Während der stürmischen Zeit, die sich an die Katastrophe mit der Hofräthin Spazier anschloß, hatte Brockhaus nicht nur heftige Kämpfe in seinem Innern zu bestehen, er hatte um seine ganze Existenz, um die Aufrechthaltung seines mühsam aus kleinen Anfängen bereits zu Ansehen gelangten buchhändlerischen Geschäfts zu ringen. Und es bedurfte seiner ganzen Energie und Zähigkeit, seines rastlosen Fleißes und seines Vertrauens auf die eigene Kraft, um in diesem doppelten Kampfe nicht zu unterliegen.
Sofort nach seiner Ankunft in Altenburg und nach der nur zur Gewinnung einer vorläufigen Ruhe erfolgten Abtretung seines Geschäfts an Frau Spazier hatte er theils persönlich, theils durch seine altenburger Freunde Schritte gethan, um die Gläubiger in Leipzig, die ihn am meisten drängten, zu befriedigen. Es waren dies meist Buchdrucker, bei denen er seine Verlagswerke drucken ließ, und Buchhändler, deren Verlag er für sein amsterdamer Sortimentsgeschäft bezogen hatte. Die Mehrzahl war auf seine Vorschläge und Anerbietungen eingegangen. Einige aber wollten mit der Bezahlung ihrer ansehnlichen Forderungen nicht warten. Dabei fehlte es ihm an allen Einnahmen, denn das von seinem amsterdamer Sortimentsgeschäft Eingehende mußte zur Abwickelung dortiger Verbindlichkeiten verwandt werden, und Bornträger konnte ihm somit trotz wiederholter dringender Bitten keine Rimessen machen. Aus seinem Verlagsgeschäfte aber konnte er nach der Einrichtung des deutschen Buchhandels vor der Ostermesse keine Einnahmen erwarten. So war seine finanzielle Lage in Altenburg nach der Rückkehr von Berlin eine äußerst beengte, zumal er die neugewonnenen Freunde nicht um Unterstützung ansprechen mochte. Am 8. Februar schreibt er an Bornträger: er habe mit dem von der berliner Reise übrig behaltenen einzigen Louisdor bis jetzt, also drei Wochen lang, auszukommen gesucht und zu dem Ende die allerstrengste Oekonomie eingeführt, nie zu Abend gegessen, nicht ordentlich gefrühstückt u. s. w.!
Und dabei beschäftigte er sich in dieser selben Zeit außer mit der Regelung seiner geschäftlichen Verhältnisse mit den Vorbereitungen zu einer neuen Auflage des »Conversations-Lexikon«, nicht blos als Verleger, sondern als Redacteur!
In solcher Lage konnte er nicht lange bleiben, wenn er nicht ganz untergehen sollte. Er hatte gehofft, daß es Bornträger gelingen werde, das amsterdamer Geschäft entweder wieder in Schwung zu bringen oder aber zu verkaufen, um ihm dadurch die Mittel zur vollständigen Regelung seiner Angelegenheiten zu bieten. Als aber weder das Eine noch das Andere erfolgte, obwol über jenen Verkauf schon mehrfache Unterhandlungen stattgefunden hatten, da faßte er mit seiner gewohnten Energie den raschen Entschluß: selbst wieder nach Amsterdam zu reisen.
Die nähern Umstände seiner plötzlichen Abreise von Altenburg am 5. März und seine Ankunft in der Nähe von Amsterdam am 11. März schildert er in folgendem an Bornträger gerichteten Briefe, der unterwegs in mehrern Pausen geschrieben ist:
Deventer, Nachts 12 Uhr, Sonntag, 10. März 1811.
Sie werden nicht wenig erstaunen, lieber Schmidt, wenn Sie die Ueberschrift Deventer erblicken von meiner Hand und den Datum desselben Tags, wo Ihnen der Brief auch schon zukommt. Ich bin Ihnen bei Empfang desselben noch viel näher, vielleicht gar nur wenige Schritte von Ihnen entfernt! Mit Recht neues Erstaunen! Wie dem eigentlich sei, erfahren Sie am Schluß dieses, da ich in diesem Augenblicke selbst darüber noch keinen Entschluß genommen habe. Und nun den Zusammenhang dieser phantastischen Nähe?
Die unglückliche Unbestimmtheit und nichtssagende Kürze Ihres Briefs vom 19. Februar, den ich erst am 3. März erhielt, hatte mich gleich vom ersten Augenblicke an gewaltsam ergriffen und mich über Ihre Indolenz bei einer so wichtigen Verhandlung in Verzweiflung gebracht. Was blieb mir aber übrig anders als die traurige Ressource, Ihnen in einem Briefe zu sagen, wie viel daran fehlt, daß Sie mich in Stand gesetzt hätten, einmal ein Urtheil zu fällen, geschweige denn einen Entschluß nehmen zu können! Hempel und Ludwig, denen ich meine Ansichten mittheilte, theilten sie ganz, und wir alle konnten nicht begreifen, wie Sie einen Gegenstand von so majeurer Wichtigkeit mit einer solchen Indifferenz hatten behandeln können. Ich schrieb also den Brief, den Sie einliegend finden. Als ich bis zu dem Punkt gekommen war, wo Sie ihn abgebrochen finden, tritt Hempel zu mir ins Zimmer und sagt: »Brockhaus, wie wär's, wenn Sie jetzt selbst nach Amsterdam gingen und auf einem oder dem andern Wege Resultate herbeiführten? Glauben Sie ohne persönliche Gefahr die Reise machen zu können? Reisegeld steht Ihnen von mir zu Diensten.« Ich wurde wie elektrisirt von diesen Worten. Ich hatte den Gedanken ob seiner Kühnheit nicht haben dürfen. Und da ich der persönlichen Gefahr durch Klugheit und verständiges Benehmen entgehen konnte, so war mein Entschluß in der Minute gefaßt. »Ich reise!« Die Feder wurde nun fortgeworfen, und wir eilen zu Ludwigs, um hier zu verkünden und näher zu überlegen. »Ja, ja, reisen Sie, machen Sie, daß Sie dort schnell abschließen, oder doch finale Entschlüsse nehmen, und kommen Sie bald, bald wieder!« Die Reise wurde gleich auf den andern Morgen festgesetzt, und ich brachte den Rest des Tags mit kleinen Anordnungen und mit Abschiednehmen der genauern Freunde hin. Den Abend hatte man im Ludwig'schen Hause noch eine kleine Abschiedfête veranstaltet, die ebenso heiter als meine Trennung von diesen vortrefflichen Menschen traurig war.
Montag früh reiste ich nun über Leipzig ab, das nöthig war, weil ich mir mit Mitzky[45] in Reudnitz ein Rendezvous gegeben hatte, das ich nicht konnte absagen lassen aus Kürze der Zeit. Meine Unterhaltung mit diesem in Reudnitz und wieder in Leipzig dauerte so lange, daß ich erst Montag Abend um 10 Uhr von Leipzig nach Halle abfahren konnte. Von Montag Abend 10 Uhr bis Sonnabend 11 Uhr habe ich also die beschwerliche Reise von Leipzig bis Deventer gemacht, was bei den grundlosen Wegen wirklich außerordentlich schnell gereist ist. Es sind fünf Tage gerade. Ich bin aber auch wie gerädert!
Unstreitig hätten Sie, wenn Sie eine Stunde mehr Zeit zu Ihrem Briefe genommen hätten, mir die ganze Reise, ihre Beschwerden, ihre Gefahren und die großen Kosten, die hin und her wenigstens 6-700 Gulden betragen werden, ersparen können! Und Sie hätten mir dies Alles, auch ohne Rücksichten auf die besondern Umstände, ersparen sollen, da jeder Geschäftsbericht immer und nothwendig bestimmt und erschöpfend sein muß.
Die Rettung meines ganzen künftigen Lebens hängt von Momenten ab. Gehen diese Momente unbenutzt vorüber, so ist mein ganzes künftiges Leben verloren. Ich konnte also kein Bedenken tragen, Alles zu wagen und daranzusetzen, um nur zu einem Resultate zu kommen!
Ich komme aber gewiß nicht, um Ihnen Vorwürfe zu machen! Wir müssen uns vereinigen, um schnell irgendein Resultat herbeizuführen.
Der Postillon bläst schon zum dritten mal. Für hier also genug.
Amersfoort, Morgens 10 Uhr.
Ich habe mich entschlossen, bis Muiden nur zu fahren, von dort diese Briefe per Expressen nach Amsterdam (zwei Stunden von Muiden) zu schicken und Sie einzuladen, wie es hierdurch geschieht, entweder noch diesen Abend zu mir nach Muiden hinauszukommen, oder sonst morgen früh. Mein Logis werde ich Ihnen unten bezeichnen. Es bedarf keiner Erinnerung, daß Sie auch keiner Seele etwas von meiner Nähe sagen! Wir werden überlegen, wo ich eine Zeit lang verweilen könnte! Unstreitig in Amsterdam selbst am sichersten und unbemerktesten. Denken Sie gleich darüber nach, und wo das Schild: »Hier zyn gestofferde kamers te huur« (hier sind möblirte Zimmer zu vermiethen) aushängt, auf einer etwas abgelegenen Straße oder Gracht.
Muiden, Abends halb 5 Uhr.
Ich bin hier bei Meyer logirt, dem ersten Gasthof über der Brücke rechter Hand von Amsterdam her. Ich schicke Ihnen diesen Brief per Expressen, um sicher zu sein, daß er Ihnen heute zugekommen ist. Sind Sie zu Hause gerade, wenn er kommt, so habe ich es gern, Sie noch diesen Abend zu sehen. Sind Sie aber nicht zu Hause, so ist es mir recht, wenn Sie erst morgen kommen; da ich in acht Tagen nicht zu Bette gekommen, so bedarf ich ohnehin heute Ruhe.
Nun, bis zum persönlichen Sehen!
Ganz Ihr Brockhaus.
In Muiden blieb Brockhaus ungefähr drei Wochen, hielt sich aber ab und zu auch einen Tag in Amsterdam selbst auf. Seinem energischen persönlichen Eingreifen gelang es bald, die seit Anfang des Jahres schwebenden Unterhandlungen über den Verkauf des amsterdamer Geschäfts zu einem erwünschten Abschlusse zu bringen. Dieser erfolgte am 21. März, die Zahlung der Kaufsumme am 1. April. Käufer des Sortimentsgeschäfts sammt dem ansehnlichen Lager war der Buchhändler Johannes Müller, der zwei Jahre vorher (am 1. Mai 1809) eine Buchhandlung in Amsterdam unter der Firma J. Müller & Co. errichtet hatte (1837 wurde diese Firma in die noch jetzt bestehende: Johannes Müller, umgewandelt). Gleichzeitig suchte Brockhaus, um die Transportkosten nach Leipzig zu ersparen, auch die in Amsterdam lagernden Vorräthe seines ältern Verlags zu verkaufen, ebenso die nicht unbedeutenden Außenstände seines bisherigen Geschäfts. Es gelang ihm wenigstens, die Einleitungen dazu zu treffen, während der Kaufvertrag darüber erst im folgenden Jahre, am 4. März 1812, durch Bornträger in Amsterdam abgeschlossen wurde. Käufer hiervon war der amsterdamer Buchhändler Christian George Sülpke, dessen Handlung ebenfalls noch jetzt besteht. An keinen der beiden Käufer war übrigens Brockhaus' bisherige Firma: »Kunst- und Industrie-Comptoir«, mit verkauft worden. Diese behielt vielmehr Brockhaus auch in Altenburg vorläufig bei, nur daß er meist »von Amsterdam«, und als Verlagsort »Altenburg« oder »Leipzig« hinzusetzte.
Der Aufenthalt in Muiden war für Brockhaus mit mancherlei Gefahren verbunden. Er wollte seine Anwesenheit in der Nähe von Amsterdam geheimhalten, um allen neugierigen Nachfragen und persönlichen Belästigungen wegen des Hiltrop'schen Processes und anderer noch schwebender Verhandlungen zu entgehen. So verkehrte er wesentlich nur mit Bornträger, der ihn fast täglich in seinem Versteck besuchte, da eine regelmäßige Verbindung zu Wasser zwischen Amsterdam und Muiden durch eine mehrmals des Tags hin- und hergehende Schuyt bestand; außerdem sah er nur noch zwei seiner ältesten Freunde, deren Namen er aber in seinen Briefen nicht nennt. Eine weitere Schwierigkeit entstand daraus, daß er Altenburg bei seiner eiligen Abreise ohne Paß, diesen damals so nothwendigen Reisebegleiter, verlassen hatte, vielleicht absichtlich, um eben nicht erkannt zu werden. Diesem letztern Uebelstande half er dadurch ab, daß er sich von Bornträger dessen Paß geben ließ und der holländischen Dorfbehörde vorlegte. Freilich konnte er denselben mit ebenso viel oder — so wenig Recht wie Bornträger führen, da der Paß auf den Namen Friedrich Schmidt lautete!
In einem der zahlreichen und oft ausführlichen Briefe, die er auch in dieser Zeit trotz der häufigen Besprechungen an Bornträger sandte, schreibt er:
Gestern Abend habe ich denn auch hier Namen, Wohnort, Dauer des Aufenthalts, Paß von woher? aufgeben müssen. Da ich meinen Namen nicht nennen konnte, noch sagen, der Paß sei vom König u. s. w., so habe ich gesagt: »Schmidt von Leipzig mit Paß vom dortigen Magistrat«, und um zu vermeiden, darüber viel inquirirt zu werden, habe ich nur zwei bis drei Tage Aufenthalt angegeben. Gott gebe nur, daß man heute nicht den Paß zu sehen verlangt! Auf alle Fälle bringen Sie mir diesen Abend den Ihrigen mit. Langes Bleiben ist auf diese Weise hier nicht.
Und bevor er diesen Paß hat und weiß, ob er mit demselben sich legitimiren kann, fordert er Bornträger auf, ihm noch einen andern Paß, wieder auf dessen angenommenen Namen, zu einer Reise nach — Paris zu verschaffen! In demselben Briefe theilt er ihm nämlich mit, daß er vorhabe, sobald der Kauf mit Johannes Müller abgeschlossen sei, einen Abstecher nach Paris zu machen, um die Zwischenzeit während der weitern Unterhandlungen über den Verkauf des ältern Verlags zweckmäßig in geschäftlichem Interesse zu verwenden:
Enfin: Nothwendigkeit, Langeweile und Unsicherheit hier, Interesse, Lust vereinigt sich, mir diese Reise, wozu drei Wochen hinreichen würden, anzurathen. Es ist nur (!) für einen Paß zu sorgen. Ich wünschte immerhin, daß Sie es wieder versuchten, auf Ihren Namen diesen Paß zu erhalten. Auf die Beschreibung der Person wird doch nicht gesehen, und da ich in Paris durch Forssel und Schöll doch allen Beistand finden würde, so habe ich gar keine Bedenklichkeit. Und Sie brauchen gar keine zu haben. Ich wünschte also sehr, daß Sie womöglich noch heute den Versuch dazu machten.
Aus dieser Reise nach Paris wurde indeß nichts, vielleicht weil der betreffende Paß doch nicht zu erlangen war; dagegen scheint der bereits vorhandene Paß Bornträger's seine Schuldigkeit gethan zu haben, da Brockhaus statt zwei bis drei Tage drei Wochen in Muiden und Amsterdam blieb, ohne Anfechtungen zu erleiden; er benutzte denselben auch später zur Rückreise nach Deutschland und schickte ihn auf halbem Wege, aus Münster, mit bestem Dank an Bornträger zurück, mit der Bemerkung, daß er ihn übrigens gar nicht gebraucht habe.
Anfangs freilich war er in Muiden wegen seiner Sicherheit noch sehr besorgt; er ließ sich von Bornträger einen Hut mitbringen, weil er mit seiner Mütze keinen Schritt thun könne, ohne daß die Kinder ihm nachhöhnten, und bat ihn, die Briefe, die er ihm schicke, selbst auf der Postschuyt abzuholen, damit die häufige Correspondenz dem Markthelfer Jan nicht auffalle. Dieser schien aber doch die Anwesenheit seines Principals, an dem er sehr hing, bemerkt zu haben und suchte ihn eines Tags in Muiden auf. Brockhaus meldet dies gleich an Bornträger:
Ich hatte Ihnen schon die einliegende kleine Einlage geschrieben, als zu meinem Entsetzen mir ein »Herr« gemeldet wird, der mich sprechen wolle. Ich lasse seinen Namen fragen und da ist es denn — Jan!
Wenn Bornträger einen Tag ausblieb, war Brockhaus gleich sehr gereizt. So schreibt er ihm einmal:
Ich leugne Ihnen nicht, daß ich gestern über Ihr Nichtkommen pikirt gewesen bin. Zufolge Abrede hatte ich für Sie Essen mit machen lassen, und so erwartete Sie auch dies von 2 bis 4 Uhr, wo statt Ihrer selbst ein Brief kam. Im gemeinsten Leben schon wird dies für eine sehr große Unhöflichkeit gehalten. Daß Sie um 5 Uhr schon zurückgemußt hätten, dazu sehe ich die Nothwendigkeit nicht ein. Es geht noch eine spätere Schuyt, und Muiden ist auch nicht so weit von Amsterdam, daß man im äußersten Falle die zwei Stündchen nicht zu Fuße machen könnte. Sie konnten aber auch des Nachts bleiben. Wenn man, wie ich gethan habe und thun muß, 360 Stunden reist, um mündlich Explicationen zu holen und zu geben, die schriftlich zu geben war versäumt worden, so ist man eifersüchtig darauf, wenigstens die daseiende Gelegenheit ganz zu benutzen. Von meiner Einsamkeit hier will ich nicht sprechen, da ich mich immer zu unterhalten weiß, wenn ich auch allein bin.
Einliegend ein Promemoria, dessen Ausführung ich Ihnen empfehle und stete Wiedernachsehung und Fortführung desselben, bis Alles besorgt ist. In einem Tage läßt es sich nicht besorgen, das weiß ich. Sie heben dieses Promemoria auf. Wir werden es dann immer nachsehen und beischreiben. Herüberkommen nach dem Reythuys werde ich weiter nicht; es ist mir auch zu theuer. Könnte ich mit der Schuyt gehen, so würde ich es thun, aber wegen der Menge Menschen, die darin, geht das nicht. Kommen Sie also so oft hierhin, als es nöthig ist, oder schreiben Sie. Jenes am besten per Schuyt, da das Reiten eher auffällt.
Jenes Promemoria (eine Form der Mittheilung, die Brockhaus sehr liebte) füllt zwei engbeschriebene Folioseiten und enthält 28 Punkte, geschäftliche und persönliche Angelegenheiten betreffend. Er benutzte eben die Zeit und Einsamkeit, um alles in Amsterdam noch zu Erledigende von hier aus in Ordnung zu bringen. Als Punkt 10 bemerkt er:
Ich wünschte meine Ihnen von August an geschriebenen Briefe mal wieder durchzulesen. Legen Sie sie also zusammen und lassen sie durch Jan heften, wie ich die Ihrigen habe. Meine Briefe lasse ich Ihnen gern; ich möchte nur bei ihrem Durchlesen die furchtbare Zeit nochmal durchleben.
Außer in dieser jüngsten Vergangenheit (in die ihn auch die früher von uns mitgetheilten, von hier aus geschriebenen Briefe an Karoline Richter und die altenburger Freunde über die definitive Lösung seines Verhältnisses zur Hofräthin Spazier zurückversetzten) lebte er viel in der wehmüthigen Erinnerung an die jener Katastrophe vorangegangene traurige Zeit, in der er seine heißgeliebte Frau verloren hatte. War sie doch auf dem Kirchhofe desselben Dorfes Muiden, in dem er durch eine eigenthümliche Schicksalsfügung jetzt längere Zeit verweilen mußte, begraben. Nach ihrem Grabe richtete er fast täglich seine Schritte. Er schreibt einmal an Bornträger:
Ich war diesen Abend am Muiderberg. Ich habe Sophiens Grab wieder besucht und zugleich die himmlischen Environs am Gestade des Y. Es ist die schönste Partie, die ich je in Holland gesehen, und der Abend war köstlich in seiner Linde und Heiterkeit. Wir müssen das nochmal zusammen besuchen. Ich war sehr glücklich in meiner Wehmuth und Trauer.
In einem Briefe an Frau Ludwig in Altenburg vom 22. März gibt er eine anziehende Beschreibung seines Zufluchtsorts und des Lebens daselbst:
Meine hiesigen Geschäfte verlängern sich um einige Tage, eine Zeit, die mir für meine Petulanz eine Ewigkeit dünkt. Ich hatte gehofft, so viel Zeit zu gewinnen, um einen kleinen Abstecher nach dem Sirenen-Gestade an der Seine zu machen, aber es ist nicht gelungen, und ich muß darauf Verzicht thun.
Da ich hier nur einen einzigen Zweck habe, so bekümmere ich mich auch um keinen andern. Ich sehe Niemanden als zwei vertraute Freunde und Schmidten, meinen guten mir sehr anhängigen Manus (so verkürzt man hier den Domestikennamen Hermann) und mein kleines armes Mädchen! Ich bin abwechselnd in meinem Hause und in Muiden. Aus dem Briefe an Ihre Schwester wissen Sie, welch ein theures Andenken hier für mich ruht. Die Reize dieser Gegend sind mir erst jetzt bekannt geworden. Hätte ich Matthisson's, Forster's oder Ludwig's Griffel oder van der Velde's oder Claude's Pinsel, so würde ich es versuchen, Ihnen ein Bild davon zu geben. Aber so kann ich Ihnen nur einfach sagen, daß es eins der reizendsten holländischen Dörfer ist, in einem herrlichen Buchen- und Lindenwalde gelegen, umgürtet von den angenehmsten campagnes, wahren Idyllen der schönen Gartenkunst (lassen Sie sich von Ludwig die holländischen Landhäuser mal beschreiben), und gelehnt an den schönen Meerbusen, das Y genannt. Hier ist mein gewöhnlicher Spaziergang. Für mich gibt es nichts Erhabeneres und mehr Hebendes in der Natur als das unendliche, immer gährende, immer kämpfende, immer sich vereinigende Spiel der Wellen des Oceans. Doch hier ist der Charakter desselben milde, da, wie Sie auf der Karte sehen könnten, obgleich Ausfluß der Nordsee, seine tobende Gewalt doch gebrochen ist. Ich denke mir, daß die schönen schweizer Landseen mit einem solchen Meerbusen viele Aehnlichkeit haben werden. Die Aussicht von Muiden aus über denselben weg ist wunderschön. Links ist der äußerste Horizont mit den Hunderten von Thürmen und Mastbäumen Amsterdams und seines Hafens begrenzt, gegenüber mit den Beweisen der thätigsten Industrie dieses fleißigen Volks: den Windmühlen Nordhollands; rechts nach dem Pampus hin, wo es in die Nordsee hinausgeht, sieht man auf unzähligen Punkten, so weit das Auge reicht, Fischer mit aufgespannten Segeln in ihren Kähnen und Booten halten und ihrem mühseligen Gewerbe obliegen.
Einmal bin ich mit auf den Fang ausgewesen. Wir hatten eine tüchtige Partie Heringe, die um die jetzige Zeit hier gefangen und getrocknet werden, wo sie Bücklinge heißen, und auch einige Barsche gefangen, welche eins der Lieblingsgerichte der Holländer und auch von mir sind. Man kocht sie in Wasser mit Selleriewurzeln, und sie werden so mit Butterbrot durchwürzt und mit gemengtem süßen weißen und rothen Bordeauxwein als Zugabe genossen. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß ich ein wenig Gourmand bin, wo ich's haben kann, und so lasse ich mir diese waterzootjes (Gericht Barsche) oft herrlich schmecken. Englische Austern, worauf ich mich so gefreut, gibt's aber dies Jahr hier nicht, sie sind wol mit dem Englischen Pflaster und der Englischen Krankheit in eine Kategorie gesetzt worden! Ueberhaupt hört man nichts als Klagelieder und Verwünschungen der jetzigen Zeit und ihres Beherrschers. Ich werde Ihnen über dies Alles mal viel erzählen können.
Wie er hier berichtet, wagte er sich doch auch nach der Stadt hinein, besonders um sein jüngstes Kind Sophie, jetzt anderthalb Jahre alt, öfters zu sehen, die bei dem Kaufmann Trippler und dessen Frau untergebracht war. Freilich war dies mit Gefahr für ihn verbunden, zumal in seinem eigenen Hause, wo er öfters bei Bornträger wohnte, ein französischer Oberst einquartiert war. Hier mußte er sich auch an dem officiell befohlenen Jubel über die am 20. März 1811 erfolgte Geburt des Sohnes Napoleon's (des am 22. Juli 1832 gestorbenen Herzogs von Reichstadt) betheiligen.
Er beschreibt dies in folgendem, am 26. März an Ludwig gerichteten Briefe, der zugleich über seine Stimmung und über sein Töchterchen handelt:
Sonnabend (23. März) war allgemeine Illumination wegen der Geburt des Sohnes von Bonaparte. Wir mußten auch illuminiren! Mit welchem Herzen es von uns und allen Bürgern geschah, darüber mag Gott urtheilen. Es that mir ordentlich wehe, daß Amsterdam sich einzig schön bei einer solchen Illumination ausnimmt. Nur Venedig kann darin mit ihm rivalisiren. In den herrlichen breiten Kanälen reflectirt das tausendfarbige Spiel der Lichter wunderschön, und man glaubt in Armidens bezauberten Palästen zu wandeln. Der Abend und die Nacht war herrlich und ganz sternenklar, und mehr wie hunderttausend Menschen wogten auf den Straßen und Grachten.
Mich drückte dies Alles aber sehr nieder. Ich fühle mich einsam und verlassen hier, und meine Sehnsucht ist nur: wieder weg, zu meiner neuen Heimat, die ich bei Ihnen, liebster Ludwig, setze. Wäre Vieles nicht gewesen, so ließe sich vielleicht noch ein neues Leben ordnen. Aber, was ist erst noch im alten Leben zu ordnen, ehe an eine neue Ordnung kann gedacht werden! Ihre thätige Freundschaft, edler Mensch, werde ich noch oft in Anspruch nehmen müssen. Ich bedarf einer äußern Stütze immer. Immer habe ich den besten Willen, es fehlt mir auch nicht an guten Ideen, aber ich bin muthlos geworden. Ich traue mir selbst nicht recht mehr, und meine Kraft ist daher gelähmt. Die bittern Erfahrungen, die ich in den letzten sechs Monaten gemacht habe, haben meine Scheu und Furcht vor den Menschen sehr vermehrt, und gewiß, hätte ich nicht in Ihnen und in Allem, was zu Ihrem Kreise, lieber Ludwig, in der Nähe und Ferne gehört, ein Antidot gefunden, das mich wieder mit der Welt versöhnt hätte, so würde ich Meinau's[46] Charakter ins wirkliche Leben übergetragen haben.
Die Sorge für mein kleines armes Mädchen Sophiechen beschäftigt mich hier sehr. Ich habe es auf allerhand Weise überlegt, ob ich es nicht mit mir nehmen könnte. Aber es geht nicht. Mein eigenes Schicksal ist noch zu ungeordnet. Ohne häusliche Einrichtung würde ich gar nicht wissen mit dem Würmchen, wo dort bleiben. Und dann, wie will ich es mit mir fortkriegen? Ein holländisches Wartemädchen könnte ich doch nie in Sachsen bei mir behalten, müßte es also zurückschicken, das sehr viel kosten würde. Ich reise dazu so schnell und muß so schnell reisen, daß ein Kind von so zartem Alter darüber würde zu Grunde gehen. Nach Dortmund habe ich darüber geschrieben, aber keine günstige Antwort bekommen. Seit Luisens Tode, der Schwester Sophiens, die gerade starb, wie Minna mit Ihnen auf der Michaelismesse in Leipzig war, ist für meine armen Kinder die zweite Mutter auch verloren! Ich muß daher das kleine Mädchen noch hier lassen, so sehr sich auch mein Herz und Alles in mir dagegen sträubt. Es ist zwar hier bei sehr guten Leuten, die es wie ihr eigenes Kind lieben, aber es widerstrebt mir auch besonders, es in der Stadt zu wissen. Ich werde vielleicht noch Gelegenheit finden, es aufs Land zu thun, und morgen deshalb mit einem Freunde aus der Stadt gehen.
Verzeihen Sie, lieber Ludwig, daß ich Sie von diesen meinen Particularissimis nur allein unterhalte. Aber wirklich, wofür kann ich auch in diesem Augenblicke anders Sinn haben als dafür? Mein Schicksal war seit funfzehn Monaten sehr schwer und düster. Einige Sonnenblicke erhellen es jetzt. Darüber schweigt sich denn nicht gut. Man ist wie ein genesender Kranker, der immer von seiner Krankheit erzählt.
Leben Sie wohl, lieber Ludwig. Gruß an Alle, die Ihnen angehören!
Ueber den hier erwähnten Tod seiner Schwägerin hatte er am 14. October 1810 aus Altenburg an Bornträger geschrieben:
Noch muß ich Ihnen eine traurige Begebenheit melden, die ebenfalls auf mein häusliches Verhältniß vielen Einfluß haben wird. Es ist der Tod von Sophiens ältester Schwester Luise, der Madame Rittershaus, bei der Fritz mit war. Sie war eins der edelsten Weiber, die ich je gekannt habe; sie hatte Sophiens himmlische Güte, aber mehr Energie, Kraft und Würde. Ihr Verlust ist unersetzlich auch für mich. Und für die Welt. Sie war Mutter von vier Kindern erster Ehe. Mit ihrem zweiten Manne erhielt sie noch zwei. Außerdem nahm sie noch meinen Fritz zu sich und eine Tochter des unglücklichen Hiltrop, der mit mir den Ihnen bekannten Proceß hat. Acht Kinder beweinen also das edle Weib, und mit ihnen ihr trostloser Gatte, ihre Geschwister, Alle, die sie kannten. Noch nie hat vielleicht in Dortmund ein Todesfall solche Sensation erregt als dieser. Ich werde dadurch um so mehr eilen müssen, ein oder zwei Kinder zu mir zurückzunehmen. Und das in dieser Katastrophe! Wieder welch ein schweres Verhängniß!
Nachdem endlich der Kauf mit Johannes Müller abgeschlossen war, rüstete sich Brockhaus zur Abreise und beschäftigte sich nur noch mit dem Ordnen der mitzunehmenden und der zurückbleibenden Gegenstände. Manches ihm sehr Werthe mußte er in Amsterdam zurücklassen. »Wenn ich das Alles so betrachte«, schreibt er, »so blutet mir das Herz. Die Beschäftigung ist für mich unsäglich angreifend. Fast jedes Stück hat irgendeine mir theuere Erinnerung.«
Die Zahlung der Kaufsumme hatte contractmäßig erst elf Tage nach der Unterzeichnung des Kaufvertrags, am 1. April, zu erfolgen, und da Johannes Müller diese Frist streng einhielt, so verzögerte sich Brockhaus' Abreise wieder.
Er schreibt mit Bezug darauf an Bornträger:
Ich sitze wie auf Nadeln. Denken Sie sich meine Stimmung und rechten Sie noch über Worte! Meine Empfindungen für Sie kennen Sie!
Heute sind zehn Dreispänner von Amersfoort hier durchgekommen, die nach Amsterdam gingen, um dort morgen für Leipzig zu laden. Ich habe selbst mit ihnen gesprochen. Wären nun unsere Sachen schon fertig, so könnten sie mit versandt werden!
An Hempel in Altenburg richtet er in dem bereits mehrfach erwähnten Briefe vom 30. März folgende Worte, die am besten seine Stimmung nach dem endlichen Abschlusse der amsterdamer Angelegenheiten wiedergeben:
Gebe Gott, daß ich endlich zur Ruhe komme und aufs neue thätig und nützlich wirken kann! Meine Sehnsucht nach dieser Ruhe und dieser neuen fruchtbringenden Thätigkeit ist unaussprechlich!
Am 1. April mittags konnte er endlich Amsterdam verlassen. Sein nächstes Ziel war Münster, wohin sein Bruder Gottlieb mit den Kindern von Dortmund kommen wollte, da Brockhaus wegen des Hiltrop'schen Processes Bedenken tragen mußte, jetzt seine Vaterstadt zu betreten. Er reiste über Arnheim, um seinen frühern Associé Mallinckrodt zu besuchen, und mußte dort wider Willen trotz seiner Ungeduld einen ganzen Tag bleiben, weil durch ein Versehen des Postillons sein Mantel in Amersfoort liegen geblieben war. So kam er einen vollen Tag später, als er gewollt, am 3. April abends, in Münster an. Dort fand er nur zwei seiner Kinder, Friedrich und Karoline, während die drei andern, Auguste, Heinrich und Hermann, in Dortmund zurückgeblieben waren.
Und noch ein anderer, größerer Schmerz sollte ihn hier treffen: die Nachricht von dem Tode seines Vaters! Dieser war am 26. März in seinem zweiundsiebzigsten Lebensjahre gestorben, und Gottlieb hatte es seinem Bruder tags darauf gemeldet, doch war der Brief wol nicht mehr rechtzeitig in Amsterdam eingetroffen. Dieser Trauerfall und die daraus hervorgehende Störung in den Familienverhältnissen waren wol auch die Ursache, daß weder die drei andern Kinder noch sein Bruder nach Münster kamen.
In jenem Briefe schrieb Gottlieb:
Lieber Bruder! Ich habe Dir eine Nachricht zu melden, welche Dein Herz auf das tiefste zerreißen wird. Unser guter, redlicher Vater ist seit gestern Morgen nicht mehr unter uns. Er starb mit Ruhe und Fassung; seine Leiden waren kurz. Wir haben Alles angewendet, um das Leben des guten Greises zu retten, sein Arzt, der Herr Krupp, ist in der Zeit mit mir fast nicht von seinem Bette gewichen, allein leider blieben alle unsere Bemühungen fruchtlos.
Noch gestern vor acht Tagen befand er sich recht wohl und war den ganzen Tag über besonders heiter, aß den Mittag noch mit vielem Appetit, trank den Nachmittag wie gewöhnlich seinen Thee und geht darauf nach dem Balken, um das Malz nachzusehen, weil wir brauen wollen. Hier sinkt er plötzlich nieder; ein Glück, daß gerade Jemand bei ihm war; mit Mühe wird er von oben heruntergetragen und legt sich darauf zu Bett, wo er sehr über Seitenstiche klagte. Wir ließen gleich unsern Arzt rufen, der ein Brustfieber prophezeite, welches auch den folgenden Tag eintrat, wozu sich bald noch andere bedenkliche Umstände gesellten.
Gern wäre der gute Vater noch bei uns geblieben, und er schied sehr ungern von dieser Welt. Ich habe indeß die Beruhigung, daß wir ihn immer mit Liebe behandelt, ihn in den vielen Krankheiten, die er in den letzten Jahren erduldet, mit Sorgfalt verpfleget und seine, den meisten alten Leuten anklebende Laune mit Nachsicht gern und willig ertragen haben. Er fühlte dieses auch oft sehr tief, da er sah, wie gern wir Alles gaben, um sein Alter so froh wie möglich zu machen.
Bei den vielen Unruhen, welche mich jetzt wegen dem Todesfalle unsers Vaters umgeben, ist es mir nicht wohl möglich, Dir heute mehr schreiben zu können; nur so viel, daß Dein Heinrich wohl und munter ist und gut lernt.
Daß Du wohl, glücklich und zufrieden leben mögest, wünsche ich von Herzen; Keiner in der Welt kann und wird daran innigern Antheil nehmen als
Dein treuer Bruder
G. Brockhaus.
In einem flüchtigen Briefe von Brockhaus an Bornträger aus Münster vom 5. April heißt es:
Ich hatte gehofft, auch die andern Kinder hier zu finden, allein die Freude war mir nicht gewährt. Noch hatte ich den Schmerz, hier auch den Tod meines vortrefflichen Vaters zu erfahren! Gestern habe ich mich hier verweilt. Heute geht's nun weiter, und ich hoffe bis Montag (8. April) in Altenburg zu sein. Von da also mehr.
Nun adieu. Ich danke Ihnen für alles Liebe und Gute!
Brockhaus nahm die beiden Kinder, die nach Münster gekommen waren, Friedrich und Karoline, gleich mit nach Altenburg, um daselbst, wie er längst gewünscht hatte, endlich wieder einen eigenen Hausstand zu begründen; die andern Kinder blieben einstweilen noch in Dortmund. Am 11. April schreibt er an Bornträger aus Altenburg, daß er glücklich dort angekommen sei.
Am 23. April reiste er für einige Tage nach Leipzig, kehrte am 28. nach Altenburg zurück, fuhr aber schon am 30. wieder nach Leipzig, um auf der Buchhändlermesse seine Angelegenheiten ganz in Ordnung zu bringen. Hier blieb er drei Wochen lang, bis zum 20. Mai, und hatte die Freude, seinen Zweck endlich der Hauptsache nach zu erreichen.
In welcher Weise dies geschah, sei in der Kürze und ohne in Details einzugehen mitgetheilt.
Die Berührung dieser Angelegenheit ist eine schmerzliche Pflicht für den Verfasser, als einen Enkel des Geschilderten; sie ist aber eben seine Pflicht, der er sich als gewissenhafter Biograph nicht entziehen kann und nicht entziehen will, und sie wird ihm dadurch wesentlich erleichtert, daß er gleichzeitig den für seinen Großvater höchst ehrenvollen Ausgleich der Angelegenheit mittheilen kann. Es sei also offen gesagt: daß Brockhaus sich in dieser Zeit genöthigt sah, mit seinen Gläubigern für sie mit größern oder geringern Verlusten verbundene Vergleiche abzuschließen, daß er aber später, sobald seine sich günstiger gestaltenden Verhältnisse es ihm erlaubten, freiwillig allen, trotz ihrer in aller Rechtsform ausgesprochenen Verzichtleistung, den damaligen Verlust mit Zurechnung aller Zinsen ersetzt hat: ein in der buchhändlerischen und überhaupt in der kaufmännischen Welt nicht eben häufig vorkommender Fall.
Einen eigentlichen Accord proponirte Brockhaus seinen Gläubigern nicht, sondern ließ ihnen zwischen zwei Modalitäten die Wahl: entweder sollten die Forderungen ein für allemal ausgeglichen werden, theils durch baare Zahlung (ein Drittel), theils durch Waaren (ein Drittel in Verlagswerken, ein Drittel in gangbaren Werken fremden Verlags aus dem amsterdamer Sortimentslager), oder sie sollten vollständig, aber nach und nach in Terminen, baar bezahlt werden. Die Mehrzahl der Gläubiger, besonders die Verlagsbuchhändler, wählten die erstere, andere, namentlich Buchdrucker und einige größere Verleger, die zweite Alternative, worüber die Verhandlungen sich theilweise noch bis zum Frühjahr 1812 hinzogen. Zu den Baarzahlungen wurde der größte Theil der aus dem Verkauf des amsterdamer Geschäfts gelösten Summe verwendet.
Brockhaus' Commissionär in Leipzig für den Verlag war bis gegen Ende 1810 die Buchhandlung Johann Friedrich Gleditsch gewesen, während die Buchhandlung W. Rein & Comp. die Expedition an das amsterdamer Sortimentsgeschäft besorgt hatte. Infolge seiner Differenzen mit der erstern Handlung wollte Brockhaus in dem Circular über den Verkauf seines Geschäfts an die Hofräthin Spazier die Rein'sche Buchhandlung als neuen Commissionär nennen, allein der Besitzer der letztern, Wilhelm Rein, war mit dem von Brockhaus beabsichtigten Arrangement nicht einverstanden und wollte deshalb die ihm übersandten Circulare, in denen er bereits als Commissionär genannt war, nicht ausgeben. Der von Brockhaus nach seiner Abreise von Leipzig mit Vertretung seiner dortigen Interessen beauftragte Professor Dr. Dabelow (der für ihn auch am 16. Juli 1810 ein Gutachten wegen des Hiltrop'schen Prozesses verfaßte) hatte sich ohne Brockhaus' Vorwissen an den Buchhändler Karl Heinrich Reclam (mit dem Brockhaus 1808 einen heftigen Streit gehabt hatte, weil er mit dessen Besorgung seiner Commission unzufrieden gewesen war) um Rath gewandt. Zu Brockhaus' Ueberraschung hatte Reclam diesen Rath »in sehr verständiger Form gegeben, und soll er bei dieser Gelegenheit überhaupt durchaus keine Animosität gezeigt haben«, wie Brockhaus an Bornträger schreibt. Reclam erklärte sich selbst zur Wiederübernahme der Commission bereit. Außer ihm boten sich dafür noch zwei andere leipziger Firmen an: Karl Cnobloch und Mitzky & Co. Brockhaus entschied sich für letztere Firma, die im November 1810 die Commission übernahm und bis Ende 1811 besorgte. Die Buchhandlung Mitzky & Co. wurde zu dieser Zeit an einen bisher in derselben arbeitenden Gehülfen, Wilhelm Engelmann, verkauft, der dieselbe am 20. December 1811 übernahm und unter seiner eigenen Firma fortsetzte; dieser besorgte von da an auch Brockhaus' Commission.
Die Buchhandlung, mit welcher es Brockhaus am schwersten wurde, zu einer Einigung zu gelangen, war die Firma Johann Friedrich Gleditsch, die, wie eben erwähnt, bis zu diesem Zeitpunkte Brockhaus' Commissionär gewesen war. Der Besitzer derselben, Karl Friedrich Enoch Richter, war es, der, wie früher mitgetheilt, zuerst streng gegen Brockhaus auftrat und dadurch dessen Abreise nach Altenburg veranlaßte, indem er den Ersatz für einen ihm von Brockhaus auf sein amsterdamer Geschäft gegebenen und dort durch ein Zusammentreffen von Umständen nicht eingelösten Wechsel in der dringendsten Weise verlangte. Brockhaus hat über Richter's damaliges Auftreten selbst Folgendes niedergeschrieben:
Er schlug die inständigsten Bitten, nur einen Posttag zu warten, ab; er wies alles accomodement durchaus von der Hand und verlangte auf den folgenden Tag baare und nur baare Zahlung. Herr Enoch Richter war die alleinige und einzige Ursache meiner Entfernung von Leipzig, weil er schlechterdings auf der Stelle in Geld befriedigt sein wollte.
Von Altenburg aus wurden weitere Unterhandlungen zwischen Brockhaus und Enoch Richter eingeleitet. Letzterer wollte gegen Abtretung des Verlagsrechts der »Urania« seine eigene Forderung und zugleich die des Bankiers Christian Friedrich Richter als ausgeglichen betrachten. Brockhaus war dazu auch bereit, zumal Enoch Richter ihm dafür eine ihn selbst überraschende hohe Summe bot. Indeß reute Enoch Richter dieses Anerbieten wieder, und er verlangte nun auch noch Abtretung des »Conversations-Lexikon«! Darauf konnte und wollte Brockhaus nicht eingehen. Nach langen Verhandlungen wurde endlich im Herbst 1811 eine Verständigung auf andern Grundlagen abgeschlossen. Enoch Richter konnte es sich dabei aber nicht versagen, Brockhaus' Auseinandersetzungen über ihre Verständigung als »schöne Phrasen« zu bezeichnen, was diesen am 8. December 1811 zu folgender Antwort veranlaßte:
Da von meinen Briefen Copie genommen wird, so habe ich mit der größten Resignation diesen letzten nochmal überlesen, und ich muß mir selbst das Zeugniß geben, daß ich endlich kein Wort darin habe zu finden vermocht, was jene Bezeichnung und Charakteristik verdiente, und ich kann dessen auch um so gewisser sein, da in meiner Seele nichts liegt, was diesen Charakter trüge, auch überhaupt es mein Wesen nur zu wenig ist, Phrasen zu machen, da ich alle Verhältnisse um mich her immer nur zu sehr in Wahrheit auffasse und mich darüber ausspreche. Da mir als Mensch dieser Ihr Vorwurf sehr schmerzhaft gewesen, so ist dies der einzige Punkt, gegen den ich in Ihrem Briefe reclamire, indem ich Ihnen die Versicherung gebe, daß der sonstige Inhalt mich befriedigt hat .... Weiter weiß ich nichts, und so wäre unsere Fehde doch nicht in Unehre geendet! Ich wünsche Ihnen alles Gute.
In spätern Jahren veränderten sich die Verhältnisse der beiden Männer und ihrer Firmen nicht unwesentlich; wir können nicht umhin, auf zwei solcher Momente kurz hinzuweisen.
Im Jahre 1819 hatte Brockhaus Veranlassung, aus Leipzig, derselben Stadt, in der sich die altberühmte Gleditsch'sche Buchhandlung seit ihrer Begründung befand, an den Besitzer derselben, Enoch Richter, der ihn acht Jahre vorher so hart behandelt und aus jener Stadt vertrieben hatte, als Besitzer einer weit jüngern, aber inzwischen zu immer größerer Bedeutung gelangten Buchhandlung, zu schreiben: er könne ihm weder mit Kasse noch mit fremden Papieren »aushelfen« (wegen der damals herrschenden Handelskrisis) und habe ihm die frühern 3000 Fl. nur »aus Gefälligkeit« überlassen. Jener hatte sich also schon zum zweiten male um Unterstützung an ihn gewandt.
Und eine noch eigenthümlichere Fügung des Schicksals ist es, daß die Firma Johann Friedrich Gleditsch, nachdem ihr Besitzer, Enoch Richter, hatte liquidiren müssen, einige Jahre darauf mit dem größten Theile ihrer umfassenden Verlagswerke für eine ansehnliche Kaufsumme in den Besitz der Firma F. A. Brockhaus überging und Enoch Richter in den letzten Jahren seines Lebens von dieser literarisch beschäftigt wurde!
Enoch Richter war übrigens ein intelligenter Buchhändler und überhaupt ein begabter Mann. Von ihm rührt die Idee zu der großen »Allgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften und Künste« von Ersch und Gruber her, die seit 1818 in dem Gleditsch'schen Verlage erschien und mit diesem 1831 von der Firma F. A. Brockhaus erworben wurde. Ferner bearbeitete er 1830 für letztere das »Vollständige Handwörterbuch der deutschen, französischen und englischen Sprache«, welches so großen Beifall fand, daß es 1870 in neunter umgearbeiteter Auflage erscheinen konnte. Richter starb in Hamburg am 15. October 1831, und dies war gerade der Tag, an dem die Gleditsch'sche Buchhandlung das Eigenthum der Firma F. A. Brockhaus wurde!
Die Gleditsch'sche Buchhandlung (über deren Geschichte einige Angaben hier wol am Platze sind) war 1693 von Johann Friedrich Gleditsch in Leipzig gegründet worden, nachdem derselbe schon seit 1681 die Buchhandlung von Johann Fritsch geleitet hatte. Nach seinem Tode (26. März 1716) von einem Sohne fortgeführt, kam sie später in den Besitz von Wilhelm Heinsius (bekannt durch das von ihm begründete und herausgegebene, später ebenfalls in den Verlag von F. A. Brockhaus übergegangene »Allgemeine Bücher-Lexikon«); 1805 von Enoch Richter angekauft, wurde sie Ende 1827, als dieser sich genöthigt sah, zu liquidiren, von Johann Friedrich Schindler übernommen, nach dessen Tode (15. December 1828) von seiner Tochter Anna Therese, verehelichten Dr. Hahn; diese trat sie am 14. April 1830 an Christian Reichenbach's Erben & Compagnie ab, worauf sie endlich, wie bereits erwähnt, am 15. October 1831 an die Firma F. A. Brockhaus überging. Von letzterer wurde die alte Firma Johann Friedrich Gleditsch, nachdem sie unter diesem Namen ihres Begründers 138 Jahre lang bestanden und zu den angesehensten deutschen Buchhandlungen gehört hatte, nicht weiter fortgeführt, sondern deren Verlag (mit Ausnahme einiger vorher bereits an andere Verlagshandlungen verkauften Werke) mit dem ihrigen vereinigt.
Fast so schwer wie mit Enoch Richter war für Brockhaus eine Verständigung mit dem Bankier Friedrich Christian Richter, der mit ihm während der letzten Jahre in lebhaftem geschäftlichen und selbst in freundschaftlichem Verkehr gestanden hatte, wenn auch, wie die von uns früher mitgetheilten Briefe zeigen, vorübergehend Störungen darin eingetreten waren.
Der jetzt zwischen Beiden geführten Correspondenz verdanken wir folgenden Brief, der Brockhaus' ganze Lage in dieser Periode mit manchen bisher noch nicht erwähnten Details klar darlegt, am 21. April 1811 aus Altenburg an den frühern Freund gerichtet:
Zwischen meinem Bevollmächtigten, Herrn Friedrich Ferdinand Hempel hier, und Ew. Wohlgeboren haben seit dem vorigen October schriftliche mich betreffende Unterhaltungen stattgehabt, die mir sämmtlich zur Kenntniß gekommen sind.
In dem letzten Briefe, womit Ew. Wohlgeboren ihn beehrt haben, erklärten Sie sich auf die Anfrage, ob Sie geneigter seien, Ihre Forderung an mich auf Termine zu setzen und sie dann ganz zu empfangen, oder ob Sie es vorzögen, mit der Lage der Dinge angemessenen Aufopferungen eine sofortige Liquidation zu erhalten: daß Sie auf jenes nie eingehen würden, wohl aber in Erwägung der Umstände sich zu diesem verstehen dürften. Eine gleiche oder ähnliche Antwort ging von allen übrigen Creditoren ein.
Die Aufgabe war also jetzt, Fonds zu finden, um dem Ansinnen und dem Drange der Creditoren zu begegnen. Der Natur der Verhältnisse wegen mußten die Creditoren sämmtlich und auf einmal befriedigt werden, und es war demnach ein bedeutendes Kapital nothwendig. Wären die Creditoren gleich nach der Michaelismesse dem Vorschlage des Herrn Hempel beigetreten, mir provisorisch für eine gewisse Zeit Ruhe zu lassen und persönliche Sicherheit zu garantiren, wogegen er sich dann verpflichten wolle, ein den Umständen angemessenes Kapital durch Negociation herbeizuschaffen, so würden die Creditoren einerseits schneller sein befriedigt worden, sie würden gewiß bessere Bedingungen als jetzt erhalten haben, und für mich wären die schweren Aufopferungen nicht nöthig gewesen, die ich nachher zu machen bin gezwungen worden. Die respectiven Creditoren wiesen jenen gutgemeinten Vorschlag, der Alles vielleicht geeinigt hätte, von der Hand, und so wie für sie selbst mit, so entstanden auch für mich aus seiner Verwerfung sehr unangenehme Resultate. Einzelne von den Creditoren suchten mich gerichtlich zu verfolgen, woraus odiose und kostbare Processe entstanden. Hierdurch und durch die Heftigkeit und die Leidenschaft, womit wieder Andere sich gegen mich erklärten, wurde das Vertrauen, das man gegen mich und meine Angelegenheiten gezeigt hatte und welches Vertrauen mir jene Fonds würde verschafft haben, geschwächt! Das schwere neue häusliche Unglück, das durch die fürchterliche Krankheit der Frau Hofräthin Spazier, die in jener Periode nach einem heftigen Nervenfieber ihres Verstandes beraubt wurde, mich traf und mich in namenlosen neuen Jammer stürzte, kam hinzu, um jedes Vertrauen zu meiner äußern Lage, da ohnehin das Geschäft jetzt ganz in Stockung gerieth, also täglich schlechter wurde, vollends zu zernichten!
Bei diesem neuen Stande der Dinge blieb nichts Anderes übrig als Concurs, der aber den Creditoren Alles entzogen hätte bei der Priorität meiner Kinder, oder schnelle Aufopferung von allen concurrirenden Theilen (den Creditoren, von mir und den Vormündern der Kinder), wenn wenigstens Etwas gerettet, jene nicht Alles verlieren und ich nicht ganz zu Grunde gehen sollte.
Pflicht der Menschlichkeit verbot es mir indessen, meine Freundin in ihrem schrecklichen Zustande zu verlassen. Das habe ich auch damals nicht gethan, trotz allen Gefahren, die mich umringten, obgleich gegenwärtig unsere Verhältnisse gänzlich getrennt sind. Erst als ich die arme unglückliche Frau nach einiger Genesung in Begleitung ihrer Schwester, der Gattin Jean Paul Richter's, nach Berlin zu ihrem Vater zurückgebracht hatte, konnte und durfte ich mich wieder mit meinen eigenen Angelegenheiten beschäftigen! Wie sehr sich solche aber verschlimmert hatten, bedarf keiner Ausführung!
In diesen Zeitpunkt ohngefähr oder etwas früher fällt Herrn Hempel's obengedachte Anfrage und auch Ihre Antwort, und wir haben jetzt den Stand- und Zeitpunkt wieder, von dem mein heutiges Schreiben oben ausging.
Bei der Unmöglichkeit also, außer in mir selbst anderwärts Fonds zu finden, blieb Nichts weiter übrig, als sich solche zu jedem Preise und mit jeder Aufopferung durch Verkauf von Eigenthum zu verschaffen. Ich beschloß demnach, die Sortimentshandlung in Amsterdam loszuschlagen, und ich reiste zu diesem Endzweck Anfang März von Altenburg nach Amsterdam. Meine dortige Bilanz, die ich Ihnen vorlegen kann, wie ich Ihnen Alles, was ich sage, durch Documente zu beweisen im Stande bin, hatte im November noch einen Ueberschuß von 30000 Fl. (nominell, obgleich Alles ordentlich geschätzt und inventirt) dargeboten. Allein sowol durch die jetzige Lage Hollands, da drei Viertel des Nationalvermögens seit zwölf Monaten nach und nach verschwunden ist, da alle öffentlichen Anstalten, Universitäten, Institute &c., denen ihre Fonds sämmtlich auf Nationalpapieren beruhen, durch die Tiercirung der Zinsen unfähig sind zu zahlen und zu kaufen, da endlich die eigentlichen Nahrungsquellen dieses Landes durch die jetzigen Maßregeln versiegt sind, — so war, wie man erwarten mußte, jetzt dort Alles entwerthet.
Meine Handlung war ohnehin seit dem November größtentheils in Stockung gerathen und unterbrochen worden; dagegen waren die Unkosten fortgegangen; schwere Abgaben waren zu leisten gewesen, drückende Einquartierungen hatten stattgehabt; mein und der Handlung Credit war infolge aller Störungen zernichtet; mehrere Gläubiger auch dort hatten alle disponibeln Kräfte durch ihren Druck ausgesogen.
Jeder Billige und Verständige wird einsehen, wie unter solchen Verhältnissen der Kapitalwerth meines dortigen Eigenthums seit sechs Monaten mußte geschwächt worden sein, wie er täglich mehr schwinden mußte, und welche Aufopferungen ich werde zu machen gezwungen gewesen sein, um dasjenige, was noch dort war, schnell oder vielmehr auf der Stelle gegen gleich baare Zahlung oder doch solche Garantien, auf welche ich baare Fonds negociiren könnte, zu realisiren! Ich habe aber alle diese Aufopferungen nicht gescheut und nicht scheuen dürfen, und so habe ich mit einem reellen Verluste von wenigstens 20000 Fl. dort ein Kapital gerettet, das ich jetzt bei meiner Zurückkunft aus Holland auf der Stelle meinen Creditoren hier anbiete!
Zwar gehört dies Kapital streng genommen meinen Kindern, und wenn ich auf das Aeußerste hinauf- oder hinausgetrieben werde, so wird es auch nur ihnen. Ich persönlich gehe dann zwar unter, und man erreicht dann darin das, was man oft nur zu wollen geschienen hat oder gesucht; aber Jene, die armen verwaisten Kinder, thun es doch nicht. Ich sage, das Kapital gehört streng genommen zwar diesen, allein die Hoffnung, daß, einmal gründlich debarrassirt von allen Störungen und Hindernissen, es mir gelingen werde, durch neue Thätigkeit wieder zu erwerben, was jetzt dahingegeben wird, hat mich den Entschluß fassen lassen, es darauf zu wagen, jetzt alles Disponible nur hinzugeben, um nur zu neuer und geregelter Thätigkeit zurückkehren zu können!
Was wir bei dieser Lage der Umstände anzubieten und zu geben im Stande sind, haben wir auch Ew. Wohlgeboren durch Herrn Mitzky anbieten lassen.
Es ist Niemand, der es schmerzhafter fühlt als ich selbst, wie schwer jedem einzelnen Creditor die Aufopferung fallen muß, die ich ihm zumuthe. Aber hier ist einmal kein anderes Mittel. Jetzt ist nicht mehr da. Und es wird nie mehr da sein als jetzt. Jedem Creditor muß die Wahrheit dieser Anführungen in die Augen springen.
Nur von dem, was vom Verlagsgeschäft nach und nach spärlich eingeht, und weiter von zu hoffender fremder Unterstützung soll und kann das neue Leben begonnen werden. Kann ich aber über Jenes anticipirend verfügen? Kann ich diese einmal begehren oder suchen oder annehmen, solange das Alte nicht vorab geordnet ist?
Gelingt es mir dagegen, einst neue Kräfte zu erhalten, so wird mein Ehrgefühl mich von selbst bestimmen, das aus eigenem Motive nachzuholen, was jetzt aufgeopfert wird.
Ew. Wohlgeboren haben mündlich und schriftlich gegen Hempel sich mit Härte und Wegwerfung, ja selbst mit Beschimpfung über mich ausgedrückt. Ich antworte darauf nur: Ich habe es nicht verdient!
Alles, was geschehen, ist durch das Gedränge der gebietendsten Ursachen veranlaßt worden. Ich habe durch unverschuldete Verluste, durch äußere Ursachen, die weder vorherzusehen noch zu berechnen waren, schwere Verluste gehabt. Tod und Krankheit hat meine moralischen und meine physischen Kräfte lange gelähmt.
Alles, was ich Ihnen je in vertrauten Stunden gesagt, Ihnen in vertrauten Briefen geschrieben, ist wahr gewesen. Ich habe Ihnen nie ein wesentliches Wort gelogen. Ueber den einen speciellen Vorwurf, den Sie mir direct und indirect gemacht, kann ich mich rechtfertigen.
Werfen Sie jetzt noch einen Stein auf mich!
Das Einzige, worüber ich mir Vorwürfe mache, wozu aber Sie nicht das Recht haben, waren meine Verhältnisse zu einer geistreichen und liebenswürdigen Frau, deren eigene Verhältnisse zur Welt mir aber unbekannt waren. Aber diese haben auch nur von mir dürfen entdeckt werden, um eine Verbindung für immer in dem Augenblick aufzuheben, wo es mein Gefühl für Menschlichkeit und die Gesetze der Ehre erlaubten!
Ich komme jetzt zur Hauptsache. (Folgen detaillirte Vorschläge.)....
Wer Geschäfte kennt und die Erfahrung hat wie Sie, der weiß, daß ein einmal stockendes Geschäft täglich schlechter wird. Bewilligte man mir im October provisorische persönliche Ruhe und Sicherheit, so konnten und würden wir gewiß weit bessere Offerten machen wie jetzt. Schlägt man diese jetzigen abermalen aus, so werden die, welche wir über sechs Monate machen können, von neuem in derselben Progression schlechter sein! Dies ist mathematisch nothwendig.
Ich will es nicht versuchen, Sie durch irgend weitere und andere Mittel, als es die vorstehend gegebene einfache Exposition aller Verhältnisse gewesen ist, überreden und bestimmen zu wollen! Sie sind zu einsichtsvoll, um nicht die Lage der Dinge zu würdigen, und zu edel, um mich zur Verzweiflung treiben und vindicativen Gesinnungen Gehör geben zu wollen. Sollten Sie einen unserer Vorschläge annehmen, so wird der Betrag nach Regulirung der Rechnung augenblicklich nach empfangener Nachricht, die Sie gefälligst Herrn Mitzky mittheilen wollen, baar angewiesen oder bezahlt.
Dieser Brief blieb nicht ohne Erfolg, und Richter nahm in der Hauptsache die ihm gemachten Vorschläge an.
Brockhaus hatte so nach der Rückkehr von der leipziger Ostermesse des Jahres 1811 zum ersten male nach langer Zeit die Beruhigung, wieder festen Fuß fassen zu können. Die Regelung einiger anderer Rechnungsverhältnisse (namentlich mit der J. G. Cotta'schen Buchhandlung in Tübingen, Friedrich Vieweg in Braunschweig und Heinrich Gräff in Leipzig) zog sich noch bis zur Ostermesse 1812 hin, ohne indeß den Wiederbeginn seiner Thätigkeit zu stören.
Daß aber Brockhaus seines (auch in dem eben mitgetheilten Briefe gegebenen) Versprechens eingedenk war und dasselbe im vollsten Sinne des Wortes einlöste, zeigt der von einem angesehenen leipziger Advocaten unterm 15. März 1820 an Brockhaus' frühere Creditoren in dessen Auftrage gerichtete Circularbrief, welcher der Zeit vorgreifend gleich hier folgen möge:
Ich bin von Herrn Brockhaus hier mit einem Auftrage beehrt worden, dessen ich mich hierdurch mit besonderm Vergnügen entledige.
In den Jahren 1811-1812 kam, wie Sie sich erinnern werden, das Geschäft unter der Firma: Kunst- und Industrie-Comptoir in Amsterdam, aus Ursachen mancherlei Art in die unangenehme Lage, seine Creditoren um Nachsicht bitten zu müssen. Diejenigen derselben, welche diese Nachsicht zugestanden, wurden innerhalb eines Jahres vollständig befriedigt. Ein anderer Theil, wozu auch Ew. Wohlgeboren gehörten, lehnte diese Nachsicht ab und zog die ihnen gegebene Alternative vor, gegen gleich baare Zahlung einen Theil ihrer Forderungen freiwillig aufzuopfern.
Zur Findung der hierzu erforderlichen Fonds wurde das Sortimentsgeschäft der gedachten Firma für die Summe von 7000 Gulden und mit einem Verluste von wol 30000 Gulden verkauft, ein Umstand, den ich wie den, daß die im Laufe von 1811 nachgelieferten und während 1810 theilweise zurückgehaltenen Journale vom Jahre 1810 am Ende nicht mehr in Holland, das in der Zwischenzeit die französischen Gesetze bekommen hatte, eingeführt werden konnten und sämmtlich confiscirt wurden, welches einen Verlust von abermals gegen 5000 Gulden an Journalcontis nach sich zog, zur richtigen Beurtheilung der damaligen Verhältnisse mir besonders deshalb anzuführen erlaube, weil dieses amsterdamer Sortimentsgeschäft und was damit verbunden, eigentlich den Kindern erster Ehe des Herrn Brockhaus hätte zugewendet werden müssen, Herr Brockhaus es aber verlangte, daß es auf diese Weise verwendet wurde.
Herr Brockhaus war der Chef der gedachten Firma sowie der alleinige bekannte Eigenthümer derselben gewesen. Nach dieser Stockung hörte die alte Firma auf, und das Geschäft wurde unter dem Namen des Herrn Brockhaus und von jetzt an für seine alleinige Rechnung fortgesetzt.
Es war von jeher die Absicht des Herrn Brockhaus, jene Nachlasse, ob sie gleich freiwillig zugestanden waren und eine einjährige Nachsicht sie ganz überflüssig gemacht und auch jenes Geschäft gerettet hätte, unter günstigern Umständen nachzuberichtigen, und er hat auch diejenigen, welche ihm eine höhere moralische Verbindlichkeit zu haben schienen, successive längst beseitigt und vollständig liquidirt.
Gegenwärtig, nachdem auch seine Kinder erster Ehe vorab für jene Verluste beim Verkauf des amsterdamer Geschäfts vollständig von ihm entschädigt worden sind, hat er infolge jener Absicht sich entschlossen, diejenigen Nachlasse, welche in gedachten Jahren der Firma des Kunst- und Industrie-Comptoirs zugestanden und die noch nicht von ihm ersetzt worden, ohne Ausnahme und mit den Zinsen, vom 1. Januar 1813 an gerechnet, sämmtlich nachzuliquidiren, und ich bin in Gemäßheit dieses Vorsatzes beauftragt, Ew. Wohlgeboren, welche sich in diesem Fall befinden, über den damaligen Abschluß der Rechnung mit dem Kunst- und Industrie-Comptoir um einen Abzug in duplo zu ersuchen.
Ich habe diese Notification folgenden Handlungen zu machen (folgen die betreffenden Namen), indem diese, soviel Herrn Brockhaus bewußt, die einzigen sind, gegen welche noch Verbindlichkeiten der gedachten Art zu erfüllen wären. Da Herrn Brockhaus es beehrgeizt, daß auch Niemand jetzt übergangen bleibe, so wünscht er, daß, im Fall Ihnen noch Jemand bekannt sei, der hier nicht genannt ist und sich im gleichen Falle befinde, Sie diesen veranlassen möchten, sich mir zu erkennen zu geben.
Weil diese Angelegenheit sich nicht durch die Handlungsbücher des Herrn Brockhaus ziehen läßt, sondern von ihm privatim liquidirt wird, so wollen Ew. Wohlgeboren Ihre Mittheilungen darüber nebst den schon gedachten Auszügen auch nicht direct an Herrn Brockhaus, sondern an mich adressiren, wie Sie denn auch durch mich späterhin nach erfolgter Verification die Valuta erhalten werden ....
Herr Brockhaus theilt Ihnen zugleich seinen aufrichtigen Wunsch mit, daß, was zwischen Ihnen und ihm in jener Vergangenheit liege, und das, wo man sich gegenseitig möge oder könne gekränkt haben, rein und völlig vergessen sei oder es werde.
Er ersucht Sie, ihm dieselben wohlwollenden und freundschaftlichen Gesinnungen zu widmen, welche er gegen Ew. Wohlgeboren zu hegen vollkommen geneigt ist.
Dieses Schreiben bildet wol den würdigsten und versöhnendsten Abschluß der Sturm- und Drangperiode in Brockhaus' Leben und bedarf keines weitern Commentars von unserer Seite; wir versagen uns deshalb auch die Wiedergabe der ebenso große Ueberraschung als Befriedigung zeigenden Antworten, die darauf von allen Seiten eingingen.
Als jenes Schreiben in seinem Auftrage erlassen wurde, hatte Brockhaus allerdings Altenburg schon wieder verlassen und war in dem Hafen angelangt, der den Ziel- und Endpunkt seiner Lebenswanderungen bilden sollte.
Bevor wir ihm aber dahin, nach Leipzig, folgen, haben wir die von ihm dauernd in Altenburg zugebrachte Zeit vom Frühjahre 1811 bis Ostern 1817 mit ihm zu durchleben.
Blicken wir vorher noch einmal zurück auf die anderthalb Jahre, welche Brockhaus seit dem Tode seiner Frau bis zur Festsetzung in Altenburg verlebte, so erfüllt uns gewiß ebenso reges Mitleid mit seinen Schicksalen als volle Anerkennung der Energie, mit der er diese zu überwinden verstand. Er hatte die schwersten innern Kämpfe zu bestehen und gleichzeitig um seine äußere Existenz zu ringen, aber aus beiden Kämpfen ging er endlich doch siegreich hervor. Seinen Hauptzweck: das amsterdamer Geschäft zu verkaufen und sich bleibend in Deutschland niederzulassen, hatte er wenn auch mit schweren Opfern erreicht; er hatte mit der Vergangenheit abgeschlossen und konnte ein neues Leben beginnen.