Eine Einladung, die er im Frühjahr 1862 erhielt, in einem Berliner liberalen Bezirksverein einen Vortrag zu halten, gab Lassalle erwünschte Gelegenheit — da es ihm in der Presse nicht möglich war —, den Führern der Fortschrittspartei vor ihren eignen Leuten mündlich gegenüberzutreten. Als Thema wählte er die Frage des Tages: den ausgebrochenen Verfassungskonflikt. Aber mit geschickter Berechnung hielt er sich in dem ersten Vortrag, den er „Über Verfassungswesen” betitelte, noch absolut auf dem Boden akademischer Darlegung. Er entwickelt seinen prinzipiellen Standpunkt, ohne die sich aus ihm ergebenden Folgerungen selbst darzulegen. Verfassungsfragen sind Machtfragen, eine Verfassung hat nur dann und so lange gesicherten Bestand, als sie der Ausdruck der realen Machtverhältnisse ist; ein Volk besitzt nur dann in der Verfassung einen Schutz gegen Willkür der Regierenden, wenn es in der Lage und gewillt ist, im gegebenen Fall auch ohne die Verfassung sich gegen sie zu schützen. Es sei daher der größte Fehler gewesen, daß man 1848, anstatt zuerst die realen Machtfaktoren zu ändern und vor allen Dingen das Heer aus einem königlichen in ein Volksheer zu verwandeln, die Zeit mit dem Ausarbeiten einer Verfassung so lange vertrödelte, bis die Gegenrevolution Kraft genug geschöpft hatte, die Nationalversammlung auseinanderzujagen. Wenn das Volk wieder einmal in die Lage komme, eine Verfassung zu machen, möge man diese Erfahrung daher beherzigen. Die von der Regierung eingebrachten Heeresvorlagen seien ebenfalls aus diesem Gesichtspunkt zu beurteilen — d. h. als dem Bestreben entsprungen, die tatsächlichen Verhältnisse weiter zugunsten der Regierung umzugestalten. „Das Fürstentum, meine Herren,” heißt es am Schluß, „hat praktische Diener, nicht Schönredner, aber praktische Diener, wie sie Ihnen zu wünschen wären.”

Der Grundgedanke, von dem Lassalle hier ausgeht, ist unbestreitbar richtig. Auch die meisten Fortschrittler sahen das wohl ein. Wenn sie trotzdem einen andern Standpunkt fingierten, so taten sie dies, weil die Übersetzung des ersteren in die Praxis einfach die Revolution hieß, die Partei aber — ein Teil der Führer überhaupt nur, der andere jedenfalls zunächst — den Kampf auf parlamentarischem Boden zu führen wünschte. Man brauchte aber auch keineswegs ein so geschworener Gegner der Revolution zu sein, als wie Lassalle die Fortschrittler — und im großen und ganzen auch durchaus mit Recht — damals hinstellte, um den Zeitpunkt für eine solche als noch nicht gekommen zu erachten. Auch Lassalles Freund Bucher war ja, wie wir gesehen haben, trotz der vielen Gründe, die er hatte, die bestehende Ordnung der Dinge zu hassen, dieser Ansicht. Für den parlamentarischen Kampf bot jedoch die Fiktion, daß man für die bestehende Verfassung gegen die Regierung, die diese verletzte, für das „Recht” gegen die Macht kämpfte, eine viel günstigere, oder sagen wir lieber, bequemere Position, als die offene Proklamierung des Kampfes um die Macht selbst. Die materiellen Machtmittel hatte die Regierung in der Hand, darum wollte man sich wenigstens alle moralischen sichern.

Obwohl Lassalle in seinem Vortrage nichts gesagt hatte, was nicht jeder Fortschrittler — ja, jeder vernünftige Mensch überhaupt unterschreiben konnte, war er daher doch den Führern der Fortschrittspartei höchst unangenehm, während die Regierungs- und Reaktionspartei sich die Hände rieb. Ganz offen bejubelte ihn die „Kreuz-Zeitung”, das Organ der Junker und Mucker. Nicht nur, daß es ihr überhaupt angenehm war, wenn der Konflikt ins Herz des Feindes getragen wurde, lag ihr auch deshalb daran, die Verfassungsfrage als eine reine Machtfrage zwischen Königtum und Volksvertretung dargestellt zu sehen, weil dadurch ihre Position als einzig zuverlässige Stütze des Thrones eine um so befestigtere wurde. Man muß nicht vergessen, daß die „Neue Ära” Wilhelms I. nebenbei ein Versuch gewesen war, den Thron der Hohenzollern von der allzu lästig gewordenen Vormundschaft der ostelbischen Junker und der Bureaukratie zu emanzipieren. Gegenüber dem Programm, wie es Lassalle formulierte, mußte diese dagegen dem König als das unbedingt kleinere Übel erscheinen.

Lassalle ließ den Vortrag, den er noch in drei weiteren fortschrittlichen Versammlungen gehalten hat — ein Beweis, daß die fortschrittliche Wählerschaft nichts Bedenkliches an ihm fand — „auf mehrfaches Andringen” in Druck erscheinen. Inzwischen hatten die Neuwahlen zum Landtage einen eklatanten Sieg der Fortschrittspartei über die Regierung gebracht, und alles harrte gespannten Blicks, wie sich unter diesen Verhältnissen der Konflikt zwischen den beiden weiter entwickeln werde.

Ebenfalls im Frühjahr 1862 hielt Lassalle in Berlin — im Handwerkerverein der Oranienburger Vorstadt, dem Maschinenbauerviertel Berlins — noch einen zweiten Vortrag, dem er den Titel gab: „Über den besonderen Zusammenhang der Idee des Arbeiterstandes mit der gegenwärtigen Geschichtsperiode”. Auch diesen Vortrag hatte er vorher sorgfältig ausgearbeitet. Und er ist, wenngleich in Einzelheiten nicht einwandfrei — schon der Titel fordert zur Kritik heraus — unzweifelhaft eine der besten, wenn nicht die beste der Lassalleschen Reden. Eine ebenso klare wie schöne Sprache, gedrungene, flüssige, nirgends überladene und doch nie trockene Darstellung, von Satz zu Satz fortschreitende systematische Entwicklung des Grundgedankens, sind ihre formellen Vorzüge, während sie ihrem Inhalte nach — wie gesagt, mit einigen Einschränkungen — eine vortreffliche Einleitung in die Gedankenwelt des Sozialismus genannt werden kann. Es nimmt ihrem Werte nichts, wenn ich sie als eine, der Zeit und den Umständen, unter denen sie gehalten wurde, angepaßte Umschreibung des „Kommunistischen Manifestes” bezeichne; sie führt in der Hauptsache an der Hand konkreter Beispiele aus, was im historischen Teil des Manifestes in großen Zügen bereits vorgezeichnet ist.

Noch immer spielen freilich die Hegelsche Ideologie und die juristische Auffassungsweise in die Darstellung hinein, aber neben ihnen tritt doch auch, wie das übrigens im Vortrag über Verfassungswesen gleichfalls geschieht, die Betonung der ökonomischen Grundlagen der Bewegung der Geschichte in den Vordergrund. Daß die Arbeiter vermöge ihrer Klassenlage in der modernen bürgerlichen Gesellschaft die eigentliche revolutionäre Klasse bilden, diejenige Klasse, die berufen ist, die Gesellschaft auf eine neue Grundlage zu stellen — die Grundidee des kommunistischen Manifestes — ist auch der leitende Gedanke des „Arbeiterprogramms”, unter welchem Namen der Vortrag später in Druck erschienen ist. Nur daß sich für Lassalle die Sache sofort wieder in juristische Begriffe kristallisiert und mit ideologischen Vorstellungen verquickt wird. Wenn Lassalle im Titel und durchgängig im Vortrage selbst vom Arbeiterstand spricht, so könnte man darin eine bloße Konzession an den Sprachgebrauch erblicken, an der nur Pedanterie Anstoß nehmen möchte. Indes es muß Lassalle zu seinem Lobe nachgesagt werden, daß er in der Wahl seiner Ausdrücke durchaus nicht leichtfertig zu Werke ging; es ist kein bloßes Zugreifen nach einer populären Redewendung, die ihn vom „Arbeiterstand”, von einem „vierten Stand” sprechen läßt, sondern eine Folge seiner wesentlich juristischen Vorstellungen. Es ist derselbe Rückfall, der ihn den Begriff des Bourgeois nicht etwa von der tatsächlichen Machtstellung herleiten läßt, die der Kapitalbesitz rein vermöge seiner ökonomischen Wirkungen und Kräfte verleiht, sondern — von den rechtlichen und staatlichen Privilegien, die der Kapitalist auf Grund seines Besitzes genießt oder beansprucht. Statt den fundamentalen Unterschied zwischen dem modernen Bourgeois und dem mittelalterlichen Feudalherrn scharf zu kennzeichnen, verwischt er ihn auf solche Weise und läßt den Kapitalbesitzer nur dann einen Bourgeois sein, wenn er staatlich und rechtlich die Stellung eines Feudalen beansprucht. (Vgl. S. 20-22 des „Arbeiterprogramm”.) Und, wie immer, konsequent selbst in seinem Irrtum, stellt er als bezeichnendes Merkmal — d. h. nicht als ein, sondern als das Merkmal der Bourgeoisie-Gesellschaft — das Klassen- oder Zensuswahlsystem hin. Das preußische Dreiklassenwahlsystem, eingeführt von der feudalistisch-absolutistischen Reaktion gegen die bürgerliche Revolution des Jahres 1848, erscheint bei ihm als das Wahlsystem des modernen Bourgeoisiestaates. Das hat allenfalls einen Sinn, wenn man den Begriff Bourgeois auf die wenigen neufeudalen Großkapitalisten beschränkt, aber was wird dann aus dem „vierten Stand”?

Als weiteres Kennzeichen des so bestimmten Bourgeoisiestaates bezeichnet Lassalle die Ausbildung des Systems der indirekten Steuern als Mittel der Abwälzung der Steuerlast auf die nicht privilegierten Klassen. Daß jeder privilegierten Klasse die Tendenz innewohnt, sich von den Steuern möglichst zu befreien, kann unbestritten bleiben. Aber wenn Lassalle den Begriff des Klassenstaates vom Bestand von Wahlvorrechten abhängig macht, dann wird seine Theorie schon durch die einfache Tatsache umgestoßen, daß gerade in dem Lande, wo das allgemeine und direkte Wahlrecht am längsten besteht, in Frankreich, das indirekte Steuersystem am stärksten ausgebildet ist. Lassalles Deduktion, daß von den 97 Millionen Talern, die der preußische Staat im Jahre 1855 aus Steuern einnahm, nur etwa 13 Millionen aus direkten Steuern herstammen, ist übrigens gleichfalls anfechtbar. Er erklärt die 10 Millionen Taler Grundsteuer einfach für eine indirekte Steuer, da sie nicht von den Grundbesitzern bezahlt, sondern von diesen auf den Getreidepreis abgewälzt werde. Das Abwälzen war aber keineswegs eine so leichte Sache, solange die Landesgrenzen nicht durch Einfuhrzölle gegen die Zufuhr von außen abgesperrt waren. Die Grundsteuer hat vielmehr lange Zeit als eine reine Reallast auf den Grundbesitz gewirkt und ist auch als solche von den Grundbesitzern empfunden und bei Veräußerungen behandelt worden. 9 Millionen Taler Einnahme aus dem Justizdienst mögen als eine indirekte Steuer bezeichnet werden, da aber die ärmste Klasse keineswegs die meisten Prozesse führt, so kann man hier nicht von einer Steuer zur Entlastung des großen Kapitals sprechen, wie immer man sonst über die Justizgebühren denkt. Kurz, die relative Steuerfreiheit des großen Kapitals ist kein notwendiges Kriterium der Bourgeoisiegesellschaft. Diese unterscheidet sich eben von der feudalen Gesellschaft dadurch, daß sie nicht an gesetzliche Statuierung der Klassenunterschiede gebunden ist, vielmehr auch bei formeller Gleichberechtigung aller fortbesteht.

Anfechtbar war es auch, wenn Lassalle die Auferlegung von Zeitungskautionen und der Zeitungsstempelsteuer als einen Beleg dafür anführt, daß „die Bourgeoisie die Herrschaft ihres besonderen Privilegiums und Elementes — des Kapitals — mit noch strengerer Konsequenz durchführe, als dies der Adel im Mittelalter mit dem Grundbesitz getan hatte”. Zeitungskautionen und Zeitungsstempel waren in Preußen keineswegs Regierungsmittel der Bourgeoisie, sondern der halb-feudalen und bureaukratischen Reaktion. Lassalle brauchte bloß den Blick nach England zu wenden, wo die Bourgeoisie zur weitesten Entfaltung gediehen war, um sich zu überzeugen, wie auch ohne die kleinen Mittel eines rückständigen Regierungssystems die Presse, und obendrein in noch viel höherem Maße als in Preußen, „Privilegium des großen Kapitalbesitzes” werden kann. So richtig es natürlich war, gegen diese Mittel der politischen Repression die Stimme zu erheben, so ist es wiederum ein Beweis von Lassalles juristischer Denkweise, daß, wo er die Wirkung der Herrschaft der Bourgeoisie auf das Preßwesen darstellen will, er hier ausschließlich formal-rechtliche Einrichtungen anführt, den Einfluß der ökonomischen Faktoren dagegen gänzlich ignoriert.

Und schließlich führt ihn seine Ideologie dahin, dem Staat, der „Staatsidee”, einen Dithyrambus anzustimmen. Der „vierte Stand” hat „eine ganz andere, ganz verschiedene Auffassung von dem sittlichen Zweck des Staates als die Bourgeoisie”.

Als Staatsidee der Bourgeoisie stellt Lassalle die Auffassung der liberalen Freihandelsschule hin, nach welcher die Aufgabe des Staates einzig darin bestehe, die persönliche Freiheit des einzelnen und sein Eigentum zu schützen.

Das sei aber eine „Nachtwächteridee”. Die Geschichte sei „ein Kampf mit der Natur, mit dem Elende, der Unwissenheit, der Armut, der Machtlosigkeit und somit der Unfreiheit aller Art, in der wir uns befanden, als das Menschengeschlecht am Anfang der Geschichte auftrat. Die fortschreitende Besiegung dieser Machtlosigkeit — das ist die Entwicklung der Freiheit, welche die Geschichte darstellt”. Diese Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit zu vollbringen, das sei die wahrhafte Aufgabe des Staates. Der Staat sei „die Einheit der Individuen in einem sittlichen Ganzen”, sein Zweck sei, „durch diese Vereinigung die einzelnen in den Stand zu setzen, solche Zwecke, eine solche Stufe des Daseins zu erreichen, die sie als einzelne niemals erreichen könnten, sie zu befähigen, eine Summe von Bildung, Macht und Freiheit zu erlangen, die ihnen sämtlich als einzelnen schlechthin unersteiglich wäre”. Und weiter sei sein Zweck, „das menschliche Wesen zur positiven Entfaltung und fortschreitenden Entwicklung zu bringen, mit anderen Worten, die menschliche Bestimmung — d. i. die Kultur, deren das Menschengeschlecht fähig ist — zum wirklichen Dasein zu gestalten”. Er sei „die Erziehung und Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit”. So sehr sei dies „die wahre und höhere Aufgabe” des Staates, daß „sie deshalb seit allen Zeiten durch den Zwang der Dinge selbst von dem Staate, auch ohne seinen Willen, auch unbewußt, auch gegen den Willen seiner Leiter, mehr oder weniger ausgeführt wurde”.

Und der Arbeiterstand, die unteren Klassen der Gesellschaft überhaupt haben schon durch die hilflose Lage, in der sich ihre Mitglieder als einzelne befänden, den „tiefen Instinkt, daß eben dies die Bestimmung des Staates sei und sein müsse”. Ein unter die Herrschaft der Idee des Arbeiterstandes gesetzter Staat aber würde sich diese „sittliche Natur” des Staates „mit höchster Klarheit und völligem Bewußtsein” zu seiner Aufgabe machen und „einen Aufschwung des Geistes, die Entwicklung einer Summe von Glück, Bildung, Wohlsein und Freiheit herbeiführen, wie sie ohne Beispiel dasteht in der Weltgeschichte”.

So schön das Ganze entwickelt ist, so leidet diese Darstellung doch an einem großen Fehler: Trotz aller Betonung der geschichtlichen Veränderungen in Staat und Gesellschaft erscheint der Staat hier seinem Begriff und Wesen nach als ein für alle Zeit gleicherweise Gegebenes, als habe er von Anfang an einen bestimmten, einen seiner „Idee” zugrunde liegenden Zweck gehabt, der zeitweise verkannt, mangelhaft erkannt oder ignoriert worden sei und dem daher zur vollen Anerkennung verholfen werden müsse. Der Staatsbegriff ist sozusagen ein ewiger. In diesem Sinne zitiert Lassalle eine Stelle aus einer Festrede von Boeckh, wo der berühmte Altertumskenner „gegen die Staatsidee des Liberalismus” an die „antike Bildung” appelliert, welche „nun einmal die unverlierbare Grundlage des deutschen Geistes geworden” sei und von der aus sich die Ansicht erzeuge, der Begriff des Staates sei dahin zu erweitern, daß „der Staat die Einrichtung sei, in welcher die ganze Tugend der Menschheit sich verwirklichen solle”. So begreiflich und innerhalb gewisser Grenzen auch durchaus berechtigt der Protest gegen die sich damals breitmachende Theorie des absoluten sozialpolitischen Gehen- und Geschehenlassens war, so weit schießt Lassalle hier selbst über das Ziel. Der Staat der Alten beruhte auf Gesellschaftszuständen, so grundverschieden von denen der Gegenwart, daß die Ideen der Alten aber den Staat ebensowenig für die Gegenwart maßgebend sein können, wie etwa die Ideen der Alten über die Arbeit, das Geld, die Familie. Gleich diesen ist die antike Staatsidee nur Material der vergleichenden Forschung, aber keineswegs eine auf die Neuzeit übertragbare Theorie. Wenn nach Boeckh die Staatsidee des Liberalismus die Gefahr einer „modernen Barbarei” in sich trug, so die Aufpfropfung der antiken Staatsidee auf die heutige Gesellschaft die Gefahr einer modernen Staatssklaverei. Ferner stimmt es auch durchaus nicht, was Lassalle von den Wirkungen des Staates sagt. Diese sind vielmehr zu verschiedenen Zeiten sehr verschiedene gewesen. Großartige Kulturfortschritte sind vollzogen worden, ehe ein Staat bestand, und wichtige Kulturaufgaben erfüllt worden, ohne den jeweiligen Staat oder auch in Gegensatz zu ihm; der Staat hat unzweifelhaft im wesentlichen den Fortschritt der Menschheit gefördert, aber doch auch oft sich ihm als ein Hemmschuh erwiesen.

Natürlich dachte Lassalle nicht so unhistorisch, den Staatsbegriff der Alten unverändert wieder herstellen zu wollen — auch Boeckh lag ein solcher Gedanke fern —, aber mit dem schlechtweg abgeleiteten Staatsbegriff wurde die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Der Kultus des Staates schlechthin heißt der Kultus jedes Staates, und wenn auch bei Lassalles demokratisch-sozialistischer Gesinnung ein direktes Eintreten für den bestehenden Staat ausgeschlossen war, so verhinderte diese doch nicht, daß jener Kultus später von den Anwälten des bestehenden Staates weidlich zu dessen Gunsten ausgebeutet wurde. Das ist überhaupt die Achillesferse aller auf abgeleitete Begriffe aufgebauten Theorie, daß sie, so revolutionär sie auch gedacht ist, tatsächlich immer in Gefahr ist, in eine Verklärung bestehender oder vergangener Zustände umzuschlagen. Lassalles Staatsidee war die Brücke, die den Republikaner Lassalle eines Tages mit den Streitern für das absolute Königtum und den Revolutionär Lassalle mit den eingefleischten Reaktionären zusammenführte. Der philosophische Absolutismus hatte zu allen Zeiten eine Ader, die ihn dem politischen Absolutismus nahe brachte.

So enthält dieser Vortrag, trotz seiner sonst vortrefflichen Eigenschaften, im Keim bereits alle Fehler, welche in der späteren Lassalleschen Bewegung zutage getreten sind.

Zum Schluß ermahnt Lassalle die Arbeiter, sich ganz von dem Gedanken an die hohe geschichtliche Mission ihrer Klasse durchdringen zu lassen, aus ihm die Pflicht zu einer ganz neuen Haltung herzuleiten. „Es ziemen Ihnen nicht mehr die Laster der Unterdrückten, noch die müßigen Zerstreuungen der Gedankenlosen, noch selbst der harmlose Leichtsinn der Unbedeutenden. Sie sind der Fels, auf welchen die Kirche der Gegenwart gebaut werden soll!”

Lassalle ließ, wie gesagt, auch diesen Vortrag drucken. Aber so vorsichtig er auch gehalten ist, so sehr Lassalle jede unmittelbare politische Schlußfolgerung vermeidet, so witterte die Berliner Polizei, zumal ihr Lassalles politische Bestrebungen sehr gut bekannt waren, doch sofort, worauf der Vortrag hinauslief. Sie ließ die ganze, bei einem Berliner Drucker hergestellte Auflage von 3000 Exemplaren beschlagnahmen und gegen Lassalle Strafuntersuchung einleiten. Ende Juni war die Broschüre im Druck vollendet und konfisziert worden. Am 4. November 1862 reichte der Staatsanwalt von Schelling — ein Sohn des Philosophen Schelling — beim Berliner Stadtgericht das Gesuch ein um Einleitung der Strafuntersuchung gegen Lassalle wegen „Aufreizung der besitzlosen Klassen zu Haß und Verachtung gegen die Besitzenden”. Am 17. November beschloß das Stadtgericht, dem Gesuch Folge zu geben, und am 16. Januar 1863 kam der Prozeß in erster Instanz zur Verhandlung. Trotz einer wahrhaft brillanten Verteidigung, in der sich Lassalle dem Staatsanwalt und dem Gerichtspräsidenten gleich überlegen zeigte, und namentlich den ersteren Spießruten laufen ließ, wurde Lassalle doch zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Er appellierte und hatte wenigstens den Erfolg, daß das Kammergericht die Gefängnisstrafe in eine verhältnismäßig unerhebliche Geldstrafe umwandelte. Die Beschlagnahme der Broschüre blieb allerdings aufrechterhalten, indes ließ Lassalle den Vortrag nun bei Meyer & Zeller in Zürich in Neuauflage erscheinen.

Ebenfalls bei Meyer & Zeller erschienen die drei Broschüren über den Prozeß in der ersten Instanz — von denen die erste die Verteidigungsrede Lassalles (unter dem Sondertitel: „Die Wissenschaft und die Arbeiter”), die zweite den stenographischen Bericht über die mündlichen Verhandlungen, und die dritte eine etwas breite Kritik des erstinstanzlichen Urteils enthält — und schließlich auch unter dem Titel: „Die indirekte Steuer und die Lage der arbeitenden Klassen”, die eine ganze Geschichte und Kritik der indirekten Steuer darbietende Verteidigungsrede in der zweiten Instanz. War die erste Verteidigungsrede eine außerordentlich geschickte und wirkungsvolle Beweisführung dafür, daß der Satz in der preußischen Verfassung „die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei” sinnlos wäre, wenn er nicht das Recht in sich begriffe, die Lehren der Wissenschaft und ihre Theorien den breiten Volkskreisen vorzutragen, und daß gerade die Arbeiterklasse infolge ihrer gesellschaftlichen Lage die natürliche Verbündete der für ihre Freiheit kämpfenden Wissenschaft sei, so ist die Rede über die indirekte Steuer eine ganze ökonomische Abhandlung mit sehr vielem geschichtlichen und statistischen Material, die man noch heute mit Frucht lesen wird, eine der wuchtigsten Anklageschriften gegen das System der indirekten Steuern, die je geschrieben wurden. Politisch kommt in dieser zweiten Rede schon der Kampf Lassalles mit dem bürgerlichen Liberalismus zu schärfstem Ausdruck, während in der ersten Rede noch die Gemeinsamkeit des Kampfes beider wider die Reaktionsmächte betont wurde. Eine eingehendere Würdigung dieser Reden findet man in den Vorworten des Schreibers zu ihnen. Hier müssen wir vorerst wieder auf die Zeit zurückgehen, in welcher der Vortrag selbst gehalten worden war, das Frühjahr 1862.

Es ist begreiflich, daß der Vortrag als solcher zunächst kein besonderes Aufsehen machte. So sehr er sich dem inneren Gehalt nach von der Kost unterschied, die den Berliner Arbeitern damals von den Fortschrittsrednern vorgesetzt wurde, der äußeren, politischen Tendenz nach wich er wenig von ihr ab. An radikalen Wendungen, Anspielungen auf eine Neuauflage der 1848er Revolution, Angriffen auf die indirekte Steuer usw. ließen es auch die fortschrittlich-demokratischen Dutzendredner nicht fehlen. Ja, da sie ihre Reden mit Ausfällen gegen die Regierung spickten, hörten sich diese gewöhnlich viel radikaler an als der fast ganz akademisch gehaltene Vortrag Lassalles. Wenn der Philister oppositionell ist, nimmt er es in der Großspurigkeit der Redensarten mit jedem auf. Auf die Mehrheit seiner Hörer, ob Arbeiter oder Bürger, machte der Vortrag noch nicht den Eindruck von außergewöhnlichem Radikalismus.

So wurde denn auch Lassalle, der Mitglied der „Philosophischen Gesellschaft” in Berlin war, noch in demselben Frühjahr von dieser dazu ausersehen, bei der auf den 19. Mai veranstalteten Gedenkfeier zum hundertjährigen Geburtstage des Philosophen Fichte die Festrede zu halten. Weder an seinem sozialen noch an seinem politischen Radikalismus, der natürlich in diesen Kreisen wohl bekannt war, nahmen die leitenden Persönlichkeiten damals Anstoß. Da das Bürgertum in seiner großen Mehrheit oppositionell war, durften auch seine Gelehrten noch Ideologie treiben.

Sechs Monate zuvor hatte Lassalle in den „Demokratischen Studien” Fichte als Apostel der deutschen Republik gefeiert; wenn man ihm jetzt den Auftrag erteilte, dem Andenken Fichtes eine Festrede zu halten, so war das im Grunde nichts als eine Anerkennung jenes Aufsatzes. Und Lassalle ließ sich denn auch die Gelegenheit nicht entgehen, das dort Gesagte in anderer Umkleidung zu wiederholen.

Die Rede trägt den Titel: „Die Philosophie Fichtes und die Bedeutung des deutschen Volksgeistes.” Sie ist glänzend, soweit sie Fichtes Stellung in der Geschichte der deutschen Philosophie zur Anschauung bringt. Weiterhin aber verfällt Lassalle wieder in eine ganz althegelsche Ideologie. Der deutsche Volksgeist ist die metaphysische Volksidee, und seine Bedeutung besteht darin, daß die Deutschen die hohe weltgeschichtliche Aufgabe haben, aus dem „reinen Geist” heraus diesem „nicht bloß eine reale Wirklichkeit”, sondern sogar „die bloße Stätte seines Daseins, sein Territorium”, erst zu schaffen. „Indem hier das Sein aus dem reinen Geist selbst erzeugt wird, mit nichts Geschichtlichem, nichts Naturwüchsigem und Besonderem verwachsen, kann es nur sein, des reinen Gedankens, Ebenbild sein, und trägt hierin die Notwendigkeit jener Bestimmung zur höchsten und vollendetsten Geistigkeit der Freiheit, die ihm Fichte weissagt.” Und was Fichte philosophisch in der Einsamkeit seines Denkens aufgestellt habe, das sei, einen anderen Ausspruch dieses Philosophen bewahrheitend, bereits „zur Religion geworden” und durchbebe „unter dem populären und dogmatischen Namen der deutschen Einheit jedes edlere deutsche Herz”.

Das Streben nach der deutschen Einheit als die Frucht des „reinen, mit nichts Geschichtlichem verwachsenen” Geistes hinstellen — das ging noch über die Ideologie des Liberalismus hinaus. Deshalb scheint auch der mit großer Konsequenz und Einheitlichkeit des Gedankens durchgeführte Vortrag seine Wirkung auf das Festpublikum total verfehlt zu haben. Wie einige Blätter schadenfroh berichteten, verließen die Hörer zum großen Verdruß Lassalles allmählich das Zimmer der Festrede, „um sich nach dem Zimmer des leckeren Mahles zu verfügen”. Sie vergaßen aber hinzuzusetzen, daß die Hörerschaft sich nicht nur aus Mitgliedern der philosophischen Gesellschaft, sondern in der Mehrheit aus deren Gästen zusammensetzte — meist also Leute, die solche Festversammlungen lediglich des guten Tons halber besuchen.

Lassalle ließ auch diese Rede im Separatdruck erscheinen und sandte sie, zusammen mit dem „Julian Schmidt”, und dem Vortrag „über Verfassungswesen” durch Lothar Bucher an Marx. Er habe „etwas politisch-praktische Agitation beginnen” wollen, schreibt er unter dem 9. Juni an letzteren. „So habe ich den Verfassungsvortrag in vier Vereinen gehalten. Außerdem einen weit längeren Vortrag über den Arbeiterstand geschrieben und in einem Arbeiterverein gehalten.” Es ist dies das „Arbeiterprogramm”. „Ich habe mich jetzt auch entschlossen,” setzt er hinzu, „ihn drucken zu lassen; er ist bereits unter der Presse. Sowie er fertig ist, sende ich ihn Dir.” Im weiteren Verlauf seines Briefes kommt er wieder darauf zurück, daß durch die intensivere Beschäftigung mit anderen Dingen in den letzten drei Jahren die nationalökonomische Materie in seinem Kopf „gleichsam fossil” geworden sei. Erst wenn „alles wieder flüssig geworden”, werde er an die zweite Lektüre des Marxschen Buches „Zur Kritik der politischen Ökonomie” gehen, und dann ziemlich gleichzeitig an dessen Besprechung und die Ausführung seines eigenen ökonomischen Werkes — „welch letztere freilich sehr lange dauern wird”. Dieses Programm werde ohnehin durch eine zweimonatige Reise unterbrochen, denn im Sommer halte er es in Berlin nicht aus. Im Juli werde er nach der Schweiz reisen oder erst nach London kommen und dann in die Schweiz gehen.

Er entschied sich für das letztere. Vorher aber schrieb er noch einmal an Marx, und zwar:

„Lieber Marx! Der Überbringer ist der Hauptmann Schweigert, der mit Auszeichnung unter Garibaldi und speziell unter meinem Freund Rüstow gedient hat. Er ist der ehrlichste und zuverlässigste Kerl von der Welt. C'est un homme d'action. Er steht an der Spitze der Wehrvereine, die er von Coburg aus organisiert und geht jetzt nach London, um dort Geldmittel für 3000 Gewehre aufzutreiben, die er für die Wehrvereine braucht. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, wie wünschenswert dies wäre. Habe also die Güte, ihn mit allen Leuten in Rapport zu setzen, von denen er Geld für diesen Zweck erhalten kann oder sonstigen zu diesem Ziel führenden Vorschub zu tun. Tue Dein Möglichstes.

„Die Wahrscheinlichkeit, daß ich nach London komme, nimmt zu.

Berlin, 19. 6. 62.         Dein F. Lassalle.”

Die von Coburg aus organisierten „Wehrvereine” standen im Lager des „Nationalvereins”, der seinen Sitz in jener Stadt hatte. Rüstow wollte sie offenbar für Aktionen verwendbar machen, die zeitgemäß werden konnten, wenn Garibaldi sich von neuem erhob. Die Betonung des „homme d'action”, und das große Interesse an der Beschaffung der 3000 Gewehre sind eine weitere Bestätigung für das weiter oben von den Revolutionsplänen Lassalles Gesagte.

Mit zwei kurzen Briefen aus London selbst, die sich auf Besuche und einen zu unternehmenden gemeinsamen Ausflug beziehen, schließen die mir vorliegenden Briefe Lassalles an Marx ab. Es wäre aber falsch, daraus den Schluß zu ziehen, daß es bei dem Besuch zu einem Bruch zwischen den beiden gekommen wäre. Ein solcher hat nie stattgefunden. Wohl aber wissen wir von Marx, daß in den mündlichen Auseinandersetzungen zwischen ihm und Lassalle er dem letzteren die grundsätzliche Verschiedenheit der beiderseitigen Standpunkte rückhaltlos dargelegt, sich rundweg gegen dessen Pläne erklärt habe. Bald nachdem Lassalle im Herbst 1862 nach Berlin zurückgekehrt war, schlief die Korrespondenz gänzlich ein. Um so enger schloß sich Lassalle an Bucher an, der ihn später auch mit Rodbertus in Verbindung brachte.

Im Spätsommer 1862 schien es einen Augenblick, als wolle die preußische Regierung der Volksvertretung gegenüber eine nachgiebigere Haltung einschlagen. Wieder wurde hin- und herverhandelt, bis plötzlich der König in schroffer Weise der Kammer erklären ließ, daß er sich auf keine Konzessionen in bezug auf die Verkürzung der Militärdienstpflicht einlasse und auch keine Neigung verspüre, um Indemnität für die verfassungswidrige Durchführung der Armeeorganisation einzukommen. Die Kammer antwortete damit, daß sie die Forderung der Regierung, die Kosten der Heeresorganisation in den Etat der ordentlichen Ausgaben aufzunehmen, mit 308 gegen 11 Stimmen verwarf. Um den Widerstand der Mehrheit zu brechen, berief der König an Stelle des Herrn v. d. Heydt den gerade in Berlin befindlichen Gesandten Preußens am französischen Hofe, Otto v. Bismarck, ins Ministerium. Die vorhergegangene schroffe Betonung der königlichen Vorrechte war bereits im Einverständnis mit Bismarck erfolgt.

Bismarck, der 1847 im „Vereinigten Landtag” und 1849 in der Preußischen Nationalversammlung als feudal-junkerlicher Heißsporn aufgetreten war, hatte sich inzwischen zum „modernen Staatsmann” entwickelt. Er hatte die junkerlichen Ideologien über Bord geworfen, um desto wirksamer die Interessen des „befestigten Grundbesitzes” wahrzunehmen, er hatte den vormärzlichen Absolutismus aufgegeben, um dem Königtum dadurch eine um so privilegiertere Stellung zu sichern, daß die Volksvertretung die Verantwortung, aber auch nichts als die Verantwortung für die Bedürfnisse und die Politik der Monarchie übernehmen sollte. Kurz, er hatte die Maximen des als Bonapartismus bekannten Regierungssystems übernommen, das, wenn es von Demokratie spricht, Regierungsgewalt meint, und von Fürsorge für das Wohl der Armen deklamiert, wenn es einen Steuerfeldzug auf die Taschen der Arbeiter im Schilde führt. Von der zarischen Diplomatie hatte er gelernt, wie man absolutistisch regieren und unter der Hand mit Revolutionären Geschäfte machen kann, von der bonapartistischen, wie man stets in dem Augenblick den Gegner einer verpönten Handlung beschuldigen muß, wo man selbst eben diese Handlung zu begehen im Begriff ist. Als Spezialität übte er außerdem die Gepflogenheit aller geriebenen Diplomaten, zeitweilig eine verblüffende Aufrichtigkeit an den Tag zu legen, um bei der nächsten Gelegenheit mit desto mehr Erfolg die Sprache gebrauchen zu können, um die Wahrheit nicht zu sagen.

Mit dieser „Aufrichtigkeit” trat Bismarck auch vor die Kammer, trotzdem wurde ihm jedoch sein deutsches Programm nicht geglaubt. Seine Erklärung in der Budgetkommission, die deutsche Frage werde nur durch „Blut und Eisen” gelöst werden, reizte nur um so mehr zum Widerstand. Das Abgeordnetenhaus blieb bei seinem Beschluß bestehen, der Regierung nichts zu bewilligen, bevor nicht sein verfassungsmäßiges Recht von ihr anerkannt sei, worauf Bismarck das Haus vertagte mit der Erklärung, die Regierung werde vorderhand das Geld nehmen, wo sie es finde.

Indes war seine Lage keineswegs eine sehr gesicherte. Wohl hatte er die Regierungsgewalt, d. h. die organisierte Macht, hinter sich, während die Kammer vorläufig nichts als die „öffentliche Meinung” auf ihrer Seite hatte. Indes, er wußte ganz gut, daß er sich auf die preußischen Bajonette nicht „setzen” konnte. Auf durchgreifende Erfolge in der auswärtigen Politik, geeignet, die ehemaligen „Gothaer”, d. h. die schwachliberalen Kleindeutschen, für die Regierung zurückzugewinnen, war vorderhand nicht zu rechnen. Er mußte also anderwärts Verbündete gegen die Fortschrittspartei zu gewinnen suchen.

Es war um diese Zeit, im Herbst 1862, daß man in Berlin in Arbeiterkreisen anfing, die Einberufung eines Allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses zur Erörterung von besonderen Fragen des Arbeiterwohls ernsthaft zu betreiben, und daß in Zusammenkünften, die dieser Frage galten, ein beschäftigungsloser Arbeiter namens Eichler mit besonderer Heftigkeit die Fortschrittspartei der Lahmheit anklagte und gegen die Schulzeschen Genossenschaften loszog, die dem Arbeiter nichts nützten. Mit der „Selbsthilfe”, von der die Liberalen soviel Geschrei machten, sei es nichts, nur der Staat könne den Arbeitern helfen. Eichler, der behauptete, von seinem Prinzipal wegen seiner absprechenden Äußerungen über die Schulzesche Selbsthilfe gemaßregelt zu sein, fand die Mittel, nach Leipzig zu reisen, wo im dortigen Arbeiterverein „Vorwärts” gleichfalls die Idee der Einberufung eines allgemeinen Arbeiterkongresses und die Gründung einer selbständigen Arbeiterorganisation lebhaft diskutiert wurde. Er suchte das Leipziger Zentralkomitee für die Einberufung des Kongresses nach Berlin zu gewinnen, und als man ihm etwas genauer auf den Zahn fühlte, rückte er schließlich in der Hitze des Gefechtes mit der Erklärung heraus, er wisse ganz genau, daß die preußische Regierung den guten Willen habe, den Arbeitern zu helfen, namentlich bei der Gründung von Produktivgenossenschaften; er könne mitteilen, daß Herr von Bismarck bereit sei, 30000 Taler zur Gründung einer Maschinenbauer-Produktivgenossenschaft zu liefern — die Maschinenbauer waren damals, und noch lange später, in Berlin die Kerntruppe der Fortschrittspartei! Natürlich müßten sich die Arbeiter dazu entschließen, der Fortschrittspartei den Rücken zu kehren, die eine Partei der Bourgeoisie, der Hauptfeindin der Arbeiter, sei.

Damit fiel Eichler indes ab, denn so wenig die Leute, welche in Leipzig den Arbeiterkongreß betrieben, Verehrer der Fortschrittler waren, so geringe Lust hatten sie, ihnen der preußischen Regierung zuliebe in den Rücken zu fallen. Eichler zog unverrichteter Sache heim und scheint auch in Berlin wenig ausgerichtet zu haben. Als man ihm wegen seiner auffällig flotten Lebensweise, die zu seiner „Arbeitslosigkeit” so gar nicht paßte, auf den Pelz rückte, machte er mysteriöse Anspielungen auf eine reiche vornehme Dame, die Wohlgefallen an ihm gefunden habe, und da er ein hübscher Bursche war, hatte das auch nichts besonders Unwahrscheinliches. Eichler verschwand dann von der Bildfläche und tauchte später als — preußischer Polizeibeamter auf.

Als 16 Jahre später, in der Reichstagssitzung vom 16. September 1878, August Bebel die Eichlersche „Mission” dem inzwischen zum Fürsten avancierten Bismarck vorhielt, suchte dieser tags darauf den Eichler von sich abzuschütteln, indem er ein Versehen Bebels in der Zeitbestimmung für sich ausnutzte — Bebel hatte September statt Oktober 1862 als die Zeit des Eichlerschen Gastspiels in Leipzig angegeben; aber im Vertrauen auf die Wirkung dieses Kunstgriffs ließ er sich zu dem Geständnis verleiten, Eichler habe späterhin „Forderungen an mich gestellt für Dienste, die er mir nicht geleistet hatte”, und daß ihm „bei der Gelegenheit erst in Erinnerung gekommen, daß Herr Eichler im Dienste der Polizei gewesen ist und daß er Berichte geliefert hat”. (Vgl. die unter dem Titel „Die Sozialdemokratie vor dem deutschen Reichstage” veröffentlichten amtlichen Stenogramme über die Beratung des Sozialistengesetzes, 1878, S. 85.) Mit andern Worten, die angebliche vornehme Dame, oder, wie sich der Leipziger „Volksstaat” seinerzeit einmal drastisch ausdrückte, die „aristokratische Vettel” entpuppte sich als — das Berliner Polizeipräsidium.

Ebenfalls im Herbst 1862, nachdem am 13. Oktober Bismarck den Landtag vertagt hatte, hielt Lassalle seinen zweiten Verfassungsvortrag: „Was nun?” Er beruft sich dort darauf, daß die Ereignisse den Ausführungen in seinem ersten Vortrage recht gegeben haben. Die „Kreuzzeitung”, der Kriegsminister von Roon und der gegenwärtige Ministerpräsident von Bismarck hätten seine Theorie, daß Verfassungsfragen Machtfragen sind, bestätigt. Gestützt auf ihre Macht habe die Regierung fortgefahren, sich über die Beschlüsse der Kammer hinwegzusetzen. Es handle sich nun weniger um die Frage, wie der Verfassung von 1850 zur Fortdauer ihrer Existenz zu verhelfen sei, an deren Bestimmungen das Volk zum Teil gar kein Interesse habe, sondern einfach um die Frage, wie das Budgetrecht der Volksvertretung aufrechtzuerhalten, das parlamentarische Regime zur Wahrheit zu machen sei, da „in ihm, und nur in ihm das Wesen einer jeden wahrhaft konstitutionellen Regierung” bestehe. Soll man zu dem Mittel der Steuerverweigerung greifen? Nein, antwortet Lassalle. Diese sei als solche ein wirksames Mittel nur in den Händen eines Volkes, das, wie das englische, die vielen Machtmittel der organisierten Macht auf seiner Seite habe. Sie hätte nur dann einen Sinn, wenn sie dazu dienen sollte, einen allgemeinen Aufstand zu entflammen. Aber an einen solchen „werde unter den jetzigen Umständen hoffentlich wohl niemand denken”. Das einzige Mittel sei, auszusprechen, was ist. Die Kammer müsse, sobald sie wieder zusammentrete, „aussprechen das, was ist”. Das sei „das gewaltigste politische Mittel”. Die Kammer müsse es der Regierung unmöglich machen, mit dem Scheinkonstitutionalismus weiter zu regieren. Sobald sie wieder zusammentrete, müsse sie unverzüglich einen Beschluß fassen, daß sie, solange die Regierung ihren Verfassungsbruch fortsetze, es ablehne, durch Forttagen und Fortbeschließen der Regierung behilflich zu sein, den Schein eines verfassungsmäßigen Zustandes aufrechtzuhalten, und daß sie daher ihre Sitzungen „auf unbestimmte Zeit, und zwar auf so lange aussetze, bis die Regierung den Nachweis antritt, daß die verweigerten Ausgaben nicht länger fortgesetzt werden”. Sobald die Kammer diesen Beschluß gefaßt habe, sei die Regierung besiegt. Auflösung nutze ihr nichts, denn die neuen Abgeordneten würden mit derselben Parole wiedergewählt werden. Ohne Kammer könne sie aber auch nicht regieren. Ihr Kredit, ihr Ansehen, ihre Machtstellung nach außen würden so gewaltig darunter leiden, daß sie über kurz oder lang gezwungen sein werde, nachzugeben. Ein anderes Mittel, den Konflikt beizulegen, gäbe es aber nicht. Durch Forttagen und Verweigern anderer oder auch aller Ausgaben der Regierung würden nur Volk und Regierung an die süße Gewohnheit der Nichtbeachtung von Kammerbeschlüssen gewöhnt. Noch schlimmer würde es sein, wollte die Kammer sich auf einen Kompromiß einlassen, etwa für den Preis der Bewilligung der zweijährigen Dienstzeit. Nein, kein Nachgeben in der konstitutionellen Grundfrage, um die es sich jetzt handle. Je hartnäckiger sich die Regierung stelle, um so größer werde alsdann ihre Demütigung sein, wenn sie sich gezwungen sehen werde, nachzugeben. „Um so mehr erkennt sie dann die gesellschaftliche Macht des Bürgertums als die ihr überlegene Macht an, wenn sie erst später umkehrend sich vor Volk und Kammer beugen muß.” Dann aber „keinen Versöhnungsdusel, meine Herren”. Keinen neuen Kompromiß mit dem alten Absolutismus, sondern „den Daumen aufs Auge und das Knie auf die Brust”.

Lassalle nimmt in diesem Vortrag im ganzen eine versöhnliche Haltung gegenüber der Fortschrittspartei ein. Er will „der Einigkeit zuliebe” alle schweren Anklagen, die er gegen sie auf dem Herzen habe, unterdrücken. Nur die „Volkszeitung” und ihre Hintermänner, deren Politik das Aussprechen was nicht ist, sei, greift er an. Diese „Geistesärmsten” trügen durch ihre Versuche, die Regierung in eine konstitutionelle „umzulügen”, einen sehr großen Teil der Verantwortung für den jetzigen Stand der Dinge. Aber „Friede, meine Herren, der Vergangenheit”!

Ob Lassalle im Innersten seines Herzens so friedlich gesinnt war und wirklich sich dem Glauben hingab, die Fortschrittler würden auf seinen Vorschlag eingehen, oder ob diese Versöhnlichkeit nur oratorische Floskel war, um ihm später eine desto schärfere Position gegen die Fortschrittler zu verleihen, läßt sich schwer feststellen. Es mag beides zutreffen. Daß er einem zeitweiligen Zusammengehen mit den Fortschrittlern grundsätzlich nicht abgeneigt war, haben wir vorher gesehen, viele persönliche Beziehungen ließen ihm das sogar als wünschenswert erscheinen, und vom prinzipiellen Standpunkt ließ sich bei der damaligen Sachlage auch nichts dagegen einwenden. Auf der anderen Seite war es aber immer zweifelhafter geworden, ob die Fortschrittler sich mit ihm einlassen und ihm denjenigen Einfluß auf ihre Taktik einräumen würden, auf den er Anspruch zu haben glaubte.


Lassalle und das Leipziger Arbeiterkomitee. — Das Offene Antwortschreiben, politischer Teil.

Jedenfalls gingen sie auf die Friedensbedingung, d. h. die von Lassalle vorgeschlagene Kampfesmethode, nicht ein. Man kann ihnen auch von ihrem Standpunkt aus nicht unrecht geben. Lassalles Vorschlag war sehr gut, wenn man es so schnell als möglich zum Äußersten treiben wollte, wenn man entschlossen, sowie in der Lage war, auf einen Staatsstreich — denn weiter blieb der Regierung bei dieser Taktik nichts übrig — mit einer Revolution zu antworten. Soweit waren aber die Fortschrittler noch nicht, und darum zogen sie die Methode des Hinziehens vor. Ohne Revolution in unmittelbarer Reserve lief der freiwillige Verzicht auf die Tribüne in der Kammer auf den famosen „passiven Widerstand” hinaus, über den Lassalle sich mit Recht selbst lustig machte. Durch beharrliche Verweigerung des Budgets konnte man ebenso laut und drastisch „aussprechen, was ist”, die öffentliche Meinung ebenso wirksam oder noch mehr in Erregung halten, als durch das Mittel der Vertagung ins Unbestimmte, das der Regierung obendrein einen Schein von Recht für die Außerkraftsetzung der Verfassung lieferte. Das war ja aber die Hauptidee der Taktik der Fortschrittler, die Regierung vor allem als Vertreterin der Gewalt gegenüber dem Recht hinzustellen. „Ihre Hauptwortführer,” sagt B. Becker sehr gut, „waren meist Leute aus dem Richter- und Advokatenstande, folglich an juristisch-advokatorische Dehnbarkeit[20] gewöhnt und den Streit der Kammermajorität mit der Regierung wie einen langen Rechtsstreit zu betrachten geneigt.”

Sie erhoben denn auch von neuem gegen Lassalle den Vorwurf, daß er, gleich der Regierung, Macht vor Recht gestellt habe. Und nun, nicht nach der ersten Verfassungs-Broschüre, wie es bei Becker heißt, schrieb Lassalle den Aufsatz „Macht und Recht”, in welchem er der Fortschrittspartei rund heraus den Fehdehandschuh hinwarf. Es war ihm ein leichtes, die ganze Lächerlichkeit jenes Vorwurfs mit ein paar Worten schlagend nachzuweisen und den Fortschrittlern als Zugabe den Beweis zu liefern, daß ihr Abgott Schwerin, dessen Erklärung, daß in Preußen „Recht vor Macht gehe”, sie so laut bejubelten, an einem ganzen Dutzend Rechtsbrüchen, wo Macht vor Recht ging, teilgenommen hatte. „Es hat kein Mensch im preußischen Staat das Recht, vom ‚Recht’ zu sprechen” — ruft er aus — „als die Demokratie, die alte und wahre Demokratie. Denn sie allein ist es, die stets am Recht festgehalten und sich zu keinem Kompromiß mit der Macht erniedrigt hat.” Und: „Bei der Demokratie allein ist alles Recht — und bei ihr allein wird die Macht sein!”

Dieser Kriegserklärung, in Form einer Berichtigung an die radikale Berliner „Reform” eingesandt, verschloß letztere — für die Lassalle noch im Juni 1862 bei Marx ein gutes Wort eingelegt hatte — ihre Spalten, desgleichen die „Vossische Zeitung”. Die letztere lehnte auch die Aufnahme des Aufsatzes als bezahltes Inserat ab, worauf Lassalle ihn als „Offenes Sendschreiben” in Zürich erscheinen ließ. Daß die Wahl dieses Verlagsortes die „preßgesetzlichen Bedenken” der „Vossischen Zeitung” eigentlich rechtfertigte, kümmerte ihn nicht weiter.


Zwischen der Veröffentlichung des Vortrages „Was nun?” (Dezember 1862) und der Abfassung des „Sendschreibens” (Februar 1863) liegen wiederum zwei Monate. Noch vor dieser Zeit (Ende Oktober 1862) waren zwei Mitglieder des Leipziger Arbeiterkomitees, der Tabakarbeiter F. W. Fritzsche und der Schuhmacher Julius Vahlteich, nach Berlin gefahren und hatten dort, nach Konferenzen mit führenden Mitgliedern des Berliner Arbeiterkomitees, sowie mit Schulze-Delitzsch und noch etlichen Fortschrittsführern am 2. November einer großen Arbeiterversammlung beigewohnt, in der mit überwiegender Mehrheit beschlossen wurde, das Mandat für die Einberufung des Kongresses dem Leipziger Komitee zu übertragen. Der Besuch überzeugte sie, die selbst schon Sozialisten waren, daß die Arbeiter Berlins noch stark an Schulze-Delitzsch hingen, dieser aber und die übrigen Führer der Fortschrittspartei von einer selbständigen Arbeiterbewegung sehr wenig wissen wollten. Spätere Anfragen bestärkten diesen Eindruck noch. In bezug auf die Frage des Beitritts zum Nationalverein erhielt man die bereits erwähnte klassische Antwort, die Arbeiter sollten sich als „Ehrenmitglieder” des Nationalvereins betrachten. In bezug auf die Frage des Wahlrechts waren die Unruh, Schulze-Delitzsch usw. selbst gespalten, hielten sie auch außerdem für keine brennende. Das Dreiklassenwahlsystem hatte ja eine so vortreffliche Kammer zusammengebracht, man könne es also schon noch eine Weile mitansehen. Daß die vortreffliche, d. h. die oppositionelle Kammer, lediglich das Produkt der besonderen Zeitverhältnisse war, kam den guten Leuten nicht zum Bewußtsein.

Von dem jugendlichen Berliner Demokraten, dem späteren Fortschrittsabgeordneten Ludwig Löwe, wurden die Leipziger auf Ferdinand Lassalle und dessen Vortrag „Das Arbeiterprogramm” aufmerksam gemacht und setzten sich nun mit Lassalle in Verbindung. Man kann sich leicht denken, wie sehr dies dessen Entschluß bestärken mußte, nunmehr das „Friede der Vergangenheit, meine Herren” zurückzunehmen. Als er das Sendschreiben „Macht und Recht” erließ, war bereits zwischen ihm und dem Leipziger Komitee verabredet, daß dieses ihn in einem offiziellen Schreiben ersuchen sollte, seine Ansichten über die Aufgaben der Arbeiterbewegung und die Frage der Assoziationen in einer ihm passend erscheinenden Form darzulegen, und daß diese Form eben die einer Flugschrift sein sollte. Die äußerst interessanten damaligen Briefe Lassalles an die Leipziger sind neuerdings von Prof. H. Oncken in Grünbergs „Archiv für die Geschichte des Sozialismus” veröffentlicht worden (Jahrgang 2, Heft 2 und 3). Sie zeigen, daß Lassalle, so froh er über die Verbindung mit dem Leipziger Komitee war, sich diesem doch in keiner Weise aufdrängte. Die Leipziger, d. h. die treibenden Elemente im Arbeiterverein, wußten sehr gut, worauf sie hinauswollten; worüber man noch unentschlossen war, das war weniger das Wesen der zu unternehmenden Aktion, als das Aktionsprogramm. Es war durchaus nicht „das Bewußtsein seiner eigenen Unklarheit”, wie Bernh. Becker in seiner „Die Wahrheit über alles” stellenden Geschichte der Lassalleschen Arbeiteragitation schreibt, die das Komitee veranlaßte, in einem vom 10. Februar datierten „Aufruf an die deutschen Arbeiter” gleichzeitig für Beschleunigung, aber gegen Übereilung des zu berufenden Arbeiterkongresses sich auszusprechen. Der Kongreß sollte möglichst bald stattfinden, aber nicht so bald, daß nicht inzwischen die Lassallesche Antwort ihre Wirkung getan haben konnte. In derselben Sitzung, wo es den vorerwähnten Aufruf erließ, beschloß das Komitee, folgenden Brief an Lassalle zu schicken, der auch tags darauf abging:

  „Herrn Ferdinand Lassalle in Berlin.

        Sehr geehrter Herr!

Ihre Broschüre: ‚Über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes’ ist hier überall von den Arbeitern mit großem Beifall aufgenommen worden und das Zentralkomitee hat sich in Ihrem Sinne in der Arbeiterzeitung ausgesprochen. Andrerseits sind von verschiedenen Seiten sehr ernstliche Bedenken ausgesprochen worden, ob die von Schulze-Delitzsch empfohlenen Assoziationen der großen Mehrzahl der Arbeiter, die gar nichts besitzt, genügend helfen können, ob namentlich durch dieselben die Stellung der Arbeiter im Staat in der Art verändert werden kann, wie es notwendig erscheinen muß. Das Zentralkomitee hat in der Arbeiterzeitung (Nr. 6) hierüber seine Ansichten ausgesprochen; es ist der Überzeugung, daß das Assoziationswesen unter unsern jetzigen Verhältnissen nicht genug leisten könne. — Da nun aber aller Orten die Ideen von Schulze-Delitzsch als maßgebend für den Arbeiterstand, unter dem wir die gedrückteste Klasse des Volkes verstehen, empfohlen werden, und da doch wohl noch andere Mittel und Wege, als die von Schulze-Delitzsch vorgeschlagenen, denkbar wären, um die Ziele der Arbeiterbewegung: Verbesserung der Lage der Arbeiter in politischer, materieller und geistiger Beziehung zu erreichen, so hat das Zentralkomitee in seiner Sitzung vom 10. Februar cr. einstimmig beschlossen:

Sie zu ersuchen, in irgendeiner Ihnen passend erscheinenden Form Ihre Ansichten über die Arbeiterbewegung und über die Mittel, deren dieselbe sich zu bedienen hat, sowie besonders auch über den Wert der Assoziationen für die ganz unbemittelte Volksklasse, auszusprechen.

Wir legen den größten Wert auf Ihre Ansichten, welche Sie in der angeführten Broschüre ausgesprochen haben, und werden deshalb auch Ihre ferneren Mitteilungen vollkommen zu würdigen wissen. Wir ersuchen Sie schließlich nur noch um möglichst baldige Erfüllung unserer Bitte, da uns viel daran liegt, die Entwicklung der Arbeiterbewegung zu beschleunigen. — Mit Gruß und Handschlag!

Leipzig, 11. Februar 63.

Für das Zentralkomitee zur Berufung eines
Allgemeinen Deutschen Arbeiterkongresses

                  Otto Dammer.”

Die Antwort auf diesen Brief bildete das vom 1. März 1863 datierte „Offene Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses zu Leipzig von Ferdinand Lassalle”.

Mit dieser Schrift und ihrer Annahme im Komitee und im Leipziger Arbeiterverein selbst beginnt die eigentlich sozialistische Agitation Lassalles und die Geschichte des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins”.


Das „Offene Antwortschreiben” Lassalles tritt zunächst der Ansicht entgegen, daß die Arbeiter sich nicht um die Politik zu bekümmern hätten. Im Gegenteil, sie hätten sich durchaus an der Politik zu beteiligen, bloß dürften sie dies nicht in der Weise tun, daß sie sich als den „selbstlosen Chor und Resonanzboden” der Fortschrittspartei betrachteten. Der Nachweis dafür, daß die Fortschrittspartei den Anspruch darauf verwirkt habe, stützt sich im wesentlichen auf das von dieser im Verfassungskonflikt beobachtete Verhalten und ist insofern nicht überall von gleichmäßiger Beweiskraft. Wenn Lassalle z. B. auf Seite 4 der Schrift der Fortschrittspartei vorwarf, daß sie „nur .... das Festhalten am Budgetbewilligungsrecht zum Inhalt ihres Kampfes habe”, so vergaß er, daß er selbst es noch im Vortrage „Was nun?” als das eigentliche und mit aller Energie zu vertretende Objekt des Kampfes bezeichnet hatte. Ebenso konnte sich die Fortschrittspartei auf ihn selbst berufen, wenn er es ihr als eine politische Sünde anrechnete, daß sie

„sich durch ihr Dogma von der preußischen Spitze zwingt, in der preußischen Regierung den berufenen Messias für die deutsche Wiedergeburt zu sehen, während es, mit Einschluß Hessens, nicht eine einzige deutsche Regierung gibt, welche hinter der preußischen in politischer Beziehung zurückstände, während es, und zwar mit Einschluß Österreichs (!!), fast keine einzige deutsche Regierung gibt, welche der preußischen nicht noch bedeutend voraus wäre.”

Indes in der Sache selbst hatte Lassalle natürlich recht. Die Organisation der Arbeiter als selbständige politische Partei mit eigenem Programm war eine geschichtliche Notwendigkeit, und wenn die Entwicklung der politischen Zustände Deutschlands es zweifelhaft erscheinen lassen konnte, ob es gerade in jenem Augenblick geraten war, die Arbeiter vom Heerbann der gegen den Absolutismus kämpfenden Fortschrittspartei abzutrennen, so lag von seiten der letzteren genug vor, was zu dieser Abtrennung geradezu herausforderte. Zudem hieß die selbständige Organisierung der Arbeiter an sich noch nicht Beeinträchtigung der Aggressivkraft der Fortschrittspartei. Daß sie diese in der Tat zur Folge hatte, ist in nicht geringem Grade Schuld der Fortschrittspartei selbst — ihrer wahrhaft bornierten Haltung gegenüber der neuen Bewegung. Zum Teil allerdings auch Schuld des Programms, welches Lassalle dieser Bewegung gab.

Wir haben bei Besprechung des „Arbeiterprogramms” gesehen, welch abstrakte, rein ideologische Vorstellung Lassalle mit dem Begriff „Staat” verband. Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß er einen wahren Kultus mit dem Staatsbegriff trieb. „Das uralte Vestafeuer aller Zivilisation, den Staat, verteidige ich mit Ihnen gegen jene modernen Barbaren” — nämlich die Manchesterpartei — ruft er in der Rede „Die indirekte Steuer” den Richtern des Berliner Kammergerichts zu, und ähnliche Stellen finden sich in fast allen seinen Reden vor. Dieser Staatskultus ist die Achillesferse der Lassalleschen Doktrin, die Ursache von allerhand verhängnisvollen Fehlgriffen. Die althegelisch-ideologische Vorstellung vom „Staat” veranlaßte Lassalle, in einem Augenblick den Arbeitern eine halbmystische Verehrung des Staats einzuprägen, wo es sich für sie zunächst noch darum handelte, die Bevormundungen des Polizeistaats erst loszuwerden. Es hört sich sehr hübsch an, wenn er im „Offenen Antwortschreiben” den Arbeitern zuruft: „Wie, Sie wollten über Freizügigkeit debattieren? Ich weiß Ihnen hierauf nur mit dem Distichon Schillers zu antworten: