Faucitt würde vielleicht besser gethan haben, den Worten des Fürsten nicht so unbedingt zu trauen, da die Wirklichkeit sich von dessen rosigen Schilderungen sehr zum Nachtheile des Regiments unterschied. Statt am 6. Mai zu marschiren, wie zuletzt versprochen war, setzte es sich, einschließlich des Stabes 670 Mann stark, erst am 20. Mai in Bewegung. Dieser vierzehntägige Verzug stürzte den ganzen Einschiffungsplan um, den Faucitt für die zweite hessische Division gemacht hatte. Am 30. Mai endlich trafen die Waldecker in Bremerlehe ein, während Faucitt, dem von seiner Marschroute keine Mittheilung gemacht war, sie bei Vegesack suchen ließ. Indessen konnten sie am 2. Juni noch mit den übrigen Truppen nach Amerika eingeschifft werden. „Die vorderen und hinteren Glieder in diesem Regimente — schreibt Faucitt am 31. Mai 1776 an Suffolk — bestehen aus großen und gut gewachsenen Leuten, aber das Centrum aus halbwüchsigen, von der Grafschaft Waldeck gelieferten Jungen, die noch nicht alt und stark genug für den sofortigen Dienst sind und kaum das Gewehr tragen können. Ebenso fand ich sehr viele alte Leute vor. Dagegen sind die Uniformen und Waffen gut und neu; der Fürst hat daran keine Kosten gespart.“

Der Grund für die Verzögerung in der Absendung des Regimentes war sehr einfach. Der Fürst konnte es nicht so schnell kompletiren, als er gehofft und gewünscht hatte. Sein Land mußte schon zwei Regimenter in Holland vollzählig erhalten; bei einer Größe von kaum 20 Quadrat-Meilen mit etwa 30,000 Einwohnern war aber diese Leistung schon zu groß. Die armen Waldecker waren also gar nicht so übereilig, sich zu den Beschwerden des holländischen Dienstes noch die des amerikanischen aufzuladen. So blieb denn zuletzt nichts übrig, als zu den zwei vorhandenen Kompagnien Schloßbedienung im Fürstenthum und in den benachbarten geistlichen Staaten, wie namentlich im Bisthum Hildesheim, so viel alte Leute und halbwüchsige Jungen zu pressen, daß das Regiment nothdürftig gebildet werden konnte. Das erforderte aber viel Zeit, List, Gewalt und Ueberredung. Johann Georg Rauch, der Vater unsers großen Bildhauers, Christian Daniel Rauch, war damals Kammerdiener des Fürsten Friedrich von Waldeck. In einem Briefe, den er am 18. Januar 1778 an einen Schwager richtete, entschuldigt er seinen Herrn wegen des Menschenhandels. Es seien, sagt er, lauter Ausländer, bis auf Etliche, denn der Fürst wolle keine Waldecker hinschicken, „es sei denn, daß der Kerl partout mit will.“ Man sieht aus dieser kammerdienerlichen Entschuldigung, daß das schnöde Geschäft sogar in den untersten Kreisen der Gesellschaft unangenehmes Aufsehen machte. Der Fürst hatte eben nur noch über wenig Waldecker zu verfügen; wen er von seinen Unterthanen packen konnte, den ließ er sich so leicht nicht entgehen. Zu welchen niedrigen Mitteln Serenissimus greifen mußte, um 20,100 Kronen Werbegeld und 25,050 Kronen jährlicher englischer Subsidien zu erlangen, beweist der an die Pfarrer des Ländchens ergangene Befehl, wonach sie von der Kanzel herab ihre Pfarrkinder zum Anschluß an das nach Amerika verkaufte Regiment auffordern mußten. Im schroffen Gegensatze zu den bei dieser Gelegenheit gemachten schönen Versprechungen wurde den Soldaten der Preis der Gesangbücher von ihrer Löhnung abgezogen, das abzusendende Regiment aber wie ein Haufen Sträflinge von berittenen Landjägern an die Grenze bis auf die Weserschiffe in Beverungen eskortirt.

„Bis über die Grenze unsers Vaterlandes (Waldeck nämlich!) — so erzählt in seinem Tagebuche der Fourir Karl Philipp Steuernagel des Waldecker Regiments, ein verständiger Beobachter und zuverlässiger Berichterstatter — oder vielmehr bis Beverungen wurden wir mit einem Korps waldeckscher grüngekleideter Scharfschützen zu Pferde begleitet und bewacht. Diese vor's Regiment, besonders vor jeden rechtschaffenen Soldaten mißtrauische Veranstaltung gab bei den meisten zu allerhand Argwohn Anlaß, und solche trug auch sicher dazu bei, daß auf dem Marsche bis Beverungen verschiedene desertirten.“

„Freilich — fährt Steuernagel an einer andern Stelle fort — muß ich den Dienst einen Beruf nennen, obgleich der mehrere Theil dazu gezwungen, beschwätzt, beredet und so verleitet waren, ja sogar von den Kanzeln hierzu aufgefordert. Auf diese letzte Art soll denn auch dem Vernehmen nach der dreizehnte Vers aus dem vierundvierzigsten Psalm nicht unangeführt geblieben sein („Du verkaufest dein Volk umsonst und nimmst nichts darum“. Welcher Hohn!). Ich selbst erinnerte mich der Worte des alten Herrn Oberjägermeisters von Leliwa zum Oeftern, als derselbe, während wir am 2. Mai beim Abmarsch durch Arolsen marschirten, sagte: „Die hiervon wieder zurückkommen, will ich alle in Kutschen fahren lassen.“ Ich selbst glaubte damals noch allen hohen Gnadenversprechungen.“

Das waldecksche Regiment wurde am 2. und 3. Juni mit der zweiten hessischen Division eingeschifft und landete am 21. Oktober 1776 in New Rochelle bei New York. Die Seereise selbst muß schlimmer als das Fegefeuer gewesen sein. „Unsere Lagerstätten — erzählt Steuernagel — waren so enge eingerichtet, daß wir so hart aneinander liegen mußten, daß sich fast keiner vor dem andern rühren, noch weniger umwenden konnte. Sechs und sechs Mann hatten alle Mal einen Platz, ringsum von einem Brett umgeben, welcher fünf Fuß lang und sechs Fuß breit war. Wenn wir uns nun in diesem engen Behälter auf einer Seite mürbe gelegen hatten, so gab der Aelteste oder der das Kommando von diesen sechs Mann hatte, ein Zeichen, damit sich alle sechs zu gleicher Zeit auf die andere Seite legen konnten, und ohne dieses, da wir so gepackt liegen mußten, kamen wir doch zum Oeftern mit den Köpfen hin, wo wir zuvor mit den Füßen gelegen hatten oder fielen durch das starke Wanken des Schiffes aufeinander oder zum Oeftern aus unseren Betten heraus.

„Obgleich täglich Läuseparade gehalten wurde, so kam dies Ungeziefer doch durch die Länge der Zeit so häufig unter uns, daß sich sogar der Offizier nicht zu schämen brauchte, eine Laus auf seinem Rockärmel zu erhaschen und über Bord zu werfen. Die Ursache von dieser ekelhaften Gesellschaft auf dem Schiffe kam daher, weil der mehrste Theil der Soldaten lauter Leute waren, welche durch die in viele Gegenden ausgeschickten Werber waren zusammengebracht, mit keinem Hemde versehen waren, mithin die pro Mann empfangenen zwei Kommishemden nicht hinreichten, um einen so starken Besuch der Läuse abhalten zu können.“

Die Waldecker kamen kaum einen Monat nach ihrer Landung zuerst bei Fort Washington in's Feuer und verloren bei dieser Gelegenheit viele Leute. „Da hörte man — berichtet Steuernagel — die grausamsten Verwünschungen und Vorwürfe dieser unglücklichen Verwundeten, unter Berufung auf das allgemeine unparteiische Vergeltungsgericht, welche ich nicht wage hier anzumerken.“

In die offizielle Sprache des Fürsten übersetzt, hießen diese Flüche soviel, daß „seine Truppen vor Verlangen brannten, sich für Se. Majestät von Großbritannien zu opfern.“


Sechstes Kapitel.

Der ganze Feldzug des Sommers 1776 war bekanntlich für die englischen Waffen von seiner Eröffnung an bis Weihnachten ein entschieden siegreicher. Machten sie bis zum nächsten Frühjahr eben so schnelle Fortschritte, so war die schnelle Beendigung des Krieges in weniger als einem Jahre durchaus nicht unwahrscheinlich. So lange diese günstigen Aussichten dauerten, beeilte sich die englische Regierung durchaus nicht, von den ihr Seitens der deutschen Fürsten gemachten Truppen-Anerbietungen Gebrauch zu machen. Sie wählte vielmehr nur unter den ihr am besten geeignet erscheinenden Angeboten aus, um ihre deutsche Streitkraft in Amerika auf 20,000 Mann zu bringen.

England galt im Verhältniß zu den verkümmerten deutschen Zuständen und namentlich den verschuldeten Fürsten als ganz unermeßlich reich, weshalb seine Kundschaft von den letzteren auf's Eifrigste gesucht wurde. Einer von ihnen machte dem andern in der Weise der gemeinsten Krämer Konkurrenz. Jeder wollte einen günstigen Vertrag für sich und glaubte zu verlieren, wenn sein Nachbar schnellern Erfolg hatte. Als der Anspacher hörte, daß der Würtemberger auch im Markte war, ließ er Lord Suffolk durch seinen Minister insinuiren, daß die würtembergischen Stände sich dem beabsichtigten Vertrag widersetzten, daß also voraussichtlich die an eine Verhandlung mit dem Herzog verwandte Zeit verschleudert sein werde. Der Hesse wieder gab dem englischen Minister zu bedenken, daß der Kurfürst von der Pfalz, von dem man auch eine Zeit lang 4000 Mann zu nehmen beabsichtigte, zu viele Katholiken unter seinen Soldaten habe, und daß diese für das protestantische England ein zu gefährliches Element seien. An diesen Köder biß natürlich Suffolk an. Trotzdem, daß sich später bei näherer Untersuchung herausstellte, daß die Mehrzahl der Soldaten reformirt und nur die Offiziere meistens Katholiken waren, wurde doch aus dem Vertrage nichts. Es kümmerte den Landgrafen bei diesem uneigennützigen Eifer für das englische Seelenheil natürlich gar nicht der Umstand, daß er selbst katholisch geworden war.

Die katholischen, namentlich die geistlichen Reichsfürsten, blieben übrigens ihren alten Verbindungen mit Frankreich treu, so daß England nur mit protestantischen Reichsständen Verträge eingehen konnte. Blos Baiern, das seit einem Jahrhundert sich zu verkaufen gewohnt war, wenn es einen fetten Profit zu machen gab, wollte sich selbstredend auch dies Mal die günstige Gelegenheit zu einem so gewinnreichen Geschäft nicht entgehen lassen. In welcher für einen deutschen Reichsfürsten entwürdigenden Weise der alte Kurfürst den englischen Gesandten anbettelte, wie höhnisch dieser ihn abfertigte und wie klug er ihn für seine Zwecke ausbeutete, wird der Brief Elliott's selbst am Klarsten darlegen. „Der Kurfürst von Baiern — schreibt er am 1. April 1776 aus Regensburg an Suffolk — drückte mir wiederholt auf's Wärmste seinen Wunsch aus, mit dem König Subsidien-Verträge einzugehen und gab mir auf's Unzweideutigste zu verstehen, daß ich mich ihm in keiner Weise angenehmer machen könne, als indem ich eine Verhandlung beförderte, auf deren Gelingen er so großes Gewicht lege. Ich antwortete, daß ich keine Befehle in dieser Angelegenheit habe, und mit der Absicht, des Kurfürsten Verbindungen mit Oesterreich und Frankreich zu sondiren, that ich, als wenn ich erstaunt sei, sagte, ich habe geglaubt, Seine Hoheit seien zu eng mit den anderen Mächten verbunden, als daß Sie ohne deren Zustimmung ihre Truppen habe vermiethen können. Obgleich von dem Wunsche beseelt, ihr zu gefallen, sei ich doch mit einer Menge von Dingen nicht bekannt, so daß ich nicht wagen könne, den Gegenstand zu Hause zur Sprache zu bringen. Der Kurfürst erwiderte mir dann, daß es ihm ganz frei stehe, über seine Truppen in der für ihn gewinnreichsten, seinen Interessen entsprechendsten Weise zu verfügen. Zugleich bat er mich, seinen Ministern nichts von seinem Wunsche mitzutheilen, da er sich ohne die Aussicht auf einen daraus herzuleitenden Vortheil der Unannehmlichkeit seines Bekanntwerdens nicht aussetzen wolle. Ich glaube kaum, daß der König das Anerbieten annehmen wird; zudem sind die bairischen Truppen die schlechtesten, die ich in Deutschland gesehen habe. Ich sagte aber, ich wolle die Angelegenheit zu Hause in der gewünschten Weise anregen, Seine Majestät werde natürlich das ihr bewiesene Vertrauen sehr hoch schätzen. Ich war um so vorsichtiger, die Möglichkeit einer derartigen Verbindung mit Baiern nicht zu zerstören, als die Intimität, mit welcher der Kurfürst mich jetzt behandelt, mir eine Quelle der besten Information über wichtige Dinge eröffnet, die ich an einem, an Oesterreich und Frankreich verkauften Hofe nicht anders erlangen kann, wo der Fürst selbst es für geeignet hält, mich gegen seine eigenen Minister zu warnen.“

Natürlich lehnte Suffolk auf Grund der obigen Schilderung seines Gesandten jede Unterhandlung mit Baiern ab und hielt es nicht einmal für der Mühe werth, Faucitt zur nähern Prüfung der Thatsachen an Ort und Stelle zu schicken. Er that recht daran, denn in dem ganzen damaligen heiligen römischen Reiche gab es keine liederlichere, verkommenere und durch Pfaffen-, Günstlings- und Weiber-Regiment herunter gebrachtere Wirthschaft als das Kurfürstenthum Baiern. Es würde eine Beleidigung gegen ein hochstehendes Wort unsers Sprachschatzes sein, wollte man diesen verächtlichen Klüngel Staat nennen. In allen öffentlichen Fragen ist hier das kleinlichste persönliche und Privat-Interesse maßgebend. Ein ähnliches Bild servilster Steifbettelei und anspruchvollster Hohlheit, wie es der Münchener Hof bietet, hat selbst die Phantasie des Dichters im spanischen Bedientenroman nicht zu zeichnen vermocht. Wie die Indianer mit Spielzeug, Glasperlen und bunten Steinen sich ködern lassen, so sind diese jämmerlichen Tröpfe, welche die Regierung Baierns besorgen, stets für baares Geld zu haben, wenn sie nur im wesenlosen Scheine und erborgten Schimmer weiter vegetiren können. Ob der Herr zufällig Maximilian Joseph oder Karl Theodor heißt, ist dem hungrigen Hofgesinde ganz gleichgültig. An diesem Hofe wird heute Minister-Konferenz darüber gehalten, ob das Band des Georgs-Ordens von links nach rechts oder von rechts nach links getragen werden soll; morgen entspinnt sich ein heftiger Streit darüber, ob der päpstliche Nuntius an der kurfürstlichen Tafel einen Pagen hinter seinem Sessel erhalten soll oder nicht. Dann wieder entsteht große Freude darüber, daß der Papst endlich einwilligt, den Kurfürsten als Sohn eines Kaisers seinen filius dilectissimus statt dilectus zu nennen, oder ein ander Mal droht auch eine Kabinetskrise über die schwierige Frage zu entstehen, ob der österreichische Gesandte Exzellenz genannt, und ob seine Frau bei Tafel vor den Hofdamen (Hofmenscher sagt der Bericht weniger höflich, aber vielleicht desto wahrer) sitzen soll. Wenn die Finanznoth unerträglich wird, so miethet man einen Goldmacher für den Hof; fließen die Subsidien dagegen willig, so schafft man ihn bei Seite, und tritt wieder Ebbe im Schatz ein, so läßt man ihn von Neuem kommen. Den ungehorsamen Unterthanen gegenüber versteht aber Serenissimus keinen Spaß. So ward am 9. Februar 1771 der Beimautner Joseph Schmoeger zu Ploettenberg auf der gewöhnlichen Richtstätte „durch das Schwert vom Leben zum Tode hingerichtet, weil er unter strafbarer Verletzung der diesfalls erlassenen kurfürstlichen Generalien 900–1000 Scheffel Getraide außer Landes gelassen hatte.“ Eine vom Kurfürsten auf seine eigenen Kosten ausgebildete Tänzerinn, Gertrud Ablöscher, welche von München nach Wien durchgegangen war, ward mit einer so ungewohnten Energie und Erbitterung verfolgt, daß Baiern mit Maria Theresia, welche in die von ihr verlangte unbedingte Auslieferung nicht einwilligen wollte, in heftigen Streit und die unerquicklichsten Verhandlungen gerieth. Die Tänzerinn erhielt in München 150 fl. jährlichen Gehalts und 50 fl. persönliche Zulage, während sie in Wien viel besser gestellt wurde. Steckt der Staatskarren zu tief im Sumpfe, so wird vom ganzen Hofe nach Alt Oetting gewallfahrtet und der Zorn des Himmels durch Gebete beschworen. So lebte man eigentlich nur vom Gebete und vom Bettel, den man euphonistisch Subsidien nannte. Sämmtliche europäische Regierungen wußten das, und sie selbst begünstigten dieses ehrlose Geschäft, da sie bei vorkommender Gelegenheit Baiern in ihrem Interesse zu benutzen und gegen ihren jeweiligen Feind zu verwenden suchten.

„Ganz kenntlich — schreibt Maria Theresia am 23. Juni 1751 an ihren Gesandten Widmann in München — gehet das Absehen des Münchener Hofes dahin, nebst dem von Uns und beiden Seemächten ziehenden Gold annoch von Frankreich Geld zu ziehen, ohne für den ein noch andern Theyl etwas werkthätiges zu thun. Mit allem dem trauete Frankreich dem churbayerischen Hofe nicht recht und hat von dessen meisten Ministris die übelste, von dem Churfürsten selbst aber die Meynung, daß er ein schwacher zaghafter Herr seye.“ „„Aus dem hier habenden Grundsatze antwortet Widmann am 4. Juli — von allen Seithen Geld und Subsidien zu nehmen, machet man fast kein Geheimniß.““ Unmittelbar vor dem siebenjährigen Kriege erklärte der Kurfürst lieber die dreifachen Subsidien von Frankreich ausschlagen zu wollen, wenn ihm Oesterreich die einfachen Subsidien garantire, und der Minister Freiherr v. Berchem sagte: „Ohne Subsidie können wir nicht seyn und unsere Interessen müssen wir auf der einen oder andern Seithen finden.“ „Wenn nicht in Bälde, schreibt Widmann am 26. Dezember 1755 — von London aus wegen Erneuerung des Subsidienvertrages vergnügliche Nachrichten einlaufen, dürfte der Kurfürst nicht länger mehr anstehen, endlich solche von Frankreich anzunehmen.“

Bekanntlich zeichneten sich die während des siebenjährigen Krieges bei der Reichsarmee stehenden bayrischen Truppen durch nichts weniger als durch Heldenthaten aus. Von welcher Beschaffenheit sie aber bei Ausbruch des amerikanischen Krieges gewesen sein müssen, geht aus der von Seb. Bruner in seinem Buche: „Der Humor in der Diplomatie“ mitgetheilten Korrespondenz hervor. Es schreibt nämlich der kaiserliche Gesandte Graf Lehrbach am 24. März 1778, also zwei Jahre nach dem Anerbieten des Kurfürsten und einige Monate nach dessen Tode, an den Minister Fürsten Kaunitz-Rittberg: „Der Militärstand ist nach der Cameral-Einrichtung auf 15,000 Mann, dermalen kaum 3000 Mann unter Gewehr, nebst einem Invaliden- und Garnison-Regiment. Zum Unterhalt dieser 15,000 Mann, worunter 39 Generale, sind alle Monat 93,000 fl. Vorschuß bestimmt, wovon der Unterhalt der Festungen, des Generalstabs und Alles, was zum Militärstand gehörig, zu bestreiten wäre, welche auch so verwandt werden, als ob dieser Stand wirklich vollzählig wäre. Welches auch leicht begreiflich, wenn man unter Anderem diesen Unfug beherziget, daß wenn eine Offiziers- oder andere Frau gesegneten Leibes war, hat man es entweder durch bloße Protektion oder mittelst Geldverwendungen, welches in diesem Lande für alle Gattungen von Bedienstungen oder Gnadenerweisungen der schicklichste Erhaltungsweg war, dahin gebracht, daß für noch nicht geborene und zur Welt gebrachte Leibesfrucht eine Offiziersstelle ertheilt worden ist. Wenn dann entweder eine todte Frucht zur Welt gekommen oder gar eine Tochter oder ein Sohn, der aber gleich oder nicht lange nachher gestorben, so hat die Familie oder Eltern der Kinder doch immer die Erträgnisse der gegebenen Offizierspatente fortgenossen. Die für die Beurlaubten ersparten Gelder fließen in die Tasche des Kurfürsten.“ Natürlich gerieth unter solchen Umständen Alles in Unordnung; es herrschte unter den Truppen Unzufriedenheit und Desertion. Kurz vor Ausbruch der französischen Revolution waren bei den Chevauxlegers-Regimentern 150 Pferde und 40 Sättel und für erstere nicht einmal die gehörigen Pferdestriegel vorhanden.

Es war also kein Wunder, wenn die bayrischen Soldaten zu jener Zeit nach den päpstlichen als die schlechtesten in Europa galten, und es war weise von Suffolk, daß er kurzer Hand das kurfürstliche Anerbieten verwarf. Dagegen zog er die ihm im Dezember 1776 gewordenen Offerten Würtemberg's und Brandenburg-Anspach's näher in Betracht und betraute zu Anfang des Jahres 1777 den Obersten Faucitt mit einer Sendung an die Höfe von Stuttgart und Anspach, um womöglich sofort mit ihnen einen Truppenlieferungs-Vertrag abzuschließen.

Da dieses Kapitel nur den verfehlten Versuchen Suffolk's, deutsche Hülfstruppen zu erlangen, gewidmet ist, so mögen hier zuerst die Verhandlungen mit Würtemberg ihren Platz finden, wenn sie auch, der Zeit nach, einige Wochen nach dem mit Anspach geschlossenen Vertrage begonnen und beendigt wurden.

Sir Joseph Yorke hatte Suffolk im September 1775 den Herzog von Würtemberg als einen Fürsten genannt, der wohl im Stande sein werde, einige Tausend Mann zu liefern; auch der Herzog selbst hatte sich dem Minister angeboten. Es kam also zunächst auf den Versuch an, Verhandlungen mit ihm anzuknüpfen.

Das Herzogthum Würtemberg zählte zu jener Zeit bei einer Größe von ungefähr 200 Quadratmeilen 514,575 Einwohner. Der Herzog Karl Eugen (1744–1793), der berüchtigte Peiniger Schubart's und Moser's, sowie spätere Gründer der Karlsschule, war zu jener Zeit noch der Landes- und Volksquäler, der nach dem von ihm zuerst öffentlich aus dem Französischen übersetzten zynischen Grundsatz handelte: „Was Vaterland! Ich bin das Vaterland!“ und sich erst im Jahre 1778 unter dem Einfluß einer verständigen und sanften Frau zu einem bessern Lebenswandel bekehrte. Zwanzig Jahre früher nannte er die Beschwerde seiner Stände über den ohne ihr Wissen mit Frankreich abgeschlossenen Subsidien-Vertrag, der ihm drei Millionen Gulden einbrachte, aufrührerisch und unanständig und drohte der ständischen Vertretung mit dem Asperg. Herzog Karl Eugen hat übrigens die Ehre, durch seinen Ex-Feldscherer Schiller der Nachwelt viel genauer bekannt geworden zu sein, als er verdient; so dankbar ist das deutsche Volk gegen seinen großen Dichter, daß es den kleinen Tyrannen, weil er fördernd und hemmend in dessen Jugend eingriff, sogar in Dichtung und Sage verherrlicht hat. Der Leser kann für die nähere Charakteristik dieses Mannes deshalb füglich auf die populären Lebensbeschreibungen Schiller's von Palleske und Scherr verwiesen werden. Hier nur ein Zug, der ihm unter seinen Zeitgenössischen Brüdern und Vettern als den rohesten und grausamsten kennzeichnet. Als er Schubart mit gerade demselben Recht eingekerkert hatte, mit welchem ein tunisischer Seeräuber seiner Zeit Menschen an den Küsten des Mittelmeeres stahl, zwang er sein volle zehn Jahre eingesperrtes und gemartertes Opfer sogar, ihn, den gnädigsten Peiniger, an seinen Geburtstagen zu besingen. Der arme gebrochene Mann ließ sich leider zu dieser Entehrung mißbrauchen. Die Sammlung der Schubart'schen Gedichte ist reich an derartigen, auf Bestellung gelieferten Ergüssen. Ein paar Proben, auf gutes Glück herausgegriffen, mögen in der Anmerkung Platz finden.[3]

Auch die Herzöge von Würtemberg machten wie ihre fürstlichen Kollegen seit Menschenaltern gern Geschäfte in Truppenlieferungen und waren in der Herbeischaffung von wohlqualifizirten Subjekten durchaus nicht bedenklich. In dieser Beziehung ist Karl Eugen nicht schlechter als seine Vorfahren; er handelte höchstens noch rücksichtsloser und konsequenter als sie. Man ist in der That oft in Verlegenheit, wem von ihnen man den Preis zuerkennen soll, aber in letzter Instanz muß man sich doch für Karl Eugen als den niederträchtigsten entscheiden.

Die langjährigen Zwistigkeiten des Herzogs mit seinen Ständen wurzeln zum großen Theil in der Willkür, mit welcher er seine Truppen aushob und erhielt; sie geben uns das aktenmäßig beglaubigte Material an die Hand, zur Beurtheilung der Soldateska während der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Nirgend im damaligen Deutschland war das Rechtsbewußtsein so ehrlich und schroff entwickelt als bei den braven Schwaben. Eine kurze Uebersicht über ihre Streitigkeiten mit dem Herzog ist äußerst lehrreich für das Verständniß der uns beschäftigenden Epoche. Ex uno disce omnes!

In den ersten Jahren seiner Regierung enthielt sich Karl Eugen jedes gewaltthätigen Eingriffs in die Rechte seiner Unterthanen und zwang sie namentlich nicht zum Dienste. Erst allmälig entwickelte sich der Sultan in ihm. Als der siebenjährige Krieg ausgebrochen war, und als der Herzog neben den 6000 Mann Hülfstruppen, die er Frankreich geliefert hatte, sein Reichskontingent stellen sollte, das bis dahin nicht vorhanden war, da schritt er mit einer Rücksichtslosigkeit zur gewaltsamen Aushebung seiner Bürger und Bauern, die im schroffsten Gegensatze zu deren verbrieften Rechten stand und zu langjährigen Zwistigkeiten mit den Landständen führte. Der berüchtigte Major Rieger erhielt Vollmacht, in kürzester Zeit die nöthige Truppenzahl zu liefern. So schwer das war, da die Schwaben gegen Friedrich den Großen als Beschützer des Protestantismus in Deutschland nicht dienen wollten — Karl Eugen war katholisch — so erfüllte Rieger doch seinen Auftrag. Wer achtzehn Jahre und sonst tauglich war, mußte Soldat werden; vom Feld und aus den Werkstätten, aus den Häusern und aus den Betten holte man die Leute, umstellte Sonntags die Kirche und ließ sie von da gewaltsam fortschleppen; zur Unterzeichnung der Kapitulation aber zwang man sie durch Hunger und Gefängniß. Beamte, die sich hierbei nicht recht thätig zeigten, wurden mit strengen Strafen bedroht. Die auf solche Art zusammengeraffte Mannschaft empörte sich jedoch, als sie in's Feld ziehen sollte, und Rieger mußte mit noch grausamerer Strenge ein neues Heer zusammenbringen. — Ueber dies Verfahren entstand allgemeiner Unwille im Lande; indessen fruchteten die wiederholten wehmüthigsten, aber respektvollsten Vorstellungen des ständischen Ausschusses nicht. Weil aber die Desertionen so sehr überhand nahmen, daß die Truppen in kurzer Zeit 360 Deserteure zählten und im September 1757 allein aus dem Feldlager bei Linz 62 ausrissen, so wurden die Gesetze gegen das Desertiren bedeutend verschärft. Selbst wer mit Gewalt zum Kriegsdienst weggenommen war, wurde, sobald man ihn wieder ergriff, gehängt und mit Vermögensverlust bestraft. Wer einem Deserteur half, verlor das Bürgerrecht, wurde ohne weitern Prozeß ins Zuchthaus abgeführt und hier, unter wiederholtem Willkomm (d.h. Stockprügeln) zu harter Arbeit angehalten. Um das Entkommen der Ausreißer zu verhindern, wurde befohlen — in der Würtembergischen Geschäftssprache nannte man die Maßregel Deserteur-„Attrapirungs-Anstalten“ — daß die Nachtwächter auf den Nebenwegen längs den Dörfern alle Nächte streichen mußten. Wenn Lärm gemacht wurde, so hatte die aufgerufene Gemeinde augenblicklich alle Straßen, Brücken, Nebenwege und Fußsteige zu besetzen und wenigstens vier und zwanzig Stunden lang besetzt zu halten. Wegen eines einzigen Ausreißers hatte in solchen Fällen Tübingen 106, Herrnberg 92, Böblingen 101, Besigheim 48 Mann auszuschicken; der kleine, aus fünfzig Familien bestehende Ort Dachtel stellte in einem Jahre 1488 Mann auf die Alarmplätze. Nicht selten verloren beim Widerstand bewaffneter Ausreißer arme Familienväter Leben oder Glieder. Derjenige Ort aber, auf dessen Gemarkung ein Deserteur nicht aufgehalten wurde, obgleich es hätte geschehen können, mußte einen Mann von der Größe des Entwichenen stellen, und namentlich sollte dann bei den Söhnen des Ortsvorstehers der Anfang gemacht werden. Dieser Befehl war alle Monate von der Kanzel zu verkündigen. Am 1. Oktober 1758 erhielten die Beamten den Auftrag, die Aushauser fortwährend namhaft zu machen und allenfalls gleich einzuschicken, „und zwar nicht blos solche, die ihr Vermögen schon verthan hätten, sondern überhaupt Alle, welche ein liederliches Leben führten, Trunkenbolde, Raisonneure, illegale Müßiggänger, unruhige Köpfe, subtile und schleichende Aufwiegler oder andere dem Publikum politisch oder zur Last fallende Leute, welche nicht über 60 Jahre alt, nicht gebrechlich und wenigstens 5 Fuß 8 Zoll hoch seien.“ Als Grund für diesen Befehl wurde vom herzoglichen Zuchtmeister angegeben, daß viele Beispiele von solchen Leuten vorhanden seien, die sich im Militärdienst ganz und gar geändert und der hier herrschenden preiswürdigsten Ordnung und Disziplin dergestalt folgsam erzeigt hätten, daß man sich bei ihrer einstigen Entlassung gehorsame, ruhige und vernünftige Bürger an ihnen zu versprechen habe.

Die Beschwerden der Landstände „mit ihrer in Staatssachen schwachen Einsicht“, wie der Herzog meinte, wurden keiner Antwort gewürdigt, der Landschafts-Konsulent Moser aber, die Seele der Opposition und der berühmte Staatsrechtslehrer, ward verhaftet und auf den Asperg geschafft.

Als 1760 nach Ablauf des Subsidienvertrages mit Frankreich der Plan mißlungen war, 6000 Mann Fußvolk in spanische Dienste zu bringen, wurde die um's Vierfache gesteigerte Militärlast von 10,290 Mann auf's Land gewälzt. Der Herzog versprach zwar, daß er sich alle Mühe geben werde, um durch einen neuen Subsidienvertrag seinen lieben und getreuen Unterthanen eine nicht geringe Erleichterung des verlangten Militärbeitrags zu verschaffen; es wollte aber kein soldatenbedürftiger Fürst die Würtemberger. Während diese unter tüchtiger Führung zu den allerbesten deutschen Soldaten gehörten, war zu jener Zeit ihre Abneigung gegen den Dienst ganz berechtigt. Damals war das Militär bei seinen eigenen Landsleuten verachtet und verabscheut. Den jungen Würtemberger wandelte ein Schauder an, wenn er nur Soldaten sah; lieber verließ er das elterliche Haus oder erlegte starke Majoritätsgelder, um heirathen zu dürfen, wenn er von einer Aushebung hörte. Die Ursachen dieser Abneigung vor dem Militärstand lagen in den allzuschroffen Kriegsartikeln, in dem kläglichen Sold, der zerlumpten Kleidung, den abgedrungenen Kautionen, in der schlechten Behandlung der Soldaten, in den nicht gehaltenen Kapitulationen, den erzwungenen Loskaufungsgeldern und dem Schicksal der verwahrlosten, Abscheu und Ekel erregenden Invaliden und der abgedankten als Bettler herum ziehenden Soldaten. Deßwegen wähnte man damals, das Militär sei blos ein Zuchtinstitut, wohin nur Taugenichtse, Aussauger, Faullenzer, Verschwender, mißrathene Söhne und Sträflinge gehörten. Der Bauernbursche glaubte, daß das Soldatenhandwerk nur durch Stockprügel und Regimentsstrafen erlernt werden könne. Selbst noch zu Anfang der französischen Revolution waren die Würtembergischen Soldaten bloß ein Haufen zusammengestoppelter, der Strapazen ganz ungewohnter Leute, von denen die meisten nur darum gern in's Feld zogen, um eine schickliche Gelegenheit zum Ausreißen zu finden. Der Abgang wurde zwar durch Werbungen wieder ersetzt, aber die Rekrutentransporte waren öfters, noch ehe sie die Standquartiere erreichten, unterwegs durch Desertion oder durch die Künste fremder Werber auf die Hälfte herabgeschmolzen, so daß man sie zuletzt stets durch Husaren begleiten ließ. Lange Zeit war daher auch das Desertiren und Rekrutiren die größte Kompagnieneuigkeit und Desertion der gewöhnliche Frührapport. Ein Theil des Kontingentes aber bestand aus alten und gebrechlichen Leuten, welche täglich um ihren Abschied oder den Invalidengehalt baten, und der kleinere Theil war durch die vielen Veränderungen und das böse Beispiel der Deserteure ganz mißmuthig und verdrießlich geworden. Die Artillerie allein machte eine Ausnahme von diesem schlechten Zustand. (Pfaff's Geschichte des Militärwesens in Würtemberg. Stuttgart. 1842. pp. 66–87.)

So viel sich auch die Landstände beklagten, sie fanden kein Gehör. Im Jahre 1764 beliefen sich ihre Militärbeschwerden auf mehr denn fünfzig, darunter die Klage über die ohne Wissen der Landschaft geschlossenen Bündnisse und Subsidienverträge, über die gewaltsamen Aushebungen, über die den jungen Leuten abgedrungenen Loskaufgelder von 50–100 fl., über das Verfahren gegen diejenigen, welche ihre Kapitulationszeit vollendet hatten und nun durch Fuchteln, Stockschläge, Einkerkerung und andere harte Strafen zu längerm Dienste oder zu Arbeiten beim herzoglichen Bauwesen gezwungen wurden, wo sie oft lange Zeit weder Sold noch Lohn erhielten und daher in zerrissenen Monturen, ohne Schuhe und Strümpfe auf dem Bettel umherziehen mußten. Die Stände klagten ferner über die zu strengen Strafen gegen Deserteure, über die Wegführung der mit Gewalt weggenommenen Unterthanen in's Ausland, über die harte Bestrafung der verheiratheten Bürger, welche bei der angeordneten Landesdefension nicht erschienen, und der Eltern und Verwandten der Rekruten, wenn sie diese verbärgen, über das auf Befreiung vom Militärdienst gesetzte hohe Lösungsgeld, welches im Ganzen gegen 500,000 fl. betrage und welches selbst solche zahlen müßten, welche ihre Kapitulationszeit schon überstanden hätten, über die Fortdauer der Einquartierung, ungeachtet der ansehnlichen Beiträge des Landes zum Kasernenbau, über die durch den häufigen Garnisonswechsel verursachten Unkosten, über die höchst beschwerlichen „Deserteurs-Attrapirungsanstalten“, über die Bedrohung und Bestrafung der Gemeindevorsteher, welche beschuldigt würden, daß sie Ausreißer hätten durchkommen lassen, über die Erleichterung der Soldaten- und die Erschwerung der bürgerlichen Ehen, über den Schaden, welchen Gewerbe und Landwirthschaft durch die gewaltsame Wegnahme der Handwerksburschen und Dienstknechte erlitten, über die erzwungene Uebernahme der ausgemusterten Wagen- und Artilleriepferde, wodurch den Aemtern ein Schaden von 200,000 fl. erwüchse, über die vielen Leistungen von Vorspann bei „Campements“ und Garnisonswechseln, den Ruin der Felder und die Verhinderung der Leute an ihren Feldarbeiten, sowie endlich über den übergroßen Generalstab, die zahlreichen Offiziere und die kostbaren Montirungen und Equipirungen.

Der Herzog, erbittert über den nur zu gerechten Tadel, schickte die Landstände nach Hause. Diese ließen sich aber durch seine Drohungen nicht einschüchtern, sondern reichten, durch die Könige von Dänemark, England und Preußen als Garanten der Würtembergischen Verfassung unterstützt, am 30. Juli 1764 eine gerichtliche Klage gegen des Herzogs verfassungswidriges Betragen beim Reichshofrath ein, welcher am 15. Mai 1765 den Landständen Recht gab und Karl Eugen zur gütlichen Beilegung des Streites aufforderte. Jetzt gab dieser nach. Das Resultat der Verhandlungen war der sog. Erbvergleich vom 2. März 1770, welcher die Rechte des Herzogs und der Landschaft festsetzte. Von jetzt an hörten die schreiendsten Mißstände wenigstens eine Zeit lang auf; im Uebrigen ging bald Alles wieder seinen alten Schlendrian. Als 1782 die Stände sich von Neuem darüber beschwerten, daß die Ursache der starken Auswanderung neben den Forst- und Jagdklagen in den Beschwernissen liege, welche der Unterthan durch das Militärwesen zu erdulden habe, nannte der Herzog ihre Bemerkungen eine ganz unanständige Zensur.

Wie sehr übrigens die Stände in ihren Streitigkeiten mit dem Herzog Recht hatten, beweist u.A. die von dem letztern 1765 und 1766 bewirkte Reduktion seines Offizierkorps, um dem Reichshofrath weniger schuldig gegenüber treten zu können. So entließ er im erstgenannten Jahre 3 Generalmajore, 3 Obersten, 1 Obristlieutenant, 5 Majore, 62 Hauptleute, 113 Lieutenants und 26 Fähndriche, während er 1766 noch 1 Feldzeugmeister, 1 Generallieutenant, 5 Generalmajore, 3 Obersten, 1 Major und 1 Rittmeister pensionirte. Die Offiziere selbst waren nichts als rohe Landsknechte, denn sie wurden nicht so sehr nach der Tüchtigkeit als nach den Vorzügen der Geburt gewählt, am Willkommensten aber waren Ausländer. Hierdurch aber kam ein Geist des Uebermuths unter die Offiziere, durch welchen sämmtliche Klassen des Bürgerstandes schwer leiden mußten; denn diese wurden „recht rittermäßig gehudelt“, selbst an Ober- und Staatsbeamten wurden Rippenstöße und Stockprügel ausgetheilt, „das Heiligthum der Landesrechte und Freiheiten aber mit Füßen getreten.“ Nur eine einzige, dem Ende der uns beschäftigenden Periode angehörige und in Schlözer's Staats-Anzeigen erzählte Anekdote möge hier als charakteristisch für den Geist des würtembergischen Kriegsheers einen Platz finden. Am 24. Mai 1783 ließ ein Lieutenant von Böhnen in Stuttgart einen an der Hauptwache vorbeigehenden Kammerrath, weil er den Hut nicht vor ihm abgezogen, in die Wachtstube schleppen und ihm fünfundzwanzig Stockschläge aufzählen. Der Geprügelte erhielt einzelne Hiebe auf den Kopf und schwebte mehrere Tage in Lebensgefahr. Es sei der hochmüthigen Schreiberseele schon recht geschehen, meinte das Hofgesindel. Natürlich kam der adlige Lieutenant so gut wie straffrei davon.

Der Herzog wußte zu gut aus eigener Erfahrung, daß man mit rebellischen Unterthanen so leicht und schnell nicht fertig wird und lächelte ungläubig ob der Naivetät Suffolk's, als dieser die Revolution in einem Feldzug niederwerfen zu können erklärt hatte. Karl Eugen wartete deshalb auch seine Zeit ab. Kaum hörte er von den Siegen der Engländer auf Long Island, als er dem König zur glücklichen Niederwerfung der Rebellion Glück wünschte und zugleich seine Truppen für den nächsten Feldzug anbot. Dieser Brief wurde von Wilhelm Römer, dem würtembergischen Agenten in London, am 9. Dezember 1776 überreicht. Bald darauf kam der Herzog selbst. Es scheint aber nicht, daß sein persönliches Erscheinen einen günstigen Eindruck auf Suffolk gemacht habe, wenigstens förderte es die Verhandlung nicht. Am 19. Januar 1777 bot Römer in aller Förmlichkeit 3000 Würtemberger an, die gegen Mitte März in Heilbronn eintreffen und sich dort einschiffen sollten. „Ich erlaube mir — schrieb Römer — am Schlusse zu versichern, daß der Herzog bei seiner hohen persönlichen Ehrerbietung vor Seiner Majestät Alles aufbieten wird, sich bei dieser Gelegenheit durch sorgfältig ausgewählte Mannschaften und gute Ausrüstung der Offiziere und Soldaten auszuzeichnen, und daß er den König, Ew. Lordschaft und den Oberbefehlshaber in Amerika zu befriedigen suchen wird.“

Als Suffolk am 14. Januar 1777 Faucitt seine Instruktionen für Anspach gab, fügte er einen gleichlautenden Auftrag für Würtemberg bei. „Der König — sagte er — will die 3000 Mann, welche der Herzog ihm angeboten hat, annehmen. Die zu liefernden Truppen sollen aus 100 Mann per Kompagnie, mit je vier Offizieren und eben so viel Sergeanten, ein Sechstel des Ganzen aber aus Jägern bestehen, falls Sie so viel gute und erfahrene Jäger haben können. Je jünger die Offiziere, desto besser! Jedes Bataillon muß seine Geschütze mitnehmen und das ganze Korps am 10. März zur Einschiffung fertig sein.“ „Die Mittheilung mag Ihnen von Nutzen sein — fügte Suffolk in einem vertraulichen Schreiben hinzu — daß der Herzog von Würtemberg und der Markgraf von Anspach besonders warm wünschen, ihre Truppen Seiner Majestät zu vermiethen, und daß die desfallsigen Vorschläge nicht von uns ausgegangen, sondern von ihnen gemacht sind. Römer, des Herzogs hiesiger vertrauter Agent, hat mir zudem versprochen, daß die zu liefernden 3000 Mann möglichst auf den englischen Fuß gestellt und mit so wenig überflüssigem Zubehör versehen sein sollen, als nur möglich ist. Hoffentlich denkt der Herzog nicht daran, einem Offizier von höherm Rang als General-Major den Befehl über seine Truppen zu übertragen.“

Als Suffolk das Anerbieten des Herzogs annahm, war er von der falschen Voraussetzung ausgegangen, daß dessen stehendes Heer doppelt so groß als das versprochene Kontingent sei, in welchem Irrthum er durch einen im englischen Kriegsministerium befindlichen Bericht des Hauptmanns Pleydell bestärkt wurde. Dieser Offizier hatte nämlich Stuttgart zu Anfang September 1775 besucht und war offenbar durch die glänzende Außenseite der würtembergischen Residenz, durch den Herzog und seine Minister geblendet worden; er hatte die auf dem Friedensfuß stehende Armee des Herzogs auf 5500 Mann geschätzt und sich äußerst anerkennend über die guten Eigenschaften der Truppen, die schönen Kasernen, die prächtigen Uniformen und die guten Pferde ausgesprochen.

Anders lautete die Lesart, die jetzt Faucitt bei genauerer Besichtigung gab.

„Ich wurde — schreibt er am 7. Februar 1777 von Stuttgart — dem Herzoge am Tage meiner Ankunft von Anspach (3. oder 4. Februar) vorgestellt. Er versprach mir sofort, dem Könige die 3000 Mann zur festgesetzten Zeit zu liefern; die Minister versicherten aber, daß dieses Versprechen sich unmöglich erfüllen lasse. Ich bedaure, daß meine Verhandlungen an diesem Hofe voraussichtlich zu Nichts führen werden. Der Herzog ist nicht im Stande, ein Drittel der in Aussicht gestellten Truppen zu liefern. Sein Kredit und seine Finanzen sind bei einer so niedrigen Ebbe angekommen, daß er, selbst wenn er die Truppen auszuheben vermag, unmöglich gute Waffen und Uniformen anschaffen kann, um sie für's Feld auszurüsten. Seit ich in Deutschland bin, habe ich schon viel von des Herzogs ruinirten Verhältnissen gehört; ich finde jetzt die weitgehendsten Schilderungen bestätigt, namentlich aber sind seine Mittel so erschöpft, daß er gar nicht an die Ausrüstung eines Korps für Amerika denken kann. Seine ganze Armee besteht aus 1690 Mann (Offiziere und Unteroffiziere nicht mit eingeschlossen). Die Kavallerie beträgt 410 Mann; die Infanterie 1060 und die Artillerie 220 Mann. Ein Infanterie-Regiment hat im Durchschnitt 240 Mann und ein Kavallerie-Regiment 120 Mann! Ein großer Theil der Soldaten ist beurlaubt. Was bei den Fahnen steht, ist der steif, alt und dekrepit gewordene Ueberrest aus dem letzten Kriege. Um die Desertion zu verhindern, giebt man den Soldaten, deren Zeit längst abgelaufen ist, ihre fällig gewordene Löhnung nicht. Ihre Waffen stammen aus dem letzten Kriege, sie sind von allen Kalibern, dabei abgenutzt und werthlos. Ihre Feld-Ausrüstung und Zelte sind von noch schlechterer Beschaffenheit. Die Offizierszelte sind in Stücke geschnitten und in verschiedene Formen gebracht, um bei den ländlichen Festen des Herzogs zu dienen. Ohne neue Zelte können sie gar nicht marschiren. Dieser entmuthigende Zustand der würtembergischen Armee erschreckte mich derartig, daß ich mir des Herzogs Geständniß, er könne nicht alle 3000 Mann in der vorgeschriebenen Zeit liefern, zu Nutze machte und erklärte, ich müsse auf der ganzen Zahl bestehen, jedenfalls Ihnen aber erst Bericht erstatten. Der Herzog ernannte zwei seiner Minister und einen Major zur Unterhandlung mit mir, welche keinen der bisherigen Verträge kannten. Ich entwarf einen nach dem Muster des braunschweigischen, da dieser der mäßigste von allen ist. Die Subsidien beschränkte ich auf sechs Monate, statt zwei Jahre wie in Braunschweig einzuräumen. Ebenso bewilligte ich vor dem Abmarsch nur sieben Tage Löhnung statt zwei Monate. Ich war natürlich bereit, bessere Bedingungen zu gestatten, falls es verlangt würde. Die Herren machten aber nicht die geringsten Einwendungen.“

„Ich kann mich noch immer nicht — fährt Faucitt von Kassel aus am 17. Februar 1777 fort — über den Aerger der Enttäuschung in Stuttgart beruhigen. Ich fürchte, daß dieser bedeutende Ausfall an Truppen ernstliche Unannehmlichkeiten nach sich ziehen wird. Ich bin mir aber bewußt, recht gehandelt zu haben. Alle Manöver schlugen bei mir fehl. Weder die schmeichelhaften Höflichkeiten, noch die ausgesuchteste Artigkeit und Aufmerksamkeit haben mich verlockt. Ich habe auch nicht für einen Bruchtheil der Truppen abgeschlossen, da diese, ganz abgesehen von ihrer schlechten Equipirung und Bewaffnung, doch für den aktiven Dienst nicht getaugt haben würden. Der Herzog hat sich seit einigen Jahren so sehr weibischen Vergnügungen hingegeben, daß er das Militärwesen ganz vernachlässigt und in Verfall gebracht hat. Was ich in seinem Arsenal in Ludwigsburg sah, hat mich in meinen ersten ungünstigen Eindrücken nur bestärkt. Ich fand daselbst nur einen schönen Artillerie-Train, den wir aber nicht brauchen können; die dort befindlichen Gewehre verschiedensten Kalibers sind alt, ihre Schlösser zerbrochen oder außer Ordnung; die wenigen Zelte sind alte schäbige Ueberreste aus dem letzten Kriege. Ich zog mich deshalb so gut ich konnte aus der Schlinge, sprach von gegenseitigem Mißverständniß über Zahl und Lieferungszeit der Truppen und reiste ab.“

Suffolk gab Faucitt unbedingt Recht und meinte nur, ob man nicht Malsburg einen Wink geben und die brauchbaren würtembergischen Jäger nicht zur Vervollständigung der hanauischen Jäger-Abtheilung benutzen könne. Malsburg verstand den Wink und fast ein Drittel der letzten drei hanauer Jäger-Kompagnien, die im April in Nimwegen ankamen, waren Würtemberger.

Uebrigens regte Faucitt selbst im April 1777 von Kassel aus den Plan wieder an, wenigstens 1000 bis 1500 Mann vom Herzog von Würtemberg zu miethen, der nach wie vor von Ehrerbietung gegen den König von England überströmte und es sich als besondere Gnade ausbat, daß seine Truppen einigen Antheil an der Niederwerfung der amerikanischen Rebellion nehmen dürften. Suffolk meinte zwar, diese Dienstwilligkeit ziele mehr darauf hin, eine bedeutende Summe Geldes nach Stuttgart zu ziehen, als Sr. Majestät Streitkräfte bedeutend zu verstärken, allein er bevollmächtigte Faucitt, die Verhandlungen mit Karl Eugen wieder anzuknüpfen und ihm die den Hessen gewährten Bedingungen einzuräumen, wenn er bis zum Frühjahr zwischen 1500 und 4000 Mann erhalten könne. Indessen hatte der englische Minister immer noch Mißtrauen in die Tüchtigkeit der würtembergischen Truppen und brach im Dezember die schwebenden Unterhandlungen ganz ab, als — wie wir später sehen werden — in Folge der vom König von Preußen gegen die deutschen Hülfskontingente ergriffenen Maßregeln ihre Verschiffung den Rhein hinunter vorläufig unmöglich wurde.

Uebrigens verschmähte es Suffolk zu gleicher Zeit nicht, mit hergelaufenen Abenteurern, alten Werbe-Offizieren und prahlenden Landsknechten direkt zu verhandeln, wofern sich ihm nur eine Aussicht bot, ein paar tausend Mann mehr für den Dienst in Amerika zu gewinnen. So ließ er sich u.A. Monate lang in einen ausführlichen Briefwechsel mit einem schwäbischen Baron Eichbegg ein. Dieser Mann bot seine Dienste in London selbst an und fand dort, wo man seinen Aufschneidereien und abenteuerlichen Plänen anfangs ein gläubiges Ohr schenkte, eine äußerst freundliche Aufnahme. „Da ich glaube, — schrieb er in einem barbarischen Französisch am 12. Juni 1777 an Suffolk — daß der Hof von Wien und das ganze Reich neue, für Amerika bestimmte Truppen-Aushebungen in Deutschland mit keinem günstigen Auge ansehen wird, so erlaube ich mir, Mylord, Ihnen einen Vorschlag zu machen, über den kein Mensch Lärm schlagen kann. Mein Geheimniß besteht darin, daß ich eine Rekruten-Niederlage auf der Insel Minorka bilde, dort eine beträchtliche Anzahl Deutscher sammle und von da aus stets die deutschen in Amerika dienenden Regimenter vervollständige. Ein geborner Schwabe, habe ich die beiden letzten Kriege in Deutschland mitgemacht und kenne nicht allein besser als jeder Andere das Land, sondern auch die Mittel und Wege, auf denen man, ohne Skandal zu machen, alle möglichen Rekruten zu zwanzig Pfund pro Stück nach Genua und von da nach Minorka schafft. Ich würde natürlich meinen Wohnsitz in Minorka aufschlagen.“

Suffolk fand diesen Plan denn doch etwas zu weit aussehend; aber der erfinderische Herr von Eichbegg machte ihm bereits am 8. August 1777 einen neuen verbesserten Vorschlag. Er hatte diesmal nichts Geringeres vor, als Slowaken und Kroaten nach Amerika zu schaffen und aus diesem Gesindel zugleich nach beendigtem Kriege eine den Amerikanern furchtbare Niederlassung zu bilden. „Meine alten Waffengefährten — schreibt Eichbegg unter jenem Datum — wollen Niemandem anders dienen, als England; ich erneuere deshalb meine Bitte um Prüfung meines sehr beachtenswerthen Vorschlages. Ich weiß nicht, was für Gründe Sie bestimmen, denselben abzulehnen. Meine Leute sind tapfere Slowaken, die ich im Kriege gegen Türken und Russen kommandirt habe; sie folgen mir, wohin ich gehe, bis an's Ende der Welt; zugleich sind sie gute Matrosen. Es wäre aber wichtig, nicht allein Soldaten und Matrosen nach Amerika zu schaffen, die sich während des dortigen Krieges nützlich machen könnten, sondern zugleich von der höchsten Bedeutung, später aus ihnen eine den Amerikanern furchtbare Kolonie zu bilden. Sie würden in ihnen eine natürliche Garnison gewinnen und die Transportkosten doppelt und dreifach wieder herausschlagen.“

Es schien aber selbst Suffolk vor dieser Bande bange zu werden; er lehnte deshalb den Antrag am 12. September 1777 definitiv ab und beharrte bei seiner Weigerung, als Eichbegg am 6. Januar 1778 sein Anerbieten von Hamburg aus erneuerte. So blieben denn die armen Rebellen vor der Gesellschaft der Halsabschneider, Rattenfallenhändler und Militärgränzer verschont.

Je länger aber der Krieg in Amerika dauerte, desto größer wurden die Verlegenheiten des englischen Ministeriums. Es hatte gar keine Wahl mehr, sondern mußte seine Truppen nehmen, wo sie nur zu finden waren. Der frühere Hochmuth Suffolk's machte deshalb auch seit der Gefangennahme der Hessen bei Trenton und namentlich seit der Uebergabe Burgoyne's bei Saratoga einer ebenso großen Verzagtheit Platz. Die Verwickelungen mit Frankreich und Spanien wurden namentlich seit dem zuletzt genannten, für die englischen Waffen so traurigen Ereignisse immer drohender, und täglich trat ein Krieg mit den bourbonischen Mächten mehr in den Vordergrund. Waren die Amerikaner, als sie noch ohne fremde Hülfe kämpften, nicht niedergeworfen, wie wollte man erst mit ihren europäischen Bundesgenossen fertig werden?

Außer in Deutschland waren aber nirgend Hülfstruppen für England aufzutreiben, und auch in Deutschland wurde die Aufgabe immer schwieriger. Das an Soldaten so reiche Land hatte kaum zwölf Jahre nach dem siebenjährigen Kriege sich wieder einen Abfluß von etwa 20,000 Menschen gefallen lassen müssen; einen größern Aderlaß konnte es kaum noch aushalten. Gleichwohl fiel Suffolk immer wieder auf Deutschland zurück, weil nirgend anderswo anzukommen war. Schon nach Fehlschlagen seines Versuches in Würtemberg hatte er sich wieder an Sir Joseph Yorke, seinen Gesandten im Haag, gewandt, dem er von allen englischen Diplomaten die genaueste Kenntniß der deutschen Verhältnisse zutraute. „Ich habe Sie — schrieb er ihm am 4. März 1777 — bereits am 1. September 1775 nach der Möglichkeit befragt, fremde Truppen für den amerikanischen Dienst zu erlangen. In Ihrer Antwort vom 5. September 1775 wiesen Sie mich auf den Landgrafen von Hessen-Kassel, den Herzog von Würtemberg, den Herzog von Sachsen-Gotha, den Fürsten von Darmstadt und den Markgrafen von Baden als Mächte hin, welche uns unter Umständen und bei richtiger Behandlung eine ansehnliche Truppenzahl zu liefern im Stande sein dürften. Seit jener Briefwechsel zwischen uns stattfand, hat Seine Majestät mit dem Landgrafen von Hessen-Kassel, dem Herzog von Braunschweig, dem Erbprinzen von Hessen-Kassel, dem Fürsten von Waldeck und jüngst mit dem Markgrafen von Anspach Verträge abgeschlossen. Ich glaube kaum, daß wir alle nöthigen Mannschaften von diesen Fürsten erlangen können. Der Herzog von Würtemberg hat Seiner Majestät wiederholt seine Truppen angeboten. Es war auch unsre Absicht, einen Theil davon in Sold zu nehmen; indessen entdeckten wir bald die Unfähigkeit des Herzogs, uns irgend welche zu liefern, so daß wir den Plan zu unsrer großen Enttäuschung haben aufgeben müssen. An die übrigen in Ihrem Briefe genannten Fürsten, den Markgrafen von Baden, den Fürsten von Darmstadt und den Herzog von Sachsen-Gotha haben wir uns weder gewandt, noch sind uns ihrerseits Eröffnungen gemacht worden. Der Zweck dieses vertraulichen Schreibens ist nur der, Ew. Exellenz zu bitten, daß Sie sich darüber vergewissern wollen, welche Streitmacht diese Fürsten im Nothfalle zu stellen im Stande sind. Natürlich dürfen Sie den Verdacht nicht aufkommen lassen, daß wir uns möglichen Falls an sie wenden werden. Der Ausfall der 4000 Mann die wir von Würtemberg zu beziehen hofften, verringert in der That unsere Verstärkungen für den nächsten Feldzug erheblich. Es ist natürlich unmöglich, diesen Ausfall vor dessen Eröffnung wieder auszugleichen allein vielleicht liegt es in unsrer Macht, Sir William Howe zur Wiedereröffnung der Feindseligkeiten nach den heißen Augusttagen eine ansehnliche Truppenzahl zu senden, falls er deren überhaupt noch bedürfen sollte. Beschränken Sie sich in Ihren Nachforschungen ja nicht auf die genannten Fürsten, sondern dehnen Sie dieselben überall hin aus, wo Sie eine Verstärkung erwarten zu können glauben. Es ist von der größten Wichtigkeit, schon im Voraus zu wissen, wo fernere militärische Hülfe zu finden ist, sei es für Amerika oder für irgend einen Punkt in Europa.“

„Ich bedaure unendlich — antwortet Yorke umgehend am 7. März 1777 — daß der Herzog von Würtemberg sein Anerbieten nicht ausführen konnte, und bin doppelt überrascht, da die schweizer Offiziere im holländischen Dienste, welche von hier aus ihre Heimath besuchten, eine ganz andere Sprache führten und mir oft Glück wünschten, daß wir in den Würtembergern die besten deutschen Truppen in unsere Dienste nehmen würden. Ich werde es mir natürlich zur Aufgabe machen, Ew. Lordschaft Befehlen nachzukommen. Der Herzog von Sachsen-Gotha könnte uns, glaube ich, leicht Truppen liefern. Der Landgraf von Darmstadt ist, wie ich seit meinem damaligen Briefe gefunden habe, zu verliebt in seine Soldaten, als daß er sie außer Sicht ließe; vielleicht dürfte er sich aber doch in Versuchung führen lassen.“ Das geschah nun nicht. Das Paradespiel ward dem großen Trommler eine Stütze seiner Tugend.

Aus verschiedenen Ursachen schlugen auch alle späteren Versuche Suffolk's fehl, mehr Truppen zu erlangen. Meistens ergab sich bei näherer Prüfung der Verhältnisse, daß entweder die angebotene Zahl nicht vorhanden war oder daß sonst ein Hinderniß im Wege stand. So schien sich schon im Frühjahr 1777 eine Aussicht auf Gewinnung von zwei Hildburghauser Bataillonen zu bieten. Unterm 9. April 1777 schrieb der englische Gesandte in Wien, Robert M. Keith, an Suffolk, daß der Feldmarschall Prinz von Sachsen-Hildburghausen ihm als Vormund seines Neffen, des regierenden Fürsten, für den nächsten Feldzug zwei Bataillone unter den dem Landgrafen von Hessen bewilligten Bedingungen angeboten habe, und daß die Truppen in sechs Monaten marschfertig sein könnten. Der Marschall hielt sein Gesuch sehr geheim und ließ es nur durch die Hände der englischen Gesandtschaft in Wien gehen. Ob er sich desselben schämte? So viel steht aber fest, daß er sein Anerbieten nicht ausführen konnte, denn Suffolk, der es so gern angenommen hätte, kommt nie wieder darauf zurück. Dagegen wies der englische Minister im Dezember 1780 kurzer Hand das letzte ihm gemachte größere Angebot ab. Gotha und Darmstadt hatten dem englischen Gesandten in Regensburg durch ihren dortigen Residenten, einen Herrn von Gemmingen, erklären lassen, daß sie froh sein würden, wenn der König von England 4000 Mann für den amerikanischen Dienst von ihnen nehmen wollte. Es stellte sich später heraus, daß der Suffolk'sche Agent entweder zu viel gehört oder das Gehörte nicht recht verstanden hatte.

Somit behielt es für die ganze Dauer des amerikanischen Krieges bei den sechs, in den Jahren 1776 und 1777 mit Braunschweig, Kassel, Hanau, Waldeck, Anspach und Zerbst abgeschlossenen Truppenlieferungs-Verträgen sein Bewenden. Die ersten vier sind bereits dargestellt worden; die beiden letzteren werden in den folgenden Kapiteln erzählt werden.


Siebentes Kapitel.

Der Markgraf Karl Alexander von Anspach, zu welchem wir uns nunmehr wenden, hatte schon im Herbst 1775, kurz nach Ausbruch des Krieges der englischen Krone zwei Bataillone angeboten, indessen statt ihrer Annahme nur eine grobe abschlägige Antwort auf seine im demüthigsten Tone vorgebrachte Bitte erhalten können. Er war aber nicht der Mann, der sich so leicht abweisen ließ, denn er kannte die Annehmlichkeit fremder Subsidien aus früheren Kriegen zu gut, seine Vorgänger waren zu oft Lieferanten des Reiches, Frankreichs und Englands gewesen, als daß ihr Nachfolger nicht auch jetzt seinen persönlichen Vortheil aus der Verlegenheit des englischen Kabinets angestrebt hätte. Sein Unglück war nur, daß die englischen Waffen im ersten Jahre des Krieges zu viel Glück in Amerika hatten, daß also König Georg III. ohne weitere Truppensendungen mit den Kolonien fertig zu werden hoffte. Daher auf der einen Seite der servile Eifer, das unterthänige Betteln des Markgrafen, und auf der andern als natürliche Antwort darauf der brutal hochmüthige Ton der englischen Minister. Karl Alexander bedurfte aber gerade damals des Geldes mehr als je, wußte er doch nicht, wie er sonst die ungeheuren Schulden, die sein Ländchen fast erdrückten, anders los werden sollte, als durch die aus der Vermiethung seiner Truppen zu ziehenden Hülfsquellen.

Als gegen Ende des ersten Kriegsjahrs ein zweiter Feldzug unerläßlich schien, um den Aufstand vollends nieder zu werfen, hielt der Markgraf seine Zeit für gekommen. Sein Minister Reinhard Freiherr von Gemmingen mußte am 9. November 1776 durch den in Privatgeschäften in London weilenden markgräflichen Kammerherrn von Seckendorff bei dem Ministerium anfragen, ob die beiden Anspachischen Bataillone jetzt nicht anzubringen seien. „Die Gründe, welche uns zu diesem Geschäfte veranlassen, brauche ich Ihnen kaum einzeln anzuführen, erkundigen Sie sich unter der Hand, handeln Sie so geheim als möglich, aber thun Sie Ihr Möglichstes“ — mit diesen Worten schloß Gemmingen seine erste Aufforderung an Seckendorff. Auf Grund derselben begann eine Verhandlung, welche sich bei der kühl ablehnenden Haltung des englischen Kabinets über zwei Monate lang hinzog.

Seckendorff wandte sich zuerst an Faucitt, erhielt von ihm aber die Antwort, daß man voraussichtlich in Amerika keine Truppen mehr brauche, zumal dort ein Erfolg den andern überbiete, zudem kenne er die Absichten seiner Regierung nicht (obgleich er nach Kassel zu reisen im Begriffe stand, um dort eine Abtheilung Jäger zu engagiren). Lord North ließ Seckendorff kürzer abfahren, indem er ihm stehenden Fußes erklärte, der Anspachische Unterhändler irre sich in dem Ressort, er müsse sich deshalb an Suffolk wenden. Dieser aber wies ihn ohne Weiteres ab, da er keine gehörig beglaubigte Vollmacht vorzulegen vermöge: erst wenn er diese beibringe, könne man ihm eine offizielle Antwort geben. Seckendorff bat also um die nöthigen Papiere, und unter obligaten Klagen über seine eigene Mittellosigkeit, so wie über das theure Londoner Pflaster, zugleich um einen Vorschuß von hundert Pfund, von welchen er sich zugleich ein Galakleid machen lassen wolle, um am Geburtstag der Königinn der Kur (18. Januar) beizuwohnen und seinen Auftrag möglichst zu fördern. Er zweifelte übrigens trotz seines guten Willens an seinem Erfolge, da in Amerika Alles zu gut gehe, und hielt es, ehe er formelle Anträge stellte, für klüger, erst bessere, d.h. für England schlechtere Nachrichten abzuwarten. „So viel ich weitläufig gehört habe — schloß er einen seiner ersten Berichte an Gemmingen — so soll noch ein sehr alter Groll und eine noch unter voriger Regierung und des kaiserlichen Geheimen Raths v. Seckendorff's Ministerio gespielte Untreue schuld an der abschlägigen Antwort im November 1775 gewesen seyn. Ew. Exzellenz, welche den Schlüssel zu unseren secretis haben, kann diese Sache leicht beyfällig werden.“

Gemmingen, der sich bei diesen Verhandlungen als ein billig denkender und verständiger Herr, sowie als erfahrener und tüchtiger Geschäftsmann zeigt, dringt in jedem Briefe auf Beschleunigung des Geschäfts. Er muß Alles selbst schreiben, da er sich vor einem Vertrauensbruch seiner Untergebenen und dem unzeitigen Bekanntwerden der sehr leicht noch fehl schlagenden Unterhandlung fürchtet. „Es erscheint mir immerhin sehr hart — sagte er u.A. — mit Truppen Handel zu treiben; allein der Markgraf ist um jeden Preis entschlossen, seine Angelegenheiten zu ordnen und alle seine, sowie seiner Vorgänger Schulden zu zahlen. Das Gute, welches aus einem solchen Subsidienvertrage hervorgehen kann, würde also die Gehässigkeit dieses Geschäftes bedeutend überwiegen. Wir können, wenn es verlangt werden sollte, außer der Infanterie noch ein Korps ausgezeichneter Jäger stellen, welches jetzt schon aus 200 Mann, lauter gelernten Leuten, besteht. Der Markgraf hat sich an die verwittwete Herzoginn von Sachsen-Hildburghausen, Tante der Königinn von England, gewandt, damit diese sein Anliegen beim König bevorworte. Er hofft viel von dieser Vermittlung, mir scheint jedoch der Erfolg sehr fraglich. Erkundigen Sie sich unter der Hand nach den, Hessen bewilligten Bedingungen und übermitteln Sie die eventuellen Vorschläge ad referendum.“

Der Markgraf schickte am 5. Dezember 1776 seine Instruktionen nebst Vollmacht an Seckendorff und beauftragte diesen, die beiden Anspacher Bataillone und ein Jägerkorps der englischen Regierung formell anzubieten. „Wenn es verlangt wird, sagte er am Schluß seines Briefes, so können Sie hinzufügen, daß ich für die Tüchtigkeit und Tapferkeit meiner Soldaten einstehe. Im Uebrigen versichern Sie den Minister oder denjenigen, welchen man mit der Verhandlung mit Ihnen beauftragen wird, daß ich mich sehr geschmeichelt fühlen werde, wenn ich dem König von einigem Nutzen sein und durch meinen Eifer in der Erfüllung der von mir einzugehenden Verbindlichkeiten das Unrecht wieder gut machen kann, welches der Minister meines verstorbenen Vaters in einem früher abgeschlossenen Subsidienvertrage begangen hat.“ (Bezieht sich offenbar auf die Subsidienverträge im österreichischen Erbfolgekriege.) An Suffolk selbst schrieb der Markgraf am 13. Dezember 1776: „Nichts in der Welt kommt dem Eifer gleich, mit welchem ich Sr. Majestät nützlich zu sein wünsche, und nichts wird meiner Dankbarkeit gleich kommen, wenn Ew. Exzellenz dazu beitragen, mich in den Stand zu setzen, daß ich den Beweis für diesen meinen Eifer liefere.“

Im Besitz seiner Vollmachten giebt sich Seckendorff heute den übertriebensten Erwartungen hin und glaubt, den sofortigen befriedigenden Abschluß des ihm aufgetragenen Geschäfts in sichere Aussicht stellen zu können, morgen wieder verliert er, von den englischen Ministern schnöde behandelt, das gestrige Vertrauen und läßt jede Hoffnung fahren. Ob aber hoffend oder verzagt, er hat die übertriebenste Ansicht von seiner Bedeutung und Stellung in der diplomatischen Welt, er hält sich von allen Seiten für beobachtet und bemerkt. Als ein junger, wegen leichtsinniger Streiche aus Anspach durchgegangener Offizier, ein der Aristokratie des Ländchens angehöriger Lieutenant v. Forstner eines Tages Seckendorff in London besucht und ihm mittheilt, daß er in amerikanische Dienste zu treten im Begriff stehe, fällt der neue Diplomat vor Schrecken fast in Ohnmacht. „Denken Sie sich mein Erstaunen — schreibt Seckendorff am 31. Dezember 1776 an Gemmingen — als der alten Frau v. Forstner Sohn plötzlich bei mir eintritt und mir erklärt, bei den Rebellen Dienste nehmen zu wollen. Ich habe ihm das auszureden gesucht und statt dessen Empfehlungsbriefe nach Bengalen angeboten, allein er sagt, dafür habe er kein Geld. Er will nach Paris zu Franklin, von welchem er Alles erwartet. Da hier die eifrigsten Amerikaner taub für seine Bitten sind, soll ich ihm helfen. Der Mensch bereitet mir die entsetzlichsten Verlegenheiten. Während ich in unserer Sache negoziiren soll, will er die Royalisten in Amerika bekämpfen, für welche ich werbe. Ich zittere vor der Entdeckung!“ Forstner muß seinen Mann gut gekannt haben, denn er beutete dessen Furcht, im Verkehr mit einem, den Republikanern geneigten unbekannten deutschen Offizier entdeckt zu werden, gehörig zu seinem Vortheil aus und machte verschiedene Zwangsanleihen bei ihm. Seckendorff, um ihn los zu werden und wieder zu seinem Gelde zu kommen, vermittelte dann in der Folge auch Forstners Eintritt in eins der nach Amerika bestimmten Anspacher Bataillone, in dessen Reihen er in der Schlacht am Brandywine tapfer kämpfend fiel.

Seckendorff's Berichte bis Mitte Januar 1777 sind in der wechselndsten Stimmung geschrieben. Seinen unbedingten Erfolg voraussehend, brütet er die abenteuerlichsten Pläne aus, zu denen sich nicht einmal die in derartigen Dingen fruchtbare Phantasie des Landgrafen von Hessen verstiegen hatte. Da der Krieg möglicher Weise mit dem ersten Feldzuge beendigt sein werde, so solle man durch den abzuschließenden Vertrag der Gefahr vorbeugen, daß die anspachischen Truppen, nachdem sie kaum engagirt worden, auch schon wieder verabschiedet würden. „Vielleicht wäre es auch gut, jeden Soldaten, der sich in Amerika niederläßt und dadurch seinen Souverain eines Unterthans beraubt, vorher schriftlich sich verpflichten zu lassen, daß er zu Gunsten des Fiskus auf einen Theil seines Vermögens verzichtet und auch den König von England zu bestimmen, daß er einen Theil des Verlustes trägt.“ (!!)

Mittler Weile hatte auch die verwittwete Herzoginn Louise von Sachsen-Hildburghausen von Heilbronn aus, wo sie wohnte, dem Wunsche des Markgrafen entsprechend, ihre Fürsprache bei der Königinn von England eingelegt, indessen die Erfolglosigkeit ihrer Schritte gemeldet, da der König alle ihm nöthigen Truppen in Amerika habe, diese also nicht zu vermehren gedenke.[4]

Zudem lauteten die Nachrichten für die markgräflichen Pläne, wie Seckendorff, von der größten Hoffnungsfreudigkeit wieder in die äußerste Verzagtheit fallend, schreibt, täglich trauriger, wenn auch gut für den König und die Menschlichkeit, und zuletzt fürchtete er bei den ewigen Siegen der englischen Waffen doch, daß man die Zahl der Truppen in Amerika nicht weiter vermehren würde. Endlich aber wurde er am 7. Januar 1777 zu einer neuen Audienz bei Suffolk zugelassen. Dieser versprach jetzt, dem König über die Sache zu berichten, da man inzwischen im englischen Kabinet zu dem Entschluß gekommen sei, die amerikanischen Streitkräfte zu ergänzen. Am 11. Januar also nahm Suffolk Seckendorff's Anerbieten an, nachdem dieser ihm erklärt hatte, daß die Anspacher marschfertig seien, und beauftragte den bereits in Kassel weilenden Faucitt mit dem sofortigen Abschluß eines Vertrages.

„Da der Markgraf von Brandenburg-Anspach — so lautet seine vom 14. Januar 1777 datirte Instruktion — durch einen an mich gerichteten Brief dem König ein kleines Korps für Amerika angeboten hat, das sofort marschbereit gemacht werden kann, so erhalten Sie Vollmacht, den betreffenden Vertrag mit ihm abzuschließen. Reisen Sie also unverzüglich nach Anspach und erledigen Sie dieses Geschäft so schnell als möglich. Ich kann Ihnen, dem jetzt bereits eine Erfahrung von sechs Verträgen zur Seite steht, überlassen, eine solche Konvention abzuschließen, wie sie der König billigen wird. Suchen Sie also die möglichst besten Bedingungen zu erlangen und gestatten Sie keine neuen. Als Sie 1775 die ersten Verträge abschlossen, war eine Expedition nach Amerika den Deutschen noch ganz neu und galt, abgesehen von den Schrecken der Seereise, noch für schlimmer als sie in der That ist. Jetzt aber versteht man diesen Dienst besser. Wir brauchen uns also nicht länger übervortheilen zu lassen; suchen Sie namentlich Geld zu ersparen. Möglichen Falls thut die Anspacher Verstärkung bei der gegenwärtigen Lage der Dinge (die Niederlagen bei Trenton und Princeton waren in England noch nicht bekannt geworden) gar keine Dienste mehr. Dies muß Ihr Hauptgesichtspunkt bei der Bestimmung der Subsidien sein. Diese dürfen nur vom Tage der Genehmigung des Vertrages an und während der aktiven Verwendung der Truppen, nicht aber auf eine Reihe von Jahren gewährt werden und höchstens noch sechs Monate nach dem Kriege fortdauern. Die Löhnung muß mit dem Monate aufhören, in welchem die Truppen zurückkehren. Das Korps selbst muß am 10. März zur Einschiffung bereit sein. Diese Winke mögen Ihnen als Richtschnur dienen.“

Faucitt kam am 28. Januar 1777 in Anspach an. Der regierende Markgraf Karl Alexander, geboren 1737, hatte 1757 die Regierung von Anspach angetreten, 1769 Bayreuth geerbt und herrschte zu jener Zeit über ein Land von etwa 140 Quadratmeilen und etwa 400,000 Einwohnern. Im Jahre 1791 trat er Anspach-Bayreuth an die ältere Linie der Hohenzollern, die Könige von Preußen, ab und starb 1806 im Ausland. Die fränkische Linie, welcher der Markgraf angehörte, hatte keinen einzigen der Vorzüge der in Preußen regierenden Vettern, dagegen desto mehr Fehler und Laster, vor Allem aber eine maßlose Heftigkeit und den alten Hohenzollernschen Jähzorn. Die Regenten von Anspach und Bayreuth sind vom Scheitel bis zur Sohle die schlechtesten Exemplare der Landesväter des achtzehnten Jahrhunderts. Land und Volk sind nur zu ihrer Ausbeutung, zu ihrem Vergnügen vorhanden; für sie giebt es kein Gesetz, keine Schranke, ihre ruchlose Willkür steigert sich zum Mord und Todtschlag. Rohe Gewaltthat und despotische Laune vererben sich vom Vater auf den Sohn; der Sultanismus ist der ihnen Allen gemeinschaftliche Charakterzug. Man geräth fast in Verlegenheit zu entscheiden, wer von ihnen der schlechteste und nichtswürdigste ist. Während Friedrich Wilhelm I. und sein großer Sohn durch unermüdliche Arbeit im Dienste des Staates und treue Pflichterfüllung Preußen zu einer der leitenden europäischen Mächte erheben, ruiniren Friedrich Alexander und Friedrich Christian von Bayreuth, Karl Friedrich Wilhelm und Karl Alexander von Anspach ihre von der Natur so sehr gesegneten Ländchen durch den sinnlosesten Luxus und eine fast wahnsinnige Verschwendung. Darin thaten es ihnen andere Zeitgenossen, die sächsischen und würtembergischen, die pfälzischen und bayrischen Fürsten ganz gleich, wenn auch nicht zuvor; bezeichnender aber ist für die Bayreuther und Anspacher Markgrafen der Werth und der Preis, welchen ein Menschenleben in ihren Augen hat. Der vorletzte Markgraf von Anspach, Karl Friedrich Wilhelm (1723–1757) schoß sich, seiner Maitresse zum Spaß, einen Schornsteinfeger vom Dach des Bruckberger Schlosses. Sie hatte den Wunsch geäußert, den Menschen herunterpurzeln zu sehen. Der seine Gnade anflehenden Wittwe des frevelhaft Ermordeten gab der biedere Fürst fünf Gulden. Wenn man die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Anspach herrschenden Zustände türkische nennen wollte, so wäre das eine durchaus ungerechtfertigte Beleidigung der Muselmänner; sie nähern sich vielmehr der durch das Negerkönigreich Dahomey repräsentirten Kulturstufe: Serenissimus ist echt patriarchalisch Ankläger, Richter und Henker in einer Person!

Die weiteren Beweise dafür finden sich in Hülle und Fülle in einer interessanten Schrift des bekannten Ritters K.H. von Lang über den vorletzten Markgrafen von Brandenburg-Anspach. „Ein Jude, Namens Isaak Nathan — heißt es dort u.A. — war 1740 von Weißenborn in Franken nach Anspach gezogen und hatte sich hier durch Fleiß und Gewandtheit ein bedeutendes Vermögen erworben, man sagte an 200,000 fl. Er erhielt u.A. Darlehne aus der Anspachischen Landschaftskasse, wofür er Juwelen verpfändete, die aber im Grunde nicht ihm selber, sondern einem jüdischen Hause Ischerlein in Amsterdam gehörten, dem sie ein Fürther Jude Gumbert in Versatz gegeben. Der Markgraf verlieh ihm den Titel eines Residenten, der Reichthum und Einfluß dieses Juden erregte aber mancherlei Mißgunst und verdächtigende Angaben. Noch stand aber der Resident damals so fest in der Gnade, daß der Fürst den Landschreiber Wolf, welcher ihn denuncirt hatte, als Verläumder in Ketten und Banden legen, und am Ende als einen unruhigen Kopf des Landes verweisen ließ; und als bald darauf der Resident seinen Sohn verheirathete, mußte die jüdische Trauung im Schloßhof selbst, unter den Glückwünschen der Markgräfin, des ganzen umgebenden Hofstaates, und den stattlichsten Beschenkungen gefeiert werden; und doch, etliche Monate später, erfolgte der fürchterlichste Sturz. Ein Jahr vorher, 1739, hatte der Resident seine der Landschaftskasse versetzten Juwelen zurückgenommen; zu gleicher Zeit erhielt aber der jetzt nach Gunzenhausen gezogene Jude Ischerlein vom Markgrafen den Auftrag, den für den König von England bestimmten rothen Adlerorden mit Brillanten besetzen zu lassen, was er mit denen vom Residenten Isaak Nathan zurückgenommenen Juwelen alsbald bewerkstelligte und dafür 40,000 fl. berechnete und empfing. Der Markgraf empfindlich darüber, daß er für solch ein kostbares Geschenk auch nicht einmal ein Wort des Dankes aus London zurück empfing, erfuhr endlich aus den Nachfragen seines Beauftragten daselbst, daß die angeblichen Brillanten lauter böhmische Steine gewesen, und daß der König, wenn auch den Markgrafen über ein solches Geschenk nicht beschämen, ihm doch auch dafür nicht habe danken wollen. Es läßt sich denken, mit welcher Zorneswuth der Markgraf den in das tiefste Versteck sich geflüchteten Rab Ischerlein hervorziehen ließ. Er wurde alsbald nach Wülzburg geschleppt, und nach kurzen Verhören und Umständen in einen großen Saal gebracht und dem Scharfrichter übergeben, der ihn auf den nächsten besten Stuhl festband und dann eben das Schwert über ihn schwingen wollte, als der Gefangene mit sammt dem angebundenen Stuhle sich aufraffte, und, um eine lange Tafel laufend, und um Gotteswillen nur um eine Minute Gehör beim Markgrafen hülfeschreiend, dem Todesstreich entrinnen wollte, der ihm aber doch vom Scharfrichter über die Tafel hinüber beigebracht wurde. — Die vielfachen Verwickelungen des Residenten Isaak Nathan mit diesem Ischerlein, das Spiel mit den Juwelen, die bald in des Einen, bald in des Andern Hände gegangen, andere Anklagen, die jetzt lauter und günstiger angehört wurden, konnten jedoch nicht verfehlen, auch über ihn die Wolken des schwersten Verdachts zu sammeln. Er wurde aus seinem Haus in die Frohnfeste geschleppt, und über denselben Schloßhof, worin man frohlockend die Hochzeit seines Sohnes gefeiert, brachte man nun alle vorgefundenen Schätze und Kostbarkeiten in die Säle des Schlosses zurück. Man beschuldigte ihn außerdem, 25,000 fl. Chatullgelder, in den an den Markgrafen über seine besonderen Aufträge gestellten geheimen Rechnungen, unterschlagen und in seinem Nutzen verwendet zu haben. Vom weitern Schicksal desselben besagen unsere Nachrichten nichts. Auch sein Haus und Grundbesitz wurde eingezogen. — Vermuthlich haben sich seine Angehörigen von hier entfernt, und er selbst ist entweder im Gefängniß verkommen oder ebenfalls im Stillen des Landes verwiesen worden.

Allein nicht blos jüdische Opfer fielen zur selben Zeit, sondern sogar Große des Hofes. Nicht nur ein Oberst Enzel zu Wülzburg wurde daselbst 1740 wegen gewisser Staatsverbrechen, sie sind nicht genannt, durch das Schwert hingerichtet, sondern auch kurz darauf ein Graf von Schaumburg. Es scheint, daß sich dieses auf unerlaubte Kommunikationen und Einverständnisse in den damaligen österreichisch-preußischen Verhältnissen bezogen. Christoph Wilhelm von Rauber wurde beschuldigt, famose Gemälde und Pasquille wider die landesfürstliche Regierung und die Rathskollegien angeschlagen zu haben. Durch den Inquisitionsrath Joh. Chr. Schnitzlein wurde ihm auf der Feste Wülzburg, wo er verhaftet lag, in Gegenwart mehrerer Ober- und Unteroffiziere und Konstabler das Urtheil vom 30. Mai 1740 dahin verkündet: daß er sich selbst freiwillig (was außerdem durch den Scharfrichter vollzogen werden soll) auf das Maul zu schlagen habe, seine Pasquille unter seinen Augen vom Scharfrichter zu verbrennen seien, er selbst aber hierauf mit dem Schwert hingerichtet werden solle; welches letztere jedoch der Markgraf aus Gnaden in eine ewige Gefangenschaft zu Wülzburg verwandelte. Sein schon 1722 unter Vorbehalt des lebenslänglichen Nießbrauches der fürstlichen Kammer verkauftes Rittergut Steinhart (bei Oettingen) wurde eingezogen, 1768 aber dem von Krailsheimischen Fideikommiß um 78,500 fl. wieder verkauft. Die Gattin des Unglücklichen, Friederika Helena, war selbst eine geborene von Krailsheim. Die Ordres zu all diesen blutigen Exekutionen ergingen immer an den geheimen Rath, Generalmajor und Festungs-Kommandanten August Friedrich von Pöllnitz.