Die darauffolgende Mittheilung der Verlagshandlung beschränkt sich auf Angaben über Preis, Erscheinungsweise (künftig wöchentlich viermal, statt täglich wie bisher, gleichzeitige Ausgabe in Leipzig und Altenburg) u. s. w. mit dem Zusatze: die ganze Form und Anlage der »Deutschen Blätter« gehe dahin, daß sie eine »Nationalchronik« bilden sollen, welche gesammelt immer ihr Interesse behalten werde.

Vom April 1814 an wurden wöchentlich nur drei Nummern ausgegeben. Von Mitte April 1815 an, bis zu welchem Zeitpunkte in den anderthalb Jahren seit Mitte October 1813 sechs Bände erschienen waren, wurden wöchentlich zwei bis drei Bogen (ohne Datum als »Stücke« bezeichnet) ausgegeben, und zu dem Titel wurde »Neue Folge« hinzugesetzt; vom 10. Juni 1815 an (nach dem Wiederausbruche des Kriegs) wurden den regelmäßigen Stücken wöchentlich besondere Beilagen unter dem Titel: »Tagesgeschichte. Zu den Deutschen Blättern. Neue Folge« beigegeben, die Ende September (mit dem zweiten Bande der Neuen Folge) wieder eingestellt wurden.

Mit dem dritten Bande der Neuen Folge, dem neunten im Ganzen, hörten die »Deutschen Blätter« im Frühjahre 1816 auf, nachdem sie gerade zwei und ein halbes Jahr lang erschienen waren.

Das oben mitgetheilte Programm der »Deutschen Blätter« wurde von ihnen während der ganzen Dauer ihrer Wirksamkeit treu eingehalten. Nur erhielt es durch die Zeitereignisse mitunter eine Erweiterung oder Vervollständigung. Einige der hierauf bezüglichen Erklärungen sind für die Zeitschrift wie für deren Herausgeber des Blattes besonders bezeichnend.

So heißt es beim Schlusse des dritten Bandes am 21. Mai 1814:

Die »Deutschen Blätter« sehen einen großen Zweck, zu dem auch sie mitgewirkt haben und über welchen sie in Deutschland mit zuerst öffentlich und furchtlos gesprochen zu haben sich zu einigem Verdienste anrechnen dürfen, erreicht. Nicht durch die Waffen allein ist der Tyrann besiegt worden, sondern auch durch die öffentliche Meinung, welche zu bilden und zu leiten das Geschäft der Schriftsteller ist. Er ist untergegangen in einer Schmach, für welche die Geschichte kein Gegenstück aufzuweisen hat. Der Nimbus seiner Größe ist verschwunden und tiefe Verachtung der Furcht und dem Hasse gefolgt, die der elende Heuchler seit zwölf Jahren Europa eingeflößt hatte. Aber wenn auch er untergegangen ist, so sind es nicht mit ihm seine Helfershelfer, die, mit Verbrechen beladen, dennoch zum Bedauern der Welt scheinen Verzeihung erhalten zu sollen; nicht ist mit ihm untergegangen jener gallische Uebermuth, jene Verderbtheit dieses Volks, das seit fünfundzwanzig Jahren eine Geisel der Welt gewesen ist und alle Stufen menschlicher Verbrechen durchlaufen hat. Ohne die Schlechtigkeit dieses Volks, ohne die Verworfenheit seiner Räthe, Minister und Generale konnte Bonaparte nicht der Tyrann und Despot werden, welcher er geworden ist. Nicht er allein war es, den wir zu bekämpfen hatten, auch gegen diese sind unsere Waffen gerichtet.

Die »Deutschen Blätter« werden daher auch fernerhin, so lange sie fortgesetzt werden, insbesondere gegen gallischen Uebermuth und Afterweisheit für alle Zeiten sprechen und Bewahrer des deutschen Nationalsinnes bleiben.

Bei Vollendung des vierten Bandes am 23. August 1814 sagt die Redaction:

Noch ist zu dem Wiederaufbau des deutschen Staatsgebäudes nur der Grundstein gelegt, nur der Umriß entworfen. Es hoch und herrlich und dauerhaft aufzuführen, alle seine Theile zu einem wohlgeordneten und wohleingerichteten Ganzen zu verbinden, damit es seinen Bewohnern Schutz und Sicherheit und bequemen Aufenthalt gewähre, den Nachbarn Vertrauen und Ehrfurcht einflöße, das wird das Werk der nächsten Zukunft sein. Vieles und Großes ist gethan, aber mehr und Größeres ist noch zu thun, damit aus der Zerstörung ein dauerndes Wohl der Menschheit aufblühe. Mit diesem heiligen Zwecke wird sich der Wiener Congreß beschäftigen, auf den vornehmlich die Blicke der Deutschen gerichtet sein müssen.

Es war Brockhaus' Absicht gewesen, die »Deutschen Blätter« schon mit diesem fünften Bande abzuschließen. Da aber von den Resultaten des Wiener Congresses nur erst Weniges und Unbestimmtes bekannt geworden war, so erklärte er am 1. December 1814, daß er noch einen sechsten Band erscheinen lassen wolle.

Bevor dieser noch vollständig geworden war, hatte Napoleon die Insel Elba, auf die man ihn für seine Lebenszeit verbannen zu können in kurzsichtiger Verblendung gehofft hatte, plötzlich verlassen, war am 1. März 1815 an der französischen Küste gelandet und bereits am 20. März in Paris eingezogen. Der Wiener Congreß war auseinandergestoben, aber die Alliirten hatten sich aufs neue verbündet und unterm 13. März eine Achtserklärung gegen Napoleon als allgemeinen Feind und Ruhestörer erlassen: der Krieg entbrannte aufs neue.

So konnten auch die »Deutschen Blätter« ihre Aufgabe noch immer nicht als ganz erfüllt ansehen; sie begannen eine »Neue Folge«, und auch als die Herrlichkeit der »Hundert Tage« durch die Schlacht bei Waterloo am 18. Juni und Napoleon's zweite Abdankung am 22. Juni ein rasches Ende gefunden, erschienen sie noch eine Zeit lang fort. Am 7. Juli waren die Verbündeten zum zweiten male in Paris eingezogen, am 20. November wurde der zweite Pariser Friede geschlossen, nachdem schon am 8. Juni der Deutsche Bund errichtet, tags darauf die Wiener Schlußacte unterzeichnet worden war. Jetzt war der Krieg wirklich beendet, und die »Deutschen Blätter« konnten nun vom Schauplatz abtreten. Am 22. Februar 1816 zeigte Brockhaus vorläufig an, daß er mit dem im Erscheinen begriffenen neunten Bande die »Deutschen Blätter« schließen werde, und einige Wochen darauf wurde die letzte Nummer ausgegeben.

Das Schlußwort der Redaction gibt einen Gesammtüberblick über die Wirksamkeit der »Deutschen Blätter« und sei deshalb auszugsweise hier mitgetheilt.

Die Redaction spricht zunächst offen aus, daß die wahrhaft glänzende Theilnahme, die das Blatt im Anfange gefunden, sich naturgemäß allmählich bei den ruhigern Zeiten verringert habe, und obwol noch immer eine Auflage, zu der wenige ähnliche Unternehmungen in ihrer günstigsten Zeit sich erheben möchten, für den Aufwand entschädige, so sollten die »Deutschen Blätter« doch nicht dann erst enden, wenn sie sich selbst überlebt hätten.

Darauf heißt es weiter:

Sie begannen in der Zeit, die zu den herrlichsten, hoffnungsvollsten und erfolgreichsten gehört, welche das Vaterland je erlebte; unter Verhältnissen und Begünstigungen, wie sie selten einem schriftstellerischen Unternehmen zutheil werden. Die köstliche Zeit der errettenden Völkerschlacht, die Zeit der wiedererrungenen, hochbeglückenden Freiheit, war die Zeit ihrer Geburt, sie brachten die erste umständliche Kunde von dem Segen, den der Höchste auf die gerechten Waffen der Verbündeten gelegt, verbreiteten zuerst von einem Ende des Vaterlandes zum andern die sichere und begeisternde Botschaft von Deutschlands Sieg und Wiedergeburt, von der Niederlage der Unterdrücker, von der Vernichtung der Despotie. Darum wurde ihre Stimme so gern gehört, zumal sie kräftig war und würdig, und ein Geist, der vieler Herzen erhob, in ihr wehte. Vom Vaterland und für das Vaterland sprachen sie, und des Vaterlandes Söhne und Töchter nahmen sie freudig auf. Sie hatten überdies die Empfehlung für sich, daß der geehrte Feldherr, der an der Spitze der siegreichen verbündeten Heere stand, selbst sie veranlaßt, ihr Erscheinen selbst befördert und so gleichsam eine höhere Bürgschaft ihnen gegeben hatte.

Von Leipzigs Siegesfeldern begleiteten sie den Triumphzug über den alten Rhein bis in das stolze Babel, den Mittelpunkt der Unterdrückungsplane des zu Schanden gewordenen Uebermuths, der zerstörten Tyrannei. Mit mäßigem Jubel ließen sie die Kunde des geschlossenen bedenklichen Friedens erschallen, und, scheidend von den glorreichen Schlachtgefilden, wendeten sie sich zu den unblutigen, aber nicht minder gefährlichen Kämpfen in den Steppen des Wiener Congresses, den Irrgängen der Unterhandlungen. Sie nahmen Partei, aber nur für die Sache des Vaterlandes, der Gerechtigkeit und der Freiheit, und sprachen manch starkes Wort, wo es frommen konnte. Aber sie mochten sich nicht wie der Vater Rhein nach kräftigem Ernst im Sande verlieren oder, den gewaltigen Strom verlassend, in kümmerlichen Bächen verrinnen. Sie erhoben sich in neuer Kraft, als die Botschaft kam von der Rückkehr des Furchtbaren aus seinem Felseneiland, von des Vaterlandes Gefahr.

Die Neue Folge der »Deutschen Blätter« begann, um zu erwecken zum neuen Kampf, aufzurufen zu den schützenden Waffen, hinzuweisen auf das, was abermals dringend Noth war, was geschehen mußte, und regten von neuem in der allgemeinen Bewegung sich selber lebendiger, stürzten sich wieder in das Schlachtgewühl. Des Feindes Trug und Arglist, seine Macht und seine Kampffertigkeit, alle die losen Künste, mit denen er zu lang uns berückt und geschwächt hatte, stellten sie den deutschen Lesern klar vor Augen und ermahnten, das alte Joch, das viele noch zu willig trugen, völlig zu zerbrechen, die allzu verderbliche Abhängigkeit von fremder Sitte, mannichfachem fremden Einfluß endlich zu verbannen. Sie frohlockten über den neuen, herrlichen Sieg, den Gott verliehen, über Babels zweiten Fall, über die Heimkehr des theuern Eigenthums, das, als schnöder Raub und frevle Siegestrophäe zu lange trauernd, an feindlicher Stätte gefesselt gelegen; sie mühten sich, das Kleinod der Hoffnung zu erhalten, als in langen geheimnißvollen Unterhandlungen Sorge und Ungeduld allenthalben Raum gewannen und sich mehrten, weil manch theuerer Wunsch nicht in Erfüllung gehen wollte, ja immer mehr gefährdet ward. Sie suchten zugleich das Gedächtniß der frühern Zeit des Vaterlandes, seiner alten Schicksale zu erneuen, um durch die Bilder der Vergangenheit nicht nur zu trösten, sondern auch zu erwecken. Dann, als die neue Friedensbotschaft so unbefriedigend erschien, ergriff sie die Ahnung, daß ihr Ende gekommen sei, daß, wie nun Alles zur Ruhe sich lege, auch ihr Wächterruf immer mehr verhallen möge. Auch ließen sie nicht ab, ihrer Bestimmung treu die wichtigsten Angelegenheiten zur Sprache zu bringen und manch ernstes Wort zu reden von dem, was zu Deutschlands Heil geschehen muß. Aber: »Vestigia me terrent!« zu deutsch: »Laß dir rathen, ehe guter Rath dir noch theuer zu stehen kommt«, dachten sie bei sich selbst. »Wir wollen die Welt meiden, Einsiedler werden und uns selbst begraben, ehe man uns begräbt. Aus dem selbst gewählten Grabe kehren wir dann vergnügt und lebendiger, auch wohl vollkommener wieder.« Dachten es und brachen als Freunde des Tags, wie sie von je gewesen, noch eine Lanze mit den Rittern der Nacht, die ihren Herold vorangesendet hatten, und bringen nun ihren Freunden den Abschiedsgruß.

Sechsmal erneuten sie sich seit ihrem ersten Erscheinen, dreimal in der Neuen Folge. In neun Bänden schließen sie gut, denn neun ist eine gute und vollkommene Zahl ....

Sie haben eine gute Zeit durchlebt, obwol die schönste, in der sie geboren wurden, schnell vorüberging. Doch klingen noch in tiefster Seele nach die Lob- und Danklieder aus der Zeit der Vaterlandserhebung und Errettung, und der Blick nach oben feiert noch immer und soll endlos feiern, was der Herr aufs neue Großes und Herrliches an dem deutschen Volke und an der Menschheit in dieser Zeit gethan hat. Und das bleibt des höchsten Dankes werth!

Sie bringen auch ihren erneuten Dank den tapfern Streitern dar, deren Heldenthaten auch ihnen das Dasein gaben. Unsterblich, wie der Thaten Geist, und lichthell, wie der Thaten Frucht, deren Herrlichkeit ungekränkt bleibt, ob auch manches nicht zur vollen Reife gedieh, lebt der Helden Gedächtniß und Ruhm und der Dank des befreiten Vaterlandes fort. Ihr Verdienst war es auch, wenn hier manch freies und erweckendes Wort geredet werden durfte, das in früherer trüber Zeit nicht hervorzutreten wagen konnte, und wenn dadurch, wie wir glauben dürfen, manches Gute befördert worden ist. Die Stimme der Wahrheit hat eine so siegreiche Kraft, daß keine Gewalt ihr widerstehen kann auf die Dauer, und je gesegneter ihre Wirksamkeit ist, desto höherer Dank gebührt denen, die ihr die Bahn wieder geebnet, die Luft gereinigt haben von den giftigen Dünsten, welche sie gänzlich zu ersticken drohten.

Aus allen Theilen Deutschlands sind sie durch zweckmäßige Beiträge bereichert worden. Denen, die auf diese Weise ihr Leben erhöhten und stärkten, gebührt vorzüglicher Dank. In ihnen haben sich, meist einander unbekannt, doch im wesentlichen in gleichem Geiste und gleicher Gesinnung, vorzüglich gleicher Liebe des Vaterlandes und verwandter Ansicht von dem, was zu dessen Heil geschehen muß, viele deutsche Männer begegnet und durch ihre Uebereinstimmung das, was sie aussprachen, noch mehr empfohlen. Die bewährte Gesinnung hat sich durch den gemäßigten und bescheidenen, zwar, wie es Noth war und löblich, starken, aber selten allzu scharfen Ton, der fast alle Beiträge auszeichnete, viele Freunde erworben, und fast nie ist ein Anlaß zu gerechten Klagen und Beschwerden gegeben worden. So freimüthig als besonnen, überall aber mit strenger Wahrheitsliebe, ward das, was Bedürfniß der Zeit und des Vaterlandes war, hier ausgesprochen, keiner grundlosen Parteilichkeit für irgendeinen Zweig des deutschen Volks Raum gegeben, kein unziemlicher und verderblicher Zwiespalt genährt, sondern überall das Gute, wo es sich auch fand, anerkannt und vor allem auf jene Eintracht und Geisteseinigkeit, in der Deutschland allein stark, frei und sicher bestehen kann, hingearbeitet. Diesen Ruhm wird man den »Deutschen Blättern« ungekränkt lassen.

Jetzt, da diese Neue Folge sich schließt, ist ihr letzter Wunsch: Segen und Heil dem theuern Vaterlande! Ihm haben sie gelebt und ihm gedient, ihm werden sie immer aufs innigste ergeben bleiben, und wenn längst ihre Stimme verhallt ist, wird der fernste Nachklang noch von Liebe und Treue für den heimatlichen Boden, für das deutsche Volk ertönen.

Dieses Schlußwort, das sich dann noch weiter über die Zeitverhältnisse ausspricht, um »in diesen letzten Mittheilungen noch einmal die höchsten Angelegenheiten unsers Volks den Lesern ans Herz zu legen«, sagt nicht zu viel von dem Gehalte und der Wirkung der »Deutschen Blätter«; es war übrigens weder von Brockhaus noch von Hain, sondern auf deren Wunsch von einem Mitarbeiter verfaßt, wahrscheinlich von dem Professor Hasse in Dresden. Die »Deutschen Blätter« nehmen anerkanntermaßen eine der ersten Stellen ein unter den Organen der Presse, welche der Zeit der Befreiungskriege ihr Entstehen verdankten, zugleich aber selbst mannichfach fördernd auf die Zeit einwirkten. Diese Bedeutung weist ihnen auch Karl Hagen zu in seinen die eingehendste Schilderung dieser Zeitschriften enthaltenden und überhaupt sehr werthvollen zwei Aufsätzen: »Ueber die öffentliche Meinung in Deutschland von den Freiheitskriegen bis zu den Karlsbader Beschlüssen«.[58] Andere ähnliche Blätter waren: der »Rheinische Mercur« von Görres, die »Nemesis« von Luden, das weimarer »Oppositionsblatt«, die gothaer »Nationalzeitung der Deutschen«, die »Teutonia«, die »Kieler Blätter«. Die meisten derselben entstanden erst nach den »Deutschen Blättern« und verschwanden noch vor ihnen wieder vom öffentlichen Schauplatze.


Von allen Seiten waren den »Deutschen Blättern« patriotische Aufsätze zugeströmt, auch ohne directe Aufforderung der Redaction, und die Reihe der (meist indeß nicht genannten) Mitarbeiter der »Deutschen Blätter« ist eine ebenso mannichfaltige als stattliche.

Einer der ersten und thätigsten Mitarbeiter war Karl August Böttiger in Dresden, der schon an der 1807 von Brockhaus in Amsterdam herausgegebenen Zeitschrift »Le Conservateur« sich betheiligte und mit ihm fortwährend in den lebhaftesten geschäftlichen und freundschaftlichen Beziehungen blieb. Ferner waren fleißige Mitarbeiter: Professor Pölitz, Professor Saalfeld, Karl Curths (der Historiker), Georgius (Karl Christian Otto), Baumgarten-Crusius, Villers, die Professoren Zeune in Berlin, Hasse in Dresden und Oken in Jena. August Wilhelm Schlegel und Friedrich Perthes schickten einzelne Beiträge.

Auch die patriotische Dichtkunst war reich vertreten. Die »Deutschen Blätter« veröffentlichten wol zuerst die drei Gedichte Theodor Körner's: »Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?«, »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!« und sein letztes Sonett: »Die Wunde brennt, die bleichen Lippen beben«. Ferner brachten sie Dichtungen von Max von Schenkendorf, Matthias Claudius, Christian Graf Stolberg, Graf von Loeben, Friedrich Rückert.

Brockhaus schrieb übrigens vielfach auch selbst in die »Deutschen Blätter«. Als Herausgeber machte er häufig sehr eingehende Anmerkungen zu den eingesandten Artikeln, bald über die in denselben besprochenen Gegenstände seine eigene Ansicht sagend, bald aus den Erlebnissen während seines Aufenthalts in Amsterdam, wo er vielfach mit Franzosen in Berührung gekommen war, Interessantes mittheilend.

Am 23. März 1814 beginnt er eine längere Anmerkung zu einem Aufsatze über Napoleon folgendermaßen:

In den »Deutschen Blättern« ist in Deutschland zuerst offen und frei und mit Kraft und Würde laut ausgesprochen worden: kein Friede mit Bonaparte. Die »Deutschen Blätter« haben es zuerst gewagt, den so finstern und blutdürstigen Charakter des Tyrannen zu enthüllen. Es war unterm Kanonendonner von Liebertwolkwitz, zwei Meilen von dem Kampfplatze, wo der wackere Wittgenstein die Hermanns-Schlacht von Leipzig einleitete, daß die ersten von den Blättern furchtlos gedruckt wurden. Ein prophetischer Glaube an das endliche Gelingen der guten Sache hatte den Herausgeber begeistert. Vielleicht wäre das Leben von Tausenden unserer tapfern Krieger, die in diesem heiligen Kreuzzuge gefallen sind, gespart worden, wenn die verbündeten Mächte schon damals oder doch am 21. December (1813) bei der ersten Ueberschreitung der französischen Grenze ritterlich und frei erklärt hätten, was jetzt Alexander am 31. März (1814) erst in der stolzen Hauptstadt aussprach: kein Friede mit Bonaparte ....

Oefters verfaßte er aber auch selbständige Aufsätze für sein Blatt. Unter ihnen sei nur einer mit der Ueberschrift »Noch ein Wort über den Franzosenhaß« und dem ausdrücklichen Zusatze »Vom Herausgeber« hervorgehoben und auszugsweise mitgetheilt. Er ist Mitte Juli 1815 geschrieben, also nach der zweiten Niederwerfung Napoleon's, und vertheidigt die »Deutschen Blätter« gegen den Vorwurf eines zu leidenschaftlichen Franzosenhasses. Die wesentlichsten Stellen sind folgende:

Es ist in diesen Blättern schon viel die Rede gewesen von der Erbärmlichkeit des Franzosenthums. Der gerechte Eifer gegen dasselbe macht einen Theil des Ruhms dieser Anstalt aus, die in der ersten schönen Zeit der Errettung vom heillosen Joche entstand, unter den Augen, auf Veranstaltung des hohen deutschen Feldherrn, der siegreich unsere Heldenscharen von der Elbe bis zur Seine führte, bis dahin, wo der letzte Ring der Kette zerbrochen ward, die uns so lange gefesselt hatte.

Die »Deutschen Blätter«, die sich das Ziel gesetzt, jenen errettenden Kampf und seine Folgen mit aufmerksamem Blicke zu begleiten, viele große und herrliche Zeugnisse aus demselben für die Geschichte aufzubewahren, zu beharrlicher Ausdauer und unbeweglicher Treue in dem großen Werke der Befreiung zu erwecken und eine geläuterte, tief begründete Ansicht von demselben zu verbreiten, sie mußten auch oft mahnen an unser Elend, unsere Schmach, und auf die Ursachen und Veranlassungen unserer vieljährigen Leiden zurückweisen. Ein tiefer, aber gerechter Unwille mußte in diesen Mittheilungen sich aussprechen, sowol gegen die Urheber unsers Jammers und das ganze Franzosenthum als gegen die treulose, bundbrüchige und entartete Rotte, die mitten unter uns noch dem huldigt, was die Quelle unserer Entwürdigung und Erniedrigung gewesen ist.

Diesem Bemühen haben nun die Bessern einen Beifall gegeben, der sich in dem Gedeihen unserer Anstalt, in der weitern und immer weitern Verbreitung der Theilnahme an derselben sehr erfreulich bewährte. Es war ebenso natürlich, daß die, deren Beschränktheit oder Schlechtigkeit hier oft gerügt ward, diese Blätter haßten und schmähten und es ihnen besonders zum Vorwurf machten, daß ein so bitterer Franzosenhaß in denselben sich ausspreche. Gegen diesen Franzosenhaß erheben sich denn auch von andern Seiten Stimmen, welche die alte Sünde zu beschönigen und bleibend zu erhalten versuchen, gegen deren Verfahrungskunst der Verfasser nun noch Ein Wort zu reden sich aufgefordert sieht, zumal man gerade seinen frühern Mittheilungen besonders jenen Vorwurf macht ....

Was meinen doch die Herren, die sich berufen fühlen, den Franzosenhaß zu dämpfen und gegen ihn die alten stumpfen Waffen gern noch einmal schärfen möchten, was meinen sie denn mit dem Franzosenhaß? Den tiefen Unwillen nennen sie so, der die Bessern unsers Volks ergriffen über die zu lange geduldete Herrschaft des Franzosenthums, den gerechten Eifer gegen Sprache, Sitten und Moden eines Volks, das das entartetste in Europa, mit seinem äußern Wesen seine Schlechtigkeit übertüncht, nur Einfluß, Herrschaft erstrebt und durch beides unserm Volke und andern Völkern nur Verderben gebracht hat. Den gerechten Unwillen nennen sie so, der nicht ist von heute oder gestern, den wenige Erleuchtete und echte Vaterlandsfreunde schon seit hundert Jahren gegen jenes Volk genährt, der jetzt in den Tagen der Befreiung stärker und lauter sich kundgegeben; den gerechtesten Unwillen der Befreiten, wie früher der Unterjochten und Unterdrückten, gegen die, welche mit bösen Künsten und mit Gewalt die edelsten Güter des geselligen Lebens, Freiheit und Selbständigkeit, uns raubten und rauben wollten. Das, was zu allen Zeiten die edelsten Völker und alle freigeborene, großherzige Menschen gegen frevelhafte Unterdrücker, tyrannische Eroberer, freche Räuber und Schänder des Vaterlandes zum Kampf auf Leben und Tod begeisterte; dasselbe, was auch unser Volk bewegt, auch das letzte Zeugniß unserer Unterjochung und Alles, was dazu mitgewirkt, völlig auszutilgen: das nennt nun die Erbärmlichkeit Franzosenhaß und will mit diesem Namen das, was unsers Volks Ruhm und unserer Zeit Verherrlichung ist, in ein zweideutiges Licht stellen. Rechnet sich es doch mancher als hohe Weisheit und Gerechtigkeit an, daß er nicht so ungebührlich hasse ein liebenswürdiges Volk, von dem wir noch gar vieles lernen könnten — absonderlich wol allerliebste Namen für scheußliche Laster (von denen manche erst in den letzten fünfundzwanzig Jahren durch französische Emigranten und Soldaten in unsern unschuldigen Hütten bekannt geworden sind!) — einen Muthwillen, dem nichts heilig ist, eine Gewandtheit, die Treue und Tugend entbehrlich macht; eine Feinheit, die nie Arges fürchten läßt und mit aller Höflichkeit des Nachbars Habe sich aneignet, den Hausfrieden zerstört und Alles dem Eigenwillen und eigener Leidenschaft unterordnet. Von diesem Volke sollen wir einfältige, schwerfällige Deutsche lernen und sollen wol auch noch beklagen, daß die trefflichen Lehr- und Zuchtmeister in Scharen über unsere Grenze getrieben wurden, und ihre lieblichen Fürsprecher möchten doch gar zu gern uns wieder in die Synagoge des Satans zurückführen. Darum preisen sie die Herrlichkeit französischer Sprache und Sitte und wollen es sogar nicht begreifen, daß, wer den Teufel ausgetrieben hat, auch alle sein Wesen und seine Werke ihm nachschleudern muß, damit er auch nicht einen Fuß breit Land finde, das ihm noch gehöre und von dem aus er das alte Verführungsspiel wieder anfangen kann, daß es hernach schlimmer werde denn zuvor.

Wie wenig begreifen doch diese, die sich wol gar Patrioten nennen, den Geist und das Streben dieser Zeit und unsers Volks! An ihren Augen ist es vorübergegangen wie ein Nebel und an ihren Ohren wie rauschender, sinnloser Mislaut, daß die Zeit erschien, da in Europa der gute Geist über den bösen den Sieg gewinnen und die Werke des bösen völlig zerstören sollte. Aus Blindheit des Geistes oder des Herzens oder beider reden sie dem das Wort, gegen den Deutschland, Europa sich gerüstet und rüstig gekämpft hat, und scheinen es gar nicht zu ahnden, wie sie mit ihrer Allerweltsklugheit eigentlich nur die ersten Ringe der Kette wieder schmieden, die unter höherer Leitung glücklich zerbrochen ward. Aber sie werden darüber selber zu Schanden, und nimmer kann es ihrer Schwachheit gelingen, einen kräftigen Unwillen, der nur zu gerecht ist, hinwegzuschwatzen, ob sie auch all ihren Witz aufbieten und alle aus Einem Tone heulen, wie denn die Flachheit überall sich selber begegnet und auch dadurch in ihrem Wahne sich bestärken läßt ....

Was ist überhaupt Haß, den ein edler Mensch im Busen trägt? Der tiefe, nie erkaltende Widerwille ist es, den er gegen alles Böse, alle Schlechtigkeit und Treulosigkeit empfindet, der ernste, beharrliche Widerstand gegen Alles, was den Menschen entehrt, das der edle Mensch um so bitterer fühlt, je höher seine Achtung des Reinmenschlichen ist, ein Widerwille, der sich auch gegen den Bösen, Schlechten und Treulosen in der sorgfältigen Vermeidung aller nähern Gemeinschaft und vertraulichern Annäherung ausspricht, ein Widerstand, der jedem Einflusse des durch seine Grundsätze wie durch seine Handlungen dem Bösen Ergebenen entgegentritt und ihm wehrt und darum selbst das scheinbar Gute verwirft, das aus jenem Einflusse stammen könnte.

Das ist auch der Franzosenhaß, der Widerwille gegen die ungeheuere Entartung, Sittenlosigkeit und Treubrüchigkeit dieses Volks, gegen den fürchterlichen Leichtsinn, der mit allem Heiligen spielt; der Widerstand gegen jeden Einfluß der Grundsätze, der Sitten und Gewohnheiten desselben wie seiner Unternehmungen; ein Widerwille, der alle nähere Gemeinschaft mit den Franzosen, alle vertrauliche Annäherung scheut und vermeidet; ein Widerstand, der allem französischen, durch menschenentehrende Grundsätze verpesteten französischen Wesen sich entgegenstellt und darum selbst das scheinbar Gute oder das wirklich Günstige, was von dorther kommen könnte, verwirft, weil dem Bösen aller und jeder Einfluß abgeschnitten werden muß. Es äußert sich der Franzosenhaß, wie jeder gesunde, gerechte Haß, in einem kräftigen Widerstreben gegen das, was des Hasses würdig, und er ist am tiefsten da, wo die mächtigste Liebe, Liebe des Vaterlandes, der Wahrheit, der Freiheit, und mag da nicht sein, wo diese Liebe nicht ist ....

Wir aber werden hassen das Arge, so lange es arg ist, und uns schämen, die Farbe derer zu tragen und die Sprache derer zu reden, die ihre Farbe und Sprache vor den Augen von ganz Europa geschändet haben. Es soll keine vertrauliche Gemeinschaft sein zwischen ihnen und uns, weil ihr Wesen nicht zu dem unsern stimmt, ihre Falschheit zu unserer Ehrlichkeit keine Verwandtschaft hat und weil böse Gesellschaft nicht blos gute Sitten verdirbt, sondern auch einen Makel aufheftet jedem, der sich zu ihr hält.

Sage man nicht, daß solcher Haß unchristlich sei; man müsse das Böse hassen, aber nicht den Bösen. Das Böse in den Franzosen ist es ja eben, das wir hassen, dem wir widerstreben. Um es fern von uns zu halten, müssen wir die Franzosen abwehren. Aber so tief unser Haß ist, so misgönnen wir ihnen doch gewiß nicht irgendein Glück, das ihnen ihr Vaterland gewähren mag, so sind wir doch nur so lange ihre Feinde, als sie übermüthig, schnöde und ruchlos, aller Orten Befriedigung ihrer Eitelkeit, unsere Erniedrigung suchen und mit schlechten Künsten die Welt verführen. Was vorherrschender Charakter des französischen Volks ist, das hassen wir; dem Einzelnen aus ihm, dem Mittheilenden, Gebeugten, Hülfsbedürftigen versagen wir keinen Trost, keine Freundlichkeit, keine Hülfe, wodurch sein Elend gelindert werden kann, ohne daß zugleich seine Eitelkeit oder Bosheit Nahrung finde. Ein unchristlicher Haß liegt nicht in uns; wir würden uns freuen, wenn Frankreich, weiser geworden, auf rechtem Wege sein Glück suchte; wir würden nachbarlich ihm die Hand bieten, und aller Haß würde schwinden, wenn es ein frommes, züchtiges, friedliches, genügsames, treues Volk würde. Bis dahin ist keine Gemeinschaft zwischen ihm und uns.

Besonders lebhaften Antheil nahm Brockhaus auch an der Frage der Zukunft Sachsens, die den Wiener Congreß so lange beschäftigte und erst durch Napoleon's plötzliches Wiedererscheinen zu einem raschern Abschluß gelangte. Er war entschieden gegen die Theilung Sachsens, die doch endlich beschlossen wurde, und sagte in einer Note zu einem »Wahrhaftigen Bericht über die gegenwärtige Stimmung des Volks in Sachsen, von einem Eingeborenen«:

An dumpfe starre Verzweiflung grenzt seit der Todesnachricht aus Wien vom 10. Februar (1815), welche aus den berliner Zeitungen in alle öffentlichen Blätter übergegangen, die Stimmung des guten sächsischen Volks. Die Geschichte wird diese Handlung richten — wir Lebenden dürfen es leider nicht öffentlich.

Um so empörter war Brockhaus, als in einer in München erschienenen Schrift: »Sachsen, Preußen und Europa«, gesagt war, daß die beiden leipziger Buchhändler Rein und Gerhard Fleischer »mit dem bekannten Brockhaus in Verbreitung verleumderischer und majestätsverbrecherischer Schriften gegen ihren rechtmäßigen König einen edeln Wettstreit begonnen haben«. Er erließ deshalb in den »Deutschen Blättern« folgende Erklärung:

Erst durch die Anzeige des Herrn Gerhard Fleischer in Nr. 231 der »Leipziger Zeitung« erfahre ich das Dasein der in München wieder erschienenen Schrift: »Sachsen, Preußen und Europa«, und der mich nebst andern Buchhändlern darin betreffenden Stelle, welche diese und mich der »Verbreitung verleumderischer und majestätsverbrecherischer Schriften gegen ihren rechtmäßigen König« beschuldigt. Bei näherer Untersuchung fand ich, daß diese Schrift aus derselbigen Quelle komme, welcher wir die »Allemannia«, die sogenannten »Sächsischen Actenstücke« und andere Schriften gleichen Charakters verdanken.

Ob man es daher gleich für eine Ehre halten könnte, von dieser im Finstern schleichenden süddeutschen Bande, an deren Spitze bekanntlich der berüchtigte Aretin steht und deren Geschäft es ist, Mistrauen zwischen Fürsten und Unterthanen, Haß zwischen den deutschen Volksstämmen und Zwietracht unter unsern Regierungen zu erregen, derselben Bande, welche nicht damit zufrieden war, dem seelenlosesten Despotismus in den traurig furchtbaren Jahren von 1806 bis 1813 das Wort zu reden, sondern den Despoten zu noch größerer Tyrannei durch die bekannte Anklage aller Protestanten und des Protestantismus selbst anzuregen suchte, und namentlich mehrere edle Männer aus unserer eigenen Mitte, welche die liberale Landesregierung zu sich geladen hatte, als Aufrührer und Anführer bezeichnete; derselben Bande, welche, in die Hoffnungen aller bessern Menschen ihre Drachenzähne säend, sogar die Geschichte und Völkerehre wie die Völkerruhe zu einer Metze macht, indem sie, nur um Deutsche gegen Deutsche zu empören, eine Reihe der schändlichsten Pasquille erfindet, denen sie das Prädicat »Actenstücke« gibt, und den Namen des edeln sächsischen Volks damit in Verbindung bringt — man könnte, sage ich, es für eine Ehre halten, von dem Wortführer dieser neuen Obscuranten und Pasquillanten geächtet zu werden: dennoch glaube ich auf jene bestimmt ausgesprochene Anklage, gleich Herrn Gerhard Fleischer, erwidern zu müssen, daß in meinem Verlage keine einzige Schrift erschienen ist, welche auf irgendeine Weise die sächsischen Angelegenheiten in den Jahren 1813, 1814 und 1815 nur berührt, und daß ich ebenso wenig von irgendeiner der Schriften, welche über diesen Gegenstand für und wider erschienen, mehr als ein Exemplar, und dies zu meiner eigenen Lesung oder literarischen Benutzung, zu beziehen gewohnt gewesen bin, noch weniger aber eine Schrift dieser Art »verbreitet« habe.

In den von mir herausgegebenen »Deutschen Blättern« ist, dem Charakter dieses Instituts gemäß, allerdings, wie es in allen deutschen politischen Zeitschriften geschehen, diese Angelegenheit für und gegen debattirt worden, allein immer mit Bescheidenheit, Würde und Anstand, und ich darf es in Wahrheit sagen, daß ich eine Menge anzüglicher Aufsätze, die auf irgendeine Weise kränken oder erbittern konnten, unterdrückt oder zurückgesandt habe.

Den Verfasser der beredtesten und gründlichsten Schrift für das Interesse Sr. Maj. des Königs, der »Lettre à un Saxon«, in der ich einen meiner Freunde zu entdecken glaubte, habe ich selbst eingeladen, in den »Deutschen Blättern« seine politische Ansicht zu verfolgen. Was wirklich am Ende geschehen ist, haben die »Deutschen Blätter« immer als das größte Unglück dargestellt und damit auch die Empfindung und Ansicht ihres Herausgebers, der übrigens in keinem Unterthanenverhältnisse zu Sr. Maj. dem Könige von Sachsen steht, ausgesprochen.

Altenburg, 28. November 1815.

Brockhaus.

In gleicher Weise interessirte sich Brockhaus persönlich für die damals lebhaft verhandelte Frage der Wiedererwerbung von Elsaß und Lothringen für Deutschland, welche wie die von den »Deutschen Blättern« ebenfalls warm befürwortete Wiederherstellung des deutschen Kaiserthums und des Deutschen Reichs erst über ein halbes Jahrhundert später gelöst werden sollte. Er brachte einen trefflichen Aufsatz darüber von Professor Zeune in Berlin: »Elsaß und Lothringen für Deutschland durchaus nothwendig«, und schrieb dem Verfasser bei Uebersendung einer Anzahl Abdrücke unterm 30. Mai 1814:

Leider fürchte ich wie alle Deutsche von Umsicht und Beurtheilung, daß man diese beiden herrlichen, uns von Ludwig XIV. gestohlenen Provinzen nicht zurückfordern wird. Ueberhaupt wer ist nicht indignirt über die Complimente, die in Paris mit dem übermüthigen Volke und den Helfershelfern Napoleon's gemacht werden? Es ist sehr schade, daß gerade in Paris die Unterhandlungen geleitet werden, wo Weiber und Sinnlichkeiten aller Art ins Werk gesetzt werden, die Fürsten und die leitenden Personen zu berücken. In Hamburg, in Moskau, in Wittenberg, wo jeder Blick und Schritt an die Unthaten der französischen Hunde erinnert, da sollte der Sitz des Congresses sein!

Ich habe Krausen gebeten, es mit Ihnen zu überlegen, wie den »Deutschen Blättern« in Berlin und im preußischen Staate ein größeres Publikum gewonnen werde. In Hannover setzen wir sechsmal so viel ab als im ganzen preußischen Staate. Seien Sie ferner für unser patriotisches Institut thätig!

Außer den früher erwähnten Gründen bestimmten ihn indeß auch die Censuranfechtungen, die mit der beginnenden Reactionszeit wieder ebenso hinderlich auftraten wie bei Beginn der »Deutschen Blätter«, dazu, das Blatt aufzugeben. Schon ein Jahr, bevor er diesen Entschluß ausführte, im Frühjahre 1815, schrieb er an Professor Koethe in Jena aus Anlaß des vorher erwähnten Aufsatzes der »Deutschen Blätter« über die Stimmung in Sachsen bei der drohenden Theilung des Landes:

Der Censor chicanirt mich außerordentlich, und wenn's so fortgeht, muß der Druck hier aufhören. Von Dresden aus ist bei unserer Regierung (Altenburg) Klage eingelaufen über einen Aufsatz, durch den der König persönlich sich sehr beleidigt fühlt. Es war behauptet worden, des Königs Pflicht wäre es gewesen, lieber ganz zu verzichten, als die Theilung seines Landes zuzulassen. Um sich nun über den Verdruß, den der Censor über jene Angelegenheit hat, zu rächen, streicht er mir Alles, was ihm nur einigermaßen frei und dreist erscheint. Insbesondere ist er Oken's Aufsätzen gram. Ich weiß nicht, wie das werden soll.

Noch unmuthiger schreibt er unterm 20. Februar 1815 an seinen Freund Hasse, damals Professor am Cadettenhause zu Dresden:

Ihre Empfindungen über die Zerreißung Sachsens, die nun gestern durch das Extrablatt der »Leipziger Zeitung« zum Vollen bestätigt sind, wird jeder redliche Sachse und Deutsche theilen, das Unglück des Landes aber vorzüglich auf Oesterreich wälzen müssen, dessen einseitige Hartnäckigkeit schuld an der Theilung ist.

Ich werde die »Deutschen Blätter« jetzt bestimmt mit dem sechsten Bande eingehen lassen. Die Theilung Sachsens hat mir alle Lust an dem Politischen geraubt; dazu kommt die beengte Preßfreiheit und die Unmöglichkeit, sich irgendwo mit Energie und Wahrheit über die wichtigsten Angelegenheiten, soweit sie uns in der Nähe betreffen, aussprechen zu können. In dem Schlußblatte möchte ich gern einen feierlichen Abschied von meinem Publikum nehmen, und ich lade Sie ein, mir dazu Ihre Feder mit zu leihen. Zuerst wäre ein Blick auf die Zeit zu thun, die den »Deutschen Blättern« vorhergegangen; dann der Augenblick des Kampfes im October zu beschreiben, die Hoffnungen und Wünsche, welche die Erhebung aller deutscher Völkerschaften bei Jedermann erweckte, der Gang des Kriegs, der endliche Triumph. Was durften die Deutschen jetzt erwarten? Getäuschte Hoffnungen jeder Art, wie sie sich entwickelten: in der Hauptstadt des Feindes wurden deutsche Völkerstämme ihm verrätherisch übergeben, und was uns von den Bourbonen vor hundert Jahren schändlich geraubt wurde, die Vormauer Deutschlands, der Elsaß, wurde nicht zurückverlangt; die uns schändlich abgepreßte Contribution wurde nicht restituirt, unsere Krieger litten in der Hauptstadt des Feindes den bittersten Mangel und waren fast ohne Verpflegung; unsere Kunstwerke blieben im Besitz der Uebermüthigen. Es erfolgte keine Versöhnung zwischen den Siegern und Besiegten. Blicke auf den Congreß. Abermalige Hoffnungen. Abermalige Täuschungen. Unterdrückte Preßfreiheit in Deutschland. Man kann seinem gepreßten Herzen keine Luft machen, der Censor steht einem ängstlich zur Seite und verschneidet jedes kräftige und treffende Wort. Wir haben den Franzosen Preßfreiheit errungen, denn nach England und Holland ist sie in Frankreich am liberalsten, aber für uns selbst ist sie nicht da. So also kann kein politisches Blatt anders als zu eigener Schande bestehen.

Dies wären einige der Ideen, die meiner Meinung nach hier ausgesprochen werden könnten. Viele andere werden Ihnen noch einfallen. Ich möchte, daß das Ganze einen Bogen füllte.

Hasse antwortete darauf am 26. Februar:

Ich glaube Ihnen gern, daß Ihnen die Lust vergangen, die »Deutschen Blätter« fortzusetzen. Der Gang der Dinge schlägt die frohesten Erwartungen nieder. Ihre Ideen über den Schluß sind trefflich, aber ich fühle in mir so wenig Beruf, und meine Zeit ist so beengt, daß ich, so sehr ich den verlangten Schlußaufsatz für nöthig halte, dennoch denselben unmöglich übernehmen kann. Ich lege deshalb das Blatt Ihres Briefs, der dieselben so trefflich entwickelt, hier bei.

Damals hatten der Wiederausbruch des Kriegs infolge Napoleon's Flucht von der Insel Elba und die darauffolgenden Ereignisse die Absicht, die »Deutschen Blätter« aufhören zu lassen, in den Hintergrund gedrängt. Aber nach der raschen Beendigung dieses zweiten Abschnitts des Kriegs und während der Verhandlungen über den zweiten Pariser Frieden, nachdem sogar im Sommer dieses Jahres eine Nummer der »Deutschen Blätter« wegen eines Aufsatzes: »Auf einmal Preußen und Franzosen Freunde«, confiscirt worden war, faßte Brockhaus diese Idee wieder näher ins Auge.

Am 4. November desselben Jahres (1815) schreibt deshalb Brockhaus wieder an Koethe:

Die »Deutschen Blätter« werde ich bestimmt zu Ostern schließen. Die Bedingungen der Censur, die ängstliche Rücksicht, die allenthalben genommen wird, der Mangel an Einsicht in die politischen Interessen Deutschlands, die hinkende Theilnahme des Publikums jetzt, wo die Hauptfragen entschieden sind, und die ungeheuere Schererei bei geringer Belohnung veranlassen mich dazu.

Dem Drucker des Blattes, Pierer in Altenburg, meldete er am 2. December 1815, daß er die Auflage, die bei Beginn 4000 und mehr Exemplare betrug, auf 1100 ermäßigen wolle.

Noch eingehender spricht er sich über das Aufhören des Blattes in einem am 9. März 1816 an Oken gerichteten Briefe aus, der zugleich interessante Mittheilungen über literarische Verhältnisse enthält:

Auch mir thut es herzlich leid, das allerdings interessante und mir selbst unendlich lieb gewesene Institut der »Deutschen Blätter« eingehen lassen zu müssen. Ich sehe mich aber dazu gezwungen. Aus der Ueberzeugung, daß bei ihrem sehr verminderten Absatz — da ich Ihnen versichern kann, seit einem Jahre das volle Drittel der noch zu Anfang des vorigen Jahres stattgefundenen Zahl der Abnehmer verloren zu haben, wobei ich noch nicht in Anschlag bringen kann, was mir auf der Messe wird zurückgegeben werden — ihre Wirksamkeit in dieser Form nicht von der Art ist, als sie auch bei den mäßigsten Ansprüchen sein sollte. Die Erscheinung eines so verringerten Absatzes, da die Blätter an sich tüchtigen Inhalts sind, muß Jedem allerdings auffallend sein, der das deutsche Publikum nicht aus Erfahrung in dieser Hinsicht kennt und der nicht weiß, daß der Werth besonders eines politischen Blattes für den Absatz in Deutschland nie entscheidend ist. So z. B. wenn ich Ihnen versichere, daß von der »Allgemeinen Zeitung«, wie ich in der Officin derselben erfahren habe, nicht mehr als 2000 Exemplare gedruckt werden, während der »Nürnberger Correspondent« (ein gegen jene elendes Blatt) gewiß das Doppelte absetzt, und nur Cotta's große Kapitale, sein Stolz und seine Consequenz, auch ohne Vortheil ein Institut fortzusetzen, dessen Nützlichkeit er einmal erkannt hat — eine Consequenz, die aber nur einem Manne wie ihm möglich ist — bestimmen denselben, dieses Institut, das ihm ungeheuere Summen kostet und bei welchem er meinem Urtheile nach wenig oder nichts verdient, nicht untergehen zu lassen.

An vielen Orten sind die »Deutschen Blätter« abbestellt oder gehen in so geringer Anzahl dorthin, daß daraus abzunehmen ist, wie wenig Interesse das Publikum für sie noch zeigt. So gebraucht z. B. die thätigste Buchhandlung in Prag, die von andern Artikeln, welche die Zeit berühren, leicht funfzig und mehr Exemplare absetzt, nur ein einziges Exemplar, und ich erhalte posttäglich neue Abbestellungen für den nächsten Band, von dem man meint, daß er noch erscheinen werde.

Von sämmtlichen Journalinstituten in Deutschland gedeiht überhaupt keins mit eigentlichem Glück, und die meisten derselben erhalten sich nur dadurch, daß ihre Redacteure und Herausgeber zugleich die Haupt- oder einzigen Ausarbeiter derselben sind, daß sie also nicht an Andere etwas zu bezahlen nöthig haben und sich mit einer kleinen Ausbeute begnügen können. So schreibt oder übersetzt Herr Bran seine »Minerva« und »Miscellen« ganz allein selbst, oder er zahlt für etwaige kleine Mithülfe höchstens 3 Thlr. per Bogen; so ist Professor Voß in Halle der alleinige Verfasser der auch von ihm selbst verlegten »Zeiten«, und mir ist von den Commissionären desselben versichert worden, daß nicht 400 Exemplare von diesem Journale debitirt werden, ein Absatz, mit dem man einzig bei einem so hohen Preise und dann eben auskommen kann, wenn man zugleich noch alleiniger Verfasser und Selbstverleger ist. Die Bertuch'schen Journalinstitute erhalten sich gewiß einzig durch das fabrikmäßige Bearbeiten derselben und durch den Antheil, welchen Vater und Sohn selbst daran nehmen.

Brockhaus hatte bei Aufgeben der »Deutschen Blätter« eine directe Fortsetzung derselben beabsichtigt, doch kam sie aus Gründen verschiedener Art wenigstens nicht in der zuerst beabsichtigten Weise zu Stande.

Diese Fortsetzung sollte den Titel: »Encyklopädische Blätter« führen und von Professor Oken in Jena, einem Hauptmitarbeiter der »Deutschen Blätter«, herausgegeben werden. Das oben auszugsweise mitgetheilte Schlußwort der »Deutschen Blätter« hat deshalb die Ueberschrift: »Schluß dieser und Ankündigung der 'Encyklopädischen Blätter'« und theilt zugleich das Programm des neuen Blattes mit. Das erste Heft desselben wurde auch bereits im August 1816 mit der Jahreszahl 1817 ausgegeben (es trägt am Fuße der ersten Seite die eigenthümliche Notiz »Kundt am 1. August 1816«), aber unter dem veränderten Titel: »Isis oder Encyklopädische Zeitung von Oken«. Diese bekannte Zeitschrift, welche dann bis zum Jahre 1848 erschien und abwechselnd bald Eigenthum des Herausgebers Oken, bald der Firma F. A. Brockhaus war, ist also aus den »Deutschen Blättern« hervorgegangen, hat aber freilich nicht viel von denselben beibehalten. In jenem Schlußwort ist zwar direct gesagt: das neue Blatt sei »gewissermaßen das Kind der 'Deutschen Blätter', und die Mutter solle darin, wenngleich nur in einem kleinen Kämmerlein, fortleben«; allein dieses »Kämmerlein«, die politische Abtheilung, war sehr klein und wurde später ganz geschlossen, wie auch der Nebentitel »Encyklopädische Zeitung« bald wegfiel. Hingegen nahmen die Naturwissenschaften von Anfang an den größten Theil des Raums ein.

Die »Isis« wird in der folgenden Periode von Brockhaus' Verlagsthätigkeit in ihrer eigenthümlichen Gestalt und Geschichte vorgeführt werden; nur ihre Entstehungsgeschichte war hier zu erwähnen.


Die »Deutschen Blätter« bilden, von ihrer Stellung und Bedeutung in der Geschichte der deutschen Zeitungspresse abgesehen, auch ein wichtiges Glied in Brockhaus' Verlagsthätigkeit während der altenburger Periode. Sie boten ihm Gelegenheit, auf die politische Gestaltung Deutschlands einzuwirken und sich so auch persönlich an der großen Zeit der Freiheitskriege mit zu betheiligen; sie brachten ihn in nähere Beziehungen zu den besten politischen Schriftstellern seiner Zeit, die er dann für seine übrigen Unternehmungen an sich zu fesseln wußte; sie gaben endlich seinem ganzen Verlage für die nächste Zeit eine bestimmte politisch-nationale Richtung, wiewol diese bei der Vielseitigkeit seines Geistes und gegenüber den schon früher von ihm gepflegten Gebieten der Literatur keine ausschließliche blieb.

Als patriotischer Buchhändler nimmt der Herausgeber der »Deutschen Blätter« in der Geschichte der Jahre 1813-1815 jedenfalls eine ehrenvolle Stelle ein.