Der Sonnabend war gekommen. Pfarrer Flemming saß in seinem Studierzimmer, er arbeitete an der Predigt für den Sonntag; noch nie in den langen Jahren seiner Amtsführung war ihm dies so schwer geworden wie an diesem Tag. Immer und immer wieder strich er das Geschriebene durch, starrte vor sich nieder und begann von neuem.
Im Hause herrschte Stille. Frau Charlotte vermied in den Stunden, da ihr Mann bei seiner Arbeit war, jedes unnötige Geräusch; am liebsten saß sie freilich neben ihm an dem kleinen Tisch am Fenster und nähte. Heute jedoch hielt ihre Pflicht sie in dem Krankenzimmer zurück, und unermüdlich sorgte sie für das Wohl ihrer Schützlinge. Der jüngere Offizier, ein Souslieutenant, ein geborener Bayer, war bereits auf dem Wege der Besserung, wenn auch noch Wochen vergehen konnten, bis seine Wunden völlig geheilt waren. Sein Kamerad dagegen, ein Voltigeurkapitän, erwachte nur immer auf kurze Augenblicke aus seinen wilden Fieberträumen, die dann wieder mit erneuter Heftigkeit einsetzten. Immer kürzer und pfeifender wurde sein Atem und immer geringer seine Lebenskraft. Er wimmerte, daß das Feuer ihn verbrenne, dann stöhnte er wieder: »Ich erfriere, ich kann nicht weiter, ich bin so müde.«
Frau Charlotte hatte den Leutnant in einer anstoßenden Kammer unterbringen wollen, aber sie hatte seinen flehenden Bitten, ihn nicht von seinem Gefährten zu trennen, nachgegeben.
Gegen Abend ließ dessen Fieber plötzlich nach. Mit seltsam klaren Augen schaute der Kranke um sich, er erkannte seinen jungen Waffenbruder; »oh mon bon camarade,« sagte er und streckte diesem mit sichtlicher Anstrengung seine Hand hin.
Als Charlotte Flemming zu ihm trat, sah er sie lange groß und erstaunt an; fragend irrten seine Augen im Zimmer umher, seine Lippen bewegten sich, als wollte er etwas sagen, aber er war zu schwach, und er schloß wieder die Augen. Sanft strich ihm Frau Charlotte über die feuchte Stirn, da lächelte der Kranke matt, und mit diesem friedlichen Lächeln schlief er ein, um nie mehr zu erwachen. Sein Kamerad preßte stumm den Kopf in die Kissen, er wollte die Tränen nicht sehen lassen, die ihm heiß aus den Augen strömten. Aber als seine gütige Pflegerin zu ihm trat, linde tröstende Worte sprach, da schluchzte er auf: »Ich habe meinen besten Freund verloren!«
Sie betteten ihn in eine kleine stille Kammer, ihn, der so sanft im fremden Lande schlief. Lange stand Pfarrer Flemming mit seiner Frau an dem Lager. Dann hob er den Kopf, und ein beinahe freudiger Klang war in seiner Stimme, als er sagte: »Nun weiß ich, Charlotte, was ich meiner Gemeinde sagen will!«
Walter wurde sehr bleich, als seine Mutter ihm den Tod des so bitter gehaßten Feindes mitteilte. Er wollte sprechen, und er brachte doch kein Wort heraus. Er hatte den fremden Mann, der in seinem Vaterhause gestorben war, nie gesehen, und doch fühlte er dessen Tod wie eine Last. Er wäre seiner Mutter am liebsten um den Hals gefallen und hätte sich ausgesprochen, denn in ihm war alles unklar und verwirrt, aber wieder schlossen Trotz und falsche Scham ihm den Mund. Beim Gutenachtgruß küßte er ehrerbietig der Eltern Hand, ein Weilchen stand er noch zögernd, aber die Bitte um Verzeihung, das Bekenntnis, daß er unrecht getan hatte, kam nicht über seine Lippen.
Luise weinte so lange, bis der Schlaf ihre Tränen trocknete. Der kleine Fritz, dem es ängstlich ums Herzchen war in dieser traurigen Stille, kam zu der geliebten Schwester ins Bett gekrochen. Er schmiegte sich dicht an sie an und bettelte um eine Geschichte. Weil aber die Schwester nur immer leise weinte, entschloß er sich, ihr zum Trost, selbst eine Geschichte zu erzählen. Er fing das wunderschöne Märlein vom Dornröschen an, aber der böse Sandmann kam und streute so viel Sand in des Fritzels Augen, und so kam der Prinz nur gerade in das Schloß hinein, was drinnen geschah, erfuhr an diesem Abend die Schwester nicht. Der Kleine lallte: »Und der Prinz gingte hinein, er gingte, und da – und da –« Und da schlief der Fritz schon fest. Auch Luises Augen schlossen sich. Als kurz darauf die Mutter kam, da fand sie die Kinder lieblich schlafend, auf den rosigen Wangen des Mädchens waren noch die Spuren der vergossenen Tränen zu sehen.
Bis tief in die Nacht hinein strahlte ein Licht aus dem Pfarrhaus in die winterliche Stille hinaus. Schon begannen die Sterne zu verblassen, als Pfarrer Flemming endlich seine Feder niederlegte und sich zu seiner Frau wandte, die treu die Nacht bei ihm ausgehalten hatte. »Ich bin fertig, Charlotte, Gott gebe, daß es gut ist, daß ich die rechten Worte gefunden habe, und daß sie zu den Herzen meiner Gemeinde und meines Sohnes dringen mögen!«
Klar und hell brach der Sonntagmorgen an. Die Sonne überstrahlte das winterliche Land, das weiß und still in seinem Feierkleide dalag. Alle Arbeit ruhte, und die Dorfstraße, auf der sich sonst die Kinder gern mit lautem Geschrei tummelten, lag verlassen da.
Nun erhob die Glocke des Kirchleins ihre Stimme, rufend, mahnend, und Türe auf Türe tat sich auf, und aus allen Häusern eilten die Menschen zur Kirche. Sie kamen alle ein bißchen rascher als sonst, alle etwas unruhig und aufgeregt, und mancher Blick ging schon den Weg zum Pfarrhaus entlang. Auf dem kam Frau Charlotte mit ihren Kindern. Luise und Fritz gingen an der Hand der Mutter, und Walter schritt mit gesenktem Haupte hinter ihnen her. Ihm wurde das Herz immer schwerer auf diesem Gange. Auch aus dem Herrenhause kam Frau von Seeheim mit Knechten und Mägden, Hans-Heinrich hatte die Mutter darum gebeten, und die Mutter hatte zu seiner Verwunderung sehr rasch eingewilligt. Sie hatte auch keine Einwendung gemacht, als die Kinder um die Erlaubnis baten, ob sie nicht oben auf dem Chor bei Magister Richter sitzen dürften.
Überrascht blickte Pfarrer Flemming auf die zahlreich erschienene Gemeinde, er sah die Unruhe und Erwartung in den Augen, er sah auch, wie Stasiu Wietak keck und herausfordernd auf seinem Platze saß, und wie manche ängstlich zu dem Stellmacher hinsahen. Da richtete er sich stolz auf, frei und offen ruhte sein Blick auf seiner Gemeinde, keine Unsicherheit, kein Schwanken war in seiner Stimme, als er begann:
»Liebet eure Feinde; segnet die euch fluchen, tuet wohl denen, die euch hassen, so spricht unser Heiland zu uns, und ich, der ich mich seinen Diener nennen darf, stehe heute vor euch, meiner geliebten Gemeinde, und will mich rechtfertigen, warum ich nach diesen Worten unseres Heilands handelte.«
Einige der Bauern rückten unruhig auf ihrem Sitze hin und her. Frau Friederike neigte tiefer den Kopf, und Stasiu Wietak, der Stellmacher, wollte sich erheben, aber die derbe Faust Michael Ragnits hielt ihn zurück. »Schweig!« herrschte der ihn an. Sekundenlang ging es wie ein leises Raunen durch die Kirche, dann trat wieder tiefe, atemlose Stille ein, und der Geistliche fuhr fort:
»In der Nacht, da dieses neue Jahr begann, da kamen hilflos, halbtot, zwei verirrte Wanderer zu mir, und ich nahm sie auf, weil es meine Christenpflicht war. In jener Stunde durfte ich nicht denken, sind es Franzosen, denen du hilfst, in jener Stunde waren sie meine leidenden Brüder, denen ich meine Hand nicht versagen durfte. Heute nacht ist einer jener beiden allem Erdenleid entrückt, er steht vor unserem himmlischen Richter. Sein letztes Wort war ein Wort der Liebe für seinen Kameraden, und dieser, den er durch seine Treue vor einem elenden Tode bewahrte, ist ein Deutscher wie ihr und ich. Er ist einer deutschen Mutter Sohn, die daheim wohl in Leid und Angst ihres Ältesten gedenkt; ein Deutscher, der unsere Sprache spricht, den die Pflicht zwang, unter fremden Fahnen zu dienen. Ich vermag euch nicht die unsäglichen Leiden zu schildern, die die große Armee, die wir im Frühjahr hier durchziehen sahen, in Rußland erduldet hat. Meine Sprache ist nicht beredt genug, um für diesen Jammer, dieses ungeheure Elend Worte zu finden. Von denen, die ausgezogen, sind wenige heimgekehrt, heimgekehrt als Bettler, Flüchtlinge. Wir sind Deutsche, wir sehen darin eine Vergeltung Gottes, und dankbar blicken wir zu ihm auf, der uns in dunkler Nacht die Morgenröte der Hoffnung aufgehen läßt. Aber unser Gefühl, unsere Liebe zu unserem Vaterland darf nicht das Mitleid für den Menschen, sei es, wer es sei, der Hilfe heischend zu uns kommt, ertöten. Der ist kein Vaterlandsverräter, der das Wort unseres Heilandes zu seinem eigenen macht: ›Liebet eure Feinde!‹ Forderte heute mein Vaterland meinen Sohn von mir, mit blutendem Herzen, mit segnendem Munde würde ich ihn ziehen lassen und sagen: ›Gehe hin und tue deine Pflicht!‹ Und klopfte am gleichen Tage ein verirrter, hilfloser Feind an meine Tür, ich müßte ihm öffnen. Das Wort, ›Liebet eure Feinde‹, darf in eines Christen Herz kein toter Klang sein, ins Leben müssen wir es übertragen, mag es uns auch noch so schwer werden. Und wenn ihr mich alle darum verachtet, heute, morgen, alle Tage will ich barmherzig sein gegen den Franzosen, der meiner Hilfe bedarf. Zwanzig lange Jahre habe ich unter euch gelebt, zwanzig Jahre Freude und Sorge mit euch geteilt. Ihr kennt mein Herz, und ihr wißt, daß ich tief die Schmach meines Vaterlandes beweint habe, soll da wirklich eine Handlung, die mir meine Pflicht gebot, dieses Band, das zwanzig Jahre festgeknüpft haben, zerreißen?
»Ich liebe mein Vaterland! Frei und offen will ich es bekennen, und so ein Verräter unter euch ist, der gehe hin und zeige mich an, um meiner freien Worte willen. Ein echter deutscher Mann1 hat vor wenig Monaten ein goldenes Wort geschrieben; es klinge nach in aller Herzen: – ›Auf denn, redlicher Deutscher! bete täglich zu Gott, daß er dir das Herz mit Stärke fülle und deine Seele entflamme mit Zuversicht und Mut.‹ – So ist auch mein Gebet, und dennoch, Herr mein Heiland, lehre mich, daß ich dein Wort erfülle: ›Liebet eure Feinde!‹«
1 Ernst Moritz Arndt.
Es war totenstill in der Kirche geworden, nur manchmal wurde ein leises Schluchzen laut. Still, mit gesenktem Kopf saßen Männer und Frauen, Alte und Junge, selbst Stasiu Wietak wagte es nicht, aufzusehen. Neben seiner Mutter saß Walter Flemming, seine junge Seele war tief erschüttert und heiße Scham durchwogte ihn, daß er es vermocht hatte, diesen gütigen Vater so zu kränken. Oben auf dem Chor standen Renate, Hans-Heinrich und Luise, der Magister saß an der Orgel und blickte mit umflorten Augen zu den Kindern hin, »könnt ihr singen?«
Aber diese kämpften noch immer mit ihren Tränen, endlich nahm sich Luise krampfhaft zusammen und sagte mit bebender Stimme: »Vater soll nicht um seine Freude kommen!« Sie trat an die Brüstung vor, da erhob gerade der Pfarrer seine Augen und sah sein Kind stehen. Die kleine hatte die Hände gefaltet und dann begann sie mit leiser, zitternder Stimme: »Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen!« Erst klang es ängstlich, zagend, dann aber überwand sie die Befangenheit, der Gesang wurde freier, Hans-Heinrich und Renate fielen ein, die Stimmen schwollen an und vereinigten sich in lieblicher Harmonie. Die drei hatten sich angefaßt, Hand in Hand standen sie droben. Der Sonnenschein lag auf ihren jungen Häuptern, sie standen ganz im hellen strahlenden Licht. Und ihre klaren Stimmen flehten und jauchzten, sie fühlten es alle drei, so hatten sie noch nie gesungen, und so im innersten Herzen bewegt hatte Magister Richter noch nie den Gesang seiner Schüler begleitet.
Als der Geistliche die Kirche verließ, stand die Gemeinde wartend vor der Tür, allen voran schritt Friederike von Seeheim auf ihn zu, sie neigte das stolze Haupt, streckte beide Hände aus und sagte laut und fest: »Verzeihung, mein Freund!«
Männer und Frauen drängten ihr nach, alle kamen sie an ihn heran, junge und alte Hände streckten sich dem Pfarrer entgegen und er erwiderte herzlich den Druck. Manche schwielige, harte Arbeitshand hielt er da in der seinen, und seine Augen begegneten ehrlichen, um Verzeihung heischenden Blicken. Worte wurden nicht viel gewechselt, der Pfarrer erkundigte sich nur nach einigen Kranken und erhielt kurze, knappe Antworten, aber er fühlte, das alte Vertrauen, die alte Liebe war wiedergekehrt.
Ein tiefes Glücksgefühl erfüllte ihn, als er sein Haus betrat, dort saß, wie so oft, Frau Friederike im Wohnzimmer. Am Ofen standen die drei tapferen Sänger, und der Pfarrer trat zu ihnen und küßte die klaren Stirnen, »ich danke euch,« sagte er, »ihr habt mir eine große Freude bereitet.«
Den dreien war es, als wäre der größte Reichtum der Welt ihnen zu eigen geworden, ja so groß erschien ihnen der Dank, daß sie ganz beschämt waren. Luise hatte nur den einen Kummer, den, daß Walter nicht dabei gewesen war. Der aber saß in seines Vaters Arbeitszimmer, denn was er seinem Vater zu sagen hatte, vertrug keines andern Gegenwart. Als Frau von Seeheim mit Renate und Hans-Heinrich das Pfarrhaus verlassen hatte, ging der Geistliche in sein Zimmer. Dort fand er den Sohn, dessen Abkehr sein tiefster Schmerz gewesen war. Schluchzend sank Walter in des Vaters Arme, er wollte sprechen, aber er konnte es nicht. Und der Vater verstand die stumme Bitte wohl, in dieser Stunde wurde es klar zwischen ihnen beiden, und Walter wußte nun, daß er in seinem Vater seinen treuesten Freund besaß.