Wesentlich verändert war schon die Stellung der Parteien, als Blum als erster Redner am 24. Juni zum zweiten Male über die provisorische Centralgewalt das Wort nahm. Wohl hatte man nun fünf Tage lang über dieselbe Frage nur Reden gehört, Reden von allen möglichen Standpunkten aus, und noch keinen Beschluß gefaßt; aber soviel war doch Allen klar geworden: Der Antrag der Ausschußmajorität, das Bundesdirectorium, stieß auf unübersteigliche Schwierigkeiten. Soweit hatten die Debatten und die Clubverhandlungen die Ueberzeugung der großen Mehrheit geklärt. Nur was an die Stelle dieses Triumvirates zu setzen sei, war der Mehrheit zur Stunde noch zweifelhaft. Die Linke ihrerseits hatte inzwischen gleichfalls eine bedeutsame, ihrer ganzen bisherigen Haltung direct zuwiderlaufende und darum verhängnißvolle Schwenkung vollzogen. Sie sah bestimmt voraus daß, wie immer die Entscheidung der Mehrheit falle, keinesfalls der Antrag Blum-Trützschler Annahme finden werde, keinesfalls die provisorische Centralgewalt in die Hand eines Abgeordneten und eines von diesem erwählten verantwortlichen Vollziehungsausschusses, welcher der jeweiligen Parlamentsmehrheit zu gehorchen habe, werde gelegt werden, sondern in Hände, die dem Einflusse der Regierungen zugänglich, über und außer dem Parlament stehen würden. Und da die Linke in einer solchen Entscheidung den Bruch mit dem revolutionären Ursprung des Parlaments und die Gefährdung und Verkümmerung seiner Befugnisse durch die fürstliche Regierungsgewalt erblickte, so hatte sie sich schlüssig gemacht, alle ihr zu Gebote stehenden Mittel aufzubieten, um die Mehrheit von außen her zu bekriegen, da im Parlament selbst Hoffnung auf Erfolg nicht war. Dieselbe Partei, welche bis dahin die Souveränität des Parlaments über alle Gewalten Deutschlands gestellt, die etwa abweichenden Meinungen der Einzellandtage schon in deren Entstehung, bei Berufung dieser Landtage, zu vernichten beantragt hatte, ließ nun schon am 21. Juni durch Schaffrath erklären: „Wenn Sie den Regierungen ein Widerspruchsrecht und eine Mitwirkung zugestehen, so haben die ständischen Kammern auch mit darein zu reden, und dann frage ich Sie, ob Ihr Beschluß ausführbar ist? Dann werde ich vielleicht die Versammlung hier verlassen und an einem andern Orte[178] gegen diesen Beschluß sprechen, und ich hoffe, selbst wenn ich nicht dorthin komme, daß meine Meinung dort die Majorität hat und dort siegen wird, wenn wir hier unterliegen[179].“ Auch in der Rede Robert Blum’s vom 24. Juni, so meisterhaft und staatsmännisch sie sonst angelegt ist, klingt diese unheilvolle Wendung in der Politik der Linken durch. Aber dem Directorialproject der Mehrheit gab sie den Todesstoß. „Die Klarheit des Gedankengangs, die seltene Reinheit der Sprache und Aussprache, die echte Kenntniß aller der Töne, die in den Herzen des Volkes wiederklangen, das waren die glücklichen Gaben, die er diesmal im vollsten Maße bewährte,“ so schreibt ein Gegner seines Standpunktes über diese Rede[180]. Auch sie theile ich daher im Wortlaut mit.
„In der ernsten Entscheidungsstunde, wo über die wichtigste Angelegenheit, die uns bis jetzt vorlag, Entschluß gefaßt werden soll, glaube ich darauf verzichten zu können, auf Persönliches, was gegen mich vorgebracht worden ist, einzugehen; ich glaube es um so mehr zu können als ich mich auf ein Gebiet verlieren müßte, welches zu betreten ich ewig verschmähen werde. Im Laufe einer fünftägigen Verhandlung ist es klarer geworden vor unserm Blick über Das, was wir wollen und was wir wollen müssen. Wie die Wolken sich theilen und mehr den reinen Himmel zeigen, so sind die Gedanken mehr und mehr herausgehülst worden aus dem, was sie umgab. Die Consequenzen und Nothwendigkeiten haben sich herausgestellt in einer Entschiedenheit, die keinen Zweifel mehr läßt, um was es sich handelt. Es ist von dieser Seite der Reichsstatthalter verlangt worden, d. h. eine Entscheidung über die Monarchie für den Gesammtstaat; es ist von der andern Seite diese Entscheidung zwar nicht verlangt worden, man hat sie aber hineingelegt, und wir sind weit entfernt, das Prinzip abzuweisen, wenn wir auch bestreiten müssen, daß durch die Ernennung eines Vollziehungsausschusses präjudicirt wird, wie hier in Bezug auf die Monarchie. Indessen, ich ehre und anerkenne diese gerade, entschiedene Forderung; ich mag die Halbheiten nicht, sie mögen kommen, woher sie wollen, und der offene Gegner ist mir lieber und ehrenwerther als Derjenige, mit dem ich nie und nimmermehr weiß, woran ich bin. Ich sehe Ihre Monarchie viel lieber erstehen, als Ihr Directorium oder ein ähnliches Ding, das in seiner undurchsichtigen Hülle und in unverständlichen Wendungen nicht heraussagt, was es sein soll und was es sein muß. Nur Eines habe ich allerdings dagegen, es ist mir gefährlich und scheint mir auf einem großen Irrthum zu beruhen: die Behauptung, Sie könnten eine constitutionelle Monarchie schaffen; dies muß ich verneinen. Ich habe dafür nichts Anderes entgegenzuhalten, als daß die Bedingung der constitutionellen Monarchie, d. i. die Constitution, fehlt. Sie haben keine Constitution, und Sie können folglich nur die absolute Monarchie schaffen. Es hat Sie ein Redner mit eindringlichen Worten an die Gelüste des Menschenherzens gemahnt, und behauptet, daß die Gewalt gemißbraucht werde, wenn sie in schrankenlosem Maße dem Herzen übergeben werde, Sie haben keine Schranke für die Gewalt, die Sie schaffen wollen. Was man heraufbeschworen hat, um uns zur Beruhigung darauf hinzuweisen — die englische Verfassung und die englischen Formen, sie sind für uns nicht vorhanden; Sie können eine Staatenkammer schaffen, Sie können ein verantwortliches Ministerium schaffen, Sie können schaffen was Sie für das Bedürfniß der Zeit geeignet halten, wenn Sie eine Verfassung haben, wenn Sie Schranken haben für ihre Gewalt. Sie können nichts schaffen als Worte und todte Formen, so lange Sie diese Schranken nicht haben. Ob Sie es wagen wollen in dem gegenwärtigen Augenblick, wo man mit aller Versicherung der Liebe und Treue zu den Fürsten doch nun und nimmermehr die Thatsachen hinwegleugnen kann, die uns auf jedem Schritt, auf jedem Blick begegnen, und zeigen, daß die Dinge schwanken, daß das Mißtrauen wuchert, nicht das Vertrauen, welches keine Regierung, d. h. kein Ministerium besitzt, daß ein ewiges Werden vorhanden ist und kein Sein; ob Sie es wagen wollen, in dem Augenblick eine Gewalt zu schaffen, auf welche Sie dieses Mißtrauen des ganzen Volkes concentriren, — ob Sie nicht fürchten, daß dieselbe unter diesem Mißtrauen erliegen werde, das muß ich Ihnen überlassen. Ich bin der Ueberzeugung, daß bei der Gestaltung der künftigen Verfassung ein Staatenhaus uns nothwendig ist; aber Sie werden sich sehr täuschen, wenn Sie in dem alten Bundestag dieses Staatenhaus zu finden meinen. Es ist darüber geklagt worden, daß man sich mit ungerechten Beschuldigungen gegen die „andern“ Menschen wendet, die in den Bundestag gekommen sind, und diese Klage mag gerechtfertigt sein; aber, meine Herren, vergessen wir doch nicht, daß die Menschen den Bundestag nicht anders machen können. Wenn Sie ein Kloster, ein Jesuitenkloster haben, und die alten Mönche hinausschicken und neue, junge, andersdenkende hineinsetzen, haben Sie dann etwas Anderes, als ein Jesuitenkloster? Sie haben dasselbe, bis Sie die Satzung des heiligen Lojola vernichtet haben, und Sie haben den alten Bundestag mit seinen Ausnahmegesetzen und mit seinen Lepelschen Promemorias, bis Sie die alte Bundesacte und die Stellung einer bloßen Fürstenvertretung vernichtet haben. Verlangen Sie von dem Volke nicht das Unmögliche, verlangen Sie nicht, daß es in einer Anstalt, die 30 Jahre lang gleichbedeutend war mit seinem Unglück, mit seiner Knechtung und mit seiner tiefen Schmach, binnen drei Monaten eine Anstalt seines Heils erblicken solle. Es wird eine spätere Zeit geben, wo über das Prinzip der Monarchie und der Republik an der Spitze des Gesammtstaats die Meinungen hier ausgetauscht werden. Ich verzichte jetzt darauf, aber bemerken muß ich wenigstens, daß die Stellung eines auf Zeitdauer ernannten wechselnden Präsidenten wahrlich für den niedern Ehrgeiz weniger lockend ist, als die Stellung eines Monarchen. Es ist wohl überflüssig, Sie auf die blutigen und entsetzlichen Belege hinzuweisen, die unsere Geschichte uns dafür giebt. Die Mehrheit der Commission sowohl, als die verschiedenen Unter-Anträge, welche gekommen sind, wollen eine Vereinbarung. Sie wollen die Regierungen als etwas Besonderes außer dem Volke, und folglich außer uns Stehendes betrachtet wissen, und mit ihnen unterhandeln. Man hat uns zugerufen, wir sollen den Gebeugten nicht ganz niederdrücken; man hat uns gesagt, wir sollen doch dieses „armselige Zugeständniß“ machen, wir sollen anerkennen, daß wir allmächtig sind, aber freiwillig darauf verzichten. Meine Herren! Es wird uns vielfach vorgeworfen, daß wir mit den Regierungen auf einem weit schlechtern Fuße ständen, als Andere in dieser Versammlung. Aber ich sage Ihnen offen, als die thatsächlichen Träger der Gewalt in den einzelnen Staaten achte ich die Regierungen zu hoch, als daß ich in solcher Weise mit ihnen unterhandeln möchte. Die widerstrebende Kraft ehrt man durch Kampf, die überwundene ehrt man durch Schonung. Eine Hingabe, eine Verständigung, die keine ist, kommt mir vor wie der freie Wille Desjenigen, dem man ein Pistol auf die Brust setzt und sagt: la bourse ou la vie! Ich will die Regierungen anerkannt wissen in der Gewalt, die sie noch haben, und deshalb ihnen keine entehrenden Anerbieten machen. Entehrend aber scheint es mir, wenn man hier von ihrer Gewalt und ihrer Kraft spricht, und sie dann so behandelt, daß man ihnen zumuthet, binnen 14 Tagen sollen sie selbst sagen, wer die Gewalt tragen solle, die man ihnen abnimmt. Ich will auf die Volkssouveränität nicht zurückkommen, aber hinweisen muß ich darauf, daß der Antrag auf ein Directorium nichts Anderes ist, als eine vollständige Aufwärmung der alten Wirthschaft. In dem Directorium liegt nicht Das, was wir bedürfen, nämlich der Bundesstaat, sondern der alte Staatenbund mit seinen Sonderinteressen und seiner Zersplitterung. Dieses Directorium ist meines Erachtens bereits verurtheilt. Ich komme nun auf den Punkt der Verantwortlichkeit, und damit auf dasjenige Prinzip, worauf meine Gesinnungsgenossen bestehen zu müssen überzeugt sind, auf das eine Prinzip, hinsichtlich dessen sie den gesetzlichen Antrag stellen werden, daß man mit seinem Namen dafür oder dagegen auftrete. Wir haben die Verantwortlichkeit verlangt, und man hat uns gesagt, sie sei nicht nothwendig, hat aber keine Gründe dafür vorgebracht, sondern nur Worte und Redensarten, die völlig vormärzlich sind. Die Regierungen, hat man behauptet, können und werden nicht ernennen, was dem Volke nicht genehm ist, müssen Dasjenige thun, was man verlangt. O, meine Herren, schwimmen Sie nicht auf diesem Meere des Vertrauens! Es hat von jeher nur Wasser genug gehabt für die flachen Fahrzeuge der Staatszeitungen und ihrer Genossenschaften. Dieses bischen Fahrwasser war eingedämmt durch die Schleußen der Censur und der Ausnahmegesetze, und mit der Sprengung derselben ist ein Sumpf geworden. Es ist nicht wahr, es ist kein Vertrauen in Deutschland, und Derjenige wahrlich muß blind sein, der es behauptet. Ich frage Sie auch ferner, wann denn die Gewalt zu Stande kommen solle, die Sie durch eine Vereinbarung schaffen wollen? Ich will Sie nicht auf die Schwierigkeiten der Einigung über eine solche Wahl, nicht auf den nothwendigen Aufenthalt hinweisen, den die Vorverhandlungen der deutschen Fürsten selbst unerläßlich machen. Nur daran will ich erinnern, daß die Fürsten einen Theil der innern Regierungsgewalt nicht abtreten dürfen, und die Männer des historischen Rechtsbodens, die uns trotzdem versichern, daß ihre Schöpfung binnen wenigen Tagen fertig sein könne, mögen doch nicht vergessen, daß in den Einzelstaaten die Zustimmung der Stände nothwendig ist. Ich kann und will nicht behaupten, daß dies nach allen Verfassungen der Fall sei; allein nach dem §. 2 der sächsischen Verfassung ist dem so, und was Ihnen Schaffrath verkündigt hat, muß ich bestätigen. Unterliegt er hier, als Mitglied der sächsischen Ständeversammlung, siegt er wo anders; denn die sächsische Stände-Versammlung — wie schlimm es auch ist, zu prophezeien, ich prophezeie es doch — gibt, wie ich glaube, die Erlaubniß zur Gründung einer solchen Gewalt jetzt noch nicht. (Mehrere Stimmen rechts: Oh! Oh!) Alle diese Schwierigkeiten, die Sie bis jetzt vor Ihren Blicken gesehen haben, fallen nach unserer Ueberzeugung weg, wenn wir einen Vollziehungs-Ausschuß ernennen. Es bedarf nichts weiter, als der Wahl, und diese geht hier von uns aus. Die Regierungen sollen nichts abtreten von ihren Regierungsrechten im Innern, jener Ausschuß soll nichts haben, als die Vertretung und Vertheidigung des Vaterlandes nach Außen; er ist durch die Nationalversammlung gewählt, und deßhalb im Nothfall von ihr zu entfernen; er ist der Nationalversammlung verantwortlich, und diese Verantwortlichkeit sehe ich eben nur in der Entfernung. Man hat uns zwar gestern darauf hingewiesen, es sei das Directorium oder der Reichsstatthalter der Nachwelt verantwortlich. Das ist sehr wahr. Aber Nero und Caligula, Philipp II. und sein Henker Alba waren der Nachwelt auch verantwortlich. Hat sie dies aber gehindert, Thaten zu vollführen, vor denen sich noch heute das Haar des Menschenfreundes emporsträubt? Wir haben endlich die Competenz dieses Ausschusses beschränkt, und zwar aus den Gründen beschränkt, die ich gegen die Monarchie geltend gemacht habe, weil wir nämlich eifersüchtig und in heiliger Liebe zur Freiheit über ihrer ärgsten Feindin, nämlich der Gewalt, wachen und dieselbe so viel als möglich einschränken wollen, bis die Freiheit diejenige Grundlage gewonnen hat, auf der sie bestehen kann. Auch nur in dieser Beziehung weichen wir von unsern Freunden, mit denen wir sonst innig verbunden sind, ab. Wir wollen etwas weniger Gewalt geben, wo es möglich ist, sie zurückzuhalten; wir wollen wenigstens die Noth an uns herantreten lassen, ehe wir mehr geben. Schließlich ist dann auch unser Vorschlag wohlfeiler, und wenn wir auch zugeben, daß bei dem, was nothwendig ist, es sich nicht darum handelt, einen verhältnismäßig geringen Betrag an Kosten zu sparen, so müssen wir doch, indem wir die Nothwendigkeit bestreiten, auch diese Seite ins Auge fassen, besonders in dem Augenblicke, wo das ganze Volk unter dem gewaltigen Eindruck der letzten Zeit seufzt, und wo die Noth herrscht von einer Grenze des Vaterlandes bis zur andern. Die Freiheit der Wahl durch diese Versammlung ist das zweite Princip, für das wir die namentliche Abstimmung beantragen werden. — Meine Herren! Man hat uns im Laufe der Zeit vielfach auf die Revolution hingewiesen; man hat uns ermahnt, ihren Schlund zu schließen, und uns gesagt, wir eilten der Schreckensherrschaft entgegen. Aber vergessen Sie doch nicht, daß wir in der Revolution stehen, und lassen Sie den Mann, der von verschiedenen Seiten hier citirt wurde, ich meine Mirabeau, Ihnen sagen: „Es ist die kindischste Thorheit, sich dem einmal rollenden Wagen der Revolution entgegenstemmen zu wollen; man kann nur muthig auf ihn springen und ihn zu lenken suchen oder man muß sich von ihm zermalmen lassen.“ Gewiegte Diplomaten, gewissermaßen grau geworden in der Sphäre ihres Berufs, haben wenige Wochen vor dem Februar verkündigt, der Thron Louis Philipp’s stehe fest wie Eisen, und wenige Wochen später war er zersplittert. Glauben Sie nicht, daß, wenn Sie einen Deckel legen da oben auf den Krater oder auf den Abgrund, den Sie schließen zu können behaupten, er damit auch wirklich geschlossen sei. Man sagt: die Weltgeschichte wiederholt sich nicht, und doch wiederholt sie sich so sehr. Unsere Zustände werden von Tag zu Tag denen von 1789 ähnlicher. Sehen Sie die Meinung in den einzelnen Truppencorps bei uns, sehen Sie dieses — Drängen möchte ich sagen nach äußerem Krieg, sehen Sie das Bestreben, die thatsächlich zerfallene Gewalt wieder herzustellen, sehen Sie die furchtbare Besetzung der Grenze, wohin sich die Liebe und die Sympathie des Volks wendet, weil dort die Freiheit wohnt; dagegen die — Vernachlässigung möchte ich fast sagen, wenigstens die unbegreifliche Schutzloslassung der anderen Seite, wo die Tyrannei wohnt, und wo sich des Volkes Haß und Furcht hinwendet. Sehen Sie ferner die beständigen Mahnungen daran, diese „junge“ Versammlung solle sich nicht übereilen, und denken Sie dabei an den Abbé Maury, der seiner Zeit ganz Dasselbe sprach. Alsdann werden Sie in diesen wenigen Zügen schon die außerordentliche Aehnlichkeit unserer Zustände mit jenen erblicken. Unsere Aufgabe ist es, aus der Geschichte zu lernen, nicht ihre Lehren zu mißachten, und dann können wir es nicht verhehlen, daß die Schreckensherrschaft, die man uns aufgestellt hat, nicht zu Paris, sondern zu Pillnitz und Coblenz geboren worden ist, wo man den eitlen Versuch machte, eine zu Grunde gegangene Gewalt wieder herzustellen. (Zuruf von der Linken: Sehr wahr!) Wir können uns nicht verhehlen, daß das Veto den 10. August und den 21. Januar heraufbeschworen hat; Ludwig XVI. ist am Veto zu Grunde gegangen und die Nation hat es im ersten Augenblicke gefühlt, daß dort der wunde Fleck lag, denn von dem Ausspruche an hieß er nur Veto. (Links: Bravo!) Lassen Sie diese Lehre der Geschichte nicht vorübergehen. Wahrscheinlich vermögen wir noch der Revolution, die thatsächlich da ist, eine andere Bahn zuzuweisen, wenn wir ihr gerecht werden. Man hat gestern die Freiheit verglichen mit der Liebe zum Weibe, und eine Zeitung unseres Nachbarstaates, eine französische, hat es jüngst behauptet, das deutsche Volk sei zu alt geworden, um in kühnem Griffe, in männlicher Umarmung sich die holdeste Braut: die Freiheit, zu erobern und sie unzertrennlich an sein Herz zu drücken. Man hat gesehen, daß die Schrecken einer einzigen Nacht die Haare bleichen, und den Menschen zum Greise machen können. Wie sollte das Herz eines Volkes nicht abstumpfen können unter einer dreißigjährigen Tyrannei, wie sollte es nicht alt werden unter der Knechtschaft eines Menschenalters! Aber auch das alte Herz kann lieben, und es liebt inniger, wenn auch ruhiger als das junge, weil es das Bewußtsein in sich trägt, daß der Liebesfrühling ihm nur noch einmal kommt. Es wird für die Erkorene in die Schranken treten, nicht mit der Aufwallung des Jünglings, aber mit der vollen Kraft des reifen Mannes. Ueberliefern Sie die Braut des besonnenen deutschen Volkes nicht ihrem ärgsten Todfeind: der Gewalt! (Von allen Seiten: Bravo! Klatschen auf den Gallerien.)“
Noch am nämlichen Tage fiel die Entscheidung: nicht im ursprünglichen Sinne der Mehrheit, nicht in dem der Minderheit. Gagern that seinen berühmten „kühnen Griff“, indem er sagte: „wir müssen die Centralgewalt selbst schaffen“ — damit sprach er eigentlich nur dasselbe aus, was der Antrag Blum-Trützschler auch an die Spitze stellte. Der „langanhaltende stürmische Jubelruf“[181], welcher das entscheidende Wort Gagern’s begleitete, daß die Centralgewalt vom Parlament selbst geschaffen werden müsse, ward auch von der Linken erhoben. Sie bedurfte gar nicht erst der Erläuterung, die Gagern diesen seinen Worten gab: „Man wird mir nun nicht mehr den Vorwurf machen können, als habe ich das Princip der Souveränität der Nation aufgegeben.“ Aber darüber war nicht blos die Linke betroffen, darüber waren selbst Gagern’s nächste Freunde bestürzt gewesen, als er ihnen von seinem Plan Kunde gegeben: daß er sich als den einen Reichsverweser, den er statt des Directoriums vorschlug, den Erzherzog Johann von Oesterreich denke. Die Linke und das linke Centrum hatten gehofft, Gagern selbst, der Träger der Souveränität des Parlaments, werde die Stelle des Reichsverwesers annehmen. Der Name des Erzherzogs wurde freilich von Gagern nicht genannt. Aber alle Welt wußte, wer unter dem „Fürsten“ zu verstehen sei, dem er die Würde des Reichsverwesers übertragen wollte. Galt doch dieser „Fürst“ dem damaligen Geschlecht als der Einzige unter den Dreien, die früher zu dem Triumvirat der „drei Onkel“ ausersehen waren, als der Einzige, der für sich allein regierungsfähig sei.
Die Hauptlegitimation zu dem schweren Beruf, den man dem Erzherzog zudachte, bildete ein Toast, den er nie gehalten hat. Seine Leistungen als österreichischer Vicekaiser waren bei Lichte besehen von höchst zweifelhaftem Werthe. Er übte schon damals kunstvoll die Tugenden, die ihn in Frankfurt auszeichneten: die unvergleichliche Fähigkeit, Jeden bürgerlich-treuherzig anzubiedern; nichts zu sagen in Worten, denen Jeder die gewünschte Deutung unterlegen konnte; hinzuhalten, bis seine Getreuen die Zeit des Handelns gekommen erachteten. Wer vom Standpunkt des heutigen Geschlechts aus den Gang der Geschichte jener Jahre überblickt, der muß mit Nachdruck aussprechen: der kühne Griff Gagern’s war ein ungeheurer Mißgriff, insofern er die Deutschen Geschicke in die Hand eines habsburgischen Prinzen legte. Das Scheitern der deutschen Bewegung und ihres Verfassungswerkes ist diesem Mißgriff in erster Linie zuzuschreiben. Aber freilich, Biedermann hat Recht: „das Tadeln ist hier leichter, als das Bessermachen“.[182] Niemand, am wenigsten die Linke, konnte damals den Charakter des Mannes übersehen, sein Verhalten der Nationalversammlung gegenüber im Voraus ermessen. Von Blum insbesondere sollen höchst irrige Urtheile über den Reichsverweser noch mitgetheilt werden. Er nannte ihn nur den „Reichsvermoderer.“ Er würde vielleicht jeden andern Fürsten an dieser Stelle auch so genannt haben. Dahlmann, der das Ziel der ganzen Parlamentsarbeit, das preußische Erbkaiserthum, schon seit April klar und fest in seinem Verfassungsentwurf vorgezeichnet hatte, war verdrossener als je über Gagern’s kühnen Griff. Unentwegt durch das stürmische Hochrufen am Schlusse von Gagern’s Rede, hatte er nach ihm die Tribüne bestiegen und sich trotz aller Unterbrechungen Achtung und Gehör erzwungen. Freilich stimmte auch er später für den Erzherzog.
Schließlich war es doch auch nicht zum geringsten Theile die allgemeine tiefe Ermüdung nach einer Woche aufregender Debatten über die Centralgewalt, welche Gagern’s Vorschlag so rasch zum Siege führte. Schreibt doch selbst Blum, der nervenlose, unermüdliche Kämpfer, schon am 22. Juni an die Frau: „das heißt leben, aber auch sich aufleben.“ Und am 25. Juni: „Liebe Jenny. Das waren schwere, schwere vierzehn Tage; die schwersten, die ich je erlebt habe. Von Sonnabend den 10. bis Mittwoch 14. in unermeßlicher Fest- und Reiseanstrengung, von Mittwoch an bis heute in Arbeit. Berge von Stößen haben sich aufgehäuft, aber bei einer halbtägigen Pause am Donnerstage, wo hier Frohnleichnamsfest war, vermochte Niemand etwas zu thun, wir mußten ruhen und flegelten uns im Garten herum.“ Die Wahl des Reichsverwesers erfolgte indessen doch erst am 29. Juni. Jeder Paragraph des Gesetzes über die provisorische Centralgewalt bot Anlaß zu heftigem Parteistreit, namentlich die Unverantwortlichkeit des Reichsverwesers. Die Weigerung Dahlmann’s, des Berichterstatters, auf Biedermann’s Frage zu antworten: „ob hier eine ganz allgemeine oder nur eine politische Unverantwortlichkeit gemeint sei?“ führte bei der Abstimmung sogar zu einer Spaltung des linken Centrums. Einmal, als Heckscher die Linke durch eine Bemerkung beleidigte, die wenigstens dahin gedeutet werden konnte, daß die Linke ihre Anträge von der Gallerie beklatschen lasse, ehe das Parlament sie kenne, drohte das ganze Parlament in wildem Spektakel auseinanderzufahren. Die Sitzung (26. Juni) mußte aufgehoben werden, da der Vicepräsident v. Soiron nicht die zur Bändigung dieses Sturmes erforderliche Kraft besaß. Gerade in diesem Augenblicke wäre das Ansehen des Parlamentes und seiner Beschlüsse durch eine Terrorisirung der Minderheit und einen etwaigen erzwungenen Austritt derselben schlimmer als je geschädigt worden. Deßhalb begannen gleich nach der Sitzung am 26. Juni Vergleichsverhandlungen zwischen den Parteien, die in der Nacht zu einem Abschluß führten. Heckscher gab eine versöhnliche Erklärung, dann folgte Robert Blum, der Namens seiner Partei erklärte:
„Wir ziehen zurück, was wir zurückziehen können; wir unterwerfen uns der Entscheidung dieser Versammlung, sofern sie innerhalb der Schranken des selbstgegebenen Gesetzes erfolgt. Wir erkennen die thatsächlich bestehenden Regierungen an, und soweit sie der Neuzeit treu sind und auf dieser Grundlage sich ihr Selbstbestehen erhalten, mögen sie bestehen. Wir reichen die Hand zur Versöhnung, nicht für jetzt nur; für immer Versöhnung auf dem Boden des Gesetzes und Versöhnung auch auf dem Boden der Vereinbarung. Denn das ist das einzige Mittel, wodurch man sich mit einander vereinbaren kann, wenn die Vereinbarung heilig und unverletzlich ist. (Großer Beifall von allen Seiten[183].“
Bei der Abstimmung über die Person des Reichsverwesers stimmte Blum mit 81 seiner Freunde für Itzstein, 52 andere für Heinrich von Gagern. 27 Abgeordnete der äußersten Linken enthielten sich der Abstimmung. Erzherzog Johann wurde gewählt mit 436 Stimmen. Unmittelbar nach der Wahl erklärte Gagern: „Ich proclamire hiermit Johann, Erzherzog von Oesterreich, zum Reichsverweser über Deutschland.“ Dreimaliges Hoch der Versammlung und der Gallerie erhob sich, alle Glocken läuteten und Kanonensalven erdröhnten. Und in dieses feierliche Getöse sprach Gagern die Worte, die so wenig zur Wahrheit werden sollten: „Er bewahre seine allezeit bewiesene Liebe zu unserem großen Vaterlande, er sei der Gründer unserer Einheit, der Bewahrer unserer Volksfreiheit, der Wiederhersteller von Ordnung und Vertrauen.“
Die Deputation, welche den Reichsverweser in die Paulskirche am 12. Juli einzuführen hatte, wurde durch das Loos bestimmt: durch die Ironie des Zufalls wurde auch Blum ausgeloost. Aus diesen Tagen der Kämpfe und der Einsetzung des Reichsverwesers schrieb Blum die folgenden Briefe nach Hause, die gewiß noch heute nicht ohne allgemeines Interesse sind, besonders wichtig aber für seine Charakterzeichnung, seine Beurtheilung:
Der Schluß des schon oben angeführten Briefes vom 25. Juni an seine Frau lautete: „Ueber die Reise der Linken schreibe ich nichts mehr, Du hast sie ja gelesen; nur war das Bild schwach, weil sich meine Feder sträubte, niederzuschreiben was mir selbst widerfuhr und doch sich alle Huldigungen eben auf mich — den Führer — wendeten. Wenn Du besorgst, diese und besonders die der Frauen möchten mich schwindlich machen, so kannst Du deshalb ruhig sein. Zwar sind die Frauen allerdings fanatisch hier im Süden und ihre Theilnahmsbezeugungen steigen bis zu Unglaublichem. Bei einer lebendigen Verhandlung, einem entschiedenen Auftreten nimmt das Klatschen, das Wehen mit Tüchern, das Zuwerfen von Blumen und Kußhändchen, oder die Uebersendung von Bouquets oft gar kein Ende. Und das geschieht offen, ohne Prüderie, Allen sichtbar, oft unter rasendem Beifall der Gallerie und die ganze Nationalversammlung platzt vor Aerger, denn es hat es noch keine andre Seite, noch Niemand zu einem derartigen Zeichen gebracht als wir. Als ich jüngst über die Centralgewalt sprach und am Schlusse sehr ernst und feierlich wurde, schwamm das Frauenauditorium in Thränen und schluchzend streckte man mir hundert Hände entgegen, als ich herab kam. Das ist ein schönes Zeichen, aber vor Eitelkeit, d. h. persönlicher bewahrt mich 1) jeder Blick in den Spiegel, der mir sagt, daß ich nicht schön und 40 Jahre alt bin, 2) das klare Bewußtsein, daß es nicht dem Manne, sondern dem Parteiführer gilt und ich also stets mit meinen Getreuen theilen muß, wobei mir sehr wenig bleibt. Kommt der Mangel an Zeit dazu, der mir jede Bekanntschaft in Familien unmöglich macht und mich gegen die wenigen, die ich gemacht habe, zwingt unartig zu sein, so bleibt die Sache rein politisch und da ist sie allerdings ein gewaltiger Hebel, gegen den Du nichts haben wirst. Ging es doch dem alten, häßlichen Mirabeau gerade so; hoffentlich werde ich demselben in andrer Beziehung nicht ähnlich“ u. s. w.
Am 19. Mai, am Tage nach der Eröffnung des Parlaments, hatte Blum ein Schreiben von Haubold in Leipzig erhalten, das eine Anweisung auf 350 Thaler enthielt — das Resultat einer verschwiegenen Sammlung wohlhabender Leipziger Bürger, um den Abgeordneten Leipzigs für seine finanziellen Opfer zu entschädigen. Blum antwortete darauf am 5. Juli an Haubold:
Mein theurer und verehrter Freund!
„Dem Schreiben vom 17. vorigen Monats, welches ich wie Du weißt erst jetzt erhalten habe, hat mich zu gleicher Zeit hoch erhoben und tief beschämt: hoch erhoben, denn in dem Sturm der Revolution, in dem wirren Treiben der Parteikämpfe, welche sie nothwendig mit sich führt, ist die Anerkennung edler Menschen doppelt wohlthuend, ermunternd und anspornend; — tief beschämt, weil Du mir im Namen so vieler edeln Männer eine so große und werthvolle Gabe bietest (groß und werthvoll besonders durch den Sinn der Geber!) die nicht verdient zu haben ich nur zu sehr fühle. Ich habe nur meine Pflicht gethan, das mir vom Schöpfer verliehene Pfand verwendet zum Besten meiner Mitmenschen, wie es meine Schuldigkeit war und die mir verliehene Kraft gebraucht, wohin sie gehörte. Haben meine Mitbürger in der Nähe und Ferne mich dafür weit über Gebühr ausgezeichnet, so wurde mir diese Auszeichnung weniger durch eigenes Verdienst als durch das fluchwürdige Bestreben des gestürzten Systems zu Theil, die Pflichterfüllung für das Vaterland zu hintertreiben und zu ächten, und diese in einem durch Bevormundung entarteten Geschlecht zur Seltenheit zu machen. Die Neuzeit wird edlere Kräfte lösen und auf den Schauplatz rufen; und dessen wird sich Niemand inniger und herzlicher freuen, als ich.
Nehme ich nun die mir gebotene Gabe mit Beschämung und innigster Dankbarkeit an, so betrachte ich dieselbe doch nur als ein Darlehen, als eine heilige Schuld, die ich dem Vaterlande abzutragen habe. Und ich kann sie nicht besser abtragen, als wenn ich dem Vaterlande, der Freiheit, der Verbesserung der politischen und socialen Zustände meine Kraft, mein Wirken, mein Leben, mein Gut und Blut widme, wo und wie es nöthig ist. Das zu thun aber gelobe ich Dir und allen edeln Männern und Mitbürgern hiermit auf’s Feierlichste, und versichere, daß es der schönste Augenblick meines Lebens sein wird, wo Du mir die Hand reichen und sagen kannst: Blum, Du hast einen Theil Deiner Schuldigkeit getilgt[184].
Wenn ich Dich nun bitte, der Dolmetscher meiner Gefühle zu sein, wie Du der Vermittler warst bei der mir bereiteten Freude, so mache ich noch eine hohe Forderung an Dein Herz. Bewahre mir, soweit Du kannst, das Vertrauen und die Achtung meiner Mitbürger, welche zu untergraben man leider! sehr bemüht ist. In Zeiten, wie die unsrigen, wo die Woge der Bewegung steigt und fällt, mit derselben aber die Parteien und ihre Führer und Glieder bald im Lichte, bald im Schatten stehen, ist es nicht möglich jeden einzelnen Schritt als Maßstab der Beurtheilung für einen Abgeordneten anzunehmen; es ist ungerecht, unedel und unbillig auf Einzelheiten hin Verdächtigungen und Schmähungen auszustreuen. Obgleich ich nun nie einen Schritt gethan, dessen strengste Beurtheilung ich von unbefangenen Beurtheilern zu scheuen hätte, so ist es doch keine unbillige Forderung, daß man mein Wirken als ein Ganzes, in seiner Gesammtheit beurtheile, daß man meine eigenen Worte und meine eigenen Handlungen zu Grunde lege, nicht die Entstellungen und Verdrehungen, die man in Sachsen gegen und über mich verbreitet.
So empfiehl mich denn herzlichst allen Betheiligten und bringe ihnen meinen Gruß und Handschlag bis ich selbst Gelegenheit haben werde, ihnen Rechenschaft über mein Thun abzulegen. Du aber erhalte mir ferner Deine Liebe und Freundschaft und empfange den herzlichsten Gruß von Deinem treu ergebenen Robert Blum.“
Um dieselbe Zeit (einige Tage früher, ohne Datum) schrieb er an die Frau:
„Daß ich in Leipzig fehle, sehe ich allerdings sehr gut ein; aber es geht nicht anders und es wird auch jetzt nicht viel verloren dort. Sollte es nöthig sein, dort wieder Boden zu gewinnen, so kann das bald geschehen. Leipzig ist doch sehr erbärmlich; diese kleinlichen, gemeinen Häkeleien auf den Abgeordneten, sind in der ganzen Welt, in keinem Blatte Deutschlands so, wie in Leipzig. Und diese theewässerigen, fischblutigen, juchtenledernen Vaterlandsblätter, die wir noch zur Hälfte von hier aus füttern, haben nicht soviel Muth und Gefühl, daß sie diese Gemeinheit nur einmal geißeln. Wir hier schämen uns unseres Blattes und unserer Freunde, daß sie dieser Unverschämtheit der Biedermänner[185] gegenüber nichts, nichts thun, und Günther und ich werden uns nächstens von den Vaterlandsblättern lossagen. — Friese’s Krankheit hat sich, wie ich höre, wieder gebessert; aber er wird nicht wieder zu fester Gesundheit kommen[186], wie ich höre. Was meine Geschäftsverhältnisse betrifft, so ist unser Buchhandel todt und es wird lange Zeit brauchen ehe er wieder auflebt. Ich weiß nicht, was ich anfangen soll, wenn ich zurückkehre; doch daran ist jetzt nicht zu denken“ u. s. w.
Am 5. Juli schrieb er der Gattin wieder:
„Liebe Jenny. Also Du bist immer noch krank[187]. Das dauert ja sehr lange diesmal. Nun, Dein Bleistiftbriefchen beruhigt mich wenigstens, daß es besser geht. Mache nur, daß Du gesund, und völlig wieder dem Haushalt und den verwaisten Kindern zurückgegeben wirst. Uns geht es ziemlich schlecht, die Mehrheit wird alle Tage frecher und unverschämter, steckt mit den Regierungen unter einer Decke, spielt in und mit der Versammlung Comödie und treibt ihren Verrath ziemlich offen; es ist ganz 1789. Ob die Menschen niemals an 1793 denken? Wie unangenehm die Stellung nur sein mag, so muß sie doch ertragen werden und wir sind auch guten Muthes und donnern nur um so mehr los. Die gemeinen, kleinlichen, erbärmlichen Umtriebe in Leipzig nur ärgern mich, ärgern mich deßhalb, weil in keiner Stadt, in keinem Orte (wir haben hier alle Zeitungen) eine solche Jämmerlichkeit zur Schau getragen wird, wie dort. Wäre ich dort und es geschähe einem Andern, ich würde dieses Gesindel geißeln nach Herzenslust; unsere Leute aber regen sich nicht einmal gegen .... Lügen, die sie durch die stenographischen Berichte klar beweisen können. Mögen sie! —“
In der Nacht vom 15. zum 16. Juli schreibt er an dieselbe:
„— — Leider bemerke auch ich, wie die Vierteljahre enteilen. Bereits ist der längste Tag vorüber und ich habe vom Sommer nichts, gar nichts gemerkt, als daß die Hitze in der Paulskirche und in den Commissionslocalen unerträglich ist und mir oft nur alle 8 Tage Zeit bleibt, einmal zu baden. Wir müssen wirklich große Opfer bringen an Kräften und Wohlsein; und wenn sie nur nutzten! Aber gegenwärtig geht es sehr schlecht, der Wahnsinn glaubt jetzt, der Reichsverweser bringe die goldene Zeit und denkt nur an ihn. Aber der Rückschlag wird und muß auch kommen und dann wollen wir thätig sein. Wenn der Herbst kommt, wendet sich die Sache. — Also werde gesund und bewahre mir die armen Kinder! Aber die entbehren mich wohl gar nicht mehr? Warum muß man so arm sein, daß man dieselben gar nicht sehen kann! Doch ich komme jedenfalls in einiger Zeit einmal nach Hause und wenn es auch nur auf einige Tage ist. Lebt alle recht wohl und nehmt Gruß und Kuß von Eurem Robert.“
Am 19. Juli endlich schreibt er an dieselbe:
„Liebe Jenny! Eben komme ich vom Hofe und benütze die Minuten, die mir bleiben, dazu, Dir wenigstens dieses Zettelchen zu schreiben. Den Halloh, Spectakel und officiellen Jubel kannst Du aus den Zeitungen lesen; aber wahrscheinlich hast Du trotz allem Jubel den Reichsverweser und Vermoderer nicht gesehen und ich muß Dir also melden, daß er ein so erdiges, abgelebtes, todtes, regungsloses Gesicht hat, daß es den übelsten Eindruck macht und jedes Fünkchen Hoffnung, welches sich an ihn knüpfte, vernichtet hat. Im Privatverkehr ist er ein achtungswerther, liebenswürdiger Mensch, der aber in jedem Worte zeigt, daß er eben nur in’s Haus taugt, nicht in’s politische Leben. Es ist entsetzlich, daß man diesem Menschen Deutschland vertrauen will; allein Bestand kann die Sache nicht haben, oder vielmehr, er kann nur eine unbedeutende Puppe sein, die aber hemmt auf Schritt und Tritt. Daß mich das Unglück getroffen hat, ihn heute Morgen becomplimentiren zu müssen, wirst Du schon wissen; es war ein schweres Opfer, welches der Partei gebracht werden mußte, aber es hat mir auch wieder den Vortheil gebracht, den armseligen Menschen in der Nähe zu sehen und mich zu überzeugen, daß er ein wirklicher Vermoderer ist. Das Ministerium, welches wahrscheinlich morgen an den Tag kommt, wird rein reactionär, aber die Ministerien dauern jetzt nur vier Wochen. — Wie werden unsre armen Kinder verlassen sein jetzt! es wird mir doch manchmal recht sauer hier zu bleiben, so ununterbrochen hier zu bleiben und ich muß mich förmlich von dem Gedanken losreißen. Geht es so fort, so gehe ich jedenfalls einmal auf 8 Tage nach Haus. — Lebe wohl, liebe Frau, grüße die Kinder und sei auch Du herzlichst gegrüßt von Deinem Robert.“