Wir futterten im Dorf ab, und ich ging dann voraus, um noch auf Antilopen zu pirschen. Da sich die Sonne inzwischen hinter Wolken verkrochen hatte und ich ohne Kompaß war, machte es mir große Mühe, die Richtung zu halten. Ich erinnerte mich, beim Herausreiten an einem Hügel vorbeigekommen zu sein, auf dem drei Bäume standen. Diesen Hügel fand ich mit dem Zeiß wieder und steuerte darauf los. Später traf ich noch einen mongolischen Hirten, der mich zurechtwies. Da keiner die Sprache des andern verstand, war die Unterhaltung ziemlich spaßig. Ich sagte: "Karaschar", woraufhin er einen großen Sprung vorwärts machte und dann zischend eine Linie auf der Erde zog. Ich mußte also ein Wasser überschreiten. Große Freude seitens des Mongolen, als ich begriffen hatte. Mehrfach fielen mich noch die großen Hunde an; ich mußte jedesmal mit schußfertigem Karabiner warten, bis sie abgerufen wurden, denn nur über ihre Leiche hätte der Weg weitergeführt, und unnötig wollte ich den Mongolen ihre treuen Wächter nicht wegschießen.
Ich passierte den Bach und hatte bald einen befahrenen Weg vor mir, der nach Süden führte. Es regnete leise. Endlich war ich bei unsern ersten Mongolen, die mich sehr freundlich bewillkommneten. Alles suchte mich schon; der Schantu war bereits vorausgeritten, um die Kavallerie in Karaschar zum Suchen zu requirieren. Allmählich stellten sich die beiden Kavalleristen ein und wir ritten heimwärts; es war die höchste Zeit, da meine Pferde vor Müdigkeit zusammenzubrechen drohten. Gegen neun Uhr kamen wir ins Gasthaus, wo auch schon über mein langes Ausbleiben große Aufregung herrschte. Der Mandarin hatte bereits die ganze Schwadron alarmiert, und diese war gerade aufgebrochen, um nach mir zu fahnden, als die Nachricht von meiner Rückkunft eintraf.
Bei glühender Hitze marschierten wir am 7. Mai früh ab. Mittels Fähre ging es über den Chai du gol und dann in die Steppe, an deren Anfang gerade ein Mongolendorf lag. Die Stute lief weg und mitten in eine große weidende Pferdeherde hinein. Die Mutterstuten schlossen sich sofort zum Kreise zusammen und nahmen die Füllen in die Mitte. Der Leithengst griff die Stute an und biß ihr einen großen Fetzen Fleisch in der Sattellage heraus. Gegen Mittag wurde die Hitze immer schlimmer, wir hatten um ein Uhr 55 Grad Celsius. Um 3 Uhr löste sich die Schwüle und es trat Staubsturm ein. Am Nachmittag gelangten wir in Felsberge und marschierten dem Kurla-gol entlang, der hier als reißender Gebirgsstrom das Gebirge durchbricht. Wir machten bei einem Kaufmann, der unterwegs sein Zelt aufgeschlagen hatte, kurze Rast und bekamen Milch, Tee und Brot.
Um 6 Uhr abends gelangten wir nach einem Marsch von 70 Kilometer nach Kurla, wo wir ganz gut unterkamen. Der Bek des Ortes schickte mir Pferdefutter. In meinem Gasthaus hatten sich zwei Damen der Demimonde etabliert. Ich ahnte zuerst gar nicht, wen ich vor mir hatte, und sagte zu einem neben mir stehenden Chinesen: "Was habt ihr hier für hübsche Frauen," woraufhin er nur kurz antwortete: "Einen Tael". Da wußte ich genug. Den ganzen Abend über hörte ich ihren Gesang zur Mandoline. Sie schienen gar nicht abgeneigt, mit mir Freundschaft zu schließen, aber sowie ich nur hinsah, hatte ich sofort eine ganze Herde von Neugierigen um mich herum.
Die Pferde waren am 8. Mai morgens von dem gestrigen Marsch in der Hitze und über die felsigen Wege derartig ermüdet, daß ich beschloß, erst am Abend aufzubrechen, um so mehr, da wir einen Marsch von 90 Kilometer vor uns hatten. Es war schon um vier Uhr morgens so schwül, daß man nicht mehr schlafen konnte. Im Laufe des Vormittags erhielt ich Besuch von den beiden Mädchen, die vor Neugierde fast umkamen, meine europäischen Sachen zu sehen. Heute war hier Basartag; ich mischte mich mitten in die Volksmenge auf den Straßen. Was war das für ein buntes Treiben! Dazu die farbigen Kostüme beider Geschlechter, es gab wirklich ein hübsches Bild. Wie bei uns auf den Jahrmärkten schreit alles durcheinander, seine Waren anpreisend. Man sieht sehr viel Bettler, die, meist zu dreien, singend um eine Gabe betteln. Sie begleiten ihren Gesang mit der Gitarre und einer Klapper; diese besteht aus einem Stock mit einem großen Ring, an dem mehrere kleine Ringe hängen. Hauptsächlich werden Eßwaren, Kattune, Obst, Fleisch, Mützen, Stiefel und Süßigkeiten feilgeboten. Mitten durch die Stadt fließt der Chro-ma-gol, in dem die gesamte Stadtjugend badet. Der Fluß hat ganz klares, durchsichtiges Wasser, das sehr kalt ist.
Ich besuchte eine Kwantse, d. h. ein Restaurant, in dem zwei Gitarrespieler und ein Tamburinschläger Musik machten. Drei hübsche, junge Schantumädchen forderten mich gleich auf, Platz zu nehmen. Es gab Früchte wie getrocknete Weinbeeren, Lotoskerne, Mandeln, dann Tee und Reiswein, der dem Mohammedaner anscheinend nicht als Wein gilt. Eines der Mädchen führte zur Musik einen aus einzelnen Pas bestehenden graziösen Tanz auf, der jedesmal in einer Pose wie beim Bauchtanz, mit der Front nach irgendeinem der Anwesenden, endigte. Ich kam zuerst an die Reihe; man rief mir von allen Seiten zu: "Cü lai, cü lai" (steh auf, steh auf), was ich denn auch tat. Einer nach dem andern kam nun daran und erhob sich mit einer Verbeugung gegen das Mädchen. Ich gab für die Musik und für die Tänzerinnen Geld und kehrte dann in meinen Gasthof zurück. Bald darauf erschien ein Chinese bei mir und forderte mich auf, in sein Zimmer zu kommen, er habe dort etwas für mich. Richtig war es die hübsche Tänzerin, die sie herbeigebracht hatten, in der Hoffnung, sich einen Kupplerlohn zu verdienen. Ich ließ mich jedoch nicht erbitten; das Mädchen fühlte sich verschmäht und weinte, aber ich konnte ihr nicht helfen.
Um 6 Uhr, das Thermometer zeigte immer noch plus 31 Grad, marschierten wir ab. Zuerst durch Kurla mit allen seinen hübschen kleinen Gärten, dann an den Bergen entlang. Nach 40 Li machten wir kurze Rast in einem einzelnen Gasthause; nach 110 Li ebenso in einem Posthause, in dem eine einzelne Schantufrau waltete; sie kochte uns Tee und Eier. Ich war todmüde und schlief auf dem Lager der Frau eine halbe Stunde vorzüglich. Gegen 8 Uhr morgens — es war schon wieder drückend schwül und die Tiere infolgedessen sehr müde — langten wir endlich in Tschot Wu an. Wir hatten einen Marsch von 90 Kilometer hinter uns. Der uns begleitende Mann vom Yamen war ein Schantu, der jedoch, als bei einer chinesischen Behörde Angestellter, vollkommen als Chinese angezogen war. Er hatte das Gesicht ganz und den Kopf halb rasiert und trug nach chinesischer Sitte einen Zopf, so daß ich den Unterschied tatsächlich nicht bemerkt haben würde, wenn mein Diener mich nicht darauf aufmerksam gemacht hätte.
Gegen Mitternacht vom 9. zum 10. Mai brachen wir bei Vollmond wieder auf. Wenn die Saaten bei den Dörfern hoch sind, soll es hier massenhaft Wildschweine geben, jetzt waren leider keine da; sonst durchquerten wir nur reichlich mit Bäumen bestandene Steppe. Um 9 Uhr erreichten wir Hsia-jen-kou, wo wir gut unterkamen und ich die Pferde baden ließ. Der eine der mich begleitenden Kavalleristen bot mir fortwährend seinen hübschen Schimmel zum Kauf an, doch sollte ich 35 Taels geben, was mir zu viel war. Um 7 Uhr abends ritten wir weiter, durch angebaute Gegend. In einem der Dörfer hing ein menschlicher Kopf am Wege; meine Leute hielten sich lange darüber auf; man ist es hier weniger gewöhnt, die Köpfe so schnell fallen zu sehen, wie im Osten. Für die Gasthäuser war jetzt schlechte Zeit, da die Reisenden alle im Freien schliefen und die Pferde einfach grasen ließen. Fast alle Häuser haben in dieser Gegend an der Außenfront Kangs; wenn es noch heißer wird, schläft alles draußen. Am 11. Mai, bald nach Sonnenaufgang, waren war in Yang Hsa. Sämtliche Gasthäuser hatte der aus Kaschgar kommende Taotai belegt; dabei wußte kein Mensch, ob er selbst überhaupt kommen würde. Ich mußte mich mit einer ziemlich übeln Bude begnügen; dafür erschien bald der Ortsvorsteher, ein Türke, um sich bei mir zu entschuldigen, daß kein besseres Quartier vorhanden sei; brachte auch gleich Mais, Stroh, Heu und Eier als Geschenk mit, was ich sehr anerkannte.
Eine große Unannehmlichkeit, unter der ich hier litt, waren die Läuse, von denen ich mich nie ganz freizuhalten vermochte. Trotzdem ich Tag für Tag badete und so sauber wie nur irgend möglich war, verging kaum ein Tag, wo ich nicht eines dieser widerlichen Tiere fing. So lange ich im eigentlichen China war, geschah dies nicht, was eigentlich für die so oft angezweifelte Reinlichkeit der Chinesen spricht.
Den ganzen Nachmittag kamen Leute, die mich um meinen ärztlichen Rat baten. Die meisten litten an einer Augenentzündung, die sich besonders in eiternden Tränendrüsen äußerte. Die ersten, die ankamen, wusch ich mit einer ganz leichten Sublimatlösung sauber aus. Kaum hatten die Leute nur die Sublimat-Pastillen gesehen, als jeder etwas von der wertvollen Medizin haben wollte. Natürlich muß der Europäer Sachen haben, die gegen jeden Schaden helfen. Dieses blinde Vertrauen zu einem Europäer, wie zu einem höherstehenden Wesen, das in jedem Falle helfen kann, obwohl ich persönlich mehr als tausend Mal erklärt habe, daß ich nicht Arzt sei, ist einfach lächerlich. Ich konnte nur peinliches Reinhalten und Kühlen mit kaltem Wasser empfehlen, da ich selbst nichts an Arzneien hatte, ein Rat, der ungefährlich war und vielleicht auch half.
Gegen 8 Uhr abends marschierten wir weiter. Die Straße war mit hohen Bäumen dicht eingefaßt, man ritt wie in einer Laube. Um 4 Uhr morgens waren wir in Bugur, in dessen Gasthaus meine Stube wiederum von Kranken, besonders von Weibern, gestürmt wurde. Mein Kavallerist lag mir dauernd mit seinem Pony in den Ohren, bis ich schließlich das hübsche Tier für 22 Taels kaufte. Es erwies sich als etwas stolprig und scheute vor jeder Kleinigkeit, war also wohl ein Blender.
13. Mai. Ich ritt, wie stets, voraus und war schon gegen 2 Uhr am Ziel in Arbatai, wo ich bald mit dem Sattel unterm Kopf fest schlief. Man lernt das sehr schnell: Tag für Tag schlief ich die Hälfte meiner Ruhezeit, nämlich bis die Karre kam, auf den harten Steinen ohne jede Bequemlichkeit und gewöhnte mich vollkommen daran. Der folgende Tag war wohl der bisher schwülste, und es war unmöglich, den Tag über zu schlafen. Als wir um 5 Uhr nachmittags abmarschierten, brach denn auch der Staubsturm los, legte sich aber gegen 9 Uhr wieder. Um 1 Uhr hatten wir nach sehr scharfem Ritt die 70 Kilometer bis Tockenä hinter uns und kamen gut unter. Ich schlief trotz unzähliger Moskitos bald ein, um am 14. Mai früh, am ganzen Leibe zerstochen, von ihrem abscheulichen Surren geweckt zu werden. Es war gerade hell geworden und die Karre kam an. Die Abkühlung nach dem Staubsturm war ganz besonders angenehm, trotz der 18 Grad fror ich beinahe und zog mir meinen dicken Sweater an. Dann nahm ich ein Bad im Flußwasser, was mir aber nicht bekam, denn mein ganzer Körper zeigte bald kleine Bläschen, die auf das unangenehmste juckten. Es war der allen Tropenreisenden bekannte Ausschlag, "roter Hund" genannt, der mir noch mehrere Tage zu schaffen machte. Ich dachte jetzt nur noch daran, so schnell als möglich aus dieser Moskitohölle fortzukommen. Denn trotzdem ich den ganzen Tag über ein qualmendes Strohfeuer im Zimmer unterhielt, so daß mir die Augen tränten, waren die Moskitos nicht zu verscheuchen.
Gegen Mittag fing es leicht an zu regnen, und als wir um 4 Uhr nachmittags abritten, hatte ein richtiger Landregen eingesetzt. Der Kavallerist und der Yamenbegleiter wären nur zu gern dageblieben, denn der Chinese haßt den Regen wie die Pest, aber ich ließ mich auf nichts ein. Bald waren wir wie die Katzen naß, was mir sehr angenehm vorkam. Den Weg schnitten von Norden kommende, teils flache, teils bis einen Meter tiefe, schnell fließende Wässer von dunkelroter Farbe. Einmal trafen wir unterwegs zwei etwa 14jährige hübsche junge Schantumädchen, die gerade von einem im schärfsten Trab reitenden Manne eingeholt und angehalten wurden. Auf unsere Frage, um was es sich denn da handle, kam als Antwort: "die Liebe"; also zwei Durchgängerinnen.
Es hatte gerade aufgehört zu regnen, als wir um 8 Uhr abends an den inmitten von Gärten gelegenen Vorstädten von Kutscha anlangten. Noch eine ganze Zeit lang ritten wir durch Vorstädte, ehe wir den Basar erreichten, in dem noch lebhaftes Treiben herrschte. Überall sah man die Leute auf den mit Filzteppichen bedeckten Kangs vor den Häusern sitzen, allenthalben hörte man zur Gitarre singen; die Verkäufer schrien ihre Eßwaren aus, Kinder spielten auf den Straßen, und man hatte das Gefühl, bei einem friedlichen, glücklichen Volk zu sein. Die Weiber gehen hier alle ganz weiß gekleidet. Durch die Mitte der Stadt fließt ein Bach, dessen Brückenbelag abgenommen war, wahrscheinlich aus Furcht vor dem infolge des starken Regenfalles zu erwartenden Hochwasser. Guter Rat war teuer; der Kavallerist benutzte die Gelegenheit, um im Dunkel zu verschwinden, wofür ich ihm morgen beim Yamen zu verklagen beschloß. Endlich wies uns ein des Weges kommender Karrenführer nach einer einen halben Kilometer oberhalb liegenden Furt, die wir glücklich in der Dunkelheit passierten. Dann ging es durch eine Menge dunkler Gäßchen und endlich hielten wir am Ziel, dem Hause des Aksakals, der hier die russischen Interessen vertritt. Ich hatte den alten Mann in Bugur getroffen und er hatte mich gebeten, in seinem Hause in Kutscha Wohnung zu nehmen, was ich gern annahm. Die Leute im Hause waren bereits durch einen vorausgesandten Brief über mein Kommen unterrichtet. Man nahm mich sehr freundlich auf und gab mir ein hübsches Zimmer, Tee, Brot und Süßigkeiten. Der Stall war allerdings weniger gut. Infolge meines Ausschlages konnte ich leider nicht schlafen und wälzte mich bis zum Morgengrauen ruhelos auf den Filzteppichen herum.
Die Karre kam am 15. Mai erst gegen 7 Uhr morgens an; die Tiere waren in dem teils knietiefen Schlamm nur langsam vorwärts gekommen. Für den Vormittag setzte ich großes Reinemachen an, dann wanderte Dschang zum Yamen, um mich anzumelden. Er erschien wieder in Gala, und beguckte sich fortwährend im Spiegel. Kleider machen Leute, man ahnt gar nicht, was bei anständiger Behandlung, gutem Essen und guter Kleidung alles aus einem schmutzigen, verlausten Kuli werden kann. Gegen 11 Uhr ritt ich dann selbst mit Vorreiter und einem berittenen Schantu als Führer durch die stark belebten Straßen zum Yamen. Man ließ mich erst warten, die Böllerschüsse und das Öffnen des Haupttores fielen weg. Dagegen war eine ganze Unzahl von Dienern, darunter mehrere mit Mandarinenknopf, aufmarschiert. Zum ersten Male sah ich hier auch Schantus mit dem Abzeichen der chinesischen Mandarinen, es sind solche, die eine Art Dolmetscherposten am Yamen innehaben und bei den Gerichtsverhandlungen gegen Schantus den Beamten unterstützen. Bald kam auch der Mandarin, wieder ein Hunanese. Er ist lange in Peking gewesen und spricht ein sehr schönes Hochchinesisch, so daß wir uns die kurze Zeit unseres Zusammenseins sehr gut unterhielten.
In Kutscha waren gerade zwei japanische Offiziere anwesend, über deren Mission und Absichten man sich im Yamen nicht ganz klar war. Man bat mich um Auskunft, die ich natürlich nicht geben konnte. Sie gaben vor, hier den Buddhismus studieren zu wollen und gruben augenblicklich in einem Dorfe südlich Kutscha alte Grabdenkmäler aus. Man schien sie nicht für voll zu rechnen, aber der Mandarin war seiner Sache nicht ganz sicher und fragte sehr vorsichtig. Beim Abschied begleitete er mich nach chinesischer Sitte bis zu dem geöffneten Haupttor; natürlich wurde das große Pferd gebührend angestaunt.
Im Quartier war inzwischen schon das übliche Deputat des Yamen, bestehend aus Pferdefutter, einem Hammel und zwei Hühnern angekommen. Ich ließ meinen Dank sagen und schickte dann zum hier residierenden Schantufürsten, um anzufragen, wann ihm mein Besuch angenehm sei. Er bat mich, morgen zu kommen, da er heute, am Basartage, sehr beschäftigt sei. Ich aß zu Mittag und empfing mehrere angesehene Schantus, die mir ihren Besuch machen wollten. Unter andern kam auch der erwachsene Sohn des Besitzers meiner hübschen Wohnung, der über den fremden Eindringling sehr erstaunt war, denn man hatte ihn von meinem Kommen nicht in Kenntnis gesetzt.
Nachmittags wanderte ich mit einem Chinesisch sprechenden Schantu und meinen beiden Chinesen in die Stadt, um den Basar zu besichtigen. Das war ein buntes Treiben; jede Gilde hat ihr besonderes Viertel, da waren solche, die Kattune und andere leichte Stoffe, sämtlich europäischer Herkunft, feilhielten, dann Schuster, Lederhändler, Schmiede, ferner Mützenhändler mit reizenden Mustern, meist Taschkenter Herkunft, und Schneider; vielfach sah man hier schon Nähmaschinen russischen Ursprungs. Salz wurde in großen grauen Stücken, ungereinigt, feilgehalten. Dazu erfüllten allerlei Eßwaren mit ihrem Fettgeruch die Luft. Hier hielt einer mit lebhaften Geberden einen Vortrag über Konstantinopel an der Hand eines Planes. Überall trieben sich unzählige Bettler herum. Auch das weibliche Geschlecht war reichlich vertreten, teils verschleiert, teils unverschleiert, die letzteren in der Mehrzahl. Auch solche, die sich in Samt und Seide kleiden und einen frechen Blick haben, waren da. Alle Weiber trugen große, weiße Nackenschleier und viele an der Mütze hübsche Silberverzierungen. In Betsälen hielten Derwische vor einer zahlreichen Menge männlichen Geschlechts Vorträge. Auch eines der mit Hirschgeweihen, Widderköpfen und unzähligen Fähnchen geschmückten heiligen Gräber sahen wir uns an. Dann wurde eingekauft; natürlich hatte jeder einen Wunsch. Dschang wollte neue Schuhe haben, Dscho, mein anderer Diener, einen langen Rock und eine Überziehweste, und ich mußte natürlich das Geld dazu hergeben, da die Gesellschaft keinen Pfennig besaß. Wir konnten uns mit dem Schneider nicht einigen, da er infolge meiner Gegenwart unverschämte Preise machte. Weiter wandernd, kreuzten wir den gelbe Fluten südwärts wälzenden Bach auf einer Brücke, die nur aus den zum Tragen des Belags bestimmten Balken bestand, die obendrein nicht einmal vierkantig waren. Unter Lachen und Jauchzen balancierte alles die 30 Meter lange Strecke hinüber und herüber. Drüben schäkerten drei Arm in Arm wandernde Kavalleristen mit hübschen Schantumädchen tout comme chez nous. Wir statteten dann noch einer Kwantse einen Besuch ab, in der drei Musikanten mit ihren melancholischen Weisen die Schmausenden unterhielten. Dann ging es zurück nach meinem Hause, da sich der Amban um 5 Uhr zum Besuche angemeldet hatte und ich diesen nicht verfehlen wollte. Unterwegs sahen wir noch ein Bad, das recht sauber gehalten war und in dem man von einem Mädchen bedient wurde.
Pünktlich um 5 Uhr, wie ich auf eine Anfrage seinerseits gebeten hatte, erschien mit großem Gefolge der Mandarin. Das übliche Programm wurde abgewickelt; er schwindelte mir leider noch zum Schluß eine meiner eigenen Photographien ab. Abends aß ich bei einem vornehmen Dunganen, der mich eingeladen hatte; ich machte dabei noch die Bekanntschaft des chinesischen Vorstehers des Telegraphenamtes. Derselbe, ein geborener Tientsiner, war fünf Jahre lang in Amerika gewesen und sprach geläufig Englisch, ohne irgendeinen Anklang an das sogenannte Pidgin-Englisch. Er klagte mir sein Leid über diese weltentlegene Gegend, natürlich aber hatte er nicht Geld genug, um in die Heimat zurückkehren zu können.
Am 16. Mai ritt ich um 8 Uhr früh zum Yamen des Schantufürsten, bei dem ich mich zum Besuch angemeldet hatte. Ich wurde sehr liebenswürdig empfangen und hatte Gelegenheit, in den verschiedenen Räumen besonders die schönen Teppiche und die alten Waffen des Fürsten zu bewundern. Der Fürst war schon zweimal in Peking gewesen und erkundigte sich lebhaft nach dem Aussehen Pekings und den infolge der Unruhen im Jahre 1900 hervorgerufenen Veränderungen. Mit einer gewissen Schadenfreude fragte er immer wieder nach dem Jahre der Verbannung des kaiserlichen Hofes aus Peking. Er trägt den dunkelroten Rangknopf der kaiserlichen Prinzen und machte in Auftreten und Aussehen einen durchaus vornehmen und dabei gewinnenden Eindruck. Er ist unverheiratet, so daß diese Linie der alten Nachkommen der früheren Herrscher einmal aussterben wird, was den Chinesen wohl nicht unangenehm sein wird.
Von dort aus ritten wir zur Ordu, d. h. zur alten Burg. Diese besteht nur noch aus einigen Lehmkegeln, die früher vorspringende Punkte in einem langen Befestigungswalle, der die gesamte Oase umgab, gewesen sind. Die Zwischenteile sind vollkommen verschwunden. Von der Höhe aus hat man eine herrliche Fernsicht auf das sich wie ein großer Garten ausbreitende Kutscha und Umgebung. Die Einwohner Kutschas sind nicht mit Unrecht stolz auf die Menge ihrer Gärten und betonen dies bei jeder Gelegenheit. Dann ritt ich weiter zu dem Hause, in dem die beiden Japaner wohnen sollten, traf sie aber leider nicht an; sie wurden erst abends zurückerwartet. Daher hinterließ ich einen Zettel, daß ich die Absicht gehabt hätte, ihnen meinen Besuch zu machen und mich sehr freuen würde, sie noch vor meiner baldigen Abreise zu sehen.
Nicht weit entfernt von dem Hause liegt das größte Heiligengrab von Kutscha, ein uraltes Heiligtum. Durch eine von hohen alten Pappeln beschattete Tür und durch einen Hof gelangte man zum Eingang, an dem einige alte Mohammedaner auf den Knien lagen und Gebete murmelten. Wir hatten einen zweiten Hof vor uns, an den sich Betsäle anschlossen, dann ging es durch eine an beiden Seiten mit Tughs, Stöcken mit bunten Lappen und den zu Haufen geschichteten Köpfen des Argali (Wildschaf) verzierten Tür zum Grabe selbst. Dieses liegt in einem einfachen, mit breiter vorspringender Galerie und Gitterfenstern versehenen Hause, das auch wieder mit Tughs und Argaliköpfen geschmückt ist; ringsum stehen alte Bäume. Die Dunganen und Schantus zogen sich vor dem Eintreten ihre Überziehpantoffeln aus und verrichteten kniend ein kurzes Gebet. Draußen im Hofe war eine Schule für Knaben und Mädchen, bunt durcheinander, die laut und mit einer beneidenswerten Ausdauer ihre Lektionen hunderte von Malen wiederholten. Die Schule war nur augenblicklich im Freien, sonst befindet sie sich in einem anschließenden Hofe mit vielen kleinen Räumen, in denen mehrere alte, graubärtige Mollahs jüngeren Priestern aus dem Koran vortrugen.
Nachmittags benutzte ich eines der Badehäuser. Das sehr heiße Bad tat mir äußerst wohl und trug merkwürdig zur Beruhigung meiner durch den "roten Hund" und die damit verbundene anhaltende Schlaflosigkeit erregten Nerven bei. Der Ausschlag hatte meinen ganzen Körper ergriffen, und zwar sehr viel schlimmer, als es den meisten Leuten auf der Seefahrt infolge des Salzwassers ergeht. Nebenbei bemerkt, habe ich bei der langen Überfahrt nach China überhaupt nicht daran gelitten. Abends bekam ich wieder Besuch von dem Telegraphenbeamten, dagegen erschienen die beiden Japaner nicht. Mit der Karre gab es wieder die üblichen Schwierigkeiten; ich befahl schließlich kategorisch: "Morgen kommt sie!" und das wirkte. Der hiesige Yamen weigerte sich zum ersten Male, meine Briefe zu befördern. Ich ließ dem Mandarin sofort zurücksagen, daß ich seinem Vorgesetzten, dem Taotai in Aksu, davon Mitteilung machen würde, woraufhin sofort zwei Kavalleristen kamen, die er persönlich zur Beförderung meiner Briefe beordert hatte.
Bei bedecktem Himmel herrschte am 16. Mai eine ganz angenehme Temperatur. Ich fühlte mich auch bedeutend wohler, da infolge fehlender Sonne die Augenschmerzen, die mich in letzter Zeit etwas geplagt hatten, nachließen und ich auch endlich einmal gut geschlafen hatte. Im Laufe des Vormittags besuchte ich einen reichen Kaufmann aus Tientsin, der schon 16 Jahre hier ist und ganz gute Geschäfte macht. Er freute sich ganz außerordentlich über meinen Besuch und schenkte mir sofort eine Sonnenbrille und einen hübschen Fächer. Am Nachmittag kam endlich die Karre. Ich erledigte meine Verpflichtungen gegenüber dem mit komischer Hartnäckigkeit aufmarschierten und nicht von der Stelle weichenden Dienstpersonal, das sich plötzlich verzehnfacht hatte und am Hause Spalier bildete; jedoch belohnte ich nur nach Verdienst. Ein Dungane, der sich besonders um mich bemüht hatte, erhielt einen vollen Tael, die andern nur 50 Cash pro Kopf. Man sah recht lange Gesichter.
Um 6 Uhr nachmittags marschierten wir ab; zuerst durch die Stadt, dann durch die Gärten der Vorstadt und schließlich hinaus in die Wüste, die in wilde, zerrissene Lehmberge übergeht. Die Berge zeigen merkwürdige Schichtformen und sind alle in einem Winkel von ungefähr 15 Grad nach Westen zu geneigt. Mehrfach fand ich Quellen, die sich in salzhaltige Lagunen ergossen und bald versiegten. Ich ritt wieder mit meinen Begleitern voraus. Wir passierten einmal eine Telegraphenstation, wo der Posthalter uns liebenswürdig mit Tee und Brot bewirtete.
Es mochte wohl gegen 2 Uhr nachts sein, als wir hinter uns — wir waren gerade mitten in den Bergen — mehrere Schüsse fallen hörten. Ich befürchtete einen Überfall auf meine Karre und ritt so schnell wie möglich zurück. Richtig trafen wir die Karre haltend, während sich meine beiden Leute und der Führer seitwärts in die Berge in Deckung begeben hatten. Sie behaupteten, es wäre auf sie geschossen worden, augenscheinlich von Räubern. Ich ritt, mit dem Karabiner bewaffnet, die ganze Umgegend, soweit es möglich war, ab, fand aber nichts. Dann schickte ich den einen Kavalleristen zur Telegraphenstation zurück, um dort von dem Vorfall Meldung zu machen, da die betreffenden Schützen auf ihrem Weiterwege dort jedenfalls durchkommen mußten. Später hörten wir noch einmal ganz von weitem schießen. Der Kavallerist behauptete am nächsten Morgen, er habe sich mit Räubern herumgeschlagen; ich glaube, daß er sich nur selbst Mut geschossen hatte, im übrigen war ihm nichts zugestoßen.
In einem kleinen Gasthause rasteten wir eine Stunde, dann zogen wir weiter in die Steppe und um 8 Uhr morgens waren wir nach 90 Kilometer Marsch in Chrotsy, wo wir gute Unterkunft fanden. Natürlich hatten meine Chinesen nichts Eiligeres zu tun, als sofort den ganzen Ort von der Schießerei in Kenntnis zu setzen und vor jedem einzelnen mit dem Abenteuer zu prahlen. Die Gebärdensprache, die ich von weitem beobachtete, wirkte höchst komisch. Nun kamen die Chinesen zu mir, um mich auszufragen. Ich ließ sie zuerst einmal meine Nationalität erraten; sie waren lange im Zweifel, bis schließlich einer meinte, ich könne nur ein Deutscher sein, denn die andern seien zu faul, ihre Sprache zu lernen. Das Kompliment ging mir glatt herunter und ich bekannte Farbe. Ein Offizier war auch in dem Dorfe und besuchte mich sofort, um sich über die Räuber zu erkundigen. Mit seinem Mute schien es nicht weit her zu sein, denn, wie ich später hörte, hatte er den Abmarsch sofort um zwei volle Tage verschoben und seine gesamte Begleitung zum Erkunden vorausgeschickt. Ich freundete mich unterdessen mit seinem netten kleinen Sohne an, als mit einem Male der weniger nette Vater erschien und das Söhnchen aus meiner Stube heraushieb, leider merkte ich die Absicht zu spät, sonst hätte ich mir diese Exekution in meinem Zimmer auf das energischste verbeten.
Wir marschierten wieder die Nacht hindurch und waren am 19. Mai morgens um 8 Uhr in Bait scheng am gleichnamigen Flusse, der jetzt wenig Wasser führte. Bei starkem Regen, der hier allerdings nur alle paar Jahre einmal eintritt, soll er regelmäßig die sämtlichen, niedrig gelegenen Häuserreihen wegschwemmen, was die Leute jedoch nicht hindert, sie immer wieder aufzubauen. Die Stadt ist schmutzig und eng ineinander gebaut. Ich kam im besten Gasthause unter, in dem drei andere Zimmer von Damen der Halbwelt besetzt waren. Ein Kaufmann aus Andischan brachte mir als Geschenk 50 Eier, Salz und Radieschen, der Yamen sandte sofort Pferdefutter und Leute, kurzum, ich wurde auch hier ebenso gut und liebenswürdig aufgenommen, wie stets in Turkestan. Ich ließ mich beim Yamen anmelden und sagen, daß ich ungefähr um 4 Uhr meinen Besuch machen wolle. Die Zwischenzeit benutzte ich, um mich endlich einmal etwas auszuschlafen. Auf dem Yamen fand ich einen ganz jungen, sehr angenehmen Beamten, der mir meinen Besuch bald erwiderte und sich natürlich in das unvermeidliche Fremdenbuch eintragen mußte. Zu meinem Schmerz entdeckte ich, daß die Chinesen meinen einzigen Thermometer zerbrochen, außerdem zwei gute deutsche Riemen verloren und dann noch ohne meine Erlaubnis mit meinem Gelde eingekauft hatten. Sofort wurde wieder die alte strenge Wirtschaft eingeführt und kein Cash herausgerückt. Daß mich trotzdem der zuletzt engagierte Chinese Dscho hinten und vorn betrog, war mir längst klar, nur konnte ich es ihm nicht beweisen, da ich nicht jedem Verkäufer nachlaufen konnte, um ihn auszufragen, nebenbei wird sich wohl Dscho mit den Verkäufern den Profit geteilt haben. Er muß es aber ziemlich schlau angefangen haben, da ich die landesüblichen Preise ganz genau kannte. Bai tscheng hat auch einen Schantu-Prinzen, von denen es hierzulande eine ganze Anzahl gibt.
Lächerlich ist es, was für gute Geschäfte die Halbweltdamen hier machen. Ich beobachtete, daß das Zimmer der einen, eines allerdings sehr hübschen Mädchens, den ganzen Nachmittag von Chinesen besetzt war; man hörte ohne Unterlaß das Geklimper der Gitarre, und jeder ließ einen Obolus da, wofür er nur eine Tasse Tee bekam und allenfalls eine Pfeife rauchen durfte. Am Abend war das Mädchen dann außerhalb vergeben. Besonders die hübscheste von den dreien war förmlich mit Goldschmuck behängt. Was das Mädchen an Ohrringen, Fingerringen, einem mit Gold und Steinen besetzten Gürtel an sich trug, mußte mindestens einen Wert von 1000 Mark darstellen. Übrigens sind diese Mädchen sämtlich Türkinnen; eine Chinesin würde dies Gewerbe niemals so öffentlich betreiben, während bei den Türkinnen kein Mensch Anstoß daran nimmt.
Am 20. Mai war wieder einmal ein derartiger Staubsturm, daß ich beschloß, erst am Abend weiter zu marschieren. Ich ging über Mittag in die Stadt und kaufte als Andenken einige silberne Fingerringe und einen kupfernen, außen verzinnten Wasserkrug, auf den ich mir auf der einen Seite in chinesischen, auf der andern in türkischen Lettern den Namen der Stadt einritzen ließ. Dann machte ich dem Kaufmann aus Andischan meinen Gegenbesuch. Er verhandelt Stoffe russischen Ursprungs gegen Felle, die dann nach Rußland gehen; es wird hier wenig mit barem Geld gearbeitet. Trotzdem der Staubsturm nicht nachgelassen hatte, marschierte ich um 4 Uhr ab. Unterwegs trafen wir den von der Jagd zurückkommenden Schantuprinzen, vor dem alle des Weges Kommenden oder vielmehr Reitenden, denn zu Fuß geht hier kein Mensch, schleunigst den Sattel räumten und ihre Verbeugung machten. Nach dem Thien Schan zu sah man überall die Feuer der Hirten lodern; im übrigen waren wir hier in der Steppe, die zu dieser Zeit sehr gute Weide hatte. Unser Ziel hieß Chonesse.
Wir kreuzten, nachdem wir am 21. gegen drei Uhr aufgebrochen waren, einen reißenden, etwa einen Meter tiefen Fluß in einer Furt, durch welche die Sutschis, d. h. Wassermänner, vorausgingen, um den Weg zu zeigen. Weiterhin ging es in Lehmberge mit den merkwürdigsten Formen. Nach ungefähr 30 Kilometer Marsch hatten wir eine um eine kleine Quelle herum entstandene Ansiedlung vor uns. Die Quelle entspringt unterhalb einer weit vorspringenden Bergnase, ist mittels eines ausgehöhlten Stammes in ein Becken geleitet und hat herrliches süßes Wasser, was in dieser Gegend immerhin eine Seltenheit ist. Ringsherum ist sonst vollkommene Wüste. Manche Berghänge sehen infolge der Salzablagerungen ganz weiß aus. Früher hat dicht bei der Quelle ein großes Rasthaus der Fürsten von Kaschgar gestanden; seit der chinesischen Eroberung zerfällt der Yamen und man sieht jetzt nur noch die Grundmauern.
Zwanzig Kilometer von hier, in den rötlich erscheinenden Bergen, befindet sich ein großes Kupferbergwerk, in dem gegen 1000 Menschen arbeiten sollen. Dieses Bergwerk deckt den Hauptbedarf an Kupfer im ganzen westlichen Turkestan bis zum Pamir. Tag und Nacht, zu jeder Stunde sind nach der oben erwähnten Quelle Eselkarawanen unterwegs, um in Fässern das Wasser nach dem Bergwerk zu schleppen; das dortige ist schlecht, und da der Bedarf naturgemäß sehr groß ist, sind Hunderte von Eseln mit dieser Arbeit beschäftigt. Das Gasthaus ist, wie alle in Turkestan, groß angelegt und sauber gehalten, wie man im eigentlichen China kaum ein gleiches findet, darin haben die Chinesen für die Reisenden glänzend gesorgt. Auch in diesem einzeln gelegenen Gasthaus befand sich wieder ein Frauenzimmer, welches auf die Gunst der Reisenden spekulierte. Bei mir fand sie keinen Anklang.
Am 22. Mai hatten wir einen langen beschwerlichen Marsch durch Wüste und durch ebensolche Lehmberge wie gestern, in denen mehrfach salzige Quellen entspringen. Unter der drückenden Hitze hatten die armen Tiere schwer zu leiden. Von meinen Begleitern waren sowohl der vom Yamen als auch einer der Kavalleristen erbärmlich schlecht beritten, ich ritt daher stets mit dem zweiten Kavalleristen voraus, und zwar heute den guten Dicken, der vorzüglich ging. Das Tier war wirklich eine wahre Perle, das geborene Distanzpferd, das sich durch nichts aus seiner Ruhe bringen läßt. Um 5 Uhr nachmittags hatten wir 70 Kilometer hinter uns und Hala jürgun erreicht, das schon in der Aksu-Ebene liegt. Über Nacht sprang der Wind nach Norden um und brachte etwas Kühlung; ich marschierte daher am 23. Mai schon morgens weiter; zuerst nach Sametei, wo mittags gefuttert und gerastet wurde. Man sieht hier in der Gegend auffallend viele Leute mit Kropf, Boghra, wie sie sagen; fast möchte ich behaupten, daß von 40 Jahren aufwärts jeder einen Kropf hat. Die Leute führen diese entsetzliche Krankheit, die sie aber weiter gar nicht stört, auf die sumpfige und bittere Beschaffenheit des Wassers zurück. Das Land war schon wieder teilweise angebaut, zwischendurch kamen aber gelegentlich noch ganz wüste Striche. Die kleinen Bäche, die nordsüdlich gehen, führten jetzt alle Wasser, das meist dunkelbraun gefärbt war.
Den Abend benutzten wir zum Weitermarsch nach Aksu. Im Norden stand eine schwarze, regendrohende Wand, in der es unablässig blitzte. Wir kamen aber trocken morgens um 2½ Uhr mit müden Pferden vor Aksu an, durchritten weit ausgedehnte Vorstädte und hielten schließlich am verschlossenen Stadttore, das ausnahmsweise schnell geöffnet wurde. Durch leere Straßen, angekläfft von ganzen Herden von Kötern, vorbei am Tamtam schlagenden Nachtwächter, ging es zur großen Kwann-dienn, für die "Schweinestall" noch eine sehr milde Bezeichnung ist. Dazu war bis auf ein Zimmer alles besetzt. Ich befahl, weiter zu reisen. Wir ließen uns die inneren Abschlußgatter der einzelnen Stadtteile öffnen und versuchten es bei andern Gasthöfen mit noch weniger Erfolg; sie waren noch schmieriger als der erste und übertrafen in dieser Beziehung alles, was ich bis jetzt gesehen hatte. Schließlich kehrten wir doch in den ersten Gasthof zurück, der immerhin noch der beste war. Ich ließ das einzige freie Zimmer im wahrsten Sinne des Wortes ausmisten, brachte die Pferde unter und schlief wie üblich auf den Steinen, bis die Karre kam.
Als ich mir Geld geben ließ, fiel es mir auf, daß die Cashrollen gegen gestern recht mager geworden waren. Ich faßte zuerst Dschang, der natürlich vorgab, von nichts zu wissen, aber an dessen Benehmen ich sofort merkte, daß nicht alles in Ordnung war. Echt chinesisch schob er alles auf seinen Kameraden, wollte jedoch den Verlust von 100 Cash, den ich angab, aus seinem eigenen Gelde ersetzen, woraus ich schloß, daß das Gestohlene mindestens dreimal soviel betrug. Ich hatte bald Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser Ansicht zu überzeugen. Als Dscho, den ich ausgeschickt hatte, zurückkam, stellte ich sofort Haussuchung an; in seinen Decken, in seinen Kleidern, überall kamen gestohlene Cashrollen zum Vorschein. Er war aber derartig im Vorschuß bei mir, daß ich ihn, um nicht noch mehr Geld zu verlieren, weiter mitnehmen mußte. Dann fehlten meine Photographien. Ich setzte sofort Himmel und Erde in Bewegung; der Yamen hatte bereits Reiter gestellt, die nach dem letzten Quartier zurückreiten sollten, um nachzufragen, als sie sich doch noch fanden und der ganze Lärm umsonst gewesen war.
Der Yamen schickte, wie üblich, alles zum Leben Notwendige. Ich wollte mich bald dort melden und befahl meinen Leuten, sich zu beeilen. Aber wenn ein Chinese Toilette macht, so dauert das meist länger als bei einer unserer verwöhntesten Damen in Deutschland. Erst gingen sie essen, denn ohne etwas im Magen ist der Chinese unbrauchbar, dann mußten sie Schuhe kaufen, dann ließen sie sich den Kopf rasieren und den Zopf neu machen, kurzum, es dauerte volle vier Stunden, bis sie glücklich bereit dastanden, um zum Yamen zu wandern. Ich engagierte in der Zwischenzeit auf Empfehlung des Aksakals hin, den Sven Hedin in seinem Buche im Bilde verewigt hat, noch einen Schantu, der sich mir anbot, so daß mein Hofstaat nun auf drei Diener angewachsen war. Ich nahm den Mann nur, da er neben seiner Muttersprache, dem Türkischen, auch noch Chinesisch vollkommen beherrschte und mir so weiterhin von Nutzen sein konnte. Wir ritten nun zuerst zum Taotai, einem jovialen alten Herrn mit rotem Rangknopf. Er war sehr liebenswürdig; mir fiel auf, daß er merkwürdig familiär mit seinen Untergebenen umging. Zum Besuche war, wahrscheinlich als Dolmetscher, der Beamte der hiesigen Telegraphenstation geholt worden. Außer "how do you do" konnte er aber nichts, so daß wir uns bald wieder chinesisch unterhielten. Der alte Herr begleitete uns zum Abschied aus dem Hause hinaus.
Wir ritten weiter zum Amban, wo ich einen großen Volkshaufen in ungeheurer Aufregung vorfand. Im Hofe bildete bis zum Haupttor Infanterie Spalier, die mit ihrer altertümlichen Bewaffnung einen höchst spaßigen Eindruck machte. Als ich durchritt und mit meiner etwas hohen Stimme mehrfach "Platz!" rief, wurde ich von allen Seiten verspottet und nachgeahmt. Ich erfuhr nun endlich auch, was eigentlich vorging. Ein Mann sollte hingerichtet werden, und das Volk war darüber vor Erregung wie toll. Ich ließ mich beim Amban anmelden und wurde sofort gebeten, näherzutreten. Er ist ein geborener Ningpoer; ich verabschiedete mich bald wieder, da auch der alte Herr von der Hinrichtung ganz hingenommen schien und mit seinen Gedanken gar nicht bei der Sache war. Beim Herausreiten aus dem Yamen benahmen sich die Soldaten frech gegen mich, so daß ich zurückritt und mir den ersten Bedienten des Beamten kommen ließ, der sofort mit Knüppeln energisch für mich Platz schaffen ließ.
Kaum hatte ich den Yamen verlassen, so fuhr eine Karre in den Hof. Der Deliquent, ein Chinese, erschien und wurde unter dem Geheul der Menge von vier bis fünf Yamenleuten auf die Karre geladen. Die beiden Trompeter bliesen Fanfaren, und der Zug mit der Infanterie an der Spitze ging los. Es folgte die Karre mit dem Deliquenten, dann kam der Kommandeur des hiesigen Infanterie-Bataillons im scharlachroten Mantel mit einigen andern Offizieren und Mafus dahinter. Der Marsch ging nach dem ganz nahen Westtor. Die Menge tobte und brüllte ohne Unterlaß: "Scha! scha!" (töte ihn! töte ihn!) Ich ritt ganz hinten und konnte von der Stute aus alles übersehen. Als der Wagen am Tor war, konnte die Menge es nicht mehr erwarten, alles griff zu und im Laufschritt wurde die Karre vorwärts gestoßen. Am Richtplatz wurde der Deliquent heruntergerissen, in die Knie gedrückt, und schon rollte der Kopf im Sande unter allgemeinem "Ah" der Menge. Einer der mich umstehenden Chinesen meinte zu mir: "Das ist doch noch schöner, als das Theater." Die Trompeter bliesen nach der Exekution langgezogene Fanfaren, es klang beinahe wie zum Halali. Die Menge drängte sich um den Körper, der Kopf wurde sofort weggetragen, wobei sich die damit beauftragten Soldaten den Scherz machten, ihn so am Zopf zu schlenkern, daß alle Umstehenden mit Blut bespritzt wurden, dann kam der Kopf in das übliche Kästchen, um an seinem Heimatsorte zur Warnung aufgehängt zu werden.
Ich hatte unterdessen den Gegenbesuch des Taotais verfehlt, den ich unterwegs in seiner Karre, von meinem Hause zurückkehrend, traf. Bald darauf kam auch der Amban zum Besuch. Abends machte mir Dscho, der sich in seiner Dummheit noch immer nicht über das gestohlene Geld beruhigen konnte, eine Szene, erklärte, daß er nach Karaschar zurück wolle, und forderte im unverschämtesten Tone Geld. Ich setzte ihn etwas unsanft hinaus, nahm ihm seine Sachen weg, damit er nicht fortlaufen konnte und erklärte ihm, daß wir unsere Angelegenheiten morgen auf dem Yamen vor dem Amban ordnen würden. Ich war recht müde, da man mich den ganzen Tag belagert hatte, und schlief wie ein Toter. Frühmorgens am 25. Mai kam Dschang, um für seinen Kameraden zu bitten, der natürlich Angst vor den Prügeln hatte, die ihm bei der Klarheit des Falles mit Sicherheit auf dem Yamenhofe bevorstanden. Meine drei Pferde waren so sauber wie noch nie, das Essen ganz besonders gut hergerichtet. Dscho hatte sich die äußerste Mühe gegeben, obwohl er auch sonst nicht faul war. Vorläufig ließ ich ihn noch etwas zappeln, was ihm nur dienlich sein konnte.
Um 10 Uhr machte ich mich auf den Weg nach dem alten Aksu, das ungefähr 50 Kilometer nördlich gelegen ist. Wir durchritten die umwallte Stadt und die nördliche Vorstadt, in der der Hauptverkehr und Handel sich abspielt, dann ging es entlang dem Aksu darga, dessen Tal reich angebaut ist. Die Talwände steigen in senkrechten, hohen Lehmmauern zu einer staubigen, lehmigen Ebene auf, durch die eine Zeit lang der Weg führt. Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz denken, als dieses reich angebaute Tal und die öde Ebene. Der Boden im Tale ist hier sehr wertvoll, die Begräbnisstätten liegen daher alle oben im schlechten Boden. Wir ritten eine ganze Zeit lang zwischen Kirchhöfen mit ihren kleinen Kuppelbauten und ihren unzähligen würfelförmigen Gräbern, genau wie man sie in Konstantinopel sieht. Unten im Tale wird ein sehr guter Reis angebaut, die überschwemmten Felder ließen dies schon von weither erkennen. Beim Eintritt in die Stadt fiel sofort an hoher Stange im Käfig der Kopf des gestern Hingerichteten auf, zu dem noch immer viele Neugierige strömten. Wir ritten durch viele, lange, wundervoll kühle Bazarstraßen, die so gut oben eingedeckt sind, daß es fast dunkel darin ist, zum Yamen des Wangtsy[4] Hadyr. Er war nicht zu Hause, sondern erwartete uns in seinem Garten außerhalb der Stadt. Trotzdem mich einer der Beamten vom chinesischen Yamen schon vorher angemeldet hatte, kam in voller Fahrt ein Diener angeritten, um uns zu führen.
[4] Wangtsy = Prinz
Am Garten, der noch im Entstehen begriffen ist, erwartete mich außerhalb der Prinz, ein Mann im besten Alter mit Schnurrbart und rasiertem Kinn, in der Kleidung eines vornehmen Chinesen. Er könnte jederzeit für einen Chinesen besseren Standes gelten. Ich wurde zu einem nach allen Seiten offenen Pavillon geführt, dessen Fußboden mit Teppichen belegt war. Wir setzten uns auf Feldstühle, und es wurde Tee und russisches Zuckerwerk gereicht. Die Unterhaltung drehte sich um die üblichen Fragen. Das Plätzchen ist hier sehr angenehm, auf zwei Seiten rieselt ein Kühlung spendender Bach; fünf Musikanten führten Musik auf einer derselben sang dazu. Ich bekam dann noch Schlagsahne, eine Art Kalbfrikassee und Rührei mit Früchten darin vorgesetzt. Man brachte zuerst den Teller mit dem Fleisch, auf dem ein kleiner hölzerner Löffel lag. Da man mir keine Eßstäbchen gab, fing ich an, mit dem Löffel zu essen, nicht ahnend, daß ich damit einen groben faux pas beging, denn es war der Vorlegelöffel. Nach dem Essen fragte man mich, ob ich nicht noch den Aksakal besuchen wollte, der sehr weit entfernt wohnte, offenbar ein Wink mit dem Zaunpfahl, mich zu empfehlen, dem ich schleunigst Folge leistete. Natürlich wurde beim Abschied die nach chinesischen Begriffen schwanzlose Stute gebührend bewundert, nicht ohne den üblichen erstaunten Seitenblick, daß ich eine Stute reite.