6.
Zerwürfnisse mit Baggesen.

Außer durch seine umfassende Verlegerthätigkeit wurde Brockhaus während der Jahre 1808 und 1809 geistig und gemüthlich vielfach durch eine Angelegenheit in Anspruch genommen, die ihn zwar zunächst auch als Verleger benachtheiligte, aber weit mehr innerlich afficirte. Es waren dies Zerwürfnisse mit Jens Baggesen, dem ausgezeichneten, aber zugleich übermäßig eiteln und empfindlichen Dichter, die ein Beispiel liefern, daß es auch Mishandlungen eines Verlegers durch einen Schriftsteller gibt, während die Literaturgeschichte meist nur von umgekehrten Fällen zu berichten pflegt.

Die Kenntniß der nähern Umstände dieses literarischen Streits (den wir eingehender darstellen zu sollen glaubten, als vielleicht der Gegenstand, um den es sich handelte, es erheischte, weil er für Brockhaus' Verhalten in solchen Angelegenheiten charakteristisch ist) verdanken wir einem längern Briefwechsel, den Brockhaus darüber mit dem bekannten französischen Gelehrten Fauriel führte.[33] Dieser hatte Baggesen's »Parthenais«, die 1808 von Brockhaus in neuer Ausgabe verlegt wurde, nachdem das Gedicht zuerst 1804 bei einem andern Verleger (Vollmer in Hamburg und Mainz) erschienen war, ins Französische übersetzt, und seine Uebersetzung erschien unter dem Titeln »La Parthénéide. Poëme de M. J. Baggesen. Traduit de l'allemand«, aber ohne seinen Namen, ebenfalls bei Brockhaus (Amsterdam 1810, gleichzeitig eine pariser Firma: Treuttel & Würtz, auf dem Titel tragend).

Claude Charles Fauriel war 1772 zu St.-Etienne (Loire) geboren, lebte meist in Paris und starb daselbst 1844; er hat zahlreiche ausgezeichnete geschichtliche und literarhistorische Arbeiten geliefert, wie unter anderm aus einem ihm von Sainte-Beuve in der »Revue des deux mondes« (1845) gewidmeten Essay hervorgeht. Besonders interessirte er sich auch für die deutsche Literatur und erwarb sich gleich Villers das Verdienst, seine Landsleute mit derselben bekannt zu machen.

Brockhaus war, wie wir bereits berichtet haben, im Sommer 1806 mit Baggesen in Amsterdam, das dieser auf seinen häufigen Reisen öfters besuchte, bekannt geworden und hatte mit ihm schon damals nicht nur über die »Parthenais«, sondern fast gleichzeitig (am 21. Juni) auch über eine Sammlung seiner Briefe einen Contract abgeschlossen. Der Umfang des letzten Werks war nicht festgesetzt, sondern nur bestimmt worden, daß die Verleger (damals noch Rohloff & Comp.) sich verpflichteten, die Briefe »bandweise herauszugeben nach Bequemlichkeit des Verfassers, der sie zu keinem bestimmten Termine unbedingt versprechen kann, den ersten Band ausgenommen«; das Manuscript des letztern sollte »erst nach Verlauf von vier Wochen a dato«, also eigentlich am 21. October 1806, abgeliefert werden — das Werk erschien aber erst 25 Jahre später, 1831, als beide Contrahenten längst gestorben waren! Als Honorar wurden 4 Louisdor per Druckbogen, »unmittelbar nach der Ablieferung des Manuscripts zu zahlen«, festgesetzt.

Im darauffolgenden Sommer (1807) war Baggesen wieder in Amsterdam, und der beste Beweis seiner freundschaftlichen Beziehungen zu Brockhaus liegt wol darin, daß er bei dessen viertem Sohne Max Pathenstelle vertrat. Auch wurde in dieser Zeit (am 16. Juli) zwischen Beiden ein neuer Contract über Baggesen's neueste Gedichte abgeschlossen, die 1808 unter dem Titel »Heideblumen« erschienen.

Aus dieser Zeit datirt der einzige uns bekannte Brief Baggesen's an Brockhaus, am 1. August 1807 (also kurz nach seiner Abreise aus Amsterdam) in Marly bei Paris, wo Baggesen damals wohnte, geschrieben, der ebenfalls Zeugniß von ihrem herzlichen Verhältnisse gibt. Baggesen schreibt:

Indem ich mein Packet an Sie abschicken will, erhalte ich Ihren Brief, mein Theuerster, vom 27. — und ich kann nicht umhin, das Packet wieder zu öffnen, um meinen herzlichen Dank dafür mit hineinzulegen.

Ich bin während acht Tagen im strengsten Sinne des Worts nicht von der Seite meiner holdseligen Fanny und des kleinen vollkommenen Engels Paul gewichen — es schienen mir acht Minuten. Erst in den zwei letzten Tagen habe ich des Morgens, bevor sie erwacht, angefangen wieder zu arbeiten.

Dank für Ihr warmes Interesse für das herrliche Weib, dessen höhere Bedeutung ich sogleich, noch ehe ich wußte, daß sie Künstlerin sei, wahrnahm. Sie schätzt Sie hoch und ist Ihnen und Ihrer holden Frau herzlich ergeben. Gönnen Sie ihr öfters Ihren balsamischen, in Amsterdam unschätzbaren Umgang! Ich kann ihr, ihrem Mann und ihrem herrlichen Sohn noch nicht schreiben — weil ich, zu betäubt und entzückt vom glücklichen Wiedersehen, Niemandem ein vernünftiges Wort schreiben kann — und weil ich vor dem Empfang des Portraits von Ary nicht schreiben will. Dieses erwarte ich mit Ungeduld, sowie die Cramer'schen Musikalien, und die Recension, die schwerlich von Voß ist ....

Mit den »Heideblumen« wird es rasch gehen. Und die »Briefe« und die »Dichterwanderungen« werden folgen. Wahrlich, das alles interessirt mich von ganzer Seele. Es ist aber sehr zweifelhaft, ob ich wirklich wieder nach Norden kehre — doch lassen Sie sich noch keinen Zweifel darüber merken!

Ihr Baggesen.

Die hier erwähnte Künstlerin ist jedenfalls die Mutter Ary Scheffer's, Cornelia, die nebst ihrem Manne zu dem nächsten Umgange Brockhaus' gehörte und Baggesen also wahrscheinlich erst bei diesem kennen gelernt hatte.

Die neben den »Briefen« noch genannten »Dichterwanderungen« waren ein zweites Project Baggesen's, das ebenso wenig als jenes erstere zur Ausführung kam. Er hatte darüber mit Brockhaus zwar keinen schriftlichen Contract abgeschlossen, ihm das Werk aber wiederholt schriftlich und mündlich versprochen, wie aus einem weiter unten folgenden Briefe ersichtlich ist.

Wir lassen nun die Briefe von Brockhaus an Fauriel ihrem Hauptinhalte nach folgen, auch diejenigen Stellen, welche andere Angelegenheiten betreffen, da sie für die literarischen oder persönlichen Verhältnisse des Briefschreibers theilweise von hohem Werthe sind.

Der erste, Amsterdam 15. November 1807 datirt, lautet:

Ich habe allerdings eine recht große Schuld gegen Sie, daß ich Ihren so gütigen und freundschaftlichen Brief, den ich durch die Vermittelung des Herrn Cramer erhielt — gar nicht, daß ich Ihren letzten Brief auch erst jetzt beantworte. Entschuldigen, hoffe ich, werden Sie mich, wenn Sie den etwas nähern Zusammenhang, die Ursachen hören werden, die mein Stillschweigen veranlaßten.

Ihr erster Brief hatte die hauptsächliche Tendenz, mir die Ursachen zu entwickeln, warum eine partielle Bekanntmachung der »Parthénéide« nicht frommen und nützen könne. Ihren Gründen gebe ich meine Beistimmung, da sie mir ebenfalls entscheidend vorkamen, und ich that auf den Wunsch dazu Verzicht. Er enthielt weiter eine Angabe der Schwierigkeiten, die sich der gänzlichen Vollendung Ihrer Uebersetzung entgegenstellten, da Sie Aenderungen für nothwendig hielten, welche Sie jedoch ohne Zustimmung und Zuratheziehung des Verfassers nicht eigenwillig zu übernehmen wagten. Auch in diesem Punkte konnte ich meine Beistimmung und Genehmigung nicht versagen. Solange indessen das Manuscript nicht ganz vollendet war, konnte nicht an Bekanntmachung des Werkes selbst gedacht werden; diese Vollendung hing von Baggesen's Zurückkunft ab: dieser Zurückkunft sah ich acht Monate lang täglich entgegen; ich wurde täglich getäuscht: mein Schweigen bis zur Zurückkunft von Baggesen wird sich also, wie ich glaube, wenn auch nicht ganz rechtfertigen, doch entschuldigen lassen. Baggesen kam endlich im Juni, im Juli war er in Paris; an die endliche Vollendung des Werks konnte nun gedacht werden, wie an die Bekanntmachung. Ich erhielt darüber Ihren gütigen Brief, und ich würde mich beeifert haben, ihn mit umgehender Post zu erwidern und auf der Stelle alle und jede Anstalten zur Bekanntmachung zu machen, wären nicht in der Zwischenzeit über die deutsche Taschenausgabe zwischen Baggesen und mir Mistöne entstanden, die mir das ganze Werk, woran ich wie am Verfasser bisher mit Begeisterung gehangen hatte, bis zum Namen hin zum Ekel gemacht hätten.

Es würde zu weitläufig sein, Ihnen die Discussionen, welche zwischen mir und Baggesen darüber entstanden, in allen ihren Details zu entwickeln: meine Discretion verbietet mir dies auch, wie ich auch fühle, daß Ihnen wie mir die Kenntnißnehmung fremder Angelegenheiten eine peinliche Aufgabe und Zumuthung sei.

Etwas muß ich Ihnen aber doch darüber sagen: Baggesen bot mir eine »Parthenais« zweite Ausgabe zum Verlag an. Er forderte 150, sage hundertfunfzig Louisdor Honorar (circa 30 Bogen, jede Seite zu 11 Hexameter, à 5 Louisdor). Ohne daß Baggesen mir eine Zeile Manuscript gab, zahlte ich ihm und Madame Baggesen gleich zwei Fünftel voraus, als Avance. Ich zahlte die übrigen drei Fünftel dieses Honorars ein paar Monate nachher und noch etwa 30 Louisdor mehr als Avance auf künftige Werke, worüber Baggesen mit mir mündlich und schriftlich contrahirt hatte. Die Umstände erlaubten es Baggesen und mir indessen nicht, daß der ganze Contract konnte vollzogen werden. Baggesen sollte die Zeichnung und den Stich der Kupfer in Paris leiten und — Baggesen kam gar nicht nach Paris zurück (erst ein Jahr nachher), mir war die Ausführung dadurch also ganz unmöglich gemacht; aber auch dadurch war die Ausgabe einer Luxus-Edition unvernünftig geworden, daß in der Epoche ganz Deutschland bis aufs Blut durch Contributionen und die Kriegsverheerungen aufgesogen wurde, sodaß eine Luxus-Ausgabe eines Dichtwerkes in der Zeit zu den wahrhaft unsinnigen Unternehmungen hätte müssen gezählt werden! Baggesen litt darunter aber als Verfasser nichts! Ich hatte ihm sein volles Honorar von 150 Louisdor circa bereits vergütet! Ich litt nur darunter, denn ich war nur im Stande, die kleine Ausgabe, die fertig gemacht worden war, freilich auch verspätet und unter den ungünstigsten Umständen in Circulation zu setzen. Für das Alles konnte Baggesen nichts, das erkannte ich, und wenn also Schaden statt Vortheil aus der Unternehmung resultirte, so war dies nicht Baggesen's, sondern die Schuld der Umstände.

Aber nun kam und zeigte sich auch zum Schaden noch der Verdruß und doppelter Schaden: Der Verleger der ersten Ausgabe der »Parthenais« trat auf und behauptete, daß Baggesen noch nicht das Recht gehabt hätte, eine zweite Ausgabe an einen andern Verleger als ihn zu verkaufen. Als ich Baggesen dies nach Kopenhagen meldete, antwortete er mir wie ein wackerer Mann: er werde das mit dem ersten Verleger ausmachen, er werde mich gegen ihn schützen. Baggesen that aber nichts für diesen Schutz, und der erste Verleger, der ohne alle Satisfaction oder gar ohne Nachricht einmal von Baggesen blieb, druckte meine mit 150 Louisdor bezahlte zweite Ausgabe vermöge seines angeblichen, von Baggesen ihm nicht (durch vorgehaltenen Contract) widerlegten Rechts nach und setzte sie in ganz Deutschland zur Hälfte des Preises in Circulation! Meine Ausgabe sank nun ganz unter, denn jene war um die Hälfte wohlfeiler, und da ich ein neuer Verleger war, jener aber der erste Verleger, so galt ich für einen Nachdrucker, er für den rechtmäßigen Besitzer! Ich forderte Baggesen auf, die Sache auszugleichen: Baggesen war oder kam zu der Zeit in Hamburg, wo es ihm ein Leichtes sein mußte, die Sache zu ordnen, da der erste Verleger nur Satisfaction und geringe Entschädigung verlangte, Baggesen that aber in Hamburg nichts Wesentliches. Die Sache blieb hangen — Baggesen kam her. In der Freude, ihn bei uns zu sehen, wurde über diesen Punkt leicht weggeglitten: wie wollte es auch mit Gastfreundschaft bestanden haben, ihn zu mahnen, mir mein Eigenthum, das er mir freilich verkauft hatte, gegen einen andern Käufer (nicht gegen einen Dieb, wie Baggesen es erklären will: Vollmer constituirt sich nicht wie ein Nachdrucker, als Dieb, sondern als Besitzer; er behandelt mich als Nachdrucker, mich, der 150 Louisdor Honorar bezahlt habe) zu schützen; das konnte, mußte Baggesen durch öffentliche Erklärung (keine Zeile ist von ihm darüber bekannt gemacht worden!!) wehren und mich schützen! Ich sage: mein Gefühl von Gastfreundschaft erlaubte mir nicht, Baggesen bei seiner Anwesenheit in Amsterdam, in meinem Hause, an solche Verpflichtungen zu mahnen. O! ich dachte, die sprächen sich auch selbst aus. Baggesen reisete nach Paris. Ich erfahre in der Zwischenzeit die definitiven Reclamationen des ersten Verlegers; sie scheinen mir billig, ich rathe Baggesen zum Vergleich mit ihm, und ob Baggesen gleich zehnmal erklärt hatte, er allein wolle mich schützen — denn ich, wie auch recht war, habe in jedem Falle nichts verbrochen —, so erbiete ich mich dennoch, die Hälfte desjenigen zu tragen, was man dem ersten Verleger möchte als Abmachung zuwenden müssen, und wolle ich den Vorschuß zum Ganzen leisten. Auf jeden Fall, erkläre ich aber, müsse die Sache beendigt werden, und da einer von uns Recht oder Unrecht haben müsse, so schlage ich als Schiedsrichter darin Baggesen's Freunde Dr. Kerner und Buchhändler Perthes in Hamburg vor. Mit deren Entscheidung erkläre ich mich zufriedengeben zu wollen. Auf diesen meinen Brief habe ich nun von Baggesen eine Antwort erhalten, worin er mir erklärt: »daß ihn die ganze Reclamation des ersten Verlegers nichts anginge, daß sie mich allein beträfe, und ich zu sehen habe, wie ich fertig mit ihm würde, daß er die Sache einem Advocaten zur Betreibung übergeben würde, daß er seine weitern Werke nicht bei mir herausgeben wolle, daß es aber meine Pflicht sei, gleich eine Prachtausgabe der «Parthenais» zu machen«, und dergleichen Kränkungen und Unvernunften viel mehr, alle durch einen Schwall von Worten, aber mit keinem einzigen Belege unterstützt, und alle Verhältnisse des Danks, der Verpflichtung, der Freundschaft, der Zufriedenheit rein verleugnend!!

Daß der Troß der Menschen so handelt, Worte für Thaten geben will, und wo er Thaten geben soll, nur Worte hingibt, das hatte meine Erfahrung mich schon gelehrt; aber daß Baggesen, den ich für einen der edelsten Menschen, nicht blos für einen geistreichen Dichter hielt, gegen mich so handeln könnte, dies hatte ich nicht erwartet.

In der Einlage habe ich ihm mit Ruhe und Einfachheit Alles beantwortet; ich adressire diese Antwort Ihnen mit der freundlichen Bitte, sie Baggesen zu übergeben: es geschieht dies darum, damit der wirkliche Empfang dieses Briefes, der meine heiligsten Rechte enthält, nicht kann ignorirt werden.[34]

Was die größere Ausgabe der »Parthenais« betrifft, von der Sie schreiben, so kann diese unter den obwaltenden Umständen noch nicht erscheinen. Die Ursache davon ist:

1) Baggesen hat durch seine spätere Zurückkunft nach Paris die Erscheinung nach dem Buchstaben des Contractes unmöglich gemacht. Die Umstände in Deutschland machten sie übrigens auch nicht möglich.

2) Jetzt, nachdem die kleine Ausgabe von uns und der Abdruck des ersten Verlegers seit 18 Monaten in Deutschland circulirt, ist eine große Luxus-Ausgabe aus folgenden Gründen unthunlich:

Sie erschiene entweder unverändert nach der zweiten Ausgabe, oder umgearbeitet als neue Ausgabe.

Im ersten Falle wird sie sehr wenig gekauft werden, weil der Reiz der Neuheit des Gedichts ganz vorüber ist. Nur Liebhaber von Luxus-Ausgaben würden sie kaufen. Dieser Liebhaber existiren jetzt aber in dem ausgesogenen Deutschland fast keine. Kein Buchhändler in Deutschland macht jetzt Luxus-Ausgaben. Göschen läßt selbst die Fortsetzungen von Klopstock, Wieland &c. beruhen bis auf bessere Zeiten.

Im zweiten Falle aber, daß Baggesen das Gedicht etwas verändere, wird mir die des Mitabdrucks des ersten Verlegers wegen kaum zur Hälfte verkaufte Auflage wieder Maculatur. Mein Schaden vermehrt sich wieder, und da der erste Verleger das Recht zu haben versichert (was Baggesen wol durch Worte, aber nicht durch Documente widerlegt), sich die »Parthenais«, in welcher Form sie auch sei, anzueignen, so lange sein erster Contract nicht abgelaufen, so würde er auch diese Auflage (möge sie bei Didot oder bei Unger gedruckt sein) wieder abdrucken, und das arme deutsche Publikum würde seine wohlfeile Ausgabe lieber kaufen als unsere theure.

Jetzt also ist in keinem Falle an die große Ausgabe der deutschen »Parthenais« zu denken. Wenn Baggesen mich gegen den ersten Verleger schützt, sei es unmittelbar, oder durch die Edition von Documenten (Worte, Raisonniren hilft zu nichts), die mich in Stand setzen, den ersten Verleger als Dieb zu behandeln (was in Leipzig auf der Messe angeht, wo alle deutsche Buchhändler eine Jurisdiction haben) — dann soll sie erscheinen, sobald es vernünftig ist, d. h. sobald die erste Auflage größtentheils verkauft ist, und das Publikum empfänglicher für Luxus-Ausgaben ist. Schützt mich Baggesen aber nicht gegen den ersten Verleger, so kann und wird nie eine größere Ausgabe erscheinen und wird sicher nie irgendein anderer deutscher Buchhändler darüber mit Baggesen contrahiren oder nie dagegen aufkommen.

Es hängt ganz von Baggesen ab, wie er die Sache beendigen will. Ich habe sie ihm auf das äußerste leicht gemacht, indem ich mich erboten, die Hälfte desjenigen zu tragen, was man seinem ersten Verleger würde zur Abmachung geben müssen, und das Ganze zu avanciren, und da diese Hälfte etwa 12 Louisdor betragen würde, so glaube ich, daß Baggesen, der 150 Louisdor Honorar erhalten, diese erbärmlichen 12 Louisdor, da er offenbar die Verpflichtung zur ganzen Abmachung gegen mich hat, könnte beigeben lassen, ohne dieserhalb, wie er thut, die innigsten und freundschaftlichsten Verhältnisse mit mir zu brechen und mich auf das unwürdigste zu mishandeln, als wolle ich ihn zu hintergehen, zu misleiten, zu betrügen suchen! Mein Ehrgeiz und meine Pflicht gegen meine Handlung erlaubt mir keine Linie weiter zu gehen als ich gegangen bin, und wenn der Gegenstand einen Liard oder 1000 Louis betrüge, der davon abhängen möchte! Baggesen hat meine Ehre hineingezogen und nun hat Alles das schärfste Ziel.

Verzeihen Sie tausendmal, werthester Herr Fauriel, daß ich Sie so lange hiermit aufgehalten habe. Ich mußte es aber thun, da ich gewiß bin, daß Baggesen gegen Sie beständig davon sprechen wird, da Sie mich in Ihrem Brief selbst davon unterhalten, und da es Ihnen zeigen wird, wie mir Alles, was auf die »Parthenais« bis zum Namen hin Beziehung haben konnte, zuwider sein mußte.

Ich hoffe indessen von Baggesen's Redlichkeit und Rechtlichkeit das Beste, und ich denke also, daß Alles sich wieder ins Gleiche fügen werde.

Wäre dies aber auch nicht, so bleibe ich, wie sich versteht, meinem Ihnen durch Herrn Cramer gegebenen Worte aufs heiligste getreu. Die französische Uebersetzung der »Parthenais« erscheint und mache ich hiermit darüber folgende Bestimmungen .....

Hiermit ist diese Verhandlung, denke ich, fest bestimmt, wie sich ja jede Verhandlung fest bestimmen läßt in Kürze, wenn man es recht miteinander meint.

Ich bitte Sie indessen, nie weiter irgend Jemanden mit Aufträgen hierüber an mich zu chargiren, sondern mir Alles selbst zu sagen; auch würden Sie mich sehr verbinden, ebenfalls keine Aufträge von diesen Andern an mich wieder anzunehmen.

Es ist mir unendlich leid, daß ich Sie in meinem ersten Briefe mit so vielem Odiösen habe unterhalten müssen! Die Nothwendigkeit dazu ist mir peinlich und lästig genug gewesen. Sie werden mir dies gern glauben.

Dieser Brief und der eingeschlossene an Baggesen scheinen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben, denn der nächste berichtet von einer Wiederversöhnung Beider, ohne freilich anzugeben, worin diese bestanden, und ohne daß Brockhaus ahnen mochte, von welch kurzer Dauer sie sein werde. Brockhaus schreibt nämlich an Fauriel unterm 16. Juni, also gerade ein halbes Jahr nach dem ersten Briefe: Er habe in langer Zeit keinen Brief erhalten, den er mit wahrerer Theilnahme gelesen. Auf die französische Uebersetzung der »Parthenais« habe er schon beinahe nicht mehr gerechnet und sei sehr gespannt auf die ersten Bogen, »da es mir eine der außerordentlichsten Aufgaben scheint, Dichtungen wie die 'Parthenais' mit ihren griechischen Silbenmaßen glücklich in die französische Sprache zu übertragen«; Fauriel's Uebersetzung der »Parthenais« wurde übrigens in Prosa abgefaßt. Darauf fährt Brockhaus fort:

Was meine Verhältnisse mit Baggesen selbst betrifft, so sind sie insoweit wiederhergestellt, daß ich alle Kränkungen, die mir widerfahren, längst vergessen habe. Baggesen ist einer der am eigenst organisirten Menschen, die auf der Erde leben, und ich glaube, daß er mehr wie Rousseau von sich sagen könnte, daß Niemand auf der Erde ihm gleiche. Um Baggesen zu messen und zu beurtheilen, muß man einen ganz andern Maßstab haben als für andere Menschen! Ich habe dies zu Zeiten vergessen, daher viele Misverständnisse, Störungen, Unannehmlichkeiten. Doch ich will mich darüber hier nun auch nicht weiter verbreiten. Ich liebe und verehre Baggesen unendlich.

Was Ihre gütige Mittheilung über Baggesen's Verhältnisse betrifft, so sehe ich solche als einen Beweis Ihres Vertrauens gegen mich an. Empfangen Sie dafür meinen herzlichsten Dank. Ich werde Ihnen ganz aufrichtig darauf antworten. Wäre ich reich, so würde, um einen so trefflichen Mann und Freund wie Baggesen zu unterstützen und ihm bis auf bessere Zeiten Vorschüsse zu thun, bei mir keine Secunde Bedenkzeit oder Bedenklichkeit stattfinden. Aber ich bin nicht reich, und bei meiner Unternehmungslust, Thätigkeit und bei meinen jetzigen vielfältigen Verbindungen mit den Koryphäen der Gelehrten-Republik in Deutschland fehlt es mir an genügendem Fonds, als daß ich auch nur etwas davon da gebrauchen könnte, wo Freundes-Gesinnung es mir wie hier gebieten würde, ihn zu theilen. Daß ich als Hausvater und als Vorsteher einer zahlreichen Familie auch in dieser Hinsicht Pflichten habe, kann ich auch noch wol anführen. Indessen ist es auch eine nicht mindere Pflicht, dem wackern und durch Umstände gedrückten Freunde zu helfen, soviel man kann und soweit man darf. Kann unser Baggesen also berechnen, daß er mir in einem gewissen Zeitraum, etwa in 2 à 3 Monaten, das Manuscript zu den mir seit langer Zeit zugesagten »Dichterwanderungen« besorgen kann, so erlaube ich ihm selbst oder Ihnen, dann gleich auf mich die Summe von 50 Louis à 3 Monat dato ziehen zu können, und, wenn ich bis dahin einiges Manuscript erhalten habe, den 15. August nochmalen 50 Louis auf gleiche Weise ziehen zu dürfen. Herr Toberheim oder ein Anderer wird, denke ich, diese Tratten gern nehmen und Baggesen gleich den Betrag dafür auszahlen. Ich lege Ihnen zu diesem Zweck eine Declaration hier bei, von welcher Sie Gebrauch machen können. Fühlt Baggesen aber, daß seine physischen und geistigen Kräfte ihm in diesem Augenblicke die Redaction jenes Werks nicht erlauben, so werden die Tratten unterbleiben. Ich sage »Redaction«, denn der Stoff des Werks liegt da, ist bereits von ihm erschaffen, und es bedarf nur einer Form und Anordnung. Will er, was unser und sein Plan war, aus seiner früher wirklich geführten Correspondenz — und wer schreibt Briefe wie er? — das Werk bereichern, so glaube ich, dürfte Baggesen nur einer kurzen Ermannung und des ernsten Wollens bedürfen, um in kurzer Zeit unsern und den Wunsch seiner zahlreichen Verehrer zu erfüllen, und zugleich sich und seiner Familie, außer dem Danke des Publikums, eine ehrenvolle, wenn auch kleine Unterstützung zu bereiten.

Machen Sie, werthester Herr Fauriel, von diesen Eröffnungen den zartesten und delicatesten Gebrauch. Baggesen ist oft wie die Sensitive: nähert man sich ihr, so zieht sie sich zusammen; so auch Baggesen nicht selten.

Ich habe seit Ihrem Briefe noch nichts von Baggesen gesehen und bin nun wol seit vier Monaten ohne alle Berichte von ihm.

In zwei kurz darauf geschriebenen Briefen ist nichts Wichtiges enthalten.

Brockhaus sagt unterm 25. Juli, daß er beabsichtige, bald nach Paris zu kommen, und sich unendlich freuen würde, Fauriel's persönliche Bekanntschaft zu machen; Baggesen, der Fauriel's Nachrichten zufolge schon längst in Amsterdam hätte angekommen sein müssen, sei übrigens noch nicht erschienen, und rechne er nun also schon nicht mehr auf seine Ankunft. »Dies ist mir aber nicht neu mehr am Dichter der 'Parthenais'«, fügt er lakonisch hinzu.

Der nächste Brief, vom 15. August, handelt ebenfalls nicht näher von den Baggesen'schen Angelegenheiten, sondern im Eingange von dem (später wieder aufgegebenen) Projecte einer französischen Bearbeitung der Massenbach'schen Manuscripte und dann von andern literarischen Dingen, doch lassen wir ihn gleich hier mit folgen. Er lautet:

Meinen herzlichsten Dank für die Eröffnungen Ihres letzten Briefes, den Barometer Ihrer Preßfreiheit betreffend. Ja, man muß gestehen, daß die große Nation ganz rasend frei ist und die Engländer z. B., bei denen man Alles sagen darf, was ein gebildeter Mensch denken mag, in einer schrecklichen Sklaverei leben!

Von Treuttel & Würtz habe ich noch keine nähere Antwort. Aber sie kann nicht bejahend oder einladend sein. Vor der Hand bleibe also das Project suspendirt! Wir werden erst nur einen Theil des Originals bekannt machen. Vielleicht findet sich dann die Sache eher ausführbar. Eine nähere Analyse des Inhalts sende ich Ihnen lieber durch Treuttel & Würtz.

Auch für Frankreich würde ohnstreitig ein Werk dieser Art großes Interesse haben. Haben Thiébault's »Souvenirs«, Mirabeau's »Lettres«, Séguis' »Histoires«, jetzt Lamband's »Matériaux« und die »Caractères prussiens« doch alle mehrere Auflagen erlebt; haben Masson's »Mémoires«, Rulhière's und Carteras' Berichte nicht großen Beifall gefunden? Diese Werke sämmtlich sind aber mit den Memoiren, die wir jetzt herausgeben, in Hinsicht auf Originalität, inneres Interesse und ihre historischen Enthüllungen keineswegs zu vergleichen. Durch coupures und Verschmelzungen von I-II und französischen National-Zuschnitt würde, wir glauben es gewiß zu sein, ein für ganz Europa von höchstem Interesse seiendes Werk daraus geschaffen werden, da die französische Sprache es für ganz Europa lesbar macht. Die individuelle Geschichte der Zernichtung eines Staates wie der preußische, den ganz Europa seit einem halben Jahrhundert als ein hohes Muster innerer und äußerer Vollkommenheit betrachtete oder bewunderte, und durch dessen Fall der ganze Continent in Sklaverei gerathen, diese Geschichte von einem höchst geistvollen und genialen Manne, der Alles zu sehen und zu untersuchen Gelegenheit hatte, der selbst auf dem höchsten Posten stand, in ihren Ursachen und Wirkungen zerlegt und aufgehellt zu sehen, kann nicht anders als für Mit- und Nachwelt das lebendigste Interesse haben. Es gibt hier keine Abstractionen nach geschehenem Factum eines müßigen Scribenten. Es ist hier die lebendige Erzählung eines Augenzeugen, der, mit der reichsten Intelligenz ausgestattet, schon seit einer Reihe von Jahren die Auflösung des für Europas Cultur und Freiheit wichtigsten Staates herannahen sah, der Alles anwendete, ihr zu steuern, der endlich in Augenblicken der höchsten Gefahr mit ans Steuerruder gesetzt wurde, aber, da nichts mehr zu retten war, das Schiff zertrümmern sah. Freilich sind die Werke für Deutschland vom ersten Interesse. Allerdings. Sie werden dies dort auch erwägen, und sind wir einer guten Unternehmung dadurch schon sicher. Wenn die ersten Bände heraus sind, werde ich mir die Freiheit nehmen, sie Ihnen zu senden, und bitte ich mir dann einmal Ihre nähere Meinung aus.

Da ich in Paris noch mancherlei zu besorgen habe, so werde ich, um all' das zusammen zu berichtigen, vielleicht gegen den Herbst oder im Winter mal die im Grunde so kleine und doch in so vieler Hinsicht angenehme Reise machen.

Wenn Ihre »Parthenais«, von der Baggesen mir so unendlich viel Gutes sagt, fertig ist, komme ich vielleicht dann, um den seltsamen Eindruck zu beobachten, den dieser germanische ernste Gesang auf die verweichlichten Nerven der verbildeten Bewohner der europäischen Hauptstadt machen möchte!

Für Ihre gefällige Anerbietung, mein Cicerone sein zu wollen, meinen herzlichsten Dank. Ich werde Sie gewiß daran erinnern.

Baggesen schreibe ich heute recht viel, auch von Ihnen! Er wird es Ihnen schon sagen.

Den »Aladdin« von Oehlenschläger, der bei uns herausgekommen, werden Sie von Herrn Würtz erhalten. Sie wollen gütigst das Exemplar als ein Zeichen meiner Ergebenheit annehmen.

Von Herrn B. Constant habe ich auch Briefe von Coppet. Herr von Villers hat mich schon vor einiger Zeit mit ihm in Verbindung gesetzt, um sowol von ihm selbst einmal irgend ein interessantes Werk in Verlag zu erhalten, als insbesondere durch ihn eins von Madame von Staël.

Hierzu ist auch Hoffnung da. Madame de Staël schreibt Briefe über Deutschland, seine gesellschaftliche und literarische Cultur, und sie ist, wie mir Herr Constant schreibt, nicht abgeneigt, ihre Bekanntmachung meiner Handlung zu übergeben. Dies würde für meine Handlung ein kleines Glück sein! Sollten Sie gelegentlich und füglich bei Herrn Constant zur Beförderung meines Wunsches mitzuwirken thunlich finden, so bitte ich Sie, es zu thun.

Nachschrift. Ich adressire meinen Brief an Baggesen nach Marly. Er ist doch noch da, sodaß der Brief ihn treffen kann?

Der nächste Brief ist aus Leipzig vom 20. October 1808 datirt und also während der ersten Anwesenheit von Brockhaus auf der Buchhändlermesse geschrieben. Brockhaus war wieder lange ohne Nachricht von Baggesen und namentlich ohne Manuscript geblieben, obwol dieser zwei Wechsel auf ihn abgegeben und versprochen hatte, selbst nach Leipzig zu kommen. So wendet er sich denn wieder an Fauriel mit der Bitte um Auskunft über Baggesen. Sein Brief lautet:

Ich schreibe Ihnen, werthester Herr Fauriel, diese Zeilen von der Messe aus im Gedränge meiner sonstigen Geschäfte.

Ihren letzten Brief, den ich noch in Amsterdam erhielt, habe ich nicht gleich zur Hand, und ich behalte mir dessen Beantwortung bis zu einer gelegenern und ruhigen Zeit bevor. Heute will ich mich mit Ihnen blos über unsern Baggesen unterhalten.

Baggesen zog im Juli circa 55 Louis auf mich. Im Wechsel stand: »suivant l'avis«. Diesen Avis hatte ich bei der Präsentation nicht erhalten. Ich hätte also die Tratte mit Protest eigentlich zurückweisen müssen, »car il faut faire des affaires comme des affaires«. Ich that das aber doch nicht. Ich acceptirte den Wechsel und ist er auch schon längst bezahlt. Den Avis habe ich nicht erhalten. Ehe dieser erste Wechsel aber verfallen war, kam schon wieder ein zweiter von auch 55 Louis, wieder »suivant l'avis«, aber ich hatte wieder keinen »Avis«. Was hätte ich thun müssen? Denke sich jeder in meine Lage als Geschäftsmann! Ich that das aber wieder nicht, was ich als solcher thun mußte.

Vor einigen Tagen erhalte ich nun aber endlich einen Brief von Baggesen vom 15. September, der über Amsterdam gelaufen und mir von da zugesandt worden. Hier erwähnt denn Baggesen dieser Tratten beiläufig und ersucht mich, daß ich Toberheim vom Accept derselben benachrichtigen möchte. Ich thue dies in der Einlage, die Sie die Güte haben wollen an Herrn Toberheim abzugeben. Baggesen schreibt mir, daß er auf dem Punkte stünde, Paris zu verlassen, daß er über Frankfurt reisen, von dort nach Leipzig kommen und mich hier zur Messe besuchen würde. Seit dem 15. September sind aber jetzt schon über fünf Wochen verflossen, und ich muß also vermuthen, daß aus der Reise entweder gar nichts geworden, oder daß Baggesen eine andere Route genommen. Ich bleibe noch circa 14 Tage hier, eine Zeit, die hinreichend ist, um von Ihnen, wenn Sie mir mit umgehender Post zu antworten die Güte haben, hier noch Ihre Auskunft hierüber zu erhalten.

Sie wissen, werthester Herr Fauriel, daß ich mich auf das bestimmteste erklärt habe, daß, wenn Baggesen die Tratten auf mich machte, ich auch dann schnell in Besitz einiges für den Druck fertigen Manuscripts müßte gesetzt werden, um davon noch für dieses Jahr Gebrauch machen zu können. Ich habe mich ohne Scheu und Scham über meine Verhältnisse erklärt, offen gesagt, daß meine Lage mir durchaus nicht erlaubte, unter andern Bedingungen diese Zahlungen zu leisten und anzunehmen. Jetzt ist aber schon die eine Tratte von 55 Louis bezahlt, und die andere ist acceptirt, was so gut ist als bezahlt. Noch aber habe ich bis heute, Ende October, kein Blatt Manuscript.

Meine Bitte an Sie ist also, daß, wenn Baggesen noch dort ist, Sie ihm den Inhalt dieses Briefes mittheilen und mir mit umgehender Post hierher Auskunft über Baggesen's Intentionen sowol, als über das Gefördertsein des Manuscripts und wann und wie ich solches erhalten soll, geben wollen. Die Pflichten, die ich gegen meine Handlung habe, zwingen mich, daß ich darüber Gewißheit haben müsse. Baggesen kann und wird es mir nicht übelnehmen, daß ich mich darüber an Sie und nicht an ihn direct wende. Er ist nicht pünktlich im Antworten, Sie sind es. Sie kennen aber auch außerdem alle unsere Verhältnisse; Sie sind Baggesen's Freund, Sie sind gegen mich gütig gesinnt, Sie werden meinen Auftrag mit all der Zartheit und Delicatesse, die er erfordert, ausrichten. Sie werden meine Lage und meine Verhältnisse fassen und würdigen.

Ich wiederhole meine Bitte, mir mit umgehender Post darüber hierher nach Leipzig zu schreiben.

Wegen Ihrer »Parthenais« hoffe ich nun bald Ihren und Treuttel's Bericht zu empfangen, daß mit dem Druck begonnen werde. Den mir gütigst im Manuscript versprochenen Gesang werden Sie wol nach Amsterdam gesandt haben.

Die Massenbach'schen Werke sind noch nicht so weit gediehen, daß ich Ihnen solche habe senden können bisjetzt. In Zeit von acht Tagen werde ich Ihnen aber einen Theil derselben zusenden und für die Herren Treuttel und Ihren Freund (Oelsner?) Exemplare beilegen. Was ich Ihnen jetzt sende, ist das zweite und dritte Werk, welches wir angekündigt haben. Von dem interessantesten: den Memoiren in drei oder vier Bänden, erscheint der erste Band erst in vier Wochen, den Sie auch sogleich erhalten sollen.

Soweit auch ich das französische Publikum beurtheilen kann, wird eine Bearbeitung und Ineinander-Verschmelzung dieser Werke in Frankreich ein großes Publikum finden. In Deutschland ist die Erwartung so darauf gespannt, daß wir so viele Bestellungen darauf haben, um gezwungen zu sein, ehe die erste Auflage fertig ist, schon eine zweite drucken zu lassen.

Leben Sie wohl. Wenn Baggesen noch in Paris ist, tausend Empfehlungen an ihn!

Ihr Ihnen von ganzer Seele zugethaner

Brockhaus.

Adr. Herrn Heinr. Graeff in Leipzig.

Fauriel's Vermittelung scheint diesmal ganz ohne Erfolg gewesen zu sein. Brockhaus ging nun die lange mit Baggesen geübte Geduld endlich aus. Er schreibt an Fauriel aus Amsterdam vom 15. Juni 1809:

Es ist beinahe ein ganzes Jahr, daß Sie nichts von mir, ich nichts von Ihnen gehört habe. Sind wir uns auf einmal so fremd geworden? Welch ein böser Genius hat die zarten freundschaftlichen Verhältnisse, womit Sie mich zu beehren schienen, auf einmal so locker gemacht? Ich weiß es nicht, was mich verhindert hat, Ihnen zu schreiben. Ich weiß noch weniger, was allenfalls Sie könnte bewogen haben, gegen mich zu schweigen: es sei denn, daß vielleicht à la lettre Sie mir zuletzt geschrieben hätten. Aber werden Sie dies so streng nehmen? Sie wissen wie geschäftsvoll wir Geschäftsleute oft sind, und wie uns da oft unser Gedächtniß über Brief-Beantwortungen, die nicht unmittelbar in das kaufmännische Verhältniß eingreifen, untreu wird! Sie verdammen mich deshalb gewiß nicht. Ich Sie auch nicht, daß Sie mir nicht geschrieben haben. Wer weiß, was Sie daran verhindert hat? Sie werden mir es sagen, auch wenn ein kleiner Groll die Ursache davon gewesen.

Mit Baggesen bin ich leider ganz zerfallen. Ich möchte darüber ganz gegen Sie schweigen, da es sonst den Anschein erhalten könnte, als suchte ich ihn vielleicht bei Ihnen zu verkleinern, mich zu entschuldigen oder ihn zu beschuldigen. Allein das Alles mag ich nicht und kommt mir nicht in den Sinn. Nur historisch muß ich es Ihnen doch sagen, daß wir zusammen zerfallen und warum wir es sind. Sie erinnern sich, wie Sie mir im vorigen Jahre Baggesen's abattement und die Ursache davon, seine pecuniären Verlegenheiten, schilderten. Sie wünschten, daß ich ihm 50 Louis avanciren möchte; Sie hatten den Edelmuth, solche mit Ihrem künftigen Honorare zu garantiren. Sie wissen, daß ich antwortete: »ich sei für den Augenblick und überhaupt nicht in der Lage, Vorschüsse geben zu können; ich bedürfe jedes Francs meines Capitals für mein laufendes Geschäft«; wenn also Baggesen nicht moralisch und physisch gewiß sei, mir diejenigen Manuscripte, worüber zwischen uns schriftliche Contracte oder mündliche Zusagen existirten, in einer gewissen Zeit (ich glaube, ich setzte drei Monate dazu) zu liefern, so könnte und dürfte ich die verlangten 50 Louis nicht zugestehen; wäre aber, fuhr ich fort, Baggesen dessen gewiß, so könnte er selbst 100 Louis auf mich trassiren. Sie werden sich Alles dessen erinnern. Auch dessen, daß Baggesen die Zusage machte, und daß er 100 Louis auf mich trassirte. Sie werden sich erinnern, daß er seine Arbeiten, worauf diese 100 Louis entnommen, unterbrach, weil ihm ein anderes Gedicht, der »Faust«, in den Sinn gekommen war. Sie werden sich erinnern, wie Sie selbst mir über diese neue Idee Baggesen's schrieben, und wie Sie wünschten, daß ich solche der andern möchte vorgehen lassen. Baggesen selbst sandte mir den ersten Act per reitende Post von Paris zu als Probe und äußerte mit Ihnen gleichförmige Wünsche. Sechs Monate verstrichen indessen und ich erhielt keine Zeile Manuscript irgend einer Art, weder vom »Faust« noch von den mir zuerst zugesagten Manuscripten. In der Zwischenzeit war Baggesen freilich einige Zeit in Frankfurt unpäßlich geworden, und hatte mir dies Gelegenheit gegeben, ihm aufs Neue meinen guten Willen zu zeigen, ihm dienen zu wollen. Die Unpäßlichkeit war aber vorüber, und es fand sich dadurch jeder Grund aufgehoben, das eine oder das andere seiner Versprechen zu erfüllen. Es war dies unbedingt selbst seine Pflicht. Aber ich erhielt immer keine Zeile Manuscript, wol aber beleidigende, ausweichende Briefe. So ließ ich endlich gezwungen die zweiten 50 Louis, die noch nicht bezahlt waren, protestiren (die ersten 50 Louis waren bezahlt), da ich vollends hörte, daß er den mir zugesagten »Faust« an einen andern Buchhändler in D. verhandelt hatte. Ich mag und will die unangenehmen Discussionen, die hierüber zwischen Baggesen und mir vorgefallen, nicht alle entwickeln; ich kann nur sagen, daß ich in mir das Bewußtsein habe, zu jeder Zeit und in jedem Verhältnisse gegen Baggesen als höchst rechtlicher Mann gehandelt zu haben; ich habe vergebens Schiedsrichter aus unsern Freunden vorgeschlagen, im Fall sich wirklich etwas zwischen uns zu erörtern fände (ich habe dazu Villers und Perthes vorgeschlagen; ich schlage noch Sie und Herrn Würtz dazu vor), Alles umsonst. Ich habe keine Zeile Manuscript bis heute! Ich habe keinen Sou Rembours für die bezahlten 50 Louis und noch etwa 300 Louisdor von sonstigen Avancen. Ich habe keine Antwort auf meine Vorschläge: etwaige Differenzen, ob ich gleich im Grunde dergleichen nicht kenne, da seit der Epoche, wo ich ihm auf Ihre Vorsprache das Geld dargeliehen, nichts Anders zwischen uns verhandelt ist. Baggesen will freilich diese 50 Louis anders compensiren: so soll ich von den »Heideblumen«, wie er in seiner Idee glaubt, mehr Exemplare haben drucken lassen als contractmäßig war (indem er annimmt, sonst müsse die erste Auflage schon verkauft sein!!) u. s. w.

Das heißt nun wol leeres Stroh gedroschen, aber was wollen Sie, daß ich anders thun soll, anders thun kann, als zu sagen: »wenn Sie, Baggesen, glauben, daß ich Ihnen zu wehe gethan habe, so entscheide hier Ihr und mein Freund Perthes in Hamburg oder Würtz in Paris als Buchhändler, Villers in Lübeck oder Fauriel in Paris als Gelehrte«? Dann hatte man mit Ehre und Rechtlichkeit die Discussion geführt und sie beendigt, anstatt daß sie jetzt tiefe Spuren der Erbitterung hinterlassen und beide Theile beim neugierigen Publikum compromittiren wird. Ich schweige darüber. Etwas mußte ich Ihnen doch darüber sagen. Vielleicht kommt Baggesen nach Paris zurück, vielleicht auch nicht. Ich weiß nicht, wo er ist und wohin er geht.

Sie haben für die 50 Louis garantirt. Darum schreibe ich Ihnen aber nicht. Ich werde Sie dieser Garantie unbedingt entlassen, wenn nicht ein dritter Freund von uns Beiden (etwa Herr Würtz oder wen Sie wollen) sein erklärtes oder bestimmtes Votum darüber gibt. Ich würde hier gleich unbedingt Verzicht darauf thun, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß Ihre Delicatesse dieses nicht erlauben würde. Ich habe Ihnen heute nur die Facta, die zwischen Baggesen und mir stattgehabt, melden wollen: daß ich bis heute keine Zeile Manuscript erhalten, daß Baggesen sich allen Verbindlichkeiten gegen mich zu entziehen sucht, daß er in längst abgemachten Sachen Phrasen aufsucht, um mich damit abzufertigen &c. &c.

Wie leid es mir thut, in Baggesen den Menschen nicht so verehren zu können als den Dichter, werden Sie mir ohne Versicherung glauben. Auch die an Baggesen avancirten 50 und 25 Louis entbehre ich ungern. Ich habe Ihnen und Baggesen oft und ohne Hehl gesagt: ich bin nicht reich; ich kann nicht vorschießen, ich bedarf jedes Louisdor für mein Geschäft und für meine zahlreiche Familie (ich bin Gatte und Vater von sechs Kindern). Mein Geschäft erfordert beständig Fonds, und so entbehre ich diese 75 Louis ebenfalls sehr schmerzlich. Ich habe auch Baggesen das gesagt, aber der gefällt sich in seinen neuen Verbindungen zu gut und ist zu wohl darin, als daß es ihm einfiele, darauf zu achten einmal.

Ob nun noch wol die französische »Parthenais« erscheinen wird in meinem Verlage? Mein Wort ist und bleibt mir heilig darin, unerachtet des nicht zu überwindenden Widerwillens an Allem, was von Baggesen herkommt, solange mein ganzes Verhältniß zu ihm nicht hergestellt ist. Ich werde gewiß Baggesen nicht nachahmen, der alle Verbindlichkeiten für nicht verbindlich hält, wenn kein förmlicher Contract darüber da ist. Sie sind ein zu edler Mann, um gleiche Grundsätze zu haben. Ihnen und mir wird ein einfach gegebenes Wort selbst heiliger sein als ein förmlicher Contract. Also ich bleibe der Verleger der französischen »Parthenais«, und ich bin bereit, auf der Stelle damit anfangen zu lassen, sobald Sie mir melden, daß das Manuscript vollendet sei. Herr Würtz hat mir dies in Leipzig versichert. Ob ihm so ist, sagen Sie mir selbst. Einstweilen bitte ich Sie aber dringend, mir doch irgend eine Episode oder einen Gesang davon per Brief zuzusenden. Sie haben mir dies lange versprochen, und ich mahne Sie daran.

Mit dem Werke des Herrn von Massenbach geht es in Deutschland sehr gut. Die »Memoiren« werden unstreitig das wichtigste Werk für die neueste Geschichte Deutschlands. Sie werden dazu weit developpirter als zuerst im Plan vorlag, und es dürften statt drei jetzt vier Bände werden (außer den »Rückerinnerungen« und den »Denkwürdigkeiten«). Der zweite Band ist eben erschienen, und ich schicke Ihnen denselben in acht Tagen zu. Der dritte Band erscheint in sechs Wochen. Sobald Sie diesen dritten Band der »Memoiren« erhalten haben, erbitte ich mir Ihre Meinung darüber; eher nicht.

Herr Würtz sagte mir, daß Sie die Güte haben wollten, eine Anzeige der classischen Geschichte der Botanik, die in meinem Verlage erschien[35], für den »Publicisten« zu besorgen. Ich danke Ihnen im voraus dafür. Senden Sie mir die Anzeige aber doch zu, da ich den »Publicisten« nicht mehr lese.

Leben Sie wohl! Ich verbleibe Ihnen mit der innigsten Liebe und Freundschaft zugethan.

Brockhaus.

Fauriel antwortet bald auf diesen Brief, und es kommt nun wenigstens die Angelegenheit über die französische Uebersetzung der »Parthenais« in Ordnung. Brockhaus schreibt an Fauriel aus Amsterdam am 1. August 1809:

Ich erfülle Ihren Wunsch, Ihnen recht bald auf Ihren gütigen Brief vom 22. Juli zu antworten, dadurch, daß ich es gleich auf der Stelle nach seinem Empfange thue. Sie werden dadurch mit mir zufrieden sein.

Das Geschäft, worüber wir nun seit länger als zwei Jahren miteinander correspondiren, muß doch auch endlich zu Ende gebracht werden. Daß es das noch nicht ist, will ich Ihnen gewiß nicht anrechnen, und Sie werden es mir auch nicht thun. Indessen lassen Sie uns jetzt Beide zusammenwirken, daß nicht wieder ein neuer Aufenthalt darin stattfinde. Meine Gesinnungen darüber haben sich im wesentlichen in nichts geändert. Ich habe dazu einmal darin einen Entschluß gefaßt gehabt, und da ich gewohnt bin, zu überlegen, ehe ich einen Entschluß fasse, so bleibt es bei mir auch dabei und ich pflege davon selten oder nie zurückzukommen. Daß meine persönlichen Verhältnisse zum ursprünglichen Verfasser sich verändert, wirkt noch weniger auf mich in Rücksicht meiner Bestimmungen darin. Es bleibt also damit ganz so, wie wir darüber ein für allemal eins geworden. Ich schreibe heute an die Herren Treuttel & Würtz, und gebe diesen die unbeschränkteste Vollmacht, mit Ihnen alle die Maßregeln zu concertiren, welche zur Herausgabe nöthig sind, als ich ihnen auch gleich für die dazu seiner Zeit nöthigen Fonds bereits den erforderlichen Credit eröffne. Die Stärke der Auflage überlasse ich Ihnen und Herrn Würtz zu bestimmen. Für Holland, England, wohin ich Gelegenheit habe, Einiges zu senden, und für Deutschland wünschte ich 4-500 Exemplare zu meiner Disposition zu haben. Da man es für eine Art relativer Unmöglichkeit hält, die »Parthenais« in französischer Sprache darzustellen, so wird schon, abgesehen vom höhern ästhetischen Interesse, eine Art von Neugierde den Verkauf der französischen »Parthenais« ziemlich befördern. Da ich also 4-500 Exemplare für das Ausland hier bedarf, so dürfte vielleicht eine Auflage von 1500 Exemplaren im Ganzen nicht übertrieben sein. Ich überlasse aber, wie gesagt, die Bestimmung derselben Herrn Würtz und Ihnen .....

So wäre denn alles Nöthige von mir besorgt, und ich überlasse es nun Ihrer Sorgfalt, alle weitern Veranstaltungen zur wirklichen Ausführung zu treffen. Benachrichtigen Sie mich bald vom Geschehenen. Werden Sie mir aber nicht böse, wenn ich Sie nochmalen an Ihr altes, altes Versprechen erinnere, mir doch einstweilen irgend ein isolirt zu genießendes morceau aus Ihrer »Parthénéide« mitzutheilen! Ich bitte Sie selbst wiederholt darum, und ich werde es sehr gern sehen, wenn Sie es mit Ihrer gütigen nächsten Antwort mittheilen wollen.

Ich will Ihnen — Sie sehen, daß ich dankbar bin — auch noch etwas mittheilen, das für Sie nicht ohne Interesse sein möchte; und zwar für Ihren Discours préliminaire, auf den Sie ein wenig, wie wir Alle recht viel halten. Sie erinnern sich der interessanten Recension der »Parthenais«, welche vor etwa 1½ Jahr in der »Neuen Leipziger Literatur-Zeitung« befindlich war. Baggesen glaubte, daß solche von Professor Jacobs, damals in Gotha und jetzt in München, herrühre. Es wird Baggesen interessiren zu hören, und ich bitte Sie es ihm zu sagen, daß er sich darin geirrt. Ich habe auf meiner letzten Reise zur leipziger Messe den Verfasser derselben persönlich kennen gelernt und mir sein Vertrauen wie seine Freundschaft erworben. Es ist der Doctor Apel in Leipzig, unstreitig einer der scharfsinnigsten und geistvollsten Kritiker im ästhetischen Fache, den wir jetzt in Deutschland besitzen, und zugleich selbst trefflicher und genialer Dichter, obgleich ziemlich unbekannt und seinen Namen nicht preisgebend, noch nicht von der Nation, sondern nur von den wenigen Vertrauten seiner Muse gefeiert. Nun, von demselben ist auch unlängst eine ganz treffliche und sehr umständliche Recension der »Louise« von Voß erschienen, einem Gedichte, das man in Deutschland immer in eine gewisse Art von Parallele mit Baggesen's »Parthenais« zu setzen pflegt, eine Rezension, die in das Wesen dieser Dichtungsarten, den Geist und das Technische derselben höchst geistvolle Blicke thut, und deren Kenntniß Ihnen, wie ich glaube, recht lieb sein wird, wenn Sie auch nichts besonderes Neues dadurch erfahren möchten. Ich will Ihnen auch noch eine ganz herrliche Recension meines Freundes über Jean Paul's »Vorschule der Aesthetik« mittheilen, die eben in der »Jenaischen Literatur-Zeitung« befindlich, und die Ihnen ebenfalls manche neue Ansicht wird kennen lehren. Das Buch selbst besitzt Baggesen, wie ich weiß. Diese beiden Recensionen sende ich Ihnen mit erster Gelegenheit durch die Herren Treuttel & Würtz.

Ich werde Alles, was Baggesen und meine Verhältnisse mit demselben directe als indirecte seinetwegen mit Ihnen betrifft, nie weiter in meine Briefe an Sie aufnehmen, sondern darüber, so lange Sie einigen Antheil daran nehmen wollen, separate Memoires lieber beilegen. Ich werde dies auch heute thun und übergehe alles hierauf Bezug Habende hier und in meinen weitern Briefen.

Ich danke Ihnen schon vorläufig für Ihren guten Willen, über Sprengel's »Historia rei herbariae« ein bedeutendes Wort im »Mercure« sagen zu wollen. Uebrigens lese ich den »Mercure« ganz regelmäßig, und haben Sie nicht nöthig, sich wegen der Zusendung der Nummern besondere Mühe zu geben; es wäre denn dazu, daß ich sie dem würdigen Verfasser mittheilen möchte.

Von demselben Verfasser ist eben bei mir der erste Theil eines andern vortrefflichen Werkes erschienen: »Institutiones medicae« welches den ersten Theil der Physiologie enthält. Die vorläufige Ankündigung davon lege ich Ihnen hier bei. Den ersten Theil selbst werde ich so frei sein, Ihnen durch Herrn Würtz einhändigen zu lassen. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie Gelegenheit haben möchten, auch für dieses Werk von irgend einem ganz der Wissenschaft gewachsenen Manne für eines der größern Journale eine wahrhaft beurtheilende Recension zu veranstalten .....

Ich höre nicht auf, Sie mit Bitten zu belästigen. Ich habe ihrer noch einige an Sie.

Dem vor etwa 14 Tagen durch Treuttel & Würtz an Sie abgesandten Packete habe ich noch beigelegt ein Cahier Umrisse von Flaxman zu Dante's »Commedia divina« und drei Hefte von Umrissen zu Ossian. Jene bilden blos das erste Heft, und folgen demselben noch zwei Hefte von gleicher Stärke. Es sind Nachstiche nur. Dieses — die Umrisse zum Ossian — bilden aber ein Ganzes und Original und rühren von einem gerühmten deutschen Künstler her mit Namen Rühl. Ich habe die Platten dieser Zeichnungen (les cuivres) von der Handlung, welche solche hat machen lassen, und welche Handlung durch Unglücksfälle zurückgegangen ist, in vergangener leipziger Messe käuflich an mich gebracht; ich lasse solche jetzt completiren, neu abdrucken, elegant cartonniren u. s. w. Zu den deutschen Umrissen gehören zwei Abdrücke des Originals in 4° und in 8°, ganz elegant gedruckt und höchst correct, und zugleich eine deutsche Uebersetzung dieses Dichters von einem der vorzüglichsten deutschen Schriftsteller und Dichter. Alles freilich nach Willkür der Käufer, was sie nehmen wollen. Ueber den artistischen Werth dieser Umrisse will ich mich hier nicht besonders auslassen, sondern diesen Ihrem Urtheil anheimstellen und nur bemerken, daß von Flaxman's Umrissen zu Dante das Original nicht allein im Buchhandel gänzlich fehlt, sondern auch nur ganz wenige Exemplare im Publikum existiren, daß die Platten selbst zernichtet und diese Copien höchst genau sind. Die Frage wäre nur, und dies betrifft mein ganzes Interesse dabei, ob nicht auch für Frankreich von dem einen und andern ein kleiner Vortheil für mich zu ziehen und wie das am besten zu befördern? Meine Wünsche sind darin sehr mäßig, da ich die Platten auch sehr billig angekauft habe und ich in Deutschland meine Kosten gewiß gedeckt erhalten werde; aber ob ich nicht vielleicht 50 à 100 Exemplare per Change gegen andere gute Bücher und Kunstsachen in Paris möchte anbringen können, und ob ich nicht beides leichter bewerkstelligen könne, wenn sowol zum Dante als zum Ossian ein kurzer erklärender französischer Text gegeben würde, wie z. B. die Loudon'schen Umrisse vom »Museo« mit einem solchen Text begleitet sind — dieses ist es, worüber ich wol Ihre Meinung wissen möchte .....

Ich begreife vollkommen, daß im Grunde meine Anfrage und Angelegenheit blos mercantiler Art ist. Sie, werthester Herr Fauriel, frage ich nun darüber, ob Sie die Ausführung der Zeichnungen zum Ossian und zum Dante nicht ohne künstlerisches Verdienst finden, und ob Sie einen kleinen Commentar darüber räthlich und thunlich finden, und wie ich es wol anfangen müsse, mir denselben zu verschaffen?

Es ist und bleibt mein fester Vorsatz, diesen Herbst noch eine kleine Reise nach Paris zu machen. Mancherlei Geschäfte und Verhältnisse zwingen mich dazu. Mein inneres Streben wünscht es ebenfalls. Ich muß und werde suchen mir die Reise zugleich so nützlich als möglich zu machen. Zu diesem Endzwecke möchte ich auch eine Anzahl meiner dazu passenden Artikel de fond, als die beiden Werke von Sprengel und Rudolphi, die beiden schönen 4° und 8° Ausgaben von Dante, die »Umrisse« dazu und zum Ossian, ein paar kleine Schriften von Villers und etwa noch 5 à 6 andere interessante neue Artikel meines Verlags in französischer und lateinischer Sprache gegen andere gute französische Artikel zu changiren suchen, und mein Bestreben muß also sein, diese meine Artikel so passend als möglich für den französischen Buchhandel zu machen.

Der dritte Band der Memoiren des Obersten von Massenbach wird nun auch in einigen Tagen ganz fertig. Ich werde ihn Ihnen gleich zuschicken und Sie bitten, mir aufrichtig Ihre Meinung zu sagen, ob Sie glauben, daß ein »Précis« daraus für Frankreich Interesse haben könne. Das Ganze dieser Memoiren wird sechs Bände betragen, die sich schnell folgen werden. Aus den drei ersten läßt sich aber doch einigermaßen das Interesse dieses Werks übersehen.

Ich schließe meinen langen Brief. Wegen Baggesen wird's mir heute zu spät zu schreiben. Das also ein andermal. Es eilt auch so sehr nicht damit.

Antworten Sie mir bald und vergessen Sie ja nicht mir eine kleine Probe der französischen »Parthenais« beizulegen.

Das hier versprochene »Mémoire« über Baggesen folgt unterm 11. August in Form eines Briefs und enthält eine so eingehende, klare und ruhig gehaltene Auseinandersetzung der Verhältnisse zwischen Brockhaus und Baggesen, daß es keines weitern Commentars bedarf. Das Mémoire lautet:

Vor einigen Tagen habe ich Ihnen über unsere persönlichen Angelegenheiten geschrieben, heute schreibe ich Ihnen blos über Baggesen.

Sie haben einmal das mühselige und delicate Geschäft übernommen, zwischen uns als Vermittler aufzutreten! Es ist mir dies unendlich lieb. Wer sollte es sonst thun? Und eine persönliche Ausgleichung scheint mir nicht möglich. Ich habe bereits vorgeschlagen und auch Ihnen schon mehrmals gesagt, daß ich mich über die etwaigen Differenzen zwischen uns dem Gutachten jedes verständigen und unparteiischen Mannes unterwerfen will. Ich habe gleich eine Anzahl solcher Männer vorgeschlagen: Villers, Perthes, Kerner, Würtz, Sie selbst, wenn Sie wollen! Baggesen antwortet hierauf nicht und nichts. Er sagt, Cotta würde die Sache in sich berichtigen. Diesem muß ich widersprechen, wenn Cotta gegen mich wahr gewesen ist. Mir hat er auf der leipziger Messe persönlich gesagt, daß er auch nicht das Geringste von Baggesen's Verhältnissen zu mir wissen wolle und er auf keine Weise ferner darin wirken oder eingreifen möchte. Ich erkläre indessen wiederholt: daß ich mich unbedingt dem Gutachten jedes verständigen Mannes bei meinen Differenzen mit Baggesen unterwerfen werde, wenn Baggesen eine gleiche Erklärung und Gewährleistung gibt, und habe ich selbst dagegen nichts, wenn wir diesen Schiedsrichter blos in Paris wählen, wo Baggesen die Bequemlichkeit hat, demselben mündlich alle nähern Elucidationen zu geben, wogegen ich blos mit todten schriftlichen Erinnerungen einkommen könnte. Legen Sie oder Baggesen dies nicht als Uebermuth aus; es ist blos die innere Ruhe meines Bewußtseins, gegen Baggesen immer als ein rechtlicher und braver Mann gehandelt zu haben. So kann, denke ich, nie ein Urtheil einfacher, verständiger Menschen auch gegen mich sein, es sei denn in Sachen des Verstandes, worin ich irren kann: und davon überzeugt zu werden, thut mir nicht weh. Sie, Herr Fauriel, sind indessen jetzt einstweilen zwischen uns getreten: es ist möglich, daß dadurch eine Ausgleichung in unsern Geschäftsangelegenheiten kann bewirkt werden; und da ich nichts mehr verlange als das, so folge ich Ihrer Einladung: genau anzugeben, was ich von Baggesen verlange.

Sie, Herr Fauriel, sagen: »stricte genommen, könne ich nichts verlangen als quelques volumes de correspondance«. Es ist wahr, nur hierüber existirt zwischen Baggesen und mir ein Contract in Form. Ich bin indessen der Meinung gewesen, daß ein schriftlich oder mündlich gegebenes Wort einen rechtlichen Mann noch weit mehr binde als ein Contract. Diesen (einen Contract) muß auch ein Schurke halten, weil ihn die Gesetze dazu zwingen, — das gegebene Wort zu halten, ist dagegen ein Wahrzeichen des Mannes von Ehre und reiner Rechtlichkeit. Diesem ist das Wort mehr als der Contract. Zwischen Ihnen, Herr Fauriel, und mir existirt auch kein Contract in Form, aber ich bin moralisch gewiß, daß es Ihnen nie in den Sinn kommen werde, darum unserer Abrede nicht nachkommen zu wollen; es wird mir ebenso wenig je einfallen.

Habe ich Unrecht, wenn ich diese Grundsätze auf Baggesen's Verhältnisse zu mir anwandte? oder auf meine Verhältnisse zu Baggesen? Ich wenigstens habe darnach gehandelt und würde nicht aufgehört haben darnach zu handeln.

Also Baggesen hat mir außer den contractmäßig zugesagten »Briefen« auch sein liebstes, ihm theuerstes, seinen Genius am klarsten aussprechendes Werk, die humoristische Beschreibung seiner Reisen unter dem Titel: »Dichterwanderungen«, hundertmal mündlich und ebenso oft schriftlich, oder vielmehr das in jedem Briefe seit zwei Jahren zugesagt. Die Zeit der Ablieferung des Manuscripts dazu ist nicht im Allgemeinen nur bestimmt worden; nein, der Monat, die Tage gar waren es von Baggesen selbst. Auf beides geschahen auch die à conto-Zahlungen, die auf Ihre Vermittelung statt hatten. Ich habe sie auf diese so bestimmten und von meiner Seite nach meinen Grundsätzen verbindend geglaubten Zusagen mehrmalen dem ganzen deutschen Publikum nach deutscher Buchhändler-Sitte als erscheinend angekündigt. Die Ehre meiner Buchhandlung erfordert, daß ich diese im Vertrauen auf Baggesen's Worte dem deutschen Publikum und dem deutschen Buchhandel gegebene Zusage halte; ich kann es darum nie zugeben, daß eine andere Buchhandlung diese Werke je herausgebe. Ich muß mein, im Vertrauen auf Baggesen's Wort gegebenes Wort erfüllen. Baggesen muß mich darin unterstützen. Er kann es. Es ist hier von keiner genialen Schöpfung irgend eines dichterischen Werks die Rede, sondern nur von der Herausgabe von Collectaneen, die existiren und bereits in Baggesen's Händen sein müssen (den Briefen); dann von der Herausgabe einer Reise, die schon einmal oder gar zweimal in dänischer Sprache (wenigstens zum Theil) von Baggesen herausgegeben ist, und zu der, um sie mir im Manuscript deutsch zu liefern, nur einige assiduité erforderlich ist. Hätte Baggesen mit mir einen Contract über die Vollendung der »Oceania« gemacht, ich würde auf dessen Erfüllung, insofern Baggesen nicht in seinem Innern dazu den Beruf und den Impuls fühlen möchte, nie dringen. Es ist klar wie der Tag, daß zur Haltung eines solchen Contracts der höchste innere Beruf da sein müsse, weshalb über solche Werke auch nie im voraus Contracte gemacht werden.

Es ist das aber durchaus nicht der Fall mit der Herausgabe von wirklich geschriebenen, also schon daseienden Briefen über philosophische und literarische Gegenstände, die sich in Baggesen's Portefeuille befinden werden oder befinden müssen, weil er darüber contrahirt. Es ist dies derselbe Fall mit der Herausgabe seiner Reisen, von denen wenigstens ein Theil (mehrere Bände) bereits in dänischer und auch in deutscher Sprache erschienen sind, und die nur, wenn Baggesen ihnen keinen höhern und andern Charakter geben will, allenfalls von ihm übersetzt oder überarbeitet zu werden brauchen. Voltaire konnte z. B. von einem Buchhändler nicht angehalten werden, seine »Henriade« zu dichten, aber es konnte von Voltaire verlangt werden, wenn er darüber contrahirt hatte, — daß er seine Correspondenz mit Friedrich, d'Alembert &c. herausgab oder die französische Ausgabe eines Werks, das von ihm früher in irgend einer andern Sprache geschrieben war.

Ich glaube, man muß diese von mir hier aufgestellten Fälle sehr bestimmt unterscheiden und dadurch fühlen, daß ich keineswegs etwas Absurdes verlange, wenn ich von Baggesen das mir Zugesagte wirklich fordere. Auch hat Baggesen mir so oft geschrieben, daß dies Alles nur noch der letzten Revision und Feile bedürfe, daß alle Materialien da und schon geordnet seien, um nicht annehmen zu müssen, daß es auch wahr und es ihm mithin ein Leichtes sei, seine Zusage gegen mich zu erfüllen und mich dadurch von dem Versprechen zu acquittiren, was ich im Vertrauen auf Baggesen dem ganzen deutschen Publikum mehrmalen und wiederholt gegeben habe — und das also, meiner Ehre als Buchhändler wegen, ich auch halten muß. Daß diese Rechtlichkeit und dieser Ehrgeiz mich bei dieser Transaction hauptsächlich allein leiten und nicht anderes Interesse, kann Baggesen gewiß am besten beurtheilen, da es ihm nicht unbekannt sein wird, daß meiner Buchhandlung jede Verbindung mit den ersten Talenten Deutschlands leicht ist, und er es gewiß sehr gut weiß, wie geringen pecuniären Vortheil ich seither vom Verlage seiner Werke gehabt habe.

Was dagegen Herr Baggesen von mir verlangt, sei es in Rücksicht des Honorars oder sonstiger Verbindlichkeiten, wird er mir nun eben so offen und einfach sagen, als ich ihm Vorstehendes gesagt habe. Ob ich gleich vollkommen weiß, was meine Verbindlichkeiten sind, so halte ich es doch für unziemlich, darin die Initiative anzugeben.

In Rücksicht Ihrer Garantie, Herr Fauriel, wegen der bezahlten 50 Louis (500 Fl.), so nehme ich Ihre neuere Garantie gewiß nicht an. Ich habe geglaubt, daß die ältere unbedingt wäre. Irrte ich mich darin, so thue ich gern Verzicht darauf auch. Eine spätere anzunehmen, verbieten mir meine Grundsätze.

In dem nächsten Briefe, aus Amsterdam vom 15. October 1809, schreibt Brockhaus an Fauriel:

.... Da Sie einmal Herrn Baggesen meinen Brief vom 11. August mitgetheilt haben, so habe ich Herrn Baggesen weiter nichts zu sagen, als ihm den Inhalt dieses Briefs in seinem ganzen Umfange zu bestätigen. Ihn zu wiederholen, würde für mich Zeitverschwendung sein — ihm nur eine, wenn auch nur geringe Ausgabe verursachen. Bei mir gilt es überhaupt nur des alten deutschen Grundsatzes: »Ein Wort ein Mann; ein Mann ein Wort.« Was ich Herrn Baggesen von jeher und Ihnen in diesem Briefe vom 11. August zugesagt habe, wird mir immer der heiligste Contract sein.

Ich habe ihn indessen schon seit Jahren erfüllt, an Herrn Baggesen ist die Reihe jetzt, zu handeln ....

Was Sie von den Memoiren des Colonel Massenbach sagen, kann richtig sein; Sie werden sich aber erinnern, daß Sie nach der Ankündigung doch meinten: ein »Précis« davon würde für Frankreich viel Interesse haben können, und das Werk ist auf jeden Fall weit anziehender, als die erste Ankündigung noch erwarten ließ. Indessen ist es mir sehr gleichgültig, ob diese Werke in Frankreich erscheinen, da, als kaufmännische Entreprise betrachtet, der Debit in Deutschland &c. mich zu meiner Genugthuung entschädigt. Der dritte Band ist eben erschienen.

Weder auf das Mémoire vom 11. August noch auf vorstehende Bestätigung desselben vom 15. October scheint eine Antwort Baggesen's in Worten oder Thaten erfolgt zu sein.

Brockhaus entsagte jetzt allen weitern Versuchen, durch Fauriel auf Baggesen einzuwirken, obwol Fauriel selbst darin nicht nachließ, und resignirte sich, von Baggesen trotz wiederholter Vertröstungen weder die ihm geleistete Vorausbezahlung zurückerstattet, noch die ihm versprochenen Manuscripte gesandt zu erhalten.

In seinen beiden nächsten Briefen an Fauriel wird wieder Anderes besprochen und Baggesen nur nebenbei erwähnt. Indessen mögen sie des Zusammenhangs wegen gleich hier folgen.

Unterm 8. November 1809 schreibt Brockhaus:

Mit recht großer Ungeduld sehe ich Berichten von Ihnen entgegen wie von Herrn Würtz über das, was Sie mit dem Druck der »Parthénéide« beschlossen haben, und hoffe ich zugleich, daß mit dem Druck bereits der Anfang gemacht sein wird. Ich habe von Ihnen einen Brief (ohne Datum) erhalten, worin Sie mir Ihren Vorsatz melden, ehestens mit Didot zu Würtz zu gehen. Es wird das geschehen sein seitdem, worüber ich nun Ihre Berichte erwarte.

Den sonstigen Inhalt dieses Ihres Briefs werde ich ein andermal beantworten. Heute habe ich eine besondere Ursache, Ihnen zu schreiben.

Kapellmeister J. F. Reichardt, bekannt unter anderm durch seine »Lettres confidentielles sur Paris«, worüber zur Zeit der Erscheinung auch in Paris viel in Journalen geschrieben wurde, übrigens als einer der größten Componisten unserer Zeit berühmt, gibt in unserm Verlage unter dem Titel: »Briefe über Wien und die österreichischen Staaten; geschrieben auf einer Reise dahin in den Jahren 1808 und 1809 von J. F. Reichardt« ein Werk heraus (in zwei Bänden), das sicher allenthalben mit Begierde wird gelesen werden. Ich bin überzeugt, daß es auch in Frankreich sehr viel Käufer finden wird, wenn davon zeitig eine französische Ausgabe erschiene. Ich könnte eine solche Unternehmung dadurch sehr begünstigen, wenn ich zu dem Endzwecke die Bogen, sowie sie einzeln aus der Druckerei kommen, gleich nach Paris schickte, und wäre es dadurch möglich, daß die französische Ausgabe auf einige Tage noch mit dem Original zugleich erschiene. Um einigermaßen Stil und Manier des Verfassers beurtheilen zu können, sende ich Ihnen heute vier Aushängebogen davon sous bande zu. Es kommt mir vor, daß zu dieser Entreprise sich leicht eine pariser Buchhandlung verstehen würde, sei es nun für gemeinschaftliche Rechnung, oder daß sie mir ein gewisses Honorar bezahle für die Mittheilung der einzelnen Bogen. Mir ist beides gleich und füge ich hierunter für jeden Fall meine Bedingungen bei. Sehr angenehm wäre es mir, wenn Sie die Güte hätten, über diese Entreprise mit einigen Buchhandlungen zu sprechen und im Fall auf eine meiner Bedingungen entrirt würde, mir davon gleich Nachricht zu geben, damit ich die übrigen Bogen, sowie sie fertig würden, gleich absenden könne. Noch in diesem Monate wird der erste Band und im December der zweite Band fertig.

Ich sollte denken, daß diese Entreprise etwas für Buisson oder Nicolle oder Collin, oder auch für Treuttel & Würtz passend wäre.

Verzeihen Sie, daß ich Sie wieder damit belästige. Ich hoffe, Sie geben mir Gelegenheit, Ihnen wieder einmal nützlich zu sein.

Nichts Neues von Baggesen?

Darauf folgen zwei detaillirte Contractsvorschläge zu einer französischen Uebersetzung des Reichardt'schen Werks, die in mehrfacher Hinsicht interessant sind. Sie zeigen, daß Brockhaus in einer Zeit, die weder den Schutz des geistigen Eigenthums noch viel weniger internationale Verträge zum Schutz von Uebersetzungen kannte, diese Verhältnisse bereits ins Auge faßte, und daß er in sehr geschickter Weise Versuche machte, trotzdem auch von dem ausländischen Markte Nutzen zu ziehen.

Die beiden Vorschläge, die Fauriel einem französischen Verleger zur Auswahl vorlegen sollte, lauten:

Erster Vorschlag.

1) Ich theile die einzelnen Bogen, sowie sie aus der Druckerei kommen, in doppelten Exemplaren sogleich mit und sende sie an die mir aufgegebene Adresse sous bande nach Paris.

2) Ich erhalte für diese Mittheilung für jeden Bogen 1 Louis, zahlbar per Billet à Ordre à 3 mois de date vom Datum der Lieferung des ersten Bogens.

3) Das Billet bleibt in den Händen eines Dritten, bis der letzte Bogen jeden Bandes abgeliefert ist. Sobald dies geschehen, wird mir das Billet zugestellt und für den zweiten Band wieder ein gleiches Billet gemacht, womit es ebenso gehalten wird. Jeder Band wird zu 30 Bogen gerechnet.

4) Bis zum 15. December circa wird der erste Band und bis zum 15. Januar der zweite Band ganz ausgedruckt sein.

Zweiter Vorschlag.

1) N. N. in Paris verbindet sich mit uns zur gemein­schaftlichen Herausgabe auf gemein­schaftliche Kosten.

2) Wir erhalten für die Mittheilung der Idee und der Bogen per jeden Bogen 1 Louis, die mit in die generale Unkostenrechnung kommen, sodaß wir selbst die Hälfte davon tragen.

3) N. in Paris besorgt Uebersetzung, Druck und Papier.

4) Nach Vollendung des Druckes werden die generalen Unkosten aufgemacht und N. in Paris remboursirt sich für die Hälfte der Unkosten auf uns per Tratte à 3 mois, wobei uns indessen die Vergütung des 1 Louis per Bogen in Abzug gebracht wird.

5) N. in Paris besorgt den Debit in Frankreich und Alles, was von Paris aus verlangt wird. Wir besorgen ihn in Deutschland und Holland und rechnen zu dem Zwecke 200 Exemplare für unsere Rechnung, wofür wir ein Billet, zahlbar in 12 Monaten, an N. geben, der bei finaler Abrechnung uns selbst eventuell damit bezahlen kann.

6) Nach Verlauf von 6 Monaten gibt Herr N. in Paris an, was verkauft ist und was eingenommen, und wird derselbe die Hälfte der Einnahme per Billet à 3 mois an mich bezahlen.

7) N. in Paris erhält für Delcredere und für seine Bemühungen 10 Procent Provision vom reinen Ertrage des Verkauften.

8) Bei einer zweiten und weitern Auflage wird nach denselben Grundsätzen verfahren.

9) Es wird eine Conventionalstrafe von 50 Louis für Den festgesetzt, der irgend eine Bedingung nicht hält.

10) Es wird ein förmlicher Contract gemacht, den beide Theile zeichnen.

Das hier besprochene Project selbst ließ Brockhaus übrigens auf Fauriel's Rath fallen, wie aus seinem nächsten Briefe an diesen vom 4. December 1809, der zugleich wieder interessante Einblicke in seine Verlegerthätigkeit gewährt, hervorgeht. Er schreibt:

Sie haben Recht, es ist zum Tollwerden mit der »Parthénéide«. Mir ist es nun auch wirklich zum Nachtheil, daß sie nicht im December fertig wird. In Deutschland, Oesterreich u. s. w. kommt, was nicht im December versandt wird, auf sogenannte neue Rechnung, die ein Jahr später bezahlt wird. Ich empfehle Ihnen nochmal dringend die schleunigste Beförderung an, und daß mir die Bogen einzeln, wie sie aus der Druckerei kommen, zugesandt werden. Von Forssel's Gravüre hätte ich gern einen Probeabdruck erhalten! Daß auch weder Sie, noch Würtz, noch Forssel daran gedacht haben!

Ich bin Ihnen recht vielen Dank schuldig für Ihre Mittheilung wegen Reichardt. Ihre Bemerkungen über dieses Werk sind vollkommen richtig: er ist sehr discret geworden! Das Buch paßt nicht für Frankreich. Was für Frankreich Interessantes darin wäre, darf nicht in Frankreich gedruckt werden, und was dort darf gedruckt werden, ist zu individuell für Deutschland geschrieben, als daß man es in Frankreich goutiren könnte. Ich habe also, aus Sorge für Würtzens Interesse mit, auf die ganze Idee für Frankreich Verzicht gethan. Ich werde Ihnen ein Exemplar davon zusenden.

Es erscheint noch ein zweites Werk bei uns über Wien, wozu der Verfasser sich nicht nennt. Kann dieses in Paris übersetzt werden, so würde es außerordentliches Aufsehen machen. Aber ich zweifle daran, da wir wegen des Druckes selbst in Deutschland große Schwierigkeiten finden. Sie werden auf jeden Fall das Original von mir erhalten.

Hierbei eine kleine Pièce, von der wir hier in acht Tagen 3000 Exemplare verkauft haben. Man wundert sich, daß sie nicht verboten wurde.

Man erhält dorten leichter englische Bücher und Journale als hier. Sollte es nicht möglich sein, daß Sie mir von Galignani, Borrdis oder irgend Jemandem, der die englischen Journale regelmäßig erhält, folgende drei Werke verschafften:

1) The life of W^m. Pitt by Gifford, 5 vol.
2) Coxe's History of Austria, 2 vol.
3) J. Adolphus: The political State of the British Empire, 4 vol. (1809).

Wenn es Ihnen gelänge, diese drei Werke mir bald (etwa mit den Gelegenheiten, womit die englischen Journale dort so regelmäßig ankommen) verschaffen zu können, so würden Sie mich sehr verpflichten. Die Regierung soll darin liberal sein.

An das, was Sie mir von Baggesen sagen, glaube ich blutwenig. Er wird nicht nach Dänemark reisen, er wird mir nicht schreiben, er wird nicht nach Amsterdam kommen, er wird mir nichts liefern.

Ich habe nichts dagegen, daß Sie einige Exemplare Ihrer »Parthénéide« auf dem schönsten Velin drucken lassen! Für Ihr Bedürfniß nehmen Sie übrigens so viel Exemplare der gewöhnlichen Ausgabe als Sie wollen. In Deutschland bewilligt man dem Verfasser gemeiniglich 12 — 16 — 18.

Leben Sie wohl. Und melden Sie mir ja endlich etwas Endliches über die ewige »Parthénéide«.

Ganz Ihr

Brockhaus.

Nur wenige Wochen liegen zwischen diesem Briefe und dem folgenden, dem letzten, den Brockhaus, soviel wir wissen, an Fauriel richtete; aber diese Wochen schließen den größten Schmerz in sich, von dem er in seinem schweren Leben betroffen wurde: den Verlust seiner heißgeliebten Frau. Tief erschüttert theilt er dem Freunde diese Trauerkunde mit und bittet ihn, auch Baggesen davon zu unterrichten, indem er diesem in edler Weise die Hand der Versöhnung reicht.

Er schreibt an Fauriel am Heiligen Abende vor dem Weihnachtsfeste, wol dem traurigsten, das er je erlebte, am 24. December 1809:

Ich erhalte in diesem Augenblicke Ihren Brief vom 18. d. M. Ich antworte Ihnen heute gleich einige Zeilen darauf, da ich im Begriff stehe, aus der unglücklichsten aller Ursachen eine Reise zu machen, die mich drei Wochen von hier wegweisen wird.

Ich habe am 8. dieses an den Folgen einer etwas zu zeitigen Niederkunft meine theure angebetete Gattin verloren! Für mich ist jetzt keine Ruhe, kein Glück mehr auf der Welt. Ich habe mit ihr Alles verloren, was mich mit der Menschheit verband. Auch meine Kinder — fesseln mich nicht mehr, denn sie mahnen mich an die Verklärte. Der namenloseste Schmerz drückt mich nieder. Ich bin unsaglich unglücklich geworden!

Sagen Sie Baggesen mein Unglück. Er kannte die Verewigte. Er war vor zwei Jahren Pathe bei unserm Max. Glücklicher Tag! Wie hat sich durch diesen Tod für mich Alles — Alles — in finstere Nacht verwandelt. Ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Meine Reise hat zur nächsten Absicht, meine Kinder von hier weg, und zu unserm Vaterlande, nach Deutschland, zurückzubringen, zu unsern Aeltern, Verwandten und Freunden. Wir waren hier fremd und durch einen Orkan aus unsern primären Verhältnissen dort gerissen, hier an dieses unwirthliche Ufer verschlagen worden. Sophie sah das gute Vaterland nicht wieder! Ich kehre einstweilen in einigen Wochen zurück, bis ich Gelegenheit finde, Amsterdam ganz zu verlassen — hier ist kein Glück mehr für mich.

Ich schreibe Ihnen diese Zeilen, damit Sie wissen, warum Sie in einigen Wochen nichts von mir hören. Ich sage Ihnen heute nichts von Geschäften, nichts von der »Parthénéide«, nichts von allen weitern Ideen Ihres interessanten Briefes.

Sie sind gewiß ein wackerer und ein gefühlvoller Mann. Sie werden ahnden, wie gleichgültig mir für den Augenblick jedes mercantilische Geschäft sein müsse. Nur was Pflicht unbedingt von mir fordert, kann jetzt geschehen. Darum wird auch nichts von meinem Comptoir versäumt werden, was auf die Beförderung der »Parthénéide« Bezug hat. Ich erlaube mir selbst Sie und Herrn Würtz dringend zu bitten, die wirkliche Erscheinung derselben möglichst zu beschleunigen.

Die Aushängebogen erwarte ich, sowie sie aus der Presse kommen, einzeln hierhin. Ich werde sie mir nachkommen lassen. Lassen Sie Herrn Würtz nicht die 500 Exemplare, die wir für Deutschland bestimmen, auf einmal hierhin senden: 250 Exemplare sende Herr Würtz über Frankfurt nach Leipzig, und hierhin 100 Exemplare, beides par diligence.

Jeder Sendung werden 5 Velin-Exemplare beigefügt. Die Exemplare hierhin müssen zur Hälfte brochirt sein. Die leipziger brauchen es gar nicht zu sein. Die Kupfer werden sorgfältig eingelegt, und wir von Allem unterrichtet per directen Brief. Ich hoffe und erwarte selbst, daß die Absendung noch im Januar geschehen könne.

Lassen Sie Baggesen in meinem Namen 5 Exemplare auf Velin anbieten, als ein Zeichen meiner Verehrung und Freundschaft. Die Wehmuth, die jetzt meine Seele erfüllt, läßt mir keinen Raum mehr für feindselige Verhältnisse irgend einer Art. Sagen Sie auch dies Baggesen. Er verlor einst ebenfalls eine Sophie! Er ist ein gefühlvoller Mann; er kannte auch meine Sophie! Er weiß also Alles, was ich verloren. In solchen furchtbaren Momenten schließen sich menschliche Herzen wieder aneinander. Ich bitte ihn selbst um diese neue Näherung!

Leben Sie wohl und bedauern Sie

Ihren unglücklichen

Brockhaus.

Dieser Brief bildet einen schmerzlichen, aber gewiß für Brockhaus höchst ehrenvollen Abschluß seiner Zerwürfnisse mit Baggesen: er reicht dem frühern Freunde, obwol dieser ihm als Geschäftsmann den empfindlichsten Schaden bereitet, die Hand, unfähig, den Streit über das Grab seiner Frau hinaus, die auch von Baggesen verehrt worden war, noch fortzusetzen. Fauriel's und Baggesen's Antworten auf diesen Brief sind uns nicht bekannt.

Während der ganzen unerquicklichen Verhandlungen mit Baggesen hatte sich Brockhaus übrigens stets edel, uneigennützig und versöhnlich gezeigt. Ein aus Schriftstellern und Buchhändlern zusammengesetztes Schiedsgericht, wie er es Baggesen wiederholt vorgeschlagen, würde schwerlich damals anders entschieden haben oder heutigentags anders entscheiden, als daß Brockhaus im Rechte gewesen und richtig gehandelt, daß Baggesen aber seine gegen Brockhaus eingegangenen Verpflichtungen nicht gehalten und gegen ihn, ganz abgesehen von ihren freundschaftlichen Beziehungen, überhaupt nicht so verfahren habe, wie es glücklicherweise sonst Brauch ist zwischen Schriftstellern und Buchhändlern.


Der hier als Versöhnung wirkende Tod bildete nach vielen Seiten hin einen Wendepunkt in Brockhaus' Leben: er war die nächste Veranlassung, daß dieser Amsterdam bald für immer verließ; er nahm ihm die treue Gefährtin seines Wirkens und Schaffens, zu der er sich immer geflüchtet hatte aus all dem Widrigen, das ihm im Leben beschieden war; er brachte ihn in neue Verhältnisse, die zunächst verwirrend und betäubend auf ihn wirkten und aus denen er sich nur schwer hindurchzuarbeiten vermochte.

Diese unmittelbar auf den Tod seiner Frau folgende Zeit, die als die eigentliche Sturm- und Drangperiode seines Lebens bezeichnet werden kann, obwol es ihm auch bisher nicht an Sturm und Drang gefehlt hatte, umfaßt die anderthalb Jahre von Ende 1809 bis zum Frühjahre 1811.