„Unsere Feinde werden, nachdem die Verführung Italiens zum Treubruch gelungen ist, alles daransetzen, um die Balkanstaaten, insbesondere Rumänien und Bulgarien, zum Eingreifen gegen uns zu bringen und dadurch gleichzeitig der Türkei das Ausharren an unserer Seite unmöglich zu machen. Das Gelingen dieser Bemühungen würde sofort die militärische Aufgabe aufs äußerste erschweren: das österreichisch-ungarische Staatsgebiet wäre nicht nur im Norden gegen die Russen und im Südwesten gegen die Italiener, sondern im weiten Bogen auch im Osten und Süden gegen die neuen Balkanarmeen zu verteidigen, während gleichzeitig die Öffnung der Dardanellen gestatten würde, den Russen und Rumänen Kriegsmaterial und eventuell Hilfstruppen in unbeschränkten Mengen zuzuführen.
„Es ist also nicht nur ein politisches, sondern auch ein militärisches Lebensinteresse, daß der Übertritt Rumäniens und Bulgariens in das Lager unserer Feinde verhindert wird.
„Ein solches Verhindern ist heute durch das Mittel bloßer Versprechungen oder auch sofortiger effektiver Zugeständnisse nicht mehr möglich. Versprechungen sind nach dem Treubruche Italiens noch stärker im Kurs gesunken, als sie es bereits waren; außerdem sind unsere Gegner in der Lage, alle unsere und Österreich-Ungarns Versprechungen zu übertrumpfen. Sofortige effektive Zugeständnisse könnten nur gegenüber Rumänien in Betracht kommen (Bukowina, Siebenbürgen); aber der Appetit der Rumänen geht heute bereits so weit, daß er nicht befriedigt werden kann; irgendwelche Anerbietungen würden also nur eine Einladung zur Chantage sein und als Zeichen der Schwäche aufgefaßt werden und so die zu vermeidende Entwicklung vielleicht noch beschleunigen.
„Sowohl Rumänien wie auch Bulgarien werden sich unter diesen Umständen in ihrem Verhalten nur durch positive Ereignisse und Handlungen bestimmen lassen. Dabei wird das Verhalten der beiden Balkanstaaten sich gegenseitig beeinflussen: ein Vorgehen Rumäniens gegen uns wird der russenfreundlichen Partei in Sofia Oberwasser geben, während umgekehrt die Furcht vor einem Vorgehen Bulgariens an unserer Seite die Russenfreundschaft und Kriegslust Rumäniens dämpfen würde.
„Frage: Was hat zu geschehen:
1. um Rumänien von dem Eingreifen uns gegenüber zurückzuhalten?
2. um Bulgarien zu einem Eingreifen an unserer Seite zu veranlassen?
„ad 1. Bei dem nahezu sicheren Versagen aller Versprechungen und Zugeständnisse bleibt uns — außer der unter 2. zu besprechenden Sicherung über Bulgarien — nur der militärische Druck; wenn wir in der Lage sind, den Rumänen zu sagen: sobald ihr euch rührt, schlagen wir zu, ist die Situation gewonnen. Erscheinen wir den Rumänen gegenüber als die Stärkeren und Fordernden statt als die Schwachen und Bittenden, so wird der Mut der Rumänen sich verflüchtigen; und selbst, wenn wir dann zum Losschlagen gegen Rumänien gezwungen sein sollten, können wir als Angreifer mit großer Sicherheit auf ein Mitgehen Bulgariens rechnen, während wir als schwache Angegriffene auch Bulgarien auf der andern Seite sehen würden.
„Die Frage ad 1 kommt also darauf hinaus: Können unsere Armeen in Galizien und der Bukowina jetzt schon eine den sofortigen Einmarsch in die Moldau gestattende Gruppierung erfahren?
„ad 2: Auch Bulgarien gegenüber wird mit Versprechungen allein (Mazedonien, Dobrudscha usw.) nichts auszurichten sein. Immerhin kann Bulgarien vielleicht stark beeindruckt werden durch den Hinweis auf die großen, vom Dreiverband den Rumänen gemachten Versprechungen (Ungarn bis zur Theiß), wodurch Rumänien endgültig die Vorherrschaft auf dem Balkan gewinnen würde. Sichere Wirkung ist aber auch bei den Bulgaren nur durch Handlungen zu erreichen. In erster Linie steht hier der Angriff auf den Negotiner Donauzipfel; hier ist die geographische Entfernung am kürzesten, und ein Losschlagen gegen Serbien würde den Bulgaren wegen Mazedonien eher liegen als ein Losschlagen gegen Rumänien im Falle unseres Einrückens in der Moldau. Eine Aktion gegen den Negotiner Zipfel würde freilich die Bulgaren nur dann mit Sicherheit zum Losschlagen an unsere Seite bringen, wenn unsere Aktion raschen Erfolg aufweisen oder wenigstens von vornherein durch das Einsetzen ausreichend starker Kräfte den Erfolg sichern würde.
„Als wirksamstes Mittel, eine gegen uns gerichtete Balkankombination im Keim zu zerstören und Bulgarien zum Eingreifen an unserer Seite zu veranlassen, erscheint also nach wie vor eine ausreichend starke Aktion gegen den Negotiner Zipfel.
„An zweiter Stelle steht eine Gruppierung unserer Truppen in Galizien und der Bukowina, die in der kürzesten Zeit uns gestatten würde, einen starken Druck auf Rumänien auszuüben, nicht nur nach der negativen Seite des Stillhaltens hin, sondern auch nach der positiven Seite des Durchlassens von Munition usw. nach Bulgarien und der Türkei.
„Geschieht nicht in der allernächsten Zeit entweder das eine oder das andere, dann ist zu befürchten, daß trotz des schönsten Fortgangs unserer Operationen in Galizien der ganze Balkan gegen uns geht und die Türkei zur Kapitulation gezwungen wird. Dann wären die Früchte des galizischen Sieges verloren und alle die großen Opfer umsonst gebracht.
„Es ist also zwingend notwendig, auf das gewissenhafteste und sorgfältigste zu überlegen, wie der Fortgang der galizischen Operation — und natürlich auch die Verteidigung gegen den italienischen Angriff — mit den unter 1 und 2 angeführten Aktionen in Einklang gebracht werden kann. Diese zwingende Notwendigkeit ist nicht nur eine politische; denn die politischen Entwicklungen von heute setzen sich morgen in militärische Zwangslagen um[1].“
Der Kanzler schloß sich meiner Auffassung an. Im Großen Hauptquartier jedoch stellte man die Ausnutzung des galizischen Sieges bis zur äußersten Möglichkeit über alle andern Erwägungen.
Während unsere Armeen in Galizien neue Siege errangen, Lemberg befreiten und weiter gegen Osten vordrangen, blieb die Balkanlage im Schwebezustand. Bulgarien suchte sich mit der Türkei direkt zu verständigen; aber die Sondierung, ob die Türkei bereit sei, den Bulgaren Adrianopel und die Grenze Enos-Midia zuzugestehen, stieß in Konstantinopel, trotz der bedrängten Lage der Dardanellen, auf entrüstete Ablehnung. Insbesondere Enver Pascha, der Wiedereroberer Adrianopels, konnte sich mit der Herausgabe dieser Festung nicht abfinden. Djavid Bey, mit dem ich in jener Zeit über die Deckung des türkischen Geldbedarfs verhandelte, sagte mir am 1. Juli, die Herausgabe von Adrianopel sei gänzlich ausgeschlossen, deutete aber an, daß die Maritza als Grenze möglich sei. Das war eine Grundlage für die diplomatische Verständigung; aber gleichzeitig wurde auch immer deutlicher, daß ohne eine militärische Aktion unsererseits auf dem Balkan Bulgarien nicht zum Marschieren zu bringen war.
Wieder trat in jener Zeit eine Pause auf dem galizischen Kriegstheater ein. Die Offensive nach Osten hatte sich ausgewirkt. „Die Lage ist unverändert“ lautete fast Tag für Tag der Heeresbericht über den südöstlichen Kriegsschauplatz. Aber auch jetzt konnte sich die Oberste Heeresleitung nicht entschließen, sich dem Balkan zuzuwenden. Das große Kesseltreiben gegen Polen von Norden und Süden her war bereits in Vorbereitung. Falkenhayn vertröstete den Kanzler auf die Beendigung dieser Aktion.
Der glänzende Feldzug in Polen füllte den Juli und August. Mit Hängen und Würgen hielten die Türken die Dardanellen, während in Sofia der Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, unterstützt von dem Gesandten Grafen Oberndorff und Herrn von Rosenberg vom Auswärtigen Amt, mit König Ferdinand und seiner Regierung, im Großen Hauptquartier der General von Falkenhayn mit den bulgarischen Militärs über die politischen und militärischen Bedingungen des Zusammenschlusses verhandelten, nachdem unter unserer Mitwirkung eine Einigung zwischen Bulgarien und der Türkei zustandegekommen war, die den Türken Adrianopel beließ, den Bulgaren aber die Maritza mit einem Geländestreifen auf dem östlichen Ufer zurückgab.
Den Bulgaren wurde ferner das bulgarische Mazedonien sowie das östliche Serbien bis zur Morawa zugesagt. Ihre Ansprüche auf das griechische Gebiet von Drama, Serres und Cavalla sollten nur dann praktisch werden, wenn Griechenland von seiner Neutralität zu Kriegshandlungen gegen unsern Verband übergehen sollte. Dafür behielten sich die Türken vor, im Falle einer bulgarischen Gebietserweiterung auf Kosten Griechenlands die jetzt von ihnen abzutretenden Gebiete von Bulgarien zurückzuverlangen.
Die Entente hat nicht vermocht, so lange wir ihr auch notgedrungen Zeit lassen mußten und so sehr sie alle diplomatischen Künste spielen ließ, den Anschluß Bulgariens an die Mittelmächte zu verhindern. Zwar war der griechische Ministerpräsident bereit, der Entente über den Kopf seines Königs hinaus einen großen Trumpf in die Hand zu geben, indem er zugunsten Bulgariens auf Serres, Drama und Cavalla gegen Entschädigung durch Smyrna und andere von Griechen bevölkerte Teile Kleinasiens verzichten wollte. Aber Serbien sperrte sich gegen die Ausdehnung der von den Westmächten in Mazedonien gewünschten Konzessionen; und den großen Trumpf, Konstantinopel, der bei den Bulgaren sicher gestochen hätte, wagte man in Rücksicht auf Rußland nicht auszuspielen. So gewannen die Mittelmächte das Übergewicht.
Am 7. September konnten in Sofia alle Verträge unterzeichnet werden. Die Vorbereitungen für die gemeinschaftliche Aktion gegen Serbien wurden sofort eingeleitet.
Am 20. September donnerten zum ersten Male wieder seit langer Zeit an der serbischen Donau die Kanonen. Belgrad und Semendria wurden aus österreichischen und deutschen Geschützen beschossen. Es war nur ein Auftakt. Der wirkliche Angriff begann erst am 6. Oktober.
Vorher aber machte die Entente einen heroischen Versuch, auf der Westfront die Entscheidung des Krieges zu erzwingen.
Am 25. September 1915 meldete der deutsche Heeresbericht:
„Auf der ganzen Front vom Meere bis zu den Vogesen nahm das feindliche Feuer an Stärke zu und steigerte sich östlich von Ypern zwischen dem Kanal von La Bassée und Arras sowie in der Champagne von Prosnes bis zu den Argonnen zu äußerster Heftigkeit. Die nach der zum Teil 15stündigen stärksten Feuervorbereitung zu erwartenden Angriffe haben begonnen.“
Was mit dieser Generaloffensive erreicht werden sollte, besagte ein Armeebefehl des Generals Joffre vom 14. September, in dem es hieß:
„Auf dem französischen Kriegsschauplatz zum Angriff zu schreiten, ist für uns eine Notwendigkeit, um die Deutschen aus Frankreich zu verjagen. Wir werden sowohl unsere seit zwölf Monaten unterjochten Volksgenossen befreien, als auch dem Feinde den wertvollen Besitz unserer besetzten Gebiete entreißen. Außerdem wird ein glänzender Sieg über die Deutschen die neutralen Völker bestimmen, sich zu unsern Gunsten zu entscheiden, und den Feind zwingen, sein Vorgehen gegen die russische Armee zu verlangsamen... Der gegenwärtige Zeitpunkt ist für einen allgemeinen Angriff besonders günstig. Einerseits haben die Kitchener-Armeen ihre Landung in Frankreich beendet, und andererseits haben die Deutschen noch im letzten Monat von unserer Front Kräfte weggezogen, um sie an der russischen Front zu verwenden. Die Deutschen haben nur sehr dürftige Reserven hinter der dünnen Linie ihrer Grabenstellung... Es wird sich für alle Truppen, die angreifen, nicht nur darum handeln, die ersten feindlichen Gräben wegzunehmen, sondern ohne Ruhe Tag und Nacht durchzustoßen über die zweite und dritte Linie bis in das freie Gelände. Die ganze Kavallerie wird an diesen Angriffen teilnehmen, um den Erfolg mit weitem Abstand vor der Infanterie auszunutzen.“
Südwestlich von Lille, in der Gegend von Loos, erzielten die Engländer, in der Champagne die Franzosen ansehnliche Anfangserfolge. In der Champagne verloren wir die ganzen ersten Stellungen des III. Armeekorps, viele Gefangene und viele Geschütze. Aber weder im Artois noch in der Champagne erreichten die Feinde den Durchbruch. Es gelang uns, ausreichende Reserven heranzuführen und die Einbruchsstellen abzuriegeln. Die schweren Angriffe dauerten mit kurzen Unterbrechungen bis in die zweite Oktoberhälfte hinein, ohne unsern Feinden mehr zu bringen als unbedeutende lokale Geländegewinne.
Während Engländer, Belgier und Franzosen in diesen gewaltigen Anstürmen ihre Kräfte nutzlos erschöpften, kamen auf dem Balkan die Ereignisse ins Rollen.
Bulgarien mobilisierte. Rußland, unterstützt von Frankreich, stellte am 4. Oktober ein Ultimatum. Am 7. Oktober war der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Bulgarien und den Ententemächten vollzogen.
In den Tagen des letzten und stärksten Druckes auf Bulgarien bemächtigte sich die Entente des Hafens von Saloniki als Operationsbasis. Am 5. Oktober landete sie dort Truppen, angeblich auf Grund einer Aufforderung des Ministerpräsidenten Venizelos. Am gleichen Tage gab Venizelos seine Entlassung, nachdem ihm der für die unbedingte Aufrechterhaltung der Neutralität eintretende König erklärt hatte, „er könne der Politik seines Kabinetts nicht bis zu Ende folgen“. Die Besetzung von Saloniki wurde von der Entente durchgeführt und aufrechterhalten gegen den formellen Protest der griechischen Regierung.
Am 6. Oktober überschritten deutsche und österreichisch-ungarische Truppen an verschiedenen Stellen die serbischen Grenzflüsse Drina, Sawe und Donau. Zwei Tage später wurde Belgrad genommen. Semendria folgte. Der Vormarsch ins Innere Serbiens begann. Am 15. Oktober griff Bulgarien ein. Zehn Tage später war an der Donau die Verbindung zwischen den Truppen der Mittelmächte und Bulgariens hergestellt; der Donauweg war endlich frei. Am 6. November fiel die serbische Festung Nisch; die Eroberung des alten Serbien war damit abgeschlossen. Vier Wochen darauf wurde Monastir genommen. Mitte Dezember war Alt- und Neuserbien in den Händen der deutschen, österreichischen und bulgarischen Truppen. Mitte Januar 1916 besetzten die Österreicher die montenegrinische Hauptstadt. Wenige Tage später streckte Montenegro die Waffen. Der Abzug der Ententetruppen von den Dardanellen setzte das Siegel unter diese Ereignisse.
Aber es blieb die Ententebasis in Saloniki als Pfahl im Fleisch, und nördlich der Donau verharrte Rumänien in dauerndem Abwarten.
Ich halte es für einen der schwersten und verhängnisvollsten Fehler, die von unserer Seite während des Krieges gemacht worden sind, daß wir, ehe wir auf dem Balkan ganze Arbeit getan hatten, uns mit unserer Hauptmacht wieder dem westlichen Kriegsschauplatz zuwendeten, um dort den Versuch zu machen, mit Verdun den wichtigsten Schulterpunkt des feindlichen Stellungssystems zu brechen.
Über die Gründe für diesen Entschluß und über die Art und Weise, wie er zustandegekommen ist, habe ich niemals volle Klarheit bekommen können. Die Vorbereitungen der Aktion gegen Verdun wurden mit solcher Heimlichkeit betrieben, daß es im Februar, kurz vor Beginn unserer Operationen, zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem General von Falkenhayn und dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg gekommen ist, weil letzterer außer dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts auch mich in den Plan eingeweiht hatte.
Ich selbst hatte am Neujahrstag 1916 Gelegenheit zu einer längeren Unterhaltung mit dem General von Falkenhayn in seinem Amtszimmer im Berliner Kriegsministerium. Von Verdun und einer größeren Offensive in Frankreich erwähnte er nichts; Hauptgegenstand unserer Unterhaltung war vielmehr die Aufnahme des uneingeschränkten U-Bootkrieges, von der Falkenhayn, gestützt auf das Urteil des Admiralstabs, ein baldiges Ende des Krieges erwartete, während ich Zweifel gegen die Berechnung des Admiralstabs geltend machte. Meinerseits wies ich darauf hin, daß die Balkansituation einer weiteren Klärung bedürfe. Insbesondere müßten wir uns vergewissern, wie wir mit Rumänien daran seien. „Nur wenn Sie der Donna Rumania den Arm fest um die Taille legen, wird sie sich entschließen, mit uns zu tanzen.“ Falkenhayn antwortete: „Sie gehören wohl auch zu den Leuten, die meinen, ich müßte nach Kiew marschieren?“ Ich antwortete, daß Kiew mir Hekuba sei, daß es mir vielmehr einzig und allein auf Rumänien ankomme, das wir nicht als ganz unsicheren Kantonisten im Rücken behalten dürften.
Am 23. Februar 1916 begannen, infolge des für die Artillerievorbereitung unmöglichen Wetters einige Tage später, als ursprünglich geplant, unsere Operationen gegen Verdun. Bereits zwei Tage später nahmen unsere Truppen das hochgelegene Fort Douaumont, den wichtigen Nordpfeiler der Außenbefestigungen von Verdun. Wir schienen den Erfolg in den Händen zu haben. Bei den Franzosen herrschte die schwerste Besorgnis; die Befehle zur Räumung der Stadt und des rechten Maasufers sollen damals gegeben, aber gleich darauf widerrufen worden sein. Während wir mit unserer schweren Artillerie nur langsam vorwärts kamen, verstärkte sich der französische Widerstand. Monatelang wogte der Kampf auf den Höhen und in den Schluchten rechts und links der Maas hin und her, ohne eine Entscheidung zu bringen. Die Verluste auf beiden Seiten waren gewaltig. Unsere Heeresleitung suchte sich und andere damit zu trösten, daß die französischen Verluste noch erheblich größer seien als die unsrigen, ja daß dieses „Ausbluten der Franzosen im Sack von Verdun“ wichtiger sei als der Besitz der Festung selbst. Niemandem war bei diesem Troste wohl.
Gegen die Mitte des Jahres lief sich die Verdun-Offensive tot. Andere Kampfhandlungen von riesenhaftem Ausmaß, für die unsere Gegner die Initiative ergriffen, übertönten den verhallenden Kanonendonner an der Maas.
Mitte Mai hatten die Österreicher nach großen Vorbereitungen in Südtirol gegen die Italiener, die in den zwölf Monaten seit ihrer Kriegserklärung so gut wie nichts erreicht hatten, eine Offensive begonnen. Der Angriff entwickelte sich gut. Ende Mai waren die wichtigen befestigten Plätze Asiago und Arsiero in den Händen der Österreicher. Der Austritt in die Po-Ebene schien gesichert.
Da führte das russische Heer vom 5. Juni an auf der ganzen Front zwischen dem Pruth und dem Styrknie wuchtige Stöße gegen die nicht sehr starken österreichischen Linien. Sie schlugen eine weite und tiefe Bresche. Die wolhynischen Festungen fielen. Czernowitz und die Bukowina wurden wieder preisgegeben. Hunderttausende von Gefangenen und ungezähltes Material geriet in die Hand der Russen, die über die Leichtigkeit, mit der sie diesen großen Erfolg errangen, vielleicht selbst am meisten erstaunt waren.
Die Österreicher waren gezwungen, die wankende Front mit allen Mitteln zu stützen. Die so vielversprechende Offensive gegen Italien wurde aufgegeben, um Truppen für den bedrohten Osten freizubekommen. Die Italiener konnten zu Gegenangriffen übergehen. Gegen Ende Juni mußten die Österreicher ihre Südtiroler Front zurücknehmen; am Isonzo mußten sie vor den erneut einsetzenden Offensivstößen der Italiener sich auf die Höhen östlich des Flusses zurückziehen und Görz preisgeben. Auch vom nördlichen Teil der russischen Front, den Hindenburg kommandierte, wurden Verstärkungen auf Verstärkungen nach dem Süden abgegeben, obwohl auch im Norden russische Angriffe begannen. Ja es wurden einige türkische Divisionen an der galizischen Front eingesetzt.
Die schweren Kämpfe an der Ostfront waren noch in vollem Gange, als die Ententeheere am 1. Juli im Westen zu einem alle bisherigen Offensivstöße weit übertreffenden Angriff ansetzten. „In einer Breite von 40 Kilometern,“ so berichtete unser Großes Hauptquartier am 2. Juli, „begann gestern der seit vielen Monaten mit unbeschränkten Mitteln vorbereitete englisch-französische Massenangriff nach siebentägiger stärkster Artillerie- und Gasvorbereitung auf beiden Ufern der Somme sowie des Ancrebaches.“ Von diesem Tage an waren unsere Truppen fünf volle Monate hindurch den wütenden Anstürmen der Engländer und Franzosen ohne Unterbrechung ausgesetzt. Der Feind hatte die starke Überlegenheit in der Zahl der Kämpfenden. Er hatte eine noch weit größere Überlegenheit im Material aller Art; denn die Industrie nahezu der ganzen Welt arbeitete für ihn. Es ist eine kaum faßliche Leistung unserer Feldgrauen, daß sie, unaufhörlich überschüttet vom dichtesten Eisenhagel, in kaum aussetzenden Nahkämpfen mit der in unerschöpflichen Wellen anstürmenden weißen und farbigen Übermacht die eiserne Kette hielten und nur Schritt für Schritt dem ungeheuren Druck Raum gaben. Es ging fast über menschliche Kraft, aber es wurde durchgehalten.
In der Zeit der schärfsten Zuspitzung der militärischen Lage, als zu dem russischen Vorstoß die französisch-englischen Angriffe hinzukamen, weilte ich bei dem Feldmarschall von Hindenburg in Kowno. Ich hatte Gelegenheit, mit Hindenburg und seinen Offizieren die politische und militärische Lage eingehend zu besprechen. Der Eindruck, den ich gewann, war erschütternd. Hindenburg sagte mir am Abend des 3. Juli: „Wir haben hier oben im Norden überhaupt nur noch eine durchsichtige Kattunschürze. Ich habe, um das Loch bei den Österreichern zuzustopfen, alles weggegeben, was ich entbehren kann, und mehr als das. Es blieb mir nichts anderes übrig. Aber was ich weggegeben habe, sehe ich nicht wieder. Nun greift der Russe hier oben bei uns an, ich weiß nicht, was werden soll.“ Seine Mitarbeiter wurden deutlicher. Die verhängnisvollen Nachteile des Mangels eines einheitlichen Oberbefehls über die Ostfront mußte auch dem Laien einleuchten. Meine Zweifel an der Richtigkeit der im Osten befolgten Strategie, die ich seit den Monaten Mai und Juni mit mir herumtrug, fand ich bestärkt. Wir standen vom Rigaer Busen bis zur rumänischen Grenze in einer weit auseinandergezogenen, wohl mehr als zwölfhundert Kilometer langen Front, die in ihren überwiegenden Teilen eines jeden natürlichen Schutzes entbehrte und gegen energische Offensivstöße einer an einem beliebigen Punkt zusammengeballten Macht kaum zu halten war. Im Westen hatten wir unsere beste Kraft in der Verdun-Offensive eingesetzt; nicht nur war es uns nicht gelungen, die große Schulterfestung zu bezwingen, auch der angebliche Erfolg des Ausblutens der Franzosen wurde durch die jetzt beginnende Somme-Offensive als Täuschung erwiesen. Dazu im Hintergrund die rumänische Gefahr, die durch den Zusammenbruch des Rumänien zunächst gelegenen österreichischen Frontteiles nahezu automatisch ausgelöst werden mußte.
Das dringendste Erfordernis der Stunde erschien mir die Vereinheitlichung des Oberbefehls über die gesamte Ostfront. In diesem Sinne telephonierte ich noch vom Osten aus am 4. Juli mit dem Reichskanzler.
Als ich am Sonntag, 9. Juli, nach Berlin zurückkehrte, schilderte ich dem Kanzler mündlich auf das Eindringlichste meine Wahrnehmungen und Eindrücke. Der Kanzler hatte, wie mir bekannt war, schon in einem früheren Stadium des Krieges und auch späterhin wiederholt die Frage des Oberbefehls aus dem Zweifel heraus, ob der General von Falkenhayn der richtige Mann an diesem Platze sei, zur Sprache gebracht. Die militärischen Berater des Kaisers hatten jedoch damals mit Entschiedenheit an General von Falkenhayn festgehalten. Der Kanzler erzählte mir jetzt, daß der Kronprinz von Bayern neuerdings an den Grafen Lerchenfeld, der diesen kurz zuvor im Gefolge des Königs von Bayern in seinem Hauptquartier besucht hatte, einen Brief mit den heftigsten Vorwürfen gegen die Oberste Heeresleitung geschrieben habe. Auch andere hohe Offiziere seien jetzt zu der Ansicht gekommen, daß die Oberste Heeresleitung in ihrer derzeitigen Zusammensetzung den Schwierigkeiten der Lage nicht gewachsen sei. Der Kanzler hatte inzwischen bereits die Übertragung des Oberbefehls über die gesamte Ostfront einschließlich der österreichisch-ungarischen Truppen an den Feldmarschall von Hindenburg verlangt. Der Chef des Generalstabs der österreichisch-ungarischen Armee Conrad von Hötzendorff war alsbald mit dem Antrag befaßt worden, hatte aber zunächst abgelehnt. Einige Tage später hörte ich, daß der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza sich entschieden für die Übertragung des Oberbefehls an Hindenburg ausgesprochen habe. Am 18. Juli waren die Generale Conrad von Hötzendorff, von Falkenhayn und Ludendorff zur Besprechung der Angelegenheit in Berlin; eine Einigung kam nicht zustande.
Ich war in den folgenden Tagen in München und Stuttgart. Sowohl der König von Bayern wie der König von Württemberg sprachen sich mir gegenüber aus eigener Initiative dafür aus, daß in der ungemein ernsten Lage auf den Feldmarschall von Hindenburg zurückgegriffen werden müsse. Der württembergische Ministerpräsident von Weizsäcker, dessen ruhiges und klares Urteil ich immer besonders schätzte, flehte mich geradezu an, der Kanzler müsse dem Kaiser die Augen öffnen. Weder Kaiser noch Reich könnten einen ernsten Rückschlag ertragen, wenn Hindenburgs Genie und Ansehen nicht voll in Wirksamkeit gesetzt werde.
Als ich nach Berlin zurückkam, lagen dort geradezu verzweifelte Berichte aus Wien vor. Auch Graf Andrassy, der gerade in Berlin anwesend war, erkannte an, daß die Zeit der Eitelkeiten und Rivalitäten vorbei sei und nur der einheitliche Oberbefehl Hindenburgs die Lage retten könne. Dazu kamen Nachrichten aus Rumänien, die darauf schließen ließen, daß Bratianu sich der Entente gegenüber zum Eingreifen unter gewissen Bedingungen verpflichtet habe, und daß der König zu schwach sei, um Widerstand zu leisten. Der Kanzler bestand telegraphisch auf der schleunigen Übertragung des Oberbefehls über die gesamte Ostfront an Hindenburg und reiste am 25. Juli selbst nach dem Großen Hauptquartier, um die Sache unter allen Umständen in Ordnung zu bringen. Am 2. August wurde denn auch amtlich publiziert: „Unter Generalfeldmarschall von Hindenburg wurden mehrere Heeresgruppen der Verbündeten zu einheitlicher Verwendung nach Vereinbarung der beiden Obersten Heeresleitungen zusammengefaßt.“ Hindenburg hatte, wie mir der Kanzler nach seiner Rückkehr aus dem Hauptquartier erzählte, mit dieser Lösung, die ihm den Oberbefehl über die Ostfront von Kurland bis zu den Karpathen, einschließlich der österreichisch-ungarischen Armee gab, sich befriedigt und weiteres als zur Zeit unerwünscht erklärt.
Es kam jedoch bald zu ernsten Reibungen zwischen dem neuen Obersten Befehlshaber der Ostarmee und dem Chef des Generalstabs des Feldheeres, die sich auf die Frage „Falkenhayn oder Hindenburg?“ zuspitzten. Der Kanzler trat in Konsequenz seiner früheren Stellungnahme mit großer Entschiedenheit für die Ersetzung Falkenhayns durch Hindenburg ein, während die militärische Umgebung des Kaisers auch jetzt noch an Falkenhayn festhielt. Allerdings gehörte der Kanzler nicht zu den unbedingten Bewunderern des von dem Feldmarschall untrennbaren Generals Ludendorff. Ludendorff sei geneigt, seinem Temperament zu unterliegen und in ernsten Situationen übereilt zu handeln; so auch jetzt wieder, wo er, ohne den unpäßlichen Hindenburg zu fragen, ein Abschiedsgesuch abgeschickt habe, um es dann wieder anzuhalten. Auch in der Beurteilung der militärischen Lage in seinem Befehlsbereich habe er, der Kanzler, an Ludendorff mehrfach das Schwergewicht der inneren Ruhe und Sicherheit vermißt; er sei ihm zu sehr „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“. Die Lage ließ jedoch auch nach seiner Ansicht keine andere Wahl als die Ersetzung Falkenhayns durch Hindenburg-Ludendorff.
Inzwischen erfuhren die Dinge eine weitere Zuspitzung. Seit der zweiten Augusthälfte lauteten die Nachrichten aus Bukarest zwar unklar und widerspruchsvoll; aber im Zusammenhang mit der Gesamtlage hatte ich aus dem, was mir bekannt wurde, den Eindruck, daß Rumänien im Begriff sei, gegen uns loszuschlagen. Ich ließ mich in dieser Beurteilung, aus der heraus ich schon seit längerer Zeit auf den schleunigen Abtransport des von Deutschland gekauften rumänischen Getreides hingewirkt hatte, auch durch die lügnerischen Versicherungen des Ministerpräsidenten Bratianu und des rumänischen Königs nicht irremachen. Als mir am Sonntag, 27. August, der Kanzler gegen 11 Uhr durchs Telephon sagte — in Dingen, die nicht für alle Ohren bestimmt waren, pflegten wir französisch zu telephonieren —: „L'Italie nous a déclaré la guerre,“ antwortete ich: „Et la Roumanie suivra sur-le-champ.“ Im Auswärtigen Amt hatte man noch Zweifel. Abends um 11 Uhr teilte mir der Kanzler mit, daß die rumänische Kriegserklärung in Wien überreicht worden sei. Bei der ernsten Lage auf allen Kampffronten nahm der Kanzler die Nachricht sehr schwer. Es blieb uns natürlich keine Wahl, als die rumänische Kriegserklärung an Österreich-Ungarn sofort mit unserer Kriegserklärung an Rumänien zu beantworten. Noch in der Nacht wurde an die sämtlichen Bundesregierungen telegraphiert. Ich schlug vor, sofort auch mit den Parteiführern wegen Einberufung des Reichstags in Verbindung zu treten. Bei diesen regten sich Bedenken, ob die nötige Geschlossenheit gewahrt werden könne, und die Einberufung unterblieb.
Die Telegramme aus dem Hauptquartier über die Möglichkeit der Gegenwirkung gegen den von den Rumänen seit Wochen und Monaten vorbereiteten Überfall lauteten wenig trostvoll. Es stand nur wenig Infanterie dort und fast gar keine Artillerie! Weder in Pleß noch in Teschen scheint man geglaubt zu haben, daß Rumänien doch noch losschlagen würde. Die Bulgaren hatten sich seit dem 20. August in eine Offensive gegen die Ententearmee vor Saloniki verbissen; in welchem Umfange und in welcher Zeit Truppen zur Verwendung gegen Rumänien herausgezogen werden konnten, war ungewiß. Zum Glück hatte sich die im Juni angesetzte russische Offensive gegen die galizische und wolhynische Front ausgelaufen und verblutet. Hätte Rumäniens Angriff einige wenige Wochen früher eingesetzt, zu der Zeit, als die österreichisch-ungarische Front im Zusammenbrechen war, dann hätte wohl nichts die Katastrophe aufhalten können.
Die rumänische Kriegserklärung und die dadurch geschaffene Erschwerung der militärischen Lage veranlaßte den Kaiser, den Generalfeldmarschall von Hindenburg nach Pleß zu berufen. Der General von Falkenhayn erhob gegen diese ohne sein Befragen erfolgte Berufung Einspruch, worauf der Kaiser ihm anheimstellte, seine Entlassung einzureichen. Als der Kanzler am Vormittag des 29. August im Großen Hauptquartier eintraf, war die Ernennung Hindenburgs zum Chef des Generalstabs des Feldheeres und Ludendorffs zum Ersten Generalquartiermeister bereits vollzogen.
Ich reiste mit dem Staatssekretär v. Jagow am 30. August gleichfalls nach Pleß. Obwohl Bulgariens Haltung gegenüber der neuen Situation noch nicht geklärt war — Bulgarien hat an Rumänien erst am 1. September den Krieg erklärt — fanden wir eine zuversichtliche Auffassung der Lage. Vier deutsche Divisionen rollten bereits von der Westfront nach Siebenbürgen, weitere Verstärkungen wurden vorbereitet. Man werde zwar den Rumänen für ihre Operationen zunächst freie Hand lassen müssen, sie dann aber fassen und schlagen. Hindenburgs unerschütterliche Ruhe und Ludendorffs rasch zugreifende Bestimmtheit gaben den Besprechungen die Signatur. Wir alle verließen Pleß mit einem Gefühl der Erleichterung und Beruhigung.
Die Rumänen brachen, fast ohne Widerstand zu finden, tief in Siebenbürgen ein. Im Westen erneuerten Engländer und Franzosen mit einer alles bisher Dagewesene übertreffenden Wucht ihre Angriffe an der Somme, um uns das Abziehen von Truppen für Rumänien unmöglich zu machen. Aber trotzdem sie gegen Mitte September bis über die Straße Bapaume-Péronne hinaus vorstießen, ließen sich Hindenburg und Ludendorff, die sich inzwischen an Ort und Stelle vom Stand der Dinge überzeugt hatten, in ihren Dispositionen für den rumänischen Feldzug nicht beirren. Während die Rumänen in Ungarn vordrangen, faßte sie der erste Stoß dort, wo sie ihn augenscheinlich am wenigsten erwarteten, zwischen der Donau und dem Schwarzen Meer in der Dobrudscha, und warf sie auf den Trajanswall zurück. Gegen Ende September war unser Aufmarsch auch in Ungarn vollendet. Am 29. September wurden die Rumänen bei Hermannstadt geschlagen, am 8. Oktober wurde Kronstadt wieder genommen, und in den folgenden Wochen wurden die rumänischen Truppen auf die Karpathengrenze zurückgedrängt. Die Operationen in der Dobrudscha, an denen außer bulgarischen und deutschen auch türkische Truppen teilnahmen, fanden ihre Krönung in der Einnahme des rumänischen Hafens Constanza (23. Oktober) und der am Eisenbahnübergang über die Donau gelegenen Stadt Cernavoda (25. Oktober). Schon in diesem Zeitpunkte war der Feldzug für Rumänien verloren, den Alliierten war der Trumpf aus der Hand geschlagen, der die Entscheidung des Krieges hatte bringen sollen.
In der ersten Novemberhälfte erkämpften sich die deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen die Ausgänge aus den Karpathen in die Wallachei. Am 25. November erzwangen sich deutsche und bulgarische Truppen von Süden her den Donau-Übergang. In der dreitägigen Schlacht am Argesfluß griffen die beiden Armeen von Norden, Westen und Süden das rumänische Heer umfassend an und brachten ihm die entscheidende Niederlage bei. Als Frucht des Sieges fiel die Landeshauptstadt Bukarest am 6. Dezember in die Hand der Verbündeten. Wenig mehr als drei Monate hatten genügt, Rumänien niederzuschlagen und für uns die Lage wiederherzustellen. Auch die schweren Angriffe, die von der ersten Novemberhälfte an die Saloniki-Armee der Entente ausführte und die am 18. November die Bulgaren nötigten, Monastir wieder aufzugeben, vermochten das Schicksal Rumäniens ebensowenig zu wenden, wie die fortgesetzten heftigen Offensivstöße an der Somme.
Der Krieg war an einem großen Haltepunkte angelangt, der Freund und Feind nötigen mußte, sich auf sich selbst zu besinnen und Umschau zu halten, ob nicht vor der Einleitung neuer Kämpfe die Möglichkeit bestehe, die schwer leidenden Völker aus Blut und Tränen heraus zu dem ersehnten Frieden zu führen.
Fußnote:
[1] Auch Graf Czernin, damals noch österreichisch-ungarischer Gesandter in Bukarest, sah in jener Zeit eine Aussicht, Rumänien zu gewinnen. In einer Rede, die er am 11. Dezember 1918 in Wien gehalten hat, führte er aus, daß Majorescu, der Führer der rumänischen Konservativen, damals nicht abgeneigt gewesen sei, sich auf unsere Seite zu stellen; die rumänische Armee, die nach Bessarabien vorgestoßen wäre, wäre weit in den Rücken der zurückflutenden russischen Armee gekommen und hätte nach menschlicher Berechnung in Rußland ein Debacle herbeiführen müssen. Damals, wo es noch kein „Amerika“ am Horizont gab, hätte man nach einem solchen Erfolg vielleicht den Krieg beendigen können. Allerdings hätten damals die Rumänen als Preis für ihre Kooperation eine ungarische Grenzrektifikation verlangt, die von Ungarn glatt refüsiert worden sei.
Es war mir nicht beschieden, mit der Waffe für das Vaterland zu kämpfen. Infolge eines Unfalles hatte ich seit dem Jahre 1893, also bei Kriegsausbruch seit 21 Jahren, keine militärische Übung mehr gemacht und im Jahre 1899 als dauernd untauglich meine Entlassung als Reserveoffizier erhalten. Unter diesen Umständen mußte ich mich damit bescheiden, in dem Krieg, der von Anfang an nicht nur ein Krieg der Waffen, sondern auch ein Kampf der Finanzen und Volkswirtschaften war, auf dem Platze, auf den mich mein Lebensweg geführt hatte, mein Bestes zu tun.
Es waren keine kleinen Anforderungen, die der Krieg, namentlich in seinen ersten Wochen, an die Banken und ihre Leitungen stellte. Es hieß den Kopf oben behalten und mit äußerster Anspannung der Nerven und der Arbeitskraft die Vorkehrungen und Verfügungen treffen, die nicht nur für die Erhaltung des Kredits und der Zahlungsfähigkeit des eigenen Instituts, sondern auch für die Erhaltung der finanziellen Grundlagen unserer gesamten Volkswirtschaft erforderlich waren. Es hieß gleichzeitig mitwirken an der Schaffung der Grundlagen unserer finanziellen Kriegführung und an dem Aufbau der Einrichtungen und Organisationen, die für die Mobilmachung unserer gesamten Volkswirtschaft und die Einstellung unseres Wirtschaftslebens auf den Krieg erforderlich waren.
Auch über meinen unmittelbaren Pflichtenkreis hinaus wurde ich von der Regierung und Obersten Heeresleitung herangezogen. So wurde ich alsbald nach der Besetzung Brüssels in das Große Hauptquartier gerufen und von dort nach Belgien gesandt, um dem zum Generalgouverneur ernannten Generalfeldmarschall von der Goltz und dem ihm als Chef der Zivilverwaltung beigegebenen Regierungspräsidenten von Sandt bei der Einrichtung der Okkupationsverwaltung, insbesondere bei der Ordnung der finanziellen Angelegenheiten (Bankenkontrolle, Kontributionsfrage usw.) behilflich zu sein.
Im Dezember 1914 stellte mich der Reichskanzler von Bethmann Hollweg vor die Frage, ob ich bereit sei, die Leitung des Reichsschatzamtes zu übernehmen. Er brauche an der Spitze der Reichsfinanzverwaltung einen Mann, der nicht nur mit dem deutschen Wirtschaftsleben, sondern auch mit den Finanzen und der Wirtschaft unserer Verbündeten, unserer Feinde und des neutralen Auslandes vertraut sei und außerdem über eine ungebrochene Arbeitskraft verfüge. Er schätze die Person und die Verdienste des Reichsschatzsekretärs Kühn sehr hoch; aber Herr Kühn habe selbst wiederholt angedeutet, daß sein Alter und seine Gesundheit den durch den Krieg gewaltig gesteigerten und von Grund aus veränderten Anforderungen seines Amtes nicht mehr gewachsen seien.
Das Angebot des Kanzlers kam mir völlig überraschend. Der Gedanke widerstrebte mir, meine in mehr als achtjähriger Tätigkeit mir liebgewordene, mich ausfüllende und mich befriedigende Wirksamkeit in der Leitung der Deutschen Bank mit einer neuen, in wichtigen Teilen mir bisher recht fernliegenden Aufgabe zu vertauschen und meine freie Stellung gegen ein von Kanzler und Parlament abhängiges Staatsamt aufzugeben. Ich brachte andere Persönlichkeiten in Vorschlag, von denen ich annehmen durfte, daß sie der Aufgabe ebensogut und besser gewachsen sein würden als ich. Der Kanzler hatte gegen jeden meiner Vorschläge eine Einwendung, wollte auch alle die von mir genannten Namen mit seinen Beratern, insbesondere dem Reichsbankpräsidenten Havenstein, bereits diskutiert haben. Der einzige, der außer mir in Frage käme und den auch ich in erster Linie vorschlug, der Reichsbankpräsident selbst, habe in Rücksicht auf seinen geschwächten Gesundheitszustand auf das bestimmteste abgelehnt; er, der Kanzler, müsse von mir das Opfer verlangen. „Betrachten Sie das Reichsschatzamt als Ihren Schützengraben!“
Nach kurzer Bedenkzeit erklärte ich mich bereit, dem Wunsche des Kanzlers zu entsprechen. Am 1. Februar 1915 trat ich das neue Amt an.
Was mir an meiner neuen Behörde — in Erinnerung an die Erfahrungen aus meiner früheren Tätigkeit in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes — am wenigsten sympathisch war, das war der stark ausgeprägte Geist der Negation. Die für eine staatliche Finanzverwaltung bequemste Sparsamkeit, aber auch die zweischneidigste Sparsamkeit, ist der wahllose Widerstand gegen neue Ausgaben. Diese Art Sparsamkeit war mir in wenig angenehmem Gedächtnis. Große Unterlassungssünden, namentlich auf dem Gebiete des kolonialen Eisenbahnbaues und des militärischen Schutzes, die sich späterhin auch finanziell bitter rächten, hatten ihre Wurzel darin, daß die Bewilligungsscheu des Reichstages im Reichsschatzamt einen stillen, aber wirksamen Verbündeten besaß. Daß auch der Krieg die alte Tradition nicht ohne weiteres fortgeschwemmt hatte, davon konnte ich mich bald überzeugen. In den ersten Tagen meiner Amtstätigkeit wurde mir ein Schreiben an eine andere Behörde vorgelegt, in dem die Bewilligung der Gelder für einen mir durchaus vernünftig und notwendig erscheinenden Zweck kurzerhand abgelehnt wurde. Ich bat den Herrn, der die Sache bearbeitet hatte, um eine Begründung seines ablehnenden Standpunktes und erhielt die klassische Antwort: „Wir lehnen solche neuen Anträge grundsätzlich zunächst einmal ab. Ist die Angelegenheit wirklich dringend, dann kommt die betreffende Behörde schon auf die Sache zurück, und dann kann man sich's überlegen.“
Ich suchte von Anfang an den Rahmen für die Tätigkeit des Reichsschatzamtes weiter zu spannen, als es der Überlieferung entsprach, und die im Kriege doppelt notwendige Sparsamkeit nicht so sehr in der grundsätzlichen Beschneidung der Anträge der anderen Ressorts, als vielmehr in der positiven Mitarbeit an der finanziell und wirtschaftlich zweckmäßigen Gestaltung des Notwendigen zu verwirklichen.
Schon in den Tagen meiner Vorbereitung für das neue Amt erhielt ich Gelegenheit, diese Auffassung meiner Aufgabe in einer Angelegenheit von außerordentlicher Bedeutung für Kriegführung und Volksernährung zu betätigen: in der Stickstofffrage.
Gewaltige Mengen von Stickstoffverbindungen wurden benötigt, einmal für Pulver und sonstige Sprengstoffe aller Art, ferner als unentbehrliches Düngemittel für die Erhaltung eines einigermaßen ausreichenden Ertrages unseres heimischen Bodens.
Unser Inlandsverbrauch an Stickstoffverbindungen hatte im letzten Friedensjahr rund 1400000 Tonnen mit einem Gehalt an reinem Stickstoff von rund 240000 Tonnen betragen; davon wurden etwa 200000 Tonnen in der Landwirtschaft und 40000 Tonnen in der Industrie verbraucht. Unsere heimische Erzeugung von Stickstoffverbindungen war zwar in den letzten Jahrzehnten gewaltig gestiegen; die Gewinnung von schwefelsaurem Ammoniak als Nebenprodukt der Kokerei, unsere vor dem Kriege weitaus wichtigste Stickstoffquelle, war von rund 90000 Tonnen im Jahre 1893 auf rund 500000 Tonnen im Jahre 1913 gebracht worden. Aber trotzdem deckte die einheimische Erzeugung von Stickstoffverbindungen auch im Jahre 1913 nicht einmal die Hälfte des Inlandsverbrauches. Die größere Hälfte wurde aus dem Ausland bezogen, und zwar ganz überwiegend in der Form von Chilesalpeter.
Der Krieg brachte eine enorme Steigerung unseres Bedarfs und eine ebenso enorme Einschränkung unserer Versorgung. Der Stickstoffbedarf für militärische Zwecke überstieg sofort um ein Vielfaches die Mengen, die in Friedenszeiten von der Sprengstoffindustrie verbraucht wurden. Auf der anderen Seite kam die Zufuhr von Chilesalpeter, die in Friedenszeiten etwa die Hälfte unsres Gesamtbedarfs gedeckt hatte, mit dem Kriegsausbruch völlig in Wegfall, und die heimische Gewinnung von schwefelsaurem Ammoniak aus dem Kokereiprozeß erfuhr mit dem scharfen Rückgang der Kohlenförderung und Eisenerzeugung, der mit Kriegsausbruch einsetzte und nur allmählich überwunden werden konnte, gleichfalls eine starke Einschränkung. Es war mit einem Ausfall von nicht weniger als zwei Dritteln unserer Friedensversorgung an Stickstoff zu rechnen. Der Zeitpunkt, in dem die vorhandenen Läger aufgebraucht sein würden, war abzusehen; die heimische Produktion an Stickstoffverbindungen hätte für die Landwirtschaft so gut wie nichts übriggelassen und selbst die Deckung des in gewaltigen Sprüngen anwachsenden militärischen Bedarfs nicht entfernt ausreichend gesichert.
Glücklicherweise waren Ersatzmöglichkeiten für die überseeischen Zufuhren vorhanden, und zwar in den von deutschen Gelehrten ausgearbeiteten Verfahren zur Gewinnung stickstoffhaltiger Verbindungen aus den unerschöpflichen Vorräten der Luft. In Betracht kamen einmal das von Geheimrat Haber erfundene Verfahren der synthetischen Gewinnung von schwefelsaurem Ammoniak, das von der Badischen Anilin- u. Sodafabrik in Ludwigshafen a. Rh. praktisch erprobt worden war; ferner das Frank-Carosche Verfahren zur Herstellung von Kalkstickstoff, nach dem in Werken zu Trostberg in Oberbayern und zu Knapsack bei Köln a. Rh. gearbeitet wurde. Die Produktion der Ludwigshafener Fabrik an schwefelsaurem Ammoniak betrug im letzten Friedensjahr etwa 30000 Tonnen mit einem Gehalt an reinem Stickstoff von rund 6000 Tonnen, die Produktion des Trostberger und des Knapsacker Werkes erreichte je 25000 Tonnen Kalkstickstoff mit einem Reingehalt von rund je 5000 Tonnen. Die Ludwigshafener Fabrik hatte noch im Frieden den Ausbau ihres Stickstoffwerkes auf eine jährliche Leistungsfähigkeit von 150000 Tonnen schwefelsauren Ammoniaks in Angriff genommen.
Die vitale Bedeutung der Stickstofffrage mußte in die Augen springen. Die Heeresverwaltung und das preußische Landwirtschaftsministerium drängten auf den Abschluß von Vereinbarungen, die eine sofortige und ausgiebige Steigerung der einheimischen Stickstoffgewinnung sichern sollten. Die im Besitz der Verfahren befindlichen Unternehmungen stellten sich zur Verfügung und machten Vorschläge für die Aufbringung und Sicherstellung der sehr erheblichen Kapitalien, die zum Zweck der Errichtung der großen, die vorhandenen Stickstoffwerke um ein Vielfaches übertreffenden Neuanlagen zu investieren waren. Die Verhandlungen stießen auf allerlei Schwierigkeiten, namentlich in der Frage der Gewährleistung gegen den Verlust des in den neuen Fabriken festzulegenden Kapitals bei der Wiederkehr der Friedensverhältnisse und in der Frage der Normierung von Höchstpreisen für die Stickstoffverbindungen. Erst im Dezember 1914 kamen Verträge mit Ludwigshafen und Knapsack zustande, die gegen Gewährung von Darlehen des Reiches und Preußens eine Erhöhung der Produktion um 45000 Tonnen reinen Stickstoff vorsahen. Damit war aber nur erst der Heeresbedarf nach der damaligen, sich späterhin als viel zu niedrig erweisenden Schätzung annähernd gesichert, während für die durch den Stickstoffmangel auf das Schwerste bedrohte Landwirtschaft noch nichts vorgesorgt war. Die Verhandlungen mit den Bayrischen Stickstoffwerken, in denen das Landwirtschaftsministerium eine Sicherung des Bedarfs an Stickstoffdüngemitteln erstrebte, waren auf dem toten Punkt: Die Stickstoffwerke verlangten für ihre Neuproduktion eine fünfzehnjährige Absatzgarantie zu einem wesentlich unter den Friedenspreisen liegenden Satze, die landwirtschaftlichen Vereinigungen waren aus sich heraus für die Übernahme einer solchen Absatzgarantie nicht stark genug, und die Finanzverwaltungen Preußens und des Reiches weigerten sich kategorisch, ihrerseits eine Absatzgarantie zu übernehmen; — sie waren auf Grund der Kriegskredite formal wohl zur Leistung von Ausgaben für Kriegszwecke, nicht aber zur Übernahme von Garantien befugt!
Als meine Ernennung zum Staatssekretär des Reichsschatzamts feststand, besuchten mich der preußische Landwirtschaftsminister Freiherr von Schorlemer und der preußische Finanzminister Herr Lentze, um mir die geradezu verzweifelte Lage der Stickstoffversorgung der Landwirtschaft darzulegen und sich meiner Unterstützung bei der Überwindung dieses Notstandes zu versichern. Die Situation war mir bereits bekannt, und ich war entschlossen, nicht nur meinerseits die Initiative zu der notwendigen weiteren Steigerung unserer Stickstoffgewinnung zu nehmen, sondern auch dem Reich in diesem neuen, nationalwirtschaftlich unschätzbar wichtigen und finanziell aussichtsreichen Industriezweige eine starke Position zu schaffen. Am Tage nach meiner Besprechung mit den beiden Ministern, am 23. Januar 1915, fand, durch diese veranlaßt, eine Besprechung der beteiligten Ressortchefs statt, an der ich neben meinem noch amtierenden Vorgänger teilnahm. Ich entwickelte den Gedanken, daß die Reichsfinanzverwaltung durch die Bayrischen Stickstoffwerke eine große Kalkstickstoff-Fabrik für das Reich bauen lassen und gleichzeitig mit den Bayrischen Stickstoffwerken einen Betriebsvertrag abschließen solle, letzteren auf der Grundlage, daß der gesamte über einen bestimmten Satz für das Kiloprozent Kalkstickstoff hinaus erzielte Bruttoerlös dem Reich zufließen und dieses außerdem an dem verbleibenden Reingewinn aus dem Betriebe mit einem angemessenen Anteil beteiligt werden sollte. Dadurch wollte ich der betriebführenden Firma die Möglichkeit nehmen, eine Steigerung ihrer Gewinne in hohen Verkaufspreisen zu suchen, sie vielmehr darauf hinweisen, ihre Gewinnaussichten lediglich in Verbilligungen der Produktion zu erblicken, was ihr einen möglichst starken Anreiz zur technischen Vervollkommnung ihres Verfahrens geben mußte. Ich schlug ferner vor, durch ein Reichsgesetz dem Bundesrat die Ermächtigung zur Einführung eines Stickstoff-Handelsmonopols geben zu lassen, um die Position des Reiches in der Stickstoffindustrie zu verstärken und gleichzeitig eine Waffe gegen eine nach Friedensschluß zu erwartende Bedrohung der deutschen Stickstoffindustrie vom Auslande her rechtzeitig bereitzustellen.
Meine Vorschläge fanden die Zustimmung der Ressortchefs. Auch der Reichskanzler trat ihnen bei.
Auf dieser Grundlage schloß ich in den ersten Wochen meiner Amtsführung Verträge mit den Bayrischen Stickstoffwerken ab, in denen der schleunige Bau zweier Reichswerke mit einer jährlichen Leistungsfähigkeit von insgesamt 225000 Tonnen Kalkstickstoff und gleichzeitig die Bedingungen des Betriebs dieser Anlagen durch die Bayrischen Stickstoffwerke nach den von mir vorgeschlagenen Grundsätzen vereinbart wurden. Ferner verpflichteten sich die Bayrischen Stickstoffwerke zu einer Vergrößerung ihrer eigenen Fabrik in Trostberg. Außerdem schloß ich mit den Lonzawerken in Waldshut (Baden) einen Vertrag über die Errichtung eines weiteren Kalkstickstoffwerkes ab, und zwar gegen Gewährung eines Darlehns und mit der Auflage der Überlassung der gesamten Produktion zu bestimmten Preisen an das Reich oder den vom Reiche zu bezeichnenden Abnehmer. Insgesamt sollte durch diese Verträge die deutsche Stickstoffgewinnung eine Erhöhung um 300000 Tonnen Kalkstickstoff, gleich 60000 Tonnen reinen Stickstoffs, erfahren.
Die Ausführung wurde sofort in Angriff genommen. Schon während die Verhandlungen noch schwebten, waren die Stickstoffwerke ermächtigt worden, alle für den Bau der neuen Anlagen erforderlichen Vorbereitungen zu treffen. Trotz der großen Schwierigkeiten in der Beschaffung von Arbeitskräften, Maschinen, Metallen und anderen Rohstoffen gelang es, die beiden Reichswerke in den Monaten Januar und Februar des Jahres 1916 in Betrieb zu bringen. Da mit den Bauarbeiten erst im März und April 1915 hatte begonnen werden können, hatten also 9 bis 10 Monate Bauzeit genügt, um die gewaltigen Neuanlagen fertigzustellen.
Um von der Größe der in so kurzer Zeit für das Reich geschaffenen Werke einen Begriff zu geben:
Das Reichswerk Piesteritz bei Wittenberg a. d. Elbe, das für eine Jahresgewinnung von 150000 Tonnen Kalkstickstoff vorgesehen war, umfaßte nach dem ursprünglichen, inzwischen noch erheblich vergrößerten Ausmaß eine bebaute Fläche von 12½ Hektar. Sein jährlicher Elektrizitätsverbrauch war auf 500 Millionen Kilowattstunden berechnet; das ist rund doppelt so viel, wie die gesamte von den Berliner Elektrizitätswerken im Jahre 1914/15 nutzbar abgegebene elektrische Energie. Die Elektrizität wird in dem Bitterfelder Braunkohlenrevier erzeugt, mit einem Tagesverbrauch von 4400 Tonnen Braunkohle, und auf einer 22 km langen Doppelleitung mit einer Spannung von 80000 Volt zum Piesteritzer Werk geleitet, wo der Strom mit den größten Transformatoren, die bis dahin in der ganzen Welt gebaut worden waren, zunächst auf 6000 Volt, dann auf die Betriebsspannung umgeformt wird. Die elektrische Energie wurde den Reichswerken zum Satz von 1 Pfennig auf Grundlage der damaligen Kohlenpreise gesichert. Dieser Satz ist billiger, als er jemals zuvor in Deutschland für aus Kohle gewonnene elektrische Energie gezahlt worden ist. Der tägliche Verbrauch des Werkes an Kalk war auf 300 Tonnen, an Koks auf 180 Tonnen berechnet. Kalk und Koks werden in mächtigen Öfen in starkem elektrischen Strom zu Karbid verarbeitet. Der Kalkstickstoff wird gewonnen durch die Verbindung des Luftstickstoffs mit dem gepulverten Karbid. Die Gewinnung des Luftstickstoffs erfolgt in Piesteritz auf zwei Wegen. Einmal durch Verflüssigung von Luft und Trennung des Sauerstoffs vom Stickstoff nach dem Linde'schen Verfahren; dann in einer Ersatzanlage, in der nach dem Verfahren von Frank-Caro Generatorgas mit Luft verbrannt und das entstehende Gemisch von Kohlensäure und Stickstoff in seine beiden Bestandteile zerlegt wird. Nach dem ursprünglichen Plane lieferte die Linde-Anlage stündlich 90000 Liter flüssige Luft und 9000 Raummeter Stickstoff, die Frank-Caro-Anlage stündlich 3000 Raummeter Stickstoff. An Kühlwasser verbraucht das Werk eine Menge, die dem Wasserverbrauch einer Stadt von 1,7 Millionen Einwohnern entspricht.
Die mit raschem Entschluß in Angriff genommene und über alle Kriegserschwernisse hinaus in so kurzer Zeit durchgeführte Errichtung der Reichswerke, deren Produktion schon der Frühjahrsbestellung des Jahres 1916 zugutekam, hat unsere Ernährungswirtschaft vor einer Katastrophe bewahrt. Aber der Heeresbedarf an Stickstoff wuchs in solchen Progressionen, daß die Reichswerke alsbald auch für die Sprengstoffherstellung herangezogen werden mußten. Ich habe in der ersten Zeit des Krieges Schätzungen gehört, die den militärischen Bedarf an etwa 20%igen Stickstoffverbindungen auf 12000 bis 15000 Tonnen für den Monat bezifferten. Als ich in die Lage kam, über die Stickstoffbeschaffung zu verhandeln, war bereits von erheblich größeren Mengen die Rede. Zu Beginn des Jahres 1916 wurde mir der militärische Monatsbedarf auf etwa 40000 Tonnen beziffert, und schließlich sind wohl 100000 Tonnen im Monat erreicht und überschritten worden. Diese Entwicklung zwang mich und später meinen Nachfolger im Reichsschatzamt, den Grafen Rödern, für immer neue Erweiterungen und Neuanlagen zu sorgen, die leider zum Schaden der Landwirtschaft immer wieder von den alle Erwartungen weit übertreffenden Neuanmeldungen der militärischen Stellen überholt wurden. Soweit meine Kenntnis reicht, ist während des Krieges die deutsche Stickstoffgewinnung auf einen Umfang gebracht worden, der die gesamte Vorkriegsproduktion von Chilesalpeter (2,1 Millionen Tonnen) übersteigt und nahezu das Doppelte des normalen deutschen Jahresverbrauches an Stickstoffverbindungen ausmacht.
Im Reichstag fand ich mit meinem Ermächtigungsgesetz für die Einführung eines Stickstoff-Handelsmonopols wenig Verständnis. Die Kommission, der die Vorlage überwiesen wurde, ließ sich lange und interessante Vorträge von Sachverständigen halten, die in ihrer überwiegenden Mehrzahl gleichzeitig Interessenten und als solche dem Handelsmonopol abgeneigt waren. Sie vertiefte sich in eine unfruchtbare und in der Hauptsache unberechtigte Kritik dessen, was noch in der allerletzten Stunde getan worden war, während eine berechtigte Kritik sich gegen das hätte richten müssen, was lange genug versäumt und unterlassen worden war. Ich wies vergeblich darauf hin, daß die neue, so ungemein wichtige Industrie durch den Zusammenschluß der chemischen Fabriken und die von diesen mit der Ammoniakvereinigung unserer Montanindustrie getroffenen Vereinbarungen auf dem besten Wege zum Privatmonopol war; ferner, daß unter englischer Führung eine Vertrustung sowohl der Chilesalpeter-Gewinnung wie auch der ausländischen Luftstickstoff-Industrie drohte. Die Notwendigkeit, dem Reich in der neuen Industrie eine nach innen und außen hinreichend gesicherte Position zu schaffen, wurde nur von einer Minderheit erkannt. Die Kommission konnte sich schließlich weder zu einer Zustimmung noch zu einer glatten Ablehnung aufschwingen, und ich mußte mich entschließen, den endgültigen Austrag der Frage, der angesichts der unabsehbar gewordenen Verlängerung des Krieges an Dringlichkeit verloren hatte, einer gelegeneren Zeit zu überlassen.
Eine ähnliche Erfahrung habe ich gemacht, als ich bei Gelegenheit des Erwerbs der bisher von dem amerikanischen Tabaktrust abhängigen deutschen Zigarettenfabriken durch ein deutsches Konsortium dem Reich die Option auf diese etwa ein Viertel der deutschen Zigarettenproduktion darstellenden Fabriken zum Einstandspreis mit einem geringfügigen Zuschlag sicherte, und zwar ohne das Reich für den Erwerb dieser Option auch nur mit einem Pfennig zu belasten. Auch hier, wo es sich darum handelte, das Reich in einer für ein ertragreiches Monopol reifen Industrie zunächst einmal Fuß fassen zu lassen, fand ich kein Verständnis, mußte mich vielmehr im Hauptausschuß des Reichstags dafür angreifen lassen, daß ich es vorgezogen hatte, dem Reich die Möglichkeit des billigen Erwerbs dieser Fabriken zu sichern, statt die Fabriken ihrer Konkurrenz auszuliefern.
Heute, im Bann des Schlagworts „Sozialisierung“, denkt man anders, bis zur Übertreibung ins entgegengesetzte Extrem. Man wird wohl gerade auch der Stickstoffindustrie weit radikaler zu Leibe gehen, als das in meinen Plänen lag. Jedenfalls aber glaube ich, daß der Typ des gemischtwirtschaftlichen Betriebs, wie ich ihn bei den Reichswerken für das Zusammenwirken von Reich und privatem Unternehmertum in einem einheitlichen Betrieb geschaffen habe, den Vorzug vor manchen anderen Formen der „Sozialisierung“ verdient. Er sichert dem Reich die Kontrolle des Betriebs und den Vorteil aus Preiserhöhungen, die in den Produktionskosten nicht begründet und nur infolge der monopolartigen Stellung des Unternehmens oder auf Grund von Preiskonventionen erzielbar sind; er läßt auf der andern Seite dem privaten Unternehmer weitgehende Freiheit in der Gestaltung des Betriebs und einen starken Anreiz, durch Vervollkommnung von Technik und Organisation, die ihm allein gestattet, seinen Gewinn zu steigern, die Produktion zu verbilligen.
Ich habe die Stickstoff-Angelegenheit eingehender dargestellt einmal wegen ihrer großen Wichtigkeit für die Kriegführung und die Abwehr der Hungersnot, dann als Beispiel dafür, wie ich die Aufgabe der Reichsfinanzverwaltung auffaßte. In ähnlicher Weise bin ich auf verwandten Gebieten vorgegangen. Das Betätigungsfeld, das ich vorfand, war allerdings dadurch stark eingeengt, daß in den fünf Kriegsmonaten, die vor dem Beginn meiner Amtsführung lagen, die Zivilbehörden, und mehr als alle andern das Reichsschatzamt, die Initiative auf den die Kriegführung berührenden wirtschaftlichen Gebieten der sehr tatkräftigen Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums überlassen hatten, die dann, ohne sich viel um die Zivilressorts zu kümmern, ihren Weg ging. Da außerdem das Kriegsministerium, unbehindert durch irgendwelchen Widerspruch, das Recht für sich in Anspruch genommen hatte, über die vom Reichstag für die Zwecke des Krieges bewilligten Kredite frei zu verfügen, ohne für die einzelnen Ausgaben die Zustimmung der Reichsfinanzverwaltung einzuholen, so fehlte es dem Reichsschatzamt sogar an einer vollständigen Übersicht über das, was im Kriegsministerium auf diesem für die deutsche Volkswirtschaft und die Reichsfinanzen so wichtigen Gebiete unternommen wurde. Der Krieg, der rasches Handeln fordert, duldet keine Verzögerung dringender Entschlüsse durch das Aufwerfen und Durchkämpfen von Kompetenzkonflikten. Ich suchte deshalb die notwendige Fühlung und Zusammenarbeit auf gütlichem Wege und durch die Bereitwilligkeit zu positiver und aktiver Mitarbeit herzustellen, wie sie meine Behörde in der Stickstoff-Angelegenheit geleistet hatte. Ich fand hierfür sowohl bei den Leitern des Kriegsministeriums wie auch bei der Kriegsrohstoffabteilung Verständnis. Von den später im Einvernehmen und Zusammenarbeiten mit der Heeresverwaltung in Angriff genommenen Aufgaben erwähne ich die Schaffung einer großen deutschen Aluminiumindustrie auf Grund der während des Krieges entwickelten neuen Verfahren, die eine wirtschaftliche Herstellung von Aluminium auch aus deutscher Tonerde gestatten, während bis dahin nur das aus dem Ausland, hauptsächlich aus Frankreich, bezogene Bauxit als verwendbar galt. Ich habe den Abschluß der schwierigen Verhandlungen infolge meines Übertritts zum Reichsamt des Innern allerdings meinem Nachfolger im Reichsschatzamt überlassen müssen.
Erwähnen möchte ich ferner die Mitwirkung des Reichsschatzamts bei der Schaffung der Handels-U-Boote, von denen die „Deutschland“ vor dem Ausbruch des Krieges mit den Vereinigten Staaten zwei erfolgreiche Fahrten nach Amerika gemacht hat, während ihr Schwesterschiff, die „Bremen“, auf der ersten Reise verschollen ist.
Die enorme Knappheit und Teuerung von Kautschuk, Nickel und einigen anderen Stoffen, von denen für Kriegszwecke an sich nicht sehr erhebliche Mengen, diese aber unbedingt erforderlich waren, veranlaßten mich, bei der Marine Erkundigungen darüber einzuziehen, ob nicht U-Boote für die Heranführung dieser Stoffe verwendet werden könnten. Ich dachte zunächst an eine Übernahme der Materialien von neutralen Schiffen auf hoher See. Dieser Weg erwies sich technisch und auch in Rücksicht auf die mit allen Mitteln arbeitende englische Überwachung als nicht gangbar. Der vergrößerte Aktionsradius unserer U-Boote, der sich in Fahrten durch die Straße von Gibraltar nach Konstantinopel so glänzend bewährt hatte, ließ mich die Frage aufwerfen, ob nicht ein Anlaufen amerikanischer Häfen, in denen Kautschuk und Nickel bereitgestellt werden konnten, durch U-Boote, die ad hoc zu desarmieren gewesen wären, sich ermöglichen lassen würde. Auch dieser Gedanke stieß auf Schwierigkeiten; einmal war nicht mit Sicherheit vorauszusehen, ob die Vereinigten Staaten ursprünglich als Kriegsfahrzeuge gebaute U-Boote als Handelsschiffe anerkennen und behandeln würden; vor allem aber erklärte Herr von Tirpitz, von den großen und leistungsfähigen U-Booten keines entbehren zu können. Es blieb also nur übrig, U-Boote von vornherein als Handelsschiffe zu bauen.
Meine Gedanken begegneten sich mit denen des Bremer Großkaufmanns Lohmann, der mich Anfang September 1915 besuchte. Lohmann ließ auf Grund unserer Unterhaltung von der Weserwerft in Bremen Pläne für ein Handelstauchboot konstruieren. Die Pläne waren Anfang Oktober fertig und wurden dem Reichsmarineamt vorgelegt, dessen Einverständnis wegen der möglichen Konkurrenz mit dem Bau von Kriegstauchbooten erforderlich war. Es ergab sich, daß zu gleicher Zeit auf Veranlassung der Firma Krupp die Germaniawerft in Kiel Pläne für ein Handelstauchboot ausgearbeitet hatte. Die Pläne der Germaniawerft sahen eine größere Tonnage vor; außerdem konnte die Germaniawerft für zunächst zwei Handelstauchboote eine Fertigstellung schon für April und Mai 1916 in Aussicht stellen.
Risiko und Gewinnaussichten des Unternehmens waren ungewöhnlich groß. Das Risiko wurde dadurch erleichtert, daß sich die Firma Krupp bereit erklärte, eines der beiden U-Boote unentgeltlich zur Verfügung zu stellen lediglich unter der Bedingung, daß dieses U-Boot auf seinen zwei ersten Reisen gegen Zahlung einer hoch bemessenen Fracht eine bestimmte Menge Nickel, die für Krupp in Amerika lagerte, nach Europa befördere.
Zur Durchführung des Unternehmens wurde zwischen Herrn Lohmann und mir die Gründung der „Deutsche Ozean-Rhederei G. m. b. H.“ vereinbart. Das Reich nahm der Gesellschaft das Risiko ab und behielt sich andererseits die großen Gewinnaussichten vor.
Im Juni 1916 konnte die „Deutschland“ in aller Stille ihre erste Reise antreten. Das Geheimnis war vollständig gewahrt worden. Die Ankunft der „U-Deutschland“ in Baltimore am 10. Juli erregte in der ganzen Welt Sensation. Die englische Anzweifelung des Charakters der „U-Deutschland“ als Handelsschiff fand keinerlei Handhabe. Die Rückreise vollzog sich ungestört.
Auf der Ausreise hatte die „U-Deutschland“ Farbstoffe geladen, deren Verkauf in Amerika einen Reingewinn in der mehrfachen Höhe des Einstandspreises des Tauchbootes erbrachte. Auf der Rückfahrt nahm das Tauchboot mehrere hundert Tonnen Kautschuk und Nickel mit. Allein die Differenz zwischen dem Einstandspreis des Kautschuks und dem Preis, der damals in Deutschland für Kautschuk bezahlt werden mußte, erreichte eine stattliche Anzahl von Millionen und übertraf noch erheblich den Gewinn der Ausfahrt. Vor allem aber war durch die eine Reise der dringende Heeresbedarf an Rohgummi und Nickel für eine größere Anzahl von Monaten gedeckt.
Es wurde, noch ehe die „U-Deutschland“ zurückgekommen war, der Bau von weiteren sechs Tauchbooten beschlossen. Die Kosten waren im voraus durch den Gewinn der ersten Reise gedeckt. Die neuen U-Boote kamen als Handelsschiffe nicht mehr zur Verwendung. Vor ihrer Fertigstellung erfolgte der Bruch zwischen der Union und Deutschland. Die Schiffe wurden nun als Kriegstauchboote ausgebaut.
Neben der tätigen Mitarbeit an der Durchführung kriegsnotwendiger Maßnahmen und Unternehmungen durfte die Sparsamkeit in der Ausgabewirtschaft nicht vernachlässigt werden. Die täglichen Nachweisungen über die Inanspruchnahme der Reichshauptkasse waren in ihren gewaltigen Ziffern, die immerzu den Drang nach oben zeigten, eine immer wiederkehrende Mahnung.
Als ich das Reichsschatzamt übernahm, beliefen sich die bis dahin — also in den ersten sechs Monaten des Krieges — entstandenen Ausgaben auf rund 8650 Millionen Mark. Der Monat August hatte infolge der außerordentlichen Ausgaben für die Mobilmachung allein 2047 Millionen beansprucht, der September eine Ausgabe von 970 Millionen Mark, — er blieb der einzige Kriegsmonat, dessen Ausgaben den Betrag einer Milliarde nicht überschritten. Schon der Oktober hatte eine Steigerung der Kriegsausgaben auf 1262 Millionen Mark gebracht. Die Ausgaben des Januar 1915 schlossen mit 1545 Millionen ab. Für den Februar war ein ähnlicher Betrag, für den März ein bereits erheblich höherer Bedarf angemeldet. In der Tat haben die Ausgaben des März den Betrag von 2 Milliarden Mark noch um 35½ Millionen überschritten und damit die Kosten des Mobilmachungsmonats nahezu erreicht.
Bei allem meinem Vertrauen in die finanzielle Kraft Deutschlands erfüllte mich diese Steigerung mit ernster Sorge. Die erste Kriegsanleihe hatte rund 4½ Milliarden erbracht. Aber wenn auch diese Summe das Ergebnis aller bisher dagewesenen Anleiheoperationen weit übertraf, so deckte sie doch nur etwa die Kriegsausgaben der ersten drei Monate und nur etwas mehr als das Doppelte der Kriegsausgaben des einen Monats März 1915. Als ich am 1. Februar 1915 das Schatzamt übernahm, waren an unverzinslichen Schatzanweisungen bereits wieder 4365 Millionen Mark im Umlauf, und dieser Umlauf stieg bis Ende März 1915 auf 7209 Millionen Mark. Auch wenn man für die im März 1915 aufgelegte zweite Kriegsanleihe ein noch wesentlich höheres Ergebnis erwartete, als es die erste Kriegsanleihe erbracht hatte, mußte man bei einem weiteren Steigen der monatlichen Kriegsausgaben mit einem für das finanzielle Durchhalten verhängnisvollen Anschwellen der Begebung von Schatzanweisungen und damit — da die Reichsbank der Hauptabnehmer war — mit einem lawinenartigen Anwachsen des Notenumlaufs, einer schrittweisen Wertverringerung unseres Geldes und einer entsprechenden Steigerung des allgemeinen Preisniveaus rechnen. Nur die peinlichste Sparsamkeit konnte einer solchen Entwicklung entgegenwirken.
Es war mir wie aller Welt bekannt, daß in den ersten Wochen nach Kriegsausbruch die mit der Beschaffung von Heeresbedarf aller Art betrauten Stellen der Heeresverwaltung keineswegs überall sachgemäß vorgegangen waren, sondern vielfach geradezu kopflos gehandelt hatten. Der dringende Bedarf gewaltigen Umfangs für Ausrüstung und Verpflegung unserer Truppen scheint in manchen darauf nicht vorbereiteten Bureaus geradezu eine Panik erzeugt zu haben. Unter dem Druck der Beschaffungsnotwendigkeit kam es zu der von mir späterhin überall auf das Schärfste bekämpften Parole: „Geld spielt keine Rolle“; es ist vorgekommen, daß den Lieferanten höhere Preise angeboten worden sind, als sie ihrerseits zu fordern sich für berechtigt hielten. Unter dem gleichen Drucke haben manche Beschaffungsstellen, statt mit dem Produzenten oder dem regulären Handel in Verbindung zu treten, sich mit Gelegenheits-Zwischenhändlern übelster Sorte, wie der Krieg sie gleich Pilzen aus dem Boden schießen ließ, in Geschäfte eingelassen, die das Reich über Gebühr belasteten und nicht die erforderliche Gewähr für eine sachgemäße Lieferung boten. Auch die Organisation der Beschaffung des Heeresbedarfs ließ manches zu wünschen übrig; es kam vor, daß sich verschiedene Beschaffungsstellen gegenseitig Konkurrenz machten und sich, ohne es manchmal selbst zu wissen, die Preise in die Höhe boten.
In allen diesen Punkten war zu Anfang des Jahres 1915 bereits vieles besser geworden. Nach der Aufregung und dem Durcheinander der ersten Mobilmachungszeit war Ruhe und Ordnung wieder eingekehrt. Die Organisation der Beschaffung war vervollkommnet worden. Namentlich auf dem Gebiete der Beschaffung von Nahrungs- und Futtermitteln für die Armee hatte die schon im Laufe des August 1914 ins Leben gerufene Zentralstelle für Heeresverpflegung für eine sachgemäße und einheitliche Behandlung dieses gewaltigen Einkaufsgeschäftes gesorgt. Auch auf den übrigen Gebieten wurden neue Verträge gründlich geprüft und eine Nachprüfung der alten Verträge in die Wege geleitet, der Gelegenheits-Zwischenhandel nach Möglichkeit ausgeschaltet und direkte Abschlüsse mit den Produzenten angestrebt. Es war natürlich für die Finanzverwaltung unmöglich, alle die Abschlüsse und Geschäfte der Heeresverwaltung im einzelnen mitzubearbeiten oder auch nur zu kontrollieren; dazu hätte ein Heer von Beamten gehört, über das ich nicht verfügte und das in den Verhältnissen des Krieges auch nicht zu beschaffen war; außerdem hätte der Versuch zu einer kaum zu verantwortenden Erschwerung und Verschleppung der meist dringlichen Geschäfte geführt. Es blieb also nur eine allgemeine Einwirkung im Sinne einer zweckmäßigen Organisation und sachgemäßen Behandlung der Beschaffung des Heeresbedarfs, sowie die Mitarbeit bei einzelnen wichtigen Verträgen und die Kontrolle durch gelegentliche Stichproben.
Darüber hinaus betrachtete ich es als meine Aufgabe, die maßgebenden militärischen Stellen von der zwingenden Notwendigkeit einer eisernen Sparsamkeit zu überzeugen. Der verhängnisvolle Grundsatz: „Geld spielt keine Rolle“ mußte vom Kopfe her ausgebrannt werden. Nachdem ich eine hinreichende Übersicht über die Verhältnisse gewonnen hatte, reiste ich Ende April 1915 in das Große Hauptquartier, um dort mit dem Chef des Generalstabs, dem Kriegsminister, dem Generalquartiermeister und dem Generalintendanten des Feldheeres über die Möglichkeiten der Erzielung von Ersparnissen zu beraten. Wir kamen in mehrtägiger Beratung zu dem Ergebnis, daß sowohl bei den sachlichen wie namentlich auch bei den persönlichen Ausgaben eine strengere Sparsamkeit sich ohne Beeinträchtigung der Kriegführung durchführen lasse. Insbesondere die offensichtlich auf einen kurzen Krieg zugeschnittene Kriegsbesoldungsordnung und ihre Anwendung bot Spielraum zu geldersparenden Korrekturen. Aber auch in der Materialwirtschaft wurde vielfach noch gar zu sehr aus dem Vollen geschöpft. Ich konnte in dieser Beziehung aus meinen Besuchen an der Front und vor allem aus einer Besprechung mit dem früheren Kriegsminister, General von Einem, damals Führer der Champagne-Armee, wertvolle Anregungen gewinnen.