Am achten Tage meiner Reise stiegen wir in ein Thal hinab, so steil und so tief, daß es wirklich schien, als solle es direct bis ins Centrum der Erde gehen; unten erreichten wir endlich ein niedliches Dörfchen, »la Concordia«, inmitten zahlreicher Zuckerrohrfelder und Gruppen schöner alter Bäume, am Ufer eines kleinen Bergflusses gelegen, der rasch und lustig über Felsen und Gestein dahin hüpfte. Um so theuerer mußte ich aber den lieblichen Anblick durch das Erklettern des jenseitigen, noch viel steilern Bergpfades erkaufen, noch erschwert durch den Umstand, daß ich Basilio, der am Tage vorher von einem Maulthiere geschlagen worden war und gar nicht gehen konnte, mein Pferd geliehen hatte, und so, theilweise auf Don Eusebio's Thier, theilweise aber auch zu Fuß, in meinen schweren Reitstiefeln den Weg zurücklegen mußte. Ein bitter Stück Arbeit!
Gegen Abend indeß erreichten wir den nördlichen Saum eines Tafellandes und befanden uns plötzlich im Angesichte von St. Rafael, dem Orte unserer Bestimmung.
Hier bot sich dem Auge ein wunderliches Spiel der Natur: gegen Süden erstreckte sich eine großartige Gebirgslandschaft in den so ernsten und doch so graziösen Conturen, ganz ähnlich den Gebirgen Griechenlands und Kleinasiens; nordwärts dagegen war auch nicht mehr ein Schatten tropischer Natur zu sehen. Das Thal von St. Rafael, von kleineren vulkanischen Hügeln umgeben, glich frappant dem Thale von Teplitz in Böhmen und war bewaldet mit Massen von Rotheichen, dazwischen Wiesen und Zuckerrohrfelder, die aus solcher Entfernung für das Auge die Getreidefelder ersetzten; die Gipfel der Hügel mit einer Menge der schönsten Kiefern bedeckt. Selbst die Hütten des Dorfes glichen in Form und Größe von weitem den Häuserchen des sächsischen und böhmischen Erzgebirges – mit einem Worte: es sah beinahe aus wie daheim im lieben Sachsenlande.
[2]: Dieser, so wie einige andere Briefe, waren jedoch nicht an ihre Bestimmung gelangt.
Ich ward genöthigt, einige Tage hier zu bleiben, theils weil Don Eusebio Geschmack an mir gefunden hatte und mich durchaus in seinem Hause beherbergen wollte, was mir sehr angenehm war, um etwas auszuruhen, und dann, weil zwei der Maulthiere am vorigen Tage ganz erschöpft zurückgelassen werden mußten, und ich so meine Bagage zu erwarten hatte, bis Apolinario sie auf anderen Thieren nachgeholt haben würde. Die kurze Rast bekam mir aber vortrefflich und mein Gesundheitszustand besserte sich schnell und merklich.
Don Eusebio zeigte mir seine Besitzung, meist Weideland und an Umfang beinahe so groß, als manches kleine Fürstenthum, mit ungefähr 4000 Stück Rindvieh, nannte sich selbst aber dabei einen armen Mann; er hatte insofern nicht ganz Unrecht, als er von all' seinem Eigenthume kaum 600 bis 700 Piaster jährlich realisiren kann. (Das Stück Rindvieh im Preise von 3, 4, höchstens 5 Piaster.)
Da Don Eusebio eine kleine Ladung Rohzucker nach Ocotal zu senden hatte, so contrahirte ich mit ihm für Thiere nach dem nicht weit von Ocotal gelegenen Dipilto, einem der bedeutendsten Minenplätze des Landes. Es mußten dazu noch einige von den in den Savannahs grasenden Maulthieren eingefangen werden, und auf Don Eusebio's Einladung beschloß ich, auch einen Versuch mit dem Lasso zu machen.
Eines Morgens ritten wir in Begleitung von zwei Mozos, jeder mit seinem Lasso am Sattelknopfe, zur Jagd aus, nachdem ich von Don Eusebio noch einige Lectionen, wie zu verfahren sei, erhalten hatte, denn es ist ein verwünschter Unterschied, einen Lasso zu Pferd oder zu Fuß zu werfen. Nachdem die Mozos in Zeit einer halben Stunde den geschäftlichen Theil erledigt, d. h. die nöthigen Maulthiere eingefangen, kam an mich die Reihe, meine Künste zu produciren. Ein starker Bulle ward ausersehen und ich ritt langsam auf denselben los. Der Stier, Schlimmes ahnend, fing an zu laufen, ich galoppirte hinterdrein, das Pferd scharf in der Faust. In angemessener Entfernung erhob ich mich ein wenig in den Bügeln, wirbelte den Lasso um den Kopf, lehnte mich vorwärts, um ihn zu werfen, als – schnapp! der Steigbügel mir entschlüpfte, und ich kopfüber zu Boden schoß. – Ungeheuere Heiterkeit von allen Seiten! – Das gut abgerichtete Pferd stand im Augenblicke still, und nachdem ich mich überall befühlt und entdeckt hatte, daß alle meine Knochen noch ganz waren, stieg ich wieder auf, mein Glück auf's Neue zu versuchen; diesmal ging's besser, der Lasso fiel, den halben Cirkel beschreibend, dem Thiere kunstgerecht über die Hörner; das Pferd, als ob es die Länge des am Sattel befestigten Lasso genau berechnet hätte, wendete augenblicklich um und brachte durch einen heftigen Ruck den Bullen zu Boden. Nur ist noch eine gewisse Geschicklichkeit erforderlich, sich des Thieres auch ganz zu bemeistern, was meiner Unerfahrenheit doch wahrscheinlich etwas schwer geworden sein dürfte, hätte Don Eusebio nicht, seinen Lasso von der andern Seite werfend, alle weiteren Schwierigkeiten beseitigt, und so endete denn dieser erste Versuch mehr zu meinem Ruhme, als ich in der That verdient hatte. – Ungeheuere Zufriedenheit!
Nachdem Don Eusebio mich während meines Aufenthalts bei ihm so gastfrei behandelt, als seine Mittel es nur irgend erlaubten, begleitete er mich noch einige Meilen auf meiner Weiterreise.
Ich änderte nun meine Richtung, die bisher eine nordöstliche gewesen war, in eine nordwestliche und, obschon weit im Binnenlande, eine mit der rechtwinkligen Form der Meeresküste parallel laufende Linie beschreibend, setzte ich meine Reise in alleiniger Begleitung eines Mozo fort. Der Weg glich so ziemlich dem vorigen, nur daß in so beträchtlicher Höhe, wie ich mich befand (3000 bis 4000 Fuß auf den tiefsten Punkten), die Nachtluft, zumal auf den Gipfeln der Hügel, recht empfindlich kühl ward, mein Poncho und ein tüchtiges Feuer mir äußerst angenehm waren, desto mehr aber die Thiere zu leiden hatten, denen die Kühle häufig eine Art von Darmgicht oder Kolik zuzieht, die zwar nur einige Stunden anhält, sie aber doch für diese Zeit ganz unfähig macht, zu gehen.
Wasser ist hier häufiger und von vorzüglicher Qualität. Die Zuckerrohrfelder, obwohl nur klein, sind ergiebig, der übrige Boden, wie bisher, Wald und Weideland. Die Landschaft war hier unter dem Einflusse der Morgennebel und des reichlichen Thaues schön grün geblieben. Bergauf- und bergabsteigend bot die Pflanzenwelt eine höchst überraschende Abwechselung dar, denn in der bedeutenden Wärme der Thäler sproßte die tropische Vegetation in vollster Ueppigkeit, während auf den höchsten Höhepunkten, die ich berührte, oft selbst die Kiefer als verkrüppeltes Knieholz hinter mir blieb, und ich so manchmal im Zeitraume eines Tages die Vegetation von 30 bis 40 Breitegraden beobachten konnte.
Ich passirte eine Menge von Dörfern, von bald christlichen, bald heidnischen Namen, unter denen ich mich besonders eines lieblichen Blickes in das Thal Santa Rosa, von der Borda di Santa Rosa herab, mit Vergnügen erinnere. Die Nächte freilich wurden des täglich heftigern Thaues wegen auch im nämlichen Grade unangenehmer und mein Schlummer ward oft gestört vom nächtlichen Geheul der Cayotas oder südamerikanischen Wölfe, welches ganz so klingt, als ob eine Bande ungezogener Gassenbuben im höchsten Discant schrie, und in das sich manchmal das tiefe, langgezogene Geheul eines Jaguars mischt. Obschon man allgemein und, wie ich glaube, mit Recht behauptet, daß diese Bestien, außer vielleicht im furchtbarsten Hunger, den Menschen nie angreifen, so kann man sich doch, wenn das schändliche Concert zu arg wird und gar nicht aufhören will, eines gewissen Büchsenfertigmachungs- und Messerzurechtlegungsgefühles nicht erwehren, und manch' liebes Mal trieb mich die Sorge um die Thiere aus dem Hammock, um mit der Büchse im Arme die Wachtrunde zu machen.
Am dritten Tage gegen Abend gelangte ich nach Totogalpa, einem mit Ausnahme des Cura (Pfarrers), der ein Weißer ist, nur von Indianern bewohnten Dorfe, die sich immer wieder nur unter einander verheirathen und so ihren Stamm rein und unvermischt erhalten. – Der Cura war ein compadre (auf gut deutsch Herr Gevatter) Don Eusebio's, weshalb der Mozo Ordre hatte, mich nach seinem Hause zu bringen. Der Cura, ein respectabel aussehender Vierziger, war die Herzensgüte und Freundlichkeit selbst. Da ich immer noch ein wenig zu schlank im Verhältniß meiner Körperlänge war und blaß aussah, so litt er nicht, daß ich im Hammock schlief, sondern ich mußte durchaus ein Bett annehmen, wie ich erst später zu meinem großen Leidwesen erfuhr, des würdigen Mannes eigenes Bett, da er in dem Artikel nicht eben reichlich versehen war.
Mr. Stevens rühmt in seinem Werke über Central-Amerika mit allem Rechte die Güte der Curas, und ich muß dieses Lob in vollster Ausdehnung bestätigen; mit vielleicht nur wenigen Ausnahmen in den größern Städten ist das Haus des Cura stets die Zufluchtsstätte aller Obdach- oder sonst Hülfebedürftigen, und so auch in Totogalpa. Es blieben in derselben Nacht wenigstens zehn bis zwölf Personen, darunter auch drei Damen, welche auf dem Wege nach Leon begriffen waren, in der Pfarrei, und vielleicht dreißig Maulthiere und Pferde ließen sich die Weide auf des guten Pfarrers Protero trefflich schmecken.
Die bessern Häuser haben hier alle einen Patio oder Veranda, den jeder Reisende ebenso als sein Eigenthum betrachten kann wie die Landstraße; zwischen den Säulen schlingt er seinen Hammock auf, in einer Ecke oder auf dem freien Platze vor dem Hause zündet er sein Feuer an, kocht seine mitgebrachten Vorräthe und zahlt nur dann etwas, wenn er irgend etwas von den Vorräthen des Hauses consumirt, – nota bene wenn Vorräthe da sind. –
Der Cura theilte mir beim Schlafengehen mit, daß am andern Morgen drei junge Paare den ledigen mit dem Ehestande vertauschen wollten, und lange vor Tagesanbruch folgte ich ihm in die Kirche, der Ceremonie beizuwohnen, denn es ist hier Sitte, jede Trauung noch vor Sonnenaufgang zu vollziehen, eine Sitte, die wahrscheinlich noch indianisch-heidnischen Ursprungs ist.
Die jungen Paare erschienen, gefolgt von ihren Verwandten, im Geleite der Brautführer und Brautjungfern; der Cura vollzog die Trauung nach dem Ritus der katholischen Kirche und im Zwielichte des anbrechenden Tages begab sich der ganze Hochzeitszug nach dem Hause des Bräutigams, um dort den Tag bis zur späten Nacht mit Essen, Trinken und Tanzen zuzubringen.
Der Cura führte mich in eins der Häuser, um die Festlichkeiten mit anzusehen. Inmitten der dichtgedrängten Menge ward getanzt, doch stets nur ein Paar auf einmal, beim Klange zweier Guitarren und einer Geige. Das Mädchen stand auf einer Seite des kleinen Tanzraumes und der junge Bursche bewegte sich hüpfend und tänzelnd auf sie zu, bald vorwärts, bald rückwärts, und drehte sich in verschiedenen Bewegungen um sie herum; dann that das Mädchen desgleichen, dann beide zusammen, worauf beide abtraten, um einem neuen Paare den Raum zu überlassen, sich selbst aber mit Tortillas und Bohnen zu erlaben. Aus besonderer Rücksicht auf mich als Fremden und die würdige Begleitung, in der ich mich befand, näherte sich mir eine Art von Ceremonienmeister und forderte mich zum Tanze auf; da aber mittlerweile der Tag angebrochen war und die Thiere gesattelt vor der Thür standen, entschuldigte ich mich mit meinen bestiefelten und pfundbespornten Gemüthszuständen, schüttelte dem wackern Diener Gottes herzlich die Hand und galoppirte lustig dahin in der frischen Morgenluft.
Bald bot sich mir von der Höhe der Borda de Ocotal eine wunderliebliche Aussicht in das Thal, wo sich der Riococo hinab nach der Ostküste schlängelt, an seinen Ufern das reizend gelegene Dörfchen Ocotal und drüben auf der andern Seite die grandiosen Berge von Dipilto. Noch ein steiles Hinabklettern, bei dem die Thiere manchmal eine ganze Strecke auf dem Hintertheile rutschend zurücklegten, dann die Passage des Riococo, jetzt ziemlich leicht, doch in der Regenzeit sehr schwierig und gefahrvoll, und ich ritt nach kurzer Zeit über die Plaza von Ocotal nach dem Hause der Sennora, Donna Chepa (Josephine) G., einer großen corpulenten Dame, an die ich eine Empfehlung hatte. Aufnahme wie überall.
Als ich beim Frühstück saß, kam der Militärcommandant des Departements, Don Gabriel Y., in Gesellschaft eines kurzen, dickbeleibten Sennors mit ungeheuerm militärischen Schnurrbart und blauem Oberrock, um der Sennora einen Besuch abzustatten. An mich wurden nun viele Fragen: Leon, die Revolution, Munoz etc. betreffend, gerichtet, die ich ungenirt und so gut ich es vermochte beantwortete. Mir fiel dabei auf, daß der dicke Herr im blauen Oberrock mit dem gewaltigen Schnurrbarte seine übrigens recht hübschen und sanften blauen Augen immer schüchtern wie ein verlegenes Mädchen niederschlug, wenn ich ihn ansah, eine Gewohnheit, die mir an Männern nie recht gefallen will. – Später in Dipilto, wo ich denselben nochmals antraf, erfuhr ich erst, daß es der General Guardiola sei, auch »der Tiger von Honduras« benannt. – Dieser Mann hatte sich im Jahre 1844, wo er die Regierung von Honduras unterstützte, eine traurige Berühmtheit erworben durch seine blutige, grausame Verfolgung der Gegenpartei. Im Jahre 1849 conspirirte er dann selbst gegen die Regierung, hatte aber schlechten Succes und hielt sich seit jener Zeit als Verbannter in Costa-Rica auf. Dann ward er von der Regierung von Nicaragua herbeigerufen, um ein Commando gegen Munoz zu übernehmen, konnte sich jedoch nicht mit dem commandirenden General, Don Fruto Chammorro, vertragen und nahm deshalb sehr schnell wieder seine Entlassung.
Ocotal ist die von Manchen als Nuevo Segovia bezeichnete Stadt; die eigentliche Stadt dieses Namens ist jedoch 4 Miles tiefer hinab, am Riococo gelegen, ward im Anfange des vorigen Jahrhunderts aber von Flibustiern, die den Fluß heraufkamen, zerstört und die geflüchteten Bewohner bauten das heutige Ocotal.
Ich wünschte noch vor Nacht Dipilto zu erreichen und brach also auf, sobald Menschen und Thiere sich ein wenig erholt hatten. Als ich über die Plaza kam, bemerkte ich eine Menge Menschen und aus ihrer Aufregung und der allgemein auf einen Punkt gerichteten Aufmerksamkeit schloß ich, daß da etwas Absonderliches los sein müsse. Als ich an die Stelle kam, sah ich, daß ein Paar Kampfhähne die Helden der Scene waren, und der heutige Tag, wie man mir sagte, der eines weitberühmten Hahnengefechts. Jetzt erst ward mir plötzlich klar, warum ich unterwegs so viele Leute mit Bretern auf dem Rücken gesehen hatte, auf deren jedem fünf bis sechs Hähne festgebunden waren. Ein Mann zu Pferde kam sogar mehr als 30 Miles weit her, die vier Ecken seines Sattels nach den vier Himmelsgegenden zu mit ebenso vielen Hähnen garnirt, zwei an Stelle der Holftern, zwei an Stelle der Satteltaschen. Die Hähne fechten hier nicht mit den gewöhnlichen Sporen, sondern mit sichelartigen Messerchen, deren haarscharfe Klinge manche so geschickt an das rechte Bein des Hahnes zu befestigen verstehen, daß oft schon beim ersten Anlauf der Gegner ein Bein einbüßt. Eben als ich anlangte, fiel einer der armen Kämpen, von seinem Gegner in die Seite gestochen und schändlich hinterlistig umgebracht, zu Boden und maß den Wahlplatz mit seinem Heldenleibe. Gleich war jedoch ein neues Paar zur Stelle, und ein barfüßiger, ziemlich lumpenhaft toilettirter Sennor frug mich, ob ich nicht mit ihm auf einen der Duellanten wetten wollte. Wie viel? – Zehn! – Was zehn, Piaster? (Etwas hoch, dachte ich.) – Nein, zehn Mark Silber (ziemlich 80 Dollars). Bagatelle! meinte ich und machte, daß ich weiter kam, denn ein so niedriges und grausames Vergnügen schien mir nicht werth, Zeit und noch weniger Geld daran zu setzen. Es ist übrigens eine gewöhnliche Sache, hier anscheinend arme Leute recht hohe Summen bei Hahnen- und Stiergefechten verwetten zu sehen. Das Spiel ist hier die vorherrschendste Leidenschaft und, wie man mich versicherte, sollen am selben Tage auf zwei Hähne von besonderer Kriegsreputation in mehrern Wetten die Summen von 2000 Dollars im Ganzen auf dem Spiele gestanden haben. So fand ich auch, was ich vorher nicht beachtet hatte, in jedem Hause einen oder mehrere Kampfhähne, jeden mit einem Bindfaden am Fuße, auf einer Art von Papageienstock sitzend, die lediglich zu jenem barbarischen Vergnügen aufgefüttert werden.
Bald hinter Ocotal tritt man wieder in eine tiefe Schlucht ein, und gleich im Anfange hören alle bewohnten Plätze auf. Ein zwar enger, aber doch nicht zu beschwerlicher Weg führte bald auf dem einen, bald auf dem andern Ufer des Rio di Dipilto hin, der hell, klar und lustig über die Steine dahinhüpft, hier und da von einem kleinen Salto (Wasserfall) unterbrochen, mühsam an manchen Stellen sich durch das Thal zwängend, dessen vielfache Windungen ihm manchmal das Aussehen geben, als hätte hier die Welt ein Ende. Mein Mozo, für den das Hahnengefecht mehr Anziehungskraft hatte, als für mich die Reize dieser malerischen Natur, war etwas zurückgeblieben, und so verfolgte ich denn meinen Pfad in einer angenehmen Einsamkeit. Die steilen Höhen rechts und links, bedeckt mit majestätischen Kiefern, wie ich sie noch kaum so hoch gesehen, ließen die Sonne nicht so eindringen, und die tiefe Ruhe, durch das sanfte Gemurmel des dahineilenden Flüßchens noch traulicher gemacht, ward nur dann und wann vom leisen Gesange eines Vögelchens unterbrochen. Viele Nordländer sind der Meinung, daß die Vögel der Tropen nicht singen; dem ist aber nicht so, nur muß sich das Ohr an ihren Gesang gewöhnt haben, der so zart ist, daß sie fast leichter zu sehen als zu hören sind. Ich aber fühlte mich so froh gestimmt, daß ich die schweigsamen Wälder lustig vom Gesange deutscher Lieder wiederhallen ließ, was ihnen wohl nicht häufig passiren mag.
Endlich und endlich öffnete sich das Thal ein wenig und auf einem kleinen Plateau, just nur groß genug, um den Gebäuden nothdürftig Raum zu geben, erschienen die Dächer von Dipilto, vergoldet vom letzten Strahle der untergehenden Sonne.
Dipilto, jetzt vielleicht der bedeutendste Minenort in Nicaragua, war, obschon seine Minen schon seit sehr langer Zeit betrieben werden sollen, vor zwanzig Jahren noch nur ein einziges Haus, und ward das Almuercadero (Frühstücksplatz) genannt, weil die Reisenden von Honduras meist hier am Ufer des Flusses im Schatten einiger Bäume, die jetzt noch dastehen, ihr Frühstück einnahmen.
Ich stieg im Hause der Madame L. ab, hier nur glattweg die Madama genannt, an welche ich eine Empfehlung von ihrem Manne aus Massaga hatte. Sie war Französin und hatte sich, obschon bereits 22 Jahre in Central-Amerika, noch ihre echt französische Lebendigkeit und Liebenswürdigkeit vollkommen bewahrt, in Bezug auf Gastfreundschaft aber mit den Sitten des Landes ganz acclimatisirt. Ich fand hier drei Amerikaner und einen amerikanisirten Deutschen, Mr. Sch....., welcher, sowie ein Engländer in Matagalpa, Mr. P., die einzigen ausländischen Minenbesitzer in Honduras sind. Einer der drei Amerikaner ist jener Mr. Dickson, der im vorigen Jahre mein Schiffsgenosse auf der Reise von New-York nach Central-Amerika war, augenblicklich aber nicht in Dipilto anwesend.
Der Bergbau liegt hier freilich noch sehr in den Urzuständen, und von einem wissenschaftlichen Betrieb ist noch kaum die Rede. Zwei junge deutsche Bergleute, Herr Schmidt, ehemaliger Bergstudent in Freiberg, und Herr Witting aus Hessen, beide im Interesse einer Compagnie arbeitend, waren ganz in Verzweiflung über die vielen Hindernisse, die einem geregelten Betriebe des Bergbaues hier noch im Wege stehen. An einen kunstgemäßen Schachtbau ist noch nicht zu denken; wo sich eine Ader findet, schlägt man ein und folgt ihr in jeder beliebigen Richtung, aufwärts oder abwärts, rechts oder links, nach Art der Maulwürfe. Manche Minen haben allerdings eine Art von Schacht mit Ruheplätzen (Posas) von ungefähr 15 Varas (20 Ellen) Umfang, sowie auch Leitern, die aber nichts weiter sind, als unbehauene Stämme mit rechts und links in dieselben angebrachten Kerben, Papageienstangen nicht unähnlich, auf welchen die Indianer wie die Affen hinauf- und hinunterklettern, auf dem Rücken einen ledernen Sack, der an einem Riemen über die Stirn getragen wird, um das Erz und die Steine zu transportiren. Von regelrechten Fahrten mit Sprossen, Schachten mit Göpeln zum Ausbringen der Erze und des todten Gesteines hat Niemand eine Idee, und ebenso wenig vom Bau eines Stollens, um die unterirdischen Gewässer abzuleiten. Daher werden die meisten Minen schon in einer Tiefe von 200 bis 300 Fuß verlassen, und erst in neuester Zeit hat Herr Sch...... Versuche gemacht, eine aufgegebene Grube auszupumpen und wieder gangbar zu machen. Das größte Hinderniß sind die üblen Straßen, auf denen Alles nur durch Maulesel und Menschen fortgetragen werden muß, und die es natürlich unmöglich machen, zweckmäßige Maschinen zum Auspumpen ersoffener Schachte herbeizuschaffen. Von einer bergmännischen Berechnung, wo man sich unter der Erde befinde, hat hier gleichfalls Niemand eine Ahnung. Trotz des bedeutenden Mineralreichthums (manche Minen geben 18 bis 20, ja sogar 25 Procent Silber) wird es immer noch geraume Zeit dauern, bis Dipilto den Aufschwung bekommt, den es haben könnte, denn Jeder wird einsehen, daß unter so erschwerenden Umständen viel Arbeit nöthig ist, um nur ein leidliches Resultat zu erzielen. –
Die localen Verhältnisse sind übrigens in vieler Hinsicht günstig; der Fluß mit bedeutendem Fall ist während aller Jahreszeiten im Stande, eine hinreichende Wasserkraft zu produciren; als Brennmaterial dient das vortrefflichste Kiefernholz, zum bloßen Preis des Umhauens, und die Arbeiter erhalten die niedrige Bezahlung von 2 Dimes (etwa 8 Silbergroschen) den Tag; die größte Schwierigkeit ist aber eben, diese zu bekommen. Sobald der Indianer nur noch einen Cent in der Tasche hat, kann ihn keine Macht zum Arbeiten bewegen, statt Montag kommt er oft Mittwoch oder Donnerstag zur Arbeit; von einer regelmäßigen Eintheilung in Schichten für Tag- und Nachtarbeit ist gar keine Rede. Was nun daraus für eine Art von Bergbau entsteht, mag Jeder beurtheilen, der nur die oberflächlichste Sachkenntniß hat. Das sicherste Mittel, was noch der Arbeitgebende hat, die Leute zur Arbeit zu zwingen, ist, ihnen einige Dollars vorzustrecken, dann kann er die Leute durch den Alcalden zwingen, das Geld abzuarbeiten, und sollte der Mann vom Sterbebett des Kindes weggeholt werden müssen. Da nun die Indianer in ihrem sorglosen Wesen sehr leicht verschuldet werden, so bringen die Leute meistens ihr Leben in einem Zustande zu, noch schlimmer als Sklaverei. Es ist dies eins der vielen Uebel, die spanische Gesetze nach Amerika gebracht haben.
Da viele der Minen 5 bis 6 Miles von Dipilto liegen, so werden die Erze durch Maulthiere dahin geschafft. Auch das Verfahren beim Ausbringen des Silbergehaltes liegt hier noch in derselben Kindheit, wie vor etwa drei, vier Jahrhunderten in Freiberg und Goslar, und geschieht meistentheils in kleinen Oefen durch Feuer, so daß jede Operation 7 bis 8 Stunden erfordert und ein sehr unvollkommenes Resultat giebt.
Einige Besitzer bedienen sich auch noch einer amerikanischen Originalerfindung auf dem Patio, d. i. ein großer gedielter Platz, auf dem das gemahlene Erz in Haufen (Montones) von 15 bis 20 Centner gebracht, mit etwas Kochsalz und Quecksilber gemischt, mit Wasser durchgetreten und dann etwa 14 Tage der Sonne ausgesetzt wird, welcher Proceß sich oft drei- bis viermal wiederholt; dann wird der Sand ausgewaschen, das gewonnene Amalgama unter Kupferglocken verdampft, die Quecksilberdämpfe in dem darunter befindlichen Wasser condensirt und später das Silber in kleinen Oefen von der geringen darin noch enthaltenen Quantität Kupfer gereinigt. Ein höchst langwieriges Verfahren, welches wegen des dabei unvermeidlichen Verlustes an Quecksilber (hier im Preise von 140 Dollars der Centner) immer mehr in Abnahme kommt.
Das Mahlen des Erzes geschieht im sogenannten Ingenio (vielleicht sogenannt, weil in der Erfindung eben durchaus nichts Ingeniöses ist); diese Maschine besteht aus einem horizontalen Rade, meist 30 Fuß im Durchmesser und ebenso hoch vom Boden entfernt, auf dessen Zähne oder Kästen eine im Winkel von wenigstens 45° herabstürzende Wasserkraft wirkt. An der verticalen Axe, etwa 5 Fuß über dem Boden, durchkreuzen zwei Hölzer, jedes von ungefähr 20 bis 25 Fuß, dieselbe, an deren Enden Steine von 12 bis 15 Centnern, durch das Rad gedreht, einen Kreis beschreiben und so die Erze zerquetschen. Eine sehr schwerfällige Maschine, deren Resultat sich durch viel einfachere Mittel weit vollkommener erreichen läßt.
Die letzte Methode des Ausbringens, die erst in neuerer Zeit in Aufnahme zu kommen beginnt, ist die bekannte Amalgamatiere in drehbaren Fässern, nachdem das Erz vorher im Ofen geröstet worden ist. Herr Schmidt stellte eben auch Versuche der sogenannten Augustin'schen Methode vermittelst Kochsalz an, mit welchem Erfolge ist mir zur Zeit jedoch nicht bekannt geworden.
Die vier Wochen, welche ich in Dipilto zubrachte, waren vom allerbesten Erfolg für mein Befinden und werden unter meinen Erinnerungen aus Central-Amerika stets eine liebe Stelle einnehmen. Ich ging mit erneueter Lust an die Arbeit, bereicherte meine Zeichnenmappe beträchtlich mit höchst pittoresken Studienblättern und meine Naturaliensammlung mit Specimen der verschiedensten Art. Der klare Fluß bot mir ein kräftigendes Bad am Morgen, die bewaldeten Berge angenehme Spaziergänge in der Kühle des Abends, mit einem Worte, ich lebte wieder neu auf. Selbst die kleinen Unannehmlichkeiten, die ein Aufenthalt an so entlegenen, von aller Communication abgeschnittenen Orten mit sich bringt, fühlte ich im Hause meiner gütigen Wirthin und durch den so lieben freundlichen Umgang weniger. Sogar für literarische Unterhaltung auf einsamen Spaziergängen war gesorgt, denn ihr Büchervorrath enthielt allerhand Literaturerzeugnisse in buntester Mischung, von Rousseau und Voltaire bis Frederic Soulié und Alexander Dumas.
Lebensmittel sind, da dieselben erst aus den tiefer gelegenen Bezirken auf Maulthieren herbeigeschafft werden müssen, wohl zu Zeiten etwas sparsam; allein da Herr und Madame L. selbst Handel mit Silber nach Granada und mit allerhand Gütern für den Verbrauch am Orte von dort hierher betreiben, so geht beinahe monatlich ein Transport hinab und einer herauf, wodurch denn auch Keller und Speisekammer wohl versorgt ward. Zur Regenzeit mögen freilich manchmal magere Tage auf fette folgen.
Gesellschaft fand ich, außer den beiden jungen deutschen Bergleuten, in Herrn Sch., meinem Doppellandsmann, geborenen Deutschen und naturalisirten Amerikaner, Don Felix S., ein unternehmender, thätiger Mann, dem Dipilto die Einführung der neuesten Verbesserungen verdankt, Don Chico F. u. s. w. Die meisten dieser Leute waren früher durch Guardiolo aus Besitz und Heimath vertrieben worden und jetzt irrte ihr früherer Verfolger in denselben Gegenden heimathlos umher, wo die Vertriebenen sich eine neue Heimath gegründet. »Nehmt euch ein Exempel dran!«
Selbst die frohesten Stunden müssen aber ein Ende haben und so auch mein Aufenthalt in Dipilto. Wenn ich noch andere Punkte für meine Studien ausbeuten wollte, hatte ich, der bevorstehenden Regenzeit wegen, nicht sehr viel Zeit zu verlieren.
Ich fand hier noch größere Schwierigkeit, mir Thiere zu verschaffen, denn die meinigen waren gleich nach meiner Ankunft nach St. Rafael zurück gekehrt, weil der Mangel an Futter dort die meisten unfähig zur Arbeit machte. Da ein Packthier, welches ich mit Mühe und Noth auftrieb, erst in einigen Tagen disponibel ward, mir aber mittlerweile ein ziemlich gutes Reitpferd verschafft worden war, so beschloß ich, mich einstweilen allein auf den Weg zu machen, um in der Zwischenzeit Mr. Dickson, meinen vorjährigen Reisegefährten von der Brigg Rogelin, zu besuchen, der in Maquelizo eine Zweigmine bearbeitete.
So belud ich denn – es war jetzt schon Mitte April – den kleinen munteren Braunen mit den nöthigsten Lebensmitteln, da ich wenig Aussicht hatte, die nächsten zwei Tagereisen bis Yuscaran welche zu bekommen, und begab mich frisch und fröhlich wieder auf die Wanderschaft.
Es ging nun von Neuem an ein Steigen und Klettern durch ödes steriles Gebirg, weit und breit keine Spur menschlicher Wesen, denn ich befand mich hier so ziemlich zwischen den letzten Außenposten der Civilisation. Ich mochte etwa drei Stunden geritten sein und hatte von fern schon mehrmals einzelne Savannen hinter mir in Feuer gesehen, als ich, in einem engen Felsthal eingeschlossen, auf einem kleinen abschüssigen Terrain, bei einer Biegung das Thal vor mir in Flammen sah. Wäre das Gras hier so hoch und dicht wie in den Prairien von Texas, so würde ich jetzt wahrscheinlich nicht im Stande sein, gegenwärtige Zeilen zu schreiben. Die Sache erscheint aber weit gefährlicher als sie wirklich ist, denn das Gras ist hier nur dünn und kurz, brennt schnell wie Pulver ab, und dann bieten auch einzelne ganz nackte Stellen Plätze, wo das Feuer nicht hinreicht, ja bisweilen hält nur ein kleines Bächlein den Gang der Flammen auf. Es geschieht dies Abbrennen absichtlich gegen Ende der heißen Jahreszeit, um dem neuen Grase Platz zu machen.
Zurückzugehen fand ich nicht für rathsam, denn bergauf wäre ich von den Flammen sicherlich eingeholt und vom Feuer und Rauch noch mehr belästigt worden, darum hielt ich auf der etwas hoch gelegenen Stelle an, stieg ab und sattelte mein Pferd etwas mehr zurück, um ihm das Athmen zu erleichtern.
Das kluge Thierchen wieherte leise, als hätte es mich verstanden und wollte mir sagen: Sei nur ruhig und verlaß dich auf mich.
In der That sind auch die Thiere durch das alljährliche Abbrennen der Savannen so ans Feuer gewöhnt, daß selbst Kühe sich ganz gemächlich an gesicherte Punkte zurückziehen, wobei sie freilich die feinere Witterung vor dem stolzen und doch oft so hülflosen Herrn der Erde voraus haben.
Ich hielt nun still, bis die Flammen einen Punkt erreicht hatten der mir günstig schien, gab dem Braunen scharf die Sporen und im raschen Galopp, das Gesicht in des Pferdes Mähne geborgen, tauchte ich gegen den Wind in den dichten Qualm und war in nicht einer halben Minute wieder auf der anderen Seite aus dem Feuer heraus. Zwar war der Boden noch heiß, die Luft schwer und raucherfüllt, allein bald verlor sich auch dies, und als ich nach einiger Zeit an einen Quell kam, wusch ich mein Pferd, das an den Beinen ziemlich versengt war, so wie mein eigenes rauchgeschwärztes Gesicht im kühlenden Naß. Das Fatalste war, daß ich durch die Hatze den Weg verloren hatte und erst eine Weile herumirren mußte, ehe ich ihn wieder fand.
Ich konnte nun freilich Maquelizo diese Nacht nicht mehr erreichen, wie ich gewollt, allein da ich gegen Abend einen Rehbock schoß und auch so glücklich war, ein Bächlein mit noch grünem Ufer zu finden, das Wasser und Futter für's Pferd bot, blieb ich liegen, hobbelte das Pferd, briet mir etwas Fleisch und ließ das andere am Morgen den Coyotas, welche die ganze Nacht darum serenadirt hatten.
Ich kam nach Maquelizo, das etwas kleiner als Dipilto, übrigens aber demselben sehr gleicht, schüttelte Freund Dickson die Hand, und nachdem wir einen Tag mit gegenseitiger Erzählung unserer Erlebnisse verbracht, ritt ich weiter gen Honduras. Ich war jetzt auf der Höhe des Gebirges, welches die Wasserscheide zwischen den beiden Oceanen bildet; in einer Entfernung von nur einigen hundert Schritten entsendeten Quellen ihre Wässer nach Osten und Westen.
Bis Yuscaran kam ich nur zweimal an elende Indianerhütten, in deren einer ich übernachtete. Mein Bett war ein hölzerner Trog, in welchem die Thiere, »die Moses Kinder scheuen«, nach ihrem Tode abgebrüht und ihrer Borsten beraubt werden, und mein Schlummer ward sehr gestört, nicht sowohl von den blutigen Gestalten jener unschuldig Gemordeten, sondern von einer Legion Flöhe und anderer Insecten. Ich hatte am nächsten Morgen auch noch das Vergnügen, einen Tiger zu schießen, der mich von einem kleinen Felsblocke aus neugierig betrachtete, als ich eben mein Pferd einen steilen Hohlweg am Zügel heraufführte. Die Kugel drang ihm ins linke Auge und er verschied ohne weitere Protestationen, das Pferd aber hatte beim Knall Reißaus genommen, und ich hatte Mühe, es wieder zu erhaschen. Das schöne Fell brachte ich als Trophäe mit nach New-York.
Am Mittag erreichte ich den Rio di Choluteca, den Grenzfluß zwischen Honduras und Nicaragua. Von Zollbeamten und Gensdarmen zur Visitation der Pässe war hier freilich keine Spur, und doch wäre es mir höchst erfreulich gewesen, dergleichen Leutchen hier zu finden, da sie mir doch die Furth zum Passiren des Flusses hätten zeigen können, zu der ich den Weg im steinigten Terrain verloren hatte; denn da der an und für sich schon große Fluß noch von steilen Felsen eingeklemmt wird, so ist er selbst in der trockenen Jahreszeit nur an einigen Stellen passirbar.
Ich suchte eine Zeitlang, bald auf-, bald abwärts, nach einer Furth, da ich aber keine fand, nahm ich Waffen und Packtaschen auf den Kopf und durchkreuzte auf gut Glück den Fluß an der Stelle, die mir am tauglichsten dazu schien. Bald hatte das Pferd Grund, bald ging es schwimmend weiter, so daß manchmal nur noch unsere beiderseitigen Köpfe zu sehen waren, doch langte ich ohne weiteren Unfall am anderen Ufer an, natürlich so naß, als ein Geschöpf Gottes möglicherweise nur sein kann, setzte meinen Weg fort und langte am Abend im Hause des Herrn George C..... an, eines Engländers, der seit mehr als 20 Jahren hier ist, sich mit einer Tochter des Landes verheirathet hat und nun mit seiner liebenswürdigen Gattin und seinen Kindern ein zwar einsames, aber ruhiges und augenscheinlich glückliches Leben führt.
Sein Ingenio liegt nur etwa 3 Miles von Yuscaran entfernt; ich leistete daher seiner, schon in Dipilto an mich ergangenen Einladung, in seinem Hause zu ruhen, um so lieber Folge, als sowohl das Pferd wie ich vom dreitägigen Klettern gehörig erschöpft waren. Das arme Thier war von dem schweren Reiter und den ausgestandenen Strapazen so mitgenommen, daß es sich durch mehre Tage nicht erholen konnte.
Mit wahrem Wonnegefühl legte ich mich am Abend, nach einer Tasse stärkendem Kaffees, in einem guten Hause unter freundlichen Menschen zur Ruhe und schlief mit dem seligen Bewußtsein ein, morgen nicht gleich wieder in den Sattel klettern zu müssen.
Der Staat Honduras, dessen Grenze ich im Rio di Choluteca überschwommen, ist von den fünf Staaten Central-Amerikas nächst Nicaragua an Flächenraum der größte, an Bevölkerung der kleinste, an Mineralien der reichste, an Productenausfuhr der ärmste. Er erstreckt sich vom 13. bis 16. Grade nördlicher Breite, vom 83. bis 89. westlicher von Greenwich, vom 6. bis 12. westlicher von Washington, ist im Norden und Nordwesten von den carribischen Seen, östlich vom sogenannten Mosquito-Königreiche, südlich vom Staate Nicaragua, südwestlich von St. Salvador, nordwestlich von Guatemala begrenzt.
Die Verfassung ist mit geringen Abweichungen der von Nicaragua gleich.
Der Staat ist in sechs Departements getheilt: Gracias, St. Barba mit dem Hafen von Omoir an dem Carribien-See, Comayagua mit der Hauptstadt gleiches Namens, Yoco, nächst dem Cap Honduras, Choluteca, welches zugleich einen großen Theil des Golfes di Fonseca umfaßt, und in letzterem die wichtigen Inseln Islo de Tigre und Sacate Grande, die, sollte der Atlantic-Pacific-Kanal zu Stande kommen, eine außerordentliche Bedeutung erlangen müssen. Die Stadt Tegucigalpa liegt gleichfalls in diesem Bezirke und ist meist der Aufenthaltsort der Regierung, da die ungesunde Lage von Comayagua diese Stadt nicht recht zur Bedeutung kommen lassen will. Der sechste District endlich, Olancho, ist einer jener unter dem Namen des Mosquito-Königreiches streitig gemachten Landstriche und größtentheils, gleich Yoco und St. Barba, von den Indianerstämmen der Ikakes und Carribes bewohnt; der weiße Theil der Bevölkerung lebt meist zerstreut auf Rindvieh-Haciendas, unter denen sehr ausgedehnte Besitzungen sind. So starb während meines Aufenthalts in Yuscaran einer der reichsten Grundbesitzer, der an 24,000 – sage 24,000 – Stück Rindvieh hinterließ, und deren Weideplätze einen Flächenraum einnahmen, größer als so manches deutsche Fürstenthum.
Zur selben Zeit fand auch einer der öfter vorkommenden Raubüberfälle der Carribes statt, als deren Grund ich aber mehr jene kleinlichen Hetzereien wegen der Gebietsstreitigkeiten ansehe, als wirkliche Feindseligkeiten und Haß; denn so oft ich auch Indianer antraf, fand ich sie doch nur stets von friedfertigem, freundlichem Charakter und sanften Sitten.
Yuscaran, wo ich einen Halt von zwei Wochen machte, ist einer der bedeutendsten Bergbauplätze mit einer großen Anzahl Minen, deren viele schon seit mehren Jahrhunderten betrieben werden. In der Neuzeit ist die Ausbeute allerdings bedeutend geringer geworden, was auch hier seinen Grund in dem höchst unvollkommenen Betriebe hat, so wie in der Schwierigkeit, sich die nöthigen Maschinen und tüchtige Bergleute zu verschaffen, denn Alles, was ich über Dipilto gesagt, hat auch auf hier Bezug. Keine der Minen hat mehr als 500 bis 600 Fuß Tiefe, und doch liegen viele derselben schon lange todt, die bei gehörigem Betriebe noch sehr reiche Ausbeute geben würden. Ich habe auf meinen Touren die verschiedenartigsten Stufen gesammelt, deren reicher Gehalt gewiß die Aufmerksamkeit der Mineralogen fesseln würde, und dennoch tragen viele der Minen, aus denen ich sie gesammelt, kaum die Kosten des Betriebs.
Der Ackerbau ist von keiner großen Bedeutung und genügt kaum, die dünne Bevölkerung zu ernähren; Reis, Bohnen, ja selbst Mais muß nicht selten aus den Niederungen am Pacific herbeigeführt werden, und sogar während meines kurzen Aufenthaltes war wegen geringer Stockung im Transport für einige Zeit eine Art von Hungersnoth eingetreten.
Die weiße Bevölkerung ist auch hier verhältnißmäßig noch schwach, da das Land erst später unter spanische Botmäßigkeit kam. Cortez, auf seinem berühmten, beschwerdereichen Marsche nach Cap Gracias, berührte nur Nord-Honduras.
In den blutigen Revolutionen, die Central-Amerika bis auf unsere Tage erschüttern, hatte auch Honduras seine Rolle; in dem Kriege, den Morozan für die Föderation führte, war Tegucigalpa der Schauplatz einer heldenmüthigen Vertheidigung des Generals Cabannas, desselben, der sich auf Morozan's Rückzug von Guatemala so großen Ruhm erwarb und der heute den Präsidentenstuhl von Honduras einnimmt.
Eine traurige Epoche war die, wo Guardiolas' fanatische Verfolgung der Gegenpartei stattfand und das Land mit Blut überschwemmte. Wenige Familien existiren, die aus jener traurigen Zeit nicht den Verlust eines ihrer Glieder zu betrauern haben. In jener Zeit erwarb sich der damalige Commandant von Yuscaran, Don Pedro Xatrerha, großes Verdienst: als nämlich Guardiolas sich der Stadt bis auf einen Tagemarsch genähert, öffnete Don Pedro auf eigene Gefahr der Verantwortung die Gefängnisse und entzog so Hunderte von unglücklichen Gefangenen einem grausenvollen Tode, eine menschenfreundliche Handlung, die der wackere Mann beinahe mit dem eigenen Leben bezahlt hätte, denn Guardiolas, wüthend, daß seine Opfer ihm entgangen waren, ließ ihren Befreier verhaften, und nur seine anerkannte Bravour als Soldat entzog Don Pedro dem Tode. Derselbe lebt noch heute geehrt und geliebt auf demselben Posten, und ich genoß drei Tage, die ich in der Stadt selbst blieb, seine Gastfreundschaft, die, wie hier überall, gern gegeben und darum dankbar angenommen ward. Für mein Portefeuille fand ich auf meinen Streifereien in der Umgegend besonders reiche Ausbeute und bereue die darauf verwendete Zeit keineswegs.
Großes Verlangen trug ich danach, meine Excursionen bis in das Gebiet der Ikakes und Carribes auszudehnen, unter günstigen Umständen mich sogar länger unter ihnen aufzuhalten und vielleicht manche nicht unwichtigen Beiträge zu Nutz und Frommen der Wissenschaft zu sammeln; allein einige Berichte competenter Männer über die Eigenthümlichkeiten dieser Indianerstämme hielten mich ab, dies Wagniß allein zu unternehmen, und ein Begleiter wollte sich nicht finden.
Es herrscht nämlich bei allen diesen Stämmen, neben der Scheu, die sie überhaupt vor Umgang mit Fremden tragen, eine außerordentliche abergläubische Furcht vor Bezauberung und Ansteckung durch Krankheit. Allein unter ihnen krank werden, heißt seinem gewissen Tode entgegengehen. Man läßt dem fremden Kranken einige nothdürftige Lebensmittel und Wasser, worauf Alles aus seiner verderbenbringenden Nähe flüchtet und erst nach seinem Tode oder, was äußerst selten vorkommt, nach seiner Genesung zurückkehrt; stirbt er, so wird das Haus sammt Allem, was darin ist, niedergebrannt. Dasselbe geschieht ihm aber auch, jedoch bei lebendigem Leibe, wenn er nur zufällig auf die Erde spuckt, so groß ist ihre Furcht vor Bezauberung.
Es möge dies den tabackkauenden Yankees zur Lehre dienen, wenn anders einige von ihnen diese Länderstriche besuchen und, wie überall, einen magischen Kreis braungefärbten Speichels um sich ziehen sollten.
Ich selbst huldige zwar keineswegs der edlen Gewohnheit des Tabackkauens und hatte also von dieser Seite nichts zu befürchten; allein mein viermonatliches Fieber hatte mir denn doch einigen Schrecken in die Glieder gejagt, und wenngleich ich den Tod nicht scheue, wenn's einmal gestorben sein muß, so hat der Gedanke, von aller Welt verlassen gleich einem Paria zu verenden, doch zu wenig Anziehendes für mich. Sollte sich also ein anderer Reisender zur Nachholung des von mir Versäumten verlockt fühlen, so rathe ich ihm wohlmeinend, sich wenigstens mit einer zu Schutz und Krankenpflege geeigneten Begleitung zu versehen, besonders aber sich des Ausspuckens gänzlich zu enthalten.
Nachdem mir die Güte des wackern Mr. George C......, eines der angesehensten Minenbesitzer hiesiger Gegend, ein paar leidliche Maulthiere verschafft, machte ich mich in Begleitung eines Mozo nach Tegucigalpa auf den Weg. Die einzelnen Individuen vom Stamme der Ikaken, die, schon als Kinder geraubt, hier und da zerstreut als Diener leben, sind wesentlich von den Nachkommen der Aztekes und Toltekes verschieden, weniger gut gebaut, mit kleinen geschlitzten Augen, verschwollenen Augenliedern, dicken Lippen und unverhältnißmäßig großen Untertheilen des Kopfes, augenscheinlich von viel geringerer Intelligenz und Capacität als jene. Die Haare, welche die Nicaragua-Indier bis auf einen kleinen Theil über der Stirn abscheren, tragen diese Ikaken lang, auch waren dieselben nicht kraus, sondern schlicht herabhängend.
Um nach Tegucigalpa zu gelangen, hatte ich zuvörderst einen mächtigen Gebirgsstock zu erklettern, was viel leichter gesagt als gethan ist; die trockene Jahreszeit hatte ihren höchsten Gipfel erreicht, die ganze Natur schien mir bis ins innerste Mark verbrannt; die armen Maulthiere waren durch die Spärlichkeit des Futters zu wahren Skeletten herabgekommen, konnten statt der 250 bis 300 Pfund der gewöhnlichen Ladung kaum 150 Pfund tragen, und mein armes Sattelthier machte mein Mitleid so rege, daß ich es vorzog, einen großen Theil der Kletterei zu Fuß abzumachen. Auf der Höhe des Gebirges fanden wir einen Quell, kalt wie Eis, für Menschen und Vieh eine willkommene Erquickung. Meine Tortillas gab ich meinem armen verhungerten Thiere, begnügte mich mit einigen gekochten Bohnen und einem halben Dutzend Strohcigarren zum Nachtisch, worauf es wieder an ein eben so halsbrecherisches Hinabklettern ging, das uns am Abend zu einem mit grünen Ufern kokettirenden Flüßchen als geeigneten Lagerplatz brachte. Die größte Wohlthat war den armen Thieren hier unten die Befreiung von den abscheulichen Stechfliegen, die hier die Größe von einem Zoll haben und eine wahre Höllenmarter für das Vieh sind; ich vergrößerte ihr Wohlbehagen noch dadurch, daß ich ihnen meinen Salzvorrath zu lecken gab.
Aber bei all' meiner Thierfreundlichkeit blieb ich doch selbst ohne Nahrungsmittel und schickte daher Salvador, meinen zeitweiligen Sancho Pansa, auf Requisition von Eiern und Hühnern aus, während ich selbst Feuer machte; der Bursche kehrte aber mit der gewöhnlichen Redensart »No hai« (es ist nichts da) zurück. Das wurmte mich und meinen Magen gar sehr, deshalb beschloß ich, selbst eine Recognoscirung anzustellen, gürtete meine Hüften, schulterte die Büchse und schlug den Pfad nach einigen zerstreuten Indianerhütten ein, die das Dörfchen Jove bilden.
Wie gewöhnlich war auch hier Alles, wonach ich fragte, nicht vorhanden. Da führte sein Unstern mir ein halbwüchsiges Schweinchen in den Weg, und ich that, wie ich schon früher bei gleicher Gelegenheit einmal gethan, d. h. nachdem ich die anwesenden Indianer gefragt, ob einer von ihnen der Eigenthümer sei und ein »No Sennor« zum Bescheid erhalten, schnitt meine Kugel den Lebensfaden des jugendlichen Geschöpfes zugleich mit allen Einwendungen des Mannes kurz ab, eröffnete aber dagegen die Schleusen seines Jammers ob des ungeheueren Verlustes; 10 Pesos Kupfer, ungefähr 2 Thaler und gut der dreifache Werth des Schlachtopfers, stillten jedoch den Jammer und verwandelten ihn in solche Freude, daß der Mann mir ein Geschenk von einem Dutzend Eiern machte und seiner Frau befahl, mir so viele Tortillas zu backen, als mein Herz nur immer verlangen würde.
Da ging es nun an ein Kochen, Braten und Backen, das Feuer ward rundum mit Cochonnerien aller Art besteckt, Wirth und Wirthin wurden meine Gäste, aus meinem kleinen Feldkessel sendete ein köstlicher Kaffee seine aromatischen Düfte empor, und um dem Mahle den größten Reiz zu verleihen, zog ich eine Flasche Agua ardiente, zu deutsch Schnaps, aus meiner Satteltasche hervor. Ueberwältigt vom lucullischen Mahle und der Müdigkeit, sank ich dahin und schlief den Schlaf des Gerechten.
Wer wissen will, wie ich den nächsten Tag verlebt, der lese das Obige noch einmal, nur mit dem Unterschiede, daß der reichlichere Vorrath von Tortillas und Schweinefleisch neue Requisitionen unnöthig machte, und daß auf der Höhe des Gebirges der Minenort St. Antonio, zwischen todten, sterilen Sandsteinfelsen gelegen, die Oede etwas unterbrach; nachdem ich aber den zweiten Gebirgskamm überschritten, sah ich das Ziel meiner diesmaligen Reise, Tegucigalpa, in der Ferne liegen, bei welchem Anblicke mein Herr Maulesel, in der Hoffnung auf Erlösung von seinen Leiden, die Lüfte von einer mißtönigen Freudenhymne wiederhallen ließ. Noch ein mühevolles Hinabklimmen, und ich hielt meinen Einzug in besagter Stadt, deren reinlich gehaltene, gepflasterte Straßen, wohnliche Häuser und behäbig aussehende Einwohner einen sehr angenehmen Eindruck auf mich machten.
Im Hause der Schwiegermutter des Herrn C....., Sennora Donna L....., erwartete, wie überall, Menschen und Thiere die freundlichste Aufnahme; mein Gepäck traf aber erst spät am Abend ein, denn das arme verhungerte Thier war zweimal gestürzt; nebenbei hatte Salvador große Aengsten ausgestanden, daß ich mich verirrt haben könne, und war höchlich erstaunt, mich gesund und wohlbehalten beim Schmause zu finden.
Die Stadt Tegucigalpa, inmitten der Gebirge in einer schönen Thalebene am Rio di Choluteca und nicht weit von seinem Ursprunge gelegen, soll eine Bevölkerung von 25,000 bis 30,000 Einwohnern haben, woran ich jedoch billig zweifeln muß, obschon man den über einen großen Theil der Ebene zerstreuten Stadtbezirk hierbei mit einrechnet. Wenn überhaupt alle die hier gewöhnlich erfolgenden Angaben der Einwohnerzahl richtig wären, wie z. B. Granada 40,000, Leon 35,000, Matagalpa 30,000 u. s. w., so müßte Central-Amerika mindestens 10 Millionen Einwohner haben, während es thatsächlich deren kaum 2 Millionen besitzt. Meiner Berechnung nach kann die eigentliche Stadt Tegucigalpa etwa 5000 bis 6000 Einwohner haben.
Alles trägt aber hier den Charakter der Wohnlichkeit und Nettigkeit. Die Plaza ist mit hübschen Häusern umgeben, worunter mehrere zweistöckige, eine Seltenheit in diesem Lande, welche beweist, daß die Erdbeben in diesem Theile weder so häufig, noch sehr stark sind. Ein erfreuliches Zeichen waren die vielen im Bau begriffenen Häuser und die gänzliche Abwesenheit von Ruinen, jener traurigen Denkmale vergangener Bürgerkriege. Die Kathedrale ist ein großes, stattliches Gebäude mit nicht unschönen Verhältnissen, nicht ganz so imposant wie die von Leon, aber immerhin ein schönes Bauwerk und seinen Umgebungen angemessen. Sie besitzt einen überaus reichen Altar von vergoldeter Holzschnitzerei im spanischen Roccoco, einige Bilder alter spanischer Meister zweiten Ranges und mehrere neuere von geringer Bedeutung. In der Sakristei lag auf einem Tische eine neungeschwänzte Geißel; ich frug den freundlichen alten Priester, der mich herumführte, ob dies Instrument hier etwa zu frommen Bußübungen angewendet würde? »No, Sennor,« entgegnete er lächelnd und kopfschüttelnd, »es ist für die Hunde, die einst, vom Hunger getrieben, das Hostienkästchen ausgefressen haben.«
Im Hause der Sennora L.... war ein ganzes Heer allerliebster Mädchen, sammt und sonders Schwägerinnen des Herrn George C...... Ich war meist den ganzen Tag abwesend, wenn ich aber am Abende zurückkehrte, so hatten immer zwei der jungen Damen die Aufmerksamkeit, ihr Diner bis zu meiner Essenszeit zu verschieben, um mir Gesellschaft zu leisten, was mir im höchsten Grade angenehm war. Gern hätte ich mich für so viele Güte durch doppelte Liebenswürdigkeit dankbar erzeigt, allein mein vom Weltschmerz zusammengeworfenes Schicksal trieb mich unerbittlich weiter und weiter über Stein und Dorn, und verstattete mir keine Frist, meine Galanterie zur vollen Blüthe zu entfalten.
Ein freundlicher alter Herr, Don Liberato X......, stellte mich dem Präsidenten, General Cabannas, vor, einem kleinen Manne, der mir kaum bis an die Herzgrube reichte, mit einem Kopfe, der sich zum Körper wie 1 zu 6 verhält, einem Gesichte voller Narben, aber einem Paar biederer, kluger Augen, aus denen Muth und Energie blitzt, und der felsenfeste Geist eines redlichen Patrioten und tüchtigen Feldherrn.
Bei Morozan's Rückzug von Guatemala hatte der damalige Colonel Cabannas die Kathedrale mit einem Häuflein besetzt und gehalten, bis das ganze Patriotenheer sich zurückgezogen, und schlug sich dann mit 100 Mann durch ihrer 3000, wobei freilich kaum ein Viertheil seiner Tapfern mit dem Leben davonkam. Als Guardiolas im Jahre 1849 die Regierung umstürzen wollte, genügte der bloße Name Cabannas', um ein Heer auf die Beine zu bringen, und schnell, wie Spreu vom Winde, waren die Empörer auseinandergejagt.
Der Mann war mir trotz seines unschönen Aeußern wirklich lieb geworden, und ich fand den Enthusiasmus für ihn ganz begreiflich. Er bewohnt jetzt das Haus, das ehemals Morozan gehörte, ein pittoreskes, altspanisches Gebäude, dicht am Flusse gelegen, über den hier eine breite steinerne Brücke von 17 Pfeilern führt, die erste, die ich in Central-Amerika gesehen, denn die von Leon ist nie vollendet worden.
Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich das erste Malerexemplar, das sich in diese Himmelsstriche verirrt hat, denn es ist unglaublich, was ich von der Neugierde der Leute auszustehen hatte; bei der Arbeit umstanden sie mich so dicht, mir nur gerade ein Stück Aussicht offen lassend, daß kein Lüftchen mir Kühlung bringen konnte, hier unter der tropischen Sonne eine höchst unerquickliche Probe von Kunstliebe.
Ich sah im Hause des Präsidenten mehrere sehr schöne Opale, deren im Gebirge von ungeheuerer Menge, wenn auch nicht alle von gleichem Werthe, vorhanden sind; einen davon verehrte er mir, sowie auch einige schöne Gold- und Silbererze.
Nach alle diesen Kreuz- und Querzügen nahte sich der Monat Mai heran, und mit dessen Ende das Ende der trockenen Jahreszeit. Wie schmerzlich fühlte ich hier den durch meine Krankheit verursachten Zeitverlust, der es mir unmöglich machte, noch einen Abstecher nach Copan vorzunehmen, obschon ich mich hier bereits auf ziemlich zwei Drittel des Weges von Leon dahin befand; allein jetzt war es die höchste Zeit, den Rückmarsch nach Leon anzutreten, wollte ich anders zu Land dorthin gelangen; denn gleich nach den ersten Regengüssen, die meist auch die stärksten der ganzen Regenzeit sind, verwandelt sich das Land nördlich vom Viejo in einen wahren Sumpf.
Ich hatte mich jetzt nach und nach bis ziemlich zum 15. Breitengrade hinaufgearbeitet und sollte mich nun aus diesem kalten nördlichen Klima, wo man sich im Schatten bei 95° Fahrenheit erlaben durfte, wieder einem südlichern, wärmern, d. h. noch brühheißern, zuwenden. O welch' heitere Aussicht!
Das alte Lied vom Maulthiermiethen, satteln, packen ging wieder los; diesmal aber hatte mich die Güte der Sennora L.... mit einem vorzüglichen Vorrath von Proviant aller Art versehen, worunter sich sogar ein außerordentlicher Luxusartikel befand: Brod, wirkliches ordentliches Brod! Gegen Mitte des Mai rückte ich mit dem Frühesten aus, denn ein harter, langer Tag stand mir bevor.
Der Abschied war mir weniger schmerzlich, als vielmehr sehr wonniglich, denn ich hatte ein ganzes Pelotonfeuer von Umarmungen und rosigen Lippen zu passiren – honni soit qui mal y pense! das ist hier Landessitte, und Landessitte muß man ehren! Ganz nach der Regel fing ich mit der ältesten Dame an und endigte mit der jüngsten, gleichwie man erst Tischwein trinkt und dann Cabinetswein nippt, und »als das Spiel ein Ende nahm, da fing ich wieder von vorne an« – dann aber machte ich, daß ich in den Sattel kam, sonst wäre ich wohl gar ganz kleben geblieben.
Und bergauf, bergab ging's wieder, und immer mehr bergauf, und immer pittoresker und schöner ward die Landschaft – o hätte ich den Genuß mit so manchem meiner Kunstgenossen theilen können! Zuerst ließ ich hinter mir die herrliche, luftige Palme, dann die majestätische Buche, dann die knorrige Eiche, zuletzt selbst die Kiefer, bis ich ein hohes Tafelland erreichte, wo nur noch niedrige Sträucher und endlich eine Art mir noch gänzlich unbekannter Bäume wuchsen. Zwischen Steinen und Felsgerüll schafften sich riesige Aloës von 30 bis 35 Fuß, wohl auch noch höher, Raum, jene fremdartigen Bäume aber waren mit langen Streifen hellen Mooses behangen, das in dicken Fasern bis hernieder zur Erde hing und, vom leisesten Winde lautlos hin- und hergewiegt, der ganzen Natur das Ansehen eines ehrwürdigen, nachdenklichen Greises gab.
Wie so fremd, so heimathlos fremd und einsam fühlte ich mich da plötzlich in solch' lautloser Beweglichkeit, daß mir graute wie im Reiche der Schatten, und ich ordentlich froh war, wenn der Hufschlag meines Thieres die unheimliche Stille unterbrach.
Bald hörte auch die letzte Vegetation auf und allmälig dröhnte der Tritt der Thiere hell auf der gefrorenen Erde; die seltsamsten Empfindungen regte der Contrast des fremdartigen Anblicks mit diesem eigenthümlich heimischen Schall in mir auf. Die Sonne sank tiefer und tiefer, und als sie ungefähr noch zwei Hände hoch über dem Horizonte stand, hatte ich die letzte Höhe des Cerro di Ule erreicht.
Wen solche Naturscenen nicht zur Andacht stimmen, der, meine ich, ist überhaupt keiner Herzenserhebung zum Herrn und Schöpfer fähig! Da draußen, in weiter, unermeßlicher Ferne, lag der stille Ocean, in welchen bald die herrliche, glühende Sonne hinabtauchen sollte, wie in ein ersehntes Land der Verheißung; da lag, in grauvioletten, unendlich zarten Duft gehüllt, der schöne Golf von Fonseca mit seinem gebirgigen Archipelagus; da lag gen Süden die Ebene von Nicaragua, begränzt von der imposanten Kette von Vulkanen, deren letzter und höchster, der alte Monotombo, sein graues Haupt über die Spitze eines näher liegenden Gebirges noch erhebt, während der Viejo, als anderer riesiger Endpfeiler dieser Kette, seinen Fuß von den Wellen des unendlichen Meeres bespülen läßt; da lag die Tierra caliente von Choluteca, durchschnitten von vielen in der Abendsonne blinkenden Flüssen und Flüßchen, und weiterhin eine zweite Vulkankette, la Consequina, la Union, St. Miguel, St. Vicente, St. Salvador, Itzalko, bis sich weit, weithin nach Nordwesten Alles in grauen Nebel verlor; ringsum aber in größerer Nähe streckten starre, steile Felsgebirge die nackten Häupter aus der Tiefe empor, und hier und da brannte das Gras und erhöhte durch die leichthinziehenden weißen Rauchwolken noch den Reiz der großartigen Landschaft. Gott ist groß und die Natur der erhabenste Prophet seiner Größe!
Aber wie so häßlich störend rüttelten mich die Lamentionen meines klappernden, frierenden Mozo auf, der mich endlich einholte und mir vordemonstrirte, daß die Thiere noch weit mehr frören als er, daß sie krank werden würden, wenn sie die Nacht hier blieben, wo keine Weide, kein Wasser und nur wenig Holz sei, und dies und das, bis ich fuchswild ward und Alle zum Kuckkuk wünschte, was von hier aus wohl ziemlich ebenso weit sein mag, als das Pfefferland von Europa; er nahm sich den Wunsch zu Herzen und zog ab – nach einer der tiefer liegenden Hütten, ich aber behielt mein Poncho, meine Büchse, meinen Feldkessel und etwas Wasser, machte Feuer an, kochte mir Kaffee, wickelte mich in den Poncho und überließ mich meinen Gedanken, die schneller noch als alle elektromagnetischen Telegraphen dahinflogen in weite Ferne.
Es wurde aber wirklich recht frisch in der Nacht, und das Gefühl der Kälte war mir ganz wunderlich, denn seit Jahr und Tag hatte ich es fast verlernt; ich lief hin und her im klaren Mondschein, rieb mir die Hände und schüttelte mich, suchte mehr Wurzeln für's Feuer und lief wieder umher – und plötzlich ward mir's recht seltsam zu Muthe, ich kam mir vor wie einer jener armen Jungen am Weihnachtsmarkte meiner Vaterstadt, die auch frierend hinter ihren kleinen Verkaufstischchen mit den winzigen papiernen Pyramiden und Christbäumchen hin- und hertrippeln, und sich ebenso, wie ich jetzt, die Hände reiben; ich gedachte der heiligen Christabende meiner Jugend und es überfiel mich ein seltsames Gefühl – mit einem Worte: ich bekam das Heimweh.
Der Morgen kam und mit ihm der Mozo, und die Maulthiere, und der Kaffee und Tortillas, nota bene nicht auf einmal, sondern Eins nach dem Andern, und als nichts mehr kommen wollte, machten wir uns auf die Socken, oder richtiger, auf die Hufe unserer Maulthiere.
Der höchste Punkt meiner ganzen Tour war nun überschritten, und bald sollte ich aus der Tierra fria, wie das ganze Hochland benannt wird, in die Tierra caliente am Pacific, das heißt aus dem kalten Striche in den warmen kommen.
Zuvörderst suchte ich dem Golf von Fonseca näher zu kommen, um eine malerische Ansicht zu erlangen; die vom Cerro di Ule war zu ausgedehnt für ein Bild, und als solche war mir der Portilla (soviel wie Engpaß) de la Victoria gerühmt worden. Zunächst erreichte ich das freundliche Indianerdorf Coyolar, wo mir in einem freundlichen steinernen Hause von einem noch freundlichern Wirthe die allerfreundlichste Aufnahme ward. Der Eigenthümer war auch einer jener sich arm nennenden Besitzer von circa 20,000 Acker Landes und 6000 bis 7000 Stück Rindvieh, eine Armuth, bei der es sich indeß allenfalls leben läßt. Sehr in Erstaunen setzte mich hier die Größe des Rindviehs, das von hier durch die ganze Gegend bis Choluteca dem größten Schweizervieh nichts nachgiebt.
Der folgende Tagemarsch sollte mich bei Zeiten Nachmittags an besagten Portillo bringen, allein just am entscheidenden Punkte ließ mich, oder ließ ich den Weg im Stiche, wenn man nämlich einen einfachen Rindviehpfad so nennen kann; statt rechts wandte ich mich links, und nach dreistündigem mühe- und gefahrvollem Hinabklettern befand ich mich plötzlich auf einem stark abschüssigen Terrain, einige Hundert Fuß über einem kleinen Flusse, und gegenüber, aber hoch, hoch über mir lag der fragliche Punkt.
Zurückzugehen war so schlimm als vorwärts, ersteres aber zu zeitraubend, und so blieb mir denn nichts übrig, als, bald rutschend, bald kletternd, bald fallend, einen Pfad zum Fluß hinab zu suchen, was besonders für die armen Thiere sehr beschwerlich war, endlich aber doch trotz mehrmaligem störrischen Protestes ihrerseits ohne Hals- oder Beinbruch bewerkstelligt ward; die Passage des Flusses ergab gleichfalls ein beträchtliches Risico für die Gebeine von Menschen und Vieh von wegen des schlüpfrigen, ungleichen Terrains zwischen scharfkantigen Felsbrocken, nach dessen glücklicher Ueberwindung zu allgemeiner Erholung ein fünfstündiges Klimmen begann, bergauf durch pfadloses Gerüll, und bei einer Sonnengluth! – ohne Schatten, ohne erfrischenden Trunk, – das Wasser im Calabash (Kürbisflasche) hatte so ziemlich eine Temperatur, um Eier weich darin zu sieden.
Alles aber erreicht sein Ende, so auch das Klettern; Dank dem Umstande, daß ich glücklicherweise so ungewöhnlich starke Maulthiere erwischt hatte.
Spät gegen Abend langte ich am Portillo in einem Trupp indischer Hütten an, in deren bester ich mein Standquartier nahm, und sogleich Erkundigungen wegen des mir empfohlenen Punktes einzog. Ich erfuhr, daß ich ihn auf dem Gipfel einer südlich emporsteigenden steilen Felswand finden würde, auf welcher aber zuvörderst eine Anzahl Bäume niedergehauen werden müßten, um eine volle Fernsicht zu gewinnen. –
Hätte ich Geld geboten, um Führer und Arbeiter zu dingen, so würde ich manche Schwierigkeiten gehabt haben, deshalb griff ich zu einem andern Mittel. Ich ernannte den Mozo zu meinem Herold, und befahl ihm, laut dem Volke zu verkünden: ich sei in Gnaden gewillt, eine pompöse »Fiesta« zu geben, und jedermänniglich sei dazu geladen, der mich morgen begleiten und mir helfen wolle, Bäume umzuhauen. Ein lautes E viva! von der einige Dutzend Kehlen starken Bevölkerung war die Antwort.
Als Zeit des Aufbruches ward früh 3 Uhr festgesetzt, allein schon vor der bestimmten Zeit fanden sich dienstfertige Geister ein, und als ihre Zahl bis zwölf angewachsen war, ging die Kletterei über Stock und Stein im Mondschein los; meinen Sancho hatte ich mit einer kleinen Geldsumme versehen, um aus einem tiefer gelegenen größern Dorfe den bei einem indischen Feste unerläßlichen Vorrath von Agua ardiente zu requiriren, meiner Wirthin hatte ich ein junges Schwein abgekauft und Vollmacht ertheilt, Bohnen, Tortillas und Kaffee en masse bereit zu halten; ich war gewillt, etwas Großes loszulassen, denn heute war ja der 15. Mai, der Tag, an dem Du, mein guter Vater, das Licht der Welt erblickt!
Wie ich mit meinen kupferfarbigen Gefährten die Wand hinaufkam, wie die Machetas, deren Anzahl sich nach und nach verdoppelt, lustig zu arbeiten begannen, die Stämmchen rechts und links krachten und fielen, und wie sich, da eben die Sonne hervorlugte, neugierig das frevle Treiben der Menschlein zu beschauen, vor meinen vor Entzücken trunkenen Blicken ein wahres Prachtstück aus der großen Gemäldegallerie der Natur entrollte, das erlaßt mir, Euch zu schildern. Landschaften lassen sich nicht beschreiben; denkt Euch aber Robert Kummer's Bild: der Fernblick vom Gipfel des Montenegrinergebirges nach dem See von Scutary hinab, ins Tropische übersetzt, und Ihr habt einen schwachen Begriff des wundervollen Landschaftmotives, das ich glücklicher Sterblicher am Abend des fleißig benutzten Tages mit gutem Gewissen als mein Eigenthum in der Malermappe davontrug.
Genug, der Abend war da, meine Gäste gleichfalls, der Schnaps und anderweite Festrequisiten dito; ein freier Platz vor dem Hause, zur höchstgewölbten Festhalle bestimmt, war reingefegt – »und die Schmauserei ging los, und der Spaß war himmlisch groß!« u. s. w.
Messer, Gabel, Löffel, Teller, Gläser, Tische, Stühle, Servietten und all' dergleichen Ueberflüssigkeiten waren freilich nicht vorhanden. Die Tortillas, kleine runde Maiskuchen (welche hier die Stelle der Teller und Servietten vertreten und vor diesen noch den großen Vortheil haben, selbst verzehrt werden zu können), mit Bohnen und Fleisch bedeckt, hielt Jeder vor sich auf den Knieen, statt des Stuhles auf den eigenen Fersen kauernd. Für den Kaffee hatte Jeder seinen eigenen Gualqual oder Hykaro mitgebracht, Flaschenkürbisse, deren erstere einer flachen Trinkschale, letztere unten abgerundeten Bechern gleichen; ich aber saß inmitten der vielen, auf meine Veranlassung wackelnden Mäuler auf meinem Feldstuhle, und kam mir wie recht was Großes vor, selbst tüchtig mitschmausend, denn der lange Fasttag hatte meinen Appetit in ungewöhnlicher Weise rege gemacht, wobei ein Hofstaat von Muchachas (indische Mädchen) mir die Ehre erwiesen, mich immer wieder mit neuem Stoff an Fleisch und Bohnen zu versehen, welches erstere mein Sancho Pansa mit mehr Schnelligkeit als Grazie zerlegte, und dabei sich selbst nicht vergaß, ganz wie weiland sein europäischer Ahnherr.
Die Muchachos (junge Burschen) hatten ringsum an den Bäumen lange Kienspäne befestigt, deren Feuer weithin ein rothes Licht verbreitete; es hätte ein allerliebstes Bild abgegeben, wenn Hunger und Müdigkeit nicht so heftig gegen das Malen protestirten.
Nachdem die Arbeit des Essens vorüber, fingen die Guitarren an zu klimpern. Der mühsam herbeigeschaffte Schnaps stand in weitbauchigen Korbflaschen da, Kaffee brodelte im Kessel und der Majordomo des Festes hatte aus eigenem Antriebe eine mächtige Battea (hölzerne Waschschüssel von 4 Fuß im Durchmesser) voll Chicha brauen lassen, ein Getränk von Ananas, Wasser und Zucker, das eben so angenehm schmeckt als kühlend ist; daneben noch ein ansehnlicher Vorrath von Pinolia, d. i. geröstetes Maismehl, Cacao, Zucker und Wasser, das gleichfalls eine wesentliche und gar nicht unangenehm schmeckende Erfrischung bildet; endlich Zuckerrohr a discretion – kurz, es war ein Leben wie im Schlaraffenlande!
Diesmal war mir's nicht möglich, wie in Totogalpa, mich vom Tanze abzudrücken, denn das wäre als große Beleidigung aufgenommen worden. Zum Glück führte man zuerst den sogenannten spanischen Tanz auf, der ziemlich einfach in seinen Bewegungen ist und darin besteht, daß die tanzenden Paare in einer langen Reihe, je zwei und zwei mit dem Gesichte gegen einander gekehrt, stehen, einigemale die Runde machen, dann changiren, wodurch sie gegen ein neues Paar zu stehen kommen, und so weiter bis ans Ende der Reihe, wo sie sich wenden und wieder zurücktanzen. Das war mir leicht, denn ich hatte ja etwas dem Aehnliches schon in New-York gelernt und verübt, auf Kosten der Fußzehen einiger tanzenden jungen Damen. So nahm ich denn die ganz niedliche Muchacha, die man mir als Partnerin präsentirte, bei der Hand und entledigte mich meiner Obliegenheiten mit möglichstem Anstand und ohne weiteren Unfall; dann aber ließ ich meinen Hammock etwas weiter hinauf am Berge an Bäumen aufbinden und zog mich in meine inneren Gemächer zurück.
Einen allerliebsten Anblick hatte ich von oben hinab auf den Tanzplatz, da sowohl am Berghange als das ganze Thal herauf eine Menge rothe Kienfackeln schimmerten, denn der Ruf der Fiesta, die der Sennor estrangero gab, hatte im Laufe des Tages weithin verbreitet und von nah und fern Gäste herbeigelockt, deren Fackeln wie Leuchtkäfer durch die Nacht schimmerten.
Auffällig war mir die ungewöhnliche Menge von Kröpfen, deren ich in solchem Umfange selbst in Central-Amerika noch nicht gesehen und von denen manche wie ein Kürbis von leidlicher Größe ihren Eigenthümern am Halse baumelten. Ich griff voll Schrecken selbst mehrmals an meine eigene Gurgelgegend, um mich zu vergewissern, ob sich nicht auch da im Laufe des Tages ein solches Gewächs eingefunden hätte.
Wie lange das Fest dauerte, weiß ich nicht, denn nach so anstrengendem Tagewerke schlief ich natürlich hart und fest, nur erinnere ich mich, daß noch eine geraume Zeit Guitarrengeklimper und Jauchzen sich in meine Träume mischten und am andern Morgen Sancho kaum aus dem Schlafe zu rütteln war, was Zeugniß gab, wie fleißig er in der Nacht Beine und Gurgel in Bewegung gesetzt; von agua ardiente und allen anderen Festgenüssen war aber auch nicht ein Atom mehr vorhanden.
Mein nächstes Ziel waren nun die Minen von St. Martin, in kurzer Entfernung vom Golf von Fonseca gelegen, die man mir als die reichsten rühmte. Gegenwärtig werden dieselben vom Capitain M.... H. B. M. N. und Herrn R......., der eine der vielen Schwägerinnen des Herrn George C.... geheirathet, betrieben.
Es war wieder die alte Strapaze, durch steile, kahle Felsenthäler ohne Schatten hinab, wozu noch die liebe Sonne ihre Strahlen in allzu freigebiger Hitze spendete und die Atmosphäre auch nicht vom leisesten Lufthauche gekühlt ward. Der berühmte russische Reisende Krusenstern, wenn ich nicht irre, berichtet von einem südsibirischen See, in welchem eine Fischart existirt, die nur aus Gräten und Haut und dazwischen einer öligen Substanz statt des Fleisches bestünde. Mir war zu Muthe, als sei ich solch' ein armer Fisch und all' mein Fleisch sei geschmolzen wie Butter von der Sonne. Diese übergroße Hitze hatte ihren Grund darin, daß man in diesen Tagen den ersten Regen erwartete, wo immer die Hitze den höchsten Grad erreicht, und in der That begannen sich auch schon mächtige Wolkenmassen am fernen Horizont zusammenzuballen.
Am Nachmittag war ich endlich hinab in die Ebene gelangt, das Gewitter aber war heraufgezogen. Da der Boden eben war, ließ ich meinen Macho ausgreifen, was er nur konnte, um St. Martin möglichst noch vor Ausbruch des Gewitters zu erreichen. Zwei Reiter, die wir überholten, riefen mir zu, nicht so zu eilen, wir hätten noch Zeit; besser ist besser! dachte ich aber, winkte dem Mozo und trottirte frisch weiter. Es dauerte auch gar nicht lange, so schlugen schon einzelne mächtige Tropfen mit dem Knalle einer Peitsche auf die harttrockene Erde nieder, während weiße Staubwolken, emporgewirbelt vom daherbrausenden Sturme, grell gegen den rabenschwarzen Horizont abstachen, hie und da ein zischender Blitz durch die Luft züngelte und dumpfer Donner das Herannahen des Unwetters verkündete.
Vorwärts jagten die keuchenden Thiere, als wüßten sie besser wie Menschen was da kommen würde, und die Bagage auf dem Lastthiere rasselte, als ob Alles in zehn Millionen Stücken gehen sollte, bis ich endlich, Gott sei Dank! die ersten Häuser von St. Martin erreichte, in deren ersten einem Mr. R...... eben unter seiner Veranda stand; dessen »Good day Sir, glad to see you, expected you since two days!« ward dabei von einem furchtbaren Donnerschlage unterbrochen, zugleich war's, als ob alle Schleusen des Himmels geöffnet würden, und hernieder strömte die Wasserfluth, als wollte es alles Fleisch, das nicht in der Hitze verschmort, vollends ersäufen. Mr. R....... war hoch erfreut mich unter seinem Dache zu sehen, ich aber sicherlich noch viel mehr, denn in solchem Wetter war es wahrlich kein Spaß, auf offener Haide zu sein. Schlag auf Schlag sauste hernieder und dazu brüllte der Donner in einer Weise, gegen die alle Proben tropischer Gewitter, die ich nur je erlebt, als ein wahres Erbsengerolle erschienen.