole vollkommen, was ich in der ersten Vernehmung vom 5. December v. J. hierüber bereits gesagt habe, und trage daher jetzt auf ein rechtliches Erkenntniß über diesen Gegenstand an, indem ich nur noch wünsche, daß mir gestattet werden möge, die Grundsätze, welche hier in Anwendung kommen könnten, meinerseits in einem mir zu bestimmenden Termine in einer nähern Deduction genauer zu entwickeln. Sollte dieses rechtliche Erkenntniß dahin lauten, daß seitens des Herrn Fürsten von mir, nach rechtlichen dabei eintretenden Grundsätzen, der oder die quästionirten Namen können verlangt und müßten mitgetheilt werden, so erkläre ich hierdurch ausdrücklich und bestimmt, daß ich mich demselben ebenso unweigerlich unterwerfen werde, als es mir jetzt unrechtlich und meine Pflicht als Verleger verletzend erscheinen würde, schon gegenwärtig darin dem Herrn Fürsten zu willfahren. Ich würde mir selbst, dem Verfasser oder den Personen, von welchen ich das quästionirte historische Factum in Manuscript erhalten habe, als feig und unedel erscheinen, wenn ich auf die bloße Instanz eines Individuums, das ich auch bei gleicher Namenslautung bisjetzt doch nur als dritte dabei nicht concernirte Person betrachten muß, gleich pliirte und den Verfasser dadurch vielleicht unmittelbar persönlichen oder Privatverfolgungen oder Ahndungen aussetzte, die ich von ihm oder ihnen so lange abzuwehren für meine Pflicht halte, als anerkannte rechtliche Grundsätze mich nicht dazu moralisch und bürgerlich verbinden. Der Herr Fürst kann sich übrigens ja auch vollkommen mit dieser Erklärung zufriedengeben. Entweder ist seine Frage rechtlich begründet, oder sie ist es nicht. Im erstern Falle wird das von mir provocirte rechtliche Erkenntniß ihm beistimmen, und ich, da alsdann meine Ehre als Verleger gegen den Verfasser gerettet ist, unterwerfe mich unbedingt dem Erkenntniß, soweit dasselbe die mir jetzt vorgelegte Frage betrifft. Im letztern Falle darf der Herr Fürst ja überhaupt keine Bewilligung seiner Instanz erwarten.
Ein wichtigeres Verlagsunternehmen, dem sich Brockhaus seit seiner Uebersiedelung nach Altenburg wieder mit Eifer widmete, und das er neben dem »Conversations-Lexikon« mit besonderer Vorliebe pflegte, war das von ihm begründete Taschenbuch »Urania«.
Der erste Jahrgang war unter dem Titel: »Urania. Taschenbuch für das Jahr 1810«, im Herbst 1809 erschienen und hatte viele Theilnahme gefunden. Das vom 1. September 1809 datirte Vorwort ist ohne Zweifel von der Hofräthin Spazier geschrieben und der Jahrgang auch von ihr zusammengestellt. Er wird durch einen Aufsatz von Jean Paul: »Erden-Kreis-Relazion« eröffnet, worauf andere abwechselnd prosaische und poetische Beiträge folgen: von Friedrich Kind, Charlotte von Ahlefeld, Theodor Körner, Luise Brachmann, Varnhagen, De la Motte Fouqué, Mahlmann, Apel u. a.. Die Ausstattung ist elegant: Miniaturformat, gutes Papier, scharfer Druck (wahrscheinlich von Vieweg in Braunschweig), hübsche Kupferstiche; das zierliche Bändchen wurde cartonnirt mit Goldschnitt ausgegeben.
Der zweite Jahrgang, in etwas größerm aber auch noch Miniaturformat, erschien erst zwei Jahre nach dem ersten, im Herbste 1811, unter dem Titel: »Urania. Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1812«; er war gleichfalls noch von der Hofräthin Spazier zusammengestellt worden, doch übernahm Brockhaus selbst die schließliche Redaction und behielt diese für die Folge der Hauptsache nach in seinen Händen.
Im December 1811 erließ er eine Aufforderung an zahlreiche hervorragende deutsche Schriftsteller mit der Bitte um Beiträge für die »Urania«. Der nächste Jahrgang erschien aber erst 1814 (für das Jahr 1815), während inzwischen (1812) der zweite Jahrgang nochmals mit einem neuen Titel für 1813 und im Kriegsjahre 1813 überhaupt keiner ausgegeben wurde. Jene Einladung erging an Zschokke, Oehlenschläger, Kotzebue, August Wilhelm und Friedrich von Schlegel, Weißer, Haug, Therese Huber, Henriette Schubart, Amalie von Helvig u. a..
Auch an Baggesen schickte Brockhaus die in Circularform gehaltene Aufforderung und fügte selbst noch folgende Worte hinzu, die nach ihren frühern Zerwürfnissen ihm gewiß Ehre machen:
Es würde mich sehr freuen, mein guter Baggesen, wenn wir auf diesem Wege wieder zusammen in Berührung kämen. Wie Vieles hätte ich von Ihnen zu erfragen, wie Vieles Ihnen zu erzählen! Ich bin Ihnen mit alter Liebe und Freundschaft ergeben.
Ein Versuch, auch Goethe »für die 'Urania' zu erobern«, wie Brockhaus sich ausdrückt, schlug zwar in der Hauptsache fehl, verschaffte ihm aber doch die Gelegenheit, Goethe's persönliche Bekanntschaft zu machen. Wol hauptsächlich zu diesem Zwecke reiste er Anfang Januar 1812 nach Jena, Weimar und Gotha. In dem Jahrgange für 1812 hatte die »Urania« Scenen aus Goethe's »Wahlverwandtschaften« in acht Kupfern nach Zeichnungen von Dähling gebracht. Für den nächsten Jahrgang waren Darstellungen aus »Faust«, »Egmont« und »Tasso« gewählt, meist nach Zeichnungen von Heinrich Naeke in Dresden, und diese legte er jetzt dem Dichter vor. Nach seiner Rückkehr schrieb er an Naeke:
Goethe war mit Ihren ersten beiden Zeichnungen (zum »Faust«) sehr zufrieden, und er hat mir aufgetragen, Ihnen seinen Dank zu bezeugen. Ihr erstes Bild, das Puttrich gekauft, war auch in Weimar, und Schwerdgeburth hatte den Vorsatz, solches in großem Format in Kupfer zu stechen. Er wird aber wahrscheinlich diese Idee aufgeben, da ich auf eine andere gekommen bin: eine Goethe-Galerie in 12 oder 24 Blättern in der Größe Ihrer Zeichnungen herauszugeben, sobald die Zeitläufte eine solche Unternehmung nur einigermaßen begünstigen und das Publikum Ruhe findet, sich dafür interessiren zu können. Mündlich, da ich Sie bald persönlich zu sehen hoffe, hierüber mehr.
Der Plan einer »Goethe-Galerie« in größern Kupferstichen kam nicht zur Ausführung, zunächst wol der bald folgenden Kriegsjahre wegen. Er ist, wie so manche von Brockhaus gefaßte Idee, von seiner Firma in späterer Zeit ohne specielle Kenntniß dieser Absicht wieder aufgenommen und ins Leben gerufen worden (in der 1863 von Friedrich Pecht herausgegebenen »Goethe-Galerie«), ebenso ein im September 1817 von Brockhaus angekündigter Plan einer »Shakspeare-Galerie«. In der »Urania« erschienen übrigens zahlreiche kleine Abbildungen zu Goethe's und Shakspeare's Dramen.
Goethe interessirte sich fortgesetzt für die seine Dramen betreffenden Zeichnungen und erhielt auf seinen Wunsch auch die übrigen zur Begutachtung vorgelegt. Den Verkehr darüber vermittelte der seit 1793 in Weimar lebende und 1806 vom Großherzog zum Legationsrath ernannte Schriftsteller Johannes Daniel Falk (geb. 1768, gest. 1826), über dessen Beziehungen zu Goethe das auf seinen Wunsch erst nach dessen Tode aus seinem Nachlasse veröffentlichte Werk: »Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt« (Leipzig 1832, 3. Aufl. 1856), berichtet. Falk stand mit Brockhaus in geschäftlichen wie in freundschaftlichen Beziehungen und schrieb auch die Erläuterungen zu den in der »Urania« gegebenen Abbildungen zu Goethe's Werken.
Ueber Goethe's Antheilnahme an diesen Zeichnungen schreibt Falk am 24. April 1812 an Brockhaus:
Die Zeichnung zum »Egmont« von Naeke ist allerliebst: Goethe, dem ich sie zeigte und der das Bemühen Naeke's aufs dankbarste anerkennt, äußerte blos den Wunsch, daß es dem jungen genievollen und gemüthlichen Künstler gefallen möge, ihm die Sachen ehe sie fertig und im Umriß zuzuschicken, wo liebevolle Erinnerungen eines freundlichen Mannes kleinen Irrthümern zuvorkommen und oft mit ein paar Strichen abhelfen können. So z. B. an der Lage der Hand des Klärchen im »Egmont« hat der junge Künstler in der Unschuld seines Herzens kein Aergerniß genommen: Goethen fiel dies sogleich auf, und der hiesige französische Gesandte, der die Zeichnung von ungefähr sah und ungemein damit zufrieden war, bemerkte unverabredet: que c'était hors de la convenance.
Eine jede Kritik muß einem so liebenden zarten Gemüth wie das von Naeke nicht besser vorkommen als den Blumen ein Nachtfrost. Suchen Sie es ihm nur beizubringen, daß diese Bemerkungen von Männern herrühren, die sein schönes Bestreben mit Liebe zu umfassen aufs allerbeste geneigt sind und die sich nie ein öffentliches liebloses Wort gegen ihn erlauben würden.
In demselben Briefe kommen noch zwei andere Goethe betreffende Stellen vor. In der ersten schreibt Falk:
Den Brief von Kestner, das Gedicht von Goethe, kann ich Ihnen nur unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit in die Hände geben.
Und an einer andern Stelle, in der Falk die Bitte ausspricht, Brockhaus möge ein Werk von ihm ja nicht auswärts, sondern unter seinen Augen in Weimar drucken lassen, sagt er:
Es liegt etwas in dieser Bedingung für einen lebendigen Menschen, und seien Sie versichert, daß Goethe z. B. mit Cotta, wie ich Goethe kenne, nothwendig zerfallen müßte, wenn Cotta zur unerlaßlichen Bedingung machte, die Sachen statt in Jena in Tübingen gedruckt zu sehen. Nicht aus Eigensinn oder Bizarrerie von seiten Goethe's, sondern aus einer Art von genialem Instinct, den Jeder begreift, der selbst etwas zu produciren im Stande ist.
Außer daß Goethe jene Zeichnungen begutachtete, scheint er sich an der »Urania« nicht betheiligt zu haben. Einmal noch wird sein Name darin genannt; bei Mittheilung eines Preisausschreibens im Juli 1816 sagt Brockhaus: die von ihm um das Richteramt dabei gebetenen Schriftsteller hätten gewünscht, »ihr Urtheil, bevor es bekannt gemacht würde, dem Herrn Geheimen Rath von Goethe zur Genehmigung vorzulegen und sich auf diese Weise unter die Auspicien unsers größten Meisters zu stellen«; es sei deshalb an diesen ein solches Ansuchen ergangen. Indeß findet sich weder ein solcher Brief an Goethe noch dessen Antwort oder irgendeine andere Notiz darüber.
Das ebenerwähnte Preisausschreiben wurde von Brockhaus im April 1816 erlassen und den Lesern der »Urania« in dem vom Juli datirten Vorwort zum Jahrgange 1817 mitgetheilt. Es folgten deren noch mehrere in den nächsten Jahrgängen, und da sie meist von Brockhaus selbst verfaßt sind und ihn von einer ganz neuen Seite zeigen, der einer directen Einwirkung auf die belletristische Production und genauer Vertrautheit mit der schönen Literatur, so ist ein näheres Eingehen darauf gerechtfertigt, zumal sich auch vielfach literarhistorisches Interesse daran knüpft.
In der »Urania« für 1817 theilt Brockhaus zunächst mit, daß er bereits im April 1816 in Verbindung mit der Redaction der »Urania« folgende Anzeige habe drucken lassen:
Jedem Freunde der deutschen Poesie wird sich die Bemerkung aufdringen, daß wir, bei einer Menge von Dichtern, doch wenige Gedichte besitzen, die, zwischen den größern epischen und dramatischen Darstellungen und den kleinen lyrischen Gattungen die Mitte haltend, durch das Interesse eines reichhaltigen Stoffs sowol als durch den Reiz einer gediegenen Kunstform zu stets wiederholtem Genusse einladen und, statt flüchtig und gleichsam spurlos vorüberzugehen, den Verstand und das Gemüth auf gleiche Weise befriedigen. Diese Wahrheit hat sich mir zunächst bei näherer Ansicht unserer Taschenbücher und Musenalmanache dargeboten, in denen wir Lieder, Sonette, Oden, Elegien, Romanzen u. s. w. in Ueberfluß finden, welche allerdings, insofern sie von wahrem poetischen Leben durchdrungen sind, ihren eigenthümlichen Werth behaupten; dagegen fehlt es fast ganz an gehaltvollen Gedichten von größerm Umfang, und wir haben, abgesehen von einzelnen hinreichend bekannten Meisterwerken, in der bezeichneten Art in Vergleich mit der englischen und französischen Literatur verhältnißmäßig nur wenig aufzuweisen. Ohne auf Pope, Buckingham, Roscommon, Boileau, Voltaire, Gresset und andere ältere Dichter von entschiedenem Werth zurückgehen zu wollen, nenne ich nur einige neuere, als Laharpe, Malfilâtre, Delille, Parny, Legouvé, Mollevaut, Millevoye, Victorin Fabre, Hayley, Walter Scott, Byron u. s. w., die, wenn sie auch nicht als höchste Muster gelten können, doch mehr oder weniger wahres Verdienst haben.
Der Wunsch, das bei mir erscheinende Taschenbuch »Urania« mit einem immer reichern und gehaltvollen Inhalt auszustatten, hat mich auf den Gedanken geführt, obige Bemerkung zu einigen Preisaufgaben zum Behuf des genannten Taschenbuchs zu benutzen, und Alle, die sich der Gunst der Musen erfreuen und die »Urania« mit ihrer Theilnahme zu begünstigen geneigt sind, zu Versuchen in folgenden drei Gattungen einzuladen:
1) in der poetischen Erzählung, wobei Stoff, Gattung und Einkleidung der Wahl des Dichters überlassen bleibt;
2) in der Idylle, d. h. der poetischen Darstellung unschuldiger und glücklicher Menschen, sie mag nun rein ideal oder mehr oder minder aus der Wirklichkeit entlehnt sein;
3) in der poetischen Epistel aus dem Gebiet des Lebens oder der Kunst, wobei nur die Heroide ausgeschlossen, dagegen eine didaktische Tendenz als besonders willkommen bezeichnet wird.
Die Wahl der Versart sowie die ganze äußere Form und Einrichtung bleibt billig der freiesten Willkür des Dichters überlassen; in Ansehung des Umfangs, der einem solchen Gedichte zu geben sein möchte, haben mir Pope's »Lockenraub« (798 Verse) und »Versuch über den Menschen« (1304 Verse) vorgeschwebt. Doch kann diese Bestimmung bei den Schwierigkeiten, welche die harmonische Begrenzung eines Kunstwerks hat, die einzig durch sich selbst bedingt wird, nur andeutungsweise gemacht sein, und soll damit keineswegs ein festes Maß angegeben sein.
Für das beste Gedicht in jeder der bezeichneten drei Gattungen, das mir bis zum 1. Januar 1817 mit Beobachtung der in solchen Fällen gewöhnlichen Formen eingesandt wird, bestimme ich, insofern es überhaupt ein gutes ist, einen Preis von 20 Friedrichdor, nehme dasselbe in die »Urania« für das Jahr 1818 auf und behalte mir das Verlagsrecht auf die nächsten fünf Jahre vor, nach welchen es dem Verfasser als freies Eigenthum wieder anheimfällt. Ueberdies erbiete ich mich, das gelungenste Gedicht nach dem gekrönten in jeder Gattung, sofern es sich zur Aufnahme eignet, mit 4 Friedrichdor für den Bogen zu honoriren.
Würdige und kunstverständige Männer werden Richter sein; ihre Namen sollen, wenn sie es verstatten, in der noch vor Michaelis erscheinenden »Urania« auf 1817 dem Publikum angezeigt werden.
Brockhaus fügt dieser frühern Anzeige jetzt noch folgende Bemerkungen hinzu:
Alles Obige hiermit nochmals bestätigend und zu einer recht zahlreichen Concurrenz einladend, hat Unterzeichneter nur noch das am Schlusse obiger Anzeige gethane Versprechen zu erfüllen.
Eingeladen, das Richteramt zu übernehmen, sind worden die Herren August Apel, Amadeus Wendt, Adolf Wagner in Leipzig, Messerschmid in Altenburg, Riemer in Weimar und H. Voß der Sohn in Heidelberg. Einige haben sich schon bereit erklärt, von den Andern dürfen wir eine gleiche Willfährigkeit erwarten. (Hier folgt die oben mitgetheilte, Goethe betreffende Stelle.) Ueber den Erfolg soll zu seiner Zeit die bestimmteste Nachricht gegeben werden.
Unabhängig von diesen Preisaufgaben werden übrigens alle dichterischen Freunde der »Urania« freundlichst und ergebenst eingeladen, sie auch künftig mit ihren Beiträgen zu schmücken.
Das Preisausschreiben hatte den günstigsten Erfolg, indem infolge desselben eine Dichtung eingesandt wurde, welche sofort als eine Zierde der poetischen deutschen Literatur erkannt wurde und noch jetzt einen ehrenvollen Platz in derselben einnimmt: »Die bezauberte Rose« von Ernst Schulze, einem bis dahin fast ganz unbekannten jungen Dichter.
Brockhaus verkündete dies sowie die übrigen Ergebnisse des Preisausschreibens in der von ihm als »Herausgeber der 'Urania'« unterzeichneten und vom September 1817 datirten Vorrede zum Jahrgang 1818 der »Urania«, in welchem auch »Die bezauberte Rose« zum ersten male gedruckt erschien. Er sagte:
Als wir zuerst im April 1816 drei poetische Preisaufgaben bekannt machten, konnten wir uns allerdings einiger Bedenklichkeiten dabei nicht erwehren. Einmal mußten wir besorgen, daß Tadelsucht oder Ungunst uns einer Anmaßung beschuldigen möchte, die unserer Denkart fremd ist, dann aber auch, daß wir uns in dem Vertrauen, welches wir hegten und in Anspruch nahmen, getäuscht sehen könnten. Um so erfreulicher muß es uns sein, bei der kurzen Rechenschaft, die wir hiermit ablegen wollen, ein im ganzen sehr günstiges Resultat melden und zugleich rühmen zu können, daß uns über unser Unternehmen kein übelwollendes Urtheil, das irgend Werth für uns hätte haben können, bekannt geworden ist.
Zwar die von uns gelegentlich ausgesprochene Hoffnung, daß wir in jeder der drei Dichtungsgattungen, auf welche sich die erste Aufgabe bezog, auch einen Preis würden ertheilen können, ist in diesem Umfange nicht in Erfüllung gegangen, da wir der Sache, den Theilnehmern und uns durchaus schuldig zu sein glaubten, von den hohen und strengen Forderungen der Kunstkritik nicht abzuweichen. Aber auch bei diesen Grundsätzen haben wir des Preiswürdigen nicht ermangelt.
Der gelungensten Arbeiten hat sich die poetische Erzählung zu erfreuen gehabt. Der Ehrenplatz unter allen aber gebührt der »Bezauberten Rose«, einer romantischen Erzählung in drei Gesängen von Ernst Schulze. Ihr ist der erste Preis zuerkannt worden, und wir achten sie für ein Werk von bleibendem Werthe in der vaterländischen Poesie. Leider wird die Freude, ein Talent von echter Dichterweihe bei dem Publikum einzuführen, durch den noch größern Schmerz getrübt, daß uns dasselbe in dem Augenblicke, wo es sich in seiner Fülle entfaltet hatte, auch schon wieder entrissen ist. Der junge Dichter starb, nachdem er nur wenige Tage vorher die Nachricht von der Krönung seines Gedichts erhalten hatte.
Einen zweiten Preis in derselben Gattung hat K. G. Prätzel's poetische Erzählung »Der Todtenkopf« erhalten.
Von den übrigen zur Concurrenz eingesandten Erzählungen nennen wir noch mit Auszeichnung »Saladin«, ein romantisches Gedicht in vier Gesängen.
In der Gattung der poetischen Epistel wurde unter den eingegangenen Gedichten »Des Dichters Weihe« als das vorzüglichste erkannt und mit dem zweiten Preise gekrönt. Bei Eröffnung der versiegelten Devise fand sich der Name Hesekiel.
Die für die Idylle ausgesetzten Preise haben von den vierzehn dafür eingekommenen Gedichten keinem zuerkannt werden können; doch haben drei derselben: »Die Hirten in der Herbstnacht«, »Amor und Hymen« und »Ida«, sich vor den übrigen vortheilhaft auszuzeichnen geschienen.
Ueber Ernst Schulze und seinen Tod sowie über dessen poetischen Nachlaß bemerkt Brockhaus noch in einer Anmerkung:
Er starb am 29. Juni (1817) zu Celle im achtundzwanzigsten Jahre seines Lebens in den Armen seines tiefgebeugten Vaters, des Dr. Schulze, Bürgermeisters und Stadtsyndikus daselbst. Er war eben im Begriff, eine literarische Reise nach Italien anzutreten, auf welcher er einige Jahre zuzubringen dachte, als ihn eine schwere Krankheit auf das Lager niederwarf, von dem er nicht wieder aufstand. Den Keim seiner Krankheit hatte er sich in der Belagerung von Hamburg, welcher er als freiwilliger Jäger beiwohnte, zugezogen, und auf einer Reise nach den Rheingegenden war durch geringe Sorge um die Gesundheit dieser Keim entwickelt worden. Als unser Dichter die Nachricht von dem ihm zuerkannten Preise erhielt, war seine Empfänglichkeit zur Freude schon sehr gesunken, indessen erregte diese Anerkennung seines poetischen Talents doch seine lebendigste Theilnahme. Seine nachgelassenen poetischen Schriften, unter denen sich insbesondere ein Heldengedicht »Cäcilie« befindet, an welchem er viele Jahre gearbeitet, werden von Bouterwek gesammelt herausgegeben und von einer Biographie des herrlichen jungen Dichters begleitet werden. Wir dürfen ihnen bald entgegensehen.
Die erste Separatausgabe der »Bezauberten Rose« erschien 1818, eine Prachtausgabe in fünf verschiedenen Formen 1820. Das nachgelassene größere Gedicht: »Cäcilie«, wurde 1818 und 1819 veröffentlicht als erster und zweiter Band der von Professor Friedrich Bouterwek in Göttingen, dem Lehrer und Freunde des Dichters, herausgegebenen Gesammtausgabe der poetischen Werke Ernst Schulze's, deren zwei letzten Bände (1819 und 1820 erschienen) die übrigen Dichtungen enthalten. Ausführliche Mittheilungen über den so viel versprechenden, in der Blüte seiner Jahre verstorbenen Dichter (er war am 22. März 1789 geboren und starb am 29. Juni 1817) enthält eine von Hermann Marggraff verfaßte Biographie (Leipzig 1855, zugleich den fünften Theil einer dritten Auflage von Ernst Schulze's »Sämmtlichen poetischen Werken« bildend). Im Jahre 1855 wurde des Dichters Grab in Celle von der Verlagshandlung seiner Werke, gewiß im Geiste ihres Gründers, erneuert und mit einem einfachen, würdigen Denkmal geschmückt.
Die übrigen von den Preisrichtern gekrönten Dichtungen wurden ebenfalls in der »Urania« veröffentlicht (1818 und 1819), ohne jedoch eine ähnliche Theilnahme wie Ernst Schulze's »Bezauberte Rose« zu finden.
Der günstige Erfolg des ersten Versuchs veranlaßte Brockhaus, ihn noch mehrmals zu erneuern. Er sagt zunächst in demselben Vorwort noch:
Dieser im ganzen unsern Wünschen genügende Erfolg hat uns bewogen, bereits unter dem 30. Januar 1817 bekannt zu machen, daß wir dieselben Preisaufgaben für das laufende Jahr nicht nur wiederholen, sondern auch noch drei neue Preise hinzufügen.
Demgemäß bestimmen wir einen Preis von 20 Friedrichdor für das beste Gedicht, sofern es den Forderungen einer gerechten Kritik entspricht und folglich ein vorzügliches ist:
1) in der poetischen Erzählung, wobei Stoff, Gattung und Einkleidung dem Dichter frei bleiben;
2) in der Idylle, sie sei nun rein ideal oder mehr oder weniger der Wirklichkeit entlehnt;
3) in der poetischen Epistel aus dem Gebiet des Lebens oder der Wissenschaft und Kunst, wobei nur die Heroide ausgeschlossen, eine didaktische Tendenz hingegen als besonders willkommen bezeichnet wird.
Ueberdies erbieten wir uns, das gelungenste Gedicht nach dem gekrönten in jeder Gattung, wenn es sich zur Aufnahme in die »Urania« eignet, mit 4 Friedrichdor für den Bogen zu honoriren.
Die Wahl der Versart sowie die ganze äußere Form und Einrichtung werden ganz der Willkür des Dichters anheimgegeben; ebenso können wir nicht die Absicht haben, bei den Schwierigkeiten, welche die harmonische Begrenzung eines Kunstwerks hat, die einzig durch sich selbst bedingt wird, den Umfang scharf zu bestimmen, und wir fürchten nicht, misverstanden zu werden, wenn wir andeutungsweise wiederholt auf Pope's »Lockenraub« (798 Verse) und »Versuch über den Menschen« (1304 Verse) hinweisen.
Ferner bestimmen wir drei Preise, jeden von 6 Friedrichdor, für das vorzüglichste Gedicht in der Gattung der Ode, der Elegie und für den schönsten Sonettenkranz, insofern sie überhaupt eines Preises würdig befunden werden. Auch hier bleiben Stoff und Form, soweit sie nicht durch die Aufgabe selbst bestimmt sind, der Wahl des Dichters überlassen, und gleich willkommen wird eine mit pindarischem Feuer oder in anakreontisch-tändelnder Weise gedichtete Ode, eine Elegie im Geiste der Alten oder Neuern, eine mehr oder minder zusammenhängende Sonettenreihe, im Geiste Petrarca's oder Berni's, A. W. Schlegel's oder Freimund Raimar's sein.
Die gekrönten Gedichte werden in der »Urania« abgedruckt und der Herausgeber derselben bedingt sich an ihnen das Verlagsrecht auf fünf Jahre aus, nach welchen sie an ihre Verfasser als reines Eigenthum zurückfallen.
Diesmal erfolgten noch zahlreichere Einsendungen, und wenn auch kein erster Preis ertheilt werden konnte, so wurden doch mehrere wohlgelungene Gedichte ausgezeichnet und auch in der »Urania« veröffentlicht.
Für den nächsten Jahrgang (1820) beschränkte Brockhaus infolge des »Urtheils stimmfähiger Kunstrichter und eigener Wahrnehmung« seine Preisaufgaben auf die poetische Erzählung und die poetische Epistel, bei letzterer einen bestimmten Stoff bezeichnend, indem er sich besonders an diejenigen wandte, »die ihr poetisches Talent mehr im Stillen üben und eine aufmunternde Veranlassung erwarten, um damit vor das große Publikum zu treten«; zugleich konnte er freilich auch »den Wunsch nicht bergen, mit Gedichten verschont zu bleiben, deren Unzulänglichkeit die Verfasser bei einiger Selbstkenntniß und Selbstprüfung leicht selbst wahrnehmen müssen«.
Obwol wiederum keine der eingegangenen Dichtungen mit dem ersten Preise gekrönt werden konnte und nur einige trotzdem abgedruckt wurden, schrieb Brockhaus im August 1819 für den Jahrgang 1821 neue Preise aus, und zwar in der Gattung der poetischen Erzählung, der poetischen dramatischen Dichtung und für die Uebersetzung eines Gesangs von Byron's »Childe Harold«.
Ferner richtete er aber zum ersten male sein Augenmerk außer auf die poetische auch auf die prosaische Production, indem er in seiner Ankündigung fortfuhr:
Zugleich aber wünschte ich auch zu Ausarbeitungen in Prosa für die »Urania« aufzumuntern. Sehr willkommen werden mir historische Ausarbeitungen sein; und um auch hier einen Stoff zu bezeichnen, schlage ich andeutungsweise den für die vaterländische Geschichte so wichtigen und glorreichen Zeitraum der Kaiser Heinrich's I. und Otto's des Großen vor, worüber treffliche Quellen vorhanden sind.
Nicht minder willkommen sollen mir Lobreden auf ausgezeichnete Männer sein, doch dürften sie nicht blos rhetorische Lobrednerei, sondern gediegene Charakterbilder mit Licht und Schatten sein und müßten den Einfluß darlegen, den der Gepriesene auf das Leben und Wesen seiner Zeit geübt habe. Ein solches Werk ist Johannes Müller's Lobrede auf Friedrich den Großen. Ich schlage zunächst unsern unsterblichen Lessing vor.
Für die beste Arbeit in jeder der genannten Gattungen in Prosa bestimme ich, sofern sie die Forderungen, die man gerechterweise daran machen muß, befriedigt, ebenfalls 12 Friedrichdor. Der Umfang dürfte etwa drei, höchstens vier Druckbogen betragen.
Neben der »beifälligen und aufmunternden Zustimmung vieler Trefflichen und Urtheilsfähigen« erwähnt Brockhaus jetzt zum ersten male auch »Angriffe, die theils aus Uebelwollen und Ungunst mit Bitterkeit, theils aus Lust zum Widerspruch auf mehr scherzhafte Weise gegen meine Preisaufgaben gerichtet worden«, und fügt folgende Bemerkungen hinzu:
Man hat es sonderbar gefunden, daß man nicht erfahren soll, wer denn eigentlich die Richter oder, wie man sie scherzhaft genannt hat, »die unbekannten Obern« sind, welche über den Werth und Unwerth der eingesandten Gedichte absprechen. Darauf erwidere ich, daß, wenn nur das Urtheil sich durch sich selbst rechtfertigt, der Name des Urtheilenden völlig gleichgültig sein kann.
Ist es doch bei allen unsern Recensiranstalten derselbe Fall. Laufen Misbräuche mit unter, wohlan, die rüge man! Man zeige, daß ein gelungeneres Gedicht einem minder gelungenen nachgesetzt, daß einem Gedichte, dem der erste Preis gebührt hätte, nur der zweite zuerkannt worden u. dgl. m. Letzteres, meint ein scharfsichtig in die Zukunft Spähender, könne gar leicht geschehen, denn der Unternehmer spare dabei. Diesem diene zur Antwort, daß bei der Art, wie das Honorar für den zweiten Preis und jedes aufgenommene Gedicht bestimmt ist, in dieser Hinsicht erster und zweiter Preis meistens ziemlich gleich sind, daß also der Unternehmer schon aus diesem Grunde nichts gewinnen, daß er vielmehr aus andern leicht sich darbietenden Gründen dadurch verlieren würde. Doch wozu sich gegen so kleinliche und unwürdige Bedenklichkeiten schützen wollen!
Diesmal war der Erfolg noch geringer als früher; namentlich entsprach keiner der eingegangenen prosaischen Aufsätze den gestellten Anforderungen. Brockhaus sagt bei Mittheilung dieses Ergebnisses, daß er theils zu solchen Aufsätzen habe aufmuntern wollen, die von den Engländern mit dem Worte Essays bezeichnet würden (eine bekanntlich erst viel später in der deutschen Literatur eingebürgerte Gattung), theils zu Aufsätzen wie die Eloges der Franzosen. Nach diesem Miserfolg beschränkte er sich darauf, für 1822 nur zwei Preise auszuschreiben: 30 Friedrichdor für eine poetische Erzählung und 25 Friedrichdor für eine prosaische Erzählung oder Novelle. Er bemerkt dazu: »die Gewißheit, das Beste der Kunst nicht nur gewollt, sondern auch gefördert zu haben«, sei der Redaction der »Urania« »das sicherste Gegengift gegen die unrühmlichen und unredlichen Kämpfe« gewesen, »in welche sie der hämische Geist des Widerspruchs, der alles Gute verfolgt, zu verflechten gesucht hat«.
Als auch diese Preisausschreibung nur wenig günstige Ergebnisse lieferte, gab Brockhaus die Idee ganz auf und erklärte dies in einem Vorworte vom 15. Juli 1821, das folgendermaßen schließt:
Die zahlreichen und ausgezeichneten Verbindungen, deren der Herausgeber der »Urania« sich erfreut, bewegen ihn zugleich, da er in ihnen ein Mittel sieht, folgende Jahrgänge auf das reichhaltigste auszustatten, auf künftige Preisaufgaben völlig Verzicht zu leisten. Es sind ihm solche verschiedentlich gemisdeutet worden, und wenn sich Misdeutungen dieser Art auch wol ertragen lassen, so können sie wenigstens keine Aufmunterung sein, darin fortzufahren.
Cotta und Andere haben ähnliche Ideen gehabt, sie auszuführen gesucht, und sie haben sie aufgegeben, ohne selbst so glücklich gewesen zu sein wie wir, die wenigstens genug belohnt worden sind, dadurch ein Gedicht veranlaßt zu haben, das in seiner Art von keinem ähnlichen in unserer poetischen Literatur überboten und nicht untergehen wird.
Der Herausgeber der »Urania« hat auch hier das gewöhnliche Schicksal erfahren, das in den meisten Fällen Alles trifft, was der höhern Entwickelung irgendeiner schönen, sich über das Alltägliche erhebenden Idee gewidmet wird und, indem es blos allgemeine Zwecke verfolgt, kleinlichen und persönlichen Interessen entgegentritt.
Er beschwert sich nicht darüber, da sein Bestreben ihm im Einzelnen auch theuere und schätzbare Freunde zuführte, deren Anerkennung und Wohlwollen für ihn einen größern Werth hat, als ihm erlittene Kränkungen und rohe Verunglimpfungen mögen wehe gethan haben.
Jedenfalls war es Brockhaus gelungen, die »Urania« zu einem der besten und gehaltvollsten Taschenbücher seiner Zeit zu gestalten, und die Preisausschreibungen hatten theils direct, theils mittelbar dazu beigetragen. Auf dem Gebiete der Poesie begegnen wir unter den Mitarbeitern den besten Namen, die zum Theil darin zum ersten male auftreten; außer Theodor Körner und Ernst Schulze seien nur folgende genannt: Zacharias Werner (dessen »Vierundzwanzigster Februar« im Jahrgange 1815 zuerst erschien), Friedrich Rückert, Adam Oehlenschläger, Tiedge, Helmina von Chézy, Graf Kalckreuth, von der Malsburg, Graf von Löben, Wilhelm Müller, Gustav Schwab, Adolf Streckfuß, Graf Platen. Noch reicher ist die Liste der Mitarbeiter der »Urania« auf dem Gebiete der Prosa, namentlich der Erzählung und Novelle, die in spätern Jahrgängen immer mehr den Schwerpunkt der »Urania« bildete. Unter ihnen fehlt kaum einer der beliebtesten Schriftsteller jener Zeit; neben Jean Paul und den früher Genannten erwähnen wir noch: Friedrich Kind, Therese Huber, De la Motte Fouqué, Winkler (Theodor Hell), Mosengeil, Böttiger. Die eigentliche Blütezeit der deutschen Novelle, die in der »Urania« ihre ausgezeichnetste Vertretung fand: in Ludwig Tieck, Wilhelm Häring (Wilibald Alexis), Johanna Schopenhauer, Leopold Schefer, von Rehfues, Sternberg, Eichendorff, Theodor Mügge, Ludwig Rellstab, Berthold Auerbach, Karl Gutzkow, Levin Schücking u. a., fällt allerdings erst in die Zeit nach dem Tode des Begründers der »Urania«.
Das Taschenbuch erhielt sich bis zum Jahre 1848, in welchem es von der Verlagshandlung bei der aufgeregten politischen, für derartige Lektüre weniger empfänglichen Stimmung aufgegeben wurde, nachdem es 38 Jahre lang in 35 Jahrgängen einen würdigen Sammelpunkt der besten Erzeugnisse der deutschen schönen Literatur gebildet hatte.
In der »Urania« trat Brockhaus auch selbst einmal als Schriftsteller auf, wenn auch nicht unter seinem Namen und nur in der bescheidenen Rolle eines Bearbeiters. Die im Jahrgange 1822 enthaltene Erzählung: »Die Nebenbuhlerin ihrer selbst«, deren Verfasser »Guntram« genannt ist, war von ihm nach dem Französischen bearbeitet; vielleicht war sie nur ein Lückenbüßer zur Füllung des Bandes, zumal sie am Schluß desselben steht und in dem Vorwort gesagt ist, die Redaction habe bei dem zweifelhaften Ergebnisse der damaligen Preisausschreibung sich selbst helfen müssen. Uebrigens hatte er wenig Lohn und Freude von dieser seiner Arbeit, denn wegen derselben wurde dieser Jahrgang der »Urania« für die österreichischen Staaten verboten, weil man in Wien jene Erzählung auf eine vornehme österreichische Familie bezog. Nunmehr erklärte Brockhaus in einer öffentlichen Anzeige unterm 29. October 1821: »daß diese Geschichte nach einer in den vorjährigen «Annales de la littérature» von Quatremère de Quincy, Vanderbourg, Raoul Rochette, wo sie 'Imprudence et bonheur' heißt, von ihm selbst bearbeitet ist und die gebrauchten Namen bloße Fictionen sind.« Die Bearbeitung der spannenden, aber ästhetisch unerquicklichen Novelle ist übrigens sehr geschickt und verräth kaum den nicht berufsmäßigen Schriftsteller.
Durch die »Urania« kam Brockhaus in interessante und auch geschäftlich für ihn werthvolle Beziehungen zu hervorragenden Schriftstellern.
Der Philosoph Bachmann in Jena schickte ihm am 26. April 1812 »einige Gedichte eines jungen Mannes« mit der Bitte, dieselben in den nächsten Jahrgang aufzunehmen. Der junge Mann heiße — Dr. Rückert und habe ihn um diese Vermittelung gebeten. Seitdem brachte fast jeder der nächsten Jahrgänge der »Urania« Gedichte von Friedrich Rückert, bald unter dessen Namen, bald unter dem bekannten Pseudonym Freimund Raimar, das erste mal unter dem sonst nicht vorkommenden Pseudonym Fr. Rikard. Rückert war damals Privatdocent an der Universität Jena und als Dichter noch wenig bekannt; er wurde dies erst durch seine 1814 in Heidelberg, wohin er sich gewandt hatte, erschienenen »Deutschen Gedichte«, welche auch die »Geharnischten Sonette« enthielten. Brockhaus blieb mit ihm in dauernder Verbindung, wenn auch Rückert's hauptsächlichste Werke bei andern Verlegern erschienen, und verlegte 1822 die »Oestlichen Rosen«. Der Druck derselben verzögerte sich etwas, weshalb Rückert aus Koburg vom 10. April 1821 an Brockhaus schrieb: an neuen Schriften und neuem Papier sei ihm so viel nicht gelegen »als daran, daß meine jungen Rosen nicht in Ihrem Pulte alt werden«! In Betreff der »Urania« fügte er noch hinzu:
Dankbar bin ich Ihnen dagegen für die abermalige Einladung zur »Urania«, ob ich gleich einige Abneigung fühle, mich auf die Scene zu stellen, wo Ihre Preisconcurrenten figuriren; doch wenn der Druck nicht ebenso schnell geht als meiner langsam, so will ich zum Gründonnerstag noch mit einem Nachtrab eintreffen.
Friedrich Rückert (geb. 1788, gest. 1866) blieb mit der Firma F. A. Brockhaus auch nach dem Tode ihres Begründers in Beziehungen und sandte ihr sein letztes Werk: »Ein Dutzend Kampflieder für Schleswig-Holstein«, die anonym mit der Bezeichnung: »Von F—r«, 1864 erschienen, aber gleich als von ihm gedichtet erkannt wurden und rasch zwei Auflagen erlebten.[49]
Auch mit Franz Grillparzer (geb. 1791, gest. 1872) trat Brockhaus zunächst der »Urania« wegen in Verbindung. Ein Brief Grillparzer's aus Wien vom 6. April 1818 enthält das Nähere darüber und möge auch wegen seines sonstigen, nach mancher Seite hin interessanten Inhalts vollständig hier folgen:
Ew. Wohlgeboren Schreiben vom 26. März, das ich gestern erhielt, hat mir um so größeres Vergnügen gemacht, je mehr ich mit ganz Deutschland gewohnt bin, mit dem Namen Brockhaus nebst dem, daß er einen der würdigsten Buchhändler bezeichnet, auch noch andere, nicht minder ehrenvolle Begriffe zu verbinden.
In Bezug auf Ihren freundlichen Antrag wegen Aufnahme meiner »Sappho« in das Taschenbuch »Urania« habe ich vor allem Folgendes zu erwidern: Erstens scheint mir für ein Werk, das zur Aufführung auf der Bühne bestimmt ist und daselbst auf einigen Erfolg rechnet, ein Taschenbuch eben nicht der beste Platz zu sein. Abgesehen von dem Ungewöhnlichen einer solchen Erscheinung beschränkt man sich dadurch das lesende und abnehmende Publikum auf eine weder Gewinn noch andern Vortheil bringende Art. Zur Darstellung gebrachte Schauspiele haben nämlich, wie Sie wol wissen, nebst dem Leser im strengen Verstande noch ein zweites Publikum, das sich sonst mit der Literatur oft nicht sehr abgibt, das der Theaterbesucher nämlich. Die »Sappho« in einem theuern Taschenbuche erscheinen lassen, hieße auf diese ganz Verzicht leisten. Sollte übrigens das Stück auf den Bühnen von Wien, Berlin, Dresden und Weimar, die es zur Aufführung bereits übernommen haben, und auf mehrern andern, mit denen ich darüber in Unterhandlung zu treten gesonnen bin, Glück machen und Sie Lust haben, den Verlag desselben als eines abgesonderten Werks zu übernehmen, oder nebst dem Abdruck in der »Urania« noch eine zugleich erscheinende besondere Auflage davon zu veranstalten, so würde es mir großes Vergnügen machen, es Ihnen vor allen überlassen zu können.
Wie wenig Sie übrigens — vorausgesetzt, daß das Stück gefällt, und das denke ich eben abzuwarten — wie wenig Sie bei einem solchen doppelten Abdruck riskiren, mag Ihnen der Umstand bezeugen, daß eben jetzt, ein Jahr nach der Herausgabe meines ersten Trauerspiels »Die Ahnfrau«, der wiener Verleger Wallishausser mir angekündigt hat, daß die erste Auflage von 1500 Exemplaren fast vergriffen sei. Wenn das der Fall mit einem Wallishausser ist, dessen Absatz und Verbindung mit dem übrigen Deutschland so gering ist, daß ein Brockhaus ein Jahr nach dem Erscheinen des gedruckten Werks fragen kann: ob es denn überhaupt schon gedruckt sei? was wäre nicht bei dem Stande Ihres Verkehrs zu hoffen; wozu noch kommt, daß mein Name gegenwärtig denn doch nicht mehr so fremd in Deutschland klingt als beim Erscheinen der »Ahnfrau«. Für jeden Fall aber forderte die honnêteté, mit der Herausgabe der »Sappho« doch so lange zu warten, bis die Bühnen, welche mir das Manuscript abgenommen haben, mit der Aufführung zu Stande gekommen sind.
Was im Falle eines wechselseitigen Verständnisses das Honorar betrifft, so müßte ich Sie ersuchen, einen bestimmten Betrag auszusprechen, da ich mich auf Berechnung nach Seiten und Zeilen und auf Vergleichung der Handschrift mit dem Druck nicht verstehe. Nur muß ich bekennen, daß, soviel ich herausklügeln kann, das Honorar von vier Karolin für den Bogen von sechzehn Seiten mit kleiner Schrift den Preis nicht erreichen würde, den ich bei mir selbst ungefähr festgesetzt habe. Vier Karolin mögen ein allerdings ansehnliches Honorar für Erzählungen und Gedichte und historische Darstellungen &c. sein, wie man sie, halb zur eigenen Unterhaltung, halb eben der vier Karolin wegen, für Taschenbücher macht. Auf meine »Sappho« habe ich die Frucht mühevoller Studien, vielleicht künftige Lebensjahre verwendet, und — ich hoffe, sie soll einige Almanachsjahrgänge überleben. Sie haben die »Sappho« noch nicht gelesen; ich bitte, thun Sie es, ehe Sie mir antworten.
Sie werden über meinen langen Brief, als Antwort auf Ihren kurzen, lachen. Er gilt aber auch nur dem Kunstfreund Brockhaus, der Buchhändler mag sich die Daten heraussuchen, die ihm zu wissen noththun.
Leben Sie recht wohl.
Ihr ergebener F. Grillparzer.
Brockhaus dankte am 6. Mai Grillparzer für seine Bereitwilligkeit, bemerkte aber dabei: nach dem, was ihm sein Freund Böttiger in Dresden (von dem er »so viel Herrliches« über die »Sappho« gehört) über den Umfang des Stücks mitgetheilt, könne es doch nicht in die »Urania« aufgenommen werden, und da es vorab auf den ersten Bühnen gegeben werden solle, so sei es überhaupt noch nicht an der Zeit, es drucken zu lassen. Der Brief schließt:
Sobald Sie sich aber dazu bestimmen, haben Sie die Güte, mir Ihren Entschluß mitzutheilen, sowie über das Honorar Ihrer Forderung. Ich werde dann sehen, ob ich darauf eingehen kann. Es hat eine wunderbare Bewandtniß mit dem Erfolg bei gedruckten Schauspielen. Noch habe ich die kleine Auflage von Werner's »Vierundzwanzigstem Februar« und die von Werners »Cunegunde« nicht abgesetzt. Ebenso wenig die von Klingemann's »Faust«, so sehr dies — übrigens sehr schlechte Stück meinem Urtheile nach — auf den deutschen Bühnen Glück gemacht hat und fortwährend auf allen Repertoires ist. Diesen Erfahrungen gemäß war meine Erbietung von vier Karolin per Bogen sehr bedeutend. Ihre »Ahnfrau« habe ich mir verschafft, und ich lese sie eben. Auch wird sie, wie ich höre, bald auf unsere Bühne kommen.
Am 22. Mai läßt er indeß einen zweiten Brief folgen, in welchem er Grillparzer zu dem Erfolge der inzwischen stattgehabten ersten Aufführung des Stücks in Wien Glück wünscht und sich wiederholt zum Verlage desselben bereit erklärt. Die Ausgabe könne etwa zu Weihnachten erfolgen, wenn Grillparzer dann durch seine Contracte mit den Bühnen, denen er es als Manuscript überlassen, nicht weiter genirt sei. Auch würde er einige gute Abbildungen dazu anfertigen lassen, da er mit mehrern genialen Zeichnern in genauer Verbindung stehe. Er fügt noch hinzu:
Endlich würde ich das wünschen, daß, wenn Sie einmal mit mir in Verbindung träten, Sie diese Verbindung, solange ich Ihnen keine Ursache zu Beschwerden gebe, nicht auflösen möchten. Der Dichter in Weißenfels (Müllner) trägt seine Producte wie ein Waarenmäkler von Bude zu Bude, feilscht sie in jeder aus, und wer einen Kreuzer mehr gibt als der Nachbar, der ist sein Mann!
Noch erbietet er sich, auch eine Ausgabe der »Ahnfrau« für Norddeutschland zu übernehmen, falls Grillparzer eine solche neben der in Wien erschienenen veranstalten dürfe.
Grillparzer scheint sich aber inzwischen bereits mit seinem bisherigen Verleger, Wallishausser in Wien, über den Verlag der »Sappho« geeinigt zu haben, da sie kurz darauf bei diesem erschien, während uns keine weitere Correspondenz zwischen Grillparzer und Brockhaus vorliegt.
Von Zacharias Werner (geb. 1768, gest. 1823) verlegte Brockhaus eine Separatausgabe der in der »Urania« zuerst veröffentlichten Tragödie in einem Act: »Der vierundzwanzigste Februar«, und gleichzeitig auch dessen: »Cunegunde die Heilige, Römisch-Deutsche Kaiserin. Ein romantisches Schauspiel in fünf Akten« (beide Stücke 1815).
Daß er übrigens die »Schicksalstragödien«, zu denen diese Dramen gehören, selbst nicht überschätzte, zeigte er dadurch, daß er einige Jahre darauf (1818) eine Parodie auf dieselben verlegte, die unter dem Titel: »Der Schicksalsstrumpf. Tragödie in zwei Akten von den Brüdern Fatalis« erschien. Die beiden Verfasser waren der bekannte österreichische dramatische Dichter Ignaz Friedrich Castelli (geb. 1781, gest. 1862) und der Arzt und Dramatiker Alois Jeitteles (geb. 1794, gest. 1858). Castelli, wie es scheint der hauptsächlichste Verfasser, schrieb an Brockhaus: »der Spuk der Schicksalstragödien gehe nachgerade ein bischen zu weit«, weshalb er diese Parodie derselben geschrieben habe, und ließ ihm das Manuscript durch Hofrath Winkler (in Dresden), in dessen dresdener »Abendzeitung« ein Bruchstück davon veröffentlicht worden war, zusenden. Brockhaus schreibt an Winkler: er habe des Spaßes wegen »das närrische Ding« gleich in die Druckerei spedirt. Das Stück fand großen Beifall und machte die Runde über die deutschen Bühnen.
Das in dem Briefe an Grillparzer neben Werner's beiden Dramen erwähnte Trauerspiel »Faust« von Ernst August Friedrich Klingemann (geb. 1777, gest. 1831) erschien 1815. Brockhaus verlegte gleichzeitig von demselben Dichter ein »dramatisches Spiel mit Gesang«: »Don Quixote und Sancho Panza oder: Die Hochzeit des Camacho« und eine Bühnenbearbeitung von Shakspeare's »Hamlet«.
Von dramatischer Literatur erschienen in Altenburg in Brockhaus' Verlage noch folgende Werke: »Dramatische Spiele« von Wenzel Lembert, mit seinem Familiennamen Tremler (geb. 1780, gest. um 1838), langjährigem Schauspieler an der Hofbühne zu Wien und Verfasser zahlreicher bühnengerechter Theaterstücke; »Theater« von Adolf Wagner (geb. 1774, gest. 1835), dem bekannten dramatischen Schriftsteller und Uebersetzer, mit dem Brockhaus durch die Hofräthin Spazier näher bekannt geworden war (beide Werke 1816); endlich (1817) »Jeanne d'Arc«, ein Trauerspiel von Karl Friedrich Gottlob Wetzel (geb. 1779, gest. 1819), Redacteur des »Fränkischen Merkur«. Von letzterm Schriftsteller hatte er kurz vorher (1815) schon zwei Werke verlegt, eine Sammlung patriotischer Gedichte unter dem Titel: »Aus dem Kriegs- und Siegesjahre Achtzehnhundert Dreyzehn. Vierzig Lieder nebst Anhang«, und: »Prolog zum Großen Magen«, eine gelungene Satire auf die Nützlichkeitstendenzen jener Zeit.
Die satirische Literatur ist außer durch letztere Schrift und den »Schicksalsstrumpf« in Brockhaus' Verlage aus dieser Zeit besonders durch seinen schon vielfach erwähnten Freund Friedrich Ferdinand Hempel (geb. 1778, gest. 1836) vertreten, der unter verschiedenen Pseudonymen politische und literarische Zustände der Zeit scharf geiselte. Brockhaus verlegte von ihm: »Politische Stachelnüsse gereift in den Jahren 1813-1814 aufgetischt von Spiritus Asper« (ohne Verlagsort und Firma 1814); »Politische Stachelnüsse geschüttelt von Spiritus Asper. Zweite Lieferung« (1815); »Ein Paar mercantilische Stachelnüsse. Zur Messe gebracht von Spiritus Asper« (1816). Hempel lieferte auch mehrere Beiträge für die »Urania«, gab 1818 in Brockhaus' Verlage ein von dessen und seinem Freunde Moritz August von Thümmel (geb. 1738, gest. 1817) gedichtetes Epos: »Der heilige Kilian und das Liebes-Paar« heraus, 1822 wieder eine satirische Schrift: »Nüsse. Gesammelt von Frater Timoleon« (mit Köln als Verlagsort), sowie ein »Taschenbuch ohne Titel auf das Jahr 1822« (dem 1830 und 1832 noch zwei Jahrgänge folgten), und verfaßte später das »Allgemeine deutsche Reimlexikon. Herausgegeben von Peregrinus Syntax« (2 Bände, Leipzig 1826), das noch jetzt als das beste Werk seiner Art gilt.
Die poetische Literatur weist außer der »Urania« und den aus derselben abgedruckten Dichtungen sowie den eben erwähnten Dramen in der altenburger Zeit nur wenige Originalwerke auf, deren Verfasser meist durch die »Urania« dem Verleger zugeführt worden waren.
Schon 1812 verlegte er zwei Dichtungen der durch »Die Schwestern von Lesbos« (1801) bekannt gewordenen Dichterin Amalie von Helvig, geborenen von Imhoff[50] (geb. 1776, gest. 1831): »Die Schwestern auf Corcyra. Eine dramatische Idylle in zwei Abtheilungen« (mit dem Nebentitel: »Taschenbuch für das Jahr 1812«), und: »Die Tageszeiten. Ein Cyclus griechischer Zeit und Sitte. In vier Idyllen.«
Ein anderes größeres poetisches Werk seines Verlags ist eine Sammlung von Dichtungen des Grafen Otto Heinrich von Loeben (geb. 1786, gest. 1825) unter dem Titel: »Rosengarten« (2 Theile, 1817); als Separatabdruck daraus erschien: »Cephalus und Procris.« Graf Loeben schrieb sonst meist unter den Pseudonymen Isidorus Orientalis und Kukuk Waldbruder; er lebte in Dresden und gehörte zu dem dortigen »Liederkreise«.
Ein eigenthümliches Werk ist das didaktische Gedicht in vier Gesängen: »Die Heilquellen am Taunus« von Johann Isaak Freiherrn von Gerning (geb. 1767, gest. 1837), das 1814 erschien, und zwar in einer Prachtausgabe in Quartformat, mit sieben Kupfern, einer Karte und Erläuterungen.
Der altdeutschen Literatur gehören zwei Werke an: »Das Lied der Nibelungen. Metrisch übersetzt« von Johann Gustav Büsching (geb. 1783, gest. 1829), dem verdienten breslauer Professor der altdeutschen Literatur, und: »Der Lobgesang auf den heiligen Anno«, mit Uebersetzung, Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Georg August Friedrich Goldmann, Rector des Gymnasiums zu Soest (Geburts- und Todesjahr unbekannt); ersteres Werk 1815, letzteres 1816 erschienen.
Das Gebiet der Belletristik berührt eine 1815 erschienene »Blumenlese aus dem Stammbuche der deutschen mimischen Künstlerin, Frauen Henriette Hendel-Schütz, gebornen Schüler« (geb. 1772, gest. 1849), herausgegeben von dem vierten Gatten dieser durch ihre mimisch-plastischen Darstellungen auf Reisen in allen Hauptländern Europas berühmt gewordenen Künstlerin, Professor Friedrich Karl Julius Schütz in Halle. Schon in der »Urania« für 1812 war ein (später auch in Separatausgabe erschienener) Aufsatz von Falk über diese pantomimischen Darstellungen mit Abbildungen veröffentlicht worden.
Die Romanliteratur ist in dieser Zeit in Brockhaus' Verlage nur durch ein Originalwerk vertreten: »Das Opfer« von Regina Frohberg (geb. 1783, Todesjahr unbekannt), einen Roman, der gleich den zahlreichen übrigen der Verfasserin jetzt vergessen ist; dann aber durch eine »Bibliothek neuer englischer Romane« in sechs Bänden, deren erste beiden (1814) zwei Werke von Maria Edgeworth brachten, übersetzt von Karoline von Woltmann (geb. 1782, gest. 1847), der Gattin des bekannten Geschichtschreibers, während die folgenden vier Bände (1816 und 1817) Romane von Amelia Opie und Emma Parker, zwei gleich Maria Edgeworth damals sehr geschätzten englischen Schriftstellerinnen, in Uebersetzungen von Henriette Schubart (geb. 1770, gest. 1831) enthielten.
Die Uebersetzungsliteratur wurde überhaupt von Brockhaus in allen Perioden seiner Verlagsthätigkeit mit besonderer Vorliebe gepflegt, weil er sich persönlich für die fremden Literaturen, und insbesondere die englische und französische, lebhaft interessirte.
Schon 1811 hatte er mit Johannes Daniel Falk, dem bereits erwähnten Vermittler seiner Bekanntschaft mit Goethe, ein »Römisches Theater der Engländer und Franzosen« begonnen. Der erste Band sollte Shakspeare's »Coriolan« enthalten; Brockhaus nennt den Helden des Stücks in seiner Ankündigung »den kühnsten männlichen Charakter, den vielleicht die alte Zeit hervorgebracht und Shakspeare's Genius dargestellt«, und fügt hinzu: »kein Mann, der noch in Zeiten wie die unsern Anspruch darauf macht, einer zu sein, sollte dies kühne Product jenes Feuergeistes ungelesen lassen«. Der zweite Band sollte Racine's »Britannicus« bringen, der dritte und vierte Band Charakteristiken und Auszüge aus »Antonius und Kleopatra«, »Cinna«, »Cäsar« u. s. w. von Shakspeare, Corneille, Voltaire, Racine, Crébillon, Lee u. s. w. Doch erschien nur der erste Band, und das Unternehmen fand keinen Anklang, wol weil die »freie Bearbeitung« des Uebersetzers dem deutschen Publikum weniger zusagte als die Uebersetzungen Shakspeare's von Wieland, Eschenburg und besonders August Wilhelm von Schlegel.
Von Falk verlegte Brockhaus gleichzeitig eine Sammlung von Gedichten, Erzählungen und Briefen unter dem Titel: »Ozeaniden«, und später: »Johannes Falk's Liebe, Leben und Leiden in Gott. Zu Luther's Gedächtniß herausgegeben von einem seiner Freunde und Verehrer im Jahr unsers Herrn 1817« (mit der alterthümlichen Verlagsbezeichnung auf dem Titel: »Altenburg, verlegt's F. A. Brockhaus«), sowie eine Auswahl aus dessen Werken: »Johannes Falk's auserlesene Werke. (Alt und neu.)« in drei Theilen (1819), deren erster die »Ozeaniden« unter dem neuen Titel: »Seestücke« wieder enthält; letztere beiden Werke wurden von Falk's Freunde Adolf Wagner in Leipzig veröffentlicht.
Aus der englischen Literatur ist außer Shakspeare's »Coriolan« und den englischen Romanen nur noch eine Uebersetzung von Walter Scott's »Schottischen Liedern und Balladen« von Henriette Schubart (1817) zu nennen.
Noch mehr als die englische pflegte Brockhaus die französische Literatur, wie zahlreiche Verlagswerke, Uebersetzungen und Originalausgaben, beweisen.
Außer der schon früher erwähnten, von der Hofräthin Spazier gefertigten Uebersetzung der von Frau von Staël-Holstein herausgegebenen »Briefe, Charaktere und Gedanken des Prinzen Carl von Ligne« (1812) verlegte er: ein »Manuel pour la conversation dans les langues étrangères«, ohne Verfassernamen, aber von der berühmten französischen Schriftstellerin Gräfin von Genlis herrührend, gleichzeitig auch eine deutsche Uebersetzung davon (beide Werke ebenfalls 1812); eine freie Bearbeitung des bekannten Werks Jean Nicolas Bouilly's »Conseils à ma fille«, von dem schon genannten Mitredacteur des »Conversations-Lexikon« Dr. Ludwig Hain, unter dem Titel: »Rath an meine Tochter in Beispielen aus der wirklichen Welt« (2 Bändchen, 1814); Abdrücke der Originalausgaben von Chateaubriand's »Souvenirs d'Italie, d'Angleterre et d'Amérique« und Frau von Staël-Holstein's berühmtem Werke: »De l'Allemagne«, mit einer werthvollen Einleitung des auch mit der Verfasserin befreundeten Charles de Villers (beide Werke 1815); die Uebersetzung eines von dem Verfasser Louis Simond ursprünglich englisch, dann aber auch französisch geschriebenen Werks: »Reise eines Gallo-Amerikaners (M. Simond's) durch Großbritannien in den Jahren 1810-1811« (2 Theile, 1817-1818), von Ludwig Schlosser, dem Pastor zu Großzschocher bei Leipzig, bei dem Brockhaus' ältester Sohn Friedrich erzogen wurde (geb. 1774, gest. 1859); endlich eine von Dr. Ludwig Hain bearbeitete und mit Anmerkungen begleitete deutsche Ausgabe des werthvollen literarhistorischen Werks: »Littérature du midi de l'Europe« von Jean Charles Léonard Simonde de Sismondi, unter dem Titel: »Die Literatur des südlichen Europas« (2 Bände, 1816 und 1819).
In der italienischen Literatur war es vor allem Dante, für dessen Werke, insbesondere die »Divina commedia«, Brockhaus sich persönlich interessirte, und er hat das Verdienst, der deutschen Literatur die erste vollständige und noch jetzt als eine der besten anerkannte Uebersetzung dieses Werks verschafft zu haben. Schon in Amsterdam begann er die Veröffentlichung dieser von Karl Ludwig Kannegießer (geb. 1781, gest. 1861) herausgegebenen Uebersetzung, die, wie dieser in seinem vom April 1809 datirten Vorwort sagt, »von August Bode 1802 angefangen und nach dessen Tode von Ludwig Hain und ihm fortgesetzt, vollendet und gänzlich umgearbeitet wurde«. Der erste Theil: »Die Hölle«, erschien 1809, der zweite Theil: »Das Fegefeuer«, 1814 (nebst einer neuen, aber nicht als solche bezeichneten Ausgabe des ersten Theils), der dritte Theil: »Das Paradies«, erst 1821. Diese Uebersetzung wurde bei Lebzeiten des Uebersetzers in vier Auflagen oder vielmehr Umarbeitungen ausgegeben (1825, 1832 und 1843) und 1872 in fünfter Auflage gedruckt. Ebenfalls in Amsterdam erschienen (1809) »Umrisse« zu Dante's »Hölle« von Hummel nach Flaxman, 39 Kupferstiche in Querfolio enthaltend. Später übersetzte Kannegießer auch die meisten übrigen Werke Dante's für denselben Verlag.
Von Ludwig Hain verlegte Brockhaus auch eine Uebersetzung der »Denkwürdigkeiten aus dem Leben Vittorio Alfieri's. Von ihm selbst geschrieben« (1812), und dieses Werk war es, durch das er mit Hain zuerst in nähere Verbindung trat.
Einen würdigen Abschluß der den fremden Literaturen gewidmeten Verlagsthätigkeit Brockhaus' in dieser Zeit bildet die von Georg Bernhard Depping (geb. 1784 in Münster, gest. 1853 in Paris), dem berühmten Kenner der spanischen Literatur, herausgegebene und mit einer werthvollen Einleitung versehene »Sammlung der besten alten Spanischen Historischen, Ritter- und Maurischen Romanzen« (1817), die später in neuer vermehrter spanischer Ausgabe unter dem Titel: »Romancero castellano« (2 Bände, 1844) erschien, wozu noch ein dritter Band: »La Rosa de Romances« von Ferdinand Joseph Wolf hinzukam (1846).
Neben den fremden Literaturen wendete indeß Brockhaus auch in dieser Zeit seine Verlagsthätigkeit hauptsächlich der deutschen Literatur zu, und zwar nicht blos den von uns bereits vorgeführten Gebieten der sogenannten schönen Literatur, der poetischen und belletristischen, sondern auch denen der wissenschaftlichen und überhaupt der ernstern Literatur.
In erster Linie ist hier das Werk zu nennen, das uns nebst seinem Verfasser bereits mehrfach begegnet ist: »Handbuch der deutschen Literatur seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts bis auf die neueste Zeit, systematisch bearbeitet und mit den nöthigen Registern versehen von Johann Samuel Ersch, Professor und Bibliothekar auf der Universität zu Halle.« Wie früher erwähnt, hatte Brockhaus bereits am 3. Juli 1809 in Amsterdam einen Contract über dieses von ihm selbst veranlaßte Werk mit dem Verfasser abgeschlossen; indeß erschien der aus vier Abtheilungen bestehende erste Band erst 1812 und die beiden ersten Abtheilungen des zweiten Bandes folgten 1813, die beiden letzten Abheilungen 1814, womit das Werk, das somit aus zwei Bänden zu je vier Abtheilungen oder eigentlich aus acht Theilen bestand, zum ersten male vollständig vorlag. Durch dieses Werk ist Ersch, nachdem er schon früher werthvolle bibliographische Arbeiten geliefert hatte, der eigentliche Begründer der deutschen Bibliographie geworden; innere Trefflichkeit und äußere zweckmäßige Einrichtung haben dasselbe zu einem Muster gemacht, wie die Literatur eines Volks geordnet werden soll, und es bildet die Grundlage aller ähnlichen spätern Werke. Der Verleger wurde auch durch den äußern Erfolg dieses Verlagsartikels für die auf denselben verwendeten Sorgen und Unkosten entschädigt: nach seinem eigenen Zeugniß war es nebst dem »Conversations-Lexikon« hauptsächlich dieses Werk, dessen Ertrag ihm nach der Wiederaufnahme seiner Verlagsthätigkeit in Altenburg die Mittel zur Ausführung weiterer Unternehmungen gewährte. Eine zweite Auflage oder Umarbeitung wurde noch bei Brockhaus' Lebzeiten (1822) begonnen, wobei sich Ersch von verschiedenen andern Mitarbeitern unterstützen ließ, aber erst 1840 (in welchem Jahre nach längerer Pause die letzte Abtheilung des zweiten Bandes erschien) vollendet. Von einer dritten Auflage oder Umarbeitung sind nur die Abtheilungen der philologischen und philosophischen Literatur (1845 und 1850), von Christian Anton Geißler bearbeitet, ausgegeben worden.
Daß Brockhaus die erste Idee zu dem Werke gegeben, zeigt außer seinen Versicherungen auch folgende Stelle der aus Halle 14. September 1814 datirten Vorrede des Verfassers zum letzten Bande:
Aus mancherlei Gründen war ich, nach Vollendung des letzten »Repertoriums der Literatur« (1796-1800) und nach einer noch längere Zeit fortgesetzten Beschäftigung mit Vorarbeiten zu einer etwanigen Fortsetzung, zu dem Entschlusse gekommen, für die Zukunft alle bibliographischen Arbeiten für das Publikum aufzugeben und meine Muße vorzugsweise dem Studium der Staatskunde und neuern Geschichte zu widmen, als ich, eben mit ernstlichen Anstalten zu einem umfassenden statistischen Werke beschäftigt, ganz unerwartet von dem Herrn Buchhändler Brockhaus, damals zu Amsterdam, durch eine dringende Aufforderung zu diesem neuen bibliographischen Werke überrascht wurde. Nach den bisher von mir gelieferten Arbeiten mußte er dadurch meinen eigenen Wünschen zu begegnen mit Gewißheit erwarten, und doch war gerade damals der Fall anders. Lange sträubte ich mich daher gegen die Ausführung des wohldurchdachten Plans, so sehr er auch im ganzen meinen Beifall hatte. Endlich aber fand ich mich — einerseits durch die Vorliebe des Herrn Brockhaus für seinen Plan, die meine eigene Neigung für diese Gattung von Arbeiten von neuem belebte, und andererseits durch Hinsicht auf die Zeitumstände, die einer freimüthigen Bearbeitung der Staatskunde und der neuern Geschichte immer ungünstiger wurden — zur Ausführung eines Werks bewogen, das mir, statt eines andern jetzt weniger erfreulichen, eine jahrelange Beschäftigung versprach, die, wie ich nach mehrmaliger Erfahrung nicht ohne Grund hoffte, dazu beitragen würde, mir die trüben Zeitumstände einigermaßen aufzuheitern.
Außer mit Ersch war Brockhaus gleich in der ersten Zeit seines Aufenthalts in Leipzig und Altenburg auch mit dessen späterm Collegen Professor Johann Gottfried Gruber (geb. 1774, gest. 1851) in Verbindung gekommen, zunächst wegen des »Conversations-Lexikon«, an dessen zweiter Auflage Beide thätige Mitarbeiter waren. Die Namen Ersch und Gruber sind erst später durch die gemeinschaftliche Herausgabe der »Allgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften und Künste« (seit 1818) in diejenige enge Verbindung gekommen, in der sie noch mehr als durch ihre eigenen Werke in der Literatur fortleben werden; seit Ende 1815 waren sie Collegen an der Universität Halle, indem Gruber um diese Zeit dort angestellt wurde, während Ersch schon seit 1803 daselbst wirkte. Als Brockhaus mit Gruber in literarische Beziehungen trat, war Letzterer Professor an der Universität zu Wittenberg; diese wurde 1812 infolge der Kriegsunruhen aufgehoben, er ging nach Leipzig, als Ephorus der dahin gewiesenen wittenberger Studenten, und wurde, wie erwähnt, Ende 1815 nach der Vereinigung der beiden Universitäten Wittenberg und Halle, worüber er selbst die Unterhandlungen zu führen hatte, nach Halle versetzt. In Leipzig verfaßte er eine Lebensbeschreibung Wieland's (gest. 20. Januar 1813), zu der er bei seinem mehrjährigen Aufenthalte in Jena und Weimar (1803-1810) in vertrautem Umgange mit Wieland, der ihn selbst zu seinem Biographen bestimmte, die Materialien gesammelt hatte; sie erschien in Brockhaus' Verlage unter dem Titel: »Christoph Martin Wieland. Geschildert von J. G. Gruber« (2 Theile, 1815 und 1816). Später schrieb Gruber noch eine größere Biographie Wieland's (4 Bände, Leipzig 1827) für die von ihm besorgte neue Ausgabe von Wieland's sämmtlichen Werken in Göschen's Verlage (1818-1828).
Ein dritter hervorragender Schriftsteller, der zu Brockhaus' nähern Freunden gehörte, war Karl Heinrich Ludwig Pölitz (geb. 1772, gest. 1838), der bekannte Historiker und Statistiker, damals (seit 1803) wie Gruber Professor in Wittenberg, seit 1815 bis zu seinem Tode in Leipzig, erst als Professor der sächsischen Geschichte und Statistik, dann der Politik und Staatswissenschaften wirkend. Für Brockhaus war Pölitz zunächst ebenfalls als Mitarbeiter am »Conversations-Lexikon« thätig, verfaßte aber bald auch ein eigenes Werk für dessen Verlag, eine Biographie seines Freundes und Gönners, des bekannten Theologen Reinhard. Dieser, 1753 geboren, starb am 6. September 1812 als Oberhofprediger zu Dresden, in welcher Stellung er seit 1792 segensreich gewirkt hatte. Das Werk führte den Titel: »D. Franz Volkmar Reinhard nach seinem Leben und Wirken dargestellt von Karl Heinrich Ludwig Pölitz« (2 Abtheilungen, 1815). Das Vorwort zur ersten Abtheilung trägt das Datum: 12. März 1813; sie ist wahrscheinlich schon 1813 erschienen. Das Vorwort zur zweiten Abtheilung ist vom 17. Januar 1815 datirt und in Schmiedeberg bei Pretzsch geschrieben, wo Pölitz seit der Aufhebung der wittenberger Universität bis zu seiner Uebersiedelung nach Leipzig gelebt hatte.
Im Jahre 1817 verlegte Brockhaus das Hauptwerk von Pölitz: »Die Constitutionen der europäischen Staaten seit den letzten 25 Jahren« (ursprünglich zwei Theile), wozu 1820 und 1825 noch zwei weitere Theile als dritter und vierter hinzukamen. Eine zweite umgearbeitete Auflage dieses Werks wurde 1832 und 1833 unter dem veränderten Titel: »Die europäischen Verfassungen seit dem Jahre 1789 bis auf die neueste Zeit«, in drei Bänden veranstaltet, während 1847 noch die von Professor Friedrich Bülau herausgegebene erste Abtheilung eines vierten Bandes hinzukam, die, mit dem ersten Bande vereinigt, auch als ein besonderes Werk unter dem Titel: »Die Verfassungen des teutschen Staatenbundes seit dem Jahre 1789 bis auf die neueste Zeit«, erschienen ist.
Dem Gebiete der Politik und Staatswirthschaft gehören noch folgende Verlagsartikel aus diesen Jahren an: eine Schrift über »Das Continentalsystem« (1812) von dem zu Brockhaus' nähern Bekannten in Altenburg gehörenden Rath und Kammersecretär Ludwig Lüders (geb. um 1778, gest. 1822); die schon früher erwähnte Schrift von Charles de Villers: »Constitutions des trois villes libres-anséatiques, Lubeck, Brêmen et Hambourg« (1814); Chateaubriand's »Essai historique, politique et moral sur les révolutions, anciennes et modernes« (2 Bände, 1816); »Theorie des Geldes und der Münze« von Dr. Johann Karl Adam Murhard in Kassel (geb. 1781, gest. 1863); »Grundzüge der philosophischen Politik« von Gustav Anton Freiherrn von Seckendorff (bekannter unter dem Namen Patrick Peale, geb. 1775 im Altenburgischen, gest. 1823 in Nordamerika), letztere beiden Werke 1817 erschienen. Die der Geschichte gewidmeten Verlagsartikel werden später erwähnt werden.
Auch das Gebiet der Naturwissenschaften, dem Brockhaus von Anfang an besondere Beachtung geschenkt hatte, weist mehrere gediegene Verlagswerke auf.
So veröffentlichte er in den Jahren 1817 und 1818 von Kurt Sprengel's »Historia rei herbariae«, die 1807 und 1808 einen seiner ersten Verlagsartikel in Amsterdam bildete, eine neue deutsche Bearbeitung des Verfassers unter dem Titel: »Geschichte der Botanik« (2 Theile).
Dann kaufte er aus dem Verlage von Achenwall & Co. in Berlin den bereits gedruckten ersten Band eines »Handwörterbuch der allgemeinen Chemie« von Johann Friedrich John, Professor an der Universität zu Frankfurt a. O. und nach deren Aufhebung zu Berlin (geb. 1782, gest. 1847), und führte es in vier Bänden (1817-1819) zu Ende.
Ferner begann er den Verlag eines »Archiv für den Thierischen Magnetismus«, von Professor Dietrich Georg Kiefer in Jena (geb. 1779, gest. 1862) in Verbindung mit Professor Karl Adolf von Eschenmayer in Tübingen (geb. 1768, gest. 1852) und Professor Christian Friedrich Nasse (geb. 1778, gest. 1851) herausgegeben. Indeß veröffentlichte Brockhaus blos vier Hefte (1817) und verkaufte das »Archiv« dann an die Buchhandlung Hemmerde & Schwetschke in Halle, in deren Verlag bis 1827 zwölf Bände davon erschienen.
Uebrigens interessirte sich Brockhaus auch persönlich für diese nach ihrem Erfinder Anton Mesmer gewöhnlich Mesmerismus genannte neue Lehre von den geheimnißvollen Kräften des thierischen Magnetismus, welche in Frankreich und Deutschland bis über das erste Viertel des Jahrhunderts hinaus großes Aufsehen erregte. Er verlegte später Wolfart's »Jahrbücher für den Lebens-Magnetismus oder Neues Askläpieion« (5 Bände, 1818-1823) und »Der Magnetismus nach der allseitigen Beziehung seines Wesens, seiner Erscheinungen, Anwendung und Enträthselung in einer geschichtlichen Entwickelung von allen Zeiten und bei allen Völkern wissenschaftlich dargestellt«, von Professor Joseph Ennemoser in Bonn, einem der Hauptvertreter dieser Lehre. Letzteres Werk erschien 1844 in zweiter umgearbeiteter Auflage unter dem Doppeltitel: »Geschichte des thierischen Magnetismus« und »Geschichte der Magie«.
Einen besonders werthvollen Zuwachs seines medicinischen Verlags erhielt Brockhaus dadurch, daß er 1816 den gesammten Verlag der unter der Firma »Literarisches Comptoir« in Altenburg bestehenden Pierer'schen Buchhandlung übernahm. Die beiden wichtigsten Verlagswerke derselben waren: »Medizinisches Realwörterbuch zum Handgebrauch praktischer Aerzte und Wundärzte und zu belehrender Nachweisung für gebildete Personen aller Stände«, und: »Allgemeine medizinische Annalen des neunzehnten Jahrhunderts«. Beide Werke waren von dem Besitzer der Pierer'schen Verlagsbuchhandlung begründet und wurden von ihm unter seinem Namen herausgegeben, auch noch nach diesem Verkaufe.
Johann Friedrich Pierer wurde schon mehrfach genannt: er hatte Brockhaus 1808 auf der leipziger Messe kennen gelernt und ihn dann bei seiner Ankunft in Altenburg mit Rath und That unterstützt. Schon als Besitzer der Hofbuchdruckerei, als Schwager des Bankiers Reichenbach und Freund des Ludwig'schen Hauses nahm Pierer eine sehr hervorragende Stellung in der altenburger Gesellschaft ein. Im Jahre 1767 geboren, studirte er die Medicin und ließ sich 1790 in seiner Vaterstadt Altenburg als praktischer Arzt nieder, begründete 1798 eine »Medizinische Nationalzeitung für Deutschland«, die er 1800 »Allgemeine medizinische Annalen« nannte, und kaufte 1799 die Richter'sche Hofbuchdruckerei in Altenburg, mit der er 1801 ein buchhändlerisches Verlagsgeschäft für seine Zeitschrift unter der Firma »Literarisches Comptoir« verband. Dieses letztere verkaufte er sammt jener Zeitschrift, einigen andern Verlagsartikeln und dem eben im Druck begonnenen »Medizinischen Realwörterbuche« 1816 an Brockhaus. Nachdem er 1814 Amts- und Stadtphysikus mit dem Titel Hofrath geworden war, wurde er 1826 zum Obermedicinalrath und Leibarzt des Herzogs ernannt und starb 1832.
Im Jahre 1823 (nach Brockhaus' Tode) nahm Johann Friedrich Pierer sein Verlagsgeschäft unter der nur wenig veränderten Firma »Literatur-Comptoir« wieder auf und übertrug die Leitung desselben seinem Sohne Heinrich August Pierer (geb. 1794, gest. 1850), der zuerst ebenfalls Medicin studirt hatte, aber 1813 mit ins Feld gezogen war und 1831 seinen Abschied nahm, worauf er sich ausschließlich dem Verlagsgeschäft widmete. Er hat sich namentlich durch Herausgabe des »Universal-Lexikon« bekannt gemacht, das er 1824 noch bei Lebzeiten seines Vaters und von diesem unterstützt unter dem Titel »Encyklopädisches Wörterbuch« begonnen hatte.
Von dem erstgenannten jener beiden von Brockhaus mit dem Pierer'schen Verlage erworbenen Werke, dem »Medizinischen Realwörterbuch«, erschienen in den Jahren 1816, 1818, 1819 und 1821 die ersten vier Bände, der vierte mit herausgegeben von Dr. Ludwig Choulant (geb. 1791, gest. 1861 als Geh. Obermedicinalrath in Dresden), den Pierer zu seiner Unterstützung 1817 aus Dresden nach Altenburg berufen hatte, wo er bis 1821 blieb. Doch wurden diese vier Bände später an Pierer wieder verkauft und von diesem die das Werk abschließenden Bände 5-8 in den Jahren 1823-1829 selbst verlegt.
Die »Allgemeinen medizinischen Annalen«, deren Redaction Pierer ebenfalls beibehielt, seit 1821 auch dabei von Choulant unterstützt, blieben nach der Wiedererrichtung der Pierer'schen Verlagsbuchhandlung im Jahre 1823 doch im Verlage von F. A. Brockhaus, und zwar bis 1830, worauf sie in die im Pierer'schen Verlage erscheinende »Allgemeine medizinische Zeitung« umgewandelt wurden; letztere wurde nach Pierer's Tode seit 1833 von Dr. Karl Pabst herausgegeben, ging 1837 wieder an F. A. Brockhaus über, hörte aber mit Ende 1838 ganz auf.
In dem am 11. Juni 1816 zwischen Pierer und Brockhaus abgeschlossenen Vertrage über den Verkauf des »Literarischen Comptoir« verpflichtete sich Letzterer zugleich, »die bisher bestandenen Druckereigeschäfte« mit Ersterm fortzusetzen und nicht nur die von ihm übernommenen Verlagswerke und »die noch rückständigen Bände des 'Conversations-Lexikon'« (zweite Auflage) in Pierer's Druckerei anfertigen zu lassen, »sondern auch dessen Pressen, deren Zahl um deswillen erhöht und mit dem nöthigen Druckereipersonale versehen worden sind, auf längere Zeit hinaus hinreichend und soviel es nur die Verhältnisse verstatten wollen zu beschäftigen«.
Verschiedenen Gebieten gehören endlich die folgenden drei von Brockhaus im Jahre 1817 verlegten Werke an: »Reise nach Dalmatien und in das Gebiet von Ragusa«, von Ernst Friedrich Germar, Professor der Mineralogie zu Halle (geb. 1786, gest. 1853), ein Werk von zugleich wissenschaftlichem Werthe, mit Kupfern und Karten; zweitens eine zwar kleine Schrift, aber die erste bedeutendere Arbeit des später berühmt gewordenen Geschichtschreibers der Philosophie Heinrich Ritter (geb. 1791, gest. 1869, erst Docent in Berlin und Kiel, seit 1837 eine Zierde der Universität Göttingen) unter dem Titel: »Welchen Einfluß hat die Philosophie des Cartesius auf die Ausbildung der des Spinoza gehabt, und welche Berührungspunkte haben beide Philosophien mit einander gemein? Nebst einer Zugabe: Ueber die Bildung des Philosophen durch die Geschichte der Philosophie«; drittens: »Die Elemente der reinen Mathematik« von dem königlich sächsischen Oberlandfeldmesser Wilhelm Ernst August von Schlieben (geb. 1781, gest. 1829), wovon indeß nur die erste Abtheilung: »Die Rechenkunst und Algebra«, in zwei Theilen erschien.
Eine gleichzeitig von Brockhaus mit dem Verfasser des letztern Werks begonnene kriegsgeschichtliche Zeitschrift gehört in das Gebiet der Publicistik, Geschichte und encyklopädischen Literatur, das einen Hauptbestandtheil seiner Verlagsthätigkeit in den Jahren 1812-1817 bildete und deshalb eine besondere Schilderung beansprucht.
Vorher ist indeß noch ein einzelnes Verlagsunternehmen zu charakterisiren, das Brockhaus vor allen andern in dieser Zeit beschäftigte: die von ihm begründeten und herausgegebenen »Deutschen Blätter«.