Vierter Abschnitt.
In Altenburg.


1.
Neues Leben.

Mit der Rückkehr von der leipziger Buchhändlermesse nach Altenburg im Mai 1811 beginnt ein neuer Abschnitt in Brockhaus' Leben und Wirken.

Ein von ihm am 21. Mai geschriebener Brief, an Bornträger, der zur vollständigen Abwickelung der alten Verhältnisse noch in Amsterdam geblieben war, zeugt nach langer Zeit zum ersten male wieder von besserer Stimmung, von wiedergewonnenem Vertrauen auf die eigene Kraft und von energischer Wiederaufnahme der verlegerischen Thätigkeit.

Mit diesem Tage beginnt auch das erste im Besitz der Firma befindliche Copirbuch seiner Geschäftsbriefe; ebenso sind die an ihn in Geschäftsangelegenheiten gerichteten Briefe erst von dieser Zeit an vorhanden.


Altenburg, das von dieser Zeit an sechs Jahre hindurch (bis Ostern 1817) Brockhaus' bleibenden Aufenthalt bildete, war damals nicht Residenz, was es erst 1826 als Hauptstadt des der Regentenfamilie von Sachsen-Hildburghausen zugefallenen selbständigen Herzogthums wurde. Das Land Altenburg war zwar auch bis dahin ein selbständiges Fürstenthum, aber mit Gotha durch eine Art Personalunion zu dem Herzogthum Sachsen-Gotha-Altenburg verbunden. Der gemeinschaftliche Herzog Emil August residirte in Gotha, doch hatte Altenburg eine gesonderte Gesetzgebung und Verwaltung, eigene Landstände und Centralbehörden (Landesregierung, Kammercollegium, Consistorium u. s. w.). Aus diesen eigenthümlichen Verhältnissen erklärt sich das rege geistige Leben, das in diesen Jahren in Altenburg herrschte. Der selbst geistig hervorragende Herzog hatte bedeutende Männer an sich herangezogen, und diese bewegten sich, entfernt von den unmittelbaren Einwirkungen einer fürstlichen Hofhaltung, um so freier. Der Kammerpräsident, spätere Minister Hanns von Thümmel, Bruder des Dichters und frühern sachsen-koburgischen Ministers Moritz August von Thümmel, zeichnete sich durch geniale gesetzgeberische und Verwaltungsthätigkeit aus; der Kanzler und Minister von Trützschler durch juristische Werke; der Kammerrath, spätere Minister Bernhard von Lindenau durch astronomische Werke und landständische Wirksamkeit im liberalen Sinne. Andere hervorragende Mitglieder der altenburger Gesellschaft waren: Generalsuperintendent Demme, Superintendent Schuderoff, Gymnasialdirector Professor Matthiä (Verfasser der bekannten griechischen Grammatik), Gymnasialprofessor Messerschmidt, Kammerverwalter Ludwig, Regierungssecretär Hofrath Brümmer, Hofadvocat Friedrich Ferdinand Hempel (durch seine satirischen Schriften unter den Pseudonymen Spiritus Asper, Peregrinus Syntax u. s. w. bekannt), Kammersecretär Lüders, Hofrath Buddeus, Geh. Kammerrath Zinkeisen, Hofrath Dr. Pierer (Inhaber der Hofbuchdruckerei), endlich der Bankier, spätere Geh. Finanzrath August Reichenbach.

Hauptmittelpunkte des geistigen und geselligen Verkehrs bildeten die Häuser von Ludwig und Reichenbach, besonders durch die denselben angehörenden geistvollen Frauen: die Gattin Ludwig's nebst ihrer unverheiratheten Schwester, die drei Schwestern Reichenbach's, Frau Hoffmann, Frau Klein und Frau Hofräthin Pierer, und Karoline Hempel, die Schwester Ferdinand Hempel's. Man lebte überaus gesellig und veranstaltete oft Bälle, Concerte und Theateraufführungen, während die Männer auch noch allein zu geistigem Verkehre zusammenkamen.

In diesen Kreis, dessen Mitglieder uns zum Theil schon früher begegnet sind, war Brockhaus gleich nach seiner Ankunft aufgenommen worden und bildete bald einen Mittelpunkt desselben.

Frau Professor Luise Förster in Dresden, die Gattin Karl Förster's und Schwester Ernst und Friedrich Förster's, theilt uns über diesen Kreis, dem sie in ihrem älterlichen Hause ebenfalls angehörte, Folgendes mit:

Obschon Brockhaus als ein Fremder in Altenburg eintrat, wurde er doch bald als ein willkommener Einheimischer betrachtet; sein gediegener Charakter, eine tiefgehende Humanität, vielseitige Kenntnisse, das ernste Streben, der Wissenschaft und durch dieselbe allem Guten und Schönen förderlich zu werden, dabei ein nie verletzender Humor, zu welchem eine gewinnende Persönlichkeit sich gesellte, alle diese Vorzüge waren bald erkannt, und Brockhaus wurde der Mittelpunkt der gebildeten kleinen Welt in Altenburg. Zu seinem nähern Umgang gehörten: Hofrath Pierer, Professor Messerschmidt, Ludwig, Brümmer, Hempel (Spiritus Asper), Bankier Reichenbach, Königsdörfer, Minister von Thümmel und dessen Bruder, der durch seine Schriften bekannte Moritz von Thümmel; auch der hochgeachtete Generalsuperintendent Hermann Demme, durch seine literarische Thätigkeit bekannt und gepriesen, stand dem geistverwandten Brockhaus nicht fern. Der Umgang mit diesen Familien, wo das seichte Salonleben weder unter Männern noch Frauen sich einbürgern konnte, war für Brockhaus zusagend; er war für den geistigen Austausch in diesen Kreisen das belebende Element, und obschon die zartern Formen der Weltbildung ihm wol angeboren waren, so konnte man doch annehmen, daß Goethe's Worte im »Tasso«:

Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
So frage nur bei edeln Frauen an,

ihm ein treuer Wegweiser für geselligen Umgang waren.

Der erwähnte kleine Kreis, welcher sich fast in jeder Woche einmal vereinigte, wurde von den jenem Kreise Fernstehenden nicht ohne Ironie die »Theegesellschaft« genannt; vielleicht auch, weil in jener Zeit der Genuß des Thees, den nur die höhere Gesellschaft sich erlaubte, als ein ungewöhnlicher, aber »matter« Luxus bezeichnet wurde.

Besonders fühlte sich Brockhaus von der Ludwig'schen Familie angezogen, der er zunächst durch geschäftlichen Verkehr mit Ludwig, als dem Curator der Hofräthin Spazier, näher getreten war. Als er Anfang März Altenburg plötzlich verließ, um nach Amsterdam zu reisen, drängte es ihn, noch von Halle aus Frau Ludwig seine Empfindungen darüber auszusprechen. Dieser spät in der Nacht vor der Weiterfahrt geschriebene Brief lautet:

Ich wage es drauf, verehrteste Frau, und möchte ich auch dafür ein wenig unbescheiden gehalten werden, Ihnen selbst und ohne Vermittelung, die doch immer in etwas die Lebendigkeit der Gedankenmittheilung unterbricht, zu sagen, wie sehr Sie und alle Theile und Bilder Ihres würdigen Hauses mich beschäftigen, und wie sehr es mein Wunsch ist, auch Ihnen Allen, die diesen schönen Lebensverein bilden, in recht gutem Andenken zu bleiben. Ich kann Ihnen die Empfindungen nicht durch Worte, noch weniger durch Schriftzüge ausdrücken, die ich hatte, als ich Sonntag Morgen Ihnen, Ihrer Schwester, Ludwig Lebewohl sagte. Es war mir, als hätte ich für immer mit Ihnen Allen gelebt (so nahe fühlte ich mich Ihnen), und wieder, als sei meine Trennung von Ihnen für ewig, so sehr ergriff es mich. Wer weiß es auch, wie das Schicksal mein nun lange her verworrenes Leben weiter noch verwirren will, oder auch, dies ist ein Lichtstrahl durch den für mich umzogenen Himmel, ob sich jetzt vielleicht Fäden zeigen werden, an die sich eine neue und schöne Zukunft binden könnte. Seit dem 8. December — es sind nun 15 Monate — wo ich das Theuerste verlor, was ich auf Erden hatte, und von welchem Tage an mein Leben sich auch verwirrte, habe ich keine andern rein glücklichen Stunden gehabt als die, welche ich in Ihrem Anschauen, verehrte Frau, in der Betrachtung und Würdigung Ihrer himmlischen Anmuth und Ihres Edelsinns gehabt habe. Aus diesem Gesichtspunkte genommen könnte ich diese so unglückschwanger gewesene Zeit selbst für einen schönen Zeitraum halten, und auch ohne diesen meinen höchsten Schwung der Empfindung gibt es noch andere Standpunkte, aus welchen ich diese Zeit für sehr reich — für üppig reich selbst — für mein geistiges Dasein halten muß. Ich habe in den fünf Monaten meines altenburger Aufenthalts geistig mehr gelebt und erlebt, als manchem Erdenkinde im ganzen Leben oft beschieden wird, und wenn auch das Unglück sich über mich in demselben erschöpfen zu wollen schien, so hat es doch auch wieder einen Reichthum in sich gehabt, daß mir das Unglück selbst fast theuer geworden ist durch den Umfang der Erfahrungen und Beobachtungen, die ich in demselben habe machen müssen, und durch die Gelegenheit, die ich in ihm gefunden habe, Sie, verehrte Frau, Ihre vortreffliche Fräulein Schwester, dann die lebenskluge und herrliche Karoline, und von Männern Ludwig und Hempel näher kennen zu lernen. Ich werde nie vergessen, in welche Lage des Lebens ich auch möge versetzt werden, was ich Ihnen Allen, besonders auch Ihrem edeln Manne und dem von mir sehr hochgehaltenen Ferdinand (Hempel) schuldig bin, und mein Leben wird immer dem lebhaftesten Danke geweiht sein.

Leben Sie wohl. Möge ich bald zu Ihnen zurückkehren können! Ihrer von mir sehr verehrten Schwester die herzlichste Empfehlung.

In anderer Weise bezeichnend für Brockhaus' Schreibweise und für den in dem altenburger Kreise herrschenden Ton ist folgender Brief, den er einige Tage darauf, am 8. März, aus Osnabrück an Ludwig richtete:

Dem Himmel sei Dank, liebster Ludwig, mehr als zwei Drittel der schweren Reise, nämlich 55 Meilen, sind zurückgelegt in den noch nicht 4½ Tagen. Ich bin im Wesentlichen nie so schnell gereist als diesmal. Den Montag vertrödelte ich nämlich ganz auf den wenigen Meilen bis Leipzig und in Pourparlers mit meinem Commissionär, den ich erst in Greudniz (Reudnitz) und nachher wieder in Leipzig sprach. Erst um 8 Uhr abends kam ich von Leipzig weg.

Jetzt aber hätte ich auf den Flügeln des Sturmwindes mein Ziel ereilen mögen! Ich fand jedoch so viele prosaische Hindernisse an grundlosen Wegen, schlechten Pferden, groben Postmeistern und betrunkenen Postillonen, die meine poetische Eile gar nicht verstehen wollten, daß ich nur durch große Resignation auf Alles, was zur Restauration und zur Bequemlichkeit des äußern Lebens gehört, und mit Unterstützung der gegenwärtig wirklich sehr guten neuen westfälischen Postordnung — wenn der Reisende auf die Ausführung dringt! — es so weit habe bringen können, jetzt schon hier zu sein. Aber ich habe mich auch was geeilt, lieber Ludwig. Nur immer vorwärts, dachte ich, um schnell wieder rückwärts zu kommen zu den biedern Altenburgern. Kein Abenteuer ist also bestanden, denn daß ich einmal bin umgeworfen worden und die elende Postchaise in tausend Stücke, ich aber in heiler Haut davonging, ob es gleich possirlich genug war, wie es hätte gefährlich sein können, ist nicht dahin zu rechnen. Nach keiner Merkwürdigkeit habe ich mich umgesehen, keinen berühmten Mann habe ich besucht, kein bedeutendes Wort habe ich sprechen hören, und ich würde wahrlich in Verlegenheit sein, wie ich eine Reisebeschreibung auch nur im kleinsten Sedez zu Stande bringen sollte. Da stehe ich recht beschämt vor meinem weiland Collegen, dem großen Nicolai, der über Nürnberg, wo er eine Nacht schlief, einen dicken, dicken Band von 500 Seiten schrieb, und ich stehe auch neidisch gegen einen Spiritus Asper, der über eine kleine Reise um seinen kleinen winzigen Tisch[47] mehr Merkwürdiges und Geistreiches sagen wird als ich, wenn ich eine Reise um die Welt machen und sie beschreiben sollte. Phantasie und Reflexionen, wie Sie, liebster Ludwig, uns solche in so besonnener Form gegeben — oft zu besonnener, denn beim Reisen wie beim Leben muß es oft heißen: desipere in loco — sind mir nun vollends gar nicht viele in den Kopf gekommen, wie ich es ehrlich gestehen will. Es muß mir am Zeuge dazu, den Gattungen selbst, wol ganz fehlen. Hätte ich von meiner étourderie, denke ich mir, so 'nen vierten Theil, und wäre es auch ein volles Drittel, weniger, und könnte ich mir dagegen so ein Portiönchen Reflexion erkaufen! Von meiner Leidenschaftlichkeit könnte ich wol gar die Hälfte missen, wenn ich sie auch mit 50% Verlust gegen 25% Phantasie eintauschen könnte. Einen Tausch, lieber Ludwig, will ich Ihnen nicht vorschlagen, weil meine Waare eigentlich nicht, wie die Holländer sagen, puyk puyk (fein, auserlesen) ist; eher möchte ich ihn mit einem unserer modernen Philosophen und Aesthetiker machen, die mir denn ihre Reste überließen und von dem, was sie dagegen von mir erhielten, dann rein toll würden werden.

Was ich gethan habe denn eigentlich? Antwort: so viel geschlafen als möglich, aufrichtig gesprochen. Mit dem Denken in der kalten feuchten Luft, auf einem offenen Karren, auf harten Bänken sitzend, erfroren und erstarrt am ganzen Leibe, zerrüttelt und zerstoßen auf den Chausseen, in den Koth sinkend auf den Landwegen, miserabel gefüttert und getränkt in den Gasthöfen — so will's bei mir wenigstens mit dem Denken gar nicht recht fort. Ich habe darin Sancho Pansa's Natur. Eine gemeine. Ich denke nicht besser und lieber als hinterm warmen Ofen, auf 'm weichen Sofa, oder am fein besetzten Tische und beim vollen Becher. Hätte ich Ihres edeln Freundes, des Herrn Reichenbach, bequemen Wagen und seinen herrlichen Burgunder, von dem er die Güte hatte mir in Lobstädt bis zum Ueberflusse mitzutheilen, zu meiner Disposition gehabt, d. h. hätte ich auf der Reise immer in seinem Wagen gesessen und immer so 'nen Burgunder im beständig gefüllten Flaschenfutter gehabt, ich glaube, ich würde dann auch ganz prächtige Gedanken gehabt oder doch bekommen haben.

Das Posthorn ertönt, für mich wie auch für Sie wol eine Sphärenmusik, und ich muß also schließen. Ich bin — ernst gesprochen — außerordentlich fatiguirt, von dem schon viernächtigen Durchfahren besonders. Es ist, weiß Gott, kein Spaß. So Gott will, bin ich Sonntag früh in Amsterdam. Dienstag schreibe ich Ihnen von dort. Könnten nur die Briefe immer in der Minute dort sein, wenn sie geschrieben sind. Ist es nicht, als ob ihr Geist oft durch die lange Reise entflöge?

Die herzlichsten Grüße an den großen Theoretiker, der so wenig Uebung im Praktischen hat, an Muhme Morgenroth, die, wie Fielding oder Rebhuhn im »Tom Jones« von Garrick sagte, recht garstig war, und der Mamsell Sophie, die für ihren Muthwillen schon noch wird bestraft werden. Adieu lieber, lieber Ludwig.

Von Amsterdam aus schrieb Brockhaus an die Freunde in Altenburg mehrere Briefe, aus denen wir schon früher Manches mittheilten. In einem derselben sagt er, daß er gern ausführliche Briefe schreibe: eine bekanntlich der ganzen damaligen Zeit eigenthümliche Liebhaberei, der wir aber sehr werthvolle Beiträge zu seiner Biographie verdanken; auch scheint es uns, daß er darin eine besondere Geschicklichkeit entwickelte, sodaß seine Briefe oft als Muster ihrer Art gelten können und man bisweilen denken könnte, sie seien ursprünglich für den Druck bestimmt gewesen, was sicher nicht der Fall war. In demselben Briefe ist eine Begegnung mit Klopstock erwähnt, von der uns sonst nichts bekannt ist; da Klopstock bereits am 14. März 1803 starb, muß sie noch vor Brockhaus' amsterdamer Aufenthalt oder während desselben stattgefunden haben, wahrscheinlich durch den gemeinschaftlichen Freund Beider, Karl Friedrich Cramer, veranlaßt.

Die betreffende Stelle des am 22. März an Frau Ludwig gerichteten Briefs lautet:

Ob ich gleich hoffen darf, Sie, verehrte edle Frau, nicht viele Tage später, als dieser Brief Ihnen kann zu Händen kommen, von Angesicht zu Angesicht persönlich wiederzusehen und Ihnen meine Ergebenheit fürs Leben zu bezeugen, so kann ich mir das Vergnügen doch nicht versagen, bis dahin mich noch einmal mit Ihnen durchs Medium schriftlicher Worte zu unterhalten. Ich liebe dieses Medium oft mehr als das der Rede von Munde zu Munde. Es ist eine Art von Krankheit selbst, und ich schreibe oft lieber einen eine ganze Seite langen Brief, ehe ich mich entschließe, zwanzig Schritte zu gehen und dasselbe mit zwei Worten zu sagen.

Rousseau erzählt in den »Confessions« von Jemandem, der seine Geliebte verließ, um — ihr schreiben zu können. Das kommt mir nun sehr möglich vor. Mir fällt dabei eine Anekdote ein, die mir Klopstock mal erzählte, und die ich Ihnen so gut wiedergeben will, als ich es noch vermag.

Klopstock haßte nichts so sehr als das Briefschreiben. Es war seine Schooßsünde oder, wie er sagte, seine Schooßtugend. Freilich, hätte er darin sehr ordentlich sein wollen, so würde sein ganzes Leben nur eine lange Correspondenz gewesen sein. Genies müssen sich mit solchen kleinen Geschäften des menschlichen Lebens nicht befassen. Die Materie des Briefschreibens war daher häufig eine der gewöhnlichsten seines Scherzes und seiner Persiflage. Besonders mußten die Stolberge viel darüber herhalten. Das Briefschreiben war und ist wol noch der ganzen Familie wie angeboren, besonders dem Aeltesten Christian und der Schwester Augusta Gräfin Schimmelmann. Feder und Tinte! — erzählte Klopstock nun — ist das Erste, wonach der ruft, sobald er in ein Wirthshaus tritt. Zu Hause, auf Reisen, wo es auch sei! Schreiben Sie ihnen, und Sie haben den ersten Posttag Antwort. Die Gräfin Augusta — vom Morgen bis im Abend laufen die Depeschen bei ihr ein, wie bei einem Staatsminister, und werden sorgfältiger abgefertigt als in einer Kanzlei.

Letzthin allegorisirte ich darüber mit Tellow (der Liebesname seines und meines Freundes Cramer).

Wo ist nun die Gräfin wieder? fragte ich (Klopstock).

Cramer: Oben; schreibt Briefe.

Klopstock: Das ist wahr! Die Stolbergs! Sie liegen am Briefschreiben recht krank danieder.

Cramer: Freilich, es ist eine Krankheit zum Tode.

Klopstock: O! sie sind schon gestorben.

Cramer: Und begraben dazu.

Klopstock: Was? Sie sind schon auferstanden.

Cramer: Ei! sie sind schon selig.

Klopstock: Ja, nun — kann ich nicht weiter.

Hierüber kommt die Gräfin herunter.

Wir sprachen, sagt ihr Klopstock, eben zusammen von Ihrer Krankheit, Ihrem Begräbniß, Ihrer Auferstehung, Ihrer Seligkeit!

Wie so?

Ja, gestehen Sie es nur, schöne Gräfin, Ihr Briefschreiben ist doch eine wahre Krankheit, eine Schwachheit, eine Seuche!

Sie mögen aber doch wol selbst gern Briefe haben?

Das mag ich wohl; — o, das Briefelesen ist eine ganz vortreffliche Sache; aber das Schreiben! Es ist eine Schwachheit, ein Fehler, sage ich, aber eine nicht eben unliebenswürdige Schwachheit! Wenn sich die Briefe, die Antworten wenigstens, nur selbst schrieben!

Meine Anekdote ist zu Ende. Die mußte man freilich von Klopstock selbst erzählen hören!

In einem spätern Briefe, vom 30. März, an Ludwig findet sich eine hübsche Stelle, die unter Weglassung anderer nicht hierher gehöriger Bemerkungen hier noch folgen möge:

Bald, vielleicht wenige Stunden später, als Sie diese Zeilen erhalten, drücke ich Sie an meine Brust und sage Ihnen mündlich, wie sehr ich Sie liebe und verehre. Mehr wie je. Es ist mit der Freundschaft wie mit der Liebe. Die Entfernung tödtet schwache, sie stärkt die echte und wahre. Den Frauen Ihres Hauses küsse ich mit Verehrung die schönen Hände.

Aus Amsterdam und dann von der leipziger Messe nach Altenburg wieder zurückgekehrt, schreibt Brockhaus in dem schon erwähnten Briefe vom 21. Mai an Bornträger:

Meine freundschaftlichen Verhältnisse mit Ludwigs, Hempels und Andern dauern ununterbrochen fort und consolidiren sich selbst immer mehr. Seit einer Reihe von Jahren ist dieser Sommer der erste, wo ich meines Lebens wieder froh bin. Die Pfingstfeiertage werde ich mit meinen Freunden eine Tour nach Dresden machen. Fritz und Lina sind in demselben Hause, wo ich wohne, in Kost und unter Aufsicht. Wahrscheinlich werde ich Fritz, um ihm mehr Reibung zu geben, hier in der Nähe in ein sehr gutes Institut thun. Lina behalte ich aber bei mir. Was aus Sophiechen werden soll? Ich habe von Ihnen beständig Nachricht erwartet über ihre Unterbringung in dem Dorfe bei Muiden. Wo das arme Kind gut ist, da ist es mir recht bis dahin, daß ich es von dort zu mir nehmen kann. Wäre es einmal hier, so wäre es gut aufgehoben. Aber wie hierher bringen?

Die für die Pfingstfeiertage 1811 beabsichtigte Reise mit Ludwigs nach Dresden fand erst Mitte Juli statt. Brockhaus hatte von derselben vielen Genuß, besonders von dem Aufenthalte in Dresden selbst, das er wol zum ersten male sah, »dieser an Kunstschätzen und Naturschönheiten einzigen Stadt«, wie er schreibt, ebenso von dem Zusammentreffen mit interessanten Leuten. Unter diesen nennt er einen Baron von Heinse aus Lübeck, mit dem zusammen er Ludwigs, die sich in Dresden von ihm getrennt hatten, um einen längern Aufenthalt in dem Bade Teplitz zu nehmen, dort besuchte und dann nach Dresden zurückkehrte. Anfang August war er wieder in Altenburg, während Ludwigs erst am 4. September wieder dort eintrafen. Die Schwester von Frau Ludwig, Jeannette von Zschock, hatte nebst ihrer Freundin Karoline Hempel ebenfalls an der Reise nach Dresden und Teplitz theilgenommen, Beide waren aber, wie es scheint, in Brockhaus' Begleitung gleich mit nach Altenburg zurückgereist.

Diese gemeinschaftliche Reise und die unmittelbar darauffolgende Zeit brachten in Brockhaus einen Entschluß zur Reife, den er schon lange mit sich herumtrug und der auch oft zwischen den Zeilen seiner von uns mitgetheilten Briefe an Herrn und Frau Ludwig durchschimmert: er verlobte sich mit Jeannette von Zschock, und der Verlobung, die nach der Rückkehr ihrer Schwester und ihres Schwagers zuerst nur im Stillen gefeiert, bald darauf aber auch öffentlich erklärt wurde, folgte gegen Ende des nächsten Jahres die Verheirathung.

Jeannette von Zschock (mit ihren vollen Vornamen Johanne Charlotte Luise Rosine, aber gewöhnlich nur die französische Form des erstern führend) war am 7. September 1775 in Offenbach geboren und lebte seit dem Tode ihrer Mutter und ihres Vaters, der Rittmeister in schwäbischen Diensten gewesen war, bei ihrer Schwester in Altenburg. Sie stand bei ihrer Verlobung im siebenunddreißigsten Lebensjahre, Brockhaus im vierzigsten.

Die einzigen Mittheilungen über die mit der Verlobung zusammenhängenden Umstände finden sich wieder in einem Briefe von Brockhaus an Bornträger. Er schreibt diesem aus Altenburg vom 30. August 1811:

Heute endlich die Beantwortung Ihrer mehrmals geäußerten Wünsche, mein jetziges inneres Leben zu kennen, meine Verhältnisse hier zur Welt, zu meinen Freunden. Je wichtigere Nachrichten ich Ihnen über das Höchste im Leben mitzutheilen habe, je mehr haben Sie Recht, darüber etwas zu wissen, da Sie mit seltener Freundschaft mein Schicksal theilen. Es hat sich in diesen Tagen viel entschieden.

Hier folgt die früher schon mitgetheilte Stelle über die in dieser Zeit von der Hofräthin Spazier gemachten neuen Anknüpfungsversuche, und daran schließen sich folgende von uns dort absichtlich noch weggelassenen Worte:

Da aber der Verstand, beleidigte Ehre, Pflichtgefühl und auch zarte und edle Neigung für ein anderes weibliches Wesen mich stärken und schützen, so werde ich der Sirenenstimme, die von der Spree her zu mir herüberschallt, nicht folgen.

Er fährt dann fort:

Mein Verhältniß hier zur Welt ist im ganzen noch dasselbe, wie ich es Ihnen geschildert. Innige Freundschaft mit allen Gliedern des Ludwig'schen Hauses ist jedoch das, was mich allein sehr anzieht. Sie sind es auch allein, die mich ganz verstehen und würdigen. Ich habe hier nämlich wieder das Schicksal, daß viele Menschen gegen mich sind, daß mich diese für stolz, üppig, eingebildet und Gott weiß wofür Alles halten, wozu ich freilich durch mein schneidendes, auch oft sonst nie vorsichtiges Betragen Veranlassung gegeben habe. Ich bin über die Ursachen und die einzelnen Gravamina lange in Unsicherheit gewesen, da ich nur die Spuren in den Folgen entdeckte, ohne die Ursachen errathen zu können, da die Winke, die ich von einer Seite erhielt, nicht hinreichten, mir die nöthige Aufklärung zu geben. Jetzt kenne ich aber alle Fäden der geheimsten Verhandlungen darüber und auch alle Intriguen, die dabei stattgefunden und -finden.

Mein Genius, der mir jene Winke und jetzt alle Offenbarungen gegeben hat; der mein Interesse vom ersten Augenblicke, daß ich hier vor einem Jahre aufgetreten bin, zum eigensten gemacht hat; dem ich und die Hofräthin alles Gute und Liebe verdanken, das wir hier genossen; der mich und sie mit gleicher Energie verfochten und vertreten; der durch einen wunderbar sympathetischen Zug sich zu mir wie ich mich zu ihm hinneigte, als auch noch nicht die allerentfernteste Möglichkeit da war, daß je ein näheres Verhältniß eintreten könnte — dieser Genius ist jenes herrliche Mädchen, Ludwig's Schwägerin, Fräulein Jeannette von Zschock — seit einer Woche meine still Verlobte! Sie wird mir fürs Leben angehören, wenn ich es vermag, mein bürgerliches Schicksal ganz zu ordnen, die Einwilligung Ludwig's und ihrer Schwester, die noch nicht von Teplitz zurück sind, zu erhalten und die Welt ganz mit mir zu versöhnen. Wir werden aber Vieles zu kämpfen haben, ehe wir ans Ziel kommen.

Unsere Wahlverwandtschaft hat um so weniger unbeobachtet bleiben können, da durch die Eifersucht der Hofräthin, die zu einer Zeit, als der Gedanke daran zu den Märchen aus dem Monde gehörte, mich und die arme Jeannette aufs Blut damit verfolgte, dies unser Verhältniß die allgemeinste Aufmerksamkeit auf sich zog, da es psychologisch allerdings höchst interessant war und jetzt von neuem die Behauptung Schubert's und Anderer gewissermaßen bestätigt, wie diese Art Nervenkranker die Gabe der Voraussehung und Voraussagung haben. Außerordentlich ist's, daß sie im Wahnsinn ihres Fiebers prophetisch Alles ausgesprochen hat. »Ich bin«, sagte sie, indem sie unsere Hände zusammenlegte, »Donna Elvira, mein Fräulein; ich werde nun gehen«....

Meinerseits bin ich überzeugt, daß meine Kinder eine vortreffliche Mutter und Erzieherin, ich eine edle Freundin und treue Genossin fürs Leben errungen habe, wenn es mir gelingt, unsere Verbindung zu vollenden. Sie wissen, wie verarmt mein Leben war und wie es das außerordentlichste Glück ist, wenn ich es auf diese Weise neu und schön ordnen kann. Ich gedeihe nur in einem edeln Familienkreise, und ohne solchen bin ich nichts. Und was wird und kann aus meinen Kindern werden, wenn sie nicht wieder eine edle Mutter finden? Es ist der lebhafteste Wunsch meiner Freundin, die kleine Sophie von Amsterdam herüberzuhaben, und es werden daher ernste Ueberlegungen stattfinden müssen, wenn Sie herüberkommen, wie dies zu bewerkstelligen.

Der Schluß des Briefs enthält eine anziehende Schilderung des altenburger Vogelschießens, eines damals mit weit mehr Glanz als jetzt gefeierten Volksfestes:

Ich würde Ihnen diesen Brief schon vor acht Tagen geschrieben haben, wo er freilich noch nicht so klar und bestimmt hätte melden können, was er jetzt enthält, wenn nicht in dieser Zeit gerade das hiesige große Vogelschießen stattgefunden, das jede geregelte Arbeit beinahe unmöglich macht. Sie können sich keinen Begriff davon bilden, mit welchem Pompe, mit welchen Feierlichkeiten es begleitet ist, und wie sich Geschmack und alle schönen Künste vereinigen, die Belustigungen dabei zu veredeln und zu verschönern. Dies Jahr war noch eine neue Loge erbaut worden, in der sich nun die Elite der Gesellschaft versammelte, wo des Morgens Déjeuner dansant, dann Dîner, Abend Bal paré, Spiel und Souper unter den Colonnaden des Saals und in den Nebenzimmern war. An einem Tage in den Zwischenzeiten war noch Lotterie für Damen, an einem andern Tage Concert. Jeannette gewann auf zwei von mir geschenkte Lose zwei Ringe! Sie können denken, wie glücklich uns dieser Zufall oder diese Schicksalsdeutung machte. Blos in dieser Loge speisten gewöhnlich 4-500 Personen. Ich glaube nicht, daß es irgendwo brillantere oder angenehmere Bälle und Partien geben könnte, als es die hier waren. Aus der ganzen Gegend bis von Dresden her hatten sich lebenslustige Fremde in außerordentlicher Zahl eingefunden, die täglich ab- und zuwogten. Dazu die zahlreichen Buden auf der an einer sanften Anhöhe gelegenen Vogelwiese, von der man eine wunderschöne Aussicht hat; die herrliche Witterung, die schönen mondhellen Nächte, der Jubel der Volksmengen, denen diese Woche das ist, was den Römern ihr Carneval; das Werfen der Schwärmer, der Raketen, womit sich Jung und Alt amusirt; das ewige Musiciren von zwanzig Orten her, das Trommeln bei jedem Schusse, der den Vogel verwundet; die militärische Haltung aller Freunde und Bekannten, die sämmtlich in ihren ebenso geschmackvollen als wohlkleidenden Uniformen (dunkelgrün aufs brillanteste mit Silber gestickt, französischer Offiziersschnitt) mit großen russischen Hüten und rothen Schwungfedern erscheinen; die geputzten Weiber und Mädchen, von denen es wimmelt.

Sie wissen, wie arm man in Holland an allem ist, was Vergnügen heißt, und Sie können daher denken, wie sehr es auf mich einwirken mußte.

Ich war dazu doppelt glücklich, aber auch doppelt mäßig in jedem Genusse, da am Vorabend des Festes meine edle Freundin mir mit ihrem Herzen auch ihre Hand zugesagt hatte. Das geheimnißvolle Glück, das eine ausgesprochene edle Liebe begleitet, deren Höhe von keinem Aber geahndet wurde, goß einen besondern Reiz über unsere beiderseitige Haltung und Wesen, die von unsern nähern Freunden nicht übersehen wurde.

Ich komme nochmal auf unsere Widersacher. Niemand ahndet zwar, daß zwischen uns eine Erklärung stattgefunden und wir uns Beide vollkommen verstehen; allein Jeder bemerkt leicht unsere gegenseitige Neigung, und da ich in allen öffentlichen Orten ihr den Arm gebe, bei Tisch ihr immer zur Seite bin, jeden ersten Tanz mit ihr tanze, mich par préférence mit ihr unterhalte, sie beständig nach Hause führe, so hat man natürlich unsere gegenseitige Neigung nicht übersehen können, davon abgesehen, daß da, wo ich nicht bin, sie mich hebt oder nöthigenfalls vertheidigt, wie ich schon oben gedacht habe.

Die weitere günstige Entwickelung der Verlobungsangelegenheit schildert Brockhaus in einem fernern Briefe an Bornträger aus Leipzig vom 21. September:

Ich bin seit meinem vorigen Briefe ein paar mal in Leipzig gewesen, wo ich auch jetzt mich schon wieder seit acht Tagen befinde, um mehrere Expeditionen zu beschleunigen und vieles Andere zu reguliren, da die Niederlage muß geräumt werden und hundert andere Dinge zu thun sind.

Seit jenem Briefe hat sich in den dort geschilderten Verhältnissen viel geändert und zum Guten, sodaß ich hoffen darf, es werde sich Alles schön und edel lösen. Ludwigs kamen den 4. September zurück. Ich war in Leipzig und kam erst den 8. wieder nach Altenburg. Meine Freundin hatte sich ihnen gleich erklärt und mit der entschiedensten Energie sich ausgesprochen, daß nichts sie zurückhalten würde, ihr Leben mit dem meinigen zu vereinigen, wenn meine bürgerlichen Verhältnisse sich ordnen ließen. Ludwigs hatten es gut aufgenommen und ihr allen Beistand zugesagt.

Zu den »Widersachern«, von denen er mehrfach spricht, gehörte besonders der mit dem Ludwig'schen Hause eng befreundete Bankier August Reichenbach. Indessen gelang es Brockhaus und Frau Ludwig, auch ihn zu gewinnen, ja er wurde ihm bald ein treuer Freund, der ihn auch materiell durch Credit bei seinen Verlagsunternehmungen unterstützte.

Wie sehr Brockhaus seine künftige Schwägerin Frau Ludwig verehrte, zeigt folgendes Gratulationsschreiben, das er zu ihrem Geburtstage, 27. December 1811, an sie richtete:

Als ich vor einem Jahre der »Schönen und Guten« am heutigen Tage ein Zeichen meiner Verehrung brachte, wie wenig kannte ich da noch den Umfang Ihres herrlichen Geistes, den Adel Ihrer Seele, die Tiefe Ihres Gemüths, die Wärme Ihres Herzens, die, zusammen vereint, Sie zum Stolze und zur Ersten Ihres Geschlechtes machen, und Allen, die Ihnen nahen und die Ihnen angehören, der sicherste Leitstern sind fürs eigene Streben. Sie werden heute vielfach begrüßt werden, liebe Ludwig, und gewiß von Vielen in Liebe und Treue und Wahrheit. Ich geselle mich zu den Vielen, und in kunstloser Rede sage ich Ihnen denn auch, Keinem wenigstens an Wahrheit, Treue und Freundschaft nachstehend, wie sehr ich Sie verehre und wie meine heißesten Wünsche für Ihr Glück, für Ihren Seelenfrieden, für Ihr Wohlsein sich mit denen Ihrer ältern und besten Freunde vereinigen! Seien Sie so glücklich, als Sie verdienen es zu sein!

Wie fern stand ich Ihnen vor einem Jahre! Wie unglücklich war ich damals! Vieles, wie Vieles hat sich in den schnell verflossenen Monden geändert! Ich sehe für mich die Morgenröthe eines neuen Glücks aufgehen, das um so größern Reiz für mich haben wird, je näher ich Ihnen, Verehrte, dadurch zu stehen komme!

Möge ich Sie zur nächsten Feier des heutigen Tags mit einem Namen begrüßen dürfen, der für mich, außer dem Herrlichen, was er an sich in sich faßt, die schönste Lebensmusik sein wird.

Im Laufe dieses und des folgenden Jahres hatten sich Brockhaus' geschäftliche Verhältnisse immer mehr befestigt. Die Verlobung wurde jetzt veröffentlicht und den Verwandten und Freunden mitgetheilt. Von allen Seiten kamen herzliche Glückwünsche; der kurze, aber treffende Glückwunsch eines dortmunder Jugendfreundes, Johannes Rappe, an Brockhaus lautete:

Dein Genie hat Dich durch so mancherlei Labyrinthe des bürgerlichen Lebens gejagt und geführt, daß Du meinen Glückwunsch zu Deinem frohen Lebensgenuß in ruhiger Wirksamkeit für aufrichtig anerkennen und Deiner praktischen Vernunft zur Ausführung anvertrauen wirst.

Auch sein Bruder Gottlieb schrieb sehr herzlich, und die in Dortmund noch weilenden drei Kinder feierten dort die Hochzeit ihres Vaters wol deshalb besonders freudig, weil sie ihnen die Aussicht bot, wieder eine Mutter zu bekommen und nunmehr bald in das älterliche Haus zurückkehren zu können.

Die Hochzeit fand in Altenburg am 26. November 1812 statt, unter regster Theilnahme der neuen und alten Freunde des Bräutigams, die sich in zahlreichen ernsten und humoristischen Gedichten kundgab.

Mit Bedauern vermißte Brockhaus unter seinen anwesenden Freunden den Professor Ersch aus Halle. Derselbe war im September bei ihm zu Besuch gewesen und hatte ihm dann geschrieben:

Immer wird die Erinnerung meines Aufenthalts in Altenburg an die erfreulichsten meines Lebens sich anreihen; immer werde ich mit frohem Gefühle der Stunden denken, in welchen ich Bekanntschaften mit guten Menschen erneuerte und stiftete.

Jetzt durch Krankheit abgehalten, an der Hochzeit theilzunehmen, schrieb er an Brockhaus aus Halle vom 21. December:

Wahrlich, Sie hätten nicht nöthig gehabt, durch Ihre Nachrichten von Ihrer frohen Hochzeit und den Feierlichkeiten, mit welchen Ihre Freunde sie ausstatteten, meine Trauer über die Entbehrung dieser Freuden zu schärfen, und doch waren sie mir ungemein lieb und interessant, vorzüglich erfreuend aber die Bemerkung, daß Sie und Ihre gute Jeannette in Altenburg so viele Freunde haben. Wer, wie ich, den höchsten Lebensgenuß in dem Besitz von Freunden findet, weiß dies Gut zu würdigen.

Die nächsten vier Jahre, 1813-1816, verbrachte Brockhaus meist in Altenburg, im ruhigen Genusse seiner neuen Häuslichkeit, aber auch in angestrengter Thätigkeit für den Wiederaufbau seines Geschäfts und unter lebhafter Theilnahme an den großen Ereignissen dieser Zeit. Außer häufigen Fahrten nach Leipzig machte er nur im Sommer 1814 in Erbschaftsangelegenheiten seiner Frau eine dreimonatliche Reise nach Stuttgart, Augsburg und München, von wo er über Strasburg, Frankfurt a. M. und Braunschweig zurückkehrte, und kleinere Ausflüge nach Dresden, Weimar, Dessau, Wittenberg, Berlin.

Von seinen Kindern hatte er Auguste und Hermann im April 1814 von Dortmund nach Altenburg kommen lassen, während Heinrich erst im Mai 1816 folgte und die jüngste Tochter, Sophie, endlich im August 1817 von ihrem ältesten Bruder Friedrich aus Amsterdam abgeholt und nach Altenburg gebracht wurde. Friedrich war im Herbst 1813 zu dem Pastor Schlosser in Großzschocher bei Leipzig gekommen, wo er mit andern Knaben zusammen erzogen und unterrichtet wurde; zu Neujahr 1816 nahm ihn auf Wunsch seines Vaters der mit diesem befreundete und schon seit der amsterdamer Zeit einen großen Theil seiner Verlagswerke druckende Buchhändler und Buchdrucker Hans Friedrich Vieweg in Braunschweig zu sich in die Lehre; er sollte hier gleichzeitig mit Vieweg's fast gleichaltrigem Sohne Eduard die Buchdruckerkunst erlernen, weil sein Vater die Absicht hatte, mit dem immer größere Ausdehnung erlangenden Verlagsgeschäfte eine Druckerei zu errichten. Der jüngste Sohn Hermann erhielt mit den Ludwig'schen Kindern zusammen Privatunterricht und kam später gleich seinem ältern Bruder Heinrich, der an diesem Unterrichte auch mit theilnahm, in die Erziehungsanstalt zu Wackerbarthsruhe bei Dresden Die älteste Tochter Auguste wurde im Januar 1815 in eine Pension nach Dresden gebracht und war dort bis zur Uebersiedelung ihres Vaters nach Leipzig; die zweite Tochter, Karoline, blieb in Altenburg.

Von seiner Frau wurden ihm in dieser Zeit zwei Kinder geboren, Alexander und Luise, die aber bald wieder starben, ersterer am 20. August 1814, letztere am 4. August 1818. Später wurden ihm noch zwei Töchter geboren: Johanne Wilhelmine am 29. December 1817 noch in Altenburg und Marie Ottilie am 18. Mai 1821 in Leipzig.


Brockhaus' langjähriger vertrauter Gehülfe und treuer Freund Bornträger war nach dem Verkaufe des amsterdamer Geschäfts noch bis zum Frühjahre 1812 in Amsterdam geblieben, um die von dem Käufer, Johannes Müller, nicht mit übernommenen Außenstände einzuziehen und alle sonstigen Verhältnisse daselbst zu regeln. Als ihm dies gelungen war und er am 4. März 1812 den schon früher erwähnten Vertrag mit dem amsterdamer Buchhändler Sülpke abgeschlossen, schrieb ihm Brockhaus offen: er könne ihm augenblicklich keine feste Stellung in Altenburg anbieten, da seine Verhältnisse noch zu wenig consolidirt seien, und rathe ihm seiner selbst wegen eine andere Condition anzunehmen, zu deren Erlangung er ihm gern behülflich sein werde; für alle Fälle sei ihm in seinem Hause ein Asyl gesichert. Durch diese Mittheilung und wol auch durch manche Vorwürfe verletzt, die ihm während der allerdings sehr schwierigen Zeit seiner Geschäftsführung gemacht worden waren, kündigte Bornträger und nahm eine untergeordnete Stellung bei dem Buchhändler Tasché in Gießen an. Er schrieb aber bald darauf selbst an Brockhaus, daß er seinen Entschluß bereue, und in spätern Jahren, bei Bornträger's regelmäßigem Besuche der leipziger Messe, glichen sich alle Differenzen zwischen ihnen vollständig aus. Bornträger rühmt selbst in einem spätern Briefe, er habe sich der Freundschaft seines frühern Principals bis zu dessen Tode zu erfreuen gehabt.

In Gießen blieb Bornträger bis Anfang 1815, ging dann nach Berlin zu Amelang und errichtete 1818 in Gemeinschaft mit seinem jüngern Bruder Ludwig in Königsberg unter der Firma Gebrüder Bornträger eine Sortimentsbuchhandlung, mit der bald auch Verlagsbuchhandel vereinigt wurde. Diese Buchhandlung leitete er erst mit seinem Bruder, dann nach dessen Tode (1843) allein bis zu seinem am 6. März 1866 in hohem Alter (er war am 17. September 1787 zu Osterode am Harz geboren) erfolgten Tode und wußte seiner (noch jetzt unter einem andern Besitzer in Berlin fortblühenden) Verlagsbuchhandlung Ansehen zu verschaffen; sein Sortimentsgeschäft war schon 1842 an Tag & Koch verkauft worden. Auch persönlich genoß er hohe Achtung bei seinen Mitbürgern, die ihn 1843 zum Stadtrath wählten.

Die Verdienste, die sich Bornträger um Brockhaus als treuer Freund und Berather in schwieriger Zeit erworben, werden auch von dessen Nachkommen vollkommen gewürdigt und sein Andenken wird bei ihnen stets in Ehren gehalten werden.


Bornträger's Nachfolger als Brockhaus' vertrauter Gehülfe und bald in noch höherm Grade wie dieser als Freund des Hauses wurde Karl Ferdinand Bochmann, der am 10. Juli 1813 in das Geschäft eintrat. Am 11. Februar 1788 zu Thurm bei Glauchau geboren, hatte er in der Buchhandlung des Magister Sommer in Leipzig sechs Jahre lang den Buchhandel erlernt und dann, von Wanderlust getrieben, im August 1808 eine Gehülfenstelle in Amsterdam bei dem Buchhändler Hesse angenommen. Bezeichnend für die damaligen Verhältnisse ist es, daß Hesse mit seinem neuen Gehülfen einen förmlichen Vertrag abschloß, in dem sich dieser verpflichten mußte, sich niemals in Amsterdam zu etabliren, ja selbst »nie mit den Principalen der andern zwei dortigen deutschen Buchhandlungen und mit deren Leuten sich einzulassen und allen Umgang mit denselben zu vermeiden, ansonsten Er augenblickliche Entlassung seiner Condition zu erwarten hat«. Trotzdem war er in Amsterdam mit Brockhaus bekannt geworden. Als Hesse im Sommer 1813 seine amsterdamer Buchhandlung aufgab und nach Paris zog, nahm Bochmann die ihm jetzt durch Vermittelung seiner an Dr. Bernhardi in Altenburg verheiratheten Schwester angebotene Stelle bei Brockhaus um so lieber an, als es ihm bei den aufgeregten politischen Verhältnissen Hollands in Amsterdam nicht mehr gefiel und er sich nach der Heimat sehnte. War er doch 1809 sogar gezwungen worden, in die amsterdamer Bürgerwehr (Schutterij) einzutreten. So ergriff er am 11. Juni 1813 den Wanderstab und legte die Reise nach Altenburg, wo er am 26. Juni eintraf, zu Fuße zurück. Ueber seine Wanderung wie über die nächste so ereignißreiche kriegerische Periode führte er ein Tagebuch, das manches Interessante enthält. Er gewann bald Brockhaus' vollständiges Vertrauen und war schon während der altenburger Zeit dessen Hauptstütze im Geschäft.


Außer Bochmann hatte Brockhaus noch zwei Männer an sich gezogen, die ihn bei seiner literarischen und redactionellen Thätigkeit unterstützten, während Bochmann das rein Buchhändlerische besorgte: Dr. Ludwig Hain, der im August 1812 eintrat, um ihn zunächst bei der Redaction des »Conversations-Lexikon«, später auch bei der Herausgabe der »Deutschen Blätter« zu unterstützen, und bis 1820 bei ihm blieb, und Dr. Sievers, der im Herbst 1813 zu Hain's Unterstützung kam, seine Stellung aber schon 1815 wieder aufgab.

Während dieser Zeit vollzog sich auch die Umänderung der bisherigen Firma des Geschäfts »Kunst- und Industrie-Comptoir« in die seitdem beibehaltene Firma: »F. A. Brockhaus.« Und zwar erfolgte diese Umänderung in ganz formloser Weise, da man überhaupt auf alle solche Dinge damals wenig Gewicht legte.

Wie schon früher erwähnt, gebrauchte Brockhaus seit Aufgabe des amsterdamer Geschäfts die Firma desselben auch in Altenburg noch fort, nur mit einem Zusatz, indem er »Kunst- und Industrie-Comptoir von Amsterdam« firmirte und auf den Büchertiteln bald Altenburg, bald Leipzig, bald beide Städte als Verlagsort nannte. In einem vom 15. Januar 1814, und noch dazu nicht aus Altenburg, sondern aus Leipzig (wo sich Brockhaus damals zufällig befand), datirten Circulare über Rechnungsverhältnisse finden sich am Schluß ganz beiläufig folgende Zeilen:

Noch bemerken wir Ihnen, daß wir von jetzt an blos nach dem Eigenthümer unserer Handlung mit F. A. Brockhaus firmiren werden.

Diese Firmenzeichnung findet sich seitdem auf allen seinen Verlagsartikeln, im Anfang noch abwechselnd mit »Altenburg« oder »Leipzig« oder beiden Städten als Verlagsorten, seit 1817 meist und seit 1819 ausschließlich mit dem Verlagsort »Leipzig«.