Auf dem Wege zum Dampfschiffe fiel mir meine erste Tour an diesen berühmten Fluß ein, und dabei wurde mir zu Muthe, wie dem armen Sünder, der seinen letzten Gang in Begleitung des Sherifs[77] geht, ein wirklich unbehagliches Widerstreben aller Sehnen und Knochen, ein Kampf im Innern und Aeußern. Es war, als ob mich etwas zurückzöge, und ein leichter Schauder vor der Zukunft begann mich zu beschleichen. Und es ist doch meine Heimath, mein Haus und Hof, wohin ich gehe; aber was für ein Haus und Hof! Es sind just neun Jahre, daß ich dieses Tusculum mein nenne, und neun Jahre zwei Monate, daß ich im Besitze dieses freehold of these united states[78], wie wir es nennen, bin. Fünftausend Dollars hatten mir die Ehre verschafft, Pflanzer Louisiana's zu werden; ein »Pappenstiel« gratulirten mir ein Dutzend meiner Freunde Landhändler: das Holz war zehnmal zehntausend werth; es sollten zweitausend Acker sein, with due allowance for fences et roads[79]. Ein halbes Jahr zuvor hatten die Zeitungen des ganzen Westens diese Red-River-Ländereien herausgestrichen: es war ein so köstliches Zucker- und Cottonland, sechzehn Fuß tiefer Flußschlamm — Egypten war eine Sand- und Steinwüste dagegen —; das Clima: es waren nichts als Zephyrlüftchen zu spüren, wie sie in Eldorado und Arkadien nur immer wehen können. Ich Hasenfuß, der ich doch die vollen Backen kenne, mit denen meine lieben Mitbürger vom Preßbengel zu posaunen pflegen, wenn ein Dutzend Landspekulanten ihnen vorläufig die Zunge mit ein paar Schock Dollars geölt haben, ging in die Falle, und kaufte mich an in diesem Fieberpfuhle, wo ein wohnliches Haus mich erwartete, mit zwei Negerhütten; die improvements[80], versicherte mir der Landspekulant, waren unter Brüdern zweitausend Dollars werth. Es war im Juni, als ich besagtermaßen ging, und, wie ich mich deutlich erinnere, mit derselben Antipathie, und getrieben durch die Macht des Schicksals, wie Narren es nennen, und gescheide Leute: durch die Macht unserer eigenen, thörichter Weise eingegangener Verhältnisse. Ich war dazumal in New-Orleans, das letzte Segel war hinter dem Great Bend[81] verschwunden; meine Freunde waren den Fluß hinunter oder hinauf, oder über den See[82]. Es war in ganz New-Orleans nichts mehr zu sehen, als hohläugige Negerinnen, hemde- und herrenlos, die wie Shakals heulend durch die Straßen liefen, und um die verschlossenen oder zerbrochenen Thüren und Fensterladen umherschlichen; besonders in der obern Vorstadt, wo bereits ganze Gassen leer und verödet standen, die Häuser offen, die Thüren und Fenster zerschlagen, der Samum herüberwehend von Veracruz, durch die ganze Stadt nichts zu hören, als das solenne Rasseln der Leichenwagen, auf denen zwei, drei Särge auf einmal über einander lagen. Es war hohe Zeit zu gehen; denn das gelbe Fieber hatte seinen Triumpheinzug gefeiert und herrschte, ein Sieger, wie ein großer Kriegsheld in einer erstürmten Stadt.
[77]: Bekanntlich geschehen die Hinrichtungen durch den Sherif.
[78]: Freehold of these united states, ein Freigut.
[79]: Due allowance for fences et roads. Jeder Landkauf hat im Contracte oder der Urkunde diese Formel, die so viel bedeutet, als daß z. B. nebst den 2000 hier erwähnten Ackern noch die Befugniß ertheilt ist, ein gewisses Landmaß behufs der Einzäunungen und Wege anzusprechen.
[80]: Improvement, buchstäblich Verbesserung. In den V. St. werden Improvements vorzüglich die Erbauung von Wohnhäusern und Scheuern, und die Ausrottungen der Wälder genannt. Ein Stück Waldes ohne beurbarten Boden oder ohne Haus heißt Lands, mit Haus und Acker heißt es Improved Lands.
[81]: Great Bend, der große Busen, den der Missisippi unter der Hauptstadt von Louisiana bildet.
[82]: Pontchartrain.
Ich hatte als Bedeckung vier Neger, die alte fünf und sechzigjährige Sibylle mit eingeschlossen, ein Kleinod, wie es selten zu finden ist; denn die fürchtet das gelbe Fieber; Cäsar und Tiber waren die zwei andern, und Vitell der dritte. Wir geben gern unsern Pferden und Negern derlei hochtönende Namen, zum abschreckenden Beispiele, glaube ich, für unsere eigenen Herrscherlinge; denn seid versichert, auch bei uns fehlt es nicht an would be Caesars[83].
[83]: Would be Caesars, ein häufig gebrauchtes, unübersetzbares Doppelwort; so viel als: wollte Cäsar sein oder werden.
Meine Gig hatte ich weislich zurückgelassen, dafür aber einen ungeheuern Leiterwagen meinem Freunde Bankes aus der Remise gezogen, auf dem ich mein ganzes Mobiliarvermögen zusammengepackt, Wolldecken und Aexte, Harken und Pflugscharen, Cottonhemden und Töpfe. Ich, der Fashionable, saß oben an, die Mappe meines neuen souverainen Besitzthums in der Tasche, und nicht viel weniger stolz als ein derlei Souverain, von denen es einige in der Welt geben soll, die nicht einmal so viel Landes besitzen. Wer so den Mister Howard, der noch vier Monate zuvor den Reigen bei H— und P— anführte, inmitten dieser Welt von Töpfen, Flaschen, Bündeln, Stricken, Pfannen, sah, der mußte lachen. Es lachte aber niemand, so gern ich es gesehen hätte; weder weinte eine Seele, denn Thränen waren damals in New-Orleans selten. Man war so an den Tod gewöhnt, und dieser hatte alle Gefühle so abgestumpft, daß sie ein ganz kostbarer Artikel wurden. Aber selbst wäre das gelbe Fieber nicht gewesen, so herrscht bei uns wieder so viel gesunder Sinn, daß derlei Aufzüge nichts weniger als lächerlich erscheinen, und die brillanteste Schöne wird eben so willig mit ihrem neuen Bräutigam einen derlei Dearborn besteigen, als die Landnymphe es in Begleitung ihres geliebten Tom thut, und wer in unsern Hinterwäldern reiset, wird oft Ueberraschungen finden, von denen kaum einem Romanschreiber träumen dürfte. Ein liebliches Ehepaar, inmitten des luxuriösesten Ueberflusses auferzogen, das sich in die Einsamkeit der Wälder zurückgezogen, ein schönes Stück Urwaldes erkauft, und da für sich und ihre Kinder eine neue Existenz begründet. Man findet sie häufig, diese Hütten, die bloß aus einer Stube und einer kleinen Küche bestehen; in der Stube an den Wänden die Alltagskleider, gewöhnlich von den zarten Händen der Dame gefertigt, neben Sattel und Pferdegeschirr; zuweilen eine Harfe oder ein Pianoforte im Winkel, aber auf diesem die neuesten Nummern vom American-, North- und Southern-Rewiews[84], mit den Zeitungen der Congreßstadt. So haben unsere Johnsons, unsere Livingstons, unsere Ranselaërs, und Hunderte, ja Tausende von Familien, unsere Jeffersons und Washingtons angefangen, und wohl, wenn die künftige Generation dieses Verjüngungsmittel der bürgerlichen Gesellschaft nicht anekelt. Ich bestieg, wie gesagt, meinen Dearborn, um gleiches zu thun, um so geschwind wie möglich das verpestete New-Orleans zu verlassen, da kein Dampfschiff mehr zu sehen und zu hören war. Just als ich mich inmitten meines Mobiliares niederließ, kam Cäsar mit einem so gut als neuen Mantel, wie er meinte, den er vor einem öden, verlassenen Hause in der Vorstadt so glücklich zu entdecken gewesen. Ich packte den Mantel mit einer Feuerzange, und schleuderte ihn so weit vom Wagen, als ich konnte, zum großen Leidwesen Cäsars, der nicht begreifen konnte, wie man ein zwanzig Dollars werthes Ding so unzeremoniös behandeln konnte.
[84]: American-Rewiew, North-American-Rewiew, Southern-Rewiew, die drei großen Zeitschriften der V. St.; die eine bekanntlich in Philadelphia, die andere in Boston und New-York, die dritte in Charleston herausgegeben.
Kein lebendiges Wesen war zu sehen gewesen, so weit das Auge durch die schnurgerade Straße reichte; auf der rechten Seite gegen die Vorstadt Annunciation zu war Alles mit Bretern verpalissadirt, darauf Anschlagzettel, gleich Segeln, mit ellenlangen Buchstaben, die das infected (angesteckt) einem eine halbe Meile schauen ließen, Proklamationen des Maire. Die Proklamationen waren überflüssig; New-Orleans sah einem Kirchhofe ähnlicher, als einer Stadt; wir trafen nicht fünf Menschen, als wir die neu ausgelegte Canalstraße vorbeifuhren und die Levee hinauftrieben. Vor der ersten Pflanzung, wo wir hielten, um unsern Thieren Futter zu geben, waren uns Thüren und Thore vor der Nase zugeschlagen worden, und die menschenfreundlichen Besitzer, den lieben Besuch geschwinde los zu werden, ließen aus den Jalousien des Hauses ein paar Läufe herausblinken, die uns alle Lust benahmen, die Gastfreundschaft M—s ferner in Anspruch zu nehmen. Wir kamen jedoch von New-Orleans und durften nichts Besseres erwarten. — Cäsar, gleich seinem berühmten Namensahn, hatte sich nicht abschrecken lassen, war über das Geländer gesprungen, hatte einigen Dutzend Wälschkornstängeln die Köpfe abgerissen, und sie unsern Pferden vorgeworfen; ein zerbrochener Krug diente, Wasser aus dem Missisippi zu holen, und nach einer halben Stunde fuhren wir weiter. Fünfmal, erinnere ich mich, hatten wir auf dieselbe Weise zugesprochen, und waren auf dieselbe menschenfreundliche Weise abgewiesen worden, bis wir endlich vor B—s Pflanzung kamen, eines Freundes von mir. Wir waren fünfzig Meilen in einer glühenden Atmosphäre an mehr denn fünfzig Pflanzungen vorbeigefahren, deren jede wie fürstliche Villa's aussahen; aber niemanden hatten wir noch gesehen. Da hoffte ich endlich Unterkunft zu finden, fand mich jedoch betrogen.
From New-Orleans?[85] fragte die Stimme meines Freundes durch die Jalousien seiner Veranda.
To be sure[86], war die Antwort.
[85]: From New-Orleans? Von New-Orleans?
[86]: To be sure, versteht sich von selbst.
Then be gone friend and damned to you![87] war die freundliche Antwort des lieben Mister B—s, der jedoch wieder die Artigkeit hatte, einen ungeheuern Schinken mit Zubehör, sammt einem halben Dutzend Bouteillen, vor die Thüre stellen zu lassen, uns so, ohne ein Wort weiter zu verlieren, andeutend, daß wir gerne gesehen wären, wenn wir mit einer Campagne unter freiem Himmel fürlieb nähmen. Ich lachte herzlich, aß und trank, hüllte mich in meine Wolldecken, und schlief, wie es der Präsident im weißen Hause sicherlich nicht kann. Als wir am Morgen aufbrachen, rief ich ein Thank ye! und be damned to you![88] zur Danksagung, und so trabten wir weiter. In Baton-Rouge endlich bei einem ausgepichten Franzosenmagen, dem weder die Moskowiter noch die Mamelucken etwas anhaben konnten, und der über das gelbe Fieber nur lachte, fanden wir am dritten Abende Nachtquartier, und fuhren am folgenden Morgen im Dampfschiff Clayborne in den Red-River ein. Am Abende waren wir in meine Domaine eingezogen.
[87]: Then be gone friend and damned to you! So packen Sie sich, lieber Freund, in die Hölle!
[88]: Thank ye and be damned to you! Danke Ihnen und verdamme Sie — versteht sich, Gott!
Santa Vierge! ruft der Spanier in seiner Bedrängniß; was ich rief, weiß ich nicht mehr; nur so viel weiß ich, daß mir die Haare zu Berge standen, als ich diese sogenannten Improvements beaugenscheinigte. Das wohnliche Haus war eine Art Schweinestall, nicht einmal aus Balken, sondern aus Baumästen zusammengeflickt, ohne Thüren, Fenster und Dach, und da sollte der Fashionable Howard hausen? und zwar zu einer Zeit, wo der Thermometer zwischen 95 und 100 varirte; doch Noth kennt kein Gebot. Wir machten uns an die Arbeit, und in zwei Tagen standen zwei so leidliche Hütten da, als je einen Backwoodsman aufnahmen, mit der einzigen Unbequemlichkeit, daß, wenn es stark regnete, wir unter dem Cottonbaum, der in der Nähe stand, Zuflucht suchen mußten. Glücklicherweise waren jedoch fünfzig Acker beurbart, und dieß half. Wir pflanzten und hausten so gut es sich thun ließ; bei Tage säete und pflügte ich, bei Nacht besserte ich Riemenzeug, auch Löcher in den Inexpressibles aus. Von Gesellschaften waren wir wenig geplagt, denn mein nächster Nachbar wohnte fünf und zwanzig Meilen von mir, und so verging der erste Sommer. Im zweiten ging es besser, im dritten noch besser, und so fort, bis es endlich leidlich wurde. Es läßt sich Alles thun, und wenn der arge Napoleon ein wahres Wort gesprochen, so war es, als er sagte: Impossible — c'est le mot d'un fou.
Und dann eine Jagd-Excursion in die Savannen Louisiana's oder Arkansas!
Es ist etwas Eigenes in diesen endlosen Wiesenwüsten, das den Geist erhebt, und ihn, wir möchten sagen, nervig und stark macht, so wie den Körper. Da herrschet das wilde Roß und der Bison und der Wolf und der Bär und Schlangen zahllos, und der Trapper[89], alle an Wildheit übertreffend, — nicht der alte Trapper Coopers, der in seinem Leben keinen Trapper gesehen hat, aber der wirkliche Trapper, der Stoff zu Romanen geben könnte, die den pinselhaftesten Pinsel begeistern müßten.
[89]: Trapper, buchstäblich Fallen-, Schlingensteller, von trap, Falle. Das Wesen dieser Art Menschen wird weiter unten erklärt; es mag jedoch nicht überflüssig sein, beizufügen, daß durch eine neuerliche Congreßakte bloß geborene Amerikaner zum sogenannten Trapping und Hunting zwischen dem Missisippi und dem stillen Ocean ermächtigt sind, vorzüglich, um den Britten jede Gelegenheit zum Verkehr mit den auf dem Grund und Boden der V. St. herumschwärmenden Indianern und zur Aufwieglung derselben abzuschneiden.
Unsere Civilisation, die edelste, die sich je gebildet und selbstthümlich entwickelt, hat wieder eigene Mißgeburten erzeugt, von denen die Civilisation anderer Länder nichts weiß, und die nur in einem Lande entsprießen können, wo die Freiheit unbeschränkt ist. Es sind Auswürflinge, diese Trappers, großentheils, oder Geächtete, die dem strafenden Arm des Gesetzes entflohen sind, oder auch unbändige Naturen, denen selbst die rationelle Freiheit der Staaten noch Zwang däucht. Vielleicht ist es ein Glück für eben diese Staaten, daß sie gewissermaßen dieses fagend[90] an ihrem Lande besitzen, wo diese wilden Leidenschaften austoben können; denn im Busen der bürgerlichen Gesellschaft dürften sie viel Unheil anrichten. Hätte zum Beispiel la belle France dieses fagend während seiner großen Crisen gehabt, wie viele seiner großen Krieger würden nicht als Trappers verstoben sein, und wahrlich! weder Europa, noch die Menschheit wäre ärmer, wenn sie von den großen Werkzeugen des absolutesten Despotismus, den Massenas und Vandammes und Sebastianis und Davousts und diesen bordirten Leuten sammt und sonders wenig oder gar nichts wüßten! — Man findet diese Trappers oder Hunters[91] von den Quellen des Columbia- und Missouristromes herab bis zu denen des Arkansas und Red-River, an all den tributaren Flüssen des Missisippi, die bekanntlich auf dieser Seite durchgängig in den Rocky mountains entspringen. Ihre ganze Existenz dreht sich um die Vertilgung der Thiere, die sich seit Jahrhunderten und Jahrtausenden in diesen Steppen und Fluren zusammengehäuft haben. Sie morden den wilden Büffel, um Felle für ihre Kleidung und Haunches[92] für ihr Mahl zu haben, den Bären, um auf seiner Haut zu schlafen, den Wolf, weil es ihnen Vergnügen macht, und sie fangen und morden den Biber seines Felles und gelegentlich auch des Schwanzes wegen. Dafür erhalten sie Pulver, Blei, Flanelljacken und Hemden, Garne zu ihren Netzen und Whisky, um die Kälte in den Wintertagen abzuhalten. Sie ziehen häufig in Haufen von Hunderten hinüber in diese Wüsten, wo sie öfters mit den Indianern blutige Fehden anfangen; gewöhnlich jedoch thun sie sich in Gesellschaften von acht bis zehn zusammen zu gemeinsamem Schutz und Trutz vereinigt, eine Art wilder Guerilla's. Immerhin sind jedoch diese mehr Hunters als Trappers; der wahre Trapper zieht nur in Gesellschaft eines geschworenen Freundes, mit dem er Jahr und Tag, öfters Jahre, aushält; denn es erfordert häufig Jahre, ehe sie mit den Verstecken der Biber bekannt werden. Stirbt der Gefährte, so bleibt der Uebriggebliebene im Besitze der erworbenen Felle und des Geheimnisses des Aufenthaltes der Thiere. Was Anfangs Furcht vor dem Gesetze bei Vielen bewirkte, wird bald zum absolutesten Bedürfniß, und die ungeregelte, zur wilden Lust gewordene, unbegränzte Freiheit würden nur wenige für die glänzendste Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft vertauschen. Es leben diese Menschen das ganze Jahr hindurch in den Steppen, Savannen, Wiesen und Wäldern der Arkansas-, Missouri- und Oregon-Gebiete[93], die in ihrem Busen ungeheure Sand- und Steinsteppen und wieder die herrlichsten Gefilde bergen. Schnee und Frost, Hitze und Kälte, Regen und Sturm, und Entbehrungen aller Art haben ihre Glieder so abgehärtet, ihre Haut so verdichtet, wie die des Büffels, den sie jagen; die stete Nothwendigkeit, in der sie sich befinden, sich auf ihre Körperkraft zu verlassen, erzeugen in ihnen ein Selbstvertrauen, das vor keiner Gefahr zurückscheucht; eine Schärfe des Blickes, eine Richtigkeit des Urtheils, von der der Mensch in civilisirter Gesellschaft sich kaum einen Begriff machen kann. Ihre Leiden und Entbehrungen sind oft gräßlich, und wir haben Trappers gesehen, die Leiden ausgestanden hatten, in Vergleich mit welchen die erdichteten Abenteuer Robinson Crusoës bloß Kinderspiele sind, und deren Haut sich in eine Art Leder verdichtet, das mit der gegerbten Büffelshaut mehr Aehnlichkeit, als mit der menschlichen hatte; nur Stahl und Bley vermochten durchzudringen. Es sind diese Trappers eine psychologisch merkwürdige Erscheinung: in die wilde unbegränzte Natur hinausgeworfen, entwickelt sich ihr Verstand häufig auf eine Weise, so eigenthümlich scharfsinnig und selbst großartig, daß wir an Einigen Lichtfunken wahrgenommen haben, deren sich die größten Philosophen alter oder neuerer Zeiten nicht geschämt haben dürften.
[90]: Fagend. Dieses unübersetzbare Wort dürfte einer nähern Bezeichnung um so mehr werth sein, als es häufig gebraucht wird; fagend nennt man das ausgezupfte Ende eines Strickes, das Werthlose an irgend einer Sache; die Canadas z. B. werden ganz richtig das fagend von Amerika genannt. Hier heißen die Steppen zwischen dem Felsengebirge und Missisippi fagend.
[91]: Hunters, Jäger.
[92]: Haunch, der Buckel auf dem Rücken des Bison, der bei weitem beste, schmackhafteste und nahrhafteste Theil am ganzen Thiere.
[93]: Arkansas-, Missouri- und Oregon-Gebiete, die mit den zwei Staaten Louisiana und Missouri beinahe das ganze westliche Gebiet der V. St. jenseits des Missisippi einnehmen.
Die täglichen, ja stündlichen Gefahren, sollte man glauben, müßten die Blicke dieser verwilderten Menschen zum höchsten Wesen erheben; aber dem ist nicht so. Ihr Gott ist das Waidmesser, ihr Schutzpatron die Rifle[94], ihre feste Hand ihr Hort. Den Menschen scheut der Trapper, und der Blick, mit dem er den ihm in der Wüste Begegnenden mißt, ist seltener der des freundlichen weißen Bruders, als des Mordgierigen; denn Gewinnsucht wirkt hier, eine eben so mächtig scheußliche Triebfeder, wie in der civilisirten Gesellschaft, und gewöhnlich bezahlt von zwei sich begegnenden Trappers einer mit dem Leben. Er haßt seinen weißen Nebenbuhler um die geschätzten Biberfelle noch weit mehr, als den Indianer; letztern schießt er eben so ruhig nieder, wie einen Wolf, Büffel oder Bären; ersterem stößt er jedoch sein Messer mit einer so wahrhaft teuflischen Freude in den Busen, als ob er fühlte, daß er die Menschheit von einem großen Mitverbrecher befreie. Viel trägt auch zu dieser entmenschten Wildheit bei, daß er die stärkste Nahrung, die es wohl geben kann, das Fleisch des Bison, ohne Brod oder sonstiges Zubehör, Jahre lang genießt, und so gewissermaßen zum Raubthiere wird.
[94]: Rifle, Stutzer.
Wir haben auf einem solchen Ausfluge, den wir in Gesellschaft Mehrerer an den obern Red-River machten, mehrere dieser Trappers angetroffen, unter andern einen wetterverbrannten, von Sturm und Ungewitter und Entbehrungen aller Art so durch und durch gegerbten Alten, daß seine Haut mehr der Bedeckung einer Schildkröte, als der eines Menschenkindes glich. Wir hatten zwei Tage in seiner Gesellschaft gejagt, ohne daß uns etwas Besonderes an dem Manne aufgefallen wäre; er bereitete unser Mahl, das einmal aus einem Hirschziemer, das anderemal aus einem Büffelhaunche bestand, wußte den Aufenthalt und Zug des Wildes, und witterte beide genauer, als sein ungeheurer Wolfshund, der ihm nie von der Seite kam. Erst am Morgen des dritten Tages entdeckten wir Einiges, das uns weniger zutraulich gegen unsern neuen Jagdgefährten machte. Es waren eine Menge Striche und Kreuze an dem Schafte seines Stutzers, die die Veranlassung zur Wahrnehmung des eigentlichen Charakters dieses Mannes wurden. Diese Striche und Kreuze waren in Rubriken beiläufig auf folgende Weise geordnet:
Buffaloes (Büffel) — keine Zahl angegeben, da sie wahrscheinlich zu groß war.
Bears (Bären) 19; diese waren mit einfachen Strichen bezeichnet.
Wolves (Wölfe) 13; mit Doppelstrichen marquirt.
Red Underloppers (rothe Zwischenläufer) 4; mit vier Querstrichen angedeutet.
White Underloppers (weiße Zwischenläufer) 2; mit Kreuzchen notirt.
Als unser Gefährte den Schaft so aufmerksam betrachtete, und sich Mühe gab, den Sinn der Worte Underloppers zu erforschen, fuhr ein grinsenhaftes Lächeln über die Züge des Alten hin, das uns aufmerksam machte. Ohne jedoch ein Wort zu verlieren, machte er sich an den Büffelhaunch, den er unter dem Rasen hervorzog, aus der Haut, in die er gewickelt war, nahm, und uns auftischte. Es war ein Mahl, wie es kein König besser haben kann, und das uns ganz den Stutzerschaft vergessen machte. Auf einmal sprach er mit einem tückischen Lächeln, seine Rifle an sich ziehend: Look ye, it's my pocketbook. D'ye think it a sin to kill one of them two legged red, or white underloppers?[95]
Whom do you mean?[96] fragten wir.
[95]: Look ye, it's my pocketbook. D'ye think it a sin to kill one of them two legged red or white underloppers? Sehen Sie, es ist mein Taschenbuch. Denken Sie, es ist eine Sünde, einen dieser zweifüßigen rothen oder weißen Zwischenläufer zu tödten?
[96]: Whom do you mean? Wen meint ihr?
Der Mann lächelte wieder und erhob sich; wir wußten nun, wer die zweibeinigen Zwischenläufer waren, die der Alte eben so ruhig auf seinem Schafte notirt hatte, als wären es statt Menschenkindern wilde Truthühner gewesen, die er erschossen.
Wir fühlten uns weder berufen, noch ermächtigt, an einem Orte, wo die bürgerliche Gesellschaft und ihr rächender Arm aufgehört, uns zu Richtern aufzuwerfen, und ließen den Mann gehen.
Diese Trappers kehren jedoch immer nach einem oder mehreren Jahren wenigstens auf einige Wochen in den Schooß der Gesittung zurück, und zwar wenn sie eine hinreichende Anzahl von Biberfellen gesammelt haben. Gewöhnlich fällen sie dann einen hohlen Baum in der Nähe oder am Ufer eines schiffbaren Flusses, machen ihn wasserdicht, ziehen ihn in den Strom, packen ihre Felle und wenige Habseligkeiten darein, und rudern Tausende von Meilen den Missouri, Arkansas oder Red-River hinab nach Saint-Louis, Natchitoches oder Alexandria, wo sie in Thierhäuten auf den Straßen umherstarren, Erscheinungen, die den Fremden nicht selten in die Urwelt zurückversetzen.
Doch wir sind nun vor dem Dampfschiffe, und es ist Zeit, daß wir diesen amüsanten und unamüsanten Betrachtungen ein Ende machen.
| Seite. | Zeile. | |
| 11 | 11 | statt: wie er ist und wie wir sind, lies: wer er ist und wer wir sind. |
| 16 | 6 | st. Keepsakis, l. Keepsakes. |
| 16 | 8 | st. Madame Keepsakes, l. Madame Vestris. |
| 18 | 9 | von unten, st. Es steht, l. Ersteht. |
| 20 | 9 | v. u., st. um allen, l. um aller. |
| 30 | 5 | v. u., st. Kentukier-Alabamer, l. Kentuckier, Alabamaer. |
| 33 | 12 | st. lispelte, l. wisperte. |
| 35 | 1 | st. Fingo, l. Jingo. |
| 47 | 4 | v. u., st. sprach der alte Mann, l. sprach der Mann. |
| 50 | 2 | v. u., st. die sogenannten 12½ und 6¼ Centstücke, l. die 12½ und 6¼ Centstücke genannt. |
| 65 | 12 | st. ausgeteicht, l. ausgelegt. |
| 74 | 12 | st. von den Seinigen, l. vor den Seinigen. |
| 87 | 2 | st. die westlichen Staaten, l. die östlichen Staaten. |
| 98 | 2 | [v. u.,] st. bis zu unsern Knöcheln, l. bis zum Gürtel. |
| 139 | 13 | st. als wie, l. als wir. |
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– wurde die Zeichensetzung "«," einheitlich in ",«" umgewandelt;
– wurden unleserliche Stellen auf den Seiten 22 und 23 ergänzt entsprechend der Ausgabe "Gesammelte Werke von Charles Sealsfield, Neunter Theil, 1846".
Hinweis: "Red-River" (auch: "Redriver") bezeichnet sowohl den Fluß als auch das gleichnamige Dampfschiff.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Blei"/"Bley", "Conecticut"/"Connecticut", "Candidat"/"Kandidat", "Doctor"/"Doktor", "funfzig"/"fünfzig",
mit folgenden Ausnahmen,
Seite 5/6:
"»" und "«" eingefügt
(»Moreland, du weißt, ist [...] kaum zweitausend per annum.«)
Seite 6:
"," eingefügt
(»Liebe verschmäht das schnöde Gold,« lispelte Margareth.)
Seite 6:
"," eingefügt
(Saratoga, die bekannten Mineralquellen des Staates Newyork)
Seite 15:
"." eingefügt
(und derlei beneidenswerthe Dinge mehr. Sie scherzte, sie tändelte)
Seite 19:
"Dampfbote" geändert in "Dampfboote"
(So eben war eines der Philadelphia-Dampfboote angekommen)
Seite 34:
"Shery" geändert in "Sherry"
(Sherry, Port, Xeres und Oporto-Weine)
Seite 34:
"East-Iudia" geändert in "East-India"
(an der mit Lafitte und East-India Madeira besetzten Tafel)
Seite 37/38:
"die in-sen" geändert in "in diesen"
(länger aushalten können in diesen Whiskydünsten und Tabaksqualm)
Seite 39:
"Morland" geändert in "Moreland"
(Ist mit Mama und Mister Moreland gegangen)
Seite 41:
"?" geändert in "!"
(Ganz im Ernste, lieber Howard!)
Seite 61:
zweimal "-" eingefügt
(Auskunft über alle Butter- und Kartoffeln- und Mehlpreise)
Seite 63:
"Duzend" geändert in "Dutzend"
(ein Dutzend verschiedene Subjekte und Objekte zu berühren)
Seite 64:
"Himme" geändert in "Himmel"
(den der Himmel selbst für seine Vermessenheit)
Seite 76:
"«" eingefügt
(mit ihrer Untersuchung beehren,« bemerkte Richards)
Seite 82:
"-" eingefügt
(Die Hinterwäldler-Etiquette forderte unsere Anwesenheit diktatorisch)
Seite 99:
"sumfigen" geändert in "sumpfigen"
(oder im sumpfigen Boden fortzuwaten)
Seite 104:
"Anrwort" geändert in "Antwort"
(der Hinterwäldler gab jedoch keine Antwort)
Seite 108:
"nnd" geändert in "und"
(und versank in sein voriges Hinstarren)
Seite 112:
"«" und "»" eingefügt
(mit wem ist er denn gegangen, Cesi?« sagte ich. »Ging er)
Seite 113:
"«" entfernt
(Weißt du nicht den Namen des Mannes, Cesi?)
Seite 116:
"setnem" geändert in "seinem"
(von einem Besuche in Muller County mit seinem Sohne zurückgekehrt)
Seite 136:
"Terasse" geändert in "Terrasse"
(Ich steige die Treppe hinan, und verweile auf der Terrasse)
Seite 137:
"Mi Gregor" geändert in "Mc Gregor"
(Helen Mc Gregor)
Seite 141:
"Fachböte" geändert in "Flachböte"
(dabei flach wie unsere Breithörner oder Flachböte)
Seite 152:
"Me Gregor" geändert in "Mc Gregor"
(Helen Mc Gregor)
Seite 153:
"Huston" geändert in "Houston"
(Und die gellende Mistreß Houston)
Seite 153:
"Huston" geändert in "Houston"
(und mir fällt Mistreß Houston zu)
Seite 162:
"Botsmännern" geändert in "Bootsmännern"
(von zwei Bootsmännern, die auf dem Verdecke eines Breithornes)
Seite 165:
"doddle" geändert in "doodle"
(Yankee doodle)
Seite 176:
"die" hervorgehoben [das gelbe Fieber fürchtet sich vor Sibylle]
(denn die fürchtet das gelbe Fieber)
Seite 177:
"räumen" geändert in "träumen"
(von denen kaum einem Romanschreiber träumen dürfte)
Seite 186:
"das-ganze" geändert in "das ganze"
(Es leben diese Menschen das ganze Jahr hindurch in den Steppen)
Seite 188:
"," eingefügt
(denn Gewinnsucht wirkt hier, eine eben so mächtig scheußliche)
Seite 190:
"Look ye It's my pocketbook." geändert in "Look ye, it's my pocketbook."