Afrikanischer Häuptling.
Die Afrikaforscher, welche durch ihre günstigen Berichte über den »humanen König« von Uganda die Missionare in die Höhle dieses Löwen lockten, lernten während ihres kurzen Aufenthaltes nur die Außenseite kennen, die allerdings einen guten Eindruck machte. Die Waganda zeichneten sich durch einen gewissen Grad von Zivilisation von den übrigen Stämmen, die in trostlosem Zustande lebten, vorteilhaft aus. Ihr König regierte als absoluter Herrscher zeitweilig mit rechtlichem Sinn und in fortschrittlichem Geiste. Bei den Untertanen genoß er göttliches Ansehen. Sie brachten ihm das Beste ihres fruchtbaren Landes als Steuer dar. Die Araber waren schon seit Generationen am Hofe heimisch. Die Fremden wurden stets freundlich und großartig am Hofe empfangen, freilich nicht aus königlicher Tugend, sondern aus heidnischer Eitelkeit. Der Reisende Speke, welcher den Niansa entdeckte, lernte Mtesa noch als Heide kennen. Stanley fand ihn bei seinem ersten Besuch als Mohammedaner vor und brachte ihn soweit, daß er vor versammeltem Hofe eine Art öffentliches Bekenntnis zum Christentume ablegte. Ein religiöses Verlangen lag diesem Wechsel aber nie zugrunde, sondern die unersättliche Gier nach Ansehen, Ehre und Macht. In seiner Eitelkeit verstieg er sich soweit, daß er an Mackay das Ansinnen stellte, ihm die Tochter der Königin Viktoria von England zur Frau zu verschaffen. Diese »Heirat« leuchtete ihm um so mehr ein, nachdem man ihm klargemacht hatte, daß er, statt tausend Elefantenzähne zu zahlen, einen Brautschatz bekommen würde.
»Wenn man länger hier lebt,« berichtet Mackay, »dann verschwindet Glanz und Gastfreundschaft schnell. Man wird über die barbarischen Zustände am Hofe selbst mit Ekel erfüllt. Erhebt man erst die Stimme gegen die Treulosigkeit, Verlogenheit und Lasterhaftigkeit, gegen die Mordgier und Grausamkeit, dann wendet sich das Blatt, und der wahre Charakter des Volkes kommt zum Vorschein. Statt Gastfreundschaft findet man Haß, anstatt des täglichen Brotes kann man dem Hunger ausgesetzt werden. Man wird nicht mehr als willkommener Wohltäter des Volkes, als Lehrer der Wahrheit, als Führer zum Licht und Recht, sondern als lästiger Spion betrachtet, der neue Sitten einführen und das gute Alte stürzen will.«
»Mtesa ist ein Heide durch und durch. Er besitzt alle teuflischen Eigenschaften und ist unfähig, seine tierischen Leidenschaften zu zügeln. Alles dreht sich bei ihm ums liebe Ich.« Mehrjährige Erfahrung und Beobachtung lehrte Mackay und seine Mitarbeiter, daß alle scheinbaren großmütigen Handlungen des Königs darauf berechnet waren, Ruhm zu ernten. Eitelkeit war die Mutter seiner Tugenden. Nach seiner Ansicht ist Uganda und die ganze Welt nur seinetwegen da.
Im Jahre 1881 sandte er ein Heer nach Osten und eins nach Westen, nicht um Krieg zu führen, sondern um zu morden, zu rauben und zu plündern. Ein Jahr später gab er den Befehl, jeder Mann im Lande müsse am Handgelenk eine Perlenschnur tragen; wer dem Befehl nicht nachkomme, dem werde die Hand abgehackt werden. Jede Frau hingegen solle eine Perlenreihe um die Taille tragen, sonst werde an dieser Stelle der Körper durchschnitten werden.
Jedes Verbrechen und jede Scheußlichkeit war in dem Lande zu Hause. Täglich wurden aus schändlichem Mutwillen viele unschuldige Opfer umgebracht. Lange Zeit hindurch wußten die Missionare nichts davon. Man tat es aus Rücksicht auf sie nicht so öffentlich wie früher. Nach und nach erst durchschauten sie das grausige Treiben der zahlreichen königlichen Scharfrichter, welche abends auf den einsamen Wegen ihren Opfern auflauerten, sie knebelten und am anderen Tage ermordeten, nicht weil sie etwas verbrochen hatten (danach fragte man nicht), sondern weil der König geruhte zu wünschen, daß täglich ein Quantum Menschenblut zur Mehrung seiner Ehre und Macht fließe. Die Scharfrichter mußten zusehen, wie sie ihre Beute finden konnten. Und das niedere Volk, welches keine mächtigen Häuptlinge zu Beschützern hatte, mußte diese Opfer stellen.
»Es ist dunkel, 10 Uhr abends. Alles ist ruhig. Auch drüben auf der anderen Seite des kleinen Tales ist der letzte Trommelwirbel verklungen, weil dort der Scharfrichter seine Opfer für den Tag beisammen hat. Ihr Blut wird morgen fließen. Plötzlich ertönt ein gräßlicher Schrei vom Wege nach dem Missionsgehöft herüber, dann das Geschrei verworrener Stimmen, wiederum ein Schrei, der das Blut erstarren macht – und alles ist wieder still. ›Hihihi! – hast du's gehört?‹ grinste einer der jungen Burschen, die bei Mackay waren, ›sie haben ihm die Kehle durchgeschnitten! Hihihi!‹ Und er lachte. Es war das teuflische Lachen der Waganda aus Freude an der Grausamkeit.« – Der arme Mensch war allein und spät auf dem Wege von den Aufpassern des Königs, welche abends für Ruhe und für Sicherheit zu sorgen haben, aufgefunden und sofort getötet worden, weil es dem blutgierigen Hofe also gefällt und die Aufpasser nur dann höher in der Gunst steigen, wenn sie durch solche Aufmerksamkeit ihre Tüchtigkeit erweisen. »Wer kann sie alle zählen, die am Morgen Gottes Sonne schauen und ehe der andere Morgen dämmert, gewaltsam in die Ewigkeit befördert sind!«
Daß »der humane König«, wie er oft genannt wurde, als er zum Islam übertrat, an einem Tage zweihundert Jünglinge lebendig verbrennen ließ, weil sie bei Annahme der neuen Religion etwas weiter gingen als er selbst und sich noch beschneiden ließen, haben wir früher schon angedeutet.
Mit den Einzelhinrichtungen begnügt sich die teuflische Mordgier jedoch nicht. Fast alljährlich fanden Massenabschlachtungen, sogenannte Kiwendo statt. Mtesas Vater pflegte solche öfters anzuordnen, und der Sohn durfte nicht hinter dem Beispiel seines Vaters zurückbleiben. Zu einem zünftigen Kiwendo gehörten zweitausend Opfer, die man vorher mit großer List einfing und dann an einem Tage abschlachtete. Solche Kiwendos fanden statt, während die Missionare am Hofe jahrelang und täglich lehrten.
Im Jahre 1880 ließ der König die Grabstätte seines Vaters neu aufbauen. Um dieselbe her sind hundert kleine Hütten errichtet worden. Sie dienen den vielen Zauberinnen als Wohnort, in die der Geist des verstorbenen Königs gefahren sein soll. Als der Umbau sich der Vollendung näherte, wurden die Scharfrichter angewiesen, ein Kiwendo vorzubereiten. Am Tage der Vollendung wurde dem abgeschiedenen Geiste des mordgierigen Suma zweitausend unschuldige Menschen als Sühnopfer dargebracht. Überwacht wurde der Hüttenbau sowohl wie die Massenhinrichtung von drei Häuptlingen, die bei den Missionaren lesen und Gottes Wort kennen gelernt hatten.
Ein Jahr später befahl Mtesa abermal ein großes Kiwendo. Ein Zauberer hatte es ihm im Interesse seiner königlichen Genesung angeraten. Die Häscher waren fleißig bei der Sache, und bald hatten sie ihre Zahl (zweitausend) beisammen. Fünf Personen ergriff man vor dem Tore des Missionshofes. Bei der Abschlachtung wurden einigen die Hälse abgeschnitten, andere aber zu Tode gefoltert. Man schnitt ihnen die Ohren ab, stach ihnen die Augen aus oder schnitt ihnen Stücke Fleisch aus Armen und Beinen und briet sie vor ihnen. Dann erst verbrannte man die Ärmsten bei lebendigem Leibe.
Um diesen Massenmord zu verhindern, schrieben Mackay und sein Mitarbeiter Pierson an den König einen Brief und erbaten dazu auch die Unterschrift der katholischen Missionare. Die Jesuiten aber weigerten sich, dieselbe zu geben. Obwohl sie auch täglich am Hofe waren, erhoben sie nicht ihre Stimme, um dem grauenvollen Treiben zu steuern. In dem Briefe erinnerte Mackay den König an das Gebot: »Du sollst nicht töten«, an die Entvölkerung des Landes, die durch diese Morde entstand, und an die Sage, Kintu, der Begründer des Landes, sei verschwunden, weil Uganda mit Blut überschwemmt gewesen sei. Die kühne Bitte der edeln Missionare fand kein Gehör. Sie hatten aber ihre Pflicht getan und überließen die Folgen dem allmächtigen Gott.
Mackays Geschicklichkeit und Dienstwilligkeit wirkten oft besänftigend auf den grausamen König und stimmten ihn freundlich gegen die Mission. Bei allen Schwankungen der Stimmungen im Gemüt dieses Tyrannen und am Hofe fügte es Gott doch so, daß die Missionare Schutz hatten, wenngleich ihr Leben auch einigemal in großer Gefahr stand. Solange Mtesa lebte, hatten sie gewisse Rechte und Lehrfreiheit trotz der vielen Verbote und Drohungen und trotz der Wühl- und Hetzarbeit der Mohammedaner. Gott lenkte auch diesem Könige das Herz, daß er wider Willen dem Evangelium zum Eingang in seinem Lande verhalf.
Ergreifend ist der Bericht, in welchem Mackay erzählt, wie er Mtesa zum letztenmal zur Rettung seiner Seele aufforderte. Sie hatten miteinander eine Unterredung über Tod und Ewigkeit. Mtesa antwortete auf das Zeugnis Mackays mit seinen gewöhnlichen Ausreden: »Liest der Araber sein Buch (Koran), so sagen die Weißen, das seien Lügen. Lesen die Weißen ihr Buch (Bibel), dann rufen die Araber: ›Das sind Lügen!‹ Was ist nun wahr?« Mackay stand nun auf und trat vor den König an der Matte, auf welcher der Katikiro saß. Dort kniete er nieder und sagte mit heiligem Ernste: »O Mtesa, mein Freund, gebrauche nicht immer diese Ausreden. Wenn du und ich am großen Tage des Gerichts vor Gott stehen werden, kannst du dann dem Allmächtigen sagen, du hättest nicht gewußt, was du glauben solltest, weil Masudi (ein Araber) dir das und Mackay dir etwas anderes sagte? Nein! Du hast das Neue Testament, lies es doch! Gott wird dich danach richten. Es hat noch niemand darin die Wahrheit gesucht, der sie nicht gefunden hätte.«
Mtesa blieb, was er war: ein Heide durch und durch. Charakteristisch ist eine Erklärung, die er Mackay einmal vor versammeltem Hofe gab: »Nehmen wir das Christentum an, so dürfen wir nur eine Frau haben. Werden wir Mohammedaner, so dürfen wir kein Fleisch essen.« Man muß es als eine besondere Fügung Gottes betrachten, daß Mackay dennoch der erklärte Liebling Mtesas blieb und mit der königlichen Gunst auch den königlichen Schutz genoß, solange Mtesa lebte. Die Hoffnung, den König für Jesum zu gewinnen, mußte der Pionier Ugandas endlich aufgeben. Er tat's mit schwerem Herzen, hatte aber die Genugtuung, daß sich die Pagen und Diener des Hofes immer empfänglicher für die Wahrheit zeigten.
Nach vierjähriger Wirksamkeit konnten im März 1882 die Erstlinge der Waganda getauft werden. Es waren fünf hoffnungsvolle Jünglinge. Der erste unter ihnen nannte sich in dankbarer Anerkennung dessen, was sein Lehrer ihm geworden, Sembera Mackay. Wir können es verstehen, daß Mackays Herz voll Freude und Dank war über diese Erstlingsfrucht und daß er auf sie mit derselben zärtlichen Liebe blickte wie eine Mutter auf ihr erstgeborenes Kind.
Im gleichen Jahre starb die Königinmutter. Sie war der biblischen Lehre stets abhold gewesen und verschied unter den Zaubersprüchen der Götzenpriester. Mtesa ließ sie mit großem Gepränge beisetzen. Auf seinen Wunsch hatte Mackay dazu drei ineinandergehende Särge, darunter einen aus Kupfer, angefertigt. Diese Arbeit nahm einen ganzen Monat in Anspruch. Während dieser Zeit war große Landestrauer vorgeschrieben; es durfte keine weitere Arbeit verrichtet, keine Reise unternommen, keine Last getragen werden. Nach der Beerdigung wurde Mackay reichlich beschenkt.
Im folgenden Jahre baute Mackay am Ufer des Niansa das Missionsboot »Eleonore«. Die Arbeit hielt ihn monatelang fern. In der Hauptstadt wurde unterdessen das Missionswerk unter der treuen Arbeit der Missionare O'Flaherty und R. Ashe im Segen fortgesetzt.
In der ersten Hälfte des Jahres 1884 war die Zahl der Bekehrten schon auf 68 gestiegen. Dann aber zog eine dunkle Wolke herauf und hing schwarz und schwer über dem hoffnungsvollen Erntefeld. Die oft erwähnte Krankheit des Königs verschlimmerte sich mehr und mehr. Man erwartete unter allgemeiner Spannung seine baldige Auflösung und damit das Signal zur Christenverfolgung in Uganda. Die junge Gemeinde stärkte sich in Gott und bereitete sich täglich im Glauben auf schwere Stürme vor.
Am 29. Oktober 1884 flog die Trauerkunde vom Königshügel durch die Stadt und die Dörfer des Landes, daß der König Mtesa verschieden sei. Unseren Helden Mackay erreichte die Botschaft am See, wo er das Missionsboot ausbesserte, um es zu einer eventuellen Flucht benutzen zu können. Nach Empfang der Todesnachricht sandte er vier seiner Leute zur Hauptstadt, um Erkundigungen einzuziehen. Sie wurden unterwegs schon überfallen und beraubt. Ihr Leben retteten sie durch die Flucht. Das waren böse Vorboten. Am nächsten Tage erschienen hundert Krieger und holten im Auftrage des Kanzlers (Katikiro) Mackay nach der Hauptstadt ab, um den Sarg für Mtesa zu machen. Er unterzog sich gern diesem Auftrage und hoffte sich damit die Gunst der maßgebenden Häuptlinge und des noch unbekannten Thronfolgers zu erwerben.
Als Nachfolger auf dem Thron wurde von den Großen des Landes Muanga, der siebzehnjährige Sohn Mtesas, gewählt. Von seinem Vater hatte Muanga wohl die Fehler, aber nicht die Vorzüge geerbt. Er besaß dessen grenzenlose Eitelkeit ohne seine Intelligenz und war trotz seiner Jugend und seiner Bekanntschaft mit der Mission und Gottes Wort schon ein Meister in allen heidnischen Lastern. Seinen Brüdern und den Ministern des Vaters ließ er gegen die Landessitte das Leben, aber den Missionaren machte er bald das Leben schwer. Er war ein Spielball der fremden- und christusfeindlichen Parteien am Hofe und schwankte wie ein Rohr hin und her in seinen Meinungen und Handlungen. Eine seiner ersten »königlichen« Handlungen war, daß er die katholische Gegenmission, welche dem Lande den Rücken gekehrt hatte, wieder zurückrief.
Um recht zu verstehen, was nun folgt, müssen wir im Auge behalten, daß damals die Zeit der kolonialen Erwerbungen an der Ostküste war, wo die Deutschen einen Landstrich nach dem anderen in Besitz nahmen und die Engländer ebenso taten. Der alte Argwohn und die alte Furcht von der Eroberung des Landes durch die Weißen lebte dadurch neu auf und setzte sich besonders in Muangas engbegrenztem Gehirn mit der Macht einer fixen Idee fest. Und die Missionare wurden mehr denn als je als Vorläufer und Spione feindlicher Überfälle und Eroberungen beargwöhnt und bewacht. Ihr Leben schwebte nun täglich in Gefahr.
Im Januar 1885 erbat sich Mackay vom König die Erlaubnis, nach Kagai zu reisen. Sie wurde ihm gewährt und zugleich angekündigt, daß ihn ein Araber begleiten solle. Das war verdächtig. Denn der Muselmann galt als Erzfeind Mackays. Trotzdem wurde aus der Begleitung nichts, und Mackay reiste mit Missionar Ashe und einigen bekehrten Wagandajungen ab. Auf dem Wege nach dem Hafen wurden sie in einem dichten Walde von einer bewaffneten, von jenem Araber befehligten Bande überfallen und zur Rückkehr gezwungen. Die Knaben aber wurden gefangen, mißhandelt und gefesselt zurücktransportiert. Mackay wandte sich in der Hauptstadt beschwerdeführend an den Kanzler, erhielt aber statt einer Genugtuung nur die Drohung, sie würden am nächsten Tage sämtlich aus dem Lande gejagt werden. Das auszuführen hatte der heuchlerische Katikiro glücklicherweise nicht den Mut, an den armen Wagandaknaben aber ließ er seinen ganzen Zorn aus. Die Missionare ahnten das Schlimmste und boten alles auf, ihre Lieblinge zu retten. Es half nichts. Sie wurden am 31. Januar 1885 in der Nähe der Stadt unter ausgesuchten Martern über langsamem Feuer geröstet und verbrannt. Aus den Flammen aber erscholl der Gesang: »killa siku tansifu!« (täglich, täglich loben wir Dich!). Die ersten Märtyrer Ugandas! Sie starben wie Helden mit Lobgesängen auf den Lippen und besiegelten ihren Glauben mit ihrem Blute. Es waren drei Knaben im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren.
Den Missionaren blutete das Herz, als sie hörten, was vorgefallen war. Sie stärkten sich aber durch den Glauben, daß die Pforten der Hölle die Gemeinde Christi nicht überwältigen können und arbeiteten in der Stille rüstig weiter. Den Unterricht erteilten sie geheim an verschiedenen Orten, um ihre Zöglinge, die gar nicht abgeschreckt waren, vor den Häschern zu schützen. Einige Zeit erfreuten sie sich der Ruhe, und es schien, als sollten bessere Tage wiederkehren. Der König versicherte Mackay, daß das Blutbad an den Christen nicht von ihm, sondern nur von dem Kanzler ausgegangen sei, und forderte den Missionar auf, ihn auf seiner üblichen Reise durchs Land zu begleiten. Auf dieser Reise befand sich außer Mackay auch der Pater Lourdel als Vertreter der katholischen Mission im Gefolge des Königs. Ugandas Könige liebten es, durch ein aus allerlei Nationalitäten zusammengesetztes Gefolge den Untertanen zu imponieren.
Nach einem Volksglauben sollten die schlimmsten Feinde Ugandas nicht aus dem Süden, sondern vom Osten her zu erwarten sein. Es herrschte deshalb eine abergläubische Furcht vor allen Fremden, die sich an dieser »Hintertür« des Landes zeigten. Mackay und alle seine Mitarbeiter kamen vom Süden über den See ins Land. Unglücklicherweise wählte aber in dieser Zeit ein anderer die Route von Mombas durch Usoga nach dem Nil, um Uganda auf diesem kürzeren Wege zu erreichen. Er mußte also durch die gefürchtete Hintertür kommen. Es war der Bischof Hannington, der als Missionsbischof sich dem Werke widmen wollte. Kurz vorher waren auch die deutschen Kriegsschiffe vor Sansibar an der Ostküste zur Unterstützung der Besitznahme unserer heutigen Kolonie Ostafrika erschienen. Das erregte Muangas Argwohn aufs äußerste. Es erschien ihm zweifellos, daß nun die Weißen kämen, um auch sein Land zu »essen«, und daß der Bischof nur ein Vorbote dazu war. Er sandte deshalb heimlich Botschaft an den von ihm abhängigen Häuptling Luba in der Landschaft Usoga und befahl ihm, den Bischof zu ermorden. Hannigton war mittlerweile in Lubas Dorf am Nil angelangt. Nur die brausenden Wasser, die sich aus dem Viktoriasee durch die Ripponfälle nach Norden wälzen, trennten ihn noch von dem Lande seiner Sehnsucht. Von brennendem Verlangen getrieben, stieg er auf eine Anhöhe, um, wie Moses vom Pisga, das ersehnte Land zu schauen. Da überfielen die Häscher Lubas den Wehrlosen, banden ihn, stießen ihn vor sich her und setzten ihn gefangen.
Mackay hatte von Muangas Blutbefehl gehört und versuchte alles, den armen Bischof zu retten. Täglich erbat er sich Audienz beim Könige, ohne sie zu erlangen. Er klammerte sich dann in seiner Herzensangst an die Hoffnung, daß Gott die Gebete um Rettung Hanningtons erhören und ein Wunder zu seiner Befreiung tun werde. Vorher hatte er auch heimlich einen Warnungsbrief an den Bischof geschickt. Der Bote aber kam zu spät. Am 29. Oktober 1885 wurde Hannington mit fünfzig seiner Leute auf erneuten, strengen Befehl Muangas ermordet!
In den Briefen Mackays aus jener Zeit zittert die Erregung und das Weh über diesen Mord in allen Schwingungen nach. »Unsere Sache steht in Gottes Hand; Sein Wille geschehe auch an uns. Es ist aber eine peinliche Lage, wenn einem das Schwert immer über dem Haupte hängt. Der höchste Minister oder Richter (Katikiro) ist unser schlimmster Feind. Dieser Brief wird vielleicht aufgefangen, denn wir müssen ihn heimlich abschicken.... Wir leben noch in großer Angst, aber bisher hat uns der Herr gnädig vor diesem gott- und sinnlosen Menschen geschützt. Er, der von Anfang an auch das Ende sieht, ist unsere einzige Hoffnung und Zuflucht, denn hier kann uns jetzt keine Macht der Erde schützen.«
Wir hören aus diesen Mitteilungen, daß seit dem Auftreten des Missionsbischofs und der deutschen Flotte an der Küste das Leben der Missionare in größter Gefahr schwebte. Nach einer geheimen Verabredung des Königs und der vornehmsten Häuptlinge sollten sie alle umgebracht werden. Sofort rafften sie ihre wertvollsten Sachen zusammen, um sie Muanga als Geschenke zu überbringen, verrieten aber nicht, wer ihnen den Plan hinterbracht hatte. Der König überhäufte sie, nachdem er die Geschenke angenommen, mit Droh- und Schimpfreden. Er werde alle, die ins Missionshaus gehen, töten und die Missionare in den Stock legen lassen. Dann möge ganz Europa kommen, um sie zu befreien! Lukonge, der Ukerewekönig, hätte doch auch zwei weiße Männer getötet, und die Engländer hätten ihm nichts anhaben dürfen. Mackay schwieg still und wagte nicht, auf den Tod des Bischofs anzuspielen.
Ein Lieblingspage des Königs, der die anderen Diener zu befehligen hatte, wagte eines Tages zu sagen, daß es nicht recht war, den Bischof zu töten, da die Weißen nur dem Wohle des Landes dienen wollten. Der kühne Sprecher, ein katholischer Christ, wurde sofort dem Scharfrichter übergeben und lebendig verbrannt.
Mackay dachte nun, es sei an der Zeit, sich aus Uganda zu entfernen und bessere Tage zur Wiederkehr abzuwarten. Er und die anderen Missionare wurden aber so beobachtet, daß an eine heimliche Abreise nicht mehr zu denken war. Der König erklärte, er ließe sie nicht ziehen und wenn siebzig Briefe von England kämen. »Ein großer König, wie ich bin,« fügte er anmaßend hinzu, »darf auch nie ohne einen Mann sein, der ihm seine Gewehre und andere Sachen in Ordnung halten kann.«
Unter der Hand konnte der erkrankte Missionar O'Flaherty fortgeschafft werden. Mackay und Ashe waren nun allein auf dem Kampfplatz. Sie erfreuten sich noch einige Zeit größerer Freiheit und geringerer Ungnade. Dann brannte Muangas »Palast« völlig nieder. Man beschuldigte die Christen der Brandstiftung, fand aber beim König kein Gehör. Am Tage nach dem Brande schlug der Blitz dicht neben dem Hause ein, das der König bezogen hatte. Halbtoll vor Furcht floh Muanga und wählte sich eine andere Residenz am See. Dort besuchte ihn Mackay einige Male und tröstete ihn durch Geschenke.
Trotz des Verbots, daß bei Todesstrafe sich niemand dem Missionsgehöft nähern dürfe, wuchs die Zahl der Christen beständig. Die zuvor eingesetzten eingeborenen Ältesten taten treu ihre Pflicht, und die bekehrten Waganda verbreiteten in ihren Dörfern die Botschaft vom Heil in Christo. Unter dem Schutze der Nacht wagten heilsbegierige Seelen den Gang zum Missionshaus und ließen sich unterweisen und taufen. Anfang 1886 bestand die Gemeinde aus 150 Seelen.
Unter den neubekehrten war auch eine Prinzessin namens Nalumasie. Sie warf die ihrer Obhut anvertrauten Amulette, Zaubersachen und Ahnenreliquien ins Feuer. Das wurde dem König hinterbracht, der darüber sehr ungehalten war. Kurz darauf mutete er einem seiner Pagen eine unnennbare Schandtat zu, der sich der christliche Jüngling mutig und entschieden widersetzte. Das erregte des Königs heidnischen Zorn in hohem Maße. Er schlug den Pagen und den Palastmeister, der auch »lesen« konnte, mit seinem Speere blutig und befahl, sofort alle Christen zu fangen und niederzumetzeln. Alle Häuptlinge erhielten die strenge Weisung, ihre christlichen Untertanen anzuzeigen und auszuliefern.
Noch am selben Tage wurden zwölf Jünger Jesu auf offener Straße mit Keulen erschlagen oder von Speeren durchbohrt. Viele andere wurden gefangen gesetzt. Im Missionshaus war gerade Unterricht, als ein Eilbote vom Hofe die drohende Gefahr ansagte. Die Schüler hatten eben noch Zeit, sich den Häschern durch schnelles Verschwinden durch Seiten- und Hintertüren zu entziehen. Der Gemeindeälteste Munjago war in seiner Hütte mit anderen zum Gebet versammelt, als die Scharfrichtergehilfen erschienen. Die erschreckten Christen brachen durch die Rohrwände der Hütte und suchten das Weite, aber Munjago blieb. Angesichts einer an der Tür stehenden Flinte wagten die Häscher nicht, näher zu kommen. »Fürchtet nicht, daß ich euch erschieße,« rief ihnen der Älteste zu und ließ sich dann ruhig fassen und fesseln.
Die evangelischen Missionare wandten sich an die katholische Mission und baten um ihre Mitwirkung zu dem Versuch, das Leben der Gefangenen zu retten. Der Bischof lehnte es aber mit einer nichtssagenden Begründung ab, sich in dieser Angelegenheit mit den Evangelischen zu verbinden. Nun trat Mackay allein den sauren Gang zum König an. Kurz vorher hatte er Muangas Lieblingsflinte repariert. Als Dank dafür wurde ihm ein Wunsch freigestellt. Daran erinnerte er jetzt den König. »Was willst du denn haben?« fragte Muanga. »Ich bitte um das Leben derer, die noch verhaftet, aber noch nicht hingerichtet sind.« Der König erwiderte: »Sie sind alle tot.« Als Mackay dies bezweifelte, gab ihm Muanga das Versprechen, daß den Gefangenen kein Leid geschehen solle. Ein Strahl der Freude glitt über das sorgenvolle Antlitz unseres Kämpfers. Aber wer konnte dem Wort dieses wankelmütigen Blutmenschen trauen? Die Christen blieben in Haft, und Mackay erhielt trotz wiederholter Anfragen und Bitten keine weitere Audienz in dieser Sache.
Unter schrecklicher Spannung, die oft schlimmer als die gefürchtete Gewißheit ist, kam der denkwürdige 5. Juni heran. An diesem Tage wurden 32 von den gefangenen Christen lebendig verbrannt. Einigen hackten sie zur Mehrung ihrer Qual zuerst Arme und Beine ab; dann warf man die verstümmelten Körper in die Glut. Die Märtyrer gingen alle freudig in den Tod und beteten wie Jesus und Stephanus noch für den König, für das Vaterland und für ihre Mörder. Auf den obersten Scharfrichter machte dies einen so tiefen Eindruck, daß er es dem König berichtete und hinzufügte, er hätte noch nie Leute mit solcher Tapferkeit und solchem Mut sterben sehen. Der grausame Nero aber hatte für dieses Heldentum nur den leichtfertigen, vom Hofe mit satanischem Gelächter unterstrichenen Spott: »Aber ihr Gott hat sie doch nicht aus meiner Hand gerettet!«
Aber »das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche«. Diese alte Wahrheit sollte sich auch hier aufs neue bestätigen. Obwohl der Besuch des Missionsgehöftes jedem Eingeborenen bei Todesstrafe verboten war und die Missionare ihr Haus nicht mehr verlassen durften, konnten doch in dieser schwersten Zeit noch elf Taufen vollzogen werden. Diese Täuflinge wurden tatsächlich in den Tod hineingetauft, wie der Apostel Paulus von sich und den Gläubigen in Rom zu Neros Zeit aussagt. Mackay war in diesen dunkeln Tagen wohl gebeugt und traurig, unsagbar traurig im Blick auf die bleichenden Gebeine seiner Brüder, aber nicht hoffnungslos, denn er schreibt: »So gewiß wie wir wissen, daß morgen die Sonne wieder aufgeht, wissen wir auch, daß dies unglückliche Land wieder lichtere Tage sehen wird. Und bei alledem haben wir noch viel Ursache zur Dankbarkeit.«
Wie oft war seit seinem Wirken in Uganda unserem Helden schon das Todesurteil gesprochen! Aber der Herr war mit ihm, und Muanga fürchtete sich mehr, das Todesurteil vollziehen zu lassen, als Mackay sich fürchtete, es zu empfangen. Er hatte jenen Heldenmut, der auf die Drohung: »Vor der Menge der Pfeile und Lanzen werdet ihr die Sonne nicht sehen!« die überraschende Antwort gab: »Also kämpfen wir im Schatten!«
König Muanga. (Text siehe Seite 92.)
Als die Lage sich immer schwieriger gestaltete, hielten es die beiden Missionare für weise, das Land im Interesse der eingeborenen Christen für einige Zeit zu verlassen. Aber nur einer erhielt die Erlaubnis zur Abreise. Mackay mußte als Geisel im Lande zurückbleiben. Der König fürchtete die Rache der Engländer für das Blut des Bischofs und die übrigen Metzeleien, die er auf dem Gewissen hatte. Am 25. August 1886 trennten sich die tapferen Männer schweren Herzens voneinander, und Ashe kehrte nach England zurück in der Hoffnung, die englische Regierung werde durch seine Berichte veranlaßt, energische und geeignete Maßregeln zu ergreifen, um Muanga zur Vernunft zu bringen. »Ich muß mich«, schreibt Mackay, »damit zufriedengeben, allein hierzubleiben – aber doch nicht allein. Noch kann ich den wenigen Übriggebliebenen unserer jungen Gemeinde durch meine Gegenwart dienen, und unser Gott wird bessere Zeiten für uns kommen lassen.«
Bisher hatte Mackay immer einen oder mehrere Mitarbeiter, von denen einige treue und brave Kampfgenossen waren. Wir erinnern uns noch an den ersten, der mit dem Leutnant Smith den Boden Ugandas betreten hatte, an den Rev. Wilson. Er holte seinerzeit Mackay von Kagai ab und führte ihn nach Rubaga. Nach zwei Jahren aber mußte dieser mit gebrochener Gesundheit heimkehren. Von den anderen Genossen ist besonders O'Flaherty zu erwähnen, der am längsten dem Klima widerstehen und vier Jahre an Mackays Seite wirken konnte. O'Flaherty stand bei Mtesa gut angeschrieben. Seine ausgezeichneten Kenntnisse des Koran und seinen treffenden Witz konnte er im Kampfe mit den Muselmännern gut verwerten.
Einmal klagte der Araber Suliman die Engländer als die gierigsten Länderfresser beim Könige an und prophezeite, daß sie ganz Afrika aufessen würden. Mtesa ließ darauf O'Flaherty rufen, und dieser sagte: »Ja, ja, wir haben ganz Sansibar aufgegessen, Menschen, Häuser und Vieh und Bäume und alles. Nichts ist dort übrig als die Steine, die am Meeresufer liegen, und auch diese werden wir nächstens verschlingen. Auch dies Land werden wir verschlingen. Aber erst müssen wir etwas stärker werden, und da möchte ich den König bitten, mir einen großen Ziegenbock zu schenken, daß ich kräftiger werden kann.« Dieser Witz löste bei Mtesa ein wohlgefälliges Lachen aus. Als Anerkennung ließ er dem freimütigen Missionar eine fette Ziege geben.
Bei einer anderen Gelegenheit suchte der Araber dem Könige zu imponieren mit dem Hersagen eines langen arabischen Glaubensbekenntnisses, von dem niemand ein Wort verstand. O'Flaherty aber sang einen Vers der englischen Nationalhymne, worauf Mtesa meinte, das wäre gerade so schön wie das Arabische, er solle nur noch mehr singen.
O'Flaherty hatte Mtesa einmal gesagt, wenn er ihm Eisen zu Werkzeugen und Leute zur Arbeit liefere, wolle er nach Lehm graben, Ziegel brennen und ihm ein schönes Haus bauen. Für das Gelingen setze er seinen Kopf ein; vielleicht finde man bei dem Graben auch Silber im Boden. Dies Wort wirkte wie ein Funke im Pulverfaß. Alle schrien nach Silber, der Weiße habe seinen Kopf dafür verpfändet, jetzt solle er nach Silber graben. Auch der König stimmte schließlich bei und erklärte, am Hause liege ihm nichts, aber Silber wolle er haben. Dann ließ er seine Scharfrichter kommen und fragte den Missionar feierlich: »Willst du jetzt nach Silber graben oder deinen Kopf verlieren?« O'Flaherty suchte noch einmal das Mißverständnis aufzuklären und sagte dann bestimmt: »Da dir am Hause doch nichts gelegen ist, werde ich jetzt auch nicht nach Lehm graben; willst du aber meinen Kopf – hier ist er!« Die Araber triumphierten, die Häuptlinge riefen: »Recht so!« und ein hoher Beamter fing an, den Weißen zu verhöhnen. O'Flaherty aber fuhr ihn an: »Wie darfst du es wagen, des Königs Gast zu beleidigen?« Nun nahm Mtesa wieder das Wort, winkte den Scharfrichtern, sich zu entfernen, lobte den Missionar und sagte, nicht er, sondern Mackay wäre es, der sich weigere, für sie nach Silber zu graben. Alles stimmte natürlich auch jetzt wieder dem Könige bei; O'Flaherty aber nahm seinen Kollegen kräftig in Schutz und erklärte: »Wenn Mackay stirbt, sterbe ich auch. Er und ich sind eins.« Ein Muselmann brachte dann noch andere Anklagen vor, aber O'Flahertys Geistesgegenwart und witzige Gegenreden imponierten dermaßen, daß ihm kein Leid geschah und die Häuptlinge ihm nach der Versammlung allerlei Schmeichelhaftes sagten.
O'Flaherty erlebte den Regierungswechsel in Uganda nicht mehr. Noch vor Mtesas Tode mußte er gesundheitshalber die Arbeit einstellen und heimreisen. Unterwegs auf der Fahrt durch das Rote Meer erlag dieser wackere Kampfgenosse dem Fieber. Er durfte auf der Reise nach der irdischen Heimat in die himmlische eingehen.
Mackays trautester und treuester Freund, der die trübsten Stunden mit ihm durchwacht hatte, war der Missionar P. Ashe. Er stand drei Jahre, von 1883 bis 1886, an Mackays Seite und kämpfte mit ihm für Gottes Reich und Gottes Ehre. Mackay schreibt von ihm: »Ashe ist ein prächtiger Kamerad, ein sehr ernster Christ und ein treuer Missionar. Er ist mein anderes Ich. Wenn er zu euch kommt, so denkt, ich käme.«
Nun mußte er auch diesen Trost entbehren und auf dem gefährlichen Posten allein noch neun Monate aushalten. Daheim lebten die Seinen in beständiger Sorge um ihn. Er tröstete sie aber in seinen Gefangenschaftsbriefen und versicherte ihnen, daß er sich wohlbefinde und solange ausharren wolle, als es möglich sei. Heimlich zu fliehen, hätte er wohl Gelegenheit, er würde aber sich dazu nur in der äußersten Not entschließen. Mit fieberhafter Eile arbeitete er unterdessen an der Vollendung seines Lieblingswerkes, an der Übersetzung des Matthäusevangeliums. Die zuverlässigsten Wagandachristen halfen ihm tapfer dabei, die klarsten Ausdrücke für ihre Sprache zu finden. Was fertig war, wurde sofort gedruckt und von der Presse weg verkauft. Der Hunger nach Gottes Wort war zu dieser Zeit so groß, daß eine große Kiste mit Testamenten, die von England geschickt wurden, innerhalb zehn Tagen ausverkauft war.
Mackay ahnte, daß bei dem zunehmenden Einfluß der Araber am Hofe seines Bleibens nicht allzulange mehr sein würde. Nun hatten die Christen doch wenigstens ein ganzes Evangelium in ihrer Sprache in der Hand, um daraus selbst ihre Seelen nähren und stärken zu können, falls sie des Lehrers und Hirten beraubt würden.
In all dieser Arbeit und unter den Ängsten seines für die eingeborenen Christen so besorgten Herzens hatte Mackay noch Zeit und Freudigkeit, sich für andere zu verwenden und Gastfreundschaft zu üben. Zwei berühmte Forscher in der Nähe Ugandas waren damals durch den Mahdistenaufstand völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Mackay verwandte sich für sie beim Könige und erwirkte ihnen in dieser politisch überaus aufgeregten Zeit die seltene Erlaubnis, nach Uganda kommen zu dürfen. Der erste war der russische Reisende Dr. Junker, den Mackay aus der schwierigsten Lage rettete und ihm zum sicheren Geleit nach der Küste verhalf. Der zweite war der in ägyptischen Verwaltungsdiensten stehende und um Afrika so außerordentlich verdienstvolle Deutsche Dr. Schnitzer, bekannt unter dem Namen Emin Pascha, der später (1892) von Arabern ermordet wurde. »Mackay hat«, so berichtet Emin Pascha, »in der großartigsten und selbstlosesten Weise für mich gesorgt. Er hat uns geholfen, obgleich er persönlich dafür büßen mußte, und ist mir ein treuer Freund und Berater gewesen. Als ich völlig mutlos war, haben mich seine Briefe gestützt und aufrecht erhalten und mir frischen Mut zu neuem Handeln eingeflößt. Er hat alles, was er besaß, mit mir geteilt und sich beraubt, um mich mit Geschenken auszurüsten. Möge Gott, in dessen Schutze wir alle stehen, es ihm reichlich vergelten. Ich bin nicht imstande, es zu tun.«
Der Khedive von Ägypten verlieh Mackay auf Emin Paschas Mitteilungen hin den Osmanieorden vierter Klasse. Ein Anerbieten des weithin bekannten Generals Gordon, eine hohe Stellung in seinem Dienste im Sudan anzunehmen, nahm Mackay nicht an. Er zog es vor, seine Arbeit in Afrika in bescheidenerer Weise zu tun.
Mackays Lage wurde immer unhaltbarer. Es war ihm nicht möglich, den unseligen politischen Verdacht, der sich auf ihn wälzte, gänzlich abzuschütteln. Einmal wallte sein Hochlandsblut über, als der König ihm vor versammeltem Hofe zurief: »Oli Mukasa, du bist ein Heuchler!«
»Ich bin kein Heuchler!« fuhr er zornig auf und erwartete dabei einen blutigen Ausgang. Die Sache nahm aber plötzlich eine komische Wendung, als Muanga unvermittelt seine Diener anschrie: »Gebt den Weißen ein paar Kühe, damit sie sich wieder beruhigen!«
Die wachsende Furcht der Machthaber Ugandas vor der Besitznahme ihres Landes durch die weißen »Länderfresser« war nicht unberechtigt. Denn heute hat die Selbstherrlichkeit der afrikanischen »Könige« längst aufgehört. Die Länder, von denen wir in diesem Buche hörten, sind seit zwanzig Jahren Kolonialbesitz von Deutschland und England. Man darf das nicht bedauern, denn die schwarzen Fürsten hatten das Maß ihrer Sünde voll gemacht und ihre Unfähigkeit, menschlich zu regieren, längst erwiesen. Mackay hat sich hierüber mit rücksichtsloser Offenheit ausgesprochen und deshalb manchen Tadel in Europa erfahren. »Wir fordern für uns und unsere schwarzen Brüder das Recht, Gott zu dienen, ohne dem Feuertode als Strafe dafür ausgesetzt zu sein. – Das Recht der Unglücklichen, die in Frieden leben wollen, steht höher als das Recht königlicher Räuber und Mörder. – Daraus, daß zu Neros Zeit keine christliche Macht da war, die dem Blutmenschen in den Arm fallen konnte, um dem Christentum Duldung zu verschaffen, folgt nicht, daß die kleinen Könige Afrikas in derselben Weise wirtschaften dürfen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. – Brutalität und Mord müssen in Gottes Weltall aufhören, denn die Welt ist Gottes und nicht des Teufels. – Afrika soll für die Afrikaner sein, aber Afrika wird niemals durch Afrikaner gerettet werden können. – Eine starke Hand muß gegen Tyrannei und Unterdrückung wirksam werden. Das Wort muß freie Bahn bekommen, daß es laufen und gepriesen werden kann.«
Unter der »starken Hand« verstand Mackay allerdings die sogenannten christlichen Staaten, besonders England. Er hielt die christlichen Völker für berufen, den menschenunwürdigen Zuständen in Afrika, dem Sklavenhandel und der Christenverfolgung, ein Ende zu machen und erhob freimütig seine Stimme, nicht zur gewaltsamen Ausbreitung des Christentums, wie man ihm vorgeworfen, sondern in erster Linie um Beistand und Schutz für die Verfolgten und Unterdrückten. Sein Herz brannte für sein geliebtes Afrika.
Muangas Argwohn gegen Mackay erhielt durch die fortwährenden Einflüsterungen der Araber und durch das Achselzucken eines befragten katholischen Missionars immer neue Nahrung. Als endlich noch die Meldung kam, daß der große Stanley mit einem zahlreichen Gefolge sich Uganda nähere, befürchtete der König seine Bestrafung für die Ermordung des Missionsbischofs und gab Befehl, Mackay solle sofort das Land verlassen. Der Häuptling Nautinde wurde beauftragt, den Ausgewiesenen zu begleiten und den Missionar Gordon, dessen Name dem Könige sehr gefiel, als Ersatz – eigentlich als Geisel – mitzubringen.
So war denn die gefürchtete Stunde des unfreiwilligen Scheidens von dem geliebten Uganda gekommen. Noch einmal versammelte Mackay die Gemeindeältesten um sich und legte ihnen die Sorge für die Herde Christi auf Herz und Gewissen. Noch einmal füllte sich das Haus mit seinen geistlichen Kindern, die mit Tränen von ihrem geliebten Vater Abschied nahmen. Dann verschloß er das Haus, übertrug die Bewachung desselben vier treuen Männern und zog schweren Herzens am 21. Juli 1887 von dannen. Am Hafen besserte er erst das Boot aus und segelte nach Ukumbi am Südende des Sees, wo er Gordon vorfand, der den lobenswerten Mut hatte, mit dem Häuptling zu gehen und den verlassenen Posten in Uganda einzunehmen.
Der vertriebene Held wollte seinem lieben Uganda so nahe als möglich bleiben und schlug deshalb sein Zelt nach verschiedenen Abenteuern in Usambiro im Gebiete eines befreundeten Häuptlings auf. An ein Ausruhen dachte er auch jetzt noch nicht, obwohl er hart mitgenommen war, sondern legte sofort eine neue Missionsstation an. Da galt es monatelang wieder Häuser zu bauen, Gestrüpp auszuroden, Ställe und Schuppen zu bauen, kurz gesagt: Pionierdienste zu tun. Daneben widmete er sich einer Schar von Christen, die aus Uganda zu ihm geflohen waren, und führte sie tiefer in die Schrift ein, um sie später als Evangelisten zurückzusenden.
Die Missionsgesellschaft, der Mackay angehörte, hatte nun mehrere Missionare und einen Bischof in den Uferländern des Niansa. Auch Ashe, unseres Helden treuester Freund, war wieder unter ihnen. Sie versammelten sich denn bei Mackay zu einer Konferenz. Die herrlichen Tage christlicher Gemeinschaft und brüderlicher Beratung wurden aber jäh unterbrochen durch den Tod des Bischofs Parker und des Missionars Blackburn, die ein Fieberanfall plötzlich aus ihrer Mitte riß. Es war nicht daran zu denken, Särge zu machen. Die Gefallenen wurden in Tuch gewickelt und von den weinenden Brüdern in die fremde Erde Afrikas gebettet. Traurig kehrten die Streiter auf ihre einsamen Posten zurück. Einer, Walker, ging nach Uganda zu Gordon, und Ashe blieb bei Mackay. Bald darauf mußte Ashe aber seiner Gesundheit wegen zum zweiten und, ach, zum letzten Male seinen unermüdlichen Kampfgenossen allein lassen und nach der Heimat zurückkehren.
Die Briefe Mackays, welche er in dieser Zeit an seine verheiratete Schwester schrieb, lassen uns einen Blick in seine Gemütsverfassung tun. »Am 21. Juli ist Dir nicht nur ein Sohn, sondern auch ein Bruder neu geschenkt worden. Denn ich durfte an diesem Tage Uganda verlassen, hoffe aber bald wieder dahin zurückzukehren. – Ich hoffe von Herzen, wenn Gott dazu die Kraft gibt, Euch alle zu besuchen, ehe ich wieder über den See nach Uganda gehe. – Seit ich Uganda verlassen habe, ist mir das Gefühl des Daheimseins abhanden gekommen. Doch muß ich wohl eine Weile hier aushalten. – Manchmal übermannen mich Traurigkeit und Schwermut, daß ich weinen muß wie ein Kind, aber die wunderbar tröstenden Psalmen Asaphs machen mein Herz immer wieder froh. – Die Eroberung Afrikas hat schon viele Opfer gekostet, doch jeder Tod bedeutet einen Schritt näher dem Himmel. Das Ziel, das wir im Auge haben, ist des Einsatzes wohl wert. – Sorge, daß Du jedes Jahr einen Mann findest, der sich unserem Werke weiht. Dann können wir Fortschritte machen.«
Es folgen nun ununterbrochen hochwichtige Ereignisse im Leben Mackays und in der Geschichte der ostafrikanischen Mission. Von dem Emin-Entsatzkomitee war für Stanley eine große Menge Waren bei Mackay angekommen. Das stachelte die Habgier der Nachbarhäuptlinge an. Sie erklärten dem Häuptling, in dessen Gebiet Mackay wohnte, den Krieg und versuchten das Missionshaus zu plündern. Drei Tage lang verteidigte Mackay seine kostbaren Besitztümer mit dem Häuptling, der zuletzt seine Feinde in die Flucht schlug. Bald darauf kamen die Missionare Gordon und Walker von Uganda an. Sie sahen ganz zerlumpt und angegriffen aus und erzählten, daß Muanga vom Thron gestoßen sei. Durch seine unsinnige Herrschaft hatte er sich immer mehr Gegner geschafft, selbst die Mohammedaner haßten ihn. Dann faßte er den wahnwitzigen Plan, alle Christen und Araber mit einem Schlage auszurotten. Dazu wollte er sich vorher seiner Leibwache, der er nicht traute, entledigen und schickte sie zu einem Kriegszuge nach einer Insel im See, von der alle wußten, daß sie unbewohnt war. Ihm blind ergebene Fischer sollten der Leibwache nach der Landung die Kähne wegnehmen, damit sie dem Hungertode preisgegeben wären. Der Plan wurde verraten, die Leibwache marschierte zurück und stürzte den König, der nach dem Süden des Sees floh. Sein Bruder Kiwiwa wurde König, aber nur für kurze Zeit. Denn die Mohammedaner kamen ans Ruder, stürzten die alte Ordnung und vertrieben alle Christen. Die beiden evangelischen Missionare flohen auf einem Kahn, erlitten noch Schiffbruch und kamen nach vielen Entbehrungen und Gefahren endlich bei Mackay an, um sich bei ihm auszuweinen und Rat und neuen Mut zu holen.
Nach ihnen konnte Mackay den auch von ihm vielbewunderten Afrikaforscher Stanley in seinem Hause begrüßen und zwanzig Tage beherbergen. Den Eindruck, welchen Stanley von unserem Helden und seinem Werk empfing, hat er im zweiten Bande seines Buches: »Im dunkelsten Afrika«, S. 386 ff. niedergelegt. Es ist ein glänzendes Zeugnis für den Heldencharakter Mackays. Stanley beschreibt das gesunde Aussehen Mackays, schildert seine Kleidung, seine Werkstätten, Werkzeuge und Haustiere. Dann läßt er uns in Mackays Zimmer eintreten, das aus Lehm erbaut und mit Missionsbildern geschmückt ist, zeigt uns die vollen Bücherregale und schildert das Behagen, mit dem er zum ersten Male seit dreißig Monaten wieder wirklichen Kaffee trank und sich hausbackenes Brot und Butter als Gast wohlschmecken ließ. Dann fährt er fort: »Ein bedeutender Schriftsteller hat kürzlich ein Buch geschrieben über einen Mann, der sich lange in Afrika aufgehalten hat. Das Buch ist von Anfang bis zu Ende ein langgezogener Seufzer. Der Verfasser sowohl wie sein Held wären von ihrem Seufzen geheilt worden, nachdem sie einen Blick in Mackays Leben geworfen hätten. Er hatte keine Zeit, unglücklich zu sein, zu jammern und zu seufzen. Gott weiß, daß, wenn irgend ein Mensch Anlaß hat, beim Gedanken an ›Gräber, Würmer und Vergessenheit‹ traurig zu sein und sich vereinsamt zu fühlen, so hatte Mackay alle Ursache dazu, als sein Bischof ermordet, seine Schüler verbrannt, die Christen erwürgt waren und nachdem man seine schwarzen Freunde erschlagen hatte und Muanga auch ihn mit dem Tode bedrohte. Aber der kleine Mann sah mit seinem ruhigen Auge allem gefaßt entgegen und zuckte mit keiner Wimper. Solch einen Mann zu sehen, der zwölf Jahre lang Tag für Tag unermüdlich gearbeitet hat und keine Klage, keinen Seufzer über ›öde Wildnis‹ laut werden läßt, und zu hören, wie er seiner kleinen Herde Gottes Güte am Morgen und Seine Treue am Abend ans Herz legt, verdient es, daß man seinetwegen eine lange Reise unternimmt und neuen Mut und Zufriedenheit aus seiner Nähe schöpft.«
Am herrlichen Ufer des schimmernden Niansa sagten sich die beiden großen Männer Stanley und Mackay Lebewohl und drückten sich zum letztenmal die Hand. Ein ergreifendes Bild! Jener kehrt zurück und eilt europäischen Rednertribünen und königlichen Empfängen zu, dieser wendet sich wiederum dem dunkelsten Afrika und einem Leben voll Selbstverleugnung zu. Während jener als Held des Tages in England begrüßt, gefeiert und bewirtet werden wird, trägt dieser still des heißen Tages Bürde auf einsamem Pfad unter einem wilden Volk! Aber »über ein kleines« und auch Mackays Stunde schlägt, und auch er hat seinen Willkomm und königlichen Empfang, freilich nicht an Höfen und in Palästen und vor Fürsten dieser armen Erde, sondern im Thronsaal des Königs aller Könige, um dort den unverwelklichen Lorbeerkranz und die Palme des Sieges zu empfangen.