Hier war Coraims Erzählung zu Ende, wiewohl sich niemand befriedigt fand, weil man eine freudige Entwicklung des Schicksals der jedem interessant gewordenen Isabelle geahnt hatte.
Die Gesellschaft verließ nun das Haus des gastlichen Ali, und jedermann begab sich wieder an den Ort seiner Bestimmung. Flore erfuhr unterwegs von Ring das Weitere über Isabellen, denn sie war bei der Erzählung nicht gegenwärtig gewesen, und erneute den lebendigen Antheil an dem spanischen Mädchen, den sie schon auf dem Schiffe gefühlt hatte.
Es ist vergessen worden, zu sagen, daß Flore sich gewöhnlich der Mannskleider bediente, und für Rings Schreiber galt, allein da man ihr Geschlecht dennoch erkannte, so gab das zu vielem Scherz Anlaß, und sie läugnete vor der näheren Umgebung die Wahrheit nicht. In Alexandrien legte sie aber mehrmals den weiblichen Anzug an, um so ihre Neugier über die Verhältnisse mahomedanischer Weiber besser befriedigen zu können.
Es wurde nunmehr Anstalt zu einem etwas bequemeren Bivuak getroffen, und Dattelzweige beschatteten der Soldaten Hütten. Die Commissairs, zu denen Ring gehörte, traten in einen ausgedehnten Wirkungskreis und wurden zur Herbeischaffung der nöthigen Vorräthe gebraucht.
Bald trafen in Alexandrien die frohen Siegesnachrichten ein: wie die unterdessen vorgerückten Truppenabtheilungen Raschid genommen, sich Cairo bemeistert, und Murat Bei, unter Anführung ihres unbezwinglichen Helden, in der ewig denkbaren Schlacht bei den Pyramiden überwältigt hatten. Eine große That war der andern auf den Fuß gefolgt, und Schwierigkeiten, vor denen die Einbildung schon zurückbebt, waren mit Leichtigkeit hinweggeräumt worden.
Wie aber Mavor auf dem Lande lächelte, zürnte Poseidon. Er hatte das Schicksal noch Einmal für seine alten Lieblinge gewonnen.
Mehrere Couriere vom Obergeneral gesandt, waren von Beduinen in der Wüste aufgefangen worden, daher kamen dem Admiral der Flotte, nicht die nöthigen Befehle zu. Immer noch lag er mit den Kriegsschiffen auf der Rheede, die Transportfahrzeuge waren in den alten Hafen der Stadt gelaufen. Nach dem Willen des Feldherrn sollten jene nun auch in Sicherheit gebracht werden, und wäre es thunlich, der Admiral mit der Flotte nach Malta gehn.
Da er aber keine Depeschen erhielt, blieb er in der gefährlichen Stellung. Man wußte, daß eine beträchtliche, an Zahl überlegene englische Armade sich in See befand, sie war sogar vor Ankunft der Franzosen bei Alexandrien gewesen, hatte sich aber nach dem Archipel gewandt, wohin sie vermuthete, daß die Toulonner Flotte gesegelt wäre. Wo der Neufrankenheld war, da weilte auch das Glück, darum mußte seine Landung während der Abwesenheit jener Britten vor sich gehn. Doch:
Es sollen Land und Meer nicht Einem dienen!
sagt Wrangel in Wallenstein. Wie der Liebling des Glücks Lorbeern brach, wo seit Saladins Zeiten man keine europäische Waffen gefürchtet hatte, thürmte sich des Geschicks Ungewitter über die Schiffe, wenn schon kein Orkan drohte.
Man konnte von den platten Häusern in Alexandrien hinaus ins Meer, und die Ordnung der Fahrzeuge übersehn. Täglich ahnte man eine große Begebenheit, doch blieb wider Vermuthen lange alles ruhig, und kein fremdes Seegel ließ sich in den egyptischen Gewässern sehn.
Aber am bedeutungsvollen 23ten Juli bemerkte man eine englische Fregatte, welche die Stellung der Flotte untersuchte, und dann wieder verschwand.
Nun konnte man desto sicherer auf einen nahen Besuch des Admiral Nelson zählen, denn jene Fregatte hatte ohne Zweifel den Gebieter aufgesucht, und den Zustand der Dinge vor Alexandrien gemeldet.
Am ersten August, Nachmittags, erblickte man den furchtbaren Wald besegelter Masten. Näher und immer näher trieb ein günstiger Wind die schwimmenden Kasteele. Es war vorauszusehen, daß eine Schlacht beginnen werde, und der Admiral Bruyes hielt seine Flotte in tapferer Bereitschaft.
Nirgend wirkt der Gott der Heerscharen so unwiderstehlich mit ein, wie bei den Kämpfen auf Poseidons Flur, da so viel Erfolge an dem Luftstrom hangen. Auf dem Lande, wählt sich der Feldherr lange vor dem Zusammentreffen der Streitenden, die Schlachtgegend. Klugheit kann die natürlichen Hindernisse vermeiden, und nur ihre Säumniß, läßt ihn eine Stellung eingehn, wo Gebirge, Flüsse oder Moräste ihm nachtheilig werden. Ein anderes auf der See.
Admiral Bruyes hätte von einem plötzlich eintretenden Südwinde ein unzuberechnendes Heil erfahren, er hätte den englischen Angriff gelähmt, und ihn dagegen in Stand gesetzt, mit vollkräftiger Bewegung vorwärts zu dringen. So mußte er sich gefährlich leidend verhalten, und der kühne Nelson konnte jedes beliebige Manöver vollziehn.
Wer will die despotische Gewalt der Zufälle ableugnen? Welche Gesetze befolgt der Wind? Wie viel hing hier an einer Drehung des Wimpels? Ja, langte nur ein Courier richtig an, so fanden die Britten diese Flotte nicht mehr im Meere. Sie lag in der Sicherheit des Hafens, und Landbatterien wehrten jede Annäherung zu diesem ab.
Die Engländer umsegelten die französische Flotte, und die Schlacht, die mörderische, begann.
Von allen Decken her spien die Feuerkrater ihre vernichtenden Bälle. Nichts blieben die Neufranken schuldig. Die Gestade Egyptens, die Mauern von Alexandrien und Abukir dröhnten wie vom Erdbeben bewegt, die nur leiswogende See empörte sich, wie im wilden Orkan, Gebirge von Dampf verhüllten die Atmosphäre.
Kecke Verwegenheit lenkte die Steuer, auf Nähen, wo fast kein Schuß fehlen konnte, rückten die Gallionen an einander heran. Der Konstabler keuchte bei der immer fortgesetzten Mordarbeit, nur die rothe Glut der Stücke konnte sie auf Minuten einstellen. Der Matros hing im Tauwerk, von Kugeln umsaust, und mußte auf der leichten Chaluppe ins Meer, von außen seinem Schiffe Hülfe zu leisten. Der Flintenschütz feuerte über den Bord, und harrte wuthschäumend des Befehls zum Entern. Ermuthigend, der Signale gewärtig, aufmerksam, jedem schlimmen Ereigniß kräftig zu begegnen, standen die Offiziere an ihren Posten, Hüte und Kleider durchlöchert, nicht achtend leichter Wunden, im Sterben noch gebietend, mit starrer eiserner Kälte die Britten, in heißer Glut enthusiastischer Tapferkeit, die Söhne Frankreichs.
Hier krachte ein getroffner Mast aufs hohe Verdeck nieder, und zerschellte das menschliche Gebein, dort drangen Kugeln durch die Bohlenmauern der Meerfesten, und das nachstürzende Wasser überschwemmte ihren Raum. Kein Schrecken lähmte den Seekrieger. Taue wurden gekappt, die Trümmer hinüber geschleudert, neue Seegel an den übrigen Masten emporgezogen, und das Fahrzeug wieder mächtig regiert. Pfropfen verbanden, Wunden gleich, den gefährlichen Leck, rüstig befreite die strömende Pumpe den überfüllten Bauch von den drohenden Fluten.
Hier schlug eine Kartätschenlage in das Linnen und gleich Vögeln im Strauchwerk, die des Jägers verstreutes Schrot traf, sturzten die Arbeiter aus Mastkörben, und von Strickleitern. Dort eine neue Lage, und Verwundete und Todte deckten den obern Boden. Kein Entsetzen hemmte der vorgezählten Ordnung Lauf. Auf den Wink flogen andere Söhne des Neptun wieder zur Höhe, Aerzte harrten mit eiliger Hülfe der Verwundeten; was kein Leben mehr hatte, wanderte ins feuchte Grab.
Hier warf eine Chaluppe, von einem mächtigen Steuer oder fallenden Baum berührt, um, und sendete ihre Lenker in den Meeresgrund, dort fiel ein wichtiger Befehlshaber, ein jähling Opfer der Schlacht. Keine Verwirrung im regen Gang des erhabnen Verderbens. Andere Boote senkten sich in die Wellen, der Hintermann sprang an des Entseelten Platz, und weiter kämpften die ungeheuren Kräfte.
Alles nur geringe Vorboten riesenhaft gräßlicherer Szenen. Bald eilten hie und da Fregatten und Hundertstücker, Brust an Brust zusammen, und ketteten durch Hacken und Taue die Borde aneinander. Mit Furienungestüm sprang die wilde, sich durch Schlachtruf begeisternde Mannschaft hinüber auf die feindlichen Bretter, und die enge fluchtgehemmte Metzelei wüthete ein. Es galt jede Waffe, doch gebrach in kurzer Zeit selbst dem Flintenkolben und dem Säbel Spielraum. Geballte Fäuste boxten mörderisch auf den Gegner, nervigte Arme umrankten ihn, strebten ihn ins Meer zu schleudern, ihn in des Schiffraums Balken hinab zu stürzen. In Kajüten und Magazinen dauerte das Gewürge, bis den Offizieren der Obermacht gelang, einer kleinen übrigen Zahl, noch Leben von den ergrimmten Würgern zu erflehen.
Linienschiffe hatte der Kugeln zu dichter Haufe durchwühlt. Zu Ende ging die Hülfe der Kunst, die Geistesgegenwart fand keine Rettungsmittel mehr. Durch Hundert Risse drängten sich die Wogen, gleich Wasserfällen stürzten sie in die Tiefe hinab. Umsonst der Versuch, noch zu stopfen. Die erschöpfendste Anstrengung der Pumpen verrieth ihre Ohnmacht, da in schauderhafter Langsamkeit das Gebäude sich hinabsenkte. Immer höher kam der Seerand, immer schmäler ward der Bord, eine Kanonenreihe nach der andern verbarg sich dem Auge. — Was vermag noch der Mensch? Die Chaluppen sind ausgesetzt, weggedrängt, verloren! Wären sie auch da, wie mögten sie die Hunderte auffassen, die die Hände jammernd ausstrecken? Die andern Schiffe sind in Arbeit. Rauch deckt den Zwischenraum. Auch zu spät, wenn sie schon Hülfewinkend nahten, denn der Schwere Gesetz eilt zur Vollziehung! Schon bis zum Rand ist die See gestiegen! Der Befehl hört auf, bereitet euch zum Tode, hallt des Gebieters letztes Wort. Stiere bleiche verzerrte Gesichter wenden den gräßlich trockenen Blick gen Himmel, sie verlängern ihre Gestalt, wie sie schon die Nasse fühlen; noch ein Gedanke an die Lieben daheim, eine Frage an den Tod — die Arche ist verschwunden, ihre meisten Bewohner, hie und da noch ein Kampf der Schwimmkundigen, von denen es nur Einzelnen gelingt, ein ander Fahrzeug zu erreichen.
Dort hat die Flamme die betheerten Planken, die trockenen Stangen, das dürre Werg ergriffen. Sie trotzt dem Verein zur Tilgung, bricht aus dieser, aus jener Kammer, und lodert durch die Region der Seegel empor. Schon fallen Erstickte nieder, der rauchende Gestank hemmt den Athem. Noch hoffen die gern Lebenden, Todesangst verdoppelt die Kraft. Es gelingt an einem, an dem andern Ende, die brennenden Balken loszubrechen, fortzuwälzen, zu löschen die höllische Glut. Nur nicht zum Pulvervorrath! heißt aller Gedanke. Aber zu den Kanonen dringt die Flamme an vielen Orten heran, auch dort liegt die Schwarzische Mischung Pulver, die Stücke lösen sich von selbst, ihre Kisten fahren gleich entzündeten Minen auseinander, verletzen, zerbrechen, stecken in Brand. Die Verheerung spottet endlich jeder Ermannung. Vorn, hinten, auf der Seite, überall Flammentod, die Kleider brennen schon, lieber untergegangen in dem feuchten Element, die meisten stürzen sich verzweifelt hinab, während in Pracht des Orkus, den bretternen Pallast Gluten auflösen.
Nach halb sieben Uhr hatte die Schlacht begonnen, schon währte sie anderthalb Stunden, aber trotz der so vortheilhaften Stellung der Engländer, und der nachtheiligen ihrer Feinde, war noch nichts entschieden. Doch um acht Uhr wurde der französische Admiral verwundet, und die Signale erfolgten unregelmäßiger. Noch eine Stunde des erbitterten Kampfes, und die Waage neigte sich wenig. Aber um neun Uhr ward Bruyes durch eine Kanonenkugel zerrissen, und die Unordnung im Commando begann, während dessen Nelson unverletzt blieb, und das große Werk fortregieren konnte. Hätte die Parze ihm das Loos geworfen, würde vielleicht der Ausgang ganz verändert gewesen sein. Um halb zehn Uhr genossen die Engländer den Triumph, das Admiralschiff der Franzosen in Brand gerathen, und eine Viertelstunde darauf es in die Luft fliegen zu sehn.
Dies feurige Schauspiel, das Lärmen und Prasseln in der Höhe, das Herabfallen vieler umhergeschleuderten Gegenstände, machten, daß des Streites Hitze eine Viertelstunde lang nachließ; dann erneute sich aber das rasende Getümmel bis zur Morgenröthe hin, und von dem Augenblicke an, wo Bruyes gefallen war, lächelte die Siegesgöttin der brittannischen Flagge. Neun ihrer Schiffe waren entmastet, mehrere hart beschädigt, aber die meisten französischen genommen, oder zerstört.
Beider Nationen Tapferkeit war sich gleich gewesen, Nelson hatte mehr Erfahrungsgeschicklichkeit gezeigt, wie Bruyes, aber überall hatte jenen das zufällige Glück auch wie einen erwählten Liebling umarmt. Ihm gebührt der Nachwelt Ruhm, doch dürfen jene Umstände nicht dabei verschwiegen werden, eben so wenig wie die so hartnäckige kräftige muthige Gegenwehr der Franzosen, fast zwölf Stunden lang.
Wer kann sich wohl der ernsthaftesten Bemerkungen bei dieser Schlacht enthalten?
Sie war viel mörderischer wie die von Actium, wo Cleopatra gleich davon segelte, und Antonius bald der Geliebten folgte. Jene entschied die Herrschaft der Welt unter Individuen sehr schnell, aber eine Geschichtsübersicht nach hundert Jahren wird vielleicht erst entscheiden können, ob die Schlacht bei Abukir nicht noch wichtigeren Ausschlag im Allgemeinen gab.
Nimmt man an, des Feldherrn Eilboten hätten den Seeherrn glücklich erreicht, und Bruyes die Flotte in den Hafen von Alexandrien geborgen, so gewann die egyptische Expedition ein anderes Ansehn. Die Franzosen blieben wenigstens stärker an Mannschaft und wie auch die Britten sich vor den Hafen stationirten, so konnten sie doch schwerlich durchaus hinderlich sein, daß nicht von den zahlreichen Schiffen der französischen Flotte hin und wieder bei guter Gelegenheit des Windes einige nach Frankreich ausgelaufen wären, und neue Hülfe an Truppen und Kampfmitteln zu den Ufern des Nils geschafft hätten. Das wäre um so eher der Fall gewesen, wenn Bruyes die Flotte vorerst nach Corfu oder Malta geführt hätte.
Wäre aber der Strom des Windes bei jener Schlacht den Franzosen freundlich gewesen, hätte die tödliche Kugel statt Bruyes Nelson erreicht, so liegt die Vermuthung nicht weit, daß jene den Lorbeer des Kampfes würden davon getragen haben. Dann spielten sie die Meisterrollen in den mittelländischen Gewässern, das egyptische Heer konnte leicht verdoppelt werden, Gizzar Pascha, späterhin so nachdrücklich von Sidney Smith unterstützt, wurde leicht überwunden, und die Hindernisse, welche man im Orient vorfand, verringerten sich. Die Pforte war gezwungen, einen Bund mit Frankreich einzugehen, Egypten, das reiche Land, eine Kolonie der neuen Republik, über welche sie ihr Domingo immerhin vergessen konnte.
Allein der große Mann, der die hochromantische, weitberechnete, im Charakter antiker Heldenzüge entworfene Unternehmung nach Egypten leitete, würde gehörig verstärkt, vielleicht die Angelegenheiten in Paris mit einiger Gleichgültigkeit behandelt haben, wenn sein Blick schon mehr wie einen Welttheil umfaßt. Er hätte Europens Kultur nach Afrika verpflanzt, die Zeiten der Ptolemäer in großen Unternehmungen wieder zurückgerufen, den Kanal von Suez hergestellt und den alten Handel durchs rothe Meer geleitet, den stolzen Britten in Bengalen angegriffen, ein Alexander am Ganges.
England hätte nur einen schwächeren Einfluß auf die europäischen Kabinette üben können, die Kriege wider Frankreich würden eingestellt worden seyn. Das in Gefahr schwache Direktorium hätte in unbedrängten Zeiten noch lange an der Geschäfte Spitze weilen können.
Doch die verlorene Schlacht von Abukir rief endlich den Helden zurück. Er ging nach Europa und ward Cäsar. Im Erdtheil der Kultur sollte er zuvor den Herrscherstab erheben, denn konnte er ihn mächtiger einst über die Meere tragen. Also ließ sein cäsarisch Glück die Armade von Egypten untergehn.
Ist es recht, in einem Roman von dem Helden zu reden? Wer kann aber von ihm schweigen, der die Bewunderung der Welt durch immer erneute Großthaten auf sich lenkt?
Die Franzosen, welche von den Häuserzinnen ihrer Brüder tragisches Loos beobachtet hatten, geriethen in tiefe Trauer, und fürchteten grauenvoll für das eigne Schicksal. Getrennt, abgeschnitten vom Vaterlande, wenige Hoffnung, neue Verbindungsmittel bald wieder erscheinen zu sehen, und in einem Lande eingeengt, wo man der Feinde viel, und der Anhänger wenige zählte, konnten ihre Aussichten wohl nicht beruhigend sein. Dazu ließ sich fürchten, daß die Engländer nunmehr auch landen und einen Angriff auf Alexandrien machen würden, während des Heeres größter Theil tiefer eingedrungen war, um die Mammelukken zu bekämpfen; mindestens konnten sie in den Hafen dringen und die dort noch liegenden Transportfahrzeuge, von großer Wichtigkeit für den Augenblick, zerstören.
Aber der heroische Geist offenbart sich am edelsten, in den feindlichsten Anfällen der Gefahr. Wenn ihn Verzweiflung umgiebt, tritt er mit neuer Thatkraft hervor, und erbaut den Rettungstempel aus Ruinen.
Der muthige Kleber ließ plötzlich am Gestade Batterien emporsteigen. Ueberall kreuzte sich ihr Feuer. Der Eingang in den Hafen ward unzugänglich, kein Landungspunkt blieb unbewacht von der zeitigen Vorkehrung, worin der denkende Held furchtsam, aber der unverständige Praler sorglos ist.
Der hohe Feldherr, nachdem er erfuhr, was vorgegangen war, rief aus: Wohlan, so sind wir denn zu desto größeren Thaten gezwungen!
Es giebt eine Menge Gründe, womit sich der Mensch über die hereingebrochenen Unglücksfälle zu trösten sucht. Aber mag sie Philosophie oder Religion liefern, Leichtsinn thut dennoch mehr. Dieser glückliche Gemüthszug ward dem Franzosen vor allen Erdensöhnen, darum ist er auch mehr wie alle geeignet, das Widerwärtige zu bestehn. —
Nach einiger Zeit brach eine Truppenabtheilung nach Cairo auf, mit der Ring und Flore zogen. Sie bedienten sich der Esel, Postkutschen kennt man in Egypten noch nicht, wo man in vielen Bequemlichkeiten des Lebens nur wenige Schritte vorrückte. Bei dem allen brachte es der Europäer im angenehm Reisen eben auch noch nicht weit. Nur in Frankreich und England giebt es erträgliche Wege, Rußland und Schweden haben mindestens Anstalten, schnell fortzukommen. Doch in späteren Jahrhunderten wird man kleine Häuschen auf Räder stellen, deren Zimmer nach Art der holländischen Gondeln eingerichtet sind, und worin man sitzen und gehn, schlafen und lesen, schreiben und Clavier spielen kann. Oefen für den Winter, und chemische Küchen dürfen nicht fehlen. Ein lebhaftes Vergnügen wohnt schon in der Vorstellung einer solchen Reise, von einigen hundert Meilen; nichts wird sie übertreffen, als die noch später angelegte Luftpost, die auch das leiseste Stuckern vermeidet.
Es ging durch die Wüste. Die Natur hat die Laune gehabt, in Egypten viele Landstriche mit einer hundertfältigen Fruchtbarkeit auszustatten, dagegen öde, ewig unwirthliche, brennende Sandmeere zwischen die kleinen Elysäen hingeschlängelt. Es scheint, sie fürchtet aus ihrem Charakter zu fallen, wenn sie des Guten zu viel thut, denn die Weltregel will des Schlechten überall daneben. Ein ganz neuer, sonderbar ergreifender Anblick, solche Wüste, dies berichten alle, welche sie sahen. So weit das Auge reicht, eine starre weiße Fläche ohne anmuthigen Wechsel der Gegenstände, ohne erquickende Vegetation, ohne Zeugen des Lebens. Tief ist der heiße Sand, und qualvoll zu durchschreiten. Stürme, dort besonders die südlichen, wirbeln oft ungeheure Staubsäulen empor, die sich, dicken Nebeln gleich, über die geängsteten Pilger breiten. Dann unterscheidet man kaum das Nächste, gleich dem Schnee des Nordens hängt der Sand an den Kleidern, dringt aber weit feiner noch durch. Man athmet Sand, genießt Sand mit den Speisen, muß unaufhörlich die Augen davon reinigen. In einigen seltenen Fällen soll er sogar Caravanen begraben haben. Peinigt nun grimmiger Durst die Pilger, und sind die auf Kameelen fortgeführten Vorräthe erschöpft, so werden sie oft grausam getäuscht, da der Wüste ferner Horizont, mittelst salpetriger Ausdünstungen das vollkommene Bild eines klaren Sees darstellt. Hoffnungsvoll eilen nun die Lechzenden weiter, träumen das süße Labsal der Erfrischung, wie sie dort schöpfen, trinken, die Schläuche wieder füllen, die Glieder im stärkenden Bade erfreuen wollen. Doch sie reisen, und reisen, und erreichen des Sees Ufer nicht. Immer in dem alten Abstand glänzen sie vor ihren Augen. Sie sind schon lange in dem vermeinten Gewässer, da Nähe die Täuschung vernichtet, und sehen es doch immer wieder vor sich, bis sie endlich die Gränze der Wüste erreicht haben, und ein wirklicher Quell, zwischen blumigen Auen ihnen rieselt.
Ring und Flore unterhielten sich viel über ihre Zukunft und die Schicksale, welche sie erwarten dürften. Jener freute sich auf alle die hohen Seltenheiten, die es weiterhin zu sehen gäbe, sprach mit Begeisterung von den alten Königsgräbern, von Thebens Ruinen, die er in Kupfer gesehen, von denen er im Strabo und Herodot gelesen hatte; diese fürchtete die Wuth der Mammelukken, und bezeugte, wie Lessings Just, kein Verlangen, sich von einem Säbel den Kopf spalten zu lassen, wäre er auch mit Diamanten besetzt. Jener meinte, es würde ihm willkommen sein, lebenslang in dem warmen Klima zu wohnen, diese wünschte nur Gelderwerb im Handel, um einst in Frankreich im Wohlstande zu frieren.
Sie gelangten nach einer vierzigstündigen Reise zu jenen zauberischen Gefilden bei Raschid, im Contrast gegen die durchwanderte Oede, um so reicher an entzückender Anmuth. Die Reisfluren wogten üppig, die Reihne dufteten von Blumen, Jasminen rankten sich am Wege hin, die Häuser der Dörfer waren durch Akazien, Datteln und Sykomoren verdeckt, nur die Tempelartigen Moscheen ragten aus dem frischen Grün empor. Die Gärten prangten mit Orangen- Feigen- und Granatbäumen. Fette Heerden weideten im hohen Gras und auf dem majestätischen Nyl wimmelte es von bunten Fahrzeugen. Ueberall rege Geschäftigkeit.
In Raschid ergötzte Floren ein egyptischer Postmeister höchlich. Der Mann hatte einige kleine Briefe zur Bestellung nach mehreren Orten empfangen, und nun stieg er auf seinen Taubenboden, hing verschiedenen der geflügelten Boten die Papierchen um den Hals, und ließ sie durch die Luft ihre Straße ziehn. Es langten auch einige andere an, die Billetdoux, oder was es sein mogte, überbrachten. Warum sucht man das nicht auch in Europa nachzuahmen? Die Geschwindigkeit der Beförderung ist doch angenehm.
Jetzt schifften sich die Reisenden auf dem Nil ein, und fuhren mit einem günstigen Winde gegen den eben nicht reissenden Strom. Flore hatte viel von den Krokodilen im Nil gehört, und wagte daher keinen Finger ins Wasser zu stecken, aus Furcht, eine dieser Rieseneidechsen mögte Appetit darnach verspüren. Man beruhigte sie aber durch den Bericht, daß seit dem Gebrauch des Feuergewehrs die Krokodile sich immer höher hinauf nach Oberegypten zurückgezogen hätten, wie sich überhaupt die gefährlichen Thiere des Landes immer mehr verminderten.
Ein befremdendes Schauspiel zog aller Augen auf sich. Viele Wasservögel schwammen ruhig auf der Fläche dahin. Nicht weit von ihnen wurde man aber mehrere große Kürbisse gewahr, die in den Strom geworfen zu sein schienen. Mancher Vogel nahte unbesorgt der Frucht. Eh man sichs aber versah war er gepackt. In den Kürbissen steckten nemlich Menschenköpfe, die Tauchern gehörten, welche sich dieses listigen Mittels bedienten, die Thiere unter dem Wasser an den Beinen zu erhaschen.
Schöne Landschaft im morgenländischen Charakter zu beiden Seiten der Ufer. Angebaute Terrassen, Kanäle zum Bewässern gegraben, viel Spuren des Fleisses aus dem hohen Alterthum, und merkwürdige Ruinen. Ueberall hing das Auge des Reisenden an ihm neuen Gegenständen.
Doch die Menschen waren zurückstossend. Schmutzige sonnenverbrannte Bauern, arabischer Herkunft, schwärzliche Kopten mit mißgestalteten Gesichtern und struppig krausem Haar. Der Stolz des Europäers regt sich auf, je weiter er gegen Süden reist, weil sich ihm die Bemerkung immerhin lebendiger wieder aufdrängt: nur im Norden habe die Natur menschliche Schönheit erzogen. Das erkennt auch der reiche Afrikaner an, und läßt Mädchen in Georgien und Cirkassien kaufen. Bei dem allen ist dem wahren Neger, eine Schönheit eigner Art nicht streitig zu machen; und in den indischen Kolonien (auch wohl zu London und Paris) zeigt der Weissen Lüsternheit ebenfalls eine Vorliebe gegen eine Haut, welche Poesie mit dem Ebenholz gleichen kann; doch was zwischen den Extremen liegt, kann nur dem rohen eingebornen Sinn gefallen.
Unter der Fortsetzung dieser Fahrt entdeckte man die Pyramiden von Gizah, wiewohl in einer Entfernung mehrerer Meilen. Bergen gleich ragten die Steinmassen empor. Die Sehnsucht, sie in der Nähe zu betrachten, konnte aber noch keine Befriedigung finden.
Endlich erreichte man Cairo, die größte der Städte in Afrika, es sei denn, daß dieses Welttheils noch unbekannte Mitte Oerter von weiterem Umfange birgt.
Zu Bulak stieg man aus. Es ist eine an den Stromhafen gebaute Vorstadt. Schöner, könnte sie vielleicht mit den Umgebungen des alten Pyräus bei Athen verglichen werden, doch in der vorhandenen Häßlichkeit gebührt ihr eine solche Ehre nicht. Dagegen mögte das Gewühl vom Pyräus nach der Hauptstadt Griechenlands, wenn schon anständiger, doch nicht so bunt und mannigfach gewesen sein, wie das, was man auf dem Wege von Bulak nach Cairo antrifft, am meisten in der Art, wie unsere Reisenden es sahen.
Erst im Hafen ein Wald von Masten, schon lange zuvor erblickt, und von den Domen und Minarets des afrikanischen Paris überragt. Dann die zerstreuten Hütten, zwischen den Werften, Plätze mit Schiffbauholz, Waarenvorräthe und auf nebenliegenden Ebenen die bunten Gezelte der Araber. Handelsthätigkeit überall. Auf den Häusern dichte Schwärme Tauben, das am meisten geschätzte, und am zahlreichsten gehaltene Hausthier, die unaufhörlich ab und zuflattern, am Boden eben solche Haufen von Gabelgeiern und Krähen, die bald sich auf, bald niederschwingen, bei der wenigen Verfolgung die ihnen widerfährt, höchst dreist sind, und die Luft mit ihrem Geschrei füllen. Ebenfalls Tausende von Hunden, die in allen großen Städten des Orients, wie man zu reden pflegt, auf ihre eigene Hand leben, und von den, gegen Thiere sanftmüthigen Muselmännern, keine Störung fürchten dürfen. Nun ein unabläßiges Wogen zur Stadt und von der Stadt her, ein Drängen, Stossen, Zanken, Waaren schleppen, Kameeltreiben, Eselführen, Reiten auf stattlichen Barbarhengsten, Platzmachen durch stolze Diener der Polizei, mit langen Stöcken — die Menschenmenge, zusammengesetzt aus Türken, Kopten, Griechen, Syrern, Arabern, Negern, Juden, und Europäern, die unter den gegenwärtigen Umständen in ihrer Tracht erscheinen konnten, und das Schauspiel noch bunter ausschmückten. Und nun unter all dem Gewimmel hier einen französischen Grenadierkapitän, dort eine reitende Jägerpatroll, hier eine vorbeiziehende Infanteriewache, den wirbelnden Tambour an der Spitze, dort einen Ingenieur, der die Straßen aufnimmt, ein anderer der den Strom nivellirt, wieder ein Gelehrter, der die Inschrift eines alten Steines prüft, ein zweiter, der den Fang der Nilfischer naturhistorisch untersucht, ein dritter, der mit einer egiptischen Bajadere (die so zahlreich vorhanden sind, wie zu Wien auf dem Graben oder zu Hamburg auf dem Jungfernsteig die europäischen) scherzt — und jedermann muß bekennen, daß das Bild davon schon sehr anziehend ist, und daß ein ähnlicher Anblick durch ganz Europa vergebens gesucht wird. Weite Reisen müssen aber auch entschädigen, wer würde sich sonst zu ihren Beschwerlichkeiten verstehn wollen.
Wo möglich fand man dies Gewühl in den Hauptstraßen von Cairo noch vermehrt, wiewohl andere Gegenden der Stadt öde und menschenleer erschienen. Sie hatte überhaupt durch die Ankunft der Franzosen manches an ihrem eigenthümlichen Glanz und ihrer Menschenzahl eingebüßt. Jener bestand in der üppigen Pracht der Beis und ihrer hohen Beamten, diese in den Mammelukken, welche sich im Gefolge ihrer Herren entfernten, und wider die Europäer in den Streit zogen.
Jetzt wurde Cairo nach allen Richtungen durcheilt, um die Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. Die Freiheit, mit welcher das jetzt geschehen konnte, war seit Jahrhunderten keinem Franken geworden. Denn vor Ankunft des europäischen Heeres waren sie großen Beschränkungen und quälenden Demüthigungen blosgestellt. Sie mußten morgenländische Kleidungen tragen, doch mit einem Abzeichen, welches in den Augen des Pöbels Verächtlichkeit hatte. Jedem Mammelukken, Priester oder Beamten, waren sie schuldig, eine tiefe Ehrenbezeugung zu machen, indem sie von den Eseln stiegen, sich neigten, und die Hand auf die Brust legten. Selten würdigte man diese Höflichkeit eines Dankes. Wurde sie vergessen, so brachten sie unsanfte Stockschläge der begleitenden Diener in Erinnrung, wobei gar nicht die Frage war: ob der Europäer vom ältesten Adel stammte, oder nicht? In entferntern Quartieren lief man leicht Gefahr, ermordet oder geplündert zu werden. Durch willkührliche Abgaben, Avanien genannt, mußten Sicherheit und Befugniß zum Handel von den oft wechselnden Herrschern, immer wieder aufs Neue erkauft werden. Man mögte glauben, unter solchen Umständen hätte jeder Europäer einen so gehässigen Aufenthalt geflohn, allein was thut die Liebe zum Gewinn nicht? Man konnte in einem Jahre oder in noch kürzerer Zeit dort reich werden. Man durfte nur Marseiller Tücher und Turbane, schweizerische Uhren, englische Eisenwaaren und dergleichen dahin bringen, nun für den gelöseten Preis Moccakaffee einhandeln, und das Glück haben, daß das Schiff, worauf sich die Ladung befand, seinen Hafen erreichte. Und welch einen freundlichen Wink giebt der Reichthum nicht? Man frage die allerehrenvollsten armen Männer, ob sie sich, wenn sie reich zu werden hoffen dürfen nicht der Gefahr einiger türkischen Stockschläge preisgeben wollen, und sie werden sogleich zu erwägen anfangen, daß in dem morgenländischen Stock die Beschimpfung nicht liegt, die der mystische europäische in sich enthält.
Ring, der Berlin, Manheim, Carlsruhe gesehen hatte, fand die Gassen in Cairo unleidlich, in ihrer engen finsteren Krümme, und verwünschte besonders die quer über, von Haus zu Haus gelegten Bretter, die vollends jeden architektonischen Prospekt hemmten. Flore aber war seiner Meinung nicht. Sie behauptete, der allgemeine Baldachin sei da vortrefflich, wo eine unmäßige Sonnenhitze dadurch abgehalten wird, und eine herrliche Facade bratend anzuschaun, mache ihr nicht das mindeste Vergnügen. Wie billig verwies er ihren geringen ästhetischen Sinn.
Diese Ueberdachung der Straßen findet sich auch in Tripolis, Algier u. s. w. und man muß doch eingestehn, daß, wie sehr die Bewohner dieser Städte uns in Erfindung anderer Bequemlichkeiten nachstehn, sie hier doch auf eine fielen, die wieder manche der unsrigen überwiegt. In Europa, besonders in seiner nordischen Hälfte drückt zwar die Hitze nur während einer kurzen Zeit, aber wären solche Hülfsmittel gegen unsere häufigen Regen, gegen unsern Schnee nicht willkommen? Einen hohen Grad von Vollkommenheit würden sie erreichen, wenn sie, (bei nicht zu breiten und mit Häusern von gleicher Höhe besetzten Straßen) Zugbrücken gleich, von den Dächern gegen einander herabgelassen werden könnten, unter der Neigung eines erhöhten Winkels, und mit Röhren zum Abzuge des Wassers versehn. Dichtigkeit und Zusammenpassen aller wäre eine unerlässige Bedingung. So könnten sie wider Sonnenhitze und nasse Witterung wohlthätig seyn, und bei sonst angenehmer Luft aufgezogen werden. Einige Fenster müßten die zu große Dunkelheit mindern. Sollten die Plätze auch den Nutzen theilen, so könnte es freilich nicht anders geschehn, als mittelst gewaltiger Schirme an hohen Masten. Eine ausschweifende Einbildungskraft hat sich sogar für Zeiten des größeren Unternehmungsgeistes die Möglichkeit eines Regen- und Wärmeschirms gedacht, der ganz Paris decken und nach Belieben entfaltet und zugefügt werden könnte; auch die Höhe des Thurms berechnet, woran er zu befestigen wäre, die Natur der Mittelstäbe erträumt (durch Hängewerke aneinander befestigt, durch Taue von der Thurmspitze aus getragen, von Mastbäumen gefertigt) und des Zeuges, (einem Gewebe von Strängen nach Bedürfniß mit Harz getränkt).
Doch Scherz bei Seite! So viel wir uns auf den Vorsprung in Wissenschaften und Künsten zu Gute thun, so giebts doch in Europa keine Stadt, der nur eine mäßige Bewunderung zu schenken ist, wenn man zugleich an das, zu erhabenen Conceptionen so aufgelegte und im Ausführen so beharrliche Alterthum zurückdenkt. Kleinlichen Flitterstaat zeigen unsere Hauptstädte gegen die Pracht von Theben, Memphis, Palmyra, Babilon, oder des römischen Roms. Stände Semiramis wieder auf, sie würde die Peterskirche im päbstlichen Rom allenfalls noch werth halten, wie ein kleiner Lustpavillon in einem ihrer Gärten zu stehn, viel weiter würde sich ihre Achtung nicht erstrecken. Wem fällt es denn wohl ein, einen Thurm aufzurichten, wie der Tempel des Bel in Babilon, einer war. Wer will Gärten in der Höhe schweben lassen, wer Schiffe zwischen den Schenkeln einer Bildsäule durchführen wem sind Strecken von zwanzig Meilen, durch Berge, die es zu trennen gilt, nicht zu weit, um nur besseres Wasser daherzuleiten?
Wir erschrecken vor den Gedanken, Hunderttausende von Arbeitern bei einem Bau anzustellen[1], wüßten nicht die Menschen, die Summen aufzutreiben. Dagegen erschlugen wir seit mehreren Jahrhunderten, oft um die albernsten Zwecke Hunderttausende in Kriegen, und manches Volk hob dieserhalb schon der Kindeskinder Einkünfte, wälzte den noch späteren Enkeln Schulden auf. Erst wenn die irreligiösen unnützen Fehden werden geendet haben, wenn die Christenheit einen Staat bildet, und eine Völkerjustiz der Völker Zwiste entscheidet, wird die Zeit nahen, wo auch die gegenwärtige Menschheit der folgenden in wahrhaft hohen Denkmälern sich verkündigen kann.
In Einzelheiten legten wir allerdings vor den Ahnen große Strecken Weges zurück. Jene Memphis, jene Babilon entbehrten an ihren Marmortempeln und Pallästen der Glasfenster. Metastasio, indem er den Garten von Schönbrunn besang, wollte poetisch komplimentiren, und verglich ihn mit dem des Alkynous. Das war aber eine ziemlich prosaische Herabsetzung, denn bei aller prachtvollen Beschreibung des Homer[2], tauschte doch kaum ein wohlhabender Pachter mit dem seinigen. Allein desto wundervoller, wenn jetzt der Geist des Großen einmal große Kräfte zu einem solchen Zweck vereinen wird. Man kann fragen: aber wozu das am Ende? Darauf weiß ich keine Antwort. Denn wollt ich sagen: Damit der Eindruck die Gemüther erhebe, so kann man das gewaltig zu Boden schlage, da in einer Stadt, welche das neue Palmyra genannt wird, und für die jetzigen Zeiten, doch schon ein Erhebliches an architektonischen Prospekten Tempeln, Pallästen, zeigt, die Gemüther — — — — — doch Stille Stille!
[1] Da Salomo seinen Tempel bauen wollte, sandte er Achtzigtausend Zimmerer nach dem Libanon, Zedern zu bereiten, und Siebenzigtausend Steinhauer aus, (1. B. der Könige Kap. 5. V. 15-18) was freilich um so unglaublicher klingt, als hernach (1. B. der Könige Kap. 6) gemeldet wird, der Tempel sey nur sechzig Ellen lang, zwanzig breit, und dreißig hoch gewesen.
Außer dem Hof erstreckt ein Garten sich, nahe der Pforte;
Einen Huf ins Geviert’, und rings umläuft ihn die Mauer.
Dort sind ragende Bäume gepflanzt mit laubigen Wipfeln,
Voll der balsamischen Birne, der süßen Feig und Granate,
Auch gelbgrüner Oliven, und wohlgesprenkelter Aepfel.
Diese tragen beständig im Jahr, nie mangelnd des Obstes,
Nicht im Sommer, noch Winter, vom athmenden Weste gefächelt
Knospen sie hier und blühen, dort zeitigen schwellende Früchte.
Birn reift auf Birn, es röthen sich Aepfel auf Aepfel;
Traub auf Traube verdunkelt, und Feigen schrumpfen auf Feigen.
Dort auch prangt ein Gefilde von edlem Weine beschattet,
Einige Trauben umher auf der Ebene hingeleitet,
Dorren am Sonnenstrahl; und andere schneidet der Winzer.
Andere keltert man schon; hier stehn die Herlinge in Reihen;
Hier entblühn sie zuerst; hier bräunen sich leise die Beeren,
Reich an Gewächs, und stets von Blumen umduftet.
Auch sind dort zwo Quellen, die eine fließt durch den Garten,
Schlängelnd umher, und die andere ergießt sich unter des Hofes
Schwell’ an dem hohen Pallast, woher sich schöpfen die Bürger.
Odyssee 2ter Gesang. V. 112—131.
nach Voß Uebersetzung.
Was werden die Kritiker des Morgenblattes sagen, die sublimen Männer, welche nur eine mäßige Zahl von Alltagsköpfen in ihre Mitte treten ließen, daß dies Buch bis hieher noch so wenig That, so viel Betrachtung enthielt, daß die Kunst auszustellen, zu spannen, einzuleiten, mit so weniger Sorge gepflegt wurde? Geduld! es wird der Handlung Fülle erscheinen, ja der Verfasser wird es dahin bringen, daß man sich noch über Quantität und Qualität der Handlung ereifern soll.
Unser Paar lebte nun eine gute Zeit wohlbehalten in Cairo. Ring hatte seine Geschäfte beim Commissariat zu versehen, Flore, die immer wieder Mannskleider trug, suchte hie und da einen erlaubten Gewinn zu erzielen. Nach ihrer bekannten Aufgewecktheit, Gefügigkeit, nach ihrem schnellen Auffassungsvermögen, lernte sie bald etwas von der Einwohner Sprache, und verstand es auch, sich zu ihren sittlichen Ansichten zu bequemen. Daneben hatte sie bald eine Kenntniß von Dingen, nach denen die französischen Gelehrten begierig waren, als da sind aufgefundene alte Münzen, Mumienfragmente und andere Seltenheiten. Oft schwatzte sie dergleichen den Egyptern um ein Geringes ab, und veräußerte es gut. Gegenstände der Lieferung, die ihr Mann aufzutreiben hatte, schaffte sie so herbei, daß ein billiger und nicht unbeträchtlicher Vortheil daran hing. So gedieh es den beiden Leuten, doch sey es zu Florens Ehre gesagt, sie trieb es in allen Ehren.
Weltbekannt ist, wie viele treffliche Einrichtungen von den Franzosen in Egipten gemacht wurden. Man untersagte den Sklavenhandel, stiftete überall eine geordnete Polizei. Eine Versammlung der Scheiks aus verschiedenen Provinzen wurde zu Cairo ausgeschrieben, wo man die Verbesserungen der Gesetzpflege und Finanzverwaltung berathete. Den bürgerlichen Gewerben und dem Ackerbau ward der nöthige Schutz, und die Egypter hätten sich nur auf ihren wahren Vortheil verstehn müssen, um sich auf immer von der rohen Mammelukkentirannei befreit zu sehn.
Allein sie begriffen diesen Vortheil nicht, und unterstützten die gute Sache nur mit halben Willen. Englischer Einfluß, die Schritte, welche die Pforte gethan hatte, und Sinn für die alten Gewohnheiten verkehrten diese Gemüther, und während die französischen Waffen gegen alles, was in den Provinzen noch Widerstand leistete, glücklich waren, zettelte sich in der Hauptstadt ein gefährlicher Aufruhr an.
Ring hatte die Pyramiden von Gizah immer noch nicht in der Nähe gesehn. Allein war keine Wallfahrt dahin zu unternehmen, da Räuber in der Gegend umherschwärmten, die des Landes kundig, zu viele Schlupfwinkel fanden, um den Truppen erreichbar zu seyn. Nur mit Bedeckung waren Offiziere und Gelehrten dahin gegangen, Ring hatte aber dann immer der Zeit ermangelt. Nun fand sich eine Gelegenheit, er konnte einige Tage abkommen, und wollte nicht säumen, den Gipfel der Spitzsäulen zu erklimmen, und die alten Pharaonskammern zu durchspähn.
Flore aber hatte keine Lust ihn zu begleiten, ohnehin war sie eben in einer Handelsverrichtung begriffen, und blieb in Cairo zurück.
Grade nun begab sich aber jener bekannte fürchterliche Aufruhr vom 21. Oktober, dessen Plan ziemlich von weitem angelegt zu seyn schien, da an dem nämlichen Tage auch Bewegungen in Alexandrien, und selbst vor dem Hafen dieser Stadt, sichtbar wurden. Wie einst in Warschau, war es darauf angelegt, alle fremde Truppen zu morden, die Franzosen entgingen aber durch größere Wachsamkeit dem Geschick der Russen.
Früh um acht Uhr sah man verschiedene Volkshaufen, deren Vorhaben nicht zweideutig schien. Der General Dupuis, Befehlshaber zu Cairo begab sich nach dem Platze Berquetfil, die Empörer durch gütige Mahnung zu zerstreuen, wurde aber mit seinen wenigen Begleitern getödtet. Nun griffen die Franzosen zu den Waffen, pflanzten Kanonen in den Straßen auf, und brachten die Aufrührer bald dahin, daß sie sich in die Moscheen retteten, und dort verschanzen mußten. Ihnen wurde auf die Bedingung Gnade zugesagt, daß sie ihre Oberhäupter auslieferten. Bei ihrer trotzigen Weigerung war ihre Strafe angemessen. Sie lernten die Macht europäischer Kriegsführung kennen, und um so befestigter ward der letzteren Gewalt.
Gleichwohl waren in den Häusern und einzeln auf den Gassen viele Franzosen umgebracht worden. Einige Gefangenen schleppten fliehende Araber mit aus der Stadt fort. Ein solches Schicksal erfuhr auch die gute Flore. Neugier anfangs, und hernach der Vorsatz, bei einer Truppenabtheilung Sicherheit zu suchen, hatten sie aus ihrer Wohnung getrieben. Nun sprengten aber einige Reuter vorüber, von welchen der Vorderste eine Lanze, wiewohl ohne Erfolg nach ihr warf, mehrere andere Fehlschüsse mit Pistolen nach ihr thaten, der Hinterste sie aber um den schlanken Leib ergriff, sie vor sich auf das Pferd hob, und so mit der Beute davon eilte.
Wie die tödtlich Erschrockene flehte, es war umsonst; auch die Hoffnung, Franzosen würden dem Zuge begegnen, und sie befreien, blieb eitel. Immer im vollen Sprunge eilten die Reuter durch abgelegene Gegenden, und durch Lücken der verfallnen Stadtmauer ins Freie.
Man kann sich den Zustand der Armen denken. Der Sitz auf dem Halse des Gaules höchst unsanft, und am wenigsten freundlich, die Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.
Sie verstand so viel von der Sprache, um ihre wiederholten Bitten um Freiheit vorzutragen, und auch die Reden der wilden Muselmänner deuten zu können; auf jene wurde aber nicht gemerkt, und diese weissagten nichts Gutes.
Eine Strecke von etwa dreitausend Schritten von den letzten Häusern der Vorstadt hielten die Reuter an, und beratheten hinter Buschwerk, das sie versteckte. Sie wollten Nachricht abwarten, ob der Versuch, die Franken umzubringen, nicht etwa noch eine günstige Wendung genommen habe, in diesem Fall waren sie entschlossen, wieder nach Cairo zurückzukehren. Sonst hielten sie eine Flucht ins innere Land nöthig, um der Rache zu entweichen.
Gleich fragten aber die Uebrigen den Ali (so hieß der Entführer Florens) was er doch mit dem Franken beginnen wolle? Zwei oder drei alte Männer wollten ihn niedergestoßen wissen, zuckten auch schon die Lanzen, einige jüngere traten aber mit lüsternem Blick näher, wehrten ab, und liebkoseten Floren.
Das letzte wollte Ali nicht dulden, und man gerieth in einen hitzigen Streit. Da aber eben wieder zwei Araber daher sprengten, mit der Verkündigung, alles sei für die Aufrührer verloren, und die Franken Sieger, dachte man nur an eine weitere Flucht; die Arme wurde abermals auf das Pferd geschwungen, und es ging im schnellsten Galopp querfeldein.
Nur am späten Abend, wie die Thiere vor Ermüdung nicht weiter konnten, wurde Halt gemacht, und der alte Streit erneuete sich augenblicklich, und mit größerer Frechheit, da weniger Furcht die Unholde plagte. Flore wurde dem Ali streitig gemacht, der ihren Besitz lebhaft vertheidigte, die Alten schrien: was sie vorhätten, sey gegen den Koran, und bald fiel man mit Säbeln und Dolchen übereinander her.
Während dieses Getümmels benutzte Flore einen günstigen Augenblick, und sprang davon. Die Dunkelheit unterstützte ihr Beginnen, sie erreichte ein Gebüsch voller felsigten Schlüfte, wo sie hoffen durfte, nicht so leicht entdeckt zu werden. Zwar hörte sie bald, daß die Araber wieder aufgesessen waren, und sie mit vielem Geschrei nach allen Richtungen aufsuchten, allein in ihre Nähe kamen sie nicht, und bald vernahm sie kein Geräusch mehr.
Tiefe Nacht brach herein, und schien die Furcht vor den Arabern verschwunden, so kam bald eine andere über sie, die vor den Thieren der Wildniß. Sie kroch also, so tief es immer möglich war, in eine Höhle, und erwartete dort schlaflos den Morgen.
Die einzige Hoffnung, welche ihr aufging, war, vielleicht auf Franzosen oder gutsinnige Griechen zu treffen, die sie wieder nach Cairo bringen konnten, und dadurch einigermaßen beseelt, wagte sie sich aus ihrem Schlupfwinkel hervor.
Wie sie aus dem Dattelhölzchen trat, erblickte sie auf einer Seite grauenvolle unabsehliche Wüste, auf der anderen zwar angebauet Land, doch kein Dorf, noch weniger Menschen, an welche sie es hätte unternehmen mögen, sich zu wenden. Indessen konnte sie nicht bleiben wo sie war, schon überaus entkräftet, würde sie bald dem Hunger erlegen haben. Sie schritt also in das angebaute Land, traf auch bald eine Quelle, ihren Durst zu löschen, und fand Früchte mancher Art, um den Hunger zu sättigen.
Bald sah sie die Moschee eines geringen Städtchens, und weiterhin mehrere Dörfer. Unschlüssig, ob sie sich hier oder dorthin wenden sollte, bestieg sie eben einen Hügel, der eine weitere Aussicht darbot, und entdeckte, daß der Nil etwa eine Meile davon, seine majestätischen Fluthen vorüberwälzte. Gleich war nun der Entschluß genommen, so unbemerkt als möglich seinen Ufern zu nahn, weil es bei weitem nicht so glaublich war, in jenen geringen Ortschaften Truppen zu finden, wie dort.
Nicht ohne Gefahr setzte sie ihren Weg fort, und stieß auf manche Arbeiter im Felde, deren Ansehen bösartig genug war. Doch ihre freundliche Natur, die mit zutraulichem Gruß an ihnen hinging, machte, daß jene nicht zu der Besonnenheit gelangten, ihr Leid zuzufügen. Eine köstliche Himmelsgabe, die freundliche Natur. Sie entwindet ohne Mühe Verlegenheiten, ist eine der ersten Lebensadressen an das Glück. Unter den Emporkömmlingen sieht man wenig herbe Gesichter, und ein lebensmüder Soldat, der einstmals ein Verbrechen beschloß, um den Tod zu leiden, setzte den schon gespannten Hahn wieder in Ruh, weil der erste Vorübergehende ihm einen heitern guten Tag bot, und tödtete dagegen den zweiten.
Endlich kam Flore an dem Nil an. Aus den umherliegenden Hütten hatten sich viele Mädchen versammelt, hier Linnen zu reinigen. Nach Landessitte war ihr leichtes Gewand bis zum Gürtel aufgeschürzt, dagegen das Gesicht schamhaft verdeckt. Ein seltsamer Kontrast gegen europäische Meinungen. Flore nahte lachend, und erkundigte sich, ob keine französische Soldaten hier herum gesehn worden. Die Mädchen sagten aus: eben wären deren wohl Hundert des Weges gezogen, die Getreide eintrieben. Flore sah noch in der Entfernung den Staub, und eilte, alle Kräfte anzustrengen, um das Kommando zu erreichen.
Es war aber ziemlich weit voraus, Flore sehr ermüdet. Sie keuchte athemlos, doch spornte sie die Hoffnung der Sicherheit, der Gelegenheit wieder nach Cairo zu ihrem Gatten zu kehren. Denn wenn gleich das Commando von der Hauptstadt gekommen schien, da es seinen Weg in der Richtung nach Oberegypten südlich fortsetzte, so ließ sich doch erwarten, es würde nach vollzogenem Auftrag wieder dahingehn. Hätte sie nun keinen Abweg eingeschlagen, so würde der erste sie gewiß an ihr Ziel geleitet haben. Und vielleicht rasteten auch die Soldaten bald einmal, desto eher wurden sie eingeholt.
Doch die Abwege! Wären sie nicht auf dem Erdboden! Und die falschen Lockungen! Wohnte uns nicht eine so leichte Neigung bei, ihnen zu folgen! Flore blickte von Ungefähr — ein Ungefähr, an welchem ach! so Viel hing, nach dem Strome. Sie gewahrte ein Fahrzeug, das ihn hinaufsegelte. An der Spitze saß ein Mann in französischer Soldatenuniform, die Kokarde am Hut. Sehr natürlich war der Gedanke, daß sie vielleicht auf dieser Barke auch Sicherheit finden könne, und die Sehnsucht, ein wenig Schutz gegen die Sonnenhitze, die in Egyptenland auch im Oktober drückend genug ist, zu finden, gab jenem Gedanken destomehr Lebhaftigkeit. Ich will den Landsleuten winken, dachte sie, daß sie ans Ufer steuern, um mich aufzunehmen. Vielleicht gehören sie selbst zu dem Commando, bringen etwa Lebensmittel nach. Desto eher wird mein Wunsch erreicht.
Sie nahm ein weisses Tuch heraus, und gab Zeichen. Bald wurden sie verstanden, das Fahrzeug nahte, und legte an. Froh saß die Wartende am Strande. Der Mann in der Uniform steigt aus. Mit Schrecken sieht Flore ein schwarzbraunes Gesicht, und morgenländische Unterkleider. Der Hut ist auf einen häßlichen geschornen Kopf gedrückt. Nun will sie fliehn, der Schwarzbraune hat sie aber bereits mit starkem Arm ergriffen, und sie wird in die Barke getragen, wo einige Ruderknechte, und lumpigte bewaffnete Kerle sie mit wildem Lachen empfangen.
Die Eigenthümer waren Flußräuber, deren es auf dem Nil viele giebt, und welche die neue Polizei bei aller Wachsamkeit noch nicht hatte vertilgen können. Von einem ermordeten Europäer waren jene Kleider genommen, und das Oberhaupt der Bösewichter hatte sie angelegt, um Fremde, die man etwa plündern konnte, sicher zu machen.
Man durchsuchte ihre Taschen nach Geld. Es fand sich wenig. Nun ward sie entkleidet, um zu untersuchen, ob irgendwo Goldstücke eingenäht wären. Man fand deren nicht, aber entdeckte mit großer Befremdung und üppigem Jubel ihr Geschlecht. Flore stockt, wenn sie hier weiter zu erzählen pflegt, und es ist daher billig, daß auch manches übergangen werde. Die Hauptsache ist, daß sie mit fort mußte, und die bittere Kränkung erfuhr, den Truppenhaufen bald darauf am Ufer gelagert zu sehn, während die Räuber auf der Mitte des Stromes vorübersegelten. Man hatte ihr die Hände gebunden und den Mund verstopft, so lange die Soldaten sichtbar waren, damit sie auf keine Art ihre Gegenwart ankündigen konnte.
Dann wurde sie aber von dieser Unbequemlichkeit befreit, und die Räuber wiesen sie an, ihnen das Essen zu bereiten. Die Nothwendigkeit gebot, sie mußte aus dem Mehlvorrath egyptische Polenta fertigen, und die gefangenen Nilfische auf dem kleinen Heerd der Barke rösten.
Daß Flehen und Weinen umsonst war, ergiebt sich von selbst. Auch blieb es ohne Wirkung, daß Flore dem Gesindel eine Loskaufungssumme verhieß, wenn man sie nach Cairo bringen wollte. Sie fand keinen Glauben, und die Räuber, denen ihre Kost schmeckte, gewöhnten sich nur mehr an sie.
So mußte Flore sie auf ihren ruchlosen Zügen begleiten, und Zeugin mancher Unthat sein. Schlau wußten sie drohenden Gefahren zu begegnen, denn erblickten sie etwa von Weitem ein Fahrzeug, worauf bewaffnete Mannschaft seyn konnte, so gab es entweder eine Bucht, oder einen Kanal, wo sie sich verbargen, oder sie fischten ruhig in einiger Entfernung und wurden dann nicht gestört. Schiffe aber, die ihnen nur geringen Widerstand leisten konnten, griffen sie mit schneller Gewalt an, oder überlisteten. In aller Hast wurde dann das Eigenthum geraubt, und nicht selten die Besitzer ermordet. Bis ein guter Vorrath von Beute gesammelt war, blieben sie immer auf der Mitte des Stroms. Hatten sie aber Raub genug erlangt, begaben sie sich nach Scheik Abade, ihren Schlupfwinkel, wo sie die Gegenstände bis auf thunliche Veräußerungen einscharrten.
Nachdem Flore etwa acht Tage bei ihnen gewesen war, geschah eine solche Landung. In den Hütten des Oertleins hauseten ihre Gefährten und Weiber. Zwischen den weitläuftigen Ruinen umher, den Ueberbleibseln der alten Stadt Antinoe, wurden die Gruben ausgehöhlt. Flore sah es mit an, daß unter andern hier reicher Schmuck, und eine gute Zahl von Goldstücken, verborgen wurden. Sie hatte, da sonst sich keine Hülfe darbot, gute Miene zum bösen Spiel gemacht, und sich mit verstelltem Wohlbehagen, in den Willen des Taugenichtse gefügt, auch erklärt: sie wünsche für ihr ganzes Leben kein glücklicher Loos. Das hatte ihr den besondern Schutz des Oberhauptes erworben, doch gab man nichtsdestoweniger genaue Acht auf sie, und benahm ihr jede Möglichkeit der Flucht. Bei Tage mußte sie unter strenger Aufsicht arbeiten, bei Nacht wurde sie zu den Weibern gesperrt.
Bald schifften sich die Räuber wieder ein, und Flore war ihre Begleiterin. Man schwamm mehrere Wochen auf dem Nil herum, war aber diesmal nicht so glücklich wie vorher, und es herrschte dieserhalb großer Unwille auf dem Fahrzeuge. Flore suchte ihn möglichst zu bekämpfen, indem sie sich die Bereitung der Polenta, und das Braten der Fische noch sorgsamer angelegen seyn ließ. Desto mehr gewann sie die Herzen. Jeder Sterbliche, wäre es der roheste, entartetste, ist auf irgend eine Weise einzunehmen.
Die Mehlkiste war aber ziemlich aufgezehrt, es mangelte an Hanfgetränk, womit der Pöbel in jenen Gegenden sich zu berauschen pflegt, man beschloß also, nach dem Raubneste zurückzukehren, um neue Vorräthe zu holen.
Etwa eine Meile war die Barke noch davon entfernt, als die Nacht hereinbrach. Der Wind blies zudem nicht günstig, der Morgen sollte daher erwartet werden, die Reise zu vollenden. Wie gewöhnlich wurde der Anker mitten im Strome geworfen, die Unholde legten sich bis auf Einen schlafen, der Wache hielt.
Flore hatte sich auch unter dem Mattenbaldachin hingestreckt, aber kein Schlummer wollte sie erquicken. Sie dachte ernsthafter als je dem traurigen Geschicke nach, das sie in eine so verwünschte Innung geführt hatte, und die entsetzliche Aussicht, vielleicht nimmer von hinnen zu kommen, brachte sie der Verzweiflung nahe. Denn wie man denken mag, hatte sich ihre Einbildungskraft fast mit nichts, als den Mitteln in Freiheit zu kommen, beschäftigt. Doch unüberwindlich erschienen ihr die Hindernisse, da die Räuber verschlagen genug waren, sich vor jeder obrigkeitlichen Hand verborgen zu halten.
Die Liebe zu Ring erwachte unter diesen Umständen desto lebhafter. Was mag er thun, der Gute? Wie bestürzt wird er gewesen sein, da er seine Flore bei der Rückkehr von jener Reise nicht mehr gefunden hat! Ich seh ihn erbleichen, wüthen, suchend umher irren, den Freunden klagen, sich abhärmen. Aber wenn der erste Sturm des Grams vorüber ist, wird er mich nicht todt, wenigstens verloren achten? Ach, und dann giebts andere Mädchen. Er liebt das Sonderbare. Schon um deswillen kann eine Coptin, eine Griechin, eine Araberin — o ich mögte in Wahnsinn sinken, bei der Reihe von Vorstellungen, die dieser folgt! Nein es gelte das Leben, die nächste Gelegenheit, und wäre sie noch so dornenvoll, werde muthig ergriffen! Schon manches führt ich Unternehmende aus, wovor das Alltagsweib schaudern würde, sollte mir denn keine glückliche Flucht aus Diebeshänden gelingen?
Indem sie sich auf diese Weise mit düsteren Vorstellungen quälte, und so gern die Gewölke, die das Innere ihrer Seele trübten, durch einen freudigen Hoffnungsstrahl erhellen wollte, blickte sie unter dem Ueberhang nach dem Wächter hin, der zu ihrer Befremdung fest eingeschlafen schien. Auch die übrigen Räuber schnarchten.
Es war grade in der Regenzeit, und das Getöse, indem das Wasser auf die Decke, auf die Bretter und in die Wogen niederschlug, vermehrte sich eben, da sich dichtere Ströme niedergossen.
Hinter der Barke war ein kleiner leichter Floß angebunden, der nur aus einer Bohle bestand, welche durch zwei Reihen ausgehöhlter Kürbisse gehalten wurde, eine Erfindung, auf welche der Occident noch nicht fiel.
Dem Wetterleuchten in der Ferne gleich, stieg Floren ein rascher heller Gedanke auf, dem sie aber aus heftiger Furcht kaum Raum zu geben wagte. Diese Furcht kämpfte mit jenem Gedanken ziemlich lange, endlich aber verlor sie ihr Spiel, und Flore ermannte sich zu seiner Verfolgung.
„Wie wenn ich beim Geräusch des Regens, mich aufmachte, mich auf das Floß niederließ; schwerlich würde der Araber erwachen. Unbemerkt knüpfte ich den leichten Kahn los, und ruderte mich zum Strande.“
„Aber wenn er nun erwachte, dann fiel ich ohne Zweifel ein Todesopfer des Jähzorns!“
„Das Erwachen steht dahin, mein jetziges Leben ist nicht viel besser, wie Tod, an die Freiheit muß man es kühn setzen.“
„Gleichwohl, wenn ich nun das Land erreicht habe, was wird dann aus mir werden? Ich bin ohne Geld, ohne Freund, nach dieser entlegenen Gegend kommen meine Landsleute selten, was hier herum wohnt, haßt alles, was nicht an Mahomed glaubt, tödlich. Ich werde immer dem Verderben nicht entrinnen.“
„Geld wirkt viel, ich wüßte wohl Geld zu finden, und ein Raub an Räubern verübt, die mir Freiheit und Wohlfahrt entrissen, kann kein Verbrechen sein. Aber man wird mir folgen, dort mich vielleicht am ersten aufsuchen, da den Buben ihr Schatz am Herzen liegt, und sie bald argwöhnen könnten — — aber ists am Ende Frevel, Mörder zu morden? Zur Rettung des eigenen Lebens sie zu morden? Wie manchen Schuldlosen sah ich nicht schon von ihren Dolchen getroffen, sinken? — Aber ohnmächtige Thörin, was sinnst du über das Unmögliche?“
Sie sann gleichwohl länger und länger. Endlich stand der Entschluß fest vor ihr da, zu ihrer Rettung das Ungeheure zu wagen, führe es auch wohin es wolle.
Sie empfahl sich den freundlichen Gestirnen, und stand auf. Leise tappte sie nach dem Steuer zu, hob eine Flinte, einen Mannsanzug, und einen Bohrer von beträchtlicher Größe, deren Plätze sie in der Dunkelheit zu finden wußte, so behutsam als es thunlich war, auf, und ließ sie auf das Floß nieder. Nun folgte sie selbst nach, mit einem Ruder versehn.
Wie gewaltig pochte ihr Herz da draußen, und da beim ersten Schritt in die Gefahr, oft eine Anwandlung von Kleinmuth und Reue über das Herz kömmt, so fehlte nicht viel, sie wäre wieder in die Barke zurückgestiegen.
Doch wurde die Bangigkeit niedergekämpft, und verwegen setzte die Französin den Bohrer an, das Räuberschiff leck zu machen. Auf diese Art nur konnte sie sich bei ihrem Vorhaben der nächsten Verfolgung entziehen.
Sie setzte das Instrument unter dem Wasser an, und arbeitete frisch. Nach einer Viertelstunde fühlte sie, daß die Bohle durchdrungen sei, und ging an eine zweite Oeffnung. Diese wurde aber nicht vollendet, da das Sinken des Fahrzeuges den Fleck, wo sie angefangen hatte, schon zu tief niederdrückte. O bange Augenblicke! Sie mußte immer erwarten, daß die einlaufende Nässe die Schlafenden wecken würde. Dennoch bohrte sie noch an einer höheren Stelle mit aller Macht, und konnte bald das ganze Werkzeug durchschieben. Jetzt erst schnitt sie den Strang ihres Bootes los, entfernte sich aber aus guten Gründen nicht von der Barke.
Was sie befürchtet hatte, geschah gleich darauf. Mehrere der Buben schrien zugleich auf, und mahnten den Wächter, das Regenwasser auszuschöpfen. Denn nur daran dachten sie. Dieser taumelte schlaftrunken umher, die Schaufel zu suchen, plätscherte aber schon sehr tief. Nun mehrte sich aber die Kraft des Sinkens jähling, und nur zwei waren im Stande, sich noch unter der Decke hervorzuarbeiten. Die andern erhuben ein gräßliches Geschrei, das aber schon nach einigen Augenblicken verstummte, denn sie waren mit dem Fahrzeuge schon unter dem Wasser. Jene zwei, gute Schwimmer, wollten sich ans Ufer retten, aber Flore ruderte behende hinzu, gewahrte im ersten Grauen des Morgenscheins ihre Köpfe, und schlug mit desto geringerer Schonung mit der Flintenkolbe auf sie zu, als sie diese Bösewichter vorzüglich unter der Menge haßte. Denn sie hatten noch einige Tage zuvor einen coptischen Christen, blos aus Grimm, weil sie nichts zu rauben bei ihm fanden, mit Marterstreichen umgebracht.
Sie riefen kaum noch ein Allah Kerim, da gingen sie unter in ihr feuchtes Grab, und über Floren kam ein Gefühl, wie es Ulysses gehabt haben mag, da keiner seiner übermüthigen Nebenbuhler mehr athmete.
Noch blieb sie eine Weile an der Stelle, durch den ein wenig hervorragenden Mast der Barke bezeichnet, aus Sorge, es mögte einer noch aus der Tiefe hervortauchen. Sie nahm aber nichts wahr, und begriff auch, daß jeder, der nicht bei Zeiten sich unter der Matte hervor hatte machen können, nothwendig umgekommen sein müsse.
Jetzt fuhr sie dem Strande zu, küßte ihn unter frommen Empfindungen, und dachte nun erst schaudernd zurück, an die grausenhaft kekke That.
Vernunft und Kühnheit, sind eine nervenschwache Matrone und ein junger Alcid. Was jene mit allen Berechnungen verloren geben würde, er wagt es, triumphirt — wenn nämlich das Glück zur Seite stehn will. Im Frühling der Jahre straucheln wir oft, es geschieht mancher Fall, der noch im Alter schmerzt, bei dem allen aber setzen wir in dieser Periode Dinge ins Werk, vor denen die bedächtige Verstandesreife feig erzittern muß. Und dennoch gelangen sie. Warum trennen wir uns denn späterhin von dem kekken frischen Lebensmuth? Er, gepaart mit dem Vortheil der Erfahrung, müßte uns ja durchaus die Gipfel der Wohlfahrt erreichen lassen. Auch sehen wir, daß der klug gewordene Mann mit ersparter Jünglingskühnheit oft hoch steht. Mit ersparter, recht! die Mehrheit hat sie vergeudet, und hinkt hernach feig umher. — Zur Geschichte:
Die Heldin legte am Ufer das türkische Gewand an, und eilte, die Flinte im Arm, dem Raubneste zu. Noch schlief dort alles in den Hütten, und unbemerkt konnte sie dem Platze nahen, wo das Oberhaupt der Flußräuber neulich seine Kostbarkeiten verscharrt hatte. Da sie jedoch eines Spatens ermangelte, und es ihr sauer ankam, die über die Stelle gewälzten Steine wegzuschaffen, so verging viele Zeit, der Morgen war in aller Fülle da, und man sah hie und dort Einwohner des Ortes umhergehn. Da schrieb die Nothwendigkeit vor, von der begonnenen Arbeit zu lassen, und Flore verbarg sich zwischen dem Gemäuer eines alten Jupitertempels, entschlossen, nur erst in der folgenden Nacht wieder hervorzutreten.
Eine schauderhafte Einsamkeit! Unaufhörlich schwebte die Phantasie zurück, und sah immer aufs Neue jene Barke sinken. Mit Recht oder ohne Recht, Flore zitterte, nunmehr eine Mörderin zu sein. Gleichwohl ließ sich das Geschehene nicht mehr ändern, sie mußte die Gewissenssprache nun wieder stumm zu kämpfen suchen. So sind fast immer im Menschen zwei streitende Stimmen laut, und sie zu versöhnen, ist eigentlich die moralische Lebenskunst.
Der Abend nahete endlich, und Echo gab des Schakals trauriges Geheul von den Trümmerwänden zurück. Flore mußte nun wieder an ihre Arbeit. Auch der Mangel an Nahrung mahnte sie, bald sich in den Besitz von Geld zu setzen.
Mit den Händen grub sie den Sand auf, nachdem die Felsstücke sie nicht mehr hinderten, und zog bald mit vieler Mühe eine Kiste zur Höhe. Sie war bald geöffnet, und volle Beutel mit Goldstücken, mehrere Schachteln mit Korallen, Perlen und Edelsteinen gefüllt, standen der Abentheurerin zu Gebot. Ach, dies wohlbehalten in Cairo, in Paris! dachte sie.
Sie konnte aus Ermattung und Furcht wenig tragen, und hätte doch gern viel mitgenommen. Doch theilte sie weislich ein. In den Turban wurden Juweelen verborgen, der Gürtel enthielt eine starke Wulst Dukaten, sie vergaß die Taschen nicht. So ging sie doch mit einem ziemlichen Reichthum von dannen, nachdem sie das Uebrige von Schätzen an einen andern Ort bewahrt und ein Zeichen, mittelst in eine gewisse Figur gelegter Steine, gemacht hatte. Vielleicht, dachte sie, giebt es einst Gelegenheit, den Rest abzuholen.
Noch in der Nacht wanderte sie von dannen, denn um alles in der Welt durfte sie den Bewohnern von Scheik Abade nicht sichtbar werden. Sie tappte im Dunkel zwischen die Ruinen hin, stieß bald an einen zerbrochenen Obelisk, der im Sande lag, bald fand sie ihren Weg durch aufgethürmte Säulenstücke gehemmt. Der Vorwelt Geist redete sie schaurig aus den Trümmern an, das Geheul von wilden Thieren, die es in der Gegend gab, sträubten ihr das Haar. Das Bild der untergegangenen Unholde war nicht vom Gedankenspiel zu trennen. Aber die Nothwendigkeit, die ja auch den entschiedensten Feigling beherzt machen kann, wenn sie nur hinter ihn eine noch größere Gefahr stellt, wie vorne zu bekämpfen ist, beflügelte ihre Tritte durch Nacht und Graus.
Wäre sie geschichtskundig gewesen, so hätte sie sich die Langeweile durch Bemerkungen über die Ruinen der verheerten Stadt tödten können. Wären sie gleich nicht so tief und sinnig, und dazu so weitschweifig ausgefallen, wie jene, welche von Palmyras Resten umgeben der König aller Ketzer, Volney, zusammenstellte, so hätten sie doch ein eigenes Interesse haben können.
Die Ruinen von Antinoe! Welch ein Stoff zu der mannigfachesten Verarbeitung, für den Historiker, den Moralisten, den Dichter! Hadrian, dessen Tugenden in Frieden und Krieg den Ruhm ganz und gar nicht müßig ließen, besaß — — übrigens aber — einen jungen Freund, Antinous genannt, dessen Bildsäulen uns noch bis auf diese artistische Stunde, so der menschlichen Schönheit Ideal versinnlichen, wie die des Apollon, Göttlichkeit aussprechen. Der Kaiser befand sich eben in Egypten, und — was ihm die allerneusten Philosophen nicht verübeln können, da sie es selbst geschmackvoll finden, zur Veränderung einmal wieder abergläubisch zu sein, — fand für gut, die Wahrsager des Landes, deren Weisheit im Ruf stand, über die Zukunft seines Lebens zu fragen, was nun freilich in unsrer Zeit nicht geschieht. Die Antwort klang: dem Weltherrscher drohe nahe schlimme Gefahr. Nur wenn sich Jemand, der ihm theuer sei, der ihn liebe, für ihn den Opfertod wählte, würde sich das Schicksal versöhnen. Große Bestürzung, Wehklage und Trauer am Hofe und im Heere. Es gab Tausende, die recht gern patriotisch schrieben, patriotisch redeten, wenn sich die Aussicht öffnete, das Vaterland würde sie lohnen; eben so viele waren bereit das Knie zu beugen, dem Kaiser zu klatschen, wenn er im Theater erschien, weil sie hofften, diese Zeichen hoher Anhänglichkeit würden gelegentlich zu Ehrenämtern oder Landgütern helfen; doch ein Opfertod schien ihnen zu sehr im Charakter der ersten fabelhaft romantischen Zeiten Roms zu sein, als daß Männer, die aufgeklärt über Jupiter lachten, noch hätten daran denken können. Demungeachtet war jeder bereit, dem, der sich dennoch entschließen wollte, ein Erbtheil von Unsterblichkeit zuzugestehn. Ueberhaupt giebt es kein besser Mittel, das Verdienst anerkannt zu machen, hätte man zuvor auch dem Neide und der Afterrede unterlegen, als daß man stirbt.
Der schöne hochherzige Antinous bot sich allein dar. Daß sein Imperator — und Freund sich die edle Großmuth (oder den edlen Großmuth, da man gar nicht einsieht, weshalb das Prädikat Groß den männlichen Muth in den Harem stoßen soll, um so mehr als Kleinmuth bei dem alten Geschlechte bleibt) gefallen ließ, mag ein andrer Lobredner erheben. Genug Antinous stürzte sich von einer Felsenzinne in den Nil, und die Propheten erklärten das Unheil abgewendet. Hoch wurde nun aber der Liebling und Retter geehrt. An der Stelle baute Hadrian eine große, mit allem Kostbaren, was die Kunst aufbringen kann, geschmückte Stadt, und nannte sie Antinoe. Tempel wurden erhöht, die Bildsäulen des schönen Selbstmörders geheiligt. Opfer und jährliche Spiele wurden angeordnet, der Kaiser schrieb den Cultus seiner Verehrung in den kleinsten Umständen vor. So lohnte die Vorzeit.
Schlimm daß ein gehäßiger Nebenbegriff einen sonst schönen historischen Moment, so in Schatten setzt. Kann denn aber der Nebenbegriff nicht ein Kind der Verläumdung sein? Dann gäbe es einen gar artigen Stoff zum Trauerspiele mehr.
Ende des zweiten Buchs.