Auf der Straße wurden sehr wohlschmeckende Reiskuchen, mit Pflaumen darin, und Honig-Aufguß ausgeboten; für uns waren sie einfach eine Delikatesse. Ich beobachtete hierbei die Reinigungsmethode der Teller. Der Verkäufer leckte sie zuerst nach Rückgabe höchst eigenmäulig rein, denn entnahm er einem Behälter einen breiten Pinsel und strich mit einer unbestimmbaren Flüssigkeit über den Teller; abgetrocknet wurde er dann am hinteren Teil der Hose. Sehr ermutigend sah das zwar nicht aus, hielt mich aber nicht ab, doch zu essen; man gewöhnt sich eben an vieles, und Hunger tut weh.
Die Gegend hier hat gemischte Bevölkerung, Chinesen und Mohammedaner, manchmal sogar innerhalb der Dörfer selbst, die Weiber der letzteren gehen verschleiert, sonst habe ich keinen Unterschied herausgefunden. Auf den Bergen lag auch heute wieder ein zerstörtes Dorf neben dem andern. Was hier an Wohlstand durch den Aufstand vernichtet worden ist, läßt sich kaum beurteilen. Übrigens muß auch der gesamte Verkehr vor den Kämpfen größer gewesen sein, denn viele der großen Absteigehöfe — sofort an der Anlage erkennbar — sind nicht wieder aufgebaut worden. Nach der Mittagsrast überschritten wir den Hsiau-sche-ho und folgten seinem rechten Ufer; es wurde immer wärmer und wir hatten gegen drei Uhr 30 Grad Celsius. Mir war schon beim Reiten mein Pelzrock zu warm geworden, und als ich beim Anpirschen wilder Enten wie ein Radfahrer schwitzte, zog ich den Rock aus und trennte kurz entschlossen den ganzen Pelz heraus zur unendlichen Freude meiner beiden Chinesen und des übrigen Publikums. Auf dem rechten, zehn Meter hohen, steil zum ungefähr einen Kilometer breiten Flußbette abfallenden Ufer liegt ein Dorf neben dem andern. Die meisten haben ein Kastell; ob dieses für Soldatenbesatzung bestimmt ist oder nur als Zufluchtsort bei Überfällen für die Einwohner dienen soll, konnte ich nicht erfahren, jedenfalls waren recht viele vorhanden, ein Zeichen, wie unsicher hier die Gegend noch immer sein muß. Die Leute rekeln sich faul in der Sonne; überall sieht man sie vor ihren Häusern kauern und nichts anderes tun, als sich gegenseitig die Läuse absuchen, Karten und ein Brettspiel mit Steinen wie unser Damespiel spielend, schlafend oder spinnend. Hierbei haben sie in einer Hand ein birnenförmiges Körbchen, in dem die Baumwolle sich befindet, unten ziehen sie den Faden heraus, der um ein Stückchen Holz gewickelt wird, das einen Meter tiefer hängt; dieses Stück drehen sie durch Anstoßen mit den Füßen. Meist sieht man alte Menschen männlichen Geschlechts bei dieser nützlichen Tätigkeit. Wo der Fluß nicht alles mit Kieselsteinen versandet hat, wird etwas Ackerbau betrieben, dessen Bewässerung durch die von den Bergen herabkommenden, geschickt aufgefangenen Schneewässer bewirkt wird. Die Leitungen hierzu gehen über die Hohlwege in Holzrinnen, die fast alle undicht sind. Marschiert man daher nicht im Staube, so watet man im knietiefen Schlamm.
Gegen vier Uhr abends, nachdem ich mich mehrmals, jedoch vergeblich, an die sehr schönen Enten herangemacht hatte, verengerte sich das Tal, rechts und links traten felsige steile Berge heran, über die nur Maultierpfade führten. Wir marschierten im Flußbette entlang, den Fluß auf den Kilometer gegen vierzigmal kreuzend. Er hatte infolge der Schneeschmelze viel ganz trübes Wasser, was bis über die Achsen der Karre ging. Mein Pony, der von dem langen Marsche sehr müde war, stolperte im Flusse mehrfach über die darin liegenden großen Steine, die er nicht sehen konnte; mitten in den gelben Fluten war das kein sehr angenehmes Gefühl.
Gegen 5½ Uhr erreichten wir Hsiau-Suitse, und richtig war alles in dem Neste besetzt, es konnte ja auch gar nicht anders sein, denn etwas abergläubisch ist am Ende jeder, und ich hatte heute Morgen meine Salzbüchse umgeworfen. Der chinesische General von Lantschau Fu befand sich auf dem Wege nach Hsi Ngan Fu, wohin er versetzt war. Gerade heute war er abmarschiert, und sein Riesentroß hielt jedes Zimmer und jeden Stall besetzt. Mit Not und Mühe und viel Geschimpfe auf den gänzlich ratlosen Mafu, der sich von den Kavalleristen verhöhnen ließ, bekam ich ein Zimmer, an dem Fensterrahmen und Tür fehlten, dann eine Krippe für die Pferde und zu geradezu horrenden Preisen etwas Stroh, den Hafer brachte ich selber mit. Das Fenster wurde mit der "wasserdichten" Lagerdecke verhängt, bei welcher Gelegenheit ich die Löcher in derselben zu meinem Kummer zählen konnte; sie hatte sich auf dem Packsattel durchgescheuert. Schließlich erkämpfte ich mir auch noch ein Stück Herd zum Kochen; diesen in seiner vollen Ausdehnung hatte ein unverschämter Koch irgend eines ganz geringen Herrn aus der Begleitung des Generals besetzt. Da gutes Zureden nicht wirkte, zeigte ich ihm meine Hand mit einer nicht mißzuverstehenden Geberde; das Mittel half vorzüglich. Er wollte mir nun sogar Essen schenken, aber stolz wie ein Spanier würgte ich, ihm dankend, meinen Reis hinunter. Für den Chinesen war es nur Formsache, "Wahren des Gesichts", er hätte sich wahrscheinlich sehr gewundert, wenn ich etwas genommen hätte.
Neben uns in einem ähnlichen Zimmer wohnten zwei Yamenbeamte, die soeben aus Tsin-tsiang kamen. Mein Mafu kam angsterfüllt an, dort gebe es nichts zu essen und alles wäre maßlos teuer. Ich ging hinüber und stellte fest, daß die beiden übel aussehenden Brüder ungefähr den Weg gekommen waren, den wir nehmen wollten, setzte aber meinem Mafu, um ihn zu beruhigen, an der Hand der Karte auseinander, daß wir eine ganz andere Straße marschieren würden, als diese beiden; denn wenn es nichts zu essen gibt, macht er nicht mehr mit, und ich glaube, daß er schon auf dem besten Wege war, nach Tientsin zurückzukehren. Der Mafu und der Karrentreiber waren am nächsten Morgen ordentlich durchgefroren und klagten über alle möglichen Schmerzen, weil sie eine Nacht einmal nicht auf ihrem glühenden Kang geschlafen hatten, sondern mit einem ungeheizten Zimmer ohne Tür und Fenster hatten vorlieb nehmen müssen. Ich ahnte schon, was folgen würde, und richtig pumpte mich der Karrenführer schon wieder an. Die Gesamtsumme des geborgten Geldes hatte jetzt gerade die Höhe seines Trinkgeldes erreicht, so daß von nun an der Geldladen geschlossen wurde.
Im Weitermarsch durch felsige Berge bekamen wir auf eine kurze Strecke den Hoang Ho in Sicht, den ich mir hier eigentlich mächtiger vorgestellt hatte. Dann ging es wieder durch Lehmberge und zuletzt in sehr steilem Abstieg zur Ebene hinunter. Auf zehn Kilometer hatten wir Lantschau Fu vor uns; man merkte bereits die Annäherung an die große Stadt; über ihr lag eine Dunstwolke, lebhafterer Verkehr herrschte auf der Straße, und auch die unendlich ausgedehnten Gräberfelder kündigten sie an. Es ging den letzten Teil durch große Tabakfelder; vorbei an einigen Soldatenlagern und hohen roten Tempelmauern gelangten wir zum Osttor, das wie alle anderen Tore von weithin sichtbaren Türmen gekrönt ist. Vor der Stadt kam uns im Galopp ein laut heulender Diener nachgeritten und fragte, ob wir nicht etwa den Mantelsack seines Herrn gesehen hätten, der ihm gestohlen worden war, während er in einer Kneipe saß. Er ritt weiter, jeden Menschen am Wege fragend. Die Sachen waren natürlich längst verschwunden und der Kuli wird zur Strafe für seine Unachtsamkeit wohl ordentlich Prügel gesehen haben. Am Tore stellte die Wache die üblichen Fragen an mich, noch hinzufügend, ob ich dienstlich hier wäre. Zum höchsten Erstaunen der Leute erwiderte ich, daß ich zu meinem Vergnügen reise. Ich wußte damals noch nicht, daß jeder, der im Besitze, eines Passes vom Auswärtigen Amt ist, sich auf Dienstreisen befindet.
Das Unterkommen war leidlich. Ich ließ sofort alle Sachen auspacken, die Decken wurden gesonnt, Wäsche zum Waschen gegeben, ein Schuster reparierte meine Schnürstiefel, ein Friseur schnitt mir mit meiner kleinen Nagelschere die Haare kurz. Er wollte mir durchaus nach chinesischer Sitte den Kopf halb rasieren, ich streikte jedoch energisch, und er machte seine Sache recht gut, wenn auch etwas langsam. Ich hatte mich auf den Hof in die pralle Sonne gesetzt; das Thermometer zeigte plus 31 Grad, und um uns herum hatten sich eine Menge Zuschauer gesammelt. Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn es dauerte zwei Stunden, bis er fertig wurde. Dann rasierte er mich noch einschließlich Schnurrbart. Gott sei Dank, daß meine gute Mutter mich nicht so sehen konnte.
Während der Mafu zum Yamen wanderte, um die üblichen Förmlichkeiten zu erledigen, ging ich mit einem kleinen Jungen als Führer zur Mission und traf dort drei Englisch sprechende Missionare und zwei Frauen. Ich ließ mich anmelden, wurde aufgefordert, näher zu treten und bekam Kaffee und Kuchen, die mir sehr wohl taten. Nebenbei gab es nichts von Interesse zu hören, eher umgekehrt; sie suchten aus mir herauszuholen, was es Neues in der Welt gab; der hier ansässige deutsche Missionar Bläsner nebst Frau war leider gerade jetzt nach Si-ning-fu verreist. Ich wurde für den nächsten Tag zum Lunch eingeladen und verabschiedete mich dann bald. Das Leben hier draußen macht zweifellos stumpfsinnig, hätte ich nicht fortwährend neue Gedanken für das Gespräch hervorgesucht, so hätten wir alle schweigend dagesessen; Männer und Frauen waren in chinesischer Kleidung. Als einzige Neuigkeit erzählten sie, daß in Lantschau Fu seit kürzester Zeit ein russischer Laden in der Hauptverkehrsstraße aufgemacht worden sei, in welchem Russen, die fertig Chinesisch sprächen, jedoch ihre russische Kleidung weitertrügen, verkauften. Die Missionare vermuteten Regierungsgeld hinter der Sache und den Beginn eines Attentates auf diese Provinz. Merkwürdig ist die Sache allerdings. Der älteste der Missionare, zugleich Superintendent für Kansu, befragte mich, ob ich auch eine Bibel mit hätte, was ich leider verneinen mußte; daraufhin mußte ich gleich mitgehen, um wenigstens hier fleißig in Herrn Bläsners Bibel zu lesen. — In dem Gasthaus hatte der Mafu unterdessen aufgeräumt, und zwar zum ersten Male unaufgefordert. Außerdem konnte er mir auch noch eine andere Delikatesse für morgen ankündigen, nämlich frische Kuhmilch.
Am 25. Februar morgens, als ich gerade aus dem Schlafsack gekrochen war, erschien bei meinem Wirt die Steuerkommission, um die Steuern zu erheben. Auch hier sind diese Leute gar nicht gern gesehen, da die Steuern recht hoch sind. Eine an allen Ecken angeschlagene Proklamation des Vizekönigs mahnt zur ordnungsgemäßen Zahlung. Ich gab dem Mafu meine Aufträge und wanderte dann zur Mission, wo ich Mr. Kenneth beim Unterricht einiger Chinesen fand. Wie anderswo sucht man auch in China zuerst Arme und Elende zu bekehren. Ich hörte zu, verstand jedoch wenig, habe auch wahrscheinlich nur gestört, da bei Anwesenheit des Europäers die Aufmerksamkeit fehlte. Nach dem Kaffee begab ich mich mit einem der jüngeren Missionare zur Nordfront, an der der Hoang Ho entlang fließt. Eine Pontonbrücke verbindet sonst die beiden Ufer; da jedoch das Eis gerade im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, war sie aus- und am Südufer aufgefahren. Es war sehr zweifelhaft, ob ich morgen noch hinüberkommen würde, was dann womöglich einen Aufenthalt von mehreren Tagen bedeutet hätte, da die Chinesen nicht wagen, über den eistreibenden Strom mittels der Fähre hinüberzusetzen. Am jenseitigen Ufer liegt, auf vielen Terrassen verteilt, eine malerische Tempelgruppe, Pai-ta-schan. Für mich zum Trost zog gerade von drüben über das Eis eine aus Tibet kommende Ponyherde; die Tiere waren kräftig und in guter Kondition, trotz des 3½ monatlichen Marsches. Die Treiber waren schmierig, in Felle gewickelt und grundhäßlich. Wir gingen die Nordfront entlang; den Weg besserten Soldaten aus; sie machten Witze über uns und wollten sich krank lachen. Dann kamen wir zu einer Wasserpumpe mit Dampfbetrieb, die einst ein fremdenfreundlicher Vizekönig hatte kommen lassen, um den Yamen mit Wasser zu versorgen; Gebäude und Maschinen stehen noch, daneben aber hat man das alte ursprüngliche chinesische Wasserschöpfrad angebracht. Man sieht, der jetzige Vizekönig Song, ein Mandschu, schätzt europäische Sachen nicht; das äußert sich sogar auch hier; jetzt standen übrigens beide Werke des Eises halber still. Wir wanderten weiter durch das Wassertor in die östliche Vorstadt und auf einer von verschüttetem und gefrorenem Wasser glatten Passage zum Pferdemarkt, wo kein einziges Pferd war; der Markt beginnt übrigens schon um 6 Uhr morgens; weiter zum vizeköniglichen Yamen in der Mitte der Stadt, der nichts Besonderes bietet, und dann zu einer Tabakmanufaktur. In der ersten, an der wir klopften, wollte man uns nichts zeigen; in der zweiten war man freundlicher. Auf den Dächern sortierten Weiber die Blätter, von denen es zweierlei Sorten, grüne und braune, gibt. Der grüne Tabak ist besser, folglich färbt man den braunen mit einer hier gewonnenen Pflanzenfarbe grün. Die Blätter werden erst getrocknet, dann ausgeschwungen, zerkleinert und kommen schließlich in eine Presse, wo sie zu einem ungefähr einen Kubikmeter enthaltenden Block zusammengedrückt werden. Von diesen Blöcken wird dann der Tabak mittels eines Hobels, der genau so aussieht wie unser Tischlerhobel, abgehobelt und in kleinere Pakete gepreßt; diese wiederum werden in Papier eingeschlagen, um entweder nach Schang-hai ausgeführt oder in der Stadt verkauft zu werden. In den unteren Räumen standen die Hobel, deren Bedienung sich auf kleinen Öfen Opium zum eigenen Gebrauch auskochte. Entsprechend ihrer Tätigkeit sahen die Leute ganz grün aus, so daß man sie auf der Straße sofort herauskannte. Hier liegen viele solcher Fabriken. Ich photographierte die Anlage und empfahl mich.
Wir kamen allmählich wieder zum Mittelpunkt der Stadt, wo in einem offenen Laden Missionare der China-Inland-Mission predigten, was übrigens vom alten Vizekönig nicht sehr gebilligt wird. Man erzählt sich hier, daß Song, Tuan, Tung-fu-hsiang und Yung-lu in Verbindung sind und ein neues Königreich gründen wollen. Dieses würde aus Kansu, Schensi, Tsin-tsiang, Sze-tschuan bestehen und Tuan zum König wählen, der in Hsi Ngan Fu, als seiner Hauptstadt, residieren würde. Ich halte dies für unmögliche Träume der sehr ängstlichen Missionare. Im übrigen ist jetzt, wo ich dies niederschreibe, der alte Yung-lu schon längst im Grabe und damit die mächtigste Persönlichkeit aus dem Quartett geschieden. Ich sah noch ein Arsenal, in das mir nicht erlaubt wurde, einzutreten, ferner eine Universität im Bau, in der es uns ebenso ging, und die russischen Läden in der Hauptstraße. Die Verkäufer waren Sarten aus Turkestan, wahrscheinlich Untergebene irgend eines chinesischen Großhändlers, die seine Waren aus Kaschgar hierher gebracht hatten. Von den ängstlichen Missionaren waren sie schon für Russen gehalten worden. Zugeben muß ich allerdings, daß ihre Waren meist russischen Ursprungs waren. Lantschau Fu soll gegen 250 000 Einwohner haben, doch auch hier ist die Zahl nur schätzungsweise festzustellen.
Ich ging am 26. Februar morgens ganz früh schon zum Hoang Ho und stellte mit großer Freude fest, daß das Eis noch stand. Die neue Karre war unterdessen, leidlich bespannt, eingetroffen, der Treiber war ein uralter Mann mit einer Riesenbrille, durch die er nichts sah. Ich beobachtete nämlich mehrfach, daß er sie abnahm, wenn er etwas genauer sehen wollte, aber die Brille gibt ein gelehrtes Aussehen. Nach üblichem Zank mit dem Wirt wegen des Bezahlens fuhren wir zuerst zur Mission. Wir kauften unterwegs noch Fleisch und Früchte für die nächsten Tage ein. An der Mission erhielt ich ein Briefpaket für den Missionar in Liang tschau fu, das ich versprochen hatte, mitzunehmen, ferner eine Büchse mit gutem Tee, der hier schon recht teuer ist, sowie einen Kuchen europäischer Herkunft geschenkt, alles sehr willkommene Beigaben. Der alte Mister Hunter, der mir die Sachen übergab, gefiel mir sehr, er ist ein einfacher Mann, der in seinem selbstgewählten Berufe aufgeht und sich nicht um Politik kümmert, er hat übrigens seinerzeit Sven Hedin bei seiner Durchreise begrüßt. Wir ritten weiter zum Nordtor, an dem ich heute ungefähr zum zwanzigsten Male nach woher und wohin, Stand und Visitenkarte gefragt wurde: "Ob ich nicht Missionar wäre?" "Nein." "Dann also Kaufmann?" "Auch das nicht." Daß ich Offizier sei, begriffen sie nicht; ein solcher muß mit großem Troß reisen, sonst kann es kein richtiger sein. Da sind wir Chinesen doch ganz andere Menschen, dachte sicherlich der weißbärtige Torwächter, milde und überlegend lächelnd.
Wir kamen glücklich über den gefrorenen Hoang Ho. Ganz dicht oberhalb war schon eine breite Rinne eisfrei; hier konnte es auch nur noch Tage dauern, bis der Fluß offen war. Von der anderen Seite, am Fuße des von vielen Tempelchen gekrönten Pei-ta-schan macht sich Lantschau Fu sehr hübsch. Man sieht hier erst, wie groß es mit allen seinen Vorstädten eigentlich ist. Südwestlich, auf einem Berge, einen halben Kilometer vor der Stadt, liegen vier mächtige quadratische Wachttürme, auf dem nächsten Berge die stark befestigte Mandschustadt; die Türme haben wahrscheinlich einst mandschurische Banner-Truppen beherbergt, die Chinesenstadt beobachtend. Lantschau Fu mit seinen vorgeschobenen Befestigungen sperrt das Hoang Ho-Tal vollkommen nach Westen zu ab. Wir durchschritten ein Tor, bei dem die Felsberge dicht an den Strom herantreten, dann erweitert sich das Tal, in dem Tabak- und Obstplantagen liegen, die mittels Schöpfräder vom Hoang Ho aus bewässert werden. Weiterhin geht es rechts ab in felsige Berge mit rötlicher Grundfarbe, die teils ganz merkwürdige Formationen zeigen. Kegelförmige Kuppen fallen in einem Teil ihres Abhanges ringsum senkrecht ab, so daß sie unersteigbar sind; mehrfach liegen Befestigungen längs des Weges. Am Abend kamen wir nach Yü-dia-wan in dem der "Dau"[3] Erbsen, mit denen man hier die Pferde füttert, über 3½ Taels kostet, ein geradezu unverschämter Preis. Der Himmel sah den ganzen Tag nach Schneefall aus, das Wetter hielt sich aber noch. Der Mafu verlor zum ungefähr zehnten Male den Anbindestrick für den dicken Pony. Ich drohte ihm an, von jetzt ab das Geld dafür von seinem Lohn abzuziehen.
[3] Dau = Raummaß (sehr wechselnd).
In der ganzen hiesigen Gegend bis Ping fan war seit vollen zwei Jahren kein Tropfen Regen gefallen, dementsprechend die enormen Preise, da alles angefahren werden mußte. Es waren viele Leute gestorben, viele ausgewandert, mit einem Worte, es herrschte Hungersnot; doch davon hatten die Missionare in Lantschau Fu keine Ahnung. Man sah viele Felder brach liegen: was ich zuerst von weitem für Schnee hielt, entpuppte sich als Salpeter, auch wird in hiesiger Gegend Salz gewonnen. Selbst in den tief eingeschnittenen Schluchten war kein Wasser mehr vorhanden, das wenige ganz bittere verweigerten sogar die Pferde. Unser Koch- und Trinkwasser wurde meilenweit vom Hoang Ho hergetragen; ich mußte für die Kanne Teewasser 30 Cash zahlen. Mein Mafu benutzte die Gelegenheit, um das Waschen gänzlich ausfallen zu lassen. Das Land blieb auch weiterhin bergig; man sah zuweilen Ziegen- und Schafherden; letztere sind Fettschwanzschafe, ganz weiß bis auf wenige schwarze Flecken. Die Ziegen findet man in allen Farbenschattierungen. Der Boden zeigte große Sprünge vor Trockenheit; Staub lag auf den Wegen mehr als fußhoch, man konnte sich gar nicht davor schützen. Der Verkehr war gering, nur wenige Reisende, ab und zu ein Karren mit Getreide, das war alles.
Zuweilen lag auf einem der Gipfel ein einzelnes Gehöft, wie eine Burg; es sind Mohammedaner, die sich da oben so absondern. In einem Nest, durch das wir kamen, wurde immer noch Neujahr gefeiert, beinahe so, wie bei uns zu Fastnacht. Da tanzten vier als Nachen kostümierte Leute eine Quadrille, einer mit einem Mond als Maske dirigierte mit einem Stock, je zwei Violinspieler und Trompetenbläser, Pauken, Becken und Trommeln bildeten die Musik. Der Tanz war höchst graziös und dabei doch hochkomisch. Auf einer andern Stelle tanzten zwei als Mädchen verkleidete, mit einem als "alten Mann" kostümierten eine sehr niedliche Pantomime und man sah noch viele andere hübsche Gruppen. Durch mich ließen sie sich gar nicht stören, nur meine Pferde wollten nicht vorbei; schließlich bildete die ganze Gesellschaft einen langen Zug, zog in den Ort und machte bei jedem Kaufmann solange Katzenmusik, bis dieser eine Flüssigkeit, welche der Chinese Wein nennt, herausrückte.
Abends in Tschun-tschönn-pu kamen wir in einem sauberen, hübschen Gasthof sehr gut unter. Gegen 7½ Uhr war auch hier zur Neujahrsfeier große Illumination; ich ahnte hinten in meinem Zimmer gar nichts davon, bis mich der Mafu herausrief. Der Anblick war wirklich wunderhübsch, alle Straßen waren beleuchtet, vor jedem Hause hingen in vier Felder geteilte lange Laternen, und zwar über die Straßen hinweg von Haus zu Haus, bei den Wohlhabenderen aus weißer, bemalter Seide, bei Ärmeren aus bunt bemaltem Papier. Die Tempel waren mit offen brennenden, Kreise, Zickzacklinien und chinesische Schriftzeichen darstellenden Lämpchen erleuchtet, ebenso der Mittelbau der Stadt, die hohen Stadttore und der daran stoßende Teil der Mauer. Kein Haus hatte sich ausgeschlossen. Ich habe selten eine so vollkommene Beleuchtung gesehen. Ich wanderte in Hausschuhen und Lederjacke durch die Straßen; es berührte sehr angenehm, daß man keine betrunkenen oder skandalmachenden Menschen unter der auf- und abwogenden Menge sah; jeder war vergnügt und lustig, ohne Radau zu machen. Die Kinder waren meist in Begleitung der Eltern oder vielmehr der Väter, die sie an der Hand führten. Überall wurde mir höflich Platz gemacht, und als ich einer mit Musik herumziehenden maskierten Gesellschaft aus freien Stücken einige Cash als Trinkgeld opferte, war allgemeiner Jubel. Man sieht hier so recht, was für ein friedfertiger und harmloser Mensch der Chinese ist, wenn er nicht aufgestachelt und verhetzt wird. Spät am Abend war noch großes Feuerwerk, in dem die Chinesen ja bekanntlich Meister sind.
Entlang dem Ping fan Ho ging es am nächsten Tage weiter; es ist staubig und die Gegend ziemlich flach. In der Ferne sah man hohe, schneebedeckte Berge erscheinen, es werden wohl die Berge zwischen Ping fan und Liang tschau fu gewesen sein. Beim Abreiten rissen die Stute und der Dicke aus; ich ließ nämlich in der letzten Zeit immer diejenigen beiden Pferde, die nicht geritten wurden, lose nebenher laufen, was sie bis dahin auch ganz gut getan hatten. Der Mafu konnte seines verletzten Knies halber immer noch nicht reiten oder gab es wohl nur vor, da es ihm bequemer war, auf der Karre zu fahren. Wir hatten die Pferde bald wieder, waren jedoch kaum 8 Kilometer von dem Ort entfernt, als sie in voller Karriere in den Ort, der ihnen unbedingt sehr gut gefallen haben mußte, zurückliefen. Ich ritt eiligst hinterher und fand sie, nachdem ich ungefähr eine Stunde gesucht hatte, wieder, aber der Dicke wollte nicht mit. Da Umsatteln mit den drei Tieren an der Hand nicht möglich war und die Chinesen nicht helfen wollten, setzte ich mich kurz entschlossen auf den blanken Pony und ritt in schlankem Galopp zurück. Halbwegs zur Karre traf ich den Mafu, der nun den ungesattelten Pony weiter reiten mußte, was ihm sehr wenig Spaß machte. Unterdessen hatte sich Staubsturm aufgemacht, so daß wir völlig unkenntlich um 4 Uhr in Ping fan, einem kleinen Ackerbürgerstädtchen, anlangten. Die Leute hatten gehört, daß ich einen Pony verkaufen wollte; sie kamen in mein Gasthaus und boten mir für Nepomuk 10 Taels, was mir zu wenig war. Der Mandarin schickte mir Essen, außerdem gab es wieder einmal Milch, die allerdings stark verdünnt war. Ich kaufte dann noch für die nächsten Tage, da es im Gebirge voraussichtlich nichts gab, Hafer ein.
Am 1. März morgens mußte ich erst den Karren, mit dessen Inhaber ich akkordiert hatte, durch Leute vom Yamen holen lassen; schließlich stellte sich ein offener, mit zwei wie Mastschweine fetten Ponies bespannter Karren ein. Sie stöhnten schon beim Anziehen, bewährten sich aber schließlich ganz gut. Um 9 Uhr kamen wir glücklich weg und marschierten dem Ping fan Ho entlang. Auffallend waren hier die unzählig vielen Wildtauben. In Wu-tschang-yi machten wir kurze Rast; in unserer Herberge waren zwei entsetzlich schmutzige, wandernde Lamas, die aus Lhassa kamen. Sie hatten zwei von den entzückenden "Peking-Hündchen" mit sich, die sie an mich verkaufen wollten; ich hätte sie auch ganz gern genommen, konnte mich aber jetzt mit solchen verwöhnten Tierchen nicht einlassen. Weiterhin nahm die Gegend einen steppenartigen Charakter an. Unten am Flusse waren sehr viele Fasanen, von denen ich einmal einen schoß. Auf den Berghängen weideten starke Schaf-, Ziegen-, Rindvieh- und Pferdeherden, meist alles durcheinander gemischt. Gegen 5 Uhr nachmittags fingen die großen Steppenmäuse an zu pfeifen; ich wußte zuerst gar nicht, was das eigentlich war und dachte, die Laute kämen von irgend einer Vogelart, bis ich die Tiere laufen sah. Auch hier lagen alle Dörfer in Trümmern, in denen nur die Hirten hausten; man sah kaum noch einen Acker, alles wurde allmählich wieder zur Weide. Der Sonnenuntergang war wunderschön, die mit Schnee bedeckten Berge im Westen waren ganz purpurn, dann lila, bis sie schließlich in der Dunkelheit verschwanden. Von fern hörte man die tiefen Töne der Kamelglocken und das Klingeln der Pferdeglocken, was einen feierlichen Eindruck machte. Man merkte, daß man in ein ganz anderes Land gekommen war, "die Steppe".
Gegen Abend, es war schon vollkommen dunkel, waren wir in Za koyi. Wir suchten in allen Häusern und fanden kein Unterkommen, überall waren Mongolen mit ihren Pferden und Karren. Am kommenden Tage sollte hier Theater und großer Pferdemarkt sein; außerdem besorgten sie ihre Frühlingseinkäufe hier; ich war also gerade zur rechten Zeit gekommen. Schließlich räumte mir ein liebenswürdiger Schanguida sein eigenes Zimmer ein, so daß ich wenigstens ein Unterkommen hatte; es stieß an den großen allgemeinen Raum. Ich verhing gleich die Tür mit einem Woylach, denn auf dem allgemeinen Kang lagen mindestens fünfzehn Opium rauchende Kaufleute, und ich habe den süßlichen Geruch der Opiumpfeife nie vertragen können. In einer anderen Ecke des Hofes waren die Mongolen um ein großes offenes Feuer, mit brodelnden Kesseln darüber, versammelt. Ich wurde wie ein Wundertier angestaunt; jedoch sind auch die Mongolen freundliche Menschen. Ich bekam einen Pferdestall, etwas Stroh, Tee und zwei alte Brötchen, mehr war nicht aufzutreiben, nicht einmal ein Licht gab es. Trotz Gestank und ewigem Radau schlief ich recht gut und wurde morgens nach meiner Toilette durch die liebenswürdige Gabe einer Flasche guter Milch vom Oberlama der Mongolen überrascht. Da ich seit 24 Stunden nichts Ordentliches bekommen hatte, kann man sich denken, wie mir die Milch schmeckte.
Wir marschierten weiter, und zwar an einem Teil der großen Mauer entlang, die sich im Grunde des Flusses dahinzieht. Sie ist hier aus Lehm, 3½ Meter hoch, nicht sehr breit und gänzlich im Zerfall; große Stücke fehlen gänzlich, die Wachttürme sind alle eingefallen; man erkennt noch von Kilometer zu Kilometer die alten befestigten Soldatenlager. Die Chinesen sagen, die Mohammedaner hätten die Mauer zerstört, letztere behaupten das Gegenteil. Ich persönlich glaube, daß keiner von beiden der Täter ist, sondern daß der Zahn der Zeit auch hier seine Macht gezeigt hat. Der Fluß bildet jetzt die Scheidegrenze; drüben, also nördlich, wohnen die Mohammedaner. Za koyi war vor dem großen Aufstand mohammedanisch, jetzt ist es ganz chinesisch. Die Mohammedaner sind damals hinausgeworfen worden, wie mir die Chinesen schadenfroh erzählten. Merkwürdig ist es eigentlich, daß zwischen Mohammedanern und Konfuzianern sich derartig scharfe Unterschiede herausgebildet haben; im Aussehen sind sie überhaupt nicht auseinanderzuhalten.
Heute strömte alles zum Theater, meist reitend, und in was für einem Tempo! Hier konnte man allerdings Paßtraber sehen, bei denen ein galoppierendes Pferd, um mitzukommen, schon guten Mittelgalopp laufen müßte. Die meisten Pferde waren sehr hübsch aufgeputzt, mit Schleifen in Mähne und Schweif, mit Silberbeschlag am Sattel und am Zaumzeug, bei manchen waren die Schweife in einen dicken Zopf geflochten, die Mähne in viele kleine Zöpfe. Die Weiber der Mongolen, wie die Männer reitend, tragen das Haar gescheitelt, in der Mitte und zu beiden Seiten in viele kleine Zöpfchen geflochten und in diese auf beiden Seiten einen 15 Zentimeter breiten, bis zu den Füßen reichenden Behang mit verschiedenen Querverbindungen eingeflochten. Letzterer ist teils mit kleinen Muscheln, teils mit Messingzieraten, selbst mit Korallen und Silber reich bestickt. Wie die Männer tragen sie Mützen aus Fuchspelz, hinten mit zwei langen, fliegenden Bändern, außerdem hohe, lederne Stiefel; das Ganze sieht sehr hübsch aus, nur sind sie zu schmutzig. Sie hatten gar keine Scheu vor mir, nur das Photographieren litten sie nicht, während sich die Männer dazu drängten.
Ich sah unterwegs Pferde einbrechen. Erst wurden sie gefesselt, nachdem sie aus der Herde eingefangen waren; dann wurde ihnen die Trense aufgelegt; man hielt ihnen dazu das Gebiß so lange vor die Lippen, bis sie danach bissen, dann hatten sie die Trense sicher im Maul. Nun kam ein Junge darauf, der wie eine Klette festhing; zwei Leute führten das Pferd und longierten es an einem langen Strick, bis es müde war, dann ritt es der Junge ohne Longe weiter. Die meisten Pferde benahmen sich hierbei sehr vernünftig.
Wir hatten scharfen Nordwest, so daß man trotz 25 Grad Wärme in der Sonne fror. Mittagsrast machten wir in Tsing-hsiang-pu, wo es wieder prachtvolle Milch gab, dann mußten wir über den Fluß, was bei jedem der verschiedenen Arme desselben einen Auftritt mit dem Pony gab, welcher in der Karre als Têtenpferd zog. Ich ritt schließlich immer vorn weg, der Führer den Pony im Geschirr hinter mir her, während der Mafu auf der Karre die Peitsche handhabte. Der Weg ging dann, den Fluß verlassend, in die Berge. Das Tal sperrt auf jeder Flußseite eine Befestigung; die nördliche ist mit achtzig Soldaten besetzt. Auch die große Mauer kreuzt den Fluß und geht ebenso wie der Weg in die Berge. Schon als wir noch im Tal waren, kam von Nordwesten ein weißer, dichter Nebelschleier über die hohen Bergspitzen, und im Begriff, den steilen Paßweg zu ersteigen, war der Staubsturm da, einer von denen, die den Sand schon in der Luft mitbringen und nicht erst aufwirbeln. Die Sonne verschwand bald und wurde nur zeitweilig wie ein roter, glanzloser Ball sichtbar. Übrigens ist die hiesige Gegend wegen ihrer auffallenden Temperaturschwankungen und Staubstürme berüchtigt. Das Thermometer fiel sofort bis 0°C und hielt sich darauf. Mir war höchst unbehaglich zu Mute, die Milch war zu kalt gewesen und wirkte reißend. Weder für die Fasanen noch für Steinhühner hatte ich Augen, dafür aber scheußliche Bauchschmerzen. Gegen 3¾ Uhr waren wir oben; ein Tempel krönte auch hier den Paß. Leute kamen uns mit einem mächtigen toten Wolfe entgegen, der in der letzten Nacht im Dorfe jenseits des Passes erschlagen worden war.
Bergab ging es nun schneller, aber wir hatten den Wind gerade von vorn. Die Bäche waren alle aus den Ufern getreten und ganz gefroren; sie sahen aus wie Gletscher und waren beim Überschreiten recht unangenehm. Am Abend langten wir in dem von hohen Bergen eingefaßten Lung-go-pu an. Nördlich liegt der Ho-di-wan-schan, südlich der Scha-tsui-tai-schan, der Paß, den wir hinter uns hatten, heißt der Wu schy ling. Die steilen Abhänge zeigten rötliche Farbe, vereinzelt sah man kleine Waldparzellen. Der Lung-go-pu-ho, der in das Liang-tschau-sui fließt, war offen und hatte ziemlich viel Wasser; unterwegs trieb er viele Mühlen. Das Unterkommen machte wiederum große Schwierigkeiten, da alle Gasthäuser besetzt waren; schließlich mußten wir sämtlich mit einem kleinen Zimmer vorlieb nehmen. Der Wirt hatte einen europäischen Nachttischleuchter, den er auch gleich herbeibrachte; wie mag dieser nur hierher gekommen sein! Nachdem ich einen Riesentopf voll Reis gegessen hatte, wurde mir abends wohler, so daß ich noch die größte Lust hatte, auf Wolfsjagd zu gehen, jedoch war kein Chinese zu bewegen, sogar für Geld, als Führer mitzukommen.
Der Wind hatte am Morgen des 3. März aufgehört, der Himmel war noch halb bedeckt und es herrschte eine Kälte von minus 9 Grad. Es ging im Tal weiter abwärts, und da der Fluß unterhalb noch teilweise gefroren war, mußte man beim Überschreiten sehr vorsichtig sein, um nicht in eines der Löcher zu fallen. Dort, wo die kleinen Nebenflüsse mündeten, war der Übergang über das Eis sehr schwierig. Ich sah einen Maultierkarren dabei ins Rutschen kommen und gleich fünfzig Schritte abwärts sausen; wir kamen überall glatt hinüber. Die Mauer begleitete uns rechts über die Berge. Mitten am Wege steht ein kolossaler Felsblock, auf den die meisten Vorübergehenden mit Steinen anschlagen, so daß der Stein über und über von den kleinen Anschlagstellen weiß ist, es soll gegen Krankheit helfen. Der Stein weist auch mehrfach alte, fast verlöschte Inschriften auf. Gegen Mittag wandte sich das Tal nach Norden zu und man hatte einen Einblick in die unermeßliche Ebene; das Tal wird von einer Sperrfestung, Gulang Hsien, abgeschlossen, bis wohin unsere Karre verpflichtet war.
Gegen 11 Uhr vormittags langten wir dort an. Ich sandte meinen Mafu mit Visitenkarte und Paß zum Yamen, wo man ihn ungefähr zwei Stunden warten ließ und mit dem Bescheide zurückschickte, der Yamen gäbe heute keine Karren. Ich versuchte nun selbst eine solche zu mieten, fand aber nur Ochsenkarren. Daher schickte ich den Mafu nochmals zum Yamen, um unter Hinweis auf den Paß und unter der Erklärung, daß ich keinen Karren bekommen könnte, ihn zu bitten, mir beim Mieten eines solchen behilflich zu sein. Man ließ den Mafu wiederum 1½ Stunden warten, dann kam er in Begleitung eines Schreibers zurück, der nicht gerade sehr höflich war und mir erklärte, der Yamen gäbe keine Karren, sein Herr wünschte jedoch meine Photographie zu haben. Ich wies das Ansuchen und den Mann zurück, der mich vollkommen als seinesgleichen behandelte, obwohl er meinen Paß gesehen hatte. Ich sandte den Mafu nun zum dritten Male zum Yamen und ließ ihn um die Visitenkarte des Beamten ersuchen; man hatte mir dieselbe nicht mitgesandt. Die Leute in der Stadt hatten mittlerweile gehört, daß die hohe Obrigkeit mich schlecht behandelte, und jetzt weigerten sich selbst die Ochsenkarrenführer, zu fahren. Ich verfügte mich nun selbst zum Yamen, meinen Mafu mit meiner Visitenkarte vorausschickend, um mich anzumelden. Da es mir zu lange dauerte, bis er zurückkam — der Mafu hatte augenscheinlich Angst vor dem chinesischen Beamten —, ging ich selbst hinein, wo ich eine Gerichtssitzung vorfand. Die Diener wollten mich sofort hinausweisen; da ich durchaus nicht beabsichtigte, die Gerichtssitzung zu stören, ging ich in einen Nebenraum rechter Hand. Dort schrien mich sofort Schreiber und Bediente auf die unverschämteste Weise an. Nachdem ich mir dieses sehr energisch verbeten hatte, legte ich noch einmal meinen Wunsch klar; man antwortete mir, ich solle warten, bis der Beamte mich empfangen würde. Da dies wahrscheinlich mehrere Tage gedauert hätte, antwortete ich, daß ich nicht eher den Yamen verlassen würde, als bis man mir das Mieten einer Karre ermöglicht hätte. Nun merkten die Leute, daß ich Ernst machte und gaben mir daraufhin zwei Diener mit, die den ersten des Weges kommenden, Dünger fahrenden, mit einem elenden Pony bespannten Karren zwangen, in den Hof meines Absteigequartiers mitzukommen. Der Führer spannte dort sofort aus und war nur durch doppelte landesübliche Bezahlung im voraus zu bewegen, zu fahren. Um überhaupt vorwärts zu kommen, war ich gezwungen, später Nepomuk in die Karre einzuspannen. Da mir das Benehmen des Beamten doch zu unverschämt erschienen war, sandte ich über dieses Erlebnis einen Bericht an die kaiserliche deutsche Gesandtschaft nach Peking; außerdem schrieb ich es meinem Freunde Goo-ta-jen nach Hsi Ngan Fu. Ich glaube, daß besonders der letzte Brief seine Wirkung nicht verfehlt haben wird, da Goo-ta-jen mir sehr wohlgesinnt war und genug Einfluß hat, um die schlechte Behandlung eines mit Regierungspaß reisenden fremden Offiziers zu sühnen. Ich war schließlich so in Wut gebracht, daß ich am liebsten einen verhauen hätte. Die Chinesen amüsierten sich über meinen Ärger ungemein.
Es war natürlich sehr spät geworden, bis wir unser beabsichtigtes Nachtquartier Schan-ta-tschwang erreichten; denn in dem ungastlichen Gu lang Hsien wollte ich keinesfalls bleiben. Wieder einmal gab es nichts zu essen, und auch am 4. März morgens mußten wir hungrig abziehen, da ich sehr früh aufbrach, um zeitig nach Liang tschau fu zu kommen. Der Weg war mehr als schlecht, die Felder lagen brach und die Dörfer waren zerstört. Unterwegs trafen wir den Liang tschau fuer Taotai, der mit großem Gefolge nach Lantschau Fu reiste, um dem Vizekönig dort seine Aufwartung zu machen. In Liang tschau fu angekommen, versuchten wir erst, im Innern Unterkunft zu finden; wir fanden jedoch kein großes Gasthaus, mußten umkehren und kamen dann außerhalb, dicht am Osttor, das Sven Hedin in seinem Werk abgezeichnet hat, ganz gut unter. Ich nahm die übliche große Reinigung mit mir vor und ging dann zur Mission, um mein Paket und die Briefe abzugeben. Ich wurde dort auf das Liebenswürdigste empfangen und blieb ungefähr eine Stunde. Liang tschau fu ist recht groß und hat ganz chinesische Bevölkerung, ohne Mohammedaner; Mongolen sieht man hier nicht. Die Mandschustadt liegt 2½ Kilometer außerhalb, abgesondert für sich; dort führen die Mandschus ihr faules Dasein, nichtstuend und noch vom Staate unterstützt. Ich packte am Abend mein gesamtes Zeug um und hielt Generalrevue über die Vorräte ab, um die für die Wüstenreise nötigen Einkäufe zu machen. Mein Mafu mußte dann Kochtöpfe, Lichte, Reis, Mehl, Zucker, Salz, Brot etc. etc. besorgen. Der Betrieb in den Straßen war sehr lebhaft.
Ich erkundigte mich über die Mission, oder vielmehr es kamen Chinesen zu mir, die sich bei mir über die Mission unterrichten wollten. Sie erzählten mir, daß die protestantischen Missionare so gut wie gar keinen Erfolg haben, während die katholischen, die außerhalb wohnen, eine feste Stellung besitzen und zu ihrer Gemeinde Chinesen gehören, die schon in der fünften Generation sich zum christlichen Glauben bekennen. Die Missionare verschiedener Bekenntnisse verkehren gar nicht untereinander, und die Chinesen fragten mich nun: "Sage einmal, wer hat von den beiden recht? Der katholische Missionar sagt: dasjenige, was der protestantische Missionar predigt, sei falsch, und der protestantische in der Stadt behauptet wieder das Gegenteil." Ich mußte ihnen die Antwort darauf schuldig bleiben. Am 5. März, 8 Uhr, war ich zum Frühstück in der Mission eingeladen und mußte der Andacht der Missionare und schließlich noch der Andacht mit drei Chinesen beiwohnen, die bestimmt sind, dereinst Christen zu werden. Es waren Bediente aus der Mission, die wahrscheinlich, sobald sie diese verlassen, gar nicht daran denken, Christen zu werden oder zu bleiben, sondern jetzt nur heucheln. Die Andacht wurde im englischen Stil abgehalten und reihum ein Kapitel aus der Bibel gelesen. Da jeder sich natürlich seinen Absatz vorbereitend ansah, um nachher beim Vorlesen keine Fehler zu machen, fehlte die Andacht vollkommen. Darauf hielt einer der Missionare eine kurze Predigt über das Gelesene, und der Schluß war ein von einem der Chinesen gesprochenes endloses Gebet, bei dem man knien mußte. Die Mission besitzt hier einen schönen Yamen mit reichlich genügendem Raum, darunter zwei Betsäle und Wohnräume. Die Räume sind einfach und geschmackvoll eingerichtet, nur die Christen fehlen.
Ich hatte meinen Mafu wieder einmal ausgeschickt, um Nepomuk, dessen Widerristdruck aufgegangen war, zu verkaufen. Er fand einen Chinesen, mit dem ich nach einiger Zeit für zwölf Taels handelseinig wurde. Jetzt sollte also der gute Nepomuk nach Hsi Ngan Fu zurückwandern; seinen neuen Besitzer biß er als erste Begrüßung gleich in den Arm. Später brachte mir der Mafu anstatt der zwölf Taels Verkaufsgeld für den Pony nur zwei Taels in bar und für zehn Taels Arzneien; er behauptete, daß der Käufer kein Geld hätte. Ich wollte ihm sofort auf die Bude rücken, mittlerweile war aber das Tor geschlossen worden und der Kerl natürlich längst entwischt; alles Schimpfen half nichts; der Mafu begriff mich übrigens nicht und behauptete, wir würden später 60 bis 80 pCt. an den Latwergen verdienen. Da mein Mafu immer noch nicht reiten konnte oder wollte, schaffte ich vorläufig keinen neuen Pony an und sparte dadurch eine Menge Futterkosten.
Abends besuchten mich Chinesen, die auch nach Tsin-Tsiang reisten; sie kamen aus Hunan bzw. Hupeh und gingen nach Maralbaschi, welches ich später auch zu berühren gedachte. Mein Mafu war mit der neuen Reisegesellschaft sofort sehr einverstanden, während ich vermutete, daß die Chinesen sich meiner nur als Beschützer in den unsicheren Gegenden versichern wollten. Der Yamen hier riß sich die Beine für mich aus. Der Mandarin war von meinem Vorfall in Gu lang Hsien unterrichtet worden, hatte denselben sehr bedauert und war nun doppelt entgegenkommend und liebenswürdig gegen mich. Schließlich kaufte ich noch einen Sack Kartoffeln und ein großes Stück Butter mongolischen Ursprungs, das mir in einem Kuhmagen angebracht wurde.
Alles ging am 6. März morgens ausnahmsweise glatt von statten. Der Karren war zur Zeit da, der Geschäftsführer war mit seinem Gelde zufrieden und ich hatte sehr gut geschlafen. Wir zogen erst mit einem Gefolge von ungefähr zehn Yamenmenschen, nach chinesischer Sitte immer einer hinter dem andern reitend, ich in der Mitte, was sich sehr prunkend ausnahm, durch die ganze Stadt. Als wir zum Westtor kamen, hatten sich aber alle, bis auf einen einzigen, verkrümelt; es fand sich schließlich noch ein berittener Beamter ein, der mich sofort nach meinem alten Rennfreunde, Felix Boos, fragte. Er hatte ihn vor Jahren in dieser Gegend begleitet. Zuerst ging es durch unendliche Gräberfelder, jedes Grab ein kleiner Steinhügel, dann durch die langweilige, über und über mit Steinen bedeckte Ebene, bei weitem der schlechteste und für Mann und Pferd ermüdendste Teil der ganzen bisherigen Reise. Man kam nur sehr langsam vorwärts, und meinen armen Tieren taten die Beine sehr weh, was sich in Se-sche-li-pu während der Mittagsrast dadurch äußerte, daß sie beim Füttern fortwährend hin- und hertraten. Abends in Fung lo pu trafen auch unsere neuen Freunde von gestern Abend ein, für die der Mafu schon ein Zimmer reserviert hatte. Er hatte ein auffallendes Interesse an diesen Leuten.
Weiter am 7. März durch öde, steinige Gegend; links lagen hohe Berge; wir mußten schon nach 15 Kilometern rasten, da es auf dem ganzen ferneren Weg kein Gasthaus gab; der Ort hieß Baba. Es war trotz der 30 Grad Celsius in der Sonne kalt und man fror. Die Berge südlich verschwanden allmählich in einer dicken schwarzen Wolkenwand. Auch die Sonne verschwand, nur nördlich war noch ganz klarer blauer Himmel. Allmählich wurden rechts und vor uns Hügelreihen sichtbar; wir marschierten wieder im Steppengelände mit dicken Grasbüscheln. Der Weg war immer noch schlecht, auf der Karre schlief alles, alle paar Minuten mußte ich die Gesellschaft anrufen, sonst wären wir überhaupt nicht mehr von der Stelle gekommen. Die einzeln liegenden Höfe waren auch hier festungsartiger als früher, mit an den Ecken vorspringenden Türmchen und einem getrennt liegenden, mehrstöckigen, hohen, zur Verteidigung bestimmten Wartturm.
Gegen 4½ Uhr langten wir in Yung chang Hsien an. Gleich hinter den Toren rief mir ein Mann ein paarmal "Yang quetze!" (fremder Teufel) nach. Ich stieg ab, ging hin und verwies es ihm, woraufhin er mich mit der Faust vor die Brust schlug. Leider war er an den Falschen gekommen, denn ich boxte ihm sofort einige Abfuhren ins Gesicht, so daß er unter dem Gelächter der sich allmählich versammelnden Leute blutend abzog und den Mund hielt; wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Wir kamen in einem Gasthaus unter, in dem für irgend ein erwartetes hohes Tier mehrere Zimmer tadellos hergerichtet waren. Der Mandarin des Ortes schickte sofort Lichte und Tee, und versprach auch Essen zu schicken, leider kam nichts. Man hatte zuerst angenommen, die erwartete Exzellenz wäre angekommen, was aber nicht der Fall war, auch der Tee und die Lichte waren für die hohe Persönlichkeit bestimmt gewesen, ebenso die schöne Einrichtung der Zimmer. Als die Yamenleute nun merkten, daß nicht der Mandarin, sondern ein Europäer gekommen wäre, schnitten sie mich gänzlich. Ich sandte den Mafu zum Yamen mit der Aufforderung, den Mann, der mich beschimpft hätte, zu bestrafen, im gegenteiligen Falle würde ich den Vorfall sofort nach Peking melden. Wie ich später hörte, hat der Bambus an demselben Abend noch nützliche Arbeit getan.
Bei sturmartigem Nordost ging es am 8. März weiter. Der Himmel sah nach Schnee aus. Um 9 Uhr fing es an zu schneien, erst wenig, dann schärfer, der Wind nahm zu, kam aber, Gott sei Dank, von rückwärts; es war schließlich ein richtiger Schneesturm. Wie der uns begleitende Mann vom Yamen den Weg in der Steppe fand, ist mir unklar. Gegen 2 Uhr wurde der Wind schwächer, der Schnee blieb liegen, denn es schneite erheblich stärker. Gegen 3 Uhr waren wir am Ziel, und es war gänzliche Windstille eingetreten.
Im Schneesturm zogen große Mengen von Wildgänsen südwestwärts. Im Liang-Tale pirschte ich mich vergeblich an Enten heran, des Schneetreibens wegen war mir der Schuß zu unsicher. Es soll hier schon viele Antilopen geben, aber trotzdem ich den Leuten für die Führung ein ganz ansehnliches Trinkgeld bot, wollte mich keiner begleiten; der Chinese ist eben gänzlich ohne Passion für die Jagd. Unterwegs sahen wir zweimal Füchse. In unserm Gasthause trafen wir anscheinend wohlhabende Kaufleute aus Hami; zuerst taten sie sehr vornehm und zurückhaltend, aber sowie mein Thermometer draußen hing, war alle Vornehmheit wie weggeblasen, und die chinesische Neugierde überwog alle Selbstbeherrschung. Am 9. März war herrlicher, klarer Himmel und draußen eine große Schneefläche, aus welcher nur die Spitzen der hohen Steppengrasbüschel vorguckten. Die andern Fuhrleute wollten nicht fahren, nur der meinige kannte mich schon so weit, daß er meinem Befehl, abzurücken, nicht zu widersprechen wagte. Es ist mir stets geglückt, meine Chinesen schnell an unbedingten Gehorsam zu gewöhnen. Hatte mein Mafu einmal einen Befehl von mir erhalten, so wußte er schon, dann gab es keine andere Möglichkeit, als zu gehorchen. Der Schnee lag ungefähr dreiviertel Meter hoch und ging bis an die Achsen. Zuerst streikten die Tiere; manchmal blieben wir auch stecken, oder eines der Räder fiel in ein tiefes Loch, aber es ging doch. Der Weg war natürlich nicht zu erkennen, man fuhr eben einfach den hohen, weithin sichtbaren Meilensteinen entlang. Ich fror schauderhaft an den Füßen und kroch auf die Karre, um mich in den Decken etwas zu erwärmen.
Der Dicke benutzte die Gelegenheit, um sich gesattelt, samt Mauserpistole, im hohen Schnee zu wälzen. Wir waren gerade damit beschäftigt, den Pony möglichst eindringlich auszuschimpfen, was ihn nebenbei gar nicht rührte, denn er trottete abseits und wälzte sich auf der andern Seite, wo das Jagdmesser hing, als der Karrenführer in aller Gemütsruhe sagte: "Lauye, chuang yang!" (Herr, Antilopen). "Wo?" Ich war wie elektrisiert, sah aber in der angegebenen Richtung zuerst nichts. Diese Kerle haben eben Falkenaugen. Ich ließ den Zeiß auspacken und entdeckte nun vielleicht 3000 Meter entfernt sechs Antilopen, gegen welche ich sofort losziehen wollte, aber der Karrenführer meinte, vor uns wären noch sehr viel mehr, also Ruhe und weiter. Unterdessen wurden Karabiner und Munition ausgepackt, und bald wurden links von uns wieder sechs Antilopen sichtbar. Ich ging nun los, mich wie ein Indianer in dem offenen, sehr wenig Deckung bietenden Gelände heranpirschend. Die Sonne war schon hoch und ich schwitzte wie ein Reserveoffizier bei der Sommerübung; meine hohen Filzstiefel waren mit Schnee gefüllt und ebenso die Ärmel, infolge des Herunterrutschens über die Abhänge, die ich einfach sitzend auf meinen lederbesetzten Reithosen nahm. Wir mußten schon dicht heran sein, als links von uns ein Rudel, das wir nicht bemerkt hatten, in voller Flucht abging, leider mit der Wirkung, daß das unsrige auch absprang; ich zählte 22 Stück. Als sie auf fünfhundert Meter in einem dichten Haufen standen, hielt ich einmal hin; es war aber zwecklos, denn ich fehlte natürlich. Nun ging es wieder zur Karre, wobei ich zu meinem Schaden die Beobachtung machte, daß das Gelände doch nicht so offen war, wie es von weitem aussah. Eine nordsüdlich laufende Schlucht folgte der andern, alles schneeverweht. Ich war ziemlich erschöpft, sah aber meinen Mafu schon von weitem, aufgeregt winkend, auf der Karre stehen. Auf der andern Wegseite, vielleicht 1500 Meter entfernt, stand nämlich ein Rudel von mindestens 100 Köpfen. Ich kostümierte mich schnell leichter, indem ich den Rock abwarf, bestieg einen Pony und ließ mich erst einmal von einem der Soldaten bis an die große, hier meist in Trümmern liegende Mauer führen. Dort legte sich der Pony mit mir in ein tiefes Schneeloch, was mir einige blaue Flecke eintrug und dem Karabiner nicht sehr dienlich war. Auch hier war das Heranpirschen äußerst schwierig, da das ganze Rudel auf freiem Felde stand und alle Deckung bietenden Gräben in diesem Tale nordsüdlich zu verlaufen schienen, so daß man sehr schwer herankommen konnte. Ich arbeitete mich vorwärts, solange es ging, dann schätzte ich die Entfernung über freies Feld immer noch auf 600 Schritt. Mir war der Schuß zu schwer, außerdem hatten die Antilopen mich auch schon eräugt und flüchteten, lange, schwarze Streifen im Schnee zurücklassend. Es sah aus, als ob eine Schwadron über das Feld gezogen wäre, so viele waren es.
Ich ging zum Pony zurück und dann zur Karre, wo der alte chinesische Führer meinte, zu Pferde oder zu Fuß würde ich nie eine Antilope zu Schuß bekommen. So gehe es allen, die es auf diese Weise versuchten. Die Mongolen führen in einem kleinen Ochsenwagen heran und schössen dann aus der Karre, aber so lange der hohe Schnee läge, käme man überhaupt nicht heran. Warum, leuchtete mir zwar nicht ein, wahrscheinlich nur, weil bei Schneewetter bekanntlich kein Chinese ohne Not die Nase zur Tür hinaussteckt.