»Lag auch das Messer, das mich von der Klippe, auf der ich fest saß, los machen konnte, an meiner Seite, so kostete es doch unsägliche Mühe, unsägliche Anstrengungen des hart zusammengeschnürten und gebundenen Körpers, ehe es mir gelang, erst mit der Spitze eines Fingers es näher zu bringen, dann es mit mehreren zu fassen und endlich mit der ganzen Hand zu ergreifen. Jetzt fühlte ich erst, daß die Hände von dem starken Zusammenschnüren, dicht über den Gelenken, wie taub und empfindungslos geworden waren. Nach und nach wurden sie durch die fortgesetzten Bewegungen der Finger, die erst matt, dann immer kräftiger an der Trennung des nächsten Strickes arbeiteten, wieder belebt. Ich kann Euch sagen, es war die härteste Arbeit meines Lebens. Ich habe in den wildesten Stürmen der indischen Meere das oberste Segel gehißt und wieder gelöst, in der größten Noth Raan und Maste gekappt, und wer die Sache kennt, weiß, daß sie kein Kinderspiel ist, daß in solchen Augenblicken das Leben nicht einen Deut gilt und der Tod schon den Anker nach der armen Seele auswirft! Aber ich habe in diesen Stürmen nicht die quälende Angst empfunden, wie unter dem Sägen an dem Stricke. Wenn die Worte, welche das Mädchen von oben herab zu mir sprach, mich nicht ermuntert und gestärkt hätten, ich hätte vielleicht der Abspannung, die sich meiner zu bemächtigen drohete, erlegen und — die Bluthunde hätten zu ihrer eigenen Sicherheit ihr mörderisches Werk zu Ende bringen müssen. Aber endlich, endlich — es war, als bräche die Sonne im Sturme hervor — endlich sprang das hartgespannte Band mit einem Geräusch, das selbst das Mädchen vernahm, und ein: »Gottlob!« in das ich von Herzen einstimmte, bebte über ihre Lippen. Nun ich einmal die eine Hand los hatte, war das Befreiungswerk bald vollendet. Stricke, Riemen und der schändliche Knebel lagen neben mir am Boden. Ich sprang auf, ich dehnte die entfesselten Glieder, ein lautes langes: »Ach!« in dem sich die gepreßte Brust Luft machte, war der erste Ton, der aus meinem Munde drang. Ich empfand Schmerzen und Abspannung in allen Theilen meines Körpers. Die gepeinigte Lage, in der ich mehrere Stunden lang verweilen müssen, hatte vielleicht ebenso viel Theil daran, als das betäubende Getränk, das mich meiner Besinnung beraubt und fühllos hingestreckt hatte, wie einen Klotz. Ich schritt, so rasch ich konnte, einigemale in dem kleinen Gemache auf und nieder, um mich in dem Gebrauche meiner Glieder zu üben. Dann blieb ich stehen, sah zu dem Mädchen hinauf und sagte: »Ich weiß Euch nicht groß mit Worten zu danken, aber man soll mich wie einen schäbigen Hund an der Raa-Noke aufhängen, wenn’s mir nicht jetzt in der Seele ist, wie an dem Tage, wo ich meinem Vater selig die Augen zudrückte und sie ihn dann hinabließen in das weite Grab des Meeres, aber diesesmal nicht vor innerem Jammer, sondern vor Dankbarkeit! Jungfer, ich will nicht viel sprechen, aber bin ich glücklich heraus aus diesem Teufelsloche, so müßt Ihr meine Frau werden oder ich thue mir ein Leid an.« — So unbehaglich der Sitz des Mädchens auf dem schrägablaufenden Dache seyn, so sehr ihr meine noch immer nicht überstandene Gefahr am Herzen liegen mochte, so mußte sie doch laut auflachen bei dieser seltsamen Werbung. »Ach, denkt an andere Dinge!« sagte sie dann wiederum in einem ängstlichen Tone! »Es liegt noch Viel zwischen diesem Augenblicke und dem, wo Ihr wieder frei in Gottes freier Luft wandelt und Euere Schritte hinlenken könnt, wohin Ihr wollt. Auf Nahrungsmittel und eine Stärkung, die Ihr ohne Besorgniß genießen könnt, habe ich mich vorgesehen. Es ist freilich nichts Besonderes, aber ich bringe, was ich heimlich bei Seite schaffen konnte.« Ein Paket fiel von oben herab; ich fing es mit meinen Händen auf. Meinen Dank glaubte ich der Geberin nicht besser beweisen zu können, als durch die schleunigste Untersuchung und Verwendung seines Inhalts. Die guten Nahrungsmittel und vor Allem ein reiner unverfälschter Genever, gaben mir meine Kräfte zurück. Während ich noch mit Essen und Trinken beschäftigt war, rief ich wiederum frohen Muthes zu dem Mädchen hinauf: »Jetzt laß sie kommen! Sie sollen fühlen, daß der Hochbootsmann der Medusa wieder von Stapel gelassen ist und mit gutem Winde fährt. Ihrer sechs fürchte ich nicht.« — »Vertraut nicht zu Viel auf Euere Kraft!« wandte das Mädchen im Tone der Besorgniß ein. »Gelänge es Euch auch die Treppe hinab, über den Hof und in den Vorplatz des Hauses zu kommen, so würdet Ihr doch da immer eine Menge entschlossener und bewaffneter Bösewichter finden, deren vereinten Anstrengungen Ihr unterliegen müßtet. Nennt mir lieber irgend einen Bekannten, den Ihr in der Stadt habt und der leicht und gleich zu finden ist, denn jeder Augenblick Verzugs kann Euch Gefahr bringen. Ich will Alles thun, Euch zu retten. Ich will — doch Ihr werdet schon sehen, was zu Euerer Befreiung geschieht, wenn mir nur irgend Jemand beisteht, der hier bekannt ist in der Stadt, denn ich selbst bin gänzlich fremd. Aber zögert nicht: nennt mir Euern Freund!« — Ich mußte mir gestehen, daß das Mädchen Recht hatte. Ich besann mich hin und her. Meine Verwandten konnten mir zu nichts dienen, denn ich wußte ja kaum mehr von ihnen, als ihre Namen: nicht einmal ihre Wohnung. Da fiel mir der Jude Abraham Eleazar, auf der Jüdenkracht zunächst der Synagoge, ein. Ihn nannte ich dem Mädchen, sagte ihr zugleich, welchen Dienst ich ihm am gestrigen Abende geleistet hätte und daß er die einzige Person in der großen Stadt Amsterdam sey, von der ich, wenn auch nur mit weniger Wahrscheinlichkeit, einen Beistand in diesem Nothfalle erwarten könne. »Er ist ein Jude,« versetzte das Mädchen, »aber er ist auch ein Mensch. Kann ich nur glücklich aus dem Sünderhause entwischen, so bin ich in einer Viertelstunde bei ihm und ich lasse ihm keine Ruhe, bis er mitkommt zur Hülfe. Lebt wohl bis dahin, aber unternehmt nichts, als im dringendsten Falle zu Euerer Vertheidigung!« Ich hörte sie am Dache hinabklettern. Ich lauschte auf das Geräusch, so lange es zu vernehmen war und als es nun gänzlich verhallte, kam ich mir vor, wie ein Ausgesetzter auf einer wüsten Insel. Ich fühlte mich in einer großen Aufregung, aber ich erkannte auch, daß ich aller meiner Kräfte wieder mächtig sey und nahm mir vor, sie, wenn es Noth thue, mit Aufsetzung aller Segel zu gebrauchen. Meine Blicke fielen auf das Messer, das noch auf dem Bette lag. Ich nahm es in die Hand: es hatte eine gute scharfe Klinge. »Messer gegen Messer,« dachte ich, »wenn es so kommt!« und steckte es in den Gürtel, zu dem ich einen der Stricke machte, indem ich mir ihn um den Leib knüpfte. Die Schändlichkeit des rothköpfigen Wirthes und des heuchlerischen Claas ging mir in einemfort im Kopfe herum und erfüllte mich mit Ingrimm. Ich war auf ihren Eintritt gefaßt, ich wollte über sie herfallen, wie der Sturm nach der Windstille, sie unschädlich machen und mein Heil weiter suchen, wenn nicht schon früher meine Befreiung durch das Mädchen erfolgen würde. Wie das Alles geschehen sollte, mußte ich dem Augenblicke überlassen. Ich schritt in unruhiger Erwartung das kleine Gemach auf und nieder. Ich untersuchte auch die Thüre und die Seitenwände; jene bestand aus starkem, unerschütterlichem Eichenholze, diese waren gemauert und hielten das Dach in einer Höhe, die ich nicht erreichen konnte. Die Bettstelle brach unter meinem Versuche, sie von der Stelle zu rücken, zusammen. Sie war in dem Boden befestigt gewesen und mit ihr wurde meine Hoffnung, sie als Werkzeug zu einer möglichen Flucht durch eine Oeffnung in dem Dache, die ich freilich erst hätte brechen müssen, zu gebrauchen, vernichtet. Ich blieb also der Erwartung auf meine Freunde oder meine Feinde überlassen. Die Spannung, in der ich wiederum einige Stunden hinbrachte, kann ich Euch nicht beschreiben. Der Abend kam; von dem Mädchen hörte und sah ich nichts. Kein Signal, kein Geräusch, das Hülfe verkündigte! Jeden Augenblick konnte ich jetzt die verdammten Seelenkoper eintreten sehen. Ich befand mich in einer Aufregung meiner Kräfte, wie ich sie noch nie empfunden hatte, und nur meine innere Wuth konnte ihr gleichen. Ich wünschte fast, daß jetzt die Bösewichter erschienen, um mit eigener Hand Rache an ihnen nehmen zu können. Da hörte ich ein Getrappel auf der Treppe, das immer näher kam, da vernahm ich Stimmen — ich erkannte die Sprechenden: es waren die beiden Menschenhändler, der Rothkopf und sein Geselle Claas. Sie lachten und schienen guter Dinge. Ich habe einmal in Bengalen ein Tigerthier gesehen, das auf seine Beute lauerte. So muß ich damals in dem Winkel neben der Thüre meines Kerkers gestanden haben, um über den ersten Eintretenden herzustürzen. Dennoch beschloß ich in dieser ungeheuren Empörung meines ganzen Wesens, kein Blut zu vergießen, wenn es möglich wäre. Da rasselten die Schlüssel an der Thüre, da klirrte der Riegel, da nannte Claas mit höhnischer Stimme meinen Namen — aber zugleich hatten ihn auch meine Fäuste an der Kehle ergriffen, ich drang, ihn schwebend haltend, hinaus, er würgte vergebens nach einem Hülferuf, mit einer Kraft, die ich mir selbst nicht zugetraut hätte, schleuderte ich ihn in einen Winkel, daß er besinnungslos da lag, keines Wortes, keiner Bewegung mächtig. Heulend flog der Wirth die Treppe hinab, ich mit Riesenschritten hinter ihm her. So ging es über den Hof, nach dem Vorplatze. »Der Teufel hat ihm geholfen! Herbei, ihr Freunde! Er bringt mich um! Er schlägt mich todt!« rief der Schurke im Fliehen. Auf dem Vorplatze, vor der Thüre des Gastzimmers, in das er eben stürzen wollte, erwischte ich ihn am Genicke. Aber schon hatte sein Geheul seine Helfershelfer herbeigerufen. Wohl an zwanzig Kerle, denen Mord und Todschlag aus den Augen blitzten, drangen aus der Thüre. »Er hat den Claas ermordet! Haltet ihn fest, macht ihn kalt!« stöhnte der Rothkopf. Ich warf ihn zu Boden. Wohin ich blickte, glänzten mir Messer entgegen, Mordgebrüll stürmte auf mich ein. Ich drängte mich an die Wand, entschlossen mein Leben theuer zu verkaufen. Noch trennte mich der am Boden liegende, ohnmächtige Wirth von dem Gesindel. Da nahmen ihn einige auf, um ihn bei Seite zu bringen. Ich sah den Augenblick vor mir, in dem nun Alle über mich herstürzen würden. »Blut um Blut!« dachte ich und griff nach dem Messer in meinem Gürtel. Ehe ich es noch zog, ehe ich meinen Gegnern noch zeigen konnte, daß auch ich nicht waffenlos sey, erklang plötzlich ein heftiger Lärm vor der Thüre des Hauses, der den im Innern noch übertönte. »Im Namen der Obrigkeit!« riefen viele Stimmen von Außen. Ein schneidender Pfiff schallte aus der Mitte des mich umgebenden Haufens. Die Kerle stiebten auseinander, wie Staub vom Wirbelwinde getroffen. Viele eilten in das Zimmer zurück; andere flohen über den Hof nach dem Hinterhause. Aber schon war die Thüre des Hauses unter den Schlägen der Häscher zusammengebrochen. Sie drangen ein, sie stürmten in das Zimmer, sie fanden hier die Seelenverkäufer im Streite mit einer Anzahl ihrer Cameraden, die durch die Fenster eingestiegen waren. Ich hatte mich ruhig von einigen der Häscher, die sich gleich Anfangs meiner bemächtigten, ergreifen lassen und wartete den Augenblick ab, wo ich meine Flagge aufziehen und mich zu erkennen geben konnte. Indessen ging es wild im Zimmer und im Hinterhause her, wo sich die verwegenen Schurken gegen die Uebermacht der anstürmenden Häscher zu vertheidigen suchten. Ein großer Haufen Volks hatte sich vor dem Hause versammelt und vermehrte, durch seine gegen die Seelenkoper ausgestoßenen Flüche und Verwünschungen, das Getöse. Den Eingang hielt ein Polizeibeamter besetzt und verwieß mit seinem Stabe diejenigen, die sich zu nahe herbeidrängten, zur Ruhe. Ich war bei meiner früheren Bemühung die Thüre zu erreichen, an eine Stelle gelangt, wo ich, immer von den Häschern bewacht und gehalten, dem Beamten ganz nahe stand. Ein Laut, so lieblich, wie das Wort: »Land!« nach einer langen und unglücklichen Seefahrt traf plötzlich durch den gewaltigen Lärm mein Ohr. »Das ist er! das ist er!« rief eine zarte Stimme in meiner Nähe. »Wir sind noch zur rechten Zeit gekommen. Sie haben ihn nicht umgebracht! Er ist gerettet!« Ich blickte auf. Neben dem Polizeibeamten stand in der Thür das Mädchen, dem ich meine Freiheit und mein Leben verdankte. Ihr Angesicht strahlte wie die glänzende See bei heiterem Himmel. Ueber ihre Schulter sah der Jude Abraham Eleazar herein. »Der Gott Abrahams und Jacobs sey gepriesen,« sagte er, »der unser Werk gelingen ließ! Eine Hand wäscht die andere im Leben und so mir der Christ nicht hätte geholfen von dem Schmaddern und von der Speise vom unreinen Thier, so hätte ich ihm nicht können wiederhelfen aus der egyptischen Gefangenschaft, von dem Verrathe der bösen Rotte Korah.« Ich nickte Beiden zu. Der Polizeibeamte mochte nun einsehen, daß ich nicht zu den Seelenkopern gehörte, er gab seinen Untergebenen Befehl, mich frei zu lassen, und rief mich in seine Nähe. Er wußte meinen Stand und meinen Namen. Er sagte, daß ich es für ein großes Glück halten könne, lebendig dieser Mordhöle entkommen zu seyn, daß sie schon lange Nachricht von ihrem Daseyn gehabt, aber immer vergebens ihr nachgespürt, bis jetzt endlich die Entdeckungen des Mädchens und des Juden sie zur rechten Zeit an den rechten Ort geführt hätten. Ich berichtete ihm in wenigen Worten, woher der Wind in den letzten Stunden geblasen habe und wie es mir gelungen sey, aus meinem Gefängnisse zu brechen. Der Jude und das Mädchen hörten aufmerksam zu. Es war jetzt stiller geworden im Zimmer. Die Seelenkoper hatten der Uebermacht unterlegen, man brachte sie gebunden und geknebelt heraus. Mehrere von ihnen bluteten stark, auch einige der Häscher waren verwundet. Jene wurden sogleich weiter, mitten durch die tobende Volksmenge, die nur mit großer Mühe von Mißhandlungen zurückgehalten werden konnte, ins Gefängniß geschafft. Auch die Schurken, die in den obern Raum des Hinterhauses geflüchtet waren, erschienen jetzt, von den Häschern herbeigeschleppt: unter ihnen, ächzend und stöhnend, der elende Claas. Er warf mir einen grimmigen Blick zu, aber auch er wurde mit seinen Genossen ohne Aufenthalt den übrigen nachgetrieben. Ganz zuletzt fand man, unter einem leeren Fasse versteckt, den rothköpfigen Wirth. Er mußte sich während des Getümmels erholt haben und dorthin gekrochen seyn. Er konnte oder wollte nicht gehen. Man warf ihn auf einen Karren, der zufällig in der Nähe hielt. Der Pöbel begleitete ihn spottend und verwünschend nach dem Stadthause. Ich will es nun so kurz wie möglich machen und mit vollen Segeln ans Ziel steuern! Beckje rückt schon ungeduldig den Stuhl und möchte gern den Caffee kochen, der ihr fast ebensosehr am Herzen liegt, wie mir der Genever. Genug! Das Sündenhaus wurde von dem Polizeibeamten in allen Räumen und Verdecken durchsucht. — Er witterte glücklich meine Kleider und Papiere aus. Ich erhielt sie zurück und zugleich die Weisung, daß ich nun hingehen könne, wohin ich wolle. Aber ich blieb dennoch. Das Mädchen, dem ich so Viel schuldig war, sah ängstlich dem Treiben des Beamten zu, der Alles verschloß und versiegelte. Sie befand sich, allem Anscheine nach, in großer Verlegenheit. Als endlich der Beamte auch die Hausthüre sperrte und mit dem obrigkeitlichen Siegel versah, gestand sie, daß sie nun nicht wisse, wohin sie sich wenden solle, daß ihr ganzes elterliches Erbe, dessen sich der Rothkopf, als Stiefbruder ihrer verstorbenen Mutter und ihr Vormund, bemächtigt habe, in dem Hause befindlich sey und sie niemanden kenne, der in der großen Stadt sich ihrer annehmen würde. Der Polizeibeamte hörte das gleichgültig an, meinte, er könne da nicht helfen, aber sie solle am nächsten Tage vor der Obrigkeit erscheinen und dort ihre Ansprüche geltend machen. »Kommt mit mir!« sagte der Jude. »Ich will Euch führen in mein Haus, aber ich kann Euch nicht behalten über Nacht, als das Kind eines Goi. Wir müssen Rath schaffen, wir müssen eine Schlafstelle für Euch suchen bei Euern Leuten.« Da fiel mir zum Glücke ein, den Polizeimann, der eben fortgehen wollte, nach meinen Verwandten zu fragen. Er kannte sie, er wußte ihre Wohnung. Nun war uns geholfen. Ich dankte dem Juden für Alles, was er zu meiner Rettung gethan, ich versprach nochmals ihn zu besuchen, ich sagte ihm unbedachtsam, daß er als ein guter Christ an mir gehandelt habe. »Als ein guter Jüd!« versetzte er eifrig und mit einem saueren Gesichte: »denn auch unser Gesetz sagt: du sollst den Nächsten lieben, als dich selbst.« Er entfernte sich in großer Eile. Während ich nun in der Dämmerung mit dem Mädchen nach der Gegend hinschritt, wo meine Verwandten hausen mußten, nannte sie mir ihren Namen und erzählte mir, daß sie von Alkmaar gebürtig sey, vor einigen Wochen ihre Eltern kurz nach einander verloren habe, dann von dem Wirthe des Werbhauses, ihrem einzigen noch lebenden Verwandten, von dessen Geschäft und Handthierung sie nichts geahnt, samt ihrem elterlichen Erbe nach Amsterdam abgeholt worden und hier nun bald mit Entsetzen wahrgenommen habe, daß der Mann, der sich Vaterrechte über sie angemaßt, ein verabscheuungswürdiger Bösewicht, daß Seelenverkäuferei sein Handwerk, daß es seine Absicht sey, sich ihres Vermögens zu bemächtigen. Sie war auf das Strengste gehalten, wie eine Magd zu den geringsten Arbeiten genöthigt, selbst thätlich mißhandelt worden. Was sie sehen und hören mußte in der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes in dem Werbhause, hatte sie mit Abscheu erfüllt. Sie wäre so gern entflohen, aber sie wußte nicht wohin. Sie war der Verzweiflung nahe, als ich die Schwelle des Hauses betrat. Ich habe Euch gesagt, was der Antheil, den sie an mir nahm, bewirkte. Sie war als ich ihr den Juden Eleazar genannt, sogleich aus dem Hause entwischt und zu jenem geeilt. Es dauerte lange, ehe sie dem Juden die ganze Geschichte begreiflich machen konnte. Endlich wurde sie ihm klar und er nahm nun sogleich Mantel und Schabbesdeckel, um mit Beckje zum Polizeimeister zu gehen. »Soll mir Gott, dem Goi muß geholfen werden!« Hatte er gesagt: »Der Eleazar leidet keine Schulden und will bezahlen auf den letzten Deut, das Capital samt den Procentje.« Zum Glück war der Polizeimeister der nahe Verwandte eines ostindischen Compagnieherrn. Er gerieth, als er die Sache vernahm, in den größten Zorn und schickte sogleich die Wache ab, die gerade ankam, als ich nicht weit davon war, wider meinen Willen hinauf in die himmlische Ewigkeit gehißt zu werden. Bramsegel und Backbord! ich bin wieder so weitläufig geworden, wie ein altes Weib beim Caffeegeschwätz. Aber nun soll’s auch im Sturmwinde ans Ende gehen! Meine Verwandten nahmen uns freundlich auf, nach vier Wochen voll Laufereien und Hin- und Her-Geschreib erhielt Beckje ihr Vermögen heraus, ich selbst am Morgen des nämlichen Tages den verlangten, ehrenvollen Abschied und am Nachmittage gab uns der Domine für die Lebensfahrt zusammen. Als wir nach einigen Tagen Amsterdam verließen, um nach Rotterdam zu ziehen, traten uns von der Schanze am Thore, ein Paar Elende an und bettelten um ein Almosen. Sie waren mit Lumpen bedeckt, sie schleppten an Ketten schwere eiserne Kugeln nach und wurden von einem Schergen bewacht. Das wulstige rothe Haar des einen schob sich zur Seite: wir erkannten den Wirth. Der andere sah auf, es war Claas. Ich warf ihnen, was ich von Silbergeld in der Tasche trug, hin. Sie rafften es gierig auf, sie wollten danken — da erkannten sie uns, ein wüstes Geheul, Flüche und Verwünschungen strömten über ihre Lippen. Beckje drängte mich nach der Barke hin, die im Canale unserer wartete, während jene sich selbst und ihre Ketten auf die Bastion zurückschleppten.«

Jansen schwieg. Niemand hatte seiner Erzählung mit größerer Aufmerksamkeit zugehört, als Clelia. Das vielbewegte Leben, das sich hier vor ihrer Erkenntniß entrollte, contrastirte zu sehr mit dem, welches sie bisher geführt hatte, um nicht durch seine Neuheit und Frische sie zu reizen und über ihren gewöhnlichen Gesichtskreis zu erheben. Es schien ihr selbst angenehm, dergleichen erfahren zu haben und in einer späteren, ruhigen Zeit, in einem beglückenden Gefühle der Gegenwart, die Erinnerungen daran zu verjüngen. Wie wenig Bemerkenswerthes und Wichtiges hatte doch ihre Vergangenheit aufzuweisen? Die unerwartete Entfernung aus dem Vaterhause, die plötzliche Reise, welche sie schon in ein vertrauliches Verhältniß mit zwei ihr vorher gänzlich unbekannten Personen, Jansen und Beckje, gesetzt hatte, der Wechsel der Umgebungen, selbst das Geheimniß der vorgeblichen Geschwisterschaft mit Cornelius, waren die ersten Dinge, die, wie es ihr jetzt dünkte, ihrem Leben einen Reiz verliehen, dessen es bisher entbehrt hatte. Ihre, unter dem Drucke der Alltäglichkeit schlummernde und unthätig gewordene Phantasie war mit einemmale, durch die Begegnisse eines Tages, durch die Mittheilung der wunderlichen Verheirathungsgeschichte eines Paares, das sie vor Augen hatte, zu der regsamsten Thätigkeit belebt worden. Sie sah ein, daß sie in der Lage, in die sie gerathen, auf ihre eigene Selbstständigkeit rechnen müsse, sie fühlte, daß sie diese aufrecht erhalten könne, wenn sie gegen die Rückkehr ihrer alten Gemüthsträgheit, die man ihr fälschlich für Gedankentiefe angepriesen hatte, auf der Hut sey, wenn sie sich im Voraus auf alle noch so abentheuerliche und gefahrvolle Begebenheiten gefaßt halte. Clelia war einer von denjenigen Characteren, die erst sehr großer, ganz aus dem gewöhnlichen Geleise sie führender Erschütterungen bedürfen, um ihre innere Kraft und Wahrheit in das äußere Leben treten zu lassen.

Während der Wechsel der Ansichten und Empfindungen, den wir so eben zu schildern versucht haben, mit Blitzesschnelle in ihr vorging, hatte Jansen das volle Glas ergriffen, das ihm die wieder freundlich gewordene Beckje hingeschoben, und sagte mit einer Rührung, die man dem rauhen und jovialen Seemanne nicht zugetraut hätte:

»Ja, ihr Freunde! So ist es gekommen, daß Beckje und ich jetzt an einem Steuerruder sitzen. Was ich dachte und sprach, als ich fest geschnürt und geknebelt auf dem Marterlager des Rothkopfs ausgestreckt lag, als mein Schutzgeist, durch die Dachluke zu mir herabsah und mir Hoffnung und Erquickung spendete, als ich ihn wieder erblickte, Freiheit und Erlösung aus der Gewalt der verdammten Piraten bringend, das ist nun Alles wahr geworden und ich habe es in den fünf Jahren, daß wir nun zusammen segeln, keinen Augenblick bereut. Stoßt an! Sie soll leben. Vivat mein Affengesicht!« setzte er, rasch in einen fröhlichen Ton übergehend, hinzu.

Die Gläser waren gehoben, die Männer wollten in Genever, die Frauen in feinem Muscatwein Bescheid thun, da erhob sich unerwartet ein wilder Lärm auf dem Verdecke, die Mannschaft lief unruhig hin und her und eine Alles übertönende Stimme rief hastig und rauh:

»Ein Segel auf der Lufseite! Nur zwanzig Schiffslängen weit! Es tritt hinter der Insel hervor, es steuert auf uns zu — Hölle und Teufel! Es ist ein Spagnol! Eine Schebecke von zehn Canonen!«

Jansen stürzte den Inhalt seines Glases hinab und warf dieses zu Boden, daß es in unzähliche Splitter zertrümmerte.

»Der verdammte Biesbosch *) sagte er. »Zwischen seinen tausend Inseln und Inselchen verkriegen sich die feigen Don’s und warten es ab, bis sie ein Fahrzeug erlauern, das sie unbewaffnet oder dem sie sich überlegen glauben. Aber Bramsegel und Backbord! Capitän Jansen wird ihnen das Fahrwasser weisen. Meine Böller sollen ihnen auf keine Frage die Antwort schuldig bleiben!«


*) So heißt eine Art von See zwischen den Grenzen von Holland und Brabant, der sich erst im Jahre 1421 durch Ueberschwemmung gebildet hat.

Er stürmte hinaus und hinauf; Beckje, im ganzen Gesichte erglühend, ihm nach. Cornelius war bei dem ersten Rufe aufgesprungen und hatte, von kriegerischem Ungestüm belebt, nach seinem Degen und seinen Pistolen gegriffen. Jetzt dachte er an Clelia, jetzt fiel ihm bei, wie er durch seine Unbesonnenheit die Geliebte in eine Gefahr gebracht habe, in der ihre Freiheit, ihr Leben, ihre ganze Zukunft bedroht erschienen. Ein Kleinmuth, wie er ihn noch nie empfunden, bemächtigte sich seiner. Er wagte nicht, das Mädchen anzusehen. Mit niedergeschlagenen Blicken näherte er sich ihr, die auch ihren Sitz verlassen hatte, und sprach in ängstlich gepreßtem Tone:

»Bei allen Waffenthaten Wilhelms von Oranien schwöre ich Euch, hochwerthe Clelia, daß mich der Gedanke, Euch in diese Lage versetzt zu haben, trostlos macht. Ich bin außer mir, ich kenne mich selbst nicht mehr. Sonst jubelte und jauchzte es in mir, wenn ich hörte, der Feind sey nahe, und noch vor einer Stunde dachte ich es mir als das Herrlichste und Größte, für Euch zu kämpfen, vielleicht Euer Leben zu erhalten durch irgend eine kriegerische That. Aber das ist nun mit einemmale vorbei, da die Wirklichkeit eintritt. Das Gefühl meiner Schuld liegt mir lastend in der Brust und mein ganzer Muth ist niedergedrückt unter seiner Schwere.«

»Schämt Euch, Junker Cornelius, und ruft nur immer den ersten Gedanken zurück, der Euch und der Liebe, die Ihr mir so oft gelobtet, Ehre bringt!« versetzte das Mädchen in einem so festen und aufmunternden Tone, daß der gewesene Kriegshauptmann ein anderes, fremdes Wesen zu hören glaubte und überrascht aufblickte. Clelia stand in ruhiger Haltung vor ihm. Sie war sehr blaß, aber ein Feuer der Begeisterung und der Seelenstärke glänzte aus ihren Augen, das den jungen Mann irre in seiner eigenen Wahrnehmung machte. »Warum sollte mich entsetzen,« fuhr sie fast heiter fort, »was Viele meines Geschlechtes schon vor mir erfahren haben? Kommt, Junker! Zeigt Euch des Ruhmes würdig, den Ihr schon in Kriegswerken erworben habt. Ein muthiger Mann mehr im Streite vermag Viel. Kommt! Auch ich will sehen, wie es oben steht. Ich muß den Feind erkennen, mit dem wir um Freiheit und Leben streiten werden. Habe ich auch nicht den verwegenen Sinn und die männliche Keckheit von Jansens Frau, die sie treibt, an dem Kampfe Theil zu nehmen, so will ich doch auch nicht feiern. Schickt mir die Verwundeten herab, an denen es nicht fehlen wird. Ich will sie verbinden und ihrer pflegen, wie ich es vermag.«

»Clelia!« erwiederte, von Bewunderung erhoben, Cornelius. »Ihr habt Euch in kurzer Zeit wunderbar verändert. Ich stehe beschämt vor Euch, wie eine Memme vor einem Helden. Jetzt erst fühle ich die ganze Unwürdigkeit meines Betragens, aber — beim Schwerdte des großen Marlborough! — ich will Euerer würdig werden, oder untergehen in diesem Kampfe, dessen Schrecknissen Ihr mit dem Muthe eines alten Kriegers entgegen seht.«

Das Mädchen drängte ihn fort. Sie waren im Begriff die Cajüte zu verlassen, als heulend und schreiend Philippintje hereinstürzte und mit den Gebehrden einer Wahnsinnigen ihre Gebieterin umklammerte.

»Wir sind verloren, wir werden erschossen und erstochen, wir werden, wie die Schiffsleute sagen, geentert werden!« jammerte sie. »Du, Clötje, und ich, und wenn sie uns geentert haben, die Satanskinder aus Hispania, so machen sie uns katholisch und wir kommen in das Unglück, vor dem wir, wie vor einem Höllenspuk davon gelaufen sind. Was helfen mir alle Dukaten, wenn mich der Spanier hat, mich und meine unsterbliche Seele? O wäre ich wieder daheim bei Herrn Tobias und bei dem Schiwa, bei den gefüllten Caffeeschachteln, bei den chinesischen Theebüchsen und den kanarischen Zuckerhüten! Ich wollte ja nimmer wieder, wie ich bisher gethan, manches Pfund der edeln Waare heimlich mitgehen heißen und es dem Domine zutragen. Vergieb mir meine Sünden, Herr, und führe mich glücklich wieder heim zu den Theebüchsen und dem Schiwa!«

Sie wußte nicht mehr was sie sprach. Sie sank mit gefalteten Händen auf das Polster der Cajütenbank zurück und betete in unverständlichen Tönen fort.

»Alle zu Hauf!« erklang in diesem Augenblicke Jansens Stentorstimme auf dem Verdecke. »Zeigt ihnen die Geusenflagge, damit die spanischen Hunde sehen, mit wem sie es zu thun haben!«

Dieser Ruf bewog Clelia, sogleich die Cajüte zu verlassen und auf das Verdeck zu eilen. Cornelius wollte sie unterstützen; sie lehnte es ab und stieg rasch und ohne alle Hülfe, die Treppe hinauf. Während Cornelius zu seinem Freunde flog, um diesen zu befragen, wie er ihm auf die beste Weise nützen könne, blieb Clelia in der Cajütenthüre stehen und sah mit ruhigem, unerschrockenem Blicke auf die Umgebungen. Sie fühlte sich über sich selbst erhoben, es dünkte ihr, sie sey jetzt edler und besser, als früher. Die Blässe, die auf dem schönen, ruhigen Antlitz lag, gab ihr etwas Ueberirdisches. Alles um sie herum war in der lebendigsten Bewegung. Schießbedarf wurde herbeigetragen, Gewehre wurden ausgetheilt, Beckje ging zu jedem Einzelnen der Schiffsbemannung, schenkte ihm ein Glas Genever ein und ermunterte die Leute. Die Gestalt des Mädchens, die sich in der Cajütenthüre so ruhig und furchtlos zeigte, machte einen besondern Eindruck auf die rohen Männer. Sie betrachteten sie mit Bewunderung, sie machten einander auf die liebliche Erscheinung aufmerksam und wenn die kühne Todesverachtung noch durch irgend Etwas hätte erhöht werden können, so wäre es durch den Gedanken gewesen, daß sie, indem sie für Freiheit und Vaterland kämpften, auch zugleich eine so wunderbare weibliche Schönheit zu beschützen hatten.

Indessen suchten Clelia’s Blicke das feindliche Schiff und fanden es. Still und drohend lag es in einer geringen Entfernung. Es schien sehr leicht gebaut, die Segel waren eingerefft, die Stückpforten noch verschlossen. Man mochte auch dort durch die plötzliche Begegnung der bewaffneten Barke überrascht worden seyn und noch in Zweifeln schweben, mit wem man es eigentlich zu thun habe. Ein verwirrtes Gedränge war auf dem Verdecke zu bemerken. Es unterlag keinem Zweifel, daß die Schebecke an Bemannung und Streitkräften der Syrene überlegen sey. Auch war sie gewiß ein schnellerer Segler, als diese. Die spanische Flagge wehete lustig am Vordertheile und diese Verwegenheit in einem Binnenwasser der vereinigten Generalstaaten, erfüllte Jansens Leute mit Wuth.

»Das Geusenzeichen auf! Laßt den Besen sehen, der die Meere fegt von den spanischen Don’s!« riefen mehrere ungeduldige Stimmen dem Bootsmanne zu, der fluchend umherrannte und im Eifer keinen Besen finden konnte.

»Da habt Ihr die Flagge!« schrie Beckje’s feine Stimme dazwischen, indem sie aus der Küche einen alten Borstenbesen heraufreichen ließ. »Laßt sie rasch auffliegen! Wir wollen, denk’ ich, diesen Schebecken-Caper damit hinwegfegen, daß ihm die Lust vergehen soll, jemals wieder den Biesbosch zu befahren.«

Die gefürchtete Geusenflagge, wie spottweise von den Holländern selbst der Besen genannt wurde, flog klappernd am Maste empor und schwebte nach wenigen Augenblicken fest an dessen Spitze. In gespannter Erwartung, welchen Eindruck diese Erscheinung auf dem feindlichen Fahrzeuge hervorbringen würde, vergingen mehrere Minuten. Mit gedämpfter Stimme sagte während dieser Zeit Jansen zu seinem Freunde:

»Es steht uns ein harter Kampf bevor! Die Schebecke ist stärker, wie wir, sie hält mehr aus und ihre Mannschaft zählt wohl das Doppelte der meinigen. Ich mag nicht Reißaus vor ihr nehmen und könnte es nicht, wenn ich auch wollte. Ihre Segel überholen die unserigen, ihr ganzer Bau ist auf Geschwindigkeit eingerichtet. Wenn das Schiff, das wir vor dem Essen, als einen schwarzen Punkt weit hinter uns sahen, noch zeitig herankommt, so haben wir gewonnen Spiel und der Don muß streichen und sich ergeben auf Gnade und Ungnade. Aber der Teufel weiß, wo es steckt! Im Biesbosch kann man keine Viertelstunde weit sehen vor lauter Inseln und Inselchen.«

»Besinne dich, Jansen!« versetzte in großer Aufregung Cornelius. »Giebt es nicht irgend eine Kriegslist, ein kühnes Wagstück, wodurch wir die Uebermacht des Feindes zu Schanden machen könnten? Uebertrag es mir! Bei der Asche Oraniens! Es soll dich nicht gereuen.«

»Wenn es Abend wäre,« erwiederte nachdenklich der Capitän der Syrene, »dann wäre etwas zu thun, dann wollten wir den Don anbrennen und braten in seinem eigenen Fette. Ich habe griechisches Feuer, Petarden und Brandkränze, die kein Wasser löscht — aber es ist nichts! Am hellen Tage können sie uns nichts helfen.«

Jetzt blitzte es auf aus einer der Stückpforten der Schebecke. Eine Kanonenkugel tanzte über die Wellen hin und flog dicht am Vordertheile der Barke vorbei. Der dumpfe Schall des Geschoßes donnerte durch die Lüfte.

»Der Don ist aus seiner Trägheit erwacht;« rief Jansen: »gebt Acht, er wird uns gleich noch mehr zu hören geben.«

Und so geschah es auch. Mitten aus dem Getümmel, das auf dem feindlichen Schiffe herrschte, während nun die übrigen Stückpforten sich aufthaten und blitzende Gewehre sich am Bord zeigten, schallten in gebrochenem Holländisch, durch das Sprachrohr, die Worte herüber:

»Ergebt Euch, Ihr Lumpen! Streicht Eueren Besen, daß wir ihn zu Ruthen für Euch gebrauchen oder wir bohren Euch in den Grund, wo Ihr die Fische aus ihren Schlupfwinkeln fegen könnt!«

»Soll ich antworten?« fragte der Bootsmann, ein kleiner untersetzter Bursche, mit einer ungeheuren Schmarre im Gesichte, die von der Stirn dicht neben dem schielenden linken Auge hinweg bis zum Kinne lief, seinen Capitän. Jansen machte nur eine bejahende Bewegung mit der Hand und sogleich lag der Bootsmann mit halbem Leibe auf dem größten der Böller, richtete ihn und stand dann rasch auf, um die brennende Lunte zur Hand zu nehmen.

»Das soll ihm wohl bekommen!« sagte er grimmig in sich hineinlachend. »Wie die Frage, so die Antwort.«

Er hieb auf, der Böller entladet sich mit einem Getöse, das dem einer Canone gleich kam. Noch verbarg der aufsteigende Dampf die Wirkung des Schußes, als er sich aber zerstreut hatte, sah man, daß der wackere Schütz die Seitenwand des feindlichen Schiffes, gerade auf der Spitze ihrer Wölbung getroffen hatte. Loßgerißene Planken trieben in den Wellen, ein verwirrter Menschentumult an einem Punkte, auf dem Verdeck der Schebecke, ließ vermuthen, daß die Kugel weiter gedrungen sey und auch unter der Mannschaft Tod und Verwüstung verbreitet habe.

»Backbord und Fockmast!« jubelte Jansen. »Noch vier solcher Pillen dem Don in das Unterdeck geworfen und er muß daran glauben. Aber er kommt näher, er will sich die heißen Brocken mit den Fingern aus der Suppe holen, die wir ihm kochen.«

Wirklich hatte der Spanier seine Stellung verlassen und rückte über Schußweite vor. Dann erfolgte eine volle Lage seines Geschützes, dicker Rauch umgab beide Fahrzeuge und als dieser von einem Lüftchen, das sich eben erhob, langsam zur Seite getrieben war, sah man die Schebecke im Begriffe sich zu wenden, um auch aus den Stücken des anderen Bordes Verderben auf ihren Gegner zu schleudern.

»Er meint es gut mit uns!« rief der Capitän der Syrene. »Aber wendet auch! Zeigt ihm die Spitze, daß seine Kugeln in die leere Luft fahren!«

Während dieses Mannoeuver rasch und pünktlich vollzogen wurde, warf Jansen einen forschenden Blick auf sein Schiff. Zu seiner Beruhigung fand er, daß die erste Begrüßung des Feindes diesem durchaus keinen Schaden zugefügt hatte. Es schien ihm gleich Anfangs, als gingen die Schüße der Schebecke zu hoch und er wußte aus Erfahrung, daß die Spanier in der Regel schlecht trafen, weil sie zu bequem waren, genau zu zielen.

Indessen hatte sich ein dunkles Gewölk über den zwei streitenden Schiffen zusammengezogen. Dem Lüftchen, das eben noch leicht geweht, folgten einige heftige Windstöße, in gleicher Richtung wurden die Fahrzeuge von den höher schwellenden Wogen aus der Nähe der Inseln auf die freie Wasserfläche getrieben.

Cornelius flog auf dem Verdecke hin und her, vertheilte Geld unter die Leute und befeuerte ihre Kampflust. Da fiel sein Auge auf die Thüre, die zu der Cajüte führte. Noch immer stand hier in ruhiger Haltung Clelia und hatte die Blicke auf die Bewegung des feindlichen Schiffes gerichtet.

»Ich beschwöre Euch, geht hinab!« sagte er drängend zu der Geliebten. »Euere Gegenwart lähmt meinen Muth, Euer Anblick macht mich erbeben; dagegen wird der bloße Gedanke, Euch in der Nähe zu wissen, für Euch zu kämpfen, mich begeistern und unüberwindlich machen. Noch einmal, geht hinab! Ihr seyd ein lockendes Ziel für das Geschoß des Feindes, Ihr könnt ja doch hier nicht nützen, Ihr könnt nur hindern.«

»Gut!« erwiederte Clelia, dieses einsehend. »Ich gehe hinab, aber nur in der Erwartung, daß mir die Verwundeten zur Pflege nachgesendet werden.«

»Die ganze Affaire hat wahrscheinlich nicht viel zu bedeuten;« sprach Cornelius, mehr um jede etwa erwachende Besorgniß der Geliebten zu zerstreuen, als weil er selbst daran geglaubt hätte. »Das befreundete Fahrzeug, das wir in der Ferne uns folgen sahen, kann mit jedem Augenblicke eintreffen und dann wird der Spanier alle Segel aufsetzen und so rasch, als möglich das Weite suchen.«

»Das ist zweifelhaft;« antwortete sehr ruhig Clelia. »Wir haben nur auf den Augenblick zu denken und müssen der Gegenwart dienen, jeder nach seinen Kräften.«

Mit diesen Worten wandte sie sich von dem Junker und stieg langsam die enge Treppe hinab.

»Herrliches Mädchen!« sagte dieser für sich, indem er ihr entzückt nachsah. »Wie sehr habe ich dich verkannt! Wie sehr habe ich gegen dich gesündigt! Mußte denn erst mein Vergehen die tief liegende Stärke deines Characters, deine Geisteskraft, vor der ich mich gern beuge, hervorrufen?«

Diese Betrachtungen wurden durch die Kanonenschüße der Schebecke, die jetzt schnell aufeinanderfolgten, unterbrochen. Sie war durch ihre wohlausgeführte Wendung der Syrene näher gekommen. Als aber die Spanier bemerkten, daß diese ihnen jetzt nur den Vorsteven zur Zielscheibe ihrer Geschoße darbot, gaben sie ihr nicht die beabsichtigte ganze Lage, sondern bestrichen sie mit einzelnen Schüßen, die aber, wenn sie trafen, unschädlich an den starken eichenholzenen Seitenwänden hinschwirrten.

»Auf die Leeseite!« erklang jetzt des holländischen Capitäns Commandoruf. »Wir wollen ihnen eine Anzahl eiserner Erbsen zuschicken, die ihnen den Appetit verderben soll. Herrmanneke,« schrie er nach dem Bootsmann hin, »richte schnell die Stücke. Dein Auge ist fest und wohin es sieht, ist’s schon so gut, als wenn getroffen wäre!«

Während das finstere Gewölk, das sich vor einigen Minuten erst über den Häuptern der Streitenden gezeigt hatte, nach und nach den ganzen Horizont einnahm und die Tageshelle in beginnende Dämmerung verwandelte, wurde den Befehlen Jansens eilige Folge geleistet. Beckje, die zwar diesesmal keinen thätlichen Antheil am Kampfe nahm, trug doch durch ihre Scherze, durch ihre immerwährend heitere Miene und durch Erquickungen, welche sie vertheilte, Viel zur Erhaltung und Belebung der allgemeinen Kampflust bei. Sie begann jetzt mit heller, klingender Stimme, die auf dem ganzen Verdeck vernommen wurde, das Lied zu singen:

»Die Geusen wollen jagen
auf den hispanschen Don,
doch wo sie nach ihm fragen,
lief er schon längst davon!«

Jansen und die Schiffsleute wiederholten die zwei letzten Zeilen im Chor. Eben als sie die zweite Strophe begonnen hatte:

»Der Spanier kann fischen,
doch fangen kann er nichts,«

lag die Syrene mit der Länge ihres Bordes der Schebecke gegenüber, flammende Blitze fuhren aus den donnernden Böllern und über den Dampf hinweg, den die Dicke der Atmosphäre auf die Wellen niederdrückte, sah man Spieren und Segelwerk der Schebecke zerrißen in den Lüften flattern. Ein allgemeines Jubelgeschrei erklang auf dem holländischen Fahrzeuge.

»Zurück!« donnerte Jansens Stimme dazwischen. »Wir sind ihnen zu nahe gekommen. Geben sie uns jetzt eine Lage, so sind wir verloren.«

Als wolle die Natur der Syrene zu Hülfe kommen, wälzte sich jetzt eine große Welle zwischen sie und den Spanier, und warf sie weit von dem Gegner ab.

»Es gibt Sturm!« sagte Cornelius, der neben Jansen stand, zu diesem. »Der Himmel will nicht haben, daß wir den Don nehmen oder er uns.«

»Nein, nein!« antwortete der Capitän. »Das ist nur vorübergehend. Hier halten sich die Wetter nicht. Sie eilen der offenen See zu.«

Während Jansen sprach, wendeten sich seine Blicke nicht von dem Gegner ab. Es war ziemlich düster geworden, aber das scharfe Auge eines Seemanns konnte doch erkennen, daß die feindliche Schebecke bedeutend gelitten hatte. Zu seinem Erstaunen vergingen einige Minuten, ohne daß sie aufs Neue anfing zu feuern. Als aber jetzt plötzlich eins, zwei Segel zwischen ihrem Tauwerk sich entrollten, vom Winde gefaßt wurden und das leichte Fahrzeug blitzschnell in gerader Richtung auf die Syrene zustürmte, erkannte er mit einemmale ihre drohende Absicht.

»Alle zu Hauf’!« gebot seine gewaltige Stimme. »Die Schurken wollen entern. Sie sehen, daß sie an unsern Nüssen sich die Zähne ausbeißen, während wir die ihrigen mit leichter Mühe knacken. Büchsen und Piken herbei! Alles zum Vorsteven! Das Steuer scharf gehalten, daß sie nur an der Spitze fassen können! Backbord und Bramsegel!« sagte er mit gedämpfter Stimme zu Cornelius. »Die Geschichte kann arg werden! Ihrer sind mehr, als wir, und Mann gegen Mann sind die Spagnols bissige Hunde.«

»Höre Jansen!« versetzte, von einem kühnen Gedanken ergriffen, Cornelius. »Jetzt lass’ mich ein Stückchen nach meiner Art versuchen. Gib mir die Jölle, die am Steuerbord anhängt, vier kühne Bursche und dein Brandwerk. Es ist dunkel genug zu einem Handstreiche. Während der Don anlegt und alle seine Leute auf einem Punkte zum Entern herbeidrängen, fahre ich unbemerkt auf seine andere Seite und heize ihm ein, daß er seine Schebecke bald für einen Backofen ansehen soll.«

»Respect!« erwiederte Jansen, indem er mit großen Augen auf ihn herabblickte. »Du verdientest ein Seemann zu seyn! Wenn dir der Streich gelingt, Cornelius, so ziehe ich meine Mütze vor dir und will nie mehr spotten über die Landkrebse.«

Er rief, während die angeordnete Haltung der Syrene mit der größten Pünktlichkeit bewerkstelligt wurde und sie der herannahenden Schebecke immer das Vordertheil zukehrte, Herrmanneke, den verwegenen Bootsmann, herbei und noch drei andere Matrosen, die er als die tollkühnsten der Mannschaft kannte. Piken und scharfgeladene Hakenbüchsen wurden von den übrigen in wilder Eil herbeigeschleppt. Nur wenige Worte flüsterte Jansen dem Bootsmanne und seinen Cameraden zu. Dann eilten diese, die gebräunten Gesichter zu einem grimmigen Lächeln verziehend, mit Cornelius an der Spitze nach dem Steuerborde. Niemand, als der Mann am Ruder bemerkte, wie sie leise an den Borden des Schiffes in die Jölle hinabglitten, wie der letzte von ihnen einen großen Kasten, mit einem Deckel von Eisenblech verwahrt, hinabschaffte und dann mit einer raschen Bewegung nachfolgte. Die Jölle stieß ab und näherte sich, indem die flachgehaltenen Ruder kaum hörbar über die Wellen hinschlugen, und ihr eigenes Schiff sie den Augen der Feinde verbarg, der Schebecke, die nun in wenigen Augenblicken die Enterhaken nach der Syrene auswerfen konnte. Das schwarze Gewölk am Himmel senkte sich drohender herab, es ward in diesem Augenblicke düsterer, als bisher, die gespannteste Erwartung verkündete sich in der allgemeinen Stille auf beiden Schiffen.

Jansens scharfes Auge bewachte jede Bewegung der Gegner. Er sah, wie ihre Absicht einzig und allein darauf gerichtet war, an Bord seines Fahrzeuges zu gelangen, um hier durch ihre Uebergewalt den Sieg zu erringen. Er erkannte, daß der entscheidende Augenblick gekommen sey.

»Feuer!« gebot seine Donnerstimme und die wohlbedienten Hakenbüchsen trafen in dieser Nähe so sicher, daß in der vordern Reihe der Spanier mehrere todt oder verwundet niederstürzten. Aber dieses Mißgeschick vermehrte nur die Wuth der andern. Mit fürchterlichem Gebrüll warfen sie die Enterhaken in den Vordertheil der Syrene; die Schiffe hingen aneinander, ein Haufe grimmiger Gestalten drang mit gehobenen Aexten und Säbeln von der Schebecke an Bord des holländischen Fahrzeugs. Der kräftige Jansen und seine kühnen Leute setzten ihnen den entschlossensten Widerstand entgegen.

»Hinab mit den Schurken! In die Wellen mit den Don’s!« schrie er und sein Arm schleuderte jeden, der sich ihm näherte, unwiderstehlich in die Flut. Aber immer stürmten neue Haufen heran und er sah nun ein, daß er die Anzahl der Gegner zu gering geschätzt hatte. Schon mußten die Holländer vor der drängenden Menge weichen, schon waren einige von ihnen gefallen und Jansen erkannte, daß er mit seinen Leuten unmöglich das Schiff halten könne — da stieg plötzlich ein weißlicher Dampf von dem Mittelborde der Schebecke auf und wurde im Fluge weniger Secunden zum dicken schwarzen Rauche, dem sogleich die ausbrechende Flamme folgte. Die Anzahl der angreifenden Feinde verminderte sich. Viele von ihnen eilten hin, um das Feuer zu dämpfen. Jansen und die seinigen drangen wieder vor.

»Sieg! Sieg! Oranien hoch! Die Geusen hoch!« jubelte Beckje, von der Höhe des Cajüten-Verdecks, die sie, um das Ganze überblicken zu können, eingenommen hatte. Die Mannschaft der Syrene stimmte ein. Vor ihrem neubelebten Muthe flohen die Gegner auf ihr brennendes Schiff zurück. Jansen packte mit Riesenkraft den letzten Spanier, der fliehend die Syrene verlassen wollte, und schleuderte ihn hinter sich auf das Verdeck.

»Den behalten wir zum Andenken an diesen Tag!« rief er. »Jetzt die Enterhaken weg, die Schiffe von einander! Der Spagnol mag allein zur Hölle fahren!«

Im Fluge des Augenblicks wurden seine Befehle ausgeführt. Alles griff zu den Rudern. Mit einer Schnelligkeit, als hätte sie Flügel, entfernte sich die Syrene aus der gefahrdrohenden Nähe der aufflammenden Schebecke. Aller Blicke hingen an dem Schiffe, dessen entsetzliche Lage das Angstgeschrei der Mannschaft verkündigte. In diesem Momente brachen sich die Wolken, die Sonne strahlte vom Himmel herab. Jansen sah, wie die Schaluppe der Schebecke ausgesetzt wurde, um wahrscheinlich die Bemannung aufzunehmen. Das Feuer griff weiter um sich, es wüthete schon in dem Tauwerk und den Masten. »Möchten sie sich retten!« wünschte Jansen, dessen Mitleidsgefühl größer war, als der Haß, den er auf die Spanier geworfen hatte. Aber er mußte sehen, wie die Schaluppe, als sie die Oberfläche des Wassers berührte, umschlug und von den Wellen fortgerissen wurde. Ein herzzerreißender Schrei der Verzweiflung klang von dem spanischen Schiffe herüber. Zu gleicher Zeit wurde aber Jansens Aufmerksamkeit von einem andern Gegenstande gefesselt. Hinter der nächsten Insel bewegte sich mit schwellenden Segeln und die Flagge der vereinigten General-Staaten entfaltend, ein stattlicher Kutter hervor.

»Zu spät!« sagte Jansen unwillig für sich. »Eine Viertelstunde früher und Alles wäre anders gekommen!«

Eine zarte Hand faßte die seinige. Er wandte sich um. Zwischen zwei schwer verwundeten, am Boden liegenden Matrosen, stand Clelia. Ihre Gesichtszüge waren verstört, ihre Blicke irrten unruhig umher, ihre Hand bebte. Sie holte schwer Odem, sie schien mit Gewalt die Kraft der Rede aufbieten zu müssen.

»Wo ist Cornelius?« stöhnte sie aus tiefer Brust. »Ich suche ihn allenthalben; ich finde ihn nirgends!«

»Sturm und Windstille!« rief außer sich Jansen, der in dem Drange der Ereignisse seines Freundes vergessen hatte. »Ihm verdanken wir unsere Rettung. Er hat die Schebecke angezündet. Er war darauf oder — er ist noch dort!«

Seine Blicke flogen wild über die Wasserfläche. Nirgends war die Jölle zu sehen. Einen Augenblick lang trieb der Wind die Rauchwolke zur Seite, welche die Schebecke umgab. Die Aussicht hinter ihr wurde frei, auch dort keine Spur des Nachens, der das Verderben zu dem feindlichen Fahrzeuge getragen hatte! Todtenbleich stand Clelia, mit schlaff herabhängenden Armen, die großen trockenen Augen starr auf das brennende Schiff geheftet. Ihre Hände und Arme zitterten, sonst schien die ganze Gestalt starr, regungslos erhalten durch die allgewaltige Spannung, die sich ihres Innern bemächtigt hatte.

»Wir müssen es wagen, wir müssen ihn retten!« schrie Jansen mit einer Stimme, die Alle ergriff. »Die Ruder bewegt! Noch einmal an die Schebecke!«

Da flammte von der Oberfläche des Wassers ein ungeheurer Blitz empor zum heiter gewordenen Himmel. Eine schwarze, breite Rauchwolke stieg rasch auf von der Stelle, wo man so eben die Schebecke gesehen hatte. Dann folgte ein entsetzliches Krachen, der Himmel verdunkelte sich, die Wellen geriethen in Gährung, Todtenstille herrschte auf der Syrene. Als die finstere Rauchwolke sich vertheilt hatte, waren nur noch einzelne Trümmer des spanischen Schiffes zu erblicken, mit denen die Wellen spielten. Das Jammergeschrei derer, die noch vor einer Stunde lebensfroh und kräftig auf ihr gewaltet, war im Todeskampfe verstummt, des Schiffes stolzer Bau vernichtet.

In tiefer Ohnmacht lag Clelia neben dem erstarrten Jansen. Ruhig und majestätisch zog der Kutter über den bewegten Wellenspiegel heran.


In demselben Verlage sind folgende empfehlenswerthe Bücher erschienen:

Döring, Georg, Sonnenberg. Eine Novelle in drei Theilen. 12. Geheftet Rthlr. 4. 20 ggr. oder fl. 8. 24 kr.

Wir dürfen dieses neue Produkt des beliebten Verfassers, mit um so größerem Rechte der Theilnahme des Publikums empfehlen, da hier das Interesse der Dichtung selbst und zugleich die Wahl des historischen Hintergrundes, auf welchem jene erscheint, von hoher Bedeutung für den deutschen Leser sind. Wenn Walter Scott mit vorziehender Liebe die frühere Geschichte seiner Heimath benutzte, um sie mit seinen Dichtungen zu verschmelzen und in diesen zu verlebendigen, so ist dasselbe in Hinsicht auf die Geschichte unseres Vaterlandes gewiß mit nicht weniger Liebe von unserm Verfasser in der gegenwärtigen Novelle geschehen. Uns scheint das Zeitalter, der Kampf und Untergang Adolphs von Nassau mit lebendiger Erkenntniß aufgefaßt und dargestellt, die handelnden Personen scharf und anziehend gezeichnet, die Hauptgeschichte — der rein romantische Theil des Werkes — von außerordentlichem, fortwährend spannendem Interesse, und die Darstellung des Ganzen so blühend und ansprechend, wie sie die Lesewelt von dem Verfasser zu erwarten berechtigt ist. Wir erwähnen nur noch, daß dieses — nach den seit Walter Scott angenommenen Bestimmungen — die erste historische Novelle seyn dürfte, die, indem die reizendsten Gegenden unseres Vaterlandes ihr zur Scene dienen, einen allgemein wichtigen Zeitabschnitt umfaßt, da Hauffs Lichtenstein sein Interesse nur aus der würtembergischen Geschichte schöpft und Spindlers Jude überhaupt mehr in den Sittenzustand, als in die Geschichte Deutschlands selbst eingreift.

Döring, Georg, Phantasiegemälde für 1829. 8. Gebunden, mit einem Kupfer von Fleischmann. Rthlr. 1. 12 ggr. oder fl. 2. 45 kr.

Dieses Werk erfreut sich schon seit einer Reihe von Jahren einer so ausgezeichneten Gunst des Publikums, daß es überflüssig scheinen dürfte, diesen neuesten Jahrgang noch besonders zu empfehlen. Dennoch halten wir es für unsere Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, daß die reiche Phantasie des Verfassers sich hier in einer Fülle entfaltet, wie noch in keinem der früheren Jahrgänge, indem sie, bald das Meer, bald England und Frankreich, bald selbst das üppig herrliche Ostindien zum Schauplatze ihrer höchstanziehenden Darstellungen macht.

König, H., die Wallfahrt. Eine Novelle. 12. Geh. Rthlr. 1. 8 ggr. oder fl. 2. 24 kr.

Aus der Niederung eines geheimen Vergehens führt uns die anmuthige Erzählung zur Höhe eines Hülfsberges und zum Ueberblick alles Wallfahrenden auf Erden. — Einheit der Idee in ihrer verschiedenen Lichtbrechung, heitre Darstellung bei tiefer Bedeutsamkeit und die dem Verf. eigne Ironie zeichnen dieses Büchlein aus, das der Leser nicht ohne Erquickung durch guten Humor und erfreuliche Ansichten des Lebens weglegen wird. Der verkappte Jesuit knüpft die Fabel an die jüngste Zeit an.