Gegen Mittag erreichte ich einen in einer unbedeutenden Vertiefung liegenden Weiher, Yoruha, d. h. ein Sprung genannt, wo ich abermals den Jägern, die ich an den letzten Quellen getroffen, begegnete. Der Händler X. hatte ihnen diese Stelle als bleibenden Aufenthalt angerathen, weil seine Diener in den Yoruhawäldern eine Unzahl von Elephanten niedergestreckt hatten. Da nach den Spuren zu urtheilen eine Elephantenheerde an dem Yoruhawasser zwei Tage zuvor zur Tränke gekommen war, erwarteten die Jäger sie auch am heutigen Tage. Um keine Störung durch meine Hunde zu verursachen, ging ich weiter und langte früh am 15. an den Tamafopa-, d. h. den Skeleton-Quellen an. Etwa eine halbe englische Meile nordwärts davon, an einigen gewöhnlich das ganze Jahr hindurch wasserhaltigen Regenlachen entschloß ich mich, den Wagen tiefer in den Wald zu bringen und hier zwei oder drei Tage zu verbleiben, hauptsächlich um womöglich das Fell der Säbelantilope, der schönsten der südafrikanischen Antilopen, zu gewinnen. Auf einem Ausfluge nach dem Westen sah ich Steenbockgazellen und Zebra’s und kreuzte mehrmals von der vorhergehenden Nacht herrührende Spuren von Deukergazellen, Kudu’s, Giraffen, Büffeln und Elephanten, sowie von Schakalen, Hyänen, Leoparden und Löwen. Nach den zahlreichen Spuren, die ich an der größeren der beiden Regenlachen vorfand, zu schließen, mußte diese allnächtlich von einer großen Anzahl von Thieren, namentlich Zebra’s, Büffeln und Harrisböcken besucht werden und ich entschloß mich, hier eine Nacht auf dem Anstande zu liegen. Ich wählte mir diesmal Pit als Begleiter, der mir wohl eine recht amüsante Nacht bereitete, meinen beabsichtigten Zweck jedoch vereitelte. Bevor wir ausgingen, wurde um unseren Waagen eine entsprechende Umzäunung errichtet und Th. versprach jedwede Vorsicht zu gebrauchen, um einer etwaigen Löwenattaque würdig zu begegnen. Eine Stunde vor Sonnenuntergang machten wir uns auf den Weg, um die von mir gewählte Stelle zu besetzen. Der Leser stelle sich in einem hochbegrasten Walde eine stellenweise mit fünf Fuß hohem Riesengras bewachsene, etwa 400 Meter im Umfange messende und etwa 10 Fuß unter dem Niveau des Waldes liegende Lichtung vor, in deren Mitte sich eine kleine, grasbewachsene Regenlache, der Rest des Gewässers befand, das vor wenigen Monaten die ganze Einsenkung ausgefüllt haben mochte. Am westlichen Rande der Lichtung stand ein mächtiger Hardekoolbaum und in der Lichtung selbst, etwa 15 Schritte von dem letzteren, ein etwa 30 Fuß hoher Baum der Acacia detinens, unter diesem erhob sich, theilweise durch ihn gestützt, einer der riesigen Ameisenhügel, und da sich die Aeste des letztgenannten Baumes tief neigten, schien die Stelle zu unserem Anstande wie geschaffen. Wir sammelten einige Aestchen, die von dem Hardekoolbaume abgefallen waren, um damit eine kleine, kaum zwei Fuß hohe Brustwehr zu errichten. Zwischen uns und dem Grase ringsum befand sich eine etwa 2½ Meter breite kahle Stelle, die wir beide für sehr günstig hielten. Da Pit noch nie zuvor auf dem Anstande des Nachts gelegen hatte, frug ich ihn, ob er sich auch stark genug fühle, die ganze Nacht durchzuwachen, er beeilte sich, mich dessen zu versichern und so machten wir unsere Gewehre schußbereit; als wir mit unseren Vorbereitungen fertig waren, hatte eben die Sonnenscheibe den westlichen Horizont berührt. Einige der schönen geschwätzigen Glanzstaare, von ihren weiten Ausflügen zurückgekehrt, zwitscherten noch eine Weile lang in den Zweigen des Hardekoolbaumes, bevor sie in die alljährlich bewohnten Nester hineinschlüpften. Bevor es jedoch dunkel geworden war, verließen wir noch für einen Moment die schon eingenommene Stelle, um dem Rathe meines Dieners nachgebend, von dem Dornbaume über uns einige seiner dünnen, doch langen Aeste abzuschneiden, um die Umzäunung damit zu bedecken. Aus der Ferne ertönendes Schakalgekläffe belehrte uns darüber, daß die Zeit herangekommen, zu welcher das den Tag über weidende Wild dem Wasser näher komme und die von den nächtlichen Streifungen zurückkehrenden Raubthiere sich an ihre gewohnten Raubzüge machten.
Wir nahmen unsere frühere Stellung ein. Pit wählte seine gewohnte halbliegende, ich zog das Hocken vor, weil es mir für die Dauer noch das Angenehmste schien; wir sprachen Anfangs mit gedämpfter Stimme, jedoch hielt ich es für besser, auch davon abzulassen. Wir mochten eine halbe Stunde lang gelauscht haben, als ich vorsichtig aufstehend auslugte, doch konnte ich nichts sehen, und selbst über die Richtung, aus welcher ein eigentümlich gedämpfter Ton zu mir drang, konnte ich mich anfangs nicht orientiren, erkannte aber bald zu meiner Enttäuschung und Entrüstung, daß es Schnarchtöne waren, die sich dem weitgeöffneten Munde meines harmlos eingeschlafenen Dieners entrangen. Etwas unsanft geweckt, fühlte sich Pit über meine Beschuldigung bitter gekränkt und versprach den Anfechtungen Morpheus’ zu widerstehen — doch die Allgewalt des Schlafgottes besiegte schneller als ich es gedacht, den schwachen Willen des Schwarzen, dessen ganze Seligkeit eben der Schlaf war.
Gegen 10 Uhr, als das fahle Mondlicht über die Lichtung hinfluthete, vermengten sich seine melodischen Kehlkopftöne mit einem dumpfen Laut, wie wenn sich von Westen her ein Trupp Pferde dem Wasser nähern würde. Ich ergriff mein Gewehr und an den Mimosenstamm angelehnt, lugte ich zwischen diesem und dem an acht Fuß hohen Termitenhügel aus, der Laut wurde mit jeder Minute stärker und rührte unstreitig von Zebra’s her. Ich sollte auch nicht lange darüber im Zweifel bleiben, denn etwa eine Viertelstunde später, nachdem ich den Laut vernommen, erschienen auf der grell vom Lichte des Mondes beschienenen freien Stelle zwei Zebra’s, welche vorsichtig nach allen Seiten Rundschau hielten und beinahe nach jedem zweiten Schritte stehen blieben, um zu lauschen, wovon die sich aufrichtenden Ohren deutlich zeugten; nach wenigen Augenblicken kam die etwa 20 Stück zählende Heerde. Ich war unentschlossen, ob ich sofort feuern oder vielleicht zuvor noch Pit in die Gegenwart zurückrufen sollte, damit auch dieser zum Schuß käme. Die ganze Heerde stand nun auf der Lichtung ruhig wie eine aus Stein gemeißelte Gruppe. Die Betrachtung dieses schönen Bildes war mir kaum zwei Minuten lang vergönnt, denn aus der Tiefe unter mir drangen zwei das Gehör, den Geist und die Seele tief verletzende Mißtöne in die Stille der Nacht, laut genug, um von den kaum sieben Schritte entfernten Zebra’s gehört zu werden. Um die Thiere nicht vollends zu verscheuchen, weckte ich den Unverbesserlichen. Diesmal erhob er sich sofort, griff jedoch in seinem Schlaftaumel nach der niederen Umzäunung, welche mit Ausnahme der obersten Lage aus trockenen Zweigen bestehend, unter seinem Gewichte zusammenbrach, während ich nun rasch nach ihm griff, um ihn vor dem Falle zu schützen, damit er die Thiere nicht vollends vertreibe, wirft sich die Zebraheerde in Blitzesschnelle herum und war verschwunden, bevor ich noch an’s Feuern denken konnte.
Bald darauf schnarchte Pit lustig weiter. Mitternacht kam und nichts wollte sich hören lassen, doch gegen 1 Uhr, als sich der Mond wieder gesenkt hatte, vernahm ich ein Blöken von Nordwest her, welches sich der Lichtung zu nähern schien. Es war eine Büffelheerde, die Thiere hatten jedoch unsere Witterung bekommen und waren an der Lichtung vorübergegangen, und bei einer zweiten, die 500 Schritte nach Osten zu lag, eingekehrt. Ich wollte auch dieses vorüberziehende Wild zur Kenntniß meines wißbegierigen Dieners bringen und machte ihn auf das Brüllen und Blöken aufmerksam. »Kühe, Kühe und Kälber,« meinte er, »Th. hatte sie nicht fest gemacht.« Dann lehnte sich sein müder Oberkörper wieder zurück und bevor ich noch mein Lachen über seine Antwort unterdrückt, war er wieder eingeschlafen. Doch auch bei mir fing die Müdigkeit an, merklich ihre Rechte geltend zu machen, und ich versank in einen Halbschlummer, aus dem mich ein Geräusch, einem sich nähernden Sturmwind nicht unähnlich, emporriß.
Mehr denn 20 Minuten hindurch konnte ich über die Ursache desselben nicht klug werden, nicht eher, als bis ich dessen sicher war, daß es von einer der beiden ostwärts von uns liegenden Regenlachen herkam, und ein schnarrender trompetenartiger Ton mein lauschendes Ohr traf. Es war eine zahlreiche Elephantenheerde, welche sich in dem größeren, mit Gras reichlich durchwachsenen Gewässer gütlich that. Deutlich konnte man zwischen dem trompetenartigen Geschnurre das Plätschern der Riesenthiere im Wasser vernehmen. Durch diese Wahrnehmung aufgeregt, ergreife ich Pits Hand und ihn aufrüttelnd, deute ich auf das Geräusch hin. »Ja,« lallte er, »decken Sie sich nur zu, der Wind bläst heute gar stark«. Nach wiederholtem Rütteln gelang es endlich, dem blöden Schläfer die Situation begreiflich zu machen.
»Ich erinnere mich,« sagte ich, »an zwei kleinen Stellen trockenes Gras gesehen zu haben, wir stecken dies in Brand, der die Thiere erschrecken und uns einen Anblick bietet, wie wir ihn wohl nach jahrelangem Wandern im Innern Süd-Afrika’s nicht oft erleben werden.« Doch damit zeigte sich mein Heldenjüngling nicht zufrieden. »Doctor, haben Sie heute Früh die zahlreichen Löwenspuren gesehen, und dahin sollen wir gehen? Aus dem hohen Gras können uns die Löwen auf den Rücken springen, bevor wir uns nur umwenden können.« Der Mond neigte sich zum Untergange, die Nacht fing an sich zu verdunkeln und nachdem ich mir die Sache reiflich überlegt, beschloß ich diesmal dem Rathe meines Dieners nachzugeben. Wir lauschten noch eine Weile und dann entschlummerte Pit, doch es dauerte nicht lange und unwillkürlich folgte auch ich seinem Beispiele.
Wir mochten uns etwa eine halbe Stunde lang diesem Genusse hingegeben haben, als ich plötzlich durch ein unmittelbar vor dem Anstande hörbares Gebrülle zum Bewußtsein gebracht wurde, welches mich zum raschen Handeln nöthigte und mir die nächtliche Kühle vergessen ließ; es war das Gebrülle eines Löwen, dem ein schwächeres, mehr ein Brummen, jenes der Löwin folgte. Das Gebrüll wiederholte sich dann etwa 30 Schritte vor uns, worauf es sich zu nähern schien, ich kniete nieder und machte mich schußbereit, doch konnte ich der Dunkelheit halber nichts sehen, weshalb mir auch meine Lage etwas unangenehm vorkam, und dies um so mehr, als ich dessen sicher war, daß wir schon lange von den Raubthieren beobachtet wurden und meine Hände in Folge der Feuchtigkeit ziemlich starr geworden waren. Doch da liegt ja Pit, gewiß ein Retter in der Noth, doch konnte ich mich auf ihn verlassen?
Ich will zugeben, daß es ein etwas unsanfter Rippenstoß war, den ich ihm nun versetzte, denn rasch hob er sich empor und weil sich zufällig in diesem Augenblicke das Löwengebrülle wiederholte, war es nicht nöthig, Pit eine Erklärung dieses Lautes geben zu müssen. Er sprang sozusagen kerzengerade auf, und griff mit der Hand nach dem überhängenden Aste der Mimose. Auch die Raubthiere mußten das Geräusch vernommen haben, wir hörten, daß die Thiere näher kamen, nun schien mir auch zum zweiten Male des Dieners Wink vortrefflich, und der Baum eine rettende Insel werden zu wollen. Doch wie hinauf gelangen? Ich hatte eine von den schottischen Flachmützen, so wie ein Paar hohe Stiefel und einen bis an die Kniee reichenden Ueberzieher, so bewaffnet, war es vielleicht möglich, mir einen Weg nach Oben durch das dichte Netz der mit Doppeldornen versehenen Zweige zu bahnen, ich zog zum Ueberfluß den Ueberrock noch über den Kopf und ließ mich von Pit hinaufschieben, um desto leichter die Hindernisse zu bewältigen. Als ich den Fuß auf die ersten stärkeren Zweige setzte, zog ich Pit nach, der mir zu gleicher Zeit die Gewehre reichte. Trotzdem, daß wir endlich eine etwa drei Meter hohe Stelle über dem Boden eingenommen hatten, war es uns doch nicht möglich, ob der herrschenden Dunkelheit und des hohen Grases so viel von den Löwen zu erblicken, daß wir auf sie feuern konnten. Sie blieben brüllend im Hochgras der Lichtung hin und her rennend, bis gegen den Morgen, um welche Zeit sie in der Richtung, aus welcher die Büffel gekommen waren, verschwanden. Als wir nach ihrer freundlichen Entfernung auch zu unserer Abreise schritten, besuchten wir das jenseitige Wasser, aus dem indeß sowohl die Büffel als auch die Elephanten verschwunden waren. Hier fanden wir, daß wenigstens 30 Elephanten, darunter auch Kälber, dasselbe besucht hatten.
Da ich an den Thieren Beobachtungen anstellen wollte, so folgte ich ihnen mit Pit nach, nachdem wir zuvor am Wagen einen Morgenimbiß eingenommen und von Th. vernommen hatten, daß das Löwenpärchen auf einer freien Sandstelle kaum einen Steinwurf weit vom Lagerplatze gebrüllt habe. Doch gab ich die Verfolgung wieder auf, weil die Elephanten, nach den Spuren zu urtheilen, einen Vorsprung von mehreren Meilen hatten. Obgleich ich am selben Tage Tamafopa verlassen wollte, hatten mir doch die Elephanten in der vorigen Nacht das Herz so warm gemacht, daß ich noch einen Versuch allein unternahm, bei dem Gewässer, wo sie sich herumgetummelt hatten, auf dem Anstande zu liegen. Ich besah mir genau den Ort und wählte als den besten Observationspunkt einen etwa 50 Fuß hohen, dicken schönen Haardekoolbaum, an dem jedoch die niedrigsten Aeste so hoch begannen, daß es mich Wunder nahm, wie ich hinauf gelangen sollte. Endlich fand sich auch das Mittel hierzu, ich band acht Stück Ochsenriemen zusammen, nahm Pit und Meriko mit und ließ mich hinaufziehen. Oben machte ich es mir zurecht, so wie ich konnte, um das nächtliche Treiben bei dem Weiher so deutlich als möglich beobachten zu können. Leider war mein Harren ein vergebliches, es kam die Nacht, in diesem Theile der südafrikanischen Troppen von eigenthümlicher winterlicher Kühle und Schönheit, ich fror ganz entsetzlich. Gegen Mitternacht hörte ich zwar die herannahende Elephantenheerde, doch zugleich auch das wohlbekannte Knallen der afrikanischen Riesenpeitsche, und es währte nicht lange, daß das in den Büschen, von der Elephantenheerde verursachte Knacken, schwächer wurde und endlich, je näher der Wagen kam, gänzlich aufhörte. Wie ich später vernahm, war es der Elfenbeinhändler Kurtin, der nach dem Panda ma Tenka-Thale zog, um hier seinen mit einem Wagen vorausgesandten Bruder zu treffen.
Am 17. versuchte ich, ein Erdferkel (einen Termitenfresser) auszugraben. In der Nacht auf den 18. tödteten wir zwei Fahlschakale und zogen durch sehr tiefen Sand nach den Tamasetse- (d. h. sandiger Ort) Weihern, an denen ich bis zum nächsten Morgen verblieb. Da ein kalter Wind über die Lichtung, in der die Weiher liegen, herunter pfiff, zog ich meinen Wagen in’s Gehölz, um hier ein ruhigeres Nachtlager zu finden, und dies deshalb, weil ich bis zum 20. hier zu verweilen gedachte, um einer Säbelantilope habhaft zu werden. In der Nacht wurden wir plötzlich durch einen Aufschrei Meriko’s wachgerufen. Eine Schlange hatte sich auf seinem Unterleibe eingenistet. Leider war Meriko über diesen Besuch so erbittert, daß er das enteilende Thier schwer verletzte, bevor ich es für meine Sammlungen retten konnte.
In Folge der Anstrengungen der letzten Tage und der schlaflosen Nächte fühlte ich mich sehr unwohl, und war froh, mich an dem Lagerfeuer erwärmen zu können. Ich war eben mit der Durchsicht meines Tagebuches beschäftigt, als mich ein Aufschrei Th.’s dazu bewog, mich rasch umzusehen. Ich war, ohne das Thier gesehen zu haben, neben einer wahrscheinlich durch die Wärme des Feuers angelockten Buffadder gesessen. Wenige Secunden später war diese Schlange meinen Sammlungen einverleibt.
Henry’s-Pan. — Leiden und Freuden der Elephantenjäger. — Eine Löwenjagd des jungen Schmitt. — Makalaka’s. — Ein muthiges Weib. — Nächtlicher Ueberfall durch einen Löwen. — Die südafrikanischen Löwenspecies. — Leben und Gewohnheiten des Löwen. — Seine Angriffsmethoden. — Ankunft in Panda ma Tenka. — Blockley. — Der Elfenbeinhandel mit Sepopo. — Elandstiere. — Aerztliche Praxis am Henry’s Pan. — Thier- und Pflanzenleben im Panda ma Tenka-Thale. — Bienenschwärme. — Westbeech’s Handelsstation. — Saddler’s Pan. — Der Händler Y. — Im Leschumothale. — Gereizte Elephanten auf der Flucht durch den Wald. — Am Ufer des Tschobe.
Heimkehrende Elephantenjäger.
Zeitlich Morgens verließ ich am 20. Juli mein Lager im Tamasetsewalde und zog in der wiesigen Einsenkung weiter nach Norden. Spät am Nachmittage holte uns zu Pferde ein ärmlich gekleideter holländischer, etwa 14 Jahre alter Knabe ein. Als ich ihn, nicht wenig erstaunt, über den Zweck der Reise befragte, erfuhr ich, daß seine Eltern in einer Hütte an der nächsten Lache wohnten, und daß ihn der Vater unter Begleitung von nur zwei Schwarzen mit einem Ochsenwagen nach dem entfernten Makalakalande gesendet habe, um Kaffirkorn gegen Glasperlen und Kattun einzutauschen.
Am folgenden Morgen langte ich an diesem Gewässer an, das nach dem Diener eines Jägers mit Namen Henry, der hier eine Giraffe erlegt hatte, Henrys-Pan genannt wurde. Ich fand hier drei Boerfamilien, drei holländische Jäger, Schmitt und die Gebrüder Lotriet. Der erstere lebte bereits in einer geräumigen Grashütte seit einem Monat hier und hatte Tags vor meiner Ankunft eine Säbelantilope erlegt. Als einer der erfahrenden Jäger bereicherte er meine Jagdskizzen mit einigen äußerst interessanten Löwenabenteuern und Scenen aus den Elephantenjagden, von denen ich die zwei überraschendsten hier mittheile.
Im laufenden Jahre (die halbe Jagdsaison war bereits vorüber) hatte er neun Elephanten, während seiner gesammten, nahezu zwanzigjährigen Jagdthätigkeit über 300 erlegt. Er hatte sich vor nicht langer Zeit mit der Witwe eines Jägers, der im Matabele-Lande gestorben war, durch einen der Herren Missionäre daselbst trauen lassen. Sein ältester Stiefsohn ist der Held der beiden folgenden Begebenheiten. Vor zwei Jahren lag Schmitt an der südlichsten Klamaklenjana-Quelle mit der Absicht, hier seinen Stiefsohn mit den Elephanten und ihrer Jagd vertraut zu machen. Als man eines Morgens gefunden, daß zahlreiche Elephanten eine der Quellen während der Nacht besucht, machte er sich gegen Mittag von seinem Sohne und dessen kleinem Leibdiener, einem Masarwa, begleitet auf den Weg, um der Spur der Thiere zu folgen. Kaum eine Stunde weit vom Wege entfernt, sah Schmitt, der beritten war, einen mächtigen männlichen Elephanten Siesta halten. Das wohl kranke Thier war hinter seinen Genossen zurückgeblieben. Schmitt wollte dem folgenden Knaben das Thier nicht eher zeigen, als bis sie auf 50 Schritte nahegekommen waren, worauf er sich mit ihnen dem Thiere behutsam und durch Büsche gedeckt näherte, dann hieß er sie nach der bekannten Weise das Thier »kehren«, d. h. sie hatten vor das Thier zu laufen, es durch einen Schrei zu wecken, und nach der Richtung, woher sie gekommen waren, oder nach einer anderen Seite hin zur Flucht zu bringen. Von der Beschaffenheit des Windes hängt es nun ab, auf welche Seite des flüchtenden Elephanten sich der Jäger zu stellen hat. Als jedoch die Nimrod-Aspiranten das Riesenthier erblickten, nahmen sie Reißaus. Schmitt wandte jedoch sein Pferd und jagte ihnen nach, löste seine Nilpferdpeitsche vom Sattel peitschte beide zu dem Elephanten, und befahl ihnen, aus einer Entfernung von 30 Schritten auf den Elephanten zu feuern. Beide Kugeln schlugen in die Fleischmasse der Schenkel ein. Der Jäger befiehlt seinem Gehilfen von Neuem zu laden, sprengt dann vor den Elephanten, der aufstürzend mit dem Rüssel, aus dem Winde die Stellung seiner Gegner zu ergründen sucht, um das Thier mit lautem Geschrei zu den Jägern zu treiben, allein das verwundete Thier machte dem Jäger einen Strich durch die Rechnung, denn es kehrte sich, sowie es den Reiter erblickte, gegen diesen und jagte ihm laut brüllend, mit hochgehobenem Rüssel nach. Der alte Jäger machte aber von seiner Flucht den besten Gebrauch, indem er nach einem seiner kleinen Genossen zusprengte, um das Thier auf die neuen Gegner aufmerksam zu machen. Obgleich der Elephant jetzt einen anderen Anblick darbot als zur Zeit seines Schlummers, wichen doch die kleinen Jäger, denen vielleicht noch von der vorhergehenden Züchtigung ein unangenehmes Gefühl zurückgeblieben war, nicht von ihrem Posten und sandten ihre beiden vierlöthigen Kugeln dem vorüber trabenden Thiere in das Ohr, so daß sein Tod vor Ablauf von zwei Minuten erfolgte.
Ein Jahr vorher hatte Pit, der Stiefsohn Schmitts, mit seinem kleinen Diener auf eigene Faust eine Elephantenkuh, einen Löwen, zwölf Giraffen, sechs Strauße, eine Säbel-Antilope geschossen und zahlreich waren seine Opfer unter den Zebra’s, Eland- und Kudu-Antilopen. Vor drei Jahren, als noch Pit ein Junge von 11 Jahren war, jagte sein Stiefvater im Matabele- und Maschona-Lande. Auf dem Heimwege begriffen, war er bis zu dem Ramakhobanflusse gelangt, wo er einige Tage auszuruhen gedachte. Hier ritt er mit seinem Sohne Pit aus, um frisches Fleisch für die Seinigen zu gewinnen. Eine Meile vom Wagen entfernt, wurden die Jäger von einem tiefen Brummen überrascht, welches aus einem Gebüsche vor ihnen zu kommen schien. Bevor sie sich noch genau überzeugen konnten, in welchem Gebüsche das ihnen dem Laute nach wohlbekannte Raubthier liege, stürzte dieses, eine ausgewachsene Löwin, mit fletschenden Zähnen auf die Jäger los. »Vater,« ruft Pit, »soll ich zuerst feuern oder willst Du den ersten Schuß haben?« Der alte Jäger, dem das Benehmen des Raubthieres ungewöhnlich vorkam, und da es so zornig schien, es irgend verwundet glaubte, behielt sich den letzten und entscheidenden Schuß vor. Darauf feuert Pit beide Schüsse seines kleinen Doppelgewehres auf das Raubthier ab, welches sich eben niedergelegt hatte, um auf seinen Vater den Sprung zu wagen, beide Kugeln trafen das Thier, in den Schädel über dem linken Ohre eindringend, daß es sofort zusammensank. Pit war, dem Befehle seines Vaters Folge leistend, vom Pferde herabgestiegen, und hatte den Zügel über den linken Arm geworfen, in stehender Stellung gefeuert. Bei der Untersuchung des Thieres fand sich, daß die Löwin unter einen der vergifteten Fall-Assagaie gerathen und am Rücken verwundet worden war.
Außer Schmitt befand sich noch ein Mann aus der Colonie an Henry’s Pan, der ebenfalls der Jagd halber hierher gezogen war und der an einem Epitelialkrebs des Unterkiefers litt. Die beiden Familien der Lotriet, die eine aus neun, die zweite aus drei Personen bestehend, waren sämmtlich am Fieber erkrankt. Zwei nothdürftig aus Zweigen und Gras errichtete Hütten, die weder gegen Regen, noch gegen die sengenden Sonnenstrahlen hinreichenden Schutz boten, waren der Aufenthalt der Armen. Hier lagen sie auf der Erde, hungernd und ohne jedwede Hilfe in einem erbarmungswerthen Zustande. Sie beschuldigten einen Händler, sie in diese Gegenden und bis zum Zambesi gelockt und sich ihrer dann auf schnöde Weise entledigt zu haben. Als ich später sechs andere Elfenbeinhändler darüber befragte, bestätigten mir diese nicht allein, was die beiden Lotriets freiwillig gebeichtet, sondern berichteten mir so viel über dieses Individuum, daß ich mich aus verschiedenen Gründen, namentlich aber, damit sich nicht Aehnliches wiederhole, genöthigt sah, die traurige Geschichte dieser Lotriets der Oeffentlichkeit zu übergeben. Ich that dies in den »Diamond News« unter dem Titel »Dark Deeds« und behalte mir weitere ähnliche Veröffentlichungen für später vor.
Die meisten der kranken Lotriets schwebten in Lebensgefahr, sie trugen nur zu deutlich an ihrem Körper die Spuren des Fiebers zur Schau und es fehlte ihnen nicht allein an Kleidungsstücken, sondern auch an den nöthigen Heilmitteln. Ich verabreichte ihnen diese, und erhielt von dem einen der Lotriets einen acht Pfund schweren Elephantenzahn dafür, dessen Werth jenem des verabreichten Chinins annähernd gleichkam. Drei Tage zuvor hatten die Leute für etwa sechs Unzen Ricinusöl (Castor oil) eine gleiche Entschädigung zahlen müssen.
Ein muthiges Weib.
Auf einem in die Nähe unternommenen Ausfluge hatte ich die Gelegenheit, Kudu-Antilopen in der Nähe beobachten zu können, leider hatte ich mich dabei in dem endlosen Walde verirrt, mit Hilfe der Sonne jedoch spät Nachmittags den Lagerplatz wiedergefunden. Auf einem anderen Ausfluge kam ich zu zahlreichen von einer Elephantenheerde gegrabenen Löchern. Sie waren meist kreisrund und hatten einen Durchmesser von 4 bis 6 Fuß und waren etwa 1 bis 1½ Fuß tief; hat der Elephant mit dem Tastorgan seines Rüssels die von ihm namentlich gesuchten Wurzeln und Knollen gefunden, so läßt er sich auf die Knie nieder, um die beliebte Nahrung mit den Stoßzähnen herauszugraben. Da jedoch die gesuchtesten solcher Pflanzen zumeist am Abhange von Felsenhügeln an und zwischen dem Gestein sich finden, zeigen die sich in diesen Gegenden aufhaltenden Elephanten an den Spitzen stark abgeschliffene Hauer; daher rührt auch die Ungleichheit der Elephantenzähne rücksichtlich ihrer Schwere welche Gewichts-Differenz oft vier Pfund erreicht.
Mein über die Makalaka’s gefälltes Urtheil fand ich hier wieder durch einige Berichte bestätigt. Ich will vorläufig einen derselben im Folgenden mittheilen. In der Abwesenheit ihres Gemahls hatten es zweimal Makalakadiener versucht, Frau Schmitt die Gewehre aus dem Wagen zu stehlen; in dem einen Falle hatte es das Weib des Jägers verhindert, in dem zweiten kam sie zu spät und hatte nur noch das Nachsehen; da sie jedoch um jeden Preis die beiden gestohlenen Gewehre wieder bekommen wollte, ergriff sie den im Wagen verborgen gewesenen Hinterlader ihres Mannes und eröffnete vom Bocke aus »Feuer« auf die flüchtigen Diebe, welche dasselbe mit ihren Musketen erwiderten, ohne jedoch die Frau zu verwunden.
Nur noch eine Reminiscenz aus dem Leben dieser einfachen Holländerin sei hier erzählt, bevor wir von Henry’s Pan scheiden. Vor vier Jahren, als sie noch an Mynheer van de Berg verheiratet war und mit ihm im wildreichen, allein ungesunden Maschonalande der Elephantenjagd halber verweilte, erkrankte er an demselben Fieber, wie jene, die ich an dem Gewässer getroffen. Drei Monate lag dieser schon darnieder; als sich keine Aussicht auf Besserung zeigte, lud sie ihn auf den Wagen, ergriff die Peitsche und trieb das lange Ochsengespann nach dem entfernten Matabelekraal, in welchem sich der Missionär Thompson aufhielt, um von diesem Hilfe zu erflehen. Doch schon drei Tage später starb ihr Mann, die Hilfe war zu spät gekommen. Im selben Jahre verehelichte sie sich mit Schmitt, der vor sieben Jahren am Ramakhoban-River seine erste Gemahlin an derselben Krankheit verloren hatte.
Am 23. schoß Schmitt im Walde einen Elandstier und zeigte mir den Talgsack, in dem sich das Herz befand; dieses Talgstück wog 29 Pfund. Als ich mich darüber wunderte, antwortete man mir, daß das durchaus nicht eines der schwersten sei; dieses Elandtalg hält in Bezug auf seine Qualität die Mitte zwischen Fett und Rindstalg. Ich suchte die beiden Lotriets von der Jagd abzuhalten, da sie fieberkrank waren, doch erhielt ich von beiden die leider nur zu begründete Antwort. »Herr, unsere Familien können doch nicht Hungers sterben.« Auch die beiden Lotriets vermehrten die Sammlung meiner Erzählungen von Löwenjagden durch einige interessante Episoden aus ihren vieljährigen Jagden im Bamangwato- und Matabele-Lande.
Zu meiner Genugthuung nahm ich bei allen den Kranken, mit Ausnahme jenes, der an Carcinoma litt, am 25. eine Besserung ihres Zustandes wahr, besonders an jenen, welche in Lebensgefahr schwebten; sie waren sämmtlich derselben entrückt. Der eine der beiden Lotriets beschrieb mir eine Stelle, an welcher beinahe täglich vier Strauße, darunter zwei Hähne, zu finden waren, ihnen selbst einige Stunden aufzulauern, hatten weder er noch sein Bruder die nöthige Kraft, und da er sich besser fühlte, wollte er mir seine Erkenntlichkeit in der Weise an den Tag legen, daß er mir die Jagdbeute verschaffen wollte; aus den bereits entwickelten Gründen konnte ich jedoch sein Anerbieten nicht annehmen.
In der Nacht vom 24. auf den 25. hatte ein Löwe auf die etwa eine Stunde weit entfernte Umzäunung, in welcher die Lotriets ihre Zugthiere hielten, einen Angriff gemacht, als der durch den Löwen in der Umzäunung wachgewordene Diener mit einem Feuerbrande aus seiner Grashütte heraussprang und den Löwen in die Flucht schlug.
Am 26. verließ ich Nachmittags Henry’s Pan und zog weiter in forcirten Tagemärschen nordwärts, um eine wasserlose Strecke möglichst bald überwunden zu haben. In der einförmigen Gegend — der Weg führte mehrere Tage durch tiefsandigen Wald — fiel uns ein Baobab auf, welcher unmittelbar über der Erde 98 Fuß 10 Zoll im Umfange hatte. Minder arm und eintönig als die Gegend war die Vogelwelt auf dieser Strecke: unter den Raubvögeln fielen mir namentlich die ziemlich häufig sichtbaren Buteo’s auf, unter den Nachtraubvögeln fand ich Zwergeulen, unter den Singvögeln waren zwei Pyrolarten und Fliegenschnapper bemerkenswerth, die Männchen der letzteren waren durch einen langen Schweif ausgezeichnet, auch überraschte mich die große Zahl der kleineren Sänger, ich traf hier mehr derselben an, als an manchen anderen Orten mit mannigfacher und üppiger Vegetation. Am zahlreichsten von allen waren jedoch die Würger vertreten, namentlich auffallend war eine große Species mit prachtvoll rothem Unterleib und Kehle, welche sich die niederen und dichtesten Gebüsche zum Aufenthalte gewählt. Gelbgeschnäbelte Tukane waren nicht selten zu erblicken, in großer Menge wieder die kleineren, langschwänzigen Wittwenarten, sowie die wiedehopfartigen und Bienenfresser. Meine Sammlungen wurden auch durch zahlreiche Pflanzen, besonders Samenarten und Früchte, Holzschwämme etc. vermehrt.
Am 30., nachdem wir den beträchtlichen Aufstieg auf das waldige Plateau bewältigt, gelangten wir auf eine hochbegraste, nach zwei Seiten von Wäldern umsäumte Ebene. Dieser Abhang des Plateaus zeichnete sich durch einige bisher von mir nicht beobachtete Thier- und Pflanzenspecies tropischen Charakters aus. Manche der Leguminosen (Bäume) fielen mir durch das eigentümliche Entleeren ihres Samens auf. In Folge der Sonnenhitze barsten die Samenschoten mit einem lauten Geräusche, wobei die Samen herumgestreut wurden. Tausende von kleinen Bienchen schwärmten in der Luft, verkrochen sich in die Haare, Kleider und belästigten Augen, Ohren und Nase. Seitdem wir den Nata-River verlassen hatten, waren wir langsam höher und höher gestiegen, nun schien es mir, daß wir den Culminationspunkt des Plateau’s erreicht hatten. Am Nachmittage fuhren wir zum ersten Male nach längerer Zeit an einigen unbedeutenden, Melaphyr und Quarzit aufweisenden, niederen Höhen entlang, an welchen sich namentlich der Baobab bemerkbar machte, die übrigen Bäume und Sträucher aber, wahrscheinlich ob des steinigen Bodens mehr oder weniger verkrüppelt erschienen. Am Abend langte ich endlich an dem längst ersehnten ersten Zuflusse des Zambesi an; es war nur ein Bächlein, welches nahe an unserem Lagerplatze seinen Ursprung nahm, doch bildete es stellenweise tiefe Tümpel, denen man, so verlockend sie auch zum Bade einluden, nicht trauen durfte, da sich in ihnen oft Krokodile aufhalten. Das Gras an den Lichtungen ringsum und in den Thälern war niedergebrannt, stellenweise brannten noch die Büsche, die wahrscheinlich durch Straußenjäger in Brand gesetzt worden waren, um rasch das frische Gras zum Keimen zu bringen und damit die Strauße an diese Orte zu fesseln. Von dem Deikha-Flüßchen ab, mehrere Thäler, deren Regenabflüsse nach den letzteren zuführten, sowie bewaldete Sand- und Felsenhügel am 31. überschreitend, gelangte ich am Abend in das obere Thal des Panda ma Tenka-Flüßchens, das eine Strecke lang nach Norden und später nach Nordwest floß, und nachdem es zahlreiche Regenzuflüsse, sowie Spruits und stets fließende Berggewässer aufgenommen, unterhalb der Victoriafälle in den Zambesi mündet. Ich fand am linken Abhange zum Flusse mehrere Wägen vor, denn die ebenerwähnte Stelle bildet, seitdem englische Händler mit den Zambesivölkern in Verkehr zu treten begonnen haben, das Rendezvous derselben und ebenso der Elephantenjäger. Hier hatte der Zambesihändler Westbeech eine Handelsstation errichtet, welche aus einem umzäunten, eine Hütte und ein viereckiges Lagerhäuschen enthaltenden Gehöfte bestand. Einige Zeit im Jahre verweilte der Händler selbst hier, in seiner Abwesenheit versahen seine Geschäftsführer Blockley und Bradshaw die Geschäfte. Kam er vom Süden mit neuen Waaren hieher, nachdem er Elfenbein nach den Diamantenfeldern geführt, so trat er von hier aus seine Handelszüge nach Schescheke und den Zambesi abwärts an.
Unterricht im Elephantenjagen.
Ich traf in der Handelsstation Herrn Blockley an und in den Wägen Herrn Anderson, dessen ich schon erwähnt und der sich auch diesmal sehr freundlich zeigte. Als ich mich darüber wunderte, daß man hier so hohe Umzäunungen um die Wägen errichtet hatte, antwortete man mir: »Ja, aber die Löwen laufen auch hier wie die Hunde herum.« Der Weg war thatsächlich mit frischen Löwenspuren bedeckt. Die Löwenabenteuer, welche sich in der letzten Zeit in der unmittelbarsten Nähe der Station zugetragen, bilden einige der interessantesten, die ich meinen Tagebüchern einverleiben konnte. Ich will dem Leser eines derselben hier anführen und zwar jenes, bei welchen die schon an Henry’s Pan erwähnten Lotriets und zwar der ärmere der beiden Brüder und dessen zahlreiche Familie argen Schaden erlitten.
Am linken Ufer des Flüßchens, d. h. an dem zum wiesigen Thale herabführenden Waldabhange, einige hundert Schritte oberhalb der Handelsstation, standen im Mai 1875 fünf Wägen und ein zweirädriger Karren. Um die Zeit als sich dieses Abenteuer zutrug, waren die Besitzer der Wägen mit Ausnahme des A. Lotriet, der sich auf die Elephantenjagd begeben, anwesend. Obgleich man täglich Löwen in unmittelbarer Nähe oder auch weiter ab brüllen hörte, hatte sich doch keines der Raubthiere noch zu einem Angriff auf Menschen und Hausthiere erkühnt und dadurch die Lagerinsassen in vieler Hinsicht sorglos gemacht, wofür die äußerst primitive Umzäunung des Lagers sprach.
Auch der 15. Mai verlief ruhig und die ihm folgende Nacht schien den Bewohnern des Thales umsoweniger gefahrdrohend zu werden, als der Mond sein silbernes Licht so hell über Berg und Thal ergoß, daß sich die Objecte deutlich und in großer Ferne abhoben. Trotzdem unterließen es die Matabele-Diener auch in dieser Nacht nicht, wie sie es in dunklen Nächten zu thun gewohnt waren, zwei mächtige Feuer zu beiden Seiten ihrer Hütten anzuzünden. Die Weißen hielten nur ihre Bedürfnisse in den Wägen, sie selbst, mit Ausnahme Y.’s, schliefen in den Grashütten nebenan. In der Lotriet’schen Hütte hatten sich die kleineren Kinder bereits zur Ruhe gelegt, nur die Mutter und die älteste Tochter waren noch wach, sie saßen an der niedrigen Thüröffnung und blickten durch dieselbe in die mondscheinhelle Nacht hinaus. Da schien es der Frau, als ob sie auf einer der freien Stellen vor der Hütte einen dunklen Gegenstand sich bewegen gesehen hätte. Um besser sehen zu können, kroch die Beobachterin aus der Hütte und sah schärfer nach dem Gegenstande. Auch die Tochter lugte aus dem Innern hervor, doch beide konnten den sich nähernden Gegenstand nicht erkennen, nicht eher, als bis er auf eine größere, grell beschienene Lichtung herausgetreten war und sich nun beiden als ein Löwe erkennbar machte. Mit einem Schrei stürzte die Mutter nach dem Wagen zu und suchte in diesem Zuflucht, während die Tochter eine Matte gegen die Thüröffnung der Hütte preßte, um sie zu verschließen. In ihrer Angst vergaß die Frau alle Rettungsmaßregeln, unterließ es, die Matabele-Diener herbeizurufen, welche mit Feuerbränden den Löwen verscheuchen und das am Wagen angekoppelte Pferd retten konnten. Kaum war die Frau in denselben gelangt, so fühlte sie einen heftigen Ruck am Wagen, dem ein lautes Fauchen und ein zweiter Ruck folgte, mit dem sich, nach dem Hufschlag zu urtheilen, das Pferd von dem Wagen losgerissen zu haben schien. Die Frau spähte nun aus, und sah, wie sich das Pferd mit dem Löwen am Rücken weiter zu schleppen suchte. Nun schrie die Frau um Hilfe, als jedoch die muthigen Matabele aus ihrer Hütte hervorstürzten und zu den Bränden griffen, war das Pferd schon niedergestürzt. Der Löwe hatte es durch wiederholte Bisse in den Nacken getödtet. Bei dem Geschrei der Frau hatten auch alle ihre Kinder wie Mr. M. Schutz in den Wägen gesucht. Für Mr. Y. wäre es eine Kleinigkeit gewesen, von seinem Wagen aus die ihm zur Verfügung stehenden Hinterlader auf das Raubthier abzufeuern, doch er konnte sich nicht zu einer solchen Heldenthat ermannen und überließ es den unbewaffneten Matabele, mit dem Thiere fertig zu werden. Den Muthigen war das Glück hold und da einige ihrer Wurfgeschosse gut trafen, jagten sie das Thier in die Flucht.
Nächtlicher Ueberfall durch einen Löwen.
Man wußte mir nicht zu sagen, warum am folgenden Tage der Cadaver des Pferdes nicht entfernt worden war, er blieb liegen und am nächsten Abend wiederholte der Löwe seinen Besuch, um sich an dem Raube gütlich zu thun. Doch diesmal machte er schon vorhinein durch anhaltendes Gebrülle die Bewohner der drei Wägen auf seine Ankunft aufmerksam und da war der vorsichtige Mr. Y. der erste, welcher auf Rettung dachte. Der Ansicht, daß weder die Wägen, noch die Grashütte ihre Insassen vor den Klauen des Löwen schützen können, ließ er sich von seinen Matabele-Dienern einen Assagai reichen und sich in den nahen Mapanibaum emporheben, der sich über den Hütten seiner Diener erhob. Die übrigen Weißen suchten Schutz in ihren Wägen, während die Diener den Löwen abermals durch Feuerbrände zu verscheuchen suchten. Doch gelang es ihnen diesmal nicht, das Raubthier blieb, es hatte sich an die brennenden Wurfgeschosse gewöhnt, ja es sprang nach ihnen und die Schwarzen hatten keine Zeit, die Assagaien aus ihren Hütten zu holen, sondern nahmen eiligst Zuflucht hinter den Wägen ihrer Herren. Ihnen folgend passirte der Löwe den Mapanibaum, auf dem Y. thronte und der selig in dem Gedanken, daß der Löwe von seiner Anwesenheit keine Ahnung hatte, sich auch mäuschenstille verhielt. Nun feuerte Frau Lotriet ein Gewehr ab, das sie sich im Wagen zurechtgestellt und blind geladen hatte, um das Thier zu schrecken und es von jeden weiteren Angriffen auf die Hütten und Wägen abzubringen. Knurrend und sich nach seinen Feinden umblickend, zog sich der Angreifer zurück, was die Matabele wieder bewog, sofort aus ihrem Verstecke hervor nach den Feuern zu stürzen und Feuerbrände zu ergreifen.
Der unter lautem Geschrei unternommene Angriff hatte auch Erfolg, einige brennende Wurfgeschosse trafen den Löwen so gut, daß er aufsprang und verschwand, Arnold Lotriet fühlte sich sehr niederschlagen, als er von dem Verluste hörte, denn ein Pferd, das bereits die endemische Pneumonie überstanden, ist in allen tsetsefreien Gegenden ein wahrer Talisman.
Unter den südafrikanischen Löwen unterscheide ich drei Species, den gewöhnlichen vollmähnigen, wie wir ihn in der Berberei treffen, den mähnenlosen und den von den Holländern Krachtmanetje genannten, der sich durch ein kurzhaariges lichtes Fell, doch hauptsächlich durch eine kurze und nie über die Schulter reichende Mähne auszeichnet. Den Bondpoote-Löwen der Holländer habe ich als selbständige Species ausgegeben, da es sich ergab, daß vollmähnige Löwen in ihrer Jugend ebenso braun und schwärzlich gescheckt sind. Ich habe dies an einem Thiere, das ich mir hielt, beobachtet — so wie sich in den ersten zwei Jahren die schwarzen Flecken mehren, so verschwinden sie mit dem zunehmenden Alter des Thieres.
Die in Nord-Afrika lebenden gemeinen vollmähnigen Löwen sind in Süd-Afrika die seltensten, man findet sie nur hie und da zerstreut vor. Die mähnenlosen waren früher häufig am Molapo, jetzt findet man noch welche im Thale des zentralen Zambesi und des unteren Tschobe. Ich beobachtete, daß ihr Fell auffallend licht gefärbt ist. Die gewöhnlichste Art ist die bis zur Schulter bemähnte, in manchen Gegenden findet man eben nur diese vor, sie ist eine der häufigsten und bewohnt das Thal des Limpopo von der Mündung des Notuany abwärts, und sind ihre Vertreter im Alter von zwei bis vier Jahren besonders verwegen und gefährlich.
Im Allgemeinen ist der südafrikanische Löwe ein äußerst kluges und berechnendes Thier, er »denkt« viel. Den ihm gegenüber stehenden Feind, mag nun der Löwe der Angreifer oder der Angegriffene sein, sucht er zu »beurtheilen« und da wo er denselben überlegen findet, wird ihn selbst eine wiederholte Verwundung nicht zum Angriffe verleiten. Im Allgemeinen sucht er zu imponiren, zu schrecken, um sich seiner Beute leichter zu vergewissern. Einmal geschieht dies durch sein Brüllen, das andere Mal dadurch, daß er den Kopf hochgehoben langsam einherschreitend die Zähne fletscht, ein drittes Mal wieder, daß er in großen Sätzen herangesprungen kommt, oder auch, daß er im scharfen Trab sich nähert und dabei ruhig brummt. Da er die ganze Zeit hindurch, möge er in dieser oder in jener Weise seine Schreckmethode in Ausführung bringen, seinen Gegner stets scharf im Auge behält, entgeht ihm auch die leiseste Bewegung nicht; die ihm gegenüber beobachtete Bewegungslosigkeit ist das Beste, was man in einem solchen Augenblicke thun kann. Während eine Bewegung mit der Hand oder irgend welche andere den Löwen im Allgemeinen nicht herausfordert, so kann es doch geschehen, daß junge Löwen durch diese Bewegung gereizt werden und zum Angriff übergehen. Doch gibt es Umstände, wenn sie auch selten sind, bei welchen alte und erfahrene Löwen, die einen ihnen gewachsenen Gegner zu würdigen wissen, ohneweiters zum Angriffe übergehen. Solch’ einem Angriffe jedoch kann der Mensch leichter begegnen, da er in der Regel weniger vorsichtig und berechnet ist. Wir finden diese Angriffsweise bei Löwinnen, welche ihre Jungen bewachen, bei Thieren, welche lange gehungert haben und endlich bei solchen, die auf einer Hetzjagd oder von einer größeren Menschenmenge verfolgt werden. Sehr wichtig für den Menschen bleibt es immer, daß er den Löwen zuerst erblickt und beobachten kann; für den Neuling, daß er sich dabei an seinen Anblick gewöhnt, wenn dies auch nur einige Minuten währt, bevor der Kampf oder die gegenseitige Vorstellung beginnt. Selbst für einen erfahrenen Jäger wird es oft unangenehm, wenn sich Mensch und Thier zugleich erblicken, dann wird es oft schwierig, dem Löwen und seiner Taktik erfolgreich zu begegnen, d. h. ihm im selben und weiteren Momente zu »imponiren« suchen, wenn der Jäger nicht schon zuvor in der Lage war und die Gelegenheit ersah, dem Löwen eine tödtlich verletzende Kugel zuzusenden. Der schlimmste Fall für den Menschen ist jedoch jener, bei welchem der arme Käfersucher oder der Bewunderer der schönblüthigen Liliaceen im Eifer sich in seinem Lieblingsstudium ergeht und längere Zeit hindurch von dem Raubthiere beobachtet ist, dieses plötzlich hinter ihm aufbrüllt und im selben Momente vielleicht sich zum Sprunge anschickt. Während es, wenn auch seltene Fälle gibt, in denen Eingeborne beim Feuer oder unter anderen Verhältnissen von Löwen überrascht, mit heiler Haut davon kommen, ist kein Fall bekannt, in dem ein einzelner Mensch, der vor einem Löwen die Flucht ergriffen, nicht von diesem niedergeworfen worden wäre.
Löwen, die an das Aufblitzen und den Knall des Schusses gewöhnt sind, die häufig gejagt wurden und in deren Gebiete nur wenig Wild, oder nur solches vorhanden ist, dessen sie nicht habhaft werden können, sind stets muthiger und gefährlicher als jene, welche in wildreichen Gegenden wohnen und selten einen Menschen zu Gesicht bekommen. So sind in Süd-Afrika die Löwen am Maretsane- und Setlagole-Flusse berüchtigt und auch jene im Matabele-Lande verwegene Thiere. Kein Raubthier, mit Ausnahme des Fuchses, benimmt sich so listig wie der Löwe, wenn er sich einer schwer erreichbaren Beute bemächtigen will und entwickelt eine um so größere Schlauheit, in je größerer Zahl er seiner Beute nachspürt. Die Thiere versuchen sich in Treibjagden, doch theilen sie sich oft in der Verfolgung, indem ein Theil das Wild, auf das sie ihr Augenmerk gerichtet haben, beschleicht und nachdem ihm dieses gelungen, sich dem Wilde zeigt, um dieses nach der entgegengesetzten Seite zu scheuchen, in welcher der andere Theil im Hinterhalte auf dem Anstande liegt. Diese Verfolgungsmethode beobachten sie namentlich bei Thieren, welche sich durch rasche Flucht der ihnen drohenden Gefahr leicht entziehen können, ferner bei solchen, welche hoch über das Gras blicken und so den heranschleichenden Räuber, wenn er näher herangekommen, bemerken können, ferner auch bei solchen, deren Fleisch von ihnen besonders gesucht und jedem anderen vorgezogen wird. Zu diesem Wilde gehören in erster Reihe Pferde, Zebra, überhaupt Einhufer und Giraffen.
Kurz nach meiner ersten Ankunft in Panda ma Tenka in einem der kleinen Seitenthäler, deren ich auf meiner Fahrt nach der Gaschumaebene gedenken werde, wurden zwei Zebra’s in der letztgenannten Weise getödtet. Eine Zebratruppe graste in dem Thale, mehrere Löwen kamen das Thal heruntergelaufen. Nachdem sie eine Zeit lang den Pferden ihre Aufmerksamkeit geschenkt, verließen zwei ihre Genossen und liefen dem linken bewaldeten, das Thal begleitenden Höhenabhang entlang nach abwärts. Die übrigen hockten sich an der Stelle nieder, an welcher sie zuerst die Zebra’s erblickt hatten; die beiden ersten, die »Antreiber«, überholten das im Thale grasende Wild und schlichen sich, als sie etwa 200 Schritte unterhalb desselben gelangt waren, von der Höhe in’s Thal hinab. Doch dadurch kamen sie unter den Wind und die Zebra’s wurden auf sie aufmerksam, bevor sie noch nahe gekommen waren. Die letzteren zogen, sich häufig thalabwärts umsehend, im Schritt thalaufwärts. Die beiden ihnen folgenden Löwen hoben zeitweilig ihre Köpfe über das Gras, was, nachdem sie dies mehrmals wiederholt hatten, die Zebra’s zur schleunigen Flucht veranlaßte. So liefen die nichts ahnenden Thiere, die bewaldeten Erhebungen zur Rechten und Linken für gefährlich haltend, über die wiesige Thalsohle förmlich in den Rachen der Löwen. Diese hart an den Boden geschmiegt, holten zum todtbringenden Sprunge aus, als eben die Zebra’s an ihnen vorbei galoppirten. Zwei wurden das Opfer der Räuber, d. h. zwei der Löwen saßen im Sattel, und während der Rest der Zebra’s nach rechts und links auseinander stob und sich erst weiter oben im Thale vereinigte, um die Flucht fortzusetzen, widerhallte das Thal von dem Gebrülle der siegreichen Löwen. Als noch die Ebenen zwischen dem Hart-River und Molapo an Straußen reich waren, verloren die daselbst mit zahlreichen Pferden jagenden Jäger so manches derselben, ohne daß sie die Räuber je züchtigen konnten. Trotzdem daß die Pferde in der Nähe der Wägen gehalten wurden, wußten die Löwen in der Regel ihren Angriff zu einer solchen Zeit zu unternehmen, um welche an denselben tiefe Stille und Ruhe herrschte. Während mehrere Löwen sich im Umkreise von zwei bis drei englische Meilen in’s Gras niederduckten, machte sich einer daran, seinen Genossen die Pferde zuzujagen; nur selten geschah es, daß er bei dieser Gelegenheit von den Hunden am Wagen ausgewittert, es mit dem Leben büßte, in der Regel kam er unbehelligt mit seiner Beute davon. Das Thier schlich sich flach auf der Erde wie ein Reptil dahinkriechend, bis in die unmittelbare Nähe des Wagens, zwischen eines der Pferde und den Wagen, oder zwischen zwei Pferde, um auf diese Weise das eine Pferd durch sein Erscheinen aufzuscheuchen. Das erschreckte Pferd zog sich in den meisten Fällen nach der dem Löwen entgegengesetzten Seite zurück und dies war eben die Richtung, in welcher die Raubgenossen auf dem Anstande lagen. Diese Art des Angriffes ist die gewöhnlichere, wo das Terrain eine mit zwei bis drei Fuß hohem Gras bedeckte Ebene ist. Ich schließe vorläufig diese Charakterskizze des Löwen und werde später noch Gelegenheit finden, die Angriffsweise des Löwen auf die einzelnen Wildarten zu schildern.
Am Abend des Tages nach meiner Ankunft im Panda ma Tenka-Thale war ich mit Anderson zu Blockley zum Nachtimbiß geladen, da gab es Suppe aus Büffelfleisch und marinirte Stockfische, von Morton & Co. aus London präparirt. Von Blockley erfuhr ich, daß Westbeech schon vor neun Monaten die durch Rev. Mackenzie an ihn gesandte Nachricht von meiner Ankunft an Sepopo überbracht hatte und daß dieser mir die Erlaubniß willig ertheilt hatte, ihn besuchen zu dürfen, zu welcher der König die Worte hinzufügte, er höre gern, daß ich auf dieser meiner Reise seinen Elephanten nichts Uebles anthun wolle und selbst auch im gegentheiligen Falle ich ebenso willkommen als Monary sei. Unter dem Namen Monary aber ist im Marutse-Reiche Livingstone gekannt. Blockley hatte nicht allein in des Königs Residenz viele Monate zugebracht, sondern auch gleich Westbeech auf des Königs Einladung diesen in seinem Mutterlande, der Barotse, aufgesucht und ihm bei dieser Gelegenheit unter den größten Schwierigkeiten einen Wagen bis nach der Barotse gebracht.
Ich zog später in Gesellschaft Blockley’s nach Schescheke und habe außerdem längere Zeit in seiner Nähe zugebracht, sein Betragen mir gegenüber war jederzeit ein so freundliches, daß ich mich seiner nur mit dem Gefühle der tiefsten Dankbarkeit erinnere. In Panda ma Tenka traf ich auch eine Anzahl von Bakwena’s, geführt von einem königlichen Prinzen, welche Sepopo besuchen wollten; sie überbrachten ihm eine alte Mähre als Geschenk Seschele’s. Die Abgesandten Seschele’s erkannten mich sofort, ich aber nicht sie.
Da Herr Blockley schon am 2. zu Sepopo abreisen wollte, entschloß ich mich, ihn zu begleiten. Meinen Wagen wollte ich unter der Obhut Th.’s in Panda ma Tenka zurücklassen und Meriko sollte bis zu meiner Rückkunft die Ochsen hüten. Pit entschloß ich mich als einzigen Diener mit hinüber zu nehmen. Da die Zugthiere hier einen guten Preis hatten verkaufte ich drei der meinen, um mir Elfenbein an Stelle des zu Ende gegangenen Baargeldes zu verschaffen und war entschlossen, den Rest nur dann zu verkaufen, wenn mir von Sepopo selbst die Erlaubniß, die Nord-Zambesi-Gebiete durchforschen zu können, gegeben werden sollte. Ich verkaufte auch einen meiner Hinterlader an Herrn Blockley und erzielte einen guten Erlös, den ich zum Ankaufe von Thee, Kaffee, Zucker etc. verwendete.[7] Westbeech hatte bereits vor vier Jahren den Handel mit Sepopo eröffnet, seiner Fürsprache bei dem Könige hatten alle übrigen Händler es zu verdanken, wenn ihnen das Marutsereich offen stand, ihm selbst kam es vor Allem zu statten, daß er drei Eingebornen-Sprachen, und zwar das Sesuto, Setebele und Setschuana fließend sprach.
Am 2. August wollte ich Panda und Tenka verlassen, um mich mit Blockley nach dem Tschobe und zu Sepopo zu begeben, als zwei Manansa, deren ich noch bei der Beschreibung der Victoriafälle gedenken will, ankamen und meldeten, daß eine Truppe ihres Stammes mit Elfenbein herankäme. Blockley verschob auf diese Nachricht hin seine Abreise. Er hatte die Manansa mit Gewehren versehen, und nun theilten sie die Jagdbeute mit ihm, indem jeder der Eingebornen einen Zahn von jedem getödteten Dickhäuter in Anspruch nahm. Diese Theilung der Beute währte so lange, bis sich der Manansa so viel erworben, daß er sich ein Gewehr und Schießpulver kaufen konnte, worauf ihm dann der ganze Erlös zufiel, für welche er dann Kleidungsstücke, Messingdraht, Decken u. s. w. erstand. In dieser Weise hatten auch Halbcastmänner aus der Colonie, welche mit den Händlern als Wagentreiber in die Zambesi-Gegenden gekommen waren, so viel erworben, daß sie Wagen und Ochsen erstanden.
Trotz der Ausbreitung des Elfenbeinhandels und des Umstandes, daß hierbei Tausende und Tausende von Elfenbeinzähnen jahrelang durch die Hände der weißen Händler gingen, brachte derselbe diesen keinen materiellen Gewinn. Vor 20 Jahren, als noch südlich vom Zambesi Elephanten und Strauße sehr zahlreich waren, gab es nur wenige Jäger, denen es vortrefflich gut ging, deren Gewinn lockte von Jahr zu Jahr immer neue herbei, bis sich ihre Zahl um das vierzigfache gesteigert hatte und deren Erwerb eben so rasch als die Zahl der werthvollen Thiere abnehmen mußte. Was bei dem Walfischfang in den europäischen Nordmeeren zu Tage trat, d. i. dessen allmälige Erschöpfung, war auch bei dem Handel mit Elfenbein zu befürchten. Der Anbau von Weizen, Zucker, Baumwolle und Reis muß an die Stelle der Jagd treten, und nur der Handel mit den Erträgnissen des Ackerbaues wird von Jahr zu Jahr blühender sich gestalten können. Das Verbot der Betschuana-Könige, in ihren Gebieten Elephanten zu jagen, die Maßregeln, die der König der Matabele, La Bengula, in dieser Beziehung dictirte, hauptsächlich aber das Verbot der Waffenausfuhr nach Norden aus den südafrikanischen Colonien werden allmälig diese Wandlung anbahnen.
Am 3. September machten wir uns endlich auf den Weg. Blockley hatte einen Wagen mitgenommen, welcher die für Sepopo bestimmten Handelsgüter führte, derselbe sollte neun Meilen südlich von der Mündung des Tschobe in den Zambesi zurückgelassen werden, und die Waaren dann mittelst Träger bis an den Tschobe und den Zambesi fortgeschafft, um weiterhin mittelst Kähnen den Zambesi aufwärts nach der neuen Residenz des Marutse-Mambundakönigs befördert zu werden.
Wir passirten auf den ersten Meilen unserer Fahrt ein interessantes hügeliges Terrain, welches von zahlreichen nach Nordost und Ost in das Panda ma Tenka-Flüßchen fließenden Bächen und Spruits durchzogen war; die deren Thäler trennenden Hügel waren steinig und in der Regel stellenweise auch dicht mit Bäumen bestanden. Eine markante Stelle auf dieser Strecke bildete ein mächtiger über eines dieser Flüßchen sich erhebender Baobab, dessen Umgebung durch den Aufenthalt eines dunkel bemähnten, mächtigen Löwen, welcher den Jägern und Händlern schon viel Schaden angerichtet hatte, berüchtigt war.
Abends machten wir Halt, da eine bewaldete Bodenerhebung von West nach Ost vor uns hinzog, welche der Tsetsefliege zum Aufenthalte diente und der Zugthiere halber nur bei Nacht passirt werden konnte. Wir trafen an unserer Lagerstelle einen Halbeastjäger, der etwa 20 Meilen weiter Strauße gejagt hatte, und nach Panda ma Tenka zurückzukehren im Begriffe war, um von Blockley einige Waaren zu kaufen. Blockley und »Africa«, so hieß der Mann, verließen mich nun; ersterer hatte jedoch seinen Dienern den Auftrag gegeben, mit dem Wagen noch 30 Meilen weit die Reise fortzusetzen und dann auf ihn zu warten, er wollte so rasch als möglich nachkommen, um mit mir weiter zu reisen. Africa war mit einigen Leuten Sepopo’s am südlichen Tschobe-Ufer zusammengekommen, und diese hatten ihm die Nachricht überbracht, daß König Sepopo in Folge der schlechten Aufführung des Bakwena-Prinzen an seinem Hofe sehr erbittert sei.
Schon während der Fahrt hatte uns das Gebrülle eines Löwen begleitet, während der Rast kam es derart nahe, daß wir uns schußbereit halten und mächtige Feuer anzünden mußten. Die Nacht wurde so dunkel, daß wir kaum auf zehn Schritte vor uns sehen konnten. Wir passirten nach zwei Uhr den Tsetsewald und erreichten am folgenden Morgen eine rings vom Walde umsäumte Grasebene, Gaschuma genannt. Sie zeigte zahlreiche, ziemlich tiefe, von Wassergeflügel bewohnte Lachen, ich passirte sie später noch dreimal und jedesmal fand ich zahlreiches Wild an derselben. Diesmal waren es Zebra’s, Zulu-Hartebeeste und Harrisböcke. Zum ersten Male beobachtete ich auch hier die Orbecki-Gazellen.
Am Morgen fuhren wir weiter und über eine zweite Ebene, beide aus dem schönsten Humusboden bestehend, den man sich nur denken konnte und der es förmlich unmöglich macht, die Stelle in der Regenzeit zu passiren. Wir hielten wieder an einem Gehölze und an einer Regenlache, Saddler’s Pan genannt.
Nächsten Tages änderten wir unsere nördliche Richtung in eine nordwestliche und gelangten zu einer ausgetrockneten Lache, deren Ufer mehrere Fächerpalmen schmückten. Aehnliche Bäume, die sich durch ihre besondere Höhe auszeichneten und auf der Gaschuma-Ebene standen, waren, wie mir später Westbeech mittheilte, aus reinem Muthwillen von einem Händler oder Jäger gefällt worden.
Abends gelangten wir zu einer anderen, Schneemans-Pan genannten Regenlache. Hier hatten wir Blockley zu erwarten und ich benützte die Zeit, um von den am Wagen sich aufhaltenden Manansa’s über ihre Sitten und Gebräuche, sowie ihre Sprache Näheres zu erfahren. Ich erhielt diese gewünschten Aufschlüsse von einem Manansa, der als Kind mit einem Händler nach dem Süden gegangen war und sich hier an einen Farmer verdingt hatte, wobei ihm Gelegenheit geboten war, sich die holländische Sprache anzueignen. Ich verzeichnete 305 Worte und Phrasen der Manansa- oder Manandscha-Sprache (von den Jägern haben sie den Spitznamen Maschapatan erhalten).
An Schneemanns Weiher war ich nicht wenig überrascht, von dem Händler Y., dessen ich an Henrys-Pan gedacht, besucht zu werden. Ich konnte nicht umhin, ihm wegen seines Benehmens den Lotriets gegenüber Vorwürfe zu machen. Er war diesmal lebensgefährlich am Fieber erkrankt und ich rieth ihm, so rasch wie möglich nach Panda ma Tenka zurückzukehren und gab ihm einen Brief an Th. mit den nöthigen Recepten mit. Er hielt jedoch meine Warnung für übertrieben und überflüssig, verzögerte seine Abfahrt und starb bevor er noch Panda ma Tenka erreicht hatte. Während Blockley von der Rechtlichkeit der Marutse so viel zu erzählen wußte, berichtete Y. das Gegentheil davon. Ich forschte später nach dem Grunde dieser Differenz der Urtheile und fand, daß die Marutse und Masupia von Schescheke zuvor nicht diebisch gewesen, und es erst wurden, als der unglückliche Y. bei ihnen eingekehrt war. Er hatte alle seine Diener am südlichen Tschobe-Ufer Elephanten jagen lassen und behalf sich in Schescheke, wohin ihn der König Sepopo mit seinen Kähnen hatte bringen lassen, ohne Diener. So dachte er hier selbst, dort durch seine Diener, Elfenbein zu erbeuten. Doch er wurde fieberkrank und konnte sich von seinem Lager nicht rühren, ja kaum sprechen. Die Hütte, die er bewohnte, war abgetheilt, in der kleineren Abtheilung befand sich sein Lager, in der größeren, die er von seinem Lager übersehen konnte, waren seine Waaren unvorsichtiger Weise zur Schau ausgestellt. Dies reizte die Bewohner von Schescheke, sie besahen sich nicht wie das Jahr zuvor — seitdem ein englischer Händler vom Süden gekommen war — die Waaren von Außen, sondern drangen in die Hütte ein, betasteten die Gegenstände und als sie daran Niemand hinderte, nahmen sie so manches, später Vieles mit. Bei meinem späteren Besuche hatte ich viel über den diebischen Charakter mancher Bewohner Schescheke’s zu klagen.
Am 7., an welchem Tage ich Blockley erwartete, erkrankte ich an Kolik-Symptomen und dies nach dem Genusse von rothschaligen, rundlichen Bohnen; ich fand, daß der Farbstoff der Schale das schädliche Pigment sei, weshalb das erste Absudwasser, das sich violett färbt, abgegossen und frisches nachgegossen werden müsse, und beobachtete auch später, daß die Eingebornen eine ähnliche Procedur mit denselben vornehmen. Am Nachmittage stellten sich einige Manausa ein, die mir Talg zum Tausche anboten. Nachdem ein wohlgenährtes Eland erlegt ist, wird der Talg in einer thönernen Schale geschmolzen und in einem aus der Platoïdes desselben Thieres verfertigten Säckchen aufbewahrt. Unsere Diener brachten grünlich-braunen Honig, der von einer winzigen Biene herrührt und säuerlich schmeckt und dessen reichlicher Genuß die Sinne betäubt — er wirkt auch als ein Laxativ ohne Kolikschmerzen hervorzurufen. Die Erzeuger dieses Honigs besitzen keinen Stachel und nach der Beschreibung von Seite der Diener und der Masarwa’s hielt ich sie mit jenen Bienen, die uns in dem nördlichen Theile des sandigen Waldplateaus überfielen, für identisch.
Am 8. ziemlich Früh langte Blockley, von zwei Dienern begleitet, von Panda ma Tenka an, worauf wir uns auf den Weg machten, um in der Nacht das zweite und bis zum Zambesi reichende Tsetsegebiet bis zu der Leschumo-Haltstelle zurückzulegen. Wir erreichten das obere Leschumothal — eine enge, beiderseits von einer mäßigen, doch tiefsandigen bewaldeten Bodenerhebung umsäumte Wiesenfläche, nach Mitternacht. Der Wagen wurde hier zurückgelassen, die Zugthiere aber sofort wieder nach Schneemanns Pan zurückgetrieben, damit sie bei Tagesanbruch aus dem Bereiche des Tsetse-Gebietes waren.
Am 9. August sandte Herr Blockley eben einen Boten an Makumba, den Masupia-Häuptling (eines den Marutse unterthänigen, an der Mündung des Tschobe in den Zambesi wohnenden Stammes), um von diesem — der in Impalera, einem Dorfe am jenseitigen Tschobe-Ufer, wohnte — Träger zu erbitten, mit deren Hilfe die Güter bis an den Tschobe befördert werden sollten.
Wir zogen eine kurze Strecke das Leschumothal nach abwärts, es wurde sumpfig und felsig, aus dem dichten und hohen Ufergrase sprangen hie und da Rietbock-Gazellen auf, welche nach kurzem Laufe weiter abwärts ein ähnliches Versteck aufsuchten. Eine Stunde später verließen wir das Thal und wandten uns auf einem Pfade nach Nordwesten, um eine sandige, dichtbewaldete Bodenerhebung zu betreten. Am Abhange dieses »Sandbultes« fanden wir sehr zahlreiche Büffel und noch zahlreichere Elephantenspuren. Die Riesenthiere mußten in der verflossenen Nacht hier durchpassirt sein. Die Spuren, die in dem Sande kaum einen Zoll tiefe Eindrücke hinterlassen hatten, führten in einer Breite von 20 Schritten; die Heerde hatte offenbar Eile, denn die von ihnen durchzogene Strecke war mit zerknickten Stämmen, Aesten und Büschen besäet. Am häufigsten waren armdicke Stämmchen entwurzelt und schenkelstarke Bäume im unteren Drittel so gebrochen, daß der übrige Stamm noch an der Rinde oder an der Bruchstelle am Rumpfe hing. Doch gab es auch welche, die stärker und in der Mitte ihrer eigentlichen Stammeshöhe (4 bis 6 Fuß über dem Boden) vorkommen gebrochen waren, der Bruch war dann ein solcher, daß der zurückgebliebene stehende Baumstumpf (namentlich der gebrechlicheren Holzarten) nach unten oft bis zur Wurzel herab geborsten war. Sehr häufig waren die quer in die Bahn hineinragenden Aeste anderer Bäume herabgerissen worden und daß dies mit Riesenkraft geschah, konnte man daraus entnehmen, daß oft ein großes Rindenstück von dem Stamme mit herabhing oder mit dem Aste herabgerissen worden war.[8]