5. Theaterdiener und Dichter.

In tiefster Kümmerniß sahen wir Robert Blum jene Julitage des Jahres 1830 verleben, welche für die geistige Bewegung von ganz Europa im Laufe der folgenden achtzehn Jahre tonangebend werden sollten. Während der Thron der Bourbonen zusammenstürzte und das Triumphlied des siegreichen Bürgerthums in allen Landen ein frohes Echo weckte, weil hier zum ersten Male seit fünfzehn Jahren die geistlose Metternich’sche Politik des absoluten Stillstandes, die den Continent beherrschte, eine furchtbare Niederlage erlitt, sahen wir Robert Blum mit seinem harten Brodherrn um die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens kämpfen; die Jubelwochen des Bürgerkönigthums fanden Robert auf einer mühsamen Fußreise von Berlin nach Köln begriffen, hier brodlos. Aus purer Barmherzigkeit warf J. W. Schmitz dem jungen Manne, dem er in seinem Dienstzeugnisse nachrühmte, daß er „fleißig und willig zu jeder Arbeit sei, und daß seine erprobte Treue, Gehorsam, bescheidenes und gesittetes Betragen das ausgezeichnetste Lob und Empfehlung verdienen“, in Köln noch vier Thaler zu. Das war aber auch Alles, was Robert vom 22. August bis 1. October 1830 einnahm. Und an diesem Tage trat er mit einem Monatsgehalt von acht Thalern (vom December ab von zehn Thalern) und fünf Thalern Neujahrsgeschenk in die Dienste des Schauspieldirectors Ringelhardt als Theaterdiener.

Man sollte kaum für möglich halten, daß ein Mann in solcher Lage, so schwer gefesselt an die niedersten Erdensorgen, so tief gestellt in der menschlichen Gesellschaft, den sittlichen Muth und die kühne Schwungkraft besessen hätte, in den wenigen Stunden seiner Muße rein geistig, ja dichterisch zu schaffen, und allen Wandlungen der großen Zeitgeschichte mit gespanntestem Interesse zu folgen. Und doch hat Robert Blum dies gethan. Um die Charakterstärke völlig zu würdigen, die dazu gehörte, einen so tiefen Gegensatz zwischen der Wirklichkeit und der Welt des Dichters zu überwinden, muß man die traurige Lage, in der Robert Blum damals lebte, doch etwas näher in’s Auge fassen. Nach seinen eigenhändigen Buchungen[7] hatte er in Berlin an Kostgeld durchschnittlich acht Thaler pro Monat bezahlt, einschließlich des Logisgeldes elf Thaler. Daß er für diesen Preis nichts Vorzügliches erhielt, haben wir früher in einem seiner Briefe an Schmitz von ihm selbst erfahren. Hier in Köln aber hatte er seinen Eltern für Kost und Logis bis October 1830 nicht mehr als — einen Thaler pro Monat zu bieten. Von der Zeit seines Engagements bei Ringelhardt an konnte er anfangs vier, 1831 bis 1832 (bis 20. Juli) fünf Thaler und schließlich sechs Thaler an seine Eltern pro Monat zahlen. Wir sind aber wohl berechtigt anzunehmen, daß in diesem Betrage mehr gegeben wurde, als er dagegen empfing[8]. Denn zu allen Zeiten hat er Eltern und Geschwister nach Kräften unterstützt, und gerade damals war seine Familie der Unterstützung bedürftiger als je: der Stiefvater und die Mutter kränklich, die Stiefschwesterchen noch nicht erwerbsfähig; sogar zu gerichtlichen Klagen scheint es gekommen zu sein, denn im Monat Mai 1829 bucht Robert drei Thaler „an meine Eltern für Gerichtskosten“. Man kann sich also denken, wie kümmerlich Robert in jenen Jahren für seine materiellen Bedürfnisse sorgen konnte — ohne deren reichliche Fülle nach Ansicht unserer heutigen Materialisten nicht einmal die gemeine Gehirnsubstanz normal functioniren, geschweige denn einen solchen Ueberschuß an Durchschnittsleistung zu Tage fördern kann, wie ihn die Beschäftigung mit dem allgemeinen Wohl und poetisches Schaffen unter allen Umständen darstellt.

Man vergegenwärtige sich aber weiter auch die Niedrigkeit und Widerwärtigkeit der Dienste, aus denen Robert Blum seinen Lebensunterhalt gewann. Mit jenem unverwüstlichen Humor, der dem Manne in allen Lagen des Lebens treu geblieben ist, hat er selbst später seine damaligen Leistungen für die Kölner Schaubühne also geschildert: er mußte als Theaterdiener alle Bestellungen des Directors und der Schauspieler besorgen — sie enthielten nicht immer Liebenswürdigkeiten — Rollen, Geld austragen, Vorstellungen und Proben ansagen und dabei alle Anmaßungen und Plackereien der „Künstler“ ruhig und lammfromm hinnehmen. Er mußte „dem überstolzen Schauspieler die Grobheiten des Directors“ — möglicherweise, schalten wir ein, auch der Frau Directorin, denn Madame Ringelhardt war eine sehr energische und geschäftseifrige Dame — „dem zweiten Liebhaber die Ungezogenheiten des dritten Bösewichts hinterbringen, bald der Primadonna den Hund bewachen, bald einer anderen Dame einen andern Dienst besorgen.“ Zudem behandelte und benutzte ihn Ringelhardt zwar ohne jede herrische und verletzende Form, doch nur als Theaterdiener, das heißt als einen der untersten Angestellten seiner Bühne.

Dem stolzen Gefühl, Berather und Mitarbeiter des Chefs zu sein, das Blum in den letzten Jahren seiner Stellung bei Schmitz hegen durfte, war hier schlechthin zu entsagen. Der üble Geschäftsgang in Köln hat zudem den Director jedenfalls nicht mit der rosigsten Laune erfüllt. Gleichwohl hat Blum auch diesem Brodherrn mit größter Treue und Dankbarkeit gelohnt. Ohne ein Wort vorher zu verrathen, schrieb Blum anonym gegen Ende des Jahres 1830 in einem der gelesensten Kölner Blätter mehrere Zeitungsartikel unter der Ueberschrift „Ein Wort zu seiner Zeit“, in welchen er den schweren Druck, der auf dem Theaterunternehmer durch die enorme Armenabgabe von einem Zehntel jeder Brutto-Einnahme, die fast unerschwingliche Miethe von zwanzig Thalern pro Abend, die vielen Freibillets &c. lastete, mit warmen Worten und großer Sachkenntniß darlegte. Als Ringelhardt erfuhr, aus welcher Feder die tapfere Vertheidigung seiner Interessen geflossen war, hat er seinem Theaterdiener alles Liebe und Gute gethan, was er konnte, vor Allem ihm die Theaterbibliothek zu freiester Benutzung angeboten und ihn für außergewöhnliche Arbeiten durch Geld besonders entschädigt, auch später bei seiner Uebersiedelung nach Leipzig dafür gesorgt, daß Robert ihm dahin nachfolgte.

In dieser Stellung und Lage fand nun Robert Blum die Freude und den Muth zu dem eifrigsten poetischen Schaffen.

Schon in Berlin, vom Jahre 1829 an, hatte er sich schriftstellerisch versucht. Sein erstes Werk war freilich der reinsten Geschäftsprosa gewidmet, der Straßenbeleuchtung[9]. Aber hauptsächlich war seine schriftstellerische Thätigkeit doch auf „poetische Versuche“ gerichtet. Die Gedichte, die er unter diesem Titel selbst zusammengestellt, umfassen im Manuscript 308 Ouartseiten und vertheilen sich auf die Jahre 1829 bis mit 1834. Einige derselben sind schon 1829 und 1830 in der von Saphir herausgegebenen „Schnellpost“ erschienen, andere von 1831 an in Kölnischen Zeitungen, das Meiste erst später in der „Abendzeitung“, der „Eleganten Welt“ von G. Kühne, in „Unser Planet“ und anderen belletristischen Blättern.

Das einzige unübersteigliche Hinderniß der Herausgabe dieser Gedichte war jene fluchwürdige Einrichtung, welche in Deutschland damals noch auf fast jeglichem literarischen Schaffen, mindestens aber auf der Presse lastete: die Censur. Denn der bei weitem größte Theil dieser Gedichte ist politischen Inhalts. Und so maßvoll uns Deutschen von heute die Freiheitsbegeisterung, so natürlich uns die Vaterlandsliebe des dreiundzwanzigjährigen Dichters erscheinen muß, so war doch der Censor, der über diese Blüthen der Dichtkunst sein maßgebendes Urtheil abzugeben hatte, ganz anderer Meinung. Er strich Blum’s politisch-poetische Offenbarungen unbarmherzig zusammen und gerieth über die Unermüdlichkeit, mit welcher der junge Dichter immer neue Kinder seiner patriotischen Muse überreichte, schließlich in solche Wuth, daß er Allem, was nur Blum’s verhaßte Handschrift trug, schlechthin die Druckerlaubniß versagte. Um sich volle Gewißheit über das parteiische Vorurtheil und die leidenschaftliche Pflichtwidrigkeit dieses Wächters des Staatswohls zu verschaffen, beging Blum die Bosheit, ihm, von seiner Hand geschrieben, unter einem recht verdächtigen Titel einige Gesangbuchsverse zur Censur zuzuschicken — und richtig, der Censor strich auch diese Verse als staatsgefährlich und wiederholte dasselbe noch zweimal, als Blum ihm die nämlichen Verse, die in jeder Kirche zur Erbauung der Gemeinde gesungen wurden, noch zweimal unter anderer Ueberschrift zusendete. Von solchen Menschen hing damals die Entscheidung darüber ab, was das deutsche Volk gedruckt sollte lesen dürfen.

Von den politischen Ereignissen der damaligen Zeit stehen dem Dichter die französische Revolution, dann die große Erhebung Polens und natürlich die Verhältnisse des eigenen Vaterlandes im Vordergrunde des Interesses. Doch verfolgt er auch ferner liegende Dinge mit größter Aufmerksamkeit. Eine der schwungvollsten Dichtungen der Sammlung ist z. B. die ergreifende Klage um den Tod Bolivar’s, des Befreiers Südamerikas vom spanischen Joche († 10. December 1830):

Bolivar ist nicht mehr! klagte der Glockenton,
Bolivar ist nicht mehr! brauste der Ocean,
und von den Andes rückhallte die Klage
Ueber den Erdball.
Sinkt denn der Gott dahin, fragt’ ich erschüttert mich,
So wie der Wurm des Staub’s? Ist Er, der seinem Volk
Mehr gab als Leben: die heilige Freiheit!
Sklave des Todes?

So übertrieben, wie alle liberalen Zeitgenossen, pries auch Blum die Helden der Pariser Julitage. Vom gesündesten politischen Urtheil zeugt dagegen das Scherzgedicht über Griechenland, das er unter dem Titel „Literarische Anzeige“ schrieb, und von dem so Vieles noch heute auf den Staat der Hellenen paßt:

„Im Jahre ein Tausend acht Hundert und dreißig
Erschien, nachdem man erst lange und fleißig
Zu London daran war, mit Drucken und Pressen —
— Auch hat man es nicht zu beschneiden vergessen —
Ein Werkchen, betitelt: Neugriechischer Staat,
In einem sehr niedlichen Taschenformat.
Dasselbe ist ganz nach der neuesten Mode,
So zierlich als möglich, und kurz, die Methode,
Nach der man zu Werk ging, ist eigener Art,
Und überall Ordnung mit Schönheit gepaart.
Zwar wagte der Neid schon von manchen Gebrechen
Und Fehlern, die drinnen sein sollen, zu sprechen;
Doch können dies höchstens nur Druckfehler sein,
Und diese sind dann um so mehr zu verzeih’n,
Da mehrere Setzer am Werkchen gezimmert,
Und Niemand um die Correctur sich gekümmert.
Man suchet nun Jemanden, der den Verlag
Des Werkchens gleich zu übernehmen vermag.“

Ganz überraschend klar und kräftig tritt aber bei Blum der deutsch-nationale Gedanke hervor. In einer Zeit, in der fast Alle, gelegentlich auch er selbst, berauscht waren von einem unbestimmten Freiheitsdrang und kosmopolitischer Schwärmerei und die Erkenntniß, daß erst auf dem Boden eines festen, einigen, deutschen Staatslebens alle höheren Güter der Nation, vor allem die Freiheit, errungen werden könnten, höchst vereinzelt, von Männern wie Pfizer und Dahlmann ausgesprochen wurde, während Männer wie Börne und Heine nur Hohn und Spott für ihr Vaterland hatten, in dieser Zeit erscheint ein Gedicht wie dasjenige, das Blum 1831 „an Germania“ schrieb, als ein hervorragendes Zeugniß politischer Einsicht und nationaler Klarheit. Es heißt darin unter Anderem:

„Völker siehst Du auferstehen,
In des Freiheitsodems Wehen,
In der Zeiten hehrem Lauf;
Erntend längst gestreute Saaten.
Treten sie im Feld der Thaten
Kühn als Nationen auf.
Ach, der Hebel aller Staaten,
Die Erzeug’rin großer Thaten,
Aller Völker Kraft und Macht.
Die allein nur Muth und Stärke
Geben kann zum großen Werke: —
Einheit — ist Dir ja versagt!
In die einzeln schwachen Glieder
Gießt sie Kraft und Fülle wieder;
Einheit ist der Staaten Mark.
Kein Erob’rer stellt verwegen
Dann sich lüstern uns entgegen;
Werdet eins, dann sind wir stark.
Deutsche, nützt die hehren Stunden!
Wenn sie einmal hingeschwunden,
Sind sie ewig uns vorbei;
Laßt das große Völkerringen
Etwas wenigstens uns bringen:
Werdet eins! dann sind wir — frei!“

Ueberhaupt ist der gesunde Realismus, der bei aller Begeisterung des jungen Herzens aus diesen Gedichten spricht, doppelt wohlthuend in einer Zeit, die sich anschickte, mit Heine einem krankhaften sentimentalen Weltschmerz sich zu ergeben. Nirgends fingirt Blum Liebesleiden, die er nicht kannte, nirgends zeigt er sich mit der Welt zerfallen, lebensmüde, obwohl er hierzu mehr Grund haben mochte, als mancher Andere. Dagegen dringt wiederholt die bittere Klage über das harte Geschick, das ihm gerade die Erreichung der höchsten Lebensziele so unendlich schwer machte, mit der vollen Kraft eines gewaltigen Naturlautes aus seiner gepreßten Brust. Aber immer richtet ihn auf der felsenfeste Glaube an den Sieg der idealen Mächte, denen er sein Streben geweiht, und damit auch an die eigene Sendung, die er zu erfüllen bestimmt ist.

Besonders merkwürdig für seine Weltanschauung ist dabei, zumal bei dem rein rationalistischen Glauben, den er z. B. in seinem „Glaubensbekenntniß“ ausspricht, die feste Ueberzeugung an die Unsterblichkeit der Seele, die er in diesen Gedichten wiederholt ebenso deutlich bekennt, wie — in dem letzten Briefe an seine Gattin, den er Angesichts des Todes schrieb. In einem seiner frühesten Gedichte „An die Zeit“ (1829) heißt es am Schlusse:

„Du veränderst und wechselst nur jede Gestalt,
Die im Staub sich erzeugte vom Staube;
Doch dem Geiste droht nie der Zerstörung Gewalt,
Er wird nie der Verwesung zum Raube.
Zerstöre Du nur ohne Ende und Ruh’ —
Ein Theil meines Wesens ist ewig, wie Du.“

In der That bedurfte es eines so festen Glaubens an das Walten der sittlichen Mächte und solcher Bedürfnißlosigkeit, wie Robert Blum sie gewöhnt war, um auch in jenen bösen Tagen den Kopf oben zu behalten, als Ringelhardt Anfang Juni 1831 gezwungen war, plötzlich „aus Geschäftsrücksichten“, das heißt mit Rücksicht auf die Geschäftslosigkeit, die Bretter, die die Welt bedeuten, in Köln abzubrechen und Robert Blum zu entlassen. In dieser traurigen Lage griff dieser nach dem ersten Erwerb, der sich ihm bot — er wurde Schreiber beim Gerichtsvollzieher Kümpeler und bezog in dieser Stellung einen Monatsgehalt von — sechs Thalern! Davon war Alles zu bestreiten. Glücklicher Weise dauerte diese harte Prüfung nur bis 15. September. Da engagirte ihn Ringelhardt von Neuem für den früheren Gehalt.


Eine erhebliche Förderung verdankte Robert Blum diesem Dienstverhältnisse durch die bereits erwähnte freie Verfügung über die Theaterbibliothek des Directors. Bereits im Winter 1830 auf 1831 wurde der größte Theil der hier vorräthigen dramatischen Werke geradezu verschlungen, später mit Muße das Beste — vor Allem Schiller, Goethe, Lessing, Shakespeare und was an antiken Dramen da war, wieder und wieder gelesen, halb auswendig gelernt. Mit Schiller vor Allen gewann Blum die größte Vertrautheit. Aber auch Goethe lernte er mehr und mehr schätzen. Als der deutsche Dichterfürst starb, schrieb Blum ein tiefempfundenes „Sonett auf Goethe’s Tod“ in seine Gedichtsammlung. Daneben regten die dramatischen Novitäten des Tages den kritischen Theaterdiener an, sein Urtheil über dieselben in kurzen scharfen Distichen auszusprechen. Viele dieser Urtheile über Stücke, die heute noch auf dem Repertoire stehen, sind noch jetzt recht interessant.


„Dummheiten, Malicen und Xenien“ hat Robert Blum selbst die kleine Sammlung überschrieben, aus der hier einige Beispiele folgen.

Sonst und jetzt.

Derbe Komik, kräft’ge Witze,
Leicht und treffend wie die Blitze,
Traf man sonst im Lustspiel an.
Aber jetzt sind wir verwöhnt,
Alles Kräft’ge ist verpönt,
Weil man’s — nicht mehr schaffen kann.

Raupach.

Als er noch Dichtungen gab, da waren die Stücke zu tadeln,
Jetzt sind die Stücke zwar gut, doch ach! nicht Dichtungen mehr.

Moderne Kritik.

Reiße den Einen herunter, erhebe den Andern zum Himmel;
Beides mit Brutalität, doch ohne Sinn und Verstand.
Schreibe das Ganze — aus Scham, aus Furcht theils auch, ohne Namen,
Nennt man Dich bald ein Genie, denn das heißt heute Kritik.

Das Orchester.

Welche unendliche Zahl von Musikern und Instrumenten!
Schade, daß durch das Gewühl man die Musik nicht mehr hört.

Die Stumme von Portici.

Glänzend brichst Du Dir Bahn in allen Ländern Europa’s
Weil Du mit sprachlosem Mund, sprichst aus dem Herzen des Volks.

Mozart.

Würde Musik vom Unsinn auch ganz verdrängt von der Erde,
Deine Werke allein geben ihr ewig Asyl.

Gleichniß.

Wie die Fische ewig dürsten,
Bei beständ’gem Ueberfluß,
Schlürfen Schmeichelei die Fürsten,
Ohne Maß und Ueberdruß.

Schwere Wahl.

Allopathie! Homöopathie!
Ich schwanke schon seit vielen Tagen
Und bitte, Freundchen, sagen Sie,
Mit welcher darf ich es wohl wagen?
Das ist Geschmack, der wechselt ab,
Und richtet sich nach Zeit und Mode;
Merkt nur den Unterschied vorab
Und wählt dann selber die Methode:
Die Eine bringt uns in das Grab,
Die Andre aber blos zum Tode!

Der Reformator.

Thebaldus will die Welt verbessern;
Was da besteht ist ihm zu schlecht,
Er will ein neu Gesetz und Recht
Um Glück und Wohlfahrt zu vergrößern;
Doch eine Plag’, die — wenn auch klein
Doch alle bessern Menschen fliehen,
Die will er nicht der Welt entziehen;
Er ist es selbst mit seinem Schrein!

Lehre.

Meidet das starke Getränk, es schadet den Nerven, dem Geiste!
So spricht der Weise und wahr. Merkt den erhabenen Spruch!
Wasser hat furchtbare Kraft; es treibet das Schwungrad der Mühle,
Brüder, das ist uns zu stark, darum — so rath ich — trinkt Wein.

Glück und Unglück.

Feindlich getrennt, im Thun und Wirken unendlich verschieden,
Wandelt Ihr dennoch vereint, Hand stets in Hand durch die Welt.
Nützlich seid Ihr uns Beide, die Tiefen des Lebens zu kennen:
Lehrt uns das Glück den Genuß, lehrt uns das Unglück den Werth.

Stolz und Hochmuth.

Stolz, wenn er würdig ist, hält uns in ehrerbietiger Ferne
Hochmuth stößt uns zurück, füllt mit Verachtung die Brust.

Liebe und Treue.

Liebe hält mit zärtlichen Armen das Leben umschlungen,
Treue kettet sich fest, sei es auch an — den Tod.

Tugend und Scham.

Unzertrennliche Genien durchwandeln sie liebend das Leben
Diese voll Anmuth und Reiz, jene voll Würde und Kraft.
Fällt die Scham, sie reißet die Tugend mit sich zu Grabe;
Sinket die Tugend, die Scham hält sie mit kräftigem Arm.

Bald aber drängte die Begeisterung zu dramatischem Schaffen, die er dem Studium der Ringelhardt’schen Theaterbibliothek dankte, jede andere Dichtung zurück; glaubte er sich doch zum Theaterdichter ganz besonders vorbereitet durch die tiefen Blicke, die er als Theaterdiener hinter die Coulissen, in die Mache der Bühnentechnik gethan zu haben meinte. Pilzartig schossen die Lust-, Schau- und Trauerspiele unter seiner Feder in’s Kraut. Die wenigen „Literaten“, die ihn ihrer Freundschaft würdigten, Dr. Rave, Köhler, der Schauspieler Porth, der mit ihm viele Jahre später noch von Dresden aus treu correspondirte, natürlich auch Ringelhardt selbst, wurden von ihm unablässig mit der unheilverkündenden Bitte heimgesucht, wieder ein neues Drama von ihm zu lesen. Diejenigen, welche diese Freundschaftsprobe bestanden, sind ihm für’s Leben treu geblieben. Sie haben ihm auch als gute Freunde offen und stets von Neuem erklärt, daß seine Dramen nichts taugten. Er soll eine ungemessene Zahl seiner dramatischen Schöpfungen in’s Feuer geworfen haben, nachdem ihnen so das Todesurtheil gesprochen worden. Wären doch alle unberufenen dramatischen Dichter so reich an Selbsterkenntniß!

Trotzdem habe ich noch eine sehr große Anzahl dramatischer Dichtungen aller Art, die Robert Blum selbst verfaßt hat, in seinem handschriftlichen Nachlaß vorgefunden. Schon ihre Titel verrathen zum Theil ihren Inhalt: „Der Vaterfluch oder die Schrecken des Fanatismus. Trauerspiel in fünf Aufzügen.“ „Das Opfer der Bruderliebe. Ein Bild seltener Seelengröße aus unsrer Zeit“ u. s. w. Auch eine große Zahl „Einlagen“ von seiner Hand, Prosa und Verse, die in beliebten Operetten, Possen u. s. w. als Neuheit eingeschaltet wurden (wie heute neue Couplets), habe ich vorgefunden, namentlich aus der Leipziger Zeit — noch aus den Tagen, da er schon deutschkatholischer Kirchenvater geworden war. Den größten Schrecken muß Robert Blum den Freunden, die er zu Kunstrichtern über seine dramatischen Werke berief, schon durch den Umfang seines „dramatischen Gedichtes“ Kosciuzko eingeflößt haben. Denn der erste Theil dieser Riesentragödie oder in Scene gesetzten Biographie würde schon mindestens zwei Theaterabende füllen und das ganze Stück hat drei solcher Theile aufzuweisen. Von allen Bühnenschöpfungen Blum’s ist nur eine einzige gedruckt worden, aber auch diese ist Buchdrama geblieben und niemals aufgeführt worden — „Die Befreiung von Candia“ (Leipzig, C. H. F. Hartmann, 1836). Das Stück behandelt eine Episode des griechischen Befreiungskampfes der zwanziger Jahre (1822) und ist geschrieben in der pathetischen Rhetorik der großen französischen Revolution und voll von beziehungsreichen Anspielungen auf das damalige Deutschland; im Munde freiheitsdürstender Neugriechen konnte diese der Censor nicht gut streichen, selbst nicht die bezeichnenden Schlußworte des Helden:

Seid einig, Griechen! Wenn Ihr einig seid,
Dann seid Ihr frei und keine Macht der Erde
Vermag es, Euch die Freiheit zu entreißen.
Ein einig Volk ist stark, unüberwindlich!

Um dieses stille Schaffen im Zusammenhang darzustellen, sind wir dem Gange der Lebensschicksale Blum’s um Jahre vorangeeilt. Denn die letzten dieser Dichtungen sind schon auf Leipziger Boden erwachsen.

Nach Leipzig war Ringelhardt mit dem Ende der Kölner Wintersaison von 1831 auf 1832 gezogen und hatte hier das Stadttheater übernommene: Blum sollte Mitte Juli als Theaterdiener folgen. Da wurden dem jungen Manne gleichzeitig zwei lohnendere Stellen angeboten: die eine in der Redaction einer Kölnischen Zeitung, die andere als Theater-Secretär bei einer wandernden Truppe der Rheinprovinz. Beide Angebote meldete er Ringelhardt nach Leipzig, und dieser antwortete am 24. Mai von Ostrau: „In Bezug einer Anstellung für Sie in Leipzig kann ich Ihnen vorläufig Folgendes berichten: ... ich will Ihnen einen monatlichen Gehalt von fünfzehn Thaler zahlen, mit der Zusicherung, daß, wenn Sie sich in die Geschäfte eingearbeitet haben, ich die 200 Thaler“ (pro Jahr) „voll machen will. Sie arbeiten dafür alle Schreibereien im Bureau, die ich Ihnen übertrage, sei es das Schreiben von Briefen, seien es Copialien oder Rechnungen oder das Ausschreiben von Rollen (!). Sie übernehmen ferner (!) die Geschäfte bei der Casse und Controlle, die Ihnen übertragen werden, sowie andere Arbeiten des Theaters, die in das Fach einschlagen.“ Blum sagte zu. Darauf lief, nach einer längeren Abwesenheit Ringelhardt’s in Wien, von diesem ein zweiter Brief vom 25. Juni ein, in dem es hieß: „Ihr Engagement können Sie am 15. July hier antreten, weil ich mit Ihnen alle Casseneinrichtungen vorbereiten will und die Billets einrichten, sowie Bibliothek und Musikalien, die ich unter Ihre Aufsicht stelle. Demnach werden Sie Theatersecretair, Bibliothekar und Cassenassistent (!), das ist die Stellung, die ich Ihnen gebe .... Sagen Sie dem Friseur Deveney, den ich bestens grüße, er solle Ihnen das Recept von dem Spiritus zur Stärkung der Haare geben, und bringen Sie mir es mit!“ Die weiteren Anordnungen des Briefes, welcher unter Anderem versicherte: „Sie können mit Vertrauen zu mir kommen, auch finden Sie hier ein anderes Treiben und Leben als in Köln“, waren der mit Rücksicht auf die Cholera zu wählenden Reiseroute gewidmet, damit Blum unterwegs nicht etwa „Contumaz“ halten müsse.

Ob das heißbegehrte Recept zur Stärkung der Haare mitgenommen worden ist, weiß ich nicht. Jedenfalls konnte Blum erst am 20. Juli nach Leipzig reisen.

Er eilte der Stadt entgegen, die ihm mehr als die eigene Vaterstadt zur Heimath werden sollte, zur Stätte seines Glückes, seines vielseitigsten Wirkens, zur Wiege seines Ruhmes, der weit über die Grenzen seines Vaterlandes und seiner Zeit hinausdringen sollte.

6. Die ersten Jahre in Leipzig.
(1832–1836).

Leipzig war, als Robert Blum hierher übersiedelte, eine Stadt von wenig über vierzigtausend Einwohnern, die sich hauptsächlich in der inneren Stadt zusammendrängten[10]. Große Privatgärten bedeckten noch dicht vor den Thoren der inneren Stadt weite Flächen Landes. Heute ziehen dort zahlreiche Straßenzeilen nach allen Richtungen hin. Zu Vorstädten waren damals überall erst Ansätze vorhanden. Pünktlich um zehn Uhr Nachts wurden alle Thore geschlossen, an denen strumpfstrickende Stadtsoldaten für die Ruhe der Bürger gewacht hatten, bis die glorreiche Errungenschaft der Communalgarde diese Sorge übernahm. In der städtischen Verwaltung herrschte noch unleidlicher Zopf; erst allmählich lernte die Bürgerschaft die Freiheiten üben, welche die neue Städteordnung vom 2. Februar 1832 gewährleistete. Eng war im Allgemeinen der Horizont des Eingeborenen. Von einem Feuer, das in der Stadt ausbrach, konnte man sich eine Woche lang ausschließlich unterhalten. Das Leibblatt des Leipzigers, das „Tageblatt“, hatte damals ein Format von 22:29 Centimeter und bot höchstens — aber sehr selten — zwei Druckseiten eigene Artikel, einschließlich der amtlichen Bekanntmachungen; die übrigen zwei Druckseiten wurden von der berühmten „Eselswiese“ und Anzeigen ausgefüllt. Die große Leipziger Revolution vom 2. September 1830 war in der Hauptsache das Werk von Handwerkern und Studiosen und hatte die Kraft ihrer Sturmeswogen an einigen Fenstern und Mobilien offenbart. Selbst die Kaufmannschaft, das hervorragendste Element der Bürgerschaft, widerstrebte unklar und pessimistisch der wirthschaftlichen Hauptaufgabe der Zeit: dem Anschluß Sachsens an den Zollverein. Von ihr ging der Angstruf aus, der sich zum Glaubenssatze des Leipzigers jener Tage ausgebildet hatte: daß Leipzigs Blüthe dahin sei, und mit dem Anschluß an den Zollverein der ganze Leipziger Handel einpacken müsse! Die neue Verfassung des Landes war noch kein Jahr alt. Als die Weissagung einer neuen besseren Zeit war sie auch in Leipzig begrüßt worden.

Die Feier des Verfassungsfestes (4. Sept.) bietet von 1832 an den fortschreitenden Elementen der Bürgerschaft den legitimen Anlaß, sich feierlich zu versammeln und in Trinksprüchen und Reden Umschau zu halten über die öffentlichen Zustände, die noch unerfüllten Wünsche des Landes. Mit großer allgemeiner Illumination wurde 1832 das Verfassungsfest gefeiert. Der reiche geadelte Wollhändler und Schafzüchter Speck von Sternburg ließ an seinem Hause in der Reichsstraße ein Transparent erscheinen, das die Worte trug:

O möchte doch in unserm schönen Sachsen
Electoral veredelt wachsen.

Den nächsten Abend erschien gegenüber ein Transparent, das diese beiden Verse wiederholte und hinzufügte:

Damit der Speck auf dieser Erde,
Noch immer fetter, fetter werde.

Ueberhaupt liebte es der gesunde Bürgersinn des Leipzigers, an Denjenigen seinen Witz zu üben, die nach Standeserhöhung trachteten. Als ungefähr um dieselbe Zeit ein Mitinhaber der alten Firma Limburger und Frosch geadelt wurde, war am Tage nach der Bekanntmachung des Ereignisses an dem Geschäftslokal der Firma folgende Schrift zu lesen:

Ici demeure le chevalier sans peur et sans reproche, Autrefois Limburger et Frosch.

Wie eigenartig, vielseitig und vielversprechend für die Zukunft pulsirte überhaupt das geistige Leben in dieser deutschen Mittelstadt! Wohl kaum ein Schriftsteller der damaligen Zeit hatte nicht Verlagsbeziehungen zu Leipzig; fast Jeder von ihnen ist irgend einmal vorübergehend oder für längere Zeit nach Leipzig geführt worden. Nicht die unbedeutendsten hatten in Leipzig dauernd ihre Heimath gewählt. Sie alle lernte Blum allmählich kennen. Weithin glänzte schon damals der klare Stern der Leipziger Hochschule. Mit dem Verfassungsbruche in Hannover (12. Nov. 1837) ward auch der bedeutende Germanist Albrecht der Universität dauernd gewonnen. In der Musik braucht man nur an Namen wie Mendelssohn, Robert Schumann, Rietz, zu erinnern[11]. Das Theater, von jeher ein Liebling des Leipziger Publicums in Freud und Leid, in Fried und Streit, war von 1817 bis 1828 unter Küstner’s Leitung gestanden, 1829 sollte es unter königlicher Aegide neu organisirt werden. Unter Ringelhardt (1832) und noch mehr unter Schmidt (1844 flg.) wurde es zu einer Pflanzstätte der reinsten künstlerischen Bestrebungen und Darstellungskunst. Kaum ein berühmter Schauspieler, der hier nicht längere Zeit wirkte! Rasch und freudig hat endlich die rege, gesunde Stadt von den Freiheiten, welche Verfassung, Städteordnung, Zollverein boten, kräftig Besitz ergriffen. Am Ausgange der dreißiger Jahre schon regt sich Handel und Industrie der Stadt nicht minder hoffnungsvoll wie politischer und communaler Freisinn. Die stillen Freundschaftsgemeinden, die hier zahlreicher und intensiver wirken, als anderswo, thaten das Beste zu dieser Wandlung.

Von selbst bot das Theater und Robert Blum’s Stellung als Secretair an demselben, mit einem so großen Wirkungs- und Pflichtenkreis wie die contractliche Vereinbarung mit Ringelhardt ihn Blum auferlegte, zahlreiche Gelegenheiten zur Anknüpfung interessanter Bekanntschaften. Das Theater führte ihn mit allen Kreisen der Gesellschaft in Berührung, zumeist mit Schriftstellern, Musikern, Künstlern, aber auch mit dem Rathe, Redacteuren, Buchhändlern, Gelehrten. — Mit Herloßsohn, Marggraff, Gustav Kühne, Julius Mosen, Burkhardt, Dr. Apel, Sporschil, Georg Günther, Carl Cramer, Lortzing, Hofrath Winkler (Th. Hell), sehen wir ihn bald in eifrigem, persönlichem oder schriftlichem Verkehre. Mit dem Geographen Dr. Carl Andree wurde er auf eigenthümliche Weise bekannt. Blum pflegte, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, am frühen Morgen mit irgend einem Buche im Rosenthal sich zu ergehen. Hier fand ihn Dr. Andree, wie er im Grase lag und sein Buch studirte. Andree redete ihn an. Die Männer wurden bald innig befreundet.

Selbstverständlich hielt sich der junge Theatersecretair in den ersten Jahren seines Leipziger Aufenthaltes fern von politischer Parteinahme und fern von dem regen Parteitreiben Leipzigs in communalen Angelegenheiten. Unklar und formlos sprudelte ein grenzenloser Freiheitsdrang in den Köpfen der „Literaten“, die Robert Blum’s hauptsächlichen Umgang ausmachten. Einer dieser trutzigen Denker, die Oesterreich ausgespieen hatte und die nun an der Pleiße ihre tiefen Offenbarungen der Welt kundthaten, schrieb in jenen Tagen die denkwürdigen Verse:

„Deutschland braucht noch viele Seife,
Daß es sei gewaschen reiner,
Und es braucht zu seiner Reise
Noch viel Kerls wie Unsereiner“.

Unendlich roh und materiell führten Manche dieser Schriftsteller ihr Leben. Einer der fruchtbarsten unter ihnen, Sporschil, arbeitete wochenlang unablässig und trank dann zur Abwechslung tagelang unablässig. Er verbarg sich dann auf irgend einem Bierdorfe bei Leipzig, bestellte hier 24 oder 36 Glas Bier auf einmal und rastete nicht, bis sie vertilgt waren.

Einer der begabtesten und maßvollsten dieses Kreises, Dr. Georg Günther, später Blum’s Schwager, reckte sich bei einer Kegelei, zu der befreundete Meßfremde der Provinz eingeladen waren, plötzlich in die Höhe und verkündete mit heiliger Begeisterung die harte Nothwendigkeit, „daß alle deutschen Fürsten sofort zum Teufel gejagt werden müßten“. Blum wandte sich mit würdevoller Ruhe, als ob er die blutige Rede Günthers durchaus ernst nehme, an einen der entsetzten Provinzler mit der Frage: was er dazu meine? Und als der Biedermann schaudernd versicherte, daß sich bei ihm zu Hause nicht fünf Leute zu einem so ungeheuren Frevel finden würden, klopfte ihm Blum lachend auf die Schulter und sagte: „Brav so. — Siehst Du, Günther, das habe ich Dir immer gesagt.“ Vielleicht hat Robert Blum gerade durch den Umgang mit so excentrischen, unklaren Menschen den Werth der maßvollen Ruhe und der realistischen Betrachtung der Dinge, zu welcher seine Natur hinneigte, um so besser erkannt.

Bald versuchte er das Leipziger Leben, wie es ihm sich darstellte, zu schildern. Der erste Versuch dieser Art ist eine Satire, betitelt „Die Poetenfacultät der Universität Leipzig und Kronos“, gedruckt im „Verkündiger am Rhein“, Köln 4. Aug. 1833. Der breite und wenig witzige Artikel gipfelt in der Versicherung des Kronos, daß er „drei Sächsische Dinge wahrhaft unsterblich machen wolle: einen Leipziger Doctorhut, eine Inauguraldissertation und ein Titelblatt vom Brockhausischen Lexicon.“ Sehr viel interessanter und werthvoller ist eine Abhandlung Blum’s über die Leipziger Messen, welche im „Kölner Correspondenten und Staatsboten“ Nr. 147–155 im Jahre 1834 erschien. In diesem Essay wird zunächst sehr hübsch der segensreiche Einfluß des Zollvereins auf den Leipziger Meßverkehr dargelegt, dann eine in der Hauptsache noch heute richtige Aufzählung der Waarengattungen geboten, welche hauptsächlich auf der Leipziger Messe gehandelt werden und Ziffern für ihren Umsatz gegeben. Besonders lebendig und interessant aber sind die Schilderungen des Leipziger Meßlebens. Trefflich ist das Hasten der Meßvermiether, die Verscheuchung der Studenten durch die Meßfremden, das Gewühl unter den Buden mit seinem gräulichen Chaos von Tönen, Gestalten und Genußanerbietungen aller Art, die Eigenthümlichkeit der Budenstädte auf den Hauptplätzen der Stadt und endlich das charakteristische Gepräge jeder einzelnen Meßwoche, beschrieben. „Das Tageblatt selbst, diese literarische Fundgrube, die schwerlich in Deutschland ihres Gleichen finden möchte[12], wird täglich voluminöser. Ganze Schaaren langbärtiger Israeliten mischen sich in frohem Zuge, als ob es zum gelobten Lande ginge, in das bunte Gewühl. Männer aller Länder und aller Meinungen leben in der ungetrübtesten Eintracht nebeneinander. Die leider nur zu sehr Mode gewordene politische Kannegießerei ist verschwunden; Alles spricht, denkt und empfindet nur den Handel und entwirft Speculationen und Hoffnungen für die beginnende Messe.“ Auch längst verschwundene Eigenthümlichkeiten der Leipziger Messe, der Pferdemarkt und der Judenmarkt, sind hier geschildert. Ueber letzteren heißt es: „Vor dem Hallischen Thore, an einer Stelle, wo die sich rings um die Stadt ziehende Promenade am breitesten ist, wird den Söhnen Isaaks und Jakobs ein Breter-Eldorado aufgeschlagen, in welchem sie vierzehn Tage ihr Wesen treiben. Achtzig bis hundert eng zusammengedrängte kleine Buden vereinigen hier die bärtigen und unbärtigen Hebräer aller Zonen zu einer dichtgeschlossenen Handelskolonie; und in ewig entzweiter Einigkeit — da einer dem andern beständig den Käufer abzulocken sucht — feiern sie im Kleinen das Fest der Wiedererhebung ihrer großen Nation. Band aller Art, englische und deutsche Manufacturwaaren und Bijouterien sind ihre vorzüglichsten und fast einzigen Handelsartikel und es ist interessant zu beobachten, welche unzähligen kleinen Künste in Bewegung gesetzt werden, um die Waare anzupreisen und den Durchwanderer zum Kaufe zu veranlassen. Findet auch der Unkundige den beim Einkaufe gemachten Profit, bei Lichte besehen, zuweilen weit unter Erwartung, so steht der Judenmarkt doch im Allgemeinen im Rufe der möglichsten Billigkeit und wird sehr zahlreich, selbst von den höheren Ständen besucht.“ Dann heißt es weiter: „Auch die deutschen Buchhändler tragen wesentlich zur Belebung dieser Woche bei; denn schaarenweise kommen sie im Anfange derselben aus allen deutschen Gauen hierher und beginnen gegen Mittwoch oder Donnerstag, nach Durchsicht der ihnen vorangegangenen Krebse, ihre sonderbare Berechnung, bei der gewöhnlich große Summen, aber wenig Baarschaft zum Vorschein kommen!“

So irrig Blum hier über das Abrechnungssystem des deutschen Buchhandels urtheilt, so falsch urtheilt er wenige Zeilen nachher über die „in der letzten Zeit stattgefundene Anregung einer Eisenbahn nach Dresden.“ Er sagt, „man habe mit Recht gegen dieses Project eingeworfen, daß man eine Bahn in der Richtung anlegen müsse, wo sie Handelsvortheile gewährt, nicht aber in einer Richtung, wo sie, wie nach Dresden, als eine bloße Promenadenbahn zu betrachten sei, die nach klaren (?) Berechnungen nicht einmal das Anlagekapital decken, viel weniger einen soliden Gewinn geben könne[13]. Die Urheber des Planes scheinen jedoch darauf beharren zu wollen und streben durch einen unrichtigen Patriotismus ihre Landsleute zur Theilnahme zu bewegen, welche Mühe jedoch bis jetzt fruchtlos blieb, da noch kein Groschen zum Anlagekapital unterzeichnet ist. Ueberhaupt dürfte, wenn man auf dem bisher verfolgten Wege beharrt, die Bahn in den nächsten 25 Jahren nicht zu Stande kommen.“ Die Bahn wurde bekanntlich wenige Jahre später eröffnet, und erfreute sich unter dem wackeren Gustav Harkort, dem jüngst in Leipzig ein Denkmal gesetzt wurde, Jahrzehnte lang einer trefflichen Leitung. Seltsamerweise finden wir Robert Blum, der in dem obigen Urtheil die allgemeine öffentliche Meinung jener Tage sowohl, als die Ansicht kluger Volkswirthe aussprach, fast auf allen Generalversammlungen der Actionäre der Leipzig-Dresdner Bahn als Oppositionsredner gegen die Verwaltung[14].

Endlich enthält dieser Essay Blum’s über die Leipziger Messe am Schlusse noch folgendes bemerkenswerthe Urtheil über den Buchhändler-Meßkatalog von 1834: „er ist sehr arm, so voluminös er sein mag, und fast keine einzige ausgezeichnete literarische Erscheinung ist darin zu bemerken. Die Pfennig-Gelehrsamkeit scheint sich immer mehr auszudehnen, und das Pfennig-Magazin von Bossenge père, die erste Erscheinung in diesem Genre, welches jetzt 50,000 Abonnenten zählt, hat nach Ablauf seines ersten Jahrganges ein neues Reizmittel für die Leser erfunden, indem es ein historisches „Gratis-Magazin“ als Zugabe giebt, die jedoch auch allein für den Preis von 12 Gr. jährlich zu haben ist. Im Gebiete der Musik hat sich ebenfalls die Pfennigmanie — über die die Aerzte so wenig wie über die Cholera einig sind, ob sie contagiös oder epidemisch ist — verbreitet und wir zählen jetzt bereits drei musikalische Pfennig-Magazine, die manches Gute, aber auch manches höchst Mittelmäßige bringen, was nicht einmal einen Pfennig werth ist.“

Eifrige Selbstfortbildung, namentlich in Geschichte und Staatswissenschaften, und ebenso eifrige schriftstellerische und poetische Production füllen in diesen ersten Jahren seines Leipziger Aufenthaltes Robert Blum’s Mußestunden. An der Hochschule hörte er bei Drobisch Logik, bei dem Privatdocenten Dr. Burkhardt, seinem intimen Freunde, Geschichte der neuesten Zeit. Fast sämmtliche belletristische Zeitschriften jener Tage bringen lyrische Gedichte, Recensionen, auch größere Essays über literarische Tageserscheinungen von Robert Blum. Die Honorareinnahmen, die er von der „Aurora“, der „Abendzeitung“, den „Rheinblüthen“, „Unser Planet“, der „Zeitung für die elegante Welt“ u. s. w. von 1832 bis 1837 bucht, sind theilweise bedeutend, namentlich für damalige Honorarverhältnisse und den damaligen Geldwerth. Vortrefflich versteht er in diesen Artikeln seine politischen Ansichten und Tendenzen vorzutragen unter der Maske wissenschaftlicher oder harmlos plaudernder Recensionen epochemachender geschichtlicher und socialer Werke der Zeit, namentlich der Revolutionsgeschichte von Mignet und Adolf Thiers und der interessanten Schrift Bulwer’s „über Frankreich in socialer literarischer und politischer Beziehung“, so daß der Censor ihm nichts anhaben kann. Für seine Arbeit über die Geschichte der französischen Revolution allein erhielt er (1837) zehn Friedrichsd’ors bezahlt. Auch ist er einer der gesuchtesten Prologdichter der Zeit. „Vom Prinzen-Mitregent[15] 10 Thaler,“ bucht er am 31. Mai 1833. Aehnliche Honorare trugen ihm die wiederholten Prologe zum Sächsischen Constitutionsfest (1834, 35 u. s. w.), ein Festspiel für Meiningen und ein Prolog bei der Wiedereröffnung der Magdeburger Bühne (1834) ein. Seine finanziellen Verhältnisse waren sehr befriedigend geworden. Die Seinen daheim erhielten reichliche Unterstützungen und Geschenke von ihm.

Am Theater ist er schon um die Mitte der dreißiger Jahre die Seele des Unternehmens geworden. Bei den häufigen Reisen Ringelhardt’s und des Regisseurs Düringer dirigirt Blum den Musentempel mit weiser Oeconomie, großem Geschick und zur vollen Zufriedenheit der Künstler wie der Bürgerschaft. Ihn selbst führen Dienstreisen häufig von Leipzig fort, nach Frankfurt, Stettin, Danzig, Berlin u. s. w. Auch literarisch-polemisch stand er seinem Director treu zur Seite. Mit einem Herrn von Alvensleben, einem Theaterrecensenten Leipzigs, führte er unter dem Namen seines Directors schlagfertig und überzeugend eine kritische Fehde vor dem Publikum[16]. Sogar „Ein Hochlöbliches Ober-Censur-Collegium hierselbst“ rief Ringelhardt um Beistand an in einer von Blum verfaßten, mir im Concept vorliegenden Eingabe, die mit der Bitte schließt: „daß es E. H. O. C. C. gefallen möge, unbeschadet jeder wahren Kritik, die in den hiesigen Blättern häufig enthaltenen Schmähungen, persönlichen Beleidigungen und boshaften Pasquille gegen das hiesige Theater und die einzelnen Mitglieder desselben zu unterdrücken und dem Institute den zu seinem Bestehen nöthigen Schutz gütigst zu gewähren.“

Die ersten Ferientage in seiner anstrengenden Arbeit, die erste Erholungsreise auf eigene Kosten gönnte er sich am 21. Juni 1835. Er reiste in die Sächsische Schweiz. Er hat die Erlebnisse niedergeschrieben und veröffentlicht. Das volle Gefühl glücklicher Freiheit, das ihm hier zu Theil ward, faßt er gleich zu Anfang seiner Reiseerinnerungen in die Worte: „Um nicht gar zu früh nach Pillnitz zu gelangen, nahm ich in Dresden einen Einspänner, der mich nach der Pillnitzer Fähre brachte. O, wie mir wohl war auf diesem knarrenden, stoßenden Throne, den ich mir für das Opfer von 20 Gr. errungen hatte, und wo mich, statt des Weihrauchs, die gleich angenehmen Wolken von dem Kneller meines redlichen Schwagers[17] und dem in dichten Massen aufwehenden Staube umwallten. Es muß doch etwas Herrliches sein um die Erhabenheit, um die Herrschaft. Ich fühlte mich so groß auf meinem erhabenen Droschkensitze, so reich und so glücklich! Hinter mir lag ein anstrengendes, mich stets belastendes Geschäftsleben, das drei Jahre wie ein ehernes Joch auf meinen Schultern geruht hatte, ohne mir nur einen einzigen Tag der Erholung zu gönnen; in mir wallte das selige Bewußtsein, daß ich diesem Joche auf volle acht Tage entronnen sei und mich frei ergehen könne in der freien Natur; vor mir der Kreis der ersehnten Berge, eingehüllt in einen grauen Schlafrock und den Dampf ihrer riesigen Morgenpfeife in dichten Nebelwolken gegen Himmel sendend, über mir der halb heitre, halb bewölkte Himmel“ u. s. w. „So kam ich nach der Fähre, im Fluge tanzte der leichte Kahn über den gekräuselten Spiegel des lachenden Stromes und den Wanderstab in der Hand, die grüne Reisetasche wie ein Botaniker umhängend, stand ich bald am jenseitigen Ufer. Aber es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.“

Das ist der Grundgedanke, der ihn inmitten der höchsten Reize der Natur erfaßt, welche diese Wanderung verschwenderisch vor ihm ausbreitet. Zum vollsten Genusse der frohen Tage fehlte ihm die Gegenwart des Mädchens, bei dem sein Herz weilte auch inmitten der reinen Freuden, welche die Natur ihm bot. Er konnte sich nicht versagen, diese Stimmung in seinen Reiseerinnerungen wiederholt anklingen zu lassen. Denn er las diese Erinnerungen, wie Alles, was er dichtete und schaffte, daheim der Auserwählten seines Herzens vor. Die junge Dame hieß Auguste Forster und muß mit dem Theater in irgend einer Verbindung gestanden haben. Bald war Robert Blum so glücklich, Gegenliebe zu finden. Sein ernster Sinn war nur darauf gerichtet, das geliebte Weib zur Genossin des bescheidenen Glückes zu machen, das er nach langem harten Ringen um eine gesicherte Existenz nun sein nannte. Doch sollte ihm der Schmerz nicht erspart bleiben, in seiner ersten Liebe getäuscht zu werden. Den Seinen in Köln wurde die Braut, wie die Briefe der Schwester Blum’s aus den Jahren 1835 und 1836 ergeben, schon 1835 als „theure Freundin“, dann immer deutlicher als künftige Lebensgenossin bezeichnet. Im Juli oder August 1836 muß er den Seinen den Besuch Augustens in Köln bestimmt angezeigt und beabsichtigt haben, dorthin zu folgen, um das Jawort der Eltern zu seiner Verbindung mit ihr zu erbitten. Schwester Gretchen berichtet ihm am 28. August 1836 ausführlich, wie freundlich sie Alles hergerichtet hatten, um die Braut des Haussohnes zu empfangen. Aber Auguste ist nie nach Köln gekommen. Ein reizender Mädchenkopf (Aquarelle) in Etui unter convexer Glasdecke, eine bräunliche Locke, die das Oval des Bildes umschließt, einige leidenschaftliche unglückliche Gedichte an Auguste sind die einzigen Erinnerungen, die Robert Blum an seine erste tiefe Herzensliebe bewahrt hat. Im August 1836 ist dieser Traum dahingegangen zwischen dem Morgenroth zweier Tage. Der Inhalt seiner Gedichte und der Briefe seiner Schwester läßt keinen Zweifel darüber zu, daß das schwere Wort „Untreue der Geliebten“ den Hoffnungen seines Herzens ein Ziel setzte.

Der Stimmung seines Herzens in jenen Tagen gibt am besten Ausdruck das Gedicht, das er „Abschied“ überschrieben.

„Ein Schifflein schwebt auf dem empörten Meere
Und ringt verzweifelnd mit des Sturmes Noth,
Verloren ist ihm Richtung, Ziel und Fähre,
Der Mast zerschellt, der seinem Lauf gebot.
Und durch die düstre ungeheure Leere,
Die wild erbrausend rings Verderben droht,
Starrt hin der Schiffer in des Ostens Ferne,
Als sucht’ er dort nach einem Rettungssterne.
Du kennst das Meer, das wilde, sturmempörte,
Das Leben ist’s, an Schmerz und Freuden reich;
Du kennst das Schifflein, das der Sturm verstörte:
Ein Menschenglück ist’s, ach! so hoffnungsreich;
Du kennst den Schiffer, dem es angehörte,
Ein treues Herz ist’s, liebevoll und weich;
Du kennst den Hafen, den er heiß ersehnte
Und selig schon erreicht zu haben wähnte.

Erglänzt ihm einst das Licht mit seinem Segen,
Es findet einen morschen, müden Mann;
Und mag der Hafen in der Ferne winken,
Er wird ihn sehen, aber untersinken.“

Freunde, die Seinigen in Köln, Arbeit in Menge, erfüllten ihn bald mit tröstlicherer Stimmung und brachten ihm das schwere Leiden des Herzens in Vergessenheit. Den wesentlichsten Antheil aber an seiner Aufrichtung und Tröstung hatte die Loge. Ihr war er seit Anfang des Jahres 1836 beigetreten. Schon früher (S. 33) ist eine Stelle aus der interessanten „biographischen Skizze“ mitgetheilt worden, die er den Ordnungen des Bundes gemäß vor seiner Aufnahme in denselben einreichen mußte. Es heißt hier u. A.: „Mein Bildungsgang ist der eines Menschen, den ein widriges Schicksal in seiner Entwicklung hemmt und zurückstößt. Der Durst nach Wissen, vom zwölften bis achtzehnten Jahre unterdrückt durch Mühen und Arbeit, erwachte erst dann wieder, als es zu spät war, die mangelnden Grundelemente in die Seele zu legen und nur mit großer Mühe und anhaltendem Fleiße ist es mir gelungen, das Versäumte einigermaßen nachzuholen. Noch jetzt füllen Studien alle meine Mußestunden aus und meine größte Freude besteht darin, meine geringen Kenntnisse allmählich zu erweitern, und wenn mir das Glück zu Theil wird, als Mitglied eines Bundes aufgenommen zu werden, der die schönsten geistigen Kräfte in sich vereint, so hoffe ich davon vertrauensvoll einen wesentlichen Einfluß auf meine geistige und sittliche Vervollkommnung, nach der ich stets aus allen Kräften ringen werde. Heil dem Bunde“, heißt es später höchst charakteristisch, „wenn die nothwendige, aber dem Herzen drückende Sonderung der Stände im conventionellen Leben jenseits seines Kreises liegt, wenn der Mensch im Menschen nur den Bruder sieht und sich nur freiwillig neigt vor der höheren Tugend desselben. Lieblich vereinen sich dann die Wohlthaten und Vorzüge unserer gesteigerten Bildung und Intelligenz mit den süßen kindlich-reinen Freuden der patriarchalisch-brüderlichen Vereinigung, die nur in der Kindheit der Gesellschaft dem Menschengeschlecht gelächelt haben. Es wohnt dann im Bunde die wahre reine Freiheit und Gleichheit, an welcher der Lichtblick des Denkers hängt, als an dem Ideale menschlicher Glückseligkeit; nicht jene Freiheit, die auf den Trümmern der vernichteten socialen Zustände ein blutiges Banner schwingt und der unglücklichen Menschheit Gleichheit gibt, indem sie Allen gleiches Elend bereitet; sondern jene Freiheit, die ein Kind ist des Lichtes und des Rechts, der Ruhe und des Friedens, und die nur dann allen Menschen gleiche Glückseligkeit geben kann und wird, wenn Alle aus allen Kräften an ihrer sittlichen Vervollkommnung arbeiten und festhalten an der Tugend, ohne welche keine Freiheit möglich ist.“ Am Schlusse heißt es: „Mit frohem Herzen darf ich mir sagen, daß ich bis jetzt keinem Menschen Veranlassung gegeben habe, mich zu hassen und kann die Versicherung hinzufügen, daß ich frei von jedem Hasse bin. Religion und Moral machen uns die Duldung zur Pflicht und das Leben — besonders in der jetzigen vielbewegten Zeit — macht sie zur unbedingten Nothwendigkeit eines friedlichen Daseins. Ich habe nach Kräften gestrebt mir diese Tugend, wenn ich sie so nennen darf, anzueignen, und traue mir den Muth zu, sie in allen Verhältnissen auszuüben.... So fest ich überzeugt bin, daß die Religion — im weiteren Sinne — das höchste Gut des edlen Menschen ist, so klar liegt es vor mir, daß dieselbe rein und vollkommen gefunden werden muß in einem Bunde, der die Tugend als Cultus übt und nur für die höheren Interessen des menschlichen Daseins wirksam ist.“

So hoch Robert Blum die Erwartungen spannte, welche die Aufnahme in den Freimaurerbund ihm befriedigen sollten und so sehr ihn in den ersten Jahren der geheimnißvolle Kreis der Brüder anzog, so gering hat er später über den Orden geurtheilt. Der überaus harte Artikel „Freimaurer“ in seinem „Volksthümlichen Handbuch der Staatswissenschaften und Politik“[18] ist aus seiner Feder, wenn auch dabei aus naheliegenden Gründen sein Signum fehlt.

Wenn am Schlusse dieses Artikels gesagt ist: „die Freimaurervereine sind jetzt nichts weiter als Wohlthätigkeitsanstalten“ und dann weiter „die Formen, Gebräuche und Symbole des Ordens eines denkenden Menschen geradezu für unwürdig“ erklärt werden, so liegt das Ungerechte des Urtheils auf der Hand. Aber deutlich und treffend ist in dem Artikel ausgesprochen, was Blum allmählich den Bund entfremdete: „Die Aufhebung jedes Unterschiedes in den Logen ist nicht wahr. Man nennt sich zwar Bruder, aber Stand, Rang und Geld haben in den Logen dieselbe Bedeutung wie außerhalb derselben. Auch die Bekenntnißverschiedenheit macht sich in den Logen geltend und steigt bei vielen bis zur völligen Unduldsamkeit; so sind z. B. in vielen Logen die Juden ausgeschlossen.“ Der eigentliche Grund aber, der Blum mehr und mehr die Loge gleichgültig, ja widerwärtig machen mußte, ist in diesem Artikel nicht ausgesprochen: je mehr die politische Agitation in den Vordergrund seiner Strebungen trat, um so ferner rückte ihm der Wirkungskreis der Loge, in der jede politische Discussion grundsätzlich verpönt ist.