7. Erstes politisches Wirken. Eigene Häuslichkeit.
(1837. 1838).

Selten hat ein Land in den ersten Jahren seiner constitutionellen Aera so wenig politische Regsamkeit gezeigt, als das Königreich Sachsen. Im Jahre 1831 war die Verfassung gegeben worden. In den andern deutschen Staaten, namentlich in Süddeutschland, waren die ersten Jahre des constitutionellen Lebens für die Betheiligung der Bürger an öffentlichen Dingen die lebendigsten und fruchtbringendsten gewesen. In Sachsen dagegen verhielt sich der Unterthan im ersten halben Jahrzehnt des Verfassungsstaates fast so ruhig und langweilig, wie in den vergangenen Tagen des absoluten Königthums. Mannigfache Gründe wirkten hierfür zusammen. Schon der erste Landtag des neuen Verfassungsstaates hatte eine lebhafte Reaction am Werk gefunden: die Bundesbeschlüsse von 1832 standen in frischer Wirksamkeit, die Presse war noch mehr gefesselt als zuvor, weit wurden die Rechte der Krone, eng diejenigen der Landtage überall ausgelegt. Zudem war den Mißständen, welche in Sachsen die Bewegungen von 1830 hervorgerufen hatten, schon durch die Verfassung im Wesentlichen abgeholfen und das erleuchtete humane Ministerium Lindenau arbeitete eifrigst daran, alle noch unerledigten gerechten Wünsche des Landes auf dem Wege der Gesetzgebung zu befriedigen. Dem Ackerbau wurden die drückenden Lasten abgenommen, eine neue Städte- und Landgemeindeordnung gab den städtischen und ländlichen Gemeinden die Anfänge der Selbstverwaltung. Die ungeheuren Vorrechte des Adels wurden überall zum gemeinen Nutzen beschnitten. Außerordentlich bedeutend und epochemachend sind die Reformen des Rechtslebens, die Sachsen dieser Zeit verdankt. Die Finanzen des Staates erfreuten sich einer blühenden Lage; durchaus loyal gestaltete die Regierung den Ständen die verfassungsmäßige Feststellung und Controle des Staatshaushaltes. Ueberall ergreift die Regierung in diesem Zeitraum die Führung zu Reformen, gestützt durch das bürgerliche, oft auch durch das bäuerliche Element der Kammern, häufig gehindert und fast immer befehdet durch den Adel der ersten und zweiten Kammer. Die Regierung selbst erkennt schon in den ersten Jahren die schweren Fehler des Wahlgesetzes. Streng nach Standes- und Klasseninteressen sind beide Kammern zusammengesetzt. In ungeheurer Mehrheit befindet sich das Element des ländlichen Grundbesitzes. Der schwere Fehler, an dem noch heute die Sächsische Gesetzgebung in allen Zweigen krankt, daß sie von Bauern für Bauern gemacht wird, trat damals besonders grell hervor. Die Intelligenz, der selbstlose patriotische Idealismus fanden kaum Zutritt zur Kammer nach diesem Wahlgesetz, nach dem der Stand den Standesgenossen, und zwar immer aus dem eigenen Wahlkreise (!), wählen mußte. Die Kammerverhandlungen der ersten Jahre nach 1831 zeigen daher fast überall nur Standeshader, höchst selten die Erörterung wichtiger politischer Princip- oder Freiheitsfragen.

Das wurde schon in etwas anders, als das rührige Voigtland, das schon 1831 einen Preßverein nach dem Muster der süddeutschen gegründet hatte, im Jahre 1836 die Abgeordneten Carl Todt (Bürgermeister von Adorf) und von Dieskau (Advocat und Patrimonialrichter aus Plauen) in den Landtag sandte. Sie durchbrachen zum ersten Male die landesübliche Nüchternheit und Genügsamkeit und ließen zum ersten Male im „Landhaussaale“ zu Dresden jenen Ton des schwungvollen, kühnen und rücksichtslosen Liberalismus vernehmen, der bisher nur aus weiter südlicher Ferne nach Sachsen herübergedrungen war. Und wenn auch die beschränkte Bureaukratie und Aristokratie, welcher hauptsächlich die Gegnerschaft dieser jungen Opposition galt, sich über die Kleinheit dieser Fraction vorläufig nur lustig machte, so erweckte doch die Unverzagtheit und Ueberzeugungstreue, das unleugbare Geschick dieser Redner überall im Lande den freudigsten Wiederhall und regte an zur Bildung thätiger, die Opposition im Lande verstärkender politischer Kreise.

Aus dem großen, mehr zufällig zusammengewürfelten Kreise der Leipziger Bekanntschaften hatte Robert Blum allmählich einen kleineren Ring wirklicher Freunde ausgesondert, mit denen er und die mit ihm immer inniger zusammenwuchsen. Harmlose gesellige Heiterkeit hatte die jungen Männer anfangs zusammengeführt. Bald aber wurden die allgemeinen Angelegenheiten der Stadt, des Landes, des großen deutschen Vaterlandes in den Bereich der Verhandlungen gezogen und ernsthaft durchgesprochen; gemeinsam wurde zu wichtigen Tagesfragen Stellung genommen und in bestimmtem Sinne Einwirkung auf die öffentliche Meinung beschlossen, durch die Presse, durch persönliche Agitation in der Bürgerschaft, durch Betheiligung der Freunde an öffentlichen Festen mit patriotischer Tendenz. In diesem engeren Kreise verkehrten die Schriftsteller Hermann Marggraff, Carl Herloßsohn, Th. Hell, der feurige Julius Mosen, so oft er Leipzig berührte, der kenntnißreiche, ruhig erwägende Karl Andree, der joviale gottbegnadete Componist Lortzing und Kapellmeister Stegmeyer, der blinde Dichter Dr. Theodor Apel, der eifrig zur Localgeschichte der großen Völkerschlacht sammelte; sie Alle patriotisch bewegt, wenn auch der practischen Politik ihrer Natur oder ihrer Berufsthätigkeit nach nicht unmittelbar zugewandt. Auf ein unmittelbares politisches Wirken dagegen drängten andere Genossen dieses Freundeskreises: der feurige Dr. Georg Günther, Mitredacteur der Leipziger Allgemeinen Zeitung, nicht minder der von allen Revolutionen hoch begeisterte junge Historiker Burkhardt, der eben an seiner Geschichte der neuesten Zeit arbeitete, lange Jahre das beste Buch dieser Art, bis es durch die archivalischen Forschungen späterer Geschichtsschreiber in Schatten gestellt wurde; außerdem der bescheidene, fleißige und opferfreudige Journalist Carl Cramer; der gelehrte und in allen öffentlichen Dingen eifrig und scharfsinnig thätige junge Privatdocent der Rechte Dr. Schaffrath; die patriotischen jungen Advocaten Dr. Hermann Joseph und Dr. Rudolf Rüder, der formgewandte feine Buchhändler Robert Friese, der bald nachher es wagte, in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“ das erste Sächsische Blatt herauszugeben, das, ganz unabhängig von der Regierung[19], die radicalen Wünsche des jungen Deutschlands und des vorgeschrittenen Sächsischen Liberalismus laut werden ließ. Bald, zu Anfang der 40er Jahre, war dieses Blatt die gelesenste politische Zeitung Sachsens, Blum einer der fleißigsten Mitarbeiter desselben.

Es darf nicht wunder nehmen, daß die ersten Schritte in das politische Gebiet, welche dieser Freundeskreis that, der Ermunterung und theilnehmenden Förderung patriotischer Feste galten. Haben wir Deutschen doch noch mehr als zwanzig Jahre später, vom Ausgange der Reaktionszeit 1859 an bis zum Kriege des Jahres 1866 in solchen patriotischen Festen die geeignetste Form gesehen, um vaterländische Gesinnungen und Wünsche auszusprechen und nationalen Sinn in den Massen zu fördern. In dieser Absicht wurde von Blum und seinen Freunden alljährlich das Constitutionsfest gefeiert, zu Schützenfesten angeregt und vor Allem die für den 6. November 1837 projectirte Einweihung des Gustav-Adolph-Denkmals bei Lützen zu einem großartigen vaterländischen Volksfeste gemacht. Selbst ein so rein sächsisches Gemüth wie das Große’s hat in seiner Geschichte Leipzigs mit Rührung bekannt, wie mächtig der Hauch deutschen Geistes an jenem Festtage zu spüren gewesen und daß diese Richtung der Feststimmung vor Allem Leipzig zu danken gewesen sei[20]. Schon wochenlang vorher hatten Blum und seine Freunde in diesem Sinne gewirkt. Wir besitzen eine höchst weihevolle Schilderung des Festes aus Blum’s Feder[21], aus der hier einige der characteristischsten Stellen folgen mögen:

„So ist er denn glücklich vorüber der feierliche Tag, der die Völker zweier Nachbarländer in eine ungewöhnliche Bewegung setzte und im ganzen norddeutschen Vaterlande einen freudigen Anklang fand, oder doch finden sollte. Himmel und Erde schienen sich verschworen zu haben, das Fest zu stören; in Leipzig stürzte am Abend vorher die Brücke zusammen, über welche die ganze Karawane der Theilnehmer ziehen mußte, und am Morgen regnete der Himmel unbarmherzig herab auf den langen Zug der Fahrenden und Gehenden und machte ein so unfreundliches Gesicht, daß man glauben mußte, er wolle allein trauern an diesem Tage. Aber es war nur Verstellung; der Himmel hatte uns eine Ueberraschung vorbehalten und gab ohne Subscription und königliche Beisteuer eine Darstellung des 6. Nov. 1832 aus eigenen Mitteln, denn die Geschichte erzählt uns ja, daß an diesem Tage der Himmel in einen grauen Nebelmantel gehüllt war bis gegen Mittag, und dann erst Licht herabsandte auf die kampfdürstenden Schaaren, daß sie sich erkennen und erfassen konnten.... Viele mochten den Sinn der Feier fühlen, für den Gedanken der Religionsfreiheit, der sich an den Schwedenkönig knüpft, begeistert sein; allein an den Ausspruch einer Begeisterung ist die deutsche Menge noch nicht gewöhnt. Hier und da blickte aus dem Gewühl ein Auge gen Himmel oder ins nebelhafte Weite und suchte nach einem Gustav Adolph, wie er der Gegenwart Noth thut.

Ziel- und zwecklos schlenderten wir durch die Straßen, der Dinge harrend, die da kommen sollten. Aber auf dem Markte war plötzlich ein graues Denkmal zu erblicken, ein wanderndes, ein verwittertes Monument vergangener Zeit: der alte, biedere, viel verketzerte, vielgekränkte, aber gewiß ehrwürdige Jahn. Seine Erscheinung erregte Aufsehen und sammelte einen Kreis von Menschen um sich, die ihn mit neugierigen Blicken, wie einen Fremden aus ferner unbekannter Welt anstaunten. Und er ist ein Fremder in unserer Zeit; seine historische Bedeutung, seine öffentliche Existenz knüpft sich an einen Himmelsstrich der Weltgeschichte, der dem unsrigen sehr fern liegt, und dessen Dasein unsere Enkel gar nicht mehr begreifen werden. Jahn ist das Monument des Deutschthums von 1812 und 1813. Mochte dieses Deutschthum abstoßend sein in einigen Formen, unfreundlich in seiner äußern Schroffheit, es war eine Zeiterscheinung voll Kraft und Hoffnung, voll Mark und volksthümlichen Lebens, voll schöner Keime und mächtig schwellender Fruchtknospen; es war begreiflich, daß ein Mann sich dieser Richtung ganz hingab und den geistigen Kern der Sache zur Anschauung brachte durch seine Bestrebungen. Jahn hat das gethan, mit Liebe und Eifer gethan, und seine ganze Individualität daran gesetzt. Das eben ist sein Unglück, daß sein geistiges Sein aufging in diesen Bestrebungen; denn als die Gestalt der Dinge sehr bald sich änderte, als man ihn von sich stieß, er aber auf der eingeschlagenen Bahn beharrte, da verstand ihn bald die Welt nicht mehr und er ward zur Carricatur seiner selber. Das alte Lied vom Franzosenhaß klang inmitten neuer Lebensfluthen wie ein altes Zauberlied in Ossianischer Sprache, das ein grauer Barde vom einsamen Felsen singt, um die Fluth zu beschwören; aber die Fluth will sich nicht mehr bannen lassen, und die Schiffer, die mit neuen Wimpeln segeln, lachen über die alte seltsame Weise. So stand Jahn vereinsamt da im wechselvollen Leben und tappte blindlings umher, um die neuen Zustände zu erfassen, die ihm entschlüpften, weil die Spekulation an die Stelle der That getreten war. Da wurde er Greis aus Verzweiflung, und als eine Ruine vergangenen Lebens wandelte er gespenstisch durch die Gegenwart. So steht er noch da; seine Gestalt, seine männliche Haltung und der kräftige Ausdruck seines Gesichtes repräsentiren die Kraft der That und den eisernen Muth der Hoffnung, indessen sein schneeweißes Haar an den Verfall seiner Epoche gemahnt. Sein silberweißes Bart- und Haupthaar flattert verstreut im Winde, wie die Hoffnungen und Entwürfe von 1813 spielend verweht wurden von dem Zugwinde wankender Menschentreue. Lacht nicht über diese Ruine, Zeitgenossen! Ehrt sie und denkt an unser eigenes Schicksal! Unsere Zeit ist ganz geeignet, das männlich schlagende Herz zu beruhigen in harmlosem Wahnsinn. Wer weiß, ob nicht auch wir stereotyp werden mit unsern Träumen künftiger Weltgestaltungen, ob wir nicht fortphantasiren und an der Speculation hangen bleiben, wenn das Leben erwacht ist zur That. Man soll uns dann nicht verlachen! Es war ja das heiße Herzblut, die schöne Kraft der Jugend und die goldene Hoffnung der Zukunft, womit wir diese Träume gepflegt und genährt.“

Nachdem dann der Festzug und die begeisterte Ovation geschildert ist, welche die Leipziger Studentenschaft dem alten Jahn darbrachte, heißt es weiter: „Der Bischof Dräsecke aus Magdeburg hatte jetzt die geschmückte Kanzel bestiegen und die Seminaristen von Weißenfels sangen eine Motette, worauf der Bischof das Gebet sprach. Dann ward ein von Würkert gedichtetes Festlied gesungen. Der Bischof hielt nun die Weihrede, die, wenn auch nicht das beste Product dieses genialen Kanzelredners, ganz der Feier angemessen, voll erhabener schöner Gedanken, geistreicher Wendungen und tiefer Empfindung war. Historische Erinnerungen und eine treffliche Anwendung der Bibelstellen auf das Denkmal bildeten den Inhalt. Mit wahrhaft begeisternden Worten bereitete der Redner die Enthüllung des Denkmals vor, die auf seinen Wink erfolgte; die Hülle wollte nicht herab, das Monument des edlen königlichen Helden und einer thatkräftigen, lebensrüstigen Zeit hielt sein graues Gewand fest, um nicht enthüllt zu erscheinen vor einer blos denkenden, thatunlustigen Gegenwart. Und der Bischof war der einzige, der es feierlich und freudig begrüßte; die fernen Instrumente schmetterten ex officio einen obligaten Jubel, und die Kanonen riefen ein dumpfes „Willkommen!“ Man hatte das Pulver gespart, oder beim Laden Rücksicht genommen auf das zarte Geschlecht; sie knallten wie eine Windklapper, die ein Knabe sich von Papier faltet. Nicht ein Ruf der Freude, nicht ein Zeichen des Beifalls, der Theilnahme und Erhebung gab sich kund bei der versammelten Menge. Begeisterung und Enthusiasmus standen nicht in der Festordnung, und der Deutsche hält fest am Vorgeschriebenen. Nur eine Lerche flog trillernd über das Monument hin und schmetterte die Jubelhymne der Freiheit durch den weiten Himmelsraum; sie verschwand im unendlichen Dome, wie der Lichtgedanke der That, den Himmel suchend, verschwindet. — Auch die Sonne trat heraus aus ihrem grauen Morgenanzuge und grüßte hellstrahlend das Denkmal eines leuchtenden Menschengestirns; aber sie zog den Schleier bald wieder zu, als sie die kalten Menschenherzen erblickte, die es umstanden.

Eine bunte Menge trieb sich nach der Feierlichkeit um das Monument herum, dasselbe bewundernd, erklärend und kritisirend. Die weite Ebene war bunt bewegt und glich in ihrer wirren Lebendigkeit einem aufgescheuchten Bienenschwarme. Ich hatte mich an den alten Invaliden gedrängt, der freudestrahlenden Blickes dastand in der Volksmenge und mühsam sich aufrecht zu erhalten suchte im wilden Gedränge. Er war sehr glücklich der gute Alte, über seine Versorgung, die ihm monatlich 8 Thlr., freie Wohnung und freies Holz bringt. Hier kann er träumen von Schlachten und Siegen, kann die Gespenster ziehen sehen, Nachts über die Todesebene, bis der Tod ihn zur Ruhe ruft mit dem letzten Zapfenstreiche. Der Alte war besonders sehr glücklich, daß der hochwürdige Bischof auch ihn erwähnt habe in seiner Rede und gesagt: „er solle in der Bewachung des Monuments seine letzte Erdenwache verrichten;“ es war noch Ehrgeiz in seiner Brust, denn er that sich viel darauf zu Gute, daß er der Einzige sei von allen Wächtern, der dieses Fest erlebte. Ich fragte ihn, wo er sein Bein verloren habe? er zeigte nach Leipzig und sagte mit selbstgenügsamem Witz: „dort habe ich’s gesäet, damit es keime und wachse und ich mir neue Beine holen kann, wenn dies eine alt und schwach wird. Ist’s nicht aufgegangen, lieber Herr?“ Armer Mann! begrabe deine Hoffnung, scharre deinen zerrissenen Kranz ein zu deinem Beine; du hast in ein unfruchtbares Feld gesäet. Leipzigs Auen geben die Saaten nicht vervielfältigt zurück, die man ihnen vertraute, sie liegen wie ein Lebendigbegrabener in der stillen Erde und ringen ununterbrochen den furchtbaren Kampf zwischen Tod und Leben. Wenn man einsam dahinwandert über die blutgedüngten Felder, so hört man ihr verzweifeltes Aechzen und das Blut stockt im warmen Herzen, die Nerven durchzuckt es fieberisch, und man möchte die Erstickenden befreien mit Aufopferung des eigenen Lebens. Aber ein böser Zauber hält sie gefangen, und noch ist der Glückliche nicht erschienen, der ihn zu lösen vermag. Gustav Adolf der neuen Zeit, wo weilst Du?“

Im Gegensatz zu der Gleichgültigkeit der Spießbürger Lützens wird dann die schöne Begeisterung der Studenten und Bürger Leipzigs, ihre in Lied und Wort mächtig durchdringende patriotische Feststimmung geschildert. Daß Robert Blum selbst einen der begeistertsten Trinksprüche ausbrachte, verschweigt er bescheiden. Zum Schlusse schreibt er: „Um die Lohe der rings um das Denkmal aufgehäuften Pechfackeln schallte brausend das frohe „Gaudeamus“ als Schlußgesang zu dem lichten Nachthimmel empor. Während desselben stiegen in der Ferne zwei Raketen auf, wahrscheinlich eine Ueberraschung, die die Stadt Lützen ihren Gästen bereitet hatte!“

Die Menge verlief sich, nur der Invalide blieb einsam an dem stillen Denkmal, welches zu wachsen schien in der dunklen Nacht, als ob es emporsteigen wolle zu den Sternen. „Wir bedürfen großer Mahlzeichen, sagte der Bischof Dräsecke, an denen wir ausruhen von großen Thaten und uns ihrer erinnern.“ Dort standen zwei Mahlzeichen vergangener kräftiger Epochen nebeneinander; das eine erhob sich siegend in der Gegenwart, obschon es zwei Jahrhunderte trug; das andere stand nur gespenstig noch aufrecht und wankte, mit nur 24 Jahren belastet, der Vergessenheit zu. Wie verschieden die Ergebnisse der Weltgeschichte sind. Der Himmel lag licht und sternenklar ausgebreitet über der Ebene und der Mond erhellte sie mit freundlichem Lichte; Sternschnuppen flogen durch die stille Nacht und berührten wie tröstende Gottesgedanken das schmerzlich zuckende Herz, tief im Innern neue Hoffnung und Zuversicht erweckend, und in die Seele tönte es wie Engelchöre, welche sangen:

Eine feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Noth,
Die uns itzt hat betroffen.

Wir wollen ihm vertrauen, dem Gotte der im Himmel thront und in der reinen Brust des Menschen, die nach Licht und Freiheit dürstet.

Ehre sei Leipzigs Bürgerschaft und Universität! sie waren es, die dem Feste den Glanz verliehen, worin es prangte.

Robert Blum.

P. S. Ich habe das Wichtigste vergessen: es fand durchaus keine Ruhestörung Statt.“

Bald ward der Bürgerschaft Leipzigs Gelegenheit geboten, die patriotischen Gelübde, die an dieser geweihten Stätte dargebracht worden waren, zur That werden zu lassen. Am 17. November 1837 hatten die mannhaften sieben Göttinger Professoren Dahlmann, Albrecht, Gervinus, die Gebrüder Grimm, Weber und Ewald dem Curatorium der Universität einen Protest überreicht gegen die eidbrüchige Verfassungsverletzung des Königs Ernst August von Hannover. Der Protest wurde veröffentlicht und jubelnd in ganz Deutschland begrüßt von Allen, welche Recht und Gesetz und geschworene Eide hoch hielten. Das waren unter dem allgemeinen Molluskenthum, das seit den Bundestagsbeschlüssen von 1832 an der Oberfläche unseres öffentlichen Lebens schwamm, doch einmal sieben ganze Männer! Sie wagten dem eidbrüchigen Verbrecher auf dem Throne zuzurufen: „das ganze Gelingen ihrer Wirksamkeit beruht nicht sicherer auf dem wissenschaftlichen Werthe ihrer Lehren als auf ihrer persönlichen Unbescholtenheit. Sobald sie vor der studirenden Jugend als Männer erscheinen, die mit ihren Eiden ein leichtfertiges Spiel treiben, ebensobald ist der Segen ihrer Wirksamkeit dahin. Und was würde Sr. Majestät dem Könige der Eid unserer Treue und Huldigung bedeuten, wenn er von Solchen ausginge, die eben erst ihre eidliche Versicherung freventlich verletzt haben.“

In Leipzig namentlich fand der kühne Schritt der Göttinger Sieben wohl den begeistertsten Widerhall. Nur Hamburg und Kiel konnten sich mit Leipzig in thatkräftigem Handeln messen. So rein und naturgewaltig drang von Leipzig die Zustimmung zurück zu Dahlmann und seinen Genossen, daß, als das Schicksal des treuen „Siebengestirns“ sich erfüllt hatte, Dahlmann und Albrecht nach Leipzig ihre Augen und Schritte lenkten, als nach einer neuen Heimath. Doch schon lange ehe es soweit kam, hatte Leipzig gehandelt so kräftig und opferbereit wie keine andere Stadt. Am 7. December gaben die Liberalen Leipzigs den aus der Ständeversammlung heimgekehrten Abgeordneten ein Festmahl, das hauptsächlich Blum angeregt und zu Stande gebracht hatte. Ein kräftiges Tafellied aus seiner Feder wurde gesungen. Hier regte er mit Andern an, eine Adresse an die Sieben Göttinger zu senden. In wenigen kräftigen Worten hob sie das große Verdienst der eidestreuen Männer hervor und erregte bei Dahlmann, an dessen Adresse sie gesandt wurde, besondere Freude. Dabei begnügte sich aber Leipzig nicht. Schon am 9. December erließen hervorragende Kaufleute, Gelehrte, Buchhändler der Stadt einen Aufruf zur Zeichnung von Beiträgen für den Fall, daß „jene biedern Männer ihres Amtes verlustig gehen sollten“ und in den ersten zwölf Stunden schon hatten Reich und Arm, Jung und Alt, Männer und Frauen der Leipziger Bürgerschaft fast tausend Thaler für die Göttinger Sieben gezeichnet. Wenn Robert Blum’s Name unter diesem schönsten Zeugniß fehlt, das der Patriotismus der Leipziger Bürgerschaft in den dreißiger Jahren sich ausstellte, so sprechen doch zahlreiche Beweise dafür, daß er mit der ganzen ihm eigenen Thatkraft für die Sache der sieben Göttinger wirkte. Er hat noch manches Jahr später, als er schon der anerkannte Führer des vorgeschrittenen Liberalismus in Leipzig war, immer, wo es irgend anging, vermieden, seinen Namen an die Spitze zu stellen oder hervorzudrängen, vor Allem deßhalb, weil er sich seiner abhängigen Stellung als Theatersecretair bewußt war und mit Recht annahm, daß in den Augen des Publikums höhere Titel, die Namen gelehrter, reicher oder berühmter Männer mehr wirken würden, als der seine. Aber man braucht nur die Leipziger Allgemeine Zeitung, die Elegante Welt, das vom Abgeordneten Todt herausgegebene Adorfer Wochenblatt, und alle sonstigen Zeitungen jener Tage, auf welche Robert Blum direct oder indirect Einfluß hatte, aufzuschlagen, um zu erkennen, wie begeistert und nachhaltig er die Sache der Göttinger Sieben förderte. Hat doch auch Johann Jacoby, sein getreuer Gesinnungsgenosse, in Königsberg sich an die Spitze der Agitation und Sammlungen für die sieben tapfern Gelehrten gestellt.

Und als dann das Erwartete geschah, und der König seinem Eidbruch den schnöden Rechtsbruch hinzufügte, die sieben Professoren am 11. December ihres Amtes enthob und sie als Verbannte in die weite Welt trieb und dann Dahlmann und nach ihm Albrecht in Leipzig ein Asyl suchten, da hat Robert Blum die armen Vertriebenen öffentlich angeredet und ihnen, umgeben von Hunderten gleichgesinnter schlichter Bürger, die trostreiche Versicherung zugerufen, daß sie nicht zu verzagen brauchten, da das Herz des ganzen deutschen Volkes mit ihnen schlage, das ganze deutsche Volk sie stütze und trage. Das war die erste öffentliche Rede Blum’s: sie galt der Anerkennung opfermuthiger Pflichterfüllung, unbeugsamer Manneswürde, der Brandmarkung rechtloser und eidbrüchiger fürstlicher Willkür.

Wie tief Robert Blum die lebendige Erinnerung an die Frevelthat des Königs von Hannover und den Heroismus der Göttinger Sieben bewahrte, erhellt aus seinen Reden, Briefen und Schriften der folgenden Jahre. Als längst die öffentliche Theilnahme für das Ereigniß und seine Opfer erkaltet war, wies er immer von Neuem darauf hin. Auch das nächste Geburtstagsfest des Königs von Sachsen gedachte er zu diesem Zwecke zu benützen. Er hatte, wie gewöhnlich, den Theater-Festprolog verfaßt. „Es ist des Königs Fest“ heißt es da:

„Des Königs, der, als in den jüngsten Tagen
Ein ferner Sturm das Völkerheil bedroht,
Ein Königliches Wort nur durfte sagen,
Das jeder Sorge, jeder Furcht gebot,
Das seinen Namen weit hinaus getragen
Und anknüpft an der Zukunft Morgenroth,
Das dem Verdienst, dem freien Männerworte
Eröffnet des Asyles heil’ge Pforte.“

„Bezieht sich auf die Aufnahme der Göttinger Professoren,“ hat Blum in einer Anmerkung zum besseren Verständniß Eines Hohen Theater-Ober-Censur-Collegiums dieser Strophe hinzugefügt. Aber gerade diese Deutlichkeit der Anspielung brachte die Strophe zu Fall. Man war in Dresden in banger Sorge über Dahlmann’s Anwesenheit in Leipzig. Selbst der wackere freisinnige Minister Lindenau berief sich ihm gegenüber auf die 1832er Bundestagsbeschlüsse[22]. Nur Albrecht duldete man und stellte man an, da gegen ihn der welfische Rachezorn bei weitem geringer tobte, als gegen den Führer der Sieben. Unter solchen Umständen durfte natürlich die Regierung zu Königs Geburtstag nicht erinnert werden an ihre großen Worte, da die Armseligkeit ihrer Thaten bald aller Welt kund werden sollte.

Oben ist schon angedeutet worden, daß die Leipziger Messen Robert Blum auch in rege persönliche Verbindung mit hervorragenden, an öffentlichen Angelegenheiten lebhaft theilnehmenden Männern der Provinz brachten. Die zwanglose gesellige Form des Blum’schen Kreises, persönliche Beziehungen zu dem einen oder andern Mitgliede dieses Kreises führte nach und nach fast alle bedeutenderen Männer der Provinz, die in den Messen oder außerhalb derselben Leipzig berührten, in diesen Kreis: den wackeren Weber Franz Rewitzer aus Chemnitz, die rührigen Fabrikanten Böhler und Mammen aus Plauen im Voigtland, zahlreiche Buchhändler und Verleger aus ganz Deutschland, die Abgeordneten der Sächsischen Kammer Dieskau, Todt, später Braun und zahlreiche Andere, die in den kommenden Jahren eine nicht unbedeutende Rolle in der Geschichte ihres engeren und weiteren Vaterlandes gespielt haben. Mit ihnen allen fast hat Blum die persönlich in Leipzig geknüpften Beziehungen in regem Briefwechsel unterhalten und auf diese Weise stets ein treues, durch die Erweiterung seines Freundeskreises immer umfassenderes Bild von dem politischen Leben der Provinz erhalten.

Das Jahr 1837 sollte nicht scheiden, ohne die Wunde, welche die Untreue der Auguste Forster in Blum’s Herzen zurückgelassen, vollständig zu heilen und ihm das schönste Glück für die Zukunft zu verheißen. Schon im Sommer 1837 meldete er den Seinen nach Köln, daß er ein junges Mädchen kennen gelernt habe, das ihn mächtig anziehe. Im Frühjahr desselben Jahres war er durch einen Freund, Ferd. Mey, in dessen elterliches Haus in Leipzig eingeführt worden. Dieses Haus lag an der Dresdener Straße, unweit des äußeren Grimmaischen Thores, das vierundzwanzig Jahre zuvor die Königsberger Landwehr unter Friccius gestürmt hatte. Noch hafteten überall die Kanonenkugeln der Völkerschlacht in den Mauern der Häuser. Jenseits des Thores, wo das Mey’sche Haus zur Rechten lag, war damals fast Alles noch Garten. Mit der Rückseite stieß das Besitzthum an das üppig-grünende Heiligthum des Johanniskirchhofes. Wer konnte ahnen, daß auch der jungen Liebe, die dort emporkeimte, die Trauerweide des Friedhofes in so furchtbarer Nähe erwachsen sollte!

Ein achtzehnjähriges Mädchen (geboren 1. Mai 1819) war Adelheide Mey, als Robert Blum sie zuerst kennen lernte; in kleinbürgerlichem, leidlich wohlhabendem Hause, unter den Blumen und Bäumen des Vaters war sie aufgewachsen, ein Naturkind, schlicht, offen in allen Empfindungen und Gedanken, gleichgültig fast gegen alle tiefsten Zweifel des Menschenherzens, da keiner dieser Zweifel noch den Frieden ihrer Seele getrübt hatte, bis der geistvolle neue Freund leise tastend ihrem Glauben, ihrer Erkenntniß nachspürte. So zog ihr Wesen, ihre Erscheinung den Vielgeprüften mächtig an, gerade wegen des Gegensatzes ihrer Art und Entwickelung zu der seinen. „Jeder Schritt in das Leben war ihr neu, reizend,“ schreibt Blum später an seine Eltern, „es war mir vorbehalten, sie jeden dieser Schritte zu führen, und ihr freudiges Erwachen zu einer höheren Erkenntniß, zu einem geistigeren Lebensgenusse, war mein süßester Lohn. Auch erhob sie sich in geistiger Beziehung mit jedem Tage; ich sah sie gedeihen unter meiner Leitung wie eine sorgsam gepflegte Blume und freute mich so innig an ihrer immer reicheren Entfaltung.“

Sehr bald schloß sich der Bund der jungen Herzen. Die Eltern und Brüder der Braut waren der Werbung gewogen; der Vater liebte Blum wie seinen besten Sohn, und bis an Blum’s Ende hat der kreuzbrave schlichte Mann große Stücke auf den Schwiegersohn gehalten. Das Bild Adelheids steht vor mir in Lebensgröße; sie ist vom Maler Storck in Oel gemalt, in ihrem blaßblauen Brautkleide, das dunkle Haar kunstlos und kurz in Locken um die Stirn ausgehend, das braune Auge lebhaft, die Lippen üppig, Gesicht und Gestalt lieblich, aber in Nichts ungewöhnlich; doch Maler Storck war kein Schmeichler.

In der Nummer des Tageblattes und der Leipziger Zeitung vom 3. Februar 1838 war die Verlobung des Paares öffentlich angezeigt worden. Am 1. Mai 1839, dem neunzehnten Geburtstage Adelheids, widmete ihr Robert ein Gedicht, das beginnt: „Ein schöner Maitag gab Dir einst das Leben,“ und das endet mit der Frühlingshoffnung des Bräutigams, der in wenig Wochen Gatte werden sollte: „Und unser Leben wird ein Maitag sein.“ Ja — ein Maitag, ein kurzer Frühlingstag, in der That! Um in Leipzig heirathen zu können, mußte der Kölner Robert Blum zuerst in Sachsen staatsangehörig werden. Die einfachste Form hierzu war die Erwerbung eines Grundstückes. Am 20. April bucht er „Kaufgeld für das Haus und Kosten 126 Thlr. 6 Gr.“ Es war eine Breterbude in der Nähe Leipzigs. Am 21. Mai fand die Hochzeit statt. Da gab das ganze Theater dem beliebten Secretär Beweise seiner freundlichen Zuneigung in Versen, Gratulationen, Geschenken. Regisseur Düringer hatte sich in Dichtkunst gewaltig angestrengt. In der ersten Etage des Mey’schen Hauses wohnte das junge Paar seit der Hochzeit.

Die Mußestunden jener glücklichen Wochen füllte die Arbeit am Theaterlexicon, mit dessen Plan und Vorarbeiten sich Blum schon lange getragen hatte und das nun bald erscheinen sollte. Am 29. Juni 1838 hatten Blum, Herloßsohn und Marggraff mit dem Major Pierer in Altenburg und Carl Heymann „aus Berlin“ als Verleger, einen schriftlichen Verlagsvertrag über das Unternehmen abgeschlossen, das unter dem Titel „Allgemeines Theaterlexicon“ in drei Bänden von höchstens 75 Bogen in Duodez erscheinen sollte. Für den Druckbogen zahlten die Verleger drei Friedrichsd’ors; bei einem Absatz von zwei Dritteln der Auflage, die auf 3500 Exemplare bemessen wurde, sollte noch eine Nachzahlung von 14 Gr. pro Bogen stattfinden. Ursprünglich war statt Marggraff’s Dr. Carl Andree als Mitredacteur in Aussicht genommen. Andree hatte den Plan und die Vorarbeiten wesentlich fördern helfen. Aber seine Berufung nach Mainz hinderte ihn, an der Ausführung des ihm selbst lieben Planes mitzuwirken. Leider führte dieser Vorfall zu einem völligen Bruche mit Düringer, der sich eingebildet hatte, er werde an Andree’s Stelle in die Redaction berufen werden. Den gekränkten Biedermann trieb die Leidenschaft soweit, daß er zusammen mit dem Inspicienten des Leipziger Stadttheaters, Barthels, der nicht einmal orthographisch schreiben konnte, an einem Gegenwerke arbeitete, welches das Theaterlexicon Blum’s und seiner Freunde todt machen sollte. Dieser Plan ist freilich mißlungen. Blum’s Theaterlexicon darf noch heute als ein fleißiges, gründliches, seinen Stoff vollkommen beherrschendes, durchaus ehrenwerthes Werk bezeichnet werden, das zu der Zeit, wo es erschien, zweifellos eine wesentliche Lücke der Literatur ergänzte und auch heute noch für die Geschichte der Theater, namentlich die Theaterzustände vor vierzig Jahren, mit Nutzen gebraucht werden kann. Unter allen schriftstellerischen Arbeiten, die Blum hinterlassen, steht es in unsern Augen am höchsten, weil der Verfasser bei diesem Werke seinen Stoff am vollständigsten beherrschte — während das z. B. in seinem Staatslexicon durchaus nicht der Fall war — und am wenigsten Tendenz hineintrug, vielmehr rein sachlich und mit weiser Objectivität arbeitete. Auch kam dem Werke zu Gute die Mitarbeiterschaft einer großen Anzahl praktischer Kenner der Sache, in deren Herbeiziehung Blum unermüdlich war. Schon bei Abschluß des Verlagsvertrages mit Pierer und Heymann, der seit der Ostermesse 1838 allerdings in den Grundzügen schon verabredet war, hatte die Zahl der Briefe, die Blum in Sachen des Theaterlexicons an die Mitarbeiter geschrieben, bereits vierhundert überschritten.

Die Beziehungen zu Pierer und Heymann und eine lohnende Arbeit, welche Blum unerwartet im August übertragen wurde (die Durchsicht und Correctur eines Lexicons) machten es ihm möglich, nachträglich, gegen Ende August noch eine Hochzeitsreise anzutreten. Diese Reise, mit ihrer langen, achtzehnstündigen Postfahrt und den vielen Gastereien, welche die Freunde in Berlin boten, war bei dem Körperzustand der jungen Gattin ein starkes Wagniß, das leider in der verhängnißvollsten Weise enden sollte. Am 9. September 1838 schrieb Robert Blum darüber an seine „lieben Eltern.“

„Im Juli ersuchten mich unsere Verleger im Interesse unseres Unternehmens und auf ihre Kosten eine Reise nach Berlin zu machen, was ich auch zusagte. Meine Frau war theils ganz verstört, daß ich sie vier bis sechs Tage verlassen solle, anderntheils sprach sie den lebhaften Wunsch aus, mich zu begleiten; doch war sie so vernünftig einzusehen, daß dies bei unsern Verhältnissen nicht anging. Da führte mir der Zufall eine Arbeit zu, die sehr schwierig aussah, aber schnell vollendet sein mußte; ich nahm sie für vierzig Thaler an und vollendete sie in einer Woche Nachts. Dieser Verdienst, an den ich nicht dachte, den ich als gefunden betrachten mußte, veranlaßte mich, meiner Frau die große Freude zu machen, sie mitzunehmen. Mußte die Arme doch den ganzen Tag allein sitzen und ich konnte ihr, bei meinen vielen Arbeiten, so wenig Vergnügen machen. Heute würde ich untröstlich sein, wenn ich ihr diesen Wunsch versagt hätte. —

Am 20. August reisten wir froh und munter ab und Adelheid hatte eine unendliche Freude, als sie die pompöse, riesige Stadt sah. Dienstag und Mittwoch war sie ganz wohl und heiter, Donnerstag bekam sie ein leichtes Erbrechen, was wir jedoch ihren Verhältnissen und dem Umstande zuschrieben, daß sie Vormittags ein Glas Eis gegessen hatte; auch war sie zu Mittag ganz wohl und ließ sich sogar den Champagner trefflich schmecken. Freitags war sie unwohl, hatte Kopfschmerz, Erbrechen, keinen Appetit, und da wir Abends reisen wollten, so fragten wir einen Arzt, ob es nicht besser sei, die Reise um einen Tag zu verschieben. Dieser aber, als er hörte, daß wir von einem Gastmahl zum andern geschleppt worden waren, erklärte ihre Unpäßlichkeit für eine Magenüberladung, die sich von selbst verlieren würde, ehe wir den halben Weg zurückgelegt hätten, und hieß uns muthig reisen. So reisten wir denn Abends ab“ (25. August).

Die Krankheit der Frau wird nach der Ankunft in Leipzig, die am Sonnabend Mittag (26. August) erfolgte, immer schlimmer. Ein Arzt und außerdem Professor Braune werden gerufen. Durch energische Mittel wird das Fieber so weit gemildert, daß die Kranke sich bis Mittwoch (29. August) leidlich wohl fühlt. Gegen halb elf Uhr Nachts tritt eine Frühgeburt ein. Obwohl die Hebamme Alles für ungefährlich erklärt, schickt Blum „zum Hofrath Jörg, dem ersten Geburtshelfer Sachsens und hinsichtlich seines Ruhmes von ganz Deutschland, mit dem ich durch seinen Sohn, der mein innigster Freund ist, bekannt bin. Er erklärte, meine Frau wenigstens sehen zu wollen. Beim ersten Anblick nahm er mich bei Seite, erklärte mir, daß die Frau sehr krank sei, und ließ sich ihre Krankheitsgeschichte ganz genau erzählen, prüfte dann alle Recepte, billigte das Verfahren des Professor Braune und verschrieb vier verschiedene Arzneien. Der Hofrath blieb bis ein Uhr“ (Nachts den 30. August) „bei mir, gab selbst die erste Arznei, entließ die Hebamme, gab mir die genauesten Anweisungen und hieß mich jeden Athemzug bewachen. Als ich ihn begleitete und meine Frage wiederholte: ob die Sache lebensgefährlich werden können sagte er: ‚Es thut mir von Herzen leid, es Ihnen sagen zu müssen, aber es ist schon lebensgefährlich. Wenn sie ruhig bleibt, so haben wir Hoffnung; wird sie unruhig, so hat unsere Kunst ein Ende.‘ Mit welchem Gefühle ich mich nun an’s Bett setzte, könnt Ihr leicht ermessen, nie habe ich ängstlich Secunden und Athemzüge gezählt wie die folgende Stunde. Adelheid war ganz ruhig, nahm ihre Arznei und klagte nur zuweilen mit tiefer Schmerzensstimme: ‚Ach, Robert, mir ist’s sehr schlecht.‘ Gegen halb zwei Uhr schlief sie ein, das Herz schlug weniger stark und ein Hoffnungsblitz zuckte durch meine Seele. So dauerte es fort, die alte Mutter legte sich auf’s Sopha, ich, der ich drei Nächte nicht geschlafen hatte, fühlte mich sehr müde und legte mich um drei Uhr auf’s Bett auf Zureden der Wartefrau, der ich den Befehl gab, mich bei der geringsten Anwandlung von Unruhe, bei jedem stärkeren Athemzuge, zu wecken. Ich war wohl kaum eingeschlummert, als sie mich aufrief. Adelheid war erwacht, die Herzschläge wurden wieder heftig, der Puls zeigte Fieber, sie hatte heftigen Durst und wollte nicht ruhig liegen. Jetzt kannte ich mein fürchterliches Loos, und während mir das Herz brechen wollte, mußte ich mit der scheinbar größten Ruhe für sie sorgen. Gegen vier Uhr wurde das Fieber heftiger, die Unruhe krampfhaft, der Verstand entwich und nur ich war der leitende Faden in ihren Phantasien. Ich ließ Eltern und Brüder wecken, schickte eiligst zu allen drei Aerzten und hielt mit allen Leibeskräften mein leidendes Weib. Den Jammer der Mutter erkannte sie, ohne ihn zu verstehen. Vater und Brüder erkannte sie nicht mehr; mich umklammerte sie fest und bat um Schutz und Hülfe gegen wer weiß welche äußere Dinge; der Todeskampf schien die Gestalt äußerer Anfeindungen für sie angenommen zu haben. Um fünf Uhr kamen die Aerzte zusammen, deliberirten lange, verschrieben noch eine Arznei, legten Senfpflaster hin und wieder; leere Versuche, sie war hin! Um sechs Uhr kam der letzte Krampf, sie hatte Streit mit Jemand in der Theaterloge und drohte, ihren Mann zu rufen. Auf meine Frage, ob sie mich noch erkenne, schlang sie einen Arm heftig um meinen Nacken und sagte: ‚Ich heiße Karoline Blum und mein Mann heißt Robert!‘ Das waren ihre letzten Worte; die Pulse stockten plötzlich, sie hatte ausgelebt und ausgelitten! Das Herz schlug noch heftig bis gegen sieben Uhr, die Lippen zuckten convulsivisch, aber die Seele war entflohen; ein Nervenschlag hatte ihrem Dasein ein Ende gemacht.“

„Ich unternehme es nicht, Euch unsern Jammer zu schildern; wozu soll ich Worte machen über Dinge, die sich nicht beschreiben lassen. Meinen Verlust könnt Ihr selbst abschätzen in seinem ganzen ungeheuren Umfange. Von allen Aussichten, von allen Glücksträumen, die ich mir mit so vielen Mühen, Sorgen und Kosten erworben hatte, ist mir nichts geblieben: das ist die ganze Ernte von dem üppig prangenden Felde meiner Hoffnungen. Was ich im vorigen Jahre so sehnsüchtig zu verlassen wünschte, das öde, einsame, herzlose Junggesellenleben, ich werfe mich jetzt in dasselbe zurück, um den marternden Erinnerungen zu entfliehen, die in meiner zertrümmerten Häuslichkeit mich verfolgen. Ich muß mein schönes freundliches Logis verlassen, denn ich kann keine Ruhe und keinen Arbeitsmuth darin finden und doch muß ich arbeiten, viel, viel arbeiten, wenn ich die drückenden Nachwehen der entsetzlichen Woche verlöschen will.... Ach, das Schicksal hat uns fürchterlich betrogen; nur den kürzesten Frühling hat es uns gegeben und dann ungerechter Weise den herbsten Winter folgen lassen. Doch ich will ja nicht klagen.“

„Sonntags den 2. September wurde Adelheid beerdigt; der traurige Fall hatte die Stumpfheit der Menschen ungewöhnlich aufgeregt und Theilnahme erweckt; Sarg und Träger vermochten kaum die Kränze zu fassen, die von allen Seiten geschickt wurden. Schaarenweise waren die Menschen gekommen, sie zu sehen. Ach, sie sah so friedlich still und lieb aus; ihre schönen Brautkleider hatte sie seit der Trauung nicht wieder angezogen, jetzt liegt sie darin im Sarge. Fürchterlicher Wechsel, einmal zur Trauung, einmal im Sarge! und in so kurzer Zeit. — Wir hatten nur drei Wagen angenommen, die der Leiche folgten; aber alle meine Bekannten kamen uneingeladen in eigenen Wagen und es wurde ein langer feierlicher Zug. Auf dem Gottesacker waren Hunderte von Menschen zusammen, das ganze Theaterpersonal stand um das Grab und empfing den Sarg mit feierlichem Gesange; Düringer[23] hielt eine vortreffliche Rede, ein erhebender Chor, von Stegmayer componirt zu diesem Zwecke, folgte darauf und der Geistliche, der uns getraut hatte, sprach den letzten Segen. Dann sank mein armes junges Weib in die Tiefe, aus der sie ewig nie wiederkehrt! Ich habe von alle dem fast nichts bemerkt, denn alle meine Sinne hafteten auf dem schwarzen Sarge und dem tiefen Grabe; aber ganz Leipzig sprach drei Tage lang von dieser Leichenfeier, wie selten eine gesehen wurde. Der oft verketzerte Schauspielerstand hat sich darin ein schönes Monument gesetzt.... Es ist dies der bitterste Brief, den ich in meinem Leben geschrieben habe.“

Arbeit die Fülle fand Robert Blum in seinem tiefen Schmerze. Aber Trost gewährte auch sie ihm nicht. Vergeblich suchten die Freunde ihn zu zerstreuen. Bis zu Visionen steigerte sich sein aufgeregter Seelenzustand. Am 24. September und 1. October erschien ihm die Verstorbene und führte lange Gespräche mit ihm, die er niederschrieb[24].

Etwa acht Wochen nach dem Tode der Frau sandte er den Eltern und Schwestern kleine Andenken an die Geschiedene aus deren Nachlaß und schrieb dazu u. A.: „Damit sende ich Euch denn die letzten Zeichen meiner guten Frau und bitte Euch, sie nun nicht mehr erwähnen zu wollen, wie ich es auch nicht mehr thun werde. Ach, es ist sehr schmerzlich, daß man sich das einzige Ueberbleibsel eines grausam zerstörten Glückes, die Erinnerung, auch noch verkümmern muß; aber es ist nothwendig und heilsam. — Ich bin nun ausgezogen[25], wohne in der Nähe des Theaters mit freundlicher Aussicht auf die Promenade und habe freundliche Wirthsleute gefunden. Die Arbeit, deren ich in den letzten sechs Wochen sehr viel hatte, hat mich zerstreut und ich bin ziemlich ruhig. Nur wenn ich das Bild meines armen Weibes — doch ich will ja nicht mehr von ihr reden. — Meine Freunde bemühen sich, mich zu zerstreuen und führen mich häufig fast gewaltsam in Privatgesellschaften; dort bin ich allerdings ein trüber Genosse und wenn der weinfrohe Muth oft das Wohl von Weib und Kindern ausbringt, verkündet sich mein Unglück in unwillkührlichen Thränen; aber häufig fühle ich auch, daß mir die erheiternde Unterhaltung recht wohl thut und mir zu neuer Geschäftigkeit Lust und Muth gibt. Zu den Eltern gehe ich sehr oft, bringe einen Theil meiner freien Abende dort zu und damit wir uns nicht gegenseitig mit trüben Erinnerungen quälen, gebe ich (Schwager) Carl Unterricht im Französischen. So sind meine Tage ein reizloses Einerlei und fließen unersehnt und ungenossen dahin, wie ein seichter Bach. Mein Lexicon ist indessen soweit gediehen, daß in künftiger Woche der Druck des ersten Heftes[26] beginnt.“ In einer Nachschrift heißt es: „Ich lege Euch eine kleine Erzählung von mir[27] zur Unterhaltung bei. Frau R. hat mir einen ganzen Brief voll Glückwünsche geschrieben. Glück und ich!! Ach Gott!“

Wiederum einige Monate später schrieb er der Schwester Gretchen nach Köln, auf deren Vorschlag zu ihm zu ziehen und ihm die Wirthschaft zu führen: „Für den Fall, daß ich wieder heirathen sollte — und dieser Fall ist nicht unwahrscheinlich, da die Häuslichkeit so ganz mit meinen Neigungen übereinstimmt — wer bürgt Dir dafür, daß Du Dich mit meiner Frau verträgst?“ Und bei Aufzählung der Gründe, die ihn veranlaßt hätten, die Wohnung im Hause der Schwiegereltern zu verlassen, sagt er u. A.: „Es hätte mir den Anschein gegeben, als wollte ich mir bei den alten Leuten einen Theil der Erbschaft erschleichen, auf die ich durch den Tod meiner Frau keinen Anspruch mehr habe. Bei einer möglichen Heirath wäre es unendlich schwerer gewesen, mich von ihnen zu trennen, als jetzt. Auch hätten sie für Wohnung und Kost nichts genommen und ich kann mich nicht umsonst ernähren lassen u. s. w. Es ist somit besser, ich bin selbstständig und unabhängig und stehe doch mit den Eltern auf dem besten Fuß.“

8. Neue Hoffnungen. Eugenie Günther.
(1839. 1840.)

Die „mögliche Heirath,“ welche Robert Blum in dem letzten Briefe an seine Schwester erwähnte, war im Frühjahr 1839 wenigstens soweit aus dem Gebiete eines bloßen hypothetischen Wunsches herausgetreten, als er bereits das Mädchen gefunden zu haben glaubte, das ihn seinem Ermessen nach allein trösten konnte über das so plötzlich vernichtete Liebesglück: das ihm voll ersetzen konnte die Liebe, die er verloren. Dieses Mädchen war die Schwester seines Freundes Dr. Georg Günther, Eugenie Günther.

Sie war geboren in Penig in Sachsen am 13. Februar 1810. Ihr Vater war dort Kattunfabrikant. Er war mit seiner zahlreichen Familie 1820 nach Prag übersiedelt, als technischer Leiter (Factor) einer dortigen Kattunfabrik, hatte sich mit Fleiß und Geschick auch dort zum selbstständigen Fabrikanten gemacht und hatte, als er 1834 starb, ein blühendes Geschäft hinterlassen. Der einzige Sohn Georg, der in allen Facultäten herumstudirt hatte, ohne bis zum Tode des Vaters es zu einer festen Existenz zu bringen, übernahm leider nach dem Willen des Vaters dessen Geschäft und führte es durch Geschäftsunkunde und gutgläubiges Menschenvertrauen binnen kurzer Zeit zum Bankerott. Er und die Schwestern opferten ihr ganzes ererbtes Vermögen, um den Bruch des Hauses den Gläubigern so schmerzlos wie möglich zu machen. Die Mutter folgte dem Vater schon nach zwei Jahren im Tode. Drei der Schwestern heiratheten. Mit seiner älteren Schwester Emilie und der jüngeren Jenny übersiedelte Georg Günther nach Leipzig, wo er, wie bereits erwähnt, in die Redaction der Leipziger Allgemeinen Zeitung bei Brockhaus eintrat.

Eugenie war gut erzogen und belesen, sehr lebhaften Geistes, voller Interesse für alle bewegenden Ideen der Zeit, eine schwärmerische Freundin von Naturschönheiten, von dem innigsten Gemüthsleben erfüllt. Sie war nicht groß, leidlich gebaut, lebhaft und anmuthig in ihren Bewegungen. Das dunkelbraune Haar war auf der Stirn gescheitelt und fiel in langen dichten Locken beinahe bis auf die Schultern; die Stirne schmal, die Nase charactervoll, etwas lang, doch nicht unschön. Der liebliche Mund zeigte, wenn er lächelte, zwei Reihen schöner Zähne. Das ganze tiefe Gemüths- und Seelenleben des Mädchens blickte aber aus den freundlichen braunen Augen. Sie sah weit jünger aus als neunundzwanzig Jahre[28].

Mit ihrem Bruder hatte Eugenie dem Hochzeitsfeste Robert Blum’s mit Adelheid Mey beigewohnt. Schon damals erschien ihr der bedeutende Mann nicht gleichgültig, und ein unbeschreibliches Gefühl, als ob sie ein theures Gut für immer verliere, drückte ihr Gemüth an seinem Hochzeitstage. Als Blum als Wittwer häufig das Haus ihres Bruders aufsuchte, mit dem Eugenie zusammen wohnte, und fast täglich mehrere Stunden in gemeinsamem Gespräch verstrichen, fühlte sie den Bann, den die Vollkraft des Characters, der Reden und Gedanken dieses Mannes auf sie ausübte, immer enger und fester die Freiheit ihrer Neigung und Empfindung umstricken, und um sich mit Gewalt aus diesen drückenden Fesseln zu befreien, trat sie vor ihren Bruder und beschwor diesen, Blum nicht zu trauen, er meine es nicht ehrlich mit ihm, könne es nicht ehrlich meinen[29]. „Der Bruder tobte und schimpfte auf mich,“ schreibt Eugenie später, und — Blum kam tagtäglich wie zuvor. Er kam anfangs nur um Zerstreuung zu finden im Freundesgeplauder — er fand mehr als das. Er ahnte in Eugenie mehr und mehr die Einzige, an deren Seite er wieder glücklich werden könne. Aber er barg diese leise Hoffnung, die ihm der Frühling 1839 brachte, still und verschwiegen in seinem Busen; weder Georg noch Eugenie erfuhren ein Wort. Nur der Klang der Stimme, nur die Augen hatten bis dahin gesprochen.

Aber andere Leute hatten auch Augen und dachten und wußten viel genauer, was den Wittwer Blum zu Günther’s führe, als die jungen Leute selbst es wußten. Hervorragend in dieser Erkenntniß war vor allen die „betrogene“ Mutter der todten Adelheid und sie beeilte sich, in sehr klaren Briefen an ihren Schwiegersohn diesem die Früchte ihrer vernichtenden Menschenbeobachtung angedeihen zu lassen. „Sie schwindeliger Mensch!“ beginnt der zweite dieser Briefe. „Eine zu bedauernde Mutter legt noch einmal die zitternde Hand an die Feder um Ihnen wissen thun zu lassen, daß ich alle Kleidungsstücke, welche Sie noch von meinem verstorbenen Kinde haben, zurückverlange, desgleichen auch die ganze Wäsche und andere (!) Kleinigkeiten, u. s. w. und sämmtliche Hochzeitsgeschenke aus unserer Familie[30]. Denn da Sie nun eine große mariage mit der Tochter eines Factor’s eingehen, so glaube ich kaum, daß diese die Sachen meiner Tochter brauchen wird. O hätten Sie diese Person doch gleich anfangs gewählt, so lebte mein Kind noch und ich hätte noch meine Ruhe und Zufriedenheit! Die betrogene Mutter. I. Rosine Mey.“ Der Brief ist von fremder Hand geschrieben und stilisirt. Dagegen erhielt Robert Blum bald nachher ein unverfälschtes Autograph seiner Schwiegermutter folgenden Wortlauts: „Sie lügenhafter Mensch und Mörder meines Kindes. Das Maaß der Schändlichkeit ist voll gewesen, darum kommt immer noch mehr vor meine Ohren. Sie wollen aufrichtig sein, und gehen mit lauter Lügen um, denn Concert und Theater ist Zeige ihrer Schändlichkeit, denn rechtschaffene Leute, wo Sie die Ursache sein, sie in schlechten Ruf zu bringen und unsres ganzes häusliches Glück zerstören. So sollen sie es auch in Köln erfahren Ihre Aufführung.“

Nach Empfang dieser Briefe faßte Blum einen raschen Entschluß. Er theilte Freund Günther deren Inhalt mit, und beschwor ihn, die Schwester aus Leipzig zu entfernen, um zu verhindern, daß die wüsten Laute solcher Dissonanzen etwa auch an ihr keusches Ohr drängen. Der Bruder beeilte sich, dem Rathe zu folgen. Jenny erhielt eine Einladung nach Kappel bei Chemnitz von ihrem Schwager Jost; im Hause des Fabrikanten Schnäbeli sollte sie wohnen. Am 5. Mai 1839 wurde die Reise angetreten. Dieser Reise danken wir eine Correspondenz, die ein wahrer Schatz genannt werden kann. Niemals vorher und nachher hat Robert Blum soviel Muße und Neigung gefunden, sein Innerstes so rückhaltlos zu offenbaren, über alle möglichen Fragen der Zeit, wie über die ewigen großen Räthsel des Menschenherzens und Menschendaseins so eingehend sich zu verbreiten wie in diesem Briefwechsel. Darum zeichnet er besser als jeder Versuch eines Dritten Robert Blum’s Charakter, seine Welt- und Lebensanschauung. Doch ist der Stoff ein so überreicher — der Abdruck dieses Briefwechsels allein würde ein dickes Buch füllen — daß der Raum gebieterisch vorschreibt, nur Weniges auszulesen, was für Blum’s Denkweise und Charakter von besonderer Wichtigkeit ist[31].

Bei der Abfahrt der Freundin war der Freund aus naheliegenden Rücksichten nicht zugegen.

Er sandte ihr dagegen an die Post ein Briefchen, in dem es heißt: „Meine Freundin! Sie haben mir ein Recht gegeben auf diese Anrede, als Sie eine ähnliche an mich richteten, und es würde mir sehr weh thun, mich dieses — wenn auch nur geschenkten — Rechtes entäußern zu müssen. So komme ich denn, Ihnen als Freund ein herzliches Lebewohl und eine glückliche Reise zu wünschen. Mögen Sie die frohen und glücklichen Tage rein und ungetrübt genießen, möge der mächtig hervorquellende Lenz in Ihrer Seele ein treues, grünend’ und blühendes Abbild finden und so der Doppelreiz jugendlicher Schöpfung und Empfindung Sie durchglühen und Ihnen die prangende Natur doppelt schön machen — mögen Sie aber auch nach diesem Genusse gesund und heiter zurückkehren und beim Wiedersehen eben so mild und freundlich sein Ihrem Sie herzlich grüßenden R. Blum.“

Dieser Brief mußte natürlich beantwortet werden. Man fuhr damals dreizehn und eine halbe Stunde von Leipzig nach Chemnitz. Es ist daher jedenfalls eine achtbare Leistung, daß Eugenie ihre Antwort noch am Abend ihrer Ankunft zur Hälfte vollendete.

Blum antwortete erst am 14. Mai. „Soll ich mich entschuldigen? Der Civilisationsmensch hat immer eine große Schublade von Entschuldigungen bereit liegen, von denen er bei jeder Pflichtversäumniß dem ersten Besten eine Hand voll ohne Wahl in’s Gesicht wirft. So kann und will ich Sie nicht behandeln, daher kurz: es ging halt nicht! — Daß Sie glücklich angelangt, hat mich herzlich gefreut, mehr noch, daß Sie auch meiner noch gedachten, als eine schöne Natur Sie mit ihren Reizen umgab und Ihrem Geiste eine schöne Feierstimmung mittheilte.... Aber ungerecht ist es, daß Sie uns das Trennungsweh vergrößern. Nicht genug, daß Sie uns verlassen haben; nicht genug, daß Sie in den Bergen umhereilen und den ganzen Frühling allein verzehren, Sie beschreiben uns Ihre Genüsse noch so reizend, daß uns Armen, die wir auf der ödesten Fläche des mercantilen Materialismus in dem traurig-dumpfen Gefängnisse einer Stadt eingesperrt sind, der Aufenthalt noch unerträglicher wird. Aber fahren Sie doch fort, Sie erinnern uns wenigstens, daß es draußen noch ein Stückchen Natur giebt; wir wollen sie genießen in Ihrer Schilderung, wie man das Glück genießt in Romanen, wenn man’s im Leben nicht finden kann.... Wohnt denn die Freiheit auf den Chemnitzer Bergen? wie der Phantast Schiller geträumt hat; dann bitte ich Sie, senden Sie mir nur eine kleine Quantität derselben. Ich will damit auf den Jahrmärkten umherziehen und sie als die größte Seltenheit der Welt zur Schau stellen. — Wie es mir geht? Nun, ich könnte sagen schlecht und recht! Ich habe sehr viel zu thun. Die Messe über muß man pro patria schwärmen, muß bald mit diesem, bald mit jenem verzweifelnden Provinzialen sich zusammen setzen, Hoffnungen affectiren, wenn auch complete Trostlosigkeit im Herzen wohnt und so die Leute davor bewahren, daß sie nicht ganz versauern. Nach der Messe erschrickt man vor der Arbeit, die sich anhäufte. So war’s nun die letzte Zeit und ich athme jetzt froh auf, daß ich bald etwas Luft sehe und fühle. Er will nun, um „nebenbei auch einmal Luft zu schlucken,“ in den nächsten Tagen in Geschäften nach Dresden reisen, um „zwei Hofräthe und einen sonstigen Esel zu besuchen; indessen hoffe ich auch einige liebe Freunde zu finden“ “ (Porth, Mosen, Th. Hell). Endlich sagt er: „Sie haben Anlage zur Dichterin. Es würde nur auf einen Versuch ankommen, auch der Form zu genügen. Wollen Sie denselben nicht machen? Doch wozu? Die Poesie ist ein weiter Wiesenplan, auf dem tausend Blumen form- und regellos emporschießen, aber sie sind reich an Duft und Farbe und erfreuen und erheben Geist und Auge. Ordnet man sie nach Gattung und Farbe, bindet sie an den Stab der Form und schneidet jeden frisch hinaustreibenden Schößling ab, um der Pflanze die schmächtige Gestalt modernen Geschmackes zu geben, so vernichtet man den schönsten Reiz. Senden Sie also zuweilen ein rein der Natur entkeimtes Blümchen mit einem grünen Hoffnungsblättchen Ihrem dankbaren Freunde Blum.“

Auf die rasche herzliche Antwort der Freundin erwidert er nach seiner Dresdner Reise, wie schwer es ihm werde, seine Empfindung in Worte zu fassen: „Mögen Sie den Vergleich arrogant finden, ich kann nicht anders, als mich mit einer Blume vergleichen, die dasteht auf dem ausgedörrten rauhen Boden der Zeit und des Lebens, versengt ist von brennenden Strahlen schwerer Schicksalsschläge und welk geweht von den Stürmen unserer Verhältnisse. Geben Sie ihr den lebenden Thau, das erquickende Wasser, sie wird die Wollust des neuen Lebens fühlen bis in die äußersten Fasern ihrer Form. Aber sie bedarf Zeit, um die welken Blätter wieder aufzurichten und Ihnen ihren Dank zu bringen in der freudigen Entfaltung ihres neuerweckten Organismus.... Ob das Werk es verdient, ob es Ihnen lohnen wird? — wer weiß das vorher bei unserm Thun; wenn die Handlung an und für sich keinen Reiz hätte, so würde wenig Gutes geschehen auf dieser elenden Welt.“ Der Rest des Briefes gilt der Dresdener Reise.

„Von meinen Hofräthen traf ich keinen und kam mit dem bloßen Schreck und einer Visitenkarte davon.“ Dagegen fuhr er mit den Freunden vierspännig nach Tharand. — Wie genügsam war jene Zeit! Man braucht nur seine Worte über die vollendete Leipzig-Dresdener Eisenbahn nachzulesen: „ein großartiges Werk, das Bewunderung verdient, besonders der Tunnel macht einen großartigen Eindruck. In dem Felsengewölbe selbst herrscht die tiefste Nacht, und das Brausen der Maschine und der dahinsausenden Wagen bricht sich schauerlich an der düstern Wölbung. Die Damen, die im Wagen saßen, wurden ordentlich ängstlich! Ich habe auf dem Wege gedacht, daß in der Menschennatur ein gewisses Etwas liegt, was zur Knechtschaft hindrängt, was ihn ebenso sehr fähig und geneigt macht zu tyrannisiren, als tyrannisirt zu werden. Sehen Sie sein ganzes Treiben an, es ist eine fortgesetzte Knechtung der vorhandenen Wesen und Kräfte; er knechtet die Thiere, die Elemente, den Boden und zieht jetzt gar einige schwere eiserne Ringe um die arme Erde. Ueberall ein Ringen nach Vermehrung harter Bande, nirgend, nirgend nach Sprengung derselben, nach Befreiung. Wie sollte der Mensch, der so großartige Dinge vollbringt, nicht augenblicklich das Joch zersprengen können, welches ihn drückt seit Jahrhunderten, wenn er ernstlich wollte. Aber das ist das Schlimme, daß nur so Wenige wollen.“ —

Es ist unschwer zu errathen, was nun folgt, nachdem schon der Anfang dieses Briefes einer unterdrückten Liebeserklärung so ähnlich gesehen. Eugenie schlug dem Freunde vor, nach Amerika zu ziehen, wenn ihm Europa unerträglich geworden. Darauf antwortete er am 14. Juni: „Nein, liebe Jenny, nach Amerika gehen wir nicht, wenigstens nicht, so lange noch ein Fünkchen Hoffnung vorhanden ist, für die Freiheit und einen besseren Zustand des Vaterlandes wirken zu können. Ja, wenn hinten weit in der Türkei die Völker nicht aneinander schlagen, wenn Louis Philipp seine ganze Nichtswürdigkeit durchsetzt; wenn Ernst August[32] triumphirt und, wie sich von selbst versteht, einige Dutzend Nachahmer findet — dann wollen wir wieder davon reden, das heißt, wenn wir dann noch können und nicht füsilirt sind. Das Wirken für die Freiheit, nur die Aussicht, die entfernte Hoffnung dazu, ist äußerst reizend und wohl eines trübseligen Harrens werth. Aber ich glaube nicht, daß das Streben nach dieser einen, allerdings heiligsten Pflicht es ausschließt, daß wir uns das einmal unvermeidliche Harren so angenehm wie möglich machen; ja insofern eine das Herz und den Geist gleichmäßig befriedigende Existenz dazu dient, uns zu veredeln und unsere Kräfte zu stärken und zu entwickeln, so dürfte es nicht bloßer Egoismus sein, wenn wir trachten, uns eine solche Existenz zu begründen. Eine solche fehlt mir, und mein Herz sehnt sich darnach mit aller Inbrunst, sehnt sich hinaus aus dem öden farb- und reizlosen Allein. — Können und wollen Sie’s versuchen, mir einen stillen, freundlichen Tempel der glücklichen, anspruchslosen Häuslichkeit zu bauen und das traulichste Plätzchen darin nach eigener Wahl für sich zu behalten? ihn ganz und gar mit mir theilen, bis uns eine höhere Pflicht hinausruft in das rauhe Leben, oder in das unerforschte Jenseits? — Sehen Sie, wie ich anfing, stand ein langer Brief vor meiner Seele, mit dieser einen gewichtigen Frage aber bin ich erschöpft; ich lege sie Ihnen trocken vor, ohne Schmuck, ohne Commentar. Sie kennen die Verhältnisse, Sie glauben den Menschen zu kennen.... Nun harre ich Ihrer Entscheidung entgegen; sagen Sie nein, so thun Sie das kurz, ohne Gründe, ohne Bedenken. Sie wissen, ich habe eine derbe Schule durchgemacht und kann etwas vertragen. Denken Sie dann, ich habe Ihnen einen neckischen Traum erzählt, Sie haben darüber gelächelt und ihn vergessen. Aber darum bitte ich dringendst, stehen Sie mir deßhalb in der Folge nicht ferner als bisher! Lassen Sie, liebe Jenny, nicht zu lange zwischen Hoffnung und Furcht schweben Ihren Robert.“

„Und ich sollte nein sagen?“ beginnt Eugenie am 15. Juni ihre Antwort und schließt mit „Ewig Deine Eugenie“.

„So ist denn mein Loos gefallen, und ich habe den glücklichsten Wurf gethan,“ schreibt Blum am 16. zurück. „Mein Leben hat wieder ein Ziel, mein Streben einen erkannten Zweck, und die Mühen, die täglichen Begleiterinnen meines Lebens, werden süß und leicht in dem Hinblicke auf den Genuß ihrer Frucht....

Ach, und so froh ich bin über Deinen Entschluß, so möchte ich ihn doch auch fast bedauern; nicht allein, daß ich Dir nur die Existenz einer kargen, vielleicht dürftigen Mittelmäßigkeit bieten kann, so verlierst Du bei meinem ernsten (oder soll ich sagen stumpfen?) Sinne, auch die lieblichste, wenn auch flüchtigste Blüthe der Liebe, jenen süßen Champagnerrausch, aus Gefühl und Sinnlichkeit gemischt, der uns kurze Zeit wenigstens in den schönsten Taumel versetzt. Kann Dich die auf wahrhafte Achtung begründete ruhige Liebe, die treueste Sorgfalt für Dein Wohl und die durch die That mehr als durch das Wort sich verkündende Zuneigung des Herzens dafür entschädigen? Diese, liebe Jenny, soll Dir in möglichst reichem Maße zu Theil werden.“

Nachdem er Eugenie dann erzählt hat, wie schmerzlich ihn Frau Mey gequält habe, und daß „ich nur um meinem armen, alten und wirklich biedern Schwiegervater Ruhe zu schaffen, mich gänzlich“ (von Mey’s) „zurückgezogen und bei George Deine Abreise betrieben habe“, fährt er fort: „deßhalb bitte ich Dich auch — nachdem die Vernunft im Kampfe mit dem Herzen den Sieg, wenn auch schwer, errungen — den Sommer über dort zu bleiben. Wahrlich, Du glaubst nicht, welches Opfer ich mir auferlege, indem ich auf Deine Nähe verzichte und mich des Vergnügens beraube, die wenigen freien Stunden, die mir bleiben, mit Dir durch die Felder zu streifen!

So haben wir denn, liebe Jenny, den Grundstein unserer Zukunft gelegt; laß uns vereint daran fortbauen und uns bestreben, unter den tausend unglücklichen Ehen eine glückliche zu bilden! Es scheint mir dies so leicht, da der innige Anschluß an ein anderes Herz dem Menschen unerläßliches Bedürfniß ist, und es nur in seinem Willen liegt, das Band, das die Natur gegeben, so fest wie möglich zu schlingen. Wir wollen mit unbegrenztem Vertrauen, begründet auf Wahrheit und Offenheit, uns entgegenkommen. Sage mir ohne Rückhalt, was Dir an mir mißfällt. Gestatte mir dasselbe und sei dabei der zartesten Schonung gewiß! Du wirst allerdings bei diesem Contracte sehr im Vortheil stehen. Wir wollen unsere Charaktere studiren, unsere Schwächen gegenseitig zu stärken, uns um die schroffen Seiten zu schmiegen suchen und so im eigentlichsten Sinne des Wortes für und in einander leben. Denk’ ich an dieses süße lohnende Geschäft, so möchte ich allerdings den Schluß der vorigen Seite streichen und Dir zurufen: Komm, komm! Indessen ertragen wir’s! Ist es möglich, so sehen wir uns wenigstens einen Tag.

Und nun noch Eins: Dein Geist hat Dich längst darüber erhoben, den Abschluß der Ehe in irgend einer gesetzlichen oder kirchlichen Formel zu suchen; wenn man sich auch diesen, der Convenienz wegen, unterwerfen muß. Das Erkennen und Anschließen der Herzen, das gegebene und empfangene Wort, das ist die Ehe und so ist die unsere geschlossen. So laß mir denn wenigstens die süße Pflicht, für Dich zu sorgen! Betrachte Dich als mein und nimm von mir Deine Bedürfnisse! Du erleichterst dadurch zugleich Deinem — nein unserem Bruder seine Lasten, deren er viele zu tragen hat, wie Du selbst am besten weißt. Also keinen Widerspruch, Weib, ich bin der Herr der Schöpfung und ‚soll Dein Herr sein‘ (die alte Ausgabe mit ‚Narr‘ wird confiszirt). Gehorche!“

In einem Briefe vom 30. Juni hatte Eugenie dem Gedanken Ausdruck gegeben, der jeden Ueberglücklichen beschleicht: „Wie, wenn Du diesem Glücke jetzt entsagen müßtest? Es ist ein Wetterstrahl aus heit’rem Himmel, begleitet von einem dumpfen unheilverkündenden Schlag.“ Robert antwortete am 6. Juli: „Unsre Zeit, die mit furchtbarem Drucke nicht allein auf dem öffentlichen Leben lastet, sondern auch mit den Krallen der Tyrannei hineingreift in das Heiligthum der Familie und mit roher Gewalt die zartesten Bande sprengt, ist wohl geeignet, uns mit derartigen Betrachtungen vertraut zu machen. Eugenie, wärst Du ein Weib wie tausend andere, selbst von der besten Sorte, ich würde Dir bei dieser Betrachtung sagen, tritt zurück! Oder ich würde gewaltsam mit Dir brechen oder mich bestreben, Dir unerträglich zu werden. Da mir aber ein gütiges Geschick in Dir nicht blos ein gutes und liebendes, sondern auch ein edles, denkendes und des höchsten Aufschwunges fähiges Weib so unverdient zuführte, so schließe ich Dich mit um so größerer Inbrunst an das Herz und rufe Dir zu: „Laß uns genießen das süße Glück der Stunde; aber laß uns vorbereitet sein, daß die nächste Stunde Alles zertrümmern kann! Laß uns gestählt sein für die Leiden, die da kommen; ja, ich sage fast mit Zuversicht, kommen werden und nie vergessen, daß die neidischen Götter Opfer verlangen, ehe sie der Menschheit ersehnte Güter gewähren. Die Liebe sei uns dann der leuchtende Sterne in dunkler Wetternacht, er schimmert ja durch Gitter und Mauern und verscheucht die Finsterniß. Liebe und Freiheit sei uns ein unzertrennliches Zwillingsgestirn, dem wir folgen, auf welche Bahnen es uns auch führen mag! Du kannst nicht glauben, wie glücklich es mich macht, zu wissen, daß diese Worte in Deinem Herzen wiederklingen, daß Du das starke Mädchen bist, welches sie nicht allein mitzufühlen, sondern auch darnach zu handeln vermag. Der Himmel weiß, warum ich unter allen Männern so bevorzugt bin, Dich gefunden, mir Deine Liebe errungen zu haben. Aber ich bin’s und daß ich’s bin, ist meine Seligkeit.“ “

Diesem Briefe waren einige Geschenke beigefügt. Jenny dankte dafür und schrieb im schmerzlichen Bewußtsein ihrer Armuth: „Du beschenkst mich so reich und ich habe nichts, gar nichts, was ich Dir dagegen bringen kann, nicht einmal das, was man auch nur die bescheidenste Ausstattung eines Mädchens nennen kann.“ Darauf antwortete Robert am 13. Juli in einem langen Briefe, dem das nachstehende Gedicht beilag:

„Du hättest nichts dem Bräutigam zu bieten
An Werth und Schmuck? Das thut mir wahrlich leid;
Man zieht solch’ inhaltleere Menschen-Nieten
Nicht gern in unsrer materiellen Zeit.
Und bringst Du mir nicht Heirathsgut und Schätze
An Silber, Gold und Perlen reichlich ein,
So sag’ ich nach modernem Zeitgesetze:
Laß’ ab von mir mein Kind, es kann nicht sein!
Ja, Silber will ich! Zwar nicht jenes weiße
Und glänzende Metall, das aus dem Schooß
Der Erde holt der Mensch in blut’gem Schweiße,
Damit zu feilschen und zu prunken blos; —
Ich will das Silber innig wahrer Liebe,
Die sich als haltbar, ächt und rein bewährt,
Die selbst der Schicksalswolken bange Trübe
Mit mildem Glanz erhellet und verklärt.
Und Gold will ich! Zwar nicht das vielverfluchte,
Das in der Berge tiefen Gründen ruht;
An das der Menschen Habgier, die verruchte,
Die Seele setzt und Ehre, Recht und Blut; —
Ich will das Gold der felsenfesten Treue,
Das jeder Probe, auch der schärfsten, steht;
Das Gold, das stets im Herzensschacht auf’s Neue —
Wie viel man auch davon verbraucht — ersteht.
Und Perlen will ich! Zwar nicht aus den Tiefen
Des Meers, wo von Dämonen sie bewacht
Den süßen Schlummer des Vergessens schliefen,
Eh’ sie die frevle Gier an’s Licht gebracht.
Ich will die Perlen heiliger Empfindung,
Des Mitgefühls bei Andrer Schmerz und Lust,
Das Sinnbild göttlich-menschlicher Verbindung,
Wie’s thront im Tiefen einer edlen Brust.
Und daß zum Reichthum Reichthum sich geselle,
Biet’ ich Dir — karg zwar — gleiche Mitgift dar;
Wir bergen für des Lebens Wechselfälle
Die Güter auf der Laren Hochaltar. —
Du hast und bringst mir reichlich diese Schätze!
und wüßt’ ich nicht, Du brächtest sie mir ein,
Dann nach dem ewigen Vernunftgesetze
Sagt’ ich: laß ab, es kann, es darf nicht sein!“

Am 19. Juli besuchte er einen Tag die Braut in Kappel. Da die Verlobung noch geheim bleiben sollte, so hatte das junge Paar vor Zeugen strenge gesellschaftliche Förmlichkeit zu beobachten. Diesen Besuch mußte Blum mit siebenundzwanzig Stunden Postfahrt erkaufen. „Jetzt geht’s an die Wühlerei!“ meldete er am 20. Juli nach seiner Rückkehr der Braut. „Gott sei Dank, nun ist doch die ärgste Wühlerei vorüber und man kann wieder athmen,“ schreibt er am 27. Es handelte sich um die Agitation für die Landtagswahlen, welche die Opposition wesentlich verstärkten. v. Dieskau schied zwar aus der Kammer aus. Aber außer Todt trat nun Braun ein (Advocat und Patrimonialrichter), in juristischen und staatswissenschaftlichen Fragen bald der Führer der Opposition, ja sogar bald der stehende Referent der zweiten Sächs. Kammer, 1848 März-Justizminister; außer ihnen ein dritter Voigtländer, Otto von Watzdorf, Vertreter der Ritterschaft, der schon auf dem letzten alten Ständetage von 1830 den überlebten Schrullen seiner Standesgenossen im Sinne moderner Staatsauffassung und Freiheit lebhaft opponirt hatte, ein Mann von eben so großer Unabhängigkeit, als Wohlhabenheit; dann Georgi von Mylau, ein angesehener Kaufherr, 1848 Minister, Vater des heutigen Oberbürgermeisters von Leipzig. Dippoldiswalde sandte den Advokaten Klinger (1848 Bürgermeister von Leipzig), die Oberlausitz den ersten liberalen Staatsbeamten, den Sachsen in der Kammer sah, Hensel.

Mit welchem Maße von „Wühlerei“ Robert Blum an diesem Resultate betheiligt gewesen, erhellt, abgesehen von einer starken Correspondenz mit fast allen den Abgeordneten, die eben genannt wurden, auch aus der Aufnahme, die ihm kurz nachher in Plauen beschieden war. Er war dort, wie er Eugenie vom 27. Juli bis Ende August wiederholt meldet, schon seit Wochen erwartet worden, um Reden in Versammlungen zu halten. Endlich gegen Ende August konnte er sein Eintreffen in Plauen an den jungen Fabrikanten Böhler melden. Ueber den Verlauf dieser Reise berichtet er der Braut am 2. September: „Montag Nachmittag brachte ich in Altenburg damit zu, den dortigen höchst pomadig und schlaraffenartig gewordenen Gesellen derb den Text zu lesen und ihnen das Versprechen größerer Thätigkeit abzunehmen.“ In Plauen kommt er Dienstag früh nach durchfahrener Nacht an. Als er nach Böhler fragt, ist dieser in Frankfurt zur Messe, Blum’s Brief demselben sorgfältig couvertirt nachgesendet worden; v. Dieskau dagegen, der Blum Logis angeboten hatte und von dessen Ankunft nicht unterrichtet war, ist schon halb fünf Uhr früh aufs Land gefahren und kehrt erst Abends zurück. Bis sieben Uhr Morgens werden daher in der „Post“ fünf Tassen schlechten Kaffee’s getrunken und die Wochenblätter der letzten drei Monate, einschließlich der Annoncen gelesen, dann wird Mammen in seiner jungen Häuslichkeit besucht. In Mammens Gesellschaft wird der Tag bis zum späten Nachmittag verbracht. „Ich fand dabei sehr oft Gelegenheit, aus Mammens traulich schöner Häuslichkeit einen Blick hinüber zu werfen in eine Zukunft, die auch mir ein ähnliches Asyl verheißt. Als gegen Abend v. Dieskau zurückkehrte, machten wir, eingedenk unseres schönsten und rührendsten National-Characterzuges zuerst aus, daß wir den Abend zusammen — essen wollten; dabei sollten dann auch die brauchbarsten Leute zusammengerafft, die Angelegenheiten vorläufig besprochen und eine gemeinschaftliche Fahrt etc. nach Adorf etc. auf den nächsten Morgen verabredet werden.“ Da sich indessen noch am nämlichen Abend Blum beim Kegeln den Fuß verdrehte, mußte man nach Adorf und Mühldruff schicken, um Todt, Braun und Watzdorf nach Plauen zu bescheiden; da erfährt man, daß die drei Herren zusammen eine Parthie gemacht haben, von der sie erst Freitag zurückkehren wollen! Dennoch wurde noch am dritten Tage in Plauen großer Kriegsrath über die Taktik des Fortschritts in Sachsen gehalten und dann stieg Blum mit geschientem Bein wieder in die Post nach Leipzig. „Ist es möglich, von allen diesen Dingen abzusehen, schreibt er der Braut, so kann ich sagen, ich habe die Tage höchst angenehm verbracht: ich fand eine Aufnahme, die mich fast stolz machen könnte, wurde von Gastmahl zu Gastmahl im eigentlichsten Sinne des Wortes geschleppt und fand, was mich mehr als Alles freute, einen gesunden reinen Sinn und Bereitwilligkeit zu handeln und zu opfern für das Wahre und Gute.“

Eine noch bedeutsamere „Wühlerei“ hat Blum damals mit Süddeutschland geplant. Es handelte sich anscheinend um die Begründung eines großen liberalen Blattes, an dem alle namhaften liberalen Männer, namentlich die fortschrittlichen Abgeordneten aller deutschen Länder sich durch Beiträge und Rath betheiligen, und das unter Oberaufsicht eines Ausschusses liberaler Vertrauensmänner stehen sollte. Sitz des Unternehmens sollte wie es scheint Mainz sein, die Leitung der vorbereitenden Schritte ruhte in der Hand des altehrwürdigen „Vater Winter“, badischem Abgeordneten zu Heidelberg. Jedenfalls hat auch Adam von Itzstein und der ganze süddeutsche Liberalismus darum gewußt. Indessen geben doch alle Andeutungen, welche die Briefe Blums an seine Braut darüber bieten, noch kein vollständig klares Bild von dem Plan und Umfang des ganzen Unternehmens, das mindestens nebenbei jedenfalls auch auf Gründung eines liberalen Vereins über ganz Deutschland und periodische Wanderversammlungen der Führer abzielte. Offenbar hatte Blum der Braut mündlich am 19. Juli darüber alles Mittheilbare anvertraut und begnügte sich in seinen Briefen nun mit Andeutungen. Wie hoch die Erwartungen gespannt waren, die Blum auf dieses Unternehmen setzte, erhellt am besten aus einem Briefe an Eugenie vom 13. August 1839: „Von Heidelberg habe ich noch immer keine Antwort, was uns sämmtlich sehr verstimmt macht. Ein Project, welches mit unendlicher Mühe eingeleitet wurde, an welches Geld und Zeit und Geist gewendet wurde, wie nicht leicht ein anderes, dessen Folgen unberechenbar schienen und welches wichtiger und bedeutender war, als irgend ein Ereigniß der letzten 6 Jahre (!) — das scheitert an der Unentschlossenheit, Nachlässigkeit oder Zaghaftigkeit der Süddeutschen, die sonst so rüstig und gesund waren. Es ist wirklich entsetzlich und man möchte es verschwören, jemals nur die geringste Anstrengung wieder zu machen. Und als gescheitert betrachte ich es bereits, denn käme auch heute oder morgen die Bestimmung“ (daß die Vertrauensmänner zusammenkommen sollten), „so würde die Ausführung vor Anfang September doch nicht mehr möglich sein. Und dann haben die Leute, die nothwendig waren, keine Zeit mehr. Das Schlimmste ist unzweifelhaft, daß die Leute sich und ihre Sache dabei compromittirt sehen. Denn wer soll in Zukunft noch Vertrauen zu irgend einem Vorschlage haben, wenn dieser mit Pomp und Energie gemachte und eingeleitete zerplatzt wie eine Seifenblase, ohne daß man nur zu sagen weiß, weshalb? Wahrlich, das bischen Vaterlandsliebe wird einem sauer gemacht; lieber Kampf, Verfolgung und Gefängniß, als diese gräßliche Apathie und Gleichgültigkeit! Jene stärken, ermuthigen und erfrischen den Sinn, diese entnerven und erschlaffen die Seele und tödten vollends die letzte Spur von Thatenfreudigkeit und Hoffnung.“

So schlimm stand es indessen nicht. Der Heerruf erging freilich erst gegen Ende October an die Getreuen und Blum folgte ihm sofort nach Frankfurt und Mainz. Er konnte dafür der Braut am 3. November von Leipzig nach seiner Rückkehr melden: „Was das Resultat meiner Reise betrifft, so hat dasselbe zwar nicht allen Wünschen entsprochen, aber doch die Erwartungen übertroffen. Es ist zu hoffen, daß bei der Einigkeit zwischen Verlegern und Redacteurs ein tüchtiges Werk zu Tage gefördert werde, wozu einstweilen rüstige Vorbereitungen getroffen werden. Gott gebe seinen Segen.“

Da später die literarisch-politische Unternehmung, die hier beschlossen und rüstig vorbereitet worden sein soll, auch nicht einmal dem Namen nach erwähnt wird, so ist es wahrscheinlich, daß alle die Stellen, die in der Correspondenz Blum’s mit seiner Braut auf ein journalistisches Unternehmen mit Süddeutschland deuten, einfach fingirt sind, und daß es sich bei diesem Unternehmen überhaupt nur darum handelte, eine werkthätige Vereinigung aller entschlossenen Liberalen Deutschlands zu Stande zu bringen. Da dieses Vorhaben nach damaligem Bundesrecht einfach hochverrätherisch war oder wenigstens mühelos als hochverrätherische Verschwörung angesehen werden konnte, so war bei jeder brieflichen Aeußerung über diesen Plan die größte Vorsicht geboten. Dieselbe Vorsicht und ähnliche Fictionen[33] wie hier Eugenie gegenüber, finden sich in allen Briefen Blum’s, welche diese geheime Verbindung betreffen. Was mich aber vor Allem veranlaßt anzunehmen, daß die Frucht dieser Reise nicht der Beschluß und die Vorarbeit für eine liberale Zeitung gewesen sei, sondern die Gründung einer festen Verbindung freisinniger deutscher Männer, vor allem der Abgeordneten, über ganz Deutschland, ist die Thatsache, daß von dieser Zeit an diese Verbindung besteht. Alljährlich treffen sich fortan Winter, Itzstein, Hecker, Johann Jacoby, Heinrich Simon (von Breslau), Robert Blum, Watzdorf, Todt u. A., bald auf Itzstein’s Gut Hallgarten im Rheingau, bald bei Blum in Leipzig, bald in Cassel &c., um gemeinsam die Pläne und Taktik der Genossen und aller liberaler Kammermitglieder in Deutschland für das nächste Jahr zu berathen[34].

Von da ab tritt Blum in ununterbrochene Correspondenz mit den Führern des Liberalismus in Deutschland. Für die Größe und Bedeutung der Aufgaben, die er schon damals in politischer und nationaler Hinsicht sich setzte, giebt daher dieser Briefwechsel mit seiner Braut überraschende Aufklärung.

Speciell der Brief Blum’s vom 3. November ist aber auch interessant wegen der Kulturbilder, die er bietet, sowohl über die damalige Reiseart wie über die Methode und Form, in welcher damals Politik gemacht wurde. „Meine Reise war wirklich mühsam. Nur von hier (Leipzig) bis Naumburg saß ich im Hauptwagen und in einer Ecke, dann ging es um Mitternacht von dort nach Jena in einem Kasten, der wahrscheinlich zu den Zeiten der Folter dazu benutzt wurde, den armen Opfern alle Rippen zu zerbrechen. In Jena war auch kein Rasttag. Von 6 Uhr Morgens an, wo ich ankam, war ich in Beschlag genommen; wir zogen von einem Orte zum andern, betrachteten die Umgegend, die Merkwürdigkeiten (die sieben Wunder Jena’s genannt) und besuchten die wissenschaftlichen und Wohlthätigkeitsanstalten, vulgo Wirthshäuser. Und als wir aus den letztern um Mitternacht von der heiligen Polizei verjagt wurden, öffnete uns eine freundliche Privatwohnung ihre glühweindurchwürzten Räume und hier weilten wir, bis der bestellte Postbeamte um 2 Uhr sagte: Marsch! Dann nahm mich ein eben so schöner und bequemer Wagen auf, in welchem ich nach Weimar gerädert wurde. Von dort aus genoß ich die Wonne der Beiwagen bis Frankfurt, ein treffliches Institut, welches die verpönten Turnanstalten ersetzen könnte; denn wer 8 Tage darin fährt, hat die stärkste Gliederprobe bestanden, die es in der Welt giebt. Und nun werden diese herrlichen Dinger blos stationsweise gegeben, und man wird alle 2–3 Stunden aus- und in einen andern Kasten eingepackt, was besonders in der Nacht höchst angenehm ist. So sah ich denn Frankfurt mit wirklich ungetrübter Freude und machte mir nachher bittere Vorwürfe darüber, daß ich im ersten Augenblicke nicht einmal die Erinnerung an den göttlichen Bundestag in meine frohen Empfindungen gemischt hatte. In Frankfurt ging nun das Jubelleben los. Zwei bekannte Voigtländer[35] grüßten mich gleich bei der Ankunft, Böhler’s Bruder hatte mich schon lange gesucht; mit einigen andern guten Literaten[36] gings nun zu Tische, wobei es wie am Rheine darauf abgesehen ist, zu versuchen, was ein Menschenmagen im äußersten Falle zu ertragen vermag. Dann ging’s fort auf die Promenade, Vergnügungsorte u. s. w., Abends zu Böhler, der uns ein förmliches Festmahl gab, zu dem er die Literaten, die Frankfurt aufzuweisen hat, eingeladen. Kurz, ich sage Dir, ein Leben wie im Himmel. — Freitags früh reisten wir nach Mainz ab, fanden aber in Hattersheim, einem kleinen Neste an der Straße, wo wir nur frühstücken wollten, eine so angenehme Gesellschaft, daß wir uns gefesselt fühlten und — es ist fast unglaublich — bis zum folgenden Tage gegen Mittag weilten und uns höchst angenehm unterhielten. Dann fuhren wir in großer Gesellschaft nach Mainz, begrüßten mit wahrer Seelenfreude den schönen, schönen Rhein und trennten uns von den neuen Freunden nach frohem — und im Gefühle des Scheidens auch trübem — Mahle und betrachteten dann Mainz. Nie im Leben habe ich Theil an einer Gesellschaft genommen, bei der eine solche Herzlichkeit, Innigkeit und Heiterkeit herrschte, wie bei dieser.“

„Bekennen muß ich, daß ich bei dieser Gelegenheit auch zuerst einen Anflug von Heimweh empfunden. Als ich den herrlichen Strom sah, noch mehr, als ich am andern Tage (Sonntags) mit dem Dampfschiffe bis Bieberich fuhr, dort die lieben Freunde weiter reisen lassen mußte und bedachte, daß ich binnen 10 Stunden in ihrer Gesellschaft bei meiner alten kranken Mutter, bei meinen Geschwistern und tausend der Erinnerung theuren Gegenständen sein könnte und nun doch den Rückweg antreten mußte — da erfaßte mich ein eigenes Weh, und nie hat mir das Müssen so tief in die Seele geschnitten, als in diesem Augenblicke. Ich mußte mich mit aller Kraft an Dich anklammern, um die wehmüthige Empfindung zu besiegen und nur allmählich, als Dein Wesen und Lieben mir klar und klarer hervortrat, sah ich wieder heiteren Blickes auf den geöffneten Rückweg.“

Genug an diesen Proben.

Eugenie kehrte am 21. December 1839 nach Leipzig zurück. Von da an bis April hört naturgemäß der Briefwechsel fast ganz auf. Weit häufiger und consequenter als dies aus den mitgetheilten Proben gefolgert werden könnte, dringt immer von neuem durch alle Glückseligkeit des neugewonnenen Liebesglückes Blum’s ruhige überzeugte Mahnung, daß er sein Heim nur gründe mit dem Vorbehalte, seine Schuld an das Vaterland abzutragen, sobald dieses rufe.

Er dachte wohl selbst kaum an diesen Vorbehalt, als am 29. April 1840 der Pastor von St. Thekla bei Leipzig seine und seiner Eugenie Hände, und die Hand ihres Bruders Georg mit der Hand der geistvollen Lina Böhme, zusammenfügte. Auch über dem kleinen Häuschen, in dem Blum mit seiner jungen Frau allein wohnte, dem letzten einstöckigen Hause, das zur „kleinen Funkenburg“ an der Frankfurter Straße in Leipzig gehört, und über dem großen Garten, der sich daran schloß, stand nicht eine einzige trübe Wolke ein ganzes Jahr lang und länger. Hier erlebte Robert Blum im Juni 1841 und im September 1842 die ersten Vaterfreuden. Hier sah er seine Herren Jungens mit dem Schäfer bis zum Thore ziehen, und hinter dem Hause auf der großen Wiese die Seiltänzer während der Messen anstaunen und zu den Aprikosenbäumen, die zu stark waren, um geschüttelt zu werden, sprechen: „Bitte bitte!“ Hier wohnte er noch, als sein Name weit über das Weichbild der Stadt hinausgedrungen war.