oder nach Wegfall der 160 Miles sub b und d – 153 Miles eigentlicher Fluß- und Canalfahrt. Aber auch von dieser Summe würden noch 25 Miles wegfallen, wenn man die Canalmündung nach Tamarinda verlegte. Einige andere Projecte lasse ich unerwähnt.

Schon vor dem Jahr 1838 hatte Herr Bailey, englischer Officier in Halbsold, im Auftrag der central-amerikanischen Regierung einen ähnlichen Plan ausgearbeitet, und dessen Kosten auf 20 bis 25 Millionen Dollars veranschlagt – eine Summe, welche, der Wichtigkeit und Großartigkeit dieses Unternehmens gegenüber, nur gering erscheint, und deren Aufbringen, wenn nur erst obige Hindernisse beseitigt wären, gewiß keine so große Mühe erheischen würde. Geschieht dies aber, so verwirklichen sich nach drei und einem halben Jahrhundert die Plane, welche unausgesetzt den Geist eines der größten Männer seines Jahrhunderts, Christoph Columbus, beschäftigen, deren Ausführung sein Leben geweiht war, und an deren Verwirklichung er noch in seinen letzten Jahren gearbeitet.

II.
Abreise von New-York. – Die Brig Rogelin. – Ansicht von Haiti. – Eintritt in die Wendekreise. – Unbewohnte Insel. – Mosquitoküste. – San Juan di Nicaragua. – Deutsches Gasthaus. – Lebensweise.

San Juan de Nicaragua, 19. Jun. 1851.

Am 28. Mai 1851 früh 9 Uhr lichtete die Brig Rogelin die Anker, und mit einer leichten Südsüdwest-Brise glitten wir den Hudson hinab über die Bay von New-York. Das Land, das bei seinem ersten Anblick solch angenehmen Eindruck auf mich gemacht, dünkte mir jetzt, beim Scheiden auf unbestimmte Zeit, noch einmal so lieblich. Die freundlichen Ufer von New-Jersey, der Castle-Garden, dessen Bäume sich eben mit dem frischen Frühjahrsgrün geschmückt hatten, Staten-Island mit seinen reizenden Landhäusern, wo ich noch den letzten Tag in Gesellschaft von Freund Schmidt und seiner lieben Familie verlebt – alles schien mir ein freundliches Lebewohl zuzurufen, und als das schöne Glockenspiel von Trinity-Church aus der Ferne herüber klang in wohlbekannter Weise, war mir's als ob »der Freund des Freundes Hand noch wärmer drückt, wenn er sie lassen soll.«

Unsere Brig war just nicht größer als nöthig um auf der See nicht zu sehr beengt zu sein; Passagiere waren außer mir nur einer, Hr. D., welcher nach Segovia zurückkehrte, wo er mit einem Compagnon eine Silbermine betreibt, unser Capitain, ein gemüthlicher Neu-Engländer, beides Leute mit denen es sich gut einige Wochen aushalten ließ, mithin keine schlimmen Aussichten. Das einzige Ungemach das ich zu leiden hatte, war eine sehr kurze bewegte See, die mich während 36 Stunden recht unangenehm seekrank machte, nachdem ich aber recht weidlich H. Ulrich um Hülfe angeschrieen, kehrte mein Wohlbefinden zurück, und hat mich bis zur Landung nicht verlassen.

Am 1. Junius durchschnitten wir den Golfstrom mit Nordost, und befanden uns schon am 4. südlich vom Cap Henry, doch hielten uns von da widrige Winde und Windstille auf bis zum 11. Morgens, wo uns ein heftiger Südost-Sturm bei Turks-Island, bekannt durch seine Salzfabrication, in den Handkerchief-Paß der westindischen Inseln trieb. Um Mitternacht war östlich abermals Land sichtbar, und bei Sonnenaufgang waren wir in Sicht der Nordwestspitze von Haiti – eine Ansicht von langgestreckten Berglinien, unterbrochen von einigen Spitzen, ähnlich den Bergen am Lake Champlain und in Böhmen. So weit durch das Glas erkennbar, waren die Berge mit kurzem Gesträuch bedeckt, hie und da Gruppen von großen Bäumen, stellenweise felsiges Gestein, am Fuß der Berge ein langer flacher Landstrich, theils Sand, theils mit Gebüsch bedeckt, bewohnte Plätze nirgend sichtbar.

Am 12. Jun. waren wir westlich vom Cap Donna Maria, welches mit hohen schönen Gebirgen bedeckt ist, deren höchste Spitze, gegen 6000 Fuß, ganz in Gewitter eingehüllt war.

Mit dem Eintritt in die Wendekreise eröffnet sich dem beobachtenden Freund der Natur eine neue Welt. Die bekannten Sternbilder des heimathlichen nordischen Himmels verschwinden allgemach, und neue fremde Sterne strahlen herab aus dem tiefblauen Aether. Die senkrecht herabfallenden Sonnenstrahlen brennen heiß auf den Scheitel, während der Schatten des Haupthaares sich auf den Füßen zeichnet, und die so beleuchteten Gegenstände mit ihren scharfen Reflexen ein seltsames fremdartiges Ansehen erhalten. Das Meer bedeckt sich des Morgens und Abends mit einem schweren Dunst, und die Sonne sinkt als ein dunkelglühender Feuerball hinab. Fremdartig gestaltete Seevögel lugen neugierig nach dem einsamen Segler, und lassen sich oft auf den Raaen des Schiffes nieder. Schlafende Riesenschildkröten sonnen sich träg in der Mittagshitze, bis Schaaren fliegender Fische, verfolgt von ihrem grimmen Feind, dem Delphin, sich mit großem Geräusch über das Wasser erheben und bald wieder in dasselbe zurückfallen, während des Menschen Feind, der gefräßige Hai, dem Lauf des Schiffes folgt, sein Opfer zu erspähen. Die dunstige Atmosphäre giebt den fernen Gebirgen eine zarte violettgraue Farbe, ist aber auch Ursache, daß diese Küstenstriche fieberisch und ungesund sind.

Ich hatte hier wiederum Gelegenheit zu bedauern, daß mir noch so vieles Wissen mangelt. Eine genauere Kenntniß der Astronomie würde mich in den Stand gesetzt haben in den schönen klaren Nächten nützliche Beobachtungen zu machen, und alles was ich thun konnte war, die astronomischen Berechnungen der Längen- und Breitengrade mitzumachen.

Südwestlich von Haiti liegt eine kleine unbewohnte Insel, ungefähr zwei Miles im Durchmesser. Windstille die uns in unmittelbarer Nähe davon überfiel, machte eine Landung auf einer Düne an der Westseite der Insel möglich; der andere Theil besteht aus Felsen, ungefähr in der Höhe von 100 bis 120 Fuß, bedeckt mit kurzem Gestrüpp. Möven, Seeraben, Boobees, Seeschwalben und Strandläufer verdunkeln die Luft und erfüllen sie mit ihrem Geschrei. Die Menge dieser Vögel ist annähernd nur mit den ungeheuern Taubenzügen zu vergleichen, welche im Herbst die canadischen Seen kreuzen, und sie umschwärmen den Menschen, dessen fremdartige Erscheinung ihnen nicht Furcht, sondern Neugierde einflößt, gleich Mückenschwärmen. Ich beabsichtigte einige Specimen zu schießen, fand dies aber unnöthig, da unsere Matrosen die Vögel mit Knüppeln und Steinen aus der Luft herabwarfen, und ich selbst einen lebendig mit meinem Schnupftuch und darein gebundenen Stein fing. Der Boden besteht aus Sand und rundlichen Kieseln, zwischen denen spärliche Gräser sproßten, stellenweise deckte aber eine dicke Kruste der Excremente der Vögel den Boden. Das Wasser wimmelt buchstäblich von Fischen.

Leider war es nicht möglich den felsigen Theil der Insel zu untersuchen, denn ein schnell heraufziehendes Gewitter machte unsere schleunige Rückkehr nöthig, und in der That hatten wir auch nur Zeit das Schiff zu erreichen, als der losbrechende Sturm und die hohl gehende See es schon für unser Boot unmöglich machten länger See zu halten. Die eingesammelten Eier, sowie einige frische Fische mundeten uns köstlich. Der Sturm, welcher unsere Untersuchung so unangenehm unterbrochen hatte, förderte unsere Reise trefflich, so daß wir schon am 14. Morgens weit südwestlich von Jamaica waren.

Von jetzt an war unsere Reise wiederum unausgesetzt von Stürmen begleitet, und ich lernte hier zuerst die Macht eines tropischen Gewitters kennen. Oft scheint der ganze Horizont in Feuer zu stehen, und der Donner kracht, als ob hundert Kanonen zugleich abgefeuert würden. Dazu peitscht ein mächtiger Wind die Wogen, daß sich die Masten, trotz der wenigen Leinwand, gleich dünnen Gerten biegen, und eine neue Sündfluth scheint alles Lebendige von der Welt wegwaschen zu wollen. Wegen der großen Nähe der Küste und der vielen kleinen Inseln und Riffe war unsere Lage nicht ganz gefahrlos, doch stieß uns kein weiterer Unglücksfall zu, als daß durch das von der großen Hitze leck gewordene Deck eine Menge Wasser hereinströmte, das uns unsere Cojen und einen Theil unseres Gepäcks jämmerlich durchweichte. Mir ward durch diesen Umstand ein unangenehmer Verlust verursacht, da mehrere für das Daguerreotyp nöthige Chemikalien mir verdarben – ein Verlust den ich jedoch dadurch auszugleichen hoffe, daß ich umgehend Nachricht an Hrn. Squier sende, der, augenblicklich noch durch Geschäfte in New-York zurückgehalten, in der Mitte nächsten Monats gleichfalls hieher abreisen wird.

Die kleinen Inseln, welche wir passirten, gewährten einen überaus lieblichen Anblick, so z. B. Little und Great Corn Island, mit in frischem Grün prangenden Hügeln und kleinen Gehölzen mit Cocospalmen durchstreut. Endlich am 18. Morgens zeigte sich die ersehnte Küste unsern Augen. Langgedehntes Hügelland, nach der See das Ufer ganz flach, überall jedoch in der üppigsten Vegetation prangend. Eine kleine Pirogue aus Mahogany mit zwei Indianern bemannt, brachte einen Piloten an Bord, und wir liefen in der Rhede ein als just der Steamer Mexico dieselbe verließ. Ich mußte lächeln als auf unsere aufgehißten Sterne und Streifen von der Küste die Flagge des imaginären Mosquitoreiches uns Antwort gab, blau und weißgestreift, in der Ecke ein rothes Doppelkreuz auf weißem Grunde. Bald brachte uns ein Boot, gleichfalls unter der Mosquitoflagge, den Hafencapitain und den Hafenarzt an Bord, und als nach wenigen Minuten uns beide verließen, machte ich von ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch und benutzte das Boot, um an Land zu gehen.

San Juan de Nicaragua oder Greytown, wie es die Engländer in der Neuzeit getauft haben, ist eine abenteuerlich aussehende Niederlassung von 4 bis 500 Einwohnern, von denen drei Fünftel Indianer oder Neger sind. Es liegt an der Mündung des St. Juan Flusses an einem ungesunden Platz, und ist ringsum von undurchdringlichem Wald eingeschlossen, von dem eben nicht mehr niedergehauen ist als nöthig um den jämmerlichen Schilfhütten, an die sich in der Neuzeit einige Bretterhäuser der neueren Ansiedler angeschlossen, Raum zu schaffen. Die Einwohner leben lediglich vom Umsatz der importirten Produkte gegen die Roherzeugnisse des Binnenlandes. Cultur ist gar keine da; Korn, Kartoffeln etc. beziehen sie von oberhalb der Seen oder von Bluefield, 30 bis 40 Miles weiter hin an der Küste; einige Pferde, weniges Vieh und einige Bungos (Flußboote) bilden den ganzen Reichthum. In der ziemlich geräumigen Bay liegt ein englischer Kriegsschooner vor Anker, und in einer Baracke zunächst der des Königs der Mosquitos, die zugleich Posthaus und Gouvernementshaus ist, eine Besatzung von 15 bis 20 blaubejackten Negersoldaten.

Ich nahm ein kleines Zimmer in einem neuerbauten Gasthaus des Hn. Wiener für 1½ Doll. täglich, und vertreibe mir nun, bis ich meinen Bungo bekommen kann um den Fluß hinaufzureisen, nach besten Kräften die Zeit mit Zeichnen, Sammeln von Pflanzen, Vogelbälgen und Reptilien und der Alligatorjagd, damit ich die Rückfahrt unseres Schiffes nach New-York benützen kann, um eine kleine Sendung gleich von hier zurückzuschicken. Hoffentlich wird mein Aufenthalt möglichst kurz sein, denn einestheils wünsche ich aus diesem Land des Fiebers hinwegzukommen, anderntheils brenne ich vor Begierde mich recht gründlich mit dem Studium der tropischen Natur, von der die Küste nur einen schwachen Abglanz bietet, in Granada zu beschäftigen, wo ich einen angenehmeren Aufenthalt habe, und Herrn Squiers Ankunft abwarten werde. Der amerikanische Steamer Prometheus, der in diesen Tagen ankommen muß, mag diesen Brief, den ersten aus so großer Entfernung, mitnehmen, der nächste wird aus Granada datirt sein, und euch Näheres über meine Flußreise berichten, die jedenfalls sehr beschwerlich sein und 9 bis 10 Tage dauern wird. Mein Befinden ist bis jetzt außerordentlich gut, und soll's, so Gott will, bleiben, da ich eine sehr strenge Diät beobachte, auch in Hinsicht der Strapazen, sowie in Bezug auf das Aussetzen der Sonnenhitze die Regeln der Vorsicht befolge.

III.
Vorbereitungen zur Flußfahrt. – Das Bungo. – Abreise von San Juan. – San-Juan-River. – Clima. – Fruchtbarkeit. – Die Machuca-Rapids. – Verunglückte Tigerjagd. – Unwetter. –Aerztliche Hülfe. – Castillo Viego. – Prophezeihung. – Der Wundarzt wider Willen. – San Carlos. – Douane. – See von Granada. – Ankunft in Granada. – Gastfreundlichkeit. – Jahresfeier des 4. Juli.

Granada de Nicaragua, 6. Juli 1851.

Ich habe euch, meine Lieben, jetzt schon über 14 Tage in St. Juan, wo ich am Schluß meines letzten Briefes von euch Abschied nahm, sitzen lassen, und erlöse euch jetzt mit um so größerem Vergnügen, als der dortige Aufenthalt keineswegs ein angenehmer war.

St. Juan liegt an der Mosquitoküste im wahren Sinne des Worts, urtheilt darnach. Gegenüber der Mündung des San Juan und einer ziemlich guten und geräumigen Rhede, von der indeß ein Theil versandet, streckt sich eine Reihe jämmerlicher Rohrhütten hin, mit den früher erwähnten Bretterhäusern neueingewanderter Handelsleute dazwischen. Mit Ausnahme eines kaum einen Büchsenschuß breiten Sandstriches an der Küste, ist dem Urwald kaum so viel Raum abgewonnen als für die Häuser nöthig; daher giebt es keine mannichfachen Spaziergänge, da der ringsum dicht verwachsene Wald keinen andern Pfad erlaubt als den man sich selbst mit der Macheta (Messer) durch die Schlingpflanzen haut. Hinter dem Ort liegen einige kleine Teiche (lagunas), welche am obern Ende leicht mit dem Fluß, am untern mit der See eine gute Abkürzung der Canallinie bilden könnten, da sie hinreichende Wassertiefe besitzen sollen.

Wie ich bereits erwähnt, nahmen mich Capitain F., der Hafencommandant, und Capitain J., Commandant des Schooners, mit ächt britischer Gastfreundschaft auf, die mir die wenigen angenehmen Stunden bereitete, die man überhaupt in diesem Ort verleben kann. Da die amtliche Stellung dieser Herren mich nicht direct berührte, war mir's um so mehr vergönnt, mich ihrer gastfreundlichen Güte zu erfreuen. Capitain J. holte mich mehrfach mit seinem Gig ab, um in der Bay und auf dem Fluß Alligatoren zu jagen, und neben mehreren kleinen hatten wir eines Tages das Glück einen großen alten Burschen von 16½ Fuß zu erlegen, den ich im Sand vergrub, um bei der Heimkehr das Gerippe mitzunehmen.

Da keine einzelne Passage nach Granada zu bekommen war, so benutzte ich das Anerbieten des Herrn Ligaud, eines bei St. Juan ansässigen Franzosen, und miethete im Verein mit meinem früheren Reisegefährten ein ganzes Bungo (Flußboot) zum Preis von 100 Dollars, das wir mit Fracht beluden, und bestiegen mit noch zwei Amerikanern aus Granada als Passagiere das Boot. Ein solches Bungo ist von ziemlich roher Construction, oft großentheils aus einem einzigen Stamm gehöhlt, größere jedoch aus Planken gefügt, doch wegen der schwer zu passirenden Stromschnellen ziemlich fest gebaut. Der unsrige war ungefähr 50 bis 55 Fuß lang, bemannt mit 9 Bootsleuten und dem Patron. Letzterer steht auf einer Art kleinen Quarterdecks, und hält in reitender Stellung das Steuer zwischen den Füßen, da in den Stromschnellen das Boot mit Hülfe langer Stangen regiert wird. Die Bootsleute führen Ruder von etwa 15 Fuß Länge, stehen bei jedem Schlag auf und hängen sich rückwärts gelehnt mit der ganzen Schwere des Körpers an das Ruder, wobei sie jedesmal mit dem Sitztheil derb auf den Rudersitz aufstoßen. Die Passagiere befinden sich unter einem kleinen Dach im Hintertheil des Bootes, und liegen auf ihren Koffern, da der Raum unter den Ruderbänken für Frachtgüter benutzt wird. Da wir im Boot querüber liegen mußten, hatten wir viel Ungemach auszustehen, besonders ich, da das Boot nur 5 Fuß breit, ich aber thatsächlich 6 Fuß lang bin.


Am 23. Junius stießen wir vom Ufer und kreuzten die Bay nach der Flußmündung hin. Die schweren Regenwolken hatten sich etwas zertheilt, und die glühende tropische Sonne beleuchtete mit ihren letzten Strahlen den ersten Schritt meiner Reise ins Innere. Unsere Freunde winkten uns vom Ufer ein Lebewohl, und als das Kriegsschiff den Abendschuß abfeuerte, antworteten wir durch eine Salve unserer Feuerwaffen (Flinten und Pistolen waren Alles in Allem nicht mehr als 34 Läufe an Bord). Nur eine kurze Strecke fuhren wir den Fluß hinauf, dann nöthigte uns die, in den Tropen sofort nach Sonnenuntergang hereinbrechende Dunkelheit Anker zu werfen.

Die Hitze trieb mich aus der kleinen Cajüte, und ich lagerte auf dem Dach, während die Bootsleute, jeder auf seinem Rudersitz, in die Decke gewickelt schliefen. Die Nacht war hell, und mein Auge schweifte in den unbekannten neuen Sternbildern umher, bis es auf dem südlichen Kreuz, dem einzigen traditionell bekannten Sternbild, haften blieb; die Gedanken aber schweiften weit hinüber in die deutsche Heimath, an der, obschon getrennt von ihr, mein Herz mit warmer Liebe und dankbarer Rückerinnerung frohverlebter Jugendjahre hängt. Ich entschlief erst spät, doch trieben mich schon früh Moskitos und Thau, der mich trotz meiner Regendecke ganz durchnäßt hatte, auf, noch ehe die Indianer ihre Morgengebete für glückliche Reise sagen.

Giftige Nebel machen die Flußreise gefährlich, und sind Ursache, daß die Flußmündungen Fieber und Tod aushauchen. Die Ufer sind mit dichten, ewig feuchten Waldungen bedeckt, die von gefährlichem Gewürm angefüllt sind, und des Nachts tönt das klägliche Geheul des Schakals, zu dem oft das Gebrüll des Jaguars kommt, widerlich ins Ohr. Im Fluß lauert der grimme Kaiman, versteckt im Wasser oder hohem Gras auf seine Beute, und manch argloses Thier, Trank oder Kühlung suchend, wird vom Schlag seines Schuppenschwanzes niedergestreckt, während in der Höhe der Bäume selbst die Boa Constrictor manchen possierlichen Affen überfällt, oder einen brütenden Vogel in der Vertheidigung seines Nestes würgt. Die Vegetation ist so überaus üppig, daß nur an wenigen Stellen des Ufers eine Landung möglich ist; deshalb pflegt man nur einmal des Tages zu kochen, was wegen des feuchten Holzes zwei Stunden Aufenthalt verursacht. Bei jedem Schritt versperrt dichtes Gesträuch und Lianen den Weg, den man oft genug sich mühsam durchhauen muß. Der Boden jedoch ist von der fruchtbarsten Beschaffenheit, und wird, hat sich erst die Cultur Bahn gebrochen, die ergiebigsten Ernten liefern. Nur wird das Loos der ersten Ansiedler ein hartes sein, da der Nordländer das Klima erst gewohnt werden muß.

Zu trinken hatten wir nichts als das schmutzige warme Flußwasser. Die während des Tages außerordentliche große Hitze veranlaßt oft Alles über Bord zu gehen, um sich so viel als möglich im Bad zu erfrischen, und die nackten Zambos (Mischling von Indianer und Neger, ein schöner und starker Menschenschlag) springen oft ganz vom Schweiß triefend ins Wasser, ohne üble Folgen zu spüren.

Wir ankerten an der Mündung des Colorado, eines Arms des San Juan, der südlich entweicht, und hier dürfte ein Damm für den Canal nöthig werden, um durch die große Wassermasse, die hier verloren geht, die hinderlichen Triebsandbänke zu entfernen. Hier ist eine der schönsten Flußstellen: Bäume von 150 Fuß in den schönsten Formen decken die Ufer, gekleidet in saftiges Grün, geschmückt mit gelben, violetten und rothen Blüthen. Riesenhafte Schlingpflanzen, oft von der Dicke eines jungen Baumstammes, winden sich in die höchsten Gipfel, von wo sie sich wieder bis zum Wasserspiegel herabsenken; Schwärme buntgefiederter Papageien durchkreuzen die Luft nach allen Richtungen, während Massen der verschiedenartigsten Reiher (ich zählte deren dreizehn Gattungen) und mannichfache Specimen von Affen vorkommen, und von Insecten eine wahre Fülle vorhanden ist. Da es mir an Schrot fehlte, zerschnitt ich mit vieler Mühe einige Pistolenkugeln und tödtete mehrere Vögel, deren Bälge ich aufbewahrte. Gar zu gern würde ich mehr sammeln, da aber die Transportmittel sehr schwierig und mithin theuer sind, habe ich keine Hoffnung diese wissenschaftlichen Schätze mit mir nehmen zu können.

Den 26. passirten wir den Serapique-River, am 27. den San Carlos-River, beide von Süden kommend und sich mit dem San Juan verbindend. An letzteren werden die ersten Berge sichtbar, und die Moskitos waren weniger häufig, mir sehr angenehm, da ich kaum mehr einen Finger bewegen konnte, so geschwollen und zerstochen war ich. Mehrere Arten wilder Enten kamen vor, bis zur Größe einer Gans, und ich sah hier zum erstenmal Enten auf Bäume fliegen. Wir verspeisten einige, welche das große Blei meiner Büchse zu sehr zerrissen, und fanden sie höchst schmackhaft, weniger jedoch die Affen, die wir auch kosteten, jedoch den Bootsleuten überließen, zu ihrer großen Freude, da die Nahrung dieser armen Leute lediglich aus Reis und Bananen besteht. Schwalben, gelbe sowohl als ganz kleine graue, überaus niedliche, große rothe Arras (Lappes) mit blauem Schweif und Flügeln waren gleichfalls sehr häufig. Ich tödtete einen Congo (Brüllaffen) von der Dimension eines Hundes mittlerer Größe, der ein sehr lautes brüllendes Geschrei erhob, derselbe ward jedoch von den Indianern als nicht eßbar bezeichnet; sie ziehen den großen rothen langgeschwänzten Affen (Migo) vor.

Am 28. brachen wir ungewöhnlich früh auf, um die Machuca-Rapids zu passiren, aus Stromschnellen von drei Miles Länge bestehend, sehr beschwerlich und sogar gefährlich, da das Wasser sehr starken Fall hat und über große Felsstücke geht. Zwei Boote, welche uns folgten, vereinigten sich mit uns, eines der Boote nach dem andern herüber zu bringen, wozu immer 20 bis 25 Mann nöthig waren, und womit wir erst am Abend zu Stande kamen, so daß wir an diesem Tage nicht über vier Miles zurücklegten.

Während die Boote über die Fälle gebracht wurden, ging ich ans Ufer einen wilden Truthahn zu schießen; als ich in kurzer Entfernung auf einen großen Puma (Tiger) stieß, der, niedergekauert liegend, feindselig knurrte und mir mit seinen grünglänzenden Augen Liebesblicke zuwarf. Obschon man sagt, daß der centralamerikanische Tiger in der Regel Menschen nicht angreift, so wußte ich doch nicht, wann gegenwärtiger zuletzt gefrühstückt hatte, und schnell riß ich die Büchse an den Backen. Doch die Begierde, das schöne Fell zu erlangen, ließ mich zu unbedachtsam feuern, und meine Kugel zerschmetterte ihm das linke Schulterblatt. Heulend warf sich die Bestie ins Gebüsch, und ich, ein Pistol ziehend, rasch hinterdrein. Auf dem schlüpfrigen Boden strauchelnd, blieb ich mit dem Fuß in einer Liane hängen, und zu Boden stürzend entlud sich mein Pistol, während mein werthes Ich sich im Koth der jungfräulichen Wälder abdrückte. Weitere Verfolgung erwies sich als nutzlos, und ich kehrte zum Boot zurück, da dumpf rollender Donner einen Hurican verkündigte.

Kaum angelangt, brach das Wetter los, und heftige Donnerschläge, wie der Schall vieler Kanonen, schienen die Grundvesten der Erde erschüttern zu wollen, während alle Schleußen des Himmels ihre Wasserströme auf uns herabsendeten. Ein zufällig auf dem Deck stehender Blech-Eimer diente mir als Regenmesser, und zeigte in einer Viertelstunde 14 Zoll Wasser. Wir waren gerad an einer schwierigen Stelle der Fälle, und 20 Mann mußten ins Wasser das Boot weiter zu bringen, während der Rest der Mannschaft vom Boote aus mit langen Stangen nachhalf. Ein Blitz, der kurz vor dem Boot einen ungeheuern Baum zusammenschlug, vollendete die Verwirrung, die anfing gefährlich zu werden, da Alles durcheinander schrie und lärmte. Der Patron betete zu St. Antonio, die Amerikaner fluchten und suchten die Indianer mit gezogenem Pistol oder Knüppel zu neuen Anstrengungen anzutreiben, und ich brauchte das wenige Spanisch, das ich weiß, und schrie: Agua ardiente! Agua ardiente! (Schnaps), welches Alles zusammen denn auch seine Wirkung that, gleichviel nun, ob St. Antonio, die Prügel oder der versprochene Schnaps, den ich von dem für die Insecten und Reptilien mitgenommenen Alkohol austheilte, geholfen hatte.

Ich muß bemerken, daß St. Antonio, welcher für die Machuca-Rapids eine besondere Gültigkeit haben soll, jedenfalls ein unangenehmes Amt bekleidet. Ich wenigstens würde die Patronschaft ablehnen, müßte ich den ganzen Tag Boote über diese verwünschten Stromschnellen bringen.

Im letzten Rapid liegt das Wrack eines amerikanischen Dampfbootes, das, für die See bestimmt, jetzt durch ein anderes ersetzt worden ist. (Dieser Steamer war wahrscheinlich dem St. Antonio, der nur das Bungo gewöhnt ist, zu schwer, deshalb ließ er ihn sitzen.)

In der folgenden Nacht hatten wir arg zu leiden von dem vielen Regenwasser, das, in das Boot gedrungen, die Häute, mit denen die Waaren bedeckt, aufgeweicht hatte, was einen pestilenzialischen Geruch verursachte. Ueber die Cajüte hatte ich eine große Gummidecke gebreitet, die als Frachtstück mitging und uns selbst wenigstens trocken hielt.

Wir sahen hier Herrn Cropsey, Ingenieur des Canals, welcher ein auf ein Boot befestigtes Haus bewohnt und längs des Flusses die vorbereitenden Arbeiten leitet. Er war sehr erfreut in der Bootsladung für ihn bestimmtes Fleisch, Mehl, Branntwein und Kaffee zu finden, denn in einer Länge von 90 Miles ist gar nichts zu bekommen, da der ganze Fluß unbewohnt ist.

Einer der Passagiere ward heftig vom Fieber geschüttelt, alle waren unwohl, doch brachten einige meiner mitgenommenen Aloepillen eine erwünschte Aenderung bei Allen hervor, mit Ausnahme des Fieberkranken, der durch einen am Morgen hinzugetretenen Schlaganfall sich sehr übel befand. Doctor Gescheidt's Geschenk, eine Lanzette, leistete mir beim Aderlaß, den ich an ihm vornahm, gute Dienste, und er befand sich bald besser darauf.

Bis zu den Rapids Castello Viejo ist stilles Wasser von gehöriger Tiefe, ebenso oberhalb derselben bis zum See, so daß die größten Mississippi-Boote bequem gehen können, nur werden die Rapids ziemlich bedeutende Schleußenbauten erfordern. Im ganzen Fluß ist jedoch kein größeres Hinderniß als solche, die im St. Lawrence-Fluß schon mit großer Leichtigkeit überwunden worden sind, nur ist hier die große Schwierigkeit, daß die Eingebornen schlechte Arbeiter und bei jeder ihnen unbekannten Arbeit unbrauchbar sind, und Arbeiter aus dem Norden haben anfänglich viel vom Klima zu leiden.

Am 29. Junius langten wir im Castello Viejo an. Auf der Spitze eines kleinen Hügels liegen die Trümmer des alten Castells und beherrschen die kurzen, aber sehr heftigen Stromschnellen; es wurde jedoch von den Briten 1848 belagert und geschleift. Mit vieler Mühe hieb ich mir einen Weg zum Gipfel nach den Trümmern, die in schon so kurzer Zeit ganz von der Alles überwuchernden Vegetation bedeckt sind; da wo noch vor vier Jahren die Kanonen über die Geschützbettungen donnerten, stehen schon große Bäume. Die größte Sicherheit des Platzes bestand in dem Mangel an Raum zu Errichtung feindlicher Batterien, für die erst der Wald niedergehauen werden mußte. Das Fort selbst besteht theils aus Felsen, theils ist es aus einer Art Porphyr, theils aus Ziegelsteinen gemauert. Seine gegenwärtige Besatzung besteht nur aus Fledermäusen, von denen ich in den Casematten mehrere nach männlichem Kampfe erlegte, andere fing. Sie waren den nordischen Fledermäusen ähnlich, und hatten durch einen aufrecht stehenden Hautlappen über der Nase das Aussehen eines Nashorns. Farbe ganz schwarz, Körper haarig, fünf Zehen, an den Flügeln kleine Haken, Zähne außerordentlich groß, beinahe so lang wie die obere Kinnlade. Einige alte spanische Geschütze liegen im Schutte begraben.

Am Fuß des Castells liegt ein Rancho (Rohrhütte). Hr. W., ein Agent der Canalcompagnie, ist mit einer Anzahl Indianer beschäftigt einen Landungsplatz für das Dampfboot zu bauen. Er klagte sehr über die Schwierigkeit, die Indianer zu guten Arbeitern zu machen. Mit Ausnahme einiger Aexte, die von der Compagnie geliefert wurden, bedienen sie sich lediglich der Macheta. Dies ist ein Messer, welches, je nach der Sitte des Landes, von der Größe eines langen Dolches bis zu einem sehr schwerfälligen Säbel anwächst, und zum mannichfachsten Gebrauch dient. Man haut damit sein Holz, baut ein Haus, was jedoch bei diesen Rohrhütten nicht viel sagen will, schneidet Fleisch und braucht es als Waffe. Die Indianer hackten damit nach Anweisung am Holz herum, und schienen sich zuletzt selbst zu wundern, wenn ein Stamm zurecht gehauen war. Es wird bald der Plankenweg fertig sein, und eben ein solcher an den Machuca gebaut werden.

Als ich von San Juan abging, war eben eines der kleinen eisernen Dampfboote angelangt, und man arbeitete an dessen Zusammensetzung; zwei andere folgen nach, und es wird in jeder der drei Hauptabtheilungen des Flusses eines gehen. Wird der Fluß angesiedelt, so werden jedenfalls an diesen Plätzen zuerst Dörfer entstehen. Bald vielleicht wird sich ein American-Eagle-Hotel oder Independence-Hotel erheben und diesem fruchtbaren Boden eine Ernte abgewonnen werden.

Zwischen beiden Bootsleuten entspann sich ein Streit, und dem einen ward mit der Macheta ein Stück aus dem Backen gehauen. In den Augen der Indianer ist jeder weiße Mann ein Doctor; durch meine Purganzen und Vomitive, sowie durch den Aderlaß war die Thatsache noch mehr festgestellt, und jetzt mußte ich nolens volens des Mannes Backen zusammenflicken. In Ermangelung chirurgischer Nadeln legte ich ihm mit einer gewöhnlichen Nähnadel Heftlöcher an. Der arme Teufel stand viel Schmerzen aus, doch flickte ich ihn übel und bös zusammen, und pappte schließlich ein Heftpflaster darüber; wenn die Backe schief heilt, ist's nicht meine Schuld. Lieb wäre mir es aber doch, wenn meine chirurgischen Kenntnisse nicht zu arg auf die Probe gestellt würden.

An diesem Platze waren wiederum Moskitos und Bremsen, deren Stich wie Feuer brennt, sehr lästig, daher setzten wir so schnell als möglich unsere Reise auf dem jetzt ruhiger fließenden Fluß mit günstigem Fahrwasser fort. Ich überraschte einen Kaiman im Gras schlafend, und schoß ihn durch das Blatt; er suchte noch das Wasser zu gewinnen, doch kam ich ihm zuvor, und stach ihn zweimal mit der Macheta in die Weichen, wobei er mich mit einem Schwanzschlag in das Wasser warf. Ehe ich wieder im Trockenen war, hämmerten schon die Indianer auf seinem Kopf herum, und ich konnte nur das Gebiß retten. Es war ein Weibchen, maß 11 Fuß und hatte im Magen ein ganzes Hirschkalb. Die Flußufer sind hier flach und wie überall der Boden höchst üppig.

Am 30. Mittags langten wir im Fort San Carlos an. Hier stand früher gleichfalls ein großes Fort, das die Mündung des Sees beherrschte, aber von den Engländern Ausgangs des verflossenen Jahrhunderts in Trümmer gelegt ward, in welcher Action der junge Nelson als Midshipman eine seiner ersten Waffenthaten verrichtete. Das jetzige Fort besteht aus einer verfallenen Schanze, auf derselben ein Haus für ein bis zwei Dutzend Soldaten, ein etwas besseres für den Commandanten. Neben der Flagge von Nicaragua steht eine alte vom Rost zerfressene Kanone (etwaige Schmugglerboote aufzuhalten) auf einer Laffette, deren Räder aus einem quer durchgeschnittenen Stamm bestehen. Beim Abfeuern dieses Geschützes sehe ich weniger Gefahr für den Feind als für den Artilleristen, der es loszubrennen hat. Einige Dutzend Kugeln rosten im Gras, doch liegen demontirt auch einige schöne bronzene 32-Pfünder mit der Jahreszahl 1618 im Sand. So günstig auch dieses Fort für die Vertheidigung liegt, so würde es doch in seinem jetzigen Zustande von zehn derben Leuten mit Leichtigkeit zu nehmen sein.

Die am Fort liegende Ortschaft war lange ganz verlassen, doch sind jetzt wieder einige Dutzend Rohrhütten erbaut, und bei eintretendem lebhaften Verkehr wird dieser Ort jedenfalls ein wichtiges Settlement werden; in seinem jetzigen Zustand jedoch kann es füglich mit San Juan gleichgestellt werden.

Hier ist die Douane der Republik Nicaragua, welche die Reisenden sehr quält, denn die kleinste Kiste muß ausgeladen und untersucht werden. Ich machte hier zuerst von meinen Papieren Gebrauch, und erlaubte nicht daß man mein Gepäck berührte. Die Douanenbeamten, sei's weil sie nicht verstanden oder verstehen wollten, gaben sich indeß nicht zufrieden und wollten selbst ausladen, da erschien der Douane-Inspector und der Commandant des Forts. In San Juan hatte eine Auction stattgefunden, in welcher unsere Schiffsgesellschaft, für den Fall, daß wir den 4. noch auf dem Fluß oder See sein sollten, einen Korb Champagner erstanden. Als die beiden Herren erschienen, nahm ich eine Flasche, legte sie an den Backen, und schoß den Pfropfen auf den Douane-Inspector ab, dem Commandanten meine Beglaubigung gebend. Durch beides zufrieden gestellt, leerten wir diese und noch eine Flasche auf unser gegenseitiges Wohl, während welcher Zeit der Hafencommandant sich entschuldigte, daß er meinen Salutschuß mit dem Champagner, wegen spärlicher Munition aus seinen Geschützen nicht erwiedern könne. Als die Fracht die Douane passirt hatte, schieden wir mit gegenseitigen Achtungsversicherungen.

Die Fahrt über den See, welche 110 Miles beträgt, begann wieder des Abends, allein ein ungleich lieblicherer Anblick bot sich mir, als beim Beginn der Reise. Die ungeheure Wasserfläche, nach vorn den Horizont bildend, wird rechts und links begränzt von schönen Gebirgen, und während links die große Gebirgskette sich nach Costarica hinabzieht, erheben sich inmitten des Sees die Gipfel der beiden großen Vulkane des Ometepa-Islands majestätisch in die Wolken. Links, südlich, sind die Mündungen des Rio Frio, umkränzt von üppigem Pflanzenreichthum, während Baumgruppen ganz übersäet von Purpurblüthen sich rechts erheben. Ein von Norden heraufziehendes Gewitter erfüllte die Luft mit imposanten Wolkenformen, während die abendliche Spiegelung derselben den See in reiche Farbenpracht kleidete.

Unser Boot gleitete unter seinem ärmlichen Segelwerk leise im Abendwind dahin; als jedoch das Gewitter in gewohnter Heftigkeit losbrach, getrauten sich die Bootsleute nicht dem Sturm Trotz zu bieten, und ankerten im See bis Anbruch des Tages. In der nächsten Nacht war kein so starker Wind, der Mann am Steuer aber schlief fortwährend, so daß wir uns selbst über das Boot erbarmten und mit Hülfe einer eben veröffentlichten (Colton) New-York-Karte und eines Taschencompasses weiter segelten bis Tagesanbruch.

Der See von Granada ist der größte in Centralamerika, giebt den großen canadischen Seen nicht viel nach und ist mit umfangreichen Inseln besäet, deren größte, Omatepa, zwei Vulkane von 5-6000 Fuß besitzt und 30,000 Einwohner hat. Ein in der nächsten Nacht losbrechendes Gewitter, das unser kleines Fahrzeug gleich einer Nußschale herumwarf, nöthigte uns in unmittelbarer Nähe des Landes zu ankern. Gegen Morgen ruderten wir vollends bis Granada, und vor Sonnenaufgang hatten wir neben dem kleinen amerikanischen Steamer, dem ersten, welcher diesen See befährt, geankert.

Es war der 4. Jul., der jedem amerikanischen Bürger theure Jahrestag der Unabhängigkeits-Erklärung der Vereinigten Staaten, der wie immer von der amerikanischen Flagge recht mit Ehren gefeiert wird. Bei Sonnenaufgang hißte der Steamer und die beiden Schooner die Flagge, und vom Bord stiegen eine Masse Raketen in den blauen Himmel, wir aber grüßten die stolzen Sterne und Streifen mit einer dreifachen Salve.

Wir suchten die Ausschiffung unserer Effecten zu beschleunigen, die einige Schwierigkeiten verursachte, da abermals ein Zollbeamter Einwendungen gegen die Einfuhr meines Alkohol, der allerdings hier Monopol ist, erhob, doch nach Erklärung des Zweckes gab er sich zufrieden, nur hatten sich während der Debatte eine Partie zerlumpte Soldaten, deren ganze Uniform in Flinte und Patrontasche bestand, und die meine Effecten bewachen sollten, in einige Forschungen über den Inhalt des Getränks vertieft. Bald war jedoch Alles auf einen großen zweirädrigen Ochsenkarren, dessen Räder wie die der Kanone aus einem Baumstamme geschnitten waren, geladen; das Deichselgespann ward von einem auf dem Wagen stehenden Mann nach antiker Art mit dem Speer gelenkt, voraus ging ein nackter Kerl, mit einer Art langer Decke drapirt, in der Hand die unvermeidliche Macheta, mit der er, dem Vordergespann auf das betreffende Horn hauend, die Richtung bezeichnete. Die Ochsen sind daran gewöhnt daß kein Lenkseil gebraucht wird, daher haben Zug-Ochsen oft ganz zerhackte Hörner, oft auch wird aus Mißverständniß ein Stück Ohr mit abgehauen.

Ich fand hier den bekannten Gelehrten Hrn. Fröbel, dessen Bekanntschaft ich voriges Jahr in New-York gemacht hatte, und nachdem die Freude des Wiedersehens vorüber war, brachte ich mich selbst und mein Gepäck im Hause eines Hrn. Dr. B. unter, der mir ein großes Zimmer freundlichst abtrat.

Es war mir endlich verstattet, nachdem ich meine Koffer und Kisten, deren Inhalt durch die viele Feuchtigkeit an einigen Stellen mit Schimmel und Moder bedeckt war, ausgepackt und gelüftet, meinen strapazirten Körper mit gründlicher Reinigung, frischer Wäsche und reinen Kleidern zu laben, und das war eine wahre Wohlthat, denn ganz bedeckt vom Schmutz des Bootes und der Wälder, kostete es mir nach jedem Bad im Fluß keine geringe Ueberwindung wieder in meine Schmutzhülle zu schlüpfen. Nach dieser nöthigen Reinigung gab ich einen Bündel Briefe ab, wobei Dr. B. (ein Deutscher) meinem mangelhaften Spanisch als Dolmetscher zu Hülfe kam. Ueberall ward mir der freundlichste Empfang zu Theil, denn sowohl Hr. Squier als Herr Marcoleta (Gesandter in Washington) waren sehr geachtete Persönlichkeiten, und überall erhielt ich Einladungen zum Besuch und Aufenthalt in Hacienden, von denen ich zuerst die Don Jose Sandovals, eines freundlichen alten Spaniers, benutzen werde, um einige Tage auf seinem schönen großen Besitzthum zuzubringen.

Ich war eben nach Hause zurückgekehrt als der Präsident, in Begleitung des Vice-Präsidenten, den hiesigen Amerikanern und meiner Wenigkeit zur Feier des 4. Jul. eine Einladung zu einem Festessen und Bankett überbrachte, welche ehrende Auszeichnung ich mit Dank annahm. Um 4 Uhr begab ich mich in Gesellschaft F's. und des Dr. B. in das Fest-Local.

Die Häuser sind nach Art der maurischen Häuser in Algier gebaut. In der Mitte ein sehr großer Hof, umgeben von Säulengängen, an welche die verschiedenen Gemächer des Hauses stoßen. Nach der Straße hin ist meist eine große Empfangs-Halle, welche hier als Fest-Local mit den Flaggen der Union und Nicaragua's und mit einer Menge ungeheurer Palmenzweige geschmückt war. Ingleichen waren die Colonnaden des Hofs durch Palmen in Baumgänge verwandelt, und da jeder Hof hier mit Pflanzen geziert ist, zwischen denen immer eine Menge zahme Papageien und andere Vögel, auch wohl zierliche Rehe herumlaufen, gewährte das Ganze einen überaus lieblichen Anblick, mehr noch als bei einbrechender Dunkelheit eine Masse von Lichtern durch das Grün schimmerten. Außer den angesehensten hier wohnhaften Bürgern der Vereinigten Staaten waren als Ehrengäste zugegen: der Präfect, der Commandant des Militärs, einige andere Beamte und einige der angesehensten Eingebornen und Franzosen.

Der Präsident, Hr. Coterell, erinnerte in kurzer Ansprache an den Zweck der Feier, und nachdem an der reichgeschmückten Tafel, auf der zwischen ganzen gebratenen Rehen und gewaltigen wilden Truthühnern nordische Leckerbissen in Gesellschaft der üppigsten Südfrüchte prangten, den gastronomischen Forschungen eine kurze Zeit gewidmet war, erhob man die Gläser, in denen rheinische Weine, Port und Madeira blinkten, und der perlende Sohn der Champagne, seiner silbernen Bande entledigt, schäumte, und brachte zuerst die bei jeder amerikanischen Feier des 4. Julius üblichen regulären Toaste, denen sich dann eine Menge anderer anschlossen.

Ein Toast aber ward durch einen sonderbaren Zufall besonders feierlich. Bei jedem Gläserklingen antwortete von der Hauptwache ein Kanonenschuß, und gegen Abend kam das unausbleibliche Gewitter wieder herauf. Es waren eben die Worte gesprochen worden: »Wir trinken in der Stille dem Andenken des großen Georg Washington!« – Jeder brachte schweigend und erhoben sein Glas an die Lippen, da übernahm der Himmel selbst den üblichen Salutschuß durch einen furchtbaren Donnerschlag, der die Erde in ihren Grundfesten erzittern machte, und ich läugne nicht, daß ich, wie gewiß alle, das Glas mit einer Art von andächtigem Grausen leerte. Eine Musikbande spielte in der Veranda während des ganzen Mahles, und bis in späte Nachtstunden blieben die Genossen in ungezwungener Heiterkeit beisammen, welche durch die anerkennungswerthen Bestrebungen des Herrn Coterell nie die üblichen Formen der Wohlanständigkeit überschritt.

Einige Veränderungen im Ministerium und der Regierung ließen es mir räthlich erscheinen, meine Depeschen andern Tags persönlich an ihre Adressen abzugeben. Ich habe meine Reisevorbereitungen getroffen, mein Pferd ist auf Don Sandovals Hacienda gehörig ausgefüttert und stark und wohl geeignet eine strapaziöse Reise zu ertragen, die zu erwarten steht, da die Regenzeit, in der wir leben, die Wege bodenlos gemacht hat. In einer Beziehung ist mir's lieb, daß noch sechs bis acht Tage hingehen, ehe ich anfange zu malen, denn die empfangenen Eindrücke sind alle so neu und bewältigend, daß ich nothwendig dieselben erst ordnen und klar machen muß. Ich habe eine Menge der mannichfaltigsten und schönsten Gegenstände für Studien gefunden, und sobald ich meine Verpflichtungen gegen die Regierung erfüllt, werde ich mit großer Freude an die Arbeit gehen, und bleibe ich von Krankheit verschont, was ich wünsche und hoffe (denn seit ich hier bin erfreue ich mich eines ganz außerordentlichen Wohlbefindens), so denke ich ein reiches Portefeuille zu sammeln. Sehr froh bin ich, daß ich statt des Daguerreotyps, wie ich erst beabsichtigte, ein Phototyp mitgenommen, denn ein Amerikaner, der ein Daguerreotyp hieher gebracht, war ganz in Verzweiflung, daß er während der trocknen Jahreszeit keine Platte poliren konnte, da der die ganze Luft erfüllende Sandstaub alle Politur zerkratzte. Ich hoffe besonders von interessanten Gruppen der Indianer, die nicht gern still stehen sich malen zu lassen, sowie von naturhistorischen Gegenständen manche gute Beute damit zu machen, und so reut mich die für meine Umstände bedeutende Ausgabe von 150 Dollars, die ich dafür gemacht, nicht. Auf der andern Seite thut mir's sehr leid, daß ich mein Sammeln von Insecten und Vögeln nur in so kleinem Maßstab betreiben kann, da die Transport- und Packmittel für dergleichen Gegenstände sehr theuer sind und meine Kräfte übersteigen. Ich werde meinen Vorsatz, eine Collection an einige deutsche naturhistorische Cabinette zu schicken, nicht ausführen können, und außer einem Geschenk an Freund M. werde ich mich lediglich auf das Institut in Washington, das mir eine Summe für diese Zwecke zur Verfügung gestellt, beschränken müssen. Hier ist einer von den wenigen Fällen, wo ich mehr bemittelt zu sein wünschte, denn es hindert mich diese Mittellosigkeit an der Erreichung eines schönen Zwecks.

Nach meiner Rückkehr von Leon halte ich mich hier auf, um Hrn. Squiers Ankunft abzuwarten und Stadt und Umgegend auszubeuten. Sobald es die Jahreszeit erlaubt, will ich eine Besteigung des Mombatch, der über der Stadt sein Haupt erhebt und jetzt beständig in Wolken gehüllt ist, unternehmen. Mein nächster Brief wird entweder eine Beschreibung meiner Reise nach Leon, oder eine genauere Beschreibung Granada's enthalten, welches wohl derselben werth ist, denn es ist an dem schönen See mit seinen zierlichen Ufern höchst pittoresk gelegen, und bietet im Innern eine Menge malerischer Ansichten. Das Leben selbst ist ebenso reichhaltig, daß es, sowie die Verhältnisse der ganzen Stadt, vielfach malerischen Stoff bietet.

Man erwartet jetzt die Ankunft des Gesandten der Vereinigten Staaten Hrn. Kerr, den aus St. Carlos abzuholen der Dampfer gestern abgegangen ist, und zu dessen Empfang die Amerikaner für heute eine Festlichkeit bereitet haben, an welche Dr. B., F. und ich uns anschließen werden.

IV.
Die Stadt Granada. – Bauart. – Einwohner. – Lebensweise in Central-Amerika. – Festtage. – Reisezurüstungen. – Unsicherheit der Straßen. – Art zu reisen. – Fleiß der Indianer. – Massaga. – Indisches Begräbniß.

Granada, 4. Aug. 1851.

Seit ziemlich drei Wochen bin ich von meiner Excursion nach Leon wieder zurückgekehrt nach Granada und habe seitdem ungestört meine künstlerischen und wissenschaftlichen Studien beginnen können.

Granada ist, wie ich schon früher erwähnt, die bedeutendste Stadt am See gleiches Namens, mit 12-15000 Einwohner, und unter den jetzigen Umständen wohl überhaupt die wichtigste Stadt dieses Landes zu nennen. Die Zeit ihrer Gründung fällt mit der zweiten Periode der Entdeckung von Amerika zusammen. Ihre Erbauer waren jene kühnen Freibeuter, welche ein seltsames Gemisch von soldatisch roher Ritterlichkeit, gepaart mit blindem Glaubenseifer waren, mit welchen Eigenschaften sie aber doch auch eine gewisse kaufmännische Verschmitztheit verbanden.

Die Häuser, meist nur aus einem Geschoße bestehend, dessen Höhe zwischen 12 und 15 Fuß beträgt, haben durch ihre 6-8 Fuß breiten Thüren und hohen vergitterten Balconfenstern ein festungsähnliches Aussehen. Die innere Einrichtung beschrieb ich Euch bereits früher. Die Haupträume bleiben überall der mit Zierpflanzen geschmückte erste Arcadenhof und die an der Vorderfront liegende Empfangshalle, an welche gewöhnlich das Frauengemach stößt; oft auch befindet sich über letzterem noch ein Balconzimmer. Ein solches ist gegenwärtig meine Wohnung, mit wundervoller Aussicht über den See und die Gebirge. Einen zweiten oder Hinterhof, umgeben die Ställe, die Küche (in der nur auf offenem Herde gekocht wird, Bratöfen, Kochmaschinen, wie in Europa und den Verein.-Staaten, kennt man hier nicht), welche letztere zugleich dem Geflügel und sonstigem kleinen Gethier, das für jede Mahlzeit frisch geschlachtet wird, zum Aufenthalt dient. In vielen dieser Hinterhöfe befindet sich auch ein Ziehbrunnen, doch wird das Wasser mehrentheils aus dem See geholt, da die Quellen fast alle mineralischer Natur sind.

Sehr belebt ist das Seeufer bei Sonnenaufgang: Frauen und Mädchen erscheinen, mit großen irdenen Gefäßen, ähnlich den antiken Amphoren, nur etwas bauchiger, auf dem Kopf und schöpfen Wasser; Reiter und Fußgänger lustwandeln in der Morgenkühle, fast alle Besucher aber erfrischen sich mit einem Bade. Später räumen sie den Waschwannen das Feld, sowie den Schiffsleuten, welche die Waaren aus den Booten auf große, zweirädrige, von 4-6 Ochsen gezogene Karren umladen. Dann füllen sich die Straßen mit Indianern der benachbarten Dörfer und Haciendas, welche ihre Produkte zum Kaufe ausbieten. Bei geringen Entfernungen tragen sie ihre Last auf dem Kopfe, in großen hölzernen Schüsseln, von denen man auch sagen kann, sie haben ungeheure hölzerne Hüte auf, die sie umgekehrt auch zum Tragen benützen. Kleine nackte Jungen bringen auf Pferden und Maulthieren Ladungen von jungen Mais (Zakate) als Futter für die Pferde zu Markt, während die Stadtbewohner theils in ihren Läden den Verkauf betreiben, die Frauen weibliche Arbeiten oder Cigarren verfertigen; noch öfter aber liegen alle in den Hammocks, rauchend und sich schaukelnd, wozu sie von Zeit zu Zeit einen Schluck Teste, ein gar nicht übles Getränk aus Maismehl, Zucker, Cacao und Wasser nehmen. Geraucht wird aber von Mann und Weib, Jung und Alt, und oft schickt ein Vater sein kaum vierjähriges Söhnlein oder Töchterlein in die Küche, um Feuer zu holen, welche dann gravitätisch mit der brennenden Cigarre im Munde und qualmend wie Dampfessen zurückkommen.

Das Costüm der Frauen besteht in einem Unterrock von Mousselin, um die nackten Hüften gebunden und am unteren Saume mit Flittern besetzt; über dem Oberkörper tragen die besseren Classen ein kurzes, weitfaltiges Uebergewand, ähnlich dem griechischen Peplum, die niederen Classen aber den Oberkörper ganz bloß; oft auch, zumal bei Kindern, ist vollkommener Mangel an Kleidung vorhanden, was die Frauen hier anwesender Amerikaner oft veranlaßt, die Augen niederzuschlagen oder mit der Hand zu bedecken. Alle Stände aber schmücken sich die schönen, größtentheils ebenholzschwarzen Haare mit Jasminblüthen und Blumen von lebhaften Farben, was die ausdrucksvollen und oft classisch regelmäßigen Gesichter mit phantastischer Schönheit ziert. Der Gang hat, wahrscheinlich durch die Gewohnheit alle Lasten auf dem Kopfe zu tragen, etwas überaus Elastisches, was den ganzen Gestalten einen erhöhten Reiz verleiht.

Mehre schöne Kirchen, in einem seltsamen Gemisch von maurischem Charakter, spanischer Renaissance, oft mit sehr bemerkbarem Anklang von byzantinischem Style erbaut, zeugen von der früheren Macht und dem Reichthume des Clerus (bei Errichtung der Städte ward bekanntlich der zehnte Theil aller Beute auf Errichtung von Kirchen und Klöstern verwandt). Durch die häufigen Revolutionen hat sich denn freilich in dieser und anderer Hinsicht vieles geändert, da die großen Capitalisten entweder auswanderten oder durch bedeutende Contributionen sehr in Anspruch genommen wurden. Wenn auch noch hier und da ein wohlbeleibter, behäbiger Prälat auf seinem Ochsenkarren und von zwei Soldaten begleitet durch die Straßen zieht, so reitet dafür manch armer, abgemagerter Dorf-Cura (Pfarrer), nach dem Beispiele des Heilandes, als wahrhafter Apostel auf einem armseligen Eselein durch das Land, um mit christlicher Demuth auf irgend einer entfernten Hacienda dem Sterbenden eine geistliche Wegzehrung zu spenden.

An Festtagen, deren es hier, nach dem was ich bis jetzt gesehen, fast so viele als Tage im Jahr zu geben scheint, durchziehen zahlreiche Prozessionen mit Geigen und Flöten die Straßen, wobei an Weihrauch unendliche Wolken verdampfen, und an Schießpulver, knallenden und prasselnden Schwärmern, Raketen, französischen Schlägen, letztere oft zu Dutzenden auf einmal, ein Erkleckliches verpufft wird. Abends wird dann die Prozession mit Hunderten bunter Laternen fortgesetzt, was mit den Gruppen, die allabendlich plaudernd die Räume vor den Hausthüren füllen, und den erleuchteten Balconen, von denen transparente, mit Blumen geschmückte und umgebene Heiligenbilder schimmern, einen malerischen und poetischen Anblick gewährt. Oefters habe ich, spät am Abend von meinen Excursionen heimkehrend, mein Pferd angehalten, um auf die eigenen schwermüthigen kirchlichen Melodien zu horchen, oder Gruppen mit ihren Liebhabern schäkernder Mädchen zu belauschen.

Doch indem ich mich so in Schilderungen des Lebens in Granada vertiefe, vergesse ich ganz, euch von meiner Reise nach Leon zu berichten.

Nachdem ich einige Ruhetage benutzt hatte, um aus dem Mr. Squier gehörigen und hier zurückgelassenen Eigenthume für mich ein starkes und rasches Pferd mit Sattel und Packtaschen, für einen Diener ein kräftiges Maulthier zu wählen, die Büchse und meine herrlichen Revolvers[1], ein Reisegeschenk meines ehrenwerthen Gönners de Rhame in New-York, vom Schmutze der Reise zu reinigen, frisch zu laden und einige Munition nebst Wäsche einzupacken, während ich von meinem freundlichen Wirthe, Don Narciso Espinosa, eine leichte Vogelflinte nebst einer unbändig langen Doppelpistole für meinen tapfern Sancho Pansa geliehen hatte, trat ich am 9. Juli meine Reise in nomine domini an. Es circulirten eine Menge Gerüchte über Unsicherheit der Straßen, und ein Halbdutzend Morde, welche im Laufe der letzten Monate vorgefallen waren, bestätigten dieselben allerdings in nicht erfreulicher Weise. In Berücksichtigung der Regierungsdepeschen aus Washington, die ich nach Leon zu überbringen hatte, wurde mir vom Commandanten eine Escorte von zwei Lanciers angeboten; ich gestehe aber, daß ihr Ajustement und ihr ganzes Aeußere mich denn doch mehr Vertrauen in die Vorzüglichkeit meiner Waffen, meines Pferdes und meine geringe Person selbst setzen ließen. Ich dankte demnach höflichst für die Ehre, und zog es vor die Reise allein zu machen.

Durch die hier zu Lande übliche Art zu reisen wird man noch lebhaft an die Zeit der fahrenden Ritter erinnert. Jeder Reisende, der sich auf irgend eine Weise Säbel und Pistolen verschaffen kann, rüstet sich damit, und in Ermangelung letzterer baumeln doch wenigstens ein paar leere Pistolenhalfter am Sattelknopfe; wenn möglich, nimmt man auch eine mit Rehposten geladene Flinte mit, die entweder quer über den Sattelknopf gelegt, oder vom Schildknappen, wie weiland dem edlen Ritter Don Quixote die Lanze, hinterdrein getragen wird. Das Gepäck hat man theils selbst in Satteltaschen bei sich, theils trägt es der Diener vor sich auf dem Maulthiere. Gewöhnlich trottirt dieser voraus, den Weg zeigend; trifft man jedoch unterwegs mit anderen Reisenden zusammen, so reiten die Caballeros voraus, während die hinterfolgenden Diener sich gegenseitig von der Tapferkeit ihrer Gebieter, der unvergleichlichen Güte ihrer Waffen und Pferde u. s. w. tüchtig etwas vorrenommiren, was mit unvermindertem Eifer in jedem Nachtquartiere fortgesetzt wird, wo dann gewöhnlich der Wirth noch die allerabsonderlich grausenhaften Geschichten von Mordthaten zu erzählen weiß, die sich kürzlich erst ganz in der Nähe zugetragen haben sollen, natürlich in der menschenfreundlichen Absicht, den oder die Reisenden wo möglich noch den nächsten Tag dazubehalten.

Beim Mahle, meist aus gekochtem Reis, Huhn, Eiern und Fisch, nebst einigen steinharten rothen Bohnen und der unvermeidlichen Tortilla (einem aus Mais gebackenen flachen Kuchen, der die Stelle des Brodes hier vertritt) bestehend, wartet der Mozo (Diener) hinter dem Stuhle seines Caballero stehend, auf, lauert aber gierig auf den Augenblick, wo dieser sich erhebend, ihm die Reste der Speisen überläßt.

Früh, wo ich meist um 3 Uhr aufbrach, um die Morgenkühle zu benutzen, kostete es stets mannichfache Mühe und Arbeit, Diener und Wirth aus dem Schlafe zu rütteln, und bis die Thiere gefüttert waren, verging dann immer noch mehr als eine Stunde, weshalb ich in der Regel das Geschäft des Wecken schon um 2 Uhr begann, nichts destoweniger aber mit einer Strohcigarre vorlieb nehmen mußte, während der Magen erst im nächsten Dorfe, oft 14-16 Miles entfernt, bedacht werden konnte. Genug, man übersetze die Abenteuer und Irrfahrten des obgenannten unsterblichen Ritters ins Moderne, und man hat das leibhafte Conterfei eines Reisenden in Central-Amerika.

Der erste Theil des Weges nach Massaga, dem ersten Haltpunkte, war durch den vielen Regen grundlos geworden, und mein armes Pferd mußte immer aus einem Sumpfloche ins andere tappen. Die Maulthiere, durch welche fast der ganze Verkehr des Landes betrieben wird, treten immer wieder in die Fußstapfen des vorangehenden Thieres, an dessen Schweif ihr Zaum gebunden ist, so daß manchmal dadurch Reihen von 16-20 hintereinander entstehen; hierdurch wird aber bei Regenwetter die Straße zu einer Reihe nebeneinander und quer darüber hinlaufender Gräben, die, mit Wasser und Schlamm gefüllt, das Reiten ungemein erschweren, und da die hiesigen Pferde sehr kleinen Schlages sind, kaum 14 Hand hoch, so werden die Füße des Reiters mit den 4 bis 5 Zoll langen großgeräderten Sporen weidlich in den Koth getaucht. Ich zumal hatte oft Gelegenheit Betrachtungen darüber anzustellen, warum der liebe Himmel gerade mich mit so unziemlich langem Pedal ausstatten mußte. Bei besserem Wege ist die Gangart der hiesigen Pferde eine sehr angenehme Art von Paß, paso picarro hier zu Lande genannt. Ueberhaupt ist die Race ganz vortrefflich für hiesige Gegend, obschon man auf Broadway, in Hydepark oder dem Bois de Boulogne, im Berliner Thiergarten oder im Wiener Prater eben nicht sonderliche Bewunderung damit erregen würde.

Da es noch früh am Tage war, begegnete ich langen Zügen von Indianern, welche ihre Produkte, als: Mais, Bohnen, Cacao und Taback, zu Markte trugen, die, theils auf Pferden, theils in Netzen auf dem Rücken hängend, an einem breiten Gurt über die Stirn getragen wurden, wie man dies auch zuweilen in den Schweizerbergen sieht, eine abscheuliche Mode, die den Leuten das Aussehen von Zugochsen giebt. Mir erschien diese Art von Kopfarbeit eine höchst anstrengende, wie auch als der Grund der vielen Kröpfe, die ich hier herum wahrnahm.

Der Weg schlängelt sich theils durch herrlichen, hochstämmigen Wald, bemerkenswerth durch die mächtigen und häufigen Gummibäume, theils führt er hin zwischen Bananen- und Indigofelder, umgeben von 5 bis 6 Fuß hohen wilden Ananas-Hecken. Hier und da bietet sich von der Höhe eines Hügels eine entzückende Aussicht nach den Seen von Granada und Managua und dem Tipitapa-River, begränzt von den lachendsten, fruchtbarsten Ebenen und majestätischen Gebirgszügen mit sanft ansteigenden Vorhügeln in den schönsten Formen und geschmückt mit aller Pracht und Ueppigkeit der tropischen Vegetation. Beim großen Gott! dies Land ist ein wahres Paradies und könnte Wunder wirken, Millionen fleißiger Hände ernähren, wäre es nicht von solch träger, kurzsichtiger und geistig beschränkter Bevölkerung bewohnet, welche es nicht versteht, oder nicht verstehen will, diesem gottgesegneten Boden einen auch nur einigermaßen erheblichen Tribut aufzuerlegen.

Massaga, wo ein kräftiges Frühstück mich und meinen Diener, süßer junger Mais die Thiere erquickte, ist ein niedliches Städtchen, oder großer Flecken, mit nicht unbeträchtlichem Markt für einheimische Produkte. Ein großer Theil der Ortsbevölkerung wohnt freilich nur in indianischen Rohrhütten, allein der Fleiß derselben sticht vortheilhaft gegen andere Ortschaften ab, die ich später sah. Selbst Frauen, welche Früchte zu Markte trugen, flochten im Gehen Strohhüte und Matten von recht zierlicher Arbeit, und weniger als anderswo sah ich hier die Leute in ihren Hammocks faullenzen. Trotzdem waltet aber auch hier immer noch dieselbe indianische Halsstarrigkeit gegen alle und jede Verbesserung vor, die ihre Arbeit nutzbringender machen könnte.

In dem kleinen, jenseits Massaga gelegenen Dörfchen Indiery sah ich zufällig das Begräbniß eines jungen indianischen Mädchens mit an, während unsere Thiere gefüttert wurden.

Die Leiche ward auf einer Bahre, ohne Sarg, blos der Körper mit einem Leinentuche bedeckt, das Gesicht, dessen schöne unschuldvolle Züge selbst der Tod nicht zu verunstalten vermocht hatte, jedoch offen getragen. Vorauf zogen sechs Musikanten mit zwei Geigen, zwei Flöten, einem Waldhorne und einem Violoncello, hinter ihnen der arme Dorfpfarrer, Gebete sprechend. Die Musik war eigentlich mehr ein sonderbarer Wirrwarr von Tönen zu nennen, die nur bei einigen öfters wiederkehrenden Gebetformeln sich zu einer Art von Accord einigten.

Beim Grabe, einer kleinen, kaum einige Fuß tiefen Grube, auf dem Platze vor der Kirche angelangt, ward nach kurzem Ceremoniel die Leiche in die Grube gelegt, jeder der wenigen Leidtragenden warf seine Hand voll Erde darauf und ein paar Leute mit Schaufeln thaten in kaum drei, vier Minuten den Rest. Ein Bündelchen Raketen zischte in die Luft empor, das Aufschwingen der Seele gen Himmel andeutend, wie mir einer der Anwesenden erklärte, und jetzt zum erstenmale einte sich das bisherige Tongewirre der Musikanten zu einer wirklichen Melodie, in der ich zu meiner großen Ueberraschung das liebliche Lied der Brautjungfern in unseres herrlichen Webers Freischütz, wenn auch etwas naturalistisch verstümmelt, wieder erkannte. Wie dies Lied den Weg bis hierher in die Tropenwelt gefunden, mag der Himmel wissen.

Ich kann nicht sagen ob es die Erinnerung war, welche diese aus holder Kinderzeit herüberklingenden heimischen Töne in mir erweckte, oder was sonst, so viel aber ist gewiß, daß weder das pomphafteste Trauergepränge, noch die vollstimmigsten und kunstvollsten Trauerhymnen, noch die schönsten Grabreden jemals einen rührenderen Eindruck auf mich hervorgebracht haben, als diese kindlich naiven Töne und die noch naivere Raketensymbolik neben diesem frischen Grabe einer kaum im Entfalten schon dahingerafften Blüthe. Der Zufall ist oft poetischer, als das poetischste Raffinement!

Als eine Viertelstunde später die Thiere getränkt und gefüttert waren und ich wieder da vorbeiritt, spielten die Kinder schon wieder harmlos und fröhlich auf der Stelle, die eine kaum merkliche Erhöhung als ein Grab andeutete, da ja der jugendliche Körper nur wenig Raum einnahm.

[1]: Sechsschüssige Pistolen.

V.
Lavafelder. – Managua. – Reisebekanntschaft. – Landschaftliches. – Puebla nuova. – Ein Raubmord. – Nächtliche Störung. – Ankunft in Leon.

Fünf Miles von Massaga erreichte ich, nachdem ich noch einige allerliebst zwischen Cocospalmen gelegene indianische Dörfchen passirt, die Lavafelder des Vulcans von Massaga. Seine Thätigkeit beschränkt sich nur noch auf zeitweilige Entwickelung von Schwefelwasserstoff und starke Erhitzung des Schlammbodens in dem erloschenen Krater; ein kleiner Salzsee auf der Südseite, welcher einen andern Krater ausfüllt, so wie ungeheure, sich wohl 6 bis 7 Miles gegen Norden hin erstreckende Lavafelder, geben Zeugniß seiner früheren Verheerungen. Ueberhaupt ist das ganze Land mit trachitischen Gebilden, Osidien und todten Lavaströmen bedeckt, welche die alles überwuchernde üppige Vegetation später mit neuem Leben bekleidet hat. Ein großer Theil der Quellen ist gleichfalls voller mineralischer Substanzen, und viele haben einen beträchtlichen Hitzegrad. In den Lavafeldern von Massaga fielen mir besonders eine Menge seltsamer Höhlen auf, ähnlich ungeheuren Backöfen, wahrscheinlich herrührend von den durch sich entwickelnde Gase gebildeten Blasen.

Am Nachmittage brach wieder ein Gewitter mit gewohnter tropischer Heftigkeit los. »Donnere du bis du es satt hast!« dachte ich, und wickelte mich zum Schutze gegen die herabströmende Sündfluth in meinen Poncho, eine dicke Wolldecke, mit einem Loch in der Mitte, zum Durchstecken des Kopfes, welche als Mantel den ganzen Menschen einhüllt, während der Kopf durch einen breitkrämpigen Hut geschützt wird; mein armes Pferd aber schritt schwermüthig auf der, in einen Gießbach verwandelten Straße einher und mein Sancho Pansa hinterdrein, höchst kleinlaut und verdrüßlich auf seinem Maulthiere hockend.

Menschen und Thiere waren froh, als wir am Abend Managua erreichten, eine ziemlich ansehnliche Stadt am See gleiches Namens gelegen und Sitz der gesetzgebenden Versammlung, übrigens durch nichts bemerkbar als durch eine nicht unschöne Hauptkirche von ziemlich reicher Architektur, in dem oben erwähnten Mischlingsstyl.

Ein wilder Truthahn, den ich unterwegs geschossen, bildete unser Abendessen, welches ich mit einem Italiener theilte, der, gleichfalls auf der Reise nach Leon begriffen, in Verzweiflung war, daß sein Reisegefährte, ein Spanier des Landes, ihm durch seine permanente Trunkenheit die Reise äußerst beschwerlich und unangenehm machte. Die regelmäßig schönen Gesichtszüge dieses Mannes, von antiker Strenge, aber durch die freundlichen blauen Augen, aus denen herzliches Wohlwollen blickte, sehr gemildert, so wie seine stramme soldatische Haltung, gepaart mit ritterlicher Anmuth, zogen mich wider Willen an und in stillschweigender Uebereinkunft brachen wir am anderen Morgen um 3 Uhr gemeinschaftlich auf, den lästigen Trunkenbold zurücklassend, der noch seinen gestrigen Rausch ausschlief.

Mein neuer Bekannter hatte, nachdem er die letzten Kriege seines Vaterlandes mit durchgekämpft und sein geliebtes Weib, das alle Gefahren und Beschwerden treu mit ihm getheilt, auf schreckliche Weise verloren, die friedliche Beschäftigung des Landmannes erwählt, und war jetzt auf dem Wege nach Californien, wo er beschlossen hatte, im Vereine mit mehren seiner Schicksalsgenossen sich lediglich auf die Agricultur zu verlegen und so, wenn auch langsamer, die wahren Schätze dieses Landes auszubeuten, das in nicht gar zu langer Zeit vielleicht noch einer der blühendsten Staaten der nordischen Union werden wird. In Leon, wo ich mehrere Mitglieder dieser projectirten Colonie, meist Genueser, kennen lernte, die einen sehr erfreulichen Gegensatz zu den Fehlern bildeten, die man meist den Italienern vorwirft, vernahm ich erst zufällig den Namen dieses, in der neuesten Periode seines Vaterlandes berühmt gewordenen Mannes, aber das strenge Incognito achtend, das er angenommen um sich vor Zudringlichkeiten zu schützen, war und blieb er für mich nur Signor Giuseppe, oder auch Monsieur Joseph.

Hinter Managua führt der Weg über eine steile, mit großen Felsbrocken bedeckte Anhöhe, welche, da wir sie noch im Morgendunkel passiren mußten, unsere armen Thiere weidlich zum straucheln brachten. Wir erreichten jedoch ohne erheblichen Unfall mit Tagesanbruch den Gipfel, wo die aufgehende Sonne ein wahres Paradies vor unsern entzückten Blicken entrollte. Südöstlich sahen wir noch den See von Granada, nordwestlich aber, jenseits des See's von Managua, dessen Brandung dumpf zu uns herauf tönte, dehnte sich langhin das schöne Thal von Leon, über welches der hohe Viejo sein rauchendes Haupt über die Wolken erhob.

Der Weg gleicht von hier an dem prachtvollsten Park, der Wald ist fortwährend durchbrochen von üppigen Wiesenflächen, in deren hohem Grase schöne Rinder, größer als ich sie bis jetzt hier zu Lande gesehen, und muntere Stuten mit ihren Füllen weideten. Die einzige Calamität dieses gesegneten Landes ist der Mangel an fließendem Wasser, denn während der trockenen Jahreszeit, wo die kleinen Teiche und Tümpel meist austrocknen, der Wald, seines grünen Blätterschmuckes beraubt, nur noch in brillantem rothen und gelben Blätterkleide erscheint, irrt das geängstete Rindvieh, durstend, geplagt von Schwärmen von Insecten, dumpf brüllend umher, nach vereinzelten Quellen suchend, um seinen Durst gemeinsam mit dem schüchternen Reh und dem possirlichen Affen zu stillen. Zahlreich umherliegende Gerippe geben Zeugniß, wie viele schon als Opfer des Durstes, oder auch des grimmen Jaguars gefallen waren.

In Pueblo nuevo, unserm Nachtquartier, fanden wir im Gasthause einen kleinen englischen Schiffsjungen und erfuhren von ihm die genauen Details eines nur vor wenig Tagen erst verübten Raubmordes, den ich, als ich im letzten Nachtquartier und unterwegs davon reden hörte, für eine der gewöhnlichen Aufschneidereien gehalten hatte. Ein englischer Capitain, dessen Schiff in Realejo gestrandet war, hatte den Erlös der geretteten Waaren nebst einigen anderen Gegenständen mit sich auf einem Ochsenkarren geführt. Dieser Umstand war, wie man vermuthet, durch den Karrenführer, von dessen Mitgenossenschaft an der Gräuelthat man sogar ziemlich stark munkelt, bekannt geworden und eine kurze Strecke hinter Pueblo nuevo überfielen sechs Strauchdiebe den Capitain, der in Gesellschaft des kleinen Schiffsjungen ein Stück Wegs hinter dem Fuhrwerke herging, auf welchem er seine Waffen gelassen hatte und von denen er auf diese Weise abgeschnitten war. Ein Mann von Entschlossenheit und großer Körperkraft, leistete er waffenlos nichtsdestoweniger tapferen Widerstand, warf einen der Strolche zu Boden und verwundete ihn mit dessen eigener Macheta. Von den übrigen hinterrücks zu Boden geworfen, ward auf ihn losgehauen wie auf ein Bündel Brennholz, und als der arme Junge, den ein Schlag über den Kopf besinnungslos niedergestreckt hatte, wieder zu sich kam, war der todtähnliche Capitain in ein nahes Gebüsch geschleppt, der Karren des Geldes, des Schiffschronometers und einiger anderen leicht transportablen Gegenstände beraubt, die Banditen aber verschwunden. Einige Amerikaner, – die ich später in Leon kennen lernte – des Weges kommend und gut bewaffnet, setzten zwar den Räubern eine Strecke nach, aber ohne Erfolg. Sie mußten sich damit begnügen den Verwundeten, der noch einige Lebenszeichen von sich gab, zu verbinden und nach Pueblo nuevo zu schaffen, wo man ihn unter der Pflege der Wirthsleute, ein paar gutmüthiger alter Jungfern, noch zu retten hoffte. Zwei Aerzte aus Leon, Dr. Livingston und Dr. Seidel, ein Sachse, die man schnell von dorther zu Hülfe geholt hatte, fanden nicht weniger als fünfzehn Hieb- und Stichwunden und zwei Knochenbrüche an dem Unglücklichen, der trotz aller angewandten ärztlichen Sorgfalt am dritten Tage, in Folge des vielen Blutverlustes den Geist aufgab. Große Erbitterung herrscht hier über diesen Mord, dem in nicht langen Zwischenräumen bereits mehre vorangegangen, und sobald sich nur erst Gelegenheit dazu findet, wird Judge Lynch, glaube ich, auf tüchtige Beschäftigung rechnen können.

Der arme Schiffsjunge war noch sehr niedergeschlagen und fühlte sich bang unter all den fremden Menschen hier, von denen keiner seine Sprache kannte. Ein gutes Abendessen, das wir mit ihm theilten, ein Glas alten Portwein aus unserm Reisekeller, so wie einige kleine Geldgeschenke heiterten ihn indeß ein wenig auf. Am andern Tage ward er nach Leon abgeholt, um von dort über Realejo auf einem englischen Schiffe in seine Heimath befördert zu werden.

Im Hause fanden sich nur zwei Gastbetten und davon war eines das Todesbett des unglücklichen Capitains gewesen; die Strohmatte, aus der hier einzig die Betten bestanden, starrte noch von den dunklen Blutflecken des Ermordeten. Obschon ein solcher Umstand nicht eben die Annehmlichkeiten eines Nachtlagers erhöhet, sind doch 45 Miles zu Pferd ein probates Mittel um alle etwaigen Bedenklichkeiten niederzuschlagen und ich entschlummerte sanft, während Mr. Joseph ein Gleiches auf der anderen Strohmatte that.

Gegen Morgen weckte mich ein Luftzug und ein seltsames Geräusch; die Thüre ins Freie stand auf, ich hörte an meinem Gepäck zerren und ein unbekanntes Etwas dumpf brummen. »En garde!« rief ich, und das Knacken eines Pistolenhahnes gab mir vom Nachtlager meines Reisegefährten herüber Antwort, wobei mir dieser zugleich zurief, ich möge schnell Licht machen, er wolle die Thüre vertheidigen. Die eintretende Helle überzeugte uns jedoch, daß der vermeintliche Spitzbube nur ein friedliches Schwein war, welches, angelockt vom Geruche einiger schönen Vogelbälge, an meinen Satteltaschen herumzupfte, in welchen ich sie verwahrt hatte. Ich war so grausam seinen Drang nach ornithologischen Studien durch einige Hiebe zu dämpfen. Die dadurch erregte Heiterkeit hatte allen Schlaf verscheucht; wir sattelten und machten uns auf den Weg, um Leon wo möglich noch bei guter Zeit am Vormittage zu erreichen.

Ein seltsames Concert bildet noch in jedem Dorfe das fortwährende Geschrei der Hähne und das Bellen einer zahllosen Menge von Hunden, das die ganze Nacht ununterbrochen fortdauert, als wollten letztere damit gegen das alte Mährchen, daß die Hunde in diesen Tropenländern stumm wären, recht eindringlich protestiren. – Eine höchst praktische Schutzwehr der Höfe bilden hier die Cactushecken, welche sich pallisadenartig, mit scharfen harten Stacheln besetzt, oft in einer Höhe von 8 bis 10 Fuß ringsherumziehen, und vorzüglich zum Abhalten der Jaguare geeignet sind, die sich häufig des Nachts zu ihrem Schmause Hunde aus den Dörfern holen.

Um 7 Uhr Morgens stiegen wir hinab in das herrliche Thal von Leon, das an Schönheit wie an Fruchtbarkeit wohl kaum von irgend einem Lande der Welt übertroffen werden kann. Ueberall wo nur der mindeste Fleiß angewandt ist, lohnt sich derselbe im reichsten Maße. Dabei habe ich bis jetzt noch nirgend gesehen, daß die Cultur wirklich so zur Verschönerung der Natur beitragen kann, wie eben hier, denn da die Felder meist 50-60 Acres betragen und sich dazwischen immer Gebüsche und schöngezeichnete reiche Baumgruppen hinziehen, während dichte Waldung da und dort einen, bald bunten, bald dunklen Hintergrund bildet, so wird dadurch die angenehmste und zugleich malerischeste Abwechselung hervorgebracht. Inmitten dieser großen Thalebene liegt Leon, mit seinen vielen Kirchen, lieblich auf Hügelhängen an einem kleinen Fluße, zwischen majestätischen Baumparthien. Hier und da wiegen Cocospalmen, einzeln oder in Gruppen ihre vom Morgenwinde bewegten Häupter auf zierlichen Stämmen; jenseits der Stadt aber zieht sich die imposante Gebirgskette hin, auf welcher fünf Vulkane fortwährend Rauchsäulen gleich gigantischen Stoßseufzern, gen Himmel senden, Kunde gebend von ihrer geheimnißvollen Thätigkeit tief im Schooße der Erde. Im Osten steht der Monotombo, über 6000 Fuß hoch, im Westen der Viejo, 5500 Fuß hoch, als die gewaltigen Strebefeiler dieser Riesenmauer, während der stille Ocean sich am fernen Horizont als dunkelblaue Linie hinzieht.