Höchst muthig hat sich Blum im Kampfe gehalten. Wir haben dafür eine Reihe bekannter Aeußerungen. Zunächst seiner Feinde. Selbst Herr v. Helfert kann das nicht in Abrede stellen[275]. Auch der schwarzgelbe Lyser nicht, welcher schreibt: „Von den Redacteuren, mit Scham und Aerger muß ich es sagen, besaß nicht einer so viel Ambition als Robert Blum traurigen Andenkens.“[276] Während nun aber Lyser Blum’s Tapferkeit, da sie für eine so schlechte Sache vergeudet wurde, als „wahren Muth“ nicht gelten lassen will, sind die gleichzeitigen Blätter voll von Lob über Blum’s Kaltblütigkeit und Todesmuth im feindlichen Feuer. Aber auch noch Jahrzehnte später urtheilten die Augenzeugen nicht anders, erinnerten sie sich seiner tapferen Haltung im Gefecht. So Eduard Lasker. So ein Offizier des Elite-Corps, der einen ganz Deutschland theuren Namen trägt, der Bruder eines auch in diesen Blättern oftgenannten Abgeordneten der Paulskirche; ohne daß ich nur von seinem Leben Kenntniß hatte, bestätigte er mir brieflich aus freien Stücken noch im September 1878 Blum’s Tapferkeit. Eine Kanonenkugel riß aus einer Barrikade einen Sandstein weg, auf den Blum eben seinen Arm gestützt hatte und schleuderte ihn weit hinweg auf das Pflaster. „Wenn der nicht so schwer wäre,“ sagte darauf Blum zu dem eben genannten Hauptmann, „so könnte man ihn nach Hause schaffen und ein Andenken daraus machen lassen.“ Als die Leute Blum’s im heißen Feuer Zeichen der Unruhe gaben, rief er: „Kinder, die Kugeln, die Ihr pfeifen hört, thun Euch nichts.“ Und diese Ruhe bewies er in einer Lage, die den erprobtesten Krieger hätte außer sich bringen können: „Robert Blum stand den Kroaten gegenüber,“ berichtete Fröbel am 18. November dem Parlament[277]. „Er hatte fünf Kanonen, aber den strengsten Befehl in der Tasche, sie nicht zu gebrauchen.“ An seine Frau schrieb Blum am 30. October[278]: „Ich habe am Samstag (28. October) noch einen sehr heißen Tag erlebt, eine Streifkugel hat mich unmittelbar am Herzen getroffen, aber nur den Rock verletzt.“ Das ehrenvollste Denkmal hat der Commandant des Elite-Corps selbst Blum’s Kampfesmuth gesetzt, freilich in einem so grauenhaften Deutsch, daß es Messenhauser selbst geschrieben haben könnte. Leipziger Blätter nämlich veröffentlichten am Tage der Todtenfeier Blum’s folgendes Schreiben von „Ernst Haug, Major und Chef des Generalstabs der Wiener Nationalgarde“ aus Leipzig vom 27. November 1848:
„Von den Freiheitskämpfern Wiens, welche ein höher waltendes Schicksal dem Blutbeile des Würgers von Hetzendorf entführt hat, weilen mehrere in dem gastlichen Leipzig. Sie alle erkennen die heilige Pflicht, dem Todtenopfer beiwohnen zu müssen, welches heute dem Märtyrer Robert Blum von dem pietosen Sinne der Bewohner dieser Stadt veranstaltet ist. Indem ich im Namen meiner Verbannungsgenossen die Ehre habe diese Mittheilung zu machen, sehe ich mich besonders berufen, die heldenmüthige Vertheidigung der Rosomowski’schen Brücke während 36 Stunden, vom Hauptmann R. Blum commandirt, als eine glänzende Kriegsthat zu erklären, welche nur einem Verbande (!) von Muth und Kaltblüthigkeit wie ihn der edle Gefallene bewies, gelingen konnte. Ich lege diesen Nachruf als eine Immortelle auf den Sarkophag meines tapferen Kameraden R. Blum. Genehmigen Sie &c.“
Es ist daher gewiß unrichtig, wenn Springer[279] schreibt: „Sobald die Frankfurter Deputirten merkten, daß das Corps d’élite zum Barrikadenkampf verwendet werde, gaben sie ihre Entlassung ein.“ Beide, auch Fröbel, hatten zwei volle Tage im heißesten Feuer gestanden, ehe sie aus den Reihen der Kämpfer für immer austraten.
Diese Thatsachen sind nicht blos wichtig für die Charakteristik Blum’s, insofern sie beweisen, daß er die Versicherung: Gut und Blut für seine Ueberzeugung einzusetzen, nicht blos im Munde führte; noch wichtiger sind sie für zwei in der Folge noch zu berührende Fragen. Die Feinde Blum’s werfen ihm nämlich vor, er sei nicht gestorben als Held, sondern fassungslos; selbst von „zitternden Knieen“ wird geredet. Wir werden diese niedrige Verdächtigung noch näher prüfen. Aber schon jetzt leuchtet ein, wie wenig eine solche Behauptung Glauben verdient, da derselbe Mann, der vor drei Flintenläufen gezittert haben soll, hunderten von Feuerschlünden kaltblütig zwei Tage sich aussetzte! Das Andere betrifft die verlogene Ausrede der k. k. Tendenzschriftsteller: Fröbel sei begnadigt worden, weil er, im Gegensatz zu Blum, am bewaffneten Widerstand nicht Theil genommen habe. Fröbel hat in seiner Rede vor dem Frankfurter Parlament ausdrücklich bekannt, mitgekämpft zu haben. Er sagt[280]: „Wir kamen an die äußersten Punkte der Stadt, wo Barrikaden gebaut waren, an die gefährlichsten Orte, die überhaupt möglich waren.“ Er spricht von „einer einige Tage andauernden militairischen Laufbahn“ und fügt hinzu: „An der Barrikade, wo ich stand, hatte man meinen Leuten Patronen ohne Kugeln ausgetheilt. Ich selbst habe Kanonenpatronen abgeliefert, die mit Sägspänen gefüllt waren.“ Niemand, am wenigsten ein Militair, wird bestreiten können, daß diese Betheiligung Fröbels an den Ereignissen vom 26.-28. October als eine Betheiligung am Kampfe anzusehen ist, selbst wenn seine Mannschaft nicht einen Schuß abgegeben hätte. Denn auch die Reserve wirkt mit zur Schlacht. Und Fröbel stand an der Barrikade, an den „gefährlichsten Orten“. Aber er spricht noch deutlicher aus, daß er mitgekämpft hat: „Nach solchen Thatsachen,“ berichtet er, „können Sie wohl denken, daß wir von dem Kampfe abstehen wollten. Unsere Activität hatte am 26. begonnen; am 28. Abends beschlossen wir, unsere Demission einzureichen. Am 29. früh 6 Uhr ist dies von uns schriftlich geschehen, und die Demission ist von dem Commandirenden des Corps angenommen worden. Nachdem dieses vorüber war, haben wir an dem, was weiter geschah, keinen Antheil genommen.“ Wenn Fröbel für gut fand, vor dem Kriegsgericht auszusagen, daß er nicht am Kampfe Theil genommen habe[281], so stand dieser Behauptung schon der Eingang seiner Vernehmung entgegen, wo Fröbel zugestand, daß er nach seiner Verwendung in der Jägerzeile (27. October) den General Bem aufgefordert habe, ihm einen anderen Posten zu geben, da ihm diese Position unhaltbar schien.[282] Mit einem Worte: man wollte eben Fröbel begnadigen, Blum erschießen. Der sogenannte Prozeß gegen Beide ist die widerlichste Komödie, welche jemals unter der Maske der Justiz aufgeführt worden ist.
Schon am ersten Tag ihrer Betheiligung am Kampfe hatten die Abgeordneten übrigens erkannt, daß die Stadt nicht zu halten sei; sie glaubten Beide an Verrath. Aber auch ohne Verrath war den übermächtigen Angriffsmitteln der Truppen nicht zu widerstehen. Vom Frühmorgen des 26. October an erdröhnte unaufhörliches Kanonen- und Musketenfeuer von der Nußdorfer bis zur St. Marxerlinie. Beim Abbruch des Gefechts hielten die Angreifer die Brigittenau und den Prater besetzt, bestrichen vom Eisenbahndamm die Hauptbarrikade am Praterstern und hatten die Vertheidiger bis in die inneren Vorstädte zurückgeworfen. Die Truppen hätten wohl kaum ernstlichen Widerstand erfahren, wenn sie an diesem Abend durch die von Fröbel als unhaltbar bezeichnete Jägerzeile in die innere Stadt vorgedrungen wären. Aber das widersprach der fürstlichen Kriegskunst. Windischgrätz hatte am 26. blos „recognosciren“ wollen und weiteres Vordringen mußte einer förmlichen „Schlacht“ vorbehalten werden. Dazwischen mußte nach dem Kriegscomment des Fürsten eine 24stündige Waffenruhe liegen. Diese Pause benützte er, die Stadt noch einmal zur Unterwerfung aufzufordern. Als ob die bisherigen Kämpfe nur mit Worten geführt worden seien, verkündigte er: „daß ihm nichts übrig bleibe, als nunmehr die Gewalt der Waffen eintreten zu lassen; es habe von jetzt an niemand Schonung zu erwarten, der mit den Waffen in der Hand angetroffen werde“. Das Obercommando, das im Besitz dieser Proclamation war, ließ sie nicht veröffentlichen, sondern Messenhauser fuhr in der Fabrikation seiner eigenen stilvollen Proclamationen fort: „Wir können den abgerissenen Faden der Unterhandlungen nicht mehr aufnehmen,“ schrieb er am 26. Fürst Windischgrätz beharre bei seinen Bedingungen, „ohne das Gottesurtheil eines gerechten und heiligen Kampfes versucht zu haben. So möge denn das Verhängniß eines Bruderkampfes walten! Die Würfel sind gefallen, das heilige Recht wird siegen.“ So ging das auch am 27. mit ungeschwächten Kräften fort.
Am 28. früh wurde die „Schlacht“ überall aufgenommen. Der planmäßige Hauptangriff auf die Vorstädte begann. Schauerlich dröhnten die Sturmglocken des Stephansthurmes über die bedrängte Stadt. Die Mobilgarden eilten an die gefährdetsten Punkte, Jägerzeile und Landstraße. Wo Bem persönlich befehligte, war die Vertheidigung zäh. Aber unhaltbar war in dem mörderischen Geschützfeuer der Angreifer auch die festeste Barrikade. Triumphirend konnte der Feldmarschall des Abends nach Olmütz telegraphiren: „Die Truppen sind nach neunstündigem Barrikadenkampfe der Disposition gemäß in die Vorstädte Landstraße, Leopoldstadt und Jägerzeile eingedrungen und haben dieselben bis an die Wälle der (innern) Stadt besetzt.“ Daß ein furchtbarer Flammengürtel rings um die innere Stadt zum Himmel lohte und die Bahn der Sieger bezeichnete, telegraphirte der Fürst nicht nach Olmütz. Auch von den furchtbaren Gräueln seiner braven Soldaten hatte er nichts zu melden, noch weniger suchte er dem barbarischen Morden, Schänden und Plündern dieser Horden Einhalt zu thun. Er war ja gekommen, um der Stadt Ruhe und Ordnung zu bringen. Und in der That konnte es nichts Ruhigeres geben, als die Grabstätten der von der Soldateska des Herrn Fürsten hingeschlachteten wehrlosen Bürger, Weiber und Kinder; nichts Ordentlicheres als die von den zuchtvollen Siegern bis auf’s Letzte ausgeplünderten Wohnstätten, namentlich wenn der für solche Fälle bereit gehaltene rothe Hahn die etwa noch vorhandenen Spuren der Unordnung getilgt hatte. Herr v. Helfert und neben ihm sein „glaubwürdiger“ Herr Dunder[283] sind gewiß die Letzten, welche Fürstlich Windischgrätzischen Truppen Böses nachsagen werden. Und doch muß Herr v. Helfert[284] zugestehen, daß „es in den eroberten Vorstädten von Seiten der siegestrunkenen Soldaten gräulich zuging. Es läßt sich für Acte solchen Charakters keine Entschuldigung vorbringen, nur eine Erklärung.“ Und diese Erklärung ist die schwerste Anklage, die der geschworenste Feind des Fürsten hätte ersinnen können. Sie lautet: „Von mehr als einem Offizier hatten die Soldaten den Aufruf (?) vernommen: „wenn sie nach Wien kämen, dürften sie das Kind im Mutterleibe nicht schonen“ “[285]. Muß sich da nicht die Frage regen, ob solche frevelhafte Reden der Offiziere, die nicht blos der Anstiftung, sondern dem Befehl zu ruchlosesten Mordthaten gleichkamen, ohne Wissen und Billigung des Fürsten zugelassen worden seien? Die fürchterlichen Gräuel, welche Helfert nun Seiten lang aufs Einzelnste erzählt, mit so eisiger Gelassenheit wie Machiavelli den Mord von Sinigaglia, kann man sonst nur noch in Indianergeschichten wiederfinden. Eine weitere Mißbilligung hat Herr v. Helfert nicht für dieselben, noch weniger für den Feldherrn, der sie zuließ. Im Gegentheil wird der letztere am Ende dieser haarsträubenden Frevel von Herrn v. Helfert zum „menschenfreundlichen Feldherrn“ befördert. Uebereinstimmend mit Dunder[286] bestätigt v. Helfert auch, daß das Plündern und Würgen erst am Morgen des 29. aufhörte, erst da die Soldaten zusammengezogen wurden. Am 29. Nachmittags waren in der Matzleinsdorfer Kirche 19 Leichen Ermordeter ausgestellt, „damit jede Familie die ihrigen (!) herausfinden möge, und am 30. führte man aus der Johannagasse und vom Hundsthurmer Walle 57 Todte“ (Ermordete) fort. „Die das Militair vor die Linie hinausgeführt und dort erschossen und begraben hatte, waren nicht dabei“ (Helfert und Dunder). „Man hält sie alle für schuldlose Opfer. So viel ist gewiß, daß von allen 57 Todten nicht einer in der Gegenwehr gefallen ist und ebenso sicher ist es, daß keines der Häuser in der Johannagasse durch das Bombardement angezündet wurde, sondern einzig und allein durch die Rache und den Muthwillen der Soldaten, mitunter auf das Geheiß ihrer Offiziere.“ (Dunder). Die Soldaten, die so wütheten, waren nicht Kroaten, sondern böhmische und galizische Kerntruppen (von den Regimentern Paumgarten, Latour, Parma, Nassau) und Jäger (Helfert).
Daß die Stadt nicht mehr zu halten sei, war nun (am Abend des 28.) die allgemeine Ueberzeugung. Einige der unbezwungenen Vorstädte, Rossau und Wieden, ließen Messenhauser erklären, daß sie keinen Befehl zur Wiedereröffung der Feindseligkeiten mehr annähmen und lieferten die Waffen ab. Am Spätabend versammelte Messenhauser seinen Kriegsrath in der Stallburg. Die große Mehrzahl sprach und stimmte für Unterwerfung, da es besonders an Munition fehlte. Messenhauser schlug eine neue Deputation an den Fürsten vor, „um ihn zu halbwegs menschlichen Bedingungen zu vermögen.“ Das wurde angenommen, die Deputation ward gewählt. Der Gemeinderath, bei dem Messenhauser unmittelbar nachher erschien, fügte der Deputation einige seiner Mitglieder hinzu. Der Reichstagsausschuß lehnte seine Betheiligung ab. Er überließ wie gewöhnlich „alles Weitere dem gewissenhaften Ermessen der Vertreter und Vertheidiger der Stadt“. Bem sah seine Wiener Laufbahn für beendigt an und verschwand ebenso geheimnißvoll aus Wien, als er gekommen war. Blum und Fröbel nahmen am Frühmorgen des 29. von ihrem Hotel aus ihre Entlassung. „Leider endete damit nicht auch Blum’s revolutionäre Thätigkeit“, insinuirt Herr v. Helfert. Wir werden sehen, mit welchem Rechte!
Die Deputation der städtischen Behörden verfügte sich in der sonntäglichen Stille des 29. October zum Fürsten auf den Laaer Berg, von wo aus der Fürst die Kämpfe der letzten Tage geleitet hatte. Tiefer Friede lag über der Stadt, der Landschaft, die Tags zuvor alle Gräuel des Bürgerkrieges gekostet. Von den Thürmen wehten weiße Fahnen. Glockengeläute klang wehmüthig über der bezwungenen Stadt. Nicht mehr zum Kampfe rief es, zum Gebet. Schaarenweise strömten die Frauen zur Kirche, den Höchsten anzuflehen um Erlösung von tausendfältigem Uebel. Auch Fürst Windischgrätz hatte eine Art von Sonntagsfrieden im Herzen. Unbeugsam hielt er zwar seine Bedingungen fest. Aber als ihn die Vertreter der Stadt anflehten um Milde und Gnade, auch für die Deserteure, die in Wien gegen seine Truppen gefochten, gab er sein fürstliches Wort zum Unterpfande: er werde sich an Großmuth nicht überbieten lassen.[287] So ward ihm denn die unbedingte Unterwerfung der Stadt zugesagt. Messenhauser suchte im Innern der Stadt in seiner Weise, auf dem gewohnten Wege der Proclamation auf diese Wendung vorzubereiten. „Wir stritten nicht mit der vollen Aussicht, mit der sichern Ueberzeugung auf den factischen Sieg“, offenbarte er nun plötzlich, „wir stritten einfach als constitutionelle Männer, um für unsere Ehre das äußerste gethan zu haben. Daher ergeht jetzt an Euch, Mitbürger, die dringende Aufforderung, Gewissen und Vernunft zu erforschen“. Er fügte hinzu, daß jede bewaffnete Compagnie nach der Rückkehr der Deputation die Erklärung abzugeben habe, ob sie für die Fortsetzung des Kampfes oder für die Unterwerfung stimmen wolle. „Die Mehrheit ist das Gottesurtheil für Entschlüsse und Handlungen, insolange nicht die Minorität auf natürlichem Wege zur Majorität geworden.“
Um vier Uhr Nachmittags fand diese Abstimmung in der Stallburg statt. Sie führte zu den leidenschaftlichsten Scenen. Aber dennoch siegte auch hier, vornehmlich durch Messenhauser’s überzeugende Reden zu Anfang und am Schlusse der stürmischen Verhandlungen, die Stimme der Vernunft. Messenhauser feierte den glücklichsten Tag seines Lebens. Auch im Studentenausschuß, der in geheimer Sitzung über die Frage der Capitulation berieth, waren die Ansichten getheilt. Da traten Blum und Fröbel herein, begrüßt von dem Jubel der Studenten. Blum verlangte sofort das Wort und sagte: „Er sei zur Ueberzeugung gekommen, daß man ohne Plan und Ziel seine Kräfte, sein Leben einer Bewegung geweiht habe, die keine Aussicht auf einen wahrscheinlichen Sieg habe; es sei auf Kräfte gerechnet worden, die man nicht besitze; man habe eine durch fünfzehn Kreuzer[288] hervorgerufene Kampflust für wahre Begeisterung des Volkes genommen. Jeder Versuch, den Kampf länger fortzusetzen, sei Wahnsinn, sei Verbrechen, weil man, wie die Sachen ständen, nicht siegen könne.“[289] Auch Fröbel mahnte zur Uebergabe. Das Studentencomité beschloß in diesem Sinne.
Hätte Fürst Windischgrätz einen Funken wahrer militairischer und namentlich staatsmännischer Begabung besessen, so hätte er bei dieser tiefen Niedergeschlagenheit der Vertheidiger sich sofort mühelos und widerstandslos zum Herrn der Stadt gemacht. „Dem steifen, förmlichen Wesen des Feldherrn waren aber rasche Entschließungen in hohem Grade zuwider, es mußte zuerst eine „gemischte Commission“ von Offizieren und Gemeinderäthen zur Berathung über die Modalitäten der Entwaffnung bestellt, dann eine neue Punctation der Deputation entworfen werden. Darüber ging eine kostbare Zeit verloren.“[290] Die anarchistischen Elemente der Stadt, die Deserteure, die sich nach der Capitulation den Kugeln des Standrechts preisgegeben sahen, gewannen in diesen nutzlos vergeudeten Stunden den Muth der Verzweiflung, die nichts mehr zu verlieren hat, und verlangten die Fortsetzung des Kampfes. Daß Verrath Schuld an der trostlosen Lage der Stadt sei, war allgemeiner Glaubensartikel. Fröbel hat ihn, wie wir sahen, später vor der Paulskirche bekannt, und Blum schrieb aus dieser Stimmung am 30.[291] an die Gattin:
„Liebe Jenny! Die Schlacht ist verloren, das boshafte Glück hat uns geäfft. Nein, das Glück nicht; der schmachvollste Verrath, den jemals die Weltgeschichte gesehen hat, war derart gesponnen, daß er im Entscheidungsaugenblicke und allein in diesem ausbrach. Wien capitulirt eben und wahrscheinlich wird die innere Stadt heute Abend oder morgen übergeben; dadurch sind einige noch unbesiegte Vorstädte dann ebenfalls bezwungen oder werden es wenigstens leicht. Ein Theil des Heeres, d. h. des städtischen Heeres — will die Waffen nicht ablegen, besonders sind die übergetretenen Soldaten in wahrer Raserei; es kann demnach sehr schlimme Scenen im Innern geben. Sobald der Verkehr wieder beginnt, reise ich ab und komme nach Leipzig. Leb’ wohl, ich kann nicht mehr schreiben, mein Herz ist zerrissen von Zorn und Wuth und Schmerz. Lebe wohl! Auf baldiges Wiedersehen! Gruß und Kuß. Robert. — Es fällt mir eben ein, daß Du nichts mehr zu leben hast; es geht Dir wie uns. Wir haben nur Brot, Eier, Käse und ein wenig gesalzenes Fleisch, auch etwas Fische, alles enorm theuer. Laß Dir, wenn Du auf Georg nicht warten kannst, von Freund Heyner 30 Thaler geben, ich schicke sie ihm dann gleich zurück, wenn ich wieder dort bin.“
Ein unseliges Geschick machte die Zögerung des Fürsten bei der Besitznahme der Stadt besonders verhängnißvoll. Am Nachmittag des 30. October rückten nämlich plötzlich die so lang ersehnten ungarischen Heersäulen zum Entsatze der bedrängten Hauptstadt heran und stellten sich bei Schwechat den Heerhaufen Jelačić’s gegenüber. Zweimal schon hatten sie im October die Leitha überschritten, waren aber aus politischen Bedenken immer wieder auf ungarisches Gebiet zurückgekehrt. Da eilte Kossuth selbst in das Lager bei Parendorf und drängte zum Angriff. Er sandte am 25. dem Fürsten ein Ultimatum. Windischgrätz antwortete mit seinem Sprüchel: „Mit Rebellen unterhandle ich nicht“, und behielt den ungarischen Sendboten, den Oberst Ivánka als Kriegsgefangenen im Lager. Dieser Bruch des Völkerrechts heischte Rache. Am 26. brachen die Ungarn auf. Am 30. standen sie bei Schwechat. Das Treffen war ein kurzes. Die Ungarn wichen rasch zurück, ohne eine entscheidende Niederlage erlitten zu haben, aber auch ohne die Absicht, je wieder den Wienern zu Hülfe zu kommen. Am 31. stand Moga schon wieder auf vaterländischem Boden. Für Wien aber war diese kurze Episode von furchtbaren Folgen!
Seit dem Frühmorgen des 30. October hatte man in Wien vom Anmarsch der Ungarn geredet. Messenhauser, der sein Commando bereits niedergelegt, übernahm es wieder, stieg auf den Stephansthurm und meldete von hier gegen Mittag, daß man deutlich ein Gefecht bei Kaiserebersdorf gewahre. Bald folgten zwei weitere Bulletins, welche die offenbare Annäherung der Schlacht, also das siegreiche Vordringen der Ungarn meldeten und den Nationalgarden befahlen: „im Falle ein geschlagenes Heer sich unter den Mauern Wiens zeigen sollte, auch ohne Commando unter das Gewehr zu treten“. Diese Aufforderung konnte nur bedeuten, daß die Nationalgarde sich über die Truppen des Fürsten hermachen solle, um diese vollends zu vernichten. Auf eine solche Losung hatte das anarchische Proletariat nur gewartet. Umsonst war der Widerruf Messenhauser’s, der bald seinen schweren Irrthum erkannte. Umsonst versicherte der Gemeinderath, daß die Capitulation bereits abgeschlossen sei; umsonst versprach er, den Sold an die Arbeiter und Unbemittelten „bis zur hergestellte Ordnung der gestörten Gewerbsverhältnisse“ fortzuzahlen. Umsonst endlich warf Messenhauser die schönsten Blüten seiner Proclamationskunst unter die Menge: „An Wien, dem einstigen heitern Zusammenflusse der Fremden und Wißbegierigen, soll sich nicht eine Erinnerung, gräßlich und erschütternd, wie jene von Troja, Jerusalem, Magdeburg knüpfen; jede belagerte Stadt muß sich ergeben, wenn es zum Sturm gekommen ist.“ Die zuchtlosen Mobilen dachten nicht an Ergebung, aber auch nicht mehr an Gehorsam gegen irgend einen Befehl. Messenhauser wurde der Vorwurf des Verraths offen ins Gesicht geschleudert, stürmisch seine Absetzung verlangt. Schließlich ließ der unselige Mann sich bewegen, mit Fenneberg sich in das Commando zu theilen und auch die wildesten Maßregeln des Pöbels, den Aufstand gegen jede gesetzliche Autorität, einen Kampf, dessen Nutzlosigkeit und Nichtswürdigkeit er einsah, mit seinem Namen zu decken. Als die souveränen Gewalthaber Wien’s durchzogen die Proletarier seit dem Abend des 30. die Straßen, preßten Alles zum Kampfe, übten jede Gewalt gegen Diejenigen, welche sich ihrem verbrecherischen Ansinnen aller Art widersetzten; kurz, die Pöbelherrschaft in schlimmster Form herrschte seit dem 30. October in Wien.
Es ist traurig, daß man heute, nach dreißig Jahren noch, gezwungen ist, Robert Blum gegen den Verdacht zu rechtfertigen, daß er sich an diesem schuldvollen Capitulationsbruch betheiligt habe, daß er unter Denen gewesen sei, welche Messenhauser’s Absetzung verlangt, ja ihn mit dem Leben bedroht hatten, daß er zur Weiterführung des Kampfes aufgereizt haben soll. Allerdings ist der Gewährsmann für diese Behauptung nur Herr v. Helfert. Selbst seine „zuverlässigen“ Quellen, Dunder, Köcher und wie die Söldlinge des Wiener k. k. Militärcommando’s aus den Jahren 1848/49 Alle heißen mögen, geben sich nicht her zu Genossen dieser Verdächtigung. Herr v. Helfert nimmt diese Behauptungen ganz allein auf sich selbst und er hat es daher auch allein zu tragen, wenn hiermit erklärt wird: daß Derjenige wissentlich und in der Absicht, einen Todten zu verleumden, die Unwahrheit sagte, der diese Behauptungen niederschrieb. Wissentlich und in der Absicht zu verleumden, denn er kannte den Bericht Fröbel’s vor der Paulskirche und wußte daher, daß Fröbel hier erklärt hatte[292]: „Nachdem dieses (unsere Demission und deren Annahme) vorüber war, haben wir an Dem, was weiter geschah, keinen Antheil genommen. Ich muß Sie hierauf aufmerksam machen, weil ich gehört habe, daß in Zeitungsberichten gesagt wurde[293], Blum hätte noch nach der Capitulation und während der Einnahme der Stadt unter Waffen gestanden und gefochten, das ist eine Unwahrheit. Wir haben die ganze Zeit, vom 29. October bis zum 4. November in unserem Gasthause zugebracht, mit wenigen Ausgängen in die Stadt. An dem ersten Tage nämlich haben wir es noch mehrmals gewagt, auf die Straße zu gehen. Da aber in der Stadt Greuel verübt wurden und man Gefahr laufen konnte, massacrirt zu werden, weil man eine Physiognomie hatte, die den Soldaten nicht gefiel, entschlossen wir uns, nicht mehr auszugehen und haben uns ruhig zu Hause gehalten.“ Dasselbe bestätigt zum Theil L. Wittig in seinem bereits citirten Artikel in der „Dresdner Zeitung“ vom 15. November. Er besuchte Blum tagelang in dessen Hôtel. Dasselbe bestätigt Blum’s Brief an seine Frau vom 30. October, den Herr v. Helfert gleichfalls kannte, da er in Frey, „Robert Blum“ abgedruckt ist. Vor Allem aber hätte Blum vor dieser Verleumdung schützen sollen: zunächst jede genauere Kenntniß seines Lebens und Charakters — diese konnte man bei Herrn v. Helfert allerdings nicht voraussetzen — sodann Blum’s Auftreten vor dem Studentencomité am 28. Oct.; — endlich schon die eine Thatsache, daß er mit Fröbel seine Stellung als Hauptmann niederlegte bereits am 29. Morgens, sobald er von der Unhaltbarkeit der Stadt überzeugt war, und von der Einleitung von Capitulationsverhandlungen gehört hatte. Nichts hatte sich seither zu Gunsten der Stadt geändert. Im Gegentheil, die Capitulation war fest abgeschlossen und die Niederlage der Ungarn hatte Blum selbst mit angesehen[294], da er nach Auerbach’s Darstellung zu einer Zeit Messenhauser auf dem Stephansthurm besuchte und durch das Glas schaute, als die Ungarn schon auf eiligem Rückzuge begriffen sein mußten. Welches Motiv Blum da hätte veranlassen können, mit jenen Helden zu fünfzehn Kreuzern zu fraternisiren, die er am 28. im Studentenausschuß so verächtlich bezeichnet hatte, dafür bleibt Herr v. Helfert jede Erklärung schuldig. Er wagte sich freilich, als der erste Band seines Werkes erschien, nicht einmal mit seinem Namen heraus.[295] Seine Verleumdung trug also damals den Charakter des muthvollen namenlosen Pasquills.
Nach diesen Ausführungen liegt es ganz außerhalb der Aufgabe einer Lebensgeschichte Robert Blum’s, die letzten Scenen der Wiener Erhebung vorzuführen. Es genügt, zu erwähnen, daß der frevelhafte Capitulationsbruch im Blute erstickt wurde. Sowie am Nachmittag des 31. in das Burgthor, hinter dem die Pöbelmassen als letzter Brustwehr sich verschanzten, Bresche geschossen war, löste sich Alles in wilder Flucht auf. Am Abend zog das ganze „kaiserliche“ Heer in das bezwungene Wien ein. Am 1. November wehte vom Stephansthurm eine riesige schwarzgelbe Fahne.
Am 2. November schrieb Windischgrätz vertraulich an den Minister Wessenberg: „Nach solchen treulosen Vorgängen kann Milde unmöglich Platz greifen. Der Belagerungszustand wird und muß mit aller Strenge durchgeführt werden und ich erwarte, daß meine darauf Bezug habenden Maßregeln in keiner Weise gestört werden. Auch jeder Wohldenkende muß sein Heil und seine fernere Ruhe davon erwarten.“ Da man in Olmütz hiernach erwarten mußte, daß der Fürst zunächst mit den Friedensbrechern abzurechnen gedenke, welche den letzten Kampf verschuldet hatten, erhob man keinen Einwand. Aber der Fürst faßte seine Aufgabe und Vollmacht ganz anders auf.