Mehrere Monate blieb ich bei meinem Italiener, welcher nach Beendigung der Arbeiten im Stewart'schen Laden mein Talent in einer Kirche verwandte, wo ich mich der höheren Kunst, nämlich des Ausmalens der Kirchendecke befließ. Die Beziehungen zu meinen Collegen blieben angenehm, und bald hatte ich mich auch an das amerikanische Leben gewöhnt, welches freilich von der deutschen gemüthlichen Geselligkeit gar Manches entbehrt. Im Ganzen lebte ich jedoch nach deutscher Art, da unsere Landsleute in New-York erfolgreiche Anstrengungen gemacht haben, wenigstens Etwas von den heimischen Sitten und Gewohnheiten zu erhalten und nicht in die frostigen Manieren des Amerikaners zu verfallen, welche bei Vielen nur zu sehr an den Engländer erinnern. Bei ihrer großen Anzahl konnte ihnen das nicht schwer fallen, zumal die dazu erforderlichen Elemente zur Genüge vorhanden sind.
In New-York fehlt es dem Deutschen nicht, wie so Manche annehmen, an gemüthlichen Sammelplätzen und Gesellschaftslokalen, in welchen sich Abends Bekannte und Freunde treffen. Die verheiratheten Männer gehen jedoch nach dem Gebrauche der Amerikaner die Wochentage wenig aus, sondern verbringen die Abende im Kreise ihrer Familien, mit welcher Einrichtung ihre Frauen vollkommen zufrieden sind. Auch die ledigen jungen Leute kommen im Durchschnitte die Woche nur einige Male an öffentliche Orte, selbst wenn sie den besten Verdienst haben, weil mit äußerst geringen Ausnahmen nicht daran zu denken ist, täglich dieselbe regelmäßige Gesellschaft genießen zu können. Ueberhaupt hat sich der Deutsche im Allgemeinen in Amerika von seiner Hauptleidenschaft, der Liebe zum Trunke, losgemacht, da der Amerikaner eine große Antipathie dagegen äußert und nur nüchterne Menschen von ihm ein freundliches Entgegenkommen zu erwarten haben. Deßhalb ist auch im Durchschnitt der Deutsche bei dem Eingebornen viel mehr geachtet, als der Irländer, welcher noch Nachts die Schnappsflasche mit in's Bett nimmt.
Die einzigen Tage in der Woche, in denen man unter den Deutschen allgemeine Geselligkeit trifft, sind der Sonnabend und der Sonntag. Am Samstag ist schon um 5 Uhr Feierabend und außerdem Zahltag, an welchem mancher leere Beutel eine fröhliche Heimsuchung erfährt. Gegen 7 Uhr füllen sich die Bierhäuser, die jedoch ohne Ausnahme nach amerikanischer Art eingerichtet sind, weßhalb man in ihnen außer dem Gerstensafte jeden Augenblick die verschiedensten Sorten Liqueure, Wein, Punsch und Glühwein bekommen kann. Gewöhnlich steht in der Nähe der Thüre der niemals fehlende Ladentisch (counter), hinter welchem sich ein Fachgestell mit verschiedenen Flaschen und Gläsern erhebt, das außerdem mit Blumen, bunten Muscheln, Springbrunnen u. s. w. geziert ist.
Die Deutschen halten sich im Ganzen, wie in der Heimath, an ihr Lieblingsgetränke, das Bier, weßhalb die Brauereien in Amerika in der letzten Zeit einen sehr bedeutenden Aufschwung erhalten haben. In New-York brauen mehrere bairische und badische Brauer ein Lagerbier, welches sich dem bairischen wohl unbedenklich an die Seite stellen darf. Gute Gerste und guter Hopfen erleichtern die Herstellung desselben. Bis jetzt fehlten nur die Felsenkeller, welche dort zwar leicht zu graben sind, aber einen bedeutenden Capitalaufwand erfordern. Mehrere Bierbrauer haben aber demohngeachtet den Anfang damit gemacht, was um so nothwendiger ist, als bis jetzt das Lagerbier in New-York schon Ende Juli ausgieng, da es an großen Lagerkellern gebrach, und man gerade in der größten Hitze genöthigt war, ein in den heißen Sommermonaten gebrautes obergähriges Bier zu trinken, welches unter dem Namen small-beer [9] bekannt ist, sich aber keines besonderen Rufes erfreut. Man kann jedoch fast das ganze Jahr Biere aus Philadelphia bekommen, welche wegen ihrer vorzüglichen Güte sehr beliebt wurden und besonders dann starken Absatz finden, wenn die New-Yorker Biere ausgegangen sind. Hie und da trinken die Deutschen auch Ale und Porter, obschon sie ihrem Gerstenbiere den Vorzug geben.
[9]: Geringes, dünnes Bier, von den Amerikanern im Gegensatz zu ihrem strong-beer (starkem Bier) so genannt, welches die Deutschen jedoch nicht sonderlich lieben, da es einen herben bitteren Geschmack hat. Die deutschen Lagerbiere werden jedoch auch von den Amerikanern gerne getrunken.
Man kann nicht in Abrede stellen, daß es in den amerikanischen deutschen Schenklokalen weit anständiger zugeht, als in vielen in Deutschland; Zank und Streit ist selten zu hören, und wird ja Mancher einmal laut, so geschieht es im Eifer politischer Discussion, da auch hier der Deutsche seine Leidenschaftlichkeit und Heftigkeit nicht verläugnen kann. Während meines ganzen Aufenthaltes aber war ich nie Zeuge einer Schlägerei oder anderer Rohheit. Es mag dies zum Theil darin seinen Grund finden, daß sich in einer so großen Stadt die Gäste zu wenig kennen, und durch Spiele um Geld, welche streng verboten sind, keine Veranlassung zu Uneinigkeiten gegeben wird.
In den besseren Wirthschaften ist fast durchgängig ein Pianoforte zu finden, und es fehlt nicht an Personen, welche dieses Instrument sehr gut zu spielen verstehen. Ich habe mehrere Wirthe kennen gelernt, welche fertige Clavierlehrer anständig dafür honorirten, daß sie Sonnabend und Sonntag Abends ihre Gäste mit Gesang und gutem Spiel erfreuten. Sonntags ist auch an mehreren Orten gute deutsche Harmoniemusik zu finden, welche ebenfalls ein großes Publikum anzieht; namentlich erscheint hier die New-Yorker deutsche Frauenzimmerwelt, welche Nachmittags nicht über Land gehen konnte. Diese Häuser waren weitaus am meisten besucht, da außer den musikalischen Genüssen die besten deutschen Zeitungen aus der ganzen Union und die gelesensten New-Yorker Blätter, nebst Billard und Kegelbahn den Besuchern zu Gebote stehen.
Den Sonntags-Nachmittag benutzen die Deutschen hauptsächlich zu Ausflügen auf das Land. Die besuchtesten Orte sind das Blumenthal (Bloomingdale) und Hoboken. Erstere Partie macht man entweder zu Fuß oder mittelst einer Eisenbahn, welche sich unmittelbar von City-Hall aus, also fast von Anfang der Stadt bis an ihr Ende hinauszieht, und gewöhnlich bei unsern deutschen bäuerlichen Einwanderern das größte Erstaunen erregt, denn wenn sie auch in Europa diese neuen Eisenwege kennen gelernt haben, so erscheint es ihnen doch wunderbar, daß man sie auch durch die Straßen einer Stadt hindurchführt. Aber eine ebenso große Aufmerksamkeit, als sie der Eisenbahn widmen, wird ihnen von den hin und herpromenirenden amerikanischen Lady's und Gentlemens erwiesen, besonders wenn unsere Landsleute im langen Rock mit blanken Knöpfen, rothen Westen, kurzen Leder-Hosen und einem großen Dreimaster, und die Weiber und Mädchen mit kurzen Röcken, Schnallenschuhen und Hauben mit breiten Bändern erscheinen. Diese Tracht entlockt selbst den Deutschen ein Lächeln, welche länger in New-York wohnen und diesen weiland gewohnten Anblick jetzt selten genießen.
Um auf das Blumenthal selbst wieder zurückzukommen, so diene hier zur Nachricht, daß dieses ein nicht kleiner Stadtbezirk ist, in welchem fast ausschließlich Deutsche, jedoch nur die kleineren Handwerker und Arbeiter wohnen. Hier fehlt es nicht an zahlreichen deutschen Kneipen, die jedoch ihrer großen Mehrzahl nach nicht sehr einladend sind; überhaupt möge sich der geneigte Leser keinen zu hohen Begriff von diesem Blumenthal machen, da es nichts weniger als diesen Namen verdient. Nur der Theil, welcher noch wenig angebaut ist und einige Gärten mit schöner Aussicht auf den Hudson und Blackwellisland, eine Art Correctionsanstalt (der Plassenburg im Zwecke wie in der romantischen Lage gleich), in sich schließt, verdient diesen Namen.
Hoboken ist ohnstreitig ein viel angenehmerer Vergnügungsort. Um dahin zu gelangen, muß man, da es auf dem Festlande liegt, über den Northriver fahren, was das Publikum sehr anzieht, da man statt des erstickenden Staubes auf dem Blumenthaler Ausfluge hier die erquickende und erfrischende Seeluft einathmet. Auf der New-Yorker Seite sind drei Fähren, von welchen aus man alle fünf Minuten auf Dampfschiffen über den Hudson gelangen kann. Der Preis ist so billig gestellt, daß es selbst dem Aermsten möglich ist, ihn zu zahlen, denn er beträgt nur 6 Cts. [10], wofür man noch die außerordentliche Begünstigung hat, so oft man will, ohne alle weitere Nachzahlung, den Weg hin und her machen zu können, wenn man nicht vom Boote herabgeht. Sorgsame Mütter schicken während der heißen Jahreszeit ihre Kinder täglich auf diese Dampfboote, damit sie eine gesunde Bewegung haben, ohne der Gefahr des Sonnenstiches ausgesetzt zu seyn, welcher viele Opfer fordert. In Hoboken selbst fehlt es nicht an angenehmen Anlagen und comfortablen Plätzen, wo Erfrischungen gereicht werden, und besonders deutsche Wirthe haben sich hier in ziemlicher Anzahl niedergelassen, um ihre deutschen Gäste nach deutscher Weise mit Kaffee und Milchbrod, wie Butter, Schweizerkäse und gutem Bier bewirthen zu können.
[10]: 9 Kreuzer oder 2½ Ngr.
Auch andere deutsche Vergnügungen, welche bis jetzt in Amerika noch nicht recht heimisch werden wollten, haben unsere Landsleute dort einzubürgern gesucht, namentlich die in Deutschland jährlich wiederkehrenden Kirchweihen. Die Rheinländer feiern großentheils die Kirchweihtage ihrer Heimath, obschon das eigenthümliche Gepräge eines solchen Festes verloren geht, wenn es ausschließlich von Städtern gefeiert wird. Ich hatte Gelegenheit, in New-York die Dürkheimer Kirchweih mitzumachen, welche von Einwanderern aus dieser Stadt und deren Umgegend in einem Garten festlich begangen wurde. Bis auf die Kaufbuden, welche mangelten, hatte das Ganze ziemlich den Character einer deutschen Kirchweih, denn es wurden uns nicht allein in Fülle deutsche Brat-, Blut- und Leberwürste nebst Sauerkraut, sondern auch edler Pfälzerwein, ächter 46er geboten; auch fehlte dem munteren Kreise nicht das höchste Gut, welches uns Speis und Trank erst würzet, der Frohsinn und die Heiterkeit. Schöne Gesänge wechselten mit guter Musik ab, und die Feier schloß mit einem gemüthlichen Tänzchen und einem Toaste auf das geliebte deutsche Vaterland.
Ein anderes, jedes Jahr mehrmals wiederkehrendes Vergnügen sind die gemeinschaftlichen Ausflüge der Deutschen. Ein zu diesem Zwecke gewählter Comité miethet ein Dampfschiff für einen Tag, und Morgens 5 Uhr geht es mit Weib und Kind in's Freie. Diese Gesellschaften zählen oft 6-700 Personen, welche für einen Tag ihre Alltagsbeschäftigungen vergessen, um die freie Natur und das schöne Hudsonthal zu genießen. Gewöhnlich sucht man schon mehrere Tage vorher 25 bis 30 englische Meilen von New-York einen schönen Platz aus, um an demselben auszusteigen und sich zu vergnügen. Die Fahrt schon verbreitet allgemeine Lust; es fehlt nicht an kühlenden Getränken und guten Speisen, welche die sorgsamen Hausfrauen schon Tags vorher zubereiten, um die Freunde der Familie auch außerhalb New-York auf ein deutsches Gericht einladen zu können. In dem elegant ausgestatteten Schiffssalon spielt eine gute deutsche Musik, welche zum Tanze auffordert, und in bunter Reihe folgen Gesänge, Reden, Deklamationen u. s. w. Die Amerikaner machen sehr häufig diese Partieen mit, und erinnern sich ihrer immer mit großem Vergnügen, da sie unter sich selten so viel Herzlichkeit und Gemüthlichkeit finden.
Der geneigte Leser wird aus dem vorigen Capitel ersehen haben, daß es dem Deutschen in Amerika keineswegs an geselligen Vergnügungen gebricht; einem Feste aber, welches alljährlich begangen wird, möchte ich vor allen anderen den Vorzug geben, nämlich dem Maifeste. Die vielen schönen Erinnerungen, welche sich an den ersten Mai, an den Verkündiger des Frühlings, und an die Heimath knüpfen, haben die Deutschen veranlaßt, diesen Tag auch in der Ferne nicht ungefeiert vorübergehen zu lassen, und so finden sich an demselben alljährlich viele Tausende zusammen, um im Freien die Schönheit des Lenzes zu genießen.
Die Deutschen kommen in Amerika und vorzüglich in New-York niemals bei einer außerordentlichen Gelegenheit zusammen, ohne einem Feste durch passende Reden eine höhere Weihe zu geben; am wenigsten dürfen diese an einem Freudentage, wie der erste Mai fehlen. Die Redefreiheit ist unbeschränkt; um jedoch der Gesellschaft wenigstens einige gediegene Vorträge zu sichern, ersucht der Festcomité immer schon acht Tage vorher einige beliebte Volksredner, an diesem Tage die Tribune zu betreten. Erst wenn diese geendigt haben, kann Jeder ohne Ausnahme um's Wort bitten, wobei dem Zuhörer natürlich unbenommen bleibt, zuzuhören oder sich zu entfernen.
Eines der schönsten Maifeste wurde im Jahre 1847 auf einer Anhöhe hinter Hoboken gefeiert, von wo aus man ganz New-York mit seinen Inseln übersehen und die Blicke weit hinaus auf die hohe See schweifen lassen konnte. In einem freundlichen Wäldchen wurde der Festplatz aufgeschlagen, die deutsche schwarz-roth-goldene Flagge zwischen zwei amerikanischen auf dem höchsten Baume aufgezogen und eine mit Laub- und Streuguirlanden geschmückte Tribune errichtet. Vormittags schon hatten sich Hunderte auf dem grünen Rasen gelagert, obschon die eigentliche Feier erst Nachmittags zwei Uhr beginnen sollte.
Die Eröffnung machte ein Männerchor, welchem mehrere vorzüglich ausgearbeitete Festreden folgten. Eingeborene Amerikaner, vorzüglich solche, welche der deutschen Sprache mächtig waren, hatten sich zahlreich eingefunden, und zu Aller Freude erschien kurz vor dem Beginne der verschiedenen Vorträge einer freundlichen Einladung zufolge der amerikanische Dichter Bryant [11], ein großer Verehrer deutscher Literatur und Musik. Er ergriff auf allgemeines Bitten auch das Wort und wies mit warmem Gefühl auf die Verdienste hin, welche sich die deutschen Einwanderer in Amerika erworben hätten, characterisirte den Forschungsgeist und den tiefen wissenschaftlichen Sinn unserer Nation, dem auch das amerikanische Volk so viel zu verdanken habe, und schloß mit einem Hoch auf den deutschen Genius und auf die Bande der Liebe, welche Deutschland und die Vereinigten Staaten für immer umschlingen sollen. Der Präsident des Festcomités erwiderte seine mit dem größten Beifall aufgenommene Rede, indem er den Wunsch aussprach, daß die schönen Beziehungen zwischen Amerikanern und Deutschen immer mehr an Innigkeit gewinnen möchten. Nach dem Schlusse der im Programme vorgeschriebenen Feierlichkeiten bildeten sich die muntersten und lebendigsten Gruppen in dem frischen Grün, Gesang mit Guitarrebegleitung und Musik schallten durch den Wald, und erst spät Abends kehrten die Theilnehmer in die Stadt zurück.
[11]: Bryant ist durch Ferd. Freiligrath, welcher einige seiner lyrischen Gedichte übersetzt hat, auch in Deutschland bekannt geworden.
Das ganze deutsche Leben in New-York hat durch den Gesang einen neuen Reiz erhalten. Diese schöne Blume, welche unserem Daseyn so manche reine Wohlgerüche spendet, ist von den eingewanderten Deutschen sorgfältig gepflegt und gewartet worden; jedoch bildete sich erst im Jahre 1847 in New-York ein größerer Gesangverein, welcher in wenigen Wochen gegen 120 active und passive Mitglieder zählte. Derselbe trennte sich zwar im ersten Jahre wieder, aber es waren so viele gute Sängerkräfte vorhanden, daß zwei Liedertafeln daraus entstanden, welche ziemlich strenge Kunstrichter befriedigen. Beide Vereine halten ihre regelmäßigen Proben, und geben öfters zahlreich besuchte Productionen. Bei den Amerikanern haben die Leistungen der deutschen Sänger eine solche außerordentliche Anerkennung gefunden, daß man sie zu verschiedenen Malen zur Mitwirkung in den größten Concerten einlud. Dadurch ermuntert, beschlossen sie im Winter 1848, in dem Alhambra-Salon, einer eleganten, im maurischen Style aufgeführten Restauration eine großartige Production zu geben, welche sich den entschiedensten Beifall von Seite aller Musikfreunde errang. Besonders erregte der »Speisezettel von Zöllner« viel Vergnügen, obschon die meisten Amerikaner von dem Texte nichts, als das Wort »beefsteak« verstanden.
Aus den Gesangvereinen haben sich verschiedene Quartette gebildet, welche schon manchen Freundeskreis mit ihrem Gesang erheitert haben; selbst die Ständchen sind durch sie in Amerika eingebürgert worden, und oft kann man um Mitternacht die schönen Liederklänge Deutschlands in den einsamen Straßen erschallen hören.
Eine weitere Abwechslung und Erholung geben die zahlreichen Bälle, welche jedoch das Unangenehme haben, daß sie wegen der strengen Sonntagsfeier niemals Sonnabends oder Sonntags gehalten werden können. Die gewöhnlichen Tage für Tanzvergnügungen sind daher der Montag, Dienstag und Donnerstag geworden. Versuche, das Tanzen auf dem Lande am Sonntag trotz Gesetz und Polizei durchzusetzen, sind einige Male durch hinzugekommene Constabler zum nicht besonderen Ergötzen der dabei betheiligten Damen vereitelt worden.
Die Zahl der Bälle in New-York ist außerordentlich groß, was in der Existenz der vielen Freimaurerlogen, Krankengesellschaften, politischen und anderen Vereinen seinen Grund hat, welche sie insgesammt als eine willkommene Gelegenheit benützen, ihren Kassen den so nothwendigen Zuschuß zuzuführen. Zu dem Ende sendet immer der Ballcomité eines Vereins an seine Bekannten und Freunde Einladungskarten, welche mindestens einen Dollar kosten; es kommt jedoch sehr häufig vor, daß für sie 2-5 Dollars bezahlt werden müssen, was natürlich Manchen hindert, ein so theures Vergnügen mitzumachen. Männer, welche wegen ihrer Geschäftsverbindungen oder wegen ihrer politischen Stellung eine ausgedehnte Bekanntschaft besitzen, können sich buchstäblich vor solchen Ballkarten gar nicht retten, die eine um so größere Last für sie sind, da sie die Sache mit dem Bezahlen derselben allein nicht abmachen können, indem man auch noch ihr persönliches Erscheinen auf dem Balle erwartet.
Die deutschen Bälle tragen ziemlich denselben Character, wie in Deutschland, während die amerikanischen sich mehr den französischen und englischen annähern; doch werden auf ihnen auch deutsche Tänze getanzt. Maskenbälle sind gänzlich unbekannt, da sie verboten sind, und man muß deßhalb auf ein Vergnügen verzichten, welches sich in einigen Städten des deutschen Vaterlandes wegen der besonderen Pracht, des guten Humors und des trefflichen Geschmackes, wie z. B. in Mainz, Cöln und München, einen beinahe classischen Namen errungen hat. Die Deutschen haben wohl in Privatzirkeln kleine Maskenscherze aufgeführt, es kann aber ein solches Vergnügen wenig Reiz gewähren, wenn sich sämmtliche Theilnehmer schon vorher kennen, und sie im Falle des Bekanntwerdens noch gesetzliches Einschreiten zu gewärtigen haben.
Eine Eigenthümlichkeit der New-Yorker Bälle ist auch noch die, daß die Herren ihre Damen nach 12 Uhr zur Table d'hôte führen, welche ohngefähr eine Stunde dauert und dazu beiträgt, das Tanzvergnügen noch etwas kostspieliger zu machen, als man es in Deutschland gewohnt ist. Während dieser Pause werden bei den Deutschen sehr oft Quartette gesungen, die gewöhnlich diejenigen Gäste sehnlich herbeiwünschen, welche keine Freunde einer so späten und theuern Tafel sind.
Es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß die Deutschen manche Sitten und Gebräuche von den Amerikanern angenommen haben; dieses kann man sich aber aus den vielen gegenseitigen Berührungen leicht erklären. Im Wesentlichen ist jedoch das Leben und das Thun und Treiben der Eingebornen ein ganz anderes. Während der Deutsche ein offenes und zutrauliches Gemüth zeigt, bleibt der Amerikaner mehr in sich selbst zurückgezogen, und ist nur dann redselig, wenn er in seinem Geschäfte steht und Geld verdienen will, oder wenn ihn eine wichtige politische Streitfrage beschäftigt. Begegnen sich befreundete Amerikaner am Tage auf der Straße, so gehen sie mit einem flüchtigen Gruße an einander vorüber, denn die Zeit des Verdienstes ist da, in welcher Keiner den Andern aufhält; die Deutschen dagegen müssen einen kleinen Halt machen und ein Wort mit einander wechseln, und wenn sie nur fragen: Wie geht es? Was macht die Frau? u. s. w. Nichts characterisirt den Amerikaner mehr, als seine Vorliebe zum Geld, ja man kann sagen, daß er oft den Menschen nur nach seinen Vermögensverhältnissen beurtheilt. Macht er eine neue Bekanntschaft, so unterläßt er nicht zu fragen, »wie viel sie werth sey«, und die Antwort erst gibt ihm den Maßstab zur höheren oder niederen Achtung. Er scheut keine Gefahren, um reich zu werden; er geht in die Lager der Indianer und wagt seine Kopfhaut, um ein gutes Geschäft zu machen, und durchdringt die Urwälder, um sich neue Absatzquellen zu eröffnen. Seine zähe Ausdauer ist wahrhaft bewunderswürdig; er arbeitet rastlos fort, wenn er Millionen erworben hat, läßt seine Thätigkeit aber nicht sinken, wenn ihn eine unglückliche Spekulation um Alles gebracht hat; er fängt wieder von vorne an, und seine alten Geschäftsfreunde unterstützen ihn nach Kräften, wenn er keinen betrügerischen Bankerott gemacht hat; gerade Diejenigen, welche durch ihn Verluste erlitten haben, suchen ihn wieder in die Höhe zu bringen, da sie nur in diesem Falle an einen Wiederersatz denken dürfen. Beispiele hiervon finden sich in New-York, wo mehrere Kaufleute in Bezug auf ihre Vermögensverhältnisse den merkwürdigsten Glückswechsel erfahren haben; heute noch Millionaire, waren sie am anderen Tage Bettler, um in wenigen Jahren wieder als vermögende Männer dazustehen.
Schon an dem Anzuge erkennt man den Amerikaner und den Deutschen. Der Letztere kleidet sich in die verschiedensten Farben, der Erstere liebt, der großen Mehrzahl nach, und besonders, wenn er dem Handelsstande angehört, den schwarzen Frack oder Rock, die schwarzen Beinkleider und den schwarzen runden Hut. Nur während der heißen Jahreszeit vertauscht er diese dunkle Tracht mit hellen und leichten, entweder blau und weiß oder roth und weiß gestreiften Baumwollenkleidern. Die Klasse der Arbeiter, welche natürlich keine Rücksichten auf feine Stoffe und eleganten Schnitt nehmen kann, erkennt man aber fast ohne Ausnahme an der wachstuchenen Mütze, welche sich auch die deutschen Handwerker gleich nach ihrer Ankunft zulegen, da sie nicht allein die gewöhnlichste und leichteste, sondern auch die billigste Kopfbedeckung ist. Der Amerikaner sieht in den Wochentagen wenig auf äußere Eleganz – den Geschäftsmann genirt ein Loch im Aermel sehr wenig –; dafür nehmen sie streng Rücksicht auf Reinlichkeit in der Wäsche, und selbst der schlechtbezahlteste Arbeiter wechselt wöchentlich drei bis vier Mal frische Hemden, obschon dies in New-York eine bedeutende Ausgabe verursacht, da für das Dutzend ohne allen Unterschied, ob es Sacktücher, Vatermörder oder Hemden sind, ¾ Dollar gezahlt werden müssen.
Obschon die Amerikaner, insbesondere nach unseren Begriffen, sehr wenig gesellig sind, so habe ich doch Mehrere kennen gelernt, welche das deutsche Leben sehr anzog. Vor Allem will ich hier eines jungen Mannes aus Virginien Erwähnung thun, welcher Medicin studirte und in dasselbe Haus zog, in dem ich wohnte, um dort Deutsch zu lernen, da er nach Vollendung seines akademischen Studiums in New-York zu seiner weiteren Ausbildung einige Jahre in Berlin zubringen wollte. Schon in seiner Heimath Virginien hatte er von einem Deutschen so viel Kenntniß von unserer Muttersprache erlangt, daß er Schillers Gedichte ziemlich fertig lesen und verstehen konnte. Namentlich interessirte er sich sehr für die deutschen Zustände und fragte zuweilen nach dem Grunde und der Ursache mancher deutschen Staatseinrichtungen mit einer Naivität, welche selbst einen vormärzlichen Staatsmann in Verlegenheit gesetzt haben dürfte, da seine Polemik gegen dieselben von vieler Klarheit und angeborner Freisinnigkeit zeugte und außerdem sehr ruhig und natürlich war. Am wenigsten konnte er das Wesen der Censur begreifen; ich mußte ihm erst eine Geschichte dieses Instituts und eine Schilderung seiner eigentlichen Thätigkeit geben, bis er sich von demselben eine richtige Vorstellung machen konnte. Oft sprach er seine Verwunderung gegen mich darüber aus, daß das deutsche Volk bei dem Bestehen der Censur sich in geistiger Beziehung so hoch emporschwingen konnte, während das amerikanische bei aller seiner Freiheit die Wissenschaften bis jetzt noch viel zu wenig cultivirt habe. Ferne von aller Engherzigkeit verkannte er die Tugenden und Vorzüge der Deutschen nicht, liebte und achtete aber, wie jeder Amerikaner, sein Vaterland wieder viel zu hoch, um dessen Freiheit und Wohlfahrt nicht höher zu schätzen, als Deutschlands literarische Größe.
Wie die meisten Amerikaner hielt auch er ungemein viel auf die strenge Feier des Sonntags, welche den Deutschen einen reichhaltigen Stoff zu Raisonnements liefert. Es gibt auch wohl kaum etwas Lästigeres, als die Beobachtung von Gesetzen, die aus den Sonntagen einen jede Woche regelmäßig wiederkehrenden Buß- und Bettag gemacht haben. Der Amerikaner geht Sonntags wenigstens zweimal in die Kirche; vielfach besucht er aber auch den Abendgottesdienst, welcher im Winter bei Licht gehalten wird. Man ist sogar so weit gegangen, es als die Pflicht eines verlobten jungen Mannes zu betrachten, daß er seine Braut Sonntags zweimal zur Kirche führt. In den gebildeteren Familien ist man mit dieser Art Sonntagsfeier noch nicht einmal zufrieden, sondern es wird auch noch der Abend religiösen Betrachtungen gewidmet und mit dem Singen geistlicher Lieder oder dem Spielen von Chorälen und Kirchenmusik auf einem Claviere hingebracht. Ich habe immer diese übertriebene Religiosität für einen krankhaften Auswuchs gehalten, wofür namentlich auch die Thatsache spricht, daß der amerikanische Sonntagsbetbruder sich nicht im Geringsten genirt, am folgenden Montage seinen Mitchristen auf die schändlichste Weise zu prellen und zu übervortheilen. Trotz dem Zuschautragen religiöser Gefühle und Empfindungen glaube ich doch, daß in Deutschland, obschon da vielfach getanzt, musicirt und getrunken wird, eine tiefere Frömmigkeit zu finden ist, als in New-York, wo man großentheils mit der Beobachtung der äußeren Formen zufriedengestellt ist. Ich kenne nur eine Tugend, welche aus diesem scheinheiligen Treiben der Amerikaner hervorgegangen ist, nämlich ihr Abscheu gegen das rohe Fluchen, Schwören und Schimpfen, welches man bei den Deutschen leider so häufig findet. Außerhalb des Geschäftslebens ist der Amerikaner auch sehr wahrheitsliebend, und man kann ihn nicht empfindlicher beleidigen, als wenn man ihn der Lüge zeiht. Diese Injurie wird auch vom Gesetze besonders strenge geahndet! Besonders anerkennend muß ich hier bemerken, daß sich der Amerikaner trotz der strengen Beobachtung äußerer Religiosität und seiner Anhänglichkeit an seinen Gottesdienst doch ganz von den Vorurtheilen gegen Andersdenkende losgemacht hat und die Intoleranz kaum dem Namen nach kennt. Am schönsten hat er dies im Jahre 1847 bei Gelegenheit der Revision der Verfassung des Staates New-York bewiesen, gemäß welcher man vor den Gerichtshöfen dieses Staates den Eid in beliebiger Form leisten kann, ohne daß dessen Rechtsgültigkeit im Geringsten angefochten werden kann. Vorurtheile, wie man sie in Europa und namentlich in Deutschland gegen die Israeliten hegt, sind dem Amerikaner vollkommen fremd; er macht keinen Unterschied zwischen Juden und Christen, sondern achtet den am meisten, welcher seine Würde als Mensch am besten zu wahren versteht.
Hand in Hand mit ihrem äußeren Frömmigkeitswesen gehen die ebenso einseitigen Bestrebungen der Mäßigkeitsprediger (Temperenzmänner), welche ihren Fanatismus so weit treiben, daß sie den Genuß von Wein, Bier und aller Art von Spirituosen gänzlich verbieten. Man sollte kaum glauben, daß für eine solche Lehre viele Anhänger zu gewinnen wären; zu meinem größten Erstaunen hat sie diese aber gerade in einem Stande gefunden, welcher sonst die wenigste Neigung zur Mäßigkeit hat und stärkende Getränke auch am wenigsten entbehren kann, nämlich im Stande der Arbeiter. Die Grundsätze dieser Temperenzmänner haben eine unglaubliche Verbreitung gefunden, die übrigens leicht erklärlich wird, wenn man die rastlose Thätigkeit und die unermüdliche Agitation dieser Leute kennt. Sie sind gut organisirt und in Logen eingetheilt, aus welchen zunächst ihre Propaganda hervorgeht, die sich besonders Sonntag Nachmittags in der Nähe des Hafens sehr bemerkbar macht. Irgend ein Mitglied, welches sich hinreichende Rednergabe zutraut, die die Amerikaner überhaupt, an öffentliches Leben gewöhnt, mehr oder weniger besitzen, besteigt mitten in der Straße einen Tisch oder Stuhl und hält einen von dem heftigsten Geberdenspiele begleiteten Vortrag, in welchem dem Zuhörer auf das bündigste bewiesen wird, daß nur die vollkommene Enthaltung von allen geistigen Getränken den Menschen physisch und moralisch gut erhalten könne, und selbst der mäßigste Genuß wegen des verführerischen Reizes zur Ausschweifung gefährlich sey. Eine Unmasse von Traktätleins in allen Sprachen zählt die grauenhaftesten Historien von Gatten-, Kinder- und Vatermord und anderen haarsträubenden, im Zustande der Trunkenheit verübten Verbrechen auf, um das Gemüth des Lesers zu erschüttern und zur Aufnahme der Temperenzlehre geneigt zu machen. Abscheulich gezeichnete Bilder, welche den Künstler mit Grauen erfüllen, sollen solche Scenen noch mehr versinnlichen, und mögen bei zur Schwärmerei geneigten Naturen ihres Eindruckes auch nicht verfehlen.
Mehr aber, als alle Traktätlein und schlechten Reden der Temperenzmänner hat die schlaue Berechnung ihnen Anhänger gewonnen, daß sie nur solchen Arbeitern einen Verdienst zuwenden, welche in ihren Mäßigkeitsbund eingetreten sind. Sie haben sogar eigene Dienstbotenbureaux errichtet, in welchen Temperenzdienstboten gesucht werden, die sich über ihre wirkliche Mitgliedschaft förmlich ausweisen müssen. Ihre Lebensmittel kaufen sie nur bei Temperenzmännern, da die anderen Spezereihändler sämmtlich Spirituosen verkaufen und deren Waaren sonach nicht koscher sind.
Die unsinnige Lehre dieser Leute, welche dem Menschen selbst den vernünftigsten und mäßigsten Genuß der edlen Gaben Gottes entzieht, führt ebenfalls zur Heuchelei, zur Verstellung und zum Meineid; mancher Temperenzmann, welcher beim Anblicke eines Glases Wein oder Bier scheinheilig die Augen verdreht, hat zu Hause einen geheimen Schrank in der Wand, in welchem Getränke aller Art verborgen sind. Ein Deutscher, der längere Zeit in Boston gelebt hat, erzählte mir, daß er manchen vergnügten Abend mit Temperenzmännern bei der Punschbowle zugebracht habe, von denen Niemand erwartete, daß sie ihre Satzungen übertreten würden.
Dieser Unfug hat auch in New-York sehr um sich gegriffen; der Mäßigkeitsmann genießt aber dort, da er sich nicht ganz auf Wasser setzen will, ein Wurzelbier von bitterem Geschmack, das s. g. root-beer, welches nicht berauscht. Den wenigsten Anklang hat diese Art von Enthaltsamkeit bei den Matrosen gefunden, denen man übrigens einige Sympathie für einen solchen Verein wünschen möchte.
Wie ich schon mitgetheilt habe, lebt der Amerikaner vorzüglich seinem häuslichen Kreise, weßhalb auch gemeiniglich seine Zimmer viel eleganter und wohnlicher eingerichtet sind, als bei den Deutschen. Selten logiren in einem Hause mehr als zwei Familien, da er Ruhe und Stille in seiner Wohnung liebt, wenn er sich von dem Geräusche seines Geschäftes zurückgezogen hat. Er geht aber auch zuweilen in dieser Beziehung zu weit, da er häufig kein Quartier an Leute vermiethet, welche kleine Kinder oder Hunde und Katzen haben, weil er von ihnen Lärmen und Unreinlichkeit befürchtet.
Die Privatwohnungen sind sämmtlich Tag und Nacht geschlossen, und muß man erst durch das Ziehen einer Klingel seine Anwesenheit melden. Beim Eintritt in die Hausflur fällt die durch bunte Fenster und bemalte Vorhänge gedämpfte Beleuchtung auf, welche sonderbar gegen die außen herrschende Tageshelle absticht. Eine ähnliche Dämmerung findet man während der Sommerzeit in den nach der Morgenseite liegenden Zimmern, da grüne Jalousieladen an allen Fenstern zum Schutze gegen die heißbrennende Sonne angebracht sind. Auf den Treppen liegen hübsche Teppiche (carpets), welche man noch schöner und geschmackvoller in den bewohnten Räumen findet, die dadurch viel heimischer werden. Die Gemächer, wie das ganze Innere des Hauses, sind entweder tapezirt, oder, was man noch häufiger trifft, mit hellen Oelfarben gemalt, was einen sehr freundlichen Eindruck macht. Auf letztere Einrichtung hat mehr die Nothwendigleit, als der Luxus hingewiesen, da sich hinter den Tapeten im heißen Sommer gerne Wanzen ansetzen, welche sich in vielen Häusern New-Yorks in fast unglaublicher Anzahl eingenistet haben, um die Bewohner derselben bei Nacht auf das Furchtbarste zu quälen. Auch die Muskitos [12] sind an den gemalten Wänden eher zu entdecken.
[12]: Die Muskitos sind in New-York schon sehr häufig, obschon sie dort noch nicht so lästig sind, wie weiter gegen Süden, namentlich in New-Orleans, wo ihre Stiche sogar Narben zurücklassen. Mir war es nicht möglich, ein Auge zu schließen, wenn nur eine von diesen summenden Fliegen, welche nicht allein empfindlich stechen, sondern auch eine Anschwellung der getroffenen Theile veranlassen, im Zimmer war. Man kann sie leicht entfernt halten, wenn man beim Eintritt der Abenddämmerung zeitig die Fenster schließt. So lange Licht brennt, verhalten sie sich ruhig, weßhalb man diese Zeit benutzt, sie zu vertilgen. In meiner ersten Wohnung mußte ich regelmäßig jede Nacht eine Wanzen- und Muskitojagd abhalten.
Die Meubles sind geschmackvoll und elegant, und werden neuerdings in New-York in großer Menge angefertigt, um als Handelsartikel in das Innere des Landes zu gehen. Gegen die früheren Jahre führt man jetzt sehr wenige mehr von Europa ein, was dem Lande ein bedeutendes Capital erhält. Ein Hauptmeubel der Amerikaner ist der beliebte Schaukelstuhl, welcher in keinem Zimmer fehlen darf, und bei den ärmeren Classen die Stelle des Sophas vertritt. Sitz und Rücklehne dieser Art Großvatersessel sind stark nach hinten geneigt, um den Stuhl leichter in Bewegung setzen zu können, dessen Beine, wie bei einer Wiege, in starken gekrümmten Leisten festgemacht sind. In diesem hält die Frau ihre Siesta und bringt in ihm auch wohl ihre meiste Zeit zu, wenn der Herr des Hauses ein reicher Mann ist und über eine schöne runde Summe Dollars zu gebieten hat. Die reiche Amerikanerin arbeitet durchschnittlich wenig oder gar nichts, sie kocht nicht, sie näht nicht, sie strickt nicht, sondern sie putzt sich, geht oder fährt spazieren und besucht die reichen Modewaarenlager, um dem Herrn Gemahl eine hübsche Rechnung auf's Comptoir schicken zu können, die er bezahlen muß, wenn ihm auch zuweilen eine solche Post nicht sehr angenehm ist. Sie geht nur im höchsten Staate, in seidenen Kleidern, theuren Shawls und anderem kostspieligen Putze aus, versteht es aber nicht, sich so geschmackvoll und elegant, wie die Französin, zu tragen, obschon ihr Anzug manchmal zehnmal mehr kosten mag. Im eigentlichen Bürger- und Arbeiterstande sind die Verhältnisse freilich anders, denn dort ist auch die Frau thätig, obschon sich auch diese in keiner Beziehung mit der deutschen Hausfrau messen darf.
Die Frauen genießen in Amerika manche Rechte, von denen sie fleißig Gebrauch machen. Vor Allem haben sich junge Leute, namentlich wenn sie ein eigenes Geschäft oder sonst Vermögen haben, sehr in Acht zu nehmen, mit Mädchen viel zu verkehren, welche sie nicht heirathen wollen, da diese oft aus einer auch nur oberflächlichen Bekanntschaft Heirathsansprüche herleiten. Namentlich möge sich jeder Mann vor einem Eheversprechen etc. hüten, da er ohne Gnade die klagende Frauensperson heirathen muß. Nur durch die Flucht in einen anderen Staat kann er den Ehefesseln entgehen und seine Freiheit erhalten. Namentlich stehen die Irländerinnen bei den Deutschen in Beziehung auf diesem Punkt in einem schlechten Renommée, und Viele gehen ihnen schon von Weitem aus dem Wege. Eine bessere Einrichtung ist die, daß der Mann seine Frau nicht züchtigen und mißhandeln darf, sollte er auch zur Strafe die gegründetste Veranlassung haben. Trotz des gesetzlichen Verbotes kommt doch in den weniger gebildeten Ständen zuweilen ein solcher Fall vor, welcher dann die Inhaftirung des Herrn Gemahls zur Folge hat. Jedoch wird dieser nach kurzem Arrest gewöhnlich von der zärtlichen Ehefrau selbst wieder zurückgeholt, da es diese ohne ihn in der Einsamkeit des Hauses nicht mehr aushalten kann, und bei längerem Sitzen die Familie ohne Ernährer seyn würde.
Dem einwandernden Deutschen fällt aber besonders auf, daß der Ehemann mit dem Korbe am Arm auf den Markt geht, um Fleisch, Eier, Kartoffeln und andere in einem Haushalten nothwendige Dinge einzukaufen; die Deutschen haben zum Theil diesen Gebrauch ebenfalls angenommen, da wegen allzu hohen Lohnes die kleineren Familien keine Dienstboten annehmen können; andererseits wollen freilich wieder Viele behaupten, daß zu einem solchen Geschäfte sich nur ein Mann hergäben könne, welchen seine Frau unter ihren Scepter, d. h. unter den Pantoffel gebeugt habe. Am wenigsten will aber unseren Landsleuten gefallen, daß sich die amerikanischen Frauen das Rauchen verbitten; ja viele gehen so weit, daß sich der Mann nicht einmal in seiner eigenen Behausung eine Cigarre anstecken darf. Häufig wurde ein Deutscher, welcher eine Amerikanerin geheirathet hatte, in deutscher Gesellschaft geneckt, daß er sich einem solchen Befehle seiner Frau gefügt habe, welche sich am ersten Tage der Flitterwochen das Rauchen in ihrem Hause energisch verbat. Für diese Entbehrung sucht sich der Amerikaner auf eine andere, weniger angenehme Weise zu entschädigen, er – kaut Tabak. Diese ekelhafte Sitte ist in New-York sehr allgemein; aber je näher man den eigentlichen Tabakländern kommt, je häufiger wird diese unappetitliche Gewohnheit.
Wir haben die Mäßigkeit bereits als eine Tugend der Amerikaner kennen gelernt, welche sie bei dem Genusse der Speisen ebenso, wie bei dem der Getränke beobachten. Ihr Tisch ist immer mit verschiedenen Gerichten besetzt, doch erscheinen sie trotz ihrer Anzahl dem Deutschen manchmal gar zu sehr en miniature aufgetragen. Das Frühstück besteht aus Kaffee, Butter, Brod, Fleisch und Eierspeisen, das Mittagsmahl aus verschiedenen Sorten Fleisch mit Salat, Mehlspeisen, Kartoffeln und Gemüse. Letzteres wird von ihnen in einer Weise bereitet, welche dem deutschen Magen nicht genehm ist, da dasselbe, einfach mit kochendem Wasser angebrüht, auf die Tafel gebracht wird. Jeder richtet es sich nach seinem Geschmacke zu, indem er es mit Salz, scharfen Gewürzen, unter denen der spanische Pfeffer eine Hauptrolle spielt, Essig und Oel in eine Art Salat umwandelt, der mir im Innersten zuwider war. Abends gibt es außer dem nie fehlenden Fleische stets Thee und Butterbrod, welches sie ebenso künstlich und niedlich zu schneiden verstehen, wie die Norddeutschen ihre Butterbemmen. Eigenthümlich ist es, daß der Amerikaner eine Lieblingsspeise der Deutschen – das so hoch gepriesene Sauerkraut – förmlich verabscheut, wie er überhaupt die Gemüse nicht liebt, wenn sie nach unserer Weise zubereitet sind. Er genießt auch weniger die Sorte Kartoffeln, welche wir in Deutschland haben, sondern eine andere, meines Wissens in Europa gänzlich unbekannte, welche in der Form unseren sogenannten Mäusen gleicht, an den Enden jedoch ganz spitz ausläuft, sehr mehlreich ist und einen ganz süßen Geschmack hat. Ich kenne jedoch nur wenige Deutsche, welchen sie zusagte. Die von uns so sehr geliebte Suppe wird von ihnen äußerst selten genossen.
Die Lieblingsspeisen der Amerikaner sind beefsteak, roast-beef, Schinken mit Eier und Geflügel; letzteres wird besonders in ungeheurer Menge consumirt. Der Truthahn und die Gans haben von dem Federvieh den Vorzug, obschon der deutsche Gaumen manchmal sehr empfindlich berührt wird, wenn er eine Gans zu schmecken bekommt, welche während ihrer Zeitlichkeit mit kleinen von der See ausgespülten Fischen gefüttert wurde, wodurch sie einen thranigen Geschmack bekommt. Außerdem sind noch Seefische und Austern sehr von ihnen geliebt.
Der Deutsche hat sich nicht von seiner vaterländischen Küche losgesagt, jedoch von der amerikanischen das angenommen, was ihm zusagte, weßhalb sein Tisch ohnstreitig besser ist.
So enthaltsam und mäßig die Amerikaner sind, so haben sie doch auch einen Tag im Jahr, wo sie sich ausnahmsweise den Freuden der Tafel hingeben. Es ist dies der erste Januar, den sie auf eine eigenthümliche Weise feiern. Während in Deutschland das Neujahrgratuliren als etwas Lästiges immer mehr in Abnahme kommt, ist es dort so allgemein im Brauch, daß nicht allein alle Freunde und Bekannte sich Glück zum neuen Jahre wünschen, sondern selbst der Maire an diesem Tage eine Gratulations-Audienz von 11 bis 2 Uhr im Stadthause ertheilt, zu der sich Tausende von Menschen drängen. Diese empfängt er stehend in seinem Bureau, in welches der Reihe nach die Bürger eintreten, ihm ohne Ausnahme die Hand reichen und ihm einfach mit den Worten: »I wish You a happy new year Sir!« [13] ihre Glückwünsche darbringen, worauf er dankend erwidert: »I thank You Sir!« [14] Von einem längeren Gespräche mit ihm kann keine Rede seyn, da eine große Menschenmenge bereits darauf wartet, ihn ebenfalls zu begrüßen. Nach stattgefundener Gratulation, die nicht länger als zwei Sekunden währt, tritt man in ein Nebenzimmer ab, in welchem Limonade und Gebackenes gereicht wird, was jedoch nur die Wenigsten annehmen.
[13]: Ich wünsche Ihnen ein glückliches neues Jahr!
[14]: Ich danke Ihnen mein Herr!
In den Familien sind an diesem Tage die Tische mit Speisen und Getränken reich besetzt und Jeder, der sich einfindet, ist willkommen. Niemand wartet eine Einladung zum Zulangen ab, sondern versieht sich ohne weitere Umstände mit dem, was ihm zusagt. Am Neujahre wird auch ein Räuschchen entschuldigt, da der herumwandernde Neujahrwünscher überall ein Glas trinken muß; selbst den Damen sagt man nach, daß sie diesem Tag zu Ehren sich bereden lassen, Etwas mehr wie gewöhnlich von den gefüllten Gläsern zu nippen.
Außer dem ersten Januar gibt auch der Valentinestag Veranlassung zu netten Witzen. Es ist nämlich an diesem Tage Sitte, Bekannten und Freunden sogenannte Valentines zu schicken, welche aus Bildern der verschiedensten Art mit geschriebenen oder gedruckten Reimen und Gedichten bestehen. Das Scherzhafte liegt besonders darin, daß sie anonym einlaufen und deßhalb der wirkliche Absender oft gar nicht errathen wird. Die Bilder enthalten Anspielungen, Carricaturen, Neckereien u. s. w. und werden in unglaublicher Anzahl durch die Stadtpost versandt. Es giebt eigene Valentines-Fabriken, welche hübsche Geschäfte mit diesem Artikel machen, da man sie von drei Cent bis zu mehreren Dollars haben kann. Reiche Amerikaner haben schon Valentines anfertigen lassen, welche 50 Dollars kosteten. Hübsche Mädchen werden besonders damit bedacht, und manche Schönheit hat eine Sammlung solcher anonymer Zusendungen angelegt, welche ein niedliches und geschmackvolles Album voll guter Zeichnungen und Gedichte bildet. So angenehm die Ueberraschung durch einen originellen Valentine ist, so haben doch leider auch Haß, Neid, Mißgunst und andere niedrige Leidenschaften diesen Tag und diese Sitte benützt, um unter der Maske des Witzes verwundende Pfeile abzuschießen. Ich kann mich des traurigen Falles erinnern, daß sich ein braves Mädchen in New-York wegen eines gemeinen Valentines das Leben nahm.
Eine Haupttugend der Amerikaner verdient beim Schlusse der Schilderung ihres Lebens und ihrer Sitten noch ehrenvolle Erwähnung, nämlich ihre Gastfreundschaft. Es ist nicht leicht, in einer gebildeten amerikanischen Familie Zutritt zu erhalten und als Hausfreund angenommen zu werden; hat aber einmal Jemand ihr Zutrauen gewonnen, so schenken sie es ihm auch ganz und machen nicht den strengen Unterschied zwischen dem jüngeren und dem reiferen Alter, wie man in Deutschland zu thun pflegt. Dieses mag zunächst dem Umstand zuzuschreiben seyn, daß bei ihnen mit dem 21sten Jahre bereits die vollständige politische Mündigkeit eintritt, welche dem Jünglinge schon die wichtigsten bürgerlichen Rechte verleiht. Dem Hausfreund gegenüber fällt die Ettiquette, und Niemand findet es anstößig, wenn ein junger Mann die Tochter des Hauses Abends ohne weitere Begleitung in's Theater, auf Bälle oder Promenaden führt.
Zur Befestigung der amerikanischen Institutionen hat in besonders hohem Grade die Presse beigetragen, weßhalb ich ihrer auch einige Erwähnung thun muß. Sie übt einen um so größeren Einfluß auf das Volk, als ihr von jeher die berühmtesten und patriotischsten Staatsmänner ihre Kräfte gewidmet haben, damit den Lesern außer der vielen mittelmäßigen Kost auch eine gediegene gereicht werde.
In keiner Stadt der Union hat sie sich zu einer so hohen Bedeutung und zu einem solchen Einflusse emporgeschwungen, wie in New-York, weßhalb auch eine jede nur einigermaßen Lebenskräftigkeit besitzende Partei dort ein Organ hat. Die Journale New-Yorks entsprechen aber auch allen den Anforderungen, welche man an sie vermöge der Größe, Bedeutung und Bildung der Stadt stellen kann, es erscheinen nicht allein politische, sondern auch wissenschaftliche, belletristische, musikalische und gewerbliche Blätter; nicht verkennen läßt sich jedoch, daß zu dieser Entwickelung der Presse der Handel und der große Verkehr in New-York unendlich viel beigetragen hat; um Beide zu heben, baute man die weiten Eisenbahnstrecken, Canäle und Telegraphenlinien, durch deren Herstellung die kaum glaubliche Thatsache möglich geworden ist, an jedem Tage in New-York Nachrichten aus allen Theilen der Union in der Art zu erhalten, daß alle Ereignisse und die Marktpreise von New-Orleans, St. Louis und Buffalo wenige Stunden nach ihrem Bekanntwerden in den genannten Städten auch schon dem New-Yorker Publikum durch die Presse mitgetheilt werden können. Durch diese ungeheure Schnelligkeit der Communication ist auch das allgemeine Interesse viel lebendiger und der Absatz beliebter Blätter ungleich größer, als in Deutschland, während die Redactionen auf der anderen Seite wieder in den Stand gesetzt sind, einen billigen Preis zu stellen. Die Sonne [15] zieht eine tägliche Auflage von 60,000 und der Herald eine von 40,000 Exempl. ab.
[15]: The Sun.
Die Morgenzeitungen bringen noch alle die Nachrichten, welche bis 3 Uhr in der Frühe einlaufen; erst in dieser Stunde wird der Satz geschlossen und der Druck begonnen. Um 7½ Uhr haben die meisten Abonnenten in der Stadt ihre Blätter schon unter der Hausthüre liegen, da zu dieser Zeit noch sämmtliche Wohnungen und alle Verkaufslokale geschlossen sind. In den Geschäftsstraßen, die sich erst um 7 Uhr beleben, da in ihnen Niemand wohnt, liegen bei trockenem Wetter vor manchem Hause 20-30 Blätter, ohne daß der Subscribent eine Entwendung zu befürchten hätte.
Jedes Journal druckt täglich mehrere Tausend Exemplare über die Abonnentenzahl, welche größtentheils von Zeitungsjungen in den Straßen, an der Börse, an den Landungsplätzen der Dampfschiffe und an den Eisenbahnen verkauft werden. Zu dem großen Absatz der New-Yorker Blätter trägt besonders der Umstand bei, daß der Leser mit dem Beginne des Abonnements an keine bestimmte Zeit gebunden ist, indem die Zeitungsträger jeden Montag ihr Geld für das in der vergangenen Woche gebrachte Journal abholen. Für minderbemittelte Leser, welche eine größere Ausgabe scheuen müssen, ist dies eine sehr große Erleichterung.
Außer den in englischer Sprache gedruckten Blättern erscheinen in deutscher die New-Yorker Staatszeitung, die New-Yorker Schnellpost und der New-Yorker Demokrat mit einem Sonntagsblatte, und in französischer der Courier des Etats unis, welcher von der Regierung Louis Philipps Unterstützung erhielt und dafür oft in nicht sehr würdiger Weise die Interessen der Dynastie Orleans vertrat. Mit der Februarrevolution änderte er Redaction und Farbe. Kurze Zeit erschien auch ein Blatt für die Scandinavier; es mußte aber wegen Mangel an Theilnahme zu erscheinen aufhören.
Die Stimme des Staates New-York fällt bei der Entscheidung politischer Kämpfe schwer in die Wagschaale. Es haben daher die Demokraten und die Whigs von jeher alle ihre Kräfte aufgeboten, die Stadt und den Staat für ihre Ansichten zu gewinnen. Beide erkannten nur zu gut, daß sie sich keines besseren Agitationsmittel bedienen konnten, als der Presse, und sie sorgten daher für die Gründung von Parteijournalen, welche sich fast durchgängig mit der Erörterung politischer Parteigrundsätze und der Kritik der Regierungsmaßregeln beschäftigen. Im Sinne der Demokraten schreiben »the true Sun«, »the Globe« und die unter der Redaction des Dichters Bryant erscheinende »Evening-Post« [16]. Die schon oben erwähnte Sun neigt sich ebenfalls der Demokratie zu, obschon sie fast in jeder ihrer Spalten versichert, daß sie ein unpartheiisches und unabhängiges Blatt sey. Die Interessen der Whigs werden mehr oder wenig von der New-York Tribune, dem Courier and Inquirer und dem Express vertreten.
[16]: Die wahre Sonne, die Erdkugel und die Abendpost.
Als wahrhaft unabhängiges [17] und deßhalb von allen Parteien sehr geschätztes Blatt ist der New-York Herald auch im Auslande rühmlichst bekannt, und die meisten deutschen Artikel über Amerika sind wohl aus ihm übersetzt. Er liefert auch die politischen Neuigkeiten am raschesten, ausführlichsten und zuverlässigsten und wurde dem gebildeten Leser schon deßhalb unentbehrlich, weil er das einzige politische Sonntagsblatt ist. Von den Einwanderern wird er besonders geschätzt, da er Correspondenten in allen bedeutenden Städten Europas hat. Der Eigenthümer dieses Journals, Mr. Gordon Bennet, läßt seit der Gründung der französischen Dampfschifffahrtslinie von Cherbourg nach New-York auch eine französische Ausgabe seines Blattes für Frankreich besorgen, welche von Freunden dieser Sprache auch zahlreich in New-York gekauft wird.
[17]: Nur bei der letzten Präsidentenwahl kämpfte er für die Candidatur des General Taylor.
The Sun und the Herald liefern bei der Ankunft eines jeden Dampfschiffes von Europa Extrablätter. Diese werden immer zahlreich gekauft und werfen daher guten Gewinn ab; denn treffen auch keine wichtigen politischen Neuigkeiten ein, so kommen doch Handelsnachrichten an, welche über Gewinn und Verlust entscheiden und von dem Amerikaner mit größter Spannung erwartet werden. Die Zeitungsjungen machen mit diesen Extrablättern gute Geschäfte, zumal sie so klug sind, im Moment der ersten Spannung um 100 Prozent mit ihrem Artikel aufzuschlagen; auch wissen sie sehr gut auf die Neugierde ihrer Leser zu speculiren, indem sie Schlachten ausrufen, die nie geschlagen wurden, und überhaupt auf Ereignisse aufmerksam machen, von denen außer diesen Jungen keine sterbliche Seele Etwas weiß.
Längere Zeit erschien in New-York der Yankee-Doodle, ein politisches Witzblatt mit Holzschnitten nach Art des Londoner Punch. Demselben war aber bald der Witz und mit ihm die Abonnenten ausgegangen. Ueberhaupt ist der Amerikaner sehr schwach in der Kunst, seinen Gegner durch feinen Spott zu schlagen; auch fehlt ihm die Gewandtheit in der Zeichnung und die Manier der künstlerischen Behandlung, welche bei politischen Thematen oft mehr anzieht, als ein piquanter und sarkastischer Text.
Ein eigenthümliches Blatt ist der Bruder Jonathan [18]. Er erscheint nur zweimal des Jahres, nämlich zu Weihnachten und am 4ten Juli, und ist auf einen Bogen von solcher Größe gedruckt, daß man ganz bequem einen sechsjährigen Jungen in denselben einwickeln kann, ohne daß Kopf und Fuß mehr sichtbar ist. Eine ziemliche Anzahl Holzschnitte zieren ihn, welche zum Theil von einer ungewöhnlichen Größe sind. Das Blatt ist typographisch schön ausgestattet, und wird zahlreich gekauft, um Geschenke damit zu machen. Eine Nummer kostet 1 Schilling [19].
[18]: Bruder Jonathan ist der Nationalname des Amerikaners, wie John Bull der des Engländers und Michel der des Deutschen.
[19]: 18 kr. 3 pf. oder 5 Ngr. 4 pf.
Im Jahre 1848 wurde die erste musikalische Zeitung in New-York unter dem Titel: »The musical Times« herausgegeben. Die bedeutendsten Mitarbeiter sind durchgängig Deutsche, ohne deren Unterstützung die Unternehmung gar nicht in's Leben hätte treten können. Der belletristische Theil des Blattes besteht fast einzig und allein aus Uebersetzungen deutscher und französischer Novellen.
Als Literaturblatt ist der Harbinger [20], welcher von den Gebildeten häufig gelesen wird, nicht ohne Werth. Er enthält philosophische, ästhetische und andere wissenschaftliche Aufsätze, theilt Gedichte besserer Gattung und Auszüge aus guten prosaischen Werken mit und gibt eine kritische Uebersicht über die Producte der amerikanischen Literatur. Gediegene Redaction und schöne Ausstattung empfehlen dieses Blatt, welches in seiner Art noch ziemlich das einzige im Staate New-York seyn dürfte.
[20]: Der Vorläufer.
Durch die Presse ist auch in dem Volke das Verlangen nach geistigen Genüssen erweckt worden. In die erste Classe ist in dieser Beziehung Theater und Musik zu stellen, die sich seit den letzten zehn Jahren in New-York einer besonderen Pflege erfreuen und ein lebendiges Zeugniß abgeben, daß die Bildung im Fortschreiten begriffen ist. Auf ihre Leistungen in der Malerei und der Bildhauerei läßt sich dieses Lob freilich nicht anwenden, da sie mit wenigen Ausnahmen in ersterem Fache noch viel zu sehr an die Entstehungsperiode der Kunst erinnern, und die Sculptur nur von eingewanderten Deutschen, Franzosen und Italienern betrieben wird. Es hat sich in New-York zwar ein Kunstverein mit einer Kunstausstellung gebildet; die eingebornen Amerikaner haben aber bis jetzt noch wenig Werthvolles eingeliefert. In der Architectur dagegen haben sie erstaunliche Fortschritte gemacht; die Börse, die Tombs [21], das Customhouse [22], das Wasserreservoir, die herrliche Wasserleitung und andere colossale Bauten werden gewiß den Beifall und die Bewunderung sachverständiger Männer erhalten.
[21]: Der im egyptischen Style gebaute Gerichtshof, mit welchem eine bedeutende Anzahl Zellengefängnisse in Verbindung steht.
[22]: Zollhaus.
Die New-Yorker haben eine große Vorliebe für den Theaterbesuch. Es fehlt daher nicht an besseren und geringeren Vorstellungen von Schau- und Lustspielen und Opern. Wirklich gute Productionen findet man im Park-Theater, da in demselben häufig berühmte englische Mimen auftreten; im Jahre 1847 gab dort der Engländer Kean die schönsten Characterbilder Shakespeares; überhaupt hat sich dieses Theater den Ruf einer dramatischen Gediegenheit erworben. Für bessere Lustspiele ist das Broadway-Theater da, welches erst vor zwei Jahren erbaut wurde; das eigene Volkstheater, in welchem Spektakelstücke und populaire und nationale Ereignisse auf die Bühne gebracht werden, ist das Bowerytheater. Es erfreut sich eines sehr zahlreichen Besuches, da der Unternehmer beständig gute und beliebte Schauspieler engagirt hat und keine Kosten scheut. Viel Vergnügen bereitete mir in demselben die Aufführung von Schillers »Räubern«, welche ziemlich gelungen in's Englische übertragen und recht brav in Scene gesetzt waren. Für die niedere Komik und den Volkswitz gibt es ebenfalls einige Bühnen.
Freunde der Opernmusik sind auf die italienische Oper angewiesen. Um sie würdig zu placiren, baute die New-Yorker Noblesse ein eigenes Opernhaus am Ende des Broadway. In diesem Musensitz wollten sie auch einen besonders feinen Ton und die Pracht der Mode nach Londoner und Pariser Art einheimisch machen, und es mußte, um diesen Endzweck zu erreichen, der Theatercomité die Einrichtung treffen, daß nur Gentlemans in schwarzem Fracke und Ladys in Herrenbegleitung der Zutritt gestattet wurde, was den bösen Uebelstand zur Folge hatte, daß ganz anständig gekleidete Leute am Eingange abgewiesen wurden. Dies hieß aber in ein gewaltiges Wespennest stieren! Die ganze New-Yorker Presse und vor allen Blättern der Herald zog ganz unbarmherzig gegen die Geldaristokratie zu Felde, welche es gewagt hatte, dem Volke eine besondere Kleidung bei dem Genusse von Vergnügungen, die ihm sein gutes Geld kosteten, vorzuschreiben und die republikanische Einfachheit, wie die persönliche Freiheit eines jeden Einzelnen in einer solchen Weise anzugreifen. Man warnte vor dem Besuche eines solchen Theaters, nannte die Sänger die traurigsten Stümper und brachte das ganze Unternehmen in einen solchen Mißkredit, daß es ohnfehlbar gescheitert wäre, wenn der Theatercomité nicht die unglückliche Frackidee aufgegeben hätte. Ein betheiligter reicher Kaufmann machte aus lauter Verdruß über das Geschrei der Presse den Versuch, den Eigenthümer des Herald mit 200 Dollars zum Schweigen zu bringen; am anderen Tage aber fand er seinen Brief wörtlich auf der ersten Spalte des Herald in einer schwarzen Einfassung abgedruckt; außerdem war noch die malitiöse Bemerkung beigefügt, daß sich der Maire der Stadt in einem Handbillete bei dem Herrn Bennet im Namen des städtischen Armenhauses für die Schenkung von 200 Dollars bedankt habe, welche zur Bestechung der Presse hätten dienen sollen.
In New-York fehlt es auch nicht an zwei deutschen Theatern; leider aber haben es unsere Landsleute noch nicht zu dem Besitze eines würdigen Kunsttempels bringen können. Die Schuld liegt freilich größtentheils an den deutschen Schauspielern selbst, welche bis auf einige Wenige so viel wie nichts leisten. Sie sind deßhalb gezwungen gewesen, ihre Bretter, die aber nichts weniger, als die Welt bedeuten, in großen Sälen aufzuschlagen. Die Dekorationen, wie die ganze Ausstattung machen einen ziemlich kläglichen Eindruck; von Maschinerie ist gar keine Rede, und die Anziehungskraft auf das Publikum würde sich wohl auf Null reduciren, wenn nicht nach dem Schlusse der Vorstellungen noch Ball wäre, an dem jeder Zuschauer unentgeldlich Theil nehmen kann.
Beide Unternehmungen sind von Gastwirthen ausgegangen, denen es natürlich mehr um den Absatz von Speisen und Getränken, als um Hebung der Kunst zu thun ist.
Für musikalische Genüsse sorgt der philharmonische Verein. Er hat viele Mitglieder und die nöthigen Mittel, um größere Musikwerke zur Ausführung bringen zu können; der hohe jährliche Beitrag macht aber den Eintritt in diese Gesellschaft Vielen unmöglich.
Die besten Musiker in New-York sind ohnstreitig die deutschen und werden auch als solche von den Amerikanern anerkannt. Ihre Vorträge sind freilich auch werthvoller, als die der Eingebornen, welche die Harmonie der Töne theilweise noch mit der Trommel, der Sackpfeife und dem Dudelsack hervorbringen wollen. Dessen ohngeachtet sind sie große Freunde der Musik und in jeder nur einigermaßen bemittelten Familie wird man ein Fortepiano finden, wodurch die Fabrikation dieser Instrumente in New-York selbst einen erstaunlichen Aufschwung erhalten hat.
Deutsche Musiker können in Amerika guten Verdienst finden, wenn sie etwas Tüchtiges zu leisten im Stande sind. An Stümpern jedoch ist kein Mangel.
Im verflossenen Jahre kam eine Gesellschaft Steiermärker nach Amerika, um sich in den bedeutendsten Städten der Union hören zu lassen. Ihr erstes Auftreten in Boston wurde von einem außerordentlichen Erfolge begleitet, da in der That jedes Mitglied Virtuos auf seinem Instrumente war. In New-York machten ihre Leistungen ein solches Aufsehen, daß sie dort schon Einladungen nach Baltimore, Washington und New-Orleans erhielten. Von letzterer Stadt giengen sie nach der Havanna. Ihre Geschäfte müssen sehr einträglich gewesen seyn, wie überhaupt noch kein Künstler Amerika unbefriedigt verlassen haben wird, da ihr Säckel sich dort gewiß eher füllte, als in den meisten europäischen Städten. Fanny Elsler, Ole Bull, Sivori, Leopold Meyer und Andere werden davon gewiß vollgültige Beweise abgeben können. Die von ihnen gegebenen Vorstellungen und Concerte waren sämmtlich zahlreich besucht, und ist auch nicht zu verkennen, daß sie bedeutende Auslagen zu bestreiten hatten, so standen sie gewiß jedesmal mit ihrer Einnahme im Verhältniß, da man in New-York zu keinem Concert unter einem Dollar ein Billet erhalten kann.