Gleich im Beginne seiner Verlegerlaufbahn entwickelte Brockhaus auch auf andern Gebieten der Literatur einen nicht minder regen, vielseitigen und für einen Anfänger kühnen Unternehmungsgeist als den eben geschilderten in der Herausgabe von Journalen.
Von Cramer verlegte er außer den »Individualitäten« zunächst noch Uebersetzungen von sechs Dramen der von diesem enthusiastisch verehrten und Shakspeare zur Seite gestellten englischen Dichterin Joanna Baillie (geb. 1762, gest. 1851). Sie erschienen noch 1806 unter dem von Cramer herrührenden Titel »Die Leidenschaften« in drei Theilen, deren jeder wieder einen ähnlichen charakterisirenden Titel führt: »Die Liebe«; »Der Haß«; »Der Ehrgeiz«, später (1808 und 1809) auch einzeln in sechs Separatausgaben unter ihren Originaltiteln.
Außerdem veröffentlichte er noch (1807 und 1808) Cramer's deutsche Bearbeitung der Werke des Engländers Pinkerton und des Franzosen Mercier über das damalige Paris unter dem Titel: »Ansichten der Hauptstadt des französischen Kaiserreichs vom Jahre 1806 an« (zwei Bände, jeder mit einem Titelkupfer), von Cramer durch eigene Beiträge vervollständigt. Die Idee zu diesem Werke scheint von Brockhaus ausgegangen zu sein; Cramer sagt darüber in dem Vorberichte:
Mein Freund Wilibald, Pflegevater meiner »Individualitäten«, glaubte daher (und vielleicht nicht mit Unrecht), daß dieses Gemälde eines Engländers (Pinkerton) ... eines deutschen Kupferstichs nicht unwerth ... Er trug mir dieses Geschäft auf ... bat mich endlich sogar, von dem Meinigen noch hinzuzuthun und Pinkerton's Gemälde mit einigen (wie ich es für gut finden würde) Verzierungen oder hors d'œuvres zu vermehren. Wenn ich (wünschte er weiter) den ersten großen Vorläufer aller dieser Maler — »notre maître à nous tous!« — Mercier, dazu bewegen könnte, mir sein Atelier zu öffnen ... so (meinte er) würde diese Vereinbarung eines Engelländers, Deutschen und Franzosen eine vielleicht nicht unpikante Sache sein, und an jener ursprünglich hauptsächlich britischen Zeichnung wenigstens nichts verderben.
Neben Cramer war Jens Baggesen, der bekannte dänische Dichter, der gleichzeitig auch in deutscher Sprache schrieb (geb. 15. Februar 1764 zu Korsör, gest. 3. October 1826 zu Hamburg), einer der ersten Schriftsteller, mit denen Brockhaus in geschäftliche und freundschaftliche Verbindung trat. Er schloß mit Baggesen schon am 17. Juni 1806 in Amsterdam, wo dieser damals zum Besuche war, einen Contract über eine neue umgearbeitete Auflage seines idyllischen Epos »Parthenais oder Die Alpenreise«, die 1808 erschien, und wenig Tage darauf (21. Juni) über eine Sammlung seiner Briefe, die aber erst 25 Jahre später (1831), als beide Contrahenten gestorben waren, herausgegeben wurde. Im folgenden Jahre (16. Juli 1807) wurde dann ein neuer Contract über Baggesen's neueste Gedichte abgeschlossen, die fast gleichzeitig mit der »Parthenais« (auch 1808) unter dem Titel: »Heideblumen. Vom Verfasser der Parthenais. Nebst einigen Proben der Oceania«, erschienen. Von der »Parthenais« verlegte er außerdem eine französische Uebersetzung in Prosa, von dem bekannten Gelehrten Fauriel gefertigt; hieran knüpfte sich eine längere Correspondenz zwischen Brockhaus und Fauriel über das durch Baggesen's Schuld vielfach getrübte Verhältniß zwischen diesem und Brockhaus, worüber wir weiter unten Näheres mittheilen.
Allein nicht blos journalistische und poetische Werke waren es, mit denen sich der junge Verleger beschäftigte; er wagte sich sofort auch an strengwissenschaftliche Werke größern Umfangs, deren Verlag zu allen Zeiten mit Opfern verbunden zu sein pflegt.
Schon 1807 erschien in seinem Verlage der erste starke Band einer lateinisch geschriebenen Geschichte der Botanik von dem gelehrten Arzt und Botaniker Kurt Sprengel in Halle: »Historia rei herbariae«, und im nächsten Jahre folgte der zweite Band; eine deutsche Bearbeitung desselben Werkes unter dem Titel: »Geschichte der Botanik«, erschien erst 1817-18 in seinem Verlage.
Fast gleichzeitig begann er ein noch umfangreicheres Werk desselben Verfassers zu verlegen: »Institutiones medicae«, in sechs Bänden, wovon der erste 1809 ausgegeben wurde, während die übrigen Bände in den Jahren 1810, 1813, 1814 und 1816, in einer für den Verleger theils seiner persönlichen, theils der politischen Verhältnisse wegen sehr schwierigen Zeit, erschienen. Indeß wurde bei diesem Werke sein Muth belohnt, indem er bereits wenige Jahre nach der Vollendung (1819) eine zweite vermehrte und verbesserte Auflage desselben veranstalten konnte.
Ein drittes wissenschaftliches Verlagswerk, das er gleich im Anfange seiner Verlegerthätigkeit übernahm, war die berühmte Naturgeschichte der Eingeweidewürmer von dem greifswalder (später berliner) Professor Karl Asmund Rudolphi (aus Stockholm); sie erschien unter dem Titel: »Entozoorum sive vermium intestinalium historia naturalis« (2 Bände, Band 2 in 2 Abtheilungen, 1808-10, mit 12 Kupfertafeln).
Ein viertes ebenfalls naturwissenschaftliches Werk, das er indeß wahrscheinlich nur als Commissionsartikel übernahm (auf dem Titel sind die Gebrüder van Cleef im Haag als Verleger genannt, während Heinsius' »Bücher-Lexikon« das Kunst- und Industrie-Comptoir in Amsterdam als solche bezeichnet) ist das Werk des bekannten französischen Botanikers Brisseau-Mirbel (damals im Haag, später in Paris) über eine Theorie des Gewächsbaues, mit französischem und deutschem Titel, herausgegeben von dem holländischen Dichter Bilderdijk, der sich vielfach auch mit naturwissenschaftlichen Studien beschäftigte. Eigenthümlicherweise ist der Text des Werks gleichzeitig französisch (links) und deutsch (rechts), während die Widmung an den König von Holland, die Vorrede Bilderdijk's und die ausführlichen Noten blos französisch sind. Bilderdijk entschuldigt sich in der Vorrede, daß er, in Amsterdam geboren, weder das Französische wie ein Pariser, noch das Deutsche wie ein »Sachse« schreibe; hiernach scheint auch die deutsche Uebersetzung von dem holländischen Dichter herzurühren.
Dem Jahre 1807 gehören noch drei Werke an, die von geringerer Bedeutung sind, aber gleich von Anfang an erkennen lassen, daß der Verleger die möglichste Vielseitigkeit seines Verlags erstrebte: ein französisches Reisehandbuch für Deutschland: »Itinéraire de l'Allemagne« (von dem Postmeister Raabe in Holzminden verfaßt), mit einer Karte; eine deutsche Uebersetzung des hauptsächlich nach Bossuet's Katechismus bearbeiteten, vom päpstlichen Legaten in Paris approbirten und von Napoleon obligatorisch eingeführten »Katechismus zum Gebrauche in allen Kirchen des französischen Kaiserreichs«; endlich eine deutsche Uebersetzung der berühmten Memoiren des französischen, in englische Dienste getretenen Schriftstellers Louis Dutens, der 1812 als britischer Historiograph in London starb, unter dem Titel: »Dutens Lebensbeschreibung oder Memoiren eines Gereiseten, der ausruht« (2 Bände), von dem durch sein Bibelwerk bekannten Johann Friedrich von Meyer in Frankfurt a. M. bearbeitet.
In dieser Zeit kam Brockhaus auch zuerst mit Villers in Beziehungen, die sich bald in freundschaftliche verwandelten und bis zu des Letztern Tode fortdauerten. Er veröffentlichte nämlich dessen berühmten »Brief an die Gräfin Fanny von Beauharnois«, worin Villers die Erstürmung Lübecks durch die Franzosen am 6. November 1806 und die dabei von denselben verübten Greuel als Augenzeuge schildert.
Charles François Dominique de Villers, geboren 4. November 1765 zu Bolchen in Lothringen, 1792 Artilleriehauptmann, floh bei Ausbruch des Revolutionskriegs 1793, von den Jakobinern bedroht, nach Deutschland, das fortan seine zweite Heimat wurde, und lebte meist in Lübeck, wo er viel mit der Familie Rodde verkehrte, besonders mit seiner geistreichen Freundin Dorothea Rodde, der Tochter des Geschichtschreibers Schlözer; 1811 wurde er zum Professor der Philologe an der Universität Göttingen ernannt, nachdem ihm 1809 wegen seiner »ausgezeichneten Verdienste um die deutsche Literatur« und besonders auch wegen seiner Bemühungen um das Wohl der Freien Hansestädte das Ehrenbürgerrecht von Bremen ertheilt worden war. Er wurde erst von französischer, dann von deutscher Seite mehrfach belästigt und starb 26. Februar 1815 in Leipzig.[23] Villers machte es sich zur Lebensaufgabe, deutscher Literatur und deutschem Wesen dieselbe Anerkennung und Achtung in Frankreich zu verschaffen, die er selbst dafür empfand, und so beiden Ländern zu nützen. Wurm bemerkt über Villers:
Wie sehr es ihm Ernst war mit der wissenschaftlichen Erforschung deutscher Zustände, das beweisen seine größern Arbeiten: die Darstellung der Kant'schen Philosophie, und die gekrönte Preisschrift über die Folgen der Reformation für die politische Lage der verschiedenen Staaten Europas und für den Fortschritt der Aufklärung. Das letztere Werk ist in wiederholten starken Auflagen und in einer holländischen, zwei englischen und drei deutschen Uebersetzungen verbreitet.
In der Würdigung deutschen Geistes wetteiferten mit ihm Benjamin Constant und Frau von Staël. Mit Beiden war Villers innig befreundet. Constant hatte in Deutschland eine geistige Heimat gefunden, nur nach und nach söhnte er mit dem Entschluß sich aus, den die Ereignisse ihm fast wider Willen aufdrängten, seine wissenschaftliche Thätigkeit mit einer politischen in Paris zu vertauschen. Frau von Staël gefiel sich eine Weile in dem Gedanken, mit Villers vereint dahin zu arbeiten, daß der Gegensatz zwischen deutschem und französischem Wesen sich ausgleichen möge. Bald aber fand sie sich verletzt durch seine ausgesprochene Vorliebe für Deutschland, die sie ihm in tadelnden, selbst in harten Worten vorwarf. Als ihr selbst derselbe Vorwurf — freilich von ganz anderer Seite her und in ganz anderm Sinn — zurückgegeben ward, da flüchtete sie mit ihren Klagen zu dem alten Freunde.
Während ihrer langen Verbannung, der endlich der Sieg der fremden Waffen ein Ziel setzte, hatte ihre Liebe zur Heimat nur noch stärkere Wurzeln geschlagen. Anders war es mit Villers. Lebensschicksale, geistige Gewohnheiten hielten ihn von Frankreich fern, nicht irgendeine äußere, gebieterische Nothwendigkeit. In den frühern geflügelten Worten der Frau von Staël lag ein Stachel, den er tief und schmerzlich empfand. Glücklich, selbst inmitten einer ehrenvollen und vielbewunderten Thätigkeit, ist seine Lage nicht gewesen. Sie konnte es nicht sein.
Wir Deutschen sind am spätesten zu dem Bewußtsein gelangt, daß die Nationalität nichts Zufälliges, daß sie nicht ein Ding ist, das man nach Belieben festhalten oder abstreifen und vertauschen mag. Es würde besser um unser Vaterland bestellt sein, wenn wir eher aus unsern weltbürgerlichen Träumen erwacht wären. Nicht daß es an kräftigen Stimmen gefehlt hätte, die uns zuriefen, das heilige Feuer zu hüten. Aber wir, wir schliefen und träumten.[24]
In dieser beschämenden Betrachtung liegt gutentheils der Schlüssel zu demjenigen, was Villers' Ruhm und was sein Unglück ausmachte. Gewiß, wenn irgend Einer, so war er berufen, den geistigen Verkehr zwischen Deutschland und Frankreich zu vermitteln. Aber er fand sich zwischen beide Nationen gestellt. Und er trat zu uns herüber, als die Gewaltherrschaft seiner Landsleute, ein unholder Alp, über unser Vaterland sich ausbreitete, und jegliches Eigenthümliche zu erdrücken drohte. Das Ritterliche seines Charakters hat ihn herübergeführt. Aber seinen Landsleuten gegenüber, wie sollt' er da den Schein abwehren, als habe er die eigene Heimat verleugnet?
Daß er uns näher angehörte, können wir nicht bezweifeln, da er selbst es eingestanden hat. Der Anlaß aber, bei welchem ihm das Bekenntniß entschlüpfte, war der bitterste, der unverdienteste, der ihm widerfahren konnte. Es war die unerhörte Behandlung, die er von der wiederhergestellten hannoverschen Regierung erfuhr; das absichtsvolle Misverständniß, als wär' er in Göttingen eben nur ein Eindringling des westfälischen Zwitterreichs gewesen; das Abfinden durch einen Gnadengehalt, in der Voraussetzung, er werde denselben in Frankreich verzehren. Durch die spätere Erlaubniß, in Göttingen zu bleiben, und durch eine Pensionszulage war das nicht wieder gut zu machen. Die Kränkung hat sein Herz gebrochen.
Uns Deutschen geziemt es, eingedenk zu sein, was er uns zum Opfer gebracht hat.
Villers' Brief an die Gräfin von Beauharnais wurde dadurch veranlaßt, daß diese, die Tante der Kaiserin Josephine, nach den schrecklichen Ereignissen von Lübeck der Villers wie ihr befreundeten Familie Rodde Theilnahme ausdrücken und ihre Hülfe anbieten ließ. Villers benutzte dies, um der einflußreichen geistvollen Dame, die in Paris seine persönliche Bekanntschaft gesucht hatte, die traurige Lage Lübecks vorzustellen. Der Brief, vom 15. December 1806 datirt, ging erst am 12. Februar 1807 an seine Adresse nach Paris; am 4. März traf die Antwort ein, daß die Gräfin bereit sei, dem Kaiser den Brief vorzulegen und aufs wärmste zu befürworten. Inzwischen hatte Villers denselben in Lübeck als Manuscript drucken lassen und sandte am 5. März vier Exemplare nach Paris, darunter eins an Bernadotte und eins an Daru. Gleichzeitig schickte er auch ein Exemplar an Brockhaus; dieser ließ schon im Aprilhefte seines »Conservateur« den Brief abdrucken (vgl. S. 78) und außerdem Separatausgaben davon in französischer und deutscher Sprache erscheinen, die großes Aufsehen erregten und rasch drei Auflagen erlebten. Auch zu diesen Separatausgaben hatte Brockhaus jedenfalls Villers' Zustimmung, denn in einem (nicht unterzeichneten) Vorberichte heißt es: der Brief sei erst blos als Manuscript gedruckt worden, »da aber diese Schrift schon hier und da herumgekommen und ihr Verfasser sah, wie zweifelhaft es sei, einer voreiligen unerlaubten Bekanntmachung zuvorkommen zu können, so hat er unserm Wunsche gern nachgegeben und uns den Druck erlaubt« u. s. w. Der Brief war gleichzeitig in Paris gedruckt, aber dort wie später auch in Amsterdam confiscirt worden. Wurm sagt darüber:
Hat nun bei den »hohen und höchsten Herrschaften« diese beredte Fürsprache irgend Etwas ausgewirkt? Nein, nicht das Mindeste. Aber die Darstellung selbst, die, wie sich erweisen läßt, nur für das Auge einiger Wenigen bestimmt war, hat mit einem male die größte Oeffentlichkeit erlangt. Wenige Flugschriften in jener bewegten Zeit sind so verschlungen worden. Der Eindruck war tief und nachhaltig. Ein richtiger Instinct sagte den Feldherren, daß der französischen Herrschaft, daß dem Vertrauen der Völker zu französischer Gerechtigkeit und zu französischem Schutz ein sehr schlechter Dienst geleistet sei, indem die Wahrheit an den Tag komme.
So fehlte es denn auch nicht an den Maßregeln, durch welche das böse Gewissen sich zu verrathen pflegt. Die Schrift von Villers ward in Paris confiscirt[25]: Baggesen, in einem ergötzlichen Brief, wünschte dem Verfasser Glück dazu. Die Aufregung unter den Franzosen war so groß, daß selbst die lübecker Censur sich endlich gemüßigt fand, die Buchhändleranzeige, welche die Schrift zum Verkauf anbot, zu streichen.
Bedenklicher war, daß Villers von sicherer Hand erfahren mußte, auch Bernadotte habe an der Schrift Anstoß genommen. Doch war das gute Vernehmen, wie man aus dem Schreiben eines Adjutanten des Prinzen ersieht, dadurch nicht auf die Dauer gestört. Keinenfalls ließ Villers sich irre machen. Er war sich keiner Uebertreibung bewußt, und erklärte dies öffentlich im Vorwort zu einer spätern Auflage.
Der von Wurm erwähnte Brief Baggesen's an Villers, aus Hamburg vom 27. Juni 1807 datirt, lautete:
Ich schicke Dir hier die ganze Saisirungsgeschichte aus Amsterdam und Paris, die, wie ich hoffe, Dich mehr freuen als befremden wird. In der That war es nicht leicht möglich, Dir und der Sache einen größern Dienst zu erweisen, als eben durch diesen erzdummen Streich der pariser Polizei geleistet worden ist. Eine Schrift, wovon schon mehrere tausend Exemplare im Umlauf sind, zu confisciren, hieß derselben außer dem Umlauf auch Einlauf — Interesse ins Unendliche — außer dem moralischen auch religiösen Einfluß und selbst (das Höchste, was in unsern Tagen ein Buch gewinnen kann) den Reiz der Sünde, vel quasi des Verbotenen, verschaffen. Wüßte ich nur mit Gewißheit, daß man auch meine Sachen auf diese Weise saisiren würde, den Augenblick gäbe ich die göttlichsten Dinger heraus — allein ich fürchte, man würde mich statt der Sachen saisiren. So wird dem großen Sieger mitgespielt! Wäre ich an seiner Stelle, ich setzte meine Polizei den Augenblick ab. Das Buch hätte sie, wenn sie ihr Geschäft recht verstanden, laufen lassen sollen und dagegen von einem lübecker Rathsherrn öffentlich bekannt machen lassen, daß der Verfasser nicht gewußt, was er geschrieben, daß sie (die Lübecker) betheuern können, es sei gerade das Gegentheil wahr u. s. w. Die Pariser, die nicht nach Lübeck laufen können, um Syndicus den oder den zu fragen: »Haben Sie das wirklich geschrieben?«, wären angeführt worden, wenigstens im Zweifel — jetzt wissen sie, was an der Sache ist.
Diese Schrift sollte aber für Villers doch noch verhängnißvoll werden. Vier Jahre nach ihrem Erscheinen, als er eben im Begriff stand, Lübeck zu verlassen, um einem Rufe an die Universität Göttingen Folge zu leisten, ließ ihn Marschall Davoust wegen derselben verhaften und seine Papiere durchsuchen. Da man nichts ihn Compromittirendes fand, ward er wieder freigelassen, aber aus den »von den französischen Waffen besetzten« Ländern verwiesen. Er verließ Lübeck am 8. März 1811, die Verfolgung ruhte auch in Göttingen nicht, und es ist unzweifelhaft, daß, wie Wurm sagt, die damit verknüpften Kränkungen sein Herz gebrochen haben; er starb, wie schon erwähnt, vier Jahre darauf (1815), kaum 50 Jahre alt.[26]
Brockhaus verlegte bald nach jenem Briefe noch ein anderes kleines Werk von Villers: eine französische Uebersetzung der 1808 bei Friedrich Perthes in Hamburg erschienenen Schrift »Der Kaufmann« von Johann Albert Heinrich Reimarus, dem eigentlich auf einem andern Gebiete, als Physiker, bekannten Sohne des Verfassers der »Wolfenbüttelschen Fragmente«, Hermann Samuel Reimarus. Die Uebersetzung führt den Titel »Le commerce« (1808) und ist mit einem Vorwort von Villers versehen.
Außerdem druckte Brockhaus 1807 in dem ersten Hefte seines »Conservateur« eine längere Abhandlung von Villers: »Sur la manière essentiellement différente, dont les poètes français et les allemands traitent l'amour«, und 1809 eine Schrift »Coup d'oeil sur l'état actuel de la littérature ancienne et de l'histoire en Allemagne«, die als ein Bericht an das Institut de France und in einer Nachschrift als eine Rechtfertigungsschrift seines »Coup d'oeil sur les universités allemandes« (Kassel 1808) bezeichnet ist.
Auch in späterer Zeit und bis zu Villers' Tode blieb Brockhaus mit demselben in geschäftlicher Verbindung. So verlegte er 1814 dessen letzte Schrift, in der die Wiederherstellung der drei Hansestädte warm befürwortet wird: »Constitutions des trois villes libres anséatiques, Lubeck, Brêmen et Hambourg. Avec un mémoire sur le rang que doivent occuper ces villes dans l'organisation commerciale de l'Europe.« Vorher noch hatte er auf Brockhaus' Wunsch und zugleich auf den der Frau von Staël eine Einführung zu ihrem berühmten Buche »De l'Allemagne«, datirt Göttingen, 20. Juli 1814, geschrieben, die mit einer neuen Ausgabe desselben 1815 bei Brockhaus erschien. Die erste 1810 in Paris in 10000 Exemplaren gedruckte Auflage dieses Buchs war dort vor der Ausgabe von der kaiserlichen Polizei confiscirt und vernichtet, die Verfasserin aber aus Frankreich verbannt worden. Sie ließ es darauf 1814 in London, 1815 in Genf und in Leipzig drucken und erst im folgenden Jahre konnte in Frankreich selbst wieder eine neue Auflage erscheinen.
Von größern Verlagsunternehmungen Brockhaus' aus dieser Zeit ist zunächst das »Historisch-militärische Handbuch für die Kriegsgeschichte der Jahre 1792 bis 1808« von dem ehemaligen niederländischen Oberstlieutenant A. G. Freiherrn von Groß (Amsterdam 1808) zu erwähnen. Dasselbe war von einem großen »Historisch-militärischen Atlas« in siebzehn in Kupfer gestochenen Tafeln begleitet, den Brockhaus in Weimar von Legationsrath Bertuch, Besitzer des Landes-Industrie-Comptoirs, herstellen ließ. Der Verfasser, 6. December 1756 geboren, diente zur Zeit der Revolutionskriege in der niederländischen Armee, vertheidigte unter anderm 1794 die Festung Grave gegen die Franzosen unter Pichegru, lebte dann zurückgezogen mit dem Titel eines herzoglich sachsen-weimarischen Kammerherrn in Weimar und starb daselbst am 18. November 1809. Er war als Militärschriftsteller geschätzt, namentlich wegen des genannten Werks und wegen eines frühern über die höhere Taktik (Gera 1804).
Im Jahre 1808 trat Brockhaus auch mit einem Manne in Verbindung, der ihn in die ersten, für ihn später so verhängnißvollen Conflicte mit der preußischen Regierung verwickelte. Es war der preußische Oberst August Ludwig Christian von Massenbach. Dieser, 1758 geboren, in dem unglücklichen Jahre 1806 Generalquartiermeister des Fürsten Hohenlohe, veranlaßte, wie es scheint durch eine irrthümliche Meldung, die Ergebung seines Corps bei Prenzlau. Deshalb in eine Untersuchung verwickelt, lebte er erst auf einem ihm vom Könige von Preußen geschenkten Landgute im Posenschen, dann in Würtemberg, und verfaßte dort drei Werke, die bei Brockhaus erschienen und großes Aufsehen erregten. Nachdem er wiederholt um seine Entlassung aus dem preußischen Kriegsdienste angehalten, stellte er 1817 an den preußischen Hof und an den König persönlich verschiedene Anträge, unter der Drohung, im Nichtgewährungsfalle wichtige in seinem Besitze befindliche Papiere zu veröffentlichen. Darauf in Würtemberg auf Ansuchen Preußens verhaftet, wurde er nach Küstrin gebracht, dort kriegsgerichtlich zu 14 Jahren Festungshaft verurtheilt (wegen beabsichtigten Landesverraths durch Bekanntmachung amtlicher Schriften), 1820 nach Glatz gebracht, aber 1826 vom Könige begnadigt. Er starb bald darauf, 27. November 1827.
Massenbach war ein geistvoller politischer und militärischer Schriftsteller, und seine Werke haben hohen Werth für die Zeitgeschichte. Indessen litt er an großer Selbstüberhebung, indem er fortwährend darzuthun suchte, daß er durch seine Rathschläge das Unglück des preußischen Staats abgewendet haben würde, wenn sie befolgt worden wären. Außerdem ließ er sich oft zu rücksichtslosen und unberechtigten Angriffen auf die leitenden Persönlichkeiten des preußischen Staates hinreißen.
Die erwähnten drei Werke Massenbach's sind: »Rückerinnerungen an große Männer« (2 Abtheilungen, Amsterdam 1808); »Memoiren zur Geschichte des preußischen Staats unter den Regierungen Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III.« (3 Bände, Amsterdam 1809); »Historische Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Verfalls des preußischen Staats seit dem Jahre 1794 nebst meinem Tagebuche über den Feldzug von 1806« (2 Theile, Amsterdam 1809). Letzteres und das vorige Werk enthalten mehrere Karten und Pläne.
Noch drei andere Verlagswerke gehören in diese Zeit: »Parallelen« von Christian Daniel Voß (Professor des Staatsrechts und der Kameralwissenschaften in Halle, geb. 1761, gest. 1821), in zwei Theilen (1808 und 1811 erschienen), eine vergleichende Darstellung der Jahrhunderte Ludwig's XIV. und Napoleon's I.; Dschami's persischer Liebesroman »Medschnun und Leila«, aus dem Französischen übersetzt und erklärt von Anton Theodor Hartmann (damals in Oldenburg, später schwerinischer Consistorialrath und Professor in Rostock, verdienter Orientalist, geb. 1774, gest. 1838), 1808 in zwei Bändchen erschienen; endlich, ebenfalls 1808, das dramatische Gedicht »Aladdin oder die Wunderlampe« von Adam Oehlenschläger, dem bekannten dänischen Dichter (geb. 1779, gest. 1850), der seine meisten Werke gleichzeitig auch in deutscher Sprache veröffentlichte.
Mit diesen drei hervorragenden Schriftstellern trat Brockhaus dadurch in eine dauernde Verbindung, besonders mit Oehlenschläger.
Bei dieser für einen jungen Verleger mit beschränkten Mitteln staunenswerthen Ausdehnung seiner Unternehmungen war es nicht zu verwundern, daß Brockhaus bald wieder in finanzielle Verlegenheiten gerieth. Die Früchte seiner Arbeit, wenn es überhaupt zu solchen kam, reiften nicht so schnell, als seine sanguinische Natur es erwartete; auch war er als früherer Kaufmann noch nicht daran gewöhnt, daß der Verlagsbuchhändler im besten Falle ein Jahr lang auf das Erträgniß seiner Thätigkeit zu warten hat. Es handelte sich zwar nicht um so große Summen, wie in seinem frühern Geschäftsleben, aber um so ärgerlicher war ihm bei seinem regen Streben und dem guten Gang des Geschäfts das Ausbleiben der zum Fortbetriebe desselben erforderlichen mäßigen Gelder.
In seiner Sorge wandte er sich natürlich wieder an seinen »einzigen Freund«, wie er ihn oft nennt — seinen Bruder in Dortmund. Er schreibt ihm in dem bereits mehrfach erwähnten Briefe vom 25. August 1807:
In dieser Zeit faßte ich den Gedanken, vor meine Person und Familie aufs Land zu gehen und für mich nur die Direction der Verlagsunternehmungen zu halten, meine andere sehr lucrative, aber lästige Unternehmung[27] zu verkaufen, wenn ich 10000 Fl. dafür erhalten könnte, da mir 6000 Fl. dafür geboten wurden, und die Sortimentsgeschäfte mit Jemandem in Compagnie zu treiben, der sie dann leiten sollte. Es war mein Lieblingsgedanke, der auch um so eher ausführbar war, da ich auf dem Lande mit der Hälfte hätte leben können und ich die mir vorbehaltenen Geschäfte von dort so gut wie von hier (Amsterdam) hätte besorgen können. Indessen aus diesem Idyllenplane wurde nichts, und ich fuhr dann fort, unser Geschäft immer zu erweitern und zu consolidiren. Im Herbst vorigen Jahres bekam ich von Hannover einen sehr geschickten Commis, der seitdem den eigentlichen Sortimentshandel dirigirt und das Meßgeschäft (er war auch Ostern in Leipzig), und mein Departement ist dagegen Verlagsgeschäft, Correspondenz mit den Gelehrten und andere dahin einschlagende Arbeit .... Das Geschäft ist übrigens vortrefflich, und es wird und kann, wenn es so fort geht, mich nicht blos zu einem wohlhabenden Manne machen, sondern auch recht innig zufrieden mit meinem Schicksale und meiner Lage. Von unsern ostensibeln und inostensibeln Verlagsunternehmungen haben wir bisjetzt an keinem Schaden gehabt, an mehrern aber viel gewonnen. Ich werde Dir von beiden Arten (unter den letztern sind die berühmten »Vertrauten Briefe über die innern Verhältnisse am preußischen Hofe«[28], woran ich zum Viertel interessirt bin), mit Gelegenheit ein Exemplar senden, daß Du mal sehen kannst, was wir in diesem Fache getrieben haben. Außer diesen Verlagsunternehmungen ist unser Sortimentsgeschäft (Verkauf fremden Verlags hier im Lande) schon so bedeutend, daß wir monatlich im Durchschnitt an 3000 Fl. debitiren. Es wird Dir bekannt sein, daß man auf Bücher an 33 Procent Rabatt hat, und ist ein solcher Umsatz also sehr ansehnlich, und kann sich derselbe, besonders wenn wir mal Frieden bekommen, noch sehr vermehren. Da wir nun sogar unser Sortiment großentheils wieder gegen Verlag changiren und wir am Verlag wieder stark verdienen, so ist es mathematisch klar, daß mein jetziges Geschäft recht sehr vortheilhaft ist und ich, ohne daß ich mir unberufen schmeichele, die wahrhaft glücklichsten Resultate davon erwarten kann.
Nur in einem, aber in einem sehr wesentlichen Punkte finde ich mich gedrückt, und ich erzähle Dir diesen nun um so eher, da ich auf Sophiens Rath Dich darin zu meinem Vertrauten mache. Ich hätte es ohne diesen nicht übers Herz bringen können, da es nun einmal leider mein Charakter ist, daß ich mich lieber hindrücke und hinwürme, als über solche Sachen laut zu werden. Es ist dies, daß, da wir bei diesen Geschäften Alles und Alles auf Jahresrechnung stellen müssen und wir etwa nur ein Funfzigstel baar verkaufen, alles Andere aber nicht vor dem Anfang des folgenden Jahres einkommt, daß es mir da gegen Ende des Jahres knapp in Casse wird, weil wir so unsaglich viel an Porten, Frachten, Papieren, Buchdrucker- und Buchbinderlohnen beständig ausgeben müssen, dabei die schweren Haushaltungsausgaben, Miethen und Abgaben zu tragen haben, die alle so viele beständige Ausgaben erfordern, wogegen wir im Laufe des Jahres fast nichts, sondern Alles erst im Januar und Februar einnehmen. Dies genirt mich nun in diesem Jahre besonders, da ich für mehrere Unternehmungen ein Ansehnliches habe aufwenden müssen, das sich aber erst zu Ostern 1808 rentirt. Recht sehr wünschte ich also, mit einigen Fonds in diesem Jahre ausgeholfen zu werden, und ich frage Dich nun darum, ob Du das möglich machen kannst, sei es durch Dich selbst oder durch Deinen Credit ....
Es ist mir schwer gefallen, über diesen Punkt offen zu werden, und ohne das Zureden Sophiens hätte ich es unmöglich gekonnt. Ich füge weiter nichts hinzu, lieber Bruder, als daß jede Zeile, die ich Dir heute schrieb, lautere nackte Wahrheit ist, und daß ältere Schulden mich keine drückt noch ihrer mehr existirt.
Auf diesen Brief erfolgte sofort in echt brüderlicher Weise Hülfe durch Uebersendung einer ansehnlichen Summe. Brockhaus antwortete in einem Briefe vom 18. September, dessen Anfang eine gemüthvolle Erinnerung an seine Kinderzeit enthält:
Woran erinnerst Du mich, lieber Bruder, durch die Erzählung Deiner Reise zum guten lieben Onkel? An die auch für mich glücklichsten Stunden meines Lebens, das damals so eben und heiter dahinfloß wie ein rieselnder Bach! An die Jahre meiner Kindheit, meines Jünglingsalters, die des jungen Mannes, wo ich, noch unbekannt mit den Täuschungen des wirklichen Lebens, an der Pforte desselben stand und mit hochfliegendem Sinne und Herzen, ach! die schönsten Hoffnungen von der Zukunft und den Menschen überhaupt hatte und auch wol berufen und geeignet war, sie haben zu dürfen. Damals ahndete ich den giftigen Mehlthau nicht, der sich auf die Blume meines Lebens setzen und Jahre lang desselben würde vergiften machen! O die Zeiten, lieber Bruder! wie wir mit dem guten und geistvollen Onkel[29] dann durch die langen und fruchtbaren Aecker und zwischen dem wogenden Meer der vollen sich niedersenkenden Aehren einhergingen nach dem Kloster Welver, oder nach Dinker oder zur Kirmeß — ich weiß nicht wo, wie heitere und seelenvolle Gespräche uns erquickten, ländliche Kost uns erfreute, wie wir von Alt und Jung gegrüßt, ehrerbietig gegrüßt wurden, von allen Menschen als Freunde behandelt und zärtlich gepflegt wurden.
Mir ist der Onkel immer wie der ehrwürdige Pfarrer zu Grünau, von dem Voß in seiner »Luise« ein so hinreißend entzückendes Gemälde aufgestellt hat. Damals litt der gute Onkel immer viel, er war kränklich und seinem Leben schienen nur noch kurze Tage zu harren. Es freut mich unendlich, daß unsere Furcht sich darin nicht bewahrheitet, und ich gebe noch keineswegs die Hoffnung auf, ihn noch einmal, ehe er oder ich jene furchtbare Reise antreten, von der kein Wanderer zurückkommt, an meine Brust zu drücken. Vielleicht ist diese Zeit selbst näher als ich noch vor kurzem hätte denken können. Es ist nämlich sehr wahrscheinlich, daß ich nächste Ostern selbst mit nach Leipzig gehen werde. Unsere dortigen Geschäfte und Berechnungen, Tausche, Einkäufe, Arrangements mit Druckereien, Papierhandlungen, Autoren u. s. w. sind wichtig und mannichfaltig genug, um die Kräfte eines Mannes alleine zu übersteigen und auch von zu bedeutenden Folgen, um sie einem auch noch so guten Commis anvertrauen zu können. Wenn es mir also nur irgend möglich ist, so habe ich zur Absicht, alle Jahre, so Gott will, selbst Ostern nach Leipzig zu gehen in Begleitung eines Gehülfen, der den mechanischen Theil des Geschäftes und der Berechnungen besorgt. Ich habe zu einer solchen Reise mehrere Reiserouten vor mir, werde aber gewiß, wenn meine dortigen Angelegenheiten einmal in Ordnung sind, wofür ich möglichst sorgen werde, zur Hin- oder Herreise immer die über Dortmund nehmen. Bei Lesung Deines letzten Briefs, lieber Bruder, ist mir dabei der Gedanke eingefallen, wie außerordentlich nützlich für Dein Geschäft, erhebend für Deine Seele und stärkend für Deinen Körper es sein würde, wenn auch Du es einrichtetest, alle Jahre einmal abwechselnd nach Frankfurt oder Leipzig zu gehen, und wir dann vielleicht dann und wann solche Reisen hin oder zurück zusammen machen könnten. Der Gedanke, theuerster Bruder, ist mir so ausführbar vorgekommen, daß ich ihn gar nicht loswerden kann! und doch ist es mir zu reizend, als daß ich es mir wieder zu schmeicheln wagen mag, daß er wirklich werde ausgeführt werden ....
Zu meinem jetzigen Geschäfte, wie es jetzt geht, bedarf ich durchaus noch einiger Fonds, und es ist nicht dem allermindesten Zweifel unterworfen, daß, wenn ich nur noch so viele habe, als ich oben gedachte, es mir möglich sein wird, dasselbe auf einen solchen Fuß zu halten und zu setzen, daß für mich und meine Familie die segensreichsten Folgen daraus entstehen werden. Die Zeiten der Chimären und der Luftschlösser sind bei mir vorbei: was ich jetzt thue und treibe, beruht auf dem sichersten Calcul. Nur der sehr gute Erfolg mehrerer unserer Unternehmungen hat übrigens auch nur diese noch nöthige Alimentation veranlaßt, da wir nicht im Stande sind, diese Unternehmungen aufzuhalten, die Fonds dafür aber erst im nächsten Jahre u. s. w. eingehen. So müssen wir von Villers' Briefe über Lübeck schon wieder zwei neue deutsche und französische Auflagen machen, ob wir gleich viele Tausend von der ersten haben drucken lassen. So von einem französischen Handbuche für Reisende durch Deutschland ebenfalls schon wieder die zweite Auflage, obgleich die erste von 2000 Exemplaren erst im Januar und Februar erschienen. So ist das Glück, das die »Vertrauten Briefe« machen, woran ich ein Viertel habe, außerordentlich. Aber diese glücklichen Unternehmungen erfordern gerade deswegen Nachschüsse, worauf ich nicht gerechnet, und die, da wir im Laufe des Jahres so wenig einnehmen, mich sehr en peine setzen für den Rest des Jahres, besonders da es hier platterdings gar keine Ressourcen für mich gibt, und ich Alles und Alles aus mir selbst schöpfen muß. Es sind indessen keine großen Summen, deren ich jetzt bedarf, und mit einigen tausend Gulden, die ehemals ein Tropfen im Eimer gewesen wären, kann ich über die kleinen Sorgen nun alle wegkommen. Und doch drücken solche außerordentlich und sie müssen auf immer weggeräumt werden.
Darauf folgt, unter herzlichem Danke für das zunächst Gewährte, die Bitte um eine weitere größere Summe, die er bestimmt im nächsten Jahre zurückerstatten will: »Du könntest darauf wie auf Deine Existenz rechnen!« Er schließt:
Du kennst nun meine Sorgen und meine Hoffnungen alle. Vertraue, vertraue auf mich. Mein Dank, Sophiens Dank, unser Aller Dank wird Dich für alles Gute, was Du uns schon gethan, Du allein uns gethan, bis zum letzten Odemzuge begleiten .... Wir Alle grüßen euch Alle tausendmal.
Als auf diesen Brief eine abschlägige Antwort kam, weil der Bruder, trotz seiner steten Bereitwilligkeit zu helfen, diesmal die Bitte nicht erfüllen konnte, entschloß sich Brockhaus' Frau ohne Vorwissen ihres Mannes nochmals an den Schwager zu schreiben. Ihr Brief, einer der wenigen, die von ihr erhalten sind, gibt ein treues Bild ihrer einfachen, aber gediegenen und gesunden Natur. Das im Eingang des Briefs erwähnte sechste Kind, Max, war wenige Monate vorher, am 19. Juni 1807, geboren worden; es starb übrigens nach kaum drei Jahren, im März 1810, in Dortmund. Sie schreibt aus Amsterdam vom 29. September 1807:
Lieber Herr Bruder!
Ich schreibe Ihnen diesen Brief ohne Vorwissen meines guten Brockhaus; dieser ist auf Comptoir, und ich sitze hier im Kreise aller meiner Sechse, Max schläft eben, und das Kindermädchen mag sehen, wie sie ein halb Stündchen mit den übrigen fertig wird, denn ich muß absolut mit Ihnen sprechen.
Daß es uns gut geht, daß wir zufrieden sind, daß Brockhaus in seinen Geschäften glücklich ist, sich glücklich darin fühlt, daß wir bei dem schrecklichen Lauf der Weltbegebenheiten und der Zernichtung des englischen Handels hier (für den, der nicht über große Fonds zu disponiren hat) sehr froh sind, die Trümmer unsers Vermögens in ein Geschäft gerettet zu haben, das, wenn es, wie es scheint, mit dem Glücke fortgeht, als es angefangen wurde, uns ein redliches Bestehen sichern wird — dies Alles, werthester Bruder, wissen Sie wohl und gewiß von Brockhaus. Aber Brockhaus findet gerade jetzt in dem guten Fortgange seines Geschäfts Veranlassung zu Sorgen, auf die er nicht gefaßt war und die ihn erstaunlich angreifen, da er sich möglich denkt, daß, wenn er gar nicht im Stande wäre Hülfe zu finden, alle unsere guten Aussichten wieder zusammenfallen, er seinen unbegrenzten Credit in Leipzig, den er sich so mühsam angebaut, verlieren, und wir Alle dann eigentlich unglücklich werden könnten. Sie wie ich würden ihm hier dann die Erinnerung machen können, daß er sich nach seinen Mitteln hätte einschränken müssen; allein er bemerkt darauf, daß sich das nicht auf ein paar tausend Gulden im ganzen Jahre lang berechnen ließe &c. Das kann ich auch nicht beurtheilen. Aber die Sache ist, daß hier in Brockhaus seinem Geschäft Alles auf Jahresrechnung geht, er aber Vieles beständig bezahlen muß, Frachten, Papier, Druckerlohn &c. beständig viel Geld wegnehmen, und daß Brockhaus, um Credit zu kriegen, Vieles hat prompt bezahlen müssen, wo er in Zukunft Credit haben wird — kurz, Brockhaus hat für den Lauf dieses Jahres noch ein paar tausend Gulden zu bezahlen, wozu er hier keine Aussicht hat, um sie in diesem Jahre anschaffen zu können. Wir leben erstaunlich eingezogen, haben fast mit keinem Menschen Umgang, und wo wir Freundschaft mit haben, die haben keine Mittel, worüber sie disponiren können, und in Amsterdam muß man nicht mit Geldfragen kommen: eine kalte abschlägige Antwort ist, was man zu erwarten hat, und ihre Achtung und Freundschaft, ja gar Vertrauen — Alles ist weg.
Brockhaus hat sich also, lieber Bruder, in seinen Sorgen um die paar tausend Gulden, die ihm die Kohlen auf den Fuß legen, an Sie gewendet, weil er hoffte, daß Sie in Ihrem Verhältnisse eher Rath dazu schaffen könnten und aus Liebe für uns Alles thun würden, was in Ihren Kräften wäre. Schrecklich war daher gestern seine Täuschung, als Ihr Brief ihm sagte, daß Sie jetzt nicht könnten. Der Himmel weiß es, wie er es machen wird, da ich weiß, daß er in acht Tagen schon ein paar Wechsel bezahlen muß und im nächsten Monat Alles gebraucht. Mir ist also eingefallen, ob Sie in Verbindung und in Ueberlegung mit Luise[30] und Rittershaus die doch nicht gar große Summe zusammenbringen könnten. Rittershaus hat Vermögen und Credit, und ich vertraue auf Luise, daß sie etwas auf Rittershaus vermag und er ihr und mir eine solche Gefälligkeit nicht abschlagen werde. Ich weiß auch, daß Brockhaus im Stande ist, es ihm nöthigenfalls im Januar oder zur Ostermesse wieder zurückzugeben, vielleicht könnte er ihm Kleie dafür senden. Das Wenige, was mir früher oder später zufallen wird, gebe ich auch gern bis zum Ersatz. Ueberlegen Sie es also mit Luise. Thun Sie, was Sie können, Sie machen mich dadurch zum glücklichsten Weibe. Ich habe nicht nöthig, Ihnen zu erinnern, daß es mir lieb sei, wenn darüber kein Gerede entstehe. An Luise schreibe ich nur ein paar Zeilen, Sie werden die Güte haben, sie von der wahren Lage der Sachen zu unterrichten, daß es nicht Mangel überhaupt ist, sondern Verlegenheit gegen Ende des Jahres und unvorhergesehene starke Ausgaben und da wir keine Ressourcen haben. O wie glücklich würde ich sein, wenn der nächste Posttag mir sagte, daß Sie etwas für uns thun könnten — Ihr Herz bürgt mir für Ihren Willen.
Nicht mit ganz frohem Herzen sage ich Ihnen Lebewohl. An Lottchen und Papa tausend Grüße. Ich bin Ihre Sie hochschätzende Schwester
Sophie Brockhaus.
Ob ihre Bitte Erfolg hatte, geht aus den wenigen aus dieser Zeit erhaltenen Briefen nicht hervor, doch ist es wahrscheinlich, da in den nächsten Monaten von finanziellen Verlegenheiten nicht weiter die Rede ist.
Bei der Bedeutung und Ausdehnung, die Brockhaus' buchhändlerisches Geschäft rasch erlangt hatte, war es (wie er auch unterm 18. September 1807 seinem Bruder schrieb) seine bestimmte Absicht, alljährlich Ostern zur Buchhändlermesse nach Leipzig zu reisen. Ein Besuch derselben war zu jener Zeit noch wichtiger als er es gegenwärtig ist, besonders für den Besitzer eines neuerrichteten Geschäfts; auch hatte er bereits vielfache geschäftliche Beziehungen in Leipzig, deren Pflege und Erweiterung ihm am Herren lag; endlich freute er sich darauf, die Stadt wiederzusehen, in der er als junger Mann eifrigen Studien obgelegen und wol zuerst den Entschluß gefaßt hatte, selbst einmal den Buchhändlerstand zu wählen.
Im Frühjahr 1808 hoffte er den langgehegten Plan zum ersten male ausführen zu können, allein seine Hoffnung wurde wieder vereitelt. Kurz nach der Michaelismesse 1807 hatte er plötzlich denjenigen Gehülfen verloren, der, wie er in einem Circulare sagt, »zeither unser schnell wichtig gewordenes deutsches Sortimentsgeschäft allein besorgt und dirigirt hatte«; es war der in seinem Briefe vom 25. August 1807 erwähnte Gehülfe, der im Herbst 1806 aus Hannover in das Geschäft getreten war und in der Ostermesse 1807 das Kunst- und Industrie-Comptoir in Leipzig vertreten hatte, doch ist uns weder sein Name noch der Grund seines plötzlichen Wiederaustritts aus dem Geschäfte bekannt. Brockhaus engagirte zwar sofort einen andern Gehülfen, Namens Zinkernagel, der bisher in der Buchhandlung von Heinsius in Leipzig angestellt gewesen war, schloß mit ihm nach damaliger Sitte sogar einen Contract ab und schickte ihm Reisegeld sowie einen Vorschuß; aber statt des sehnlichst erwarteten Gehülfen traf im Februar 1808 ein Brief von dessen bisherigem Principale ein, worin dieser bat, ihm denselben ganz oder wenigstens noch bis zur Ostermesse zu lassen, wo er dann ja zugleich die Geschäfte seines neuen Hauses besorgen könne. Brockhaus lehnte unterm 29. Februar diese »Zumuthung«, die ihm »sehr auffallend und befremdend« sei, mit der ihm eigenthümlichen Bestimmtheit und Offenheit ab, indem er dem Briefe an Heinsius in einem Gemisch von Ironie und Zorn hinzufügte: »So vielen Antheil wir auch an Ihrer persönlichen Wohlfahrt und an dem regelmäßigen Gange Ihrer Geschäfte immerhin nehmen, so kann dieser Antheil sich doch nicht so weit erstrecken, daß wir darum unsere eigene Wohlfahrt aufopfern und unsere nicht unbedeutenden Geschäfte nur in Wirrwarr sich auflösen lassen sollen. Es entspricht ebensowenig der Lage unserer Geschäfte, Herrn Zinkernagel die Ostermeßgeschäfte thun zu lassen und ihm oder Ihnen zuzugestehen, daß er in Erwartung derselben einstweilen dorten bleibe. Der Chef unserer Handlung wird selbst diese Messe besuchen, und geschieht das nicht, so werden wir diejenigen Maßregeln nehmen, die uns am zweckmäßigsten dünken. Wir geben heute Herrn Zinkernagel wiederholt auf, ohne Verzug eines einzigen Tags seine Reise hierher anzutreten.« Trotz alledem scheint Zinkernagel gar nicht nach Amsterdam gekommen zu sein.
Nur wenige Wochen nach diesem Briefwechsel, am 12. April, schreibt Brockhaus an den Buchhändler Heyse in Bremen: er habe von Herrn Culemann in Hannover gehört, daß sich bei ihm ein junger Mann befinde, der sich zum Gehülfen in seiner Handlung eigne, und bitte ihn um Auskunft über denselben; er stehe zwar bereits mit einem andern in Unterhandlung, diese werde sich aber wahrscheinlich zerschlagen. Heyse scheint dem jungen Manne ein gutes Zeugniß gegeben zu haben, denn am 30. April meldet Brockhaus wieder an Heyse, daß er ihn engagire. Der Betreffende kam denn auch wirklich nach Amsterdam. Es war dies Friedrich Bornträger, der spätere Verlagsbuchhändler in Königsberg; er blieb drei Jahre lang bei Brockhaus und wurde während dieser Zeit dessen Vertrauter, sodaß wir ihm fortan viel begegnen werden.
Leider konnte auch er nicht sofort, sondern erst im Sommer seine Stelle antreten, wahrscheinlich weil Heyse ihn nicht eher entbehren konnte. Brockhaus schreibt darüber an Letztern:
Nun, es sei denn, haben wir uns seit 4-5 Monaten durchgeschlagen und darüber sogar die Messe versäumen müssen, so mag es denn auch noch 4 à 5 Wochen hingehen. Aber wir rechnen auf Ihr Wort auf das unbedingteste, daß Herr Bornträger am 12. Juni von Bremen abreisen kann. Wir machen darüber nicht weiter viele Worte. Ein Wort für hundert.
Wir wünschen Ihnen die beste Reise zur Messe, und bedauern wir nur, daß durch das Ausbleiben unsers engagirten Gehülfen es uns persönlich reine Unmöglichkeit geworden ist, ebenfalls die Messe zu besuchen, da wir in jeder Hinsicht so nothwendig dorten wären. Ob wir gleich Herrn Reclam gefunden haben, der unsere Meßgeschäfte wahrnehmen will, so kann er es doch nur halb. Vieles muß ganz versäumt werden, Vieles muß noch besorgt werden, das für Herrn Bornträger seine erste Arbeit sein muß.
An Bornträger selbst meldet er unterm 27. Mai, daß er ihm einige seiner letzten Kataloge mit Gelegenheit nach Aurich geschickt habe, und fügt folgende Worte hinzu, aus denen hervorgeht, wie er jede Gelegenheit zum Weiterausbau seines Geschäfts benutzte:
Nehmen Sie solche in Empfang und machen Sie davon auf Ihrer Hierherreise den möglichst nützlichsten Gebrauch. Da Ostfriesland jetzt zu Holland gehört, mithin von dort viele Berührungen mit Amsterdam, als dem Sitze des Gouvernements, Platz haben werden, wo der reiche Adel hierhin zu Aemtern und Ehrenstellen gezogen wird und manche andere Connexion stattfinden wird, so könnte Ostfriesland auch für uns nicht ganz ohne Bedeutung werden. Früher haben wir dies sonst nicht ambitionirt, weil damals Bremen und Hannover passender war.
In der Besorgniß, daß der junge Mann sich deshalb zu lange unterwegs aufhalten könne, warnt er ihn übrigens sofort, dies ja nicht zu thun, und schließt:
Wie gedenken Sie Ihre Reise hierhin zu machen? Und wann werden Sie abreisen? Wir erwarten Sie mit dem lebhaftesten Verlangen und sind Ihnen mit Freundschaft zugethan.
Der Gebrauch des »wir« statt »ich« selbst in solchen Briefen persönlicher Art erklärt sich daraus, daß Brockhaus in dieser Zeit alle Briefe, auch eigenhändige, mit der Firma »Kunst- und Industrie-Comptoir« unterschrieb und nur bisweilen noch seinen Namen hinzufügte.
Daß er nicht nach Leipzig zur Messe kommen könne, zeigte er dem Buchhandel in einem vom 24. April aus Amsterdam datirten Circulare ausdrücklich an, vermuthlich, weil er schon Vielen sein Hinkommen in Aussicht gestellt hatte. Er erwähnt darin, wie gegen Heyse, daß auf seine Bitte Herr Karl Heinrich Reclam sich entschlossen habe, diesmal für das Kunst- und Industrie-Comptoir zu rechnen und das ganze Meßgeschäft zu besorgen. Daß Herr Gräff, sein bisheriger leipziger Commissionär, dies nicht besorge, erklärt er damit, daß »unsere Meßgeschäfte seinen ganzen Mann erfordern und Herr Gräff so sehr mit eigener Arbeit überhäuft ist, daß wir diesem die unserige mit wahrzunehmen nicht zumuthen konnten«; doch wird dies wol nur eine der bei einem Wechsel des Commissionärs auch heutzutage noch üblichen Höflichkeitsphrasen gewesen sein und der wahre Grund in Differenzen mit Gräff gelegen haben. Zugleich kündigt er an, daß er in Ansehung der ihm für sein Sortimentsgeschäft zu sendenden Neuigkeiten nothgedrungen »eine neue Ordnung einführen« müsse; er erhalte zu viel für ihn unnütze Artikel, werde deshalb künftig nach dem Meßkataloge selbst wählen und bitte daraus einen Maßstab für seine Bedürfnisse außer den Messen zu entnehmen. Dann fährt er fort:
Bei der ununterbrochenen Aufmerksamkeit, die wir auf Alles haben, was in Deutschland erscheint, entgehen uns ohnehin diejenigen Artikel nicht leicht, welche wir hier besonders gebrauchen können. Wir interessiren uns für die Verbreitung der deutschen Literatur in Holland auf das lebhafteste, wie Ihnen nach dem Maße unsers seitherigen Bedürfnisses bei so kurzer Dauer unsers Etablissements schon wird bemerkbar gewesen sein. Jetzt, da unsere Stadt noch zur königlichen Residenz erhoben worden ist, da sich das Gouvernement und das diplomatische Corps ebenfalls hierher begibt, jetzt haben wir bei unserer Thätigkeit Aussicht, daß unsere Geschäfte sich noch bedeutend heben werden, besonders wenn wir einmal Frieden mit England bekommen sollten. Uns in diesem Bestreben zu unterstützen, ist unsere ergebenste Bitte an Sie. Wir werden uns bemühen, Ihnen dadurch selbst nützlich zu werden, und Ihr Vertrauen gebührend zu achten wissen.
Dem Circulare ist ein Verzeichniß seiner »Novitäten zur Ostermesse 1808«, der in seinem Verlage neu erschienenen und, wie damals üblich, auf die Messe mitgebrachten Werke, beigefügt. Auch zahlreiche »Commissionsartikel« werden dabei vorgeführt, meist Verlagsartikel holländischer Buchhändler, darunter auch »der Schenkische Atlas von Sachsen«, und Musikalien, mit der Bemerkung, daß das Kunst- und Industrie-Comptoir es »gern übernehme, alle in Holland herausgekommenen und herauskommenden Bücher zu besorgen, wenn solche noch im Buchhandel zu haben« — ein Zeichen, daß Brockhaus sein Geschäft nach allen Richtungen hin ausdehnte und ihm namentlich immer mehr einen internationalen Charakter zu geben suchte.
Unter den »gegen Ende des Jahres erscheinenden Neuigkeiten« werden in dem Circulare zwei Werke aufgeführt, die später weder bei ihm noch unsers Wissens überhaupt erschienen sind: ein »Lehrbuch des Staatsrechts des Rheinischen Bundes« von Hofrath und Professor Seidensticker in Jena und eine »Deutsche und französische Encyklopädie für die Jugend gebildeter Stände, in einem dreijährigen Cursus zum Unterricht in den nöthigsten Vorkenntnissen und zur Beförderung der Fertigkeit, beide Sprachen verstehen, schreiben und sprechen zu lernen«, von Hofrath und Professor C. G. Schütz in Halle. Ueber letzteres Werk finden sich auch zwei Briefe von Brockhaus an Schütz, in deren erstem (vom 22. Februar 1808) er den nähern Plan und einige Proben der ihm zuerst von Schütz angebotenen Encyklopädie verlangt, während er in dem zweiten, ein volles Jahr später (am 8. Mai 1809) geschriebenen, kurz sagt, daß er jetzt auf die Anerbietung nicht eingehen könne. Charakteristisch ist die Vorsicht, mit der er gleich anfangs das Anerbieten beantwortet:
Wenn das Werk nur nicht zu bändereich werden sollte, was wir bei unsern Unternehmungen gar nicht lieben, und es in nicht langer Zeit kann complet geliefert werden, Ew. Wohlgeboren uns auch in Rücksicht des Honorars nur sehr billige Bedingungen machten und der Plan übrigens unsern Beifall erhielte, so dürften wir vielleicht auf die Anerbietung eingehen.
Noch interessanter für uns ist aber folgende Stelle desselben Briefs:
Wir erlauben uns bei dieser Gelegenheit die Anfrage: ob nicht das von Ew. Wohlgeboren schon seit geraumer Zeit angekündigt gewesene Lehrbuch über encyklopädische Literatur bald erscheinen werde? Schreiber Dieses erinnert sich mit sehr vielem Vergnügen einiger Vorlesungen, die er vor etwa 10 Jahren bei einer Reise durch Jena hierüber von Ew. Wohlgeboren hörte, und war es, glaubt er, schon damals ein allgemeiner Wunsch, einen gedruckten Grundriß zu diesem von Ew. Wohlgeboren jährlich wiederholten Cursus zu besitzen; seitdem ist derselbe, wenn wir nicht irren, mehrmalen in den Meßkatalogen angekündigt worden, aber, soviel wir wissen, immer nicht erschienen. Sollten von seiten der Verlagshandlung Schwierigkeiten dabei stattfinden, so würden wir uns darüber mit Ew. Wohlgeboren zu einigen wünschen.
Der hier erwähnte kurze Besuch in Jena hatte jedenfalls 1794 oder 1795 während Brockhaus' Aufenthalts in Leipzig zu seiner Ausbildung oder nach Beendigung desselben auf der Rückreise nach Dortmund stattgefunden; er benutzte also die wenigen Tage seines Aufenthalts in Jena zum Besuche der Vorlesungen des damals sehr angesehenen Hofraths Schütz und wahrscheinlich noch anderer Professoren: ein neuer Beweis seines schon damals regen Interesses für Literatur und Wissenschaft.
Gleich in dieser ersten Zeit seiner Verlegerthätigkeit begnügte sich Brockhaus nicht damit, die Manuscripte einfach so abzudrucken, wie sie ihm von den Verfassern zukamen, vielmehr prüfte er sie genau und wirkte oft auf ihre Abänderung hin. So sagt er in einem Briefe an Legationsrath Bertuch in Weimar vom 12. Juli 1808, mit welchem er diesem das Manuscript des (ebenfalls in Weimar lebenden) Freiherrn von Groß über die Kriegsgeschichte der Jahre 1792-1808 zum Druck schickte:
Wir schreiben dem Herrn Verfasser heute weitläuftiger über Titel, Form und Inhalt, welche unsere Bemerkungen er Ihnen zur gefälligen Mitbeurtheilung communiciren wird. Der Inhalt und der Plan wie die ganze Idee des Werks hat unsern Beifall und wir haben daran nichts oder wenig zu erinnern. Die Form und der Stil aber ist nicht so, wie er sein könnte und wie er im jetzigen Zeitalter gefordert wird. Es könnte diesem aber ohne besondere Mühe nachgeholfen werden, wenn vor dem Drucke ein guter Stilist das Manuscript revidirte und hin und wieder wegschnitte oder nachhülfe. Sie würden uns unendlich verbinden, wenn Sie dazu Jemanden auffinden wollten. Wir verstehen uns gern zu einer billigen Vergütung. Zum Titel haben wir dem Herrn Verfasser zwei Vorschläge gemacht. Prüfen Sie solche gefälligst. Wir lassen uns gerne sagen ..... Wir empfehlen Ihnen das Werk des Herrn von Groß so, als wäre es Ihr eigenes. Dies ist genug gesagt. Rechnen Sie auf unsern Dank und unsere Erkenntlichkeit. Es wird nicht möglich sein wahrscheinlich, Ihnen in den ersten vier Wochen darüber näher zu schreiben, da Schreiber dieses wahrscheinlich in der andern Woche nach Paris reisen muß, indem wir mit einer französischen Buchhandlung wegen Ueberlassung der Massenbach'schen Memoiren (im Manuscript) zu einer französischen Uebersetzung in Unterhandlung sind, was auch mit Philips in London der Fall ist. Handeln Sie darum in zweifelhaften Fällen nach bester eigener Einsicht. Alles, was Sie thun, ist und wird wohlgethan sein. Michaelis muß nur Alles fertig sein. Bei irgendeiner Möglichkeit kommt Schreiber dieses zu Michaelis nach Leipzig. Die Verhältnisse unserer Handlungen werden gewiß zu Ihrer Zufriedenheit auseinander- und fortgesetzt werden.
Ueber die Massenbach'schen Werke sagt er noch in demselben Briefe:
Vom Obersten von Massenbach haben wir nun sein Tagebuch, seine Memoiren von 1787 bis 1807 und Rückerinnerungen an große Männer übernommen: ohne Zweifel mit die interessantesten Werke, welche über die neuere Geschichte seit zwanzig Jahren sind bekannt gemacht worden. Das bei Sander von Massenbach angekündigte Werk erscheint nicht und wird in eins dieser verschmolzen. Die in Berlin gestochenen Karten und Pläne, von denen schon sechs fertig sind, werden Ihnen als Kenner viele Freude machen. Wir haben in Deutschland noch nichts von gleicher Vollendung gesehen.
Die mit einer französischen Handlung (Treuttel & Würtz in Paris) angeknüpften Verhandlungen wegen einer Uebersetzung oder Bearbeitung der Massenbach'schen Memoiren zerschlugen sich übrigens, und infolge dessen unterblieb auch vorläufig die Reise nach Paris.
Brockhaus reiste dagegen im Herbst 1808 zur Michaelismesse nach Leipzig; es war das erste mal, daß er diese Stadt als Buchhändler besuchte, damals wol nicht ahnend, daß er daselbst einen großen Theil der nächsten Jahre, während sein Geschäft noch in Amsterdam war, zubringen und später selbst mit seinem Geschäfte, nach einer kurzen Zwischenperiode in Altenburg, bleibend dahin übersiedeln werde.
Die Michaelismesse in Leipzig hatte damals für den Buchhandel eine größere Wichtigkeit als jetzt, wo sie nur noch den Endtermin für die in der Ostermesse nicht vollständig erledigten Zahlungen bildet. Brockhaus wollte seine zu Ostern dieses Jahres unmöglich gewordene Reise nach Leipzig nicht wieder bis zur Ostermesse des nächsten Jahres aufschieben, weil es ihm nach dem im Juni erfolgten Eintritte des neuen Gehülfen Bornträger eher möglich war, sich auf einige Wochen von Amsterdam zu entfernen, und außerdem der Stand seiner Angelegenheiten in Leipzig eine persönliche Anwesenheit daselbst dringend nöthig machte.
Der dortige neue Commissionär Reclam hatte nämlich die ihm übertragenen Meßgeschäfte durchaus nicht zu Brockhaus' Zufriedenheit besorgt. Ohne in diesem Falle, wie in manchem ähnlichen, uns auf die eine oder die andere Seite der streitenden Parteien zu stellen — wozu die noch vorhandenen Actenstücke meistens auch nicht ausreichen — suchen wir die Sachlage möglichst objectiv darzulegen.
Brockhaus veröffentlichte sofort nach seiner Ende September erfolgten Ankunft in Leipzig ein Circular, datirt Leipziger Michaelismesse 1808, dem wir Folgendes entnehmen:
Der Chef unserer Handlung, Herr Brockhaus, findet bei seiner Ankunft in Leipzig zur Messe ein Circular des Herrn Reclam vor, worin sich dieser Mann über die Vorwürfe, die wir ihm privatim wegen der Besorgung unserer Geschäfte gemacht haben, öffentlich verantwortet. Die Pflichten, die wir gegen unsere Handlung haben, erlauben es uns nicht, zu diesem so ungewöhnlichen Circulare des Herrn Reclam ganz zu schweigen, ob wir gleich glauben, daß Herr Reclam durch den Charakter dieses seines Circulars gerade unsere Vertheidigung führe, da es nicht auffallen kann, daß man mit Jemandem, dessen Seele sich so ausspricht, als hier in diesem Circulare geschieht, leicht zerfallen könne und mit ihm nicht gut zu leben und zu wirken sein müsse. Hier jedoch eine kurze Erwiderung.
Darauf folgt zunächst eine Erzählung der uns bereits bekannten Umstände, daß er seit der Michaelismesse des vorigen Jahres seinen bisherigen Gehülfen verloren habe u. s. w.; »noch nicht an das Mechanische dieses Geschäfts gewöhnt und im Gedränge unserer sonstigen mannichfaltigen Arbeiten, konnte es nicht anders sein, als daß in der Zwischenzeit von Michaelis bis Ostern Manches nicht mit der Ordnung besorgt werden konnte, die allerdings strenge genommen gefordert werden kann.« Er habe trotzdem Ende April die Meßstrazzen an Reclam sowie die Noten der Remittenden gesandt und ihn dadurch in den Stand gesetzt, wenigstens mit allen Handlungen rechnen zu können. Dies sei aber großentheils nicht geschehen und darüber ein Briefwechsel entstanden, »der von unserer Seite vielleicht nicht ohne Heftigkeit (!), von der Seite des Herrn Reclam mit roher Plumpheit (!) geführt wurde«. Leider ist dieser gewiß auch für Brockhaus charakteristische Briefwechsel unsers Wissens nicht erhalten, und ebenso wenig war es uns möglich, das betreffende Circular Reclam's zu erhalten, dessen Fehlen uns verhindert, auch die andere Partei zu hören.
Brockhaus fährt fort:
Wir eilten nun, alle Verhältnisse mit ihm abzubrechen, und wir drangen mit Ungestüm auf Abrechnung und auf das Zurücksenden der Bücher. Erstere erfolgte endlich gegen Ende Juli. Unser Soll und Haben glichen sich ganz aus. Die Bücher aber haben wir erst den 9. September, also vier Monate nach der Ostermesse, zurückerhalten!! Diese unerhörte Vernachlässigung war für uns um so empfindlicher, da wir, wie schon gesagt, ohne alle und jede detaillirte Berichte von Herrn Reclam geblieben waren und wir uns ganz außer Stand gesetzt sahen, irgendetwas zu unternehmen, was die Ausgleichung der offen gebliebenen Contis pro und contra hätte befördern können. Daß wir uns hierüber mit Nachdruck geäußert haben, wird Jeder begreifen, der sich in unsere Lage hineindenken will, da durch die Folgen des Betragens und der Geschäftsführung des Herrn Reclam sich unser ganzes Sortimentsgeschäft aufzulösen drohte. Die Entschuldigungen des Herrn Reclam, oder die Invectiven vielmehr, womit er uns zu überschütten beliebt, sind ohne allen Grund: er war unser Commissionär, nicht unser Chef. Er mußte entweder unser Geschäft nach unsern Angaben und Aufträgen ausführen, oder — es gleich abgeben. Dies hat er nicht gethan; wir sind gezwungen gewesen, es ihm zu nehmen.
So weit unsere Antwort durch Worte. Jetzt die durch die That. Wir haben am 9. September unsere Bücher zurückerhalten. Zwölf Tage nachher ging der Chef unserer Handlung schon wieder nach Leipzig. Es war natürlich unmöglich, in dieser Zwischenzeit von Hause aus etwas zur finalen Ausgleichung der für und gegen offenstehenden Rechnungen zu thun. Es wird dies jetzt zur Messe geschehen: wir werden alle noch restirenden Saldi rein und baar abbezahlen, sollte auch an uns, die weit mehr zu empfangen als zu zahlen hatten, kein einziger Pfennig hier eingehen.
Jetzt beurtheile jeder rechtliche Mann das Betragen des Herrn Reclam gegen uns, und Ton und Farbe seines Circulares!
Wir haben uns hier an eine trockene Darstellung der Thatsachen gehalten; wir achten uns zu sehr, um die Invectiven des Herrn Reclam mit gleichen zu beantworten. Wir trauen es auch wenigstens seinem eigenen Verstande zu, daß er — um uns hier milde auszudrücken — seine Leidenschaftlichkeit und Unvorsichtigkeit erkennen, und darüber nicht ohne Schamgefühl bleiben werde.
Wie die Angelegenheit mit Reclam geordnet wurde, ist uns nicht bekannt; wir wissen nur, daß zunächst der Buchhändler Johann August Gottlob Weigel an Reclam's Stelle die leipziger Commission für Brockhaus übernahm. Letzterer sagt in dem ersten aus Leipzig an Bornträger nach Amsterdam geschriebenen Briefe vom 4. October: »Ich habe meiner Frau über die wichtigsten Angelegenheiten direct geschrieben; sie wird Ihnen das mittheilen, und ich beziehe mich darauf, um mich nicht zu wiederholen, wozu es mir an Zeit fehlt.« Dieser Brief an seine Frau ist aber leider nicht mehr vorhanden.
Dagegen ist von dieser ersten Geschäftsreise nach Leipzig ein Actenstück erhalten, dessen Gegenstand von der größten Wichtigkeit für sein ganzes Leben wurde: der Contract über den Ankauf des »Conversations-Lexikon«.
Brockhaus ist nicht sozusagen der »Erfinder« des »Conversations-Lexikon«, wie Viele meinen; es hat vor seiner Zeit in der deutschen wie in mancher andern Literatur ähnliche Werke gegeben, und selbst dasjenige »Conversations-Lexikon«, das zum Grundstein seines nach harten Schicksalsprüfungen endlich festbegründeten Hauses wurde und seitdem den Mittelpunkt der umfassenden Verlagsthätigkeit desselben gebildet hat, ist nicht von ihm selbst begonnen worden, sondern war in der ersten Auflage bereits fast ganz vollendet, als er es ankaufte, wie auch der Name »Conversations-Lexikon« nicht von ihm herrührt. Und dennoch ist er als der eigentliche Begründer des Werks anzusehen und gilt auch in der deutschen Literatur mit Recht als solcher, da er erst durch seine Energie, Intelligenz und Umsicht dasselbe zu dem machte, was es für ihn, für sein Geschäft und für die Welt geworden ist. Wenn es überhaupt bei buchhändlerischen Unternehmungen viel weniger auf die erste Idee, als auf die geschickte und praktische Ausführung derselben ankommt, so trifft dies besonders in diesem Falle zu.
Dasjenige Werk, welches in den Verlagskatalogen der Firma F. A. Brockhaus als die erste Auflage ihres »Conversations-Lexikon« bezeichnet ist, mit den spätern Auflagen desselben aber nicht viel mehr noch als den Titel gemein hat, wurde im Jahre 1796 unter dem Titel: »Conversations-Lexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten«, begonnen. Der (übrigens nicht genannte) Herausgeber war ein sonst nicht weiter bekannter Dr. Renatus Gotthelf Löbel in Leipzig (geb. 1. April 1767 zu Thallwitz bei Eilenburg, gest. 14. oder 4. Februar 1799 zu Leipzig), der Verleger Friedrich August Leupold daselbst. In der Vorrede ist gesagt: Vor 30, 40 Jahren habe Hübner's »Zeitungs- und Conversations-Lexikon« hingereicht, das Bedürfniß nach politischen Kenntnissen, die damals fast allein Gegenstand der Conversation gewesen, zu befriedigen; jetzt aber, wo »ein allgemeineres Streben nach Geistesbildung, wenigstens nach dem Scheine derselben« herrsche, sei »ein dem gegenwärtigen Umfange der Conversation angemessenes Wörterbuch« nothwendig. Am Schlusse heißt es, daß der Verleger, um auch das »schöne Geschlecht« auf das Werk aufmerksam zu machen, dasselbe auch unter dem Titel: »Frauenzimmer-Lexikon zur Erleichterung der Conversation und Lectüre«, ausgeben werde, doch scheint dies nicht geschehen zu sein. In den Jahren 1796-1800 erschienen die vier ersten Theile, also kaum jedes Jahr ein Theil. Das Werk war damit erst bis zum Ende des Buchstaben R gediehen und schien unvollendet bleiben zu sollen. Endlich, nach einer Pause von sechs Jahren, 1806, wurde der fünfte Theil bei einem andern Verleger, Johann Karl Werther in Leipzig, und wieder zwei Jahre später, 1808, abermals bei einem neuen Verleger, Johann Gottfried Herzog in Leipzig, der sechste und letzte Theil veröffentlicht. Vor der Ausgabe desselben hatte indeß bereits Brockhaus das Werk gekauft, jedoch nicht von dem letzten, auch auf dem Titel genannten Verleger Herzog, sondern von dem Buchdrucker Friedrich Richter in Leipzig. Dieser, der Besitzer des Leipziger Tageblattes, hatte vermuthlich das Werk gedruckt und an Zahlungsstatt behalten müssen; kein Wunder, daß er es gern wieder abgab, als sich ein Käufer fand.
Der darüber abgeschlossene Kaufcontract trägt das Datum des 25. October 1808. Das Werk war schon bis zur ersten Hälfte des sechsten (letzten) Theils gedruckt und ausgegeben; es fehlte nur noch die zweite Hälfte (das zweite Heft) desselben und der Verkäufer machte sich selbst bei einer Conventionalstrafe von 100 Thalern verbindlich, dieses Heft, das 16, höchstens aber 20 Bogen umfassen und das Werk zu Ende führen sollte, bis zum 5. December desselben Jahres an den Käufer abzuliefern. Wir stehen nicht an, ohne Rücksicht auf das in solchen Angelegenheiten herrschende Geschäftsgeheimniß, die Kaufsumme zu nennen, für die Brockhaus das »Conversations-Lexikon«, die gesammten (freilich wol nicht bedeutenden) Vorräthe des Werks »mit allen Verlags- und sonstigen Rechten« erwarb. Sie betrug 1800 Thaler, die in vier Terminen bezahlt werden sollten: blos 100 Thaler sofort, 500 Thaler Ende Februar, je 600 Thaler zur Oster- und Michaelismesse des nächsten Jahres. Diese Summe erscheint sehr klein gegenüber der großen Verbreitung, die das Werk erlangt hat, und ist es auch in der That, selbst wenn man dabei den damaligen höhern Werth des Geldes in Anschlag bringt. Indeß darf dabei nicht übersehen werden, daß diese Verbreitung wesentlich das Verdienst des neuen Besitzers, nicht der dem Werke zu Grunde liegenden Idee war, deren ausschließliches Verlagsrecht er nicht erwerben konnte, wie sie ja vor wie nach ihm von so Manchem, freilich meist mit weniger Geschick und geringerm Erfolge, und vorzugsweise allerdings erst nach seinem Vorgange und mit offener oder versteckter Nachahmung und Benutzung seines Werks, ausgebeutet wurde. Ferner war es (und ist es noch gegenwärtig) bei diesem Werke nicht wie bei andern sogenannten »guten« Verlagsartikeln mit dem einfachen Abdruck eines druckfertigen Manuscripts gethan, sondern dasselbe verlangte Umsicht in der geistigen Herstellung, Thatkraft und Geschick in dem Vertriebe, vor allem aber bedeutende Herstellungskosten, da es zunächst durch Nachträge, auf zwei Bände berechnet, vervollständigt und eine völlige Neubearbeitung des Ganzen sofort ins Auge gefaßt werden mußte. Endlich ist die genannte Summe gegenüber den damaligen Vermögensverhältnissen des erst seit drei Jahren etablirten und doch bereits durch zahlreiche und umfangreiche Verlagsunternehmungen in Anspruch genommenen Verlegers, sowie bei dem bisherigen geringen Erfolge des Werks, das schon viermal den Besitzer gewechselt hatte, durchaus keine geringe zu nennen. Jedenfalls machte ihm keine der damaligen großen Verlagshandlungen in Leipzig oder im übrigen Deutschland den Besitz des ihnen lange bekannten Werks streitig und hatte den Muth und das Vertrauen, dieselbe oder eine höhere Summe dafür zu zahlen.
Gleichzeitig mit dem Contracte über den Ankauf des Werks hatte Brockhaus (am 16. November 1808) einen Vertrag mit dem »Redacteur und Herausgeber der letzten Bände des bei Leupold und zuletzt bei Herzog erschienenen Conversations-Lexikon«, dem Advocaten Christian Wilhelm Franke zu Leipzig, abgeschlossen. In diesem Vertrage wurde derselbe Schlußtermin für Ablieferung des Manuscripts wie in dem Contracte mit Richter für Vollendung des Drucks und Ablieferung der fertigen Exemplare festgesetzt, nämlich der 5. December des laufenden Jahres, nur ohne Conventionalstrafe und mit eventueller Verlängerung um — drei Tage: »nach und nach bis zum 5., spätestens 8. December dieses Jahres, sodaß der Druck in ungefähr derselben Zeit beendet werden kann«. Der Verleger wird wol noch manchmal die Erfahrung gemacht haben, daß solche Termine mit oder ohne Conventionalstrafe nicht gerade auf den Tag eingehalten zu werden pflegen und oft nicht eingehalten werden können, wie es auch diesmal schwerlich der Fall war. Außerdem wurde in diesem Vertrage bestimmt, daß der Redacteur die (schon von den frühern Verlegern beabsichtigten) Nachträge zu dem Werke in zwei Bänden zu je 30 Bogen sofort in Angriff nehmen und das Manuscript zum ersten Bande (A-M) bis Ende April, zum zweiten Bande (N-Z) bis Michaelis 1809 abliefern solle. Als Honorar erhielt der Redacteur, wie bisher, für den Druckbogen 8 Thaler, wofür er, wie es scheint, das Manuscript ganz druckfertig herzustellen, also auch etwaige Mitarbeiter zu entschädigen hatte — ebenfalls ein nicht eben kleiner Unterschied gegen die Honorare, die heutigentags bei diesem Werke und ähnlichen Verlagsunternehmungen gezahlt werden!
Brockhaus' eigene Thätigkeit bei dieser Vervollständigung der ersten Auflage des Conversations-Lexikon ist im Zusammenhange mit dem Verdienste, das er sich überhaupt um dieses Werk und namentlich um die spätern Umarbeitungen desselben erworben, an einer spätern Stelle zu schildern. Hier sei nur noch erwähnt, daß der erste Band der »Nachträge« 1809, der zweite Band 1811 erschien und Brockhaus sofort auch (1809) das Werk unter einem neuen, etwas veränderten Titel versandte. Er nannte es: »Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch für die in der gesellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissenschaften und Künsten vorkommenden Gegenstände mit beständiger Rücksicht auf die Ereignisse der ältern und neuern Zeit.«
Auffallenderweise findet sich in Brockhaus' Briefen aus diesem und den nächsten Jahren keine einzige Aeußerung über den für ihn doch so wichtigen Ankauf des »Conversations-Lexikon«. Seine Correspondenz ist indeß leider auch aus dieser Zeit nur theilweise erhalten und so kann man daraus nicht folgern, daß er dem Unternehmen anfangs selbst keine große Wichtigkeit beigelegt habe.
Wie lange Brockhaus seinen ersten Besuch Leipzigs als Buchhändler ausgedehnt, ist nicht genau bekannt; am 16. November (1808) war er jedenfalls noch dort, da an diesem Tage der Vertrag mit Advocat Franke in Leipzig von ihm unterzeichnet wurde. Vermuthlich ist er entweder im December 1808 oder aber erst im Februar 1809 nach Amsterdam zurückgekehrt. Er schreibt aus Amsterdam vom 27. Februar 1809 an Bornträger: »Durch die Störungen vom December an bis zu meiner Zurückkunft in diesem Monat sind wir auch wol um einen Monat mit den Rechnungen hintenausgesetzt, wie Sie wol denken können.« Dieser Brief ist nach Leipzig gerichtet, wo Bornträger sich seit kurzem befand, und die »Störungen«, von denen die Rede ist, beziehen sich wol auf dessen Abreise aus Amsterdam, die weniger durch geschäftliche als durch persönliche Verhältnisse Bornträger's veranlaßt worden zu sein scheint.
Bornträger mußte nämlich plötzlich aus Amsterdam flüchten, um der Gefahr zu entgehen, als Conscriptionspflichtiger in das Militär eingereiht zu werden. So unangenehm dies gewiß auch für Brockhaus war, der in ihm endlich einen fähigen und zuverlässigen Gehülfen gefunden, so wußte er doch sofort mit der ihm eigenthümlichen Umsicht und Thatkraft aus der Noth eine Tugend zu machen: er behielt Bornträger in seinen Diensten und veranlaßte ihn nach Leipzig zu gehen, um dort seine Geschäfte zu besorgen, deren immer wachsende Bedeutung ohnedem neben dem dortigen Commissionär eine directe Vertretung in Leipzig wünschenswerth machte. Bornträger nahm dort den Namen Friedrich Schmidt an, um allen weitern Unannehmlichkeiten zu entgehen, und blieb daselbst als Brockhaus' Bevollmächtigter mit kurzen Unterbrechungen vom Februar 1809 bis August 1810. Dieser Aufenthalt Bornträger's in Leipzig war nicht nur für die geschäftlichen Angelegenheiten seines Principals sehr förderlich, sondern er hat nebenbei auch das Gute gehabt, daß er Veranlassung zu einem lebhaften Briefwechsel zwischen Beiden gab, in welchem sich Brockhaus in der eingehendsten und offensten Weise, wie man es nur einem vertrauten Gehülfen und Freunde gegenüber thut, über seine geschäftlichen und persönlichen Verhältnisse aussprach. Diese Briefe von Brockhaus an Bornträger, die dann noch bis Anfang 1811 fortgesetzt wurden, nachdem der Aufenthaltsort Beider seit Mitte 1810 sich geändert hatte, sind glücklicherweise vollständig erhalten geblieben, da sie der Adressat als eine theuere Erinnerung sorgfältig aufbewahrte und im Jahre 1862 der Verlagshandlung übergab. Sie bilden die hauptsächlichste Quelle für die Lebensgeschichte von Brockhaus in den Jahren 1808-1811, deren Darstellung ohne sie fast unmöglich gewesen wäre.
Gleich jener eben erwähnte erste Brief, den Brockhaus nach Leipzig an Bornträger richtete, enthält charakteristische Aeußerungen und zeigt, wie offen, vertrauend und zugleich wie väterlich er sich gegen den jungen Gehülfen ausspricht. Er schreibt:
Ich habe dies Jahr weit geringere Engagements als die vorigen Jahre und, so Gott will, werde ich noch vor der Ostermesse so ziemlich im Stande sein, Alles oder doch das Meiste zu reguliren .... Allerdings muß man suchen, den edlen vortrefflichen Friedrich Christian Richter[31] zu erhalten. Sie kennen mich, mein Gemüth, meinen Charakter! Am Wollen wird es nie fehlen. Am Können auch nicht, sobald die Störungen, wie sie der Krieg und solche schlechte Leute wie ... u. s. w. mir immer verursacht, nicht mehr statthaben. Ich werde alles Ersinnliche thun, um mehrere Widersacher zu beschämen, und schmeichle ich mir, daß es uns in keiner Hinsicht dazu an Kräften mangelt .... Suchen Sie durch Ruhe, Anstand, Würde im Betragen günstig auf die Leute zu wirken. Es thut dies sehr viel. Der elende ... verdarb Alles durch seine Pinselhaftigkeit. Treten Sie aber allenthalben leise auf. Nirgends Prahlen oder Großthun. Stille und bescheiden immer. Das ist ja auch Ihr guter und liebenswürdiger ursprünglicher Charakter, den ich, wie Sie wissen, mit Innigkeit verehre.
Uebrigens kam Brockhaus trotz Bornträger's Anwesenheit in Leipzig schon zur Ostermesse 1809 wieder dorthin, diesmal aber nur für kürzere Zeit, denn am 15. Juni bereits war er wieder in Amsterdam. Vom 8. Mai liegt uns ein Contract über eine von Brockhaus in Leipzig gemiethete Niederlage vor; der Vermiether hieß Johann Georg Bering aus Naumburg, und die Niederlage, wol die erste, die er in Leipzig besaß, befand sich im Deutrich'schen Hause auf der Reichsstraße.
In dieser Zeit wurde er in Leipzig durch Johann Friedrich Pierer aus Altenburg zuerst mit dem Kammerverwalter Ludwig bekannt, der später einer seiner vertrautesten Freunde werden sollte. Derselbe lebte in Altenburg in einem literarisch und künstlerisch sehr regsamen Kreise und trat auch selbst als Schriftsteller auf.
Brockhaus schreibt an ihn aus Leipzig vom 12. Mai 1809:
Ich rechne die Stunden, welche ich in dieser Messe an Ihrer Seite und in Ihrer Unterhaltung verlebt und verplaudert, mit zu den angenehmsten meines Lebens, und ich bedaure es unendlich, daß erst so spät unsere Bekanntschaft etwas genauer wurde. Ich beschwöre Sie, mit der Herausgabe Ihrer Ansichten und Bemerkungen zu eilen, und ohne meinen Freunden Gräff und Nauck im mindesten zu nahe treten zu wollen, füge ich nur noch die Versicherung hinzu, daß, im Fall diese aus irgendeiner Ursache diese Herausgabe möchten hinhalten oder hinaussetzen wollen, meine Handlung bereit sein würde, darin jeden Ihrer Wünsche zu befriedigen.
Auf jeden Fall habe ich aber doch noch eine Bitte an Sie, die Sie mir, ich hoffe es, nicht abschlagen werden.
Die Hofräthin Spazier hier in Leipzig gibt im Verlage meiner Handlung noch in diesem Jahre ein neues Taschenbuch heraus unter dem Titel »Urania«. Es haben sich die ausgezeichnetsten Männer und Frauen (Jean Paul, Mahlmann, Kind, Böttiger, Seume, Frau von Ahlefeldt, Luise Brachmann und viele Andere) an sie angeschlossen, und dieses Taschenbuch wird in allen Hinsichten mit den vorzüglichsten wetteifern und sie selbst zu übertreffen suchen.
Ob die Herausgeberin gleich bereits viel mehr Aufsätze hat, als sie im ersten Jahrgang aufnehmen kann, so wird sie doch auf mein Ersuchen noch für einen Beitrag von Ihnen Raum finden, wenn Sie uns damit beehren wollen.
Ich ersuche Sie darum im Namen der Herausgeberin und in meinem eigenen Namen. Irgendein oder mehrere Fragmente Ihrer Reise würden uns dazu die liebsten sein. Hätten Sie aber auch sonst noch irgendetwas in Ihrem Portefeuille, was Sie uns zu diesem Gebrauch mittheilen wollen, so würden wir solches dankbar annehmen.
Ich bleibe noch bis künftigen Sonnabend (vor Pfingsten) hier. Wäre es Ihnen möglich, bis dahin mir mit einigen Zeilen zu antworten, oder gar mir bereits dasjenige wirklich zu senden, was Sie uns möchten bestimmen wollen, so würden Sie mich unendlich verbinden.
Meine Idee, vielleicht über Altenburg selbst zurückzureisen, kann ich leider nicht ausführen, da es in einer ganz andern Richtung liegt, als ich mir gedacht hatte.
Ein zweiter Brief an denselben, vom 22. Mai, lautet:
Ich reise diesen Abend zurück nach den Ufern der Amstel. Vorher aber noch ein paar Worte zur Antwort auf Ihren gütigen Brief vom 17. dieses.
Sollte Gräff Ihr Manuscript nicht für den jetzigen Augenblick gleich übernehmen wollen, so übernehme ich es gerne, um es Michaelis zu liefern. Gräff muß aber freiwillig davon zurückstehen, und er muß über das ganze Arrangement und über die Entstehung desselben reine unterrichtet werden. Er ist zu sehr mein Freund, als daß ich um irgendeinen Preis ihm nur Unzufriedenheit mit mir einflößen möchte. Tritt er aber freiwillig zurück, und wollen Sie es mir dann anvertrauen, so bitte ich Sie, das Manuscript baldmöglichst hiehin nach Leipzig zu senden, an untenverzeichnete Adresse. Ich erhalte es dann zur Post nach Amsterdam und sorge für schönen und eleganten Druck, wie dies bei allen unsern Verlagsartikeln der Fall ist.
Die nähern Bedingungen erlauben Sie mir seiner Zeit nach Kenntniß der Sache selbst zu bestimmen.
Da in diesem Falle der Kalender[32] mit dem Buche gleichzeitig erscheinen würde, so dürfte eine Ausstellung aus demselben allerdings nicht passend sein. Wollen Sie der Frau Hofräthin Spazier indessen sonst etwas aus Ihrem Portefeuille mittheilen, so wird sie es gewiß mit Vergnügen aufnehmen. Auch kleine Gedichte gehören allerdings in ihren Plan. Ihre Adresse ist auf der Post bekannt genug, und also blos einfach: an die Frau Hofräthin Spazier.
Nun, auf alle Fälle beehren Sie mich mit Ihrer gütigen Antwort. Leben Sie wohl bis zum Wiedersehen. Möge es unter glücklichern Aussichten sein, als wir uns diesmal hier sahen.
Brockhaus war damals oder schon im Herbst 1808 mit der Hofräthin Spazier bekannt geworden und hatte mit ihr die Herausgabe eines Taschenbuchs unter dem Titel »Urania« verabredet; dieses bekannte Sammelwerk erschien zum ersten male für das Jahr 1810. Die Herausgeberin wird uns später noch näher und in anderer Weise entgegentreten.
Außer mit der »Urania« und dem »Conversations-Lexikon« beschäftigte sich Brockhaus in dieser Zeit auch noch mit manchen andern Verlagsartikeln größern oder geringern Umfangs und entwickelte dabei fortwährend die regste Thätigkeit. Die bekannten Schriften Massenbach's erschienen meist im Jahre 1809, ebenso der erste Band von Sprengel's »Institutiones medicae« und Villers' »Coup d'œil sur l'état actuel de la littérature ancienne et de l'histoire en Allemagne«. Neben diesen schon früher von uns erwähnten Werken verlegte er in dieser Zeit besonders noch drei andere: erstens »Die Hebräerin am Putztische und als Braut«, von dem mit ihm bereits durch eine Uebersetzung Dschami's in Verbindung getretenen Schriftsteller Anton Theodor Hartmann (3 Theile, Amsterdam 1809-10), ein damals sehr geschätztes Buch, das ein Seitenstück zu Karl August Böttiger's 1803 erschienenem Werke: »Sabina oder Morgenscenen einer reichen Römerin«, bilden sollte; ferner »Ansichten von der Gegenwart und Aussicht in die Zukunft« von Friedrich August Koethe, dem bekannten theologischen Schriftsteller (geb. 1781 zu Lübben, gest. 1850 zu Allstädt), von dem später noch mehrere Werke in seinem Verlage erschienen, ein religiös-politisches Werk von patriotischem Schwunge, »dem gesammten, untheilbaren theuern deutschen Vaterlande geweiht«; drittens »Grundzüge der reinen Strategie, wissenschaftlich dargestellt« von August Wagner (geb. 1777 zu Weißenfels, erst österreichischer, dann preußischer Offizier, gest. 1854 zu Berlin als Generalmajor), ein werthvolles kriegswissenschaftliches Werk.
Endlich schloß Brockhaus in diesem Sommer noch mehrere wichtige Verlagscontracte ab.
Am 3. Juli einigte er sich mit dem verdienstvollen Begründer der wissenschaftlichen deutschen Bibliographie, Johann Samuel Ersch (geb. 1766 zu Großglogau, Professor und Oberbibliothekar in Halle, gest. daselbst 1828), über dessen berühmtes »Handbuch der deutschen Literatur seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis auf die neueste Zeit«, das wesentlich von Brockhaus veranlaßt und hervorgerufen wurde; dasselbe erschien indeß erst später (2 Bände in je 4 Abtheilungen, Amsterdam und Leipzig 1812-14; neue Ausgabe [zweite Auflage], 4 Bände in je 2 Abtheilungen, Leipzig 1822-27).
Am 13. Juli unterzeichnete er einen Contract mit dem bekannten Jugendschriftsteller Jakob Glatz (geb. 1776 zu Poprad in Ungarn, erst Lehrer in Schnepfenthal, dann evangelischer Geistlicher in Wien, gest. 1831 zu Preßburg) über dessen rühmlichst bekannt gewordenes Werk: »Die Familie von Karlsberg oder die Tugendlehre. Anschaulich dargestellt in einer Familiengeschichte. Ein Buch für den Geist und das Herz der Jugend beiderlei Geschlechts«, das bald darauf auch ausgegeben wurde (2 Theile, Amsterdam 1810; zweite Auflage, 2 Bände, Leipzig 1829).
Zwei Tage darauf, am 15. Juli, schloß er noch einen Verlagscontract, der aber nicht zur Ausführung kam: mit Geh. Rath Sigismund Hermbstaedt in Berlin über ein »Technologisches Handwörterbuch«, das in zwei starken Bänden erscheinen sollte.
Die Jahreszahl 1810 tragen außer dem Werke von Jakob Glatz und dem ersten Jahrgange der »Urania« noch folgende drei, ebenfalls im Jahre 1809 von Brockhaus verlegte Werke: »Ueber die Mittel, den öffentlichen Credit in einem Staate herzustellen, dessen politische Oekonomie zerstört worden ist«, von Herrenschwand, einem wenig bekannten staatswirthschaftlichen Schriftsteller, nach dem Französischen deutsch herausgegeben von dem Obersten von Massenbach; zweitens »Vertraute Briefe, geschrieben auf einer Reise nach Wien und den Oesterreichischen Staaten zu Ende des Jahres 1808 und zu Anfang 1809« von Johann Friedrich Reichardt, dem bekannten Componisten und Musiktheoretiker, scharfe Beobachtungen über die musikalischen, literarischen und gesellschaftlichen Zustände Wiens enthaltend; drittens der erste Band der deutschen Bearbeitung eines Geschichtswerks des englischen Historikers William Coxe (geb. 1747, gest. 1828): »Geschichte des Hauses Oestreich von Rudolph von Habsburg bis auf Leopold des Zweiten Tod, 1218-1792«, herausgegeben von Hans Karl Dippold und Adolf Wagner (der zweite Band erschien 1811, der dritte und vierte erst 1817), für welche sich unter anderm Freiherr von Hormayr sehr interessirte und die in Oesterreich selbst solchen Beifall fand, daß man dort 1817 einen Nachdruck derselben veranstaltete.
Ueberblickt man diese Reihe von Verlagswerken, die Brockhaus in den ersten Jahren seiner buchhändlerischen Wirksamkeit übernahm, so muß man ebenso sehr den vielseitigen Geist, das Geschick und das feine Verständniß für den Geschmack und die Bedürfnisse des Publikums, wovon er dadurch Beweise gab, anerkennen, wie man über seinen Muth und sein Selbstvertrauen staunen muß.