Allmählich versammelten sich viele Mollas, die mich mit ihrem scheinheiligen, leidensvollen Wesen anwiderten und meiner Meinung nach das Trinkgeld möglichst hoch zu schrauben suchten. In der glühenden Hitze wanderten wir durch tiefe Sandberge nach dem 1½ Kilometer entfernten Masar. Wir passierten einen im Bau befindlichen Betsaal, ferner eine Quelle, die durch das Vorrücken des Sandes mitsamt den drei sie umgebenden Bäumen wohl bald verschwinden wird. Dann waren wir an dem Masar, die Stiefel voller Sand und einem Sonnenstich nahe. Den Masar hatte ich mir viel großartiger vorgestellt; er besteht aus Bündeln von Stangen mit Fähnchen. Jeder der Pilger bringt eine solche Stange mit, so daß das Ganze im Laufe der Jahrhunderte schon eine ansehnliche Stärke erreicht hat. Einige Versuche, die umliegenden Sanddünen zu befestigen, scheinen keinen rechten Erfolg gehabt zu haben. Die Mollas und meine Begleiter sprachen ein lautes Gebet. Ich schenkte für den Masar einen Wildschafschädel und gab dem Molla einen halben Tael Trinkgeld, nachdem ich durch einen der Diener daran erinnert worden war. Der Dank wurde mir durch ein für mich gesprochenes Gebet abgestattet. Auch hier fiel mir das salbungsvolle Getue der Leute auf; mehr gefiel mir ein gewandter Türke, der uns eine Kanne mit Tee in die hohen Sanddünen nachgebracht hatte. Meine sämtlichen Begleiter gaben hohe Trinkgelder; der Molla hatte beide hohlen Hände zusammengehäuft voller Silbermünzen. Für jede einzelne Gabe wurde mit einem gemeinsamen Gebet quittiert. Zurückgekehrt gab es im Hause des Molla Reis und Hammelfleisch. Maulbeeren und Ziegenmilch wollten sich in meinem Magen nicht recht vertragen; ich drängte daher zum Aufbruch, besichtigte noch eine von Jakub Bek gefaßte Quelle, dann führte ein langer heißer Rückweg, in dem uns noch ein Staubsturm faßte, nach unserem Quartier zurück.
Dort schlief ich ein Stündchen und ritt dann 8 Uhr abends weiter nach Chan Arik, wo wir früh morgens am 11. Juni anlangten und die Pferde wechselten. Die neuen Pferde waren sämtlich Hengste, die sich sehr bockig benahmen. Gleich, beim Aufsitzen räumten mein Diener und ein Mann vom Yamen unfreiwillig den Sattel; beiden Hengsten rutschte der Sattel hinten unter den Bauch, sie gingen nur noch auf den Hinterbeinen spazieren und bissen sich herum, bis alles Sattelzeug zerrissen war. Die Leute hatten nebenbei noch eine lächerliche Angst vor den Tieren, so daß der Aufbruch eine volle Stunde verzögert wurde. Dann ging es weiter die große Landstraße nach Kaschgar-Neustadt entlang. Unterwegs machten wir in einer Maulbeerallee kurze Rast und pflückten uns zum Frühstück die frischen Früchte von den Bäumen, was die Landessitte erlaubt, während das Besteigen der Bäume verboten ist. Dann ging es in die Neustadt hinein. In einem elenden Gasthause fand ich meine Karre vor; Dschang hatte zwar alles von Maralbaschi hierher gebracht und war sehr stolz auf diese Leistung, behauptete aber, in Kaschgar-Altstadt, wo ich eigentlich unterkommen wollte, kein besseres Gasthaus finden zu können. Da ich meine sämtlichen Angelegenheiten in der Altstadt zu erledigen hatte und auch alle hier ansässigen Europäer dort wohnten, beschloß ich, dorthin überzusiedeln und sandte meinen türkischen Diener und einen vom Yamen voraus, mit dem Befehl, sich beim Taotai-Yamen zu melden und um Unterstützung beim Aussuchen eines geeigneten Quartiers zu bitten.
Ich machte drei Stunden Rast, benutzte die Zwischenzeit, um zu essen und mich rasieren zu lassen, und ritt gegen drei Uhr nachmittags nach Kaschgar-Altstadt. Dort traf ich auf der Straße einen indischen Diener in Kaki, sprach ihn englisch an und erfuhr von ihm, daß er bei Colonel Miles, den ich noch aus Tientsin her kannte, im Dienste sei. Ich trug ihm Grüße an seinen Herrn auf.
Ein entgegengesandter Mann vom Taotai-Yamen übernahm nun die Führung und brachte uns nach einem Serail nicht weit vom russischen Generalkonsulat. Es war nur ein ganz kleiner Raum, aber kühl und schattig, und besonders bestach mich der gute Stall. Kaum war ich im Gasthause, als auch schon mit oben erwähnten Diener ein Brief von Colonel Miles eintraf, ich möchte sofort kommen und bei ihm Wohnung nehmen. Ich konnte nur antworten, daß ich infolge meines wenig schönen Anzuges nicht wagen könnte, mich augenblicklich sehen zu lassen. Der liebenswürdige englische Offizier, der hier militärisch-politischer Agent ist, kam nun selbst, um mich zu holen. Ich leistete seiner Aufforderung selbstredend sehr gern Folge. Die Pferde blieben in dem Gasthause. Oberst Miles bewohnte eine schöne, große Gebäudegruppe, die sehr hoch und vollkommen fieberfrei gelegen war. Die Gebäude waren im europäischen Stil, natürlich unter Berücksichtigung des heißen Klimas, erbaut worden, und zwar für den Vorgänger des Obersten, einen Mr. Macartney.
Ich meldete mich nun brieflich sofort bei dem russischen Generalkonsul, Exzellenz Petrofsky, "dem König von Kaschgar", an, mit der Bitte, mir eine Zeit zu bestimmen, wann ich meinen Besuch machen könne. Endlich kam auch meine Karre an. Spaßig war es, die Neugierde meines Chinesen zu beobachten, der noch nie ein europäisches Haus gesehen hatte. Ich bekam im Garten ein sehr hübsches Zimmer angewiesen und packte meine sämtlichen Sachen aus, lohnte meine Begleiter ab und erhielt bald vom Generalkonsul die Antwort, daß ich jederzeit zwischen 10 und 12 Uhr willkommen sei. Da es mit meiner Toilette ziemlich übel bestellt war, half mir mein Gastfreund in der liebenswürdigsten Weise mit der seinigen aus. Ich erhielt einen Kakianzug, einen weißen Anzug und Wäsche und sah schließlich vollkommen wie ein englischer Offizier aus.
Wir saßen den ganzen Abend zusammen, und ich erzählte von meiner langen Reise. Schließlich geleitete er mich zu seinem mitten im herrlichsten Garten gelegenen Zelt, das er mir zum Schlafen anwies. Überall durch den Garten, der viele schattenspendende Bäume hat, fließt in kleinen Rinnen Wasser, so daß es angenehm kühl ist. Von seiner Terrasse ans genießt man eine entzückende Aussicht auf die Berge. Die ganze Anlage liegt so hoch, daß Moskitos nicht mehr herkommen. Ich schlief zum erstenmal seit langer, langer Zeit im weiß bezogenen Bette und war sehr erstaunt, als ich am nächsten Morgen um 8 Uhr von Colonel Miles geweckt wurde.
Ich benutzte den Morgen des 12. Juni, um im Gasthause meine Pferde zu besichtigen, ließ mir von einem Schneider Maß zur Wäsche nehmen, meine Uhr reparieren usw. Am 1. Februar, 10½ Uhr, wanderte ich zum russischen Generalkonsulat, wo mir gleichfalls eine ganz reizende Aufnahme zuteil wurde. Der Generalkonsul kam mir mit einer Liebenswürdigkeit entgegen, die ich niemals erwartet hätte. Ebenso nett und liebenswürdig war sein Sekretär, Herr Lavroff. Exzellenz Petrofsky, dem schon Sven Hedin ein so glänzendes und wohlverdientes Denkmal in seinem großen Werke gesetzt hat, ist hier schon seit vielen Jahren Herrscher, denn dieses Wort paßt allein auf seine Stellung. Man spricht jetzt viel von seiner Ablösung, infolge zu hohen Alters. Ich glaube, daß Rußland, wenigstens augenblicklich noch, einen Mißgriff tun würde, den hohen Herrn hier wegzunehmen; denn von einem Abnehmen seiner Kräfte habe ich in keiner Beziehung etwas gemerkt, im Gegenteil, mir imponierte seine Geistesfrische, die Lebhaftigkeit seiner Auffassung und sein hohes Interesse für alles und jedes außerordentlich. Ich konnte kaum noch einen Wunsch oder auch nur eine Bitte äußern, so war sie schon erfüllt, und ich möchte hier in diesen Zeilen noch einmal meiner großen Dankbarkeit für die viele, mir erwiesene Güte Ausdruck geben.
Exzellenz Petrofsky übernahm sofort meine Telegramme in die Heimat, eines an meine Eltern, mit der Mitteilung meiner Ankunft in Kaschgar und eines an meine vorgesetzte Behörde in Berlin, auf dem russischen Staats-Telegraphen. Kosacken ritten umgehend mit den Telegrammen nach Guldscha — über 300 Kilometer —, von wo aus sie der Draht in die Heimat beförderte. Ebenso meldete ich meine Ankunft in Kaschgar an meinen Kommandeur in Tientsin, General-Major v. Rohrscheidt, auf dem gerade heute ausnahmsweise funktionierenden chinesischen Telegraphen.
Im Konsulat zeugte eine reichhaltige Menagerie von der Tierliebe des Generalkonsuls; da liefen Steinböcke, Antilopen, Hirsche, Tibetschafe usw., frei im Garten herum; alle so zahm, wie ich sie sonst nirgends gesehen habe. Man sieht, wie gute Behandlung auch aus den scheuesten Tieren Freunde der Menschen zu machen vermag.
Ich ging nun zur russischen Bank, um mir auf meinen Kreditbrief Geld zu holen. Da ich selbst nicht Russisch kann, war es mir leider nicht möglich, mich mit den Leuten zu verständigen; ich mußte warten, bis der augenblicklich unpäßliche Vorsteher der hiesigen Filiale, ein Deutsch-Russe aus den Ostseeprovinzen, Namens Hammerbeck, wieder hergestellt war. Am Nachmittag hatte ich das Glück, ein großes chinesisches Diner beim Obersten Miles mitzumachen, zu dem derselbe sämtliche vornehmen, im höheren Range befindlichen Chinesen Kaschgars und der Umgegend eingeladen hatte. Genau nach Rangordnung, von unten anfangend, stellten sich alle mit großem Gefolge ein. Schließlich verkündeten Böllerschüsse, daß der Taotai käme. Das Diner wurde im Garten serviert und nahm den üblichen Verlauf aller chinesischen Diners, nur vielleicht mit dem Unterschiede, daß sich einige der alten Herren einen gründlichen Schwips an dem guten Champagner des Gastgebers antranken.
Am 13. Juni machte ich dem Taotai und dem Stadt-Präfekten, der noch seinen Rausch von gestern ausschlief, meinen Besuch. Dann ging ich auf die Bank, um nochmals zu versuchen, meinen Kreditbrief einzulösen. Ich fand den Vorsteher in seiner Privatwohnung, die etwas sehr tief zu liegen scheint, denn Herr Hammerbeck litt an Malaria. Die ganze russische Kolonie schien übrigens auf etwas gespanntem Fuße zu leben, wie ich hier erfuhr. Später suchte ich Herrn Hammerbeck in seinem Geschäftszimmer auf, wo mir die unangenehme Überraschung zuteil wurde, daß die russische Bank den Kreditbrief nicht auszahlen wollte, da er überfällig war. Ich mußte daher, um nicht Geld borgen zu müssen, versuchen, meine Pferde zu verkaufen. Schon jetzt stellten sich große Schwierigkeiten heraus, die geforderte Anzahl Tragetiere nach dem russischen Turkestan zu bekommen. Ich erhielt den Eindruck, daß die meisten hier durchreisenden Europäer infolge zu anspruchsvollen Auftretens Zank gehabt haben, denn sowohl bei den Russen wie bei den Engländern wurde darüber geklagt.
Am 14. Juni früh ritt ich mit Oberst Miles nach Hasrett-Afack, einem Heiligengrabe. Der Heilige heißt Bodscha Deied Tula Bek, mit dem Beinamen "König der Heiligen von Kaschgar" und ist im Jahre 1693 gestorben. Die Moschee liegt in einem schönen Hain rings von Begräbnisplätzen umgeben; dicht dabei hat Jakub Bek eine Bethalle erbaut. Sein Grab, wo er ohne Kopf liegen soll, da die eindringenden Chinesen denselben verbrannt haben, nachdem sie die Leiche wieder ausgegraben hatten, sieht wie die andern aus, wird aber nicht instand gehalten, sondern verfällt vollkommen. Als wir zurückgekehrt waren, machte mir Exzellenz Petrofsky seinen Gegenbesuch. Mir zu Ehren hatte er den ihm von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser verliehenen Roten Adlerorden angelegt. Er bot mir über die Berge Kosakenbegleitung an und versprach, durch den russischen Aksakal Trage-Ponies besorgen zu lassen, ferner bat er mich, meine drei Pferde vorzustellen, die er vielleicht kaufen wollte. Später besuchte ich den bekannten Pater Hendricks, der in der Eingeborenen-Stadt ein zerfallenes Haus ohne den geringsten Komfort bewohnt. Ich bekam alten, selbst gekelterten Kaschgaer Wein vorgesetzt, der wie Malaga schmeckte und sehr ins Blut ging. Am Abend stellte ich auf dem russischen Generalkonsulat meine drei Tiere vor, die mir schließlich alle zu einem annehmbaren Preise vom Generalkonsul und seinem Sekretär abgekauft wurden. Ebenso verkaufte ich einen Sattel und meine Mauserpistole.
Ich wurde vom russischen Generalkonsul auch fernerhin mit Liebenswürdigkeit überhäuft. Bei einem Besuch am 15. Juni schenkte er mir eine ganze Reihe selbst aufgenommener, vorzüglicher Photographien, ferner wurden meine sämtlichen andern Angelegenheiten auf seinen Befehl hin beschleunigt, mein Paß visiert, der Paß für meine Diener fertig gestellt, die Tragetiere für den 17. Juni bereits zum festen Preise von 55 Rubel gemietet und ebenso den Leuten, die mitgingen, Pässe ausgestellt. Ich unterhielt mich jederzeit gern mit dem allerorts hochverehrten Generalkonsul. An der Art, wie er die gesamte Situation beherrscht, erkennt man, daß die Einverleibung Turkestans durch Rußland wohl nur noch eine Frage der Zeit ist. Mit dem höchsten Mandarin springt der Konsul wie mit einem Untergebenen um. So beklagte ich mich bei ihm, daß der Taotai mir noch nicht seinen Gegenbesuch gemacht hätte, was gegen alle Regeln der chinesischen Etikette verstoße. Sofort sandte der Konsul einen Diener zum Yamen und ließ anfragen, warum der Taotai dem europäischen Offizier noch nicht seinen Gegenbesuch gemacht hätte, und daß er wünsche, daß der Beamte morgens um 8 Uhr bei mir antrete. Der Taotai gehorchte umgehend, denn am 16. Juni morgens um 8 Uhr war er bei mir.
Nachdem der Taotai wieder verschwunden war, ging ich zum Zollamt, um meine Sachen vorzuzeigen und dadurch einer Revision an der russischen Grenze zu entgehen. Ich bekam von dem hiesigen Beamten einen Brief an die Zollstation mit. Den Nachmittag benutzte ich, um alles in gleichmäßige Pakete zu verpacken. Mein Diener Dschang wurde ausbezahlt und mit 7 Taels Trinkgeld entlassen. Er schien nicht recht zufrieden zu sein, obwohl das Trinkgeld seinen Lohn überstieg. Nebenbei hatte er es doch noch fertig gebracht, mich in den letzten Tagen zu bestehlen.
Um 5½ Uhr ging ich zum russischen Generalkonsul, um meinen Abschiedsbesuch zu machen. Der Konsul schenkte mir zum Abschied für die Reise eine ganze gebratene Hammelkeule, 6 Hühner, Eier, sowie eine Flasche guten Wodka. Später kam er noch selbst, um mir Lebewohl zu sagen und brachte mir als weiteres Geschenk Kaviar, Hummer und als besondere Kuriosität einen Teller aus Salz, von dem man z. B. kaltes Fleisch ohne es mit Salz zu bestreuen, essen kann. Am 17. Juni um 5½ Uhr morgens schickte ich die Bagage weg und wechselte mein Geld in Rubel, da von jetzt an mit russischem Gelde gerechnet werden muß. Dann nahm ich Abschied von dem gastfreien englischen Obersten und trat meinen Ritt in die Berge an.
Wir kreuzten die unzähligen Arme des Kaschgar darya und gelangten, allmählich ansteigend, in ein steiniges, breites Tal, das rechts und links von hohen, steil aufsteigenden Felsen begrenzt wird. Um 4 Uhr waren wir nach 35 Kilometer Marsch in Mynyoll, dessen einziges großes Gasthaus im Dezember 1902 vom Erdbeben vollkommen vernichtet worden ist. Die Besitzer leben nun in einer Kirgisen-Jurte im Hofe; zwei Räume für Gäste sind notdürftig aufgebaut. Nach Norden zu hat sich in einer Riesenfelswand ein Loch gebildet. Bei meinen Pferdebesitzern hatte ich wieder mit der häßlichen Angewohnheit zu kämpfen, daß sie die unglücklichen Tiere bis zum Abend hochgebunden stehen lassen und erst bei Dunkelwerden füttern. Es gab hier viel Ungeziefer, das mich nicht schlafen ließ. Meine Leute litten schon hier, in einer noch verhältnismäßig geringen Höhe an einer Bergkrankheit, die sich in Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und einer merkwürdigen Schlaffheit des ganzen Körpers äußerte. Gegen 7 Uhr morgens marschierten wir ab. Das Auflegen der Bagage ging sehr schnell, da ich alle Lasten selbst sorgfältig gleichmäßig abgewogen hatte. Es ging allmählich in einem breiten Tale mit Bach auf der Sohle in die Höhe. Wenn die Sonne aus den treibenden Wolken einmal herauskam, war es glühend heiß, sonst empfindlich kalt. Mehrfach trafen wir Karawanen, die die weiße russische Baumwolle, die allmählich, aber sicher die indische verdrängt, nach Turkestan bringen. Einmal passierten wir zwei verfallende Soldatenlager, die wohl als Talsperren dienen sollen. Gegen 2 Uhr, es drohte Regen, waren wir in Kandjoram, wo wir wie gewöhnlich beim Umpasch — wir waren noch auf chinesischem Gebiet — unterkamen. Ich erhielt die schöne, große Hauptjurte angewiesen, die genau wie die mongolischen gebaut war. Der glückliche Besitzer hatte zwei Frauen, die beide sehr artig waren, wie mir mein Diener versicherte. Im übrigen hatte der Umpasch große Schaf- und Ziegenherden und auch eine ganze Anzahl Kamele, Pferde und Rinder, mit anderen Worten, er war ein reicher Mann. Den ganzen Abend führten die jungen, noch saugenden Tiere ein ununterbrochenes Konzert auf. Die kleinen Lämmer und Ziegen sind vor den Zelten an einem langen Strick, der viele kleine feste Schlingen hat, angebunden. Wenn die Herden dann heimkommen, wird erst allen Muttertieren etwas Milch abgemolken, und alsdann wird das Kleine zur Mutter gelassen, auf die es sich natürlich wie ein Wolf stürzt. Die Jungen und Mädchen fangen die Tiere zum Melken ein, während die Frauen sie melken. Mir zu Ehren wurde eine junge Ziege geschlachtet; die Bouillon davon war sehr gut, das Fleisch bekam ich erst am nächsten Morgen kalt vorgesetzt; es war nicht schlecht, aber sehr ausgekocht. Abends setzte stoßweise Wirbelwind ein, der nur einige Minuten dauerte, aber vollkommen genügte, um meine zum Lüften aufgehängten Decken zu beschmutzen. Die Nacht über wurde es empfindlich kalt.
Am 19. Juni passierten wir, weiter reitend, ein Heiligengrab, dann ging es steil aufwärts, manchmal durch richtige Klammen. Das Gestein ist weich und rötlich mit vielen runden Windlöchern. An einer Wand fanden sich viele Inschriften in russischen Buchstaben; meine Türken fühlten sich natürlich verpflichtet, auch ihre Namen dort zu verewigen. Weiter ging es über den im tief eingeschnittenen Tale fließenden Kysil Su, der wenig, aber kristallklares Wasser führte. Der Weg ging bergauf und bergab, manchmal traten Quellen mit stets vorzüglichem Wasser zutage. Wir trafen, wie gestern, viele Eselkarawanen mit Baumwolle für Fergana, ich zählte hintereinander 200 Esel, dann hörte ich auf zu zählen, es waren noch viele, und zwar alles Hengste. Diese Riesenkarawanen sind nur von ganz wenigen Leuten begleitet. Ein Esel trottet immer hinter dem andern her; merkwürdigerweise kommen kaum Marschstörungen vor. Gegen 4 Uhr erweiterte sich das Tal, an einem Bach standen einzelne Pappeln, und bald kamen einige Jurten in Sicht. Der Ort hieß Uchsalar. Bei freundlichen Kirgisen kamen wir, wie gestern, gut unter. Die Eseltreiber biwakieren stets mit ihren Karawanen; sie bauen dann aus Baumwollballen eine Art Ring, in dem es sich ganz schön wohnt. Mein Karawan-Baschi, d. h. Führer, gab den Pferden einfach gar nichts zu fressen, sie bekamen nur Gras, das sie sich selbst suchen mußten, und ein Tier war daher schon am Zusammenbrechen. Erst auf meine ernstlichen Vorstellungen hin entschloß er sich, wenigstens etwas Mais zu kaufen.
Auch am 20. Juni ging es weiter über Berg und Tal, vorbei an einer ganzen Karawane von aus Mekka zurückkehrenden Pilgern, über einen sehr steilen Paß, den eine von Jakub Bek geschickt angelegte Talsperre krönt. Dicht an der kleinen Festung liegen drei Heiligengräber mit den üblichen Stangen und Fähnchen. Um 1 Uhr machte ich Frühstückspause. Von Westen her zog es schwarz herauf; die Temperatur war in den letzten Tagen schon sehr gefallen und ich fror wie ein Schneider; bald wurde es noch kälter und fing an zu scheinen, zu hageln und zu regnen, alles durcheinander, noch dazu aus unserer Marschrichtung her. Die Pferde wollten nicht mehr vorwärts und drehten sich immer mit der Kruppe nach dem Winde. Ich war vollkommen durchnäßt; meine "wasserdichte" Lagerdecke gewährte gar keinen Schutz mehr. Wir zogen weiter am Rande des Urchat darya. Der Weg ist durch Faschinen befestigt und recht pittoresk, nur bei diesem Wetter alles andere als angenehm. Rechts hatten wir himmelhohe Wände, links den reißenden Strom. Manchmal ging es dicht am Wasser entlang, manchmal hoch über ihm.
Gegen 3 Uhr nachmittags kamen wir durchgefroren und hungrig nach Kügün, an einer breiten Stelle des Tales. Kirgisen nahmen uns auf, und wir konnten unsere nassen Sachen trocknen. Natürlich waren die trockenen Untersachen im letzten Ballen, den ich aufmachte. Meine ganz anständige Bezahlung für das Quartier wurde mürrisch und ohne Dank am nächsten Morgen angenommen; jedenfalls war es zu wenig.
Bei bedecktem Himmel und schneidendem Südwest marschierten wir am 21. Juni weiter stromauf, den Urchat darya entlang. Schon kurz hinter den Jurten hatte der Weg an einer hohen Felswand ein Ende; wir mußten den Fluß kreuzen; sehr einladend sahen seine gelben Fluten, die reißend nach Osten schossen, nicht aus. Ich schickte zuerst den Mann vom Taotai-Yamen Kaschgar hinein, um nach einer Furt zu suchen. Er versuchte an verschiedenen Stellen durchzureiten, behauptete aber schließlich, der Übergang sei unmöglich. Da ich aber sah, daß er nur Angst hatte, ritt ich selbst hinein und kam auch glücklich durch, allerdings bis über die Knie, die ich verzweifelt hochgezogen hatte, naß. Nun mußten die Bagagetiere durch. Sie gingen ganz willig, der untere Teil der Packen war zwar durchnäßt, aber das ließ sich nicht ändern. Über steinige Halden am rechten Ufer marschierten wir schnell vorwärts.
Rechts lag einmal ein chinesisches Soldatenlager, es war einer der Grenzposten. Ich wollte nicht verfehlen, noch schnell einen Blick hineinzuwerfen; tiefer Friede herrschte darin, nichts regte sich. Endlich, nach langem Suchen, zeigte sich ein verschlafener Kavallerist, der nach meinen Wünschen fragte. Ich forschte nach seinem Herrn, der aber noch schlief. Der Kavallerist, der einzige, den ich zu Gesicht bekam, war recht feist und sah nicht aus, als ob er sich im Dienst überanstrengte. Er wollte familiär werden, woraufhin ich es vorzog, mich zu entfernen. Das Lager war sonst hübsch und sauber angelegt und auch gut in Ordnung gehalten.
Weiterhin kamen wir an einem einzelnen Rasthause Jakub Beks vorbei, das langsam, aber sicher zerfällt. Der Fluß teilt sich hier in viele Arme und füllt das ganze Tal aus. Die von den verschiedenen Flußarmen gebildeten Inseln sind mit lichtem Pappelbestand bewaldet und haben teilweise gute Wiesen, auf denen die Kirgisen ihre Kamele und andere Tiere weiden; auch an den Ufern stehen überall Pappeln. Unterhalb des Rasthauses von Jakub Bek passierten wir den Fluß. Ein Packpferd legte sich ins Wasser, stand aber schnell wieder auf, so daß die Sachen, die es trug, kaum naß wurden. Wir wanderten in das Tal nach Norden zu, das, wie man gleich an den viel gerader und höher gewachsenen Bäumen sehen konnte, gegen den Wind geschützt lag. Nach zwei Stunden Marsch, gegen Mittag, verbreiterte sich das Tal zu einem weiten, wiesenartigen Plan, auf dem uns der Wind wieder voll faßte. Am Nordrande trafen wir ein hübsch gelegenes Soldatenlager, umgeben von einer Menge Gebäuden. Das Lager war nicht besetzt, nur zwei Chinesen langweilten sich darin, natürlich vom frühen Morgen bis zum späten Abend Opium rauchend. Der Ort heißt Jirün.
Wir machten eine kurze Pause in einer Kirgisenhütte, wo man uns freundlich bewirtete. Ich hatte kein kleines Geld mehr, an wechseln war nicht zu denken, und da ich nicht ohne Bezahlung abreiten wollte, schenkte ich der Frau des Hauses einen Fächer von Adlerfedern aus Kutscha, der großen Beifall fand. Im Tale sah man einige schwache Versuche von Haferanbau. Der Hafer war jetzt, im Juni, noch ganz grün und kaum handhoch. Bergauf, bergab reitend trafen wir wieder Karawanen von aus Mekka zurückkehrenden Pilgern, und endlich hatten wir die hohen, schneebedeckten Trans-Alai-Berge in Sicht. Die uns umgebenden Kuppen waren auch schon leicht mit Schnee bedeckt. Nach kurzer Zeit mußten wir in steilem Abstieg in das Alai-Tal hinab, das hier in seinem Ostende vielleicht 1½ Kilometer breit und ganz steinig ist. Wir kreuzten das Tal und den es durchfließenden Kysil Su, der auch sehr steinig, aber ganz klar ist. Dann stiegen wir den jenseitigen Hang hinauf, wo bald der chinesische Grenzpfahl in Sicht kam. Es ist ein einfacher Pfosten in einem Steinhaufen, während auf russischer Seite ein senkrechter Stein steht. Kurz hinter den Pfählen bekommt man Einsicht in ein Quertal, und vor uns liegt freundlich mit seinen weißen Mauern die russische Grenz- und Zollstation Irkechtam. Wir ritten hinunter und stiegen vor dem im Grunde liegenden, zur Zollstation gehörenden Gebäude ab. Oben auf der Höhe liegt der Kosakenposten und, alles überhöhend, fällt sofort ein Reduit mit seinen Schießscharten auf.
Ich war trotz meiner Pelzsachen total durchgefroren, und es schien mir recht lange zu dauern, bis mein in die Station vorausgeschickter Diener zurückkam; endlich erschien er in Begleitung eines untergeordneten Angestellten, dem ich den Brief aus Kaschgar für den Kommissar, ferner meinen Paß und mein Tientsiner Begleitschreiben vom russischen Konsulat zur Aushändigung an Herrn Jusefowitsch übergab. Er ging zurück, kam aber bald wieder mit dem kurzen Befehl: "Alles öffnen." Da man mir in Kaschgar versichert hatte, daß dies nicht nötig sein würde, verlangte ich den Kommissar selbst zu sprechen. Aber als er kam, sah ich an seiner Nase bald, was die Glocke geschlagen hatte; nebenbei roch er stark nach Fusel. Er gab mir freundlich die Hand und versetzte in demselben Augenblick meinem Diener, der ihn nicht verstand, eine Ohrfeige. Das war mir zu bunt, und ich fuhr ihn gründlich an. Darauf wurde er sehr höflich und ging zurück, kam aber bald wieder in Begleitung eines in ebenso vorgeschrittener Stimmung befindlichen Kosakenoffiziers und eines Zivilisten. Ich hatte mittlerweile alles öffnen lassen, und die Angestellten des Zollamts kramten jede Kleinigkeit durch, fanden aber tatsächlich nichts zu verzollen. Der Zivilist sprach mich französisch an, stellte mir den Kosakenoffizier, einen alten verwitterten Haudegen, vor und bat mich im Namen des Herrn Jusefowitsch, doch mit in seine Wohnung zu kommen. Ich lehnte ab, ersuchte ihn, Herrn Jusefowitsch mitzuteilen, daß ich mich sofort beim Gouverneur in Taschkent beschweren würde, falls er noch einmal ohne Grund meine Leute schlüge, und bat gleichzeitig um Aufklärung, warum man mein Gepäck trotz des Schreibens des Kaschgarer Zollamtes durchsuchte. Man brachte mir sofort ein Plakat in allen Sprachen und meinte, meine Sachen hätten keine Plomben; das ließ sich allerdings nicht leugnen, und da die Leute sonst wirklich freundlich waren, ging ich mit ins Haus, wo ich natürlich auf dem Tisch die Wodka-Flaschen vorfand. Alles Sträuben half nichts, ich mußte daran glauben. Ich wußte ganz genau, welchen entsetzlichen Jammer ich am nächsten Morgen haben würde, zumal ich seit einem halben Jahre überhaupt keinen Alkohol getrunken hatte. Aber da zuerst die Gesundheit des Deutschen Kaisers ausgebracht wurde, mußte ich austrinken. Ich erwiderte sofort mit einem Toast auf den russischen Zaren. Die Russen hatten zuerst meine auf den Zaren in französischer Sprache gesprochene Rede nicht verstanden und machten faule Witze. Als der Zivilist ihnen dann meine Worte übersetzte, sprangen sie bestürzt auf und brachen in ein endloses Hurra aus. Ich bekam darauf von jedem nach russischer Sitte einen Kuß. Weiter kam die Gesundheit der Eltern, die eigene, gute Reise usw. usw., und immer mußte ausgetrunken werden. Der gute Kosakenoffizier leerte, um seinen guten Willen zu zeigen, stets ein halbes Wasserglas, während ich noch bei den kleinen Schnapsgläsern zu mogeln suchte. Schließlich bekam er das heulende Elend und prügelte sich mit dem Zollkommissar, welche Gelegenheit ich benutzte, um zu entschlüpfen und mir den wirklich wunderbaren Sonnenuntergang anzusehen. Bald waren sie alle auf der Suche nach mir, ich mußte zurück; für Wodka dankte ich, bekam aber eine vorzügliche Bouillon und Hammelgehirn und ging, sobald die beiden sich von neuem prügelten, schlafen.
Am 22. Juni erwachte ich natürlich mit einem entsetzlichen Brummschädel. Mein Diener hatte schon alles aufgepackt; ich bekam bei Herrn Jusefowitsch, dem der Wodka vorzüglich bekommen zu sein schien, Tee mit Fergana-Rotwein darin vorgesetzt. Dann verabschiedete ich mich von dem gutherzigen Menschen und ritt mit dem Zivilisten, einem Moskauer Kaufmann, ab, am südlichen Rande des Alai-Tales, also am Nordhange des Trans-Alai-Gebirges entlang. Nach einer Stunde Marsch kreuzten wir das hier schon ziemlich breite und teilweise Wiesengrund zeigende Tal und kletterten nun in die nördlich gelegenen, mit Schnee bedeckten Berge, die recht steile Hänge hatten. Dazu setzte der Wind von Westen, also gerade von vorn, ein; es war mehr als ungemütlich. Nach weiteren zwei Stunden Marsch kamen wir an die Schneegrenze, dafür taute aber die Sonne die obere Schneeschicht auf, so daß das Reiten mehr einem Schlittern glich. Dort, wo der Schnee nicht hoch lag, marschierte man im knietiefen Schlamm, dort, wo er zusammengeweht war, fiel man alle Augenblicke in ein Loch. Dabei mußte man sich noch fortgesetzt vorsehen, daß man nicht in eine der durch Schmelzwasser entstandenen Bodensenkungen rutschte. Um uns herum pfiffen die Murmeltiere; einmal sahen wir weit entfernt zwei Tiere grasen, die wir für Steinböcke hielten. Beim Heranpirschen stellte sich aber mit Hilfe des Zeiß heraus, daß es zwei entlaufene Pferde waren, die sehr scheu waren und sofort wegliefen. Ich merkte bei dieser Gelegenheit die Wirkung der Höhe, etwa 3600 Meter; ich bekam Herzklopfen und Atemnot und mir zitterten die Hände so, daß ich den Karabiner kaum halten konnte. Mein Diener und mehrere andere bekamen Nasenbluten. Fußgänger, die sich uns angeschlossen hatten, spannten aus und konnten nicht mehr weiter.
Um 12 Uhr erreichten wir eine Paßhöhe, wo eine Kaufmanns-Karawane im Schnee biwakierte. Wir nahmen dankbar eine Tasse Tee, Brot und Fleisch an, während die Bagage weiter vorausmarschierte. Beim Weitermarsch versuchte ich, auf Murmeltiere zu schießen; die drei ersten schoß ich nur krank, so daß sie im Bau verschwanden, trotzdem jedesmal sehr reichlich Schweiß im Schnee war. Ich merkte dabei, wie unsicher ich schoß, wenn ich auch nur zehn Schritte gegangen war; daher schoß ich die nächsten Tiere stets direkt am Pferde stehend. Außerdem beobachtete ich, daß krank geschossene Tiere, die nicht einen Kopfschuß hatten, jedes Mal unrettbar im Bau verschwanden. Ich schoß nun einige Male vorbei, denn das Ziel ist recht klein, und man muß schnell schießen, wenn sie den Kopf aus dem Bau herausstecken, aber ich erlegte doch schließlich drei Tiere, die alle gut im Fell waren, sie hatten auffallend lange Schneidezähne und gut entwickelte Grabepfoten. Die Tiere sind sehr possierlich; weiterhin trafen wir eine solche Unzahl und sie waren so vertraut, daß sie mir leid taten und ich keine mehr schoß. Das eigentümliche Pfeifen tönte dauernd von allen Seiten.
Mittlerweile hatten wir die Karawane längst aus den Augen verloren und eilten ihr in dem knietiefen Sumpf so schnell als möglich nach. Es war drückend heiß geworden, und ich packte nach chinesischer Sitte schließlich alles, was ich an Pelz usw. an mir trug, bis auf die Lederweste, auf den Sattel. Als wir den letzten Berg hinter uns hatten und in das wellige Alai-Hochtal eintraten, war kein weißes Fleckchen mehr zu sehen, alles prangte im schönsten Grün, im Süden begrenzt durch die weißen Trans-Alai-Berge; ein herrlicher Anblick. Weniger schön war es, daß wir nichts von unserer Karawane entdecken konnten. An den Spuren stellten wir fest, daß zwischen den Pferdespuren diejenigen von einem Esel und einem barfüßigen Menschen waren, also waren wir vielleicht auf falschem Wege; es wurde 5 Uhr, die Pferde kamen vor Müdigkeit kaum noch vorwärts. Ich ritt auf einen inmitten des Tales sich erhebenden, einen guten Überblick bietenden Felsen zu und erkletterte die Spitze, um mit dem Zeiß zu erkunden, wo die Karawane steckte. Das famose Glas zeigte mir bald drei ziemlich gleich aussehende Trupps; einer nach Osten marschierend kam nicht in Betracht, ein zweiter nach Westen ziehender mitten im Tale hatte, wie ich ganz deutlich sah, keine Schimmel, also konnte es sich nur noch um den im letzten Moment entdeckten, gerade in den nordwestlichen Bergen verschwindenden, sehr weit entfernten handeln. Es war höchste Zeit, denn die Sonne tauchte gerade hinter die Berge.
Ich nahm mir als Artillerist einen genauen Marschrichtungspunkt mit Zwischenpunkten und dann ging es los, so schnell, als die sehr müden Tiere vorwärts konnten. Sobald wir in die noch etwa 7 Kilometer entfernte Gegend kamen, wo ich die Karawane gesehen hatte, suchten wir wie die Indianer eine ganze Zeit lang an feuchten Stellen nach den Eindrücken der Hufe. Aber, o weh, es waren wieder die Eselhufe und der barfüßige Menschenfuß dazwischen! Doch, was war zu machen, wir wollten doch wenigstens abends bei Menschen landen, um Feuer, Holz und Kochgelegenheit zu haben. Ich vergaß zu erwähnen, daß im ganzen Alai-Tal keine Kirgisenhütten zu sehen waren; die Kirgisen kommen erst ungefähr vierzehn Tage später hierher. Die Pferde führend und scharf auf die Spuren achtend, überschritten wir einige kleinere Pässe und kamen schließlich an einen Punkt, wo die Spuren sich teilten. Beide Spuren zeigten Eselhufe; der barfüßige Mensch schien mittlerweile an den Füßen gefroren zu haben, seine Fußspuren waren nicht mehr zu entdecken. Wir wählten die nach rechts laufende Spur und bald machte mich mein Diener auf eine Rauchsäule aufmerksam, die hinter einem Hügel hervorkam; also endlich waren wir am Lager, und nach Passieren einer Ecke hatten wir ein Biwak von aus Kaschgar nach Andischan ziehenden Baumwoll-Kaufleuten vor uns; unsere Karawane war nicht dabei.
Wir wurden freundlich willkommen geheißen und suchten nun so gut wie möglich unterzukommen. Den Pferden wurden die Vorderbeine gekoppelt, dann wurden sie zum Grasen geschickt. Durch einen glücklichen Zufall hatte mein Diener gerade an diesem Tage die großen Packtaschen auf sein Pferd genommen und wir fanden darin eine Kleinigkeit zu essen, so daß wir wenigstens nicht zu hungern brauchten. Für Geld und gute Worte bekamen wir ferner einige uralte Brötchen, heißes Wasser und einen Jungen zum Helfen. Ich borgte mir zwei der großen flachen Baumwollballen und schlug auf diesen mein Lager auf. Um 10 Uhr wurde gefuttert, dann legte ich mich schlafen. Was an Sachen da war, hatte ich angezogen; zwei Hemden, zwei Paar Strümpfe, Lederweste, Rock und Regenmantel, so daß ich über Nacht nicht sehr fror, trotzdem es empfindlich kalt war. Dummerweise versäumte ich aber, mir den Baschlik über den Kopf zu ziehen und erfror mir die Backen, die Nase, Kinn und Lippen; sie brannten mir bald wie Feuer und wurden purpurrot. Ich hatte zum Schutz gegen die teilweise recht verdächtig aussehende Gesellschaft meinen geladenen Karabiner im Arm; er wurde aber nicht notwendig. Von drei Uhr morgens ab wurden die Hengste wieder lebendig und fingen an, sich mit dem üblichen Geschrei zu balgen, dazu schneite es leicht, so daß an schlafen nicht mehr zu denken war. Alles war dick bereift und das Wasser des kleinen Bachs im Grunde vollkommen gefroren. Eigentlich ist es merkwürdig, daß ich die Kälte so wenig spürte; es war aber vollkommen windstill, und bis auf die erfrorenen Stellen im Gesicht fühlte ich mich ganz wohl. Zum Frühstück gab es heißes Wasser mit hineingebrocktem Weißbrot. Den Pferden ging es weniger gut, sie waren sehr abgefallen; das eine, ein noch sehr junges Tier, wollte den Mais, den ich für schweres Geld erstanden hatte, nicht einmal fressen. Die Leute satteln überhaupt nicht ab, einesteils der Kälte wegen — die Packsättel sind riesig groß und gewähren etwas Schutz — andernteils der Druckstellen wegen. Auch mein Diener wollte um keinen Preis absatteln, wurde aber von mir dazu genötigt.
Nachdem ich die Gesellschaft photographiert hatte, zogen wir ab, und zwar auf der zweiten gestrigen Fährte, die bald in einen weiten Wiesenplan führte. Dort trafen wir eine seit gestern Mittag lagernde Gesellschaft, die nichts von unsern Leuten gesehen haben wollte. Sie konnten uns auch nicht über den ferneren Weg nach dem Talldikpaß orientieren, nur die ungefähre Richtung wußten sie anzugeben; diese schlugen wir dann auch ein. An einem Kreuzungspunkt von mehreren Tälern veruneinigte ich mich mit meinem Diener, der im höchsten Grade schlechter Laune war. Als ich ihm jedoch den Vorschlag machte, ihn auf der Stelle abzulohnen und uns zu trennen, hielt er es doch für geraten, mit mir weiter zu gehen und verhielt sich von da ab still. Wir nahmen von den uns zur Verfügung stehenden Tälern den Weg zur Linken, den ich für den richtigen hielt; wie sich später herausstellte, hätten wir sogar noch mehr links ausbiegen müssen. Es ging in die Berge, der Weg wurde immer kleiner, schließlich ging er meist in einem Bach und nur zuweilen waren noch einige Spuren am Ufer sichtbar.
Mit einem Male standen wir an der Schneegrenze vor einer unübersehbaren Schneewand, die unten Eis zeigte, also einem Gletscher. Wir konnten nicht weiter, und ich kam zu der Überzeugung, daß wir die ganze Zeit, anderthalb Stunden lang, auf einem stark ausgetretenen Hirschwechsel geritten waren. Von allen Seiten höhnten uns die pfeifenden Murmeltiere; auch weiße Finken, Wildtauben und Dohlen gab es in dieser beträchtlichen Höhe von etwa 4000 m noch. Ein Entenpärchen strich im Tal entlang, und hoch oben zogen Bussarde ihre Kreise. Mit schwerem Herzen entschloß ich mich, umzukehren und denselben Weg zurückzureiten. Es war drückend heiß geworden. Schließlich entdeckte ich mit Hilfe des Zeiß weit unten im Alaitale Menschen; also dorthin, denn das unnütze Herumirren führte zu nichts. Als wir die Leute anhielten und ausfragten, zeigte es sich, daß sie zu denen gehörten, die wir früh morgens lagernd getroffen hatten; sie gingen ebenso wie wir nach Andischan und hatten uns offenbar am Morgen falsch gewiesen. Sie entschuldigten sich damit, daß sie es selbst nicht besser gewußt und erst von andern Leuten Auskunft über den einzuschlagenden Weg erhalten hätten. Wir schlossen uns ihnen an, ließen über Mittag die Pferde eine Stunde grasen und frühstückten spärlich etwas uraltes Brot, an dem man sich die Zähne ausbeißen konnte.
Gegen 1 Uhr gelangten wir an den Anfang eines Fahrweges mit russischen Bezeichnungen an den Pfählen; es war der große Weg nach Osch über den Talldik, nach Sven Hedin 3537 m. Er war recht belebt, man sah Kaufleute, ab und zu Kosaken und auch eine Menge zu Fuß gehende Leute, die teils nach Kaschgar, teils nach der andern Seite, gen Andischan wanderten. Die Straße steigt in Serpentinen an den Talhängen hoch zur Paßhöhe; von der Schneegrenze ab war sie teilweise durch große Schneemassen gesperrt, so daß man sich selber einen Weg am jenseitigen Hange suchen mußte. Das Schmelzwasser schadet der Straße sehr, die ein hübsches Stück Arbeit gekostet haben muß und ein Wahrzeichen des russischen Vordringens in Zentral-Asien ist; ganze Strecken sind unterwaschen oder weggerissen.
Nach anderthalbstündigem Steigen hatten wir die Höhe des Talldik erreicht. Hier ist eine Plattform geschaffen, in deren Mitte an einer Stange zwei eiserne Inschrifttafeln angebracht sind. Man hat eine herrliche Aussicht von dort oben nach beiden Seiten. Der Abstieg ist ebenso wie der Aufstieg. Die Karawanen benutzen kaum den neuen Weg, sondern krabbeln lieber auf den alten, schmalen Saumpfaden entlang. Übrigens entdeckte ich im Schnee Räderspuren, also muß ein Wagen über den Paß gefahren sein, was immerhin eine Leistung ist. Je tiefer wir auf den Serpentinen kamen, desto romantischer wurde die Umgebung. Man sah an den Abhängen Knieholz, und auf den Uferwiesen des Baches wuchs herrliches Gras. Die Karawanenführer hatten Mühe, ihre Tiere davon abzuhalten. Zwei- oder dreimal hörten wir von Heraufmarschierenden, daß sie früh morgens meine drei Bagagetiere im Marsch gesehen hätten. Unsere beiden Pferde waren sehr müde und auch Nasr klagte über alle möglichen Schmerzen, die er sich wohl beim Biwak zugezogen hatte, so daß ich beschloß, bei der ersten, nicht mehr weit entfernten Kirgisen-Jurte zu übernachten.
Gegen fünf Uhr erreichten wir eine Mulde mit herrlichem Grase, auf der gerade aus Osch kommende Kirgisen ihre Jurten aufschlugen. Sie befanden sich zu dieser Zeit auf dem allmählichen Vormarsch zu den schönen Weiden des Alai. Im September wandern sie dann ebenso in Etappen nach Osch zurück. Wir kamen schnell und gut unter. Gegen Abend gab es Asch[5], dazu frische Yakmilch. Nasr war gänzlich unbrauchbar, er schien etwas Fieber zu haben und glaubte sich aus diesem Grunde noch berechtigt, unverschämt zu werden.
[5] Asch = in Hammelfett gekochter Reis.
Am 24. Juni brachen wir sehr früh auf. Das Tal erweiterte sich zu einem weiten Wiesenplan, auf dem überall Kirgisen-Jurten standen und Yak-, Hammel- und Ziegenherden weideten. Wir begegneten etwa 50 Kosaken, die zur Ablösung der Kaschgarer Konsulatswache dorthin zogen. Nasrs Zustand verschlimmerte sich heute; er verlor ganz und gar den Kopf und wollte durchaus nach Kaschgar zurückwandern. Als ich ihm das Unsinnige dieser Absicht vorhielt, heulte er wie ein kleines Kind, bestand auf seinem Vorhaben und wollte nicht einmal Geld von mir nehmen. Schließlich überredete ich ihn doch, mit nach Andischan zu gehen, da ich ihn in diesem Zustande nicht allein zurückkehren lassen konnte. Wir passierten zweimal Felsdurchbrüche des Syr darya. Das Tal verbreiterte sich allmählich, der Flußlauf selbst ist tief eingeschnitten.
Auf einem Wiesenplan stießen wir endlich auf unsern Karawan-Baschi mit seinen Tieren, der ganz vergnüglich bei meinem Gepäck lagerte, unschuldig wie ein Kind tat und gar nicht auf den Gedanken gekommen war, auch nur eine Minute auf uns zu warten. Sonst war alles in schönster Ordnung. Leider fing es an zu regnen, ich wollte aber noch nach Guldscha weiter und ließ deshalb aufpacken, obgleich mir kein Mensch angeben konnte, wie weit es eigentlich bis dort noch war. Schließlich, als es vom Himmel wie mit Kannen goß, krochen wir doch gegen drei Uhr bei Kirgisen unter, die behaupteten, es sei nur noch vier Kilometer bis Guldscha. Indessen konnte es mir gleichgültig sein, denn mit meiner Bagage hatte ich hier alles, was ich brauchte. Bei den Kirgisen kaufte ich für billiges Geld kleine Webereien aus Kamelwolle, die man nur vereinzelt in den Jurten fand; sie sind stets von der Hausfrau selbst geknüpft. Leider sind von den vier von mir erstandenen Stücken nicht zwei im Muster gleich. Den ganzen Nachmittag regnete es lustig weiter. Nasr litt an Fieber und Durchfall; ich gab ihm Kalomel und später Chinin, was die erwünschte Wirkung hatte.
In einer solchen Kirgisen-Jurte ist es ganz gemütlich. Draußen grunzen die Yaks, blöken und meckern Schafe und Ziegen. Zuweilen bekommt man einen Spritzer durch ein Loch in der Filzbekleidung, aber das in der Mitte lodernde Feuer hält alles warm und trocknet schnell ab. Natürlich schläft man nachts mit der ganzen Familie in einer Jurte. Stets sind mehrere Weiber und eine Menge Kinder mit im Zelt, was aber keinen stört; es sind eben noch Naturmenschen.
Gegen 6 Uhr morgens marschierten wir weiter. Nach vier Kilometern hatten wir das vermeintliche Guldscha erreicht. Es war nur ein Kosakenposten, der in der Einmündung des Weges vom Terek davon aufgestellt und in einigen Baracken untergebracht ist. Den ganzen Tag begegneten uns Kirgisenfamilien, die mit ihrer ganzen Habe nach dem Alai zogen. Es war das bunteste und farbenprächtigste Bild, das ich je gesehen habe, leider etwas durch den ununterbrochen fallenden Regen beeinträchtigt. Den Zug jeder Familie eröffnete eine auf einem Pony reitende Frau, die ein Kamel führte. So folgte eine Reiterin der anderen, jede ein Kamel an der Hand. Schon Jungen und Mädchen von vier Jahren sind beritten; dazu kommt noch die bunte Ausstattung. Die Reittiere der Frauen sind vollkommen in rotes Zeug eingekleidet, ungefähr so, wie wir unsere Rennpferde eingepackt zur Morgenarbeit schicken. Die Satteldecken sind reich bestickt, über diese liegen noch Teppiche. Trensen, Vorder- und Hinterzeug haben Silberbeschlag; die Bügel sind schwer versilbert. Die Frauen und besonders die erwachsenen Mädchen sind in vollem, höchst buntem Staat, die Mädchen mit merkwürdigen Kappen, die mit Silber- und Korallenketten verziert sind, welche über das Gesicht fallen, die Frauen in der typischen weißen Haube mit zwei durch Silberbeschlag verzierten Korallenketten, die zu beiden Seiten des Kopfes herabhängen. Die Säuglinge — eine Frau ohne solchen sah ich kaum — werden in einer kleinen Wiege mit Überzug vorn auf den Sattelknöpfen transportiert. Die Füllen werden an den Schweif der zugehörigen Mutter gebunden, die jungen Kamele laufen an reich gestickten Halftern an der Seite ihrer Mütter. Manche waren mit Hals- und Rückenschutzdecken versehen. Die Kamele tragen den Hausrat, über dem stets einer der von uns so sehr geschätzten herrlichen Teppiche befestigt ist, an beiden Seiten bis zur Erde reichend. Hinterher kommen dann, von den berittenen Männern und größeren Jungen getrieben, die Pferde, das Rindvieh und die Schafherden, unter letzteren meist einige Ziegen. Die besonders schwachen Füllen, Kälber oder kleinen Hammel werden vorn über den Sattel gelegt. Die Männer führen stets einen langen Stock zum Treiben. Manche hatten an diesem Stock eine lange Schlinge zum Einfangen der Tiere. Natürlich gehören zu jeder Herde mehrere Hunde.