Liebenswürdiger waren zwei andere Momente seines Unwillens (Nr. 59 und 67), welche in diese Zeit fallen: das einemal betrübt es ihn, daß die Brautleute einen Anderen als ihn mit der Besorgung der Trauringe beauftragt, das anderemal, daß die Neuvermählten nicht auf seine Einladung nach Frankfurt kamen. Er traute sich zu, den Freund im Vollgenusse des Glücks sehen zu können, das er bitter entbehrte, während diesem sein Triumph, der den Freund schmerzte, nicht lieb war.

Am Palmsonntage 1773 ist die Hochzeit gewesen, und von dem Briefe Nr. 76, und weiter, gehen die Briefe an Kestner nach Hannover. Die Schlußzeilen dieses Briefes scheinen die psychologische Erfahrung zu bestätigen, daß die Einbildungskraft von dem geliebtesten Abwesenden nur vereinzelte Theile gibt, während sie von weniger theuren Menschen, und besonders von den Gleichgültigen, freigebig das ganze Bild vollendet vor die Augen führt.

Ueber ein Jahr später als diese Periode war es, als ein ernstlicheres Mißverständniß über den Werther entstand, welches den Gegenstand mehrerer Briefe ausmacht. Ein wunderbarer Zufall wollte, daß Kestner, den es drückte, sich und seine Lotte durch einen Anschein ihrer Personen in dieses Gedicht verflochten zu finden, gleichwohl selbst, ohne etwas zu ahnen, an dem Roman mit hat schreiben müssen. Jerusalem hatte bei einem der wenigen Besuche, die er jemals Kestner gemacht, ein Paar Pistolen an der Wand hängen sehen und diese zu seinem Selbstmorde von ihm geliehen, wovon die Folge war, daß Kestner, doppelt bestürzt durch die schreckliche That, als das Gerücht durch die Stadt lief, zu Jerusalems Hause hineilte, und nicht allein Zeuge der letzten Qualen des Unglücklichen war, sondern auch angeregt wurde, alle Thatsachen, die denselben betrafen, zu sammeln, und niedergeschrieben an Goethe zu schicken, wie die Freunde es wechselseitig gewohnt waren, seit Goethe’s Flucht sich die Vorfälle des Tages in ununterbrochenem Briefwechsel mitzutheilen. Das Billet Jerusalems, fast wörtlich im Werther copirt, ist noch eben so urschriftlich vorhanden, wie es bei Nr. 28 als Fac simile sich in unsern Documenten befindet, und zwar, wie in der Abschrift durch eine Linie angedeutet, in zwei Theile gerissen, vermuthlich weil es im Augenblick des Empfangs den weggeworfenen Papieren hinzugefügt, erst nach dem schrecklichen Ereigniß, dem Empfänger merkwürdig geworden war. Gleichfalls noch jetzt in Urschrift vorhanden, sind Kestners „Nachrichten über den Tod Jerusalems“ (Nr. 28), welche er gegen Ende Novembers 1772 Goethen nach Frankfurt schickte, und von diesem mit dem Briefe Nr. 47 gegen den 20. Januar 1773 zurückgeschickt wurden. Goethe irrt also, wenn er zu dieser frühen Zeit seines Lebens zurückblickend (Wahrheit und Dichtung, pag. 168 des 22. Bandes seiner sämmtlichen Werke) glaubt, er habe die Beschreibung von Jerusalems Tode erst später nach seiner Trennung von den Freunden erhalten. Seine selbstmörderischen Gedanken kommen auch nur in den früheren unserer Briefe vor, nicht aber in der Zeit der Herausgabe des Werther.

Wenn wir in unsern Papieren erkennen, wie hoch Lotte, Kestner und Goethe über den Personen stehen, die im Werther mit ihnen in Vergleich kommen, so tritt uns auf eine merkwürdige Weise das Verhältniß des Dichters zum Menschen vor Augen. Goethe fand, durch seine Stellung unter ihnen, noch höhern Anlaß, als jene, seinen Werth als Mensch erkennen zu lassen. Denn, daß ein Mädchen von dem glücklichsten Naturell und gediegener Erziehung, dem würdigsten Mann die seit Jahren befestigte Treue bewahrt; daß dieser Mann, mit der Unschuld seines Charakters, in die Redlichkeit seiner Braut sowohl, als eines Freundes, dessen Freundschaft er sicher war, unbeschränktes Vertrauen setzt, sind die gewöhnlichsten Dinge, im Vergleich mit einer Liebe, die so groß, so stark, und so schön ist, daß sie ihm zur redlichsten und heldenmäßigsten Entsagung die Kraft gab, und ihn, der Verzweiflung nahe, vom Liebenden in den reinsten Freund verwandelte. Diese schöne Erscheinung ist fremd dem Romane. Die Welt hat entschieden, das Gedicht sey das schönste seiner Art. Noch schöner aber, sehen wir, als die Dichtung war das Leben; ja in so hohem Grade schöner, daß Goethe, die unwahrscheinliche Wahrheit zurücklassend, ein Anderes erfinden mußte, damit die Dichtung als Wahrheit erscheine. Wie räthselhaft können die Grenzen des Guten und Schönen sich in einander verschlingen! Der Dichter mußte von der moralischen Höhe herabsteigen, um sich auf dem poetischen Gipfel zu befinden, der ihn zum höchsten Dichterruhme geführt hat. Der Gegenstand seiner Liebe wurde in seinem Gedichte durch die Idee verherrlicht, daß ohne den Besitz der Geliebten zu leben unmöglich sey. Er aber war zu groß, um in der Verzweiflung unterzugehen; aus seinem Charakter konnte die zügellose Scene nicht entwickelt werden, die den Entschluß zum Selbstmorde im Werther zur Reife brachte; daher mußte er die Züge, welche dem Romane, wie er gedacht war, die Entwickelung verliehen, aus einem minder starken Manne borgen. Das Faktische hierzu, wie das Studium zu einem Gemälde, hat Kestner in seiner Skizze von Jerusalems Tode ihm in die Hand gearbeitet. Manche Stellen dieses Aufsatzes finden wir wörtlich im Werther. Mit Goethen mußten auch Lotte und ihr Gemahl, in ihren erborgten Gestalten, dem Roman zu Gunsten tiefer gestellt werden. Hätte Werthers Lotte nicht in der Entwicklungsscene gegen den Albert gefehlt, worauf sie Werther von sich wies, das Motiv zum Selbstmorde würde gefehlt haben. Und hätte das Schicksal, minder grausam, den Werther um eines Würdigeren willen, als Albert gedacht ist, untergehen lassen, dem Untergange des Helden würden weniger Thränen geflossen seyn.

Die jungen Eheleute, noch voll von der reichen Zeit, die sie so eben in steten Bezügen mit Goethen warm durchlebt hatten, mußte es um so mehr schmerzen, von eben diesem Freunde eben dieses Verhältniß rücksichtslos angewandt zu sehen, um daraus Bestandtheile eines Romans zu schöpfen, der Mißdeutungen erregen und sie persönlich in ein falsches Licht stellen konnte. Kestner mußte, in dem Gefühl, seine Gattin sich gleichsam zum Theil entrissen zu sehen, seine Lotte durch die Lotte des Gedichts, da Goethe’s Liebe zu ihr bekannt war, beleidigt fühlen, sich selbst aber durch seine Entstellung in dem gedichteten Albert. Nach Empfang des Buchs daher schrieb er an Goethe einen Brief voller Vorwürfe, von welchem ein Fragment, in seinem Nachlasse gefunden, unsern Documenten unter Nr. 106 hinzugefügt ist.

Goethe, der Freund, verkannte nicht das Gewicht dieser Vorwürfe. Eine Lotte hatte er offen gepriesen. Eine Lotte erschien in dem Gedichte, in welchem zwischen Dichtung und Wahrheit keine Grenze sichtbar ist, und das in allen seinen Theilen, den erfundenen und wahren, die glühenden Farben einer zwischen Wunsch und Entbehrung erlebten Wirklichkeit an sich trägt. Im Gefühl seines Fehls hatte er daher auf die Vorwürfe nichts anderes zu erwiedern, als in den Briefen Nr. 107 und 109 die rührendsten Bitten um Verzeihung, wobei er im Rausche des Ruhms, der ihn selbst überraschte, — denn ganz Deutschland war schon von Bewunderung des Werthers entflammt — dem Freunde die verherrlichenden Ausdrücke entgegen rief, die von allen Seiten ihm entgegen tönten.

In dem Briefe Nr. 107 spricht er beruhigend zu den Herzen der Freunde: „Und, meine Lieben, wenn Euch der Unmuth übermannt, denkt nur, denkt, daß der alte, Euer Goethe, immer neuer und neuer, und jetzt mehr, als jemals, der Eurige ist.“ Auf ihre Theilnahme an seinem Triumph vertrauend, sucht er sie in dem Briefe Nr. 109 zu trösten, indem er schreibt: „Könntet Ihr den tausendsten Theil fühlen, was Werther tausend Herzen ist, Ihr würdet die Unkosten nicht berechnen, die Ihr dazu hergebt.“ An Kestner besonders richtet er die gewichtigen Trostesworte: „Wenn ich noch lebe, so bist Du’s, dem ichs danke, bist also nicht Albert — Und also —“. Zwar sprach er in demselben Briefe unter den Beruhigungsgründen auch die Zusage aus, binnen einem Jahre alle etwaigen Mißdeutungen des Publikums „auf die lieblichste, einzigste, innigste Weise auszulöschen.“ Allein dieses, wenigstens in der Maße, wie es in der ersten Aufregung ertheilt war, übereilte Versprechen, ist, bis auf verschiedene in den folgenden Ausgaben des Werther vorgenommene Abänderungen, unerfüllt geblieben. Später kamen beide Freunde, laut der Documente Nr. 121 und 122, noch einmal auf diesen Gegenstand zurück; aber weiter reichende Aenderungen zeigten sich als unmöglich, je mehr das bewunderte Gedicht die Gemüther ergriff, und zuerst von der deutschen, dann von den andern Nationen Besitz nahm: jeder Gedanke war Eigenthum der Völker geworden, das der Geber selbst nicht zurückfordern konnte. Auch Kestner wird dieses erkannt haben und hat sich um so eher dabei beruhigen können, als das Geheimniß des Romans in dem weiten Kreise seiner Freunde und Bekannten bald hinreichend aufgeklärt war, und schon die Persönlichkeit der Ehegatten sie vor jeder falschen Beurtheilung schützte.

Das schöne Verhältniß der Freunde überhaupt, und insbesondere Kestners zugleich würdige und liebevolle Stellung zu dem minder besonnenen Jüngling, kann treffender nicht hervortreten, als durch die Lösung des von Goethe verschuldeten Mißverständnisses selbst. Seine große Indiscretion würde unverzeihlich gewesen sein, wenn er deren Gewicht hätte beurtheilen und die Wirkungen auf die davon betroffenen Freunde voraussehen können. Allein ihm waren die Schranken des gewöhnlichen Lebens gänzlich unbekannt und eben so unbekannt die Rücksichten darauf, welche den Freunden gebührt hätten. Weit entfernt daher von aller Besorgniß deßhalb, hat er vielmehr in den Briefen Nr. 97 bis 100, welche mehr oder weniger dunkle Andeutungen der künftigen Erscheinung enthalten, so wie noch zuletzt in den das übersandte Exemplar des Romans begleitenden Zetteln, Nr. 104 und 105, mit arglosester Unbefangenheit vorausgesetzt, daß die Empfänger ebenfalls sich daran erfreuen würden. Nur in dem einen Briefe Nr. 98 denkt er an die Möglichkeit eines Anstoßes und warnt sie scherzend davor. Kestner, obgleich schwer gekränkt, auch anfänglich nicht ohne Besorgniß vor den möglichen Nachtheilen für ihn und seine Gattin, spricht seinen Tadel gegen Goethe offen und kräftig, doch fern von Erbitterung aus (Nr. 106). Mit welcher Milde und Nachsicht er aber im Innern seines wohlwollenden Herzens Goethe’s, des feurigen Dichters, Verfahren betrachtet, entschuldigt und verzeiht, sprechen seine Briefe Nr. 108 und 110 an v. Hennings vertraulich auf eine Weise aus, die den tiefsten Blick in seinen Charakter eröffnet. Diese Briefe, die zugleich interessante Aufschlüsse über das Verhältniß der Ehegatten zu Goethe und seinem Roman enthalten, bedürfen keines Commentars.

Damit war denn das Mißverständniß schon sogleich bei seiner Entstehung, ohne Unterbrechung des gegenseitigen Wohlwollens, gehoben, und der gewohnte Briefwechsel zwischen Goethe und Kestner dauerte bis zu des Letzteren am 24. Mai 1800 erfolgten Tode fort. Goethe’s letzter vorhandener Brief an Kestner, Nr. 137, ist vom 16. Juli 1798. Wahrscheinlich sind einige andere Briefe, durch Kestners in seinen letzten Lebensjahren eingetretene große Kränklichkeit, verloren gegangen. Eben diese Kränklichkeit, neben überhäuften Dienstgeschäften, hat auch die Correspondenz von Kestners Seite in späterer Zeit beschränkt, wie Goethe in seinen Briefen ihm verschiedentlich freundlich vorgeworfen hat.


Um die gegenwärtigen Mittheilungen zu vervollständigen, wäre zu wünschen gewesen, daß ihnen Kestners Briefe an Goethe, worauf mehrere von Goethe’s Briefen sich beziehen, hätten hinzugefügt werden können. Allein der verstorbene Geheime Rath Kanzler v. Müller in Weimar, Goethe’s Testamentsvollstrecker, hat sie nicht in dessen Nachlaß gefunden, wahrscheinlich weil Goethe sie mit einer großen Masse älterer Briefschaften einst cassirt hat. Dagegen hatte der Geheime Rath die Gefälligkeit einen Brief Lottens an Goethe aus Wetzlar, wohin sie sich auf Veranlassung der französischen Occupation Hannovers auf einige Zeit zurückgezogen, von 1803, und einige Billets von ihr an Goethe, während eines Besuchs ihrer Schwester in Weimar, von 1816, abschriftlich mitzutheilen. Diese, nebst verschiedenen dazu gehörigen Briefen Goethe’s an Lotte und an einen ihrer Söhne, liegen aber außer dem Kreise der Documente, welchen der Titel dieser Mittheilungen bezeichnet. Wir glauben daher nur folgende Zeilen aus einem Schreiben Goethe’s vom 23. November 1803, weil sie dieselben Erinnerungen aus seiner Jugendzeit mit ähnlichen Worten, wie in „Wahrheit und Dichtung“ aussprechen, anführen zu dürfen: „Wie gern versetze ich mich wieder an Ihre Seite zur schönen Lahn und wie sehr bedaure ich zugleich, daß Sie durch eine so harte Nothwendigkeit dahin versetzt worden; doch richtet mich Ihr eigenes Schreiben wieder auf, aus dem Ihr thätiger Geist lebhaft hervorblickt.“


Goethe’sche Briefe,
und diese betreffende erläuternde Documente.


1.
Fragment eines Brief-Entwurfs,

aus Kestners Papieren,

geschrieben im Anfang seiner Bekanntschaft mit Goethe.

Im Frühjahr kam hier ein gewisser Goethe aus Franckfurt, seiner Handthierung nach Dr. Juris, 23 Jahr alt, einziger Sohn eines sehr reichen Vaters, um sich hier — dieß war seines Vaters Absicht — in Praxi umzusehen, der seinigen nach aber, den Homer, Pindar &c. zu studiren, und was sein Genie, seine Denkungsart und sein Herz ihm weiter für Beschäftigungen eingeben würden.

Gleich Anfangs kündigten ihn die hiesigen schönen Geister als einen ihrer Mitbrüder und als Mitarbeiter an der neuen Franckfurter Gelehrten Zeitung, beyläufig auch als Philosophen im Publico an, und gaben sich Mühe mit ihm in Verbindung zu stehen. Da ich unter diese Classe von Leuten nicht gehöre, oder vielmehr im Publico nicht so gänge bin, so lernte ich Goethen erst später und ganz von ohngefähr kennen. Einer der vornehmsten unserer schönen Geister, Legationssecretär Gotter, beredete mich einst nach Garbenheim, einem Dorf, gewöhnlichem Spaziergang, mit ihm zu gehen. Daselbst fand ich ihn im Grase unter einem Baume auf dem Rücken liegen, indem er sich mit einigen Umstehenden, einem Epicuräischen Philosophen (v. Goué, großes Genie), einem stoischen Philosophen (v. Kielmansegge) und einem Mitteldinge von beyden (Dr. König) unterhielt, und ihm recht wohl war. Er hat sich nachher darüber gefreuet, daß ich ihn in einer solchen Stellung kennen gelernt. Es ward von mancherley, zum Theil interessanten Dingen gesprochen. Für dieses Mal urtheilte ich aber nichts weiter von ihm, als: er ist kein unbeträchtlicher Mensch. Sie wissen, daß ich nicht eilig urtheile. Ich fand schon, daß er Genie hatte und eine lebhafte Einbildungskraft; aber dieses war mir doch noch nicht genug, ihn hochzuschätzen.

Ehe ich weiter gehe, muß ich eine Schilderung von ihm versuchen, da ich ihn nachher genau kennen gelernt habe.

Er hat sehr viel Talente, ist ein wahres Genie, und ein Mensch von Charakter; besitzt eine außerordentlich lebhafte Einbildungskraft, daher er sich meistens in Bildern und Gleichnissen ausdrückt. Er pflegt auch selbst zu sagen, daß er sich immer uneigentlich ausdrücke, niemals eigentlich ausdrücken könne: wenn er aber älter werde, hoffe er die Gedanken selbst, wie sie wären, zu denken und zu sagen.

Er ist in allen seinen Affecten heftig, hat jedoch oft viel Gewalt über sich. Seine Denkungsart ist edel; von Vorurtheilen so viel frey, handelt er, wie es ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es Andern gefällt, ob es Mode ist, ob es die Lebensart erlaubt. Aller Zwang ist ihm verhaßt.

Er liebt die Kinder und kann sich mit ihnen sehr beschäftigen. Er ist bizarre und hat in seinem Betragen, seinem Aeußerlichen verschiedenes, das ihn unangenehm machen könnte. Aber bey Kindern, bey Frauenzimmern und vielen Andern ist er doch wohl angeschrieben.

Für das weibliche Geschlecht hat er sehr viele Hochachtung.

In principiis ist er noch nicht fest, und strebt noch erst nach einem gewißen System.

Um etwas davon zu sagen, so hält er viel von Rousseau, ist jedoch nicht ein blinder Anbeter von demselben.

Er ist nicht was man orthodox nennt. Jedoch nicht aus Stolz oder Caprice oder um etwas vorstellen zu wollen. Er äussert sich auch über gewisse Hauptmaterien gegen Wenige; stört Andere nicht gern in ihren ruhigen Vorstellungen.

Er haßt zwar den Scepticismum, strebt nach Wahrheit und nach Determinirung über gewisse Hauptmaterien, glaubt auch schon über die wichtigsten determinirt zu seyn; so viel ich aber gemerckt, ist er es noch nicht. Er geht nicht in die Kirche, auch nicht zum Abendmahl, betet auch selten. Denn, sagt er, ich bin dazu nicht genug Lügner.

Zuweilen ist er über gewisse Materien ruhig, zuweilen aber nichts weniger wie das.

Vor der Christlichen Religion hat er Hochachtung, nicht aber in der Gestalt, wie sie unsere Theologen vorstellen.

Er glaubt ein künftiges Leben, einen bessern Zustand.

Er strebt nach Wahrheit, hält jedoch mehr vom Gefühl derselben, als von ihrer Demonstration.

Er hat schon viel gethan und viele Kenntnisse, viel Lectüre; aber doch noch mehr gedacht und raisonnirt. Aus den schönen Wissenschaften und Künsten hat er sein Hauptwerck gemacht, oder vielmehr aus allen Wissenschaften, nur nicht den sogenannten Brodwissenschaften.


Am Rande dieses flüchtig hingeworfenen Brouillons fügt Kestner noch hinzu:

„Ich wollte ihn schildern, aber es würde zu weitläuftig werden, denn es läßt sich gar viel von ihm sagen. Er ist mit einem Worte ein sehr merkwürdiger Mensch.“

Weiter unten ferner:

„Ich würde nicht fertig werden, wenn ich ihn ganz schildern wollte.“

2.
Fragment eines Brief-Entwurfs,

aus Kestners Papieren.

Anfang der Bekanntschaft Goethe’s mit Lotte.

.... d. 9. Juni 1772 fügte es sich, daß Goethe mit bey einem Ball auf dem Lande war, wo mein Mädchen und ich auch waren. Ich konnte erst nachkommen und ritt dahin. Mein Mädchen fuhr also in einer andern Gesellschaft hin; der Dr. Goethe war mit im Wagen und lernte Lottchen hier zuerst kennen. Er hat sehr viele Kenntniße, und die Natur, im physikalischen und moralischen Verstande genommen, zu seinem Haupt-Studium gemacht, und von beyden die wahre Schönheit studirt. Noch kein Frauenzimmer hier hatte ihm ein Genügen geleistet. Lottchen zog gleich seine ganze Aufmerksamkeit an sich. Sie ist noch jung, sie hat, wenn sie gleich keine ganz regelmäßige Schönheit ist, (ich rede hier nach dem gemeinen Sprachgebrauch und weiß wohl, daß die Schönheit eigentlich keine Regeln hat,) eine sehr vortheilhafte, einnehmende Gesichtsbildung; ihr Blick ist wie ein heiterer Frühlings-Morgen, zumal den Tag, weil sie den Tanz liebt; sie war lustig; sie war in ganz ungekünsteltem Putz. Er bemerkte bey ihr Gefühl für das Schöne der Natur und einen ungezwungenen Witz, mehr Laune, als Witz.

Er wußte nicht, daß sie nicht mehr frey war; ich kam ein paar Stunden später; und es ist nie unsere Gewohnheit, an öffentlichen Orten mehr als Freundschaft gegen einander zu äusern. Er war den Tag ausgelassen lustig, (dieses ist er manchmal, dagegen zur andern Zeit melancholisch,) Lottchen eroberte ihn ganz, um destomehr, da sie sich keine Mühe darum gab, sondern sich nur dem Vergnügen überließ. Andern Tags konnte es nicht fehlen, daß Goethe sich nach Lottchens Befinden auf den Ball erkundigte. Vorhin hatte er in ihr ein fröhliches Mädchen kennen gelernt, das den Tanz und das ungetrübte Vergnügen liebt; nun lernte er sie auch erst von der Seite, wo sie ihre Stärke hat, von der Häuslichen Seite, kennen.

3.
Goethe an Kestner.

W. d. 8. Aug. 72.

Morgen nach fünf erwart ich sie, und heute — sie könnten’s vermuthen, so viel sollten Sie mich schon kennen — heute war ich in Atspach. Und morgen gehen wir zusammen, da hoff ich freundlichere Gesichter zu kriegen. Inzwischen war ich da, hab Ihnen zu sagen dass Lotte heut Nacht sich am Mondbeschienenen Tahl innig ergötzt, und Ihnen eine gute Nacht sagen wird. Das wollt ich Ihnen selbst sagen war an ihrem Haus, in ihrem Zimmer war kein Licht, da wollt ich nicht Lärm machen. Morgen früh trinken wir Caffee unterm Baum in Garbenheim wo ich heute zu Nacht im Monschein ass. Allein — doch nicht allein. Schlafen Sie wohl. Soll ein schöner Morgen seyn.

4.
Goethe an Kestner.

(v. 6. Sept. 1772.)

Ich habe gestern den ganzen Nachmittag gemurrt dass Lotte nicht nach Atspach gangen ist, und heute früh hab ichs fortgesetzt. Der Morgen ist so herrlich und meine Seele so ruhig, daß ich nicht in der Stadt bleiben kann, ich will nach Garbenheim gehn. Lotte sagte gestern, sie wollte heut etwas weiter als gewöhnlich spazieren — Nicht dass ich euch draußen erwarte, — aber wünsche? Von ganzem Herzen und hoffe — zwar etwas weniger, doch just so viel dass es die Ungewissheit des Wunsches so halb und halb balanzirt. In der Ungewissheit denn will ich meinen Tag zubringen, und hoffen und hoffen. Und wenn ich den Abend allein hereingehn muß — so wissen Sie wies einem Weisen geziemt — und wie weise ich binn.

5.
Goethe an Kestner.

(v. 10. Sept. 1772.)

Er ist fort Kestner wenn Sie diesen Zettel kriegen, er ist fort. Geben Sie Lottchen innliegenden Zettel. Ich war sehr gefasst aber euer Gespräch hat mich aus einander gerissen. Ich kann Ihnen in dem Augenblicke nichts sagen, als Leben Sie wohl. Wäre ich einen Augenblick länger bey euch geblieben, ich hätte nicht gehalten. Nun bin ich allein, und morgen geh ich. O mein armer Kopf.


GRÖSSERE ANSICHT

Billet an Charlotte

6.
Goethe an Lotte.

Einschluß des Vorigen.

Wohl hoff ich wiederzukommen, aber Gott weis wann. Lotte wie war mirs bey deinem reden ums Herz, da ich wusste es ist das letztemal dass ich Sie sehe. Nicht das letztemal, und doch geh ich morgen fort. Fort ist er. Welcher Geist brachte euch auf den Diskurs. Da ich alles sagen durfte was ich fühlte, ach mir wars um Hienieden zu thun, um ihre Hand die ich zum letztenmal küsste. Das Zimmer in das ich nicht wiederkehren werde, und der liebe Vater der mich zum letztenmal begleitete. Ich binn nun allein, und darf weinen, ich lasse euch glücklich, und gehe nicht aus euren Herzen. Und sehe euch wieder, aber nicht morgen ist nimmer. Sagen Sie meinen Buben er ist fort. Ich mag nicht weiter.


Von diesem Billet ist ein Fac simile beigefügt.


7.
Goethe an Lotte.

Zu dem Vorigen, Einschluß.

(v. 11. Sept. 1772.)

Gepackt ists Lotte, und der Tag bricht an, noch eine Viertelstunde so binn ich weg. Die Bilder die ich vergessen habe und die Sie den Kindern austeilen werden, mögen entschuldigung seyn, dass ich schreibe, Lotte da ich nichts zu schreiben habe. Denn sie wissen alles, wissen wie glücklich ich diese Tage war. und ich gehe, zu den liebsten besten Menschen, aber warum von Ihnen. Das ist nun so, und mein Schicksal, dass ich zu heute, morgen und übermorgen nicht hinzusetzen kann — Was ich wohl offt im Scherz dazusetzte. Immer fröliges Muths liebe Lotte, sie sind glücklicher als hundert, nur nicht gleichgültig, und ich liebe Lotte, binn glücklich dass ich in Ihren Augen lese, sie glauben ich werde mich nie verändern. Adieu tausendmal adieu!

Goethe.

8.
Goethe an Kestner.

(Aus Frankfurt.)

Für alle das gute seegne euch Gott, und tausendfache Freude für die Errinnerung meiner. Grüsst mir die lieben Mädchen.

Ich kam gestern mit Schweizern zusammen und spottete seines Wetzlarer Wesens. Wo habt Ihr euch denn hingehalten? — Ins teutsche Haus, sagt ich. — Doch nicht zu Brands, sagt er. — Freylich zu Brands, sagt ich. — Warum denn nicht? — Ihr kennt also auch Amtmanns? — Ja wohl. — Die Lotte ist ein sehr angenehmes Mädgen. — Sie geht so mit sagt ich &c. &c.

Das war trostreich und mir doch lieb. Wenn ich nur von ihr reden kann wenns auch das Gegentheil ist was ich denke.

Nach Coblenz hab ich keine Bekanntschafft. Und hüben im Thal wisst Ihr wies ist.

Ich bedaure euren braven Kerl. Erkundigt Euch ia, ists halbweg nicht iust so rettet den armen Jungen. Ein Mädgen hat nicht so schweer auf die Art an einem Kind als ein ehrlicher Kerl an einem Weib. Adieu.

9.
Goethe an Kestner.

Gott segne euch, lieber Kestner, und sagt Lotten, dass ich manch mal mir einbilde ich könne sie vergessen, daß mir aber dann ein Recitiv über den Hals kommt und es schlimmer mit mir wird als iemals.

10.
Aus Kestners Tagebuche.

1772 den 21. Sept. begleite ich, nebst Hr. v. Born, die Herrn v. Hardenberg[6] und Freytag nach Frankfurt.....

d. 22..... Um 4 Uhr ging ich zu Schlosser, und siehe da der Goethe und Merck waren da. Es war mir eine unbeschreibliche Freude; er fiel mir um den Hals und erdrückte mich fast..... Wir gingen auf den Römer, wo die Mercken, nebst der Dlle. Goethe, auch war. Wir gingen vors Thor auf dem Walle &c. spatzieren. Unvermuthet begegnete uns ein Frauenzimmer. Wie sie den Goethe sah, leuchtete ihr die Freude aus dem Gesicht, plötzlich lief sie auf ihn zu, und in seine Arme. Sie küßten sich herzlich; es war die Schwester der Antoinette. Die Zeit ging unterm Spatzierengehen und sprechen, bald der Mercken, bald dem Merck, bald dem Goethe, unvermerckt hin. Wir gingen in Goethe’s Haus; die Mutter war nur zu Haus und empfing uns, auch mich auf das bey ihr alles geltende Wort des Sohnes. Der Vater bald hernach, damit war es eben so; ich unterhielt mich mit ihm. Die Frauenzimmer entfernten sich zum Auskleiden. Der Merck proponirte die Dlle. spielen zu hören. Wir fanden sie oben am Clavier. Sie spielt vortrefflich; außerordentlich fertig. — Nach einer Pause bat sie, die Lottchen doch hieher zu bringen, recht inständig bat sie und äußerte, daß sie sie schon in der Ferne sehr lieb hätte. — Um 8 Uhr gingen der Hr. Rath Schlosser und ich nach Haus....

1772 d. 23. früh war Hardenberg bey mir und ich bey ihm. Ich ging um 9 Uhr zu Dr. Schlossern. Wir darauf zu Goethe. Ich besah das Haus. Wir gingen nebst Merck auf die Stadt-Bibliothek; gegen 12 Uhr auf den Römer. Ich aß bey Dr. Dietz. Nachmittags um 3 Uhr zu Goethe. Wir gingen auf die Messe, vor einige Kaufmanns-Häuser; zur Antoinette, Tochter des Kaufmann Gerock. Nachher zu Haus nach Goethe. Ich holte Schlossern in die Comödie, wo Goethe, seine Schwester und die Mercken auch waren, nachher aß ich bey Goethes’s und kam um 11 Uhr zu Haus.


Am 24. Sept. kehrte Kestner nach Wetzlar zurück.


11.
Goethe an Kestner.

(Frft.) Freytag (25. Sept. 72).

Lotte hat nicht von mir geträumt. Das nehm ich sehr übel, und will dass sie diese Nacht von mir träumen soll, diese Nacht, und solls Ihnen noch dazu nicht sagen. Die Stelle hat mich in Ihrem Briefe geärgert als ich ihn wiederlas. Nicht einmal von mir geträumt, eine Ehre die wir den gleichgültigsten Dingen widerfahren lassen, die des Tags uns umgeben. Und — ob ich um sie gewesen binn mit Leib und Seel! und von ihr geträumt habe Tag und Nacht.

Bey Gott ich binn ein Narr wenn ich am gescheutesten binn, und mein Genius ein böser Genius der mich nach Wolpertshausen[7] kutschirte. und doch ein guter Genius. Meine Tage in W. wollt ich nicht besser zugebracht haben, und doch geben mir die Götter keine solche Tage mehr, sie verstehen sich aufs strafen und den Tantalus — Gute Nacht. Das sagt ich auch eben an Lottens Schattenbild.

Sonnabends nach Tische.

Das war sonst die Zeit, dass ich zu ihr ging, War das Stündgen wo ich Sie antraff, und ietzt habe ich volle Zeit zu schreiben. Wenn Sie nur sehen sollten wie fleissig ich binn. So auf einmal das alles zu verlassen, das alles wo meine Glückseligkeit von vier Monaten lag.

Ich fürchte nicht dass ihr mich vergeßt, und doch sinn ich auf Wiedersehen. Hier mags denn gehn wie’s kann, und ich will Lotten nicht eher wiedersehen als bis ich ihr Confidence machen kann, daß ich verliebt binn, recht ernstlich verliebt.

Was machen meine lieben Bubens, was macht der Ernst. Es wäre besser ich schriebe euch nicht, und liesse meine Imagination in Ruhe, — doch da hängt die Silhouette das ist schlimmer als alles. Leben Sie wohl.

12.
Goethe an Kestner.

prs. W. d. 4. Oct. 72.

Ich habs ja gesagt, wenn das Zeug Lotten so gut gefällt, als es ihr steht, so wird unser Geschmack gelobt. Noch schick ichs nicht, denn gegen den blauen Ausschlag hab ich einzuwenden, dass er zu hart ist dass er gar nicht steht. Entweder das grüne das hier beyliegt oder Paille — und das letzte wäre mir am liebsten weil ich schon geweissagt habe Lotte wird einmal das gelbe lieben wie sies Rothe ietzt liebt. und da wär mirs angenehm es introduzirt zu haben. Schreiben Sie mir die Entschliessung. Nur kein Blau. Wenn sie zwischen zärtlichen Abschiedsträhnen, auch an mich denken kann so sagen Sie ihr ich sey noch hundertmal bey ihr. Dorthel Brandt ist fleissig erwähnt worden, auch Merkens Frau hat davon hören müssen. Sie sollen nur bald nach Friedberg kommen oder ich komme nach W. Grüßen Sie mir die schwarz-Augige. Uebrigens ist Wetzlar ganz ausgestorben für mich. Meinen lieben Bubens viel Grüsse. Viel Glück Hansen, und Ernsten gute Besserung. Dem Hrn. Amtmann empfelen Sie mich.

Goethe.

13.
Goethe an Kestner.

prs. W. 7. Oct. 72. (Frfrt.) Dienstags (6. Oct. 72.)

Morgen früh geht ab Cattun und gelehrte Zeitung, und für die Bubens Bilder, dass iedes was habe. Unsere Spektakels mit den Pfaffen werden täglich grösser. Sie prostituiren sich immer mehr und wir rencheriren drauf. Wollte ich sässe noch zu Lottens Füssen, und die Jungen krabbelten auf mir herum. Wie stehts im teutschen Haus, ist noch fried und einigkeit unter den Leuten. Lebt die Dorthel noch immer so fort. Wär ich jetzt in Wetzlar ich hätte der Lotte was zu vertrauen, wovon Sie nichts wissen dürfen. Adieu lieber Kestner, grüßen sie mir die Dorthel — den braven Kielmannsegg auch. Ists denn wahr daß ihr noch hundert Jahr in Wetzlar bleibt man sagt im Publiko, die Vis. (Visitation) ginge wieder bald zusammen endigte mit denen Suspensis, drauf rückte die zweyte Klasse ein, und Hannover bleibt da! — Es ist nicht des Reichs dass michs kümmert. Geben Sie die 4 fl. für Zeitung Bornen. Er soll auf Ordre sie bewahren.

Goethe.

14.
Goethe an Lotte.

prs. W. 9. Oct. 72.

Dank Ihrem guten Geist goldne Lotte, der sie trieb mir eine unerwartete Freude zu machen, und wenn er so schwarz wäre wie das Schicksaal, Danck ihm. heut eh ich zu Tisch ging, grüsst ich ihr bild herzlich, und bey Tisch — ich wunderte mich über den seltsamen Brief, brach ihn auf und steckt ihn weg. O liebe Lotte seit ich sie das erstemal sah, wie ist das alles so anders, es ist noch eben diese Blütenfarbe am Band, doch verschossner kommt mirs vor, als im Wagen, ist auch natürlich. Danck ihrem Herzen dass Sie mir noch so ein Geschenck machen können, ich wollt aber auch in die finstersten Hölen meines Verdrusses — Nein Lotte Sie bleiben mir, dafür geb ihnen der reiche im Himmel seiner schönsten früchte, und wem er sie auf Erden versagt dem lass er droben im Paradiese wo kühle Bäche fliessen zwischen Palmbäumen und Früchte drüber hängen wie Gold — indessen wollt ich wäre auf eine Stunde bey Ihnen.

Noch was, eh ich zu Bette gehe, unsre beyden Verliebten,[8] sind auf dem Gipfel der Glückseeligkeit. Der Vater ist unter höchst billigen Bedingungen zufrieden, und es hängt nun von Nebenbestimmungen ab. Gleichfalls liebe Lotte! Gute Nacht.

15.
Goethe an Kestner.

prs. W. d. 11. Oct. 72. Sonnabends.

Schreiben sie mir doch gleich wie sich die Nachrichten von Goué konfirmiren.[9] Ich ehre auch solche Taht, und bejammere die Menschheit und lass alle —kerle von Philistern Tobacksrauchs Betrachtungen drüber machen, und sagen: Da habt ihr’s. Ich hoffe nie meinen Freunden mit einer solchen Nachricht beschweerlich zu werden.

Unser Kattun, (sintemal auch der ins große Rad der Dinge gehört) Ist noch nicht ankommen. das wundert mich. Er ist gestern vor acht Tage, oder Dienstags vor acht Tage von hier abgangen. Es ist eine Rolle Cattun, Bilder und Zeitungen. Mein Bedienter ist eben auf die Post zu fragen ob er etwa hier liegen blieben ist.

Es war noch ein Zufall dabey. In benanndter Rolle sind nur zwey Ellen — Die dritte Kriegen Sie durch Bornen.

Wie hundertmal denck ich und Träum ich von vergangenen Scenen. Lotte, meine Jungens. Wir sind doch nur zwölf Stunden auseinander.

Sie versichern hier auf der fahrenden Post, daß die Rolle gestern als freytag acht Tage, nach Wetzlar abgegangen. Seyn Sie so gütig sich gleich zu erkundigen. Sie kommt im Krachbein an.

16.
Goethe an Kestner.

prs. W. 22. Oct. 72 von Franckfurt.

Hier ein Paar Blätter Goldeswerth. Kielmannseggen grüsst mir, sie werden ihn freuen. Der iunge Falck war gestern bey mir, ein muntrer iunger Mensch, wie ich sie liebe. Heute werd ich mit ihm spazieren gehn, und ihm Schlossern bekanndt machen.

Und Lotte — wenn ich ans friedberger Tohr komme ist mirs als müsst ich zu euch. Mir liegt schweer auf der Seele dass ich im Zank mit Sophien weggangen binn, ich hoffe sie hats vergessen und vergeben, wo nicht so bitt ich sie drum. Schreiben Sie doch wie ich ihr stehe. Und Ammalgen wie lebt das. Von Gottern bitt ich sie nähere deutlichere Nachricht, Ihre Briefstelle von ihm ist zu mystisch. Diese paar herrliche Tage haben wir Herbst gemacht. Und mehr an Lotten gedacht als sie an mich in einem Vierteljahr. Doch hoff ich mit der Zeit auch dieser Plage los zu werden.

17.
Goethe an Kestner.

prs. Wetzl. 28. Oct. 72.

Hier ist abermal Zeitung. Danck Ihnen für alle guten Nachrichten. Und Lotte oder Sie wer zuerst nach Atspach kommt wird in meinem Nahmen auch den lieben Leuten Glück wünschen. Wenn ihr wüsstet wie oft ich bey euch binn und wie noch — Manchmal steigt mir ein Zweifel auf und ich denke mir Lotten en Pannier, wie sie all sind — doch bald fällt sie mir wieder im blaugestreiften Nachtjack ein, und ihrer Ingenuen Güte die sie allein hat, und dann hoff ich in ihrer Seele nicht unter der grosen unbedeutenden Anzahl verlohren zu gehn. Falcken hab ich nicht wieder gesehen. Die Wirbel der Gesellschafftlichkeit hatten ihn verschlungen. Grüsen Sie mir Kielmannseggen viel. Ich wollte ihn an seinem Krankenbette besuchen. Der dritte Urteiler ist von denen Elenden die verdamdt sind in Finsterniss des Eigendünkels ihr leben zu verschleppen. Adieu Besorgungen sollen gemacht werden. Gotter ist ein schielender Mensch. Pfuy über die Stelle seines Briefs. Das ist eckelhafte unbedeutende Zweydeutigkeit. Sein gutes Herz — Ja die guten Herzen! Ich kenn das Pack auch.

18.
Goethe an Kestner.

Der unglückliche Jerusalem. Die Nachricht war mir schröcklich und unerwartet, es war grässlich zum angenehmsten Geschenck der Liebe diese Nachricht zur Beylage. Der unglückliche. Aber die Teufel, welches sind die schändlichen Menschen die nichts geniessen denn Spreu der Eitelkeit, und Götzenlust in ihrem Herzen haben, und Götzendienst predigen, und hemmen gute Natur, und übertreiben und verderben die Kräffte, sind schuld an diesem Unglück an unserm Unglück. hohle sie der Teufel ihr Bruder. Wenn der verfluchte Pfaff.... nicht schuld ist, so verzeih mirs Gott, dass ich ihm wünsche er möge den Hals brechen wie Eli. Der arme iunge! wenn ich zurückkam vom Spaziergang und er mir begegnete hinaus im Mondschein, sagt ich er ist verliebt. Lotte muss sich noch errinnern daß ich drüber lächelte. Gott weis die Einsamkeit hat sein Herz untergraben, und — seit sieben iahren[10] kenn ich die Gestalt, ich habe wenig mit ihm geredt, bey meiner Abreise nahm ich ihm ein Buch mit das will ich behalten und sein gedenken so lang ich lebe.

Dank euch ihr Kinder alle, das ist heilsamer herrlicher Trost, wenn ich euer Andenken seh, und eure Freude. Es war doch gut dass es so zusammen kam, leben und Todt, Trauer und freud. Wie anders wie anders als wie sich Goué solte erschossen haben. Lebt wohl Grüsst Lotten tausendmal. Wie glücklich seyd ihr.

19.
Aus Kestners Tagebuche.

Goethe’s Reise nach Wetzlar betr.

d. 6. Nov. 1772. Abends kamen zwey meiner Freunde aus Frankfurt an, der Rath Schlosser und Doctor Goethe; Ersterer wegen Geschäften, Letzterer um seine Freunde zu sehen.

d. 10. Nov. 1772. Schlosser und Goethe sind diesen Morgen nach Frankfurt zurückgereiset. Wir sind fast immer beysammen gewesen, welches mich etwas in meinen Geschäften zurückgesetzt hat.

20.
Goethe’s Schwester an Kestner.

prst. 7. Nov. 72.

Küssen Sie Ihr liebes Lottchen von meinetwegen, und sagen Sie ihr dass ich sie von ganzem Herzen liebe.

S. Goethe.

21.
Goethe an Kestner.

acc. 12. Nov. 72. Wetzl. (Friedberg d. 10. Nov. 72.)

Ich binn der rechte. Ausgeschickt auf eine Local Commission, phantasir ich übers Vergangene und zukünftige. Gestern Abend war ich noch bey euch und ietzo sitz ich im leidigen Friedberg und harre auf einen Steindecker, mit dem ich die Reparatur meines verwünschten Schlosses akkordiren will. Der Weg hierher ward mir sehr kurz, wie ihr denken könnt, und wie ich heut vom Cronprinzen hinauffuhr, und ich die Deutschhaus Mauern sah, und den Weeg den ich so hundertmal, und es dann rechts ein in die Schmidtgasse lenckte. Ich wollte ich hätte gestern Abend förmlich Abschied genommen, es war eben so viel und ich kam um einen Kuß zu kurz, den sie mir nicht hätte versagen können. Fast wär ich heute früh noch hingegangen, S. hielt mich ab, dafür spiel ich ihm nächstens einen Streich, denn ich will doch nicht allein leiden. Gewiß Kestner, es war Zeit dass ich gieng. Gestern Abend hatt ich rechte hängerliche und hängenswerthe Gedanken auf dem Canapee — —

Der Steindecker war da und ich binn so weit als vorher, und es ist ein Packet von meinem Vater ankommen darnach ich geschickt habe, das mag auch erbaulichs Zeug enthalten. Indessen binn ich doch wieder bey euch gewesen, und meine Seele ist noch bey euch und bey meinen Kleinen. Wenn der Mensch geboren wäre reine Freuden zu geniessen. —

Der Brief meines Vaters ist da, lieber Gott wenn ich einmal alt werde, soll ich dann auch so werden. Soll meine Seele nicht mehr hängen an dem was liebenswerth und gut ist. Sonderbar, dass da man glauben sollte ie älter der Mensch wird, desto freyer er werden sollte, von dem was irrdisch und klein ist. Er wird immer irrdischer und kleiner. — Sie sehen ich binn schön im Train zu radotiren, aber Gott weis es ist nichts anders als mich mit Ihnen zu beschäfftigen und zu vergessen, wer, wo, und was ich binn.

Schlosser kommt eben von einer Ambassade wieder, die Liebe giebt ihm die Protocolle ein, er inquirirte in die innersten Höllenwinkel, inzwischen bleibt alles wies ist, und wir richten mit laufen und treiben grade so viel aus, dass wir einer ansehnlichen Visitations Deputation nicht den Rang ablaufen.

Und wenn ich wieder denke wie ich von Wetzlar zurückkomme, so ganz über meine Hoffnung Liebempfangen geworden zu seyn; binn ich viel ruhig. Ich gestehs Ihnen es war mir halb angst, denn das Unglück ist mir schon oft wiederfahren. Ich kam mit ganzem, vollem, warmem Herzen, lieber Kestner da ists ein Höllenschmerz wenn man nicht empfangen wird wie man kommt. Aber so — Gott geb euch ein ganzes Leben wie mir die paar Tage waren.

Das Essen kommt, und Gute Nacht.

Noch einmal gute Nacht. Empfelen sie mich dem alten lieben Papa, und meinen Buben. Lotten erinnern Sie im Conzert an mich auch Dortelgen. Noch etwas. Lotte hat ein Meubel das ihr zu gros ist. Ich hab sie gebeten mir zu erlauben es in ein kleineres zu vertauschen schicken Sie mirs doch wohl eingepackt auf der fahrenden.[11]

22.
Goethe an Kestner.

acc. 14. Nov. 72. Wetzl. von Frankfurt.

Da ist deutsche Baukunst für Kielmannseggen und Sie.

Habt Ihr im Conzert meiner gedacht und wie gehts euch.

Von Friedberg haben Sie doch den erbaulichen Brief kriegt, ich schrieb ihn um meine Seele zu beschäfftigen, die sonst ungebärdig werden wollte. Von da binn ich nach Homburg, und habe wieder das Leben Lieb gewonnen, da das erscheinen solch eines Elenden, so trefflichen Geschöpfen Freude machen kann.

Adieu, ich ruhe hier aus, auf den Montag nach Darmstadt, den Mittwoch nach Mannheim. Wo ich die Freude hoffe mit der Frl. Baschle von Lotten zu schwäzen.

23.
Goethe an Kestner.

acc. 15. Nov. 72. Wetzl.

Euren lieben Andenkenvollen Brief hab ich heute kriegt, und muss nur wenigstens euch dagegen sagen wie viel michs freut, und wie lieb ich euch habe.

Lotte weis wohl dass sie sagen darf was sie will, ich armer Teufel binn immer im höchsten desavantage, demohngeachtet ist sie Lotte, und es bleibt beym alten.

Da ist ein Exempl. Baukunst für Falken. Wie stehts mit meinen Köpfen.[12] Treiben Sies ia. Wollten Sie wohl Wandrern sagen, ich habe mich nach Zwiefeln erkundigt, da mich die Liebhaber versichert es seye zu spät, müsse man im September sich drum umthun, die guten seyen all ausgelesen. Demohngeachtet hab ich zum Italiäner geschickt der mir aber sagen lassen, es seyn keine mehr vorhanden. denn um diese Zeit, treiben sie schon.

24.
Kestner an v. Hennings.

Wetzlar d. 18 November 1772.

Was denken Sie wohl von mir, lieber Hennings, das möchte ich diesen Augenblick gleich wissen. Ich will zwar keine Entschuldigungen machen, aber etwas das eben so viel ist, muß ich doch sagen.

Gerade den Abend vorher, als ich Ihren lieben letzten Brief bekam, sagte mir Lottchen, ich möchte doch wieder einmal an Sie schreiben, weil ich lange nichts von Ihnen gehört hätte, und ich hatte wirklich lange vor dieser Erinnerung schon zu einem recht langen Brief geschritten, und ihn schon angefangen. Da ich Ihnen aber in demselben einige merkwürdige Begebenheiten, welche seit ein paar Jahren nahe um mich vorgegangen waren, ausführlich erzählen wollte, und ich darin oft unterbrochen wurde, so wollte ich nur das Neueste davon erzählen. Dieß fing ich wiederum so weitläuftig an, daß ich auch damit so bald fertig zu werden nicht hoffen darf; daher will ich meinen Plan ändern und Ihnen davon nur das Hauptsächlichste (wie in Summarien) erzählen, um die Communication zwischen uns einmal wieder zu eröffnen.

Sie wollen mehr von meinem Mädchen hören, und ich schreibe Ihnen nur gar zu gerne davon, und habe Ihnen so viel davon zu sagen. Mein Mädchen ist mir von Jahren zu Jahren immer werther geworden. Ich brachte mit ihr und ihrer Mutter die Stunden, die ich dazu anwenden konnte, bis vor zwey Jahren recht glücklich und vergnügt zu. Wie und auf was Art, erzählte ich Ihnen gern, wenn es nicht zu weitläuftig wäre. Diesen Herbst vor zwey Jahren aber empfing unsere Ruhe einen empfindlichen Stoß. Die beste Mutter, die je gelebt, und wie sie die Phantasie nur schildern mag, ward krank und starb. Ich glaube ich habe es Ihnen noch nicht geschrieben. Aber eines Theils war ich es bisher nicht im Stande, theils wollte ich es Ihnen mit allen Umständen, die sehr merkwürdig sind, erzählen. Dießmal bemerke ich nur was dieser Tod auf Lottchen für einen Einfluß geübt hat. Sie empfand diesen Verlust in seiner ganzen Schwere. Er milderte auch ihre Munterkeit sehr und mußte es durch die Folge noch mehr thun; denn auf sie fiel das Loos, ihrer Mutter Stelle bey den Geschwistern zu ersetzen: natürlicher Weise eine wichtige Veränderung. Sie war erst 18 Jahre alt, und hat eine ältere Schwester, die niemals die Rechte der Erstgeburt vergab; allein daß Lottchen nur ihrer Mutter Stelle vertreten konnte, war so ausgemacht und so unzweifelhaft, daß nicht nur der Vater, sondern auch die ältere Schwester, und noch mehr die jüngern Geschwister, auch das Gesinde, ja die Fremden, stillschweigend und ohne Abrede, durch eine innerliche Ueberzeugung unbewußt getrieben, darin übereinstimmten. Und sie selbst fühlte ihre Bestimmung so sehr, daß sie das Amt von dem ersten Augenblick an übernahm, und mit einer solchen Zuverlässigkeit führte, als wenn eine förmliche Uebertragung, bey ihr aber ein überlegter Entschluß vorausgegangen und sie dazu von jeher bestimmt sey. An sie wandte sich alles, auf ihr Wort geschah alles, und jedes folgte ihrer Anordnung, ja ihrem Wink; und was das vornehmste war, es schien als wenn die Weisheit ihrer Mutter ihr zum Erbtheil geworden wäre. Bis diese Stunde hat sich solches erhalten; Sie ist die Stütze der Familie, die Liebe, die Achtung derer, die dazu gehören, und das Augenmerk derer, welche dahin kommen. — Ich sage Ihnen, es ist ein halbes Wunderwerk, ohngeachtet weder sie selbst, noch die Familie, es merkt, und jedes meynt es müßte so seyn.

Sie können denken wie diese Begebenheit bey mir ihren Werth vergrößert hat; und wenn ich vorher noch ihretwegen unentschlossen gewesen wäre, so hätte mich dieses, ohne den mindesten Zweifel übrig zu lassen, völlig entscheiden müssen; denn was vorhin meistens nur Hoffnung, nur Wahrscheinlichkeit, nur Keim, nur Anlage war, das ist jetzt sichtbare, unläugbare Gewißheit, das ist jetzt die reife Frucht und vollendete Vollkommenheit. Sie verstehen mich auch, wenn ich sage, daß diese Situation ihr nicht nur die Vollendung gegeben, sondern sie auch darin erhält, und sie vor den Abwegen bewahrt, wohin die Mädchen nur leicht gerathen, wenn sie Muße genug haben, in dem Putz, in dem zu vielen Bücherlesen, und in den anderen vermeyntlichen Vollkommenheiten, ihre Vorzüge zu suchen. Ein Mensch, deßen Urtheil von Erheblichkeit ist, gestand diesen Sommer, er hätte noch kein Frauenzimmer gefunden, daß so von den gewöhnlichen weiblichen Schwachheiten frey wäre &c. Wenn ich vor Ende dieses Briefes die Schilderung bekomme, welche er von Lottchen gemacht hat, will ich sie noch hersetzen.

Ob nun gleich die Last, welche in dieser Situation auf ihr ruht, wie leicht zu begreifen ist, leicht hindern könnte, daß ihr Werth dem nicht scharfsinnigen Auge verborgen bliebe, da sie nicht eigentlich eine sogenannte glänzende Beauté ist, nach dem gemeinen Sinne; mir ist sie’s; so bleibt sie doch immer das bezaubernde Mädchen, das Schaaren von Anbetern haben könnte, alte und junge, ernsthafte und lustige, Kluge und Dumme &c.

Sie weiß aber halb zu überzeugen, daß sie entweder in der Flucht oder in der Freundschaft ihr einziges Heil suchen müssen. Eines von diesen, als des merkwürdigsten, will ich doch erwähnen, weil er auf uns einen Einfluß behalten. Ein junger Mensch an Jahren (23), aber in Kenntnissen und Entwicklung seiner Seelenkräfte und seines Charakters schon ein Mann; ein ausserordentliches Genie und ein Mensch von Charakter, war hier, wie seine Familie glaubte, der Reichs-Praxis wegen, in der That aber um der Natur und der Wahrheit nachzuschleichen, und den Homer und Pindar zu studiren. Er hat nicht nöthig des Unterhaltes wegen zu studiren. Ganz von ohngefähr, nach langer Zeit seines Hierseyns, lernte er Lottchen kennen, und in ihr sein Ideal von einem vortrefflichen Mädchen; er sah sie in ihrer fröhlichen Gestalt, ward aber bald gewahr, daß dieses nicht ihre vorzüglichste Seite war; er lernte sie auch in ihrer häuslichen Situation kennen, und ward, mit einem Wort, ihr Verehrer. Es konnte ihm nicht lange unbekannt bleiben, daß sie ihm nichts als Freundschaft geben konnte, und ihr Betragen gegen ihn gab wiederum ein Muster ab. Dieser gleiche Geschmack, und da wir uns näher kennen lernten, knüpfte zwischen ihm und mir das festeste Band der Freundschaft, so daß er bey mir gleich auf meinen lieben Hennings folgt. Indessen, ob er gleich in Ansehung Lottchens alle Hoffnung aufgeben mußte, und auch aufgab, so konnte er, mit aller Philosophie und seinem natürlichen Stolze, so viel nicht über sich erhalten, daß er seine Neigung ganz bezwungen hätte. Und hat er solche Eigenschaften, die ihn einem Frauenzimmer, zumal einem empfindenden und das von Geschmack ist, gefährlich machen können: Allein Lottchen wußte ihn so zu behandeln, daß keine Hoffnung bey ihm aufkeimen konnte, und er sie, in ihrer Art zu verfahren, noch selbst bewundern mußte. Seine Ruhe litt sehr dabey; es gab mancherley merkwürdige Scenen, wobey Lottchen bey mir gewann, und er mir als Freund auch werther werden mußte, ich aber doch manchmal bey mir erstaunen mußte, wie die Liebe so gar wunderliche Geschöpfe selbst aus den stärcksten und sonst für sich selbstständigen Menschen machen kann. Meistens dauerte er mich und es entstanden bey mir innerliche Kämpfe, da ich auf der einen Seite dachte, ich möchte nicht im Stande seyn, Lottchen so glücklich zu machen, als er, auf der andern Seite aber den Gedanken nicht ausstehen konnte, sie zu verlieren. Letzteres gewann die Oberhand, und an Lottchen habe ich nicht einmal eine Ahndung von dergleichen Betrachtungen bemerken können. Kurz, er fieng nach einigen Monaten an, einzusehen, daß er zu seiner Ruhe Gewalt gebrauchen mußte. In einem Augenblicke, da er sich darüber völlig determinirt hatte, reisete er ohne Abschied davon, nachdem er schon öfters vergebliche Versuche zur Flucht gemacht hatte. Er ist zu Franckfurt und wir reden fleissig durch Briefe mit einander. Bald schrieb er, nunmehr seiner wieder mächtig zu seyn; gleich darauf fand ich wieder Veränderungen bey ihm. Kürzlich konnte er es doch nicht lassen, mit einem Freunde, der hier Geschäfte hatte, herüber zu kommen; er würde vielleicht noch hier seyn, wenn seines Begleiters Geschäfte nicht in einigen Tagen beendigt worden wären, und dieser gleiche Bewegungsgründe gehabt hätte, zurückzueilen: denn er folgt seiner nächsten Idee, und bekümmert sich nicht um die Folgen, und dieses fließt aus seinem Charakter, der ganz Original ist.

Inzwischen ist auch mein Vater gestorben, welches in seinen Folgen mich schon mehr mit den traurigen Beschwerden der Menschen bekannt gemacht hat und vielleicht noch mehr machen wird.

Damit Sie ferner wissen, wie es mit meinen geheimsten Angelegenheiten steht: Ich bin mit Lottchen in keiner weitern Verbindung, als worin ein ehrlicher Mann steht, wenn er einem Frauenzimmer den Vorzug vor allen übrigen giebt, sich mercken lässet, daß er ein gleiches von ihr wünscht und wenn sie solches thut, dieses nicht nur, sondern auch eine völlige Resignation von ihr annimmt. Dieses halte ich schon genug, um einen ehrlichen Mann zu binden, zumal wenn solches einige Jahre durch dauert. Indessen tritt bey mir noch hinzu, daß Lottchen und ich uns einander ausdrücklich erklärt haben, und es noch immer mit Vergnügen thun, ohne jedoch Schwüre oder Betheurungen hinzuzufügen. Auch habe ich schon längst ihrer seligen Mutter meine Absicht und Wunsch erklärt, inzwischen nicht verhehlt, daß ich noch Aeltern hätte, und eine geheime Verbindung nicht meine Absicht sey. Mit dem Vater habe ich noch nie eine Sylbe darüber gesprochen. Sie verlassen sich auf meine Ehrlichkeit, desfalls ich in einigem Ruf stehe, und sind ruhig, da Lottchen bisher noch zu jung und noch zu nöthig war.

Zu Haus habe ich kein Geheimniß aus meinem Umgang, noch aus dem Vorzuge, den ich Lottchen beylegte, gemacht, und zwar mit solchen Ausdrücken, daß sie meine Absicht errathen konnten. Man äusserte sich darüber nicht. Von meinem Vater versprach ich mir keine günstige Entschliessung und da ohnehin noch nicht Zeit war, ließ ich es dabey vorerst bewenden. Nachdem ich nun mit der Zeit endlich einmal einen Ernst daraus machen möchte, und von meiner Mutter mir gutes verspreche, so habe ich endlich auch meinen Wunsch und Absicht erklärt. Wir stehen darüber noch in Correspondenz. Es werde mir mancherley Umstände gemacht, besonders, daß ich zu Hause noch kein bestimmtes Emploi habe, daß Lottchen viele Geschwister und kein Vermögen hat. Ich habe diese Umstände aber wohl überlegt, und desfalls hinlängliche Auskunft gegeben; ohnehin wollte ich gegenwärtig nur den Schritt thun, daß ich Lottchen und ihren Vater wegen meiner Mutter Einwilligung benachrichtigen könnte. Vor der würklichen Heirath muß ich denn erst weitere Schritte wegen meines sichern Emploi thun, und was ich sonst desfalls überlegt habe. Ich hoffe nun bald schriftliche günstige Erklärung von meiner Mutter; indessen wird sie nicht ganz zufrieden seyn. Ich habe aber alles wohl überlegt und kann nicht anders. Mit dem Detail will ich Sie nicht aufhalten. Hätte ich nur erst eine gewisse Stelle, so sollte sich alles schon geben. Die Visitation scheint noch einige Zeit fortzudauern, und ich werde aushalten müssen. Man muß erwarten, was der Himmel fügt.

Leben Sie wohl, mein Bester; Erzählen Sie nur auch bald etwas von Ihnen.

K.

d. 28 Nov. 72.

25.
Goethe an Kestner.

acc. Wetzl. 21. Nov. 72.

In Darmstat binn ich, nach Manheim werd ich nicht kommen, eben da wir abreisen wollten, trat Merken eine Verhinderung dazwischen, wer ein Amt hat muss leider sein warten. Dass wir nur wieder einmal beysammen sind, freut uns so, tuht uns so wohl, dass ich allein nicht weiter mag. Adressiren Sie mir Ihre Briefe grad hierher, und schicken Sie mir doch die Nachricht von Jerusalems Todte. Ohne Zweifel haben Sie mir schon nach Frkfurt geschrieben, biss ich das aber her kriege währt so lang. Ich habe heut früh mit der Flachsland, viel von Lotten und euch geredet und meinen lieben Bubens. Merck grüsst euch, und sein Weib und Henry. Grüsst mir sie alle, meine Seele ist oft bey euch, Adieu.

Goethe.

26.
Goethe’s Schwester an Kestner.

Samstag den 21. Nov. 72.

Ich habe Ihren Brief meinem Bruder nach Darmstadt geschickt, mein Herr, dencken Sie nur er ist schon seit am Montag weg, und hat noch kein Wort von sich hören lassen, ist das nicht zu arg. — aber so macht er’s, Sie werdens auch schon an ihm gewohnt seyn.

Ehe mein Bruder von hier weggieng hat er mir eifrigst aufgetragen einige Liedgen vor Ihr liebes Lottchen abzuschreiben, weil es aber nur ein paar sind, so wollte ich fragen, ob ihr nicht seit der Zeit etwa noch eins eingefallen wäre, das sie gern haben mögte — Wenn aber das nicht ist, so schreiben Sie mir ob sie den Marsch aus den zwey Geizigen hat, sonst will ich den noch mit beyfügen, die Melodie ist gar angenehm. Wollen Sie so gütig seyn, mein Herr, und mich dem ganzen Puffischen Haus empfehlen, aber recht freundschaftlich, und wenn Sie das recht schön ausrichten, so verspreche ich Ihnen, dass ich auf einandermahl den Herrn weglassen, und Freund an seine Stelle sezen will.

G.

27.
Goethe’s Schwester an Kestner.

Mittwoch den 25. Nov. (1772.)

Lottchen muß mit meiner schlechten Schreiberey vorlieb nehmen, wie ich die Noten schrieb, dachte ich nicht an die Worte, die drunter kommen sollten, und da ists denn so ausgefallen, doch hoffe ich dass es leserlich seyn wird.

Ich danke Ihnen, lieber Freund, für die Nachricht von meinem Bruder, biss jetzt ist er noch immer stumm gegen uns — dass Sie nicht nach Manheim gehen, hat er die vorige Woche Netten zu meinem Trost geschrieben, weil er versprochen hatte mich mit zu nehmen. Erinnern Sie sich noch der guten Mädgen, mein Freund, die wir die vergangene Messe zusammen besuchten, sie lassen sich alle Lottchen und Ihnen empfehlen, und bitten sehr, dass Sie beyderseits uns doch bald besuchen mögen; biss dahin aber dencken Sie so offt an uns, als wir an Sie dencken.

G.