Um 10 Uhr ritten wir in Leon ein und mit einem Händedruck schied ich von meinem liebenswürdigen Reisegefährten, der seine Fahrt nach Realejo fortsetzte. Ob wir uns je wiedersehen, weiß Gott allein.
Ich fand für mich, für Diener und Thiere eine gastliche Aufnahme im Hause des Dr. Livingston, eines sehr geachteten Arztes, dem ich meine Depeschen, gleich einer Art von Empfehlungsbrief vom Pferde herab überreichte. Ehe ich mir jedoch Ruhe vergönnte, machte ich mich auf, gestiefelt, bespornt und staubbedeckt, wie ich war, vor allen Dingen diese Depeschen abzugeben, die mir dringend ans Herz gelegt waren und wozu ich noch besondere Veranlassung in den kriegerischen Gerüchten fand, welche überall laut wurden. Später habe ich mich jedoch überzeugt, daß dergleichen hier eben nicht viel zu bedeuten hat. Man schreit und zankt sich eine Weile herum, feuert, wenns hoch kommt, ein paar Dutzend Flintenschüsse ab, sperrt auch vielleicht hinterher einige Hauptschreier auf kürzere oder längere Zeit ins Loch, dann ist alles vorbei, um in einigen Monaten wieder von vorn anzufangen.
Von meinem Empfange bei der Regierung ist nicht viel zu sagen. Schon vielfach ist das Lächerliche eines kleinen Staates, gleichviel ob Republik oder Monarchie, ohne inneren Gehalt, ohne Macht und äußern Einfluß, der sich aber gleichwohl das Ansehen und Gewicht eines größeren geben möchte, besprochen worden. Der Unterschied zwischen Washington und Leon ist ungefähr dem eines Empfanges am Hofe von St. Petersburg und eines in Bernburg zu vergleichen. General Munnoz, der eine Art von Dictatorrolle spielt, war noch in Unter-Inexpressibles, warf aber schnell ein kleines gelbes spanisches Mäntelchen um, das wahrscheinlich eine Art von Interimsuniform vorstellen sollte. Ich ward übrigens äußerst freundlich und zuvorkommend aufgenommen und in mehren Häusern ward mir Wohnung und Unterhalt angeboten. Ich zog es jedoch vor da zu bleiben, wo ich war, d. h. bei Dr. Livingston, wo ich mich einer trefflichen Verpflegung und wahrhaft liebenswürdigen Umganges zu erfreuen hatte.
Mein Zeichnen- und Maler-Material hatte ich in Granada zurückgelassen und es drängte mich endlich an die Arbeit zu kommen, deshalb dachte ich auf meine baldige Rückkehr dahin, auf welcher Rückreise Dr. Livingston und Mr. Lane, ein zeitweilig hier lebender Amerikaner, mich begleiten wollten.
Am Tage vor der Abreise saß ich mit letzterem eben vor der Thüre, als ein wohlbeleibter Prälat, in Begleitung seiner gewöhnlichen Sauvegarde von zwei Soldaten, auf seinem Ochsenkarren angeklingelt kam. Wir nahmen ganz höflich die Hüte ab, allein dies schien dem frommen Manne noch keineswegs zu genügen, denn er sendete einen seiner Soldaten ab, der uns zum Niederknieen nöthigen sollte. Das kam uns denn doch ein wenig allzuspanisch vor, zumal er ja nicht das Venerabile mit sich führte. Als wir nicht schleunigst gehorchten, holte der Soldat aus, um Mr. Lane einen Kolbenstoß zu versetzen. Ein ächter Yankee versteht in diesem Punkte nicht viel Spaß und mein Gefährte zog rasch eine jener sechsschüssigen New-Yorker Pistolen hervor, was auch mich veranlaßte mein Bowiemesser ein wenig zu lüften; beim Anblick unseres guten Vertheidigungszustandes retirirte der Kriegsheld über Hals und Kopf hinter den Karren des Prälaten, der die Faust ballte und die schrecklichsten Maledictionen auf uns herabdonnerte. Die ganze Gesellschaft entfernte sich aber so eiligen Schrittes, als ein Ochsengespann vermittelst Hieben fortzubringen ist. Mein Gefährte forderte mich auf sogleich mit ihm zum Präfekten zu gehen, wo wir den zornentbrannten Prälaten bereits vorfanden. Der Mann des Gesetzes gerieth durch unsere Gegendeposition so in Verlegenheit, daß er die ganze Sache, als nicht vor seinen Richterstuhl gehörig, von sich wies. Der Amerikaner wandte sich nun mit seiner Beschwerde an den Militaircommandanten, der den allzueifrigen Soldaten auf 24 Stunden ins Loch sperren ließ. Der arme Bursche dauerte mich, da er ja gar nicht wußte, wem er es eigentlich recht machen sollte, und erinnerte mich lebhaft an jenen Rekruten in den fliegenden Blättern, der auf die Frage: »Was ist ein Soldat?« die Antwort giebt: »A armer geplagter Mensch!«
Der Rückweg nach Granada bot nur den Unterschied, daß ich einige prachtvolle Arten von Vögeln sammelte, und einen recht einfältigen Mord an einem armen Affen beging, der ein Kleines auf dem Rücken trug, was ich leider vorher nicht bemerkt hatte. Ich nahm mich der hinterlassenen Waise pflichtschuldigst an und päppele sie bis diesen Tag mit Milch und Wasser weiter, bis sie im Stande sein wird, sich durch eigenes Ingenium ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Eine ganz neue Erscheinung waren für mich die Quadusen, im Baue ähnlich dem Hasen, doch mit kürzeren Ohren und Springfüßen und trippelnd wie der Dachshund.
Auch machte ich von Massaga aus dem Vulkane gleiches Namens einen Besuch, um vorläufig einige Zeichnenstudien dieser eigenthümlichen Naturbildungen zu nehmen. Ich hätte sehr gewünscht ins Innere des Hauptkraters hinabsteigen zu können, der mehre höchst interessante und groteske Schwefelformationen enthalten soll; dies allein zu unternehmen ward mir jedoch als eine absolute Unmöglichkeit dringend widerrathen, da ebensowohl die während der Regenzeit sehr häufigen und plötzlich eintretenden Nebel den Weg ungemein erschweren, als auch die noch fortwährenden Entwickelungen von Schwefelwasserstoffdämpfen den einsamen Wanderer leicht der Gefahr des Erstickens aussetzen. Auch hätte ich mein armes Pferd um keinen Preis über die verglaste Schlackenmasse hinweggeschunden und eben so unmöglich war es, trotz aller Nachfragen und Geldanerbietungen einen Führer und ein Maulthier zu erlangen. Nichtsdestoweniger habe ich die Lavafelder so viel als möglich kreuz und quer durchstrichen und auch einen kleineren Nebenkrater erklettert, bis mich körperliche Erschöpfung und meine total zerrissenen Schuhe zur Rückkehr nöthigten, habe auch, trotz der erschwerenden Umstände einige höchst interessante Studien zustandegebracht.
Das Durchwandern dieser öden, und doch dabei an malerischen Schönheiten so reichen Landschaft, gewährte mir einen eigenthümlichen Reiz, dem ich nicht Worte zu geben vermag.
Ihr habt mich zuletzt Anfang August 1851 auf der Rückreise von Leon nach Granada verlassen, woselbst ich mein Malergeräth und sonstige Effecten in Verwahrung gelassen und nun endlich meinen Reisegefährten, Mr. Squier, selbst, oder doch wenigstens gewisse Nachricht über die Zeit seines Eintreffens vorzufinden hoffte. Da beides nicht der Fall war, beschloß ich wenigstens, die Zeit zu fleißigen Arbeiten für mein Portefeuille und kleinern Ausflügen in der Umgegend zu benutzen.
Mein erster ging über den Bergrücken, welcher Granada von Rivas trennt, nach einer Hacienda des Don Emanuel B.........., die mir als eine der vorzüglichsten geschildert worden war, sowohl für den Kaffee- und Cacaobau, wie für Erzeugung des Indigo, mir also die beste Gelegenheit bot, mich über den Betrieb des hiesigen Landbaues zu unterrichten. Ich war in Begleitung eines so gebildeten wie liebenswürdigen jungen Mannes aus Granada, Don Jose S.... Unser Weg führte theils durch herrliche Wälder, theils durch angebautes Land, dessen Hauptproducte Indigo, Mais und Bananen sind.
Ziemlich auf der Höhe eines kleinen Gebirgsrückens, etwa 8 Miles von Granada, hatte ich die Freude, die Ueberreste eines wahrscheinlich aztekischen Idols aufzufinden; obgleich nur aus geringem und weichem Material gearbeitet und arg mitgenommen von der Witterung, wie von der Zerstörungslust der Maulthiertreiber, die im Vorbeiziehen gern einen Streich mit der Macheta (lange, schwertartige Messer, die zugleich als Waffe und als einziges Hau- und Schneidewerkzeug dienen) gleich einem alten Sündenbocke danach führen, zeigte es doch noch deutlich die nicht unschönen Proportionen und auffallende Aehnlichkeit mit den flachstirnigen Physiognomien mexicanischer Monumente.
Mehrfach bemerkte ich unterwegs einen merkwürdig lauten Hall des Hufschlages unserer Pferde, entweder von den Lavafeldern herrührend, über die sich die wunderbar üppige Vegetation dieses Himmelsstriches gebreitet, oder vielleicht auch von vulkanischen Höhlungen, die der Erdoberfläche ziemlich nahe liegen. Ich habe bis jetzt noch nirgends eine so bedeutende Verstärkung und Weitertragung des Schalles vernommen wie hier, am auffallendsten aber bei Besteigung eines etwa 10 Miles von Granada liegenden Berges, der eine entzückende Fernsicht von den Gebirgen von Leon bis hinab nach St. Carlos bietet und wo ich, zufällig am Boden liegend, ganz deutlich Trommeln und Musik aus Granada vernahm, während man stehend nichts davon hören konnte.
Rings um den Mombatch, den Hauptstock des Gebirges von Granada, dessen eingestürzter, gewaltiger Krater von allen Seiten die malerischesten Umrisse bietet, erheben sich eine Menge größerer und kleinerer Hügel, theils noch jetzt fortwachsend, getrieben von der Gewalt des unterirdischen Feuers, das einen derselben in den letzten vier Jahren über 30' gehoben hat, vielleicht aber doch nicht mehr Kraft genug besitzt, um noch kleinere Nebenkrater zu bilden, wie sie sonst bei Vulkanen mehr oder minder vorkommen.
Auf der erwähnten Hacienda, die wir gegen Abend auf den jetzt überall durch den Regen grundlos gewordenen Wegen erreichten, ward uns eine überaus gastliche und freundliche Aufnahme zu Theil, wie denn überhaupt Gastfreundschaft die hervorragendste Tugend der Einwohner dieses Landes ist.
Die Hacienda enthält nebst einem ziemlich bedeutenden Viehstande eine Pflanzung von etwa 12,000 Cacaobäumen und eben so viel Kaffeebäumen; sehr große Strecken waren mit den für den Wirthschaftsbedarf nöthigen Mais und Bananen, hauptsächlich aber mit Indigo bebaut, dessen Fabrication mich am meisten interessirte. Bekanntlich ist der Indigo nur ein Oxyd des durch Gährung aus der Pflanze gezogenen und ursprünglich grünen Saftes. Die Pflanze wird zu diesem Zwecke kurz über der Wurzel abgeschnitten, in großen gemauerten Bassins dicht aufgespeichert und das Ganze unter Wasser gesetzt. Die darauf wirkende heiße Sonne färbt das mit dem Pflanzensafte geschwängerte Wasser bald grün, worauf es in andere, tiefer liegende Behälter abgelassen, dort durch fortwährendes Rühren und Peitschen mit der Atmosphäre in Contact gebracht wird und so allmälig erst jene schöne tiefblaue Farbe bekömmt. Das Umrühren wird anderwärts gewöhnlich durch einen Ochsengöpel oder durch Wasserkraft bewerkstelligt, hier aber durch eine Procedur, die einen wirklich höchst possirlichen Anblick gewährte, nämlich durch eine quer durch den Behälter gehende, mit kurzen Stangen gespickte Holzwelle, in welcher in der Mitte eine Art Schaukelbret angebracht ist, an dessen Enden zwei Männer sitzen, die durch abwechselndes Aufstehen und Niederkauern die ganze Maschine, nach Art der Nürnberger Sägemännchen, in Bewegung setzen. Man kann kaum etwas Komischeres sehen, als diese hockenden, schreienden, schwitzenden, oben kupferfarbigen und unten echt indigogefärbten Indianer.
Die ganze Plantage war in früherer spanischer Zeit, aus welcher überhaupt alle umfassenden Anlagen und bessern Einrichtungen herstammen, mit großer Umsicht angelegt; weit ausgedehnte gemauerte Kanäle brachten das Wasser nach allen Theilen der in geordneten Reihen stehenden Pflanzung. Fortwährende Revolutionen, deren ungefähr aller drei bis vier Jahre eine ist und durch welche jedesmal die Reichern durch Contributionen arg geschröpft werden, haben das Vermögen der Besitzer sehr heruntergebracht; die Kanäle sind verschlammt, die Indigofelder voller Unkraut, in traurigem, wüstem Zustande, der nur eben so weit bewältigt wird, um nicht Alles ganz einschlafen zu lassen.
Traurige Zustände, denen allein durch eine recht gesunde, kräftige Einwanderung abgeholfen werden könnte, wozu aber wiederum nur eben solche Leute tauglich wären, welche sich zuvor in den Vereinigten Staaten die Hörner ein wenig abgelaufen und dort erst gelernt hätten, wie man sich in fremdem Lande am besten organisirt und seine Kräfte anwenden muß, um die mehrsten Körner aus seinem Weizen zu dreschen. Solche aber, welche direct aus Deutschland herüberkommen und etwa meinen, es würden ihnen bei nur geringer Mühe die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, werden hier wahrlich schlechte Rechnung finden. Doch hierüber werde ich mir am Schlusse meiner Reiseberichte noch einige besondere Gesammtbemerkungen erlauben.
Einige landesübliche Galanterien sind hier doch solcher Art, daß der nicht eingewohnte Europäer sich dagegen bei Zeiten verwahren muß, wenn er nicht, wie ich, die üblen Folgen verschmecken will. Die jungen Damen vom Hause hatten die Artigkeit gehabt, mir zur Nacht eine mächtige Schale voll Jasmin unters Bett zu stellen. So gut gemeint dies auch war und vermuthlich eine landesübliche Sitte gegen Gäste, hatte es doch zur Folge, daß mein armer Kopf mir andern Tages noch viermal so dick und schwer, als gewöhnlich vorkam. Ich empfehle meinen Nachfolgern also nicht blos Vor-, sondern auch Untersicht beim Zubettgehen!
Aber nicht nur in Bezug auf Land und Leute, sondern auch an mir selbst habe ich Entdeckungen gemacht, die Euch in Erstaunen setzen werden. Wie Ihr wißt, hatte mein trefflicher Freund, Dr. Gescheidt in New-York, mich beim Antritte meiner Reise mit einem kleinen chirurgischen Besteck, Anleitung zum Aderlassen, sowie einigen allgemeinen medicinischen Regeln ausstaffirt. Schon während der Fahrt auf dem St. Juan-River hatte ich Gelegenheit gehabt, von ersterm verdienstliche Anwendung zu machen. Hier aber sollte ich in noch ganz andere Versuchung geführt werden.
Der alte Herr, dessen Gastfreundschaft ich genoß, von Umfang des Leibes ziemlich einem Falstaff gleich, befand sich am Abend sehr übel und wollte guten Rath von mir. Solchen nicht geben, heißt hier sehr unhöflich sein, denn selbst Demosthenes würde diese braven Leutchen nicht überzeugt haben, daß ein Europäer (zumal ein Deutscher) und ein Doctor nicht ganz identisch seien. Zum Glück war der Fall ziemlich einfach, da der Hauptgrund der Krankheit augenscheinlich in täglich fünfzehn- bis achtzehnstündigem Schlaf im Hammock und etlichen Tagesmahlzeiten à proportion seines Leibesumfanges lag. Nach Pulsfühlen und gewichtigem Fingerandienaselegen verabreichte ich ihm eine gehörige Dosis meiner prächtigen Aloëpillen, die, wenn sie nichts nützten, doch auch nicht schaden konnten, machte ihn aber aufmerksam, ja nicht zu Nacht zu speisen, was jedoch eine unmöglich zu befolgende Vorschrift war, weil der gute alte Papa eine mörderliche Angst hatte, in diesem Falle über Nacht Hungers zu sterben. Zwei Becher gewürzter Chocolade mußte ich also nolens volens concediren. Trotzdem war der Zustand des Patienten am andern Morgen bedeutend besser, da die Pillen ihre bekannte Eigenschaft kräftigst bethätigt hatten, und ich empfing von der gesammten Familie die feierliche Versicherung, daß ich ein großer Doctor sei – was denn doch in der That eine nagelneue Entdeckung genannt werden kann!
Am Tage darauf kam jedoch ein bedenklicherer Fall: ein Knecht war von einem Maulthiere an den Schlaf geschlagen worden und lag für todt da. Natürlich sollte und mußte der Sennor e'strangero da wieder Rath schaffen. Ich spürte noch einige Lebenszeichen an ihm und verfuhr nun flugs wie der gute Dr. de Montegre mit mir vor vier Jahren in Paris verfahren, als ich jenen unfreiwilligen Purzelbaum von 44' Höhe vom Gerüste herab gemacht hatte, d. h. ich ließ dem Scheintodten von mehrern Personen zugleich die Hände und Füße mit ganz heißem Wasser waschen, bis ich wieder Pulsschläge fühlte, worauf ich ihm eine Ader öffnete, und hatte die Freude, ihn bald wieder bei voller Besinnung zu sehen. Die Moral der Sache ist, daß etwa hierher pilgernde Landschaftsmaler sich darauf gefaßt machen müssen, nebst ihrer Kunst auch noch ganz andere Künste zu üben. Dergleichen Kopfstöße scheinen übrigens hier etwas sehr Gewöhnliches zu sein, denn besagtes Individuum ward wenigstens, außer jener kurzen Gefahr, eine Reise in den Himmel zu machen, weiter nicht sehr von den Nachwehen belästigt, und hülste schon am Nachmittage ganz gemüthlich und zu meiner großen Freude Cacao aus, denn ich habe eine wahre Heidenangst, daß meine wider Willen ausgeübte Doctorpraxis mich einmal recht ordentlich in die Klemme bringt, wo die gute Absicht einen kaum ausreichenden Trostgrund für angerichtetes Uebel gewähren dürfte.
Auch die in der tropischen Zone so heftigen Einflüsse des Mondes wie der Sonne habe ich einige Zeit darauf an mir selbst erfahren. Von ersterem, als ich eine Nacht so lag, daß die Strahlen des Mondes eine Zeitlang auf mein Gesicht schienen. Nach lebhaften, ängstigenden Träumen, von denen mich doch sonst mein gesunder Schlaf nach körperlicher Ermüdung immer frei läßt, erwachte ich mit überaus heftigem, nervösem Kopfschmerz, der den ganzen folgenden Tag anhielt und meine ganze, vom Monde beschienene Gesichtshälfte dick aufschwellte.
Schlimmer bekam mir die andere Erfahrung in Bezug auf die Sonne, die möglicherweise sogar den Grund zu der bösen Krankheit gelegt haben kann, die mich bald darauf befiel. Ich hatte Dr. Livingston wieder ein Stück nach Leon zurückbegleitet, um später von dieser himmlisch gelegenen Stadt aus meine Malerexcursionen vorzunehmen; vorher aber wollte ich trotz des Abmahnens allein den heißen Schwefelquellen von Tipi-Tapa und dem Vulkane von Massaga einen Besuch abstatten. Von Managua aus führt der Weg über die große Ebene, welche die Seen von Granada und Managua trennt, theils durch herrlichen, hochstämmigen Wald, theils durch baumloses Sumpfland. Die Sonne brannte heiß hernieder auf den einsamen Wanderer, das 5 bis 6 Fuß hohe Schilf gewährte keinen Schutz gegen die senkrechten Strahlen, und die Sumpfluft lag bleiern über der lautlosen Landschaft. Roß und Reiter trieften von Schweiß und suchten vergebens nach erquickendem Schatten und Wasser. Mir ward plötzlich so schwindlich und unwohl, daß ich mich nicht mehr im Sattel zu halten vermochte und, da ich die Ursache meines Uebelbefindens errieth und allenfalls noch Bewußtsein genug hatte, um meinen Rock abzustreifen und meine Lanzette hervorzuholen, so versuchte ich hier zum ersten Male meine Kunst an mir selbst und öffnete mir eine Ader. Nach einiger Zeit erwachte ich wieder aus der Ohnmacht, in die ich verfallen war, hatte starken Blutverlust gehabt, fühlte mich aber auch sehr erleichtert dadurch. Mein Schimmel dachte nicht ans Fortlaufen, sondern beschnoperte neugierig bald mich, bald die Blutpfütze. Ich band mir das Taschentuch so fest ich konnte, um den Arm und kletterte mühsam auf's Pferd, konnte aber diesen Tag vor Mattigkeit Tipi-Tapa nicht mehr erreichen, sondern mußte in einer kleinen Hacienda übernachten, wo mein armes Pferd, da kein Futter vorhanden war, sich das seinige selbst im Protero (Weideplatz) suchen mußte, der noch dazu über eine englische Meile entlegen war. Dieser letztere Uebelstand tritt sehr oft ein und deshalb bringt jede Reise die Thiere sehr herunter, besonders wenn man schwer laden muß, wie ich es genöthigt war, da ich bei solchen kleineren Excursionen aus öconomischen Gründen weder Diener noch Packthier bei mir habe.
Nachdem ich mich bei dem gutmüthigen Besitzer der Hacienda einen Tag ausgeruht, riskirte ich, trotz der erhaltenen Witzigung, noch einen Besuch der Schwefelquellen von Tipi-Tapa, welche ungefähr eine Meile vom genannten Flecken, an der Stelle liegen, wo der Rio di Tipi-Tapa (ein Ausfluß des Sees von Managua) sich zwischen großen Felsbrocken verliert.
Die stärkste dieser Quellen erhebt sich inmitten eines, theils sumpfigen, theils mit Steingerölle gefüllten flachen Kessels aus einem, durch Niederschlag der das Wasser sättigenden Mineralien gebildeten Hügelchen von acht bis zehn Fuß Höhe. Das Wasser quillt ganz siedend hervor und entwickelt eine Menge von Schwefelwasserstoffdämpfen, die mich, als ich beim Losbrechen und Sammeln einzelner Stücken des Niederschlages etwas zu lange verweilte, ganz schwindlich machten. Ich befürchtete eine Rückkehr des vorerwähnten Ohnmachtanfalles und entfernte mich so schnell als ich vermochte. Es ging auch bald vorüber, als ich nach einiger Zeit in freiere Luft kam, und ein Fußbad in dem etwas weiter entfernten abgekühlten Wasser wirkte besonders wohlthätig auf mich.
Eine zweite heiße Schwefelquelle entspringt inmitten eines kleinen Teiches von ganz kaltem Wasser, wie dies auch bei den Liparischen Inseln an der Küste Siciliens gefunden wird, und noch mehre andere, von minderer Bedeutung, nicht weit davon. Alle diese Quellen enthalten augenscheinlich eine große Menge Schwefel, Kochsalz, sowie einige andere kräftige Substanzen, und werden dereinst einmal, wenn erst eine zahlreichere und betriebsamere Bevölkerung das Land etwas empor gebracht haben werden, gewiß eine sehr besuchte Heilquelle bilden, und einen nicht weniger bedeutenden Exportartikel liefern.
In Folge dieser beiden eigenen Erlebnisse kann ich alle, mir etwa nachfolgenden Reisenden, zumal so lange sie sich noch nicht völlig an das hiesige Klima gewöhnt haben, nicht dringend genug warnen, selbst kleinere derartige Ausflüge niemals allein zu unternehmen.
Als ich Tags darauf auf meinem Rückwege durch einen Wald über eine Art von Kreuzweg kam, riefen mir von der Seite drei Berittene, mit Lanzen bewaffnet, ein grimmiges »Halt!« zu; ich verspürte jedoch nicht sonderlich viel Lust mich mit ihnen in nähere Expectorationen einzulassen, und als einer davon mit erneutem Rufe ein Pistol aus der Halfter zog, nahm ich, so miserabel und unkriegerisch mir auch noch zu Muthe war, meine getreue Büchse herauf, was die drei Helden, zu meiner großen Befriedigung, bewog, Kehrt zu machen und sich nicht weiter um mich zu bekümmern. Ich erfuhr bald darauf, daß es der Vorposten eines, in Managua garnisonirenden, etwa 300 Mann starken Corps der Granadiner Reichsarmee war, welche zum bevorstehenden Kampfe mit den Leonesern zusammengezogen wird.
Ihr müßt nämlich wissen, daß seit etwa zwei Wochen wiederum eine neue Revolution sammt allen Gräueln des Bürgerkrieges im Anzuge ist, ohne daß ich selbst bis jetzt viel davon bemerkt hatte. Die respectiven Regierungen von Granada und Leon haben einen Aufruf an alle waffenfähige Bürger erlassen, zur Rettung des Vaterlandes herbeizueilen, welcher Aufruf jedoch, wenigstens auf Seite der Granadiner, eben keinen absonderlichen Enthusiasmus erregt zu haben scheint. Eine Abtheilung dieser barfüßigen Prätorianer liegt, wie gesagt, in Managua, größtentheils mit Flinten bewaffnet, von denen die eine keinen Ladestock, die andere kein Bajonett, die dritte sogar kein Schloß hat, sehr viele davon aber wohl beim ersten Schuß springen werden. Dieses Corps steht unter dem Commando eines Generals, der sich in besseren friedlichen Zeiten damit beschäftigt, verdorbene Uhren noch mehr zu verderben.
Auf der Durchreise ward mir das Glück zu Theil, diese tapferen Spartaner manövriren und exerciren zu sehen. In Erwartung nämlich, daß der Feind kommen werde, laufen die Helden einstweilen täglich einige Stunden, einer hinter dem andern, rings um den geräumigen Marktplatz herum, wozu abwechselnd auf einer faßartigen, von zwei Mann getragenen großen Trommel, oder auf zwei kleinen übereinandergebundenen, Tambourins gleichenden Trömmelchen tapfer darauf losgepaukt wird. Auch Festungswerke hat man errichtet, wenn man nämlich einige, 4 Fuß hohe, einen Fuß dicke Mäuerchen aus Luftziegeln und von Holzklötzen und Balken gestützt, mit diesem Titel beehren will. Auf der Gegenpartei mag es wohl auch nicht viel besser aussehen, und so stehen sich denn die Löwen kampfgerüstet einander gegenüber.
Der Hauptkern dieser ewig wiederkehrenden Katzbalgereien, die das arme Land nur aussaugen und keinen gedeihlichen Zustand zur Blüthe kommen lassen, beruht auf einem individuellen Streite der Machthaber von Leon und Granada, und diesmal scheint mir die Granadiner Partei insofern im Rechte zu sein, als sie einen, meiner Ansicht nach, ganz vernünftigen Zusammentritt zu einer größeren Föderativrepublik zum Feldgeschrei haben, während die Leoneser eine Art von Sonderbündelei im Schilde führen, aus der natürlich immer wieder neuer Same der Zwietracht erwachsen muß. Das Seltsamste dabei ist aber, daß die ganze Sache sich eigentlich nur um das Privatinteresse von etwa einem Dutzend tonangebender Personen dreht, die Hauptmasse der Bevölkerung derselben ziemlich fremd bleibt und nur insofern Interesse daran hat, als sie immer wieder das blutende Opfer dieser Kämpfe werden muß; von wahrem Patriotismus, freudiger Hingebung an das allgemeine Wohl des Vaterlandes habe ich aber verwünscht wenig bemerkt, trotzdem die Leute derlei pomphafte Reden ewig im Munde führen.
Solche Wahrnehmungen, so viel sie auch zur Erweiterung meiner Welt- und Menschenkenntniß beitragen, betrüben doch recht herzlich in einem Alter, das noch für allerhand schöne und ideale Illusionen empfänglich ist. Hat man auch endlich hier und da noch einige edle Züge entdeckt, so schrumpfen bei näherer Prüfung auch davon noch die meisten zu einer gedörrten Frucht zusammen, die sich nur das Ansehen einer frischen zu geben strebt. So jung ich auch noch bin und so wenig Welterfahrung ich auch in dieser Hinsicht noch gesammelt, ist mir doch der Appetit nach mehren schon ziemlich vergangen.
Leon, d. 1. December 1851.
So widerlich und betrübend für den Menschenfreund auch das seit meinem letzten Berichte hier zu Ende geführte Drama ist, kann ich mich doch nicht enthalten Euch das schmachvolle Ende dieses neuesten zahmen Revolutionskampfes von Nicaragua zu schildern. Ich will eine möglichst ausführliche und getreue Darstellung der letzten Ereignisse versuchen, einmal, weil, soviel ich weiß, keine der bisherigen Correspondenzen in amerikanischen Blättern frei von Irrthümern war, was seinen natürlichen Grund darin hat, daß keine dieser Correspondenzen von Leon aus erfolgte, wo die Haupttragödie – oder Comödie, wie man es nehmen will – gespielt hat und hier zu Lande, wie anderwärts, jede Meile ein wenig an der Nachricht verändert, so daß eine Mosquitofliege, welche in den Straßen von Leon ausfliegt, schon in Granada als ein zweiköpfiger Drache anlangt und bis St. Juan zu einem Monstrum mit hundert Köpfen und tausend Armen anschwillt.
Nebstdem vermag aber auch nichts einen deutlicheren Begriff der hiesigen unglückseligen Landesverhältnisse zu geben, als eine schlichte Darstellung solcher Ereignisse, die sich schon so oft in gleicher Weise wiederholt haben und noch wiederholen werden, mit dem einzigen Unterschiede, daß dann immer andere Hauptacteurs figuriren; die Hauptsache bleibt aber dieselbe.
Meine letzte (dritte) Reise von hier nach Granada und zurück, um einen meiner Creditbriefe in klingende Münze zu verwandeln, so wie eine zufällige Unterhaltung mit dem eben zurückgekehrten Präsidenten Pineta, der mir aber zu jener Zeit noch unbekannt war, in Massaga, erlauben mir die genaueste Auskunft über das zu geben, was sich auf Seite der Granadiner zutrug. In Betreff der Leoneser Partei setzen mich die detaillirsten Mittheilungen eines, zur Zeit hier noch residirenden, höchst achtbaren Amerikaners, dessen verantwortliche Stellung mir jedoch die Nennung seines Namens verbietet, der aber von allen Vorfällen auf das Genaueste unterrichtet ist, in den Stand auch dasjenige zu berichten was sich zutrug, als ein hitziges Fieber mich ans Bett fesselte und somit verhinderte, Augenzeuge der Vorfälle zwischen dem General Lopez von Honduras und dem Leoneser General Munoz zu werden. Endlich aber überzeugten mich mehre Unterhaltungen mit dem Minister Chicodilla, welcher fast täglich das Haus meines gütigen Wirthes und Pflegers, des Dr. Livingston besuchte, von der vollkommenen Richtigkeit aller jener Mittheilungen.
Ich übergehe meine letzte Hinreise nach Granada, die den früher schon beschriebenen gleich war, bis auf den Umstand, daß ich diesmal meinen Weg über Tamarinta-Bay nahm, welche ich jedoch nur in der Entfernung einer (engl.) Meile zu Gesicht bekam, da der Sumpfboden, in welchem mein armes Pferd bis an den Sattelgurt versank, mir nicht verstattete, näher hinan zu gelangen. Dieser Abstecher brachte mir nebenbei auch noch das Vergnügen einer schlaflosen und höchst qualvollen Nacht ein, in der ich von Mosquitos und Sandfliegen, – das allerlästigste Insect von der Welt – beinahe aufgefressen worden wäre.
Am Tage, oder richtiger am Abend, wo ich Granada wieder verließ, war die Stadt aus zweierlei Anlaß in lebhafter Aufregung. Zuerst war früh 9 Uhr die Nachricht eingetroffen, daß der vertriebene Präsident Pineta aus seiner Verbannung über Segovia und Tipitapa eintreffen werde, infolge dessen jedermänniglich und weibiglich sein Haus aufs Beste mit Fahnen, Teppichen und Blumen zu schmücken bemüht gewesen war. Diese Freude der Granadiner ward jedoch unangenehm durch den blinden Lärm gestört, Colonel Mac-Claen sei mit einer großen Anzahl Amerikaner in St. Juan del Sur den Leonesern zu Hülfe gekommen und rücke mit Heeresmacht heran, um Granada zu bedrohen. Daß diese letzte Nachricht völlig unwahr, wußte ich sehr wohl, denn noch bevor ich Leon verließ war besagter Colonel mit nicht mehr als 14 Mann amerikanische Freiwillige dort eingetroffen, welche Heeresmacht noch durch etliche Zuläufer bis zu einer sehr schwachen Compagnie angewachsen war, die Mac-Claen eben noch möglichst einzuexerziren sich abmühete.
Es hatte sich in Granada, Gott weiß aus welchem Grunde und auf welchem Wege, das Gerücht verbreitet, ich sei Träger einer bedeutenden Geldsumme für Munoz, welche seine Freunde in Granada ihm zusendeten. – Du lieber Himmel! als ob ein armer reisender Maler überhaupt jemals Träger einer bedeutenden Geldsumme sein könnte? – und als ich die Plaza passirte, ward ich vom Pfeifen und Schreien der Menge begleitet, während ein junger, ziemlich anständig gekleideter Mensch sogar unverschämt genug war, mich auf englisch zu insultiren und mich als Parteigänger Munoz bezeichnete, den man anhalten, das Pferd wegnehmen müsse und endlich gar das Wort Scoundrel (Schurke) gebrauchte. Wer ein gut Gewissen hat, braucht sich nicht schimpfen zu lassen, dachte ich, wendete augenblicklich mein Pferd und zog, auf den Laffen losgaloppirend, den Ladestock meiner Büchse, um ihm die verdiente Züchtigung angedeihen zu lassen; er flüchtete sich aber in ein Haus, durch dessen verschlossene Thür ich ihm freilich nicht folgen konnte, was mir für den Moment um so lieber war, als die späte Tagesstunde, so wie ein heraufziehendes schweres Gewitter mich zur Eile antrieb; treffe ich aber den Burschen jemals wieder, so dürfte unsere Begegnung zur Folge haben, daß ich mir einen neuen Ladestock anschaffen müßte.
Ich wünschte noch vor später Nacht Massaga zu erreichen und legte die 5 Leguas, durch den unaufhörlichen Regen bodenlos gewordenen Weges bis dahin so schnell wie möglich und mit all der Vorsicht zurück, die eine Vedette in Feindesland anwendet, denn nach den gemachten Erfahrungen mußte ich jeden Augenblick gewärtig sein, den Pfeil eines Meuchelmörders aus dem Dickicht schwirren zu hören. Nichts der Art trug sich indessen zu und gegen 10 Uhr Abends ritt ich in das Gehöft einer bekannten Familie ein, bei der ich schon zweimal übernachtet hatte.
Ich fand in diesem Hause, wo ich sonst nie einen Mann, außer dem Besitzer, getroffen hatte, eine Versammlung von zehn bis zwölf Männern vor, von denen einer, ein hochgewachsener helläugiger Mann mit blondem oder grauem Haare, – wegen mangelhafter Beleuchtung konnte ich den Zweifel nicht lösen – der gutmüthig in die Welt hinausblickte, el Sennor Directore genannt wurde. Ich war zu sehr mit dem Gedanken an meine Weiterreise mitten durch die, einander feindlich gegenüberstehenden Heere, so wie mit der Befriedigung meines Appetits beschäftigt, um der Unterhaltung dieser Gesellschaft absonderliche Aufmerksamkeit zu schenken; allein auf einige an mich gerichtete Fragen über Zweck und Endpunkt meiner Reise, so wie um meine Meinung über das Land, die Revolution und die Stimmung der Fremden, antwortete ich frank und frei, ohne mir ein Blättchen vor den Mund zu nehmen, so daß ich sicher war, verstanden zu werden. Zudem sorgte auch noch ein junger Mann, Namens Rivas, dafür, aus einer der angesehensten Familien Massagas, der geläufig englisch und französisch sprach und meinen Dollmetscher machte. Auf meine Aeußerungen der Entrüstung: daß in einem kleinen Lande wie Nicaragua, das man selbst auf der größten Specialkarte bequem mit der Hand bedecken könne und dennoch zwanzigmal mehr Flächenraum habe als zum Unterhalte seiner Bewohner nöthig, die Menschen nicht einmal in Ruhe und Frieden mit einander leben könnten, lachte jener blondgraue Herr recht aus vollem Herzen und schnitt dazu ein Gesicht wie mein Schimmel, wenn ich ihm die Schüssel voll süßen Mais vorhalte.
Ohne weitere Abenteuer langte ich andern Tages bei guter Zeit in Managua an, wo man mich nach meinem Paß vom Präfecten von Granada fragte und mich auf meine verneinende Antwort an den commandirenden General Don Fruto Chamorro verwies. Ich war vortrefflich mit doppelten Pässen versehen, einen vom Ministerium in Washington und einen zweiten von Sennor Don Marcoleta, spanischer Gesandter bei der Regierung der Vereinsstaaten und den Staaten von Central-Amerika, dachte mithin nicht im mindesten daran, umzukehren.
Nachdem ich mich und mein Roß erst mit einigem Imbiß gestärkt, ritt ich straks vor Don Fruto's Hauptquartier. Es wimmelte von Officieren, Ordonnanzen und Soldaten aller Waffen, wohl ihrer hundert, kurz einem Generalstabe, mit dem sich eine Armee von 50,000 Mann allenfalls hätte begnügen können. Das erste Beginnen dieser Helden war, mich zu entwaffnen, ja einer schnallte mir sogar die Sporen ab, während zwei Andere mein Pferd hielten. Ein Officier bezeigte sogar Lust, Hand an mein Toledoschwert zu legen, was ich jedoch fest entschlossen war nicht auf-, sondern dem dreisten Menschen eines damit über den Kopf zu geben, als Don Fruto's Dazwischenkunft noch bei Zeiten alle weiteren Gewaltthätigkeiten verhinderte, bei denen meine Wenigkeit am Ende doch wohl den Kürzeren gezogen haben dürfte. Da ich aber nun einmal auf hohem Pferde saß, ließ ich ihm einige sehr scharfe Redensarten verschmecken, worauf er, wie ich nicht anders erwartet hatte, sein Visa ohne weiteres Zögern unter meine Pässe setzte.
Auf halbem Wege zur nächsten Station (Mitiares) begegnete mir ein Officier in großer Hast und Eile und von äußerst mürrischem Ansehen; im Dorfe selbst angelangt, welches der letzte befestigte Posten der Granadiner war, fand ich etwa 200 bis 250 Mann, ganz entkräftet, mit bei Seite geworfenen Waffen überall schlafend umherliegen, während von Zeit zu Zeit immer noch Andere vereinzelt und eben so erschöpft anlangten. Am Ausgange des Dorfes erfuhr ich die Ursache hiervon. In vergangener Nacht war ein vorgeschobenes Corps von 350 Mann im Dorfe Nagarote von den Leonesern plötzlich mit großem Ungestüm angegriffen und in die Flucht geschlagen worden. Genauere Details konnte ich zur Zeit nicht erfahren, außer daß ein Colonel Silaga – auch Cachirullo genannt – durch einen Lanzenstich getödtet worden sei, was mich aufrichtig betrübte, denn ich war schon bei meiner ersten Anwesenheit in Leon mit diesem Colonel persönlich bekannt und befreundet worden und hatte ihn als braven, gebildeten Officier und auch sonst um Vieles höher schätzen lernen, als einen großen Theil seiner Landsleute.
Bis Abends 7 Uhr begegnete ich noch Nachzüglern, theils einzeln, theils in kleinen Trupps, theils mit, theils ohne Waffen, theils auf der Heerstraße einherschwankend, theils aus dem Walde kommend, wohin sie sich in ihrem Schrecken geflüchtet hatten.
Tief in der Nacht und triefend von Regen langte ich in Nagarote an; am Eingange des Dorfes lagen einige getödtete Pferde und die Bewohner waren noch so voller Schrecken über die letzte Affaire, daß ich nur erst, nachdem man meine von früherher noch bekannte Stimme wieder erkannt hatte, Einlaß ins Wirthshaus erhielt.
Dies waren die einzigen persönlichen Rencontres, die ich mit den Heeren der kriegführenden Mächte von Central-Amerika zu bestehen hatte, und aller Wahrscheinlichkeit nach waren es diese Vorfälle, aus denen der Correspondent eines New-Yorker Blattes die grausenhafte Geschichte meiner Gefangennehmung und tödtlichen Verwundung zusammengeschmiedet hatte, die Euch, Ihr Lieben, leider in so große Sorge und Angst um mich versetzte. Die Münchhausiade sei ihm in Gnaden verziehen.
In Leon, das ich am andern Morgen ohne weitere Fährlichkeiten erreichte, erfuhr ich erst die genaueren Details über jenes Gefecht von Nagarote. Dreißig Mann Infanterie, ungefähr eben so viele Cavalleristen und etwa ein Dutzend amerikanischer Scharfschützen waren unter Befehl des Colonel Silaga auf eine Recognoscirung detachirt worden und stießen unvermuthet auf den Feind. Als die Vorposten feuerten, ging's gleich mit Hurrah und Halloh drauf los, und da die Dunkelheit die geringe Anzahl der Leoneser verbarg, so brachte der erste entschiedene Angriff eine eben so entschiedene Niederlage hervor und die Granadiner liefen nach allen Seiten davon, wie ich noch selbst hatte sehen können, und so wild war die Flucht gewesen, daß mehre Armee-Papiere, Geld, Effecten und die ganze Bagage der Officiere, insoweit dieselben dergleichen hatten, in die Hände der Leoneser fielen. Noch am Morgen nach dem Gefechte wurden von den Dorfbewohnern fünf Granadiner aus einem flachen Brunnen gezogen, wohinein sie in der Todesangst gesprungen waren.
Doch genug der Thaten der zerlumpten Helden. Ich war, wie gesagt, glücklich und wohlbehalten in Leon angekommen, mußte aber gleich nach meiner Ankunft den nur aufgeschobenen Tribut der Acclimatisation zahlen, indem ich in ein hitziges Fieber verfiel, das mich über vierzehn Tage ans Bett fesselte und mich sehr von Kräften brachte; nur durch die größte Schonung, treffliche Pflege in Dr. Livingston's gastfreiem Hause, gute Nahrung, Porter u. s. w. kam ich nach und nach wieder auf. Während dieser Zeit war die Entwickelung des traurigen Possenspiels in folgender Weise vor sich gegangen:
Am 4. November war eine Escolta von fünfundzwanzig Infanteristen und fünfundzwanzig Cavalleristen nach Chinandega, einer kleinen Stadt von circa 10,000 Einwohnern, halbwegs zwischen hier und der Küste des Pacific gelegen, entsendet worden, um eine Geldcontribution zu erheben. Commandant des kleinen Trupps war Major Silaga II., Bruder jenes erstgenannten Colonel Silaga, der übrigens nicht in jenem Gefechte von Nagarote geblieben war, sondern nur drei leichte Wunden davon getragen hatte. Dieser Leoneser Trupp war bereits bis auf die Plaza von Chinandega vorgerückt, mit Befremden nur durch leere Straßen marschirend, als er plötzlich von allen Seiten mit einem mörderischen Feuer begrüßt ward. Es waren dies Hondurenser Truppen, welchen Staat Granada für sich zu gewinnen gewußt hatte, unter Commando des Generals Lopez, begleitet von dem Minister Chicodilla von Nicaragua, welcher mit dem Präsidenten Pineta die Verbannung getheilt hatte. Schon einige Zeit vorher hatte das Gerücht vom Abfall Honduras und vom Eintreffen dieser Truppen in Leon circulirt, Niemand hatte aber recht daran glauben wollen.
Ein kurz zuvor eingetretener Regensturm hatte zum Unglücke der Leoneser Truppen auf dem Marsche den größten Theil ihrer Munition durchnäßt; die Uebermacht nicht beachtend commandirte Major Silaga dennoch muthig zum Angriff und warf den Feind auch wirklich fünf Straßen weit zurück, über einen kleinen Fluß. Hier aber ward er mit solcher Heftigkeit von drei Seiten angegriffen, daß er nicht länger Stand zu halten vermochte; nachdem jeder seiner Leute die wenigen etwa noch trocken gebliebenen Patronen bis auf die letzte verschossen hatte, zerstreuten sie sich und suchten einzeln, so gut sie konnten, sich einen Ausweg zu bahnen. Der Major Silaga und sein Adjutant, denen beiden die Pferde unter dem Leibe getödtet worden waren, mußten zu Fuß den Weg bis Chichigalpa suchen, an welchem Orte sie so glücklich waren frische Pferde zu erlangen. Von der ganzen Escolta trafen im Laufe der nächsten Tage noch 26 Mann, ohne ihre Officiere, ein; etwa 12 Todte waren auf dem Platze geblieben, worunter die Mrs. Bradburry und Lane. Das Häuflein erreichte glücklich Leon auf weitem Umwege über Realejo. Feindlicher Seits waren bedeutend mehr geblieben. Im Ganzen sollen sich jedoch die Hondurenser, obschon ihnen ihre große Ueberzahl zu statten kam, immer noch besser geschlagen haben, als die Granadiner Helden.
Der General Munoz sah nach diesem Gefechte ein, daß die neuesten zuverlässigen Nachrichten über die nummerische Stärke des Feindes ihm ein sehr zweifelhaftes Resultat in Aussicht stellten. Die Granadiner zählten, die allerdings nur schwachen Garnisonen von Granada, Rivas, St. Juan del Sur, Matagalpa nicht mit eingerechnet, über 1100 Mann, wovon ein großer Theil zuletzt noch in aller Eil ganz gut mit Uncle Sams Musqueten bewaffnet worden war, die Mr. White als Preis seines nichtswürdigen Monopols erschachert hatte; dazu die Hondurenser, zwischen 300 und 400 Mann stark, also zusammen über 1500 Mann disponible Truppen. Diesen hatte Munoz Alles in Allem nicht ganz 700 Mann entgegenzustellen, allerdings besser disciplinirte und exerzirte Leute, mit einer halben Batterie leichter Artillerie unter Commando eines französischen Officiers. Auch sein kleines Häuflein Cavallerie war nicht ganz übel beritten und einexerzirt. Bei solchem nummerischen Mißverhältniß und geringem Vertrauen auf die kriegerische Ausdauer der Eingeborenen, war es daher das Klügste was man thun konnte, mit der Gegenpartei in Unterhandlungen zu treten, um die Stadt doch wenigstens unter möglichst guten Bedingungen zu übergeben.
Munoz sendete daher am 9. November einen Parlamentair ab, der eine Zusammenkunft in Posolteja mit General Lopez stipulirte. Bei Munoz Annäherung mit der gegenseitig accordirten Escolta (die Munozsche bestand aus 2 Officieren, 2 Amerikanern und 6 Lanziers), lief die Granadiner Escolta über eine Legua zurück, bis Chichigalpa, und war erst dort zu überzeugen, daß von dieser, in friedlicher Absicht gekommenen, handvoll Leute nichts zu befürchten sei.
Die Capitulation kam denn auch wirklich zu Stande, und einige ihrer Hauptbedingungen waren: gänzliche Amnestie für alle an dem Revolutionskriege Betheiligten, Entlassung der beiderseitigen Kriegsheere, Freiheit für die amerikanischen Freiwilligen, zu gehen, oder sich friedlich im Lande niederzulassen u. s. w.
Am 12. November ward in Folge dieser Capitulation Leon übergeben; die Amerikaner feuerten den üblichen Salutschuß, während die eingeborenen Artilleristen in den stehenden Batterien postirt waren. Wie groß war aber das Erstaunen des Generals Munoz, als er sich, nachdem er seinerseits pünktlich alle Artikel erfüllt, die Waffen gestreckt und alle seine Truppen entlassen hatte, plötzlich von der eingerückten Abtheilung Leoneser, die er mit einem Handgriff hätte erdrücken können, so lange er seine Truppen noch unter Waffen hatte, überfallen und mit eilf der vornehmsten Officiere gefangen sieht. Der Traktat war dem Präsidenten Abaonza (von Leon) übergeben, dann aber diesem wieder heimlich entwendet worden, und jetzt leugnete General Lopez sogar dessen Existenz ganz ab.
Auf wessen Seite von Anfang her das Unrecht lag, sei hier ganz dahingestellt, und eben so die Erörterung der Frage, ob ein Sieg der Leoneser Partei dem unglücklichen Lande eine bessere Zukunft in Aussicht gestellt haben würde; aber jeder Unbefangene wird sich nach Obigem einen Begriff machen können, was man in Central-Amerika auf die Heiligkeit der Verträge, auf Soldaten- und Mannesehre zu geben hat.
Die Gefangenen hatten sich noch am selben Nachmittage an den sehr ehrenwerthen Mr. Kerr, bevollmächtigten Gesandten der Vereins-Staaten in Nicaragua gewandt und dieser stand keinen Augenblick an sich dieses Vertrauens, so wie der Regierung, die er repräsentirte, vollkommen würdig zu beweisen. Trotzdem er früher laut und unverhohlen kund gegeben, wie weit entfernt er sei, mit der Revolutionspartei und dieser steten Erneuerung der Mißhelligkeiten zu harmoniren, eilte er jetzt bei so grober Rechtsverletzung nichtsdestoweniger, obschon es schon spät in der Nacht war, zum feindlichen General, um unter dem Schutze der Sterne und Streifen auf der Stelle eine energische Protestation gegen solch nichtswürdiges und wortbrüchiges Verfahren, so wie gegen jede etwaige militairische Verurtheilung und Tödtung der Gefangenen, diese geradezu als niedrigen Meuchelmord bezeichnend, niederzulegen. Dieser Akt war keineswegs so leicht und gefahrlos, wie er daheim unter civilisirten Nationen erscheinen mag; denn hier, wo durchschnittlich immer die Hälfte der Soldaten betrunken, und die andere noch nicht völlig nüchtern ist und demnach fortwährend Excesse aller Art vorkommen, war es gar nicht unmöglich, daß einige Soldaten, statt ihren patriotischen Heldenmuth durch Freudenschüsse in die Luft kund zu geben, wie man es hier sehr liebt, aus Versehen dem verhaßten amerikanischen Gesandten, der ihrem General so starke Sachen zu riechen gab, eine Kugel durch den Hirnschädel jagte.
Erst zwei Tage darauf wagte es endlich Don Fruto Chamorro mit seiner gesammten Heldenarmee in die Stadt zu rücken, nachdem er sich vorher sorgfältig überzeugt hatte, daß ihm keinerlei Gefahr mehr drohe. Ich hörte von meinem Krankenbette aus die Freudensalven der Soldaten, konnte aber leider den Anblick des mit Lorbeern und Lumpen bedeckten Siegesheeres nicht genießen.
Am 18. brachte eine Escolta Hondurenser 10 Amerikaner, die sich laut Vertrag im Hafen von Realejo hatten einschiffen wollen und im Augenblicke ihrer Einschiffung von den nachgeschickten Truppen gefangen genommen worden waren, in die Stadt. Dr. Livingston und ich, da ich wieder so weit Reconvalescent war, um ausgehen zu dürfen, gingen sogleich um die Gefangenen zu sehen, wurden aber zurückgewiesen. Wir kehrten sogleich um, ich um zu Mr. Kerr zu gehen und ihm den Vorfall anzuzeigen, während Dr. Livingston schriftlich von Don Fruto Chamorro eine Erklärung über diese neue Vertragsverletzung verlangte.
Nach einigem Hinundherverhandeln ward uns endlich allen Dreien der Zutritt verstattet, und traurig genug war der Anblick der armen Leute; in einem wahren Hundeloche, voller Schmutz und Ungeziefer, ohne Essen, Trinken, noch irgend eine Spur von Versorgung. Es wurden indeß vier, welche infolge der Mißhandlungen bedeutend erkrankt waren, sogleich auf Dr. Livingstons Bürgschaft an diesen ausgeliefert, während der Rest, Dank den energischen Schritten des Mr. Kerr, später gegen Handgelöbniß entlassen, und seit gestern in völlige Freiheit gesetzt wurden, bis zu welchem Tage sie alle im gastfreien Hause des Dr. Livingston eine Zufluchtsstätte gefunden hatten.
Die Lage der eingeborenen Gefangenen blieb jedoch nach wie vor dieselbe, und ohne Mr. Kerr's unermüdliche Wachsamkeit, der sich überhaupt während dieser ganzen Zeit kein geringes Verdienst um die Ruhe und Sicherheit der Stadt erworben, wären sie vielleicht schon längst ihres Lebens beraubt worden. Man hatte mehrfach beabsichtigt, dieselben aus dem bischöflichen Palaste, wo sie gefangen gehalten wurden, an einen anderen Ort zu bringen, und es entspräche ganz dem niedrigen Charakter der jetzt herrschenden Partei, bei der sich, wie dies so häufig der Fall ist, Feigheit mit Grausamkeit paart, während des Transportes unter möglichst schwacher Bedeckung, die Gefangenen von einem Haufen gedungener Mörder überfallen und abschlachten zu lassen. Das Gouvernement kann ja dann mit Leichtigkeit alle Schuld von sich abwälzen und öffentlich mit größtem Eifer nach den Dolchen suchen, die es in der eigenen Schärpe trägt.
Das politische Wetter ist übrigens noch entsetzlich schwül und ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht binnen ganz kurzer Zeit ein neues Ungewitter losbräche. Durch den, vor einigen Tagen erfolgten Abmarsch der Hondurenser, so wie massenhafte Desertionen unter den Granadinern ist die Stärke der Besatzung, welche Chamorro noch unter seinen Händen hat, auf circa 260 Mann zusammengeschmolzen, und schon tauchen hin und wieder Gerüchte von einem vorbereiteten neuen Aufstande auf. Dazu hat Chamorro in seinem kindischen Unverstande die von Munoz sehr zweckmäßig angelegten Batterien um die Kathedrale, welche dieselbe zu einer, nach hiesigen Verhältnissen, fast uneinnehmbaren Stellung machten und mit deren Hülfe er die ganze Stadt leicht in Schach halten konnte, rasiren und die Geschütze demontiren lassen, während er in seiner ganzen Armee nicht einen Officier besitzt, der fähig wäre sie wieder in Stand zu setzen. Bricht nun früher oder später eine neue Revolution aus, so wird sie jedenfalls grausamer und verderblicher wie die vorhergegangene, und wahrscheinlich würde es dann wiederum den Granadiner Grundbesitzern und Handelsherren ebenso scharf an die Börsen und Waarenlager gehen, wie jetzt den Leonesischen.
Noch muß ich hinzufügen, daß auch Don Fruto Chamorro, auf die offizielle Anfrage seiner Regierung, die Existenz der mit Munoz abgeschlossenen Capitulation gänzlich ableugnete, trotzdem Mr. Kerr die schriftlichen Beweise dafür in Händen hat und dieselben präsentirte, ein Verfahren, für welches in jedem nur halb civilisirtem Lande einem solchen Officier der Degen zerbrochen worden wäre.
Wann wird doch dieses herrliche, von der Natur in jeder Hinsicht so sehr begünstigte Land aufhören, durch die niedrigen Leidenschaften seiner erbärmlichen Bewohner, durch die Schwäche und Hinterlist seiner Machthaber in immer tiefere Degradation zu sinken? Wahrscheinlich nicht eher, als bis die Sterne und Streifen über dem ganzen Isthmus wehen, und zum Heile der Civilisation muß man wünschen, daß dies recht bald geschehen möge.
Quien sabe! – wie die Leute hier zu Lande immer zu sagen pflegen.
Wenig bleibt mir noch hinzuzufügen. Betrachtet man diese letzte Revolution im Ganzen, so ist es allerdings in keiner Weise zu rechtfertigen, den Präsidenten so ohne Weiteres bei Nacht und Nebel über die Grenze zu werfen, so wenig befähigt dieser sich auch für seine Amtsführung zeigen, oder dieselben mißbrauchen mochte; andrerseits dient aber auch das Benehmen eben dieser Schützer der Gesetze den ewigen Revolutionen, wenn auch nicht zur Rechtfertigung, so doch zu einiger Entschuldigung. Ich kenne bis jetzt wenigstens noch kein Volk, das weniger befähigt ist sich selbst zu regieren, und eine Art von russischem Gouvernement würde ihm eine wahre Wohlthat sein.
Die Geschichte bietet Beispiele, wie durch lang anhaltende Tyrannei civilisirte Nationen gänzlich demoralisirt worden sind; dies Volk aber ist ein Beispiel des umgekehrten Falls, der Demoralisation durch Unabhängigkeit, denn von da an datirt sich dieselbe, wenn schon die Ursachen vielleicht noch viel weiter zurückliegen mögen.
Von mir habe ich nur noch zu sagen, daß die Folgen des Fiebers allgemach schwinden und ich dessen quitt zu sein hoffe. Es drängt und treibt mich wieder hinauszukommen, an die Fortsetzung meiner Studien und Arbeiten. Zunächst nach der Küste des Pacific, um mich durch die Seeluft zu stärken, dann nach dem Dorfe Felica, etwa 7 Meilen von hier, wo ich kurz vor der Erkrankung einen altindischen Begräbnißplatz und beim Nachgraben mehre höchst interessante Alterthümer aufstöberte, die ehemöglichst ausgebeutet werden müssen. – – –
Leon, Ende Mai 1852.
Die in meinem letzten Briefe ausgesprochene Hoffnung, durch ein mehrwöchentliches hitziges Fieber den Tribut der Acclimatisation vollständig entrichtet zu haben, sollte leider nicht in Erfüllung gehen und das schlimmste Ende noch nachkommen. Das allzukühne Vertrauen auf meine Jugendkraft und feste Constitution, die Nichtbeachtung gutgemeinter Warnungen, in Bezug auf die schädlichen Wirkungen des Klimas, habe ich, wie Euch mein Brief vom Ende Januar d. J. gezeigt haben wird[2], durch einen sehr bösen Rückfall, der mich nahe an den Rand des Grabes brachte, und mehre Monate an's Krankenlager fesselte, gebüßt. Gottes väterlicher Schutz und die liebevolle Pflege wackerer Menschen haben mich aber die herbe Leidensperiode glücklich überstehen lassen und mich dem Leben, der Gesundheit, der Thätigkeit zurückgegeben.
Laßt mich die traurige Zeit der Krankheit und langsamen Reconvalescens mit Stillschweigen, und sofort zum letzten und angenehmsten Theile meiner Fahrten und Erlebnisse in der Tropenwelt Central-Amerikas übergehen, nämlich zu meiner:
Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte von Nicaragua und Honduras.
Während meiner Krankheit hatte ich endlich bestimmte Nachricht von Mr. Squier erhalten, daß er sein Unternehmen hierher aus wichtigen Gründen leider aufgeben müsse, wenigstens vor der Hand, und somit die eigentliche Absicht meines hiesigen Aufenthalts vereitelt sei. Theils um denselben nun doch wenigstens zu möglichst reicher Ausbeute für mein Malerportefeuille und mein Tagebuch zu benutzen, theils aber auch, um die vom Fieber hinterlassene Schwäche vollends aus meinen Gebeinen zu verjagen, beschloß ich, die noch übrige Dauer der heißen Jahreszeit in dem gesunden Gebirgsklima zu verbringen, womit mein freundlicher Arzt und ärztlicher Freund, Dr. Livingston, vollkommen einverstanden war.
Für eine Reise durch jene noch sehr wenig bevölkerten Gegenden ist es nöthig, sich gleich anfangs mit einem Paar kräftiger Segovier Maulthieren zu versehen, für sich und seinen Diener, da die aus der Plaine nicht zu so beschwerlicher Gebirgskletterei geeignet sind; dabei möglichst wenig Gepäck und einigen Proviant, denn in diesen Gegenden ist der Reisende meist auf sich selbst verwiesen; Gasthöfe kennt man daselbst nicht einmal dem Namen nach. Auf der andern Seite herrscht freilich eine fast unbegrenzte Gastfreundschaft; ein bloßer Empfehlungsbrief sichert einem fast überall die freundlichste Aufnahme und man kann bleiben, so lange man nur immer Lust hat; allein unterwegs ist es oft unmöglich bewohnte Orte zu erreichen, man bleibt, wo man Wasser und Futter für die Thiere findet, den Hammock zwischen zwei Bäumen aufgehangen, wenn nämlich solche da sind, die nackte Erde, auf welcher, der blaue Himmel das Dach, unter welchem man schläft. Ein wenig an der Sonne gedörrtes Fleisch, etwas Totoposke (doppelt gebackene Maiskuchen) bilden Frühstück, Mittag- und Abendessen und ein kleiner blecherner Feldkessel, den man mit sich führt, dient um Kaffee zu kochen, bei welchem die Sahne natürlich meist der Phantasie überlassen bleibt. Die Thiere werden »gehobbelt«, d. h. die Vorderfüße zusammengebunden, und lassen sich während der Nacht die Weide schmecken, wenn nämlich welche da ist.
Gerade zur Zeit, als ich meine Reise antreten wollte, waren Maulthiere beinahe gar nicht zu bekommen und ich gerieth dadurch in einige Verlegenheit, bis ich an das »Maison« gewiesen wurde, dort Abhülfe derselben zu finden. Das Maison ist nämlich ein großes, den orientalischen Caravanserais ähnliches Gebäude, bestehend aus Höfen und Säulengängen, wo jeder ankommende Maulthiertransport seine Ladung deponirt, die Zölle entrichtet und dort gleich verkauft oder einzeln an ihre Bestimmung abliefert. – Dort miethete ich nun von einem Caravanos aus St. Rafael (nahe Matagalpa) ein großes starkes Segovier Pferd (groß im Vergleich mit der kleinen Race des Landes) und ein dito Maulthier für das Gepäck, denn mein eigenes Pferd und Maulthier waren durch Futtermangel während und nach der Revolution zu wahren Skeletten herabgekommen und bedurften erst der längeren Ruhe im Protero (Weideplatz), um sich wieder zu kräftigen.
Am 3. März gegen Abend, als eben die Glocken zur Oration geläutet, kletterte ich, wegen meiner Schwäche nicht ohne Schwierigkeit, in den Sattel, und unsere ganze Streitmacht, aus 7 Mann und 13 Maulthieren bestehend, setzte sich in Bewegung. Die Cavallerie bestand, außer mir selbst, aus Don Eusebio, dem Eigenthümer der Maulthiere wie der Ladung, und Don Cesario, seinem Major domo; die Infanterie aber aus zwei Mozos (Dienern), Basilio und Apolinario, und zwei Jungen von 12-15 Jahren, Innocente und Candelario, zu deutsch: Leuchter – und so »mit Licht und Unschuld im Geleite – zog frohen Muthes ich ins Weite.« Jeder war auf seine Weise so gut wie möglich bewaffnet, denn man sprach viel von einer, aus Ausreißern beider Revolutionsarmeen gebildeten Spitzbubenbande in der Gegend des Monte-Rota, die einige Reisende angehalten und sogar mehre Haciendas ausgeraubt hatte. Ich führte die deutsche Spitzkugelbüchse und die amerikanischen Revolvers, die Dons Pistolen, sämmtliche Cavallerie aber unendlich lange Toledo-Schwerter; die Infanterie hatte ihre Machetas (lange Messer), Basilio und Apolinario aber Bogen und einige Dutzend Pfeile. Don Eusebio und ich bildeten die Avantgarde, dann folgte das Gros der Armee sammt Bagage und als Nachhut Don Cesario, dem dieser Posten zugleich die große Annehmlichkeit gewährte, den ganzen Tag inmitten einer großen Staubwolke zu reiten.
So ging denn der Zug vorwärts in stiller, klarer Mondnacht, lieblich und wollüstig wie nur eine tropische Nacht sein kann. Wir befanden uns zwar noch mitten in der heißen Jahreszeit, seit November hatte kein Wölkchen den tiefblauen Azur des Himmels getrübt; allein obschon die Tage glühend heiß waren, so schien doch in der Nacht die ganze Natur, von einem kühlen Südost erfrischt, der nur leise in den Blättern der majestätischen Palmen spielte, neues Leben zu athmen. Die große Ebene von Leon erstreckt sich auf der einen Seite hinaus bis an den Pacific (stillen Ocean), auf der andern bis zum See von Managua, und wird im Norden von der prachtvollen Kette von Vulkanen begrenzt, als deren Endpfeiler der Viejo und der ehrwürdige, über 6000 Fuß hohe Monotombo sich in überaus zarten, grauen Tinten vom Horizonte absetzen. Feierliche Ruhe schien über die ganze Natur verbreitet, nur hier und da unterbrochen vom Hufschlage eines Maulthieres oder der kurzen, melancholischen Melodie einer spanischen Romanze. Wäre ich Dichter, so hätte ich hier die passendste Gelegenheit zu poetischen Ergüssen gehabt.
Wir blieben jedoch nicht lange in Marsch; schon nachdem wir etwa 2 Leguas zurückgelegt, wurde Halt gemacht, die Thiere abgeladen und gehobbelt, Feuer angezündet, die Hammocks an einzelne Bäume aufgehangen und bald schlief Jeder, in seinen Poncho gewickelt, sanft und süß, während einer der Mozos über Menschen und Vieh Wache hielt; letzteres delectirte sich an dem dürren, schlechten Grase, als ob es das süßeste Heu wäre. Meine Ruhe ward leider sehr unangenehm von den Garralatos, zu deutsch Holzböcken, gestört, ein höchst lästiges Insect, mit dem man während der heißen Jahreszeit ganz bedeckt ist, sobald man durch ein Gebüsch geht oder reitet, und dessen Biß wie Feuer brennt. Zuletzt schlief ich aber denn doch recht tapfer bis zum nächsten Morgen, wo bei guter Zeit das Frühstück genossen, die Maulthiere beladen, was stets mit größter Sorgfalt geschieht, damit die Thiere nicht aufgerieben oder gedrückt werden, und dann der Marsch wieder angetreten ward.
Ziemlich früh kamen wir an einem kleinen Vulkan vorüber, der sich erst vor ungefähr zwei Jahren gebildet hat und sich noch immer fleißig in Eruptionen übt; der Patron soll überaus reizbaren Temperaments sein, denn wenn ein Stein in den Krater geworfen, heftig auf den Boden gestampft, ja nur besonders laut gesprochen wird, soll er seinen Verdruß alsogleich durch höchst unmanierliche Expectorationen kundgeben, weshalb wir auch in mäuschenstiller Ehrerbietung an ihm vorbeizogen. Mr. Squier giebt in seinem neuesten Werke über Nicaragua eine genaue Beschreibung davon.
Gegen Mittag überschritten wir die Vulkankette am Monte-Rota und stiegen dann nach kurzer Rast, um die Thiere zu tränken, in die nördlich von den Vulkanen gelegene Thalebene hinab, wo wir die Nacht auf einer kleinen Waldwiese, das Caimito genannt, zubrachten. Diese zweite Ebene erstreckt sich vom nordwestlichen Ende des Sees von Managua gegen den Golf von Fonseca hin. Es ist dies einer der fünf Punkte, welche schon der große Humboldt als geeignet für eine künstliche Verbindung zwischen den beiden Oceanen bezeichnete. Capitain Sir Edward Belcher, H. B. M. N., welcher diesen Theil des Landes vom Golf von Fonseca aus untersuchte, bezeichnet diese Ebene sogar als den vielleicht einzigen Punkt, wo ein Kanal, brauchbar für Schiffe erster Größe, angelegt werden kann. Auch Squier spricht in seinem Werke eine ähnliche Meinung aus; da ich aber auf meinem Rückwege Gelegenheit hatte, noch einen andern, größeren Theil dieser Ebene zu untersuchen, so werde ich mir später erlauben, meine Bemerkungen über diesen Gegenstand mitzutheilen.
Die beiden nächsten Tage verfolgten wir eine mehr östliche Richtung, in nicht allzu großer Entfernung vom See von Managua. Die flache, meist bewaldete und nur hier und da ein Stück Wiesen- oder Ackerland zeigende Ebene glich im Charakter ziemlich den Flächen im südlichen Frankreich, und sah in seinem ganzen Habitus, Häusern, der Art und Weise zu leben und zu reisen, so zu sagen mittelalterlich aus. Wenn da oder dort der Klang einer Holzaxt durch den Wald schallte, meinte ich immer, Moliere's Scagnarelle erscheinen zu sehen, und ein Paar Reiter glichen bald Don Juan und Leporello auf der Flucht vor den Dienern der heiligen Hermandad, bald wieder Don Quixote mit seinem getreuen Sancho Pansa, auf Abenteuer ausziehend. – Jeder Reisende hier zu Lande hat übrigens, wie ich schon früher bemerkte, etwas mit dem berühmten Ritter von der traurigen Gestalt gemein, theils des imposanten Kriegsapparates halber, den man hier mit sich schleppen muß, theils der mehr als spanischen Diät wegen, zu der man hier gezwungen ist. Hier erst ging mir ein Licht auf, wie wahr und getreu der gefräßige Charakter jener Bedienten der alten Komödien aufgefaßt ist, denn man lugt selbst begierig aus, wo man etwas Leidliches zu schnappen bekommt. Uebrigens ist der Haupterwerbszweig durch diese Ebene die Rindviehzucht.
Gegen Abend des dritten Tages näherten wir uns endlich dem Hochgebirge, das rauh genug aussah und strapazenreiche Märsche versprach. Die Berichte über Spitzbuben mehrten sich hier in bedenklicher Weise; erst zwei Tage vorher hatten dieselben eine Hacienda geplündert und ein reisender Leoneser war seines Pferdes, Gepäckes, selbst seiner Kleider bis auf die Unter-inexpressibles beraubt worden, und noch dazu von seinem eigenen, leiblichen Bruder, der sich im Lande aufhielt. Süße, heilige Bande der Natur! – Ich hatte ordentliche Sehnsucht, mit solch' lieben Burschen eine handgreifliche Bekanntschaft zu machen. – Don Eusebio wurde nachdenklich und hatte allerdings Ursache dazu, denn nicht nur, daß Maulthiere und Ladung, so wie der Erlös aus seiner Reise nach Leon einen beträchtlichen Theil seines Vermögens ausmachten, sondern er hatte auch eine ziemliche Geldsumme für einen der Bergwerksbesitzer in Matagalpa unter seine Verantwortung genommen. Meine Befürchtungen waren in dieser Beziehung nicht so bedeutend, dem alten Sprichworte gemäß: »Wo nichts ist u. s. w.« Indeß hielten wir doch für gut, unsere bisherige Marschordnung etwas mehr zu concentriren, um nöthigenfalls einander schnellen Beistand zu leisten.
Zur Nacht campirten wir dicht am Fuße des Gebirges auf einer Savannah mit einigen zerstreuten Bäumen und einer kleinen Waldspitze, welche in die Wiese auslief. Ein scharfer Nordost blies von den Bergen herab, und um mich ein wenig dagegen zu schützen, baute ich mir aus drei Packsätteln und einer Pferdedecke eine Art von Zelt. Die gewöhnliche Wache ward ausgestellt, und wir Uebrigen legten uns im schönen klaren Mondlichte zum Schlafen nieder. Es mochte etwa gegen 2 Uhr Morgens sein, als mich Don Eusebio plötzlich weckte, mit ganz verstörtem Aussehen rief: »Sennor, Sennor, los ladrones vienen!« und fast zu gleicher Zeit plafften einige Flintenschüsse von oberwähnter kleinen Waldspitze herüber. – Sie mögen in Gottes Namen kommen! dachte ich und blieb still liegen, wo ich war, denn die Sättel bildeten eine ganz hübsche Art von Brustwehr, sah aber doch für den Nothfall nach meinen Revolvers und machte die Büchse schußfertig. Die Mozos liefen hin und her, um die Thiere zusammenzutreiben, und ließen ihre Machetas gar fürchterlich im Mondlichte blitzen, wozu sie schrieen wie vom bösen Geiste besessen. Die Dons Eusebio und Cesario schossen ihre Pistolen gegen das Gehölz ab, was mit einigen Flintenschüssen erwiedert ward. Wenn die Spitzbuben wirklich die Absicht hatten, uns Eins auszuwischen, so müssen es mordschlechte Schützen gewesen sein, denn ich kann versichern, auch nicht eine einzige Kugel pfeifen gehört zu haben.
Während dieser Scene der Verwirrung sah ich deutlich eine weiße Jacke nebst dazu gehörigen Modesten gleich einer Schlange auf dem Bauche nach jener Stelle hinkriechen, wo mein Pferd graste, augenscheinlich in der Absicht, dasselbe zu stehlen. Da ich nun durchaus nicht gewillt war, die beschwerliche Reise zu Fuß fortzusetzen, auch der Mond noch hell genug schien, um Korn und Visir zu erkennen, so ließ ich eine meiner Spitzpillen hinübersausen. Sobald der Schuß knallte, sprang die weiße Jacke wie electrisirt in die Höhe und die Modesten tanzten mit bewundernswürdiger Gelenkigkeit und Eile nach der Waldspitze zurück. Mit Gewißheit kann ich allerdings nicht behaupten, den Eigenthümer dieser Kleidungsstücke verwundet zu haben, wenn aber, so muß es unzweifelhaft an derselben Stelle gewesen sein, wo Cooper's Natty Bumpo seinem verhaßten Gegner, dem Zimmermann Hiram, eine Kugel applicirte, denn ich bemerkte, wie der eine Aermel der Jacke während des Schnelllaufes höchst verdächtige Bewegungen nach einer gewissen, nicht wohl anständig zu bezeichnenden Gegend besagter Modesten machte. Hiermit endete die Scene und Alles ward wieder ruhig, wie vorher, nur daß Jeder noch für einige Zeit seinen bewiesenen Heldenmuth bedeutend pries. Dies war der einzige Schuß, den ich je in Central-Amerika zu meiner Vertheidigung abgefeuert; vielleicht wäre er nicht einmal nöthig gewesen: allein man hatte bisher so viel Lärmen und Aufhebens von solchen Räubergeschichten gemacht, daß man mir vergeben wird, wenn ich vielleicht zu voreilig meinen kleinen Beitrag zu denselben lieferte.
Jetzt endlich traten wir in das Gebirge ein, durch ein Thal, rechts und links von bewaldeten Bergen eingeschlossen, die sich allmälig zu beträchtlicher Höhe erheben und deren Gipfel eine Art Tafelland, mit Savannahs, steinigtem Terrain und einigen armseligen Bäumen bedeckt, bildet. Durch das Thal herab fließt ein ziemlich breiter Fluß, der sich in den See von Managua ergießt, jetzt aber freilich nur einige Wasserlachen enthielt, an deren Rändern die wunderschönen alten Bäume ihr frisches Grün behalten hatten, ein Herz und Augen erlabender Anblick in dieser Jahreszeit, wo die ganze Natur bis ins innerste Mark verbrannt aussieht, und die großen Besen gleichenden Bäume ihre nackten, blätterlosen Arme wie hülfeflehend gen Himmel emporstrecken. Die Flüsse, welche wir bisher passirt, und wo an manchen Stellen während der Regenzeit schon Menschen und Thiere ertranken, waren jetzt so trocken, daß wir tiefe Löcher in den Sand graben mußten, um nur etwas schmutziges Wasser für die Thiere zu erlangen.
Ungefähr 9 bis 10 Miles wand sich der Weg in der Schlucht fort, bis zu dem Dörfchen Hykaral, und dann begann ein mühseliges Bergsteigen über einen heißen, mit Felsbrocken bestreuten Boden, den nur eben ein Segovia-Maulthier passiren kann, ohne die Beine zu brechen. Rechts und links sendeten nackte weiße Sandsteinfelsen die Strahlen der tropischen Sonne mit verdoppelter Stärke zurück und mein Reisethermometer zeigte ziemlich 110° Fahrenheit im Schatten, nota bene wo etwa Schatten war. Von jetzt an war die Reise nichts mehr als ein beständiges Auf- und Niederklettern, bei Gelegenheit eine kleine Strecke im Thale bleibend oder für einige Miles auf hohem Tafellande, bedeckt mit Wiesen und einigen Hykarobäumen, aus deren kürbisartigen Früchten man hier Trinkgefäße macht. Elend aussehende kleine Rohrhütten, in die man von allen Richtungen hinein- und auf der andern Seite wieder hinausschauen kann, waren die einzigen Zeichen, daß hier noch Menschen wohnten. Die Nächte wurden allmälig kühler und jeden Morgen gegen 2, 3 Uhr stellte sich ein dichter Nebel und starker Thau ein, der, indem er meine Kleider bis auf die Haut durchnäßte, sehr lästig fiel, denn in diesen Klimaten wird die Haut sehr empfindlich gegen Feuchtigkeit und Kälte.
In den Thälern und in der Nähe fließenden Wassers wurde viel Zuckerrohr gebaut, doch meist nur in kleinen Abtheilungen von einzelnen Indianerfamilien; die oben erwähnten Hochebenen dagegen werden großentheils für Rindviehzucht benutzt, doch ist das Vieh hier klein und nur von geringer Qualität. Da gerade die Zeit der Zuckerernte war, so brodelte in allen Kesseln über starkem Feuer der Zuckersaft, und so oft wir eine Pflanzung passirten und Appetit verspürten, bekamen wir zum Geschenk ein Bündel köstlichen Zuckerrohres, bei dessen Verspeisung wir so ziemlich einer Bande ambulanter Flötenspieler glichen, und durch welche Nahrung man nach einiger Zeit so fett wird, wie ein Bär im Herbste.
Eine erwähnenswerthe Unterbrechung der Einförmigkeit meiner Reise war bei dem Dorfe Guaximala, seitwärts am Wege, eine große Höhle, an deren Eingang einige Felsen mit Sculpturen bedeckt waren, im Charakter den alten Bildwerken an den beiden Seen von Nicaragua und ihren nächsten Umgebungen gleichend. Eine kleine indische Legende knüpft sich an diese Höhle, nach welcher eine aztekische Prinzessin, von den Spaniern verfolgt, sich in dieselbe flüchtete und durch einen dichten giftigen Nebel, den sie erscheinen ließ, die Verfolger am weiteren Vordringen hinderte. Hier soll sie noch weilen, umgeben von fremden, geheimnißvollen Wesen, jeden Neumond oben auf dem Gipfel des Berges erscheinend, um zu sehen, ob nicht ein Adler einen Geier bekämpft und tödtet, denn geschieht dies, so ist der Augenblick der Befreiung des Landes gekommen; die weißen Fremdlinge werden ausgerottet und der alte indische Fürstenstamm wird wieder in erneuter Glorie das Land beherrschen. – Der neueste Lauf der Begebenheiten wird, wie mir scheint, diesen Augenblick noch bedeutend hinausschieben, denn die rothhemdigen, tabackkauenden Männer des Nordens, welche sich neuerdings im Lande niedergelassen haben, scheinen mir eine schwer auszurottende Race. –
Ich hätte sehr gewünscht, diese geheimnißvolle Höhle näher zu untersuchen, von deren großer Ausdehnung, zahlreichen labyrinthischen Gemächern mit Sculpturen und theilweiser Vergoldung die Leute viel zu erzählen wußten; aber nicht eine bedeutende Summe hätte einen Indianer vermocht, mir als Führer zu dienen, und allein das Unternehmen zu wagen, nahm ich denn doch Anstand, denn in dieser Art von Höhlen entwickeln sich häufig Schwefelwasserstoffgase, und schwach, wie ich noch war, war mehr als Wahrscheinlichkeit vorhanden, dem Unternehmen zu erliegen; da ich zudem in diesen Theil des Landes zurückzukehren dachte, so verschob ich die Untersuchung dieses interessanten Monuments für später, leider, wie ich jetzt sehe, vielleicht für immer.