Für Robert Blum waren die letzten Wochen des Fünfzigerausschusses Wochen schmerzlicher persönlicher Sorge gewesen. Lange Zeit nämlich war es höchst zweifelhaft, ob der Führer des radicalen Fortschritts in Sachsen, der Vicepräsident des Vorparlaments und Fünfzigerausschusses, der Mann, nach dessen Bestimmung zwanzig der sechsundzwanzig Sächsischen Parlamentssitze besetzt wurden, überhaupt ein Mandat für die Nationalversammlung erhalten werde! Dieser kaum glaubliche Fall war lediglich verschuldet durch die Saumseligkeit und Unfähigkeit der Parteileitung in Leipzig. Denn die „entschiedenen“ Republikaner des „Republikanischen Klubs“ in Leipzig unter dem Schriftsteller Oelckers, der „Demokratische Verein“ unter Semmig, der „Volksverein“ unter dem Improvisator Langenschwarz, welcher das Prinzip des rohesten Demagogenthums vertrat, und alle die übrigen kleinen Abbröckelungen von Blum’s Vaterlandsvereinen waren bis jetzt ohne alle Bedeutung. Die Broschüre Semmig’s „Was thut Noth und was thut Blum?“, die der Bekenner des großen Grundsatzes „Sociale Reform, aber keinen Communismus“ schon im März 1848 Blum mit der Absicht der Vernichtung entgegengeschleudert hatte, war spurlos an der Weltgeschichte vorübergegangen; nicht minder die neuesten Improvisationen des Herrn Langenschwarz. Selbst der „Deutsche Verein“, der mit seinem scharf ausgeprägten Programm der „constitutionellen Monarchie auf breitester demokratischer Grundlage“ und mit seiner Forderung eines „Bundesstaates mit volksthümlichem Parlament, das ganze Deutsche Vaterland umfassend“, und durch das Gewicht der Namen seiner Begründer[147] an die besten Kreise der Leipziger Bürgerschaft und des ganzen Landes sich wendete, stand damals erst in den Anfängen seiner Wirksamkeit und Ausbreitung. Aber mit bitterer Sorge mußte Blum in die Zukunft seiner Partei in Sachsen blicken, wenn jetzt schon, da er kaum einen Monat die Leitung aus der Hand gegeben, die Führer selbst seine Wahl zum Parlament so erschwerten, wie dies aus den nachstehenden Briefen erhellt. Der Typus jener Märzfreisinnigen, welche sich vorläufig unter den Fittichen eines möglichst populären Volksmannes am sichersten fühlten, und die Deutsche Einheit auf dem trockenen Wege von Resolutionen, Programmen und Vereinsgründungen zu verdienen bestrebt waren, der Advocat Dr. Gustav Haubold in Leipzig, später Vormund von Blum’s Kindern, erhob sogar die Zumuthung gegen Blum, dieser möge ein „politisches Glaubensbekenntniß“ aufstellen. Aus diesen Stimmungen schrieb Blum am 3. Mai an die Gattin: „Noch immer habe ich von unsern Leuten keine Silbe und weiß nichts über die Wahl; das ist auch schönes Pack. Aber ich werde mir’s merken, komme ich wieder nach Haus, so werde ich thun, was ich muß, aber mich um keine Versammlung, keine Veranstaltung und keinen Menschen bekümmern; ihr Verfahren gegen mich ist zu schmachvoll.“ Am nämlichen Tage antwortete er Haubold:
„Mein lieber und geehrter Freund! Dein Brief vom 26. v. M. hat mich sehr erfreut, weil er mir den Beweis bringt, daß Du mir auch in der Ferne die Theilnahme erhalten hast, die Du mir dort geschenkt. Bewahre sie mir auch ferner, selbst dann, wenn ich Deinen jedenfalls wohlgemeinten Rath nicht befolge. Dies ist aber der Fall hinsichtlich eines Glaubensbekenntnisses. Es ist jetzt zu spät dazu, aber ich konnte und mochte es auch nicht geben, als es noch Zeit war. Ich werde mich allezeit zu allen Wahlen anbieten und geschieht dies irgend, wo man mich nicht kennt, stets den Leuten sagen, was ich will, damit sie wissen, was sie an mir haben. Aber jetzt, in Leipzig, durfte ich das nicht thun. Ich will nicht von 16 Jahren meines bürgerlichen, nicht von 8 Jahren meines öffentlichen und publicistischen Lebens reden, obgleich auch das genügt; aber nach unsern Wirren im März, nach der ungehemmten Aussprache in unzähligen Volksversammlungen, nach dem Vorparlament und der ungeheuer schwierigen Stellung, welche die nicht revolutionäre Linke dort hatte, und nach dreiwöchentlichem Wirken im Fünfzigerausschuß, müßte ich mich selbst herabsetzen, wenn ich den Leipzigern ein Glaubensbekenntniß gäbe. Wenn mein Leben und Thun keine Gewährleistung giebt, wie soll denn mein Wort eine geben? Wenn ich im Leben geheuchelt hätte, würde mir das zweideutige Wort oder der Bruch des geraden Wortes schwer werden? Gewiß nicht! Wer ein Glaubensbekenntniß von mir braucht, um sich durch dasselbe zur Wahl bestimmen zu lassen, der soll mir die Ehre anthun, mich nicht zu wählen; ich würde es für mein größtes Unglück halten, der Vertreter solcher Leute zu sein. Nun, ich werde in Leipzig in die Verlegenheit nicht kommen, wie die Sachen zu stehen scheinen. Wegen der Republik sollen die Leute ruhig sein, die bekommen sie nicht; aber die ganze alte Sauwirthschaft bekommen sie wieder in neuer Auflage, weil sie das Michelthum wieder bewährt haben und sich von dem Popanz der Republik ins Bockshorn und der Reaction in die Arme jagen lassen. Die constituirende Versammlung wird entsetzlich werden, und der Spießbürger zu spät einsehen, wie er genasführt wurde. — Nimm mir, lieber Freund, die Weigerung nicht übel, ich achte und ehre Deine Absicht, ich danke Dir für Deine Aussprache, aber Du wirst selbst einsehen: es geht nicht, es war nicht möglich....
Ueber unsre Sitzungen nichts, die Zeitungen bringen das; sie bringen zuviel darüber im Vergleiche zum Werthe, daher nur noch die besten Wünsche u. s. w.
Frankfurt, 3. Mai 1848.
Robert Blum.“
Am 6. Mai schrieb Blum an seinen Freund, den Advocaten Dr. Bertling, der mit an der Spitze des Vaterlandsvereins in Leipzig stand:
„Lieber Freund. Mit tiefer Beschämung muß ich Dir antworten: ich weiß nicht, ob ich in Reußen angenommen habe. Vom ersten Augenblick an habe ich durch meinen Schwager[148] an Euch geschrieben und erklärt: ich nehme an nach Eurem Bedürfnisse, nach Eurem Willen. Ich habe keinen Brief nach Reußen gehen lassen, der nicht vorher durch Eure Hände gehen sollte und gehen mußte. Ich habe unbedingte Vollmacht gegeben in meinem Namen jede Erklärung zu geben, welche Eure Verhältnisse erheischen und habe dagegen nichts verlangt: als sorgsame gemeinschaftliche Berathung und Beschlußfassung über diese Angelegenheit und Mittheilung dieses Beschlusses. Ich weiß aber in diesem Augenblicke nichts, gar nichts; nicht ob berathen, nicht was beschlossen worden ist, nicht ob meine (eventuell zusagenden Briefe) nach Reußen abgegangen, noch welche Antwort gekommen ist, denn auch diese hatte ich nach Leipzig gewiesen. Ich stehe hier als der Spott meiner wenigen Freunde, die mich um so mehr verhöhnen, als ich auf die Organisation der Partei in Leipzig gepocht habe. Du willst dennoch Antwort von mir und ich versichere Dir, Du wirst mir einen großen Gefallen thun, wenn Du mir eine Antwort verschaffst, die mich aus meiner peinlichen Lage reißt und mir selbst sagt, was ich den Leuten geschrieben habe. Was im Frankfurter Journal steht, beruht auf der Zeitungsnachricht: ich sei gewählt; darauf haben mich die Abgeordneten als legitimirt betrachtet. — Wenn die Biedermänner wirklich niederträchtig handeln, so brecht doch offen mit ihnen und brandmarkt sie; zu was denn die Halbheit, wenn Vereinigung einmal nicht möglich ist? Oder löst Euch auf und geht alle in den „Deutschen Verein“, dann hebt Ihr sie in ihrem eigenen Neste aus. Wie um Gotteswillen kommt denn Langenschwarz zu einer Partei und zu einer Bedeutung? Sei herzlich gegrüßt von Deinem
Blum.“
Am bittersten aber schreibt Blum über diese heillose Verwirrung, welche einige der besten Freunde angerichtet hatten, am 9. Mai an die Gattin:
„Liebe Jenny. Du meinst, meine Freunde hätten gethan, was sie können. Ja, das haben sie, d. h. um mich vom Reichstag auszuschließen und mich dazu zu blamiren. Als man mir aus Reußen die Wahl antrug, schrieb ich nach Leipzig und sagte: sie möchten über mich verfügen, Leipzig oder dort, nach ihrem Ermessen und Bedürfniß, sie könnten in meinem Namen Antwort und Erklärungen abgeben, wie sie wollten. Nach Reußen schrieb ich zusagende Briefe, legte sie nach Leipzig ein und sagte, man möge sie absenden oder zurückhalten nach Ermessen. Diese Briefe sind ohne Berathung, ohne Plan, ohne daß man nur sich darüber ausgesprochen hat, abgeschickt worden. Das einzige aber, was ich mir am 23., 24. und 25. April nach einander erbat, eine umgehende Antwort über ihre Absichten und ihre Pläne, hatte ich am 1. Mai noch nicht, habe ich heute noch nicht. So brachten mir die Zeitungen erst die Kunde, ich sei in Reußen gewählt und Knoch und A. schrieben mir dasselbe. Darauf ging ich am 1. Mai in die Versammlung hier und das verdarb nun Alles. Denn jetzt erst hörte ich, daß man mich auch durch die Leipziger Wahl schleppe. Unsinniger Weise aber hatte man mich in Reußen dreimal zusagen lassen. Wäre die Sache günstig in Leipzig, so müßte ich durch die unbegreifliche Absendung der zusagenden Briefe dort den Freunden wortbrüchig werden. Aber es ist in Reußen ebenfalls nichts, denn es muß dort wegen falscher Anordnungen auf’s Neue gewählt werden, und bin ich in Leipzig durchgefallen, so falle ich dort nun auch durch, da die Abstimmung sich ändert und das böse Beispiel Leipzigs wirkt. Aber das ist nicht genug. Während man in Leipzig noch zu siegen meint, schreibt man auch einen Bettelbrief an’s Voigtland und giebt sich dadurch selbst das Zeugniß, daß man an den Sieg nicht glaubt. Jetzt wird man mich wahrscheinlich noch mit Uebereilung in einigen Wahlbezirken vorschlagen und ebenfalls durchfallen lassen, und dann kehre ich mit 3–4 Niederlagen geschändet zurück und man lacht mich aus. Man läßt Biedermann wählen und erst dann denkt man daran, daß es gut gewesen wäre, mich zu rufen. Der Vaterländische Verein ist zu Grunde gerichtet, ist eine Beute Semmig’s[149] geworden, weil man sich mit leerem Formenkram herumschlägt, selten sich bespricht, dann um halb 10 Uhr anfängt und sich bis nach Mitternacht um Nichts streitet. Die fähigsten Menschen „haben keine Zeit“ und gehen gar nicht hin, andere gehen hin, sind aber laß und pomadig. Und hätte man nun noch den Verein aufgelöst oder gesprengt, so war’s doch ein ehrenvoller Tod; aber nein, man läßt ihn elendiglich an Auswüchsen und an der Schwindsucht sterben zum Hohn und Spott der Gegner. Kurz, Alles was seit langen Jahren so sehr mühsam gepflanzt wurde und nun mächtig aufgeblüht war, das ist in wenig Wochen völlig zu Grunde gerichtet, und man hat sich die Frucht vor der Nase wegpflücken lassen. —
Was ich in diesen Tagen an Aerger und Wuth verschlungen habe, das ist unermeßlich. Friese hat mir mit großer Treue alle Tage geschrieben, was ich sehr dankbar anerkenne; aber er hat mir seine Ansicht geschrieben, vielleicht hat er meine Aufforderung, einen festen Plan zu entwerfen, gar nicht gekannt, sondern in liebenswürdigem Diensteifer gerade die Briefe fortgeschickt, die nicht fortgeschickt werden durften. — Nun, die Welt geht auch ohne mich fort und ich will mich freuen, wenn ich erst die Rückkehr überwunden habe und dann friedlich im Garten sitze. Die armen Kinder! wahrscheinlich kommen sie nirgend hin; geh nur einmal mit ihnen auf die Messe, laß sie auf dem Caroussel fahren und kaufe jedem eine Apfelsine. Ich war allerdings trüb gestimmt und bin es noch, nicht wegen dem schweren Stande hier, sondern weil durch das sündliche Verfahren in Leipzig der Rückhalt weggezogen wird, weil man aus dem schlechten Feldzuge nicht auf ein sicheres Lager blicken kann. Fallen im Kampfe, das ist nichts, es ist sogar schön, aber ohne alle Schuld zu Grunde gerichtet werden, das ist abscheulich. Wenn ich nicht gewählt werde, wie das sehr wahrscheinlich ist, so schickst Du mir natürlich nichts, ich reise dann sofort ab, um nicht trauriger Zeuge der Eröffnung sein zu müssen. — Lebe recht wohl, bleibe gesund, lasse den Kindern den Zügel nicht zu sehr schießen, bald werde ich ja wiederkommen und helfen erziehen. Nochmals lebe wohl, empfiehl mich allen Bekannten als bald Ankommenden und nimm bis dahin herzlich Gruß und Kuß von
Deinem
9. Mai 1848.
Robert.“
Auf der Rückseite:
„Eben erhalte ich die Kunde der Wahl. Lege der Sendung etwas Visitenkarten bei.
B.“
Diese Wahl war in Leipzig trotz aller Fehler der Freunde fast einstimmig gelungen. Die Gegner vom Deutschen Verein hatten nur einen Zählcandidaten aufgestellt; die radicalen Vereinchen wagten sich mit keinem Candidaten an’s Tageslicht.
So war denn Robert Blum, als Abgeordneter der Stadt seines Manneswirkens, unter jenen 330 Männern, welche am 18. Mai im Römer zu Frankfurt zusammentraten und nun in feierlichem Zuge, entblößten Hauptes, über den Römerberg und die Neuekräme nach dem nördlichen Hauptthore der Paulskirche zogen. Der reiche Schmuck und der patriotische Jubel Frankfurts, welcher das Vorparlament schon auf seinem Wege nach St. Paul begleitete, erreichte nun seinen Höhepunkt, da die Deutsche Nationalversammlung zusammentrat. Von ihr hoffte man in wenigen Monaten die Deutsche Staatsverfassung bescheert zu erhalten. Auch die meisten Abgeordneten hatten sich auf keinen längeren Aufenthalt in Frankfurt eingerichtet[150].
Am folgenden Tag (19. Mai) fand die Wahl des Präsidiums statt. Von 397 Abstimmenden wählten 305 Heinrich v. Gagern. Die Linke gab ihre 85 Stimmen für v. Soiron ab, da er im Vorparlament die Volkssouveränität proclamirt, den Fünfzigerausschuß geleitet hatte. Geschickt wußte Gagern den Gefühlen seiner Gegner Rechnung zu tragen, indem er auch seinerseits die Souveränität des Volkes, die alleinige Befugniß der Nationalversammlung zur Schaffung einer Deutschen Verfassung verkündigte, als er das Präsidium übernahm. „Der Beruf und die Vollmacht, eine Verfassung für das ganze Reich zu schaffen, hat die Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit in unsere Hände gelegt, daß es auf anderem Wege zu Stande kommen könne. Die Schwierigkeit, eine Verständigung mit den Regierungen zu Stande zu bringen, hat das Vorparlament richtig vorgefühlt und uns den Charakter einer constit. Versammlung vindicirt. Deutschland will Eins sein, regiert vom Willen des Volkes, unter Mitwirkung aller seiner Gliederungen. Diese Mitwirkung auch den Staatsregierungen zu erwirken, liegt im Berufe dieser Versammlung.“ Durch diese klugen Worte beseitigte Gagern einen Sturm, der schon in der Eröffnungssitzung am 18. Mai ausgebrochen wäre, wenn das Parlament damals schon — eine Geschäftsordnung besessen hätte. Die Bundesversammlung hatte nämlich das Parlament am 18. Mai durch einen schriftlichen Glückwunsch begrüßt, der wohl nach Ansicht des Herrn v. Schmerling, des damaligen Bundespräsidialgesandten, die Stelle einer Thronrede vertreten sollte. Einige wollten diese Höflichkeit vom Parlament erwidert sehen. Die Linke erklärte sich durch Zitz entschieden dagegen, mit dem Bundestag Complimente zu tauschen. Da wurde der Glückwunsch des Bundestags ironisch zu den Acten gelegt von der „neuen Größe“, welcher der alte Bundestag grießgrämig gratulirte. Aber die Worte Gagerns waren auch echt staatsmännisch, weil sie den Rechtsboden und die Aufgabe des Deutschen Parlaments klar bezeichneten. Bis zuletzt hatten die Regierungen versäumt, eine Verständigung mit dem Parlament vorzubereiten. Seit dem 26. April schon war der Verfassungsentwurf der siebenzehn Vertrauensmänner, mit denen sich der Bundestag umgeben hatte, dem Bundestag, fast ebenso lang den Regierungen bekannt. Dahlmann, Albrecht und Droysen hatten ihn verfaßt; er enthielt die Grundgedanken der Reichsverfassung von 1849, namentlich die erbliche monarchische Spitze. Eine Vereinbarung der Regierungen über diesen Entwurf bis zum Zusammentritt des Parlaments wäre daher leicht gewesen. Wie rasch und freudig hätte dann die monarchische Mehrheit des Parlaments die Verfassungsarbeit fördern, wie leicht selbst den Boden der Verständigung mit der Linken finden können in den Fragen, über welche überhaupt eine Verständigung möglich war, und über welche sie in der That auch später unter so viel schwierigeren Verhältnissen stattgefunden hat. Aber nicht eine einzige Deutsche Regierung hat sich bis zum 18. Mai über den Siebzehner-Entwurf geäußert. Die vertraulichen Briefe, die vom Prinzen und vom König von Preußen in der Zwischenzeit an Dahlmann und A. über den Entwurf einliefen, entzogen sich naturgemäß öffentlicher Mittheilung und durften nur als die Ansicht höchstgestellter Privatleute gelten. Mit Recht äußerte sich Dahlmann später einmal: „Die Bundesversammlung sprach sich selbst das Todesurtheil, indem sie über die Verfassung der Siebzehn, die ihr seit Wochen vorlag, kein Urtheil wagte, ihr eigenes Verhältniß zur Nationalversammlung mit keiner Silbe bezeichnete, sich begnügte, dem Parlament einen völlig inhaltsleeren Glückwunsch zuzuschicken. Das hieß die Versammlung herausfordern, ihre Machtvollkommenheit unbedingt festzustellen.“ Und Bunsen schrieb: „Die Fürsten versäumten, sich zu verständigen, ehe das Parlament zusammentrat, um ihm als Regierung gegenüberzutreten. War dies Kurzsichtigkeit oder Hinterlist?“
Die Linke war sehr geneigt, dieses Verhalten der Regierungen von der schlimmsten Seite aufzufassen. Bedenkliche Symptome anderer Art schienen hierfür zu sprechen, die sie aufmerksam verfolgte. Die Linke war (neben der rein landsmannschaftlichen Vereinigung der Oesterreicher unter Schmerling) bei Beginn des Parlaments die einzige organisirte Partei, unbestritten war in ihr Blum’s Führerschaft. Sie versammelte sich im „Deutschen Hofe“. Die Kosten für die Beschäftigung des Parlaments hat in den ersten Wochen die Linke fast ausschließlich getragen. Man kann daher ermessen, welche Arbeitslast ihrem Führer in diesen Wochen zufiel, in denen er gleichzeitig in dem wichtigsten Ausschusse des Parlaments, dem Verfassungsausschuß, eine hervorragende Rolle spielte und der Commission angehörte, welche das Parlament zur Untersuchung der Mainzer Wirren entsendete; nebenbei war dann noch das Organ der Partei, die „Deutsche Reichstagszeitung“ zu gründen, zu redigiren und mit Stoff und ständigen Mitarbeitern zu versorgen. Nur eine so unverwüstliche Natur, wie die Robert Blum’s, konnte diese Arbeitslast bewältigen. Schon am 10. Mai hatte er an die Frau geschrieben: „Diese Zeilen seien Dir nur ein Zeichen liebender Erinnerung, denn ich muß von heute an eine Zeitung schreiben, die ich der Partei gegründet habe. Bis unsere Leute, hoffentlich recht bald, kommen, muß ich dies allein und das ist eine furchtbare Aufgabe.“ Am 19. schrieb er:
„Liebe Jenny. Der Sturm hat seit vorgestern wieder begonnen und Nacht und Tag vermengen sich bei uns in der sonderbarsten Weise. Erwarte daher jetzt keine Briefe, ab und zu ein Zettelchen sollst Du haben. Georg (Günther), Schaffrath und ich — wir wohnen jetzt zusammen in einer prächtigen Wohnung mit schönem Garten und bezaubernder Aussicht. Georg ist der unerbittliche Wecker, wenn wir morgens oft nur zwei, höchstens drei Stunden geschlafen haben. Denn frühestens kommen wir 1 Uhr nach Hause und stehen um 4 Uhr wieder auf. Geld (Diäten vom Fünfzigerausschuß) haben wir noch nicht bekommen, sonst würde ich Dir senden; indessen hoffe ich in den nächsten Tagen darauf. Bis dahin wirst Du wohl reichen. Sieh in den Steuerbüchern nach, wenn Steuern zu bezahlen sind, damit das nicht versäumt wird; nur etwaige Kirchensteuer, d. h. für die römische Kirche, bezahle nicht. Bleibe recht gesund und munter, wenn Ihr könnt, so schlaft etwas für mich, denn ich erhalte jetzt meinen Bedarf nicht. Herzlichen Gruß und Kuß Dir und den Kindern.
B.“
Am 27. Mai fügt er hinzu:
„Das Treiben ist hier jetzt betäubend, keinen Tag, keine Stunde Ruhe und doch keine Frucht. Oeffentliche Sitzungen, Abtheilungssitzungen, Sitzungen in 3 Commissionen und zwar den wichtigsten, Parteiberathungen, Clubberathungen, Commissionsarbeiten und dazu eine Zeitung — wer sagt, daß ich nicht arbeite, der lügt schauderhaft. Wahrlich, man lebt und arbeitet in einem Monat für Jahre, aber man merkt’s nicht. Als Mensch geht’s mir leidlich, der Aerger setzt das Blut in Bewegung, und man entbehrt dadurch die Bewegung weniger; so bin ich also gesund. Ebenso Georg, Joseph und Schaffrath, die mit mir wohnen. Das Haus liegt an der Promenade, hat einen schönen Garten, Aussicht auf den Taunus, und es wohnt Niemand darin als wir und Todt’s. Die Frau Wirkliche Geheime Legations-Räthin kocht uns mit den Kaffee und wir trinken denselben im Garten. Die Geschichte kostet monatlich 83 Gulden, aber billiger bekommt man’s einmal nicht.... Daß die Kinder gesund sind und gedeihen, freut mich; Gott weiß, wie lange es noch dauert, ehe ich sie wieder sehe, am Ende kennen sie mich nicht mehr, wenn ich komme; es sind nun schon bald zwei Monate! Indessen es muß sein und wenn nur die Opfer etwas nützen, so wollen wir sie in Gottesnamen bringen!“
Und am 30. Mai schreibt er an dieselbe:
„— — Also unsre Leute bekümmern sich gar nicht um Dich? Es geht damit wie im Politischen, da bekümmern sie sich auch erst um die Dinge, wenn’s zu spät ist. Nun, Du kannst ja mitunter mit Cramers oder Frieses ausgehen, damit Du und die Kinder doch wohin kommen.... — Diese Tage sind keine Verhandlungen von Bedeutung: Geschäftsordnung, Wahlen u. s. w., langweilig und doch nothwendig. Lebe wohl, die Pflicht ruft! Grüße und küsse die Kinder und empfiehl mich allen Bekannten, die Du siehst. — Bleibe nur gesund und spare nicht etwa zu sehr, so daß Hans sagt: wir essen nichts! Nochmals lebe wohl und nimm Gruß und Kuß von Deinem
Robert.“
Schon am 19. Mai, aus Anlaß der Wahlprüfungen, hatte Raveaux darauf hingewiesen, daß Preußen, trotz der Abmahnung des Fünfzigerausschusses, die preußische Nationalversammlung gleichzeitig mit dem Deutschen Parlament einberufen und die Abgeordneten, die beiden Versammlungen angehörten, aufgefordert habe, nur eines der beiden Mandate anzunehmen. Die Frage wurde, ihrer großen Wichtigkeit halber, auf den 22. Mai vertagt. Indessen auch an diesen Tagen gelangte nur Raveaux zur eingehenden Begründung seines Antrags, den er dahin erläuterte, daß neben dem Deutschen Parlament kein Einzelstaat seine Landesvertretung die Verfassung Deutschlands berathen lassen dürfe. Siebenzehn Abänderungsanträge waren eingegangen, die auf Blum’s Antrag verlesen wurden. Deßhalb beschloß die Mehrheit, die Sache an einen Ausschuß zu verweisen. Von der Minderheit, welche die rasche Erledigung der Frage für nothwendig hielt, gab ein großer Theil seinen Namen zu Protocoll, damit, wie Eisenstuck von Chemnitz sagte, „das Deutsche Volk die Männer kennen lerne, die schnelle Hülfe, Einheit und Kraft bringen.“ Leider steht auch Blum’s Name unter den Namen dieser Tendenzprotestler[151].
Die Zwischenzeit bis zur Berichterstattung über den Raveaux’schen Antrag füllte die Linke mit der Besprechung der Mainzer Angelegenheit. Seit Jahren waren hier Reibereien zwischen den Bürgern und der preußischen Besatzung an der Tagesordnung. Nun hatte sogar die Mainzer Bürgerwehr auf die Preußen Feuer gegeben. Da drohte der Vicegouverneur von Mainz, General von Hüser, die Stadt zu beschießen, wenn nicht binnen wenigen Stunden die Bürgerwehr entwaffnet sei. Das Mittel wirkte; am Mittag des 22. war die Entwaffnung vollzogen. Aber Zitz, dreifach gekränkt als Mainzer, als Democrat und als Bürgerwehrcommandant, donnerte schon am 23. im Parlament gegen die preußischen „Ausnahmemaßregeln“ und formulirte Anträge, welche die preußischen Truppen einfach durch das caudinische Joch geschickt hätten, wenn sie angenommen worden wären. Die Nationalversammlung, ja selbst die Linke, goß jedoch Wasser in seinen Feuertrank. Carl Vogt stellte den Antrag, eine Commission nach Mainz zu senden zur Untersuchung der dortigen Verhältnisse. Hergenhahn, Blum und Vogt gehörten zu den Mitgliedern dieser Commission. Am 26. Mai erstattete Hergenhahn dem Parlament Bericht Namens des Ausschusses. Danach schien die schwere Schuld der Unruhen auf Seite der Bürger zu liegen. Denn von den Bürgern waren nur fünf (und zwei von diesen nur leicht) verletzt, während vier preußische Soldaten getödtet, 25 verwundet waren, darunter drei durch Stiche im Rücken! Deßhalb ging der Antrag des Ausschusses nur dahin: einen Theil der preußischen Garnison zu verlegen, ein hessisches Bataillon nach Mainz zu ziehen und die Neubildung der Mainzer Bürgerwehr, in Formen, welche dem Festungsreglement entsprächen, durch ein hessisches Landesgesetz zu vollziehen. Blum und Vogt schwiegen bei diesem Referat. Man konnte glauben, sie stimmten ihm zu. Eine Minderheit des Ausschusses war sogar für einfache Tagesordnung.
Diesen Ausgang hatte Zitz nicht erwartet. Abermals suchte er die Mainzer Wirren ausschließlich dem Uebermuth und der Zuchtlosigkeit der Preußen zuzuschreiben und erging sich dagegen im Lobe der dortigen österreichischen Garnison. Kein Geringerer als Schmerling antwortete ihm. Er wies das Lob der Oesterreicher auf Kosten der Preußen zurück und erklärte mit kühner Offenheit, seine Landsleute würden sich in gleicher Lage gerade so benommen haben, wie die Preußen, das hoffe er „zu ihrer Ehre“. Und mit weitsehendem Blick fügte er hinzu: „Mainz muß in Vertheidigungsfähigkeit erhalten werden, da es demnächst bestimmt ist, auch uns in Frankfurt gegen feindliche Ueberfälle zu schützen.“
Nach Schmerling bestieg zum ersten Male Robert Blum die Tribüne des Deutschen Parlaments. Er führte aus[152], daß der Ausschuß 234 Eingaben von Einwohnern der Stadt Mainz absichtlich ungeprüft gelassen habe, um an Ort und Stelle selbst sich ein Urtheil zu bilden. Auch Zitz dürfe sich daher auf dieses Material nicht beziehen. Aber der Augenschein habe in ihm persönlich die Ueberzeugung begründet, daß die Erregung der Mainzer Bevölkerung sich hauptsächlich an zwei Ereignisse geknüpft habe: den Berliner Straßenkampf und die Nachricht, der Prinz von Preußen solle zurückgerufen werden. Da seien Excesse der Bürger gegen das preußische Militair vorgekommen, aber der preußische Commandant habe die Excedenten nicht vor die Gerichte gezogen, sondern zugelassen, daß seine Soldaten sich selbst Recht genommen durch Gewalt. Die Maßregel, die der Commandant jetzt getroffen, die Drohung der Beschießung der Stadt, sei vielleicht weniger geboten gewesen durch die „militairische Stellung, als durch die Nothwendigkeit einer wilden und zügellosen Gewalt entgegenzutreten und sie in den wankenden Schranken zu halten, die noch da sein mögen.“ „Wie die Sache sein mag, darüber ist kein Zweifel, daß die Stimmung in Mainz derart ist, daß die Menschen, die einander entgegenstehen, miteinander nicht mehr leben können. Die erste Pflicht bei einem ausgebrochenen Streite ist die, die Streitenden zu trennen und dann das Rechtsverhältniß wieder zwischen ihnen herzustellen... Sie müssen dafür sorgen, daß die im höchsten Grade gespannte Erbitterung nicht zu neuen, zu schrecklicheren Blutscenen Veranlassung gebe, als bisher. Und dies können Sie nur, wenn Sie die Bürgerschaft zum Auswandern, oder das Militair zum Auszuge bringen.“ (Lebhaftes Bravo).
Mit einem Standpunkt, der seinen heißblütigen Freunden so offen die Meinung sagte und sich so gänzlich frei hielt von jenen Schmähungen preußischer Waffenehre und Mannszucht, die sich Zitz erlaubt hatte, hätte die conservative Mehrheit wohl sich vertragen können[153]. Aber schon war durch Zitz’ Auftreten Alles verdorben. Trotz des Tobens der Linken und der Gallerien fanden doch die Worte jenes schneidigen, schönen Aristokraten, der nach Robert Blum die Tribüne betrat, die Worte des Fürsten Lichnowsky, brausenden Wiederhall in der Versammlung, als er die innigen Beziehungen zwischen den in Mainz ersehnten „rothen Hosen“ und den landesverrätherischen „rothen Mützen“ hervorhob, die 1793 die Festung Mainz dem Feinde überlieferten, und als er rief: „Ist denn kein Deputirter aus Schleswig hier, um dafür einzustehen, wie sich preußische Truppen benahmen?“ Weder Welcker’s noch Heckscher’s Vorschlag, daß das Parlament die fernere Schlichtung der Sache in die Hand nehmen möge, fand Zustimmung. Denn alle Besonnenen erblickten in diesem Verhalten die Gefahr, das Parlament in einen Convent hinüberzuspielen und wohl auch die andere Gefahr, einen Conflict mit Preußen heraufzubeschwören. So wurde der Antrag auf einfache Tagesordnung mit großer Mehrheit angenommen.
Blum hatte in seiner Rede ungefähr denselben Gedanken ausgesprochen, der in Heckscher’s und Welcker’s Antrag hervortrat; er hatte daher wie diese mit der Minderheit gestimmt. Aber trotzdem beginnt schon von diesem Tage an das Mißtrauen der „äußersten Linken“ gegen den Führer. Hatte er doch Zitz’ Beweismaterial gering geschätzt, die Mainzer Excesse getadelt. Das wollte ein Volksmann sein?
Die tiefe Erregung des Hauses über die Mainzer Angelegenheit hatte sich noch nicht gelegt, als am folgenden Tage (27. Mai) die Verhandlungen über den Raveaux’schen Antrag von Neuem alle Leidenschaften entzündeten. Der Ausschuß brachte aus seinen viertägigen Berathungen nicht einmal einen Mehrheitsantrag vor das Haus. Während die mehr rechts Stehenden (Vincke, Simson u. A.) eine motivirte Tagesordnung vorschlugen, „in dem begründeten Vertrauen“, daß alle Staaten Deutschlands ihre mit dem deutschen Verfassungswerk in Widerspruch stehenden Verfassungsbestimmungen „abändern werden“, und während Andere den Einzelstaaten die Aufhebung solcher Widersprüche zur Pflicht machen wollten, traten die der Linken angehörigen Ausschußmitglieder (Schaffrath, Kolb, Moritz Hartmann) entschieden mit dem Antrag hervor, daß das bedeutsame „einzig und allein“, welches das Vorparlament der Nationalversammlung gewonnen, ausdrücklich wiederholt werde und daher alle Gesetze, Verfassungen und Verträge nur soweit gültig seien, als sie mit der von der Nationalversammlung zu errichtenden Deutschen Verfassung übereinstimmten. Nachdem Oesterreich bereits am 9. April erklärt hatte, daß es sich an die künftigen Beschlüsse der Nationalversammlung nur insoweit gebunden erachte, als diese mit seinem Landesinteresse im Einklang stehen würden, nachdem Preußen für den 22. Mai eine „constit. Nationalversammlung“ nach Berlin berufen hatte, und Hannover den denkbar schlechtesten Willen kundgab, die verfassunggebende Befugniß des Frankfurter Parlaments anzuerkennen, zog der Antrag der Linken unleugbar am klarsten und entschiedensten die natürlichen Folgerungen aus den Beschlüssen des Vorparlaments und der von diesem geschaffenen, allseitig anerkannten Rechtslage. Keiner der Anträge prägte die große nationale Aufgabe des Parlaments schärfer aus, keiner zeigte sich unnachgiebiger gegen alle Hintergedanken und Querabsichten des dynastisch-antinationalen Particularismus. Rücksichtslos und hart gegen die Einzelregierungen mochte man diese Haltung der Linken schelten: dem nationalen Politiker zeigt sie sich in diesen Tagen noch in schönster Reinheit und Kraft.
Die Gegensätze zu vermitteln, hatte Werner von Coblenz den Antrag eingebracht: „Die Deutsche Nationalversammlung, als das aus dem Willen und den Wahlen der deutschen Nation hervorgegangene Organ zur Begründung der Einheit und politischen Freiheit Deutschlands, erklärt, daß alle Bestimmungen einzelner deutscher Verfassungen, welche mit dem von ihr zu gründenden allgemeinen Verfassungswerke nicht übereinstimmen, nur nach Maßgabe des letzteren als gültig zu betrachten sind, ihrer bis dahin bestandenen Wirksamkeit unbeschadet.“ Der Antrag vereinigte in sich die beiden Hauptansichten und sprach dennoch correct die Souveränität des Parlaments aus. Es erging jedoch diesem Vermittlungsantrag wie jedem Versuch einer Versöhnung, bevor große Gegensätze sich ausgesprochen, bevor sie erkannt haben, daß bei gleicher Kraft gegnerischer Meinungen nur beiderseitige Nachgiebigkeit den Frieden ermöglicht: er wurde Anfangs kaum beachtet. Ungestüm brachen die besten Redner den ganzen Vormittag ihre Lanzen für ihre extremen Ansichten. Nach der Mittagspause noch trat Graf Arnim für die Meinung der Rechten, Robert Blum für den Antrag Schaffrath in die Schranken. Arnim meinte, es sei unmöglich, daß man die Unterwerfung unter eine Verfassung fordere, deren Berathung noch gar nicht begonnen habe.
Mit Recht entgegnete ihm Blum[154], daß der Inhalt der Verfassung für die Frage gleichgültig sei, die dem Parlament „die feierlichste, gewichtigste und gewaltigste“ sei, ob sie nur Vorschläge zu machen oder eine Verfassung zu gründen habe. Dann wies er auf die Einberufung so vieler constitutioneller Versammlungen in den Einzelstaaten hin „und fand in ihnen eine Absicht und Bedeutung, welche die Geschichte bestätigt hat“[155].
Er sagte:
„Unsere Arbeit ohne diese Erklärung ist ein Haus ohne Fundament, ein Baum ohne Wurzel. Was nützt es uns, wenn wir hier Monate lang Verfassungen bauen und am Ende es sich fragt, welchen Werth und welche Geltung sie haben? Wenn wir ein Deutschland hier bauen, so versteht es sich von selbst, daß wir allein bauen müssen; denn wenn man an zwei Orten baut, so baut man eben zwei Deutschländer und nicht eins (Gelächter), abgesehen davon, daß am Ende jede der heute entdeckten 38 Nationen dasselbe Recht hat, für sich zu bauen.“ Sehr glücklich entgegnete er auf den Einwurf, die Nationalversammlung sei nur ein Geschworenengericht, das Volk aber ein Appellhof, das in letzter Instanz entscheidet: „Ich gehöre zwar der Linken an, aber bekennen muß ich, wir haben uns vor diesen ultra-revolutionären Ansichten entsetzt. Nur einmal in der Geschichte ist es dagewesen, daß man das Volk entscheiden ließ über die Verfassung. Das war 1793, und diese Verfassung war wegen ihres ultra-revolutionären Charakters nicht lebensfähig. Wenn daher die Linke ihr Mißfallen gegen den Sprecher äußern sollte, so thut sie es darum, weil sie so revolutionär nicht sein will (Bravo und Händeklatschen)“. Und am Schlusse gab er eine Schilderung der deutschen Zustände beim etwaigen Mißlingen des Verfassungswerkes, die man als Motto vor die Geschichte der Jahre 1849 und 50 setzen könnte: „Wenn die einzelnen Volksstämme aufhören müssen zu hoffen, daß hier die Möglichkeit gegeben sei zu einer Einheit Deutschlands, dann wird im allgemeinen Bankbruch jeder Einzelstaat genöthigt sein für sich zu sorgen, dann heißt es, um die Zeit nicht ungenutzt dahingehen zu lassen, für jeden derselben: Sauve qui peut! (Bravo! Unruhe auf der Rechten. Eine Stimme: Zur Ordnung!) Zur Ordnung? Weßhalb denn?“ — Präsident: „Es ist kein Grund vorhanden, den Redner zur Ordnung zu rufen, ich muß aber bedauern, daß er eine Befürchtung ausgesprochen hat, die ich nicht theile.“ Rob. Blum: „Das sind eben verschiedene Ansichten.“ Wigard: „Eine subjective Ansicht.“ (Allgemeine Unruhe. Einzelne Stimmen: „Die Galerie räumen!)“ Präsident: „Ich bitte, dem Redner das Wort zu lassen.“ Blum: „Ich bin am Schlusse, und der Schluß lautet nicht anders, als: Entscheiden Sie! (Bravo!)“
Schließlich aber wandten sich doch alle Redner dem versöhnlich-entschiedenen Antrag Werner’s zu, auch Raveaux, auch Beckenrath, Heckscher und Schaffrath erklärten unter allseitigem Beifall im Namen der Linken, auch diese werde für den Werner’schen Antrag stimmen. Fast einstimmig wurde dieser Antrag angenommen. Da ging ein gewaltiges Hoch-, Bravo- und Hurrahrufen durch das ganze Haus, ein anhaltendes Händeklatschen erhob sich in der Versammlung und auf den überfüllten Galerien[156]. Jeder fühlte sich gehoben durch diesen Beschluß, der noch einmal die Nationalversammlung zur souveränen Schöpferin der Verfassung erklärte.
Dieser schöne Tag des Parlaments, der an seinem Schlusse eine seltene Einmüthigkeit der Parteien herbeiführte, sollte für Blum noch ein recht unangenehmes Nachspiel herbeiführen. Blum hatte die Gefahr, welche die Einberufung einzelstaatlicher Constituanten in sich berge u. A. durch folgende Mittheilung anschaulich zu machen gesucht[157]:
„Ein deutscher Minister hat mir gestern Folgendes mitgetheilt: Die Sachsen-Meiningische Regierung hat vor Kurzem an andere Regierungen ein Rundschreiben erlassen mit der Aufforderung, man solle das Plenum des Bundestags vollständig besetzen und für jede einzelne Stimme einen Gesandten hersenden. Darauf hat man von Seiten der preußischen Regierung geantwortet, die Bestimmung, die man dem also zusammengesetzten Plenum geben wolle: die vollendete Verfassung der Nationalversammlung zu berathen, darüber zu verhandeln und endlich zu beschließen, sei nicht zu erfüllen. Selbst dieses Plenum werde der Nationalversammlung gegenüber ohne Macht sein; das einzige Gegengewicht gegen die const. Nationalversammlung sei das, daß man möglichst viele constit. Ständeversammlungen in Deutschland berufe. — Meine Herren! Ich habe Ihnen für die Genauigkeit dieser Mittheilung nichts einzusetzen, als das Ehrenwort, welches ich Ihnen hier gebe, daß sie mir so gemacht worden ist; ich kann in die diplomatischen Archive nicht hineinsehen; aber es wird nicht gar schwer halten, anzufragen, ob ein derartiges Ansinnen gestellt und eine derartige Antwort gegeben worden ist.“
Schon in der nächsten Sitzung (29. Mai) behielt sich bei Verlesung des Protocolls der tapfere, gerade preußische General v. Auerswald vor, auf diese Aeußerung Blum’s zurückzukommen, da sie „Folgen“ hervorgerufen habe[158]. Am 1. Juni verlas der Präsident ein Schreiben Auerswald’s, in welchem es u. A. hieß[159]:
„Der Unterzeichnete, wenn schon dieser Mittheilung keinen Glauben schenkend, welche offenbar den guten Willen der preußischen Regierung gegen die Nationalversammlung, gegen das von ihr vertretene Deutsche Volk verdächtigte, ja welche der preußischen Regierung Mangel an Treu und Glauben, dem deutschen Volke gegenüber vorwarf: war dennoch bemüht, sich jede mögliche Aufklärung über das von dem Abg. Blum behauptete Factum zu verschaffen. Das Resultat dieser Bemühungen ist eine, unter dem 1. d. Mts. von dem K. Preuß. Minister der ausw. Angelegenheiten, Herrn v. Arnim, zu Berlin gegebene Erklärung folgenden Inhalts: „Die preußische Regierung hat weder bei der ersten von Frankfurt abgegangenen Einleitung zur Berufung der Deutschen Nationalversammlung, noch bei irgend einer anderen Gelegenheit einer deutschen Regierung in Beziehung auf das Verfassungswerk jemals irgend einen Rath, geschweige denn den Rath ertheilt, die Frankfurter Nationalversammlung durch Landtage in den einzelnen Staaten zu schwächen oder zu paralysiren. Wenn dessen ungeachtet in Frankfurt behauptet wird, Preußen habe sich durch derartigen Rath eines Verraths an der Deutschen Sache schuldig gemacht, so muß eine solche Behauptung als verleumderisch bezeichnet werden; Diejenigen, die sich nicht scheuen, dergleichen Behauptungen vorzubringen, werden zur Führung des Beweises durch Vorlagen der angeblich zu Grunde liegenden Actenstücke aufzufordern sein.“ “ —
Robert Blum bestritt[160] mit Grund, daß die Schreiben des Herrn v. Auerswald und v. Arnim seine Aeußerungen richtig wiedergeben und bat, wenn eine Verhandlung der Sache gewünscht werde, auf das Eintreffen der stenographischen Berichte zu warten. Er erklärte unter dem Widerspruch Vincke’s und Bally’s, daß im Uebrigen eine Privatmittheilung des einen Ministers der Privatmittheilung eines andern Ministers gegenüberstehe; denn auch „wenn einzelnen Mitgliedern von einzelnen Ministern etwas mitgetheilt wird, so bleibt dieses nach meiner Ansicht immer Privatmittheilung, die constitutionelle Nationalversammlung verhandelt durch ihren Präsidenten, nicht durch einzelne Mitglieder (Bravo!).“ Und er schloß unter „stürmischem“ Beifall: „Wenn erklärt wird, es sollten für die Sache Beweisstücke vorgelegt werden, so will ich Ihnen ganz einfach den Weg andeuten, wie diese zu erhalten sind: die Nationalversammlung möge nur beschließen, von beiden Ministerien die Acten einzufordern, dann werden Sie die Beweise haben!“ Präsident Gagern erklärte es als einen „billigen Wunsch Blum’s, daß vor Weiterverhandlung der Sache die stenographischen Berichte über die Sitzung vom 27. Mai abgewartet werden möchten.“ Als diese wenigstens in einigen Exemplaren eingetroffen waren, ergriff Blum in der Sitzung vom 8. Juni, nachdem die Versammlung gegen die Abmahnung Eisenmanns eine Verhandlung der Frage beschlossen, zuerst das Wort[161], um nunmehr zu constatiren, daß er die ihm in Arnim’s Schreiben an Auerswald beigemessenen Ausdrücke über Preußen nicht gebraucht, nicht einmal behauptet habe, Preußen habe Meiningen einen „Rath“ ertheilt. Er habe auch nur behauptet, daß er wortgetreu referire, was ihm ein glaubhafter deutscher Minister erzählt, und zwar vor zwei Zeugen erzählt habe, die Mitglieder des Parlaments seien[162]. Den Minister könne er nicht nennen. „Ist die Sache unrichtig mitgetheilt worden, so bedaure ich dieses. Ich bedauerte es um so mehr, weil ich es gewesen wäre, der eine unrichtige Mittheilung in Ihre Mitte gebracht hätte.“ Sehr geschickt war die Schlußwendung Blum’s: „es wäre gut gewesen, wenn der preußische Minister an die Zurückweisung einer unrichtigen Beschuldigung irgend einen Ausspruch für Beseitigung der vielfach aufgetauchten Besorgnisse über die Stellung der constitutionellen Versammlung zu der allgemeinen deutschen beigefügt hätte. Ich aber bitte Sie, meine Herren, beschließen Sie die Einforderung der Acten. (Bravo!)“
Unter „vielfachen Zeichen des Unwillens“ beantragte nun Auerswald, daß die Versammlung Blum ihre förmliche Mißbilligung ausspreche, „in gerechter Würdigung der von ihm erhobenen ungegründeten Anklage.“ Der Präsident ließ ihn ruhig diesen Antrag begründen, ihn auch den angeblichen Wortlaut der preußischen Note nach Meiningen auf Beschluß der Versammlung vorlesen. Dann aber erhob sich Gagern mit um so größerem Nachdruck unter allseitigem Beifall zu der Erklärung: „den Antrag, den Herr v. Auerswald heute gestellt hat, kann ich nicht zur Abstimmung bringen, weil, wenn in der Aeußerung des Herrn Blum etwas gelegen hätte, was ich für ungeeignet oder beleidigend hätte halten müssen, ich unmittelbar den Ruf zur Ordnung ausgesprochen haben würde. Das ist nicht geschehen, und ich kann es jetzt nicht nachholen. Der Beschluß kann kein anderer sein, als zur Tagesordnung überzuschreiten.“ Die Versammlung hätte am besten gethan, dieser Mahnung des Präsidenten zu folgen. Sie hätte dann zwei Reden in ihren Berichten weniger, welche weder den Rednern noch der Versammlung zu großer Ehre gereichen: erstens die Rede des Fürsten Lichnowsky, die von persönlicher Gehässigkeit gegen Blum überströmt und nicht gerade ritterlich gegen Blum’s Schweigen über seinen Gewährsmann ankämpfte, da doch Blum lieber sich allen Angriffen der Rechten aussetzte, als daß er jenen Minister compromittirte[163]. Und zweitens die berufene Rede des Abgeordneten Schaffrath, in der er ausrief: „Ich hätte ruhig an das Volk appellirt und hätte erwartet, ob es, ob das Volk dem Robert Blum mehr glaubt, oder dem Herrn von Auerswald. Blum hat nichts zu beweisen, er ist ein Volksmann, das ist genug.“ Ein tiefer Stachel persönlicher Erbitterung blieb auf beiden Seiten aus dieser nutzlosen Verhandlung zurück. Am gegründetsten war der Unmuth der Linken über den Versuch der Rechten, die Redefreiheit des Parlaments zu verkümmern, den schon Gagern mit Energie zurückgewiesen hatte.
Auch von zu Hause hatte Blum Nachrichten, welche ihm nicht zur Freude gereichten: „Friese hat mir die traurigsten Geschäftsberichte gegeben, die weit unter den allerschlechtesten Erwartungen bleiben und mir große Sorgen machen“, schreibt er am 6. Juni der Frau. „Unter diesen Umständen ist allerdings jetzt an eine Reise nicht zu denken, und wie schmerzlich es mir ist, so muß es nun verschoben, wo nicht aufgehoben werden. Nach Leipzig kann ich unbedingt nicht gehen zu Johanni; wie die Sachen hier stehen, so kann Niemand nur einen Tag fort, ich am wenigsten, namentlich jetzt, wo wir endlich an die wichtigen Fragen kommen.“
Nach all dieser monatelangen Arbeit, Mühsal und Sorge that sich endlich plötzlich eine unvergleichliche Pfingstfreude vor Blum und seinen Parteigenossen auf: die ganze Rheinpfalz hatte die Linke eingeladen, das fröhliche Fest dort zu verleben. So schrieb denn Blum am 9. Juni an die Gattin:
„Liebe Jenny, keine Antwort sollst Du haben, sondern nur in zwei Zeilen ein Zeichen der Erinnerung. Ich habe heute furchtbar zu thun und muß morgen früh verreisen, um in unserem Rücken eine Sicherheit zu Stande zu bringen. Das soll die Pfalz sein, wohin morgen früh hundert Mann von uns ziehen. Daher heute nur die besten Wünsche für Dein und der Kinder beständiges Wohl. Mögen Eure Feiertage so fröhlich wie möglich sein. Wäre doch eine Eisenbahn bis Leipzig!“ u. s. w. Am Sonnabend den 10. Juni früh 9 Uhr fuhr Blum mit dem Gros der Linken nach Mannheim[164]. Viele Genossen waren schon vorausgeeilt, manche folgten. In Mannheim begrüßte Itzstein die Partei und ward von dieser als „Vater“ gefeiert.
Im „Europäischen Hof“ wurde zu Mittag gegessen, wurden „beim goldenen Becher herzliche Empfindungen getauscht.“ Hier begrüßte eine Deputation aus Neustadt die „Männer der Linken“, hierher erging „von den schönsten Frauen und Jungfrauen Frankenthals“ eine Einladung, auch diese Stadt zu besuchen. Blum kam dem Verlangen schriftlicher Zusage — die „schönsten Frauen und Jungfrauen Frankenthals“ liebten es, sicher zu gehen — in der für solche Fälle ziemlich ungewöhnlichen Form eines Wechsels nach. Dieser lautete: „Am Dienstag den 13. Juni Nachmittags 4 Uhr liefere ich gegen diesen Solawechsel an die liebenswürdigsten Damen von Frankenthal dreißig Männer der Linken. Mannheim, 10. Juni 1848, Robert Blum“[165].
In Ludwigshafen begann der eigentliche Festzug. Der Bahnhof und viele Häuser waren mit Fahnen geschmückt. Im „Deutschen Hause fand ein erhebender Austausch der Gesinnungen statt“. Mit dem letzten Zuge ging der Weg weiter nach Neustadt. Auf jeder Station ertönte den Reisenden ein Lebehoch von der zahlreich versammelten Bevölkerung der Umgegend. In Neustadt war der Empfang wahrhaft großartig: die gesammte Bürgerwehr vor dem Bahnhof aufgestellt, auf dem weiten Platze, der durch Pechkränze erhellt war; der Stadtrath an der Spitze einer unübersehbaren Volksmenge; Hunderte von Böllerschüssen mischten sich in die Klänge der Musik, des Gesanges. Blum beantwortete die Begrüßung des Bürgermeisters, Jordan die des Bürgerwehrcommandanten; die letztere defilirte vor den Gästen und ein großer Zug setzte sich in Bewegung nach dem hochgelegenen Schießhause. Feenhaft war die Scene, als bei der Ankunft der Abgeordneten bengalische Flammen das Haus und die Bergkette erleuchteten und aus dem Grün der Bäume der kräftigste Männergesang erschallte. Im Schießhause fand ein Abendessen statt, an welchem so viel Einwohner Neustadt’s Theil nahmen, als der Raum zu fassen vermochte. Hunderte aber umdrängten die Eingänge und weilten im Garten, um mindestens so weit an dem kräftigen Austausch der Gesinnungen Theil zu nehmen, als es möglich war. Erst spät führten Neustadt’s Einwohner die Gäste in die Wohnungen, welche man auf’s Zuvorkommendste ihnen bereitet hatte, um auszuruhen zu neuem Tagewerke.
Mit dem frühen Morgen war Neustadt wieder auf den Beinen, denn die Gäste sammelten sich um 6 Uhr im Garten des Schießhauses, von wo sie in Begleitung vieler Freunde die weitere Reise antraten. Es war ein imposanter langer, reich mit Blumen und Grün bekränzter Wagenzug, auf welchem die Reisenden dahin rollten, geleitet von den besten Wünschen und dem jubelnden Lebehoch der zurückbleibenden Menge. Schon in Edesheim begann die ehrende Begrüßung; eine Ehrenpforte war errichtet mit der sinnreichen Inschrift: „Der Rückblick führt zum Fortschritt!“ andererseits: „Für uns Euer Wirken! Für Euch unsere Kraft!“ und in der Nähe derselben empfing die Bürgerwehr und die Ortsobrigkeit die Reisenden mit festlichem Gruß, welcher dankbare Erwiderung fand. — So ging der Zug nach der Bundesfestung Landau, wo zwar zahlreiche Volksmassen denselben begrüßten, aber jede festliche Veranstaltung unterblieben war, da man irrthümlich annahm, der Zug werde Landau nicht berühren.
So ging es denn über Eschbach nach der Ruine Madenburg, auf welcher die halbe Einwohnerschaft von Landau und eine große Volksmasse aus naher und ferner Umgebung versammelt waren. Diese Tausende von Menschen, der Schmuck zahlreicher Fahnen, der Donner der Freudenschüsse und die Klänge der Musik und des Gesanges nahmen auf diesem wunderbar herrlichen Punkte und unter den weiten Trümmern eines Baues der Vergangenheit einen besonderen Festcharakter an. Blum eröffnete den Reigen der Sprecher mit einer tiefen Eindruck machenden Rede; eine große Anzahl der Abgeordneten folgte ihm und drei bis vier Stunden mögen wohl dahingegangen sein, während welcher die Massen trotz der glühenden Mittagssonne voll Andacht dem Worte der Freiheit lauschten. Ein Frühstück war den Reisenden in der Ruine auf einem herrlichen Punkte bereitet und manches zarte Frauenantlitz setzte sich während desselben dem sengenden Sonnenstrahle aus, um die Gäste mit dem Schirme zu schützen, damit nicht wahr werde, was Vogt scherzweise verkündete, daß die Linke hier „zusammenschmelzen“ müsse. Doch erlitt sie einen Verlust: Der Vertreter eines der kleinsten Staaten hatte ein schattiges Plätzchen gefunden und war daselbst eingeschlafen; er erwachte erst, als die Burg verödet und der Mond am Himmel stand, so daß er erst am folgenden Tage wieder zu den Freunden gelangte.
Von Eschbach ging nun der Zug nach dem Bade Gleisweiler, dessen schöner Garten mit Menschen überfüllt war und wo dem jubelnden Gruße mehrfache Ansprache vom Balkon des Gasthofes herab folgte; dann wurde die Reise bis nach Edenkoben fortgesetzt. Hier war der Empfang auf der königlichen Villa, gewiß einem der herrlichsten Punkte der schönen Haardt, und die Gäste wurden hier von der aufgestellten Bürgerwehr u. s. w. herzlich begrüßt. Bis zum kühlen Abend tagte man oben auf dem Berge, dann geleitete die Bürgerwehr von Rodt und Edenkoben die Gäste in feierlichem Zuge nach der Stadt. Ein Abendessen machte hier den Beschluß des anstrengenden Tages; man hatte die Frauen davon ausgeschlossen, aber sie füllten in schönem Kranze die weite Gallerie und warfen einen Regen von frischen Rosen auf Blum, welcher die Stellung und Aufgabe der Frauen in der Neuzeit in einem Trinkspruche schilderte, welchen er den Schönen widmete.
Montags früh weckte eine glänzende Reveille der Bürgerwehr die Reisenden, welche sich im Garten des Gasthofes zum Lamme sammelten und von hier aus um acht Uhr zu Fuß den Weg fortsetzten, geleitet von der gesammten Bürgerwehr von Edenkoben. Der Zug schwoll von nun an von Stunde zu Stunde, indem sich die Bewohner der Ortschaften ihm anschlossen, durch welche er kam, um an der Volksversammlung in Neustadt Theil zu nehmen[166]. In Maikammer reichte man den Reisenden den Ehrentrunk in kostbarem Wein und nach wechselseitigen Begrüßungsreden wechselte die Bürgerwehr von Maikammer mit der von Edenkoben ab und gab ihnen das Geleit bis Hambach. Auf dem berühmten Schlosse waren abermals Tausende versammelt; allein man besuchte dasselbe nicht, indem die Zeit drängte, zog vielmehr durch Mittel- und Oberhambach, wo abermals die herzlichste Begrüßung Seitens der Ortsbehörden und der Bürgerwehr stattfand, nach Neustadt.
An der Gemarkungsgrenze Neustadt’s war abermals die Bürgerwehr, die Turnerschaft Neustadt’s und mehrerer Nachbarorte u. s. w. aufgestellt. Die 16 Jahre tief verborgene Hambacher Fahne wurde vom kräftigsten Manne getragen, und zahlreiche Fahnen von Liederkränzen und Turnern reihten sich um dieselbe. Nachdem der Bürgermeister hier nochmals die Gäste begrüßt hatte, setzte sich der lange Zug nach der Stadt in Bewegung, umgeben von Tausenden, die zur Volksversammlung gekommen waren. Diese Volksversammlung fand auf dem weiten Platze vor dem Bahnhofe statt, wo eine sehr geräumige Tribüne für die Gäste, eine noch weit größere für die Frauen errichtet war, die denn auch in dicht geschaarten schönen Reihen der Versammlung beiwohnten, während eine ungeheure Volksmasse den weiten Raum füllte. Dr. Hepp, der ringsgeehrte und gefeierte Kämpfer für die Freiheit, eröffnete hier die Reihe der Sprecher mit einer Hinweisung auf die Gäste, ihr Thun, ihre Aufgabe u. s. w. Nach ihm sprachen Blum, Zimmermann, Dietzsch, Vogt, Eisenstuck, Wesendonk, Günther, v. Trützschler, Dr. Schilling und mehrere andere. Die Lage Deutschlands, die Ermahnung, fest zu halten an der noch lange nicht vollendeten Revolution, die Darlegung der Nothwendigkeit eines Schutz- und Trutzbündnisses mit Frankreich, die Vorzüge der republikanischen Staatsform und dergleichen bildeten den Inhalt der Reden, die fast alle mit jubelnder Zustimmung unterbrochen und abgenommen wurden. — Obgleich die Sonne wahrhaft versengend herabbrannte, so verminderten sich die Massen in dem Zeitraume von 10 bis 2 Uhr nicht nur nicht, sondern es zogen vielmehr fortwährend neue zu und besonders der Zug von Mannheim brachte Hunderte neuer Theilnehmer.
Nach der Volksversammlung vereinigte ein Mittagessen die Gäste mit so viel Pfälzern, als der Raum zu fassen vermochte, bei welchem abermals das ernste Wort mit Scherz und Heiterkeit wechselte. Bei Tafel war besonders Professor Vogt aus Gießen der Unwiderstehliche. Wie Heinrich der 72. seit 30 Jahren auf dem Princip, so ritt Vogt auf den deutschen und besonders Heidelberger Hofräthen herum, und zwar mit einer solchen Fülle von Humor und so meisterhaften Variationen, daß er sich das größte Verdienst um eine die Verdauung befördernde Zwerchfellerschütterung erwarb. —
Um 4 Uhr endlich ging die Reise fort; die Pflicht gebot es, wie gerne die Reisenden auch noch in dem lieben Neustadt geweilt hätten. Die Straßen waren jetzt überfüllt mit Menschen und nur mühsam konnte sich der Zug hindurch winden, Alles drängte sich um die Volksvertreter, und suchte ein Wort, einen Druck der Hand zu erhaschen; auch wurde ihnen im Vorbeiziehen noch eine mit zahlreichen Unterschriften versehene Adresse überreicht, welche ihre Zustimmung zu den Grundsätzen der Linken ausspricht, gegen jede Schmälerung der Volksrechte protestirt und sich für die Republik erklärt.
Eine zahlreiche, berittene, mit Schärpen geschmückte Ehrenwache geleitete die Reisenden auf dem Zuge nach Dürkheim. Zweimal wurde derselbe unterbrochen, in Moßbach, wo Ortsbehörden und Bürgerwehr sich aufgestellt hatten und die Reisenden mit einem Ehrentrunke begrüßten, und in Deidesheim, wo ein Gleiches geschah. An beiden Orten waren wieder wahrhafte Massen Volkes versammelt, es wurden mehrere Reden gewechselt und besonders rief man Blum stürmisch auf den Tisch, welcher als Tribüne diente. Der Menschen Herzlichkeit und Freundlichkeit und der unvergleichlich kostbare Wein fesselten die Reisenden ziemlich lange und so geschah es, daß sie erst spät, aber in der heitersten Stimmung nach Dürkheim kamen, wo sie der Bürgermeister und der Obrist der Bürgerwehr eben so herzlich, als das dichtgeschaarte Volk jubelnd begrüßte. Ein Abendessen in den „Vier Jahreszeiten“ machte dem Tage ein Ende; Hunderte von Zuhörern drängten sich im Saale selbst und auf den Gallerien, denen der Raum die Theilnahme nicht mehr gestattete. Auch hier wehte dieselbe freie, schwunghafte, kräftige Gesinnung, welche die Pfälzer so ehrenvoll auszeichnet, und die sich auf der ganzen Reise so vielfach ausgesprochen hatte. Hier erstattete Vogt einen prophetischen Bericht über die Reise, wie ihn die „deutsche Zeitung“ wahrscheinlich erstatten wird, der eine wirklich erschütternde Wirkung hervorbrachte.
Der Vormittag des Dienstags war einem Besuche der Limburg, der herrlichen Ruinen einer Kirche und eines Klosters gewidmet. Dort hatte sich eine große Volksmenge aus Dürkheim und der Umgegend gesammelt, Freudenschüsse und eine Parade der Bürgerwehr empfing die Gäste und das weite Schiff der Kirche, am Boden jetzt mit grünem Rasenteppich geschmückt, gedeckt nur von der azurblauen Himmelswölbung, diente zum Sammelplatze für das Volk; von einer gefallenen Säule der alten Kirche und der alten Satzung wurde das neue Evangelium des Lichtes und der Freiheit verkündet. Hier, wie schon früher, hörte man mit besonderer Theilnahme den jugendlichen Giskra, welcher mit lebendiger Einbildungskraft die Berge, den Himmel, schöne Mädchen, Wein und Freiheit zu einem glänzenden Bilde zu verweben weiß. Geleitet von der Bürgerwehr und dem versammelten Volke zogen die Gäste nach mehrstündigem Aufenthalt wieder bergabwärts und fuhren nach eingenommenem Mittagsessen in den „Vier Jahreszeiten“ unter herzlichem, tausendstimmigen Lebewohl von den schönen Bergen ab und dem Rheine zu.
Noch als ich 1864 zum ersten Male in der schönen Pfalz war, traf ich überall die lebendigste Erinnerung an diese Pfingstreise der Linken und besonders an Robert Blum. „Hier hat er gestanden, gesprochen“ — erzählen noch heute die Alten, die damals jung waren. Und auf dem Eschbacher Schloß — von wo der Blick umspannt die Vogesen von Straßburg an und die Höhen des Schwarzwaldes von Baden-Baden bis zu dem fernen Kaiserstuhl von Heidelberg und dem ferneren Melibocus der Bergstraße, stand einst auf steinerner Platte eingegraben, daß hier auf den Trümmern des gebrochenen Bischofsitzes, Robert Blum gesprochen habe zum Volke über seine heiligsten Rechte und Ziele. Der Stein ist zerschlagen von der Wuth einer baierischen Soldatenschaar. Neue Trümmer haben sich zu den Trümmern gesellt, die einst Melac’s Wüthriche gebrochen. Die Gebeine des gefeierten Redners und Volksmannes modern an den Ufern der Donau. Das erzählt das Eschbacher Schloß von der Pfingstfahrt der Linken.
Schon am 14. Juni war wieder die volle parlamentarische Arbeit zu thun. Es galt, sechs Millionen für die Deutsche Flotte zu verwilligen. Niemand in der Versammlung hätte die Summe geradezu versagen mögen. Wiesner allein meinte, bei „dem nahen Frieden mit Dänemark“ möge man die neue Steuer bis nach Einführung einer neuen deutschen Heerverfassung verschieben. Die Linke dagegen war zwar für die Bewilligung, doch wahrte sie auch hier die höchsten Rechte der Versammlung: nach Eisenstucks Antrag sollte die Summe nur mit Vorbehalt ihrer Verwendung durch die künftige Centralgewalt bewilligt werden. Unter dem „allgemeinen Bravo“, welches diesen fast mit Stimmeinheit gefaßten Beschluß begleitete[167], erwog man freilich nicht, daß es leichter sei, „die Bundesversammlung zu veranlassen, die Summe von sechs Millionen Thalern auf bisher verfassungsmäßigem Wege verfügbar zu machen,“ als diese Summe wirklich zu beschaffen.
Die Verhandlungen über die „Errichtung einer provisorischen Centralgewalt“ begannen am 19. Juni. Den Beginn dieser größten Arbeit, welche das Parlament bis dahin beschäftigt hatte, zeigte Blum am 18. der Gattin mit den Worten an: „Liebe Jenny, Du mußt glauben, ich sei sehr nachlässig geworden, aber wir schlagen dieser Tage die Entscheidungsschlacht und schlafen jetzt höchstens 3 Stunden täglich.“ Blum war Mitglied des „Prioritätsausschusses“, welcher die Anträge betreffs der provisorischen Centralgewalt vorbereitet hatte. Elf von den dreizehn Mitgliedern des Ausschusses schlugen eine neue Auflage des vom Fünfzigerausschuß abgelehnten Triumvirates oder des „Directoriums der drei Onkel“ unter dem Namen „Bundesdirectorium“ vor. Diese drei Männer sollten von den Regierungen gewählt, von der Nationalversammlung (ohne Berathung über die Persönlichkeiten) bestätigt werden. Die Heeresleitung, die völkerrechtliche Vertretung Deutschlands sollte ihnen zustehen, die Entscheidung über Krieg und Frieden im Einverständniß mit der Nationalversammlung. Seine Gewalt sollte das Directorium durch der Nationalversammlung verantwortliche Minister üben. Die Minderheit des Ausschusses, Blum und Trützschler, hatten dagegen den Antrag[168] gestellt: „Die Nationalversammlung wählt mit absoluter Mehrheit eines ihrer Mitglieder zum Vorsitzenden eines Vollziehungsausschusses. Dieser Vorsitzende wählt nach freier Wahl vier Genossen, die gemeinschaftlich mit ihm den Vollziehungs-Ausschuß bilden. Der Ausschuß hat die Beschlüsse der Nationalversammlung auszuführen und die Vertretung Deutschlands nach Außen zu übernehmen. Derselbe ist der Nationalversammlung verantwortlich und muß sich zurückziehen, wenn die Mehrheit der Versammlung gegen ihn ist.“ Dann erfolgt die Neuwahl auf dieselbe Weise. „Der Vollziehungs-Ausschuß besteht so lange, bis die deutsche Bundesgewalt durch die Nationalversammlung bestimmt (!) eingesetzt ist[169].“ „Man hatte hier ein vollständiges Spiegelbild der französischen Commission exécutive, nur mit dem Unterschiede, daß in Frankreich kein Thron mehr stand, in Deutschland aber alle die alten Herrscher aufrecht geblieben waren[170].“ Bassermann war es, der die Undurchführbarkeit dieses Vorschlages treffend nachwies. In den allgemeinen Bemerkungen über Blum’s politische Stellung[171] ist dieser Ansicht in der Hauptsache beigetreten worden. Nichtsdestoweniger erscheint die Begründung des Minoritätsantrags durch Blum vom höchsten Interesse. Denn diese „glänzende Vertheidigung, die auf das Gefühl der Massen trefflich berechnet war“[172] und auch den Gegnern ein achtungsvolles Schweigen abnöthigte, gehört zu den besten Reden Blum’s und gewährt den tiefsten Einblick in seine und seiner Partei politische Denkweise, in die eigenthümliche Kraft und Ueberzeugung seiner Sprache. Und wenn er für eine unausführbare Idee kämpfte, so war der Vorschlag der Majorität, wie sich schon während der Verhandlungen selbst herausstellte, nicht minder unausführbar. Gerade gegen die Schwächen dieses Gegenantrages richtete sich Blum’s stärkste Beredsamkeit. Er sagte am zweiten Tage der Verhandlungen, am 20. Juni, Folgendes[173]:
„Diese Versammlung, meine Herren, erscheint mir oft wie der Prometheus: seine Riesenkraft war angeschlossen an einen Felsen und er konnte sie nicht brauchen, — die Riesenkraft der Versammlung scheint mir zuweilen angeschlossen zu sein an den Felsen des Zweifels, den sie sich selbst aufbaut. Zu verschiedenen Zeiten ist sie sich dieser ungeheuren Kraft bewußt geworden, und der Ausdruck derselben genügte, in den Augen der Nation sie wieder auf den Standpunkt zu stellen, den sie einnimmt, den aber der Zweifel auf der andern Seite ihr streitig zu machen suchte; so bei dem Beschlusse über den Raveaux’schen Antrag, dem der Zweifel voranging; so bei dem Zweifel, ob man einen Friedensschluß genehmigen könne und dürfe[174], während es doch sonst Niemanden gibt, der ihn genehmigen kann; so bei der Bewilligung der sechs Millionen für die Marine, und so heute wieder, als Sie mit dem großartigsten Schwunge einen Krieg erklärt haben[175], ohne sich zu fragen, ob Sie ein Heer haben, und ob Sie eine Flotte haben, und ob Sie Mittel dazu haben; aber Sie haben mit der kühnen Erklärung zu gleicher Zeit den Sieg beschlossen, denn der Sieg lebt in uns, nicht da draußen und nicht in materiellen Dingen! Eine neue große Entscheidung schlägt an Ihr Herz, und Sie sollen noch einmal den Zweifel lösen, ob Sie Ihre Gewalt fühlen und die unumstößliche Majestät, die in Ihren Händen liegt, und ob Sie sie gebrauchen wollen. — Sie sind hierher gekommen, um dieses zerstückelte Deutschland in ein Ganzes zu verwandeln; Sie sind hierher gekommen, um den durchlöcherten Rechtsboden in einen wirklichen, in einen starken zu verwandeln; Sie sind hierher gekommen, bekleidet mit der Allmacht des Vertrauens der Nation, um das „einzig und allein“ zu thun. Genügt es dazu, daß Sie Beschlüsse fassen und sagen: die Nationalversammlung beschließt, daß das oder das geschehe? Durchaus nicht. Sie müssen sich das Organ schaffen, durch welches diese Beschlüsse hinausgetragen werden in das Leben, durch welches sie gesetzliche Geltung erlangen; dieses Organ zu schaffen, ist der Gegenstand unserer Verhandlung. Was wird dieses Organ sein? Bei dem ersten Anblick Dessen, was wir bedürfen, eben nur das Organ, welches Ihren Willen verkündet. Man sagt uns, der Vollziehungs-Ausschuß, der von einer sehr kleinen Minderheit vorgeschlagen worden ist, sei eine republikanische Einrichtung, und wir geben das sehr gern zu; wir verhehlen gar nicht, wir wollen die Republik für den Gesammtstaat, wir wollen diese Einrichtung, und nicht deßhalb, weil wir die Verhältnisse in Deutschland auflösen wollen, sondern weil wir sie schützen wollen, weil wir glauben, daß zwei gleichartige Richtungen nicht mit einander bestehen können, weil wir in der republikanischen Form an der Spitze des Gesammtstaates Sicherheit sehen für die Freiheit jedes einzelnen Staates, seinen eigenen Willen auszuführen und zu erhalten, und weil wir zu gleicher Zeit diese Spitze nicht den Zielpunkt niederen Ehrgeizes sein lassen wollen. Allein es ist ein arger Irrthum, wenn man dieses Streben nach einer republikanischen Einheit verwechselt mit dem, was in den einzelnen Staaten geschieht oder geschehen soll. Wir bauen den Gesammtstaat aus den einzelnen Theilen, die vorhanden sind, wir erkennen die Thatsache dieses Vorhandenseins ebenso wie die Formen an, und unser Bestreben ist dahin gerichtet, in der großen Gesammtheit einer jeden Einzelnheit ihre Freiheit, den Spielraum zu ihrer eigenthümlichen Entwickelung zu gönnen und zu belassen. Schaffen Sie den Vollziehungs-Ausschuß, so sind es die bestehenden Gewalten, die bestehenden Regierungen, welche vom Vollziehungs-Ausschuß die Beschlüsse der Nationalversammlung empfangen und diese Beschlüsse ausführen; sie werden in ihrem Wesen und in ihrer Kraft nicht im Mindesten angetastet, sie bleiben vielmehr im Vaterlande völlig auf dem Standpunkte, den sie sich zu erhalten vermocht haben. Wenn die Regierungen das sind, was man so vielfach behauptet, gutwillig in Bezug auf die Ausführung und bereit, Opfer zu bringen zum Gedeihen des Ganzen, so ist diese Einrichtung so einfach, daß es keine einfachere gibt; wenn sie aber nicht gutwillig sind, was von anderer Seite auch vielfach behauptet wird, und wofür man sich auf einzelne Erscheinungen stützt, die man vielleicht überschätzt, dann — wir haben keinen Hehl in unsern Gedanken — dann soll er die Bedürfnisse der Zeit stellen über die Regierungen, dann soll er ihnen entgegentreten, dann soll er die Nation nicht den Sonderinteressen aufopfern, sondern vielmehr die Widerstrebenden — geradezu herausgesagt! — zermalmen. — Wäre ein solcher Fall denkbar, ich hoffe, er ist es nicht, dann wäre es eine sonderbare Einrichtung, daß wir Denen die Vollziehungs-Gewalt oder die provisorische Regierung, die es dann allerdings werden müßte, in die Hand geben, gegen die sie handeln soll und muß. Man hat den Vollziehungs-Ausschuß auch in anderer Beziehung angegriffen und hat ihn ungenügend genannt, da er nur die Vertretung Deutschlands nach Außen, nicht die Vertheidigung desselben enthält. Nun, es muß in dieser Beziehung ein arges Mißverständniß herrschen, denn die Vertretung eines Landes nach Außen besteht nicht blos im diplomatischen Verkehr, sie besteht auch in der Entwickelung der ganzen Kraft und Gewalt, die eine Nation hat, da wo sie nothwendig wird. Der Vollziehungs-Ausschuß hat ferner einen großen Vortheil: Er gewährt den Regierungen, was sie bedürfen, den Mittelpunkt, in dem das Staatsleben für den Gesammtstaat in diesem Augenblick zusammenläuft. Er ist ihnen, wenn sie wirklich das Beste der Nation wollen, ihr Aufstreben fördern, nicht im Geringsten gefährlich. Er sichert die Versammlung vor jedem Mißbrauch; denn die Versammlung hat es in der Hand ihn zurückzuziehen, sobald er die Begrenzung überschreitet, die sie ihm zu stecken für gut findet. Er sichert die Regierungen auch durch die Wahl; denn wie die Versammlung zusammengesetzt ist, haben Sie nicht zu besorgen, daß eine Meinung aufkomme und an die Spitze gestellt werde, die den Regierungen Besorgnisse erregt. Hat doch ein Mann, der in jenen Kreisen lange Jahre gelebt und gewirkt hat, Ihnen ausdrücklich gesagt, daß er ohne alle Besorgniß das Wohl des Gesammt- wie der einzelnen Staaten in den Händen dieser Versammlung sehe. Der Vollziehungs-Ausschuß sichert aber auch das Volk vor möglichen Uebergriffen, indem er als ein Ausfluß der von ihm erwählten Versammlung, als ein Ausfluß der Gewalt, der Träger seiner Majestät und Souveränetät dasteht, und das Vertrauen des Volkes aus seinem Ursprunge schon für sich in Anspruch nimmt. — Das Directorium, welches man Ihnen vorgeschlagen hat, sichert in dieser Beziehung Niemanden. Wird es stark, dann sind die einzelnen Regierungen ihm preisgegeben; die Fürsten der kleineren Staaten können sich als halb mediatisirt betrachten, sobald dieses Directorium ins Leben tritt. Es sichert die Versammlung nicht; denn die Versammlung, die ihre stillschweigende, wenigstens ihre prüfungslose Zustimmung dazu geben soll, sie hat nicht mehr die Macht, dasselbe zu entfernen. Die angebliche Verantwortlichkeit, sie ist eine leere Phrase. Es gibt keine Verantwortlichkeit ohne Gesetz; es gibt keine Verantwortlichkeit ohne einen Gerichtshof, wo ich den Verantwortlichen belangen kann; und nicht einmal das letzte kümmerliche Mittel, sich zwar nicht eine Verantwortlichkeit, doch einen Rückzug zu erzwingen, die Steuerverweigerung, sie ist nicht in Ihrer Hand. Und weil Sie keine Verfassung haben, und weil Sie keine Grundlage haben, auf welcher diese Gewalt steht, und weil Sie keine Schranken gezogen haben, innerhalb deren sie sich bewegen muß, und weil Sie kein Mittel haben, sie in den Schranken zu halten, deßhalb ist es die Despotie; deßhalb ist es die Dictatur, die schrankenloseste Dictatur, die die Freiheit gefährdet, wie nie etwas Anderes. Sie wollen ein solches Directorium schaffen, und ich frage Sie: Dürfen Sie dasselbe schaffen? Haben Sie ein Mandat dazu, mit irgend Jemand in der Welt zu verhandeln? Hat eine einzige Wahlhandlung auch nur einen derartigen Vorbehalt nicht aufkommen, sondern nur gewissermaßen als eine Ansicht aufdämmern lassen? — Nirgends in der Welt. Berufen sind Sie durch die Allmacht des Volkes, und Sie sind nur jenem Mandate treu, so lange Sie diese Allmacht wahren. Sie dürfen nicht verhandeln; Sie müssen eher Ihr Mandat niederlegen, als sich von der Aufgabe entfernen, die uns geworden ist. Sie dürfen am wenigsten in dem Augenblick, wo das Volk seine lang verkümmerten Rechte und seine lang verkümmerte Macht errungen hat, mit Denen unterhandeln, die seit 30 Jahren niemals mit uns unterhandelt haben, die selbst unsern Rath niemals hörten, wenn es sich darum handelte, Deutschland als ein Ganzes zu vertreten. Allein es wird auch der Unterhandlungen nicht bedürfen; wahrlich, Diejenigen leisten den Regierungen einen sehr schlimmen Dienst, die sie darstellen als etwas, was außerhalb uns, d. h. außerhalb des Volkes steht; man sagt uns ja immer: „Die Regierungen sind jetzt volksthümlich, sie sind aus dem Volke hervorgegangen, sie gehören dem Volke an.“ — Nun wohlan! Wenn das wahr ist, so vertreten wir sie mit, wir vertreten nicht den Einzelnen, nicht den Stand, keine Kaste; wir vertreten das Volk und die Regierungen, sie gehören zum Volke; mindestens sollen sie zum Volke gehören. Wo das nicht der Fall wäre, daß die Regierungen im Volke aufgingen, nun, dann würde nichts vorliegen, als die Wahrung der alten Fürsten- und Dynastien-Interessen, und wahrlich ein Volk von 40 Millionen, es würde nicht unterhandeln können mit 34 Menschen, die ihr Sonder-Interesse fördern wollen. So ist in unserm Vorschlage nach meiner Ueberzeugung gewahrt, was Sie wahren wollen; das allseitige Recht, die allseitige thatsächliche Stellung ist anerkannt, wenn Sie sich darauf beschränken, zu erklären, was Sie bedürfen, und wenn Sie warten in Beziehung auf die Ausdehnung der Gewalt, bis Sie sie bedürfen.
Man hat vielfach in diesen Tagen darauf hingewiesen, es herrsche die Anarchie, und sie trete hervor an diesem und jenem Orte in Deutschland, und das ist wahr, leider ist es wahr; aber fragen Sie, was ist denn diese Anarchie? Ist sie etwas Anderes als die Zuckung der Ungeduld, die in dem gehemmten Leben sich kundgibt, die Zuckung der Kraft, die nach Außen oder nach Innen sich geltend machen will? In einer Weise, wie es die Weltgeschichte noch nie gesehen hat, hat das Volk in Deutschland seine Revolution gemacht; es hat mit wenigen Ausnahmen die Gewaltäußerungen gescheut, weil eine revolutionäre Volksversammlung, eine revolutionäre Nationalvertretung im Vorparlament zusammentrat und dem Gesammtausdruck seine Geltung zu verschaffen suchte; es hat sich gemäßigt, weil aus jener revolutionären Volksvertretung eine zweite, gleichartige, wenn auch in anderer Beziehung auf einem Gesetze beruhende Volksvertretung sich gestaltete; verhehlen wir es nicht, eine auf einem Gesetze der Revolution beruhende Versammlung, die ihm versprach, seine Wünsche zur Geltung zu bringen, seine Bedürfnisse zur Wirklichkeit zu machen. Wollen Sie der Anarchie entgegentreten, Sie können es nur durch den innigen Anschluß an die Revolution und ihren bisherigen Gang. Das Directorium, das Sie schaffen wollen, ist aber kein Anschluß daran; es ist Reaction, es ist Contrerevolution, — und die Kraft erregt die Gegenkraft. Man wirft mitunter schielende Blicke auf einzelne Parteien und Personen, und sagt, daß sie die Anarchie, die Wühlerei, und wer weiß was, wollen. Diese Partei läßt sich den Vorwurf der Wühlerei gern gefallen; sie hat gewühlt ein Menschenalter lang, mit Hintansetzung von Gut und Blut, mindestens von allen den Gütern, die die Erde gewährt; sie hat den Boden ausgehöhlt, auf dem die Tyrannei stand, bis sie fallen mußte, und Sie säßen nicht hier, wenn nicht gewühlt worden wäre. (Stürmischer, anhaltender Beifall in der Versammlung und auf den Gallerien.) Allein die Leute, die man in dieser Beziehung ansieht, sie sagen Ihnen mindestens geradezu und ungeschminkt, was sie wollen. Ich muß bekennen, ich habe das in dem Commissions-Berichte nicht gefunden. Ja ich fürchte, daß die Dinge, die hinter demselben versteckt sind, schlimmer sind als die Dinge, die ausgesprochen wurden. Sie haben eine Abstimmung gehört in Ihrem Kreise heute, als man Ihnen vorschlug, die Gewalt einer Krone zu übertragen[176], — man hat dieselbe verhöhnt, ausgelacht; was thun Sie anders, als die Gewalt drei Kronen oder 34 Kronen zu übertragen? Glauben Sie, daß die Abstimmung über Ihren Vorschlag anders werde? Ein Nachtrag, dessen Urheber sich nicht einmal genannt hat, schlägt Ihnen auch vor, den vor zehn Wochen auf dieser Stelle zur Leiche erklärten Bundestag beizubehalten, und der Commissions-Bericht hat es nicht gewagt, sich darüber auszusprechen, was mit demselben werden solle. Oh! beschenken Sie doch das deutsche Volk mit Ihrem Direktorium und lassen Sie den nach den Gesetzen der Natur, wenn er Leiche geworden war, in Fäulniß übergegangenen Bundestag dazu! — Sie werden sehen, was Sie aussäen damit, indem Sie behaupten die Einheit zu säen. — Man hat hingewiesen auf andere Länder und ein Vorgänger vor mir hat Ihnen bereits insofern widersprochen, als er Ihnen gesagt hat, daß Belgien, bevor es unterhandelte, seine Verfassung, seine Grundlagen, seine Sicherheit sich geschaffen hat. Thun Sie dasselbe, und Sie werden auch hoffentlich das Glück Belgiens genießen. Man hat Sie hingewiesen auf einen andern Staat, auf einen Staat, der großartig sich erhoben hat für die Freiheit in der letzten Zeit. Man hat ein Gespenst heraufbeschworen, hat Ihnen gesagt, dieser starke Staat erzittere vor einem unbedeutenden jungen Menschen. Meine Herren! Es gab einen Staat in Deutschland, der auch stark war, der auf dem historischen Rechtsboden stand, auf Ihrem historischen Rechtsboden, der uns hier so oft vorgeführt wird. Dieser Staat ward in seinen Grundfesten erschüttert durch den Fuß einer Tänzerin[177]. (Bravo!) Es mag Manches fest scheinen im deutschen Vaterlande, was, beim Lichte gesehen, nicht fester ist, als der Zustand, den eine Phryne stürzte. Es ist nach meiner Ansicht eine Gotteslästerung der Freiheit, wenn man ihr aufbürdet, daß sie kranke an dem Erbe, welches sie von der Despotie unfreiwillig hat übernehmen müssen. Es ist eine Gotteslästerung an der Menschlichkeit, wenn man darauf hinweist, daß dieser Staat achtzigtausend seiner hungernden Brüder hat ernähren müssen. Diese achtzigtausend Hungernde kosten nicht so viel, als ihnen der gestürzte Thron gekostet hat, und man kann noch eine Null hinzufügen und sie kosten immer noch nicht so viel. Abgesehen davon, daß in dem Sumpfe, der sich um diesen corrumpirten und corrumpirenden Thron ausgebreitet, neben aller Sittlichkeit, Ehre und Tugend auch alle Mittel verschlungen wurden, die nöthig waren, um die Hungernden zu ernähren. Auf dem historischen Rechtsboden, auf welchem wir angeblich stehen, hat man in einem ganz ähnlichen Falle die Hungernden lieber der Hungerpest preisgegeben. (Bravo!) Dorthin, wo man das Gespenst hervorruft, wird die Freiheit den Kranz des unverwelklichen Dankes niederlegen, wenn sie siegt; und wenn sie unterliegt, wird auch der letzte sehnsüchtige Blick ihres brechenden Auges sich dorthin wenden. Wollen Sie das Himmelsauge brechen sehen, und die alte Nacht über unser Volk auf’s Neue heraufführen, so schaffen Sie Ihre Dictatur. (Stürmisches Bravo!)“