Am 8. December 1809 war Sophie Brockhaus gestorben, nachdem sie am 24. November einer Tochter das Leben gegeben, die nach ihr Sophie genannt wurde. Schon in den letzten Monaten hatte sie viel gelitten; während ihrer Krankheit und dann während des Wochenbetts war sie von ihrer jüngsten Schwester Josina (die später den in holländischen Diensten stehenden Obersten Eichler heirathete) gepflegt worden. Die ersten Tage nach der Entbindung waren schon glücklich überstanden, als sie sich durch zu zeitiges Aufstehen eine Erkältung zuzog, die ihren Tod herbeiführte.
Die damals zehn Jahre zählende älteste Tochter Auguste erinnert sich gehört zu haben, daß in diesen Tagen ihr Vater sehr aufgeregt in das Zimmer seiner Frau gekommen sei und unter deren Sachen eifrig nach einem Briefe gesucht habe, der ihm wegen der traurigen Hiltrop'schen Angelegenheit von Wichtigkeit war; da er den Brief nicht fand, sei ihre Mutter dann selbst aufgestanden, um, wiewol ebenfalls vergeblich, danach zu suchen, und infolge dieses vorzeitigen Aufstehens erkrankt. In dem betreffenden Processe war kurz vorher (am 16. November 1809) das für Brockhaus ungünstige erste Urtheil erfolgt, das ihn zu einer (am 28. Februar 1810 erlassenen) Appellation veranlaßte, und jener Brief war vermuthlich der von uns bei Darstellung dieser Angelegenheit (S. 24) mitgetheilte Brief seiner Schwägerin Elisabeth Hiltrop, von dem Brockhaus bei Abdruck desselben unter den Actenstücken des Processes erwähnt, er habe ihn erst nach dem Tode seiner Frau unter ihren Papieren vorgefunden. Ist diese Annahme begründet, so hat jener unglückselige Proceß, der ihm das Leben so verbitterte und überhaupt so verhängnißvoll für ihn war, selbst den Tod seiner Frau veranlaßt!
Brockhaus hatte mit seiner Frau elf Jahre in der glücklichsten Ehe gelebt. Sie hatte ihm sieben Kinder geboren, vier Söhne und drei Töchter, die bei ihrem Tode noch sämmtlich am Leben waren. Wie glücklich er mit ihr lebte, wie sie seine treueste Freundin und Beratherin in den vielen schweren Zeiten war, die er bis dahin zu überstehen hatte, ist aus manchen seiner von uns mitgetheilten Briefe zu ersehen; aus den Briefen Anderer, daß ihr Werth auch von seinen nähern Freunden, wie Cramer und Baggesen, erkannt wurde. Schrieb doch Cramer von ihr, wie ebenfalls bereits mitgetheilt: »daß sie an schöner deutscher Häuslichkeit, Gutheit, Freundlichkeit und Verstand zu seinen Idealen gehöre« und der Gattin von Voß, Ernestine, sehr gleiche. Brockhaus hatte ihr Porträt (wol von Cornelia Scheffer, der Mutter Ary Scheffer's) malen und auch eine Büste seiner Frau anfertigen lassen, doch ist leider nichts davon erhalten.
Als er kurz nach ihrem Tode in Dortmund war und zuerst wieder das Haus ihres Vaters betrat, warf er sich, vom Schmerz übermannt, auf den Boden nieder und küßte die Schwelle des Hauses; auf die erstaunte Frage seines jungen Neffen, der ihn begleitete, erwiderte er: »Hier habe ich meine Sophie zum ersten male gesehen!« Und als er anderthalb Jahre später wieder kurze Zeit in Amsterdam verweilte, da bildete das zwei Stunden von der Stadt schön am Y gelegene Dorf Muiden, auf dessen Kirchhof er sie begraben, seinen Lieblingsspaziergang und er brachte viele Abende dort in stiller Wehmuth zu.
Der Tod seiner Frau wurde aber auch die entscheidende Veranlassung, daß Brockhaus Amsterdam bald darauf für immer verließ.
Die politischen Verhältnisse hatten ihm allerdings den Aufenthalt daselbst schon seit einiger Zeit verleidet, da sie den buchhändlerischen Verkehr nach allen Richtungen hin erschwerten. Brockhaus ließ seine Verlagswerke meist in Deutschland drucken: in Leipzig bei Breitkopf & Härtel, Hirschfeld und andern Buchdruckern, in Weimar bei Bertuch, in Braunschweig bei Vieweg, in Halle und noch an andern Orten. Seitdem nun Holland französisch geworden war, konnte er von seinen eigenen Verlagswerken kein Exemplar nach Amsterdam zum Verkaufe in seinem Sortimentsgeschäfte erhalten, ohne erst in Paris die Erlaubniß dazu erbeten und die Anzahl der einzuführenden Exemplare dort »declarirt« zu haben. Es läßt sich denken, welche Belästigungen und Umständlichkeiten damit verbunden waren. In derselben Lage befanden sich freilich auch die Sortimentshandlungen in den französisch gewordenen Provinzen Norddeutschlands, im Hannöverschen, Westfalen, Bremen, Hamburg u. s. w. Friedrich Perthes in Hamburg organisirte deshalb förmlich für sich und befreundete Handlungen die mit vielen Formalitäten verknüpften Manipulationen bei diesem Geschäftsgange und ließ selbst eine Instruction darüber drucken. Auch Brockhaus fand einen einigermaßen praktischen Ausweg, indem er für seine Geschäftsfreunde in den drei französischen Departements Norddeutschlands die Anzahl der an sie zu sendenden Verlagsartikel in Paris selbst declarirte und die Sendung dann jedesmal nur an Eine Handlung zur Vertheilung an die übrigen gehen ließ.
So hätte er wol noch längere Zeit in Amsterdam zu bleiben versucht, und war selbst unablässig bemüht, sein Sortimentsgeschäft weiter auszudehnen, besonders, um den eben geschilderten Uebelständen zu begegnen.
Am 11. November 1809 schreibt er an Heyse in Bremen: Er könne ihm nicht direct von Amsterdam seine Verlagsartikel senden, sondern nur von Leipzig aus, nach vorausgegangener Declaration in Paris; aber in Zukunft könne sich Heyse deshalb nach Aurich (in Ostfriesland) wenden, wo er, vom Gouvernement selbst dazu aufgefordert, »was sich nicht wohl refusiren ließ«, ein Etablissement zu errichten versuchen werde. Dieses Vorhaben kam auch wirklich zur Ausführung, und Bornträger, der inzwischen von Leipzig nach Amsterdam zurückgekehrt war, wurde von ihm deshalb nach Aurich geschickt. Indeß hatte das Etablissement in Aurich nur einen sehr kurzen Bestand, aber nicht weil es sich als unzweckmäßig herausstellte, sondern weil Bornträger seiner persönlichen Sicherheit wegen dort ebenso wenig bleiben konnte wie früher in Amsterdam.
Bornträger war Ende November 1809 über Groningen nach Aurich gereist, aber kaum dort angekommen, machte er Brockhaus die Mittheilung, daß er auch dort fürchten müsse, zum Militär ausgehoben zu werden.
Brockhaus fügte darauf dem ersten an sein auricher Geschäft abgegangenen Briefe vom 30. November, der zugleich der letzte sein sollte, folgende Zuschrift an Bornträger vom 2. December hinzu:
Ich danke Ihnen für die umständlichen Berichte. Bei dieser Lage ist keine Wahl. Zurückkommen können Sie aus hundert Ursachen aber auch nicht. Mein Entschluß ist also gefaßt: Sie gehen in Gottes Namen nach Leipzig und treten in Weigel's[36] Stelle. Ich hatte gestern, durch wiederholte Beschwerden über Weigeln zur Verzweiflung gebracht, einen sehr umständlichen Brief an Gräff geschrieben und Weigeln das Geschäft abgenommen und ihm (Gräff) oder Cnobloch übertragen. Sie finden diesen Brief, den ich aus Gründen an meine Freundin, die Hofräthin Spazier, offen schicken wollte und auch heute schicke, Ihnen also heute nicht schicken kann, bei dieser. Hieraus werden Sie alles Nähere ersehen und darin vorläufig alle zuerst nöthigen Instructionen finden.
Sie kehren bei Ihrer Ankunft in Leipzig im Großen Joachimsthale ein, wo Sie beim Wirth einstweilen accreditirt sein werden, der mich von der Messe her sehr gut kennt. Sie werden dort auch von mir Briefe vorfinden, die Ihnen sagen werden, wie Sie Ihre ersten Schritte einzurichten haben. Heute annoncire ich einstweilen Ihre Ankunft.
Darauf ertheilt er ihm noch genaue Instructionen über die Auflösung des kaum begründeten auricher Etablissements, z. B. daß er mit den von Leipzig beziehenden ostfriesischen Buchhändlern Verbindungen schließen solle, um sie von Leipzig aus zu bedienen, und gibt ihm auch väterliche Ermahnungen, die von der herzlichsten Theilnahme dictirt sind, wobei er es ihm besonders zur Pflicht macht, den schon früher angenommenen Namen Friedrich Schmidt streng festzuhalten. Er schließt:
Sie reisen, nachdem dies Alles besorgt, mit erster Post ab. Fr. Schmidt reist ab. Ich lege es demselben auf und mache es ihm zur heiligsten und unerläßlichsten Pflicht (in Rücksicht seiner und meiner!), diesem Charakter treu zu bleiben und in Bremen so wenig als irgendwo, auch in Hannover nicht, irgend einen Menschen, er sei wer er sei, zu besuchen! Dies muß sein! Seinetwegen und meinetwegen! Sie müssen Niemanden aufsuchen oder besuchen! Einen Paß werden Sie in Aurich oder Oldenburg leicht erhalten können.
Benachrichtigen Sie mich von Ihrer Abreise, Ihrer Ankunft in Braunschweig und augenblicklich von Ihrer Ankunft in Leipzig. Leben Sie wohl! Der Himmel nehme Sie in seinen Schutz!! Der Himmel begleite Sie! Bleiben Sie ein guter Mensch! Bleiben Sie im ganzen Sinne des Worts getreu!! Thränen stürzen mir in die Augen! Zu Ostern drücke ich Sie an meine Brust. Leben Sie wohl! Reisen Sie glücklich!
(Nachschrift.) Wenn Sie den Muth haben, Vieweg zu sehen, so gehen Sie zu ihm. Vielleicht kennt er Sie gar nicht. Ueberlegen Sie dann Alles reiflich mit ihm, so weit etwas zu überlegen ist. — Vielleicht könnten Sie über Quedlinburg reisen und mit Basse fertig werden. — In Halle gehen Sie bei Sprengel vor. Sie werden auch da einen Brief von mir erhalten.
Die letztern Bemerkungen über Vieweg und Basse, durch die er seinen strengen Befehl, daß Bornträger auf seiner Reise durchaus Niemand besuchen solle, wieder einschränkte, beziehen sich auf eine frühere Stelle jenes Briefs, die für die damaligen Censurverhältnisse charakteristisch ist. Sie lautet:
Das zweite Werk von R—dt[37] kann in Leipzig nicht gedruckt werden, da man es zu frei findet. Wirklich ist es nach den mir mitgetheilten Proben sehr keck und dreist, allein auch von außerordentlichem Interesse, und bedürfte es nach meiner Einsicht, um es ausgeben zu können, nur eines verständigen Redacteurs, der die Worte zu wägen und anstößige gegen mildere umzuwechseln verstände. Ich habe das selbst versucht und ist es mir, glaube ich, mit den paar Bogen, die ich gehabt, erträglich gelungen.
Ich leugne nicht, daß ich außerordentlich wünschte, daß es erschiene. Es wird ungeheuere Abnahme finden. Bei dieser meiner Neigung habe ich Viewegen den Vorschlag zum Drucke gemacht und diesem gesagt, daß er allenfalls Basse in Quedlinburg darüber sprechen möchte, und nach Leipzig habe ich Ordre gegeben, das ganze Manuscript sofort an Viewegen zu senden. Ob nun Vieweg entrirt oder entriren darf, weiß ich noch nicht. Ich schreibe ihm nun aber noch mit dieser Post näher, daß er, im Fall er dorten nichts mit dem Manuscript machen könne, es Ihnen nach Aurich schicken möchte. Vorläufig trage ich Ihnen nun auf, sich in Oldenburg, Delmenhorst und Burgsteinfurt zu informiren, ob man da etwas könne ohne besondere Censur gedruckt erhalten und hoffen könne, es rasch fertig zu bekommen, wöchentlich drei Bogen wenigstens. In Burgsteinfurt ist, wie ich weiß, eine gute Druckerei und ohne alle Censur .... Sie werden anführen, daß gegen die Franzosen nichts gesagt, es aber sonst frei geschrieben sei, weshalb man wünschen müsse, eine liberale oder keine Censur zu haben.
Bornträger verließ Aurich in den ersten Tagen des December und reiste über Oldenburg und Celle zunächst nach Braunschweig. Dorthin schreibt ihm Brockhaus unterm 19. December einen sieben Quartseiten langen Brief mit den genauesten Vorschriften, wie er sich auf seiner weitern Reise, in Braunschweig, Halberstadt, Halle, und bei seiner Ankunft in Leipzig den betreffenden Personen gegenüber, die mit einigen scharfen Strichen gezeichnet werden, zu verhalten habe. Er geht dabei, wie er selbst schreibt, »nach meiner Ihnen bekannten Methode ganz systematisch zu Werke«, indem er das Ganze in Form einer Tabelle schreibt, mit A, B, C und darunter wieder mit Ziffern.
Einige charakteristische Züge seien aus diesem Briefe hier mitgetheilt.
Er bemerkt über den Tod seiner Frau: »Sie werden aus unsern frühern Briefen Alles wissen, mein namenloses Unglück durch den Verlust Sophiens und alle daraus entgehenden Folgen«, und fährt dann fort: »Vieweg ist uns, glaube ich, sehr zugethan. Er wird eine höhere Idee von uns haben als wir verdienen möchten. Sie werden sehr besonnen gegen ihn sprechen« — ein Beweis, daß Brockhaus bei allem ihm oft wol nicht mit Unrecht vorgeworfenen zu starken Selbstbewußtsein doch auch bescheiden war. In Halle empfiehlt er unter anderm, den »Romanschreiber A. G. Eberhardt«, den »Directeur« der Renger'schen Buchhandlung zu besuchen, und nennt ihn einen »feinen gewandten Kopf«, während er einen Buchdrucker, um ihn kurz zu charakterisiren, einen »alten steifen Kerl« nennt und über einen Professor, übrigens keinen namhaften, gar zu schreiben wagt: »N. N. besuchen Sie nicht. Sollte er Sie aber treffen, so sagen Sie ihm, daß wir, wenn Sie nicht irrten, von ihm Antwort erwarteten. Er ist ein Esel.« Den Botaniker Sprengel in Halle bezeichnet er als einen »höchst freundschaftlichen, aber sehr verständigen Mann«, den bekannten Professor Ersch als einen »noch liebern, einfachern und uneigennützigern Mann als Sprengel«. Ueber Reichardt's Individualität, seine Familie u. s. w. verlangt er genauen Bericht.
Für Leipzig endlich lautet die vorläufige, besonders charakteristische Instruction:
Ihr einziger erster Besuch sei bei der Hofräthin Spazier. Sie erklären aber dort, daß Sie erst Ihre Instructionen abwarteten und Sie bis dahin nichts sagen oder thun könnten. Sie werden diese Instructionen mit nächster Post poste restante erhalten und sich auf der Post den Brief holen. Sie werden gegen die Hofräthin Spazier einstweilen ernst und höflich, gegen Weigeln dasselbe sein, und sich, unter jenem Vorwande, durchaus in keine Vertraulichkeiten einlassen, sondern ganz denselben Ton annehmen, den man gegen Sie annimmt und der wahrscheinlich kalt, feierlich und süffisant sein wird. Ich werde Sie mit nächster Post ganz au fait setzen.
Leben Sie wohl! Ich vertraue Ihnen, wie Sie sehen, das Glück meines Lebens an. Ich vertraue und schätze Sie. Sie werden mir im ganzen Sinne des Worts treu und bieder dienen. Wir werden dort bald zusammen sein.
Uebrigens handelte es sich augenblicklich gar nicht, wie es nach diesen emphatischen Worten scheinen könnte, um besonders wichtige Entscheidungen, sondern um einige geschäftliche Verhandlungen gewöhnlicher Art, und Brockhaus wünschte nur, daß der von ihm sehr geschätzte, aber doch noch sehr jugendliche Gehülfe sich der Schwierigkeit der Aufgabe, ihn überall richtig zu vertreten, recht bewußt werde.
Am 23. December schreibt Brockhaus an Bornträger, der ihm herzliche Theilnahme an dem Verlust seiner Frau ausgesprochen hatte:
Die paar Zeilen, die Sie mir von Braunschweig geschrieben, haben mich tief erschüttert. Ja, Sie kannten das edle Gemüth der Verklärten vielleicht mehr wie viele Menschen! Sie hielt auch unendlich viel von Ihnen, und wir haben in den letzten Tagen ihres Lebens uns noch zweimal sehr umständlich von Ihnen unterhalten. Sophie liebte Sie wie eine zärtliche Mutter, wie eine treue Schwester. Sie erkannte das viele Gute, das in Ihrer Seele liegt, nur fürchtete sie in der letzten Epoche Ihres Hierseins für Sie, wie ich es auch that. Darüber sprachen wir noch viel zusammen, als Ihr letzter Brief von Aurich eintraf und ich mich entschloß, Sie zu bitten, nach Leipzig zu gehen. Sie stimmte diesem Entschlusse vollkommen bei, da sie den namenlosen Verdruß kannte, den mir und Ihnen die Besorgung der dortigen Geschäfte durch Weigel verursacht hatte.
Sie kennen die zahllosen Ursachen, die Weigel uns zu Klagen gegeben hat. Sie wollen dies Alles aber nicht urgiren. Sie wollen Weigel mit Liebe und Zartheit begegnen, denn er ist ein guter und ein edler und ein unglücklicher Mensch. Er ist nur kein Geschäftsmann, besonders in so verwickelten Verhältnissen, als die unserigen es sind .... Gegen Jeden werden Sie sagen, ohne bestimmt Weigeln anzuklagen, daß ich mich veranlaßt gefunden hätte, Jemanden, der sich ganz meinen dasigen Geschäften widmen könnte, dort zu halten .... Der Frau Hofräthin Spazier vertrauen Sie ganz. Sie wird Ihnen rathen und helfen, wo sie kann. Sie ist meine wahre Freundin.
Obwol Brockhaus so Alles that, um seinem Gehülfen die Ordnung und Besorgung der für ihn in seiner Doppelstellung als Verlags- und als Sortimentsbuchhändler besonders wichtigen Beziehungen in Leipzig zu erleichtern, und das beste Vertrauen zu ihm hatte, ging er doch schon seit dem Tode seiner Frau mit der Idee um, Amsterdam zu verlassen und sein Geschäft ganz nach Leipzig zu verlegen. Die Stadt, in der er acht Jahre an der Seite seiner Frau und von blühenden Kindern umgeben verlebt hatte, zwar nicht so glückliche und ungetrübte wie die ersten drei Jahre in Dortmund, aber in einem neuen, seinem Geiste endlich genügenden Wirkungskreise, sie war ihm jetzt für immer verleidet. Dazu kamen die schon erwähnten politischen und geschäftlichen Unannehmlichkeiten. Endlich aber sah er immer mehr ein, daß der geeignete Boden für ihn nicht eine holländische, jetzt gar französische Stadt sei, sondern daß er sein Geschäft nach Deutschland und womöglich nach Leipzig, dem Mittelpunkte des deutschen Buchhandels, verlegen müsse, um das von ihm in kühnen Umrissen angelegte Gebäude auf festem Grund aufzubauen und seine weitgehenden Plane zur Ausführung zu bringen.
Aber freilich war eine solche Uebersiedelung mit vielen Schwierigkeiten verbunden und jedenfalls erst nach und nach zu ermöglichen. Besondere Sorge machte ihm dabei die Zukunft seiner Kinder, von denen das älteste bei dem Tode der Mutter zehn Jahre, das jüngste erst wenige Wochen zählte. Sollte er sie mit nach Leipzig nehmen, während er noch nicht wußte, ob er dort selbst eine Heimat finden werde? Könnte er sie in Amsterdam lassen, allein in der fremden Stadt, wo er zwar viele Freunde, aber keine Verwandten hatte? Weder zu dem einen noch zu dem andere vermochte er sich zu entschließen. Dagegen nahm er das herzliche Anerbieten seiner dortmunder Verwandten und Freunde an, die Kinder, bis er wieder einen festen Wohnsitz gefunden, in ihren Familien aufnehmen zu wollen. Dazu kam, daß er selbst noch schwankte, ob er nicht doch lieber in seine Vaterstadt Dortmund zurückkehren als nach dem fremden Leipzig ziehen solle. Ersteres schien auch seine Frau gewünscht zu haben, wenigstens hatte er ihr noch auf dem Todtenbette versprechen müssen, die Kinder zunächst nach Dortmund zu bringen. Er schreibt darüber an den ihm befreundeten Bankier Friedrich Christian Richter in Leipzig am 2. Januar 1810 aus Amsterdam:
Morgen verreise ich von hier, um dem Willen meiner verewigten Gattin gemäß meine Kinder zum Vaterlande zurückzubringen, zu meinem noch lebenden Vater und meinem Bruder und zu den verheiratheten Geschwistern meiner Frau. Es wäre mir hier auch unmöglich gewesen, für die gute physische und moralische Erziehung derselben zu sorgen. Ich bin selbst zu zernichtet, auch fürs künftige Leben. Zu Ostern werde ich diesen Ort der Trauer auch wol ganz verlassen, mein hiesiges Geschäft verkaufen oder administriren lassen und mich bei Ihnen in Leipzig oder bei meinen Kindern in unserer guten Vaterstadt etabliren.
Es wurde ihm gewiß ebenso schwer, sich von den Kindern, die ihn ja auch fortwährend an ihre Mutter erinnerten, zu trennen, als es für diese hart war, daß sie außer der Mutter vielleicht für längere Zeit auch den Vater entbehren sollten. Indeß war es doch der einzige Ausweg, der sich ihm darbot.
Am 3. Januar 1810 trat er die traurige Reise mit seinen Kindern an, von deren treuer Pflegerin seit dem Tode der Mutter, Tante Josina, begleitet. Er wollte sie doch wenigstens selbst nach Dortmund bringen und zugleich seinen alten Vater nach so langer Trennung und nach dem schweren Verluste, den er erlitten, wiedersehen.
Nur die kleine Sophie mußte er in Amsterdam zurücklassen, da er ihr die beschwerliche Reise im Winter noch nicht zumuthen durfte; sein Freund Kaufmann Trippler und dessen Frau baten sich die Kleine aus, zumal sie selbst keine Kinder hatten, und sie blieb bei ihnen mehrere Jahre unter der sorgsamsten Pflege.
Die andern sechs Kinder wurden einzeln bei den dortmunder Verwandten, bei dem Großvater, dem Onkel Gottlieb und den Familien Beurhaus, Brökelmann, Rittershaus und Schmeemann untergebracht. Hier blieben sie mehrere Jahre unter liebevollster Behandlung, bis sie nach und nach in das neubegründete Haus des Vaters zurückkehrten.
Vor seiner Abreise nach Dortmund war es Brockhaus gelungen, an Bornträger's Stelle außer einem holländischen einen neuen deutschen Gehülfen Namens Krieger zu erhalten, der während seiner Abwesenheit wenigstens das laufende Geschäft besorgen konnte. Dieser kam aus Leipzig, wo er vor Bornträger's abermaliger Hinkunft auch schon eine Zeit lang für Brockhaus beschäftigt gewesen war, vermuthlich bei dessen Commissionär.
Mit Bornträger blieb Brockhaus fortwährend im lebhaftesten Briefwechsel und hatte die Freude, daß dessen Ankunft und erstes Auftreten in Leipzig manche Uebelstände rasch beseitigte. Namentlich war es Bornträger gelungen, die durch verschiedene Umstände gestörte Geschäftsverbindung mit dem leipziger Bankier Richter wiederherzustellen.
Schon im Herbst 1809 hatte Brockhaus ausführlich an Richter geschrieben, weil einige von ihm ausgestellte und an Richter gegebene Wechsel von den Betreffenden nicht honorirt worden waren. Dieser Brief, der wieder einen vollen Einblick in sein Inneres gewährt, lautet:
Sie werden es meinem Herzen und meinem Verstande zutrauen, wie sehr der unangenehme Vorfall, worüber ich heut Ihrer Handlung Bericht gebe, auf mich wirken muß. Obgleich persönlich und sachlich einigermaßen entschuldigt durch die Lage der Sache, worüber die eingelegten Briefe Sie unterrichtet, bin ich doch zu sehr mit der über solche Punkte eingeführten Delikatesse bekannt, um nicht vollkommen den schmerzlichen und unangenehmen Eindruck vorherzusehen, den dieser Vorfall auf Sie als Kaufmann machen wird und machen muß. Ich sehe dies Alles so sehr ein, daß ich kein Wort in dieser Hinsicht an Sie adressiren will, um es zu versuchen, diesen Eindruck zu schwächen. Ich weiß es, es gibt darin keine Rechtfertigung! Ich kenne die Strenge der kaufmännischen Ansicht darin in ihrem ganzen Umfang! Ich muß es zufrieden sein, wenn Sie mir Ihr Zutrauen augenblicklich ganz und rein entziehen, gleich alle Verbindung mit mir aufheben.
Ich wende mich also auch nicht an Sie als Kaufmann. Ich wende mich an Sie als Mensch! An den Menschen adressire ich mich alleine!
Ich bin ein ehrlicher, ein rechtlicher Mann! Ich werde Sie, Herr Richter, nie täuschen! Ich habe ein Capital von circa .... Gulden in meinem Geschäfte. Ich habe keine fremden Fonds darin. Alles ist mein Eigenthum. Nur die jetzigen Zeiten drücken mich sehr und stark, und der deutsche Buchhandel ist in den Händen so vieler .... und .... Menschen, daß man durchaus nicht auf sie in Hinsicht auf die Fonds, die man von ihnen zu erwarten hat, rechnen kann; ihre Effronterie im Zurückhalten der Einem schuldigen Gelder ist ungeheuer. Ich habe im vorigen Jahr auf einmal über 40000 Gulden in die Ihnen größtentheils bekannten Unternehmungen gesteckt — die Unternehmungen sind sämmtlich vom Publikum gut aufgenommen worden! Ich mußte die Ostermesse einen bedeutenden Betrag nothwendig zurückerhalten. Sie wissen, wie die Ostermesse ausgefallen. Es hat mir dies um 10000 Gulden wenigstens in meiner Einnahme geschadet. Es genirt mich dies, ich gestehe es. Hier in Amsterdam gibt es überhaupt keine, durchaus keine Ressourcen. Der Einwohner steht nie mit einem Banquier auf dem Platze in einiger Verbindung. Der Cassier arbeitet nur mit größern Handlungen und er avancirt nie. Man muß hier Alles in und aus sich selbst holen! Jeden Gulden! Es ist nie in Holland ein Geschäft gewesen wie das meinige. Man vermag es gar nicht zu beurtheilen, weil man es nie gesehen hat, also nicht kennt. Man beurtheilt mich also oft falsch; — man hält mich für einen excentrischen Menschen! Ich weiß dies Alles: ich kann es nicht ändern! Ich muß die Menschen gehen lassen! Ich schließe Ihnen mein ganzes Herz auf, Herr Richter; Sie sind gewiß ein edler, vortrefflicher Mann, Sie sind ein guter Mensch! Mein Inneres sagt mir das! Ich darf und kann mich Ihnen ganz anvertrauen. Ich werde Ihr Vertrauen dadurch nicht verlieren.
Wollen Sie mir Ihr ferneres Vertrauen lassen, — ich werde, ich kann es nie misbrauchen. Wollen Sie mich ferner ein wenig und selbst noch etwas mehr als seither — um mich den kleinen gênes, die mich noch dies Jahr drücken, zu entziehen — unterstützen, so werden Sie sich einem dankbaren Manne und einer dankbaren Familie für immer verpflichten. Kann ich Ihnen dorten eine Art von Garantie geben — über mein dortiges Lager — Lebens oder Sterbens wegen, ich bitte Sie, geben Sie mir die Idee an, wie ich es anzufangen. Es geschieht gern.
Die Zeiten werden wieder besser werden. Der vor einigen Monaten erfolgte Tod meiner Schwiegermutter bringt mir wieder neue Fonds. Ich werde mich einschränken, da ich jetzt schon mehr aus Erfahrung die .... Menschen, die Mehrzahl der deutschen Buchhändler, kenne!
Sie sehen, ich plaudere zu Ihnen wie zum Bruder, wie zum jahrelangen Freunde! Möchten Sie mir der letztere werden!
Leben Sie wohl! Ich erbitte mir auf diesen Brief einige Zeilen Antwort, ebenso offen, wie es die meinigen gewesen sind!
Infolge dieses Briefs scheint Richter schon damals die Geschäftsverbindung mit Brockhaus wieder aufgenommen zu haben. Jetzt, bei Bornträger's Uebersiedelung nach Leipzig, bedurfte Brockhaus der Vermittelung und des Vertrauens Richter's noch mehr als früher. Er schrieb ihm deshalb am 2. Januar 1810 folgenden, sein Innerstes enthüllenden Brief:
Ich habe Ihnen mit voriger Post 1100 Mark Bco. remittirt auf Fr. Perthes in Hamburg. Hiermit gleichen sich ohngefähr jene beiden unglücklichen Posten von 500 Fl. aus. Ich werde Ihnen weiter von Monat zu Monat verhältnißmäßige Rimessen machen. Seien Sie ganz und unbedingt ruhig! Ich habe kaufmännisch gegen Sie sehr gefehlt, moralisch — nicht! Ich will gegen Sie keine Exposition davon machen; ich bin zu routinirt in Geschäften, um nicht den ganzen Umfang meiner Abweichungen — wenn auch gezwungen, doch immer Abweichungen — zu fühlen und in Klarheit zu erkennen. Ich will auch eine Entschuldigung nicht einmal versuchen! Ich könnte Vieles, vielleicht sehr Vieles und gar Genügendes zu meiner moralischen Entschuldigung vorbringen. Ich thue es aber nicht! Ich schweige. Nur das sage ich, und das darf ich sagen: Seien Sie ganz ruhig. Nur das Gedränge drückender, zu leicht eingegangener Engagements; nur unverzeihliche Vernachlässigung dort in Besorgung mancher bedeutenden Geschäfte und Verrichtungen, wodurch ich mich veranlaßt gefunden habe, selbst jetzt mitten im Winter einen Commis von hier nach dort zu senden; nur nicht zu gebieten gewesene Täuschung über den Eingang erwarteter und nicht eingegangener Fonds; endlich die Krankheit und zuletzt der Tod einer geliebten, angebeteten Gattin und die daraus resultirte Zerstörung meines Denk- und Ordnungsvermögens — in diesen Grundzügen müßte ich meine Entschuldigung suchen.
Ich erkenne aber in voller Klarheit, daß ich keine Entschuldigung, aus blos kaufmännischem Gesichtspunkte betrachtet, gegen Sie habe. Ich verdamme mich darin selbst unbedingt.
Nur das sage ich und das darf ich sagen: Seien Sie vollkommen ruhig. Sie sind ein edler Mensch. Ich bin Ihrer Achtung und Werthschätzung nicht unwerth. Es ist eine reine Unmöglichkeit, für mich individuell und aus meiner ganzen Geschäftslage betrachtet, daß Sie je einen Thaler an mich verlieren könnten. Wäre es mir möglich, den Gedanken darüber zu fassen, ich würde Ihnen nie einen Wunsch weiter mittheilen.
Handlungen müssen hier aber entscheiden. Ich erkenne das. Meine erste sei, daß ich Ihnen, noch nicht außer dem Gedränge kleiner Verlegenheiten, die aber sich zusammenwickelnd nicht ohne Bedeutung sind, aber befreit von unmittelbaren Engagements, meine erste freie Disposition widme, die ich habe erübrigen können: die 1100 Mark Bco. per Hamburg. Ob Sie in diesem Zuge mich und meine Gesinnungen errathen werden, muß ich erwarten. Ich erwarte es mit Resignation.
Das hohe Vertrauen, das ich zu Ihnen als Mensch habe, erlaubt es mir, Sie zu bitten, mich unerachtet aller stattgehabten Störungen dennoch nicht ganz zu verlassen .... Ich habe, debarrassirt von meinen drückenden Verbindlichkeiten, die Aussicht, im Laufe der nächsten Monate aus meinem Sortimentsgeschäfte (worin alles auf Jahresrechnung geht) bedeutende Summen einzunehmen. Ich habe keine einzige schlechte Unternehmung gemacht. Ich bin nicht ohne eigene und nicht unbedeutende Fonds. Ich bin ein häuslicher, ordentlicher, guter Mensch — das darf ich ja wol Alles sagen, ohne daß ich in den Schein von Ruhmredigkeit falle. Darum sage ich es Ihnen, zu dem ich reines und großes moralisches Vertrauen habe.
Dieser Brief sei aber auch nur Ihnen geschrieben. Außer Ihnen muß ihn Niemand sehen. Nur Sie werden mir ihn nachfühlen.
Sie werden mir keine Vorwürfe machen über das Vergangene. Ich mache sie mir selbst. Haben Sie die Güte, mich Ihres Vertrauens nicht ganz unwerth zu finden. Ich darf es ja wol sagen, daß ich nicht glaube, desselben unwerth zu sein im Innern ....
Hier folgt die bereits früher mitgetheilte Stelle über seine Absicht, nach Dortmund zu reisen, um die Kinder dort erziehen zu lassen. Der Brief schließt dann:
Daß ich Ihnen das Alles sage?
Ich weiß selbst nicht oder kaum, wie ich dazu komme! Nur das erkenne und weiß ich, daß ich mich einem edlen und wackern Biedermanne anvertraue.
Ob Sie in meine vues, die Geschäfte betreffend, eingehen oder nicht, ist von meinem Urtheile und meiner Empfindung über Sie ganz unabhängig.
Leben Sie wohl. Ich bin Ihnen mit ganzer Seele zugethan.
(Nachschrift.) Alle Geschäfte und Transactionen, die Herr Schmidt macht, sind verbindlich, da er mit vollkommener gerichtlicher Vollmacht versehen ist.
An Bornträger schrieb Brockhaus gleichzeitig:
Herr Richter ist ein höchst rechtlicher und wackerer Mann, auch ein Freund von Literatur u. s. w., und es hängt unendlich viel davon ab, sich mit ihm wieder zu einigen. Ich werde auch alles Mögliche thun, um dies zu bewerkstelligen, und verzweifle ich keineswegs an dem Erfolg davon, da ich die innere Ueberzeugung habe, sein Zutrauen wie das Zutrauen jedes rechtlichen Mannes vollkommen zu verdienen.
Besuchen Sie ihn in einer ruhigen Stunde in seinem Hause, sprechen Sie mit Besonnenheit und Zuversicht. Deuten Sie auf die Stockungen und Verwirrungen, ohne irgend Jemanden anzuklagen. Versichern Sie ihn meiner unbegrenzten Ergebenheit und meines besten Willens, auch meiner vollkommenen Kräfte. Sagen Sie etwas von dem verhängnißvollen Schicksal, das jetzt auf mir ruht und mich zerschmettert hat. Seien Sie in Allem wahr und ernst und bieder. Sprechen Sie zu meinem Besten, aber mit Bescheidenheit.
Die Antworten Richter's auf obige Briefe sind nicht erhalten, aber jedenfalls lautete auch die auf den zweiten befriedigend, da Brockhaus unmittelbar darauf wie auch später geschäftlich und freundschaftlich mit ihm verkehrte.
Der Aufenthalt in Dortmund währte länger, als Brockhaus erwartete, ungefähr einen Monat, bis Anfang Februar 1810. Die Ausgleichung alter verwickelter Familienverhältnisse nahm viel Zeit in Anspruch, und außerdem verfaßte er hier die Appellation gegen das erste Urtel im Hiltrop'schen Processe, obwol sie vom 28. Februar dieses Jahres aus Amsterdam datirt ist.
Noch in Dortmund erhielt er die ersten günstigern Berichte von Bornträger aus Leipzig. Er antwortet ihm am 21. Januar:
Es freut mich, daß Sie durch ein männliches, ruhiges und gesetztes Betragen schon Manches ins Gleiche gebracht haben. Es wird sich alles Weitere geben, wenn nur einmal alle Verhältnisse zwischen dort und Amsterdam ganz ineinander greifen, die Bücher in Ordnung sind und wir uns so bemühen können, unsere ausstehenden Gelder beizutreiben, als man uns, wenn wir schuldig sind, damit auf der Haut sitzt.
Ob ich gleich in diesem Jahre gewiß noch viel zu kämpfen haben werde, so ist von der andern Seite in diesem Jahre auch viel zu hoffen. Es kommt hinzu, daß, so unglücklich ich auch als Mensch durch den unersetzlichen Verlust meiner guten Sophie geworden bin, ich durch die neuen Verhältnisse, worein ich dadurch getreten, von den beinahe unerschwinglichen Kosten, womit mein Etat in Amsterdam verknüpft wurde, befreit worden bin. Ich werde allerdings in meinen Verlagsunternehmungen mich um so mehr auch einschränken können, da ich gegenwärtig nur wenig bedarf und es meine feste Absicht ist, für die Zukunft mir ein ruhigeres Leben zu erringen.
Sie, guter Bornträger, gehören mit in meinen künftigen Lebensplan. Entwickeln Sie die guten Anlagen, die zum Theil nur noch als Keime in Ihnen liegen. Zerstören Sie das Feindselige, was gegen das Gute in Ihnen kämpft, und gewöhnen Sie sich insbesondere an Manches, was besonders in diesem Fache allein den guten Geschäftsmann im Praktischen macht: an Besonnenheit, Ruhe und die pünktlichste Ordnung in den Arbeiten. Krieger ist in diesen drei Punkten wirklich ein Ideal. Auch ist er es in Rücksicht der Thätigkeit, da er keine Arbeitszeit oder Stunde kennt, sondern nur fragt: was ist noch zu thun?
Weiter spricht er darüber, wie er sich seine künftige Einrichtung in Leipzig denke; seine Ansprüche waren sehr bescheiden:
Ein Gewölbe wie jetzt bedürfen wir nicht. Es ist unbequem, feucht, fatal zum Arbeiten; es ist unmöglich, darin ein ordentliches Comptoir zu halten; es ist dazu theuer. Wir bedürfen nur eines geräumigen Zimmers in einer ersten Etage, das man heizen kann allenfalls und welches man mit Regalen versehen läßt. Es muß darin Raum genug sein, um 20 Exemplare von jedem Verlagsartikel zur Hand zu haben, und sonst Platz, um eingehende Artikel ordnen und packen und weggehende einpacken zu können. In diesem Zimmer könnte allenfalls ein Pult gestellt werden, woran zwei Personen ordentlich arbeiten können, wenn es groß genug wäre, daß man Briefrepositorien, Platz für Bücher u. s. w. auf eine ordentliche Weise daran mit anbringen könnte. Besser wäre es aber noch, wenn ein kleines Comptoir als Nebenzimmer dabei wäre.
Außerdem wünschte ich, daß Sie und ich unmittelbar dabei schliefen und wohnten, da dies die Leichtigkeit im Arbeiten so sehr befördert; womöglich also zwei Schlafzimmer für mich und Sie, und außerdem ein Wohn- oder Besuchzimmer. Also zusammen fünf Piècen, von denen zwei was man in Leipzig Kammern nennt wol sein könnten.
Die Frage und Aufgabe wäre also: sollte dazu Gelegenheit zu finden sein und wo? Mir wäre es gleichgültig, ob es in oder außer Leipzig (etwa in Reichel's Garten) sei. Ich fühle die kleinen Inconvenienzen, die entstehen, wenn es außer der Stadt wäre, aber gewonnen würde auch wol wieder durch größere Annehmlichkeit, wahrscheinlich größere Wohlfeilheit; auch könnten manche Inconvenienzen durch Gegeneinrichtungen gehoben werden.
Meine Absicht ist durchaus nicht, ein Haus in Leipzig zu machen. Sie wissen, wie einfach und prunklos ich bin, und wie mich alles das anekelt, was auf Ostentation hinausläuft. Nur eine angenehme Existenz möchte ich mir sichern. Ich werde nicht, was man nennt, in Leipzig immer wohnen. Ich werde viel da sein; aber auch hier bei meinen Kindern, Geschwistern und Jugendfreunden werde ich zu Zeiten sein. Ich muß auch in Amsterdam ein paar Monate zubringen.
Die Abreise von Amsterdam, wohin Brockhaus gegen Mitte Februar zurückgekehrt war, mußte er von Woche zu Woche verschieben und konnte sie erst Mitte Mai ausführen.
Zunächst wurde er durch eine Untersuchung in Anspruch genommen, welche über das Manuscript zu Reichardt's »Vertrauten Briefen auf einer Reise nach Wien« eingeleitet worden war. Schon in Dortmund hatte er die erste Nachricht darüber erhalten und auch deshalb seinen dortigen Aufenthalt verlängert. In dem Briefe vom 21. Januar schreibt er an Bornträger:
Auch habe ich noch einen geheimen Grund, hier zu bleiben. Das Rdt'sche Manuscript über Wien ist von der Censur in Braunschweig nicht zurückgegeben, sondern an das Justizministerium nach Kassel geschickt worden. Ich möchte also auch gern hier abwarten, ob das kasseler Ministerium nach Amsterdam Requisition erlassen wird, den Verfasser zu erforschen, dessen Handschrift indessen in Kassel hinreichend bekannt sein wird. Es möchte doch sehr gut sein, wenn Sie auf irgendeine Weise R. davon prävenirten und Maßregeln beredeten, da ich ihm nicht zu schreiben wage und Vieweg es auch gewiß nicht gethan hat; auch daß er das weitere Manuscript zurückhielte. Ich überlasse es Ihrer Klugheit, da Sie so nahe sind, was Sie darin thun wollen. Für mich kann natürlich nichts Unangenehmes entstehen, da ich es der Censur übergeben, nur die ersten Bogen gesehen, darin selbst Vieles gestrichen und unbedingt verlangt habe, daß nichts gegen Napoleon dürfe gesagt werden. Nur möchte ich den Verfasser auch nicht verrathen.
Am 28. Januar schreibt er nochmals und ausführlicher darüber: Von Amsterdam habe ihm sein Gehülfe Krieger gemeldet, daß man nach ihm geschickt habe, und er könne nun nicht eher nach Amsterdam zurück, bis das beseitigt sei. Bornträger solle deshalb lieber selbst nach Halle zu Reichardt gehen, wenn dieser nicht etwa schon arretirt sei. Er könne schließlich der Gewalt nicht widerstehen, ihn nennen zu müssen, wenn er dazu irgendwo vom Gouvernement angehalten werde. Vielleicht auch sei Reichardt von Halle weggegangen, doch werde Bornträger von dessen Töchtern den Aufenthaltsort wol erfahren. Treffe er ihn, so solle er ihn veranlassen, seine Papiere und Notizen zu retten. Uebrigens möge er doch auch gleich über den beabsichtigten zweiten Theil mit ihm sprechen und ihn auffordern, was er ihm auch schon selbst geschrieben habe, »mehr Geist und Salz hineinzulegen«.
Inzwischen müssen die Nachrichten von Amsterdam doch beruhigender gelautet haben, denn Brockhaus reist dahin zurück und schreibt um 16. Februar von dort an Bornträger:
Wegen Rdt's »Wien« bin ich ganz unangefochten und wahrscheinlich ist das ganze Wesen hier Cabale von N. N. und ähnlichen Schuften gewesen, um mich von hier zu vertreiben. Der westfälische Gesandte weiß von nichts, der Polizeiminister weiß von nichts, der Minister der auswärtigen Angelegenheiten weiß ebenso wenig von etwas. Und der Hoofdofficier (Oberoffizier), dem ich geschrieben habe, daß ich hier sei, hat mir antworten lassen, er habe mir nichts zu sagen. Dagegen bin ich fortdauernd in anonymen Briefen gewarnt und ist mir gerathen worden, von hier wegzugehen oder nicht zurückzukommen!
Indessen hatte er zu früh gefrohlockt und ebenso war auch sein daran geknüpfter Verdacht unbegründet gewesen. Denn schon am 24. Februar schreibt er an Bornträger:
Heute bin ich doch noch von der geheimen Polizei wegen »Wien« verhört, aber sehr human behandelt worden. Den Namen des Verfassers, den man wissen wollte, habe ich nicht genannt, sondern erklärt: »daß ich dem Verfasser mein Ehrenwort gegeben habe, ihn nicht zu nennen, also auf eine bloße Anfrage des westfälischen Gouvernements dies mein Wort nicht brechen könne und nicht anders mich desselben entschlagen urtheilen könnte als durch einen ausdrücklichen Befehl meines Königs; daß aber, da in casu Verfasser wie Verleger den gesetzmäßigen Weg gegangen, indem sie dem Gouvernement ihre Gedanken — das Manuscript — mitgetheilt und angefragt hätten, ob solche dürften bekannt gemacht werden, der Name des Verfassers hier eine sehr fremdartige Sache sei, die das Gouvernement nicht weiter interessiren könne; wenigstens glaube ich für meine Person nicht, darin dem Gouvernement als rechtlicher Mann an die Hand gehen zu dürfen«. Man ist hiermit einstweilen zufrieden gewesen, und hat man nun das Nähere zu erwarten. Ich denke aber, die Sache wird nun wol todt bluten.
Damit scheint die Untersuchung allerdings erledigt gewesen zu sein; sie wird in den fernern Briefen nicht weiter erwähnt, und Reichardt's Buch erschien auch noch in demselben Jahre. Als ein Scherz ist es wol nur anzusehen, wenn Brockhaus in einem Briefe erwähnt, daß er daran gedacht habe, in höchster Noth den kurz vorher (1809) verstorbenen Freiherrn von Groß in Weimar, von dem er auch ein Werk verlegt hatte, als Verfasser anzugeben!
Bornträger hatte sich übrigens entschlossen, der größern Sicherheit wegen zu Fuße von Leipzig nach Halle und Giebichenstein zu gehen, um Reichardt von der Sachlage zu benachrichtigen. Brockhaus trägt ihm auf, bei dieser Gelegenheit Reichardt zu einem neuen Buche aufzufordern. Er schreibt:
Ich möchte ihm den Vorschlag thun, ein Buch zu schreiben wie die vortrefflichen Briefe von Risbeck seiner Zeit waren: »Briefe eines reisenden Franzosen«[38], Reichardt wäre ganz der Mann dazu. Man könnte es betiteln: »Kreuz- und Querzüge eines reisenden Franzosen« oder »eines reisenden Deutschen«. Theilen Sie Reichardt auch diese Idee mit, die ich ihm jetzt nicht direct schreiben mag. Ich möchte es erstaunlich gern, daß er darauf entrirte, da er vollkommen dafür berechnet ist. Ein solches Buch, mit sagacité geschrieben, würde erstaunlichen Debit haben.
Diese Anregung hat jedenfalls Reichardt zu seinen Ende 1811 bei Brockhaus (unter der bekannten fingirten Firma »Köln bei Peter Hammer«) anonym erschienenen »Briefen eines reisenden Nordländers. Geschrieben in den Jahren 1807 bis 1809« veranlaßt und zeigt wieder, daß Brockhaus sich nicht darauf beschränkte, ihm angebotene Manuscripte zu verlegen, sondern daß er auch Schriftstellern eigene Ideen zur Ausführung neuer Werke mittheilte. So rührt die Idee zu dem »Handbuch der deutschen Literatur« von Ersch ebenfalls von Brockhaus her; er schreibt darüber einmal an Bornträger: »Sie ist aus meiner Seele allein hervorgegangen.«
Ein in dieser Zeit geschriebener Brief zeigt, daß Brockhaus auch mit dem damals in Leipzig wohnenden Dichter Johann Gottfried Seume, den er wahrscheinlich persönlich dort kennen gelernt, in Beziehungen stand, und dieser ihm einen Verlagsantrag gemacht hatte. Er trägt Bornträger auf, Seume zu sagen, daß er eine Copie seines Manuscripts nach England geschickt habe; »es sei zu gefährlich, es in Holland zu drucken; erzählen Sie ihm den Umstand jetzt mit 'Wien'; ich würde ihm sein Original zu Ostern selbst zurückbringen oder auf Verlangen gleich einschicken.« Seume starb indeß bald darauf (13. Juni 1810); jenes Manuscript war vermuthlich Seume's Selbstbiographie, die nach seinem Tode von Clodius herausgegeben wurde (Leipzig 1813).
Brockhaus sah bald ein, daß er Amsterdam doch noch nicht gleich verlassen könne, besonders weil er das Geschäft seinem neuen Gehülfen Krieger nicht allein anvertrauen mochte. Während er diesen früher gegen Bornträger sehr gelobt, schreibt er letzterm jetzt am 6. März: Krieger sei »zu weiter nichts gut als aus einem vollen Sacke Geld zu nehmen und damit zu zahlen und es sich sonst sehr gut sein zu lassen«! Er fährt fort:
Ich opfere also lieber mich auf als mein Geschäft, und ich werde nach der Ostermesse (aus Leipzig) gleich zurückkehren, dagegen im Sommer eine Reise nach Paris machen. Sie, der Sie alle Verhältnisse kennen, werden dies gut finden. Darum aber gebe ich meinen Plan für die Zukunft nicht auf. Nur dies Jahr geht es noch nicht, und in diesem Jahre muß sich Vieles entwickeln. Ich hoffe, Alles ziemlich gut! Die Messe kann nicht schlecht werden, da durch die Verbindung Oesterreichs mit Frankreich die Ruhe des Continents vorläufig sehr gewinnt und namentlich Oesterreich einer bessern Epoche dadurch entgegengeht. Oesterreich wird kaufen und zahlen, und von keiner Seite her wird man Ursache haben, nicht zur Messe zu kommen. Sehr gut ist es auch, daß die Messe so spät eintritt, weil selbst die Russen u. s. w. jetzt gut eintreffen können.
Die beabsichtigte Reise nach Paris sollte sechs Wochen dauern und besonders wegen der Verlagswerke von Sprengel, Rudolphi, Villers, Fauriel und Massenbach unternommen werden; sie unterblieb aber, ebenso wie ein von ihm für den Herbst, »um einen Monat meinen Kindern zu leben«, gehoffter wiederholter Aufenthalt in Dortmund.
Gegenüber den vermehrten Ausgaben in Leipzig und in der Absicht, sein amsterdamer Geschäft früher oder später aufzulösen, war er unablässig bemüht, seine Außenstände in Holland einzuziehen. Er machte zu diesem Zweck im März und April mehrere Reisen nach Utrecht, Rotterdam und Harderwijk, Schiedam, Delft und dem Haag, leider aber meist mit geringem Erfolge. Die Geldkrisis und die politischen Verhältnisse wirkten lähmend auf Handel und Verkehr, und die Buchhändler wie die Privatkunden vertrösteten ihn mit Versprechungen, während er selbst von Schriftstellern und Buchdruckern in Deutschland gedrängt wurde. Bei der Rückkehr von einem solchen Ausflug schreibt er einmal:
Auf dieser Reise ist es mir unsaglich schlecht mit dem Einkassiren gegangen: circa 2400 Fl. ausstehen, und ich habe kaum 200 Fl. Kassa und circa 250 Fl. Papier mitgebracht. Entweder verreist oder nicht bei Kasse! Das heißt Einen rasend machen!
Er sah jetzt oft recht trüb in die Zukunft, ohne indeß den Muth zu verlieren. So schreibt er am 6. März an Bornträger:
Beruhigen Sie sich insbesondere wegen meiner äußern Lage. Ich bin dies Jahr weniger gedrückt wie vorig Jahr und vor zwei Jahren, ob ich gleich so unendlich schwere Ausgaben gehabt und dadurch so Vieles anticipirt habe .... Demohnerachtet weiß ich vollkommen, daß es mir noch sauer werden wird, aber ich sehe doch Durchkommen und habe mehr Muth wie je, besonders da Sie jetzt dort sind.
Und am 3. April schreibt er:
Ich werde alle meine Kräfte aufbieten, um Sieger zu bleiben. Vieles ist verloren. Aber nicht Alles. Durch Besonnenheit und Muth wird sich Vieles, vielleicht Alles retten lassen.
Aber nicht nur den Muth verlor er nicht, sondern bewahrte sich selbst den Humor, wie folgende Anekdote über einen spaßhaften Handel mit einem amsterdamer Antiquar oder vielmehr mit dessen Frau beweist. Er schreibt an Bornträger unterm 16. März:
Ich habe heut einen Handel gemacht, der Ihnen possirlich vorkommen wird. Gestern gehe ich, wie ich aus dem Wappen von Bern, wo ich oft esse, nach dem Museum gehen will, um die Zeitungen des Tages zu lesen, dem Bücher-Antiquar Ros in Rooseboomsteeg vorbei und bleibe wie gewöhnlich vor seinen ausgestellten Büchern stehen, um die Titel zu beschauen. Ich finde zufällig einen alten Jahrgang des historischen Calenders, der bei Haude herauskam, über Amerika, der jetzt selten ist. Ich möchte den gern haben, denke ich, er wird wol für ein Dübbelchen zu erstehen sein, und gehe hinein. »Wieviel für dat boekje (das Büchelchen)?«, frage ich. — »Vier Sestehalven.« — »Wie, vier Sestehalven? Ist sie klug?«, sage ich zu der Frau, »voor zoo een oud ding, dat al voor 20 jaar verschenen is?« (für so ein altes Ding, das schon vor 20 Jahren erschienen ist?) — Ja, unter 3 Shillings gebe sie es nicht. — Kurz, wollte ich wohl oder übel, nachdem ich wie ein Grasmäher gefeilscht hatte, einmal aus der Boutique schon weggegangen war, und der Versuch, zurückgerufen zu werden, ohne Erfolg war gemacht worden: ich mußte 15 Stüber geben. »Aber«, sage ich, wie das Geld bezahlt war, »meine liebe Frau, ich habe die 15 Stüber für dat boekje gegeben, weil es eine Seltenheit ist. Das weiß Sie nun aber nicht. Anders wäre es mir nichts werth gewesen. Wie kann Sie ein solches Ding so hartnäckig auf einem solchen Preis halten?« — Ja, sagte sie, diese »boekjens met platen« (Büchlein mit Illustrationen), die könnte sie sehr gut verkaufen, und die fänden immer ihre Liebhaber. — Hm, denke ich, dann könntest du ja den Ueberschuß der »Urania« trefflich gebrauchen, welcher deinem Auge sonst doch Verdruß genug sein wird. Ich theile ihr die Idee mit, worauf sie gleich entrirt. »Aber ich habe viel«, sage ich. — »Ja, das macht nichts, en als de Heer ook een paar honderd heeft« (wenn der Herr auch ein paar hundert hat). — Ich bin wie aus den Wolken gefallen. Wo bleibt das Weib damit? Ich renne wie besessen nach Hause, hole ein hübsches in Maroquin, bringe das zur Probe und werde nun Verkäufer statt Käufer. Enfin, einen Shilling bot sie mir noch am Abend, und diesen Morgen haben wir es zu 8 Stüber hinaufgetrieben, wozu ich ihr unsern traurigen Vorrath von 223 Stück — leider sind die 160 Ex., die nach Ostfriesland gegangen sind, alle angekommen und gleich als Makulatur bei Seite gelegt worden — gegen gleich comptante Zahlung von ca. 90 Gulden.
Ich habe mich halb krank über die négociation gelacht, die wir aber unter uns halten müssen, weil, wenn es die deutschen Buchhändler erführen, daß man alte abgelebte Almanache beinahe für einen halben Gulden loswerden könne, bald alle Landstraßen damit bedeckt sein und der Handel de fond à comble verdorben sein würde. Ein Triumph meiner Phantasie würde es sein, wenn ich der Frau auch noch den leipziger Ueberschuß, der eine ganz andere Masse bilden wird, aufhängen könnte. Ich habe darauf angespielt; sie meinte aber, daß an 223 sie einstweilen (!) doch genug habe. Ich denke es auch und fürchte: für immer. Aber es ist wahr: in Amsterdam ist doch auch Alles zu verkaufen! Indessen bin ich noch mit ihr im Handel über unsern hiesigen Rest von .... (folgen einige Titel älterer Verlagswerke), worüber ich bis Dienstag Rapport haben soll. Einzelne Exemplare kauft das Weib nicht; sie macht Alles im Großen, en bloc. Original!
Infolge der geistigen Aufregung und Ueberanstrengung in dieser ganzen Zeit, wozu noch die häufigen rasch zurückgelegten Reisen kamen, wurde Brockhaus bald darauf ernstlich unwohl. Schon am 24. März sagt er, daß er sich seit kurzem gar nicht wohl fühle, keine Eßlust habe und beständig ein kleines Fieber mit sich herumschleppe. Eine Folge dieses Uebelbefindens und seiner Erregung ist es wol, wenn er weiter schreibt, er habe in Erwartung eines Berichts von Bornträger mehrere Tage nicht schlafen können, und in Bezug auf einige unberechtigte Forderungen von Schriftstellern hinzufügt:
Ich bin keineswegs geneigt, diesen Leuten einen Schritt zu weichen. Göschen zeigte mir einmal ein dickes Convolut Papiere: »Dieses enthält Documente zur Schande der Menschheit«, sagte er; »es sind die Verhandlungen mit unsern berühmten Autoren.«
Lange wehrte er sich gegen die Krankheit, ohne sich zu schonen; so fuhr er einmal in einer Nacht nach Leyden und kehrte in der nächsten Nacht nach Amsterdam zurück, um schon einige Tage darauf in ähnlicher Weise nach Rotterdam und zurück zu reisen. Endlich aber mußte er sich doch darein ergeben, seine Thätigkeit zu unterbrechen und sich zu pflegen. Die Krankheit stellte sich als Gelenkrheumatismus und Gicht heraus. Sechs Wochen lang, bis Anfang Mai, wurde er davon geplagt, und mußte also so lange die Abreise nach Leipzig verschieben, obwol seine Anwesenheit dort besonders während der Messe so nothwendig war. Während dieser Zeit erhielt er auch aus Dortmund die Trauerkunde vom Tode seines jüngsten, noch nicht ganz drei Jahre alten Sohnes Max, des Pathen Baggesen's.
Am 10. April schreibt er an Bornträger:
Ich habe von meinem Rheumatism einen solchen fürchterlichen Rückfall bekommen, daß ich seit Sonnabend, wo ich Ihnen schrieb, nicht aus dem Hause gewesen bin und fast immer das Bett gehütet habe. Auch diese Zeilen schreibe ich Ihnen aus dem Bette, und habe ich in diesen Tagen nicht anders als durch Dictiren arbeiten können. Ich habe sehr heftige Schmerzen in den Muskeln des Halses und des Kreuzes, sodaß ich leider weder gut liegen noch irgendeine ruhige Stellung annehmen kann. Es ist mir erstaunlich fatal, wie Sie denken können. Indessen hoffe ich doch, daß durch Ruhe und Wärme sich Alles bald geben wird .... Mich fatiguirt das Schreiben außerordentlich und ich schließe daher in Eile.
Wenige Tage darauf, am 14. April, klagt er:
Ich bin noch immer sehr krank, und wenn auch auf der Besserung, so geht's doch langsam. Mein Rheumatismus hat einen heftigen Charakter, der sich gar nicht fügsam beugen will. Indessen schreibe ich Ihnen doch wieder außer dem Bette. Die Stube darf ich aber noch nicht verlassen. Und morgen über vier Wochen soll ich schon in Leipzig sein! Wie mich dies ergreift! Und doch muß und soll es möglich werden! Nur Hygiea verlasse mich nicht, oder komme vielmehr, deine stärkende Hand über mich zu erheben!
In einem Briefe vom 21. April heißt es:
Ich habe Ihnen Dienstag nicht geschrieben, weil ich Ihnen dann hätte melden müssen, daß ich aller Berechnung nach nicht zur Messe kommen könne. Ich war an diesem Tage von meiner vert........ Gicht in Nacken, Rücken und Fußgelenken so gelähmt und so gepeinigt, daß ich mich nicht rühren konnte. Es scheint aber das Maximum gewesen zu sein, und ich gehe seit vorgestern an einem Stocke im Zimmer herum. Ich hoffe nur jetzt, daß ich werde kommen können! Ich hoffe es und ich glaube es! Schon wollte ich Ihnen alle Bücher schicken und Sie wie mein Geschäft Gott anbefehlen.
Ich habe hier übrigens Mühe mich durchzuwinden, wie Sie denken können, besonders da ich krank bin; indessen guter Muth und Hoffnung, die menschliche, verläßt mich nicht.
Daß Sie auf sechs gute Groschen reducirt waren, hat mir ein wenig Spaß gemacht, denn bei allem Ungemach und Sorgen verläßt mich mein guter Humor nicht ganz. Vor der Messe unmittelbar ist die Auslieferung immer schlecht. Lassen Sie sich darüber keine grauen Haare wachsen!
Im nächsten Briefe, vom 24. April, schreibt er:
Seit Sonnabend bin ich mit meinem Uebel nichts gefördert. Es ist um gar nichts besser geworden, und ich habe die beiden Ostertage recht traurig zugebracht und die Nächte unter vielen und heftigen Schmerzen, da es des Nachts immer schlimmer ist als am Tage. Aller Gichtstoff hat sich jetzt auf den linken Fuß geworfen, der dadurch sehr angeschwollen, sodaß die Haut außerordentlich gespannt ist .... Da ich indessen, diesen Punkt ausgenommen, vollkommen gesund bin und vielleicht jetzt der höchste Punkt des Uebels erreicht ist, so bleiben meine Aerzte dabei, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach an meiner Reise nicht werde gehindert werden. Ich begreife es selbst, daß zwei bis drei Tage mir hinreichende Genesung geben können, aber Sie können denken, wie angstvoll ich bin. Der Himmel wird mich nicht ganz verlassen!
Die gehoffte Besserung trat endlich ein und die Ausführung der Reise nach Leipzig wurde fest beschlossen. Er schreibt an Bornträger unterm 28. April:
Erst seit gestern Morgen darf ich jetzt wahre Hoffnung haben, die Reise nach Leipzig noch machen zu können. Erst seit gestern ist wahre Besserung da! Erst seit gestern Abend kann ich mich im Zimmer herumbewegen. Noch ist aber nur der Anfang der Besserung da. Es muß kein Rück-, kein Incidenzfall eintreten. Alles muß vortrefflich gehen, wenn es möglich werden soll, daß die Reise geschehe. Wie sehr ich aber auf diese Begünstigung der Glücksgöttin vertraue, sage Ihnen der Umstand, daß ich am Mittwoch unter den heftigsten Zufällen, die ich aber zu verschmerzen noch die Kraft hatte, mit Jemandem Abrede wegen der Zusammenreise nahm und diese beschlossen wurde; wir stehen jetzt selbst noch in Unterhandlung über den Kauf eines Reisewagens, dessen ich besonders sehr bedurfte für diesmal. Auf jeden Fall riskire ich freilich bei dieser Reise mein Leben oder den Verlust meiner Gesundheit für immer. Aber gibt es hierin eine Wahl? Kann ich hier bleiben, darf ich es, wenn nicht die gebieterischste Nothwendigkeit mich ans Krankenbette fesselt? Mein Körper ist sehr schwach. Meine Nerven sind in einem unglaublichen Grade gespannt und angegriffen; mein furchtbarer Seelenzustand ist die Ursache meiner Krankheit; diese fängt eben an, der sorglichsten Behandlung und aller Kunst meiner Aerzte zu weichen, und schon im ersten Genesen soll ich diesen zerrütteten schwachen Körper allen Beschwerlichkeiten und Gefahren einer solchen Reise aussetzen, wo ich auf schlechten Wegen, in rauher, kalter Witterung, und selbst des Nachts in der für mich unangenehmsten Lage des Körpers in elenden offenen Wagen (wenn wir den Reisewagen nicht kaufen) eine Reise von 150 Meilen machen soll! Indessen Pflicht und Ehre rufen mich, und ich werde nicht wanken, wenn nur die Elemente der Kraft dazu da sind.
In den beiden letzten Briefen, die Brockhaus vor seiner Abreise von Amsterdam am 1. und 5. Mai an Bornträger schreibt, spricht er die zuversichtliche Hoffnung aus, daß seine Anwesenheit in Leipzig alles Geschäftliche in Ordnung bringen werde. Er sagt:
Wie Alles werden, sich ordnen und lösen solle, weiß ich nicht, und um es zu wissen, müßte ich ein Halbgott sein .... Ich werde der Gefahr ruhig unter die Augen treten und von der Gegenwart etwas Erträgliches erkämpfen, für die Zukunft Besseres bereiten .... Ich habe hierüber wie über hundert andere Dinge sehr Vieles mit Ihnen zu sprechen. Besonders von der jetzt möglichen ganz neuen Einrichtung unsers Geschäfts habe ich Ihnen sehr wichtige Ideen mitzutheilen. Auf Sie, lieber Bornträger, vertraue ich Alles, und nur durch Ihre Mitwirkung können diese Ideen ausgeführt werden. Ich glaube indessen gewiß zu sein, daß bei ihrer Befolgung wir in ein paar Jahren sehr glücklich leben werden und keine der Sorgen mehr kennen, die uns Beiden jetzt das Leben verbittern. Mündlich von dem Allen .... Dies ist eine jener Maßregeln mit: Oekonomie ist die Basis des Mehrsten. Und die Unmöglichkeit, mich mit Oekonomie einrichten zu können, das Unermeßliche, was meine Haushaltung verschlang, der Kampf zwischen Gewohnheiten und nothwendigen Annehmungen, die fierté meines persönlichen Charakters, der alle die Wege nicht paßten, die im jetzigen Berufe liegen — dies war es, was mich gedrückt und zurückgebracht, mich ausgesogen hat. Aber noch ist für Alles Rettung, denke ich. Ich habe mit Ruhe auf meinem jetzigen Schmerzenslager einen neuen Geschäfts- und Lebensplan entworfen, in den Sie, lieber Bornträger, aber als ein nothwendiges Glied eingreifen. Sonst Niemand!
Auf den 10. Mai setzt er nun seine Abreise von Amsterdam fest. Freilich fügt er hinzu: er werde wol abreisen können, aber ob er bis nach Leipzig komme, wisse der Himmel; er sei am Genesen, aber noch keineswegs wirklich genesen.
Indessen scheint er glücklich und ohne neue Erkrankung in Leipzig angelangt zu sein, da sich kein weiterer Brief aus Amsterdam vorfindet, wohl aber ein von ihm schon am 18. Mai in Leipzig unterzeichnetes Actenstück.
Ueber seinen Abschied von Amsterdam, das er nur noch einmal nach Jahresfrist auf kurze Zeit wiedersah, und über die Reise, auf der er wahrscheinlich Dortmund berührte, um seine Kinder wiederzusehen, ist uns nichts bekannt.