Als Brockhaus am 18. September 1810 Altenburg zum ersten male betrat, geschah dies in Begleitung einer Freundin, an die er sich seit dem Tode seiner Frau mehr und mehr angeschlossen, die während der letzten vier Monate in Leipzig seine treue Beratherin gewesen war und ihn auch in der Stunde der Gefahr nicht verließ. Es war dies die Hofräthin Spazier, die bald seine erklärte Braut werden sollte.
Minna Spazier, mit ihrem vollen Vornamen Johanne Karoline Wilhelmine und nach ihrem zweiten Manne gewöhnlich Uthe-Spazier genannt, von der wir bisher meist nur als Herausgeberin des Taschenbuchs »Urania« zu sprechen hatten, lebte seit dem Tode ihres Mannes, des am 19. Januar 1805 in Leipzig verstorbenen Hofraths Dr. Karl Spazier, Herausgebers der »Zeitung für die elegante Welt«, zuerst in Neustrelitz, dann wieder in Leipzig. Sie war die zweite Tochter des Geh. Tribunalraths Mayer in Berlin und daselbst am 10. Mai 1779 (oder 1777) geboren. Ihre ältere Schwester, Karoline, war an Jean Paul Friedrich Richter in Baireuth verheirathet, die jüngere, Ernestine, die aber schon 1805 starb, an den Hofrath August Mahlmann in Leipzig, der nach dem Tode seines Schwagers Spazier die »Zeitung für die elegante Welt«, später (1810-18) zugleich die »Leipziger Zeitung« redigirte und sich auch als Dichter einen Namen gemacht hat. Mit ihren beiden Schwägern stand sie in guten Beziehungen, und wurde von ihnen auch in ihrer literarischen Thätigkeit unterstützt. Sie war Mitarbeiterin an verschiedenen Zeitschriften, gab seit 1801 das »Taschenbuch der Liebe und Freundschaft« heraus, redigirte die ersten beiden Jahrgänge (1810 und 1812) des von Brockhaus begründeten Taschenbuchs »Urania«, übersetzte die von Frau von Staël französisch herausgegebenen »Briefe, Charaktere und Gedanken des Prinzen Carl von Ligne« (Leipzig 1812) und die »Briefe der Lespinasse« (2 Bände, Elberfeld 1810), die von Jean Paul günstig recensirt wurden, und gab später auch eine Sammlung von Erzählungen unter dem Titel: »Sinngrün, eine Folge romantischer Erzählungen, mit Theilnahme Jean Paul Richter's und einiger deutscher Frauen Unterstützung« (Berlin 1819) heraus. In Leipzig bewegte sie sich in den literarischen Kreisen und war namentlich mit dem als Uebersetzer bekannten Adolf Wagner (dem Onkel Richard Wagner's) und dem Dichter August Apel befreundet.
Auch mit Varnhagen von Ense und dessen Gattin Rahel war sie näher bekannt. Ersterer[39] schildert sie (1807) als »eine schriftstellernde, lebhafte, liebenswürdige, nicht gleichgültig lassende Frau« und fügt hinzu:
Sie bekannte mir ihre ganze Lage, wie ihr Witwenstand sie dazu dränge, sich irgendwo wieder anzuschließen, wie sie einige Bande leichter Neigung festzuhalten gesucht, aber noch unentschieden zwischen mehrern schwanke, die einstweilen gleicherweise von ihr begünstigt wurden; auch ich sollte diese Begünstigung erfahren und an solchem Band oder Bändchen mich gehalten fühlen, allein ich war durch so viele scharfe Geschichten abgehärtet genug, um diesmal ohne Zagen die noch schwachen Fäden gleich wieder abzureißen, obgleich mehr gebunden war und zerrissen wurde, als ich damals ahndete und nachher glauben wollte.
Außer durch reichen Geist und Liebenswürdigkeit war sie auch durch hervorragende Schönheit ausgezeichnet.
Brockhaus hatte sie schon im Herbste 1808, als er Leipzig zum ersten male als Buchhändler besuchte, kennen gelernt und, wie es scheint, schon damals mit ihr wegen Herausgabe der »Urania« verhandelt. In einem von ihm an Bornträger in Leipzig gerichteten Briefe aus Amsterdam vom 27. Februar 1809 finden wir sie zum ersten male erwähnt. Während der Ostermesse 1809 verkehrte er viel mit ihr in Leipzig wegen der »Urania«. Als Bornträger im Spätherbst 1809 wieder nach Leipzig reist, schickt Brockhaus wichtige Geschäftsbriefe statt an seinen bisherigen dortigen Commissionär Weigel an seine »Freundin«, die Hofräthin Spazier, und weist Bornträger an, die Briefe bei ihr in Empfang zu nehmen. Der betreffende Brief an Bornträger ist am 30. November 1809, also kurz vor dem (am 8. December) erfolgten Tode seiner Frau geschrieben, und bald nach diesem, in den früher von uns erwähnten Briefen vom 19. und 23. December, nennt er sie seine »wahre Freundin«, der Bornträger ganz vertrauen könne, und fordert ihn auf, in Leipzig zunächst Niemand als sie zu besuchen.
Bornträger scheint ihr indeß doch nicht so vollständig wie Brockhaus vertraut und diesen selbst vor ihr gewarnt zu haben, namentlich wol unter Hinweisung auf ihren, auch von Varnhagen erwähnten vertrauten Verkehr mit Andern. Darauf bezieht sich folgende Antwort von Brockhaus in einem Briefe vom 21. Januar 1810:
Ich habe noch ein Wort im Vertrauen mit Ihnen zu sprechen über mein Verhältniß zur Hofräthin. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß dies Verhältniß sehr innig sein müsse. Dies ist es. Ich glaube an ihr eine treue und edle Freundin zu haben im ganzen Umfange des Worts. Ich bin von Weibern und Männern in der Welt oft getäuscht worden, ich glaube nicht, daß sie mich täuschen wird. Ich weiß es, daß ihr, wie fast Jedem widerfährt, der sich von der Landstraße des Gemeinen entfernt, vom geschwätzigen Publikum vieles Ueble nachgesagt wird oder ist nachgesagt worden, und ich glaube selbst, daß Manches davon nicht ungegründet sein mag. Mich kümmert das aber nicht. Ich werfe darum keinen Stein auf sie, sondern frage nur: ist sie dir als treue und biedere Freundin getreu? Ist und bleibt sie das, so kümmert mich nichts weiter.
Ihre Sorge, guter Bornträger, sei nur, dieses zu beobachten. Finden Sie dies nach Ihrem unbefangenen Sinne bestätigt, so vertrauen Sie ihr, wie ich ihr vertraut habe und noch vertraue. Finden Sie es aber nur nach Ihrer Ansicht anders, so überlasse ich Ihnen, wie Sie handeln wollen, und mache Ihnen nur das zur Pflicht, mich nicht eher von Ihren Gegenideen zu unterhalten, bis Sie eine wenigstens relative Art von Gewißheit über diese Ansichten möchten erworben haben.
Noch füge ich hinzu, daß mein Verhältniß zur Hofräthin in Zukunft nie einen andern Charakter erhalten kann, als den es jetzt hat.
Nach diesem Briefe dachte Brockhaus damals gewiß noch nicht daran, Frau Spazier zu heirathen. Noch deutlicher geht dies aus einem folgenden Briefe vom 16. März hervor, in dem es heißt: Er beabsichtige in Leipzig wieder eine kleine Haushaltung anzufangen und zwei seiner (eben in Dortmund untergebrachten) Kinder abwechselnd um sich zu haben, wozu er eine Haushälterin suche, die gebildet genug sei, auch das häusliche Leben etwas erheitern zu können; heirathen werde er nicht wieder, aus Gemüths- und aus Verstandesgründen.
In einem der nächsten Briefe freut er sich, Bornträger melden zu können, daß die Hofräthin auch ihn, der mit ihr so viel zu verkehren hatte, liebgewonnen habe. Freilich findet sich auch einmal ein Zeichen von Mistrauen gegen sie, indem er unterm 1. Mai 1810 schreibt:
Die Entschuldigung der Hofräthin gegen Varnhagen war nicht edel, und nur eigene drückende Verlegenheit kann sie dafür entschuldigen in etwas. Ich vertraue auf die Hofräthin viel, ob zu viel, wird die Zeit würdigen.
Seit seiner bald nach diesem Briefe in den ersten Tagen des Mai erfolgten Ankunft in Leipzig trat er allerdings in ein näheres Verhältniß zu ihr; aus dieser Zeit, bis zu der Anfang August erfolgten Abreise Bornträger's nach Amsterdam, fehlt indeß jede intimere Correspondenz, die darüber Aufschluß geben könnte. Jedenfalls war er bald darauf fest entschlossen, sie zu heirathen. Schon in dem ersten an Bornträger nach Amsterdam gerichteten Briefe vom 7. August heißt es: »Minna und ich werden Ihnen ewig danken, wenn Sie dort mit Mannessinn handeln«; am 11. August schreibt er: »Sobald wir hier einigermaßen rangirt sind, reisen wir bestimmt nach Berlin« (wo ihr Vater wohnte), und trägt Bornträger auf, aus den Musikvorräthen des amsterdamer Sortimentsgeschäfts zu schicken »was für Minna's Studien paßt«, besonders Guitarrenmusik; am 25. August endlich sagt er: »Von Berlin haben wir von Minna's Vater sehr angenehme Nachrichten jetzt, und wir wünschten nun bald hinreisen zu können.«
Bornträger machte den Versuch, ihn von der Heirath, der er von Anfang an entgegen war, abzuhalten, und wählte dazu ein Mittel, das er bei dem ihm wohlbekannten edeln Charakter seines Principals für das wirksamste halten mochte.
Er schrieb ihm in einem Briefe (dessen Concept uns jedoch nur vorliegt):
Nun noch eine Bitte, die nicht mich betrifft, die ich aber auf die Gefahr, Sie zu erzürnen, wage, die Sie aber lesen müssen.
Niemand kann den Werth der Frau, die Sie an Ihr Leben und Ihr Schicksal fesseln wollen, besser erkennen als Sie, und Niemand kann den Stand Ihrer eigenen Geschäfte wieder besser kennen als Sie. Seien Sie einmal ehrlich gegen sich selbst und thun Sie nicht eher einen Schritt, von dem das Glück eben dieser Frau ganz abhängt, als bis Sie sicher sind, daß Ihnen Beiden kein Unglück mehr droht. Sie wissen, wie Vieles noch unentschieden ist. Sie wissen, wie viel auf dem Spiele steht. Warten Sie den Erfolg erst ab, ehe Sie handeln — wie edel und wie uneigennützig die Frau denkt, wissen Sie; sollte sie es wol verdienen, dieses Alles büßen zu müssen?
Brockhaus antwortete auf diese wohlgemeinte und verständige Warnung zwar nicht erzürnt, aber doch ausweichend unterm 28. August:
In dem, was Sie mir über Minna sagen, erkenne ich Ihr gefühlvolles theilnehmendes Freundesgemüth. Ich danke Ihnen dafür. Ich vertraue und glaube, Alles wird wohl werden. Nur Muth, Thätigkeit und festes Wollen, moralisch gut zu handeln! Ich und Minna vertrauen für dort auf Sie. Vertrauen Sie auf uns!
Am 1. September meldet er: »Minna ist diese Woche recht krank gewesen, seit heute aber wieder wohler«, und einige Tage darauf fügt er hinzu: »Mit unserer Heirath eilt es und eilen wir nicht.«
So standen die Sachen, als sich Brockhaus am 17. September 1810 entschloß, Leipzig zu verlassen und nach Altenburg überzusiedeln. Wir knüpfen hier den früher unterbrochenen Faden der Erzählung seiner nächsten Lebensschicksale wieder an.
Brockhaus schreibt an Bornträger noch an jenem Tage aus Leipzig in einer Nachschrift zu einem längern Briefe:
Unsere Schicksalsstunde hat geschlagen .... Wir reisen diese Nacht ab. Nach Altenburg. Gott erhalte uns und die edle Minna, die wie eine Römerin jetzt begeistert ihr Schicksal zu dem meinigen machen will. Nur als meine Gattin kann Minna mein Schicksal theilen. Wir werden thun, was denkbar ist, aber das Schicksal ist schwer.
In Altenburg kannte Brockhaus den Kammerverwalter Ludwig (mit dem er 1808 in Leipzig zusammengetroffen war), den Buchhändler Dr. Pierer und den Kriegsrath von Cölln, der jetzt hier lebte und den er erst kurz vorher in Leipzig persönlich kennen gelernt hatte, obwol er an dem Verlage seiner »Vertrauten Briefe über den preußischen Hof« mit betheiligt war. Er schreibt über ihn:
Dieser ist ein tüchtiger Mensch und voller liaisons und Ideen. Auf seine Verlagsanerbietungen sind wir nicht entrirt und sind darum um so freier. Er hat sich aber sonst sehr an uns attachirt, und seine genaue Freundschaft mit Schnorr[40] ist uns auch Bürge mit, daß er ein in sich rechtlicher Mensch ist.
Mit diesen Männern, die ihn sehr freundlich aufnahmen, und mit dem Hofgerichtsadvocaten Ferdinand Hempel, den ihm Pierer zuführte und der bald sein vertrautester Freund und Rathgeber wurde, besprach Brockhaus seine Lage, und ihrem Rathe folgend entschloß er sich zu dem verzweifelten, aber den Umständen nach gerechtfertigten und praktischen Ausweg: sein Geschäft an seine zukünftige Braut zu verkaufen. Er glaubte sich dann mit seinen Creditoren leichter arrangiren zu können, ohne befürchten zu müssen, durch sofortiges Einschreiten einzelner derselben der Möglichkeit, alle zu befriedigen, beraubt zu werden. Der Kaufvertrag wurde am 5. resp. 6. October abgeschlossen, Kammerverwalter Ludwig zum Curator der neuen Besitzerin, Hempel zu Brockhaus' Vertreter ernannt. Die Betheiligten reisten nach Leipzig, um die Uebergabe des Geschäfts an die neue Besitzerin zu vollziehen, zuerst Ludwig mit Frau Spazier, am nächsten Tage Hempel, einen Tag später Brockhaus selbst. Die Uebergabe ging ohne besondere Schwierigkeiten von statten.
Die hierüber erlassenen Anzeigen und Circulare dürfen als zur Geschichte der Firma F. A. Brockhaus gehörig, zumal das Geschäft dadurch sogar eine neue Firma erhalten sollte, an dieser Stelle nicht fehlen, obwol zweifelhaft ist, ob sie in die Oeffentlichkeit gelangten, und es außerdem nur ein Scheinkauf war, der bereits zehn Tage darauf, am 16. October, von den Betheiligten wieder aufgehoben wurde.
Die zwei in Altenburg gedruckten Anzeigen, die uns in dem von Brockhaus an Bornträger gesandten Exemplare (in Circularform) vorliegen, lauten:
Amsterdam und Leipzig, den 6. October 1810.
Als Eigenthümer der unter der Firma: Kunst- und Industrie-Comptoir, bekannten Verlags- und Sortiments-Buchhandlung zeige ich hiermit an, daß ich diese Handlung mit allen Vorräthen, Verlags-Rechten und sämmtlichen Activ-Schulden an die Witwe Hofräthin Spazier, geb. Mayer, verkauft habe; hiernächst aber die Liquidation der Passiven, insofern diese nicht durch Gegenrechnungen, so weit sich solche bis à dato in den Handlungsbüchern verzeichnet finden, ausgeglichen werden könnten, mir selbst vorbehalte.
Friedrich Arnold Brockhaus.
Amsterdam und Leipzig, den 6. October 1810.
Indem ich Obiges bestätige, füge ich hinzu, daß in Verbindung mit mehrern Freunden eine neue Buchhandlung, unter der Firma:
Typographisch-litterarisches Institut
in Amsterdam und Leipzig,errichtet ist, von welcher Firma hinführo der seitherige Verlag des Kunst- und Industrie-Comptoirs allein wird zu erhalten sein.
Es verbittet sich dies neue Geschäft jedoch einstweilen, bei den in Holland eintretenden Veränderungen in Rücksicht des deutschen Buchhandels, alle und jede Zusendung von Novitäten, bis es darüber etwas Näheres anzeigen wird, und begnügt es sich vorläufig mit dem Empfange der Continuationen, um deren prompte Zusendung gebeten wird. Was die Sortiments-Handlung des neuen Geschäfts gebrauchen möchte, wird es für feste Rechnung verlangen.
Das, was von heute an noch für das Kunst- und Industrie-Comptoir eingeht, wird von dem Typographisch-litterarischen Institute verrechnet werden.
Die Herren W. Rein und Comp. in Leipzig haben die Güte, die Commission für dieses neue Geschäft zu übernehmen, und ich ersuche dieserhalb, die mir als Käuferin des Kunst- und Industrie-Comptoirs competirenden Saldo-Reste und alles Weitere diesen unsern Commissionärs zuzustellen.
Johanne Caroline Wilhelmine, Witwe Hofräthin Spazier,
geb. Mayer.
Das in Amsterdam gleichzeitig in deutscher und holländischer Fassung gedruckte Circular lautet in ersterer:
Leipzig und Amsterdam, 5. October 1810.
Ich zeige Ihnen hiermit an, daß ich die Direction und meinen Theil an dem seit 1806 hier in Amsterdam wie in Leipzig, unter der Firma von Kunst- und Industrie-Comptoir, bestanden habenden Buchhandlungs-Etablissement abgegeben und an die Hofräthin Witwe Joh. Carol. Wilh. Spazier, geb. Mayer, unter heutigem Dato verkauft habe, wodurch diese alleinige Eigenthümerin beider Geschäfte mit allen Vorräthen, Verlagsrechten und ausstehenden Activ-Schulden geworden ist.
F. A. Brockhaus.
Indem ich Obiges bestätige und hinzufüge, daß ich für Amsterdam Herrn F. Schmidt zu meinem Commissionär ernannt, und ihn mit allen nöthigen notariellen Vollmachten versehen habe, an den Sie sich also von jetzt an, in Rücksicht alles dessen was Ihre Verhältnisse zum ehemaligen Kunst- und Industrie-Comptoir betrifft allein wenden, und dem, was von ihm darin geschieht, ganzen Glauben beimessen wollen, zeige ich zugleich an, daß ich künftig allein das Verlagsgeschäft und zwar unter der Firma Typographisch-litterarisches Institut in Leipzig fortführen, hingegen die in Amsterdam bestehende Sortiments-Buchhandlung aufheben werde, weil der deutsche Buchhandel durch die franz. Gesetze sehr beschränkt und gehemmt werden wird, und derselbe ohne gänzliche Freiheit nicht mit Vortheil bestehen kann.
Um nun mein daselbst vorhandenes großes Lager noch möglichst verkleinern zu können, biete ich Ihnen hierdurch alles ohne Ausnahme, was Sie noch von den vorräthigen Artikeln, nach unsern bereits erhaltenen Katalogen, zu acquiriren wünschen, gegen comptante Zahlung mit 33 1⁄3 p. Ct. Rabatt an, doch erbitte ich mir Ihre Orders so bald als möglich, da sie späterhin nicht gut mehr möchten ausgeführt werden können.
Joh. Carol. Wilh. Spazier, geb. Mayer.
Mit vollem Rechte konnte Brockhaus am 21. October an Bornträger schreiben: der kühne Schritt sei gelungen und das Geschäft gerettet; jedermann habe eingesehen, daß der Verkauf fingirt sei; derselbe habe deshalb gesetzmäßig umgestoßen werden können, wenn man den Verdacht der Insolvenz gehegt hätte, das sei aber glücklicherweise nicht der Fall, wie auch kein Grund irgendwelcher Art zu einem solchen Verdacht vorliege.
Ueber die Einwirkung aller dieser Verhältnisse auf seine dadurch scheinbar so viel näher gerückte Heirath schreibt Brockhaus an Bornträger unterm 14. October:
Was unter diesen Umständen aus unserer Verbindung werden wird, weiß Gott! Es versteht sich von selbst, daß sie nicht eher statthaben darf, bis sie einigermaßen geordnet sind. Für mich fürchte ich in Rücksicht meiner Gesinnungen nichts, da mir Minna theurer wie mein Leben ist und ich höchst unglücklich sein würde, wenn ich sie verlöre. Von der andern Seite denke ich aber auch zu zart, als daß ich auch nur auf die leiseste Weise Ueberredung gebrauchen möchte, im Fall ich auch nur einigermaßen ahnden könnte, als seien ihre Gesinnungen und ihre Liebe verändert. Ich begreife vollkommen, wie diese Geschichten alle auf sie influenciren müssen, und wie es geschäftige Rathgeber geben wird, die ihr die Verhältnisse und mich mit Farben darstellen, die sie sicher ängstlich machen müssen. Haben sich solche Rathgeber ja auch bei mir eingefunden in Rücksicht auf sie. Man muß ihre und meine Verhältnisse so genau und in allen ihren hundertfältigen Beziehungen kennen, als Sie es thun, muß wissen, wie isolirt und verloren wir Beide standen und getrennt wieder stehen würden, man muß unsere achtzehnmonatliche genaue und innige Freundschaft kennen, man muß dies Alles genau wissen, um unser Verhältniß ganz würdigen zu können ....
Ich werde Minna nie freiwillig und aus Gründen, die in mir selbst liegen könnten, verlassen. Ich kann es nicht, und ich würde es für ein Verbrechen halten, wenn ich es wollen könnte. Aber ich werde sie verlassen, sobald sie es wünscht, und gehe ich darüber auch, wie ich voraussehe, ganz zu Grunde. Dies habe ich ihr auch mehrmalen in schweren Momenten gesagt! Sie hat bisher immer erklärt, daß sie ihr Leben dem meinigen unzertrennlich anschließen werde. Wenn das ihre Gesinnung bleibt, so glaube ich, daß Alles wohl und gut enden werde und enden könne. Voneinander getrennt, glaube ich aber, daß sie wie ich moralisch und bürgerlich werden zu Grunde gehen ....
Noch gereicht mir sehr zur Beruhigung, daß ich auch bei aller meiner innigen Liebe, ja Anbetung für sie mich dennoch lange, wie Sie es selbst wissen, sehr lange gesträubt habe, ehe ich zu einer Verbindung mich entschlossen habe, und daß die Initiativen dazu nicht von mir, sondern von ihr selbst ausgegangen sind. Auch hat sie das Verhältniß meiner Handlung im ganzen gekannt wie es ist.
Nach einigen Wochen, die er in der eifrigsten Thätigkeit für Ordnung seiner Angelegenheiten und in angenehmem Verkehr mit seinen neuen Bekannten in Altenburg verbrachte, äußert er gegen Bornträger unterm 10. November:
Ich habe Ihnen letzthin viel über meine und Minna's Verhältnisse geschrieben. Sie haben sich wieder enger als je geknüpft, und sobald die bürgerlichen Schwierigkeiten besiegt sind, werden wir heirathen. Seit acht Tagen leidet sie erstaunlich an Krämpfen, ist seit heute etwas wohler, aber noch unendlich krank und schwach.
Uebrigens sind wir sehr geneigt, wenn Alles erträglich geht, uns hier zu fixiren. Altenburg ist ein Ort von circa 10-12000 Einwohnern, wo sich die Langeweile der ganz kleinen Städte nicht findet und wirklich ein sehr angenehmer Ton herrscht. Es gibt höchst interessante Cirkel, und Minna, die in mehrern Jahren in Leipzig beinahe keinen Menschen mehr sah, ist wie in einer neuen Welt, wo sie durch ihre Talente und ihren Geist sehr geschätzt ist. Das Reichenbach'sche Haus, mit Reichenbach's zwei höchst interessanten verheiratheten Schwestern, einer Madame Hoffmann und Madame Pierer, und das von Ludwig, der einen Engel an Weib und reich an Talenten zur Frau hat, bilden den Centralpunkt der bessern gesellschaftlichen Cirkel, worin Minna auch aufgenommen ist und ich es bin, wie ich es wollen werde. Man kann mit 1000 Thlr. hier ein ganz anständiges Haus machen und wird nicht blos, wie in Amsterdam und in Leipzig, nach dem, was man mit Geld wiegt, gewogen. Ueberhaupt ist das Land von allen Kriegsverheerungen beinahe ganz verschont geblieben und ist unter der sanften Gothaischen Regierung wol noch eins der glücklichsten Ländchen, die es in dem jetzigen Sturme aller Verwirrung geben mag.
So aufs neue Hoffnung schöpfend und mitten unter Stürmen dem ihm vorschwebenden bescheidenen Ziele ganz nahe, wurde Brockhaus abermals und in der entsetzlichsten Weise vom Schicksale getroffen, das wie ein Blitz aus der schwülen Luft, die ihn umgab, herniederfuhr: seine Braut — wurde wahnsinnig! Und wenn sie auch wieder genesen sollte, sie war auf immer für ihn verloren!
Mit ergreifenden Worten schildert er selbst diese Vorgänge in einem Briefe an Bornträger vom 21. November:
Wo soll ich Worte hernehmen, um Ihnen den namenlosen Jammer auszudrücken, worin ich gestürzt bin! O Gott! welch ein fürchterliches Schicksal verfolgt mich, und wie wird sich Alles noch enden! Mein letzter Brief an Sie war vom 9./11. November. Seit der Schreibung desselben habe ich von Ihnen auch weiter keine Nachrichten erhalten, sodaß also wohl morgen mehrere Briefe zusammen von Ihnen eintreffen werden. Aber wo würde ich auch den Muth und die Zeit hergenommen haben, Ihnen etwas sagen zu können? Wo nehme ich ihn jetzt her, am Abend der fürchterlichsten Katastrophe meines Lebens?
Schon in meinem letzten Briefe muß ich Ihnen gesagt haben, daß Minna krank sei. Sie ist es geblieben — sie ist es noch — sie ist — entsetzen Sie sich nicht — sie ist — wahnsinnig! Ich vermag es nicht, Ihnen den ganzen Hergang der fürchterlichen Krankheit zu erzählen. Etwa gegen den 1. d. M. fing es mit einem Gliederreißen an. Aus dem Gliederreißen wurde ein rheumatisches Fieber; dieses artete in ein nervöses aus, es kamen hysterische Zufälle — lebhaftes Phantasiren — Irrereden hinzu, und dies Alles hat mit dem Zustande geendet, den ich Ihnen oben genannt habe, nicht aber nochmal nennen kann. Ob eine Heilung möglich ist, steht dahin, das jetzt Factische ist da, und mir ist jenes unwahrscheinlich — aus psychologischen Gründen. Wir haben täglich die rührendsten und herzerschütterndsten Auftritte, aber auch die entsetzlichsten, wie die wildeste Phantasie sie sich nur schaffen kann. Einer der entsetzlichsten hatte in der Nacht vom Sonntag auf Montag statt, wo außer sonstigen Wächtern Madame Ludwig — ein Engel von Weib — mit mir, der seit 16 Tagen jetzt nicht aus den Kleidern gekommen, die oberste Wache hatte, und wo sie einen heftigen Anfall von Wuth bekam, daß ich in Gefahr war erdrosselt zu werden — daß sie wüthend um sich und Emma in den Hals biß — und nachdem ich eine Viertelstunde lang den schrecklichsten Kampf mit ihr gekämpft hatte, in dem Gott mich wunderbar stärkte, und nachdem endlich Hülfe kam, sechs Männer es kaum vermochten, sie zu bändigen, um sie binden zu können. Diese Anfälle haben sich wiederholt, wenn auch mit minderer Stärke, sodaß wir wieder gewagt haben, zu ihr zu gehen. Heute hat aber wieder ein Zufall stattgehabt, der es mir verbietet und unmöglich macht, wieder zu ihr zu gehen, wenigstens einstweilen nicht. Ein Charakter ihres Wahnsinns war seither die außerordentlichste Liebe und Anhänglichkeit zu mir, sodaß ich durch Zureden Alles vermochte, und meine nothwendigen, wenn auch nur augenblicklichen Entfernungen immer die rührendsten Erscheinungen hervorbrachten. Heute aber, gerade zu Mittag, wo ich mit Emma, einem Wächter und unserm Hauswirthe bei ihr war, bekam sie einen Anfall, der zunächst auf mich gerichtet war, und wo sie auf mich einstürzte, mich anzufallen wagte, und mit geballten Händen auf mich einschlug, daß Ströme Blut mir aus der Nase stürzten. Nur mit Mühe gelang es uns, sie zu binden! Ich sehe sie seitdem nicht wieder und werde es einstweilen nicht thun.
Auch von der Möglichkeit ihrer Genesung abgesehen, könnte Minna doch nie — mein Weib mehr werden. In einer Stunde, die sie glaubte ihre Todesstunde werden zu sollen, hat sie mir über alle ihre seitherigen Verhältnisse die vollständigsten Aufschlüsse gegeben und mir die schriftlichen Belege darüber zu Händen gestellt! Diese Aufschlüsse machen es mir unmöglich — ihr je meine Hand zu geben! O Gott, aus welchem Himmel bin ich gestürzt! Wie bin ich argloser, gutmüthiger Mensch getäuscht, betrogen, hintergangen worden! Diese Aufschlüsse kann ich Ihnen vielleicht — und nur Ihnen — einst mittheilen, wenn, wie ich wünschen muß, Minna sterben sollte! O Gott — Gott — was habe ich in diesen vierzehn Tagen erfahren, geduldet, erlitten! Welch einen Jammer, welch ein Zerreißen in meinem Innern! Diese fürchterlichen Entdeckungen in Minna's Geschichte haben aber auf mein äußeres Benehmen gegen sie in ihrem Unglück ebenso wenig Einfluß gehabt, als sie mich auch sonst nicht bestimmen werden, wenn sie leben bleibt, meine Hand von ihr abzuziehen. Aber für mich ist sie für immer verloren! Denken Sie sich zu diesen meinen Empfindungen nun auch die über ihren jetzigen Seelenzustand oder ihre Krankheit! Ich bin der unglücklichste aller Menschen!
Unser bürgerliches Verhältniß ist regulirt durch ihr Testament, das sie ein paar Stunden nach jenen Entdeckungen machte, und durch einen Rückkauf.
Sonst ist durch diese Vorfälle Alles in Stocken gerathen, und kein Circular weder ausgegeben, noch sonst das Geringste gethan worden. Sie können sich die ganze Verwirrung denken ....
Adieu, guter Schmidt! Gott stärke Sie und mich!
Ihr unglücklicher Brockhaus.
Vor allem hielt es Brockhaus für seine Pflicht, dem Vater Minna's, Geh. Tribunalrath Mayer in Berlin, gleich Nachricht über das traurige Schicksal der Tochter zu geben. Indeß konnte er es nicht über das Herz bringen, ihm auch sofort die Auflösung der Verlobung mit ihr anzuzeigen, zumal noch nicht entschieden war, ob nicht der Tod die versöhnendste und für alle Theile wünschenswertheste Lösung der traurigen Katastrophe herbeiführen werde.
Er schrieb an ihn unterm 28. November:
Hochwohlgebohrner Herr Geheimerrath!
Es ist für mich diesmal die traurigste aller Veranlassungen, die mich zu einer Unterhaltung mit Ew. führt. Anstatt, wie ich hoffte und wie es mein innigster Wunsch war, Ihnen in diesem Briefe Nachricht von dem Abschluß meiner ehelichen Verbindung mit Ihrer Frau Tochter geben zu können, wozu Sie die Güte gehabt haben, Ihre väterliche Einwilligung zu ertheilen, muß er leider Nachrichten enthalten, die Ihrem väterlichen Herzen sehr wehe thun werden.
Aus dem letzten Briefe Minna's wissen Sie zum Theil die Schwierigkeiten, die unserer Verbindung in bürgerlicher Hinsicht noch entgegenstanden, kennen jedoch auch die Unwandelbarkeit meiner und ihrer Gesinnungen, und daß wir mit Sehnsucht dem Tage entgegen verlangten, der uns für dieses Leben aufs innigste verbinden sollte, und daß wir uns gegenwärtig nur mit den Mitteln beschäftigten, jene Schwierigkeiten zu beseitigen und für unser künftiges Leben die dauerhaftesten Grundlagen zu beiderseitigem Glücke zu legen.
Ihre Frau Tochter hat Ihnen zugleich, wie sie mir gesagt hat, die Veranlassung unsers hiesigen Aufenthalts mitgetheilt, Sie auch von den Geschäftsverhältnissen unterrichtet, die bereits zwischen uns zum allgemeinen und beiderseitigen Besten getroffen waren; sie hat mir die nähere Angabe und Entwickelung von diesem Allen überlassen, und würde ich mich — da es mir zum Vergnügen gereichen muß — darüber auch schon gegen Ew. umständlich erklärt haben, wenn nicht die kurz nachher eingetretene Krankheit meiner theuern Freundin alle meine Aufmerksamkeit erfordert und mir jede andere Beschäftigung als die mit der geliebten Kranken unmöglich gemacht hätte. Dieser ihr Zustand ist auch jetzt noch so bedenklich, daß ich mich billig und allein hierüber mit Ew. unterhalten darf.
Dieser Krankheitszustand dauert jetzt schon in die vierte Woche, und würden sowol ich als die übrigen edeln Freunde der Tochter dem liebenden Vater längst Nachricht hiervon gegeben haben, wenn nicht der Zustand selbst von einer so delicaten Natur gewesen wäre, daß wir uns Alle nur sehr ungern darüber erklären können und wir, die wir täglich Besserung oder Linderung erwarteten, diese auch nicht unmöglich war, wünschen mußten, mit der Nachricht von der Krankheit auch die von Aussichten zur Besserung geben zu können. Wirklich scheint jetzt einige Besserung einzutreten, und ich beeile mich daher in Verbindung mit einem andern Freunde, dem Herrn Kammerverwalter Ludwig, der die Güte hat über Minna hier die Curatel zu übernehmen — welches nach hiesigen Landesgesetzen bei dem bürgerlichen Transact, der zwischen ihr und mir am 6. October abgeschlossen wurde und von welchem ich Ew., wie schon erwähnt, gelegentlich nähere Kenntniß geben werde, nöthig war — Ihnen alle die Nachrichten zu ertheilen, welche den Krankheitszustand Ihrer Frau Tochter betreffen.
Dieser äußerte sich zuerst zu Anfange dieses Monats durch ein heftiges Gliederreißen, dem sie einestheils wol nicht zweckmäßig begegnete, als es auch eben nicht sehr achtete, und es war bei der diesjährigen allgemeinen Disposition zu rheumatischen Krankheiten daher nicht zu verwundern, daß bald ein heftiges rheumatisches Fieber eintrat. Unerachtet der sorgfältigsten ärztlichen Hülfe und Freundespflege verschlimmerte sich der Zustand steigend und nahm die mannichfaltigsten Formen an. Die außerordentliche Nervenreizbarkeit, ein sehr afficirtes und bewegtes Gemüth und die unendlich lebhafte Phantasie der Kranken war wol mit die Ursache, daß der rheumatische Zustand noch mit den heftigsten Krämpfen begleitet wurde — daß sehr bestimmte und bedenkliche Nervenzufälle eintraten, die bald ein Irrereden und endlich eine gänzliche Geistesverwirrung herbeiführten.
So unendlich schmerzhaft es mir ist, Ew. diese Nachrichten geben zu müssen, so erfordert es doch meine Pflicht, darin nichts Wesentliches zu verschweigen, und ich darf es Ihnen selbst nicht verhehlen, daß die Aerzte sich bisjetzt darüber noch nicht entschieden haben, ob bei etwaiger Genesung des Körpers die Vernunft wieder ganz zurückkehren werde oder wenigstens nicht Recidive zu erwarten seien. In diesem Augenblicke hat die Kranke nur noch mäßiges Fieber, die Krämpfe sind dagegen noch sehr lebhaft und erregen immer außerordentliche innere Beängstigung. Schlaf ist selten und war noch nie beruhigend, sondern nur immer ein Vorläufer großer Bewegung. Die Geistesverwirrung hat seit zwei Tagen wieder wilde und excentrische Ausbrüche und ist mehr fortwährendes Irrereden, obgleich es auch Momente gibt, wo sie den ganzen Gebrauch ihrer Vernunft zu haben scheint.
Von unserm allgemeinen Jammer und dem meinigen insbesondere will ich den liebenden Vater hier nicht unterhalten, ihm aber die Beruhigung geben, daß die unglückliche Kranke der allerherzlichsten Pflege genießt, daß sie einen vortrefflichen Arzt hat, und daß von mir und ihren edeln Freunden hier auch nichts versäumt wird, was ihr Zustand verlangen und die zärtlichste Sorgfalt erfordern möchte.
Ich werde es mir von jetzt an zur Pflicht machen, Ihnen von jeder Veränderung im Guten und im Schlimmen Nachricht zu geben, und hoffe ich, daß die jetzigen leisen Spuren eines verbesserten Zustandes sich weiter entwickeln werden, ich also nur Nachrichten im Guten werde zu melden haben ....
Emma ist immer um die Mutter und gewährt ihr vielen Trost; das Schicksal der Kinder beschäftigt die arme Kranke oft selbst in erregten Momenten.
Lassen Sie uns zur Vorsehung hoffen, daß Besserung zurückkehren und Alles gut enden werde; vielleicht war diese Katastrophe nöthig zur Gründung eines neuen und bessern Lebens! Erst im Laufe dieser Krankheit hat die unglückliche Minna mir ihr ganzes Vertrauen im vollsten Sinne des Wortes gegeben! Warum mußte sie es nicht früher schon dem edeln Vater gegeben haben!
Ich überlasse es Ihnen, ob Sie bei der jetzigen vollkommenen Kenntniß des Zustandes von Minna glauben, etwas Besonderes für sie thun zu können, oder darauf einwirken zu wollen; auf jeden Fall können Sie als Vater versichert sein, daß sie von guten und theilnehmenden Menschen umgeben ist, die sie innig lieben und die Alles aufbieten, ihr Unglück zu mindern und einen bessern Zustand herbeizuführen.
Ich bitte Sie, Ihrer Frau Gemahlin mich gehorsamst zu empfehlen und den wackern Julius wie die beiden Andern herzlich zu grüßen, und übrigens von meiner vollkommenen und innigen Ergebenheit und Verehrung überzeugt zu sein.
Die Antwort des Vaters an Brockhaus liegt nicht vor, dagegen ein Brief desselben an den Kammerverwalter Ludwig, dem die Antwort an Brockhaus beigeschlossen war. In diesem Briefe vom 8. December dankt Mayer für die ihm auch von Ludwig gegebenen Nachrichten; sie hätten ihn tief erschüttert und nur der Gedanke an die Theilnahme, die seine Tochter von ihm (Ludwig) und den Seinigen sowie von Herrn Brockhaus erfahren, habe ihn und seine Frau einigermaßen beruhigen können. Der Anlaß zu der Geistesverwirrung seiner Tochter, wenigstens der nächste und unmittelbarste, könne indeß kein anderer sein als die Verlegenheiten, in denen sie sich befinde und die sie durch den Antheil, den sie an den Angelegenheiten des Herrn Brockhaus genommen, noch mehr auf sich gehäuft habe. Er wolle nicht bestreiten, daß auch übermäßige Anstrengung in ihren literarischen Productionen den Zustand befördert haben könne, zumal bei den körperlichen Fatiguen, die ihr der Abzug von Leipzig und das Hin- und Herreisen zugezogen haben müsse. Jedenfalls müsse jetzt alle Sorge nur dahin eingeschränkt sein, die Kranke wieder zur Vernunft zurückzubringen. Er lege einige Zeilen an seine Tochter bei, worin er sie auffordere, zu ihrer völligen Herstellung nach Berlin zu kommen, und bitte, ihr dieselben in lichten Augenblicken mitzutheilen.
Brockhaus fühlte sich durch diesen Brief, den ihm Ludwig glaubte mittheilen zu müssen, begreiflicherweise sehr verletzt. Er schrieb darüber an diesen:
Freitag Morgen.
Hierbei, lieber Ludwig, der Brief vom Vater zurück. Ich leugne nicht, daß mich derselbe sehr afficirt hat, und daß ich wünschte, ihn nicht gelesen zu haben. Wenn es vom Vater darin als etwas unbedingt Ausgemachtes angenommen wird, daß der Zustand von Minna nur und alleine aus ihrer Exaltation über meine persönlichen Angelegenheiten könne entstanden sein, so setzt er mich auf einen Standpunkt zu unserer Freundin, der mein ganzes Innere in Anspruch nimmt, und mich — ich muß es nur heraussagen — wirklich empört.
Es ist auch für den psychologischen Arzt, und wäre es ein zweiter Willis[41], wol immer eine der schwersten Aufgaben, auch bei der vollständigsten Kenntniß aller Verhältnisse und der sorgfältigsten Beobachtung bei Kranken dieser Art, die Ursachen positiv anzugeben, die die Entfernung des gesunden Denkvermögens bewirkt haben, und es erfordert unendliche Zartheit, sich über solche mögliche Ursachen auszusprechen. Der Vater handelt also sehr übereilt, wenn er bei seiner mangelhaften Kenntniß aller Verhältnisse dennoch ein so absprechendes und mich auch mit sehr verletzendes Urtheil wagt.
Ich für mich glaube überzeugt sein zu dürfen, daß allerdings jene äußern Ursachen auch etwas zur physischen Krankheit — dem rheumatischen Nervenfieber und den Krämpfen — können beigetragen haben, daß aber im Innersten von Minna's Seele der Keim zu der eingetretenen Desorganisation ihres Seelenzustandes längst gelegen hat und daß dieser früher oder später ausbrechen mußte. Die Ursachen zu diesen Keimen gehören aber zu den unaussprechlichen Dingen und sind also auch dem Vater, der in seiner Arglosigkeit nichts von ihnen ahndet, nicht mitzutheilen.
Ebenso unrichtig ist es, wenn der Vater annimmt, daß durch geistige Anstrengung bei ihren literarischen Arbeiten Minna sich sehr könne überspannt haben. In diesem ganzen Jahre hat Minna sich nur so unbedeutend mit eigenen literarischen Arbeiten beschäftigt, daß es gar nicht nennenswerth ist und, den gegebenen Stoff mitgerechnet, der blos überarbeitet zu werden brauchte, gedruckt kaum fünf bis sechs Bogen betragen würde.
Durch diese unverdiente Kränkung ließ sich Brockhaus indeß in seiner Sorge für die arme Kranke nicht stören. Er schreibt an Bornträger am 9. December:
Minna's Zustand bleibt bessernd, aber er ist immer noch herzerschütternd. Ihre Nervenreizbarkeit ist wahrhaft sublimirt, wie ihr Geist nie in solcher Blüte und Ueppigkeit gewesen. Ihre fixen Ideen haben noch immer denselben Zirkel: Liebe, Eifersucht, Besorgniß mich zu verlieren, Glauben, daß ich schon anderwärts verheirathet sei, daß ich ein Zauberer wäre, auch andere: daß wir mit überirdischen Wesen in Verbindung ständen u. dgl. Sie spricht eine Stunde wie ein Gott, und in einer Minute, wenn sie auf irgendeine Idee kommt, die sie an einer ihrer schwachen Seiten berührt, ist ihre Besonnenheit auf einmal hin. Wir hoffen Alle indessen das Beste.
Inzwischen war Minna's Schwester, Karoline Richter, die Gattin Jean Paul's, aus Baireuth zu ihrer Pflege eingetroffen, die bisher von der Tochter der Kranken, Emma, von Frau Ludwig und deren noch unverheiratheten Schwester, Jeannette von Zschock, besorgt worden war.
Auf die erste flüchtige Nachricht über das Befinden der Kranken antwortete Jean Paul seiner Frau am 8. December:
Die Krämpfe Deiner Schwester, so fürchterlich sie für den Zuschauer sind, habe ich bei .... und Andern oft erlebt, sie sind ohne Bedeutung, ja sogar ohne Empfindung, außer für das Auge.
Am 20. December schreibt Karoline Richter ihrem Manne:
Der Gesundheitszustand meiner Schwester hat sich seit ich hier bin noch nicht sehr gebessert. Ob sie je zu völliger Klarheit des Geistes kommen kann, ist ein Problem. Sie ist in einem Zustande des Traums und je melancholischer, je mehr sie unter Menschen ist. Man redet ihr zu, auszugehen, sich zu zerstreuen, besucht sie fleißig, und in der That interessirt sie allgemein; aber es gleitet meist Alles ohne Eindruck an ihr vorüber. Sollte sie wieder allein stehen, ohne mich, so wäre sie sehr zu beklagen. Denn so sehr Herr Brockhaus sie liebt, so äußerst aufopfernd und gefällig er ihre Stütze ist, so kann er ihr in häuslichen Dingen nicht helfen. Sie ist wie ein Lamm, wie ein Kind, und läßt Alles über sich ergehen. So kann die Verbindung natürlich nicht vollzogen werden, solange sie nicht genesen ist, und bis dahin muß sie unter Aufsicht theilnehmender Menschen sein. Wenn sie jetzt zum Vater geht, ist es das Natürlichste und Beste. Brockhaus wünscht das zwar nicht; er fürchtet sie alsdann zu verlieren; allein ich glaube nicht, daß ihr Aufenthalt in Berlin ein Hinderniß sein würde.[42]
Die Uebersiedelung Minna's in das älterliche Haus nach Berlin erschien endlich allen Betheiligten doch als das Gerathenste, und Brockhaus entschloß sich zu dem in seiner Gemüthsstimmung doppelt schweren Opfer, sie dahin zu begleiten. In einem langen an verschiedenen Tagen geschriebenen Briefe an Bornträger kommen neben geschäftlichen Notizen mehrere darauf bezügliche Stellen vor.
Am 29. December schreibt er:
Der jetzige Zustand der Hofräthin läßt sich nicht gut beschreiben. Krank ist sie nicht mehr, aber ihr ganzes Wesen ist zerbrochen — alle Elasticität der Seele ist von ihr gewichen, und ohne daß man sagen könne: ihr Verstand sei noch in Unordnung, zeigen sich doch häufig viele Irrungen und Besonderheiten, die darthun, daß sie durchaus noch nicht zu klaren Begriffen gekommen. Gegen mich hat sie oft die rührendste Innigkeit und dann auch wieder die schneidendste Kälte. Ebenso geht's der Schwester und den besten Freunden. Am zerknicktesten ist sie, sobald viele Menschen um sie sind.
Wenn keine Aenderung statthat, so werden wir in acht Tagen zusammen nach Berlin reisen, ich aber sogleich wieder hierhin zurückkommen.
Am 3. Januar 1811 fügt er hinzu:
Ich habe diesen Brief bisjetzt hier behalten, um Ihnen über die berliner Reise noch bestimmter schreiben zu können. Es ist diese jetzt auf morgen Abend festgesetzt. Ich mache sie mit der Hofräthin und Emma alleine, da Madame Richter durchaus nicht mit kann. Wir gedenken bis Dienstag Abend in Berlin zu sein. Da wir einen Lohnkutscher von hier mitnehmen, so ist meine Absicht, 3 à 4 Tage in Berlin zu bleiben und dann hierher zurückzukehren, wo ich bis zum 15./16. wieder einzutreffen gedenke. Der geistige Zustand der Hofräthin ist noch immer derselbe, und sicher nur unter andern Umgebungen, die sie nicht, wie jetzt hier, an den dagewesenen traurigen Zustand beständig erinnern, und — von der Alles heilenden Zeit gänzliche Genesung zu hoffen. Die Zukunft ist mit dem undurchdringlichsten Schleier über ihr und mein Schicksal bedeckt! Lassen Sie es uns nicht versuchen, ihn mit frevelnder Hand lüften zu wollen. Lassen Sie uns unser Schicksal mit Resignation erwarten, und folgen, wie es uns in seiner Strenge führen will ....
Mein Gemüth ist heute wieder sehr zerrissen. Das arme, arme unglückliche Weib! Sie sollten sie jetzt sehen, die sonst von Leben, Geist und Witz überfließende, wie sie stille und in sich gesenkt ihr oft in Thränen schwimmendes Auge gen Himmel schlägt, Stunden lang kein Wort spricht, über jedes Geräusch zusammenfährt, dann aufspringt und mit zerrinnender Wehmuth mir in die Arme sinkt. Und dann wieder, wie sie Jeden anfeindet, wie es ihr Niemand recht macht! Ach Gott!
Welch ein Verhängniß, lieber Schmidt! Im vorigen Jahre an demselben Tage trat ich die furchtbare Reise von Amsterdam nach Dortmund an! Und dies Jahr mit Minna in diesem Zustande von Altenburg nach Berlin! Finde ich Schicksals Deutung darin? Daß es anders werden müßte? Wer weiß es!
Am 4. Januar 1811 reiste Brockhaus mit der Kranken und ihrer Tochter Emma (außer dieser hatte Minna Spazier noch drei Kinder aus ihrer ersten Ehe, zwei Söhne und eine Tochter, die sich in Berlin bei den Großältern befanden) von Altenburg ab und traf mit ihnen am 8. Januar abends in Berlin ein.
Von unterwegs, aus Leipzig, schreibt er an Ludwig:
Wir haben es schlimm gehabt, da die Kälte herz- und hautzerschneidend war und ist. Minna ist gut und duldend, Emma die leidendste. Ich — empfand wenig davon, wie ich kaum selbst begreife.
Frau Spazier fügt folgende Zeilen für ihre Schwester bei:
Liebste Karoline! Ich melde Dir mit wenigen Worten, daß wir der harten Kälte ohnerachtet wohl angekommen sind. Theile diese Nachricht Herrn und Madame Ludwig mit, sie werden sehr besorgt unsertwegen sein. Lebe wohl, liebste Karoline, ich kann Dir nicht sagen, wie mir zu Muthe ist. Emma hat sehr gefroren, ich freue mich sehr über das Wiedersehen.
Von Berlin aus schreibt Brockhaus gleich am 9. Januar an Ludwig:
Ich eile, Ihnen mit wenigen Worten zu melden, daß wir gestern Abend nach einer allerdings unendlich beschwerlichen und peniblen Reise hier glücklich angekommen sind. Die Zusammenkunft Minna's mit ihren Kindern und ihrem Vater war herzzerschneidend. Ich behalte mir vor, Ihnen bei meiner Zurückkunft von Allem sehr umständlich Bericht zu geben. Da zwischen Berlin und Leipzig ein bedeckter Postwagen fährt, so werde ich mich dessen zu meiner Retour bedienen und Sonntag oder heute acht Tage zurückreisen.
Die ganze Mayer'sche Familie und Minna tragen mir auf, sie Ihnen und den edeln Frauen Ihres Hauses, auch Herrn Hempel bestens und innigst zu empfehlen und Sie vorläufig ihres ganzen Dankes zu versichern. Meine Gesinnungen für Sie Alle sind Ihnen bekannt.
Ganz Ihr
Brockhaus.
Geben Sie Karolinen von diesem Briefe Kenntniß, da ich keine Zeit habe, ihr selbst zu schreiben.
Auf der Rückreise schreibt er aus Leipzig vom 15. Januar an Bornträger (Schmidt) nach Amsterdam:
Von meiner Reise nach Berlin mit der armen Minna in der furchtbarsten Kälte, von unsern Beschwerden auf derselben, meinen Sorgen und meinem Jammer, von unserer Ankunft im Hause des Vaters, von der Scene der Zusammenkunft mit diesem und Julius, von dem allgemeinen und besondern Benehmen des Vaters und der (Stief-) Mutter, endlich von der herzzerreißenden Stunde des Abschieds und der Trennung — von allem Diesem, lieber Schmidt, kann ich Ihnen nur einmal mündlich erzählen!
Minna's Zustand ist immer derselbe noch: gänzliche Erschlaffung im Geistigen. Sie denkt und spricht fast immer richtig, und wann sie es nicht thut, so hat's Beziehung auf die Furcht, mich zu verlieren. Sonst ist ihr Alles gleichgültig, was um sie her ist, und ihre einzige Beschäftigung, wenn man sie nicht gleichsam gewaltsam darin unterbricht, fortwährendes Stricken, wobei sie denn immer so vor sich hin brütet und oft wehmüthig mit ihren schönen Augen zum Himmel aufsieht. Es ist herzzerschneidend. Meine Theilnahme an ihrem Schicksal ist, so sehr ich auch moralisch verletzt worden bin, unveränderlich, und kann ich es möglich machen, ohne darüber zu Grunde zu gehen, ihr Schicksal noch an das meinige zu ketten, so wird's geschehen, wenn sie nur geneset und in geistiger Energie wieder die alte göttliche Minna wird.
Am 27. Februar schreibt er aus Altenburg an denselben, nachdem dieser ihm in einem Privatbriefe offen seine Ansichten über Frau Spazier ausgesprochen hatte:
Gewiß sind Ihre Deutungen über der Hofräthin Betragen in vielen Stücken richtig, und so wehe mir das Geständniß thut, so habe ich jedoch immer noch Vertrauen genug, um mir ein zwiefaches Wesen in ihr zu denken, von dem das Eine: die edle, gute und großherzige Minna, das Ursprüngliche wäre, und das Andere: die astucieuse, coquette, heuchelnde Hofräthin, die durch die Collisionen mit der Welt, ihrem Blute und verkehrten ästhetischen Richtungen erst gebildet worden sei. Ihr eigentliches, vielleicht später durch unsern hiesigen genauern Umgang erst entstandenes Gefühl für mich spricht sich vielleicht nirgends wahrer aus als in zwei Briefen, welche sie kurz nach der heftigsten Epoche ihrer Krankheit, als sie anfing freie Stunden zu haben, in denen sie wieder mit Klarheit dachte, an Karoline und an ihren Sohn Julius schrieb, solche aber nicht abgehen ließ, sondern wie ein Amulet seitdem immer an ihrem Herzen trug, bis sie sie einst verlor. Es grenzt ans Wunderbare, wie dieses außerordentliche Wesen in einem solchen Zustand von halber Zerstörung fähig gewesen, solche Briefe, die wahre Meisterstücke von Diction sind, in einem Zuge hinzuwerfen!
Noch vor einigen Tagen habe ich von ihr directe Briefe. Sie leidet körperlich und geistig noch sehr, und Gott weiß, wie es mit ihr werden wird.
Brockhaus war zunächst zwar nur durch Mitleid mit der Kranken sowie durch den Wunsch, sich mit ihrem Vater über die eben verlebte furchtbare Zeit auszusprechen und dann das Verhältniß auf eine möglichst schonende Art zu lösen, zu der Reise nach Berlin veranlaßt worden. Aber fortwährend hatte er einen innern Kampf zu bestehen, ob er im Fall der Wiedergenesung seiner einstigen Braut nicht alles Vergangene vergessen und ihr aufs neue die Hand zur Versöhnung und zur wirklichen Vereinigung bieten solle. Durch das Benehmen ihres Vaters wurde ihm dieser Kampf erleichtert, das Opfer, das er vielleicht doch noch gebracht hätte, erspart, indem dieser jetzt selbst die Lösung des Verhältnisses betrieb und ihm, den er als den Urheber des Unglücks seiner Tochter betrachtete, überhaupt nicht freundlich und vertrauensvoll entgegenkam.
Brockhaus spricht sich darüber in einem an Ludwig gerichteten Briefe vom 23. März aus, der in Amsterdam geschrieben ist; was ihn auf kurze Zeit dahin zurückgeführt hatte, wird später zur Sprache kommen. Er schreibt:
Hätte der Vater, wie ich ihn sonst zu nennen pflegte, oder, wie ich ihn jetzt ferner nennen werde, Herr Geheime Rath Mayer mich gewürdigt, genaue Kenntniß von meinen Verhältnissen zu nehmen, wozu das Schicksal seiner unglücklichen Tochter ihn wol hätte bewegen sollen, so konnte sich Alles schön und edel für mein und der armen Minna Schicksal lösen. Mich würde Dankbarkeit — der hervorstechendste Zug meines Herzens — an ihn und an sie dafür gefesselt haben, und kein Opfer, das ich der Welt und meinem Innern hätte bringen müssen, wäre mir dann zu hoch oder zu groß gewesen! Minna wäre auch genesen dann, und bei bürgerlich ganz geordneten Verhältnissen und mit edeln Menschen, besonders edeln Frauen, umgeben, würde sie auch edel gewesen sein — und anstatt daß jetzt durch ihr grauses Schicksal das ihrer Kinder ewig mit zerrissen wird, anstatt daß selbst ins Leben des Vaters kaum wieder reine Freude zurückkehren kann und auch seine eigenen Verhältnisse dadurch furchtbar gestört bleiben müssen, wäre ein ursprünglich gewiß herrliches und reiches Gemüth, das in den Collisionen mit der Welt zu Grunde gegangen war, wieder neu geboren worden, eine Seele war gerettet; wieder dem Leben zurückgegeben, konnte die unglückliche Tochter durch Uebung und Erfüllung von Pflichten Alles mit sich versöhnen, ihre Kinder ehren und deren Laufbahn ordnen, dem Vater selbst wieder die schönsten Blumen auf den Pfad seines Lebens streuen!
So wollten Sie es, edler braver Ludwig, so wollte auch ich es! Und nun werfe man noch einen Stein auf uns!
Daß ich es nicht verstand, wie Karoline mir vorwarf, den Vater, außer meiner Persönlichkeit, auch sonst zu interessiren für mein Schicksal, kann ich mir nicht zum Vorwurf machen lassen. Es ist freilich wahr, und es ist mit ein Grund auch meines allgemeinen Schicksals, daß ich es so wenig verstehe mich geltend zu machen. Von der einen Seite fühle ich, daß ich einigen Werth habe, und wenn ich mich dann verkannt oder gar mishandelt sehe, so ist meine Erwiderung entweder stolzes in mich Zurückziehen, oder es sind — Thränen! Karoline sagte darum auch wol nicht mit Unrecht: Sie sind halb Weib, halb Mann! Von der andern Seite bin ich wenig beredt über mich selbst; ich weiß auf keine Anklage etwas zu antworten, weil ich mir, wenn sie gegründet auch nur in etwa, immer zehnmal mehr Vorwürfe mache als Andere; ich bin furchtsam, ängstlich, dränge mich nirgends hervor oder ein, weiß mit meinem Pfunde nicht zu wuchern, und welche negative Eigenthümlichkeiten ich denn mehr habe.
So wie ich nun also bin, konnte ich dem Vater freilich nichts anders als das simple Factische ohne Schmuck oder Beredtsamkeit vorbringen, aber mir dünkt, daß den wahren Menschenkenner diese Einfachheit eher für die Wahrheit gewinnen als davon entfernen muß.
Allerdings war ich nun auch bald stolz gegen ihn, und gewiß würde ich es noch mehr sein, wenn sich weitere Gelegenheit finden möchte in Contact zu kommen. Diese Gelegenheit wird sich aber wol nicht weiter finden.
Ich habe seit meiner Abreise von Altenburg weder von Berlin noch von Baireuth Briefe, aber auch von Altenburg selbst noch keine. Der armen Minna habe ich meine Reise aber gemeldet, damit sie wenigstens weiß, wo ich bin. Die arme Minna!
Wenige Tage darauf, am 26. März, schreibt er abermals an Ludwig:
Heute etwas über der armen Minna Schicksal. Gestern erhielt ich von Karolinen Briefe. Auch sie betrachtet unsere Trennung — Minna's und meine — als entschieden durch den Willen des Vaters. Mein Herz zuckt krampfhaft bei dieser Entscheidung, denn Minna war mir unendlich und ist mir noch sehr theuer. Mein Verstand tritt aber der Entscheidung des Vaters mit Beifall bei. Er sagt mir trocken weg, daß eine Ehe ohne Schönheit und Reinheit der Gefühle, ohne innige Achtung, ohne Vertrauen mich nur höchst unglücklich würde gemacht haben. »Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang«, sagt Schiller so bedeutend, und allerdings: das Leben ist zu ernst, als daß man poetische Gefühle allein Gewalt darin dürfte über sich ausüben lassen. Ich habe schweres Lehrgeld dafür gegeben!
In seiner Antwort an Minna's Schwester, Karoline Richter, vom 30. März heißt es:
Mein eigenes Leben darf ich jetzt hoffen bald gerettet zu sehen. Wäre es nur auch das von Minna, wenn auch von mir getrennt! Es werden aber Wunder geschehen müssen, wenn sie nicht auf die eine oder andere Weise zu Grunde gehen soll.
Ich werde gewiß ihr Freund fürs Leben bleiben und wohlthätig auf ihr Schicksal einzuwirken suchen, soviel es meine Pflichten erlauben. Worin sie mich gekränkt und mir wehe gethan, das Unrecht, das sie an mir geübt, den nachtheiligen Einfluß, den sie auf alle meine Verhältnisse so gebietend gehabt — ich verzeihe ihr Alles. Kein Groll gegen sie ist in meinem Herzen. Auch ich habe gefehlt. Wie aber und durch welche Motive geleitet oder bewogen, darüber richte derjenige, der die Herzen der Menschen prüfet und würdiget in Wahrheit! ....
Jene von dem Vater ausgesprochene Entsagung kann auch nicht wieder zurückgenommen werden. Nicht daß Minna aufhörte mir theuer zu sein, nein, gewiß nicht; aber ich betrachte diesen Ausspruch als eine neue Weisung des Schicksals, das schon so oft deutlich über diese meine Verbindung mit ihr gesprochen, die ich diesmal achten und nicht zurückweisen will und dies um so mehr thun muß, da mein Verstand diesen Ausspruch in allen Hinsichten bestätigt. Denn konnte, sagt mein Verstand, eine Ehe glücklich sein, wo von der einen Seite alle schönen und reinen Beziehungen verloren gegangen waren, wo echte innere Hochachtung und Verehrung nicht mehr da sein konnte, wo kein Vertrauen weiter möglich war beinahe, wo alle Energie fürs weitere Leben mußte gebrochen sein, wo jede Rückerinnerung an die Vergangenheit nur mit Vorwürfen oder mit bittern Gefühlen konnte gepaart sein, wo überhaupt der wahre Charakter noch so problematisch?
Mitleiden, Theilnahme, Herzensgefühle, der Wunsch, glücklich zu machen, die Begehr, in den Augen der Welt consequent zu erscheinen — konnten jenes Fehlende nicht ersetzen, und wenn überhaupt schon Ehen im Leben selten schön-glücklich sind, wie viel weniger konnte es diese sein, wo so viele Elemente dazu fehlten!
Auch mein Gefühl hat mich, wie fast immer, hierin sehr richtig geleitet. Es sagte mir gleich in der ersten Stunde, wo die Vergangenheit vor mir aufgerollt wurde: Minna kann nie dein Weib werden! Es ist für mich eine Genugthuung, dieses Gefühl selbst gegen die edelsten meiner Freunde, die mein ganzes Vertrauen hatten, ausgesprochen zu haben. Man könnte es sonst jetzt für eine arrière pensée halten ....
Ob ich fortfahren soll, dann und wann noch an Minna zu schreiben? Mir dünkt das Unterlassen wol das Räthlichste. Wozu jetzt noch auch nur die entferntesten Hoffnungen unterhalten oder Gefühle anfachen, da dies nur das große Unglück der Armen vergrößern kann? ....
Welch ein Spiegel fürs Leben wäre Minna's Geschichte, von Goethe, Richter oder einem andern Richardson der Mit- und Nachwelt aufbewahrt! Ja, der Vater hat recht gehabt, zu zerhauen, was sich nicht lösen konnte! Er hat recht gethan! Er ist das Orakel geworden, das ich mir ersehnte!
Noch entschiedener spricht er seinen Entschluß, das Verhältniß ganz zu lösen, und die Motive dazu in einem Briefe von demselben Tage an Ferdinand Hempel in Altenburg aus:
Je mehr ich jetzt überzeugt bin, daß meine Bekanntschaft mit der Hofräthin und mein Verhältniß zu derselben die vorzüglichste Ursache meines seitherigen Unglücks gewesen ist, je fester bin ich jetzt entschlossen, die Bande, die zwar schon sehr gelockert mich noch an sie knüpften, schnell zu zerreißen und für immer alle Verbindung mit ihr aufzuheben. Ich bedarf Ruhe, und ich finde keine, so lange noch auf die eine oder andere Weise mein Schicksal mit dem ihrigen verflochten ist, oder auch nur meine Verbindung durch Briefe selbst noch fortdauert.
Das Schicksal der armen Frau geht mir unsäglich nah, und wo nicht Pflichten in Collision kommen, da werde ich auf alle Weise wohlthätig darauf einzuwirken suchen, so sehr ich auch überzeugt bin, daß sie allein sich dieses Schicksal bereitet hat. Jedes Weib wird zu Grunde gehen, moralisch oder physisch, das es wagt und unternimmt, so — aus dem Kreise herauszutreten, den die Natur und die bürgerliche Gesellschaft den Frauen gezeichnet hat, und sicher würde ich einst fürchterlich aus dem Traume sein aufgeschreckt worden, in welchen die Künstliche mich durch Zauberlieder und lieblichen Sirenen-Gesang einzulullen gesucht und auch verstanden hatte!
Der Vater in Berlin hat weise gehandelt, daß er den Kampf, der in meiner Seele vom ersten Augenblicke an mit tiefem Schmerz statthatte, wo ich erkannte, daß meine kindliche Arglosigkeit, daß das edle Vertrauen, das ich gehabt, so grausam war gegen mich selbst gewendet worden, und daß ich nur als ein Faden hatte sollen gebraucht werden, um aus dem Labyrinthe, worin man sich verwickelt hatte, sich nur retten zu können — und welcher Kampf sich so oft gegen Sie und die edeln Mitglieder des Ludwig'schen Hauses ausgesprochen — durch sein Benehmen der Entscheidung so nahe gebracht hat.
Diese Entscheidung ist jetzt in mir fest und unwiderruflich beschlossen. Meine Ehre, die Ehre meiner Kinder, die Ehre meiner respectabeln unbescholtenen Familie, die Ehre meiner vortrefflichen, im Grabe ruhenden Frau, mein Glück und das Glück Aller, die durch irgendein Band an mein Schicksal gekettet sind — hat diesen Entschluß geboten. Ich will und ich muß mein Leben neu ordnen. Ich kann es nur frei von diesen Banden und mit Ruhe im Gemüthe.
Die entscheidenden Briefe zwischen Brockhaus und Frau Spazier sind, wie die ganze Correspondenz zwischen ihnen, nicht in unserm Besitze und wahrscheinlich überhaupt nicht erhalten. Dagegen liegen aus dieser Zeit einige Briefe von ihr selbst an ihre Schwester und einige Andere sowie von diesen über sie vor.
Am 8. März schreibt sie an Ludwig in Altenburg, um ihn als ihren Freund und Curator zu bitten, ihre dortigen Angelegenheiten zu ordnen, ihre zurückgebliebenen Möbel u. s. w. zu schicken; sie sagt:
Es leidet keinen Zweifel, daß Ihnen aus meinen Briefen an Brockhaus sowie aus dem, was er Ihnen aus der Zeit seines kurzen Aufenthalts hier mitgetheilt haben wird, bekannt sei, welche Wendung meine äußern Verhältnisse genommen! Wie das väterliche Herz die Erhaltung der Tochter innig gewünscht, wie nach langem Kränkeln, wenngleich noch unvollkommen, die gewohnte Thätigkeit zurückgekehrt scheint, und wie auf diese Hoffnung der Plan meines Vaters gegründet ward, mich, wenn auch nicht in seinem Hause, doch unter seinen Augen leben zu lassen .... Ich habe den Muth, mich an Sie zu wenden, aber es gehört mit unter die qualvollsten Empfindungen meines Lebens, wenn ich mir denke, wie ich Ihnen und Ihrem theuern Hause nun wieder als ein Gegenstand der Beschwerde und nie, wie ich doch so schön in hoffnungsvollern Tagen geträumt, als ein werthes Mitglied Ihres häuslichen Kreises erscheinen dürfte. Dies Gefühl drängt alles Bittere des langen Kampfes in sich zusammen, der mein Leben ausmacht und von dem sich noch immer nicht sagen läßt, daß er vollbracht sei! ....
In welcher Stimmung ich diese Zeilen schreibe, wird Ihr Herz Ihnen sagen. Ich sehe Ihrer Antwort mit Spannung entgegen. Ebenso oft zu Ihrer und der Ihrigen Erinnerung hingezogen, als durch eine tiefe unüberwindliche Wehmuth davon zurückgescheucht, folge ich heute einer äußern Veranlassung und fühle es doch schmerzlich, daß es eine äußere Veranlassung gewesen, die mir nach so langem Schweigen den ersten Brief an Sie eingibt.
Lassen Sie mich bald ein Zeichen Ihres Andenkens sehen! Emma, der Sie so gütige Theilnahme gönnten, empfiehlt sich Ihnen.
Genehmigen Sie die Versicherung der innigen Liebe und Dankbarkeit, mit welcher meine Seele in Gedanken unter Ihnen weilt; ich bin bis in den Tod
Ihre innig Sie verehrende
M. Spazier,
geb. Mayer.
Ludwig, der ihren Wunsch nicht sofort erfüllen konnte, antwortet ihr unterm 31. März:
Der Anblick Ihrer Schriftzüge, eines Briefes von Ihnen, meine verehrte Freundin, worauf wir nun schon lange Verzicht gethan hatten, that meinem Herzen wohl und weh zugleich.
Es war uns Freude, nach so langem gänzlichen Schweigen ein Zeichen Ihres Lebens und die Ueberzeugung zu erhalten, daß die Lebenskraft, wenn auch noch nicht der Lebensmuth, bei Ihnen zugenommen habe; es war uns Schmerz, daß es eines dringenden äußern Antriebs bedurft hatte, um Sie zum Schreiben an Freunde zu vermögen, die diesen Namen durch die That bewährt zu haben glauben dürfen.
Ich sehe mit Betrübniß in Ihrem Briefe noch Spuren einer gewissen Verschlossenheit und Niedergeschlagenheit, die uns in den Wochen Ihrer Genesung und den letzten Ihres Hierseins oft so weh thaten, und die damals in dem Grade zunahmen, als die Beweise von Liebe und Wohlwollen der Sie umgebenden Menschen gerade Vertrauen und Ruhe in Ihrer Brust hervorzurufen geeignet schienen. Mögen Sie mich, theuere Freundin, in dieser Aeußerung ja nicht misverstehen! Sie ist nichts als der reine Wunsch, daß Sie, welcher das Schicksal ohnehin so viel zu tragen auflegte, sich nicht auch von den Wenigen selbst entfremden mögen, die es wahrhaft gut mit Ihnen meinen, die in der Zeit der Noth ohne Eigennutz, ohne Parteilichkeit und Leidenschaft Ihre Freunde waren.
Glauben Sie indessen nicht, daß mir ein Schmerz nicht heilig sei, der Ihre Brust nothwendig in diesem Augenblicke erfüllen muß, wenn ich mich nicht in Ihrem Herzen geirrt habe — ich meine den über Ihre ausgesprochene Trennung von Brockhaus, der eine so seltene Anhänglichkeit für Sie hatte und (ich bin überzeugt) noch hat, wenn er gleich nun völlig außer Stand gesetzt ist, sie auf die zeitherige Art zu äußern. Diesen Schmerz theile ich mit Ihnen, schweige aber darüber, weil ich ihn nicht bei Ihnen erneuern will und nicht befugt bin, über einen Schritt abzuurtheilen, von welchem ich nicht einmal weiß, inwiefern er von einem fremden Willen, inwiefern er von Ihrer eigenen Einsicht ausgeht, und auf welche Gründe gestützt diese über Gefühl und Herz gesiegt hat.
Nur das weiß ich, daß ich immer Ihr Freund bleiben und daher nichts zugeben werde, was im geringsten wider Gesetz und Recht Ihnen zum Nachtheil, von wem es auch sei, unternommen werden könnte.
Sollten Sie diese Versicherung mit dem Nichtempfang Ihrer Sachen im Widerspruch finden, sollten Sie unmuthig über mein Schweigen mehrerer Wochen sein, so werden Ihnen die folgenden Zeilen gleichwol Alles erklären.
Möge ich durch das bisher Gesagte in Ihren Augen nun gerechtfertigt erscheinen. Mit wehmüthiger Erinnerung gedenke ich der vergangenen Zeit, denn ich schreibe Ihnen auf derselben Stelle, wo Sie oft mit mir und den Meinigen zusammensaßen, sich der Hoffnung einer heitern Zukunft überlassend. Unserm Kreise näher angehörend wollten Sie leben; das Schicksal hat es anders gewollt, wie es scheint — doch, wenn auch entfernt, mögen Sie nur glücklich und unsere Freundin sein! Meine Achtung für Ihren seltenen Geist und meine Theilnahme für die Ruhe Ihres Herzens werden immer dieselben sein.
Karoline Richter hatte aus Liebe zu ihrer Schwester fortwährend auf die Wiedervereinigung mit Brockhaus hinzuwirken gesucht. So schrieb sie an Ludwig aus Baireuth vom 13. März, sie habe soeben von ihrer Schwester einen Brief erhalten, welcher, was ihr zu wissen am wichtigsten sei, deren eigentliche Gesinnung gegen Brockhaus ausdrücke:
Diese ist nun immer dieselbe, wie wir sie Alle gekannt. Sie jammert darin über seine größere Entfernung von ihr durch die Reise nach Amsterdam, und es tönt Hoffnung der Vereinigung überall durch. Mir bricht fast das Herz bei diesen Aeußerungen, und ich kann nicht glauben, daß irgend Jemand, der die Unterordnung ihres Verfahrens unter die väterliche Gewalt anerkennt, das kraftlose Opfer feindlich behandeln kann.
Sie erwartet deshalb von Brockhaus' Großherzigkeit und Ludwig's freundschaftlichem Antheil die ganze bürgerliche Rettung ihrer unglücklichen Schwester, selbst wenn die Trennung entschieden bleibe. Brockhaus sei zu edel, um nicht Alles, was er vermöge, dazu beizutragen.
In einem andern Briefe aus dieser Zeit (ohne Datum) bittet sie ihre und ihrer Schwester Freundin Karoline von Ehrenberg in Altenburg um Nachrichten:
Schreibe mir etwas von Brockhaus, der mir mit Entzücken von Deiner Amnestie erzählte. Sage mir, wie er Dir in der letzten Zeit erschienen ist und was Minna von ihm wol noch zu erwarten hat. Ich kann Dir nicht sagen, wie ich um ihretwillen leide; welche Fehler wären nicht durch solches Unglück abgebüßt!
Mehrere von Frau Spazier an Ludwig gerichtete Briefe aus dieser Zeit legen von einer ruhigern Stimmung Zeugniß ab und können unser Mitleid mit ihr nur vermehren.
Sie schreibt ihm am 10. April wieder, noch ohne seinen oben mitgetheilten Brief, der vom 31. März datirt, aber vielleicht erst einige Tage später abgegangen war, empfangen zu haben, und wiederholt ihre frühern Bitten: Er sei ja stets bereit, Bedrängten zu helfen, und wenn er ihre jetzige Lage bedenke und auf die lange Folge schmerzvoller Ereignisse zurücksehe, die sie seit ihrer Entfernung aus Leipzig überstanden, so werde er sich gewiß nicht weigern, ihr den Namen einer »Bedrängten« zuzugestehen. Sie fährt fort:
Meiner Vorstellung kann nichts Gehässigeres sich aufdringen als der Gedanke, daß zur völlig klaren Entscheidung dieser Angelegenheit zuletzt noch gerichtliche Schritte gemacht werden könnten. Und würde ich diese hintertreiben können?
Mit der größten Bereitwilligkeit Alles aufzuopfern, was den Schmuck des Lebens ausmacht, mit der überlegtesten Resignation, würde ich doch nur für meine eigene Handelsweise gutsagen können, nicht aber für die Maßregeln meines Vaters.
Es mußte noch mehr hinzukommen, mich die Nichtigkeit meines Strebens nach außen kennen zu lernen — mehr noch als das lange Gefolge von Widerwärtigkeiten, das zum Theil vor Ihren Augen an mir vorüberzog.
Wenn meine körperliche Gesundheit, wenn meine ruhige Besonnenheit sich in der letzten Zeit rühmen dürften, Fortschritte gemacht zu haben, so scheinen geistige und leibliche Kräfte nur darum mir wiedergeschenkt, um sie an dem Krankenlager meines ältesten Sohnes zu üben, der seit vierzehn Tagen an einer Lungenentzündung schwer daniederliegt, in sechsunddreißig Stunden fünfmal zur Ader gelassen werden mußte, dessen völlige Wiederherstellung noch in diesem Augenblicke ein Problem ist. Ich bin seine Wärterin — es ist mir möglich gewesen, elf Nächte hintereinander an seinem Lager zu wachen, und an diesem merkwürdigen Falle sehe ich — daß nicht unnütz war der Gang, den mein Leben nahm, als er mich wieder hierherführte.
Finden Sie, theuerer Herr Ludwig, in der Art und Weise, wie in diesem Augenblick darauf hingearbeitet wird, die Trümmer meines äußern Glücks zu retten, etwas Zweckwidriges, so bitte ich Sie nur, die Nüchternheit, womit ich in diesem Augenblick mich den Maßregeln desjenigen Willens unterwerfe, von dem der meinige völlig abhängig geworden ist, keineswegs als eine feindselige Erkaltung gegen die Bilder von Glück und Freude anzusehen, die ich mir noch vor wenigen Monaten träumen durfte!
Wenn irgend Jemand geneigt ist, den Grund des Mislingens seiner theuersten Hoffnungen in sich selber zu suchen, so bin ich es. Das Erwachen aus einem Zustande, in welchem man so gern seinen Kräften vertrauen möchte, sich frei und im Besitz der Liebe achtungswerther Menschen glaubte, ist schmerzhaft genug, auch ohne das Einsinken äußerer Vortheile! ....
Ich kenne in diesem Augenblick nur ein Verlangen: Friede mit mir selbst und meinen Umgebungen!
Einige Monate später, am 3. Juni, schreibt sie dankerfüllt über die von Ludwig gegebene Aussicht auf endlichen Empfang ihrer Möbel und zugleich hocherfreut über den Besuch einer Freundin aus Altenburg, der oben erwähnten Karoline von Ehrenberg:
Den Eindruck zu schildern, den das unerwartete Wiedersehen unserer Freundin auf mich hervorgebracht hat, vermag dies ohnmächtige Wort nicht, o mein theuerer Freund! Ich hatte mich am Freitag auf wenige Minuten aus meiner Wohnung entfernt, die eben von rüstigen Händen festtäglich gesäubert wurde, als ich beim Wiedereröffnen der Thür eine Gestalt erblickte, über die mein Herz auch nicht einen Augenblick zweifelhaft blieb. Es war Frau von Ehrenberg! Ich schloß sie in meine Arme als eine theuere Bürgschaft Ihrer — als eine Bürgschaft der Gesinnungen so manches mir ewig unvergeßlichen Wesens aus Ihrer Mitte. Ich fühlte es, daß ihr Kommen mir die Gewähr leiste, wie ich Sie Alle früher oder später doch gewiß einmal wiedersehen und mit unbewölktem, freiem, leidenschaftslosem Sinne mich an Ihre Brust werfen werde.
Sie wollen von meinem Leben und Weben, von der Rückkehr meiner moralischen und physischen Kraft ein deutliches Bild haben? Ich bin wieder völlig wohl, und wenn mein voriges Sein wirklich etwas gewesen wäre, wovon man eine freudige Selbstanschauung haben könnte, so dürfte ich mich freuen, dieselbe wieder geworden zu sein, die ich war.
Dagegen sind die von Außen auf mich einstürmenden Uebel noch immer im lebhaftesten Wettstreit miteinander, welchem von ihnen es gelingen möchte, in meinem Gefühl als das vornehmste zu gelten.
Für meinen armen, noch immer in völliger Kraftlosigkeit hinschwindenden Julius sind vor acht Tagen zwei Krücken vom Tischler geliefert worden — die er aber, als sie ankamen, als für jetzt noch unbrauchbar auf die Seite stellen ließ. Und als ich am zweiten Pfingstmorgen mich anschickte, mit unserer lieben Angekommenen die Frische nach einem erquicklichen Regen in den schönsten Frühstunden auf einem Gange durch den Thiergarten zu genießen, fand ich meinen Richard in seinem Bette ächzend und in Fieberglut, und seit gestern hat er das Scharlachfieber. So bin ich denn außer den wenigen Stunden, die unsere Freundin uns hier auf meinem Zimmer gönnen konnte, zu keinem vollständigen Genusse ihrer lieben Gegenwart gekommen.
Mit welchem Antheil ich dagegen nach allen Einzelnheiten des schönen Verhältnisses fragte, das zwischen ihr und Ihrem lieben Hause obwalte, wie freudig ich den Beschreibungen Ihrer Kunstgenüsse, Ihrer gesellschaftlichen Einrichtungen, Ihres Stilllebens mich hingab — das mag Frau von Ehrenberg's eigene seelenvolle Rede Ihnen sagen.
Ich hatte mich auf einen recht langen Brief an Sie gefreut, mein verehrter Freund, aber ich sehe nun doch, daß es anders kommt, als ich dachte, und ich eilen muß, wenn ich der Unruhe meines kranken Richard, an dessen Bett ich dies schreibe, die paar ruhigen Augenblicke noch abgewinnen will, die ich dem leidigen Geschäftsinhalt unserer Correspondenz noch zu widmen habe.
Meine Antwort auf Hempel's Brief, mein letztes Schreiben an Brockhaus werden Sie gelesen haben. Nichts also mehr über meine allgemeine Ansicht, über die Entschließung, welche ich gefaßt haben würde, wenn ich freie Hand gehabt hätte. Mir däucht's, daß Sie Ihrem Sinne nach mit beiden Briefen zufrieden sein müßten. Diejenigen jedoch, an welche diese Briefe gerichtet waren, scheinen dies nicht; warum sollten sie mir nicht schon längst geantwortet haben? Denn auch den Brief von Brockhaus, worauf Sie mich als auf eine Bestätigung der frohen Hoffnung zur endlichen Ausgleichung verweisen, habe ich bis heute noch nicht erhalten ....
Frau von Ehrenberg übernimmt es, mündlich hinzuzufügen, was meinen Worten versagt ist: den vollen, wahren Ausdruck der Liebe, des sehnsuchtsvollen Antheils, mit welchem ich ewig sein werde
Ihre M. Spazier, geb. Mayer.
Brockhaus betrachtete sein Verhältniß zu ihr als definitiv gelöst, und sie selbst schien sich auch darein zu ergeben, wie sich denn auch die hier von ihr ausgesprochene Hoffnung auf »endliche Ausgleichung« nur auf die noch immer nicht geordneten finanziellen Verwickelungen aus der Zeit ihres Aufenthalts in Altenburg bezieht. Diese Verhandlungen berührten Brockhaus nicht direct und wurden auch meist nur zwischen ihrem Vater und dem Advocaten Hempel geführt. Doch gab sich Brockhaus alle Mühe, wie er einmal schreibt, »die Verwickelung mit Milde zu lösen«. Auch blieb er trotz allem Vorgefallenen mit ihr selbst in freundschaftlichem und selbst geschäftlichem Verkehr, ohne daß ihr Verhältniß je wieder ein näheres geworden wäre.
Er schreibt darüber an Bornträger aus Altenburg vom 30. August 1811, nachdem er ihm obige Verhandlungen mitgetheilt:
Uebrigens ist die Hofräthin auf das vollkommenste hergestellt, und ihr Geist blüht schöner als je. Zwischen uns ist ein rein und innig freundschaftliches Verhältniß geblieben. Ich erhalte oft die herrlichsten Briefe, worin sich ihr reiches und tiefes Gemüth auf die außerordentlichste und mannichfaltigste Weise entwickelt. Auch schön und edel, und ich zweifle nicht, daß bei bürgerlich ganz geordneten Verhältnissen und wenn es möglich wäre, die Pfade der Vergangenheit aus dem zerrissenen Herzen zu reißen, sie nach dieser Katastrophe ein gutes und herrliches Weib sein würde. Offenbar sucht sie auf mich lebhaft wieder einzuwirken und mich aufs neue zu fesseln. So sagte sie in ihrem letzten Briefe:
»Zuweilen bilde ich mir ein, daß Du mich liebst wie sonst, daß in Dir dasselbe vorgeht, was meine geheimsten Gedanken beschäftigt, und daß unsere Wiedervereinigung uns Beiden unbewußt das entfernte Ziel unsers Hoffens und Ausharrens ist!«
Brockhaus fügt dem hinzu:
Ich würde gewiß außerordentlich zu kämpfen haben, wenn wir zusammen wären ....
Sie übersetzte in dieser Zeit für Brockhaus die von Frau von Staël-Holstein französisch herausgegebenen »Briefe, Charaktere und Gedanken des Prinzen Carl von Ligne« ins Deutsche[43]; an der Herausgabe der »Urania« war sie dagegen nicht weiter betheiligt, indem Brockhaus diese vom dritten Jahrgange an selbst übernahm.
Während Brockhaus' fernere Schicksale später im Zusammenhange mit der weitern Gestaltung seiner geschäftlichen Thätigkeit zur Darstellung kommen, sei der Lebenslauf Minna Spazier's gleich hier kurz bis zu seinem Ende verfolgt, zumal derselbe Brockhaus' Lebenswege nicht weiter durchkreuzte.
Nachdem sie die Jahre 1811-1814 im älterlichen Hause in Berlin verbracht, folgte sie einem Rufe nach Neustrelitz als Lehrerin an der dortigen herzoglichen Töchterschule, gab diese Stellung aber bald wieder auf, um die Erziehung zweier Söhne eines Herrn von Jasmund daselbst zu übernehmen. Im Jahre 1816 zog sie nach Dresden und verheirathete sich mit dem dortigen auch als Physiker und Chemiker geschätzten königlichen Hoforgelbauer Johann Andreas Uthe, nach dem sie sich auf ihren spätern Schriften Uthe-Spazier nennt. Hier starb sie am 11. März 1825.
Ihr jüngster Sohn erster Ehe, Richard Otto Spazier (geb. 1803), widmete sich ebenfalls der literarischen Laufbahn. Nach dem Tode seiner Mutter rief ihn sein Oheim Jean Paul im Herbst 1825 zu sich nach Baireuth, um bei einer neuen Ausgabe seiner Werke sich von ihm unterstützen zu lassen, doch starb Jean Paul bald darauf (am 14. November). Spazier schrieb ein kleines Werk über Jean Paul's letzte Tage und Tod (Breslau 1826) und später eine Biographie desselben: »Jean Paul Friedrich Richter. Ein biographischer Commentar zu dessen Werken« (5 Bände, Leipzig 1833). Von Baireuth ging er erst nach Nürnberg, 1831 nach Leipzig, wo er lebhaften Antheil an dem Schicksal Polens nahm und eine Geschichte des polnischen Aufstandes der Jahre 1830 und 1831 in drei Bänden schrieb, endlich 1833 nach Paris, wo er sich bleibend niederließ; in sein Vaterland zurückgekehrt, starb er 1854, an Körper und Geist gebrochen.
Nach einer Angabe in einem Nekrolog seiner Mutter[44] hatte er die Absicht, eine Beschreibung ihres Lebens herauszugeben, doch ist eine solche unsers Wissens nie erschienen.