| Distanz | Besitzer | Pony | Farbe | Höhe | Gewicht | Jahr | Zeit | |||||
| Min. Sek. | ||||||||||||
| 1/2 | Meile | (800 m) | H. | Detring | Sendgraf | schw. | 13,1 | 11,1 | H.99 | 58 | 1/4 | |
| 3/4 | „ | (1200 „) | „ | „ | Set | schw. | 13,3 | 11,7 | F.99 | 1,29 | 4/5 | |
| 1400 | Meter | (1400 „) | „ | Andrew | Advance | Grauschimmel | 13,1 | 11,8 | F.99 | 1,48 | 3/5 | |
| 1 | Meile | (1600 „) | „ | Detring | Set | schw. | 13,3 | 11,7 | F.99 | 2,05 | 1/5 | |
| 1 | 1/4 | „ | (2000 „) | „ | J.M.D. | Stray Shot | Grauschimmel | 13,2 | 11,4 | F.97 | 2,37 | |
| 1 | 1/2 | „ | (2400 „) | „ | Dr. Frazer | Neophyte | Schimmel | 13,2 | 11,0 | F.90 | 3,14 | |
| 1 | 3/4 | „ | (2800 „) | „ | Munthe | Palo Alto | dun. | 13,1 | 11,1 | F.97 | 3,47 | |
| 2 | „ | (3200 „) | „ | Brenan | Orion | braun | 13,1 | 11,1 | H.92 | 4,26 | ||
Die Höhe sind englische hands und inches. 1 hand = 4 Zoll, 1 inch = 1 Zoll deutsch.
Das Gewicht sind englische stones und pounds. 1 stone = 14 Pfund. 10 englische Pfunde = 9 deutsche Pfund.
H = Herbst, F = Frühjahr.
Die Zeit sind Minuten, Sekunden und Bruchteile der Sekunde.
Zeigt das Tier nun eine gute Aktion und eine annehmbare Zeit auf der last quarter, der letzten Viertelmeile, ich will mal sagen 28½ bis 29½ Sekunden, manchmal sogar darunter, so ist es dasjenige, was man verlangen kann. Wenn der Pony diese Zeit nicht geht, oder mangelhafte Aktion zeigt, so wandert er meist an den Händler, vielleicht mit einem kleinen Verlust zurück; dieser schickt ihn dann in die Mongolei, von wo er vielleicht nach Jahren wieder einmal "wie neu" zurückkommt, um dann mehr Gnade vor den Augen eines Besitzers zu finden; vielen blüht aber auch das wenig beneidenswerte Los des Karrentieres.
So geht das Training weiter, sehr viel Trab, verhältnismäßig wenig Galopparbeit; zu letzterer setzt sich meist der Herr — es gibt nur Herrenreiten in China —, der das Tier später im Rennen steuern soll, selbst darauf. Die Ponies, die meist zu zweien oder dreien herumgeschickt werden, müssen stets auf der Geraden in der letzten Viertelmeile vollkommen ausgeritten werden, auch wenn sie hoffnungslos geschlagen, ganz hinten liegen. Man sagt, daß ein Pony sich sofort merkt, wo er angehalten wird, und später dort streikt, also zum "Stinker" wird. Die Ponies entwickeln sich mehr und mehr in der Muskulatur, man massiert sie abends viel und gibt ihnen allmählich Hafer, sie sehen prachtvoll aus, und so mancher nimmt die Figur eines Vollblüters, allerdings en miniature, an. Für den Sportsman ist es eine reine Freude, zu sehen, was aus den Tieren bei sachgemäßer Arbeit werden kann. Nun naht allmählich der Nennungsschluß; der Besitzer muß sich schon klar darüber sein, und hat dies auch in Trials ausprobiert, für welche der verschiedenen Distanzen sich seine Tiere eignen, um nicht einen Flitzer in ein langes Rennen zu stellen und einen ausgesprochenen Steher in ein kurzes. Der Nennungsschluß ist vier Wochen vor dem ersten Renntage, Nachnennungen gibt es nicht; zugleich findet die Messung der Ponies durch einen der Stewards statt.
Die Rennen finden an drei meist aufeinander folgenden Tagen statt, denen sich dann oft noch ein vierter Tag, ein sogenannter "off day" anschließt, an dem alles geschlagene Material um von den hauptsächlich gewinnenden Ställen ausgesetzte Preise konkurriert. Die Regel des Tientsin Race Club schließen sich im allgemeinen den sogenannten Newmarket rules an, im besonderen in solchen Fällen, wo die Bestimmungen des Tientsin Race Club nicht ausreichen. Die Gewichte sind zehn stones für zwölf hands, für jeden Zoll mehr drei Pfund, für den letzten Zoll zu 14,3 hands (59 Zoll) gibt's fünf Pfund. Größere Ponies dürfen nicht laufen. Die Propositionen der einzelnen Rennen sind an der Hand von jahrzehntelangen Erfahrungen zusammengestellt und bieten nach Möglichkeit jedem einzelnen Pony eine Gewinnchance. Sämtliche Sieger konkurrieren am dritten Renntage zusammen in den Champion stakes, einem Rennen über 2000 Meter.
Das Training geht indessen weiter; man weiß schon naturgemäß von gewissen Ponies, daß sie außerordentlich gute Zeiten gezeigt haben. Einige halten ihre Ponies dunkel oder geben sich wenigstens Mühe, es zu tun, sie halten ihre Trials in der Dämmerstunde ab, und man erzählt sich, daß ein Übereifriger sogar bei Nacht seine Trials abmachte und, um das Passieren der Viertelmeilen-Pfähle zu markieren, an jedem der letzten einen Chinesen mit einer Laterne aufgestellt hatte, die beim Passieren des Points heruntergenommen wurde, um so den Anhalt für den die Sekundenuhr Haltenden zu geben. Sonst steht am letzten Viertelmeilenpfosten stets ein Chinese mit einer roten Flagge, die er herunter nimmt, wenn ein Pony im Canter passiert.
Eng verbunden mit dem Rennen sind große Lotterien. Zu diesem Zwecke liegen in den Clubs und öffentlichen Lokalen numerierte Listen der einzelnen Rennen mit verschiedenen Preisen der Lose aus; jede Nummer, hinter die man seinen Namen setzt, ist gleichsam ein Los. In gewöhnlichen Rennen kostet eine Zeichnung zwei oder drei Dollar, in der Champion-Lotterie 10 Dollar. Leider sind auch hier sehr viel mehr Nieten als Gewinne. Kurze Zeit vor den Rennen werden an drei aufeinanderfolgenden Tagen, entsprechend den Rennen der drei Tage, die Lotterien öffentlich im Tientsin-Klub gezogen, zu welcher Haupt- und Staatsaktion sich alles, "was so ein bißchen was ist", zusammenfindet, um zu gewinnen, zu verlieren oder um auch nur aus der Höhe der Angebote der Stall-Besitzer für die zur Versteigerung gestellten Gewinnlose zu ersehen, ob der Besitzer seinem Pony etwas zutraut oder nicht. Soviel Ponies in einem Rennen genannt sind, so viel Gewinnlose werden gezogen; diese werden hinterher versteigert. Der Ersteigerer muß die Summe, die er geboten, einmal an den Glücklichen zahlen, der das Los gezogen hat, und einmal der Rennkasse zuweisen. Er wird damit Besitzer des Loses. Besonders in der Champion-Lotterie versucht natürlich jeder Stall-Besitzer sich das auf seinen Stall gefallene Los zu ersteigern. Dabei kommen fast immer ganz anständige Summen in Umsatz. So war z. B. im Frühjahr 1902 4153 Dollar der Inhalt der Champion-Lotterie. Nach einem Abzug für die Rennkasse bekam 75% von dieser Summe der Besitzer des Loses, das die Nummer des gewinnenden Ponys zeigte, 25% gab es ebenso für den zweiten. Ich hatte mit einem andern Herrn zusammen den zweiten Pony, den ich notabene selbst ritt.
Nun kommen die Renntage selbst, ein wahres Volksfest für die Bevölkerung; alle Läden schließen, jedes Geschäft, und sei es auch noch so dringend, wird aufgeschoben, die Rennen entschuldigen alles. Der schöne Rennplatz, dessen Tribüne und Richterhäuschen wiederhergestellt sind, nachdem sie von den Boxern 1900 gänzlich heruntergebrannt waren, prangt im Fahnenschmuck. Paddocks, Ställe und Toto usw. sind noch provisorisch, werden aber jetzt wohl, wo ich dieses schreibe, auch schon massiv hergestellt sein, denn die Mittel für die neuen Bauten waren schon seinerzeit sichergestellt. Der deutsche Klub hat sein eigenes Erfrischungszelt draußen, in dem auch er noch eine Privatlotterie für die Championstakes aufgelegt hat. Alles wandert zu Roß, Rad, Wagen oder zu Fuß, die Damen natürlich in großer Toilette, zum Rennplatz, deutsche, französische oder englische Militärmusik läßt ihre fröhlichen Weisen ertönen, kurzum, es ist genau so wie bei uns zu Hause, nur vielleicht mit dem Unterschiede, daß sich alles gegenseitig kennt.
Vormittags sind drei Rennen, dann gibt es Lunch oder vielmehr Tiffin im großen Saale der Haupttribüne, wonach die Rennen ihren weiteren Verlauf nehmen. Man muß sich zu dem Tiffin, an dem alles, was sich zur guten Gesellschaft rechnet, teilnimmt, vorher ein Billet kaufen. Das Saal-Innere bietet ein hübsches buntes Bild. An langen Tafeln mit numerierten Plätzen sowie auch an einzelnen kleinen Tischen sitzen die Damen in luftigen Toiletten, die Herren in hellen Sportanzügen, und dazwischen die Offiziere in Uniformen aller Länder. Dem nicht entsprechend ist gewöhnlich das Tiffin; man bekommt so gut wie nichts, wenn man nicht seinen eigenen Boy zur Bedienung mitbringt, und muß zufrieden sein, wenn man eine kalte Schüssel erreicht. An ein Aufstehen ist nicht zu denken, wenn man nicht einen Sturm der Entrüstung hervorrufen will, da alles sich gegenseitig fast auf dem Schoß sitzt, und um zu seinem Platz zu gelangen, muß man eine halsbrechende Kletterpartie unternehmen. Aber trotzdem herrscht angeregteste, heitere Stimmung, der selbst kein Eintrag geschieht, wenn inzwischen sich ein recht unangenehmer Staubsturm entwickelt. Ein Teil der Rennstall-Besitzer schlägt in reservierten Boxes der Ställe selbst Buffets auf, wozu kalte Küche und Getränke mitgebracht werden.
Die Preise der Rennen bestehen meist in Geldpreisen, zuweilen in Ehrenpreisen, die jedoch stets an den Besitzer des siegenden Tieres gehen.
An den kleineren Renntagen im Winter gab es regelmäßig ein sogenanntes "Ladies Nomination-Rennen". In diesem ritt man für eine vorher angegebene Dame der Gesellschaft, der von dem siegenden Reiter der Preis als Geschenk überreicht wurde. Ich hatte im Winter 1901/02 zweimal das Glück, auf diese Weise Damen einen silbernen Ehrenpreis zu Füßen legen zu können. — An diesen Renntagen wurden auch einige scherzhafte Rennen eingeschoben. So z. B. ein Hürdenrennen, bei dem man zum Schluß durch einen Schirm von Seidenpapier springen mußte, was nicht so einfach ist; ferner gab es sogenannte "leading races", in welchen man ein zweites Tier an der Hand mitnehmen mußte. Zuweilen führten auch die Kosaken ihre hübschen Reiterspiele auf. Auf dem Platze fehlen natürlich die Buchmacher nicht. Nach Schluß der Rennen sucht jeder so schnell als möglich nach Haus zu kommen — tout comme chez nous —, und den Abend und die ganze Nacht herrscht im Astor House (dem vornehmsten Hotel Tientsins) und den Klubs reges Leben; das gewonnene Geld muß eben untergebracht werden.
Ich hatte das Glück, im Frühjahrsmeeting 1902 mehrere Rennen mit Totila zu gewinnen, und war damit bis zu diesem Zeitpunkte der einzige deutsche Offizier, dem es seit unserer Ankunft in China geglückt ist, ein Rennen in den offiziellen Tientsiner Meetings zu gewinnen. Als Favorit ging ich mit Totila in das Hauptrennen, die Champion stakes, wurde aber leider von einem Pony, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte, auf den zweiten Platz verwiesen. Für mich werden diese Ponyrennen stets eine der schönsten Erinnerungen in China sein. Wir deutschen Herrenreiter gingen zuerst mit einem etwas überlegenen Lächeln an die Rennen auf dem mongolischen Pony heran und sahen uns bei unserm ersten Auftreten fast stets auf die letzten Plätze verwiesen. Das Lächeln verschwand bald. Wir sahen ein, daß nicht zu scherzen war, daß diese Konkurrenzen zur peinlichsten Vorbereitung und zum schärfsten Kampf herausforderten und daß der gesamte, so außerordentlich intensive Training auf der in Jahrzehnten gemachten Erfahrung beruhte. Wir mußten vollkommen neu lernen, denn auch das Reiten des Tieres, und hier wieder besonders das Finishreiten, ist ein ganz anderes als beim Pferde. Das Reiten strengt auf dem Pony sehr viel mehr an, als auf dem großen Pferde, und es gehört dazu für den eigenen Körper ein ebenso scharfes Training wie für den Pony. Ich habe die letzten sechs Wochen vor dem Rennen überhaupt keinen Alkohol zu mir genommen, übrigens mich nebenbei niemals wohler gefühlt als in dieser Zeit. Sehr vieles Zufußgehen brachte den Lungen die genügende Arbeit. Mein Gewicht brauchte ich nicht herunterzubringen, denn ich war sowieso schon zu leicht und mußte dies meist durch Gewichte oder schweren Sattel ausgleichen. Mein Lehrmeister in allen das Pony-Training angehenden Sachen war Herr Felix Boos, dem ich nicht genug dankbar sein kann, denn ohne seine täglichen Ermahnungen und Ratschläge hätte ich niemals die oben erwähnten schönen Erfolge errungen. Schwer genug ist es Herrn Boos, glaube ich, manchmal gefallen, denn ich war nicht gerade der folgsamste Schüler, sondern hatte meist meine eigenen Ansichten, die ja nicht immer die richtigsten waren, was ich aber erst hinterher einsah. Wie manches Mal wollte ich den Pony nicht mehr besteigen, wenn mich unser bester chinesischer Reiter im Stall "Li-san" wieder einmal mit dem schlechteren Pony in der Arbeit im Finish um einen Kopf schlug, und ich hab's schließlich doch gelernt. Aber auch hier gilt das Sprichwort: "Aller Anfang ist schwer."
Neben dem von Engländern gegründeten und von der gesamten Fremden-Kolonie unterhaltenen Verein, dem "Tientsin Race Club", gab es noch einen "Deutschen Reiter-Verein", der jährlich an zwei oder drei Tagen Rennen abhielt, in denen es sich zum Teil um Rennen für große Pferde, zum Teil um Hindernisrennen für Ponies handelte. Also Hoppegarten und Karlshorst im Kleinen. Der Rennplatz des "Deutschen Reiter-Vereins" war nur ein provisorischer und lag innerhalb des von den deutschen Truppen besetzten Geländes. Diese Renntage trugen mehr einen intimen Charakter, da die hauptsächlichsten Konkurrenten aus deutschen Offizierställen kamen und nur vereinzelt fremde Uniformen oder der Dreß auftauchte. Es wurde hier lediglich um Ehrenpreise geritten, die Lotterien und der Totalisator fielen fort. Auch hier hatte ich das Glück, viele Erfolge zu haben. Besonders mein australischer Wallach "Jakob" wird noch in aller Erinnerung sein, der unter andern "Signorita", bis zu diesem Zeitpunkt Tientsins bestes Pferd, spielend schlug, ebenso der Fuchspony "Dr. H.", ferner "Flieger", "Nickel", "Teja" und andere mehr. Der gute Schimmelwallach Nickel (13 Jahre) hatte mir schon in Peking im ersten Jahre manch schönen Ehrenpreis eingebracht. Jetzt habe ich eine ganze Anzahl solcher Preise in Silber, Bronze und Cloisonné zusammen, schöne und liebe Andenken an den Rennsport in China von 1900 bis 1902.
Unter Hangen und Bangen verstrichen die Tage nach dem letzten Pekinger Ritt. Ich beantragte bei der Gesandtschaft einen Paß vom Wei-wu-pu — dem Auswärtigen Amte Chinas —, aber noch ging eine Woche der Ungewißheit hin. Endlich am 24. Dezember traf ich zufällig auf der Victoria Road, der Hauptverkehrsstraße, Herrn Major v. Falkenhayn, der mir im Vorbeireiten zurief: "Soeben ist Telegramm aus Berlin gekommen, Ihr Urlaub nach Zentralasien ist genehmigt." Das war für mich das schönste Weihnachtsgeschenk. Niemand war glücklicher als ich, da ich nun alle Schwierigkeiten überwunden glaubte. Ich bestellte sofort den Paß zur Reise durch Rußland im deutschen Konsulat, sah mich nach geeigneten Tieren für mich um und dachte an meine Ausrüstung. Doch noch manches unerwartete Hindernis stellte sich mir entgegen, ehe ich Tientsin endgültig verließ.
Am 27. Dezember wurde ich wieder einmal zur Brigade gerufen und erhielt die Mitteilung, daß mir der General infolge der politischen Lage in den Westprovinzen des Reiches nicht gestatten könne, meinen Urlaub anzutreten. Mein Gesuch um den chinesischen Reisepaß war auf der Gesandtschaft eingelaufen und auch an das chinesische Auswärtige Amt weitergegeben worden. Inzwischen waren vom englischen Generalkonsul aus Hankau telegraphische Nachrichten eingetroffen, daß die Provinzen Kansu und Schensi sich im Aufstande befänden, und zwar infolge erneuter Umtriebe des Generals Tung-fu-hsiang und des Prinzen Tuan, sowie daß die dortigen Missionare ihre Frauen zurückgezogen hätten und selbst bereit seien, jeden Moment die Flucht zur Küste anzutreten. Auf diese Nachricht hin schrieb der stellvertretende Gesandte, Legationsrat v. d. Goltz, an das Brigade-Kommando, wie er es unter solchen Umständen nicht für erwünscht halten könne, daß ein Offizier durch jene Provinzen ritte, und daß ich entweder einen andern Reiseweg wählen oder warten müsse, bis beruhigendere Nachrichten vorlägen. Das war ein recht harter Strich durch die Rechnung, aber ich gab die Hoffnung trotzdem nicht auf, da sich solche Alarmnachrichten meistenteils hinterher als weit übertrieben oder sogar als ganz falsch erwiesen hatten.
Wir hatten an diesem Tage den ersten Renntag des "Winter-Sport-Vereins", und es sollte mir zum letzten Male auf chinesischem Boden gelingen, eins meiner Tiere zum Siege zu steuern. "Peter" kanterte in einem 1200 Meter Flachrennen einfach dem ganzen Felde weg und gewann leicht wie er wollte. "Dr. H." wurde einmal dritter hinter einem totes Rennen laufenden Ponypaar und einmal zweiter. Das war wenigstens noch ein hübscher Abschluß, der meine etwas gesunkene Laune wieder hob.
In den nächsten Tagen machte ich mich daran, eine neue Reiseroute mit der sibirischen Eisenbahn zu studieren, aber ich hatte Glück, denn schon die Zeitungen brachten Dementis der Alarmnachrichten, und am 29. Dezember erhielt ich Nachricht, daß ein neues Schreiben seitens der Gesandtschaft eingelaufen sei, welches alle früheren Angaben als erfunden bezeichnete, daß die Provinzen Schensi und Kansu ruhig seien und daß somit meinem beabsichtigten Ritte nichts mehr im Wege stände. Auf Befragen blieb ich selbstredend bei meinen früheren Absichten bestehen und hatte nur noch die endgültige Genehmigung des Generals abzuwarten. Diese traf am 30. Dezember ein, und zugleich wurde mir mein chinesischer Reisepaß ausgehändigt. Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als ich diesen endlich in Händen hatte, denn nun konnte ich wirklich fort. Es war aber auch höchste Zeit, denn ich hatte noch keinen Pony und mußte auch noch meine gesamte Ausrüstung zusammenstellen. Letztere war fast dieselbe wie im Herbst zum Ritt durch Schansi, nur einiges kam hinzu, wobei ich als wesentlichstes den Karabiner, photographischen Apparat und mehr Pelzsachen anführen will[1]. Dank der Liebenswürdigkeit und dem Entgegenkommen der Kameraden war ich bald im Besitz guter, erprobter Tiere, von denen sich später besonders der von Leutnant Brandt erstandene und nach ihm "Schorsch" getaufte Pony, der gute Dicke, besonders bewähren sollte. Es war ein Dunkelfuchs, 8 Jahr alt und 13 hands (52 Zoll) groß; als zweiten Pony nahm ich einen 13jährigen, 13,1 hands (53 Zoll) großen Dunkelbraunen, namens "Nepomuk" mit. Dieser war als Beißer und Schläger bekannt, hatte aber vier tadellose Beine und galt als sehr ausdauernd. "Schorsch" war ein gutes Gebrauchstier, sehr gutmütig, nicht schnell, hat mir aber von meinen drei Tieren, zu welchen eine edle 8jährige dunkelbraune australische Stute "Witwe Bolte" gehörte, die bei weitem besten Dienste geleistet.
Der Paß vom Konsulat traf ein, ebenso erhielt ich durch die liebenswürdige Vermittlung unseres Konsuls ein offenes Empfehlungsschreiben des russischen Konsuls für die russischen Behörden, und einen geschlossenen Brief an das Generalkonsulat zu Kaschgar, die erste russische Behörde, die ich auf meinem langen Wege antreffen würde.
Die wenigen mir noch fehlenden Ausrüstungsstücke waren bald besorgt, und das Abschiedfeiern, ohne das es hier in Ost-Asien einmal nicht geht, fing an, um bis zum 4. Januar 1903, dem Tage meines Abrittes, zu dauern.
Das offizielle große Abschiedsessen für alle Anfang Januar nach der Heimat Zurückkehrenden war schon am 23. Dezember gewesen. Eine um so größere Freude bereitete es mir, als zehn meiner Freunde am 1. Januar mir noch ein besonderes Abschiedsdiner gaben. Am 2. Januar meldete ich mich dienstlich überall ab und erhielt von meinen Vorgesetzten manches liebenswürdige Wort mit auf die Reise.
Am 3. Januar wurde alles probeweise fertig gepackt und mit Hilfe unseres Batteriesattlers noch manches geändert.
Am Abend war ich nochmals ins allgemeine Kasino eingeladen; Oberstleutnant von Kronhelm hielt eine mir zu Herzen gehende Rede, und ich merkte erst jetzt, wie schwer mir der Abschied von so vielen liebegewordenen Freunden und Kameraden fiel, mit denen ich hier Jahre lang zusammen gelebt und gewirkt hatte. Bis zum frühen Morgen saßen wir zusammen, Parademarsch auf Stühlen und der übliche Abschiedsschnaps im Korridor machten den Abschluß der unvergeßlichen Feier. Es war höchste Zeit, denn Frau Sonne färbte den Horizont schon leicht purpurn, und ich mußte mich ans Satteln der Pferde machen, da um Punkt 9 Uhr abmarschiert werden sollte. Mir kam es so vor, als ob ich statt drei Tiere deren sechs mitnahm; aber es war der letzte Tropfen Alkohol bis zum Kaspischen Meere gewesen.
Verzeichnis der auf dem Ritt durch Zentral-Asien mitgeführten Pferde und Ausrüstungsstücke.
Zum III. Kapitel.
4. Januar. Allmählich sammelte sich in meiner Wohnung eine Menge guter Freunde und Kameraden, die mir noch zum Abritt das Geleit geben wollten. Pünktlich war alles fertig, der unvermeidliche chinesische Photograph nahm einige Bilder auf, und in Begleitung von zehn Freunden gings ab nach dem Westtor der Chinesenstadt. Dort bekam ich noch drei Hurras auf den Weg, dann zog ich mit dem Grafen Seyboltstorff, der mich zwei Tage weiter begleitete, ab, dem weiten Ziele am andern Ende Chinas zu.
Wir ritten heute nur eine mäßige Strecke, da die Tiere zu wenig einmarschiert sind, im übrigen gingen diese recht gut. In Yangliu-tsing, dem alten Boxernest, kamen wir leidlich unter. Am Abend hatte uns der Wirt, da es empfindlich kalt war, eines von den mit glühenden Holzkohlen gefüllten Kohlenbecken ins Zimmer gestellt. In der Nacht wachte ich mit entsetzlichem Herzklopfen auf und sah, wie Graf Seyboltstorff, der sich vom Kang erhoben hatte, mehrfach hinfiel, erst jetzt wurde mir klar, in welch schwerer Lebensgefahr wir beide geschwebt hatten, wir wären um ein Haar an den Kohlenoxydgasen erstickt. Gott sei Dank war ich noch rechtzeitig erwacht, um die Türen aufzumachen und so nicht von demselben Schicksal ereilt zu werden, wie einst der unglückliche Graf York. Den ganzen nächsten Tag litten wir noch unter den entsetzlichsten Kopfschmerzen.
Nepomuk erwies sich als ein ganz gefährlicher Beißer; gleich beim Satteln morgens riß er einem unglücklichen Chinesen ein großes Stück Fleisch aus dem Arm heraus; die Stute bewährte sich sehr gut. Wir waren gegen 8 Uhr abmarschiert, und schon nach einer Stunde befanden wir uns in einem starken Staubsturm aus Norden. Da der Sturm immer stärker wurde, versuchten wir in einem der am Wege liegenden Dörfer unterzukommen und fanden schließlich für Mann und Pferd in dem Nebengebäude eines Dorftempels Unterkunft. Die Leute waren sehr freundlich und brachten alles, was wir wünschten. Wir delektierten uns an einer von einem Kameraden von den Pionieren geschenkten sehr schönen Wurst. Das Unwetter wurde gegen Abend ganz toll, so daß wir schließlich im Sand halb erstickten. Trotzdem schliefen wir ganz gut und sogar ohne Ungeziefer.
Am 6. Januar morgens, bei herrlichstem Wetter und 16 Grad Kälte, ging es weiter. Ich sagte dem Grafen Lebewohl; der Abschied von meinem besten Freunde fiel mir recht schwer, aber wir hofften auf ein vergnügtes Wiedersehen in Deutschland. Während er nach Tientsin zurückritt, marschierte ich nach Südwesten weiter. Mein dicker Schorsch hatte über Nacht einen schweren Hieb rechts hinten gegen das Schienbein bekommen und lahmte leider; trotzdem trabte ich weiter, immer nach dem Ta-dau (großer Weg) fragend, jedesmal ein verständnisvolles "ang-ang" (ja, ja) zur Antwort erhaltend; also das Geschäft mußte richtig sein.
Daß ich mich aber auf dem großen Wege nach Pautingfu und nicht nach Ho-kien-fu, wo ich eigentlich hin wollte, befand, ahnte ich in meiner Unschuld nicht. Bei Wegteilungen drängte ich stets nach Südwesten, wurde aber immer wieder mit einer lächerlichen Beharrlichkeit auf den alten Weg zurückgewiesen. Schließlich waren wir vor einer Stadt, die sich auf Befragen zu meinem nicht geringen Ärger als Wönn An herausstellte. Daß mir, als altem erfahrenen "Chinakenner", so etwas zustoßen mußte, war eigentlich ein Skandal. Nachdem ich meinen Ärger an dem armen Mafu, der gar nichts dafür konnte, genügend ausgelassen hatte, ging die Reise weiter, nunmehr auf Jönn kiu zu.
Kurz hinter Wönn An kam mir ein Mandarinkarren entgegen, und aus demselben sprangen zwei recht gut angezogene junge Chinesen, die mich mit deutschen Worten freundlichst begrüßten. Ich bekannte sofort, daß, ich Deutscher sei, zumal ich in meiner Nordpolfahrerausrüstung immerhin für alles andere gehalten werden konnte, als für einen Offizier. Die Freude war groß, ich mußte umdrehen, um der sehr liebenswürdigen Einladung in das Haus des einen nach Wönn An Folge zu leisten. Noch niemals bin ich von gänzlich unbekannten Chinesen mit einer derartigen Herzlichkeit aufgenommen und weiterhin behandelt worden. Man sieht also, daß der Umweg noch zu einem guten Ende führte.
Mein Mafu grinste, wahrscheinlich schadenfroh, ich weiß es aber nicht genau, da er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit grinste. Jedenfalls glaubte er, infolge meiner so plötzlich umgeschlagenen Laune, nun auch seinerseits etwas dazu beitragen zu müssen, indem er das Pferdeputzen am andern Morgen durch einen verlängerten Schlaf ersetzte. Die beiden jungen Chinesen hatten in Peking Deutsch gelernt; natürlich mußten sie sich in mein unvermeidliches Fremdenbuch eintragen, was denn auch in deutscher Schrift, mit einem Riesenklecks als Beigabe, erfolgte. Ich wurde nun erst ordentlich abgefüttert, was mir sehr wohl tat; dann mußte ich die ganze Stadt unter ihrer Leitung besichtigen und wurde noch einigen Verwandten und Bekannten, alles sehr gut gestellte Kaufleute, vorgeführt. Den Abend verbrachte ich so in ganz angenehmer Gesellschaft; natürlich mußte ich alle Schreibstudien usw. ansehen und kann nur meine Hochachtung vor dem Fleiß der erst sechzehnjährigen Menschen ausdrücken.
Am nächsten Morgen, den 7. Januar, nahm ich Abschied. Mein Mafu vergaß noch den Zeiß, wahrscheinlich in seinem Trennungsschmerz; Gott sei Dank wurde er mir im Galopp nachgebracht, es wäre doch ein sehr harter Verlust gewesen. In den nächsten Tagen marschierte ich nun über Jönn kiu, Sü-ning, Anping nach Tschönn ting fu. Ich nahm immer noch nicht mehr als 30 Kilometer täglich, da die Tiere infolge des ungewohnten harten Nachtlagers recht müde waren, auch war der gute dicke Pony, wie schon erwähnt, von der Witwe rechts hinten lahm geschlagen, so daß er uns etwas aufhielt. Viel zu erzählen ist aus den kleinen Löchern eigentlich nicht. Die Menschen waren überall dort, wo fremde Garnison gelegen hatte, und das war fast bei allen der Fall, geradezu ekelhaft zudringlich, wie es mir niemals früher in gleichem Maße begegnet ist. Sehr gut zog sich der Mandarin von Anping aus einer Affäre; er schickte mir, als ich kaum zehn Minuten im Orte war, ein ganz vorzügliches Diner, das ich dankend annahm. Der Mafu erwies sich nicht gerade als eine Perle besonderen Ranges. Pferdeputzen vermied er möglichst, nebenbei war es ihm ganz gleichgültig, ob die Pferde getränkt waren oder nicht, so daß man ihm dauernd auf die Finger sehen mußte. Außerdem sprach er ein Chinesisch, das mir reichlich unverständlich war, Kalganer Platt. Er war nicht nur schmierig, sondern auch feige; jeden Abend kam er untersuchen, ob ich auch die Mauserpistole unter das Kopfkissen gelegt habe.
Am 8. und 9. Januar hatten wir Staubsturm, am 10. Januar fanden wir in Wu-die ein miserables Unterkommen. Das Volk ist hier ganz besonders frech; überall hörte man das Yang-quetze (fremder Teufel), und mehrfach wurde mit Steinen nach mir geworfen, bis ich mir einen der Hauptübeltäter herausgriff und ihn etwas unsanfte Bekanntschaft mit meiner Reitpeitsche machen ließ. Außerdem schickte ich zum Yamen und ließ dem Mandarin sagen, daß, falls ich nicht sofort Ruhe bekäme, ich mich direkt bei dem Vizekönig in Tientsin beschweren würde; das half, denn ich bekam einige Infanteristen als Posten und hatte von nun an Ruhe. Am 11. Januar kamen wir in Tschönn ting fu an und in demselben Gasthaus, wie im Oktober, unter. Ich wurde auch sofort wiedererkannt und freundlich bewillkommnet. Am Abend traf noch ein sehr hoher Mandarin, der nach Hsi Ngan Fu zog, mit unendlichem Troß ein. Die Diener spielten sich als Hauptstädter ganz besonders wichtig auf.
Am nächsten Morgen stellte sich Kavalleriebegleitung ein, die mir der Yamen gegen meinen Willen geschickt hatte. Die Leute benahmen sich sehr anständig und halfen mir, wo sie nur konnten. Ich kann auch den Kavalleristen, die ich fernerhin zur Begleitung bekam, nur dasselbe Zeugnis ausstellen; nie hat mich einer angebettelt, im Gegenteil, sie verweigerten sogar die Annahme von Essen oder Futter für ihre Pferde und waren stets ängstlich besorgt, daß ich ihnen auf die zur Rückkehr als Ausweis mitgegebene Visitenkarte etwas Anerkennendes schrieb.
Wir überschritten den Hu to Ho auf einer neu erbauten Brücke, die im vergangenen Herbst noch nicht vorhanden war, dann ging es wieder durch die entsetzlich staubigen Hohlwege auf Huolu zu. Unterwegs gab es mehrfach Aufenthalt durch entgegenkommende Wagen. Die Kavalleristen zwangen die Führer jedesmal, die Karren bis an die nächste Ausweichestelle zurückzustoßen. Schon der steile Paß von Huolu fiel der Witwe sehr schwer, sie stolperte mehrfach und sah recht müde aus. In Huolu ließ ich abfüttern und wurde in dem Gasthause von Leuten, die mir alles mögliche aufhalsen wollten, umlagert; natürlich ohne Erfolg. Ich kaufte nur einige Portionen vorzügliches geräuchertes Fleisch für die nächsten Tage. Es war hier ein sehr gutes Gasthaus, dessen erster Bedienter mir seine Verachtung, wegen meines gänzlichen Versagens als melkende Kuh, durch völliges "Schneiden" ausdrückte. Da wir einen sehr schwierigen Aufstieg zum beabsichtigten Nachtquartier hatten und doch auf den felsigen Wegen nicht reiten konnten, verteilte ich das Gepäck auf alle drei Tiere, und trotzdem wurde ihnen der Marsch recht schwer. Ich bekam vier Kavalleristen zur Begleitung mit; wir begegneten unterwegs einer Eselkarawane nach der andern, meist Kohlen zu Tal bringend. Vereinzelt trafen wir Gebirgs-Sänften.
Am Abend mietete ich noch für 200 Cash einen Esel zum Gepäcktragen nach Tsing-hsing. Beim Abmarsch am 13. Januar früh war der Mann mit dem Esel natürlich nicht da; die Frau hatte sich geweigert, dem fremden Teufel den Esel zu borgen, also wurde das Gepäck wieder auf die Stute gepackt, und in Begleitung eines Kavalleristen — die drei andern hatten sich verkrümelt — ging es weiter. Die Pässe waren ein Herauffallen und Herunterfallen für die des Kletterns über die Felsblöcke gänzlich ungewohnten Pferde, hauptsächlich die Stute und der dicke Pony brachten sich beinahe um. Es hatte sich noch ein Reisebegleiter eingefunden, der schon gestern da war und in demselben Gasthause übernachtet hatte; es schien so eine Art Yamenbeamter aus Tschönn ting fu zu sein, der mir zur Aufsicht mitgegeben war; im übrigen sorgte er ganz gut für uns und zeigte uns den Weg. In Tsing-hsing erschien ein neuer, während der alte Beamte die übliche Bescheinigung über anständiges Benehmen seinerseits verlangte und auch erhielt.
Der Weg hatte sich mehr und mehr belebt; große Maultier- und Eselkarawanen kamen uns entgegen, meist mit Kohlen beladen. Jedes einzelne Tier dieser Karawanen kannte seinen Weg ganz genau, denn selten sah man die Führer einmal eingreifen; nur von hinten hörte man ihr "Hoho, tata", oder "wowo"; jeder dieser Laute hat seine besondere Bedeutung, die die Tiere ganz genau kennen. Wenn eines mal nicht gehorchte, bekam es einige, kaum zu wiederholende Schimpfworte zu hören, seltener eins mit der Peitsche übergehauen; dann ging es sofort wieder ordentlich auf seinem Fleck. Fast alle hatten Maulkörbe um, damit sie unterwegs nicht stehen blieben, fraßen und dadurch die Marschordnung störten. An bestimmten Stellen des Weges werden Misthaufen angelegt, an denen die Tiere Halt machen, um sich zu erleichtern. Das ist tatsächlich kein Märchen, denn ich habe oft Gelegenheit gehabt, es zu beobachten. Dünger ist hier recht teuer, und es darf nichts verloren gehen; außerdem sah man überall kleine Jungen, die Mist aufsammelten. Beladen waren die Tiere mit zwei kreuzweise über den Sattel gelegten Säcken, oder mit zwei rechts und links am Packsattel befestigten Körben.
In Tsing-hsing ließ ich mir vom Yamenbeamten ein Maultier zum Gepäckschleppen besorgen. Der Weitermarsch war äußerst anstrengend, und als wir am Abend in Ho-tau-yüen, einem kleinen Gebirgsnest, anlangten, waren die Tiere derartig müde, daß sie sich sofort hinlegten und zuerst nicht fressen wollten. Nach dem üblichen Zank mit dem Wirt, der anfangs Silber nicht wechseln wollte und mich dann beim Wechseln zu betrügen versuchte, ging es am 14. Januar bei eisigem Winde weiter; Soldaten, Yamenbeamter, alles zog weiter mit. Die Kavalleristen wechselten mehrfach. Mir kamen die Wege sehr viel schlechter vor als im vergangenen Herbst; es mochte daran liegen, daß ich das letzte Mal mit in Gebirgstouren eingeübten Pferden marschierte. Der Verkehr war wie gestern; wir begegneten einem durch einen Infanteristen eskortierten Dieb, der auf dem Yamen Bambus-tschau-tschau[2] bekommen hatte. Er wurde von zwei Kulis in einem an einer Stange hängenden Korbe getragen und stöhnte ganz jämmerlich. Das Tragetier wurde einmal gewechselt, was sehr schnell ging. Meine kleine Karawane war jetzt schon ganz gut eingespielt: vorn marschierte ein Kuli mit dem Packpferde, alles andere lief lose hinterher ohne Führer, immer ein Tier hinter dem andern; jedes suchte sich so selbst seinen Weg zwischen den Felsblöcken. Hinten ging der Mafu, dann kam ich, zuletzt der Kavallerist.
[2] Bambus-tschau-tschau nennt der Europäer in China die auf dem Yamen verabreichte Prügelstrafe mit dem Bambusstock.
Ich blieb die Nacht in Hsilau-tou, und zwar in derselben Herberge, die ich im Herbst inne hatte; in der Nacht stand ich einmal auf, da die Pferde sehr unruhig waren, und faßte einen Chinesen beim Futterstehlen ab. Ich denke, er wird es ein zweites Mal nicht wieder tun. Merkwürdig war es, daß die meisten Leute meine große Stute zuerst für ein Maultier hielten; allmählich erst kamen sie dahinter, daß es ein Pferd war.
Am 15. Januar ging es weiter nach Pingting tschau. Einmal hatten wir links eine Tempelanlage, von einem bewaldeten Berge überragt; der Anblick bildete eine sehr angenehme Abwechslung in dem ewigen öden Grau in Grau. Allmählich trat Staubsturm ein.
Merkwürdig ist hier der außergewöhnliche Unterschied von Ort zu Ort in Maßen, Gewichten und Preisen; man weiß daher beim Einkauf auch nie, woran man eigentlich ist. In Pingting tschau schickte der kommandierende Offizier zu mir und ließ fragen, ob ich die Stute nicht verkaufen wollte. Ich forderte 500 Taels, was ihm etwas teuer zu sein schien; denn er ließ dann nichts mehr von sich hören.