In der Stadt Zerbst wurde sofort ein Werbebureau errichtet, und mit allen in diesem Geschäfte üblichen Listen die nöthige Mannschaft angelockt. Im Anfang ging Alles über Erwarten gut, Meister, Gesellen und Lehrlinge, Bewohner der Stadt und Umgegend, welche sonst kein Auskommen hatten, nahmen Dienste. Schon im November waren mehr Soldaten als das von England geforderte Minimum beisammen. Da die Zerbster Bürger sich weigerten, das zum großen Theil verlorene Gesindel in's Haus zu nehmen, so mußte es im fürstlichen Schlosse untergebracht werden. Ueberhaupt scheint der Respekt der Zerbster vor Serenissimo nicht zu groß gewesen zu sein, denn sie redeten den Soldaten zu, daß sie doch nicht marschiren möchten, da sie schnöde verkauft wären und elendiglich umkommen würden, „und was dergleichen grobe Lügen und strafbares Beginnen mehr“, wie der Stadt-Kommandant General v. Rauchhaupt in einem Garnisonsbefehl erklärte. Da die Gränze nicht weit war, so wurde es den Bürgern auch nicht schwer, den Desertionslustigen zur Freiheit, d.h. zum Thore hinaus zu verhelfen. Um den Mangel an Offizieren zu beseitigen, machte die Regierung in den Zeitungen bekannt: „Wer Dienste als Offizier zu nehmen wünsche, vorzüglich aber sich getraue, Chef eines Regiments Infanterie zu werden, der könne sich sogleich bei der Hochfürstlichen Regierung in Zerbst melden und werde von derselben nähere Auskunft erhalten“. Diese Aufforderung hatte sehr bald den gewünschten Erfolg. Schon im Oktober und November waren so viele Meldungen eingegangen und angenommen, daß alle Stellen besetzt werden konnten. Als Regiments- und Bataillons-Kommandeure hatten sich zwei Brüder v. Rauschenplatt aus dem Braunschweigischen angeboten. Beide wurden in Dienst genommen. Der ältere Johann ward Oberst und Regimentschef; sein Bruder Georg Heinrich dagegen Major und Bataillonskommandeur, im Sommer 1782 aber sein Nachfolger im Kommando des Regiments, weil der ältere Bruder wegen Kränklichkeit nach Europa zurückkehrte. Stabsadjutant war Oberlieutenant Möhring und Regimentsquartiermeister ein geborener Anhaltiner, J.A. Pannier, der im April 1772 in Jena einen nassauischen Studenten im Duell erstochen hatte. Drei Feldprediger, ein lutherischer, ein reformirter und ein katholischer, hatten für das Seelenheil und die geistliche Verpflegung der Soldaten zu sorgen, während 34 unter Anführung einer Unteroffiziersfrau stehende Marketenderinnen ihnen den Bedarf an leiblicher Speise zu liefern und zu ergänzen hatten.

Schon in den ersten Tagen des November 1777 konnte das Regiment dem englischen Unterhändler auf dem Schloßplatz von Zerbst zur Musterung vorgeführt werden.

„Ich bin — schreibt Faucitt am 15. November 1777 aus Braunschweig an Suffolk — soeben von Zerbst zurückgekehrt, wo ich das eine der beiden uns angebotenen Regimenter sah. Es besteht aus lauter schönen und jungen Leuten, die indessen ihre Waffen nicht so gut handhaben und nicht so gut exerziren, als ich erwartet hatte. Ihr Oberst, Herr von Rauschenplatt, versicherte mich aber, daß sie erst vor drei bis vier Tagen von ihrem Urlaub einberufen seien, nachdem sie den größten Theil des Jahres abwesend gewesen, und daß er sich anheischig mache, sie bis zur Zeit ihres Abmarsches gut auszuexerziren. Es scheint mir, daß der Oberst das wohl fertig bringen wird; er ist ein gebildeter und thätiger Offizier, der während des ganzen letzten Krieges in dem österreichischen Heere gedient hat. Es fehlt den Leuten überhaupt nicht an guten Willen. Zu jedem Regiment gehören zwei Grenadier-Kompagnieen. Das eine Regiment ist marschfertig, während das andere, welches in einiger Entfernung von Zerbst liegt, es vor nächstem Februar nicht werden kann. Ich werde sie die Elbe hinunter bis Stade verschiffen. Die Reise dauert acht bis zehn Tage. Rauschenplatt sagte mir, er werde sofort nach Eintreffen der Erlaubniß der Uferstaaten marschiren und zur Noth gar nicht auf die Antwort der Fürsten warten.“

Dieser Plan war an sich ganz gut und leicht ausführbar, wenn nur Friedrich der Große sein Veto nicht eingelegt hätte.


Neuntes Kapitel.

Die in den vorhergehenden Kapiteln erzählten Verkäufe und Verschiffungen deutscher Soldaten reichen bis zum Herbste 1777. Die Zusätze zu den bereits ausführlich besprochenen Verträgen sind im Wesentlichen eine Wiederholung der ursprünglichen Bestimmungen; sie beziehen sich nur auf Lieferungen von Rekruten, Jägern und Artilleristen und erfordern darum auch kein näheres Eingehen auf ihren Inhalt.

Unerläßlich dagegen ist wenigstens eine kurze Beschreibung des Transports dieser Ersatztruppen, der bei seinen großen Gefahren und Schwierigkeiten ganz besondere Umsicht und Sorgfalt verlangte. Vor Allem galt es, die Desertion zu verhindern und die Chikanen, Eingriffe oder älteren Ansprüche der zu passirenden Staaten abzuwehren. Der englische Kommissar Faucitt berechnete natürlich nur die im Hafen auf die Schiffe gelieferten Soldaten; wer also unterwegs desertirte, lief zugleich mit den oft nicht unbedeutenden baaren Auslagen des Lieferanten davon, während eine spätere Desertion diesen nicht so sehr schädigte. Es wurden deshalb nur erfahrene Offiziere von großer Geistesgegenwart, persönlicher Gewandtheit und Entschiedenheit im Auftreten mit dem Truppentransport betraut. Aus den zahlreichen, bei den Akten befindlichen Berichten solcher Offiziere möge nur der des Obersten von Wöllwarth hier Platz finden, der Mitte Mai 1777 einige hundert hessische Rekruten von Kassel nach der Weser-Mündung führte und ein Gesammtbild der mit der glücklichen Ausführung eines derartigen Auftrages verknüpften Schwierigkeiten giebt.

„Ich habe mich — meldet Wöllwarth am 30. Mai 1777 dem Landgrafen von Hessen-Kassel — am 14. Mai unweit der Pulvermühlen bei Kassel eingeschifft, am 15. Abends bei Herstelle Anker geworfen und bin am 16. gegen 11 Uhr Abends nach Hameln gekommen. Am 17. verursachte die Passirung der dortigen Schleuse einigen Aufenthalt, so daß bereits eine Stunde außerhalb Hameln bei Lachem angehalten und Mittag gemacht werden mußte. Von da wurden nach der erhaltenen gnädigsten Instruktion die Rekruten, so preußische Deserteur oder Landeskinder waren, an Anzahl fünfzig, unter Kommando des Lieutenants Hagen und dreier Unteroffiziers mit geladenem Gewehr, auch Begleitung einer Patrouille von dem Estorffischen Dragonerregiment, bis Rodenberg abgeschickt, und nahm gedachter Lieutenant Hagen zur Vermeidung derer mehren preußischen Orten und des Bückeburgischen die Detour über Neustadt am Rübenberge, wo derselbe das zweite Nachtlager nahm. Aller gebrauchten Vorsicht ungeachtet ist ein Jäger, Namens Britt, so ein Franzose von Geburt, von da die Nacht desertirt, durch Hülfe der Patrouille aber in der Gegend von Nienburg wiederertappt worden und als Arrestant mitgebracht. Am 18. wurde Preuß. Minden passirt. Vom Kommandanten geschah nicht die mindeste Nachfrage, als wie stark der Transport sei. Am 19. ankerten wir bei Stolzenau unterhalb Nienburg. Lieutenant Hagen traf daselbst erst den Nachmittag um fünf Uhr ein. Bei diesem langen Aufenthalte entfernte sich, ohngeachtet ich von dem Schiffe Posten ausgesetzt hatte, ein Jägerrekrute, Namens Seidenfaden, welcher um so leichter, da er noch keine Montirung hatte, unter der Menge Leute solches bewerkstelligen konnte. Den Lieutenant Plier, von dessen Schiff der Rekrute war, schickte ich, weil er diesen Unmontirten hatte vom Schiff gehen lassen, auf vierundzwanzig Stunden auf das Staatsschiff in Arrest, an dessen Stelle ich Lieutenant Braumann kommandirte. Nun ereignete sich der Vorfall, daß der Unteroffizier Säugling, welcher von dem Kommando des Lieutenant Hagen erst zurückgekommen, sich etwas betrunken und einem Juden, welcher im Vorbeigehen bei denen Schildwachen Taback geraucht, nach eigener Willkür die Pfeife weggenommen. Da nun der Jude bei dem Lieutenant Braumann sich dieserhalb beschwerte und die Herausgabe der Pfeife forderte, ertheilte mehrgedachter Lieutenant Braumann dem Unteroffizier die geschärfte Ordre, solche sogleich wieder herauszugeben. Der Unteroffizier aber, welcher in dieser Verwirrung nicht wußte, daß Lieutenant Plier arretirt sei, mithin das Schiff nicht mehr kommandirte, versetzte, er würde keines Andern Kommando Folge leisten als besagten Lieutenants Plier. Es wurde der Unteroffizier zu Gehorsam angewiesen. Da er aber durch Raisonniren einen Aufstand erregte, so begab ich mich auf die Meldung des Lieutenants Braumann dahin, um solchen zu stillen. Der Unteroffizier nebst noch zwei Raisonneurs, so Anlaß dazu gegeben, wurden arretirt. Den erstern habe ich mit starken Fuchteln bestrafen lassen und degradirt bis zur Ankunft in Amerika, wie denn die beiden Andern ebenfalls zu harter Strafe gezogen wurden. Am 21. Mai haben wir die Bremer Brücke passirt und allda vom Kapitain v. Webern die achtzehn großen Ballen Bagage richtig erhalten. Am Abend dieses Tages trafen wir in Vegesack ein; am 24. aber wurden wir durch Faucitt gemustert, der nur zehn Mann ausrangirte, und am 25. auf fünf Schiffen eingeschifft, welche am 31. Mai von Bremerlehe absegelten.“

Was nun insbesondere die Rekrutenlieferungen betrifft, so beweisen sie, daß das Geschäft nicht blos in Kassel, sondern auch bei den übrigen betheiligten Fürsten eigentlich nur kurze Zeit in Blüthe stand, und daß bereits im Laufe des Jahres 1777 der Markt weniger ergiebig wurde. Nur Anspach machte eine Ausnahme von der Regel, weil es durch den siebenjährigen Krieg nicht so viel als die norddeutschen Staaten gelitten hatte. Seine Rekruten zeichneten sich bis an das Ende vor allen anderen aus, im Februar 1779 fand Faucitt sie so schön und so gut von Ansehen, daß er froh sein würde, wenn die anderen Rekruten ebenso aussähen, und noch im Mai 1782 wurden die großen schönen munteren und wohlgezogenen Anspacher bei ihrer Einschiffung ebenso bewundert, wie die ersten Bataillone des Jahres 1777. Dagegen ward es schon zu Anfang des Jahres 1777 den norddeutschen Lieferanten schwer, ihre Verbindlichkeiten zur festgesetzten Zeit zu erfüllen. Schon jetzt müssen sie an allen Ecken und Enden ihre Waare zusammenstehlen und das so gestohlene zweibeinige Gut mit großen Kosten und außerordentlicher Vorsicht bewachen lassen. Die Schilderungen, die wir in den Berichten Faucitt's und Rainsford's über ihre Rekruten-Inspektionen finden, würden komisch und erheiternd sein, wenn die Ruchlosigkeit, mit der die armen Teufel auf die Schlachtbank geliefert werden, für unser Volk nicht gar zu beschämend wäre.

„Am 21.d.M. — meldete Faucitt am 24. März 1777 aus Bremerlehe an Suffolk — habe ich die 250 braunschweiger Rekruten in Stade besichtigt und eingeschifft. Der Herzog hatte es für nöthig erachtet, sie durch eine starke Infanterie-Abtheilung von einem Hauptmann, zwei Lieutenants, vierzehn Unteroffizieren und vier und achtzig Gemeinen nach dem Hafen transportiren zu lassen. Ich habe 36 von den Rekruten wegen Körperschwäche, Alter und Einäugigkeit und sonstiger Gebrechen verworfen; es sind also nur 214 Mann übrig geblieben. Ich erinnere mich nicht, je in meinem Leben einen solchen Haufen schlecht aussehender Kerle zusammen gesehen zu haben. Kaum diejenigen, welche ich passirte, waren diensttüchtig. Die Gräben und die Stadt sind gefroren, es ist also große Gefahr der Desertion vorhanden. Noch größer wird diese Gefahr in Bremerlehe sein, wo die hessischen und waldeck'schen Rekruten jeden Augenblick ankommen müssen, und wo ich nicht das geringste Zwangsmittel gegen sie habe.“

Nicht viel günstiger als Faucitt über die braunschweigischen, spricht sich Rainsford über die vom Rheinfels gekommenen hessischen Rekruten aus. „Sie sind — schreibt er am 28. März 1777 aus Gravendael bei Dortrecht an Suffolk — äußerst ungleich, Viele sehr alt, Viele bloße Jungen und Andere wieder durchaus unbrauchbar. Es finden sich fünf bis sechs Einäugige darunter. Wir dürfen aber nicht zu wählerisch sein, weil es zu schwer ist, Leute zu bekommen. Ich wies deshalb Keinen zurück, bezeichnete aber die Anstößigsten auf der beifolgenden Liste. Die Jäger dagegen sind gut und äußerst brauchbar für den Dienst.“ Die Zahl der Rekruten belief sich auf etwa 400; der Bayreuther Minister v. Seckendorff fand darunter viele unausgewachsene Kinder, die kaum fünf Fuß maßen; zu ihrer Bewachung und Begleitung wurden ein Offizier, sechs Unteroffiziere und fünfzig Gemeine mitgeschickt.

Die waldecker Rekruten dagegen waren viel besser; ihre Mehrzahl bestand aus kräftigen und starken Leuten, wenn auch manche klein und zu jung darunter waren. Da der Fürst von Waldeck keine Festung hatte, worin er sie bis zu ihrem Ausmarsche sichern konnte, und da er, laut Bericht seines Ministers Zerbst an den englischen Kommissär, schon viele durch Desertion verloren hatte, so verschaffte ihm dieser die Erlaubniß vom hannöver'schen General Hardenberg, sie bis zur Einschiffung in dem damals befestigten Hameln unterzubringen, eine Gunst, die, wie Faucitt schreibt, den Fürsten ganz erleichterte und glücklich machte, und jeden Falls zur bessern Ausbildung der Leute viel beitrug.

Der waldecker Lieferant erwarb sich überhaupt durch seinen großen Diensteifer die besondere Gnade des Königs von England und die wohlwollende Gunst Suffolk's. „Die Rekrutirung geht besser als ich mir geschmeichelt hatte — schreibt er am 7. Dezember 1777 an Faucitt — ein Transport von 23 gut gewachsenen Leuten, lauter Schwaben, deren keiner älter als dreißig Jahre ist, befindet sich seit zwei Monaten auf dem Wege. Hier in Arolsen haben wir deren 20; wir erwarten auch noch einige aus der Wetterau (Also Dutzendweise wurden die armen Teufel in den verschiedenen deutschen Landschaften zusammen getrieben!) Sie sehen, wir sind nicht müßig; rechnen Sie immer auf mich, wenn es sich um den Dienst des Königs Georg III. und seiner gerechten Sache handelt.

„Ich lese so eben in der Leidener Zeitung, daß unter den Truppen, die General Lord Howe ausgeschickt, um die Rebellen auf der Rechten zu umgehen, sich die Waldecker an's Plündern gegeben und geweigert hätten, einen Schritt vorzurücken, ehe sie mit dem Plündern fertig wären. Um Gotteswillen, ist das wahr? Bei meiner Kenntniß des Charakters des Obristlieutenants von Hanxleden und der Hälfte seiner Offiziere kann ich das kaum glauben. Sie wissen, besser wie ich, daß einsichtige und entschlossene Offiziere es verstehen, eine ungehorsame Truppe zu ihrer Pflicht zurückzuführen. In einem solchen Falle zerschmettert man einem Dutzend der Hauptmeuterer das Gehirn oder sticht sie nieder. Hanxleden ist mir stets als der Mann erschienen, der bei ähnlicher Gelegenheit energisch handeln würde. O, könnten Sie mich doch über die Haltung meines Regiments beruhigen; ich möchte lieber, daß es 300 Mann verlöre, als daß es sich schlecht aufführte!“

Faucitt beruhigte denn auch umgehend den Fürsten, daß die obige Nachricht eine der vielen in Holland fabrizirten Erdichtungen sei. Die Waldecker Truppen hielten sich vielmehr in Amerika zur vollen Zufriedenheit ihrer englischen Vorgesetzten, welche nur das an ihnen auszusetzen fanden, daß sie nicht reinlich genug waren und aus Mangel an Sorgfalt zu viel Kranke hatten. Die Desertion bei ihnen war verhältnißmäßig gering.

„Könnte ich doch bald erfahren — schrieb der Fürst sofort nach dem Bekanntwerden der Gefangennahme Burgoyne's, an Suffolk — daß Howe und Clinton das Unglück von Saratoga ausgeglichen haben! Wenn ich nur ein Korps von 6000 Mann zu meiner Verfügung hätte! Ich würde es Ihnen überlassen, ohne einen Heller dafür zu nehmen.“ Diese leeren Redensarten gefielen in London gar sehr.

Kaum zwei Jahre nach Absendung deutscher Truppen nach Amerika brach der bayrische Erbfolgekrieg aus, der natürlich eine große Konkurrenz im Markte eröffnete und dem besser zahlenden und listiger oder gewaltsamer auftretenden Werber den Vorsprung ließ. Die kleinen Fürsten wollten zu wenig von ihrem Gewinn abgeben; ihre Werbeoffiziere suchten deshalb durch Rohheit und Gewaltthätigkeit zu ersetzen, was ihnen an Geld fehlte. Die großen deutschen Mächte dagegen, die sich nunmehr gegenübertraten, statteten ihre Werber mit größeren Mitteln aus und zogen deshalb mehr Rekruten an. Zum Glück für die deutschen Truppen-Lieferanten dauerte der bayrische Erbfolgekrieg nicht lange; vom Sommer 1779 an konnten sie das ihnen nur für kurze Zeit erschwerte Geschäft wieder ausschließlich betreiben. Im Mai 1779 wandte sich ein Hauptmann v. Langsdorff, Kommandant des Reichs-Volontär-Korps, das sich aufzulösen im Begriffe stand, von Prag aus an den Minister v. Gemmingen in Anspach. „Es ist nicht schwer, sagte er, einen Theil der Leute, der mir zu folgen gesonnen ist, zu engagiren und nach Anspach zu bringen, ich wünsche zu wissen, wie viel Serenissimus mir vor jeden Mann, den ich nach Anspach schaffen werde, zahlt, damit ich Handgeld und die übrigen Depensen darauf reguliren kann. Die Leute sind meistens jung und schön und vom besten Willen. Wie viel Unteroffiziere könnte ich engagiren, und was wird für sie bezahlt?“ Man sieht, der Mann verstand sein Geschäft. Gemmingen meldete dieses Angebot sofort nach London, erhielt aber eine abschlägige Antwort, da es in diesem Jahre (1779) zu spät sei, Truppen nach Amerika zu senden. So zerschlug sich diese Sache. Anspach that nichts mehr darin, da es wegen der nöthigen Rekruten und Jäger nie in Verlegenheit war.

Am schlimmsten dagegen war der Erbprinz von Hessen-Kassel daran, der so ziemlich auf demselben Jagdgrund mit seinem Vater auf Rekruten pirschen mußte. Er war deshalb genöthigt, sich anderwärts, ja im ganzen Reiche nach Werbeplätzen umzuthun. Die hessischen Werber waren aber überall so gefürchtet, verhaßt und verachtet, daß der Erbprinz es sich als einen freundnachbarlichen Gefallen vom Anspacher Markgrafen erbat, daß seine Werber in anspachischen Uniformen ihrem Geschäfte nachgehen durften. „Ihro Durchlaucht der Erbprinz — schreibt der hanauische Minister v. Gall am 15. Februar 1781 an Gemmingen — schmeicheln sich von der Hand des durchlauchtigsten Herrn Markgrafen und von der Freundschaft und Gefälligkeit der Herren, welche zu dem guten Erfolg in dieser Werbungssache einen Beitrag leisten können, daß solche, da sie vermuthlich nur einige Wochen dauern kann, auch in dieser kurzen Zeit uns zum Theil aus der Verlegenheit ziehen wird, die die Einrichtung eines solchen Korps natürlich mit sich führt, wenn wenig Zeit und an allen Orten und Enden Holländische Werbung ist, die ihre Dukaten und den Umstand sehr geltend macht, daß die Leute den Rheinstrom nicht verlassen. Vielleicht finden sich unter deren Arrestanten verschiedener Art solche Leute, denen eine Wohlthat und dem Lande ein Vortheil geschähe, wenn sie nach Amerika geschickt würden. Vielleicht sind auch unter deren geworbenen Ausländern einige, die klein und also entbehrlich sind; hoffentlich aber werden es Ew. Exzellenz gefälligst in die Wege leiten, daß, Dero eigene Werbung unbeschadet, die Kommandirten an die unsrigen behülflich und beförderlichst sein dürften. Ew. Exzellenz wollen gefälligst gestatten, daß allen Falls Herr Hauptmann v. Geismar (der hessische Werbeoffizier) seine Rekruten mit dem hochfürstlich Brandenburgischen Transport den Mayn herunter schicken dürffe.“

Der Markgraf kam den Wünschen des Erbprinzen um so lieber nach, als dieser sich ihm bei früheren Gelegenheiten besonders gefällig erwiesen hatte, und verehrte ihm als besonderes pretium affectionis einen wahrscheinlich ebenfalls gestohlenen zwei und zwanzigjährigen, 10½ Zoll großen Rekruten. Serenissimus behielt natürlich den „prächtigen Kerl“ für sich und dankte seinem Geschäftsfreunde in den überschwenglichsten Ausdrücken für diesen kostbaren Beweis seiner Zuneigung. Solche Geschenke von Menschenfleisch waren übrigens nichts Seltenes unter den regierenden Herren jener Zeit, ja diese machten sie sogar den im Range unter ihnen Stehenden. Schenkte doch sogar der aufgeklärte Kaiser Joseph II. dem berühmten preußischen Reitergeneral v. Seidlitz, um ihn besonders auszuzeichnen, eine schöne zirkassische Sklavinn, die dem alten Haudegen so sehr gefiel, daß er sich einige Zeit darauf noch eine zweite auf eigene Rechnung nachkommen ließ.

Am Empörendsten von allen deutschen Fürsten handelte übrigens der Herzog von Braunschweig. Dieser Mensch hatte die Stirn, die englische Regierung flehentlich zu bitten, seine in Gefangenschaft gerathenen Truppen, wenn sie überhaupt ausgewechselt werden sollten, ja nicht in die Heimath zurückkehren zu lassen, damit ihm, dem besorgten Landesvater, das Rekrutirungsgeschäft nicht verdorben werde. Es befanden sich bekanntlich etwa 2000 braunschweigische, unter dem braven Riedesel stehende Soldaten bei Burgoyne, als sich dieser leichtfertige und unbedeutende General am 17. Oktober 1777 bei Saratoga dem amerikanischen General Gates ergeben mußte. In dem zwischen diesem und Burgoyne abgeschlossenen Vertrage der Uebergabe war bestimmt worden, daß die Truppen baldmöglichst in Boston nach England eingeschifft oder ausgewechselt werden sollten. Gates' Zusicherung wurde jedoch später vom Kongreß nicht genehmigt. In Folge dessen blieben die deutschen Gefangenen unter unsäglichen Entbehrungen und Kränkungen zuerst im Winter auf dem Winterhill bei Boston und wurden später nach Charlotte in Virginien internirt, aber erst Ende 1782 nach mehr als fünfjähriger Gefangenschaft ausgewechselt.

Man hat vielfach den Grund für diese schlechtere Behandlung der Braunschweiger in der englischen Engherzigkeit und Parteilichkeit gesucht. Man thut aber den Engländern Unrecht, denn der eigene Landesherr war es, welcher seine Unterthanen benachtheiligte. Als das erste Gerücht von der Gefangennahme bei Saratoga und der baldigen Zurückkunft der englischen Truppen, also auch der Braunschweiger nach Deutschland drang, schrieb nämlich der Minister Feronce am 23. Dezember 1777 an Faucitt:

„Wenn man uns hilft, wie man kann und soll, so werden wir unsere Truppen bald wieder auf den erforderlichen Etat bringen. Soll es geschehen, und darin werden Sie, General, mit mir übereinstimmen, so dürfen wir unter keiner Bedingung die armen Teufel von Kapitulanten nach Deutschland zurückkehren lassen. Sie werden natürlich mißvergnügt sein, und ihre Uebertreibungen werden ebenso natürlich von jeder fernern Betheiligung an Ihrem amerikanischen Kriege abschrecken. Sie lassen sie besser, wenn sie denn einmal ausgewechselt werden sollen, nach einer Ihrer amerikanischen Inseln oder selbst z.B. nach der Insel Wight schaffen. Denn dadurch haben Sie weniger Kosten und verlieren weniger Zeit. Ich bitte Sie also, bester General, über das, was ich Ihnen hier sage, nachzudenken und, wenn Sie sich ebenso dafür interessiren, wie wir, meine Ansicht auch Mylord Suffolk zu unterbreiten, der zu viel Einsicht hat, als daß er eine derartige Maßregel in dieser uns ganz gemeinschaftlichen Sache nicht dem Interesse und Dienste des Königs für entsprechend hielte.“

Als wenn aber Faucitt nicht zuverlässig genug gewesen wäre, schrieb Feronce zwei Monate später, am 23. Februar 1778 noch direkt an Suffolk. „Der Herzog — sagte er in seinem Briefe — ist zu sehr von dem Wohlwollen des Königs und der Klugheit seines Ministeriums überzeugt, als daß er voraussetzte, daß man je daran denken wird, die deutschen Truppen, die bei Saratoga kapitulirt haben, nach Deutschland zu schicken, denn ihre Rücksendung würde in ihrem gegenwärtigen zerrütteten Zustande die traurigsten Wirkungen hervorrufen und die schmerzlichste Sensation erregen, uns aber verhindern, unsere drei Regimenter in Kanada à 600 Mann zu kompletiren.“

Natürlich wußten die armen in Amerika gefangen gehaltenen Braunschweiger nichts von dieser freundlichen Fürsorge ihres Serenissimus, denn sonst würden sie sich wohl nicht so oft über Zurücksetzung hinter die Engländer beschwert oder ihrem Fürsten selbst unter den härtesten Entbehrungen die unverbrüchlichste Treue bewahrt haben. Es ist ein rührendes Bild, wie die mitgefangene deutsche Generalsfrau die Fahnen, um sie zu retten und unverletzt nach Hause zu bringen, bei Nacht in ihre Betten einnäht, und wie ein, wenn auch mißverstandenes Ehr- und Pflichtgefühl die Unglücklichen selbst in der Gefangenschaft zusammenhält; aber es ist eine jeder Charakteristik spottende, selbst in jener Zeit einzig dastehende Infamie, wie der herzlose braunschweiger Herzog dieselben Soldaten, welche ihre Haut für ihn zu Markte trugen und ihn dadurch vom Bankerott retteten, jetzt im unverdienten Unglück nicht wieder sehen will, weil sie ihm das Geschäft verderben könnten. Also nicht genug, daß die eigenen Landeskinder verkauft sind; jetzt nachdem es geschehen, dürfen sie sich nicht mehr blicken lassen, damit ihrer noch mehr verkauft werden können. Und der braunschweiger Herzog war noch lange nicht der schlimmste unter seinen fürstlichen Zeitgenossen, er galt im Gegentheil als aufgeklärt, liberal und leutselig.

Wie stolz und Ehrfurcht gebietend steht diesen kleinen Fürsten der große König von Preußen gegenüber! Friedrich ist fast der einzige deutsche Regent jener Zeit, der, weil er seine persönliche Verantwortlichkeit vor der Welt fühlt, auch persönliche Würde hat; der einzige Herrscher, der mit klarem Auge große politische Ziele verfolgt, und der sich mit wahrhaft erhabener Vorurtheilslosigkeit nicht scheut, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Man kannte außer beim König kaum eine selbständige Politik mehr in Deutschland, die meisten kleinen Staaten fristeten ihre klägliche Existenz nur durch geschmeidiges Anklammern an fremde Interessen. Deshalb ist der souveraine Hohn und die kalte Verachtung, welche er England und seine Lieferanten überall fühlen läßt, doppelt wohlthuend.

Friedrich's Verhältniß zum Soldatenhandel ist vielfach entstellt und übertrieben worden; führen wir es deshalb auf den richtigen Thatbestand zurück!

Der König sowohl wie der deutsche Kaiser hatten ein naheliegendes politisches Interesse an den Truppenlieferungen. Einmal verstießen dieselben gegen die Reichsgesetze, deren Hüter der Kaiser sein sollte, dann aber raubten sie ihm, sowie dem König von Preußen bei dem damaligen Werbesystem einen großen Theil der Mittel zur Füllung ihrer eigenen Regimenter, wenn der amerikanische Krieg noch unbestimmte Zeit fortdauerte.

So lange die ersten Verhandlungen schwebten, erwartete man höchstens einige tausend Mann als ihr Ergebniß, denn Niemand hatte geglaubt, daß die kleineren Fürsten kaum dreizehn Jahre nach dem siebenjährigen Kriege im Stande sein würden, innerhalb weniger Monate nahe an 20,000 Mann zu liefern. Gleichwohl wurden der Verschiffung der Hauptkorps nicht die mindesten Hindernisse in den Weg gelegt. Erst mit den Sendungen des Jahres 1777 begann, wie wir im siebenten Kapitel gesehen haben, auf Anstiften des kaiserlichen Gesandten, sich unter den rheinischen Fürsten eine, vorläufig noch in kleinen Chikanen auftretende Feindseligkeit gegen die Truppenlieferanten zu entwickeln, die gleichwohl diesen und England die ernstlichsten Besorgnisse einflößte, weil sie für die Folge das Geschäft bedeutend verzögern und dadurch beeinträchtigen konnte. Schlimmsten Falls war aber mit den geistlichen und pfälzer Kurfürsten durch diplomatische Vorstellungen und Drohungen, Geschenke, Baarzahlungen und sonstige Aufmerksamkeiten an ihren Höfen schon fertig zu werden. Auch des Kaisers Befehle waren unter Umständen zu umgehen und fielen mehr durch ihr moralisches Gewicht als durch ihre praktische Tragweite in die Wagschale.

Bereits im Oktober 1777 hatte der Wiener Hof allen seinen Gesandten bei den verschiedenen deutschen Fürsten Auftrag gegeben, die Truppenlieferungen an England soviel als möglich zu verhindern, da sie das Reich entvölkerten und sonstige schlechte Folgen nach sich zögen. „Die Wahrheit ist — schreibt Cressener am 17. November 1777 aus Bonn an Suffolk — daß die österreichischen Werbe-Offiziere große Schwierigkeiten beim Rekrutiren fanden, daß die Rekruten den Dienst in Amerika vorzogen, und daß selbst die kaiserlichen Regimenter in Folge dessen mehr als gewöhnlich durch Deserteure verloren. Aehnliche Beschwerden brachten die preußischen Werbeoffiziere vor. Namentlich klagten sie darüber, daß seit dem amerikanischen Kriege ihre Rekruten nur selten noch das erforderliche Maß hätten, also bloß Ausschuß wären.“

Ein zu derselben Zeit den Direktoren des westfälischen Kreises vom Kaiser gemachter Vorschlag, innerhalb ihres, ganz Westfalen und Niedersachsen umfassenden Gebietes, die Truppenaushebungen für England zu verhindern, scheiterte gleichwohl mit am Widerspruch des preußischen Residenten Emminghaus, da der König sich dem Kaiser nicht unterordnen wollte und er selbst möglichen Falls unter den Konsequenzen des Verbots zu leiden gehabt haben würde. Uebrigens kümmerte sich England in der Folge gar nicht um den Widerspruch von Kaiser und Reich, und diese ließen es auch ruhig gewähren.

Anders dagegen bei Friedrich, der seiner Politik bei Freund und Feind Respekt zu verschaffen wußte. Sein Verhältniß zu England war seit dem Jahre 1761, wo er so schmählich durch Bute im Stich gelassen wurde, sehr lau gewesen und seit der ersten Theilung Polens, wo es seinen Ansprüchen auf Danzig mit entschiedenem Erfolge entgegengetreten war, sogar ein erbittertes geworden. Aeußerlich höflich, verachtete Friedrich die damals England beherrschende Aristokratie und sprach sich bei jeder Gelegenheit mit der äußersten Geringschätzung gegen sie aus, diese Menschen, bei denen die Liebe zum Gelde und der persönliche Vortheil den Sieg über das öffentliche Wohl davon trage. „Dieser Engländer — hatte er früher einmal von Bute gesagt — glaubt, er könne mit Geld Alles erreichen.“ Jetzt war die Gelegenheit gekommen, England empfindlich zu kränken, ohne ihm gerade feindlich gegenüberzutreten — und Friedrich ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Andererseits fürchtete er aber wirklich, daß die bedeutenden Truppenlieferungen nach Amerika ihn in seinem eigenen Bedarf verkürzen würden, und das zu einer Zeit, wo der täglich drohende Tod des Kurfürsten Maximilian Joseph den bei den österreichischen Ansprüchen unvermeidlich gewordenen Krieg wegen der bairischen Erbschaft zum Ausbruch bringen konnte.

„Der König von England — sagt Friedrich in seinem Anhang zu den Memoiren seit dem Frieden von Hubertsburg bis zum Ende der Theilung Polens — unterhandelte mit allen Höfen Deutschlands, um die wenigen Leute daraus zu ziehen, die es noch zu liefern vermochte. Deutschland spürte schon die Nachwehen der zahlreichen Menschenlieferungen, die in fremde Welttheile geschickt waren, und der König von Preußen sah mit Sorge, daß im Falle eines neuen Krieges das Reich seiner Vertheidiger beraubt sein würde, denn im Jahre 1756 hatten Niedersachsen und Westfalen allein eine Armee auf die Beine gebracht, mit welcher man die Fortschritte des französischen Heeres aufhalten und vereiteln konnte. Aus diesem Grunde chikanirte er die Truppen der mit England verbündeten deutschen Fürsten, sobald sie durch Magdeburg, Minden und das Gebiet am Niederrhein passiren mußten. Es war das eine schwache Rache für das schlechte Verhalten, welches der Hof von London ihm gegenüber rücksichtlich der Stadt und des Hafens von Danzig beobachtet hatte. Der König wollte übrigens die Dinge nicht zu weit treiben, denn eine lange Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß man immer eine Menge Feinde findet, ohne daß man sie sich aus Uebermuth auf den Hals zu laden braucht.“

Wenn man sich die damalige deutsche Politik des Königs vergegenwärtigt, so wird man finden, daß er erst dann, als der Krieg mit dem Kaiser gewiß geworden war, ernstliche Maßregeln gegen England und seine Lieferanten ergriff. Friedrich hat in den obigen Worten ihnen gegenüber ganz genau seinen Standpunkt bezeichnet. Wir werden später sehen, daß jede seiner Handlungen damit übereinstimmt; gleichwohl haben selbst angesehene deutsche Geschichtsschreiber, wie z.B. Schlosser, von den Amerikanern nicht zu reden, seine Motive und Akte in dieser Beziehung gröblich entstellt. Diese tendenziöse Auffassung der Opposition Friedrich's verräth namentlich amerikanischer Seits einen eben so großen Mangel an Einsicht in die Politik jener Zeit als in den Charakter des Königs. Ein Fürst, der, um seine Zwecke zu erreichen, ohne jedes Bedenken hundert Tausende von Menschenleben opfert; ein Feldherr, der sich wundert, daß „die Hunde von Grenadiere ewig leben wollen“, wenn sie sich nicht gleich in den Rachen von hunderten, Tod und Verderben speienden Geschützen stürzen, ein solcher Mann wird, ohne das moralische Ungeheuer zu sein, als welches ihn höchst oberflächlicher Weise Macaulay karrikirt, nie wie ein junger sentimentaler Lyriker für die Sache unterdrückter Unterthanen in die Schranken treten und am allerwenigsten ihnen zu Liebe seines Gleichen den Krieg erklären. Nichts ist deshalb ungerechtfertigter als die Annahme, daß Friedrich aus Sympathie für die amerikanischen Rebellen dem Landgrafen von Hessen und seinen Kollegen feindselig gegenübergetreten sei.

Um hier nur eine der bekannteren falschen Geschichten hervorzuheben, so ist es zum Beispiel eine von Kortüm zuerst Franklin nacherzählte und später von Schlosser wiederholte Anekdote, daß die hessischen Soldaten auf Befehl des Königs bei Minden den Viehzoll hätten entrichten müssen, weil sie ja wie Vieh verkauft seien[5]. Schlosser druckt den Passus sogar mit gesperrter Schrift. Nie hat Friedrich eine derartige Maßregel angeordnet. Er beschränkte sich einfach, wie er das selbst ausdrücklich hervorhebt, auf die Chikane und zwang die Miethstruppen, eine Zeit lang sein Gebiet bei Magdeburg, Minden und Wesel zu umgehen oder er besteuerte ihr Gepäck. Zudem haben wir es hier nicht mehr mit dem jugendlich übermüthigen König zu thun, der die hallischen „Fasen“ zum Theaterbesuch zwang, sondern mit dem gewiegten Staatsmann, der nur das Interesse seines Staates im Auge hat und jedes Ereigniß in diesem Verhältniß auffaßt und benutzt. Sodann darf man nicht übersehen, daß die preußische Armee damals auch noch keine Landwehr hatte, sondern fast in derselben rohen Weise wie jede andere durch Werbungen rekrutirt wurde, und daß der König viel zu klug war, um seine eigenen Soldaten einer ähnlichen Behandlung Seitens eines übelgesinnten oder mächtigen Nachbarn auszusetzen.

Schon bei einer frühern Gelegenheit, im Anfang seiner Regierung, hatte der König, als die Holländer Truppen von Braunschweig mietheten, die Käufer mit Metzgern verglichen, welche nach Podolien wandern, um dort schwere Ochsen einzuhandeln. Eine ähnlich klingende gelegentliche Aeußerung findet sich in einem am 18. Juni 1776 an Voltaire geschriebenen Briefe Friedrich's, worin er diesem gegenüber die Ehre ablehnt, der Lehrer des Landgrafen von Hessen gewesen zu sein, der gerade einen Katechismus für Fürsten geschrieben und ihn Voltaire geschickt hatte. „Wäre der Landgraf — schrieb Friedrich — aus meiner Schule hervorgegangen, so würde er den Engländern seine Unterthanen nicht verkauft haben, wie man Vieh verkauft, um es auf die Schlachtbank zu schleppen.“ Der König nahm allerdings aus Haß gegen England unbedingte Partei für die Amerikaner und gefiel sich sogar dem englischen Gesandten gegenüber darin, deren Erfolge zu übertreiben oder die den englischen Waffen ungünstigen Berichte gehässig zu erläutern oder geschäftig zu verbreiten. Nur von diesem rein persönlichen Gesichtspunkte aus darf man daher seine Stellung in der Subsidienfrage beurtheilen.

Gleichwohl aber liegt in Friedrich's Worten und Maßregeln eine solche geistige Ueberlegenheit, und eine solche souveräne Verachtung der elenden Bereicherungsmittelchen der kleinen Reichsfürsten ausgedrückt, daß man sich den Jubel der Unterdrückten und die Freude der bei dem schmachvollen Handel Unbetheiligten sehr wohl erklären kann. Das Volk liebt es, seinen Helden seine eigenen besten Gedanken unterzuschieben, es macht sie zu Trägern seiner liebsten Wünsche und Hoffnungen. So wurde denn auch allmälich auf Grund von ein paar scharfen Aeußerungen, die der amerikanischen Revolution günstig waren und die geizigen und gierigen Fürsten brandmarkten, in Friedrich der Haß und die Verachtung aller denkenden Zeitgenossen gegen die Seelenverkäuferei verkörpert.

Der König von Preußen hatte, wie wir bereits gesehen haben, den bis zum Herbst 1777 durch sein Gebiet fahrenden und nach Amerika bestimmten Truppen so gut als keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Den ersten Anstoß dagegen nahm er an 308 anspacher Jägern und Rekruten, die am 31. Oktober jenes Jahres mit den neuen Uniformen für das erste Regiment in Stefft eingeschifft waren und Main und Rhein hinunterfahrend, am 15. November in Dortrecht eintreffen sollten. Der Markgraf dachte so wenig an Hindernisse irgend welcher Art, daß er am 16. Oktober, um seine durch die englischen Zahlungen verbesserte Vermögenslage zu genießen, mit seiner Maitresse Lady Craven nach Paris abgereist war, wo er sich während des Winters aufzuhalten gedachte. Unmittelbar vor seiner Abreise hatte er die an den Rhein gränzenden Staaten um freie Durchfahrt für seine Truppen gebeten und sich am 14. Oktober auch an den König gewandt. Er betrachtete diese Requisitionen als bloße Formsache und ließ deshalb auch seine Leute, ohne nur eine Antwort abzuwarten, marschiren. Pfalz, Mainz und Trier gaben am 5. und 6. November die gewünschte Erlaubniß und bewilligten zugleich Zollfreiheit für Mannschaft und Gepäck. Der Kurfürst von Mainz knüpfte an seine Genehmigung zwar die Drohung, daß er den anspacher Transport nach mainzer Landeskindern oder Deserteuren durchsuchen lassen werde. Da indessen der Oberst Schlammersdorff die letzteren am 7. November, als er bei Mainz vorbeifuhr, auf den Rath Gemmingen's versteckte, so fanden die mit der Durchsuchung beauftragten Mainzer Offiziere Niemanden und trennten sich nach einer gemüthlichen Kneiperei von ihrem neuen anspacher Freunde. So harmlos ließen nun der alte Fritz und seine Untergebenen nicht mit sich handeln. Der König schlug dies Mal ganz wider Erwarten das anspachische Gesuch rund weg ab. Sein Antwortschreiben, welches in der Gesammtausgabe seiner Werke nicht enthalten, noch überhaupt sonst irgendwo veröffentlicht ist, findet sich in den anspacher Manual-Akten. Es ist vom 24. Oktober 1777 aus Potsdam datirt und lautet wörtlich (das Original findet sich im Anhang) wie folgt:

„Ich gestehe Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht, daß ich niemals an den gegenwärtigen Krieg in Amerika denke, ohne von der Gier einiger deutscher Fürsten unangenehm berührt zu werden, welche ihre Truppen einer sie gar nichts angehenden Sache opfern. Mein Erstaunen vergrößert sich, wenn Ich Mir die alte Geschichte und jene weise und allgemeine Zurückhaltung unserer Vorfahren in's Gedächtniß rufe, welche sie verhinderte, deutsches Blut für die Vertheidigung fremder Rechte zu vergießen und welche sogar als Gesetz in das deutsche Recht übergegangen ist.

Aber Ich merke, daß Mein Patriotismus Mich fortreißt und Ich komme auf das Schreiben Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht vom 14.d.M. zurück, welches ihn so stark angefacht hat. Sie verlangen darin die freie Durchfahrt für die Rekruten und das Gepäck, welches Sie Ihrem, im großbrittanischen Dienste befindlichen Truppen-Korps zuschicken wollen. Ich nehme Mir die Freiheit, Ihnen zu bemerken, daß wenn Sie dieselben nach England gelangen lassen wollen, Sie durchaus nicht nöthig haben, sie durch meine Staaten passiren zu lassen, sondern daß Sie dieselben einen kürzern Weg zum Einschiffungshafen einschlagen lassen können.

Ich unterbreite diese Ansicht dem Urtheil Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht, und Ich bin nicht weniger mit aller Zärtlichkeit, die Ich Ihnen schulde, mein Herr Neffe, Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht guter Onkel Friedrich.“

Dieser Brief gelangte in der ersten Woche des November nach Anspach. Gemmingen und Benckendorff, welche während der Abwesenheit des Markgrafen eine Art Regentschaft bildeten, erbrachen ihn, hielten es aber für das Beste, seinen Inhalt zunächst ganz zu ignoriren. Sie dachten offenbar, in Potsdam herrschte dieselbe Wirthschaft wie in Anspach, und die preußischen Minister könnten hinter dem Rücken des Königs thun und lassen, was Sie wollten. Sie schrieben also am 16. November noch einmal an Hertzberg und Finckenstein und baten, als ob der Markgraf noch keinen abschlägigen Bescheid vom König erhalten hätte, noch einmal dringend um endliche Gewährung des freien Durchzugs. „Der unerwartete Aufenthalt dieses Truppentransports — so motivirten sie ihr Gesuch wörtlich — wird der Hochfürstlichen Durchlaucht zu einem gar empfindlichen Schaden gereichen, zumalen Hochdieselbe, wie Ihro Königl. Majestät bereits bekannt ist, die Ueberlassung Ihro Trouppes in Königlich Großbritannischen Sold und Dienst bloß in der patriotischen Absicht bewilligt haben, durch die erlangenden Subsidien mehrere Landesschulden zu tilgen.“

Die königlich preußischen „verordneten wirklich Geheimde Estats-Räthe“, Finckenstein und Hertzberg antworteten aber am 22. November 1777, daß sie das Gesuch der anspachischen hochgeehrtesten Herren Sr. Majestät zwar gebührend mit ihrem Berichte vorgelegt, daß Höchstdieselbe aber befohlen habe, darauf zu erwidern, daß Sie bei der des Herrn Markgrafen Durchlaucht ertheilten Antwort beharre. Auch der englische Gesandte Elliot in Berlin, der sich in derselben Angelegenheit in Suffolk's Auftrag an den König gewandt hatte, erhielt dieselbe abschlägige Antwort mit dem Zusatze, daß die im vorigen Jahre unter den Rekruten vorgekommenen Unordnungen Se. Majestät veranlaßten, in Zukunft ähnlichen Transporten die Durchfahrt zu verweigern. Das durch einen solchen Zusatz motivirte Verbot klang wie ein Hohn, weil die Truppen damals gar nicht hatten an's Land gehen dürfen; allein es fiel wie eine Bombe unter die von ihm betroffenen englischen Agenten und deutschen Fürsten sammt ihren Ministern. Mit Recht schreibt Sir Joseph Yorke, als er diesen merkwürdigen Vorwand hörte, am 15. November 1777 an Rainsford: „Jedermann hat eine zu heilige Scheu vor Seiner Preußischen Majestät und schwebt vor ihr in zu großer Furcht, Leute auf der Passage durch ihr Gebiet zu verlieren, als daß er es wagen würde, dort irgend eine dem Könige mißfällige Handlung zu begehen.“ Expresse und Kouriere wurden jetzt aber schleunigst von einem Hofe zum andern geschickt, Noten gewechselt und Versuche bei dem preußischen Gesandten in Köln und dem Kommandanten von Wesel gemacht, damit sie ein Auge zudrückten; aber Alles war vergebens. „Bisher — ruft Faucitt aus — war der Rhein der ganzen Welt offen, jetzt wird er unerwartet und plötzlich geschlossen. Es ist zu spät, unsere Route zu ändern. In Minden droht dieselbe Unterbrechung. Ich habe sofort nach Berlin, Hanau, Anspach und Kassel geschrieben und Schlieffen gerathen, die Hessen an der Weser das preußische Gebiet umgehen zu lassen.“ In demselben Tone jammerte Cressener: „Zu Lande können die Truppen nicht marschiren, zudem ist es den Rhein entlang unmöglich, das preußische Gebiet nicht zu berühren, und dann werden die Boote mit den Uniformen doch in Wesel angehalten werden.“ „Wenn Ihr Hof — wehklagt der anspachische Oberst Schlammersdorff in seinem Briefe an Rainsford d.d. Bendorf 18. November 1777 — keine Mittel findet, den Entschluß des Königs von Preußen zu ändern, so ist Alles verloren, so sind wir ruinirt, denn es ist absolut unmöglich, zu Lande zu marschiren.“ Rainsford selbst, der bereits in Nimwegen auf die neue Zufuhr wartete, fand den Verzug um so unangenehmer, als die Transportschiffe schon in Holland eingetroffen waren, das Wetter ganz prachtvoll war und ein paar Tage hingereicht hätten, die Truppen einzuschiffen. Hier war also guter Rath theuer.

Inzwischen waren die anspachischen Truppen am 12. November nach Bonn gelangt, wo Oberst Schlammersdorff durch den englischen Gesandten Cressener mündlich und durch Oberst Faucitt schriftlich Kenntniß von dem Verbot des Königs erhielt. „Es ist somit — schreibt er am 13. November an Gemmingen — die Transportirung unmöglich 1. weil das preußische Gebiet doch nicht zu evitiren; 2. keine Requisitoriales für die Landmärsche ergangen sind, folglich die Einquartirung refusirt werden wird; 3. die Baggage nicht mit fortgebracht werden kann und 4. die Desertion inevitabel sein wird, wofür ich absolute nicht responsabel sein kann. Ich fahre also zurück nach Bendorf, um dort oder in Altenkirchen die Leute einzuquartiren. Ich habe per Estafette sofort Serenissimo Bericht nach Paris erstattet.“ Als die kurfürstlich kölnischen Behörden von dem preußischen Verbote hörten, wurden sie auch unangenehm. In Bonn wollten sie die Anspacher nicht länger dulden, und täglich fragte der dortige General Kleist höflich bei Schlammersdorff an, wann er abzufahren gedenke? Dieser verließ Bonn am 18. und traf am 19. November Abends in Bendorf ein.

Der Markgraf von Anspach besaß zu jener Zeit die seinem Vater im Jahre 1741 anerfallene Grafschaft Sayn-Altenkirchen mit der Stadt Bendorf (am rechten Rheinufer zwischen Neuwied und Ehrenbreitstein). Oberst Schlammersdorff gab, um dort Platz zu bekommen, dem Gouverneur der Grafschaft Befehl, die in Bendorf stehende Kompagnie tiefer in's Land zu legen. Als Schlammersdorff aber selbst nach Bendorf kam, fand er, daß die Stadt keine Wälle hatte, daß er also seine Leute nicht sicher bewachen konnte. Er beschloß deshalb, dieselben in den Booten zu behalten und diese mit Oefen zu versehen, die Soldaten aber von Zeit zu Zeit truppweise unter Aufsicht an's Land zu lassen, damit sie sich Bewegung machen und erholen könnten. So lagen sie etwa vier Wochen lang Bendorf gegenüber auf dem Rhein. Ihnen zur Seite hatte sich ein hanauer Transport von etwa 250 Rekruten gelagert, welcher am Rheinfels von dem preußischen Verbote benachrichtigt und jetzt auf Wunsch des Erbprinzen zu den Anspachern gestoßen war, nachdem dieser sich feierlich verpflichtet hatte, alle Bedürfnisse für seine Leute baar zu bezahlen. Diese nach Anspach oder Hanau zurückzuschicken, durften der Markgraf und Erbprinz nur im alleräußersten Nothfall wagen, weil sie sich dadurch den Markt für die Zukunft verdorben, die Desertion befördert und zugleich die englischen Subsidien und Löhnung geschmälert hätten.

Die Schlammersdorff'sche Korrespondenz mit Gemmingen wirft einige interessante Streiflichter auf die Mittel, welche während jener Zeit zur Aufrechterhaltung der Zucht und zur Verhinderung der Desertion der Soldaten für nöthig erachtet wurden.

„Es ist nicht thunlich, — schreibt Schlammersdorff am 20. November 1777 — die Leute in Bendorf einzuquartieren. Es sind keine Häuser dafür vorhanden; das Rathhaus, das größte Gebäude, faßt nicht mehr als 60 Mann. Ich werde deshalb meine Leute so lange als möglich auf den Schiffen halten. 24 Mann vom Altenkirchener Kontingent und 6 Jäger sind hier, die mir das Ufer garantiren. Meine Leute fangen an, mürrisch zu werden; sie fürchten sich vor der Rückkehr nach Anspach. Nach Altenkirchen zu marschiren, dauert zwei Tage; ich muß in einen geschlossenen Ort. Aus meinem Beutel habe ich für etwa 80 fl. den Leuten dann und wann Gemüse, Fleisch, Bier und Taback reichen lassen, um sie gut zu erhalten bei dieser äußerst unangenehmen, naßkalten Saison. Hingegen konnte ich bis vor zwei Tagen Alles mit sie machen, ohnerachtet ich in Fällen rigid strafe. Allein seit gestern muß ich sehr auf meiner Hut sein. Gott gebe eine baldige Aenderung in dieser Lage! Es ist zum rasend werden! Auf den Schiffen — heißt es am 29. November weiter — ist Alles gesund und noch ruhig. An Peroriren, Schlagen, Viktualien-Präsenten und Krummschließen lasse ich es nicht fehlen, um den Klumpen in der sehr rauhen Witterung in Ordnung zu halten. Meine Nachbarn, die Hanauer, haben schon 23 Kranke, worunter viele mit hitzigem Seitenfieberstechen. Ich will hier bleiben und nicht nach Altenkirchen marschiren. Es ist zehn Stunden von hier entfernt; wir müssen also zwei Märsche dahin machen. Zur Nachtstation ist nur Diersdorf geeignet, die Residenz des regierenden Grafen, quaeritur, ob er uns einnimmt, und wenn er es thut, wie viel wird man nicht für das bloße Nachtquartier zahlen müssen? Dann ist der Ort Diersdorf mit kaiserlicher, preußischer, französischer und holländischer Werbung angefüllt. Die Soldaten werden unruhig — fährt Schlammersdorff am 8. Dezember fort — Gestern Abend nach dem Zapfenstreich wurde mir entdeckt, daß zwei Mann Komplot gemacht, zu desertiren, und den Dritten, als den Denunzianten mit haben wollten. Diese wurden nun sogleich in die Eisen geworfen und heute verhört. In der Nacht um ein Uhr sind aber von der Hauptwache zwei Mann vom Posten mit Ober- und Untergewehr desertirt, worunter ein Mainzer, sechs Zoll messend, die Kanaille, die mich damals, als wir Mainz passirten, bat ihn zu verbergen. Was auch kommen mag, die Desertion bleibt unvermeidlich. Etliche 20 bis 30 Mann, verdächtige liederliche Pursche, sind beim ganzen Transport. Wie wäre es, wir bäten den Erbprinzen von Hanau um Quartiere im Winter? Wir müßten unseren Leuten nur den englischen Sold geben (Serenissimus gab ihnen natürlich nur den anspachischen und steckte die gestohlene Differenz in seine Tasche). Die Verhöre haben ergeben — schließt Schlammersdorff seine Berichte am 12. Dezember 1777 auf dem Rhein unweit Koblenz — daß 3–4 Mann desertiren wollten. Gottlob, daß nicht mehr mitimplizirt waren! Zwei Jäger und drei Musketiere habe ich aber der altenkirchener Mannschaft geschlossen mitgegeben zur Bewahrung bis auf weiteren Befehl, und damit solche nicht noch größeres Unheil anstellen. Den Knichtel aus dem Bayreuthischen und den Hubel, ein schöner, junger, großer Pursch, der von die andere Kanaille verführt worden, den habe ich wieder losgelassen. Einen französischen Werber vom Regiment Anhalt, der gleich andern Tages nach meiner Ankunft vor Bendorf an das Ufer kam und einer Soldatenfrau ein Goldstück versprach, wenn sie ihm etliche schöne Pursche brächte, habe, sobald die Frau es mir angezeigt, aufsuchen, arretiren und in die Eisen schmeissen lassen.“

Die Verhandlungen mit der englischen Regierung hatten schließlich dahin geführt, daß die Hanauer und Anspacher in Hanau überwintern sollten, welches, wie Cressener zur Beruhigung an Suffolk schrieb, befestigt war, so daß die Desertion verhindert werden konnte. Jene trafen am 16. Dezember in letztgenannter Stadt ein; diese zwei Tage später. Beim Abmarsch wurde um Bendorf ein Kordon von 40 Jägern und 12 Altenkirchener Musketieren gezogen und das Ufer links zur Abfahrt besetzt gehalten. So ging Alles gut von Statten.

Während der hier geschilderten, die letzte Hälfte des November und die erste Hälfte des Dezember 1777 einnehmenden Vorgänge hatten sich die englischen diplomatischen Agenten und Gesandten, sowie die betreffenden beiden deutschen Fürsten den Kopf darüber zerbrochen, wie sie die also aufgehaltenen Soldaten am schnellsten und sichersten an's Meer schaffen könnten. Es gab nur zwei Wege, sich aus dieser Verlegenheit zu ziehen. Entweder marschirten sie auf dem linken Rheinufer über Aachen und Mastricht nach Holland und wurden hier zu Wasser nach einem dortigen Hafen geschafft, oder sie wandten sich auf dem rechten Rheinufer durch die jetzige preußische Provinz Hessen-Nassau bis zur Weser und fuhren von da nach Bremerlehe.

„Der Markgraf von Anspach-Brandenburg — meldet Cressener am 26. November 1777 — hat nach Berlin geschrieben und den König um Erlaubniß der ungehinderten Passage für seine Truppen gebeten, da er sonst zu viel verlieren werde. Ich erwarte aber keinen Erfolg von diesem Schritte. Der König von Preußen, der sagt, seine Freundschaft für uns habe sich nicht verändert, aber mittelst eines kleinen Umweges könnten die von uns gemietheten Mannschaften doch an das Ziel ihrer Bestimmung gelangen, giebt uns mit dieser Erklärung einen Fußtritt und bittet dabei mit lächelnder Miene, wir möchten diesen Tritt nicht als einen Bruch seiner Freundschaft betrachten. Wenn er uns nur einen Weg auf der Karte zeigen wollte, wie wir an's Meer kommen können! Es bleibt uns nur übrig, entweder die Truppen zurückzuschicken, oder sie über Aachen nach Holland marschiren zu lassen. Der Weg über Lechenich, Düren, Eschweiler und Aachen ist der kürzeste und leichteste; die Truppen brauchen dann nur kölner, pfälzer, aachener und General-Staaten-Gebiet zu berühren. Von hier über Düren nach Aachen ist nicht über achtzehn Meilen (?), von Aachen nach Mastricht sieben Meilen, von da nach Herzogenbusch zweiundzwanzig Meilen, zusammen also siebenundvierzig Meilen. Endhofen, welches auf dem geraden Wege nach Herzogenbusch liegt, gehört zwar der Kaiserin, kann aber leicht umgangen werden. Mastricht ist die einzige Festung, die im Wege liegt. Um Desertion zu verhindern, können der Markgraf und Erbprinz zur Begleitung und Bewachung der Truppen die erforderliche Anzahl von Subaltern-Offizieren und Soldaten schicken.“

Schlammersdorff weigerte sich aber entschieden, diesen langen Landweg einzuschlagen, da er bei dem Mangel an Bedeckungsmannschaften und in der gefährlichen Nähe der Festung Mastricht nicht dafür stehen könne, daß er mit fünfzig Mann in Nimwegen ankommen werde. Auch Cressener ließ diesen Plan fallen, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Gefahr der Desertion in hohem Grade vorhanden. „Denn ich weiß — so schloß er seinen Bericht vom 1. Dezember an Suffolk — aus was für Volk seine Rekruten bestehen.“


Es handelte sich also zunächst darum, vom rechten Rheinufer bis an die Weser und auf ihr an's Meer zu gelangen. „Ich habe — berichtete Faucitt aus Hannover am 21. November an Suffolk — die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, daß die Anspacher und Hanauer von Bendorf nach Münden und von dort, mit Vermeidung des preußischen Gebietes bei Minden, nach Bremerlehe geschafft werden. General von Hardenberg hat mir einen in diesen Dingen sehr erfahrenen Offizier, den Hauptmann von Wangenheim, beigegeben, der sofort nach Bendorf gehen und unterwegs alle Anordnungen für den ungehinderten Durchzug der Truppen treffen wird. Die Transportschiffe müssen also nach Bremerlehe fahren. Ich habe die endgültige Entscheidung über meinen Plan Sir Joseph Yorke überlassen. Der Haupteinwand, der sich dagegen machen läßt, ist die Gefahr der Desertion. Ich glaube ihr dadurch vorgebeugt zu haben, daß ich dem kommandirenden Offiziere anbefohlen habe, aus den besten und sanftesten Rekruten eine Art Eskorte zu bilden, ihnen eine außerordentliche Belohnung für ihre Treue und ihr gutes Verhalten auf dem Marsche zu sichern und sie für den Eifer zu beloben, den sie zeigen werden, um ihre Kameraden von der Desertion abzuhalten und Unordnungen zu verhindern. Sollte Frost eintreten, so können die Truppen, wenn sie einmal im Kurfürstenthum sind, in Nienburg oder Stade untergebracht werden, was mir General Hardenberg auch versprochen hat.“

Faucitt berechnete die Entfernung von Bendorf über Montabaur (Trier), Weilburg (Nassau), Wetzlar (freie Reichsstadt), Marburg (Hessen-Kassel), Gesberg und Fritzlar (Mainz), und Kassel nach Münden auf 26½ Meilen und zwölf Marschtage nebst fünf Ruhetagen, bis Bremerlehe aber auf im Ganzen vierzig Marschtage und zehn Ruhetage, während nach seiner Berechnung der Weg über Düren bis Herzogenbusch nur sechszehn Tagemärsche in Anspruch nahm. Diese Entfernungen wären übrigens der geringste Nachtheil gewesen; ein viel größerer bestand in der von den betreffenden Fürsten zu erlangenden Erlaubniß zum Durchmarsche durch ihr Gebiet. Nur unter dieser Bedingung und Voraussetzung genehmigte Yorke den Faucitt'schen Vorschlag.

Anfangs ließen sich die Aussichten gut an. Man hätte glauben sollen, daß der Landgraf von Hessen-Kassel als englischer Soldaten-Lieferant gar nicht weiter befragt worden wäre, allein er war so eifersüchtig auf seine Rechte, daß Faucitt, der sogar ein Verbot des Durchzuges der Hanauer befürchtete, sich an ihn, wie an jeden andern Fürsten, um freie Passage wenden mußte. Es waltete hier nämlich noch eine besondere, und zwar höchst lächerliche Schwierigkeit ob. Der Landgraf stand seit 1754 mit seinem Sohne, dem Erbprinzen und Grafen von Hanau auf gespanntem Fuße und hatte ihn seit dieser Zeit nicht gesehen, ja selbst sein Name, wie überhaupt die souveraine Grafschaft Hanau durfte bei Vermeidung des allerhöchsten Mißfallens vor dem Serenissimus nicht genannt werden. Der Landgraf gestattete zwar in einer höflichen Antwort an Faucitt den Durchmarsch der hanauer und anspacher Rekruten und Jäger durch „seine Staaten“, bestand aber ausdrücklich darauf, daß sie unter dem Namen Anspacher gehen mußten, und daß sie Kassel nicht berühren durften. Er ertheilte demnach freie Passage für 534 Anspacher, obgleich sie für 234 Hanauer und 300 Anspacher verlangt worden war. Die anderen Souveraine waren aber nicht so gefällig als der Landgraf. Der Kurfürst von Trier gab die Erlaubniß nicht. Als die von den Hanauern vorausgeschickten Quartiermeister in Montabaur ankamen, wurden sie vom Magistrat der Stadt abgewiesen, weil sie sich nicht ausweisen konnten. Auch die freie Reichsstadt Wetzlar wollte die Rekruten nicht durch ihr Gebiet ziehen lassen. Man befürchtete eben von ihnen Exzesse, für welche weder die englische Regierung, noch ihre deutschen Lieferanten aufkommen wollten. So ließ man den Plan ganz fallen.

Im Februar 1778 wurde man endlich mit Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt über eine neue Marschroute einig, so daß in der letzten Woche dieses Monats die Anspacher und Hanauer ihr zeitweiliges Quartier Hanau verlassen konnten. Faucitt nahm ihnen hier den Eid der Treue für den König von England ab, weil dieser Akt einen mächtigen Eindruck auf die Rekruten mache und die Desertion auf dem Marsche verhindere. In der That war diese äußerst gering, was aber wohl hauptsächlich der tüchtigen Führung durch erfahrene Offiziere zu verdanken war. Zudem ließ zur größern Vorsicht der Erbprinz den Transport durch ein Korps seiner Haustruppen bis Münden eskortiren. Der Weg ging von Hanau über Windecken, Friedberg, Butzbach, Gießen, Marburg, Felsberg, Münden und Hannover nach Nienburg, wo die Truppen am 8. März eintrafen und auf die für Bremerlehe bestimmten englischen Transportschiffe warten mußten. Erst am 23. März konnten sie in Nienburg weiter nach Bremerlehe eingeschifft werden; von hier fuhren sie am 8. April nach Portsmouth ab. Diesen Hafen verließen sie am 24. Mai, aber erst am 8. September 1778 kamen sie in Newyork an. Die Unglücklichen hatten Anspach und Hanau in den letzten Tagen des Oktober resp. ersten Tagen des November 1777 verlassen, waren also im Ganzen länger als zehn Monate unterwegs gewesen.

Natürlich hatte die englische Regierung die Kosten für alle diese unvorhergesehenen Zwischenfälle zu tragen. Suffolk gab schon Ende Dezember 1777 Anweisung an Faucitt, Alles, was recht und billig sei, zu berichtigen. „Wir müssen den Markgrafen und Erbprinzen natürlich entschädigen — schrieb er am 23. Dezember an Faucitt — Sie hätten sich das selbst wohl denken und dieserhalb nicht lange Briefe an mich schreiben lassen sollen. Thun Sie also, was verständig ist. Zahlen Sie alle nothwendigen Ausgaben, welche wir ohnehin gehabt haben würden, wenn die Einschiffung stattgefunden hätte, binden Sie sich aber nicht die Hände für die Zukunft. Ist Gefahr vorhanden, daß wir die Leute bis zum Frühjahr nicht einschiffen können, so lassen Sie die Kerle laufen und bezahlen Sie dieselben bis auf den letzten Tag.“ Offenbar, um sich zu entschuldigen, erklärte Faucitt in seiner Antwort vom 8. Januar 1778 aus Hannover, daß die Fürsten von Anspach und Hanau die maßlosesten Ansprüche erhoben hätten. „Die außerordentliche Aengstlichkeit — schrieb er — womit Gemmingen und Malsburg, die Minister von Anspach und Hanau, ihre Entschädigungsforderungen bei mir geltend gemacht haben, erschien mir so unanständig und unbegründet, daß ich nicht umhin konnte, ihnen ernstlich den Kopf zu waschen. Seitdem ist der Ton ihrer Briefe ein anderer und athmet nichts als Unterwürfigkeit und Zufriedenheit.“ Das gerade Gegentheil war der Fall. Statt unterwürfig zu sein, traten die Minister, namentlich Gemmingen, seit sie das Spiel in der Hand hatten, sehr selbstbewußt und positiv fordernd auf; Faucitt aber hielt es im Interesse seiner Aufgabe für das Beste, sich ihnen stets willfährig und entgegenkommend zu zeigen. Statt übermäßige Forderungen zu erheben, verlangten die Minister von Anspach und Hanau nur den Ersatz der Transport- und Unterhaltungskosten der Truppen während des Winters; Malsburg im Ganzen 1600 Pfund Sterling, Gemmingen bei der größern Entfernung und längern Zeitdauer etwas mehr. Faucitt gab das selbst zu, indem er am 30. Januar 1778 von Hanau aus an Suffolk schrieb, daß die Rechnungen billig seien und daß sich anständiger Weise nichts davon abziehen lasse.

Von jetzt an legte Friedrich der Große den Soldatenhändlern keine Hindernisse mehr in den Weg; die Beförderung der Truppen an den Ort ihrer Bestimmung konnte also ohne Umwege erfolgen. Die Baggage ließ er ebenfalls ungehindert passiren und sogar den im Herbst 1777 von seinen Beamten auf die Uniformen und das Gepäck der Anspacher erhobenen Zoll von 600 Dukaten niederschlagen.

Am Lästigsten waren übrigens die Nachtheile, welche das Verbot des Königs von Preußen für die zerbstischen Truppen nach sich zog. Die preußischen Minister, an welcher sich die zerbster Behörden um Aufhebung desselben gewandt hatten, erwiderten ihnen am 20. November höhnisch, daß nachdem Anspach und Hanau mit ihren Gesuchen um den Durchmarsch durch preußisches Gebiet abgewiesen worden seien, auch Zerbst nicht besser behandelt werden dürfe, und gaben den wohlfeilen Rath, das zerbster Regiment auf einem kleinen Umwege durch den Harz nach dem Kurfürstenthum Hannover marschiren und von da an den Ort seiner Bestimmung gelangen zu lassen. „Da der König von Preußen — schreibt Faucitt am 27. November 1777 an Suffolk — auf seiner Weigerung besteht, so muß das zerbster Regiment Stade oder Bremerlehe auf Umwegen durch Sachsen, Braunschweig und Hannover zu erreichen suchen; allein bis es so weit sein wird, haben wir Frost und sind die Flüsse gefroren. Ich weiß nicht, welcher Ursache ich diese plötzliche Maßregel des Königs zuschreiben soll, es müßte denn die sein, daß seine Werbeoffiziere sich neuerdings vielfach darüber beschweren, daß sie keine Rekruten mehr bekommen können und daß so viele preußische Soldaten desertiren, um sich für Amerika anwerben zu lassen. Namentlich haben die Hessen viele Deserteure aus Preußen aufgefangen und die Weser hinuntergeschmuggelt. Im Ganzen ist aber ihre Zahl zu unbedeutend, als daß sie den Gegenstand ernstlicher Erörterungen bilden könnten, zumal es unter den deutschen Fürsten als erlaubt gilt, einander Unterthanen und Soldaten abzufangen und zu verführen.“

Suffolk hielt es unter diesen Umständen für das Gerathenste, den Abmarsch der Zerbster bis zum Frühjahr zu verschieben, und wies Faucitt an, sich in diesem Sinne mit der dortigen Regierung zu verständigen. Der zerbster Fürst mußte sich also in sein Schicksal fügen und gedulden. Er wüthete in seinen Briefen barocker denn je; sein Haß gegen Preußen erreichte jetzt die höchste Spitze. Der Selbstherrscher aller Zerbster wandte sich sogar an die Selbstherrscherin aller Reußen, um sie zur Intervention gegen Friedrich den Großen zu veranlassen, allein Katharina von Rußland erklärte Preußen weder den Krieg, noch erwirkte sie für ihres Bruders Truppen die Oeffnung des preußischen Theils der Elbe. Uebrigens war für Friedrich August die Gefahr des Verlustes durch Desertionen größer als bei jedem andern Soldatenhändler, weil er im eigenen Lande so gut wie gar nicht werben konnte und für seine Leute fast ausschließlich auf das deutsche Ausland, bei dem damaligen längst fühlbaren Mangel an tauglichen Subjekten aber vorzugsweise auf Menschenraub und Zwang, List, Betrug und Gewalt angewiesen war. Sobald Serenissimus sein in dieser Weise zusammengebrachtes Regiment unter gehöriger Bewachung direkt bis an's Meer schaffen lassen konnte, erlitt er verhältnißmäßig geringe Verluste; ein langes Müßigliegen in offenen, unbefestigten Garnisonsorten drohte ihm aber mit unerhörter Desertion und Widersetzlichkeit. Noch vor Weihnachten brach denn auch unter den Soldaten eine Meuterei aus. Es sollten ein paar Dutzend Zerbster Kavalleristen, um das nach Amerika bestimmte Infanterie-Regiment zu verstärken, in dieses gesteckt werden. Sie nahmen aber die Maßregel als Beleidigung auf und empörten sich, bei welcher Gelegenheit einige Offiziere gefährlich verwundet wurden. Die Meuterer flohen, nachdem sie überwältigt waren, zum Theil nach Sachsen, wo ihnen natürlich niemand etwas anhatte. Bei einer andern Gelegenheit machte sich sogar ein Lieutenant mit seinem ganzen Kommando von fünfzig Mann aus dem Staube und ging ebenfalls nach Sachsen.

Endlich war der Winter überstanden und das zerbstische Regiment trat, 841 Mann stark, am 21. Februar 1778 seinen Marsch, wie die preußischen Minister höhnisch gerathen hatten, durch den Harz und Hannover nach Stade an. Als es am nächsten Tage die Elbe erreicht hatte, ließ der Oberst halten; die Sappeure mußten ihre Aexte in die Brückengeländer einhauen und das Ganze einen Kreis bilden. Der Kommandeur ließ hierauf die Kriegsartikel noch einmal verlesen und dann beschwören; darauf hielt er eine geharnischte Anrede und warnte namentlich vor den preußischen Werbern. Er drohte, daß derjenige, der dawider handle und ertappt werden würde, sofort erschossen werden solle; aber trotzdem desertirten schon an demselben Tage der Regiments-Tambour, ein Feldwebel, ein Korporal und einige Soldaten. Weiterhin wurden deshalb die Städte und Flecken auf dem Marsche möglichst umgangen, um weitere Desertionen zu verhüten, da die Entwichenen überall rege Hülfe und Theilnahme fanden. Um das Betreten des preußischen Gebietes zu vermeiden, ging die Marschroute über Dessau (Anhalt), Merseburg, Laucha, Birchlingen (Kursachsen), Greußen (Sondershausen), Mühlhausen (freie Reichsstadt), Duderstadt (Kurmainz), Eimbeck (Hannover), und von da durch's Braunschweigische wieder durch Hannover nach Stade.

Trotz der strengen Ueberwachung und der angedrohten Todesstrafe kamen noch täglich Desertionen und allerlei Exzesse vor. Im Dorfe Zeulenrode entsprang ein Mann, der von einem Korporal verfolgt wurde, und lief in's Wirthshaus. Ohne weiter nachzusehen, schoß der allzu diensteifrige Verfolger blindlings durch das Fenster in die Wirthsstube hinein, wo die Kugel die ruhig dasitzende Wirthin traf, so daß diese sofort todt zu Boden sank. Durch diese Gewaltthätigkeit wurden die Bauern sehr aufgebracht. Als die Baggage nachkam, bei der sich ein Oberlieutenant befand, kam es erst zu einem Wortwechsel und dann zu Thätlichkeiten, wobei der Offizier so übel zugerichtet wurde, daß er am andern Tage zu Stadtworbis starb. Die Bauern, durch deren Dörfer der Transport ging, nahmen auch anderwärts Antheil an dem Schicksal der nach Amerika bestimmten Soldaten und verschafften ihnen überall Gelegenheit zu entkommen. In Greußen kam es mit den preußischen Werbern, die hier Geschäfte machen wollten, zu einer Schlägerei, wobei auf beiden Seiten viel Blut floß.

Am 3. März meldete der Oberst Rauschenplatt dem damals in Hannover weilenden Faucitt, daß er in den ersten zehn Tagen nach dem Abmarsch durch Desertion nicht weniger als dreihundertvierunddreißig Mann verloren habe. Am 21. März waren sogar nur noch 494 Mann bei der Fahne.

„Was soll ich thun — fragte Faucitt am 23. März 1778 bei Suffolk an — wenn die Uebrigbleibenden nicht mehr stark genug sind, um ein Bataillon daraus zu bilden? Die Lücken sind zu groß, als daß sie zur rechten Zeit ausgefüllt werden könnten. Ich fürchte, daß der größte Theil des Regiments vor der Ankunft in Stade desertirt sein wird. Ich hoffe, aus den Resten wenigstens noch ein Bataillon formiren zu können. Die Zerbster fanden übrigens überall in Sachsen schlechte Aufnahme, waren täglich von den Werbe-Offizieren verschiedener Fürsten umgeben, die in Verbindung mit den Eingeborenen des Landes jedes Mittel benutzten, um die Soldaten zu verführen. In ähnlicher Lage würden die besten Truppen gelitten haben.“

Yorke bestätigte im Wesentlichen Faucitt's Schilderung und nahm sich des Zerbster Fürsten warm an. „Seinen Bemühungen — schreibt er d.d. Haag, 7. April 1778 — des Königs Schutz und Freundschaft zu verdienen, ist von so vielen Seiten entgegengewirkt, daß ich es meinem persönlichen Verhältniß zu ihm schuldig bin, den gegenwärtigen Stand der Angelegenheit zu melden. Des Königs von Preußen Weigerung, die zerbstischen Truppen durch sein Gebiet passiren zu lassen, (obgleich rechtlich nichts dagegen gesagt werden kann) veranlaßte den Fürsten, sich an den russischen Hof zu wenden, damit dieser seinen Einfluß in Potsdam geltend mache; aber ich weiß nicht, ob diese Bitte irgend welchen Erfolg gehabt hat. Inzwischen setzte der Fürst, da es bei der vorgerückten Jahreszeit mit der Einschiffung zu spät geworden sein würde, seine Truppen in Bewegung, ohne ein vorheriges Uebereinkommen mit England wegen eventueller Entschädigung getroffen zu haben, und schickte sie durch Kursachsen auf Umwegen nach Hannover. Auf diesem Marsche waren sie jeder Chikane und Schwierigkeit ausgesetzt, sowohl seitens der Preußen als Sachsen und bei mehr als einer Gelegenheit haben sich seine Offiziere ihren Weg erkämpfen müssen. Sie bewiesen dabei große Entschiedenheit und Tapferkeit. Natürlich war die Desertion sehr stark; ich wundere mich überhaupt, daß nur noch Soldaten beisammen blieben; die übrig gebliebenen sind aber wahrlich nicht schlecht. Seit Ankunft im Kurfürstenthum Hannover hat die Desertion aufgehört, und mit Hülfe der von Jever geschickten Rekruten ist immer noch ein gutes Bataillon zusammen zu bringen. Ich trete für den Prinzen ein und hoffe, daß angenommen werde, was er mit so großer Mühe, Kosten und Gefahr an's Meer geschafft hat. Ich thue es um so mehr, als ich höre, daß die Transportschiffe für die Zerbster zurückbeordert sind; es wäre eine zu große Enttäuschung für den Fürsten, wenn er nicht endlich angenommen werden sollte. Viel Gewinn bleibt doch für ihn nicht übrig.“

Suffolk bedauerte, daß die Zerbster so viele Leute verloren hatten, daß sie kaum noch in Betracht kämen und befahl Faucitt, sie sammt und sonders wieder nach Hause zu schicken, wenn er nicht wenigstens ein Bataillon aus ihnen formiren könne. Die für sie bestimmten Transportschiffe wurden sogar abbestellt. Indessen gelang es dem Obersten Rauschenplatt und den mit den seinigen vereinten Bemühungen seines Bruders, des Majors Rauschenplatt, den auf weniger als ein Bataillon zusammengeschmolzenen Bestand seines Regimentes in Jever und Nachbarschaft auf 625 Mann, einschließlich der Offiziere, zu erhöhen, sodaß Faucitt keinen Anstand nahm, sie in den englischen Dienst einzumustern. Er ließ sie am 22. April in Stade einschiffen. Erst nachdem dies geschehen, schloß er am 23. April 1778 den Vertrag mit den Bevollmächtigten des Fürsten ab, die sich selbstredend jede von dem englischen Kommissär beliebte Bedingung gefallen ließen.

Dieser Vertrag wurde am 12. Mai 1778 dem englischen Parlament vorgelegt und am 13. Mai von ihm genehmigt. Er stimmt im Wesentlichen mit dem anspacher überein, sodaß wir uns wegen seiner näheren Bestimmungen füglich auf diesen beziehen können.

Das Regiment kam nach einer überraschend schnellen und günstigen Fahrt in den letzten Tagen des Mai vor Quebeck an. Die große Freude, das ersehnte Ziel so glücklich erreicht zu haben, wurde plötzlich in bittern Verdruß verwandelt, als den Zerbstern das Ausschiffen vom Gouverneur untersagt wurde. Durch eine grobe Nachlässigkeit der englischen Behörden, wie solche so häufig vorkam, hatte man vergessen, den britischen Befehlshaber von der Ankunft dieses Regiments zu benachrichtigen, der nicht wenig dadurch überrascht wurde und, so nöthig er diese Verstärkung auch hatte, auf diese dennoch so lange verzichten zu müssen glaubte, bis er von der britischen Regierung die weiteren Instruktionen erhalten haben würde. Am übelsten war der Oberst von Rauschenplatt daran, der auf dieses fatale Intermezzo ebenso unvorbereitet war. Als ihn der Gouverneur, trotz aller Versicherungen und Betheuerungen nicht an's Land lassen wollte, schickte er endlich mit der nächsten Schiffsgelegenheit seinen Quartiermeister Pannier direkt nach London, um über diese Vernachlässigung Beschwerde zu führen und die weiteren Weisungen des Ministeriums einzuholen. Erst Anfang August kehrte Pannier wieder zurück. Die armen Zerbster hatten demnach gegen drei Monate nutzlos und unthätig und Angesichts der Stadt Quebeck in den engen und ungesunden Schiffsräumen aushalten müssen.

Das Regiment blieb vorläufig in Quebeck und wurde, da es in seiner Ausbildung noch gegen die anderen Truppen sehr zurück war, vorzugsweise zu Arbeiten, sowie zu Munitions- und Gefangenen-Transporten benutzt. Nach Einstellung der Feindseligkeiten ward es 1783 nach Halifax versetzt. So kam es, ohne an irgend welchen kriegerischen Bewegungen Theil genommen zu haben, im September 1783 wieder zu Hause an. Während es in den ersten Jahren nach seiner Aufnahme in den englischen Dienst nur 613, resp. 625 Mann gezählt hatte, belief sich sein Aktivbestand in den beiden letzten Jahren des Krieges auf 945 Mann.

Empfindlicher als diese Verzögerungen war übrigens für die Ergänzung der englischen Armee in Amerika der Ausfall, den sie durch den in Folge des preußischen Verbotes nothwendig gewordenen Abbruch der Verhandlungen mit dem Herzog von Würtemberg erlitt. So schlecht dessen Armee auch beschaffen sein mochte, so wäre er, selbst nach dem Zeugnisse Faucitt's, doch mit einiger Nachhülfe an Geld immerhin im Stande gewesen, noch 1500–2000 Mann auf die Beine zu bringen. Es war lediglich die Sperrung des Rheins, welche die Würtemberger zu Hause hielt und den in Amerika kommandirenden englischen General ihrer Hülfe beraubte. Karl Eugen ließ zwar aussprengen, daß er, für seine überrheinischen Besitzungen Unannehmlichkeiten fürchtend, auf die Einsprache Frankreichs den Vertrag mit England rückgängig gemacht habe; aber das ist nicht wahr, Suffolk hat nie einen Vertrag mit ihm geschlossen. Der Herzog hätte nur zu gern englische Hülfsgelder genommen; indessen der alte Fritz verdarb ihm das Spiel. Uebrigens wußte sich der Würtemberger Soldatenhändler bald darauf zu helfen, zumal sich durch den großen Konsum der letzten Jahre das Geschäft bedeutend schnell wieder hob. Ohne nur seine Landstände zu fragen, überließ er nämlich im Jahre 1786 das von Rieger für den englischen Dienst geworbene Regiment, welches er nach dem Fehlschlagen der Unterhandlungen mit Faucitt auf den Asperg in Garnison geschickt hatte, auf 1000 Mann vermehrt, den Holländern, welche diese Truppen ebenso gut als die Engländer bezahlten und sie theils in Afrika am Kap der guten Hoffnung, theils in Ostindien verwandten. Für ihren Abmarsch dichtete Schubart das ergreifende Lied: „Auf, auf, ihr Brüder und seid stark!“