Wer hier in diese Stuben kombt ein,
Laß allen Ärger und Hader daheim.

Und gerade dieses laisser aller der Gesellschaft hatte manche junge Leute aus Kreisen, die sonst nicht gern ein »bürgerliches Wirthshaus« besuchen, veranlaßt, dann und wann hier vorzusprechen und sich ein Stündlein unter den Künstlern, unter denen sie immer einzelne Bekannte fanden, zu amüsiren. Besonders waren einige Artillerie-Officiere, die selber zeichneten und malten, regelmäßige Besucher der »Hölle« geworden und zogen dann wieder Andere nach.

So hatte sich denn auch am heutigen Abend, während vorn in der Weinstube die steiferen Bürger, Beamten und Professoren saßen, in der »Hölle« ein lustiges Völkchen zusammengefunden, das dem guten Weine des alten Trauvest wacker zusprach. Vom Theater schien aber nur das Schauspiel vertreten, da heute eine Oper gegeben wurde; sonst saß aber eine gemischte Gesellschaft in Uniformen, Sammetröcken und Joppen um den langen Tisch, und das Gespräch hatte sich gerade um einen Wein gedreht, den ihnen Trauvest als Markobrunner vorgesetzt und den ein Hauptmann von Seidlitz für Deidesheimer erklärte, so daß schon eine Wette angeboten und acceptirt war.

»Wo nur Handor heute bleibt?« rief Höfken, der das Fach der Charakterrollen am Theater bekleidete; »der hat die beste Zunge von uns Allen, und seinem Urtheil füge ich mich.«

»Topp, angenommen!« rief der Gegenpart.

»Handor muß etwas auf dem Strich haben,« meinte Berthel, der Heldenvater; »er geht mir schon seit etwa fünf Wochen mit einer Sorgfalt gekleidet...«

»Bah,« rief einer der Maler, »als erster Liebhaber muß er auf seine Toilette halten; er gilt ja bei der ganzen schönen Welt von Haßburg für das Modejournal der Stadt.«

»Ach was da, Modejournal,« knurrte Pfeffer, der unten am Tische bei einer halben Flasche Wein saß, »Schulden sind's, und damit er den Leuten Sand in die Augen streut, hängt er den Plunder um sich her; Esel, wenn sie sich davon blenden lassen.«

»Nein, Höfken hat Recht,« rief aber auch Berthel, »es muß etwas Anderes dahinter stecken – Schulden, bah! Wenn ein Mensch erst einmal so viel Schulden hat, daß er doch ganz gewiß weiß, er kann sie nicht bezahlen, dann machen sie ihm auch keine Sorgen mehr, und so steht's mit Handor. Nein, bei dem spukt etwas Anderes, und ich bezahlte wahrhaftig...«

»Eine Flasche Champagner, Kellner,« rief in diesem Augenblick eine laute, fröhliche Stimme, und als sich Alle danach wandten, stand Handor, der eben genannte erste Liebhaber, in der geöffneten Thür; »aber wohl in Eis, verstanden?« setzte er rasch hinzu, »oder auch gleich zwei, drei Flaschen, mein Junge, denn ich bin schmählich durstig heut Abend und schmählich vergnügt – Guten Abend, meine Herren!«

»He, Handor, beim Zeus! Junge, wo kommst Du her? Eben sprachen wir von Dir; wo bist Du gewesen?«

»Im Himmel, Kinder, im siebenten Himmel,« rief der junge Mann, indem er Hut und Stock an einen Nagel hing und dann einen Stuhl neben dem etwas zur Seite rückenden Höfken nahm, »direct aus den himmlischen Sphären stieg ich nieder in die »Hölle«, und nur der himmlische Trank kann mir Ersatz für das Verlorene geben.«

»Pff,« zischte Pfeffer durch die Zähne, »den Himmel, in dem der gesteckt hat, kenn' ich.«

»Alle Wetter, Handor,« lachte aber auch der Maler, »Sie scheinen heute Ihren splendiden Tag zu haben!«

»So lang der Wirth nur weiter borgt,
Sind wir vergnügt und unbesorgt!«

citirte Pfeffer.

»Vive la bagatelle!« rief aber Handor, ein ihm gereichtes Glas auf einen Zug leerend.

»Halt,« sagte Höfken »hier gilt es eine Wette; da, Handor, ehe Du uns Dein Abenteuer erzählst, sag' uns einmal, was für Wein das ist.«

»Und wer hat Dir gesagt, daß ich Euch überhaupt mein Abenteuer erzählen werde?«

»Als ob der schweigen könnte,« lachte ein Anderer; »hast Du wieder bei Deiner jungen Putzmacherin geschwärmt oder bei der dicken Banquierstochter, oder gar mit der kleinen Jüdin den Romeo gelesen? Der Mensch hat, bei Gott, ein Glück, um das man ihn beneiden könnte.«

»Thorheiten!« lachte Handor verächtlich; »welchen Wein meint Ihr?«

»Hier dieses Glas; aber jetzt koste vorsichtig, es gilt eine Wette.«

»Gebt mir vorher ein Stück Brod.«

Das Verlangte wurde gebracht, und während jetzt Handor den Wein mit Kennermiene prüfte und kostete, herrschte lautlose Stille in dem kleinen Raum. Trauvest, der gerade in die Thür trat, blieb auf der Schwelle stehen.

»Nun, wo ist der gewachsen?«

Handor kostete noch einmal. »Rüdesheimer Berg,« sagte er dann.

»Rüdesheimer?«

Handor nickte.

»Meine Herren,« sagte Trauvest, »ich muß Ihnen mittheilen, daß ich gestern zwei Fässer Wein, eins mit Markobrunner und eins mit Rüdesheimer Berg, habe abziehen lassen, und wie ich eben von meinem Küfer höre, hat er beim Siegeln den Lack verwechselt, was schuld an dem Irrthum ist; Herr Handor hat Recht, es ist allerdings Rüdesheimer Berg.«

»Alle Wetter,« rief Hauptmann von Seidlitz, »die Zunge muß Handor viel Geld gekostet haben!«

»Oder anderen Leuten,« meinte Pfeffer.

»Allen Respect übrigens vor Ihrer Zunge, Herr Handor,« fuhr Trauvest fort, »und wenn Sie das Theater aufgeben wollten, möchte ich Sie wohl als Reisenden engagiren; Sie sollten ganz vortreffliche Provisionen bekommen.«

»Herzlichen Dank, lieber Trauvest,« lachte der erste Liebhaber, »bin von Ihrer Güte überzeugt, befinde mich aber doch jetzt noch besser so. Sollte ich aber wirklich einmal in den Fall kommen...«

»Dann wenden Sie sich nur an mich, ich halte mein Wort,« nickte der alte Mann.

»Apropos, Handor,« rief der Maler Arnold, der ihm gegenüber saß, »haben Sie schon die schöne Fremde gesehen, welche heute angekommen ist, die Gräfin Rottack? Die Familie ist hier nach Haßburg übergesiedelt.«

»Nein,« rief Handor; »ist sie hübsch?«

»Bildschön,« versicherte Arnold ganz in Feuer. »Sie wurde mir heute unter den Buden gezeigt, wo sie mit ihrem Manne und den Kindern spazieren ging; ein reizendes Wesen mit einem von den Gesichtern, die der liebe Gott nur wenig Begünstigten mitgegeben, und denen man auf den ersten Blick gut sein muß. Und was für wunderbar goldenes Haar sie hat! Ich bin ihnen eine Weile nachgegangen, nur um die Sonne auf dem Haar blitzen und leuchten zu sehen.«

»Meiner Seel',« rief Pfeffer »wenn Sie so entzückt von rothen Haaren sind, weshalb malen Sie denn nicht einmal meine Schwester, die Bassini? Die brennt.«

Alle lachten.

»Der Pfeffer ist doch ein ganz nichtsnutziger Patron, nicht einmal seine eigene, leibliche Schwester kann er ungeschoren lassen,« rief Berthel.

»Bah, ungeschoren,« sagte Pfeffer, »sie trägt eine Perrücke!«

»Lassen Sie mir die Bassini in Ruhe!« rief Höfken dazwischen; »das ist eine ganz brave Person, wenn sie auch sonst vielleicht ihre Wunderlichkeiten hat. Und wie ordentlich und ehrlich bringt sie sich mit ihrer kleinen Gage durch, daß sie nicht einen Pfennig Schulden in der Stadt hat!«

»Das kann Handor auch von sich sagen,« meinte Pfeffer.

»Ich wollte, es wäre wahr, Pfeffer,« bemerkte Trauvest trocken, und ein tolles Gelächter brach von allen Seiten los.

»Lacht nur,« sagte aber der erste Liebhaber, während sich ein spöttischer Zug um seine Lippen legte; »wir wollen aber einmal sehen, wer von uns hier heute über vier Wochen die wenigsten Schulden haben wird, Ihr oder ich.«

»Du hast wohl in die Lotterie gesetzt?« fragte Höfken.

»Nein, er heirathet eine Gouvernante und wird Gouverneur,« meinte Pfeffer.

»Thorheit,« rief Handor, »da kommt der Champagner, und nun Gläser her und ein volles Glas den schönsten Augen

Für den Augenblick war jedes weitere Gespräch gestört, denn das Einschenken, Anstoßen und Trinken beschäftigte die Anwesenden so vollkommen, daß sie nicht einmal den Eintritt eines neuen Gastes bemerkten.

Es war der junge Graf Monford, der gar nicht etwa so selten die Künstlerkneipe besuchte, weil er dort immer sicher war, gute Gesellschaft zu finden.

»Nun mußt Du uns aber auch Deine schönsten Augen nennen, Handor,« rief Höfken ihm zu, »denn wenn ich ihnen ein Glas bringen soll, muß ich auch wissen, an welchem Theile des Himmels diese Sterne stehen.«

»Nie indiscret, Kamerad,« lachte Handor, »Jeder von uns trinkt den Augen, die er für die schönsten hält.«

»Und in dem Sinne nehme ich auch ein Glas mit,« rief George Monford; »heh, Kellner, noch Champagner!«

Handor war bei der Stimme rasch herumgefahren, und für den Augenblick verlor sein Antlitz jede Farbe; aber in dem Tumult bemerkte es Niemand, und Handor hatte auch rasch genug seine Fassung wiedergewonnen.

»Graf Monford,« rief er erfreut, ihm die Hand entgegenstreckend und sie herzlich schüttelnd, »lassen Sie sich auch einmal wieder bei uns sehen?«

»Ich bin heute eigentlich nur hergekommen, um Sie auf ein paar Minuten zu sprechen,« sagte der junge Mann.

»Mich?«

»Nachher; eine Geschäftssache,« lachte George; »Sie brauchen nicht zu erschrecken. Also den schönsten Augen, meine Herren, und da ist wohl Keiner hier, der den Toast nicht mittränke.«

»Bitte um Verzeihung,« sagte Pfeffer, »wenn ich auf etwas Derartiges anstieße, so wäre es höchstens auf die »beste Brille«; der Teufel soll die schönen Augen holen, wenn man Abends nicht mehr damit lesen kann.«

»Hahaha, Freund Pfeffer, immer giftig!«

Graf George rückte jetzt mit zum Tisch und das Gespräch wurde allgemeiner; nur Handor war merkwürdig einsilbig geworden, und so ausgelassen lustig er im Anfange geschienen, so schweigsam zeigte er sich jetzt, daß es sogar den Tischgenossen auffiel. Wie er aber nacheinander ein paar Gläser des feurigen Trankes hinuntergestürzt, wurde er etwas lebendiger; doch lagen ihm immer noch die paar Worte auf dem Herzen, welche ihm der junge Graf vorher gesagt. Was wollte der von ihm? Eine Geschäftssache? War er dem Liebesverhältniß mit dessen Schwester auf die Spur gekommen und wollte ihn jetzt vielleicht gar fordern? Die Cavaliere nannten das eine Geschäftssache. Das Gefühl wurde ihm zuletzt so unbehaglich und drückend, daß er aufstand, hinter Graf George's Stuhl ging und, leise seine Schulter berührend, sagte: »Mein lieber Herr Graf, Sie wollten mir vorhin etwas mittheilen; wenn ich bitten dürfte, ich kann nicht mehr lange bleiben.«

»Ach ja,« rief George, indem er aufsprang und nach seiner Uhr sah, »meine Zeit ist ebenfalls um; sagen Sie einmal, lieber Handor,« fuhr er dann leise fort, indem er ihn unter dem Arm nahm und etwas bei Seite führte, »ich habe eine Bitte an Sie.«

»An mich?«

»Zuerst muß ich Ihnen die Mittheilung machen, daß wir morgen über acht Tage, also am Freitag, die Verlobung meiner Schwester Paula in unserem Hause...«

»Ihrer Schwester Paula....?«

»Bst, nicht so laut, die Sache ist noch Geheimniß, soll wenigstens nicht vor der Zeit öffentlich bekannt werden, und ich ersuche Sie auch deshalb um Ihre Discretion; also daß wir dann in unserem Hause Paula's Verlobung feiern, und ich wollte sie gern zu dem Tage, unter anderen Sachen die ich mir ausgedacht, mit der Aufführung irgend eines hübschen Stückes auf unserem kleinen Liebhaber-Theater überraschen. Haben Sie etwas recht Hübsches, Neues, das wir bis dahin noch lernen können, und sind Sie vielleicht selber im Stande, uns bei der Inscenesetzung und den Proben zu unterstützen? Aber es muß natürlich Alles heimlich betrieben werden, denn weder Braut noch Bräutigam dürfen etwas davon erfahren.«

»Herr Graf,« sagte Handor, und er mußte sich Mühe geben, die Worte heraus zu bringen, so hatte der Schreck über die all' seinen Hoffnungen drohende Nachricht seine Zunge gelähmt, »ich – ich glaube gewiß, daß ich etwas Passendes finde, und stehe Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.«

»Danke Ihnen, lieber Handor,« sagte der junge Mann, indem er ihm die Hand drückte, »Sie werden uns dadurch unendlich verbinden; Sie wissen ja selber, wie meine Schwester das Theater liebt und dafür schwärmt. Irgend ein hübsches neues Lustspiel von Scribe vielleicht und nicht zu lang; aber Sie können am besten beurtheilen, was dafür passend ist.«

»Gewiß, Herr Graf, gewiß, ich – ich finde sicher etwas; nur – nur in diesem Augenblick...«

»Nun, natürlich läßt sich das nicht so Knall und Fall bereden,« sagte Graf George; »überlegen Sie sich die Sache, und bitte, geben Sie mir morgen Abend spätestens Nachricht. Ich muß jetzt fort, denn ich bin zu einer Whistpartie engagirt. Also, adieu Handor, auf Wiedersehen!« und damit reichte er ihm die Hand. »Guten Abend, meine Herren!«

Handor trat zum Tisch zurück und mußte sich merklich zwingen, seine ruhige Fassung zu bewahren. Er bestellte noch eine Flasche Champagner und trank hastig; aber die Gedanken ließen ihm nicht Ruhe, er mußte allein sein und stand endlich auf, die Gesellschaft, der seine Aufregung nicht entgehen konnte, zu verlassen.

Ein paar Gäste wollten ihn noch mit seiner Zerstreutheit necken; aber er ging nicht auf ihre Scherze ein und verließ endlich nach einer unbestimmten Entschuldigung das Zimmer.

Draußen an der Treppe, die hinauf auf die Straße führte, traf er Trauvest, an dem er mit einem kurzen Gruß vorüber wollte.

»Hören Sie, mein lieber Handor,« redete ihn dieser an.

»Ja, Trauvest?«

»Sie nehmen es mir nicht übel,« fuhr der Wirth freundlich fort, »aber ich muß Sie wirklich bitten, daß Sie mir wenigstens einen Theil Ihrer schmählich aufgelaufenen Rechnung zahlen. Ich selber habe meine letzte Weinsendung in den nächsten Tagen zu berichtigen und bin wirklich in Verlegenheit, wo ich das Geld hernehmen soll; ich würde Sie sonst doch noch nicht belästigen.«

»Hm, ja, Trauvest, wie viel bin ich Ihnen denn eigentlich so ungefähr schuldig?«

»Nun, es werden ohne das Heutige immer so eine dreihundert und einige siebzig Thaler sein.«

»Dreihundert, alle Teufel, das hat sich merkwürdig aufsummirt!«

»Ja, lieber Gott,« sagte Trauvest achselzuckend, »billige Weine trinken Sie nicht, und eine hübsche Zeit ist ebenfalls verstrichen, seit Sie die letzte Abzahlung machten.«

»Sie haben Recht, Trauvest,« sagte Handor, indem er seinen Paletot zuknöpfte; »den Wievielten schreiben wir heute?«

»Der Monat geht auf die Neige.«

»Am Ersten sollen Sie bedacht werden, Sie gehen vor.«

»Vergessen Sie's nur nicht, Herr Handor.«

»Gewiß nicht, alter Freund; guten Abend!« Und er stieg die Treppe hinauf, die hinaus in's Freie führte.

6.
Jeremias.

Ehe sie nur das kaum zweihundert Schritt von dort gelegene neue Wohnhaus des Grafen Rottack erreichten, waren Jeremias und die kleine lebendige französische Bonne, die aber ziemlich gut Deutsch sprach, schon die besten Freunde geworden, und selbst das kleine Helenchen schien sich so wohl bei ihrem neuen Wärter zu befinden, der auch fortwährend mit ihr lachte und plauderte, daß sie nicht die mindeste Furcht mehr vor ihm hatte. Nur der kleine Günther betrachtete ihn noch immer ein wenig scheu und mißtrauisch von der Seite – er konnte augenscheinlich noch nicht recht klug aus ihm werden, und dann war Jeremias doch auch eine von allen denen, mit welchen er bis jetzt verkehrt, so verschiedene Persönlichkeit, daß sich der kleine Bursche fast unwillkürlich von ihm zurückhielt.

Jeremias hatte aber jetzt auch in der That genug mit sich selber zu thun, denn so unbefangen er sich sonst in allen Lebensverhältnissen benahm, so fühlte er sich doch, als er in diesem Augenblick die neue und sehr elegante Wohnung des Grafen Rottack betrat, in einer so vollständig ungewohnten Sphäre, daß er einige Zeit brauchte, um sich hinein zu finden.

In Brasilien hatte er allerdings verschiedene Male mit Grafen und Gräfinnen verkehrt, aber das waren auch ganz andere Verhältnisse gewesen. Titel und Namen mochten sie allerdings gehabt haben, aber der äußere Glanz fehlte ihnen dort, der im alten Vaterland unter solchen Verhältnissen, wenn auch oft auf das Künstlichste, doch stets gewahrt und beobachtet wird, und so unbefangen er anfangs die Einladung zum Diner von dem jungen Grafen angenommen hatte, dessen er sich noch recht gut erinnerte, wie er mit der Violine in Santa Clara herumlief und bei Bohlos an dem nämlichen Tische sein Bier trank, an dem er selber ab und zu einsprach – so befangen fühlte er sich jetzt plötzlich, als er die betreßten Diener sah, die herzusprangen, als Graf und Gräfin das Haus betraten, und die Ehrfurcht bemerkte, mit der das junge Paar von allen Seiten behandelt wurde. Ja, er kam in die größte Verlegenheit, als er Helenchen auf den Boden gesetzt hatte und einer der Diener zusprang und ihm den Hut abnahm, während ein anderer – was er eben an Graf Rottack gethan – auch zu ihm kam, um ihm den Oberrock auszuziehen.

»Bitte,« sagte Jeremias erschreckt, »ich habe nur den einen an und kann doch...« – er hielt plötzlich inne, denn er sah, wie sich die Bonne nur mit Gewalt das Lachen verbiß, und der Diener selber trat etwas bestürzt zurück, weil er bemerkt, daß er den Fremden in Verlegenheit gebracht.

»Kommen Sie nur herein, alter Freund,« rief Rottack, der verhindern wollte, daß er sich vor den spottlustigen Dienern eine Blöße gab, »und thun Sie, als wenn Sie hier zu Hause wären! – Ist das Essen fertig?«

»Es kann jeden Augenblick servirt werden, Herr Graf.«

»Schön, dann lassen Sie auftragen.«

Jeremias folgte der freundlichen Einladung, aber er war noch weit davon entfernt, sich behaglich zu fühlen. Erstlich hatten sie ihm seinen Hut weggenommen, und er wußte jetzt nicht, was er mit seinen Händen anfangen sollte; dann hatte er vergessen, sich draußen abzutreten, und auf dem Teppich hier, den er so schön noch auf keinem Tische gesehen, sollte er jetzt mit den staubigen Stiefeln herumlaufen.

Rottack aber, der sich etwa denken konnte, was in der Seele des kleinen Mannes vorging, und der fest entschlossen schien, ihm jede Verlegenheit zu ersparen, machte all' seinen Bedenklichkeiten ein rasches Ende, indem er ihm ohne Weiteres einen Stuhl zum Tisch rückte, auf den schon einer der aufmerksamen Diener ein Couvert für den Gast gelegt hatte, und ausrief: »So, Jeremias, nun setzen Sie sich daher, und Helene, die den Augenblick zurückkommt, soll sich zu Ihnen auf die Seite und Günther auf die andere setzen, und nun unterhalten Sie sich nur noch einen Augenblick mit den Kindern, ich bin gleich wieder bei Ihnen.«

Jeremias sah sich um – die Diener, vor denen er sich am meisten genirte, hatten ebenfalls das Zimmer verlassen, und die Bonne war damit beschäftigt, die Kinder ihrer Hüte und Mäntelchen zu entledigen, die das Kindermädchen dann in deren Stube hinübertrug – Jeremias war sich selber überlassen, in dem Fall brauchte er nur wenige Minuten, um mit dem kleinen Günther Freundschaft zu schließen. Im Handumdrehen fertigte er ihm aus der goldenen Düte, die er auf ein paar der Suppenteller ausleerte, eine Mütze, und wie Felix zurückkam, hatte er ihn auf dem Knie reiten, und der kleine Bursche lachte und schrie vor Lust und Vergnügen, als das »Pferdchen« mit ihm durchging und in immer wilderen Sätzen Hopp, Hopp machte.

Felix lachte, als er wieder in's Zimmer trat und Helenchen eben auf das andere Knie des kleinen freundlichen Mannes hinaufkletterte, um mit Theil an dem wilden Ritt zu nehmen.

Helene kam jetzt ebenfalls zurück, und die Suppe wurde gebracht; das kleine Volk mußte Ruhe geben und Alle nahmen ihre bestimmten Plätze ein.

»'s ist doch aber wirklich merkwürdig,« sagte Jeremias, »wie sich so Leute auf der Welt wiederfinden können.«

»Sie hätte ich allerdings hier nicht vermuthet,« lächelte Felix. »Nun erzählen Sie uns aber auch einmal vor allen Dingen Alles, was Sie selber betrifft, und wie Sie besonders wieder nach Deutschland zurückgekommen sind. Sie können glauben, daß wir uns dafür interessiren.«

»Na, denke doch,« schmunzelte Jeremias, der, wie er nur erst einmal die Serviette um und den Suppenteller vor sich hatte, auch alles Neue und Fremdartige vergaß, was ihn umgab. »Aber sehen Sie, Herr Graf, wie Sie damals weggingen – Jemine war das eine Zeit, wie wir den großbrodigen Herrn von Reitschen los wurden und den guten Herrn Sarno wiederkriegten – damals...« – er sah sich vorsichtig um, ob keiner von den Dienern mehr im Zimmer war – »damals lief ich noch in Hemdsärmeln herum mit dem Einspänner, dem Handkarren, Sie wissen wohl, und putzte...« – die Bonne genirte ihn doch etwas, daß er nicht recht mit der Sprache heraus mochte – »nun, that allerlei Arbeit, was vorkam, hatte mir aber doch hübsches Geld dabei verdient, denn ich sparte wie ein Hamster und gab keinen Milreis unnöthig aus. Da starb gleich sechs Monate später Bodenlos – Sie kennen ja doch Bohlossen – er hatte sich richtig in aller Stille todtgesoffen, denn äußerlich merkte man ihm nie 'was davon an, und das Wirthshaus wurde verkauft.

»Buttlich, der mit Herrn von Reitschen herübergekommen und so eine Schwindelwirthschaft errichtet hatte, war schon drei Monate vorher durchgebrannt – der arme Baron verlor durch den Lump auch ein paar hundert Milreis, beinahe ein halbes Conto[1], und wenn Bohlossen sein Haus gut gehalten wurde, ließen sich Geschäfte damit machen. Herr Rohrland rieth mir auch zu...«

[1] Ein Conto de Reïs etwa 500 Dollars.

»Und wie geht es den guten Leuten?« fragte Helene.

»Vortrefflich,« nickte Jeremias – »Rohrland ist ein Mann bei der Spritze, immer auf dem Damme, immer fleißig, und die kleine Frau ein Mordswei –, eine prächtige Frau – und alle Jahre Kindtaufe, immer einen kleinen Jungen oder auch einmal ein Mädchen – es wimmelt nur so bei ihnen.«

»Und Sie kauften die Wirthschaft?« fragte Felix, während Helene still vor sich hin lächelte und die Bonne bis hinter die Ohren roth wurde.

»Na ob,« sagte Jeremias, wieder im alten Gleise, »das Haus ging spottbillig weg, das Inventar war ebenfalls zu bezahlen, was ich an Getränken und sonstwie brauchte, lieferte mir Herr Rohrland, und nun ging die Geschichte flott. In Santa Catharina hatte sich's ausgesprochen, daß wir einen guten Director in der Colonie hätten, der etwas auf seine Colonisten hielt, in Rio wurd's auch bekannt, und von allen Seiten kamen jetzt die Auswandererschiffe an, daß der Director und ich manchmal nicht wußten, wo uns der Kopf stand – aber Geld wie Heu. Es war ordentlich, als ob der Segen auf dem alten Hause läge, und wie ich mir noch ein neues dazu baute, hatte ich immer noch nicht Platz genug. Weil ich das baare Geld aber nicht wollte im Kasten liegen lassen – von wegen Buxen und Consorten, die mir damals keinen schlechten Schreck eingejagt –, kaufte ich Land dafür, was sie mir nicht stehlen konnten, und verdiente da wieder dran, Hand über Hand; kurz, in vier Jahren war ich ein gemachter Mann, und da erst, wie ich 'was hatte und es mit dem Besten in der Colonie aufnehmen konnte, kriegt' ich das Heimweh und beschloß, einmal wieder nach Deutschland zurückzukehren. Meine Häuser verkaufte ich um das Doppelte, was ich dafür gegeben hatte, meine Colonien verpachtete ich an arme Colonisten, die noch keinen eigenen Grund und Boden hatten, und – da bin ich...«

»Und wie haben Sie alle unsere Freunde in der alten Colonie verlassen?« fragte Felix – »was macht Sarno, und haben Sie nichts von Günther von Schwartzau mehr gesehen?«

»Herr Sarno ist noch immer der Alte,« erzählte Jeremias, emsig mit einem Gänseschenkel beschäftigt – »immer bei der Spritze, und die Geschichte geht jetzt dort wie am Schnürchen. Wer nicht in die Colonie paßt, den beißt er weg, und die Anderen befinden sich alle wohl, oder wenn sie's nicht thun, ist es ihre eigene Schuld. Einen andern Pfarrer haben sie auch, einen braven, ordentlichen Mann, der nie länger als eine halbe Stunde predigt...«

»Und von Schwartzau wissen Sie nichts?«

»Doch – im vorigen Jahr war er wieder in der Colonie und wohnte ein paar Wochen beim Herrn Director; er war lange krank gewesen und sah recht elend aus. Jetzt ging's ihm aber wieder besser, und kurz vorher, ehe ich wegging, hörte ich, daß er selber Director in San Sebastian oder Gott weiß, wie die neue Colonie heißt, geworden wäre.«

»Armer Günther!« seufzte Felix – »so treibt er sich noch immer in der Fremde umher und kann keine Ruhe finden...«

»Und was macht der Baron?« fragte Helene, der eine andere Frage noch am Herzen lag, die sie aber nicht wagte.

»Je, nun,« sagte Jeremias, »der Baron trägt immer noch dieselben Nankinghosen, die beim Waschen immer kürzer werden – armer Teufel – ne, lieber Freund, ich bin noch nicht fertig,« unterbrach er sich rasch und hielt mit beiden Händen seinen Teller, den ihm der aufwartende Diener, weil er ihn einen Augenblick außer Acht gelassen, gerade fortnehmen wollte.

Felix lachte und winkte, ihn in Ruhe zu lassen, und Jeremias, der seinen Gänseschenkel wieder vornahm, fuhr fort:

»Dem armen Teufel geht's eigentlich erbärmlich. Arbeiten kann er und will er nichts, und mit Vornehmthun giebt's in den Colonien nichts aus – der Buttlich betrog ihn, wie gesagt, um eine hübsche Summe – wie er's aus ihm herausgekriegt, weiß ich auch nicht. Nachher ließ er sich in ein Geschäft mit Herrn von Pultele – Hurrjeh!« unterbrach sich Jeremias plötzlich, weil er glaubte, einen Mißgriff gemacht zu haben.

»Erzählen Sie nur weiter,« lachte aber Felix – »also, Herr von Pulteleben ist auch noch in der Colonie...?«

»Jetzt nicht mehr,« sagte Jeremias, der puterroth geworden war und einen verzweifelten Blick nach Helenen hinüberwarf. »Es war eine Seele von einem Menschen, aber – aber ein bischen – ein bischen unpraktisch, und da kam er auf die unglückliche Idee, mit dem Baron eine Perlenfischerei an der Küste anzulegen.«

»Eine Perlenfischerei?«

»Ja, gewiß – und gefischt haben sie auch genug,« meinte Jeremias, »aber nicht einmal so viel Perlen gefunden, um sich eine Tuchnadel davon machen zu lassen, und da bekam es der Herr Baron denn zuerst satt – die Mittel erlaubten es nicht – und Herr von Pulteleben ging nachher nach Rio Grande, aber ich habe nichts weiter von ihm gehört.«

»Und die Gräfin Baulen,« sagte Helene ruhig, »ist sie noch in Santa Clara?«

»Ihre Frau Mutter? Gewiß!« rief Jeremias, der natürlich keine Ahnung von den dortigen Vorgängen haben konnte – »immer noch die Alte – sehr achtungswerthe Dame,« setzte er aber rasch und erschreckt hinzu – »ungeheure Betriebskraft, weiß immer etwas Neues, um zu speculiren – aber Graf Oskar ist fort...«

»Fort – wohin?« rief Helene rasch.

»Der liebe Gott weiß es,« sagte Jeremias achselzuckend – »mein Himmel, junges Blut will austoben, und Brasilien ist groß – Frau Mutter hatte eine kleine Schwierigkeit mit dem Bäckermeister Spenker und zog aus, miethete nachher ein kleines Haus gerade dem Baron gegenüber, und da war der junge Graf eines Morgens auf eine Entdeckungsreise ausgegangen, wie sie sagten, und konnte nachher selber nicht mehr entdeckt werden. Aber das Alles hat Ihnen gewiß Ihre Frau Mutter schon geschrieben – lieber Gott, in Brasilien geht das ja auch oft so, daß ein junger Mensch einen Platz satt bekommt und sich nach einem andern umsieht, der ihm besser gefällt!«

»Und was ist aus der Frau jenes Mörders, jenes Bux geworden?« fragte Felix, der das Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen wünschte.

»Der geht's gut,« bestätigte Jeremias; »das war eine brave, rechtschaffene Frau, und wie sie sich nur erst einmal von der schlechten Behandlung erholt hatte, schaffte sie tüchtig. Ihre Kinder brachten wir rasch bei Colonisten unter, und nachher habe ich sie selber in das Hotel genommen, wo sie sich vortrefflich betragen hat. Sie ist jetzt noch dort und verdient sich hübsches Geld...«

»Und jener Bux?«

»Nun, den haben sie nach Rio gebracht und dort wahrscheinlich gehangen oder in's Loch gesteckt. Ich habe nie etwas Weiteres von ihm gehört.«

»Aber ein sonderbares Zusammentreffen ist es doch,« lächelte Helene, »daß wir uns hier gerade in Haßburg wiedersehen sollten...«

»Und noch dazu den ersten Tag, wo ich hier bin!« rief Jeremias.

»Apropos, Sie wollten mir ja erzählen, was Sie gerade nach Haßburg geführt,« sagte Felix, »denn wie Sie selber sagen, stammen Sie gar nicht aus der Gegend...«

»Hm,« meinte Jeremias und warf einen Blick über die Schulter nach dem aufwartenden Diener und dann nach der Bonne hinüber, »das ist auch eine etwas längere Geschichte.«

»Also dann beim Kaffee,« nickte der junge Graf, dem es nicht entgangen war, daß der kleine Mann noch etwas Anderes auf dem Herzen hatte – »aber vorher noch ein Glas Wein, Jeremias, wie? Machen Sie keine Umstände, Mann, der Wein ist trinkbar.«

»Famoser Stoff!« bestätigte Jeremias, der indessen mit seinen Gedanken nicht ganz bei der Sache war, denn es ging ihm im Kopf herum, daß sich die junge Gräfin eigentlich gar nicht so lebhaft nach ihrer »Mutter« erkundigt hatte, wie er wohl erwartet haben mochte, und auch über das Verschwinden ihres Bruders nicht im Mindesten aufgeregt erschien. Aber sie mußte es jedenfalls schon früher brieflich erfahren haben, und wußte vielleicht sogar, wo er stak. Daß er ihm selber noch eine nicht unbeträchtliche Summe schulde, erwähnte er nicht; er besaß, trotz seiner rauhen Hülle, zu viel Zartgefühl, und doch hatte es ihm Rottack entweder angemerkt oder es sich auch nur gedacht – und große Definitionsgabe gehörte allerdings nicht dazu.

Aber die Tafel wurde jetzt abgeräumt und dann der Kaffee gebracht. Die Bonne verließ mit den Kindern den Speisesaal, und das junge Paar war mit Jeremias allein.

»Und nun, mein alter Freund,« sagte Felix, »schießen Sie einmal los – Sie haben noch etwas auf dem Herzen.«

Jeremias war eigentlich nicht wenig froh, daß er dieses Diner glücklich überstanden hatte, denn er fühlte sich, so lange es dauerte, fortwährend in einer gewissen Aufregung, aus Furcht, irgend einen Mißgriff zu begehen. Aber es schien doch ziemlich gut abgelaufen zu sein, denn das ausgenommen, daß er von den ihm präsentirten Speisen hartnäckig die Gabel abgenommen und neben sich gelegt hatte, so daß er sich zuletzt im Besitze von sieben oder acht solcher Instrumente fand und über den Vorrath selber erschrak, war nicht das geringste Ungehörige vorgefallen. Jetzt aber wurde er plötzlich, ohne die geringste scheinbare Ursache, feuerroth und sagte, viel verlegener, als er sich nur je gezeigt: »Hm, ja, Herr Graf, ich – ich wollte eigentlich – Schwerebrett, Sie lachen mich aber aus, wenn ich's Ihnen sage – die Frau Gräfin lacht jetzt schon.«

»Gewiß nicht, Jeremias, wenn es etwas Ernstes ist,« lächelte Helene, der die Unruhe des kleinen Mannes allerdings komisch vorkam.

»Ja, ernst wär' es schon,« nickte ihr Gast leise mit dem Kopf vor sich hin, »aber – lachen werden Sie doch,« setzte er resignirt hinzu, »denn eigentlich könnte ich selber darüber lachen, wenn – wenn...« – Er stak fest und nahm sein Taschentuch heraus, um sich damit die Stirn und den Kopf abzutrocknen, denn die Stirn ging ihm fast bis hinten in die Halsbinde hinunter.

»Also erzählen Sie, Jeremias,« sagte Helene freundlich; »Sie wissen ja, daß wir es gut mit Ihnen meinen, und wenn Ihnen Felix bei irgend etwas behülflich sein kann, so bin ich fest überzeugt, daß es ihm die größte Freude machen wird.«

»Ich auch, Frau Gräfin, ich auch,« bestätigte Jeremias treuherzig und leerte dabei das Glas, das ihm der junge Graf noch einmal vollgeschenkt hatte, wie um sich Muth zu machen, auf Einen Zug. »Und Sie sollen's auch erfahren,« setzte er dann hinzu – »Sie sollen's erfahren, denn ich weiß, Sie meinen es gut mit mir. Aber erst erlauben Sie mir, daß ich eine Tasse Kaffee trinke – der starke Wein ist mir in den Kopf gestiegen, und ich möchte kein dumm Zeug schwatzen – es ist so schon, wie's ist – so, danke Ihnen, und nun sollen Sie meine Lebensgeschichte hören, aber ganz kurz, ich bin im Augenblick damit fertig, denn es ist Alles ungeheuer geschwind gegangen und eigentlich gar nicht viel zu erzählen – wenn nur eben die Frau nicht wäre.«

»Die Frau?«

Jeremias seufzte tief auf, trank seinen Kaffee, den ihm Helene selber eingeschenkt, und begann dann: »Ich war ein leichtsinniger Strick in meiner Jugend, lief meinem Alten fort und ging zum Theater.«

»Zum Theater?« lachte Felix erstaunt.

»Das heißt, ich wirkte im Chor,« fuhr Jeremias fort, »und half mit beim Ballet, und damals war ich auch noch schlank und geschmeidig und hatte die Beine dazu. Ich verdiente auch, was ich brauchte, als einzelner Mensch nämlich, aber da kam – und jetzt werden Sie lachen, Frau Gräfin – da kam die Liebe und ich heirathete!«

»Sie sind verheirathet, Jeremias?« riefen beide Gatten zugleich und erstaunt aus.

»Ja, wenn ich's nur selber wüßte,« sagte Jeremias mit einem höchst komischen Ausdruck von Verzweiflung in den Zügen – »das ist ja eben das Unglück, daß ich nicht weiß, ob ich's bin oder ob ich's war, und deshalb bin ich ja wieder nach Deutschland zurückgekommen!«

»So wissen Sie nicht, ob Ihre Frau noch lebt?«

»Das ist die Geschichte, und auf den Kopf haben Sie's getroffen, Frau Gräfin – aber hören Sie. Meine Frau war brav und gut und ebenfalls beim Theater. Sie spielte kleine Rollen, und wir Beide verdienten etwa so viel, wie wir brauchten. Da wurde sie krank und entlassen, die Familie vermehrte sich ebenfalls, und...« – Jeremias wurde hier augenscheinlich so verlegen, daß er eine ganze Weile kein Wort weiter vorbrachte. Er trank an seinem Kaffee, er zupfte an seinem Rock und rückte auf seinem Stuhl herum. Endlich aber, da er doch wohl merkte, daß es nicht so fortging, nahm er sich mit Gewalt zusammen und platzte heraus – »und ich wurde liederlich – Sie dürfen mir's glauben, Frau Gräfin, ein ganz liederlicher Strick – ich trank und spielte und setzte meiner Schlechtigkeit endlich, als sich meine brave Frau von mir scheiden ließ, die Krone auf – und lief davon. So, Gott sei Dank, jetzt ist das Schlimmste heraus und Sie wissen's nun einmal – das Andere ist Kleinigkeit,« fuhr er, tief Athem holend, fort. »Ich trieb mich erst eine Weile in Deutschland herum, Jahre lang, bis ich das Brod nicht mehr hatte; dann schiffte ich nach Amerika über und versuchte es da, aber es ging auch nicht. Das alte Leben steckte mir noch in den Gliedern, und anstatt Geld für Frau und Kind nach Haus zu senden, verthat ich, was ich verdiente, bis zuletzt die Reue kam. Hurrjeh, hab' ich mir damals Grobheiten gemacht und mich selber vorgekriegt – aber es half! Ich nahm mir vor, ein ordentlicher Kerl zu werden, und um aus all' der Gesellschaft herauszukommen, in der ich mich in Amerika herumgetrieben, ging ich zu Schiff nach Brasilien.

»Dort fing ich ein anderes Leben an. Ich war nie gewohnt gewesen, viel zu arbeiten – in Brasilien streifte ich die Ärmel in die Höh' und ging scharf dran. Sie wissen's selber, Sie haben mich dort schaffen sehen, und nachher ging's. Die ganzen langen Jahre hatte ich aber nicht an zu Hause gedacht oder, wenn ich dran dachte, mit Gewalt nicht dran denken wollen. Was konnt's auch helfen, was wollte ich zu Hause anfangen, so lange ich nichts hatte! Wie ich aber anfing, zu Geld zu kommen, und wie es sich mehrte und mehrte und ich anfing, reich zu werden, da kam die Reue über das Vergangene noch viel stärker, wie nach meinem liederlichen Leben. Da kam das Heimweh, da ging mir der Gedanke im Kopf herum, daß meine arme Frau vielleicht doch nicht aus Kummer und Gram gestorben wäre und hier noch in Sorge und Noth lebe. Jetzt schrieb ich nach Deutschland, um ihre Adresse zu erfahren, aber umsonst; kein Mensch konnte mir Nachricht geben, und auf die meisten Briefe bekam ich nicht einmal eine Antwort. Am liebsten hätte ich mich da auch gleich selber aufgepackt und wäre herübergefahren, aber die Zeiten waren zu günstig, ich verdiente zu rasch und wollte noch mehr, und bekam mehr. Da litt's mich denn endlich nicht länger in dem Brumsilien drüben, und mit dem Dampfer bin ich herübergekommen, um nur recht geschwind wieder da zu sein.«

»Und haben Sie Ihre Frau gefunden?« rief Helene rasch, die mit inniger Theilnahme der kleinen, einfachen Erzählung gefolgt war.

»Das ist ja gerade der Teufel – bitte tausendmal um Entschuldigung!« sagte Jeremias, sich wieder den Schweiß abtrocknend. »Seit sechs Wochen rutsche ich jetzt im Lande herum und kann nichts Genaues erfahren. Zuerst war ich in Regensburg, wo wir damals wohnten – und glücklicher Weise kannte mich dort Niemand mehr – und da hieß es, daß sie schon vor langen Jahren nach Erlangen gezogen und wieder zum Theater gegangen wäre. Ich nach Erlangen. Dort erfuhr ich gar nichts, als daß sich die Theater-Gesellschaft von jener Zeit nach Preußen und zwar an den Rhein gewandt habe. Ich an den Rhein. In Mainz traf ich zufällig einen Menschen, der mir erzählte, dort wohne noch ein alter Schauspieler und gäbe jetzt Clavierstunden – zu dem ging ich – ich kannte ihn wohl, aber er mich nicht mehr, von wegen der Glatze, und der sagte mir jetzt, daß meine Frau wieder ihren Mädchennamen angenommen hätte und nach Frankfurt gegangen wäre. Ich nach Frankfurt, und keine Spur mehr gefunden, Wochen lang, bis ich vorgestern in Köln wieder einen alten Schauspieler traf, der behauptet, er habe den Namen in einer Theaterzeitung gelesen. Jetzt machten wir uns über die alten Zeitungen her – da ich ein paar Flaschen Wein kommen ließ, arbeitete der Alte mit wie ein Pferd –, und nach sechs oder acht Stunden Suchens faßten wir den Artikel, der mich wieder Hals über Kopf hierher nach Haßburg jagte.«

»Und sie ist hier?« rief Felix.

»Ja, das weiß ich noch nicht,« seufzte Jeremias, »denn wie Sie mich trafen, war ich ja auch erst eben angekommen und wollte mich gerade umsehen, ob ich nicht vielleicht Einem vom Theater unterwegs begegnete, denn die kennt man gleich, und wenn sie noch so einfach angezogen gehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber einen Theatermenschen will ich unter Tausenden herausfinden.«

»Aber Sie wissen also den Namen?« sagte Felix – »dann muß es ja doch die größte Kleinigkeit sein, sie hier aufzufinden.«

»Allerdings,« erwiderte Jeremias kleinlaut – »ihr Theatername war damals Bassini, und ein Fräulein Bassini soll auch hier an der Bühne engagirt sein, der Theaterzeitung wenigstens nach, aber...«

»Aber?«

»Aber,« stöhnte Jeremias, »jetzt, da ich meinem Ziel so nahe bin, habe ich eine Heidenangst bekommen, allein zu ihr zu gehen – alle meine Sünden fallen mir bei, und – und ich wollte wahrhaftig manchmal, ich – wäre wieder in Brasilien!«

»Und sind Sie nicht hergekommen, um gut zu machen, was Sie früher verschuldet haben?« sagte Helene herzlich.

»Ja, das wohl – aber...«

»Ich gehe mit Ihnen, Jeremias,« rief Graf Felix lachend, »ich helfe Ihnen Ihre Frau suchen!«

»Ach, Herr Graf,« sagte der kleine Mann verlegen, »wenn Sie – wenn Sie das thun wollten, da wäre mir ein wahrer Berg vom Herzen herunter!«

»Ich gehe mit Ihnen,« bestätigte Graf Rottack aber noch einmal, denn theils nahm er wirklich Interesse an dem kleinen verzweifelten Manne, da ihm dieser wieder alle die alten transatlantischen Erinnerungen, als ein Stück selber von daher, so lebendig in der Seele wach gerufen, und dann machte es ihm auch Spaß, von der Entwickelung dieses kleinen Dramas Zeuge zu sein.

»Und wann wollen Sie gehen?« fragte Helene.

»Ja, heute ist es zu spät,« rief Rottack, »aber den heutigen Abend verwenden Sie dazu, die Wohnung Ihrer geschiedenen Frau aufzufinden, und dann holen Sie mich morgen Mittag um zwei Uhr ab! Ist Ihnen das recht? Ich kann nicht früher.«

»So wollen wir's machen,« rief Jeremias, ihm treuherzig die breite Hand entgegenstreckend – »jetzt hab' ich auch wieder Courage, und morgen wissen wir dann gleich, woran wir sind!«

»Wollen Sie schon fort?«

»Wenn Sie mir erlauben, Frau Gräfin, ja, denn der Boden fängt mir an, unter den Füßen zu brennen, bis ich Alles heraus habe. Aber morgen Mittag punkt zwei Uhr bin ich wieder hier.«

»Rauchen Sie, Jeremias?« fragte Felix.

»Wo werd' ich nicht!« meinte der kleine Mann, indem er eine der ihm gebotenen Havannas mit einem Kratzfuß annahm – »wissen Sie denn wohl noch, wie wir einmal in der...« – Er wurde auf einmal feuerroth im Gesicht, denn er fühlte, daß er wieder eine Dummheit begangen – »reden wir nicht mehr davon,« brach er auch kurz ab, indem er sich die Cigarre an dem Licht, das ihm einer der eben eintretenden Diener brachte, anzündete und diesem dann sehr freundlich dafür dankte – »und nun leben Sie wohl und nehmen Sie's nicht übel, daß ich Sie so lange gelangweilt habe!«

»Und haben Sie guten Muth, Jeremias – Felix wird Alles in Ordnung bringen,« lächelte Helene freundlich.

Jeremias nickte ihr dankend zu, drehte sich dann um und stieg wieder in das wilde Leben und Treiben hinaus, das noch immer in der Straße draußen auf und ab wogte.

7.
Die erste Begegnung.

Eben hatte es in der zu dem Schloß des Grafen Monford gehörenden Kapelle zwölf Uhr geschlagen, als die Gräfin mit ihrem Gemahl, den Kiesweg am Flusse herabkommend, von einem Spaziergange zurückkehrte. Sie gingen dem Schlosse zu.

Der Park lag still und einsam wie immer; weit unten am Drahtzaun äs'ten sich ein paar Stück Damwild, und mitten auf der Wiese kroch eine gebückte Menschengestalt, der ein kleiner Hund folgte, herum; sonst ließ sich nichts Lebendes erkennen.

Es war das der Maulwurfsfänger, der nach seinen Fallen gesehen hatte und die ertappten Übelthäter in ihren schwarzen Pelzen, weniger als Warnungszeichen für die übrigen, sondern mehr als Beweis seiner Thätigkeit und seines Erfolges, an schwanken Ruthen mitten auf dem Rasen aufhing.

Jetzt schien er mit seiner Arbeit vor der Hand zu Ende; möglich auch, daß er sich nur ausruhen und dabei sein Mittagsbrod verzehren wollte. Er schritt zu der nächsten Linde, die dicht an dem Kiesweg stand, und wo er zugleich Schutz gegen die heute ziemlich warm brennende Sonne fand. Dort legte er seinen Ranzen ab und neben sich, nahm ein Stück Brod und Wurst heraus, wie eine kleine Flasche mit Branntwein, zog seinen Genickfänger vor und begann, während der Spitz vor ihm saß und ihn mit etwas seitwärts gebogenen Kopf aufmerksam betrachtete und jedem Bissen, den er zum Munde führte, mit den Augen folgte, seine Mahlzeit.

Die beiden Spaziergänger, welche auf demselben Wege herankamen, an dem er saß, mußte er jedenfalls bemerkt haben; der Spitz markirte sie auch ein paar Mal, indem er dort hinübersah. Der Alte nahm aber nicht die geringste Notiz von ihnen; wußte er sich ja doch auch hier in seinem vollen Recht und in seinem Beruf, und der Platz unter der Linde, so lange er dort saß und Rast hielt, gehörte ihm.

»Nicht wahr, um zwölf Uhr hatten sich Rottacks ansagen lassen?« fragte die Gräfin, nachdem sie eine Weile schweigend neben ihrem Gemahl hergeschritten war.

»Ja, mein Kind,« sagte der alte Herr, »eben schlug es Zwölf; aber unsere Uhr geht einige Minuten vor. Wir werden gerade zur rechten Zeit wieder oben sein.«

»Ich möchte nur wissen,« fuhr die Gräfin nach einer kurzen Pause fort, »was die junge Frau für eine Geborene ist. Sonderbare Sitte das, auf seine Karte nichts zu setzen, als ganz einfach: Graf Rottack und Frau, gerade als ob er ein Schuhmacher oder Schneider wäre.«

»Mein liebes Herz,« lächelte der Graf, mit den Achseln zuckend, »er wird mit der Abstammung seiner Gemahlin wahrscheinlich keinen Staat machen können und ist klug genug, sie ganz wegzulassen.«

»Diese Aufmerksamkeit gegen uns ist doch auch wirklich ganz außerordentlich; wie ich vorhin gehört habe, sind die Herrschaften erst gestern hier eingetroffen.«

»Wir werden etwas vorsichtig mit diesem Umgang sein müssen,« bemerkte der Graf, »bis man wenigstens Genaueres über die Familienverhältnisse erfährt. Der junge Rottack hat mir übrigens so weit ganz gut gefallen; nur ein wenig sehr ungenirt ist er, wie alle die Herren, welche sich eine Zeit lang in fremden Welttheilen und unter Republikanern herumgetrieben haben.«

»Ist seine Frau eine Deutsche?«

»Ja, mein Herz, da fragst Du mich zu viel; ihrem Ansehen nach jedenfalls, denn wenn ich nicht irre, hat sie blonde Haare. Aber wir werden ja sehen. Behagt uns der Umgang nicht oder stellt sich etwas dagegen heraus, so giebt es Mittel und Wege genug, ihn in der freundlichsten Weise wieder abzubrechen oder wenigstens zu erschweren, und sind unsere Befürchtungen unbegründet, so haben wir vielleicht einen sehr angenehmen Zuwachs unserer, doch eben nicht sehr zahlreichen Gesellschaft erhalten.«

Sie hatten in diesem Augenblick die Stelle erreicht, an welcher der Maulwurfsfänger sein frugales Mittagsbrod verzehrte.

»Guten Tag, Herr Graf! Guten Tag, Frau Gräfin!« sagte der Bursche, ohne sich übrigens in seiner Beschäftigung stören zu lassen oder dieses Mal auch nur eine weitere Ehrfurchtsbezeigung für nöthig zu halten, als ein etwas Höherschieben der alten Mütze mit dem Rücken der Hand, in der er das Messer hielt.

»Guten Tag, mein Mann!« sagte der alte Herr, während die Gräfin ihn durch die Lorgnette betrachtete, und war schon halb vorüber, als er noch einmal stehen blieb und, den Kopf zurückwendend, fortfuhr: »Hör' einmal, Freund, der Förster beklagt sich fortwährend über Dich und liegt mir stets in den Ohren, ich solle Dir das Betreten meiner Grundstücke verbieten.«

»Nachher soll ich die Maulwürfe wohl von der Grenze aus mit Sympathie vertreiben?« lachte der Bursche still vor sich hin und schob wieder ein Stück Brod und Wurst in den Mund.

»Von den Maulwürfen ist hier keine Rede,« erwiderte der alte Herr, weniger vielleicht durch die Antwort, als durch das heute so unehrerbietige Benehmen des alten Burschen gereizt; »wie mir der Förster sagt, fängst Du aber auch noch andere Dinge, als Maulwürfe, und meine Leute haben jetzt strengen Befehl, Dir auf den Dienst zu passen. Erwischen sie Dich dabei, oder beträgst Du Dich auch nur ein einziges Mal selbst verdächtig, so nimm Dich in Acht!«

»Werde so frei sein,« brummte der Mann vor sich hin.

»Auch verbiete ich Dir von jetzt an, Dich nach Sonnenuntergang hier herumzutreiben; Du kannst Deine Maulwürfe bei Tage fangen, und nun Gott befohlen!« setzte er rasch hinzu, als ob er fürchte, noch eine Antwort zu erhalten. Er hatte sich mit dem Menschen schon zu lange aufgehalten.

Damit wanderte er mit der Gräfin wieder langsam den Kiesweg entlang, der dem Schlosse zuführte, und der Maulwurfsfänger, den Kopf ihnen nachgedreht, sah noch eine ganze Weile hinter ihnen drein. Endlich wandte er sich gegen seinen Hund und sagte: »Hast Du's gehört, Spitz, was der gnädige Herr Graf befohlen?«

Der Spitz trippelte ein paar Mal mit den Vorderfüßen, hob dann die Nase in die Höhe und nieste kurz.

»So? Na, das ist mir lieb,« erwiderte sein Herr, »nun thu mir auch den Gefallen und richte Dich danach. Weißt Du, was es setzt, wenn sie Dich wieder einmal nach Sonnenuntergang hier erwischen, heh, weißt Du's?«

Der Spitz trippelte stärker und nieste noch einmal.

»Na, dann brauchen wir über die Sache kein Wort mehr zu verlieren,« nickte der Alte und lachte still vergnügt vor sich hin, fuhr aber dabei in seinem Selbstgespräch, ohne sein Kauen jedoch zu unterbrechen, fort: »Merkwürdig doch, wie die Kinder oft mit einem geladenen Schießgewehr spielen, und wie leicht kann's losgehen und bläst ihnen dann die ganze Ladung mitten in's Gesicht hinein! Und die Frau Gräfin, wie sie den Staub hinter sich vom Kieswege auffegt; eigentlich sollte der Gärtner seinen Arbeitsweibern auch so ein Ding, so eine Crinoline und Schleppe hinten dran kaufen, dann könnte er das Rechen sparen das ganze Jahr, und schickte die nur jeden Morgen spazieren durch den Park. Frauenvolk, Frauenvolk,« rief er kopfschüttelnd, indem er seinem Spitz ein Stück Wurst zuwarf, das dieser geschickt fing und schwanzwedelnd verzehrte, »'s ist nicht zu glauben; und wie sie mich mit der Lorgnette betrachtete, – muß doch ein verdammt schwaches Gedächtniß haben, denn nahe genug hat sie mich doch schon gesehen – und nicht einmal mit der Brille; 's ist merkwürdig, und der Hochmuthsteufel scheint ihr alle anderen Dinge rein aus dem Kopf gejagt zu haben, denn mir steht sie noch vor Augen, als ob es erst gestern gewesen wäre.«

Der Spitz knurrte und drehte den Kopf nach rechts.

»Hallo,« fuhr der Maulwurfsfänger fort, indem er rasch dorthin sah, »wer kommt da? Besuch? Na, nicht zu uns Beiden, Spitz; so vornehm treiben wir's nicht mehr.«

Es waren ein Herr und eine Dame, hinter denen etwa fünfzig Schritte weiter zurück ein Diener in Livrée folgte.

»Ich dachte es, Helene,« sagte Graf Rottack, als er mit ihr auf dem Weg herankam, »daß wir ein wenig zu früh eingetroffen wären; aber die Herrschaften sind jetzt nach dem Hause zurückgekehrt, um uns zu erwarten, und siehst Du, da drüben liegt es schon. Nur jetzt Herz gefaßt,« setzte er leise hinzu, »nur jetzt keine Schwäche gezeigt, denn es ist das erste und deshalb auch für Dich das peinlichste Begegnen; aber da zeige auch, daß Du die Seelenstärke besitzest, die Du mir ja schon so oft bewiesen.«

»Hab' keine Furcht, Felix,« erwiderte Helene, »ich werde Dein Vertrauen rechtfertigen. Ich bin stark, und wenn ich auch das Gefühl nicht abschütteln kann, daß mir im Innern genau so ist, als ob es mir die Brust zusammenschnüren wolle, äußerlich soll man mir nichts anmerken, ich stehe Dir dafür. Nur vor der allerersten Begrüßung scheu' ich mich; aber auch das geht ja rasch vorüber, und ich fürchte fast, die Frau Gräfin wird mir das sehr erleichtern.«

Sie waren während dieses Gesprächs dicht an den Maulwurfsfänger hinangekommen, der aber keinen Blick mehr auf sie warf und ruhig sein Mahl beendete. Erst als sie dicht vor ihm standen und Felix ihn anredete, sah er auf, und sein Blick haftete fest und wie erstaunt auf dem lieben Antlitz der jungen Frau.

»Lieber Freund,« redete ihn indessen Felix an, »können Sie mir nicht sagen, ob diese Fußspuren, die von einem Herrn und einer Dame herrühren und ganz frisch sind, dem Grafen und der Gräfin Monford gehören? Es wurde uns gesagt, sie gingen im Park spazieren.«

»Dort hinten können Sie noch in den Büschen das lichte Kleid der Gräfin erkennen,« sagte der Mann, der aber in diesem Augenblick ganz sein früheres mürrisches Wesen abgelegt zu haben schien. Wie seiner selber unbewußt, zog er dabei die Mütze vom Kopf und starrte den ihren Weg mit einem freundlichen »Danke!« Verfolgenden nach, als ob er eine Erscheinung gesehen hätte.

»Wunderbar,« murmelte er dabei leise vor sich hin, »hol' mich der Teufel, wunderbar; und gerade in diesem Augenblick, genau so, als ob es ein Geist gewesen wäre – und gerade an der Stelle!«

Der dem jungen Paar folgende Diener kam gerade vorbei und nickte dem unter dem Baum Sitzenden grüßend zu. Er war schon vorüber, ehe ihn der Alte anrief:

»Ach, lieber Herr, können Sie mir nicht sagen, wer die junge, schöne Dame da vorn war?«

»Meine Herrschaft, die Frau Gräfin Helene mit dem Herrn Grafen Rottack,« sagte der Mann und ging weiter; und der Alte blieb kopfschüttelnd in seiner Stellung und schnitt sogar ganz in Gedanken dem Hund die Überreste seines Mahles entzwei, das ihm dieser, ohne daß er es bemerkte, aus den Fingern herausnahm.


Rechts vom Schlosse und kaum hundert Schritt davon entfernt erhob sich ein kleiner Hügel, auf dem in früheren Jahrhunderten ein alter, wie die Sage ging, noch von den Römern gebauter Wartthurm stand. Der Platz war jetzt mit zur Anlage gezogen, der alte Thurm aber mit seinen unverwüstlichen Quadern im Eingange mit nicht geringer Schwierigkeit erweitert und zu einer Aussicht über das darunter hinlaufende Thal benutzt worden.

Es gab auch kaum einen Punkt in der ganzen Nachbarschaft, von dem man einen freundlicheren Blick über das drunten ausgebreitete Haßburg mit seinen Gärten und Anlagen und die dahinter weitgedehnten und meist bepflanzten und bebauten Hänge gehabt hätte.

Um den alten viereckigen Thurm herum lief eine kleine, niedere und mit Epheu dicht bewachsene Ringmauer, und selbst von hier aus waren Einschnitte durch die aus dem Bergabhang stehenden Bäume gemacht und die Zweige derselben künstlich so verschnitten worden, daß man wie durch einzelne Medaillons einen Blick hinaus in's Freie gewann. Immer aber blieb die Ringmauer zu hoch von Bäumen umgeben, um von hier unten aus eine freie Aussicht zu gewähren, und der Platz, so reizend er an sich sein mochte, wurde deshalb auch nur wenig benutzt. Höchstens dinirte die Herrschaft manchmal, besonders an recht heißen Sommertagen, hier, und hatte man Gäste, so wurde vielleicht der Kaffee dort eingenommen. Sonst kam nur der Gärtner hin, der ihn in Ordnung hielt und manchmal vielleicht die Aloepflanzen begoß, welche in den großen, aus Stein gehauenen, vasenartigen Töpfen auf der Ringmauer standen.

Aber Paula besuchte den Platz zuweilen ebenfalls, und auch heute wieder allein. Seit gestern wenigstens hatte sie mehr Freiheit bekommen. Der Vater mußte mit der alten, häßlichen Französin gesprochen und ihr etwas Unangenehmes gesagt haben; denn sie stichelte ein paar Mal darauf und vernachlässigte seit der Zeit besonders ihren Zögling auffallend; Paula athmete zum ersten Mal auf.

Sie kam allein den schmalen Weg herauf; aber für einen Spaziergang ging sie fast zu rasch, und oben an dem Thurm blieb sie plötzlich stehen und sah und horchte den Pfad zurück, ob ihr auch Niemand folge. Aber der alte Thurm lag so einsam wie je, und um dessen Mauern herumgleitend, trat sie zur dritten Aloevase an der Mauer, bog sich hinüber, fühlte vorsichtig mit der Hand und zog gleich darauf ein kleines, rosafarbenes, zusammengefaltetes Papier heraus, das sie zuerst an ihre Lippen drückte und dann, wieder mit einem scheuen Blick über die Schulter, öffnete.

Es enthielt weder Adresse noch Unterschrift, und nur die wenigen Zeilen:

»Mein Herz! Ich muß Dich heut Abend zwischen neun und zehn Uhr, und wenn es selbst noch später sein sollte, sprechen. Eine furchtbare Kunde ist zu meinem Ohr gelangt, die mich zum Denken unfähig macht. Ich muß Leben oder Tod von Deinen Lippen empfangen. Wann Du auch kommst, von neun Uhr an harr' ich Dein.

Ewig der Deine.«

»Also er weiß es,« sagte Paula, wie sie nur mit flüchtigen Blicken die Zeilen verschlungen hatte; »oh, mein Gott, was soll ich thun – armer, armer Rudolph – arme, arme Paula!«

Das Papier noch in der Hand, lehnte sie an der Ringmauer, stützte den Kopf in die Rechte und schaute mit thränengefüllten Augen in das Grün der Bäume hinein.

»Und da steckt meine kleine Schwärmerin,« rief plötzlich dicht hinter ihr eine laute, lachende Stimme, daß sie mit einem nur halb unterdrückten Schrei emporzuckte und zugleich das verrätherische Papier in der Hand zusammenknitterte. »Holla, und erschrickt sogar?« fuhr dieselbe Stimme fort, und sie erkannte ihren Bruder George, der mit Sporen und Reitpeitsche, wie er eben vom Pferd gestiegen, hier heraufgesprungen war. »Was hast Du, Mädel – und Thränen in; den Augen? Das ist kein Gesicht für ein Bräutchen!«

Paula, nur im ersten Moment überrascht, hatte ihre Geistesgegenwart schnell wiedergewonnen; von dem leichtherzigen und nichts weniger als mißtrauischen Bruder brauchte sie auch keine Entdeckung zu fürchten. Ja, wenn es ihr Drachen, Mademoiselle Beautemps, gewesen wäre!

»Ach, George,« sagte sie traurig, indem sie den jetzt fest zusammengeknillten Brief in ihre Tasche brachte, »mir ist auch nicht wie einer Braut zu Muthe, am wenigsten mit dem mir bestimmten Bräutigam. Ich will ja noch nicht heirathen.«

»Das sollst Du aber auch gar nicht, närrisches Kind,« lachte George. »Du hast ja beinahe noch ein volles Jahr Zeit, um Dir diesen »wichtigsten aller Schritte«, wie der Papa sagt, gehörig zu überlegen.«

»Aber was kann ich noch überlegen, wenn ich verlobt bin? Oh Gott, ich wollte, ich wäre ein armes, schlichtes Bauernmädchen, daß sich Papa und Mama nicht so viel um meine Heirath bekümmerten.«

George lachte laut auf. »Und glaubst Du, da wäre es anders?« rief der Bruder. »Da kennst Du unsere Bauern schlecht. Ist es ein »Vierspänniger«, so dürftest Du nur auch wieder den Sohn eines »Vierspännigen« heirathen, und wäre es gar ein »Sechsspänniger«, arme Paula, da hättest Du eine noch schlimmere Etikette durchzumachen. Alle Welt hält den Grundsatz oben: Gleich und Gleich gesellt sich gern.«

»Den Ihr nach Eurer Art verdreht, Du und der Vater,« rief Paula heftig; »ja, Gleich und Gleich gesellt sich gern, aber nicht das Gleich, das Ihr darunter versteht, Gold und Silber und der alberne Rang von Grafen und Baronen, sondern gleiche Herzen, gleiche Gesinnungen, gleiche Seelen, die Euch aber nicht gleich gelten; Herz, Seele, ja, das ist Nebensache, das findet sich außerdem, das sieht man ja auch nicht, das steckt inwendig und kommt deshalb auch nicht in Betracht; aber das Geld, der Rang, ja, freilich, das sind Sachen, die in die Augen stechen, wenigstens der Menge, und auf die muß geachtet, die muß berücksichtigt werden!«

»Jetzt sieh Einer den kleinen Philosophen an,« lachte George, »wer hätte das hinter dem Mädel gesucht!«

»Ach, laß mich zufrieden, Du spottest nur immer über mich!« »Nein, Schatz,« rief George rasch, »das thu' ich nicht; aber sage mir im Ernst, ob Du etwas gegen Hubert einzuwenden hast. Ist er nicht ein braver, tüchtiger Cavalier, und hat er Dich nicht von ganzem Herzen lieb?«

»Nicht halb so lieb, wie seine Pferde und Hunde,« erwiderte Paula bitter.

»Aber, Herzensmädchen, wie ungerecht Du jetzt bist,« rief George; »Hubert ist ein seelensguter Mensch, ein bischen jähzornig, ja, und daß er ein leidenschaftlicher Jäger und Reiter ist, wirst Du ihm doch wahrlich nicht zum Vorwurf machen wollen, wo Dein Vater und Bruder dieselben Leidenschaften theilen.«

»Aber deshalb soll ich ihn doch nicht etwa lieben? Er mag ja reiten und schießen, so viel er will, ich wahrlich werde ihn nicht daran verhindern. Aber weshalb muß er mich aussuchen, mich unglücklich machen wollen vor allen Anderen?«

»Unglücklich, Paula?«

»Ja, unglücklich,« sagte das arme Mädchen, indem ihm die hellen Thränen in die Augen traten; »ich will nichts von ihm wissen, ich will nicht heirathen, am wenigsten Deinen Hubert, sag' ihm das!«

»Du bist ein Kind, Herz,« lachte George über den fast kindischen Trotz der Schwester, »und kennst Hubert eigentlich noch nicht einmal genau. Lerne ihn erst kennen, Schatz, und wenn Du dann wirklich eine nicht zu besiegende Abneigung gegen ihn hast, dann will ich selber dem Vater zuzureden suchen, daß er Dich frei giebt.«

»Und weshalb da jetzt die Verlobung?«

»Das ist eine Idee von Mama,« sagte George achselzuckend, »Und der etwas auszureden, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, wird außerordentlich schwer fallen; aber ich bin fest überzeugt, daß Du glücklich mit ihm werden wirst.«

»Du bist überzeugt davon?«

»Ja, Schatz; sieh nur Papa und Mama an. Der alte Gärtner Janus, der jetzt schon vierzig Jahre in Papas Diensten ist, hat mir die Geschichte selber einmal erzählt; die Mama hat den Papa auch damals nicht geliebt, wie sie ihn heirathen sollte. Sie hat fortlaufen wollen und Gott weiß, was – und wie glücklich und zufrieden leben sie jetzt miteinander!«

»Die Mama hat den Papa auch nicht heirathen wollen?«

»Gott bewahre, mit Händen und Füßen soll sie sich gesträubt haben – wahrscheinlich auch mit solchen phantastischen Ideen –, aber Großvater war ein strenger Herr und ließ sich auf keine Unterhandlungen ein, und der Erfolg bewies zuletzt, daß er doch Recht gehabt.«

»Und weißt Du, was ihr armes Herz dabei gelitten haben mag?« sagte Paula mit tiefem Gefühl. »Könnt Ihr Männer in einer Frauenseele lesen?«

»Und ist der Vater nicht etwa brav und gut? Hat er sie nicht auf Händen getragen sein Leben lang?«

Paula sah seufzend vor sich nieder und sagte leise: »Ach, Du verstehst mich nicht, George!«

»Du verstehst Dich selber nicht, Herz,« rief George freundlich; »irgend ein Phantasiebild, das Du Dir heraufbeschworen, soll Dir jetzt in die Seele passen, und da es nicht paßt, fühlst Du Dich unglücklich. Komm, mach' wieder ein freundliches Gesicht; wer von uns Allen ist denn gewohnt, Dich traurig zu sehen, und wenn Du es bist, machst Du das ganze Haus unbehaglich – alle Wetter,« unterbrach er sich selber rasch, »da kommt Besuch, das werden Rottacks sein! Vaters Kammerdiener sagte mir schon, daß sie erwartet würden; komm lieber gleich mit hinunter, Du wirst doch sonst geholt.«

»Geh' voran, George,« bat Paula, »mir sind die Augen noch roth; ich komme gleich.«

»Aber mach' nicht zu lange; ich bin selber neugierig, unsere neuen Nachbarn kennen zu lernen. Bei Boltens wurde schon von ihnen gesprochen. Die Frau Gräfin soll eine ganz brillante Schönheit sein.«

»Geh nur voran, George, ich komme gleich nach,« sagte Paula und stand noch ein paar Secunden, als sie der Bruder schon verlassen hatte, und sah hinter ihm drein. Dann nahm sie den erhaltenen Brief aus der Tasche, riß ihn in unzählige kleine Stücke und streute die vom Luftzug fortgetragenen Fragmente über die Ringmauer in den Wald hinab. –

Während indessen Graf und Gräfin Monford ihre Wohnung betraten, meldete ihnen schon einer der Diener, daß Graf Rottack und Gemahlin nach ihnen gefragt, dann in den Park gegangen seien, um sie selber aufzusuchen, und nun dicht hinter ihnen herkämen. Das junge Paar war in der That kaum hundert Schritt hinter ihnen, und die beiden Herrschaften hatten nur eben Zeit gehabt, sich in das Empfangszimmer zurückzuziehen, als ihnen der Besuch auch schon gemeldet wurde.

Rottack betrat, Helene am Arm, den untern Saal, der, mit geöffneten Flügelthüren und einer kleinen, wohlgepflegten Terrasse davor, einen freundlichen, sonnigen Blick auf das weite Land bot. Graf Monford – während die Gräfin vom Sopha, auf das sie sich in der Geschwindigkeit niedergelassen, aufstand – ging ihnen entgegen, reichte Rottack die Hand und sagte herzlich: »Herr Graf, es ist unendlich liebenswürdig von Ihnen, uns Ihre liebe Frau zugeführt zu haben. Frau Gräfin, ich schätze mich glücklich, Sie in Haßburg, und noch dazu als Nachbarin begrüßen zu können – meine Frau!«

Gräfin Monford, welche die junge Frau beim Eintritte scharf fixirt hatte, verneigte sich kalt und vornehm, und Helene, die sie fast mit Ehrfurcht begrüßte, fühlte, wie ihre Kniee zitterten, und mußte alle ihre Energie zusammen nehmen, um diese erste, oh, so verzeihliche Schwäche zu besiegen. Aber sie war von Jugend auf daran gewöhnt worden, sich zu beherrschen; sie wußte, wie nothwendig das besonders hier jetzt sei, und wenn sie auch fühlte, daß das Blut wieder ihre Wangen für einen Moment verließ, nahm sie sich doch tapfer zusammen und erwiderte sogar ein paar Worte auf die Anrede des alten Herrn, freilich unbewußt, ohne sich dessen klar zu sein, was sie eigentlich sagte.

Für einen solchen Fall sind unsere gesellschaftlichen Formen aber ganz vortrefflich, denn nur mit dem passenden Ausdruck in den Zügen, darf man wirklich unzusammenhängende Formeln schwatzen, um die nämliche Wirkung zu erzielen, wie bei der vernünftigsten und durchdachtesten Rede. Was für Unsinn wird manchmal bei solchen Begrüßungen mit der ernsthaftesten Miene gesprochen, mit der ernsthaftesten Miene angehört und erwidert! Es sind nur eben Worte, die man verlangt, auf den Sinn dabei kommt es wahrlich nicht an.

»Sie sind erst ganz kürzlich hier in Haßburg eingetroffen?« wandte sich die Gräfin Monford an ihren jungen Besuch, denn über etwas mußte gesprochen werden.

»Gestern, Frau Gräfin,« erwiderte Helene und fühlte sich noch nicht stark genug, das Auge zu der Frau zu erheben, während Felix, indem er mit dem Grafen sprach, die Züge der Dame scharf und forschend musterte.

»Und Sie beabsichtigen, sich hier bleibend niederzulassen?«

»Ich hoffe so, – die Gegend – ist so unendlich ansprechend.«

»Da haben Sie Recht, meine Gnädigste,« lächelte der alte Herr; »es sollte Ihnen schwer werden, in Deutschland einen schöneren Punkt zu finden, wenn es auch vielleicht noch viele eben so schöne in unserem Vaterlande geben mag – aber wollen die Herrschaften nicht Platz nehmen?«

Die Damen setzten sich auf das Sopha, die Herren nahmen Stühle, und das Gespräch wurde jetzt, da es an Stoff nicht fehlte, allgemein. Auch Helene, da Felix und Graf Monford Theil daran nahmen und das Auge der Gräfin nicht mehr allein auf ihr haftete, fühlte sich mehr erleichtert und unbefangener.

»Aber Sie sind doch jedenfalls eine Deutsche, Frau Gräfin?« sagte Graf Monford, als Helene eben von ihren Kindern erzählt und wie sie sich gestern an dem Jahrmarkt gefreut; »Sie sprechen wenigstens vortrefflich Deutsch, und man hört Ihnen nicht einmal einen Dialekt an.«

»Allerdings,« erwiderte Helene, tief erröthend, »ich bin in Deutschland geboren, wenn auch größtentheils in einem transatlantischen Land erzogen.«

»Sie haben übrigens recht gethan, von da drüben wegzuziehen,« sagte der alte Herr; »mein Gott, muß das jetzt in dem Amerika eine Wirthschaft sein! Der Krieg nimmt gar kein Ende und dauert doch schon über Jahr und Tag.«

»Wir kommen nicht aus den nordamerikanischen Freistaaten,« erwiderte Felix, »und haben, wo wir wohnten, wenig von dem Bürgerkrieg selbst gehört. Unser Aufenthalt« – und sein Blick ruhte dabei wie völlig absichtslos auf der Gräfin – »lag in Brasilien.«

»In Brasilien?« sagte diese fast unwillkürlich.

»Ei, das laß ich mir eher gefallen,« rief aber auch Graf Monford; »dort sollen doch wenigstens geregeltere Zustände sein, wenn man sich eben mit der vielleicht nicht immer angenehmen Hitze befreunden kann. Ich habe selbst einen etwas weitläufigen Verwandten in Rio. Wo haben Sie gelebt?«

»In einer der südlicher gelegenen Colonien,« sagte Felix, einer directeren Antwort noch vor der Hand ausweichend.

»In der That,« sagte der alte Herr, »dann freilich müssen wir Ihrer lieben Frau Gemahlin um so dankbarer sein, wenn sie von unserer Gegend befriedigt ist, denn mit den Tropen können wir uns allerdings nicht messen. Aber schön ist es trotzdem hier bei uns; bitte, Frau Gräfin, treten Sie einmal hier auf die Terrasse und sehen Sie, wie allerliebst das alte Haßburg da unten liegt; dort rechts hinüber glaub' ich auch sogar, daß man das Dach Ihres eigenen Hauses von hier erkennen kann, auch ein Stück vom Hause selbst. Ah, da kommt auch George – mein Sohn – Gräfin Rottack.«

Helene war mit dem alten Herrn vor das Haus auf die offene Terrasse getreten, um sich die Aussicht zeigen zu lassen; ergriff sie doch selber mit Freuden die Gelegenheit, gerade jetzt, wo Brasilien zuerst genannt worden, hinaus an die freie Luft zu treten, um sich durch keine Bewegung, durch kein Erröthen zu verrathen.

Auch die Gräfin Monford war aufgestanden und mit ihr Felix, um den Beiden zu folgen; aber sie zögerte noch. Es lag ihr eine Frage auf der Zunge, die sie sich scheute auszusprechen, und doch mußte sie gethan werden. Graf Rottack bemerkte dabei, daß etwas sie beunruhige, aber er hütete sich wohl, ihr entgegen zu kommen. Die Gräfin durfte jedoch diesen einen Moment, wo sie sich mit dem Fremden gewissermaßen allein im Zimmer befand, nicht unbenutzt vorübergehen lassen, und sich, schon im Begriff, auf die Terrasse zu gehen, noch einmal zu dem jungen Mann wendend, sagte sie mit so gleichgültigem Ton als möglich: