Freizügigkeit und Gewerbefreiheit seien Dinge, die man in einem gesetzgebenden Körper „stumm und lautlos dekretiert, aber nicht mehr debattiert”. Tatsächlich jedoch waren diese Dinge und mit ihnen die Koalitionsfreiheit eben noch nicht da, während die Arbeiter sie unbedingt brauchten. Der wirkliche Grund, warum Freizügigkeit und Gewerbefreiheit einen verhältnismäßig untergeordneten Rang auf einem Arbeiterkongreß einzunehmen hatten, war der, daß sie zugleich in hohem Grade Forderungen des bürgerlichen Liberalismus waren; aber überflüssig war ihre Diskutierung schon deshalb nicht, weil selbst in Arbeiterkreisen noch sehr viel Unklarheit über ihre Bedeutung herrschte.
Lassalle schob diese Fragen beiseite, weil ihm wichtiger als sie die Forderung der Staatshilfe schien. Einmal der Sache selbst wegen, zweitens aber, weil er in dem Ausblick auf die Staatshilfe das einzig wirksame Mittel erblickte, die Arbeiterklasse für die politische Aktion aufzurütteln, sie zugleich von der Vormundschaft der bürgerlichen Parteien zu emanzipieren und doch für die Erkämpfung der demokratischen Forderungen zu erwärmen. Und kein Zweifel, daß ihm zu jener Zeit diese zweite Seite die wichtigere war. Sie war es auch nach Lage der Dinge selbst. Es handelte sich nur darum, ob Methode und Mittel, durch die er diesen Zweck zu erreichen suchte, richtig waren.
Um die Arbeiter von der Wirkungslosigkeit der Selbsthilfe zu überzeugen, wie sie von bürgerlicher Seite gepredigt wurde, berief sich Lassalle auf das Lohngesetz der kapitalistischen Produktion, wie es von den Klassikern der politischen Ökonomie, insbesondere und am schärfsten von Ricardo formuliert worden war, das „eherne und grausame Gesetz, wonach unter der Herrschaft von Angebot und Nachfrage der durchschnittliche Arbeitslohn immer auf den notwendigen Lebensunterhalt reduziert bleibt, der in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlich ist”. Steige er zeitweilig über diesen Satz, so bewirkten leichtere Verehelichung und Fortpflanzung eine Vermehrung der Arbeiterbevölkerung und damit des Arbeiterangebots, infolgedessen der Lohn wieder auf den früheren Lohnsatz zurückfalle. Falle er aber unter diesen Satz, so bewirkten Auswanderung, größere Sterblichkeit unter den Arbeitern, Enthaltung von Ehe und Fortpflanzung eine Verminderung des Arbeiterangebots, infolgedessen die Löhne wieder stiegen. So tanzten „Arbeiter und Arbeitslohn immer um den äußersten Rand dessen herum, was nach dem Bedürfnis jeder Zeit zu dem notwendigsten Lebensunterhalt gehört”, und dies „ändert sich nie”.
Es sei daher jeder Versuch der Arbeiterklasse, durch die individuellen Anstrengungen ihrer Mitglieder ihre Lage zu verbessern, notwendigerweise zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Ebenso sei es verfehlt, die Lage der Arbeiter durch Konsumvereine verbessern zu wollen. So lange diese vereinzelt blieben, könnten sie hier und da den Arbeitern Vorteile verschaffen. Von dem Zeitpunkt aber an, wo sie allgemein würden, würden die Arbeiter als Produzenten, an ihrem Lohne, wieder verlieren, was sie als Konsumenten, beim Einkauf ihrer Bedarfsartikel, gewönnen. Die Lage der Arbeiterklasse könne vielmehr dauernd nur von dem Druck jenes ökonomischen Gesetzes befreit werden, wenn an die Stelle des Arbeitslohns der Arbeitsertrag trete, wenn die Arbeiterklasse ihr eigener Unternehmer werde. Das sei aber nicht durch die Gründung selbsthilflerischer Assoziationen zu erreichen, da diesen die erforderlichen Mittel dazu fehlten, und da sie nur zu oft dem Schicksal verfielen, daß in ihnen der Unternehmergeist seinen Einzug halte und die Mitglieder in die „widrige Karikatur der Arbeiter mit Arbeitermitteln und Unternehmergesinnungen” verwandelte. Die großen Fragen ließen sich nur mit großen Mitteln lösen, und darum müßten die Assoziationen in großartigem Maßstabe und mit Ausdehnung auf die fabrikmäßige Großindustrie ins Leben gerufen, die Mittel dazu aber — das nötige Kapital, bzw. der nötige Kredit — vom Staat dargeboten werden. Das sei durchaus kein Kommunismus oder Sozialismus. „Nichts ist weiter entfernt von dem sogenannten Kommunismus oder Sozialismus als diese Forderung, bei welcher die arbeitenden Klassen ganz wie heute ihre individuelle Freiheit, individuelle Lebensweise und individuelle Arbeitsvergütung beibehalten und zu dem Staat in keiner anderen Beziehung stehen, als daß ihnen durch ihn das erforderliche Kapital, resp. der erforderliche Kredit zu ihrer Assoziation vermittelt wird.” Der Beruf des Staates sei es aber gerade, die großen Kulturfortschritte der Menschheit zu erleichtern und zu vermitteln. „Dazu existiert er, hat immer dazu gedient und dienen müssen.” Was aber „ist denn der Staat”? Und Lassalle führt die Zahlen der preußischen Einkommensstatistik von 1851 an, wonach in jenem Jahre 89 Prozent der Bevölkerung ein Einkommen unter 200 Talern gehabt hatten, dazu 7¼ Prozent der Bevölkerung ein solches von 200 bis 400 Talern, so daß also 96¼ Prozent der Bevölkerung in elender, gedrückter Lage sich befänden. „Ihnen also, meine Herren, den notleidenden Klassen, gehört der Staat, nicht uns, den höheren Ständen, denn aus Ihnen besteht er! Was ist der Staat? fragte ich, und Sie ersehen jetzt aus wenigen Zahlen, handgreiflicher als aus dicken Büchern, die Antwort: Ihre, der ärmeren Klassen, große Assoziation — das ist der Staat.” Und wie den Staat zu der geforderten Intervention vermögen? Dies werde nur durch das allgemeine und direkte Wahlrecht möglich sein. Nur wenn die gesetzgebenden Körper Deutschlands aus dem allgemeinen und direkten Wahlrecht hervorgehen — „dann und nur dann werden Sie den Staat bestimmen können, sich dieser seiner Pflicht zu unterziehen”. Das allgemeine und direkte Wahlrecht ... „ist nicht nur Ihr politisches, es ist auch ihr soziales Grundprinzip, die Grundbedingung aller sozialen Hilfe”. Darum mögen sich die Arbeiter zu einem allgemeinen deutschen Arbeiterverein organisieren, der zum Zweck habe die Einführung des allgemeinen und direkten Wahlrechts in allen deutschen Ländern. Werde diese Forderung von den 89 bis 96 Prozent der Bevölkerung als Magenfrage aufgefaßt und daher auch mit der Magenwärme durch den ganzen nationalen Körper hin verbreitet, so werde es keine Macht geben, die sich dem lange widersetzen würde. „Alle Kunst praktischer Erfolge besteht darin, alle Kraft zu jeder Zeit auf einen Punkt — auf den wichtigsten Punkt — zu konzentrieren und nicht nach rechts und links zu sehen. Blicken Sie nicht nach rechts noch links, seien Sie taub für alles, was nicht allgemeines und direktes Wahlrecht heißt oder damit in Zusammenhang steht und dazu führen kann.”
Dies in möglichst knapper Form der Gedankeninhalt des „Offenen Antwortschreibens” und zugleich der Lassalleschen Agitation überhaupt. Denn wenn natürlich hiermit nicht das letzte Wort der Bestrebungen Lassalles gesagt war, so hielt doch Lassalle bis zuletzt daran fest, die Bewegung auf diesen einen Punkt: „Allgemeines Wahlrecht behufs Erlangung von Staatshilfe für Produktionsgenossenschaften” zu beschränken, eben im Sinne des oben entwickelten Grundsatzes, daß die Kunst praktischer Erfolge darin besteht, alle Kraft zu jeder Zeit auf einen Punkt zu konzentrieren. Es ist von Wichtigkeit, dies im Auge zu behalten, wenn man an die agitatorische Tätigkeit Lassalles den richtigen Maßstab anlegen will. Sie ist, wenigstens in ihrem Beginn, auf den unmittelbaren, praktischen Erfolg berechnet gewesen. Ausdrücklich verweist Lassalle im „Offenen Antwortschreiben” auf die Agitation und den Erfolg der Kornzoll-Liga in England, und ebenso scheint ihm die Agitation der englischen Chartisten vorgeschwebt zu haben, wie der Satz von der „Magenfrage” beweist, der an die Erklärung des Chartistenpredigers Stephens erinnert: „Der Chartismus, meine Freunde, ist keine politische Frage, sondern eine Messer- und Gabelfrage.”
Wenn wir uns nun zunächst die Frage vorlegen, ob denn ein unmittelbarer praktischer Erfolg der so abgesteckten Agitation überhaupt nach Lage der damaligen Verhältnisse möglich war, so glaube ich die Frage unbedingt bejahen zu müssen. Daß später Bismarck, wenn auch freilich nur zum Norddeutschen Reichstag, wirklich das allgemeine Wahlrecht einführte, ist für mich dabei nicht maßgebend. Allerhand Umstände hätten das verhindern können, ohne daß dadurch die Tatsache umgestoßen worden wäre, daß Lassalles Berechnung ihrer Zeit eine richtige war. Umgekehrt, obgleich das Dreiklassenwahlsystem zum preußischen Landtag beibehalten wurde, bleibt der Lassallesche Kalkül doch richtig; er entsprach durchaus der damaligen politischen Situation. Lassalle wußte ganz genau, daß, wenn im Lager der Fortschrittspartei das allgemeine Wahlrecht viele Gegner und im ganzen nur laue Freunde hatte, dafür in den Kreisen der Regierung das Dreiklassenwahlsystem allmählich mit immer scheeleren Augen angesehen wurde. Die gouvernementalen Blätter sprachen sich bereits ganz unverhohlen in diesem Sinne aus, und außerdem fehlte es, wie wir gesehen haben, Lassalle durchaus nicht an Verbindungen, durch die er genau über die Strömungen in den Hof- und Regierungskreisen unterrichtet war. Wenn die Regierung in dem Verfassungskonflikt nicht nachgeben wollte, so blieb ihr, kam nicht ein auswärtiger Krieg — der ihr aber auch verhängnisvoll werden konnte — schließlich kaum etwas anderes übrig, als Napoleon III. nachzuahmen: den Landtag aufzulösen und ein anderes, „demokratischeres” Wahlrecht zu oktroyieren. Zu diesem Schritt mußte sie sich um so mehr veranlaßt fühlen, je mehr eine starke, von der Fortschrittspartei unabhängige Bewegung bestand, die die Abschaffung des Dreiklassenwahlsystems auf ihre Fahne geschrieben hatte. Gerade im Hinblick auf einen möglichen Krieg mußte ihr dies als der beste Ausweg erscheinen, gegebenenfalls nicht das ganze Volk feindselig gegen sich im Rücken zu haben[21].
Von dem Gesichtspunkt des unmittelbaren praktischen Erfolgs hatte also Lassalle unzweifelhaft recht. Es war möglich, das allgemeine Wahlrecht auf die von ihm entwickelte Weise zu erringen. Allerdings um einen Preis: wenn die Regierung es gab, um der Fortschrittspartei nicht nachgeben zu müssen, so wurde damit die Lösung des Verfassungskonflikts mindestens noch weiter hinausgeschoben. „Seien Sie taub für alles, was nicht allgemeines und direktes Stimmrecht heißt oder damit im Zusammenhang steht und dazu führen kann”, heißt es im „Offenen Antwortschreiben”. Einmal das allgemeine Wahlrecht durchgesetzt, würde dieses, das muß man bei Lassalle, wenn er es auch nicht ausdrücklich ausspricht, logischerweise als Voraussetzung annehmen, auch diese Frage lösen. War aber diese Erwartung Lassalles vom allgemeinen Wahlrecht, wie überhaupt die Erwartungen, die er an es knüpfte, in der Sache selbst gerechtfertigt?
Erfahrungen in bezug auf das allgemeine und direkte Wahlrecht lagen zur Zeit Lassalles nur aus Frankreich vor. Und hier sprachen sie durchaus nicht besonders zu dessen Gunsten. Es hatte zwar während der Februarrepublik eine Reihe von Sozialisten in die Volksvertretung gebracht, aber die Stimme dieser Sozialisten war erdrückt worden durch die der Vertreter der verschiedenen Bourgeoisparteien, und das allgemeine Wahlrecht hatte den Staatsstreich Bonapartes so wenig verhindert, daß im Gegenteil Bonaparte ihn hatte unternehmen können als „Wiederhersteller des allgemeinen Wahlrechts”. Und dabei war die Februarrepublik, als sie ins Leben trat, vom Pariser Proletariat proklamiert worden als soziale Republik, ihr war vorhergegangen eine Epoche sozialistischer Propaganda von großartigster Ausdehnung, so daß nach dieser Seite hin die Voraussetzungen dafür gegeben waren, daß sie im Laufe der Zeit zu einer wirklichen sozialistischen Republik hätte werden können. Warum wurde sie es nicht? Warum konnte sie vielmehr durch das Kaiserreich gestürzt werden?
Wenn Lassalle am Schluß des „Arbeiterprogramms” sagt, was am 2. Dezember 1851 gestürzt worden, das sei „nicht die Republik” gewesen, sondern die Bourgeoisrepublik, welche durch das Wahlgesetz vom Mai 1850 das allgemeine Wahlrecht aufgehoben und einen verkappten Zensus zur Ausschließung der Arbeiter eingeführt hatte; die Republik des allgemeinen Wahlrechts aber würde „an der Brust der französischen Arbeiter einen unübersteiglichen Wall gefunden haben”, so wiederholt er damit ein Schlagwort der kleinbürgerlichen Revolutionäre à la Ledru-Rollin, das die Frage nicht beantwortet, sondern nur verschiebt. Wo war dieser „unübersteigliche Wall”, als die auf Grund des allgemeinen Wahlrechts gewählte Kammer dieses aufhob? Warum hatten die Pariser Arbeiter diesen „Staatsstreich der Bourgeoisie” nicht verhindert?
Hätte Lassalle sich diese Frage vorgelegt, so würde er auf die Tatsache gestoßen sein, daß die Februarrepublik als soziale Republik sich nicht halten konnte, weil die Klasse, auf die sie sich als solche hätte stützen müssen, noch nicht entwickelt genug war — d. h. nicht entwickelt genug im sozialen Sinne dieses Wortes. Das moderne industrielle Proletariat war da, es war stark genug gewesen, für einen Augenblick die bestehende Ordnung der Dinge über den Haufen zu werfen, aber nicht stark genug, sie niederzuhalten. Wir begegnen hier wieder dem Grundfehler der Lassalleschen Betrachtungsweise. Selbst wo Lassalle auf die tieferen Ursachen der geschichtlichen Vorgänge einzugehen sucht, hält ihn seine mehr juristische Denkart davon ab, ihrer sozialen Seite wirklich auf den Grund zu gehen, und auch das Ökonomische packt er gerade da an, wo es sich bereits, wenn ich mich so ausdrücken darf, juristisch verdichtet hat. Nur so ist es zu erklären, daß er, um den Arbeitern zu zeigen, aus welchen Elementen sich die Bevölkerung des Staats zusammensetzt, sich an die Statistik der Einkommensverteilung, und zwar ausschließlich an sie hält. Der Streit, der sich damals an diese Stelle des „Offenen Antwortschreibens” knüpfte, ist ein verhältnismäßig untergeordneter. Ob Lassalle sich um einige Prozentsätze nach der einen oder anderen Richtung geirrt hat, darauf kommt im Grunde wenig an, die Tatsache, daß die große Masse der Bevölkerung in dürftigen Verhältnissen lebt, während nur eine kleine Minderheit im Überfluß schwelgt, konnten die Wackernagel und Konsorten, die sich Lassalle damals entgegenstellten, mit dem Aufwand ihrer ganzen Rabulistik nicht aus der Welt leugnen. Viel wichtiger ist es, daß Lassalle gar nicht berücksichtigt, aus wie verschiedenartigen Elementen sich die 96 oder 89 Prozent der Bevölkerung zusammensetzten, als deren „große Assoziation” er den Staat bezeichnete. Welch großen Bruchteil davon Kleinhandwerker und Kleinbauern, sowie vor allem die Landarbeiter bildeten, die noch großenteils völlig unter der geistigen Vormundschaft ihrer Arbeitsherren standen, läßt er ganz unerörtert. Über die Hälfte der Bevölkerung Preußens entfiel damals auf den Ackerbau, die größeren Städte spielten bei weitem nicht die Rolle, die sie heute spielen, vom Standpunkt der industriellen Entwicklung betrachtet, war der ganze Osten der Monarchie nur eine Wüste mit vereinzelten Oasen[22].
Was konnte unter solchen Umständen das allgemeine Wahlrecht an der Zusammensetzung der Kammer ändern? War von ihm ein besseres Resultat zu erwarten, als von dem allgemeinen Wahlrecht im Frankreich der Jahre 1848 und 1849? Sicherlich nicht. Es konnte eine gewisse Anzahl von Arbeitervertretern in die Volksvertretung bringen, und das war an sich gewiß sehr zu wünschen. Aber im übrigen mußte es, gerade je mehr es die Wirkung erfüllte, die Lassalle von ihm versprach — nämlich einen Volksvertretungskörper zusammenbringen, der „das genaue, treue Ebenbild ist des Volkes, das ihn gewählt hat” („Arbeiterprogramm”) — die Zusammensetzung der Kammer verschlechtern, anstatt sie zu verbessern. Denn so jämmerlich immer die damalige Volksvertretung war, sie war doch wenigstens bürgerlich-liberal. Lassalle vergaß, daß die dürftigen Klassen zwar unter Umständen sämtlich revolutionäre Truppen stellen, aber keineswegs samt und sonders revolutionäre Klassen sind, er vergaß, daß die 89 Prozent nur erst zum Teil aus modernen Proletariern bestanden.
Wenn also das allgemeine Wahlrecht zu erlangen möglich war, so ist doch damit noch keineswegs gesagt, daß es das, wozu es selbst wieder als Mittel dienen sollte, auch in absehbarer Zeit herbeigeführt haben würde. Bei der politischen und sonstigen Bildungsstufe der großen Masse der Bevölkerung konnte das Wahlrecht auch zunächst das Gegenteil bewirken, statt Vertreter moderner Prinzipien, solche des Rückschritts in größerer Anzahl als bisher in die Kammer bringen. Nicht alle Fortschrittler waren aus Klasseninteresse Gegner oder laue Freunde des allgemeinen Wahlrechts, es waren unter ihnen ein großer Teil Ideologen, welche gerade durch die Entwicklung der Dinge in Frankreich in bezug auf seinen Wert skeptisch geworden waren. Auch Sozialisten dachten so. Es sei nur an Rodbertus erinnert, der in seinem Offenen Brief an das Leipziger Komitee ebenfalls auf Frankreich hinwies, als ein Beispiel dafür, daß das allgemeine Stimmrecht „nicht notwendig dem Arbeiterstande die Staatsgewalt in die Hände spielt”. Es sei gesagt worden, das allgemeine Wahlrecht solle nur Mittel zum Zweck sein, Mittel seien aber „zu verschiedenen Zwecken und mitunter zu den entgegengesetzten brauchbar”. „Sind Sie,” fragt er, „dessen gewiß, daß hier das Mittel mit zwingender Notwendigkeit zu dem von Ihnen aufgesteckten Ziele führen muß? Ich glaube das nicht.” Aus den Briefen Lassalles an Rodbertus geht auch hervor, daß, beinahe mehr noch als Rodbertus' gegensätzliches Urteil über den Wert der Produktivgenossenschaften, sein Gegensatz gegen das allgemeine Stimmrecht der Grund war, daß er trotz aller dringenden Bitten Lassalles dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein nicht beitrat[23].
Und wie man sonst auch über Rodbertus denken mag, seine Motive werden auf das Unzweifelhafteste durch den Schlußsatz seines Briefes charakterisiert, wo er den Arbeitern anrät, obwohl Lassalle recht habe, daß man solche Fragen nicht mehr debattiere, doch Freizügigkeit und freie Wahl der Beschäftigung als selbstverständlich in ihr Programm aufzunehmen, um „jeden Reaktionär, der Ihnen schaden könnte, höchst wirksam zurückzuscheuchen”.
Wenn Rodbertus und andere die Gefahr des Bonapartismus übertrieben, so nahm Lassalle sie seinerseits entschieden zu leicht. Die Schwenkung, die er später tatsächlich in dieser Richtung machte, lag dem Ideengang nach von vornherein in ihm. Höchst charakteristisch ist dafür eine Stelle aus dem teilweise schon früher zitierten Brief Lassalles an Marx vom 20. Juni 1859 über die Frage des italienischen Krieges. Dort heißt es:
„Im Anfang, als mit solcher Wut überall das nationale Geschrei eines Krieges gegen Frankreich ausbrach, rief die ‚Volkszeitung’ (Bernstein, für mich ein Urreaktionär, ist ihr Redakteur) in einem Leitartikel triumphierend aus: ‚Will man wissen, was dies Geschrei aller Völker gegen Frankreich bedeutet? Will man seine welthistorische Bedeutung kennen? Die Emanzipation Deutschlands von der politischen Entwicklung Frankreichs — das bedeutet es.’ — Habe ich erst nötig, den urreaktionären Inhalt dieses Triumphgeschreis Dir auseinanderzusetzen? Doch gewiß nicht! Ein populärer Krieg gegen Frankreich — und unsere kleinbürgerlichen Demokraten, unsere Dezentralisten, die Feinde aller Gesellschaftsinitiative, haben einen unberechenbaren Kraftzuwachs auf lange, lange gewonnen. Noch bis weit in die deutsche Revolution hinein würde die Wirkung dieser Strömung sich bemerklich machen. Wir haben wahrhaftig nicht nötig, diesem gefährlichsten Feind, den wir haben, dem deutschen Spießbürgerindividualismus, durch einen blutigen Antagonismus gegen den romanisch-sozialen Geist in seiner klassischen Form, in Frankreich, noch neue Kräfte zuzuführen.”
So Lassalle. Der verstorbene Redakteur der „Volkszeitung” verdiente in gewisser Hinsicht zweifelsohne den Titel, den Lassalle ihm hier beilegt, aber des zitierten Satzes wegen vielleicht am wenigsten. Die politische Entwicklung Frankreichs war in jenem Zeitpunkt der Bonapartismus, während die Partei der „Volkszeitung” auf England, als ihr politisches Vorbild, schwor. Das war sicher sehr einseitig, aber noch nicht reaktionär, oder doch reaktionär nur insoweit, als es eben einseitig war. Lassalles Auffassung, die in dem staatlichen Zentralismus Frankreichs ein Produkt des „romanisch-sozialen” Geistes sah, ihn mit dem Grundgedanken des Sozialismus identifizierte, dagegen seine reaktionäre Seite ganz unbeachtet ließ, ist jedoch nicht minder einseitig.
So weit über die politische Seite des Lassalleschen Programms, nun zu seiner ökonomischen.
Das eherne Lohngesetz und die Privatgenossenschaften mit Staatskredit.
Das Lohngesetz, auf welches sich Lassalle berief und dem er das Beiwort „ehern” gab, entspricht, wie ich an anderer Stelle[24] nachgewiesen zu haben glaube, einer bestimmten Produktionsmethode — der Manufakturindustrie — und einem auf ihr beruhenden Gesellschaftszustande, ist also in der Gesellschaft der modernen Großindustrie, der entwickelten Verkehrsmittel, des beschleunigten Kreislaufes von Krisis, Stockung und Prosperität, der rasch sich vollziehenden Steigerung der Produktivität der Arbeit usw. zum mindesten überlebt. Auch setzt es ein absolut freies Walten von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt voraus, das schon gestört ist, sobald die Arbeiterklasse dem Unternehmertum organisiert gegenübertritt, oder der Staat, bzw. die Gesetzgebung, in die Regelung des Arbeitsverhältnisses eingreifen. Wenn also die Liberalen Lassalle entgegenhielten, sein Lohngesetz stimme nicht, es sei veraltet, so hatte das teilweise seine Berechtigung. Aber nur teilweise. Denn die guten Leute verfielen ihrerseits in viel schlimmere Fehler als Lassalle.
Lassalle legte den Ton auf den ehernen Charakter der den Lohn bestimmenden Gesetze, weil er den stärksten Schlag gegen die moderne Gesellschaft damit zu führen meinte, daß er nachwies, der Arbeiter erhalte unter keinen Umständen seinen vollen Arbeitsertrag, den vollen Anteil an dem von ihm erzeugten Produkt. Er gab der Frage einen rechtlichen Charakter, und agitatorisch hat sich das auch höchst wirksam erwiesen. Aber in der Sache selbst traf er damit keineswegs den Kern der Frage. Den vollen Ertrag seiner Arbeit hat der Arbeiter auch unter den früheren Produktionsformen nicht erhalten, und wenn ein „ehernes” Gesetz es verhindert, daß der Lohn dauernd unter ein bestimmtes Minimum sinkt, dieses Minimum selbst aber — wie Lassalle ausdrücklich zugab — im Laufe der Entwicklung sich zwar langsam hebt, aber doch hebt, so war der Beweis für die Notwendigkeit der von ihm geforderten Einmischung des Staates schwer zu erbringen.
Das, worauf es wirklich ankommt, ist von Lassalle erst später, und nur beiläufig, hervorgehoben worden. Nicht die Ablohnung des Arbeiters mit einem Bruchteil des von ihm erzeugten neuen Wertes, sondern diese Ablohnung in Verbindung mit der Unsicherheit der proletarischen Existenz, die Abhängigkeit des Arbeiters von den in wechselnden Zeiträumen einander folgenden Kontraktionen des Weltmarktes, von beständigen Revolutionen der Industrie und der Absatzverhältnisse — der schreiende Gegensatz zwischen dem immer mehr gesellschaftlich werdenden Charakter der Produktion und ihrer anarchischen Leitung, dabei die wachsende Unmöglichkeit für den einzelnen Arbeiter, aus der doppelten Abhängigkeit vom Unternehmertum und den Wechselfällen des industriellen Zyklus sich zu befreien, die beständige Bedrohung mit dem Hinausgeworfenwerden aus einer Sphäre der Industrie in eine andre, tieferstehende, oder in das Heer der Arbeitslosen — das ist es, was die Lage der Arbeiterklasse in der modernen Gesellschaft so unerträglich macht, sie von der bei jeder vorhergehenden Produktionsweise zum Schlechteren unterscheidet. Die Abhängigkeit des Arbeiters ist mit der scheinbaren Freiheit nur größer geworden. Sie ist es, die mit eherner Wucht auf der Arbeiterklasse lastet, und deren Druck zunimmt mit der wachsenden Entwicklung des Kapitalismus. Die Lohnhöhe dagegen wechselt heute, je nach den verschiedenen Industriezweigen, von buchstäblichen Verhungerungslöhnen bis zu Löhnen, die tatsächlich einen gewissen Wohlstand darstellen, und ebenso ist die Ausbeutungsrate in den verschiedenen Industrien eine sehr verschiedene, teils höher, teils aber auch geringer als in früheren Produktionsepochen. Beide hängen von sehr veränderlichen Faktoren ab, beide wechseln nicht nur von Industrie zu Industrie, sondern sind auch in jeder einzelnen Industrie den größten Veränderungen unterworfen, und beständig ist nur die Tendenz des Kapitals, die Ausbeutungsrate zu erhöhen, zusätzliche Mehrarbeit auf die eine oder die andere Weise aus dem Arbeiter herauszupressen.
Dadurch, daß Lassalle als die wesentliche Ursache der Leiden der Arbeiterklasse in der heutigen Gesellschaft eine Tatsache hinstellte, die gar nicht das charakterisierende Merkmal der modernen Produktionsweise ist — denn, wie gesagt, den vollen Arbeitsertrag hat der Arbeiter zu keiner Zeit erhalten — war der Hauptfehler seines Abhilfemittels von vornherein angezeigt. Es ignoriert, oder, um Lassalle auch nicht Unrecht zu tun, es unterschätzt die Stärke und den Umfang der Gesetze der Warenproduktion und deren wirtschaftliche und soziale Rückwirkungen auf das gesamte moderne Wirtschaftsleben. Wir müssen hier wieder genau unterscheiden zwischen Lassalles Mittel und Lassalles Ziel. Sein Ziel war natürlich, die Warenproduktion aufzuheben, sein Mittel aber ließ sie unangetastet. Sein Ziel war die gesellschaftlich organisierte Produktion, sein Mittel die individuelle Assoziation, die sich von der Schulzeschen zunächst nur dadurch unterschied, daß sie mit Staatskredit, mit Staatsmitteln ausgestattet werden sollte. Alles weitere, der Verband der Assoziationen usw., bleibt bei ihm der freiwilligen Entschließung jener überlassen — es wird von ihnen erwartet, aber ihnen nicht zur Bedingung gemacht. Der Staat sollte nur Arbeitern, die sich zu assoziieren wünschten, die erforderlichen Mittel dazu auf dem Wege der Kreditgewährung vorstrecken.
Die Assoziationen einer bestimmten Industrie würden also, solange sie nicht diese ganze Industrie umfaßten, mit den bestehenden Unternehmungen ihres Produktionszweigs in Konkurrenz zu treten, sich den Bedingungen dieser Konkurrenz zu unterwerfen haben. Damit war als unvermeidliche Folge auch gegeben, daß sich im Schoße der Assoziationen Sonderinteressen herausentwickeln mußten, daß jede Assoziation danach streben mußte, ihren Gewinn so hoch als möglich zu steigern, sei es auch auf Kosten andrer Assoziationen oder andrer Arbeitskategorien. Ob mit Staatskredit oder nicht, die Assoziationen blieben Privatunternehmungen von mehr oder minder großen Gruppen von Arbeitern. Individuelle Eigenschaften, individuelle Vorteile, individuelle Glückschancen mußten daher bei ihnen eine hervorragende Rolle spielen, die Frage von Gewinn und Verlust für sie dieselbe Bedeutung erhalten, wie für andre Privatunternehmungen. Lassalle glaubte zwar erstens — gestützt darauf, daß 1848 in Paris der Andrang zu den Produktivgenossenschaften sehr stark war —, daß sich sofort mindestens alle Arbeiter bestimmter Industrien an den einzelnen Orten zu je einer großen Assoziation zusammentun würden, und sprach sich zweitens im „Bastiat-Schulze” später sogar dahin aus, daß der Staat in jeder Stadt immer „nur einer Assoziation in jedem besonderen Gewerkszweig den Staatskredit zuteil werden” lassen würde, „allen Arbeitern dieses Gewerkes den Eintritt in dieselbe offen haltend”, aber selbst solche örtlich einheitlich organisierten Assoziationen blieben noch immer in nationaler Konkurrenz. Die nationale Konkurrenz sollte nun zwar durch große Assekuranz- und Kreditverbände der Assoziationen untereinander in ihren ökonomischen Folgen aufgehoben werden; es liegt aber auf der Hand, daß diese Assekuranz ein Unding war, wenn sie nicht einfach ein anderes Wort war für nationale Organisation und nationale Monopolisierung der Industrie. Sonst mußte die Überproduktion sehr bald die Assekuranzgesellschaft sprengen. Und die Überproduktion war unvermeidlich, wenn der Staat, wie es oben heißt, allen Arbeitern desselben Gewerkes den Eintritt in die Assoziationen „offen hielt”. Lassalle verwickelte sich da, von seinem sozialistischen Gewissen getrieben, in einen großen Widerspruch. „Den Eintritt offen halten” heißt die Assoziation zur Aufnahme jedes sich meldenden Arbeiters verpflichten. Nach dem „Offenen Antwortschreiben” sollte aber die Assoziation dem Staat gegenüber vollkommen unabhängig sein, ihm nur das Recht der Genehmigung der Statuten und der Kontrolle der Geschäftsführung zur Sicherung seiner Interessen zustehen. Mit obiger Verpflichtung war sie dagegen aus einem unabhängigen in ein öffentliches, d. h. unter den gegebenen Verhältnissen staatliches Institut umgewandelt — ein innerer Gegensatz, an dem sie unbedingt hätte scheitern müssen.
Ein anderer Widerspruch der Lassalleschen Produktivgenossenschaft ist folgender. Solange die Assoziationen nur einen Bruchteil der Angehörigen eines bestimmten Industriezweiges umfaßten, unterstanden sie den Zwangsgesetzen der Konkurrenz, und dies um so mehr, als Lassalle ja gerade die Betriebe fabrikmäßiger Großproduktion im Auge hatte, die zugleich die großen Weltmarktsindustrien bilden. Wo aber Konkurrenz besteht, besteht auch geschäftliches Risiko; die Konkurrenz zwingt den Unternehmer, sei er eine einzelne Person, eine Aktiengesellschaft oder eine Assoziation, sich der Möglichkeit auszusetzen, daß sein Produkt jeweilig als unterwertig — d. h. als Erzeugnis von nicht gesellschaftlich notwendiger Arbeit — aus dem Markt geworfen wird. Konkurrenz und Überproduktion, Konkurrenz und Stockung, Konkurrenz und Bankrotte sind in der heutigen Gesellschaft untrennbar. Eine Beherrschung der Produktion durch die Produzenten selbst ist nur möglich nach Maßgabe der Aufhebung der Konkurrenz unter ihnen, nur erreichbar durch das Monopol. Während aber die Konkurrenz in der heutigen Gesellschaft die wichtige Mission hat, die Konsumenten vor Übervorteilung zu schützen und die Produktionskosten beständig zu senken, hat das Monopol umgekehrt die Tendenz, die Konsumenten zugunsten der Monopolinhaber zu überteuern und den Fortschritt der Technik, wenn nicht aufzuheben, so doch zu verlangsamen. Das letztere um so mehr, wenn die beteiligten Arbeiter selbst die Inhaber des Monopols sind. Die Aufhebung des geschäftlichen Risikos für die Assoziationen würde also im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, wenn überhaupt zu verwirklichen, notwendigerweise auf Kosten der Konsumenten vor sich gehen, die jedesmal den betreffenden Produzenten gegenüber die große Mehrheit ausmachen. Zwischen Assoziations- und Gesamtinteresse wäre ein unlösbarer Antagonismus.
In einem sozialistischen Gemeinwesen wäre das natürlich leicht zu verhindern, aber ein solches wird nicht den Umweg von der subventionierten Produktivgenossenschaft zur Vergesellschaftung der Produktion gehen, sondern die Produktion, auch wenn sie sich dabei der Form der genossenschaftlichen Betriebe bedient, von vornherein auf gesellschaftlicher Grundlage organisieren. In die kapitalistische Gesellschaft verpflanzt, wird gerade die Produktivgenossenschaft dagegen so oder so stets einen kapitalistischen Charakter annehmen. Die Lassalleschen Produktivgenossenschaften würden sich von den Schulze-Delitzschschen nur quantitativ, nicht qualitativ, nur der Größe, nicht dem Wesen nach unterschieden haben.
Das letztere war auch die Meinung von Rodbertus, der ein viel zu durchgebildeter Ökonom war, als daß ihm diese schwache Seite der Lassalleschen Assoziationen hätte entgehen können. Wir haben bereits aus dem oben zitierten Brief Lassalles an ihn gesehen, wie schroff Rodbertus sich in seinem „Offenen Brief” über sie hatte äußern wollen, und die auf jenen folgenden Briefe Lassalles an Rodbertus lassen ziemlich deutlich durchblicken, welches der Haupteinwand von Rodbertus war. Noch deutlicher aber geht dies aus den Briefen von Rodbertus an Rudolph Meyer hervor, und es dürfte nicht uninteressant sein, einige der betreffenden Stellen hier folgen zu lassen.
Unterm 6. September 1871 schreibt Rodbertus:
„... Hieran läßt sich, in weiterem Verfolg, auch nachweisen, daß dasjenige Kollektiveigentum, das die Sozialdemokraten heute verfolgen, das von Agrargemeinden und Produktivgenossenschaften, ein viel schlechteres, zu weit größeren Ungerechtigkeiten führendes Grund- und Kapitaleigentum ist, als das heutige individuelle. Die Arbeiter folgen hier noch Lassalle. Ich hatte ihn aber brieflich überführt, zu welchen Absurditäten und Ungerechtigkeiten ein solches Eigentum ausgehen müsse und (was ihm besonders unangenehm war) daß er gar nicht der Schöpfer dieser Idee sei, sondern sie Proudhons Idée générale de la Révolution entlehnt habe.”[25]
Brief vom 24. Mai 1872: „Noch einen dritten Grund allgemeiner Natur habe ich gegen diese Löhnungsart. (Es ist von der Beteiligung am Geschäftsgewinn die Rede.) Sie bleibt entweder eine Gratifikation, wie Settegast mit Recht sagt — und mit ‚Biergeldern’ wird die soziale Frage nicht gelöst — oder sie entwickelt sich auch zu einem Anrecht in Leitung des Betriebs und damit schließlich zu einem Kollektiveigentum am Einzelbetriebsfonds. Dies Kollektiveigentum liegt aber nicht auf dem sozialen Entwicklungswege. Der Beweis würde mich zu weit führen, aber so weit hatte ich Lassalle denn doch schon in unserer Korrespondenz getrieben, daß er mir in einem seiner letzten Briefe schrieb: ‚Aber, wer sagt Ihnen denn, daß ich will, daß der Produktivassoziation der Fonds zum Betriebe gehören soll!’ (sic!) Es geht auch einfach nicht! Das Kollektiveigentum der Arbeiter an den einzelnen Betrieben wäre ein weit übleres Eigentum, als das individuale Grund- und Kapitaleigentum oder selbst das Eigentum einer Kapitalistenassoziation.” ...
Eine Stelle wie die hier zitierte findet sich in keinem der zur Veröffentlichung gelangten Briefe Lassalles an Rodbertus. Es ist aber kaum anzunehmen, daß Rodbertus sich so bestimmt ausgedrückt haben würde, wenn er den Wortlaut nicht vor sich gehabt hätte. Möglich, daß er gerade diesen Brief später verlegt hat. Kein triftiger Grund spricht nämlich dagegen, daß Lassalle sich nicht in der Tat einmal so ausgedrückt haben sollte. In allen Lassalleschen Reden ist vielmehr von den Zinsen die Rede, welche die Assoziationen dem Staat für das vorgeschossene Kapital zu zahlen hätten. Es liegt also in dem Satz noch nicht einmal ein Zugeständnis an den Rodbertusschen Standpunkt. Ein solches, und zwar ein so starkes, daß es zugleich in eine — unbeabsichtigte — Verurteilung der Produktivassoziationen umschlägt, findet sich dagegen in dem Brief Lassalles an Rodbertus vom 26. Mai 1863. Dort heißt es:
„Dagegen ist ja so klar wie die Sonne, daß, wenn dem Arbeiter Boden, Kapital und Arbeitsprodukt gehört[26], von einer Lösung der sozialen Frage nicht die Rede sein kann. Dasselbe Resultat wird sich also auch annähernd herausstellen, wenn ihm Boden und Kapital zur Benutzung geliefert wird und ihm das Arbeitsprodukt gehört. Bei der ländlichen Assoziation wird dann der Arbeiter entweder mehr oder weniger als sein Arbeitsprodukt haben. Bei der industriellen Assoziation wird er in der Regel mehr erhalten als seinen Arbeitsertrag. Alles dieses weiß ich genau und würde es, wenn ich mein ökonomisches Werk schreibe, sehr explizit nachweisen.”
Im nächsten Brief erklärt Lassalle, da Rodbertus entweder den Sinn der vorstehenden Sätze nicht genau verstanden hatte oder Lassalle in die Enge jagen wollte, sich noch deutlicher. Er schreibt (einen hier gleichgültigen Zwischensatz lasse ich fort):
„Meine Äußerung: ‚bei der ländlichen Assoziation wird dann der Arbeiter entweder mehr oder weniger als sein Arbeitsprodukt haben’, ist jedenfalls in bezug auf das ‚mehr’ doch leicht zu verstehen. Ich verstehe gar nicht die Schwierigkeit, die in bezug auf diesen Satz stattfinden könnte.
Die Assoziationen auf den besser beschaffenen oder besser gelegenen usw. Äckern würden doch zunächst gerade so Grundrente beziehen, wie jetzt die Einzelbesitzer derselben. Und folglich mehr als ihren wirklichen Arbeitsertrag, Arbeitsprodukt, haben.
Allein schon daraus allein, daß einer in der Gesellschaft mehr hat als sein legitimes Arbeitsprodukt, folgt, daß ein andrer weniger haben muß, als bei der legitimen Verteilung des Arbeitsertrages, wie wir uns dieselbe übereinstimmend (vgl. den Schluß Ihres dritten sozialen Briefes) denken, auf die Vergütung seiner Arbeit kommen würde.
Genauer: Was ist mein legitimes Arbeitsprodukt (im Sinne der endgültigen Lösung der sozialen Frage, also im Sinne der ‚Idee’, die ich hier immer als Norm und Vergleichungsmaßstab bei dem ‚mehr oder weniger’ unterstelle)? Ist es das Produkt, das ich ländlich oder industriell unter beliebigen Verhältnissen individuell hervorbringen kann, während ein anderer unter günstigeren Verhältnissen mit derselben Arbeit mehr, ein Dritter unter noch ungünstigeren mit derselben Arbeit weniger erzeugt? Doch nicht! Sondern mein Arbeitsprodukt wäre der Anteil an der gesamten gesellschaftlichen Produktivität, der bestimmt wird durch das Verhältnis, in welchem mein Arbeitsquantum zum Arbeitsquantum der gesamten Gesellschaft steht.
Nach dem Schluß Ihres dritten sozialen Briefes können Sie das unmöglich bestreiten.
Und folglich haben, solange die Arbeiter der einen Assoziation Grundrente beziehen, die Arbeiter der andern, die nicht in diesem Fall sind, weniger als ihnen zukommt, weniger als ihr legitimes Arbeitsprodukt.”
Soweit Lassalle. Ein Mißverständnis ist hier gar nicht mehr möglich. Die „Idee”, welche Lassalle bei dem „mehr oder weniger” unterstellt, ist die kommunistische, die das gesamte Arbeitsprodukt der Gesellschaft und nicht den individuellen Arbeitsertrag des einzelnen oder der Gruppe ins Auge faßt, und Lassalle war sich durchaus dessen bewußt, daß, solange der letztere den Verteilungsmaßstab bildet, ein Bruchteil der Bevölkerung mehr, der andere aber notwendigerweise weniger erhalten werde als ihm auf Grund des von ihm verrichteten Anteils an der gesellschaftlichen Gesamtarbeit, bei gerechter Verteilung, zukommen sollte, d. h. daß die Assoziationen zunächst eine neue Ungleichheit schaffen würden. Gerade mit Rücksicht darauf habe er, so behauptet Lassalle immer wieder, bei Entwicklung seines Vorschlages das Wort „Lösung der sozialen Frage” sorgfältig vermieden — „nicht aus praktischer Furchtsamkeit und Leisetreterei, sondern aus jenen theoretischen Gründen”.
Im weiteren Verlauf des Briefes entwickelt Lassalle, daß die Ungleichheit bei den ländlichen Assoziationen durch eine differenzierende Grundsteuer leicht beseitigt werden könne, welche „die ganze Grundrente abolieren, d. h. in die Hände des Staats bringen, den Arbeitern nur den wirklich gleichmäßigen Arbeitsertrag lassen” soll — die Grundrente im Sinne Ricardos genommen[27]. Die Grundsteuer würde die Bezahlung bilden für die Überlassung der Bodenfläche an die assoziierten Arbeiter und — wie es bei Lassalle heißt — „schon aus Gerechtigkeit und Neid” von den ländlichen Assoziationen „leidenschaftlich begünstigt werden”. Der Staat aber hätte an dieser Grundrente die Mittel, Schulunterricht, Wissenschaft, Kunst, öffentliche Ausgaben aller Art zu bestreiten. Bei den industriellen Assoziationen solle sich die Ausgleichung dagegen dadurch vollziehen, daß sobald die Assoziationen jeder einzelnen Branche sich zu je einer großen Assoziation zusammengezogen haben, der private Zwischenhandel aufhören und der Verkauf in vom Staat angelegten Verkaufshallen besorgt werden würde. „Würde hiermit nicht zugleich getötet werden, was man heut Überproduktion und Handelskrise nennt?”
Der Gedanke der Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der Grundrente[28] ist ein durchaus rationeller, d. h. er enthält keinen Widerspruch in sich. Es ist auch sogar meines Erachtens sehr wahrscheinlich, daß er auf einer gewissen Stufe der Entwicklung irgendwie verwirklicht werden wird. Die Idee der Zusammenziehung der Assoziationen ist dagegen nur ein frommer Wunsch, der in Erfüllung gehen kann, aber nicht notwendigerweise in Erfüllung zu gehen braucht, solange die Teilnahme ins Belieben der einzelnen Assoziationen gestellt wird. Und selbst wenn sie in Erfüllung ginge, würde damit noch durchaus nicht schlechthin verhindert sein, daß die Mitglieder der einzelnen Assoziation nicht in ihrem Anteil an deren Ertrage eine größere oder unter Umständen geringere Quote des gesellschaftlichen Gesamtprodukts erhalten, als ihnen auf Grund der geleisteten Arbeitsmenge zukäme. Es stände immer wieder Assoziationsinteresse gegen Gesamtinteresse.
Hören wir noch einmal Rodbertus.
Im Brief an Rudolph Meyer vom 16. August 1872 nimmt er auf einen Artikel des „Neuen Sozialdemokrat” Bezug, wo ausgeführt war, daß Lassalle der „weitgehendsten Richtung des Sozialismus” angehört habe, und meint, das sei wohl richtig, es sei
„aber auch ebenso richtig, daß Lassalle und der (Neue) ‚Sozialdemokrat’ ursprünglich eine Produktivassoziation angestrebt haben, wie Schulze-Delitzsch sie wollte, nämlich in welcher der Kapitalgewinn den Arbeitern selbst gehören sollte, nur daß Schulze-Delitzsch wollte, sie sollten sich das Kapital selbst dazu sparen, und Lassalle wollte, der Staat, auch der heutige, sollte es ihnen liefern (ob leihen oder schenken, ist wohl nicht ganz klar). Aber eine Produktivassoziation, die den Kapitalgewinn einsackt, setzt ja das Kapitaleigentum, das ‚Gehören’ voraus. Wie soll also jene ‚weitgehendste Richtung’ mit einer solchen Assoziation vermittelt werden können?”
Rodbertus geht nun auf die Frage ein, ob die Produktivassoziation als „provisorische Institution” gedacht werden könne, und fährt nach einigen allgemeinen Bemerkungen fort: „Genug, die Produktivassoziation, die Lassalle und der ‚Sozialdemokrat’ in der Tat angestrebt, kann auch nicht einmal als Übergangszustand zu jenem ‚weitgehendsten’ Ziele dienen, denn, der menschlichen Natur gemäß, würde er nicht zu allgemeiner Brüderlichkeit, sondern zu dem schärfsten Korporationseigentum zurückführen, in welchem nur die Personen der Besitzenden gewechselt hätten, und das sich tausendmal verhaßter machen würde, als das heutige individuale Eigentum. Der Durchgang von diesem zu dem allgemeinen Staatseigentum kann eben niemals das Korporations- oder auch Kollektiveigentum sein (es kommt ziemlich über eins heraus); weit eher ist gerade das individuale Eigentum der Übergang vom Korporationseigentum zum Staatseigentum. Und hierin liegt die Konfusion der Sozialdemokraten (und lag die Lassalles), nämlich bei jenem weitgehendsten Ziel (das auch bei Lassalle noch kein praktisches Interesse erregen sollte) doch die Produktivassoziation mit Kapitalgewinn und also auch Kapitaleigentum zu verlangen. Niemals sind also die Pferde mehr hinter den Wagen gespannt worden, als von den Berliner Sozialdemokraten (und ihrem Führer Lassalle, insofern er ebenfalls jenes ‚weitgehendste’ Ziel anstrebte) und das weiß Marx sehr gut.” (Briefe usw. von Rodbertus-Jagetzow.)
Ich habe Rodbertus so ausführlich sprechen lassen, weil er Lassalle vielleicht am objektivsten gegenüberstand und in seiner Auffassung vom Staat usw. sehr viel Berührungspunkte mit Lassalle hatte, auch wohl niemand so eingehend mit Lassalle über die Produktivgenossenschaften diskutiert hat, wie er. Ganz unbefangen ist sein Urteil freilich auch nicht, da er bekanntlich seine eigene Theorie von der „Lösung der sozialen Frage” hatte, nämlich den Normalwerksarbeitstag und den verhältnismäßigen Arbeitslohn. Aber den schwachen Punkt in der Lassalleschen Assoziation hat er in der Hauptsache richtig bezeichnet, wenn er sagt, daß diese die Pferde hinter den Wagen spannt. Lassalle wollte die Vergesellschaftung der Produktion und der Produktionsmittel, und weil er es für unzeitgemäß hielt, das dem „Mob” — worunter er den ganzen Troß der Gedankenlosen aller Parteien verstand — bereits zu sagen, den Gedanken selbst aber in die Massen schleudern wollte, stellte er das ihm ungefährlicher scheinende Postulat der Produktivgenossenschaft mit Staatskredit auf.
Er beging damit denselben Fehler, den er in seinem Aufsatz über Franz von Sickingen als die tragische Schuld Sickingens hingestellt hatte, er „listete” mit der „Idee”, wie es in jenem Aufsatz heißt, und täuschte die Freunde mehr, als die Feinde. Aber er tat es, wie Sickingen, im guten Glauben. Wenn Lassalle wiederholt gegenüber Rodbertus erklärt hat, er sei bereit, auf die Assoziationen zu verzichten, sobald jener ihm ein ebenso leichtes und wirksames Mittel zum gleichen Zweck zeige, so darf man daraus nicht den Schluß ziehen, daß Lassalle nicht von der Güte seines Mittels durchaus überzeugt war. Solche Erklärungen pflegt jeder abzugeben, und kann sie um so eher abgeben, je mehr er seiner Sache sicher zu sein glaubt. Und wie sehr dies bei Lassalle der Fall, zeigt seine letzte Äußerung in bezug auf die Assoziationen Rodbertus gegenüber: „Kurz, ich begreife nicht, wie man nicht sehen könnte, daß die Assoziation, vom Staat ausgehend, der organische Entwicklungskeim ist, der zu allem weiteren führt.” — Er ist also unbedingt von dem Vorwurf freizusprechen, mit dieser Forderung den Arbeitern etwas empfohlen zu haben, von dessen Richtigkeit er nicht durchdrungen war, ein Vorwurf, der viel schwerwiegender wäre, als der eines theoretischen Irrtums.
Lassalle glaubte, daß in dem Mittel der Assoziationen mit Staatskredit der Zweck, dem diese dienen sollten, nämlich die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft, in seinen wesentlichen Grundzügen bereits enthalten, daß hier in der Tat — worauf er so großes Gewicht legte — „das Mittel von der eignen Natur des Zweckes ganz und gar durchdrungen” sei. Nun ist ja auch tatsächlich die Assoziation im kleinen ein Stück Verwirklichung des sozialistischen Prinzips der Gemeinschaftlichkeit, und die Forderung der Staatshilfe eine Anwendung des Gedankens, die Staatsmaschinerie als Mittel der ökonomischen Befreiung der Arbeiterklasse in Anspruch zu nehmen, sowie zugleich ein Mittel, den Zusammenhang mit dem großen Ganzen, der bei der Schulzeschen Assoziation verlorenging, möglichst zu bewahren. Bis soweit kann man Lassalle nicht nur keinen Vorwurf machen, sondern muß vielmehr die Einheitlichkeit des Gedankens bei ihm im höchsten Grade anerkennen. Wir haben gesehen, welche Auffassung er vom Staat hatte, wie dieser für ihn nicht der jeweilige politische Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Zustände war, sondern die Verwirklichung eines ethischen Begriffs, der durch jeweilige historische Einflüsse zwar beeinträchtigt, dessen ewige „wahre Natur” aber nicht aufgehoben werden kann. Bei solcher Auffassung ist es aber nur folgerichtig, in der Forderung der Staatshilfe mehr als eine bloße praktische Maßregel zu erblicken und ihr, wie Lassalle dies getan, als einem fundamentalen Prinzip des Sozialismus, eine selbständige prinzipielle Bedeutung zuzuschreiben[29]. Und ebenso steht die Forderung der Produktivgenossenschaften in engster Ideenverbindung mit Lassalles Theorie des ehernen Lohngesetzes. Sie fußt auf denselben ökonomischen Voraussetzungen. Kurz, es ist hier alles, möchte ich sagen, aus einem Guß.
Aber es genügt noch nicht, daß Lassalle an die Richtigkeit seines Mittels glaubte, um es zu rechtfertigen, daß er über sein Ziel sich so unbestimmt wie nur möglich äußerte. Er, der in dem schon zitierten Aufsatz über den „Franz von Sickingen” so trefflich dargelegt hatte, welche Gefahr darin liegt, „die wahren und letzten Zwecke der Bewegung andern (‚und beiläufig eben dadurch häufig sogar sich selbst’) geheim zu halten”, der in diesem Geheimhalten bei Sickingen dessen „sittliche Schuld” erblickt hatte, die seinen Untergang herbeiführen mußte, den Ausfluß eines Mangels an Zutrauen in die Macht der von ihm vertretenen Idee, ein „Abweichen von seinem Prinzip”, ein „halbes Gebrochensein” — er gerade zuletzt hätte sich darauf verlegen dürfen, die Bewegung auf ein Mittel, statt auf den wirklichen Zweck zuzuspitzen. Die Entschuldigung, daß man diesen Zweck dem „Mob” noch nicht sagen durfte, oder daß die Massen für ihn noch nicht zu gewinnen waren, trifft nicht zu. Waren die Massen für das wirkliche Ziel der Bewegung noch nicht zu interessieren, so war diese überhaupt verfrüht und dann konnte auch das Mittel, selbst wenn erlangt, nicht zum Ziele führen. In den Händen einer Arbeiterschaft, die ihre weltgeschichtliche Mission noch nicht zu begreifen vermag, konnte das allgemeine Wahlrecht mehr schaden als nützen und mußten die Produktivgenossenschaften mit Staatskredit nur der bestehenden Staatsgewalt zugute kommen, ihr Prätorianer liefern. War aber die Arbeiterschaft entwickelt genug, das Ziel der Bewegung zu begreifen, dann mußte dieses auch offen ausgesprochen werden. Es brauchte damit noch nicht als unmittelbares, über Nacht zu verwirklichendes Ziel hingestellt zu werden, aber nicht nur der Führer, sondern auch jeder der Geführten mußte wissen, welchem Ziel das Mittel galt, und daß es nichts als Mittel zu diesem Ziele war. Die Masse wäre dadurch nicht mehr vor den Kopf gestoßen worden, als es durch den Kampf um das Mittel selbst geschah. Lassalle weist selbst darauf hin, wie fein der Instinkt der herrschenden Klassen ist, wenn es sich um ihre Existenz handelt. „Individuen,” sagt er in dieser Beziehung mit Recht, „sind zu täuschen, Klassen niemals.”
Wem das im Vorstehenden Ausgeführte doktrinär erscheint, der sei auf die Geschichte der Bewegung unter und nach Lassalle verwiesen. Und damit will ich zum Schluß auf dieses Thema übergehen.
Die Einzelheiten der Lassalleschen Agitation können hier nicht dargestellt werden, soll diese Schrift nicht den Umfang eines ganzen Werkes annehmen; ich muß mich vielmehr darauf beschränken, vorderhand nur die allgemeinen Züge der Bewegung hervorzuheben.
Das „Offene Antwortschreiben” hatte zunächst nur zum Teil die Wirkung, die Lassalle sich von ihm versprach. Wohl durfte er an Gustav Levy in Düsseldorf und andere schreiben: „Das Ganze liest sich mit solcher Leichtigkeit, daß es dem Arbeiter sofort sein muß, als wüßte er es schon jahrelang!” Die Schrift war wirklich ein agitatorisches Meisterwerk, sachlich und doch nicht trocken, beredt, ohne ins Phrasenhafte zu verfallen, voller Wärme und zugleich mit scharfer Logik geschrieben. Aber — die Arbeiter lasen sie vorerst überhaupt nicht; nur wo der Boden bereits vorbereitet war, schlug sie in den Reihen der Arbeiterschaft ein. Dies war der Fall, wie wir gesehen haben, in Leipzig, desgleichen in Frankfurt a. M., in einigen größeren Städten und Industrieorten am Rhein und in Hamburg. Teils hatten zurückgekehrte politische Flüchtlinge eine sozialistische Propaganda im kleinen entfaltet, teils lebten, wie namentlich am Rhein, die Traditionen der sozialistischen Propaganda aus der Zeit vor und während der 1848 er Revolution wieder auf. Aber das Gros der Arbeiter, die an der politischen Bewegung teilnahmen, blieb auf längere Zeit hinaus noch von dem ergangenen Appell unberührt und betrachtete Lassalle mit denselben Augen wie die meisten Führer der Fortschrittspartei — als einen Handlanger der Reaktion.
Was nämlich die Fortschrittspartei in Preußen und außerhalb Preußens anbetrifft, so hatte bei dieser allerdings das „Antwortschreiben” einen wahren Sturm erregt — nämlich einen wahren Sturm der Entrüstung, der leidenschaftlichen Erbitterung. Sie waren sich so groß vorgekommen, so erhaben in ihrer Eigenschaft als Ritter der bedrohten Volksrechte, und nun wurde ihnen plötzlich von links her zugerufen, daß sie keinen Anspruch auf diesen Titel, daß sie sich des Vertrauens, das ihnen das Volk bisher entgegengebracht, unwürdig erwiesen hätten und daß daher jeder, der es mit der Freiheit aufrichtig meine, insbesondere jeder Arbeiter, ihnen den Rücken zu kehren habe. Eine solche Beschuldigung verträgt keine kämpfende Partei, am allerwenigsten, wenn sie sich in einer Situation befindet, wie damals die Fortschrittspartei. Die Feindseligkeiten zwischen ihr und der preußischen Regierung hatten allmählich einen Höhegrad erreicht, daß eine gewaltsame Lösung des Konfliktes fast unvermeidlich schien, jedenfalls mußte man sich auf das Äußerste gefaßt machen. Auf die Deduktionen der Regierungsorgane, daß die Fortschrittspartei gar nicht das wirkliche Volk hinter sich habe, hatte diese bisher mit Hohn und Spott antworten können, das Volk, das politisch denke, stehe einmütig hinter ihr, und in dieser Zuversicht hatte sie eine immer drohendere Sprache geführt. Denn wenn die Fortschrittler auch keine große Lust hatten, Revolution zu machen, an Drohungen mit ihr ließen sie es darum doch nicht fehlen[30].
Und gerade in einem solchen Augenblick sollte man sich von einem Manne, der als Demokrat, als Gegner der Regierung auftrat, vorwerfen lassen, man habe die Sache des Volkes preisgegeben, ruhig mitansehen, wie dieser Mensch die Arbeiter unter einem neuen Banner um sich zu scharen suchte? Das hieß ihnen Unmenschliches zumuten.
Schon der Selbsterhaltungstrieb gebot den Fortschrittlern ihr Möglichstes zu versuchen, die Lassallesche Agitation nicht aufkommen zu lassen, und die nachträgliche Kritik hat es daher nur mit dem Wie dieser Gegenwehr zu tun, nicht mit der Tatsache selbst, die zu begreiflich ist, um zu irgendwelcher Betrachtung Anlaß zu bieten. Die Art der Gegenwehr nun kann kaum anders bezeichnet werden, als mit dem Wort: kläglich. Daß die Fortschrittler Lassalle als einen Handlanger der Reaktion hinstellten, ist eigentlich noch das geringste, was ihnen zum Vorwurf gemacht werden könnte. Denn es läßt sich nun einmal nicht bestreiten, daß Lassalles „Antwortschreiben” zunächst Wasser auf die Mühle der preußischen Regierung sein mußte. Statt sich aber darauf zu beschränken, Lassalle in denjenigen Punkten entgegenzutreten, in denen sie eine starke Position, oder, wie die Engländer es nennen, „einen starken Fall” ihm gegenüber hatten, bissen sie gerade auf diejenigen seiner Angriffe an, die sie bei ihrer schwachen Seite trafen, und entwickelten dabei eine geistige Ohnmacht, die in ihrer Hilflosigkeit hätte Mitleid erregen können, wenn sie nicht zugleich mit einer so riesigen Dosis von Selbstüberhebung gepaart gewesen wäre. Lassalles einseitiger Staatsidee setzten sie eine bis ins Abgeschmackte getriebene Verleugnung aller sozialpolitischen Aufgaben des Staats gegenüber, seinem, wie wir gesehen haben, auf zum Teil unrichtigen Voraussetzungen beruhenden ehernen Lohngesetz die platteste Verherrlichung der bürgerlich-kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft. In ihrer blinden Wut vergaßen sie so sehr alle Wirklichkeit, alles, was sie selbst früher in bezug auf die nachteiligen Wirkungen der kapitalistischen Produktion geschrieben hatten, daß sie durch die Unsinnigkeit ihrer Behauptungen selbst die Übertreibungen Lassalles rechtfertigten. Aus kleinbürgerlichen Gegnern des Kapitalismus wurden die Schulze-Delitzsch und Genossen über Nacht zu dessen Lobrednern. Man vergleiche nur die im ersten Abschnitt dieser Schrift (S. 18 ff.) gegebenen Auszüge aus der 1858 erschienenen Schrift des ersteren mit den Ausführungen Schulzes in seinem „Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus” — eine Zusammenstellung von sechs Vorträgen, die letzten davon bestimmt, Lassalle vor den Berliner Arbeitern kritisch zu vernichten. Während dort es als eine der schönsten Wirkungen der selbsthilflerischen Assoziationen bezeichnet wurde, daß sie den Unternehmergewinn herunterdrücken hülfen, heißt es hier, daß „die Wissenschaft ein solches Ding wie Unternehmergewinn” gar nicht kenne und also auch natürlich keinen Gegensatz zwischen Arbeitslohn und Unternehmergewinn. Sie kenne nur „a) Unternehmerlohn und b) Kapitalgewinn” (vgl. Schulze-Delitzsch, Kapitel S. 153). Gegenüber solcher „Wissenschaft” brauchte man nicht einmal ein Lassalle zu sein, um mit ihr fertig zu werden.
Aber trotz seiner geistigen Überlegenheit, trotz seiner packenden Rhetorik hatte Lassalle doch den Fortschrittlern gegenüber nicht den Erfolg, auf den er gerechnet hatte. Von einer Wirkung des „Offenen Antwortschreibens” gleich der der von Luther an die Wittenberger Schloßkirche genagelten Thesen — wie sie Lassalle sich laut dem bereits erwähnten Schreiben an seinen Freund Levy versprach — konnte zunächst auch nicht entfernt die Rede sein. Am 19. Mai 1863 hatte Lassalle in Frankfurt a. M., nachdem er zwei Tage vorher auf dem dort abgehaltenen „Arbeitertag des Maingaues” eine vierstündige Rede gehalten, in einer zum Abschluß derselben anberaumten Volksversammlung die Annahme einer Resolution durchgesetzt, wonach sich die Anwesenden verpflichteten, für das Zustandekommen eines allgemeinen deutschen Arbeitervereins im Sinne Lassalles zu wirken, und am 23. Mai 1863 ward alsdann in Leipzig, in Anwesenheit von Delegierten aus 11 Städten (Hamburg, Harburg, Köln, Düsseldorf, Mainz, Elberfeld, Barmen, Solingen, Leipzig, Dresden und Frankfurt a. M.), der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein” gegründet, auf Grund von Statuten, die Lassalle im Verein mit dem ihm befreundeten demokratischen Fortschrittsabgeordneten Ziegler ausgearbeitet hatte. Gemäß diesen Statuten war die Organisation eine streng zentralistische, was sich zum Teil durch die deutschen Vereinsgesetze, zum Teil durch den Umstand erklärt, daß ursprünglich auch an die Gründung eines allgemeinen Arbeiterversicherungsverbandes gedacht worden war. Der Plan war fallen gelassen worden, aber Lassalle behielt trotzdem die Bestimmungen der Statuten bei, die sich lediglich auf ihn bezogen hatten, so namentlich die persönlicher Spitze und die geradezu diktatorischen Vollmachten für die Person des Präsidenten, der obendrein auf fünf Jahre unabsetzbar sein sollte. Es machten sich zwar bereits auf dieser ersten konstituierenden Versammlung Anzeichen einer Opposition gegen solche Präsidialgewalt bemerkbar, aber sie konnte gegenüber Lassalles ausgesprochenem Wunsch auf unveränderte Annahme der Statuten nicht durchdringen. Mit allen gegen eine Stimme (York aus Harburg) wurde Lassalle zum Präsidenten erwählt, und nachdem man ihm noch die Befugnis zugestanden, so oft und auf so lange als er wollte, einen Vizepräsidenten zu ernennen, nahm er nach einigem Zaudern die Wahl an. Er war somit anerkannter Führer der neuen Bewegung; diese selbst aber blieb auf längere Zeit hinaus noch auf eine geringe Anhängerschaft beschränkt. Drei Monate nach der Gründung betrug die Mitgliederzahl des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins kaum 900. An sich wäre das ein gar nicht zu verachtender Anfang gewesen, aber Lassalle hatte auf ganz andere Zahlen gerechnet. Er wollte nicht der Leiter einer Propagandagesellschaft, sondern der Führer einer Massenbewegung sein. Die Massen aber blieben der neuen Organisation fern.
Lassalle war eine bedeutende Arbeitskraft, er konnte zeitweise eine wahrhafte Riesenarbeit leisten; aber was ihm nicht gegeben war, das war das stetige, solide, ausdauernde Schaffen. Der Verein war noch nicht sechs Wochen alt, da trat der neue Präsident bereits eine mehrmonatige Erholungsreise an — zunächst in die Schweiz, dann an die Nordsee. Freilich blieb Lassalle auch unterwegs nicht untätig. Er unterhielt eine rege Korrespondenz, suchte alle möglichen Größen für den Verein zu gewinnen, wobei er übrigens nicht sehr wählerisch vorging, aber gerade das, worauf es ankam: die Agitation unter den Massen, ließ er ruhen. Ferner sorgte er unbegreiflicherweise nicht einmal dafür, daß der Verein wenigstens ein ordentliches Wochenblatt zur Verfügung hatte, obwohl es ihm an den Mitteln dazu nicht fehlte. Er begnügte sich mit gelegentlichen Subventionen an Blätter, wie den in Hamburg von dem alten Freischärler Bruhn herausgegebene „Nordstern” und den in Leipzig von einem Eigenbrödler, Dr. Ed. Löwenthal, herausgegebene „Zeitgeist”, womit diese Blätter zeitweise über Wasser gehalten wurden, ohne jedoch deshalb aufzuhören beständig zwischen Leben und Sterben zu schweben.
Wie die Masse der Arbeiter, so blieben auch die meisten der vorgeschrittenen Demokraten und Sozialisten aus den bürgerlichen Kreisen, an die sich Lassalle mit Einladungen zum Beitritt wandte, dem Verein fern. Ein großer Teil dieser Leute war, wie bereits erwähnt, stark verphilistert oder doch auf dem besten Wege zum Philisterium, andere wurden durch ein unbestimmtes persönliches Mißtrauen gegen Lassalle davon abgehalten, sich öffentlich für ihn zu erklären, wieder andere hielten den Zeitpunkt für sehr ungeeignet, die Fortschrittspartei von links her zu attackieren. Und selbst diejenigen, die dem Verein beitraten, ließen es meist bei der einfachen Mitgliedschaft bewenden und verhielten sich im übrigen durchaus passiv. Dafür agitierten zwar andere Mitglieder des Vereins, ganz besonders die aus der Arbeiterklasse hervorgegangenen, um so eifriger, und der Sekretär des Vereins, Jul. Vahlteich, entwickelte eine geradezu fieberhafte Tätigkeit Anhänger für den Verein zu werben, aber die Erfolge entsprachen durchaus nicht den Anstrengungen. Auf der einen Seite erwies sich die Gleichgültigkeit der unentwickelten Masse der Arbeiter, auf der andern die das Interesse des Augenblicks absorbierende nationale Bewegung in Verbindung mit dem Verfassungskampf in Preußen als ein fast unübersteigbares Hindernis, so daß an verschiedenen Orten die Mitglieder des Vereins bereits lebhaft die Frage diskutierten, ob man nicht durch Anziehungsmittel unpolitischer Natur, Gründung von Unterstützungskassen usw., das Werbegeschäft fördern solle.
Lassalle selbst war einen Augenblick geneigt, auf die Diskussion dieser Frage einzugehen — vgl. seinen Brief vom 29. August 1863 an den Vereinssekretär (zitiert bei B. Becker, Geschichte der Arbeiteragitation usw. S. 83) —, er kam aber wieder davon ab, weil er einsah, daß der Verein damit notwendigerweise seinen Charakter ändern mußte. Er würde aufgehört haben, eine jederzeit disponible politische Maschine abzugeben, und nur als eine solche hatte er in den Augen Lassalles Wert.
Noch in den Bädern entwarf Lassalle die Grundgedanken einer Rede, mit der er bei seiner Rückkehr die Agitation wieder aufnehmen wollte, und zwar zunächst am Rhein, wo der Boden sich ihm am günstigsten erwiesen hatte. Es ist dies die Rede „Die Feste, die Presse und der Frankfurter Abgeordnetentag”.
Diese Rede, die Lassalle in den Tagen vom 20. bis 29. September 1863 in Barmen, Solingen und Düsseldorf hielt, bezeichnet den Wendepunkt in seiner Agitation. Welche Einflüsse während der Sommermonate auf ihn eingewirkt hatten, wird wohl kaum festgestellt werden können, indes wird man nicht fehlgehen, wenn man auf die Gräfin Hatzfeldt und ihre Verbindungen schließt. Die Hatzfeldt hatte begreiflicherweise fast ein noch größeres Streben, Lassalle vom Erfolg emporgehoben zu sehen, als dieser selbst; für sie ging das Interesse am Sozialismus vollständig auf im Interesse an Lassalle, durch dessen Vermittlung sie überhaupt erst zum Sozialismus gekommen war. Sie wurde auch sicherlich nur durch ihre große Zuneigung zu Lassalle getrieben, wenn sie ihm zu Schritten riet, die wohl versprachen, seinem persönlichen Ehrgeiz Befriedigung zu verschaffen, die aber die Bewegung selbst im höchsten Grade kompromittieren konnten. Für sie war eben die Bewegung Lassalle und Lassalle die Bewegung, sie betrachtete die Dinge meist durch die Brille der vermeintlichen Interessen Lassalles. Solche uneigennützigen Freunde sind indessen in der Regel von sehr zweifelhaftem Wert. Sind sie aber obendrein noch durch Erziehung, Lebensstellung usw. in besonderen Klassenvorurteilen befangen und haben sie keinen eigenen selbständigen Wirkungskreis, so wirkt ihre Fürsorge zuweilen schlimmer als Gift. Sie bestärken den Gegenstand ihrer Liebe in allen seinen Fehlern und Schwächen, sie reizen beständig seine Empfindlichkeit, indem sie ihn auf jedes Unrecht aufmerksam machen, das ihm scheinbar geschehen; mehr als der Beleidigte selbst verzehren sie sich im Durst nach Rache für dieses Unrecht, sie hetzen und schüren und intrigieren — alles in bester Absicht, aber zum größten Schaden dessen, für den es vermeintlich geschieht.
Die Hatzfeldt war in ihrer Art eine gescheite Frau, die Lassalle, so sehr sie ihm an Wissen und Energie nachstand, doch in bezug auf Erfahrung überlegen war. Wo seine Leidenschaft nicht im Wege stand, gab er viel auf ihren Rat; er mußte doppelt auf ihn wirken, wo er seinen Leidenschaften Vorschub leistete. In einem am Schluß seiner Laufbahn geschriebenen Briefe an die Gräfin macht Lassalle dieser gegenüber die Bemerkung, sie sei es ja eigentlich gewesen, die ihn zur Annahme des Präsidiums des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins veranlaßt habe. Das ist sicherlich nicht wörtlich zu nehmen. Lassalle hätte wohl auch ohne die Gräfin das Präsidium angenommen. Aber in solchen Situationen läßt man sich besonders gern durch gute Freunde zu dem bestimmen, was man selbst möchte, weil es die Verantwortlichkeit zu mindern scheint. Die Gräfin wird also Lassalles Bedenken beschwichtigt haben, und es liegt der Schluß mehr als nahe, daß sie es mit Verweisung auf die Dinge getan haben wird, die sich in den oberen Regionen Preußens damals vorbereiteten. Es sei nur an die Erklärung Lassalles in seiner Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß erinnert, daß er schon vom ersten Tage, wo er seine Agitation begann, gewußt habe, daß Bismarck das allgemeine Wahlrecht oktroyieren werde, und an die weitere Erklärung, daß, als er das „Offene Antwortschreiben” erließ, ihm „klar” war, daß „große auswärtige Konflikte bevorstehen, Konflikte, welche es unmöglich machen, das Volk zu ignorieren”. Er stellt es zwar dort so hin, als ob dies jeder hätte wissen müssen, der die Ereignisse mit sicherem Blick verfolge, aus seinen Briefen an Marx haben wir aber gesehen, wie sehr er sich bei seinen politischen Schritten durch die „Informationen” beeinflussen ließ, die ihm aus „diplomatischen Quellen” über die Vorgänge in Regierungskreisen zugingen.
Die Hatzfeldt war durch das langsame Wachstum des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins sicherlich noch mehr enttäuscht worden, als Lassalle selbst. Durch ihren ganzen Bildungsgang auf die Mittel der Intrige und stillen Diplomatie abgerichtet, mußte sie auch jetzt darauf verfallen, hinten herum das zu erreichen, was auf dem Wege des offenen Kampfes sich als so schwer zu erreichen erwies. In diesem Streben fand sie an Lassalles Geneigtheit, Erfolge, die er sich einmal als Ziel gesetzt, um jeden Preis zu erzwingen, an seinem rücksichtslosen Temperament und seinem hochgradigen Selbstgefühl nur zu bereitwillige Unterstützung. Inwieweit damals schon die Fäden angeknüpft waren, die später Lassalle ins Palais des Herrn von Bismarck führten, läßt sich heute nicht mehr feststellen, aber sowohl die Worte, welche Lassalle, als er die Rede „Die Feste, die Presse usw.” für den Druck niederschrieb, an seinen Freund Levy richtete: „Was ich da schreibe, schreibe ich bloß für ein paar Leute in Berlin,” als auch vor allem der Inhalt der Rede selbst beweisen, daß an diesen Fäden mindestens eifrig gesponnen wurde. Die Rede ist gespickt mit Angriffen auf die Fortschrittspartei, die teilweise sehr übertrieben sind, während dagegen dem Minister Bismarck unumwunden geschmeichelt wird. Hatten bis dahin stets der Demokrat und der Sozialist in Lassalle die demagogische Ader in ihm gemeistert, so meistert hier der Demagoge die ersteren.
Im Juni 1863 hatte die preußische Regierung, nachdem sie den Landtag nach Hause geschickt, die berüchtigten Preßordonnanzen erlassen, welche die Verwaltungsbehörden ermächtigten, nach vorheriger zweimaliger Verwarnung das fernere Erscheinen irgendeiner inländischen Zeitung oder Zeitschrift „wegen fortdauernder, die öffentliche Wohlfahrt gefährdender Haltung zeitweise oder dauernd” zu verbieten. Die liberale Presse, ausschließlich in den Händen von Privatunternehmern, hatte daraufhin meist es vorgezogen, während der Dauer der Preßordonnanzen überhaupt nichts mehr über die innere Politik zu schreiben. Das war gewiß nichts weniger als tapfer, aber es war auch nicht so schlimmer Verrat an der eigenen Sache als wie Lassalle es hinstellt. Lassalle übersah geflissentlich, daß Bismarcks Absicht beim Erlaß der Preßordonnanz eben gewesen war, die ihm verhaßten Blätter der Opposition geschäftlich zu ruinieren, um seine eigene oder eine ihm genehme Presse an ihre Stelle zu bringen. In der Begründung der Preßordonnanz hatte es ausdrücklich geheißen:
„Die positive Gegenwirkung gegen die Einflüsse derselben (d. h. der liberalen Presse) vermittelst der konservativen Presse kann schon deshalb den wünschenswerten Erfolg nur teilweise haben, weil die meisten der oppositionellen Organe durch eine langjährige Gewöhnung des Publikums und durch die industrielle Seite der betreffenden Unternehmungen eine Verbreitung besitzen, welche nicht leicht zu bekämpfen ist.”
Wenn also die liberalen Blätter es nicht darauf ankommen ließen, verboten zu werden, so erhielt die Regierung auch keine Möglichkeit, andere Blätter an deren Stelle einzuschmuggeln oder jenen die Annoncen abspenstig zu machen. Der eine Zweck der Maßregel wurde also gerade durch dies zeitweilige Schweigen über die innere Politik vereitelt. Nicht minder aber auch der zweite, direkt politische Zweck. Lassalle meint in seiner Rede, wenn die liberale Presse sich hätte verbieten lassen, wenn der Spießbürger nicht mehr beim Frühstück seine gewohnte Zeitung bekommen hätte, dann würde die Erbitterung über die Preßordonnanzen im Volke aufs höchste gesteigert worden sein und die Regierung sich gezwungen gesehen haben, nachzugeben. Indes, die Erbitterung war nicht minder groß, wenn der Spießer zwar seine gewohnte Zeitung forterhielt, aber ihm zugleich Tag für Tag am Inhalt derselben vordemonstriert wurde, daß seinem Organ ein Knebel angelegt war, wenn er zwar sein Blatt, aber ohne den geliebten Leitartikel erhielt.