„Und zwar mag es nicht etwa sein,
Wie zwischen Kassel und Weißenstein,
Als wo man emsig und zu Hauf'
Macht Vogelbauer auf den Kauf,
Und sendet gegen fremdes Geld
Die Vöglein in die weite Welt.“

Weißenstein ist die jetzige Wilhelmshöhe bei Kassel. In der Nähe befand sich ein Gefängniß, dessen Insassen mit der Anfertigung von Vogelkäfigen beschäftigt wurden, welche man im Großen zu verkaufen pflegte. Während man auf diese Weise dem auswärtigen Gefieder Quartiere schaffte, wurden die werthvollsten und einheimischen Vögelein, die kriegsfähigen, jungen Leute nach den norddeutschen Häfen getrieben, um in Amerika (der weiten Welt) zu dienen. Dies ist der Sinn der obigen zahmen Satire, bei deren Druck Goethe die Worte Kassel und Weißenstein ausgelassen hatte, welche erst Schöll aus dem von ihm eingesehenen Original der Dichtung ergänzte. Das andere Mal drückt sich Goethe weniger vorsichtig aus. Es ist dies im siebenzehnten Buche von Wahrheit und Dichtung, wo er von seiner eben mit Lili geschlossenen Verlobung sprechend („Es war ein seltsamer Beschluß des hohen über uns Waltenden, daß ich in dem Verlaufe meines wundersamen Lebensganges doch auch erfahren sollte, wie es einem Bräutigam zu Muthe sey. Ich darf wohl sagen, daß es für einen gesitteten Mann die angenehmste aller Erinnerungen sey.“) und zum Besondern zurückkehrend, das ruhige Glück des Zeitungslesens preist und die gebietenden Mächte der damaligen politischen Welt schildert. Nachdem er Friedrich den Großen, Katharina II. und Gustav III. von Schweden erwähnt, fährt er, den Kampf des letztern mit seinem Adel berührend, fort:

„Die Aristokraten, die er unterdrückt, werden nicht bedauert; denn die Aristokratie überhaupt hatte keine Gunst bei dem Publikum, weil sie ihrer Natur nach im Stillen wirkt und um desto sicherer ist, je weniger sie von sich reden macht; und in diesem Falle dachte man von dem jungen König um desto besser, weil er, um dem obersten Stande das Gleichgewicht zu halten, die unteren begünstigen und an sich knüpfen mußte.

Noch lebhafter aber war die Welt interessirt, als ein ganzes Volk sich zu befreien Miene machte. Schon früher hatte man demselben Schauspiel im Kleinen gern zugesehen; Corsika war lange der Punkt gewesen, auf den sich aller Augen richteten; Paoli, als er, sein patriotisches Vorhaben nicht weiter durchzusetzen im Stande, durch Deutschland nach England ging, zog aller Herzen an sich, es war ein schöner, schlanker, blonder Mann voll Anmuth und Freundlichkeit; ich sah ihn in dem Bethmann'schen Hause, wo er kurze Zeit verweilte und den Neugierigen, die sich zu ihm drängten, mit heiterer Gefälligkeit begegnete. Nun aber sollten sich in dem entfernteren Welttheile ähnliche Auftritte wiederholen; man wünschte den Amerikanern alles Glück und die Namen Franklin und Washington fingen an, am politischen und kriegerischen Himmel zu glänzen und zu funkeln. Manches zur Erleichterung der Menschheit war geschehen, und als nun gar ein neuer wohlwollender König von Frankreich die besten Absichten zeigte, sich selbst zur Beseitigung so mancher Mißbräuche und zu den edelsten Zwecken zu beschränken, eine regelmäßig auslangende Staatswirthschaft einzuführen, sich aller willkürlichen Gewalt zu begeben, und durch Ordnung, wie durch Recht allein zu herrschen; so verbreitete sich die heiterste Hoffnung über die ganze Welt, und die zutrauliche Jugend glaubte sich und ihrem ganzen Zeitgeschlechte eine schöne, ja herrliche Zukunft versprechen zu dürfen.“

Eine dritte Stelle gehört eigentlich nicht hierher; allein, da sie Goethe's Bezugnahme auf Amerika aus dieser Periode abschließt, so möge sie, da sie eine weitere Perspektive eröffnet, hier noch einen Platz finden. „Lili, sagt er im neunzehnten Buche von Wahrheit und Dichtung, hatte geäußert, sie unternehme wohl aus Neigung zu mir, alle dermaligen Zustände und Verhältnisse aufzugeben und mit nach Amerika zu gehen. Amerika war damals vielleicht noch mehr als jetzt das Eldorado derjenigen, die in ihrer augenblicklichen Lage sich bedrängt fanden.“ Soweit Goethe. Klopstock und Lessing zeigten ein kaum mehr als oberflächliches Interesse für den amerikanischen Krieg. Nur von Kant wissen wir, daß er auf's Lebhafteste Partei für die Vereinigten Staaten gegen England ergriff und daß er durch die ruhige, überlegene Begründung seines Urtheils sogar einen bisher leidenschaftlichen Anhänger der königlichen Sache, seinen spätern Freund, den Engländer Green zu sich herüberzog.

Von den literarischen Zeitgenossen zweiten Ranges verherrlichten Nicolai und sein Kreis den amerikanischen Krieg in schwülstiger Prosa und noch schwülstigerer Poesie, über welche letztere, namentlich die Oden, der Göttinger Professor Schloezer mit Geist und Hohn die Lauge seines Spottes ausschüttete. Unter den damaligen Dichtern hat u.A. der Schwabe Schubart einige Lieder hinterlassen, welche begeistert die amerikanische Revolution feiern: so das übrigens sehr schwache Freiheitslied eines Kolonisten, welches dadurch interessant ist, daß den damaligen Deutschen der noch viel weniger als unbedeutende alte Israel Putnam als amerikanischer Freiheitsheld galt. Obschon 1776 geschrieben, wird Washington nicht einmal mit dem bloßen Namen erwähnt. Von den deutschen Soldaten dagegen nahmen die hervorragensten Zeitgenossen kaum Notiz. Nur in dem von G. Waitz veröffentlichten Werke Karoline (geborene Michaelis und später verehlichte Böhmer, A.W. Schlegel und Schelling) findet sich ein beredeter Schrei der Entrüstung, welcher der jugendlichen, noch nicht neunzehnjährigen Briefstellerinn alle Ehre macht. Sie war mit Frau Schloezer von Göttingen nach Kassel gefahren, um dort deren von der Reise zurückgekehrten Mann, den genannten berühmten Publizisten abzuholen. „Ich habe Kassel gesehen, schreibt sie am 16. April 1782 an eine Freundinn. Im Hinweg wohnten wir auch in Münden einem merkwürdigen, aber traurigen Schauspiel bei, der Einschiffung der Truppen nach Amerika. Welch eine allgemeine mannigfaltige grause Abschiedsszene! Die Gegend um Münden ist so romantisch, daß sie zu solch einer Szene wie geschaffen zu sein scheint. Dir, liebe Louise, brauche ich nicht zu sagen, wie mir Kassel gefallen hat; nur machte mich der Gedanke unwillig, daß der Landgraf in Münden Menschen verkaufte, um in Kassel Paläste zu bauen. Wir logirten auf dem Königsplatz. Die Kolonade, wo ich die Wachtparade aufziehen und auch, mit allem Respekt gesprochen, das Vieh, den Landgrafen sah, hat mir vorzüglich gefallen. Schloezer kam mitten in der Nacht.“

Deutschlands Ton angebende Klassen endlich betrachteten diesen Soldatenhandel einfach als ein fürstliches Hoheitsrecht und fanden es nicht einmal der Mühe werth, ein Wort darüber zu verlieren. Nun sagt zwar Niebuhr in seiner Geschichte des Zeitalters der Revolution: „Je mehr die Subsidienkontrakte mit England gehässig und verflucht waren, um desto mehr nahm man Antheil an der Sache Amerika's. Die Stimmung war so sehr aus aller natürlichen Fassung gerückt, daß die Nachricht von der Gefangennehmung deutscher Truppen durch Washington 1776 allgemein Jubel statt Schmerz erregte;“ allein der treibende Grund lag doch wohl mehr im persönlichen Hasse und in persönlicher Erbitterung als in politischer Erkenntniß. Ein deutscher Schweizer, Georg Müller, Bruder des Geschichtsschreibers Johannes Müller und näherer Freund Herders, trieb — allerdings ein einzig dastehendes Beispiel! — seinen schaffhausenschen Konservatismus so weit, daß er über England nach Amerika gehen wollte, um gegen die „Rebellen“ zu kämpfen. Im entgegengesetzten Sinne ließ sich der Bruder Johannes Müller, mit einer sentimentalen Ueberschwänglichkeit der Unwissenheit, die später bei uns durch Rotteck u.A. zum widerlichen Gemeinplatz breit getreten wurde, über den Unabhängigkeitskrieg aus: „Von der andern Seite des Weltmeeres, sagte er, leuchtete eine reizende Flamme der Freiheit mit elektrischer Kraft für die Westeuropäer, mit anziehender Kraft für die empor, welche ihrer Nachkommenschaft Genuß der Menschenrechte und sichern Wohlstand verschaffen wollten.“

Die Massen endlich waren so gedrückt, arm, unwissend und an blinden Gehorsam gewöhnt, daß sie die Willkür ihrer Herrscher als eine Fügung des Schicksals geduldig hinnahmen.


Elftes Kapitel.

Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, die Zahl der von jedem der betheiligten Fürsten gelieferten Soldaten ganz genau festzustellen, so lange nicht sämmtliche deutsche Archive dem Forscher geöffnet werden. Die englischen Quellen, so zuverlässig sie sich sonst auch in den unbedeutendsten, die deutschen Miethstruppen betreffenden Einzelheiten erweisen, reichen deshalb nicht überall aus, weil in ihnen sehr häufig die Kontingente der einzelnen Staaten unter der allgemeinern Bezeichnung „deutsche Rekruten“ oder „deutsche Verstärkungen“ zusammengefaßt sind.

Die von Schloezer in seinen Staatsanzeigen (VI, 521) zuerst veröffentlichte Berechnung ist, so viel sich nach den vorhandenen Materialien beurtheilen läßt, mit nur geringen Ausnahmen richtig. Sie stützt sich, wie aus der gleichlautenden Abschrift in den anspacher Manual-Akten hervorgeht, auf den amtlichen Bericht des hannöverschen Majors Niemeyer vom Dragoner-Regiment v. Estorff, „der als verordneter Kommissar beim Transport die Ausschiffung der deutschen Truppen und deren General-Return zu überwachen hatte.“ Nur bei Anspach findet sich ein erheblicher Fehler, indem 717 vom Markgrafen gelieferte Rekruten und Jäger bei Berechnung des dortigen Kontingents ausgelassen, also im Ganzen nur 1644 statt 2383 Mann aufgeführt sind. Es bleibt ferner fraglich, ob die Angabe bei Hanau korrekt ist, wo die Zahl der zu verschiedenen Zeiten verkauften Soldaten zusammengezogen wurde; jeden Falls kommt sie aber dem wirklichen Sachverhalt sehr nahe, wenn sie ihn nicht völlig deckt; überhaupt stimmen im Wesentlichen die Angaben Niemeyers mit den Berechnungen der englischen Musterungsoffiziere und den sonstigen, vom Verfasser benutzten Quellen überein. Ganz unbedingt zuverlässig sind sie aber, soweit die Zahl der zurückgekehrten Truppen in Betracht kommt, da Niemeyer hier überall als der die Ausschiffung und Weiterbeförderung leitende Beamte die Waffengattung und den jedesmaligen Rang der Angehörigen der einzelnen Kontingente spezifizirt, während er über die früheren Einschiffungen nur von Hörensagen und auf Angaben Dritter hin berichtet. Die von ihm und Schloezer mitgetheilten Zahlen, nach Berichtigung der nachweisbaren Irrthümer, gehen aus der nachstehenden Tabelle hervor. Darnach haben im Ganzen geliefert, verloren und zurückerhalten:

1) Braunschweig als Subsidien 4,300
Rekruten im März 1777 224
April 1778 475
April 1779 286
Mai 1780 266
April 1782 172
———— —————
Im Ganzen 5,723 Mann.
———— —————
Zurückgekehrt im Herbst 1783 2,708
Verlust 3,015
2) Hessen-Kassel als Subsidien 12,805
Rekruten im Dzbr. 1777 403
März 1779 993
Mai 1780 915
April 1781 915
April 1782 961
———— —————
Im Ganzen 16,992 Mann.
———— —————
Zurückgekehrt im Herbst 1783 und Frühjahr 1784 10,492
———— —————
Verlust 6,500
3) Hessen-Hanau als Subsidien 2,038
Rekruten im April 1781 50
April 1782 334
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Im Ganzen 2,422 Mann.
Zurückgekehrt im Herbst 1783 1,441
———— —————
Verlust 981
4) Anspach als Subsidien 1,285
Rekruten 1777 318
1779 157
1780 152
1781 205
1782 236
———— —————
Im Ganzen 2,353 Mann.
Zurückgekehrt im Herbst 1783 1,183
———— —————
Verlust 1,170
5) Waldeck als Subsidien 670
Rekruten im April 1777 89
Febr. 1778 140
Mai 1779 23
April 1781 144
April 1782 159
———— —————
Im Ganzen 1,225 Mann.
Zurückgekehrt im Herbst 1783 505
———— —————
Verlust 720
6) Anhalt-Zerbst als Subsidien 600
Rekruten im April 1779 82
Mai 1780 50
Vermehrung und
Rekruten im April 1781 420
———— —————
Total 1,160 Mann.
Zurückgekehrt im Herbst 1783 984
———— —————
Verlust 176
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Im Ganzen zurückgekehrt 17,313
Total-Verlust 12,562
Gesammtzahl der gelieferten Truppen 29,875 Mann.

Auch die für jene Zeit kolossalen Geldzahlungen lassen sich nur annähernd und mit großer Schwierigkeit feststellen. Es liegen zwar in den „Journals of the House of Commons“ die genau spezifizirten Aufstellungen vor, welche das Kriegsministerium jährlich dem Parlamente zur Genehmigung vorlegen mußte; indessen erstrecken sie sich nur auf den ordentlichen Etat. Alle außerordentlichen Ausgaben mußten besonders bewilligt werden und finden sich in den sogenannten „extraordinary services“ der Kriegszahlmeister versteckt. Ihre Rechnungen nehmen jedes Jahr zwischen zehn und vierzig Folioseiten ein und enthalten oft unter ganz anderen Ueberschriften die den deutschen Fürsten geschuldeten außerordentlichen Summen. Nirgend begegnet man z.B. in diesen Rechnungen der von Braunschweig ausbedungenen Zahlung für die Todten und Verwundeten. Es scheint, daß die englischen Minister den Anstoß vermeiden wollten, dem sie sich durch offene Bezeichnung dieser Rubrik ausgesetzt haben würden; sie bringen deshalb auch nur Soldrückstände in Anrechnung. Während sich nun ziemlich annähernd feststellen läßt, wie viel England für die deutsche Hülfsleistung zu zahlen hatte, kann dagegen nicht mit Bestimmtheit ermittelt werden, wie viel von den gezahlten Summen für die Soldaten ausgegeben wurde, und wie viel in die Taschen der Fürsten floß.

In der hier folgenden Aufstellung sind zu Gunsten der letzteren daher nur diejenigen Beträge berechnet, welche ihnen auf Grund der betreffenden Verträge rechtlich zukamen, d.h. die jährlichen Subsidien und die Werbegelder, soweit sie in dem englischen Etat berechnet worden. Sie kommen hier allerdings nur in den ersten Jahren vor; indessen waren sie später nicht mehr so bedeutend als anfangs. Von ihnen mußten die Fürsten allerdings die Rekrutirungskosten bestreiten, die namentlich gegen Ende des Krieges immer mehr anschwollen; allein wenn man andrerseits die englischen Zahlungen nicht in Anschlag bringt, welche für Todte und Verwundete entrichtet wurden, wenn man ferner bei Hessen-Kassel die Selbständigkeit in der Aufstellung seiner Etats in Erwägung zieht, die jede Kontrolle unmöglich machte, und wenn man endlich die doppelte englische Löhnung nicht vergißt, die in manchen Fällen zwei Monate vor dem Abmarsch gezahlt werden mußte, so erhalten nach dieser Aufstellung die deutschen Fürsten eher zu wenig als zu viel. Der hessische Landgraf und sein Sohn setzten es auch sogar durch, daß ihnen für ihre Offiziere Werbegelder bezahlt wurden. Natürlich steckten die beiden Landesväter den Betrag in ihre eigene Tasche. So erhielt der Landgraf am 12. Juni 1776 nachträglich an Handgeld für seine Offiziere 3992 Pfund, also 26,622 Thlr., wovon im Etat nichts steht. Für die Ausrüstung und Equipirung der Soldaten zahlten sie nichts, sondern zogen die Kosten dafür von der englischen Löhnung ab, indem sie den Soldaten nur ¾ von letzterer verabfolgten. Da nun jeder derselben 8 Pence per Tag erhielt, so mußte er sich einen Abzug von 2 Pence per Tag oder mehr als 3 Pfund Sterling per Jahr gefallen lassen. Die zahllosen Betrügereien aber, die sich sämmtliche Lieferanten, namentlich der Landgraf von Hessen-Kassel, oft in sehr ausgedehnter Weise ihren Truppen gegenüber zu Schulden kommen ließen, sind hier gar nicht in Anschlag gebracht.

England zahlte also von 1775 bis 1785, da einzelne Subsidien noch zwei Jahre nach der Rückkehr der Truppen fortdauerten, an etatsmäßig verrechneten Ausgaben:

für die Soldaten an den
Hannover £ 509,000. 16. 11 ½
Braunschweig 644,346. 14. 2 Herzog £ 178,689. —. 5 ½
Hessen Kassel 2,152,037. 5. 9 ¾ Landgrafen 1,254,197. 16. 3
Hessen Hanau 273,304. 3. 1 ¼ Erbprinzen 137,512. 6. 5 ¾
Waldeck 90,528. 3. 4 ¼ Fürsten 57,788. 10. 3 ½
Anspach 211,026. 5. 7 ½ Markgrafen 105,335. 4. 6 ½
Anhalt Zerbst 79,088. 18. 6 Fürsten 43,052. 14. 9 ½
————————— —————————
Im Ganzen £ 3,959,332. 7. 6 ¼ £ 1,776,575. 12. 9 ¾

Löhnung, Subsidien und ein Theil der Werbegelder belaufen sich also zusammen auf Lstr. 5,735,908. —. 4.

Dazu kommen noch über Lstr. 500,000 für Verpflegung der Truppen in Amerika, die Transportkosten hin und zurück, Gratifikationen, Reisespesen der englischen Kommissare, Geschenke und Ersatz des schadhaft gewordenen oder verloren gegangenen Materials, so daß im Ganzen wenigstens sieben Millionen Pfund Sterling oder annähernd fünfzig Millionen preußische Thaler als Gesammtbetrag der englischen Kosten für die deutsche Hülfe nicht zu hoch gegriffen sind. Diese Summe macht aber wenigstens 120–150 Millionen Thaler nach heutigem Geldeswerthe aus.

Man darf hierbei nicht außer Acht lassen, daß die Fürsten die ganzen Subsidien fast ungeschmälert behielten, da sie während der Abwesenheit ihrer Soldaten die Steuern und Lasten so gut wie gar nicht herabsetzten. Wenn sie es überhaupt thaten, so erreichte die Verminderung noch nicht einmal annähernd den Betrag der Zinsen, welche sie von den ihnen jährlich gezahlten englischen Kapitalien in Empfang nahmen. Verschiedene der Soldatenhändler versprachen zwar beim Ausmarsch ihrer Truppen ihren getreuen Unterthanen, die Lasten zu erleichtern, so oft es die Bedürfnisse des Staates (d.h. Serenissimi) erlauben würden, allein war es ein Zufall oder ein Unglück? die Bedürfnisse erlaubten es eben niemals. Wir haben im vierten Kapitel gesehen, daß der Landgraf von Hessen dem Lande den zur Kriegskasse fließenden Schreckenberger und die Hälfte der erstmonatlichen Kriegs-Kontribution erließ, während der Erbprinz von Hanau nur den Eltern und Frauen der Soldaten, sowie den elternlosen Unteroffizieren und Gemeinen die Abgaben schenkte, der übrigen Bevölkerung aber nicht den geringsten Nachlaß bewilligte. Der Braunschweiger verwandte alle seine Einnahmen aus dem Soldatenverkauf auf seine noblen Passionen und Tilgung seiner Schulden. Daß der Waldecker und Zerbster den Sündenlohn als Ausfluß ihres göttlichen Rechts ohne jeden Abzug in ihre Taschen steckten, versteht sich ganz von selbst. Der anspacher Markgraf endlich gab der Markgrafschaft Bayreuth einen solchen Bettelpfennig von seinem reichen Gewinn ab, daß er sich wie der schnödeste Hohn auf seine ersten freigebigen Versprechungen ausnimmt. Die anspacher Manual-Akten enthalten die genauen Belege für diese schäbige Finanzoperation Serenissimi, welche den besten zahlenmäßigen Beweis landesväterlicher Zuneigung liefert und deshalb in ihren Hauptzügen hier angeführt werden soll.

Unmittelbar, nachdem Gemmingen den anspacher Vertrag mit Faucitt abgeschlossen hatte, bat der bayreuthische Minister Seckendorff um die Erleichterung der Markgrafschaft oberhalb des Gebirges. Seine Forderungen waren bescheiden und billig. Er verlangte zunächst für die Landschaft den Erlaß der Summen, welche sie bisher für das Militär bezahlt hatte, wodurch man in den Stand gesetzt werde, die Abgaben um wenigstens sechs Prozent zu verringern und namentlich die Bürgerschaft von Bayreuth zu erleichtern, welche täglich 45–50 Mann für die Wachen stellen mußte, was bei 10 oder 15 Kreuzer pr. Mann jährlich 4166 fl. 30 kr. resp. 4562 fl. 30 kr. ausmachte. Dann bat er während der Dauer der englischen Subsidien für die bayreuthische Finanzkammer um Belassung derjenigen 25,000 fl., welche sie bis dahin der anspacher Landschaft hatte zahlen müssen. „Wenn nun unser gnädigster Herr nur einen Theil des Profits der Subsidien zur Zahlung der Schulden der anspacher Finanzkammer bestimmt, und wenn die letztere, was sie durch den Abmarsch der Truppen spart, zur Zahlung ihrer Schulden verwenden darf, so wird man über die Schnelligkeit erstaunen, mit welcher die sämmtlichen markgräflichen Kassen sich aus der Noth helfen werden. Die Folge davon wäre natürlich, daß auch die anspacher Unterthanen in ihren Abgaben erleichtert werden könnten. Sobald ich von den Absichten Serenissimi wegen der Verwendung des direkt und indirekt aus diesem Vertrage hervorgehenden Profits unterrichtet sein werde, will ich einen Plan über das Arrangement unserer Finanzen für die beiden Hauptkassen und die Erleichterung unserer Unterthanen entwerfen. Wenn der Markgraf unsere Prinzipien annimmt, so können Unterthanen und Gläubiger des Landes dieses Unternehmen nur segnen. Alle Ungelegenheiten, die man davon befürchtet, werden verschwinden, sobald eine nützliche Verwendung der englischen Gelder stattfindet und die durch die Abwesenheit unserer Truppen bedingten Ersparnisse eintreten. Wenn Serenissimus bald und womöglich noch vor dem Abmarsch der Truppen erklärt, daß seine Unterthanen durch eine verhältnißmäßige Verringerung der Abgaben erleichtert werden sollen, so glaube ich, daß diese gute Nachricht auf die Söhne der Unterthanen einen günstigen Einfluß ausüben und den Klagen ihrer Eltern ein Ende machen wird. Eine solche Erklärung wird zugleich ein Trost für das ganze Land sein und alle Beschwerden, allen Jammer beseitigen.“

Allein der Markgraf trat den verständigen Absichten und Ansichten seiner Minister nicht bei und hob die ersten 1285 Mann aus, ohne nur dem Lande die geringste Gegenleistung zu versprechen. Erst im September 1777, als er wieder zu neuen Aushebungen schreiten mußte, erinnerte er sich, wie er selbst wiederholt hervorgehoben, „daß die Ueberlassung der beiden Infanterieregimenter in englischen Sold vornehmlich aus der Ursache eingeleitet worden sei, um die Schulden der Obereinnehmerinn möglichst bald tilgen zu können. In Folge dieser gnädigsten Gesinnung wolle Serenissimus Vorschlägen entgegensehen, wie viel den obergebirgischen Landschafts- und Kämmerei-Kassen während der Zeit, daß die Truppen in englischem Solde stehen, von ihren Contribuendis erlassen werden könne.“

Nach den Angaben der Minister hat die obergebirgische Landschaft vertragsmäßig an „verwilligten Subsidien und Militärbeiträgen jährlich 127,485 fl. 36 kr., die obergebirgische Rentei aber jährlich 25,000 fl. zu leisten, von welchen Beiträgen das ganze bayreuthische Militär unterhalten wird.“ Da nun ein theilweiser Erlaß dieser Kontribuenda der Landschaft eine wesentliche Erleichterung gewähren wird, so schlägt der Bericht vor, der Rentei die Hälfte d.h. 12,500 fl. und der obergebirgischen Landschaft 40,000 fl. jährlich während der Dauer des englischen Subsidienvertrages nachzulassen. Es wird berechnet, daß dieses Erlasses ungeachtet, jährlich etwa 100,000 fl. der Schulden der Landschaft, welche, soweit sie abtragbar sind, sich auf 1,326,639 fl. belaufen, aus den Einnahme-Ueberschüssen abbezahlt werden können. Bei dieser Berechnung sind die Einnahmen aus dem englischen Subsidienvertrag außer Ansatz gelassen. Der Bericht weise nach, daß die reinen Einnahmen aus demselben mehr als 100,000 fl. jährlich betragen. Es hänge natürlich lediglich vom Ermessen Serenissimi ab, einen Theil auch dieser Einnahme zur Tilgung der Schulden der Landschaft zu verwenden. Der Passus des Reskriptes, in welchem die Vorschläge der Minister betreffs des Erlasses an den Contribuendis genehmigt werden, lautet: „Nachdem Serenissimus von Wegen der in englischen Sold überlassenen Infanterie-Regimenter und der hierdurch erziehlten Ersparnüß auch der obergebirgischen Landschaft einen reellen Vortheil zuflüßen lassen wollen, als deklariren Sie hierdurch der obergebirgischen Landschaft, an dem vertragsmäßigen Subsidien- und Militär-Beytrag von jährlich 127,485 fl. 36 kr., insolange gedachte Truppen in englischem Sold stehen, 40,000 fl. jedes Jahr nachzulassen, welcher Nachlaß vom 1. März ab seinen Anfang nehmen darf. Die Obereinnehmerey soll jedoch auf die Abführung des übrig bleibenden Contribuendi von 87,485 fl. 36 kr. an die hiesige Landschaft den sorgfältigen Bedacht nehmen.“ Die 40,500 fl. sollen zur Schuldentilgung verwandt werden, und behält sich Serenissimus vor, von dem reinen Ueberschuß der englischen Subsidien eventuell einen Theil zu demselben Zwecke der Landschaft noch zukommen zu lassen. Durch ein weiteres Reskript wurde auch der obergebirgischen Rentei die Hälfte ihres Contribuendi von 25,000 fl. erlassen, „hingegen sey die Abführung des residui an die Obereinnehmerey sorgsamer Bedacht zu nehmen.“

Also mit anderen Worten brauchte Bayreuth während des amerikanischen Krieges nur 100,000 fl. (genau 99,985 fl. 36 kr.) statt der ihm vertragsmäßig obliegenden 152,485 fl. 36 kr. an den Markgrafen zu zahlen, während England für jeden Soldaten, für jeden Sohn des Landes nicht allein sämmtliche Kosten bestritt, sondern auch noch dem Markgrafen Handgelder und Subsidien bewilligte. Derselbe Mensch, der aus dem Blut seiner Unterthanen Millionen für sich münzte, verschmähte auch ein kleines Geschäftchen nicht; er ließ sich seine Soldaten doppelt bezahlen, erst von seinem Lande, dann von England und bewilligte jenen nur einen Nachlaß von 52,500 fl. pr. Jahr. Ob Anspach auch in derselben echt fürstlichen Weise begnadigt wurde, geht aus den Akten nicht hervor; indessen ist nicht anzunehmen, daß es schlechter als Bayreuth behandelt wurde.

Der Gesammtverlust der deutschen Truppen während eines beinahe siebenjährigen Krieges stellt sich auf etwas mehr als vierzig Prozent der gesammten Mannschaft; von bloß militärischem Gesichtspunkte aus betrachtet ein durchaus günstiges Verhältniß, wenn man damit die früheren oder späteren europäischen Kriege vergleicht. Es war aber England's Interesse, den deutschen Soldaten dieselbe gute Verpflegung angedeihen und dieselbe hohe Löhnung zahlen zu lassen, welche seine eigenen Angehörigen erhielten. Wenn trotzdem z.B. 300 hessische Grenadiere in einem einzigen Frühjahr vom Faulfieber dahingerafft wurden, so war dieses Unglück eine Folge des Mangels an Reinlichkeit und guter Pflege, dessen sich die hessischen Grenadiere und Offiziere schuldig machten. Im Gefecht sind verhältnißmäßig wenige Leute gefallen, wie denn überhaupt alle damals gelieferten Schlachten heutzutage nur als ernstliche Plänkeleien gelten würden; die Meisten kamen durch klimatische Krankheiten, angestrengte Märsche, übermäßige Strapazen und Entbehrungen und ungewohnte Lebensweise um. In der Schlacht bei Monmuth starben z.B. 28 hessische Grenadiere am Sonnenstich. Nach geschlossenem Frieden blieben mehrere hundert Braunschweiger und Hessen mit Genehmigung ihrer Vorgesetzten in Amerika. Ein Theil ging auch durch Desertion verloren. Amerikanische und ihnen gläubig nachschreibende deutsche Schriftsteller haben vielfach die Ansicht verbreitet, als sei der deutsche Soldat, wo sich nur eine Gelegenheit dazu geboten habe, eiligst desertirt. Wenn je eine Angabe irrig war, so ist es diese. Die Amerikaner hatten allerdings stark auf die Desertion der deutschen Soldaten gerechnet und gaben sich alle mögliche Mühe, sie zu gewinnen; indessen halfen ihre Bemühungen nicht viel. Schon Ende August 1776 passirte der Kongreß einen Beschluß, worin er allen hessischen (d.h. deutschen) Deserteuren ein ansehnliches Stück Land zur Ansiedelung versprach. Franklin ließ dieses Dokument in's Deutsche übersetzen und in Staaten Island unter den dort lagernden Truppen vertheilen. Er schlug dem General Gates vor, den Aufruf als Umschlag für Tabackspackete zu gebrauchen und ihn auf diese Weise denjenigen leicht zugänglich zu machen, an deren Adresse er gerichtet war. Das Mittel zog aber nicht. Ja, selbst in der Gefangenschaft blieben diese Leute mit einer, der besten Sache würdigen Treue bei ihren Fahnen und wiesen die lockendsten Anerbietungen und Verheißungen zurück. So desertirten von den bei Saratoga gefangen genommenen und zuerst in Cambridge bei Boston während eines strengen Winters in Haft gehaltenen Braunschweigern kaum 80 Mann, trotzdem daß der französische Oberst Armand (Marquis de la Rouerie) neben dem Lager der Gefangenen am Winterhill ein Werbebureau für seine Freikorps errichtet hatte und es, da er selbst des Deutschen mächtig war, an Versuchungen zur Desertion nicht fehlen ließ. Diejenigen Deserteure, die sich von ihm hatten annehmen lassen, trieben ihre Unverschämtheit so weit, daß sie in ihren amerikanischen Uniformen zu Pferde und zu Wagen zum Winterhill kamen und ungestraft ihre früheren Kameraden auffordern durften, ihrem Elend durch Uebertreten zu ihnen ein Ende zu machen. Im schroffen Gegensatze dazu steht allerdings ein nur vereinzelt vorgekommener Fall, indem der Sergeant Flachshaar am 14. September 1778 aus Newyork schreibt: „Ich weiß nicht, was es ist. Verschiedene Hessen wissen ihre Ehre nicht zu estimiren, denn sie desertiren so stark, daß es eine Schande ist. Bei dem Marsche von Philadelphia hierher sind allein an 400 Mann desertirt. Se. Exzellenz der Herr Generallieutenant von Knyphausen haben deßwegen auch schon etliche vom hessischen Korps aufhängen lassen.“

Trotz alledem war im Verlauf des Krieges die Desertion unter den Deutschen geringer als unter den Engländern; namentlich hielten sich die in Süd-Karolina und Georgia stehenden Regimenter trotz aller Entbehrungen und Strapazen viel besser als jene. Unsere Quellen enthalten die zahlreichsten Belege für diese Thatsache. Wenn man bedenkt, daß z.B. im Februar 1782 wegen zu starker Desertion das zweite Bataillon Delancey dem ersten und die Georgia Loyalisten den Kings Rangers einverleibt wurden, ja daß die durch diese Verschmelzung außer Gage gesetzten englischen Offiziere zum Feinde übergingen, wenn man ferner bedenkt, daß von dem regulären englischen 60. Regiment innerhalb drei Tagen sechszig Mann desertirten oder daß ganze Posten und Kavallerie-Patrouillen mit Sack und Pack sich aus dem Staube machte, so erscheint die als ein ganz außerordentliches, einzig dastehendes Ereigniß gemeldete Desertion, welche drei und vierzig Mann des hessischen Regiments Knoblauch vom 24. Januar bis 1. April 1782 aus Savannah bewerkstelligten, verhältnißmäßig noch gering. „Die Desertion betreffend — schreibt am 21. Februar 1782 der Oberst Porbeck dem Landgrafen — glaube, daß hieran die Hoffnung, von hier weggelegt zu werden und noch immer nicht erfolgt, schuld ist, indem sich Jeder vor der herannahenden gräßlichen Sommerhitze und dabei grassirendem bösen Faulfieber auf's Aeußerste fürchtet. Hierzu kommt noch, daß die bösgesinnten Einwohner der Stadt sich alle Mühe geben, zur Desertion zu bereden. Der hiesige Kommandant hat in der Garnison bekannt machen lassen, wenn einer von diesen Einwohnern ausgemacht werden könnte, vor solchen Lstr. 40 zu zahlen und den Thäter hängen zu lassen. An die Negers, so Deserteurs eingebracht, hat jeder Kompagnie-Chef zwei Guinees zur Aufmunterung dieser Leute bezahlt, damit solche desto aufmerksamer sein möchten. Hierzu kommt noch: die neu errichteten Bataillons, so fast mehren Theils aus weggelaufenen Rebellen bestehen und in hiesige Dienste gezwungen werden, womit dieses (Knoblauchsches) Regiment Dienste thut, veranlasset ebenfalls Beförderung der Desertion.“

Zu ganz derselben Zeit, am 20. Februar 1782 hatte John Martin, General-Kapitain und Gouverneur von Georgien, einen durch unzufriedene Einwohner und liederliche Frauenzimmer der Stadt unter die deutschen Soldaten vertheilten, auch in deutscher Sprache gedruckten Aufruf erlassen, worin er jedem englischen und deutschen Deserteur 200 Acker Land, eine gute Kuh und zwei Mutterschweine zum Geschenk verspricht, so bald er Einwohner „dieses Landes“ werden wollte.

Unter diesen Umständen vermochten selbst die grausamsten Drohungen und die strengsten Strafen dem einmal eingerissenen Uebel nicht vorzubeugen. Die Engländer hingen jeden Deserteur, dessen sie habhaft wurden, die deutschen Obersten ließen ihn ohne Weiteres erschießen, übertrafen sie sogar noch an Freigebigkeit, indem sie den Häschern außer dem Fanggelde, Alles schenkten, was der Deserteur außer der Waffe am Leibe und in den Taschen trug. Bei einigen der Ergriffenen belief sich der vorgefundene Baarbestand auf drei bis fünf Pfund, ein Beweis dafür, daß ihre Flucht schon lange vorher geplant war. Der Landgraf von Hessen billigte trotz oder vielmehr wegen seiner Sparsamkeit das Verfahren seiner Regimentskommandeure als das geringere von zwei Uebeln. In der Nachbarschaft von Charleston und Savannah kam es zu vollständigen Menschenjagden mit obligaten Bluthunden und berittenen Häschern. Unter den (jetzt in Marburg ruhenden) hessischen Papieren findet sich ein kurzer Bericht, der in dürren geschäftlichen Worten ein ergreifendes Drama entrollt.

Fünf Soldaten vom Regiment Knoblauch, drei geborene Hessen, ein Brabander und ein Mannheimer, hatten zu Anfang März 1782 ihre gemeinsame Flucht verabredet. In der Nacht vom 8. zum 9. verließen sie mit voller Armatur Savannah und wandten sich landeinwärts. Inzwischen waren sie verrathen worden. Berittene Milizen, unter Führung eines Kapitains Bradley, verfolgten und entdeckten sie in der Nähe eines Swamp (sumpfiges, häufig mit Bäumen bewachsenes Terrain). Sie trieben die Flüchtlinge in den Sumpf hinein und umzingelten sie. Die Verfolgten wehrten sich so gut sie konnten, suchten mit ihren Säbeln die Bluthunde abzuwehren und gaben Feuer auf die in Mehrzahl auf sie eindringenden Verfolger. Nach kurzem Gefecht fielen sie Alle und wurden in voller Uniform in einem Loche verscharrt. Außer ihrem üblichen Fanggelde erhielten die Häscher noch drei und eine halbe Guinee, die sie aus den Taschen der Leichen zusammengesucht hatten. Unter diesen Deserteuren befand sich auch ein junger Mann aus Hatterode, der einzige Sohn einer Wittwe, deren ältester Sohn kurz zuvor im Hospital in Savannah am Fieber gestorben war. Die Mutter hatte endlich bei der heimathlichen Behörde einige Monate vorher die Freigebung des Ueberlebenden bewirkt und dessen Zurückbeförderung tagtäglich erwartet. Jetzt erhielt sie die Nachricht von dem Tode auch des zweiten Sohnes.

Auch die übrigen deutschen Truppen hielten sich soldatisch tapfer und blieben in ihrer sehr großen Mehrzahl selbst im Unglück ihrer Fahne treu. Die nach der Uebergabe von Yorktown in Frederick in Maryland internirten Anspacher verloren kaum den achten Theil durch Desertion, obgleich sie fast zwei Jahre lang in Gefangenschaft schmachteten und sehr schlecht gehalten wurden. Es ist ein hoher Beweis für die Tüchtigkeit und Disziplin der hessischen Regimenter, daß die Soldaten, trotzdem daß ihre Reihen in den letzten Jahren des Krieges mit allem möglichen Gesindel ausgefüllt wurden, in verhältnißmäßig geringer Zahl desertirten und standhaft bis an's Ende aushielten. Bei den kleineren Kontingenten kamen allerdings mehr Desertionen vor, allein gleichwohl waren sie klein im Verhältniß zu den sich bietenden Gelegenheiten, zur Unmöglichkeit der Habhaftwerdung der Deserteure und überhaupt zum Charakter der damaligen Heeres-Organisation. Diese Angabe stützt sich auf etwa vierzig Tagebücher von Offizieren, Unteroffizieren und Gemeinen. Amerikanische Novellisten à la Cooper und deutsche Tendenz-Schriftsteller werden zwar nicht müde, diese unglücklichen, fremden Interessen geopferten Miethlinge als einen verächtlichen, kaum des Widerstandes fähigen Haufen zu schildern; allein diese Phantasien werden von den Thatsachen auf Schritt und Tritt Lügen gestraft. Die hessische Infanterie jener Zeit war jedenfalls ebenso gut als die preußische, die beste des Jahrhunderts. Sie hatte gemeinschaftlich mit dieser die Schlachten des siebenjährigen Krieges gewonnen und sich im vorigen Jahrhundert in allen Theilen Europa's durch ihre Tapferkeit, Disziplin und Unverwüstlichkeit ausgezeichnet. Kaum in Amerika gelandet, entscheidet sie hauptsächlich durch ihre Bravour den Feldzug des Jahres 1776 zu Gunsten der Engländer. Die amerikanische Landbevölkerung hatte einen solchen Schrecken vor den Hessen mit ihren Bärenmützen und Zuckerhüten, daß sie dieselben als eine Art Menschenfresser fürchtete, und daß Washington, um diese Vorurtheile zu brechen, einen Theil der bei Trenton gefangenen Hessen durch die Straßen Philadelphia's führen und dem Volke zeigen ließ. „Die Herren Hessen machen Unmöglichkeiten möglich“, meinte der sich ihnen ergebende amerikanische Kommandant des Forts Washington. Die Braunschweiger bewährten in glücklichen und unglücklichen Gefechten, bei Hobartstown, Bennington und Stillwater ihre alte Tüchtigkeit und Tapferkeit, und wahrlich, sie so wenig als die Hanauer trifft der Vorwurf, daß sie bei Saratoga in feindliche Gefangenschaft fielen. Auch die kleineren Kontingente, namentlich die Waldecker und Anspacher, schlugen sich sehr gut. Jene stürmten im Verein mit den Hessen Fort Washington und kämpften in den letzten Jahren des Krieges tapfer mit den Engländern in Florida und am Missisippi gegen die Spanier; die Anspacher aber hatten im Norden ehrenvollen Antheil an der Eroberung der Festen Clinton und Montgomery und im Süden an den Siegen des Lord Cornwallis, mit dem sie freilich zuletzt in Yorktown in Gefangenschaft geriethen. Wo aber die Mannschaften nicht viel taugten und lediglich zum Festungsdienst, wie z.B. die Zerbster, verwendet wurden, waren die Offiziere desto tüchtiger und durchgreifender.

Wenn die englischen Waffen gleichwohl unterlagen, so war es wahrlich nicht die Schuld der deutschen Soldaten, sondern die Unfähigkeit der verantwortlichen Offiziere und die Kurzsichtigkeit der englischen Politik.

Es liegt natürlich außerhalb der Gränzen unsrer Aufgabe, die Mitwirkung der deutschen Truppen auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen Amerika's eingehend zu schildern. Es möge deshalb die kurze Bemerkung genügen, daß die Hülfstruppen nie selbständig auftraten, sondern den einzelnen englischen Korps beigegeben waren und deshalb im Norden und Süden überall mit zur Verwendung kamen. Wie an den Siegen des Jahres 1776 den Löwenantheil, so hatten sie in der Folge auch an dem Unglück, welches die englischen Waffen traf, ihr volles Maß. Wenn sich nun auch die Hessen ihre Gefangennahme bei Trenton selbst zuzuschreiben hatten, so sind die übrigen Kontingente dagegen an den Kapitulationen unschuldig, in welche sie mitverwickelt wurden. Es ist nicht zu viel gesagt, daß der leichtfertige Burgoyne sich bei Saratoga nicht würde haben ergeben müssen, wenn er zur rechten Zeit auf den wohlmotivirten Rath eines so erfahrenen Generals wie Riedesel gehört hätte. So geriethen denn die Braunschweiger und das hanauische Regiment in amerikanische Gefangenschaft, in welcher sie bis zum Ende des Krieges bleiben mußten. Die Anspacher (1073 Mann stark), sowie die hessischen Regimenter Erbprinz und Bose gehörten in den Jahren 1780 und 1781 zu Cornwallis' Armee und mußten sich endlich mit ihr bei Yorktown dem General Washington ergeben. Unter den Gefangenen befand sich auch der damalige Jägerhauptmann spätere General Ewald, ein ausgezeichneter Offizier und Militärschriftsteller, der nach seiner Rückkehr zuerst in preußische und später in dänische Dienste trat und in der preußischen Armee den Schützendienst nach amerikanischem Muster ausbilden half. Während die Zerbster in Kanada blieben, wurden die Waldecker im fernsten Süden verwandt und auf dem Umwege über Jamaica nach Florida geschickt. Hier belagerten sie zu Anfang des Jahres 1781 Pensacola, wo beim Sturm auf die Werke ihr Oberst Hanxleden fiel. Zwei ihrer Kompagnien, welche nach Baton Rouge am Missisippi beordert waren, wurden von den Spaniern gefangen genommen. Es mag hier als besondere Merkwürdigkeit erwähnt werden, daß die Waldecker unter den Indianern bei Pensacola einen Landsmann, Namens Brandenstein aus Königshagen fanden, welcher heimlich aus dem Schlosse in Waldeck entwischt war und ihnen jetzt als Dolmetscher gute Dienste leistete. Er stand als Häuptling an der Spitze von etwa 2000 Indianern, deren Tracht er trug und von denen er sich nur durch seine Gesichtsfarbe und seinen Bart unterschied.

Von den Beschwerden und Entbehrungen, unter denen die Soldaten namentlich im Süden litten, kann man sich in Europa kaum annähernd einen Begriff machen. Im Sommer herrschte eine ebenso unerträgliche Hitze als im Winter grimmige Kälte; dabei gingen die langen Märsche durch unangebaute, meist unwirthliche Gegenden, in welchen nur ausnahmsweise Lebensmittel aufzutreiben waren. Der Sonnenstich war nichts Seltenes; die Soldaten wurden einige Mal auf dem Marsche oft wahnsinnig vor Durst, aus Hunger machten sie sich aus dem für ihre Zöpfe bestimmten Puder häufig einen Brei. Auch in den Garnisonen hatten sie meist schlechte Verpflegung und nur ausnahmsweise frisches Fleisch. Dabei Ungeziefer am Leibe und Ungeziefer in der Luft und am Boden, namentlich aber die blutgierigen Muskito's, welche den armen Teufeln den Schlaf raubten. Das Lagern in den Sumpfniederungen erzeugte heftige Fieber. Das schlechte Trinkwasser war ohne Rum gar nicht zu genießen. Für Bier und Wein, welche den englischen Soldaten zugänglich waren, fehlte den Deutschen das Geld. So stellte sich namentlich in den südlichen Garnisonen eine große Sterblichkeit ein. Dazu kam die den deutschen Söldnern doppelt gehässige Stimmung der Eingeborenen. Mit welcher Rücksichtslosigkeit aber die armen Gefangenen behandelt wurden, mag in den treuen Berichten der Frau v. Riedesel nachgelesen werden, welche deren Loos freiwillig mehrere Jahre theilte. Es würde unter diesen Umständen ein Wunder sein, daß die Regimentsverbände trotzalledem noch zusammenhielten, wenn nicht eine grausame eiserne Disziplin den Dienst erzwungen hätte. Daß die Soldaten, wenn sich nur eine Gelegenheit dazu bot, dagegen nicht blöde im Zugreifen und Zerstören waren, versteht sich bei dem damaligen Heeres-Charakter ganz von selbst. Ihre größte Klage ist, daß sich solche Gelegenheiten so selten boten. Es findet sich in den anspacher Manual-Akten die Beschreibung der Plünderung von Westfield und New Brunswick im Staate New Jersey, die zugleich mit moralischen und allgemeinen Betrachtungen durchflochten, das zu charakteristische Produkt eines Landsknechts ist, als daß sie hier nicht ihren Platz verdiente.

„Auf unserm letzten beschwerlichen Marsch — schreibt der Soldat am 4. Juli 1777 aus Staaten-Island — hätten wir eine ganze Stadt mit allem möglichen Vieh, Kupfer und Zinn, mit dem feinsten Weißzeug und allem Hausrath versehen können. Unsere Leute haben mehr als zweihundert Schweine erstochen und liegen lassen. Die Thränen stehen mir in den Augen, wenn ich das schöne und glückliche Land betrachte und Zeuge sein muß, wie Alles ruinirt wird. Es wird uns Alles Preis gegeben. Ich habe mir einen ledernen Leibgurt machen lassen, um solchen mit Guineen zu füllen. Ich kann Ihnen versichern, daß der Theil von Amerika, worinnen wir sind, und den wir durchmarschirt, mit allem Rechte mit einem Paradiese könnte verglichen werden, wenn der Teuffel, der allein Schuld ist, den Samen der Zwietracht nicht ausgestreut hätte. Ewig Schade, daß Alles ruiniret und verheeret wird! Das Herz blutete mir, als wir von Brunswick zurückmarschirten, wo unsere Grenadier-Kompagnieen die Arriere-Garde machten und alle Häuser in Brand stecken mußten. Selbst in Brunswick blieb kein Haus und Fenster ganz, alle Mobilien wurden auf die Gasse geworfen, worunter das allerschönste weiße Zeug, Zinn und Kupfer war. Die Betten wurden aufgeschnitten und die Federn ausgeschüttet. Aus Mangel an Wagen konnten wir nichts mitnehmen, außer einige Grenadiers haben Sackuhren, silberne Löffel, Thee- und Kaffee-Kannen mitgenommen. Die meisten Häuser sind herrlich und nach holländischer Art gebaut, und mit den feinsten Tapeten garniret. Nichts als die Pracht, Ueberfluß und Wollust hat die Leute zur Rebellion gebracht, denn kein angesessener Einwohner arbeitet das Geringste; sie haben ihre Mohren, welche Sklaven sind. Diese müssen das Land bearbeiten, und die Einwohner bringen ihr Leben in Müßiggang zu. Wenn wir wieder kommen, so bringe ich Ihnen eine schwarze Sklavinn mit.“

Die gemeinen Soldaten bestanden eben, wie das bei der Art ihrer Aufbringung nicht anders sein konnte, aus allen möglichen Individuen, vom verlaufenen Mönch und verkommenen Offizier an bis zum Studenten, Handwerker, Künstler und Bauern. Daß aber selbst die gebildetsten unter ihnen das an ihnen begangene Verbrechen nicht fühlten, für diese beklagenswerthe Erscheinung liefert den schlagendsten Beweis der bereits angeführte deutsche Dichter Johann Gottfried Seume. Derselbe war als Student der Theologie zwischen dem kirchlichen Dogma und seinem Gewissen in Widerspruch gerathen, und verließ, neunzehn Jahre alt, Leipzig, um in Paris Mathematik zu studiren. Auf dem Wege dahin wurde er von landgräflich hessischen Werbern aufgefangen und ohne Weiteres den nach Amerika verkauften Rekruten einverleibt. Seume's Erzählung seiner Pressung und erzwungenen Reise nach Amerika ist einer der werthvollsten und interessantesten Beiträge zur Geschichte des fürstlichen Menschenhandels. Zeigt sie auf der einen Seite, wie kein junger gut gewachsener Reisender, mochte er nun Student oder Handwerker, Künstler oder Kaufmann sein, seiner Freiheit sicher war und befürchten mußte, in die Hände der Menschendiebe zu fallen, so beweist auf der andern Seite die Ruhe und fast objektive Gleichgültigkeit, mit welcher Seume von diesem frechen, gewaltsamen Eingriff in sein Leben spricht, wie wenig Werth das Individuum seinem Ich beilegte, wie wenig selbst von den gebildeteren Geistern der Zeit eine solche Rohheit empfunden wurde. Man glaubt sich fast nach dem Königreich Dahomey versetzt, wenn man diese Diebsstückchen des hessischen Landgrafen liest. Man vergegenwärtige sich nur die Thatsachen! Ein sächsischer Student, der den hessischen Landesvater kaum dem Namen nach kennt und ihm jedenfalls nichts zu Leide gethan hat, wandert arglos auf der Landstraße nach Fulda. Dort wird er überfallen, überwältigt und als Arrestant des Landgrafen nach dessen Festung Ziegenhayn gebracht. Warum? Weil er die erforderliche Größe für einen Soldaten hat, weil also Geld aus ihm herauszuschlagen ist und weil er die Frechheit besitzt, sich seiner Haut zu wehren, seine persönliche Freiheit, das Einzige, was er auf der Welt sein nennt, zu vertheidigen. Ein ähnliches Schicksal mit Seume theilten hundert andere Unglückliche. Als sie den an ihnen begangenen Gewaltakt durch ihre Selbstbefreiung wieder sühnen wollten, erlagen sie und wurden beim Gassenlaufen halb todt geprügelt — „es war eine grelle Fleischerei“, bemerkte Seume — zum Galgen verurtheilt oder aus Gnade von demselben Landgrafen, der sie schamlos gestohlen hatte, in Kassel in die Eisen geschmiedet. Wer nicht an den Mißhandlungen zu Grunde ging, ward dann wie ein Häring in's Schiff eingepöckelt und in dieser Lage zu keinem andern Zweck, als um den Beutel des hessischen Menschendiebes zu füllen, bis an's und über's Meer geschafft.

Die schrecklichen Einzelheiten möge der Leser selbst in Seume's Leben nachlesen und dann seine Schlüsse aus der Erzählung ziehen. Die Theilnahmlosigkeit, die resignirte Ruhe, mit welcher Seume von sich spricht und mit welcher er sein furchtbares Loos als eine humoristische Schicksalstücke auffaßt, zeigt uns die empörende Wirkung dieser kleinstaatlichen Willkür und Gewaltthätigkeit auf die Anschauung des durch sie verwilderten deutschen Volkes. „Ich ergab mich — sagt Seume — in mein Schicksal und suchte das Beste daraus zu machen, so schlecht es auch war. Mir zerriß man meine akademische Inskription, als das einzige Instrument meiner Legitimirung. Am Ende ärgerte ich mich weiter nicht; leben muß man überall; wo so Viele durchkommen, wirst Du auch. Ueber den Ozean zu schwimmen, war für einen jungen Kerl einladend genug, und zu sehen gab es jenseits noch etwas. So dachte ich.“

In diesem Tone geht's fort. Für eine so harmlose idyllische Existenz giebt es keinen Haß und keine Erbitterung, keinen Racheplan gegen den Seelenverkäufer und seine Henkersknechte, ja kaum eine Hoffnung auf Erlösung. Seume begreift gar nicht das an ihm begangene Unrecht und mit dem leichtsinnigen Troste, daß das menschliche Leben kaum mehr als ein schlechter Witz sei, hilft er sich über eine Situation hinweg, die sich in jedem individueller ausgeprägten Charakter zum tragischen Konflikte auf Leben und Tod zugespitzt haben würde. Folgerichtig bildet sich dann später in dem von den Gewalthabern der Heimath verfolgten und unter harten Kämpfen zum Manne herangereiften Dulder der ohnmächtige Grimm gegen die schlechte Wirklichkeit zur kulturfeindlichen Schwärmerei für wilde Natur und Freiheit aus. Er malt sich das Glück des Daseins unter unverdorbenen, ursprünglichen Umgebungen in glänzenden Farben, macht, um möglichst Naturmensch zu sein, Fußreisen nach Schweden oder einen „Spaziergang nach Syracus“, oder flüchtet sich in die Wildniß zu den kanadischen Indianern, die eben, „weil sie Europa's übertünchte Höflichkeit nicht kennen, doch bessere Menschen sind als die Weißen“. Diese schiefen Anschauungen à la Rousseau waren wahrer Balsam für die Zeitgenossen Seume's, welche eben angefangen hatten, den Widerspruch zwischen ihren gedrückten bürgerlichen Verhältnissen und ihren himmelstürmenden Idealen zu erkennen, und vorläufig beim ersten Stadium dieses geistigen Konflikts, bei einer schwächlichen Sentimentalität angekommen waren.

Fern sei es, deshalb einen Stein auf den wackern Seume zu werfen. Er hat redlich gestrebt und trotz aller persönlichen trüben Erfahrungen und Widerwärtigkeiten den Glauben an die Menschheit nicht aufgegeben; allein unser berechtigter Fluch treffe die Menschen und die Zeit, welche energisch angelegte Naturen zu bloßen Spielbällen des Schicksals erniedrigten und selbst in der Brust der edleren Geister das Gefühl der persönlichen Würde und den Glauben an den Beruf ihrer Nation so gründlich zu ersticken wußten, daß sie ihre Ideale bei den Wilden suchen mußten. Leider hat Seume den mächtigen Aufschwung seiner Nation nicht mehr erlebt, da er zur Zeit ihrer tiefsten Erniedrigung (1810) starb. In einem wenig poetischen, aber politisch energischen Gedichte, welches er in seinem Todesjahre an das deutsche Volk richtete, ist es wohlthuend, seinen Haß und seine Verachtung der fürstlichen Seelenverkäufer, wenigstens am Schluß seines Lebens, noch kräftig betont zu sehen.[7]


Unser Haß wende sich darum auch heute noch gegen jene jämmerliche Kleinstaaterei, welche nur zu lange einer großen Minderheit des deutschen Volkes die Gelegenheit zur Bethätigung in der Heimath entzogen und jene Abenteurersucht, jenes Landsknechtsthum erzeugt hat, welches sich in allen fünf Welttheilen mit seinem gesinnungslosen „Ubi bene, ibi patria!“ an den Pranger stellt, welches höchstens einen leeren Unterthanendünkel, aber selbstredend keine stolzen, eines männlichen Ringens würdige Ideale in der Brust des Einzelnen erzeugt und welches uns bis vor Kurzem verhindert hat, uns zusammenzuraffen und ein politisches Volk zu sein. Aus diesem Grunde ist der Deutsche auch noch heute nur zu sehr reiner Privatmensch; er kennt in seiner großen Majorität nur vorübergehende Stimmungen, schwankende Gefühle oder schwächliche „Sentiments.“ Für diese Mehrheit giebt es kein politisches Gewissen, deshalb auch mit geringen Ausnahmen keine politische Pflicht. In seiner Betheiligung an der Politik nimmt der Durchschnittsdeutsche darum meistens die Miene eines vornehmen, herablassenden Gönners an, der sich angeekelt und ermüdet zurückzieht, sobald sich die Ereignisse nicht seinem Wunsche gemäß entwickeln.

Wie dem aber auch sein möge, die deutschen Truppen zeigten sich überall, wo sie in's Feuer kamen, tüchtig und tapfer. Suffolk rühmt in besonderen Belobungsschreiben an ihre Fürsten, namentlich das Hanauer Regiment, welches bei Saratoga mit gefangengenommen wurde, und die Anspacher, welche bei Yorktown dasselbe traurige Loos traf. Da das englische Ministerium sonst, wo es nur konnte, auf Seiten seiner Lieferanten Fehler zu entdecken bemüht war, um ihre Ansprüche möglichst herunterzuschrauben, so kann dieses Lob sicher als aufrichtig und wohl verdient gelten. So erfreulich es nun auch im Interesse der freiheitlichen Entwicklung der Menschheit ist, daß unsere Landsleute in jenem Kriege gemeinschaftlich mit den Engländern geschlagen wurden, und so verdient und heilsam diese Niederlage auch war, so darf uns doch diese Genugthuung nicht verhindern, der militärischen Tüchtigkeit und bei allen Gelegenheiten bewiesenen Tapferkeit der deutschen Soldaten volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Die Mehrzahl der deutschen Truppen wurde im Sommer und Herbst 1783 und der kleinere Rest im Frühling 1784 wieder nach ihrer Heimath eingeschifft. So trafen sie hier gegen Ende 1783 und im Laufe des Jahres 1784 wieder ein.

Zwölftes Kapitel.

Es bleibt uns zum Schluß noch übrig, der deutschen Offiziere und ihres Verhältnisses zum Kriege sowohl und ihren englischen Kameraden, als auch zur Krone England und zu ihren Landesvätern zu gedenken.

In ihrer großen Mehrheit fühlten sie das Schiefe und Demüthigende ihrer Stellung nicht. Meist dem niedern Adel angehörend, der wenig mehr gelernt hat als was er nothwendig für's Lieutenants-Examen braucht, und der seit Jahrhunderten für Kost und Logis damals so gut seine Haut zu Markte trug, wie noch heute, kannten sie, wie alle schlecht bezahlten oder halb gebildeten Leute, gar nicht das Gefühl persönlicher Würde und Verantwortlichkeit. Sie waren stolz darauf, zu dienen und Landsknechte zu sein, die sich auf das Geheiß Serenissimi, ohne nach irgend einem Grund zu fragen, an's andere Ende der Welt schaffen lassen und ebenso gleichgültig für die schlechteste wie für die beste Sache kämpfen. Die Lieutenants und die Subaltern-Offiziere jubelten, daß sie aus ihren langweiligen Garnisonen ausrücken durften, daß sie von ihren Gläubigern vorläufig nicht weiter gequält werden konnten, und malten sich das ferne Land in den glänzendsten Farben aus, wo ihre Phantasie Alles zu finden hoffte, was sie zu Hause nicht hatten. Nichts ist erklärlicher als diese freudige Stimmung, wenn man sich die Verhältnisse dieser kleinstaatlichen Truppen im Friedensstande vergegenwärtigt. Zu Hause überall Kleinlichkeit und Armseligkeit, karge Besoldung, kümmerliche Verpflegung, schlechte Behausung und langweiliger Dienst; in der Fremde dagegen ein bewegtes Kriegsleben mit seinem steten Wechsel, seinen Anregungen und Anspannungen, ja ein unbekannter Kontinent mit tausend neuen, Auge und Geist gleichmäßig einnehmenden Erscheinungen und Vorkommnissen, endlich ein großer, lange nicht mehr gekannter Armee-Verband, doppelte Löhnung und reichliche, ja verschwenderische Verpflegung und Aussicht auf schnelle Beförderung! Welcher junge Offizier hätte da nicht mit Freuden zugegriffen und sich nicht glücklich gepriesen, den Krieg in Amerika mitmachen zu dürfen?

Kaum dort angekommen, wurde ihm aber die Kehrseite der Medaille sichtbar. Statt des geträumten Reichthums überall fast Noth und Mangel, statt der gehofften Kameradschaft kaltes zugeknöpftes oder gar höhnisches Wesen der englischen Offiziere, statt des raschen Avancements geringe Verluste und meist langweiliger Dienst unter Strapazen und Entbehrungen aller Art. „Daß alle Kapitains und Subalterne zu Fuß gehen müssen — schreibt der Lieutenant v. Molitor am 4. July 1777 aus dem Lager von Staaten Island an den Hauptmann v. Ellrodt in Anspach — habe ich Ihnen schon gemeldet. Die Theuerung ist enorm. Was man bei uns in theueren Zeiten vor einen Konventionsthaler kauft, das muß man hier vor eine Guinee bezahlen. Unsere Leute bekommen Tag vor Tag gesalzen Schweinefleisch und alten Zwieback. So lange wir auf dem Lande sind, haben sie erst zwei Mal frisch Fleisch bekommen.“ Noch mehr klagt der Lieutenant Bartholomae in einem Briefe aus New-York am 9. Dezember 1779 an Gemmingen geschriebenen Briefe. „Wir anspacher Jäger sitzen auf Spuytin Devil (gegenüber dem nördlichen Ende der Insel New-York). Möchten Ew. Exzellenz ein Mittel ausfinden, wie ich auf gute Art zurückkommen könnte. Ich muß hier schlechter als ein Bettler in Deutschland leben, kann mir weder etwas sparen noch bei meinem gegenwärtigen Dienste Ehre erwerben. Die große Theuerung und Anschaffung der Equipage ist nicht auszuhalten. Wie thöricht war ich, den amerikanischen Krieg mit dem deutschen zu vergleichen. Finden Sie ein Mittel, wie ich nur mit Ehren aus diesem Fegefeuer, dieser Hölle erlöst werden kann.“ Bartholomae berechnet sein monatliches Einkommen auf sechs Guineen und drei Thaler, welche ihm nach Abzug der doppelten Provision bleiben. Davon gehen ab zwei Pfund für den Vorschuß, ein Pfund für den Bedienten, ein Thaler für den Feldscheer oder Barbier, zwei Thaler für die Wäscherinn; mithin bleiben drei Guineen für Essen und Trinken, Frühstück, Rauchen und Schnupftaback. Ein Pfund Fleisch kostet 1 fl. 8 kr., ein Pfund Butter dasselbe.

Andrerseits hatte keiner dieser Offiziere eine Ahnung von der Macht des Volkes, von der Existenz einer Nationalkraft und den letzten Gründen der amerikanischen Erhebung. Mit dem Augenblick, wo sie von England übernommen wurden, fingen sie auch pflichtmäßig an, über das amerikanische Rebellengesindel zu schimpfen. In Amerika angelangt, wunderten sie sich über die Wohlhabenheit und den Reichthum des Farmers und berichteten ganz naiv nach Hause, daß eine Neu-Engländerin oder Staaten Isländerin bessere Kleider, ja selbst ein feineres Benehmen habe, als selbst manche junge adelige Dame in Deutschland. Namentlich waren sie von der Schönheit und Eleganz der Frauen entzückt. Unter zehn Mädchen finden sie kaum eins, welches nicht schön wäre. „Ihr Anzug — meint Lieutenant v. Wöllwarth, der auf diesem Gebiete ein Kenner zu sein scheint — ist der vortheilhafteste von der Welt, eine geschmackvolle Vermittlung zwischen französischer und englischer Mode mit eigenen Zuthaten: das giebt der angeborenen Schönheit ein um so reizenderes Aussehen.“ Um so schlimmer war es mit dem politischen Urtheil der Herren bestellt. So schrieben sie die Revolution nur dem Uebermuthe des „frechen Packs“ zu, dem es unter englischer Herrschaft zu gut gegangen sei. Auch die höheren Offiziere zeigen nirgends ein Verständniß für die politischen Fragen, die sich im amerikanischen Kriege zur Entscheidung drängten. Es sind manche interessante militärische Denkschriften von ihnen erhalten, aber nirgend wird die Politik selbst nur als untergeordneter oder beiläufiger Faktor der Ereignisse erwähnt. Das Volk hat rebellirt, also muß es mit der „ultima ratio regis“ zur Raison gebracht werden — in diesen paar Worten erschöpft sich die ganze politische Anschauung der damaligen deutschen Offiziere. Da geht, unmittelbar nach der Schlacht, die das Geschick eines ganzen Kontinents entscheidet, ein deutscher Oberst am Meeresstrand spazieren, sucht Muscheln und preis't die „Allmacht des Schöpfers“. Ein anderer sieht von den Höhen von Brooklyn aus, wie die ganze englische Flotte vor Anker geht und sich anschickt, die Stadt zu bombardiren. Das große ungewohnte Schauspiel hat wenig oder gar keinen Reiz für ihn, aber er vergleicht New-York, das strahlende, Europa zugekehrte Auge Amerika's, mit preußisch Minden, das ungefähr von derselben Größe und Ausdehnung sei. Es klingt heutzutage wahrhaft komisch, wenn man diese Parallele zwischen der größten und der reichsten Stadt der neuen Welt und zwischen dem verschuldetsten rotten borough preußischer Offiziere liest. Ein Dritter endlich erzählt den Seinigen daheim, daß der bei Brooklyn gefangen genommene General Sullivan dem Metzgermeister Fischer in Rinteln auf's Haar gleiche und schimpft über die Mosquitos, die ihm die geträumten Freuden in der neuen Welt gleich anfangs verleiden.

Dieses Kleben an Nebendingen, welches nur den engen Kreis der persönlichen Interessen kennt, tritt uns, kaum zwei oder drei nennenswerthe Ausnahmen abgerechnet, in den Aufzeichnungen der deutschen Offiziere über den amerikanischen Krieg überall entgegen. Der werthvolle Aufschluß, den wir über einzelne Ereignisse und Personen erhalten, findet sich nur gelegentlich und meistens unter einem Haufen von gleichgültigen Notizen versteckt. Politisches Urtheil hat Keiner der Tagebuchschreiber.

Hie und da klagen sich denn die deutschen Generale und Obersten wohl ihre Noth über die Anmaßungen der Engländer, die ihnen und den deutschen Soldaten oft etwas zuviel zumuthen; Einzelne verfluchen den Dienst, welcher ihnen so manche Entbehrung auferlegt und kaum einen Vortheil dagegen bietet; ja in einem unbewachten Augenblicke malt sich sogar der hessische General Loos das „philosophische Vergnügen“ aus, einem undankbaren, fühllosen Fürsten und hochmüthigen Minister trotzend, sagen zu können: „Ich will Euch nicht länger dienen!“ Zu der höhern Anschauung jedoch, daß dieser Dienst ein verächtlicher Schergendienst und mit dem Selbstgefühl eines freien Mannes unverträglich war, können und wagen sich diese Herren nicht zu erheben; sie sind nur hie und da, innerhalb der gegebenen und von ihnen gehorsam anerkannten Dienstverhältnisse, mit der ihnen zu Theil werdenden Behandlung nicht zufrieden.

So lange England siegreich war, und namentlich die deutschen Regimenter seine Siege erringen halfen, ging natürlich Alles gut. Gleich nach der ersten Niederlage aber traten, namentlich zwischen den Offizieren Reibungen ein, die sich in der Folge fast täglich wiederholten. „Unter den englischen und deutschen Truppen — lautet ein den preußischen Ministern von W. Carmichael, dem amerikanischen Agenten, mitgetheiltes Schreiben eines hochgestellten Engländers aus New-York vom 5. Januar 1777 — ist keine gute Harmonie. Unsere Leute sagen, daß zu Trenton die drei Bataillons Hessen die Waffen zu früh niedergelegt und nicht so viel Widerstand geleistet hätten als sie hätten können und sollen. Die Hessen beklagen sich hingegen, daß die frischen Lebensmittel unbillig vertheilt werden und daß sie nicht den gehörigen Antheil davon erhalten, auch daß man sie zu dem beschwerlichsten Dienst gebraucht, ihnen die gefährlichsten Posten giebt, und sie nicht gehörig soutenirt. Einer unserer vornehmsten Offiziere antwortete hierauf unbedachtsamer Weise, daß der König sie von ihrem Herrn gekauft hätte, um seine eigenen Truppen zu schonen, wodurch die Hessen sehr beleidigt worden sind. Sie fangen auch an, von ihrem Landgrafen mit ungeziemender Freiheit zu reden, indem sie sagen, er habe kein Interesse bei diesem Kriege, und verkaufe das Blut seiner Unterthanen, welches in Amerika vergossen würde, um das Geld in auswärtigen Ländern auf seine Vergnügungen zu verwenden.“

Im gleichen Sinne äußert sich ein Jahr später vom deutschen Standpunkte aus der anspachische Lieutenant v. Wöllwarth, Vetter des Ministers Gemmingen. Er bittet diesen darum, daß er seine Rückkehr nach Deutschland vermittle, zu einer Zeit, wo der eben ausbrechende bayrische Erbfolgekrieg einem Offizier bessere Aussichten für Auszeichnung und Beförderung bot. Dieser mit feinem Humor und beißender Ironie geschriebene Brief zeigt den ganzen Mißmuth und die gründliche Verachtung eines unabhängigen Charakters gegen den ihm zugemutheten Dienst. „Ein gewisser Lord in Schottland — schreibt Wöllwarth am 4. Mai 1778 aus Philadelphia — hatte eine sehr sorgfältige Parforcejagd. Er sah aber ein, daß es patriotischer und vernünftiger für sein Vaterland gedacht sein würde, bei dessen gegenwärtiger Verfassung solche abzuschaffen und dafür ein Regiment zu werben, welches in des Königs Dienst treten sollte, um gegen die rebellischen Kolonieen auf seine eigenen Kosten gebraucht zu werden. In England fand er keinen Käufer; er ließ deshalb auf Anrathen seiner Freunde seine ganze Hunde-Equipage in eine teutsche Zeitung unter die zu verkaufenden Sachen setzen, in der zuversichtlichen Hoffnung, daß man in Teutschland mehr Hunde- als Menschenliebe besitzt. Man behauptet, ein teutscher Reichsfürst habe ihm dagegen ein Regiment Soldaten vertauschen wollen; allein letzteres, glaube ich, ist erdichtet und halte die ganze Geschichte für eine Erdichtung. Doch können gnädigster Herr Vetter sich nicht genug vorstellen, mit welch einem Auge die vernünftigen und uninteressirten Engländer das Betragen der teutschen Reichsfürsten ansehen. Und noch zum größern Ruhme werden alle teutschen Truppen vor Leute angesehen, welche zu viel in ihrem Vaterland gewesen sind und dessendwegen diese Umstände und Begebenheiten vor unsere glücklichste Ausflucht halten. Schließen also gnädigster Herr Vetter hieraus nicht, daß dieser Dienst ein Weg und Feld der Ehre sein sollte.