Im Papyrusdickicht.
Ein Haufen sämmtlich mit den schon erwähnten ledernen und Kattunschürzen bekleideter Eingeborner meldete uns des Königs Anwesenheit. Morena Sepopo war uns thatsächlich sehr nahe, denn nach kaum 200 Schritten stand ich dem Könige gegenüber. In europäische Kleidung gehüllt, ein englisches mit einer weißen Straußfeder geschmücktes Hütchen am Kopfe kam er, ein Mann von circa 35 Jahren, leichten Schrittes mir entgegen. Sein Gesicht war breit, sein Ausdruck angenehm, die Augen groß und ihre anscheinende Gutmüthigkeit verrieth keineswegs den Tyrannen, der in ihm verkörpert war. Lächelnd streckte er mir seine Hand entgegen, begrüßte auch Blockley und würdigte sogar den Diener April eines Kopfnickens. Der König war von einigen seiner hervorragenden Würdenträger umgeben, von denen nur einer eine Hose, zwei andere Wolldecken über den Rücken geschnallt trugen, die übrigen unterschieden sich nur durch zahlreiche Bracelets von dem Haufen ringsum. Das in die Augen Springende des Zuges war die Musikcapelle des Königs. Neben dem Könige schritten zwei Myrimbaschläger, d. h. zwei Musiker, welche an einem Riemen ein Kalebaßpiano trugen und es mit zwei Schlägeln bearbeiteten. Neben diesen Männern, welche die haarsträubendsten Melodien hervorzauberten, schritten Tambours, welche riesige röhrenförmige Trommeln mit ihren Fingern schlugen und dazu sangen. Dann erst folgte der Troß. Der König führte uns unter eine der hohen Mimosen und hier kam ein europäisch gekleideter Mann hinzu, der mir als ein Betschuana vorgestellt wurde und seit drei Jahren an Sepopo’s Hofe als Dolmetsch lebte.
Jan Mahura hieß das pfiffige, corpulente Individuum, das auch sofort sein Amt übernahm, während sich Blockley allein sehr gut dem Könige und dem Volke ringsum verständlich machen konnte. Durch Mahura stellte sich mir der Herrscher mit den Worten: Kia Sepopo morena a Zambesi (ich, Sepopo, der Herrscher vom Zambesi) vor. Dann setzte er sich auf ein kleines Holzstühlchen nieder, das ihm ein Diener nachtrug und lud uns mit einer Handbewegung ein, uns auf die Erde niederzulassen. Als der König mein Zaudern bemerkte, seinem Winke Folge zu leisten, ließ er zwei ringförmige Grasbündel herbeiholen und sie als Sitze anweisen. Nun half kein Zögern und nolens volens mußte ich mich bequemen, mich mit meinem schwarzen Gala-Anzuge niederzusetzen. Wir hatten kaum unsere primitiven Sitze eingenommen, als Sepopo meinen Begleiter Blockley mit zahllosen Fragen bestürmte.
Da ich noch nie zuvor einer so lebendigen Auseinandersetzung in Sesuto-Serotse-Sprache beigewohnt, konnte ich dem Gespräch nicht folgen und wandte meine Aufmerksamkeit den Umsitzenden zu. Sie theilten sich eben, um einem gebeugten jungen Manne, der eine große Holzschüssel trug, Raum zu geben. Ein Herold verkündete sein Amt; kaum hatte er uns begrüßt, als sich ein Duft von Bratfischen verbreitete, der mir die Unverständlichkeit der Sprache erträglicher machte. Der Mann stellte die Schüssel auf den freien Raum zwischen dem Könige und uns. Derselbe griff sofort zu und reichte den Häuptlingen Kapella und Maschoku je einen Fisch, und nun erst, nachdem diese den halben Fisch bereits verzehrt hatten, und er sich versichert halten durfte, daß die Speise nicht vergiftet sei, bot er mir und Blockley je einen Fisch und bediente sich selbst. Unsere Finger mußten Messer und Gabel ersetzen, wobei uns der Herrscher eines über 5000 Quadratmeilen großen Reiches mit gutem Beispiele und nicht geringer Fertigkeit voranging. Trotz unseres sehr fühlbaren Hungers — wir hatten seit Früh nichts zu uns genommen — durften wir, um keinen Verstoß gegen die Landessitte zu begehen, nur den halben Fisch verspeisen, und mußten den Rest dem nächstansitzenden Häuptling reichen, dieser aß auch nur einige Bissen und gab den Rest seinem Nachbar. So wurde mit zehn Fischen die ganze Versammlung gespeist und selbst die Leibeigenen durften sich an den Köpfen der Fische delectiren.
Die Bewohner des Marutse-Reiches verstehen es vortrefflich, Fische zuzubereiten, dieselben werden theils im eigenen Thran geschmort, theils an der Sonne getrocknet und dann auf Kohlen gebraten. Diese in der erstgenannten Weise zubereiteten Arten sind jene von den Zambesi-Völkern Tschi-Mo, Tschi-Gatschinschi, Tschi-Maschona etc. genannten, während sie Raubfische mit Ausnahme des an den Lippen stark bewehrten Inquisi verschmähen. So sah ich sie selten den schildköpfigen Wels genießen, und zwar hauptsächlich deshalb, weil das Fleisch dieses in Süd-Afrika so gemeinen Thieres im Zambesi von einem Parasiten, einem spiralförmigen, ähnlich den Trichinen eingerollten, drei Zentimeter langen Wurme förmlich durchsetzt ist. Eine große Menge von Fischen wird an der Sonne getrocknet und monatelang aufbewahrt, in Körbe gepackt, nach Norden geschickt und damit Handel getrieben.
Nach beendetem Mahle brachten mehrere Diener einige mit Wasser gefüllte Holzschüsseln, mit deren Inhalte sich die nächste Umgebung (der innere Kreis) die Lippen netzen mußte. Das Wunderlichste war jedoch das zweite Reinigungsmittel, um sich von den Fettresten des Mahles zu befreien. Einer der Diener brachte auf einer kleinen Holzschale etwa 20 wallnußgroße, schmutziggrüne Kugeln. Der König und sein Hofstaat nahmen je eine — auch uns schob man die Schüssel zu — bestrichen und rieben sich die Hände ein und wuschen sie hierauf. Meine Neugierde, den Stoff dieser Kugeln zu untersuchen, erregte allgemeine Heiterkeit. Jan Mahura »übersetzte« mir die Worte des Königs. »Rieche Herr«, worauf ich über den seifenartigen Charakter der Kugeln keinen Zweifel mehr hatte. Wir Weißen griffen nun zu den Sacktüchern, um die Hände zu trocknen, während Sepopo ein Libeko, d. h. seinen Nasenlöffel, nahm und sich damit die Feuchtigkeit von den Fingern abschabte, bis sie trocken waren, dasselbe thaten auch die Häuptlinge und die ihnen zunächst Sitzenden, doch gab es welche in den hintersten Reihen, welche selbst einen Libeko ersparen wollten und sich einfach die Hände an dem reinen Kieselsande trocken abrieben.
Dieser Libeko ist ein bei den Banthustämmen gebräuchliches, eisernes flaches, 1 bis 4 Zentimeter breites, 4 bis 35 Zentimeter langes, an einer Gras- oder Glasperlenschnur oder einem Riemchen etc. getragenes Miniaturschäufelchen, welches die Stelle eines Sacktuches vertritt und dessen Gebrauch die Verbreiterung der Nasenflügel und die Verunstaltung des Gesichtes zur Folge hat. Da sich die Sonne schon zum Untergange neigte, brach der König, von uns und den spielenden und singenden Musikern gefolgt, auf. Er lenkte seine Schritte nach unserem Landungsplatze, wo er mit seinen Leuten drei der Kähne bestieg, um eine Lustfahrt zu unternehmen. Während der Fahrt ließ er tüchtig drauf losknallen, worauf die ihm Folgenden würdig erwidern mußten. Nach circa fünf Minuten verließen wir den Strom, bogen in eine Lagune ein und waren, eine westliche Zweiglagune aufsuchend, nach einer guten Viertelstunde an Ort und Stelle, am Landungsplatze von Alt-Schescheke angelangt. Kaum 20 Fuß über dem eigentlichen Thale, am Rande eines tiefsandigen Gehölzes, lag das an das alte Masupia-Dorf angebaute Schescheke, welches der König mit der neu angelegten Residenz vertauschen wollte. An der Landungsstelle lag das aus Holz und Schilf errichtete Gehöfte des Händlers Westbeech, worin er seine Waaren so lange aufbewahrte, bis sie Sepopo gegen Elfenbein ausgetauscht hatte. Im Hofraume des Gehöftes standen drei Hütten, eine von dem Koch des Elfenbeinhändlers bewohnt, eine als Küche und die dritte als Wohnhaus für die Diener verwendet. Hinter dem Häuschen, zwischen demselben und dem Zaune, stand eine vierte, etwa fünf Fuß hohe, zwei Meter im Durchmesser haltende Hütte, ähnlich jener der Koranna’s (brodlaibförmig) mit einem niedrigen Eingange, daß man nur nach Art der Vierfüßler hineingelangen konnte. Diese sollte mein Palast sein, meine Wohnung während des ersten Aufenthaltes in der Residenz eines mächtigen Königs.
Bevor ich sie bezog, wurde ich noch mit Blockley vom König zum Nachtmahle gerufen; er saß auf einem mit Zement gepflasterten Höfchen auf einer Matte. Zu seiner Linken nahmen wir auf einem ähnlichen Teppich Platz, während sich einige neben der Königin zu seiner Rechten niederließen. Es wurde gekochtes Elandfleisch auf Tellern servirt, auch fehlten Messer und Gabeln nicht, deren Gebrauch dem Marutse-Hofe von den von der Westküste kommenden Händlern beigebracht worden war. Als Zuspeise zum Fleisch reichte man Manza, einen durchscheinenden Mehlbrei, den ich später sehr nahrhaft fand.[10] Nach Tisch wurde ein dickbauchiges, in einem langen gekrümmten Halstheil endigendes Kürbißgefäß mit Impote (Honigbier) hereingebracht und dieses in Blechbechern und in den von Westbeech dem Könige geschenkten Gläsern credenzt. Der Mundschenk setzte sich, nachdem er in die Hände geklascht, auf den freien Raum zwischen dem Könige und das Volk und trank selbst den ersten Becher, dann nippte der König von dem nächsten und gab den Rest der Lieblingskönigin zu seiner Rechten, dann mir und Blockley; auch von den Häuptlingen wurden manche bedacht, doch nur uns wurde die Ehre des »Zunippens« zu Theil. Nach beendetem Trunke des Impote stand der König auf, zog seine Stiefel aus, reichte sie der Dienerin, die das Essen herbeigebracht, und begab sich dann in seine Wohnung, in welcher ich ihn am nächsten Morgen zu besuchen und mich beim Frühstück einzufinden versprach.
Ich schlief schon seit zwei Stunden auf meinem Kistenlager, als ich durch einen Lichtschimmer und ein Geräusch in dem kleinen Raume der vorderen Kammer des Waarenhäuschens erwachte. Ich sah nun Sepopo von seinen Leuten begleitet, unter den von Blockley mitgebrachten Waaren herumkramen und endlich eine Wagenlaterne, um die er schon am Tage den Händler vergebens angesucht, ergreifen, und sich dann schleunigst entfernen. Dies war jedenfalls eine originelle Art und Weise, wie sich der Marutse-Herrscher ihm gefallende Gegenstände zu verschaffen wußte.
Bevor ich noch die Erzählung meiner Erlebnisse am ersten in Schescheke zugebrachten Tage beschließe, will ich noch einer Episode erwähnen, die sich während des Impote-Trinkens zutrug. Es erschienen nämlich während desselben vier mit Elfenbein beladene Männer, legten ihre Last auf einen Haufen der in der Mitte der Umzäunung niedergelegten Elephantenzähne, knieten dann nieder und klatschten in die Hände, indem sie zugleich fünfmal mit der Stirne die Erde berührten und »Schangwe, Schangwe« riefen. Dann standen sie auf und setzten sich in die hinterste Reihe und blieben hier so lange ruhig sitzen, bis der König sein Mahl beendet. Sodann krochen sie, dazu aufgefordert, etwas näher und klatschten sowohl während als nach seiner Rede leise in die Hände und erzählten mit einem nicht endenwollenden Wortschwall die Jagd, auf welcher sie das Elfenbein erbeutet. Der König befahl ihnen am nächsten Tage wiederzukommen, um Schießbedarf und eine kleine Belohnung entgegenzunehmen. Das Elfenbein war als Krongut sein Eigenthum und die an die Unterthanen ausgegebenen Gewehre waren diesen nur geliehen, d. h. wurden stets als des Königs Eigenthum betrachtet und konnten jeden Augenblick zurückgefordert werden.
Bei den anderen Weißen, die den König besuchten, war es Sitte, das Geschenk, welches die Erlaubniß des Königs, das Land zu betreten, erwirken sollte, vom rechten Tschobe-Ufer aus, bevor man noch Impalera betreten, zuzusenden. Von mir wurde dies nicht gefordert, sondern ich überreichte mein Geschenk, welches in einem Snider-Hinterlader und 200 Patronen bestand, erst nach meiner Ankunft.
Während das Nachtmahl am vorhergehenden Abend vor der Hütte eingenommen, wurde das Frühstück in der Wohnung servirt. Die längliche einem acht Fuß hohen Giebeldache nicht unähnliche Grashütte war durch eine Scheidewand in zwei Hälften getheilt, in der vorderen Kammer, in welcher wir unser Frühstück einnahmen, waren die Wände mit Marutse-Waffen, riesigen Gewehren und auffallenden Kleidungsstücken darunter einer portugiesischen Dragoner-Uniform, und riesigen Elephantenzähnen geschmückt. Ich benützte die günstige Stimmung des Königs um mir von ihm Aufklärungen über die Geschichte der Marutse und seines Reiches geben zu lassen, und will im Folgenden diese Aufschlüsse, soweit sie mir später von Häuptlingen bestätigt wurden, wiedergeben.
Von Sebituani angeführt, war ein Zweigstamm der zwischen dem oberen Oranje- und oberen Vaal-River wohnenden Basuto nach Norden ausgewandert. Der Durchzug durch die Betschuana-Reiche wurde von denselben mit Gewalt erzwungen und nach der Unterjochung vieler am centralen Zambesi und unteren Tschobe, namentlich der östlichen Bamaschi und der Marutse ein an 2000 Quadratmeilen umfassendes Reich, das der Makololo gegründet, außerdem viele Völker des Ostens bis an den Kafuefluß tributpflichtig gemacht. Als jedoch schon unter dem folgenden Herrscher Sekeletu Zwistigkeiten unter den Makololo ausbrachen und sich diese zu offenem Parteikampfe steigerten, griffen die unterjochten Marutse zu den Waffen, warfen sich auf die zwischen dem Tschobe und Zambesi sich aufhaltenden Makololo und schlugen diesen ohnehin auch durch die Malariafieber decimirten Stamm in mehreren Gefechten, wobei die gesammte männliche Bevölkerung bis auf zwei Männer und die Knaben ausgerottet wurde. Von den südlich vom Tschobe wohnenden Makololo traf auch die etwa 2000 Köpfe zählende männliche Bevölkerung ein ähnliches Los. Wären sie am rechten Tschobe-Ufer geblieben, so hätte das Makololoreich bis heutigen Tags noch fortbestanden, so aber fürchteten sie die durch die Mabundas und andere unterjochten Völkerschaften verstärkten Marutse, verließen das Stromgebiet des Tschobe und wandten sich zu den westlichen Bamangwato, nach dem N’gami-See; sie wurden von dem Könige derselben, Letschuatabele, scheinbar freundlich aufgenommen, allein ihre Vernichtung war schon im Vorhinein beschlossen. Der Abgesandte des Königs begrüßte sie mit den Worten: »Wenn Ihr Freunde der Bathowana seid, dann lasset Eure Speere und Schlachtbeile draußen bei Euren Frauen und kommt als Freunde in die Stadt.« Das thaten auch die Makololo. Kaum waren sie aber im Berathungsraume angelangt, d. h. in die Kotla eingetreten, als die Bathowana den Eingang mit Aesten und Baumstämmen versperrten und die in der Umzäunung befindlichen Makololo bis auf den letzten Mann niedermetzelten. Mit den Frauen geschah dasselbe wie bei den Marutse, die Sieger theilten sie unter sich, der König wählte sich die schönsten, dann kamen die Häuptlinge an die Reihe und der Rest wurde vom Herrscher verschenkt. Seither finden wir unter den dunkelgefärbten Bathowana’s und den nördlich vom Zambesi wohnenden Völkern des Marutse-Reiches Frauen von braunem Teint, auf welche sich die dunklen Stämme nicht wenig einbilden, da sie das lichtere Colorit als eine Veredelung ihrer Race ansehen. Sepopo nahm nun das Land der Makololo mit Ausnahme des östlichen Bamaschi-Territoriums und ihres südlich vom Tschobe gelegenen Gebietes (aus Furcht vor den Matabele) in Besitz.
Nördlich von den Marutse erstreckte sich das Mabunda-Reich, welches von Königen aus der Herrscherfamilie der Marutse regiert wurde. Vor wenigen Jahren starb die Königin der Mabunda, welche auf ihrem Todtenbette Sepopo’s älteste Tochter Moquai zur Nachfolgerin ernannte. Da jedoch Moquai die Nachstellungen von Seite ihres Vaters befürchtete, übergab sie ihm die Regierung ihres Reiches, und so fand ich bei meinem Besuche nördlich vom Zambesi ein vereinigtes Marutse-Mabunda-(Mambunda-)Reich von Sepopo, dem directen Nachkommen der alten Königsfamilie der Marutse beherrscht.
Während des Frühstücks ließ er die wichtigsten Repräsentanten der 18 größeren, sich in 83 Zweigstämme theilenden Stämme herbeirufen, und stellte sie mir vor. Von den 18 größeren waren die meisten in Schescheke mit einem oder mehreren Häuptlingen in einer Zahl von 10 bis 500 vertreten. Die wichtigsten Stämme des Reiches sind: die Marutse, Mabunda (die beiden herrschenden), Masupia, Matonga, Makalaka, Mankoë, Mamboë, Manansa, Mabimbi, Bajezi, Bakalomo, Bamata, Banjoka, Basuto, Batoka, Livanga, Manenga, welche sich wiederum in folgende Zweigstämme theilen: Aimalio, Aitunga, Alumba, Aluschanga, Ambolela, Ambume, Amoodé, Angoko, Aquanga, Babuiko, Bahumokume, Bajaoma, Bajeji, Bakabololule, Bakalomi, Balea, Bolioa, Balobule, Balomokmeci, Bamakoma, Bamalingo, Bamata, Bamomba, Bamosima, Banamo, Bonoka, Baoë, Bapalesi, Baquanti, Basetuta, Basioma, Basimavotomo, Basuto, Batoka, Boemenda, Boo, Emafoa, Emunonoco, Jabia, Jamoë, Jëta, Kasabe, Katulama, Kombala, Liamba, Liamankua, Liato, Livanga, Linkamba, Loena, Lujana, Luketa, Luueku, Mabimbi, Mafumbe, Makalaka, östliche Nolianga, westliche Notulu, Malundasieeme, Mambalango, Mamboë, Mabunda, Mampakani, Manansa oder Manandscha, Mankoja = Mankoë, Manengo, Marutse, Maschoscha, Masupia, Matomo, Matonga oder Ma-beker, M’Banga, Milanka, M’Kanda = Makanda, M’Koma = Makoma, Moëna, Moëlopuma, Monojanda, Nambo, Nikalulunda, Ojukamonde, Salama, Sima, Wafi, Wassiwanda. Außer diesen schon seit beträchtlicher Zeit in dem Gebiete ansässigen Stämmen finden wir hie und da zerstreut angesiedelt: Matabele, Menons-Makalaka und Masarwa; die beiden letzteren sind als Flüchtlinge aus dem Süden über den Zambesi gekommen (die Masarwa, ein Vasallenstamm der Bamangwato und Menons-Makalaka, ein den Matabele tributpflichtiger Stamm).
Die Marutse bewohnen die fruchtbaren Thäler des Barotselandes zu beiden Seiten des herrlichen Zambesistromes, von Sekhose (Süd) an, stromaufwärts bis an 150 englische Meilen südlich von der Vereinigung des Kapombo mit dem Liba. Ich glaube, daß die Barotse der fruchtbarste Theil des Reiches ist und sich sowohl für die Viehzucht als für den Ackerbau vorzüglich eignet. Sie hat Ueberfluß an Wild und wildwachsenden, dem Menschen sehr nützlichen vegetabilischen Produkten, von denen Gummi elasticum eines der wichtigsten sein dürfte. Das Land besitzt viele bedeutende Städte und war früher der Wohnsitz der Königsfamilie. Die Mabunda’s umwohnen das Land der erstgenannten von Nordost und Ost, wobei jedoch die Hauptmasse des Landes östlich von der Barotse, am oberen Mittellauf der Flüsse Njoko (Noko), Lombe und Loi zu liegen kommt.
Die Mankoë haben einen Landstrich inne, der von Norden her an das Gebiet der Mabunda grenzt und seine größte Ausdehnung von West nach Ost hat, aber nicht auf das westliche Zambesi-Ufer hinübergreift. Die Mamboë wohnen nördlich von den letzteren am unteren Kapombo und Liba. Die Bamomba und Manengo leben im Weichbilde der Stadt Kavagola am oberen Zambesi. Die Masupia bewohnen das Land südöstlich der Barotse bis 30 englische Meilen unter der Tschobe-Zambesi-Vereinigung längs des Zambesi und an 50 englische Meilen den Tschobe stromaufwärts. Die Batoka wohnen östlich von den Masupia am linken Zambesi-Ufer bis etwa 30 englische Meilen unterhalb der Victoria-Fälle. Die Matonga sind Grenznachbarn der letzteren und theilweise der Masupia (von Norden her); die Hauptmasse lebt am Mittellaufe des Kaschteja- (Livingstone’s Madschila-) Flusses. Die westlichen Makalaka wohnen am unteren Kaschteja zwischen den Matonga und Masupia. Die östlichen Makalaka leben als östliche Nachbarn der Batoka den Zambesifluß abwärts, Wanke’s Kraal ist ihre größte Niederlassung. Die Lujana wohnen am Südufer des Zambesi, westlich von den Masupia’s. Die Wohnsitze der übrigen Stämme ziehen von den Lujana gegen die Südgrenze der Barotse, ferner nördlich von den Matonga, Makalaka und östlich von den Mamboë und Mankoë, doch auch in kleineren Gebieten, da, wo sich oft zwei der erwähnten größeren Stämme berühren, oder sie sind über das Gesammtreich zerstreut worden und bilden kleine Colonien im Lande der Makalaka, Mambunda, Marutse etc.
Die meisten der genannten Stämme sind wirkliche Unterthanen und werden mit Ausnahme der Marutse als Sklaven angesehen, nur ungefähr ein Viertheil sind Tributzahlende und dies meist Stämme des Ostens (Batoka, östliche Makalaka, Mabimbi etc.) Durch Sepopo’s Grausamkeiten sind viele Eingeborne aus dem Reiche nach Süden hin geflohen und da dem Tyrannen dadurch auch viele Schwierigkeiten in dem Centrum des Reiches erwuchsen, hat sich in den letzten Jahren das Tributverhältniß der an den Grenzen nach Nordost und Ost wohnenden Stämme bedeutend gelockert. Die den eigentlichen (wirklichen) Unterthanen auferlegten Steuern bestehen in Getreideabgaben (Kleinkorn, Kafirkorn, Mais); im Abliefern bestimmter Mengen getrockneter Früchte, Kürbisse, Tabak, Gummi elasticum, Matten, Canoës, Rudern, Waffen, Holzarbeiten (Töpfe, Schüsseln, Musikinstrumente), Thierhäuten, frischem und getrocknetem Fisch- und Nilpferdfleisch. Außerdem sind Elfenbein, Honig und das nahrhafte Manza Krongut und jeder sie verkaufende, resp. vertauschende Unterthan wird mit dem Tode bestraft. Die Tributzahler haben dem Marutse-Mabunda-Herrscher jährlich eine bestimmte Zahl Elfenbeinzähne (männlicher und weiblicher Elephanten) und Häute einer großen grauen und dunkelbraunen lang behaarten Lemurspecies abzuliefern.
Die herrschende Sprache im Gesammtreiche, ich möchte sagen, das Mittel des leichten Verständnisses zwischen den einzelnen Stämmen, ja ein wahres Bindeglied, ist die der vernichteten Makololo. Die Makololo haben sich viel schweres Unrecht zu Schulden kommen lassen, des Geschickes gerechter Arm hat sie ereilt, doch mit ihrem Verschwinden vom Schauplatze der Geschichte des centralen Süd-Afrika ist eine Versöhnungspalme emporgewachsen; ihre Sprache, das Sesuto ist geblieben, sie vererbte sich auf die Besieger, sie wurde diesen nothwendig, namentlich als durch Vergrößerung des Reiches (in Folge der Vereinigung mit dem Mabunda-Reiche) und engeren Verkehr mit den südlich vom Zambesi wohnenden Völkern sich mehr und mehr und ohne alles absichtliche Zuthun von Seite der Beherrscher, ein gemeinsamer, namentlich nach der letzteren Richtung hin leicht verständlicher Sprachlaut nothwendig erwies.
Welch’ eine große Hilfe für den Forscher, wenn er sich im Süden ohne Schwierigkeit die Sesutosprache zu eigen machen könnte. Die gegenwärtige Makololo-Sprache ist nicht mehr das reine Sesuto, sondern durch die Vermischung mit dem Serotse etwas corrumpirt; ein der Sesutosprache Mächtiger ist im Marutse-Mabunda-Reiche vollkommen sicher. Als ich den König über die Ausdehnung seines Reiches befragte, da meinte er, daß seine Leute 15 bis 20 Tagreisen zu gehen hätten, bevor sie die nördliche Grenze erreichen könnten; nach diesen mit ihm, seinen Häuptlingen, den Abgesandten der nördlich wohnenden Maschukulumbe und den portugiesischen Händlern gepflogenen Besprechungen und nachdem ich die Entfernungen nach Tagreisen in Meilen verwandelt, zog ich die Grenzlinien des Reiches, wie sie auf der Karte zu sehen sind. Die Grenze wird nach Norden und Osten von den Maschukulumbe, nach Südwest von den Bamaschi, nach Süden von den Bamangwato-Reichen und dem Matabelelande gebildet.
Sepopo’s Name bedeutet in der Serotse »einen Traum«, seine Mutter hieß Mangala. Die Vorstellung der in Schescheke anwesenden Häuptlinge und Würdenträger — darunter war auch Kapella, der Commandant der Truppen — schloß der König mit dem häßlichen Maschoku, dem Scharfrichter, einem riesigen Mabunda, und seinen zwei Schwiegersöhnen, welche zugleich seine Schwiegerväter waren. Er hatte nämlich von beiden letzteren je eine Tochter zur Frau genommen und ihnen dafür zwei seiner unmündigen Töchterchen als Frauen zugesagt.
Als er die gegenseitige Vorstellung schloß, näherten sich mit lauten Schangwe-Rufen drei Marutse seiner Hütte und brachten drei Büffelschwänze; der König hatte sie ausgeschickt, um mich und Blockley mit Fleisch zu versorgen. Bei dieser Vorstellung wurde Honigbier getrunken, worin Lunga, die schönste der Basutofrauen, Unglaubliches leistete. Bevor ich noch schied, zeigte mir der König seine beiden Leibärzte, welche ihn mit Zaubermitteln zu versehen haben, so oft er sich auf die Jagd begibt. Den Tag benützte ich, um mir die Stadt zu besehen, und am Abend fand ich mich wieder in dem königlichen Gehöfte ein. Am selben Abend kam auch Makumba von Impalera und brachte die betrübende Nachricht, daß der Händler Y., den ich an Schneemanns-Pfanne getroffen und ihm angerathen hatte, so schnell wie möglich nach Panda ma Tenka zu meinem Wagen zu reisen, gestorben sei, bevor er noch dahin gelangt war.
Vom 20. auf den 21. ereignete sich ein Intermezzo, welches die Harmonie zwischen mir und dem Könige etwas störte. In Folge der Generosität des Freundes Blockley ging es in unserem Höfchen wieder so lustig wie die Nacht zuvor her; es mochte wohl schon Mitternacht sein, bevor die in einen ausgezeichneten Humor versetzten schwarzen Damen und Herren die drei riesigen Biertöpfe geleert hatten. Als sie endlich vor Müdigkeit und in Folge des reichlichen Biergenusses in Schlummer verfielen, da waren es die Kalebaßpiano’s, welche mit ihren Tönen jeden Versuch zum Einschlummern illusorisch machten. Endlich lullten mich die sich wiederholenden Weisen in den wohlverdienten Schlaf ein, doch es währte nicht lange und ich wurde durch das Bellen eines Hundes wieder geweckt. Als ich meine Augen öffnete, schien es mir in der Hütte ungewöhnlich hell und doch hatte ich die Oeffnung mit einer Kiste geschlossen; nun bemerkte ich plötzlich einen dunklen Körper in der niedrigen, 2½ Fuß hohen Thüröffnung. Ein Eingeborner war eben im Begriffe, sich mit der rechten Hand der neben mir auf einer Kiste liegenden Kleider zu bemächtigen. Ich hatte außer einigen über mir hängenden Assagaien, die ich Tags zuvor erstanden, keine Waffe bei mir. Bevor ich noch zum Stoße ausholen konnte, war der Dieb aus der Oeffnung verschwunden, ich stürzte ihm nach, doch derselbe war in Begleitung eines Gehilfen, einen Stock und einen Fisch zurücklassend, zwischen den Hütten verschwunden. Dieses nächtliche Abenteuer regte mich so auf, daß ich für den Rest der Nacht das Auge nicht schließen konnte. Als ich am nächsten Morgen den König davon benachrichtigte, antwortete er mir ausweichend, und ich konnte bemerken, daß ihm an diesem Tage meine Begegnung nicht sonderlich freue. Doch ich ließ nicht ab und wollte, daß er die Sache untersuchen lasse. Ich nahm nun zu einer List Zuflucht, sandte einen von Blockley’s Dienern in die Stadt und ließ bekannt machen, daß ich einen Stock am Flusse gefunden hätte, und daß ich diesen Gegenstand gerne von seinem Besitzer erstehen würde. Ich ließ den Stock beschreiben und war begierig, ob die versprochenen Glasperlen den Dieb eruiren würden. Spät am Nachmittage fand sich ein ältliches Individuum ein, welches, als man ihm den Stock zeigte, auf diesen losstürzte und ihn als sein Eigenthum reclamirte. Nun erst, nachdem er auch den getrockneten Fisch als sein Eigenthum bekannte, führte ich ihn zum Könige, der eben beim Nachtmahle saß. Da jedoch ein Freund des Beschuldigten, der mit ihm gekommen war, rasch heim eilte, um das gestohlene Gut zu verstecken, so fanden die Abgesandten des Königs nichts in seiner Hütte und er wurde unschuldig erklärt. Als ich mich jedoch mit diesem Urtheilsspruch nicht zufrieden gab, meinte der König, daß er den Mann mir zu Liebe bestrafen wolle. Auf meine Frage, welche Strafe er über den Mann verhängen würde, antwortete er, daß ihm der Tod bestimmt sei. Damit konnte ich mich nun wieder keinesfalls einverstanden erklären und bat den König, den Mann auf freien Fuß setzen zu lassen, bemerkte jedoch dem Könige gegenüber, daß ich jeden nächtlichen Eindringling künftighin niederschießen werde. Sepopo meinte hierauf, daß dies das Beste wäre und theilte dies den zahlreich Versammelten sofort mit lauter Stimme mit.
Am Abend kamen Männer von der Barotse, darunter auch ein von Sekeletu gefangen genommener Matabele und brachten ihre Abgaben an Korn. Der König zeigte den Ankömmlingen das Innere seiner Hütte, auf das er nicht wenig stolz war. Nachdem ich am selben Tage durch Masangu, einem Würdenträger, den man vielleicht am richtigsten Arsenal-Verwalter nennen könnte, aufmerksam gemacht worden war, daß der König in Folge der durch den Diebstahl mir zugethanen Beleidigung geneigt wäre, mir Satisfaction zu geben, wollte ich die Gelegenheit benützen und den König formell um die Erlaubniß bitten, sein Reich bereisen zu dürfen. Gleich bei meiner Ankunft in dem Höfchen fiel mir unter den dreißig in tiefer Stille Hockenden ein Mann ob seiner äußerst demüthigen und unterwürfigen Stellung auf, die Verschmitztheit, die aus seinem Gesichte hervorleuchtete, brachte mir die Vermuthung bei, daß ich es nicht mit einem Eingebornen des Marutsereiches zu thun habe; nachdem ich ihn etwas näher fixirt, war ich dessen sicher, daß es ein Halbkast war. Als ich den günstigsten Moment für gekommen hielt, rückte ich mit meinem Ansuchen heraus; ich frug den König, ob er mein ihm durch Westbeech gestelltes Ansuchen kenne, und als er dies bejahte, erläuterte ich nun den Zweck meiner Reise.
Nachdem der König zugehört verhielt er sich einige Minuten ruhig, dann warf er die Frage auf: »Spricht der weiße Doctor die Serotse oder die Sesuto?« Ich antwortete verneinend. »Spricht der weiße Doctor die Sprache dieser beiden Männer,« und er wies auf zwei zu seiner Linken liegende Männer, von denen mir der eine als Halbkast und durch sein verdächtiges Aussehen so aufgefallen war. Als ich mich darauf erkundigte, was dies für Leute seien, antwortete mir der eben erwähnte, indem er seinen Hut lüftete mit demüthiger Stimme. »Wir sind portugiesische Händler von Matimbundu und gute Christen.« Das waren also die sogenannten Mambari, von denen ich schon so viel Unfreundliches vernommen. Der mir vom Könige als ein »großer Mann« und Doctor vorgestellte, hieß Sykendu. Als der Mann zu mir aufsah, war ich durch seinen gleißnerischen Blick in meiner erstgefaßten Meinung nur bestärkt. Als Sepopo vernahm, daß ich auch ihre Sprache nicht verstehe, meinte er, daß ich sie in Schescheke erlernen müßte, da mir diese Männer als Führer und Dolmetscher ausgezeichnete Dienste leisten könnten, und so hörte ich, daß den portugiesischen Händlern (ich lernte später noch mehrere kennen) von Loanda, Mossamedes und Benguela jene Gebiete, die wir bis jetzt zwischen der Westküste und dem Bangweolo-See und nach Osten bis an die Mündung des Kafueflusses als eine Terra incognita betrachten, in allen Details bekannt sind; sie kennen nicht allein die verschiedenen Eingebornenreiche und ihre Herrscher, sondern auch die Unterhäuptlinge und die Charakterzüge derselben. Sie kannten auch alle Höhenzüge und Flüsse, welche man auf einem Zuge durch diese Gebiete zu überschreiten hatte. Und doch hatten es diese Leute, ebensowohl als ihre weißen Collegen von der Westküste für gerathen gefunden, von diesen Kenntnissen zu schweigen, um nicht Handelsleute anderer Nationen nach den an Elfenbein und Gummi reichen Ländern zu locken. Ich ersuchte Sepopo um zwei Führer, doch bevor er noch antworten konnte, überraschte mich Sykendu mit einer Antwort. Seinen Hut abermals lüftend, beugte er den Kopf bis zur Erde und indem er ein lateinisches Kreuz schlug, machte er einen Schwur bei der Mutter des Heilandes, daß er und der neben ihm liegende Bruder die beiden besten Christen im Innern und deshalb auch die besten Führer wären. Dies war wohl die Antwort auf die mißtrauischen Blicke, mit denen ich die Männer zu betrachten mich nicht erwehren konnte. Abermals herrschte auf einige Minuten Stille, dann meinte Sepopo, es wäre gut, wenn ich mir vielleicht die Serotse oder die Sprache der Makololo aneignen würde. Er meinte, ich würde dann etwas verhüten, was Livingstone auf seinem Zuge durch das nördliche Mamboeland begegnet. Der Monary (Livingstone) konnte sich mit den Leuten nicht verständigen und deshalb dachten jene Häuptlinge, daß er ein Zauberer und mit dem Regen vom Himmel herabgefallen sei. Monary mußte jeden von ihnen mit einem Gewehre beschenken, um sie vom Gegentheile zu überzeugen. Sykendu warf sodann die Frage auf, ob der Engländer auch wisse, daß man ihre Führerdienste gut bezahlen müsse, worüber ihn Sepopo vollkommen beruhigte. Sykendu forderte vier 80 Pfund schwere Elephantenzähne als Führerlohn, ich bot jedoch nur vier solche zu 40 Pfund unter der Bedingung, daß diese von mir bei Sepopo deponirt würden und meinen Führern erst bei ihrer Rückkehr von Matimbundu, wohin sie mich zu bringen hatten, vom Könige auszufolgen wären. Als ich jedoch einige Monate später Schescheke verließ und mich auf meine Weiterreise begab, zog ich ohne die beiden Mambari, ich hatte sie nämlich in der Zwischenzeit als Sklavenhändler kennen gelernt und anderweitige Gründe gefunden, ihnen zu mißtrauen.
Als an jenem Abend die Sache mit den Mambari in’s Reine gebracht worden war, versprach Sepopo, mich mit Kähnen und Bootsleuten zu versehen, die Letzteren sollten mich bis nach der Barotse bringen, hier sollten diese von Marutse-Männern und in jeder weiteren Provinz bis in das Mamboëland durch neue Leute abgelöst werden. Die Mamboë jedoch hätten mich bis an’s große Wasser, d. h. das Meer zu begleiten, wofür ich einen jeden mit einer Muskete zu entlohnen gehabt hätte, während die mir blos auf kurze Strecken mitgegebenen Bootsleute mit Hemden oder Kattun bezahlt werden sollten. Außerdem versprach der König den am Flusse wohnenden Völkerschaften den Befehl zu ertheilen, mich und meine Gefährten mit den nöthigen Lebensmitteln zu versorgen. Er rieth mir zwar an, mich nach Norden gegen den See Bangweolo zu wenden, da ich dann mit Trägern reisen und Kähne ersparen würde, was für ihn angenehmer und für mich gefahrloser sein würde.
Wie oft bereute ich es später, seinem Rathe nicht gefolgt zu sein. Ich dachte der Wissenschaft mehr zu nützen, wenn ich den Zambesi bis an seine Quellen verfolgte und anderseits hoffte ich, daß mich die Bootfahrt weniger ermüden würde und ich meine Kräfte für die weitere große Landreise reserviren könnte.
Ich entschloß mich, so bald wie möglich in das Panda ma Tenka-Thal zurückzukehren, meine Angelegenheiten zu ordnen und mich dann wider nach Schescheke zurückzubegeben, um meine Reise nach dem Zambesi aufwärts fortzusetzen. Am 22. besuchte ich die nach Osten zu gelegene, zum Aufbau der neuen Stadt bestimmte Stelle; auf dem Wege dahin wie am Orte selbst bot sich mir ein höchst interessanter, pittoresker Anblick. Die Erbauung der neuen Stadt war im vollen Zuge, der Fluß wimmelte von Kähnen, in denen Männer Gras, Pfähle, Schilfrohr herbeizuschaffen bemüht waren. Da waren eben einige beladene Kähne im Begriffe den Fluß zu kreuzen, um sich ihrer Last an unserem Ufer zu entledigen, während andere eben abstießen, zahlreiche andere stromaufwärts und abwärts dahinglitten. Landeinwärts schleppten einzeln oder im Gänsemarsch einander folgende Männer und Frauen riesige vorne überhängende und hinten beinahe bis zur Erde reichende Grasbündel heran. Andere Haufen von Männern trugen an Pfählen riesige Thongefäße aus den königlichen Kornkammern, um sie in dem neu zu errichtenden königlichen Gehöfte zu placiren. Von Zeit zu Zeit begegnete ich einem »wandelnden Dache«. Ich sah vor mir eines der kugelförmigen Grasdächer sich in dem hohen Grase bewegen, oder ich wurde durch das plötzliche Erscheinen eines anderen aus meinen Träumereien gerissen. Nur bei näherer Untersuchung konnte ich die Locomobile dieser Dächer erkennen, schwarze Schenkel wurden in dem hohen Grase sichtbar, es waren jene der Träger, welche zu 10 bis 30 durch das hohe Gras schlichen. An der Vorderseite hatte man eine kleine Oeffnung angebracht, durch welche der leitende Träger herauslugte. Manche der Arbeiter zogen singend, andere tanzend dahin, wieder andere liefen in scharfem Trab an mir vorüber. Auch die Königinnen waren nicht müßig, ich sah welche im vollen Stolze ihrer Würde einherschreitend und von einem Trosse Grasbündel tragender Dienerinnen begleitet.
Einmal rief mich der Gruß: »Moro (Guten Morgen), Moro! Njaka Makoa (Doctor, Weißer) wach und als ich mich umkehrte, sah ich den Masupia-Häuptling Makumba mit einer Schaar seiner Leute an mir vorüberpassiren. In der Blockley’s Gehöfte von drei Seiten (nach Norden, Westen, Osten) umgebenden Stadt Alt-Schescheke waren zahlreiche Menschen mit dem Abbrechen der Rohrhütten und Häuschen und der Uebersiedelung ihres Eigenthums beschäftigt. Auch Blockley packte seine sieben Sachen zusammen, um sich einstweilen in Neu-Schescheke in einer für ihn auf Befehl des Königs errichteten Grashütte niederzulassen.
Ich war, nach Alt-Schescheke zurückgekehrt, eben mit meinem Tagebuche beschäftigt, als mich der wiederholte Ruf »Molelo, Molelo« (Feuer) emporriß und vor die Hütte trieb. Ich sah zwar nur ein brennendes Gehöft, doch dieses eine stand in der Mitte einiger hundert anderer aus trocknem Rohr errichteter, von der Sonnenhitze gedörrter, und deshalb rasch in ein Flammenmeer verwandelter Hütten. Ein starker Ostwind fachte die Flammen immer mehr an, an den nach dem Flusse zu mündenden Pfaden erschienen heulende und schreiende Frauen und Kinder. Dazwischen dröhnten die Detonationen der Schüsse aus den in den Hütten zurückgelassenen Gewehren. Die Kugeln schlugen bald hier bald dort ein und gefährdeten die Lage der den Brandplatz umgebenden Leute in hohem Grade. Sowie ich meine wenigen Sachen aus der Hütte herausgeschafft hatte, kam Blockley herbeigerannt. Er kam um Schaufeln zu holen, da sich am Waldesrande, an der dem Feuer entgegengesetzten Seite die Hütte befand, in welcher Westbeech sein, sowie das an Sepopo verkaufte Schießpulver aufbewahrt hatte. Es galt nun den Pulvervorrath so rasch als möglich aus der Hütte zu schaffen und es in dem feuchten Boden zu vergraben, da ein Waldbrand zu befürchten war. Nach Westen, etwa 30 Schritte weit, lag des Königs Pferdestall (aus Pfählen errichtet) und nach Osten eine kaum zwei Meter ab liegende Gruppe von Hütten, doch da sie beide von der Hauptmasse, die vor uns (nach Norden) im Feuer stand, circa fünfzehn Schritte entfernt waren, weniger gefährlich. Die meiste Gefahr drohte eben von vorne, wo zwei Rohrgehöfte aus der Masse hervortretend, unserer Schilfumzäunung auf fünf Meter Entfernung gegenüberstanden, sie war noch vom Feuer verschont geblieben. Wirkte auch der durch die Flammen sausende Wind mit dem tausendfachen Geknatter, das von dem Brande zahlloser Rohrschäfte herrührte, sowie die von der Sonne und von dem Feuer ausgehende Gluth sinnebetäubend, so verschuldeten es doch in erster Linie die sich entladenden Gewehre, daß sich die Reihen der Löschenden so stark lichteten, und ich fürchten mußte, im Augenblicke der höchsten Noth allein zu stehen. Ich hatte nur meinen Diener Pit und einen von Blockley’s Dienern bei mir, welche die wenigen Thon- und Kürbisgefäße, die uns zur Verfügung standen, am Flusse füllten und dabei noch die Hälfte davon im Eifer der Arbeit zerschlugen. Mein Beispiel eiferte bald mehrere Eingeborne zur Nachahmung an und so gelang es mir, der Verbreitung des Feuers eine Schranke zu setzen, nachdem ich die Rohrumzäunung unseres Gehöftes niedergerissen hatte.
Mehr als die Hälfte von Alt-Schescheke wurde durch diesen Brand zerstört; als Sepopo von der Baustelle von Neu-Schescheke aus das Feuer sah, machte er seinem Unmuth in einer für seine Umgebung recht fühlbaren Weise Luft. Er hieb auf sie mit dem Stocke los, bis er sich müde geschlagen. Freudig begrüßte ich den siegreich zurückkehrenden Blockley, dem es gelungen war, das Schießpulver zu retten und auch er gab seiner Freude Ausdruck, daß ich sein und Westbeechs Waarengehöfte gerettet hatte. Ich hatte keine Ahnung, daß ich selbst in der größten Gefahr schwebte, da in dem Gehöfte, dessen Rettung mir gelungen war, Blockley 700 Pfund Schießpulver in einer Kiste aufbewahrt hatte.
Am nächsten Tage kamen mehrere Kähne von der Barotse, welche der König zu meiner Verfügung stellte; er rieth mir, rasch zu meinem Wagen nach dem Panda ma Tenka-Thale zu eilen und mich bald wieder in Schescheke einzufinden. Ich blieb in Neu-Schescheke, nachdem ich zu Blockley übersiedelt war und das Häuschen in Alt-Schescheke verlassen hatte, bis zum 30. August. Die Zeit meines Aufenthaltes in der königlichen Residenz verwendete ich meist zur Vermehrung meiner ethnographischen Sammlungen und zum Studium der Gebräuche der hier so zahlreich versammelten Eingebornenstämme des Reiches, nebstbei zur Erlernung der Sesuto-Sprache. Da ich dem Versprechen des Königs zufolge den Weg nach der Westküste offen zu haben wähnte, schloß ich mit Blockley ein Geschäft ab, wobei er sich verpflichtete, meinen Wagen mit den Sammlungen nach Schoschong zu bringen, wo sie einstweilen deponirt werden sollten. Dafür verkaufte ich ihm, da er es außerdem sehr benöthigte, mein Gespann für Elfenbein und verschiedene Waaren, wie Calico, Glasperlen etc.
Ich will nun im Folgenden einige Züge aus dem Charakter der das Marutse-Mabunda-Reich bewohnenden Stämme anführen und mit der Erzählung einiger Begebenheiten in der Zeit vom 26. bis 30. August die Schilderung meines ersten Besuches bei Sepopo schließen.
Mit Ausnahme der östlich von den Matabele wohnenden Maschona ist kein Stamm in Südafrika so thatkräftig wie mehrere das Marutse-Mabunda-Reich bewohnenden Stämme und da die Producte ihrer Kunstfertigkeit reichlich im ganzen Lande verbreitet sind, fallen sie dem vergleichenden Ethnologen sofort in die Augen und sprechen für die relativ hohe Culturstufe der Stämme. Dieses Uebergewicht über die südafrikanischen Stämme wird aber noch schlagender, wenn wir ihre Geschicklichkeit im Canoefahren, Fischen etc., ins Auge fassen. Die Fertigkeit in der Production von Gegenständen aus Metall, Bein, Horn, Haut, Holz und ihre sonstigen Verrichtungen lassen auf eine nicht unbedeutende Stufe geistiger Fähigkeiten schließen. Sie lechzen nach jeder Belehrung und Unterweisung und begreifen leicht. Zur Vervollständigung der Parallele zwischen ihnen und den Stämmen südlich des Zambesi muß ich jedoch auch erwähnen, daß sie in moralischer Beziehung tiefer als die meisten der Eingebornenstämme Süd-Afrika’s stehen, doch ist diese Erscheinung durch den primitiven, urwüchsigen Zustand bedingt, in dem Wilde, wenn sie von der wohlthätig auf sie einwirkenden Außenwelt abgeschlossen sind, verbleiben und keineswegs ein erworbenes Laster, wie wir es bei der Hottentottenrace finden. Deßhalb glaube ich auch mit Rücksicht auf ihre geistigen Fähigkeiten, daß sich diese Schattenseite ihres Charakters allmälig heben lassen wird.
Uebersiedlung nach Neu-Schescheke.
Ein weiterer tief im Wesen und in der Tradition des Volkes begründeter Uebelstand ist der Hang zum Aberglauben, worin die Völker des Reiches die übrigen Süd-Afrika’s weit überragen und der durch die zahlreichen Menschen, die ihm zum Opfer fallen, noch verschärft wird. Unter allen anderen südafrikanischen Stämmen herrscht derselbe nur bei den Zulu’s und Matabele’s in ähnlich abschreckendem Maße. Da jedoch am Zambesi das Königshaus die Hauptschmiede des Zauberschwindels ist und die Könige ihre Grausamkeiten oft aus Aberglauben ausüben, somit von ihnen derselbe wissentlich bei den Unterthanen genährt und verbreitet wird, dieselben dann wegen der vielen aus diesen Untugenden des Königs und seiner Rathgeber hervorgehenden Schreckensthaten das Oberhaupt mit seinen Lehren vom Zauber und Aberglauben fürchten und hassen lernen, so wäre es am zentralen Zambesi mehr als irgendwo in Süd-Afrika lohnenswerth, diese abergläubischen Gebräuche, das wichtigste Hinderniß der Civilisation zu schwächen und zu beseitigen.
Der König der Marutse ist unumschränkter Herrscher und Besitzer des Landes und seiner Bewohner. Trotzdem aber streckt — mit Ausnahme Sepopo’s, dessen Regierung die eines Tyrannen war — der Herrscher nur selten seine Hand nach fremdem Eigenthume aus. Der jeweilige Herrscher oder die Herrscherin (die Frauen sind bei den Nord-Zambesistämmen als Regentinnen, weil sie weniger grausam als die Männer sind, beliebter) bestimmen ihren Thronfolger schon bei Lebzeiten. Derselbe kann Knabe oder Mädchen, muß aber stets einer Marutse-Mutter entsprossen sein. Bei den conservativen Betschuana’s gilt der erste männliche Sprosse der ersten Frau als Nachfolger und diese Bestimmung besitzt solche Rechtskraft, daß selbst im Falle eines frühzeitigen Ablebens des rechtmäßigen Königs, der erste Sohn, dem die verwitwete Königin das Leben gibt, der rechtmäßige Herrscher des Landes wird. Im Jahre 1875 bestimmte Sepopo, daß sein sechsjähriges Töchterchen die zukünftige Herrscherin des Marutse-Reiches werden solle, von Rechtswegen hätte Moquai, seine älteste Tochter, die rechtmäßige Thronfolgerin sein sollen, da sie jedoch als Königin der Mabunda’s einen großen Anhang im Lande hatte, schien sie ihm als Thronfolgerin zu gefährlich. Die erste Frau des Königs wird »Mutter des Reiches« genannt.
Der König gilt auch für den größten Zauberer und Heilkünstler und unter dem Deckmantel dieser bei den meisten Völkern so geachteten Künste wurden von Sepopo die schrecklichsten Verbrechen begangen, wobei er nach Herzenslust das Volk hinterlistig täuschte, trotzdem er selbst vom Unsinn vieler abergläubischer Gebräuche durchdrungen war.
Der jeweilige Herrscher des Marutse-Reiches besitzt sehr große Einnahmsquellen. Außer seinen ausgedehnten bebauten Ländereien, die theils von ganzen Colonien seiner dazu beorderten Unterthanen, theils von seinen vielen mit zahlreichem Gefolge versehenen Gemahlinnen bewirthschaftet werden, betragen die directen Abgaben, wie der eingezahlte Tribut ganz erstaunliche Mengen an allerlei Artikeln, welche ein Marutse-Fürst sich nur wünschen kann und repräsentiren einen bedeutenden Werth. Da Gummi elasticum wie auch Elfenbein, die ihm als Krongut abgeliefert werden müssen, die wichtigsten Tauschartikel bilden, so ist der Herrscher der eigentliche und erste Kaufmann des Landes. Er kauft oft Wagenladungen von Waaren im Werthe von 3—5000 £ St., verschenkt den größten Theil davon an seine nächste Umgebung oder an die ihn zufällig aus den entlegeneren Theilen des Reiches aufsuchenden Unterthanen, wobei jedoch die vertheilten Waffen, wie Gewehre etc. stets des Königs Eigenthum verbleiben. Trotzdem gelüstet es oft doch noch dem Könige nach einer schönen, einem der wohlhabenderen seiner Unterthanen angehörenden Rindviehheerde, die ihm seiner Auffassung nach zugehört, die er jedoch des guten Scheines halber nicht ohneweiters ausgeliefert haben will, sondern sich ihrer auf andere Weise bemächtigt, z. B. dadurch, daß er einfach den Besitzer des Hochverrathes, der Zauberei ober eines Mordes anklagt, verurtheilt und hinrichten läßt.
Der Herrscher kann das Leben nehmen wann und wie er will; er kann zu Sklaven machen wen und wie viele er will; er kann seine Hand nach der Frau eines Jeden ausstrecken, wenn diese sein Wohlgefallen erregt, wobei er einfach den Gemahl zur Seite schiebt und ihm eine andere Frau anbietet oder gibt; er kann ferner die Kinder den Eltern entreißen, wenn diese zu dieser oder jener Zauberei nothwendige Objecte bilden sollten. Die Regentinnen können sich nach Gefallen einen Gemahl wählen, ohne Rücksicht, ob der Mann schon durch eheliche Bande gebunden ist oder nicht. Der Regent besitzt immer das Schönste, was von den Nachbarvölkern, was von den Weißen ausgetauscht, oder was kunstvollst im Reiche selbst ausgearbeitet wurde. Hochverrath wäre es, wenn Jemand Schöneres oder Werthvolleres als der Herrscher besitzen würde. Oft bot ich den Leuten Geschenke an, die jedoch, wenn es ungewöhnlichere Objecte betraf, mit den Worten zurückgewiesen wurden: »Wir dürfen es nicht nehmen, wir wissen nicht, ob es Sepopo besitzt.«
Im Bauwesen überragen die Völker des Marutse-Mabunda-Reiches die meisten südlich vom Zambesi wohnenden Eingebornenstämme, den in diesem Fache Gewandtesten kommen sie gleich. Es gilt dies jedoch nur von den feste Wohnsitze innehabenden Stämmen, nicht aber von jenen, die sich blos periodisch der Ernte, der Fischerei oder der Jagd halber kurze Zeit an einem selbstgewählten oder ihnen vom Statthalter oder König angewiesenen Orte aufhalten. Solche periodische Wohnsitze finden wir namentlich an den Ufern der großen Flüsse, an östlichen und südlichen Waldabhängen und im Dickicht der Wälder, wo mitten in denselben ebene Lichtungen das Wild anlocken. Feste Wohnsitze sind über das ganze Land zerstreut; das Land der großen Städte ist aber die Barotse. Die Völker bauen im Allgemeinen gefällige, angenehme und gediegene Hütten und Häuser und — was sehr in die Wagschale fällt — sehr rasch. Es läßt sich leicht erkennen, daß es namentlich die Natur ist, in der die Völker leben, die ihnen das Baumaterial so reichlich und unter so geringer Mühe liefert und so das Bauen erleichtert, allein wir dürfen den Leuten auch einen gewissen Sinn, ein größeres Verständniß in dieser Fertigkeit nicht absprechen, die wir bei den meisten der südlich vom Zambesi wohnenden Stämme vermissen, denen ebenfalls von der Natur das Baumaterial in unmittelbarer Nähe und reichhaltig gespendet wird. Ich erwähnte bereits, in welch’ kurzer Zeit Neu-Schescheke aufgebaut wurde. Man kann nicht behaupten, daß die Hütten der Betschuana-, der Zulu-, Hottentotten-Race etc. mehr Schutz gegen das Feuer gewähren, als jene nördlich des Zambesi; hier jedoch wird der durch das Feuer verursachte Schaden so leicht und rasch ersetzt, daß das Unglück minder fühlbar wird.
Das Flußnetz des Marutse-Reiches mit seinen ausgedehnten, hoch und dicht bewachsenen Marschen bietet den Bewohnern reichliche, fruchtbare, wohlgelegene Ansiedlungsstellen und das Riesenwälder bildende Schilf ein vorzügliches Baumaterial, Holz zum Baugerüste, Lattenwerk, Bast, und daraus wie aus Palmenblätter geflochtene Seile und Taue, Nägel und Klammern, dichtes riesiges Gras als Eindeckungsmaterial, Sand und Thon zum Cement finden sich fast überall und wo es fehlt, kann es mit den raschen Booten in kurzer Zeit herbeigeschafft werden. Dabei hilft Einer dem Andern, wo es nöthig ist. Bezüglich ihrer Anlage sind die Städte so nahe als es die jährlichen Ueberschwemmungen gestatten, an die Flüsse angebaut und in der Regel von einem Kranze von Dörfern umgeben, in denen meistens Leibeigene wohnen, die für ihre Herren in der Stadt in deren nächster Umgebung Felder bestellen, Getreide anbauen oder auch Viehheerden hüten müssen. Außerdem sind die Städte bedeutend reiner gehalten als jene südlich des Zambesi, wozu, wie zur persönlichen Reinlichkeit, auch wieder der Ueberfluß an Wasser die Erklärung gibt.
Unter den verschiedenen Stämmen des Reiches fand ich die Marutse im Bauen praktischer als die von ihnen unterjochten und tributpflichtigen Stämme. Bei den Marutse beobachtete ich drei wesentlich von einander verschiedene Bauarten, und zwar: concentrische hohe, cylindrische und Langbauten. Die concentrische Bauart besteht aus zwei Häusern, von denen das eine, an Umfang kleinere, jedoch höhere, in ein weiteres, niedrigeres hineingebaut ist und beide von einem kegelförmigen Riesendache überdacht werden. Die Form des inneren Hauses ist die eines Kegelstutzens, es trägt ein eigenes kleines, gewölbtes, niederes Dach, die Form des äußeren Hauses ist eine cylindrische. Das gemeinschaftliche Dach reicht von der Spitze des Innenbaues ein bis zwei Meter über den Außenbau und wird an seiner Peripherie von einem Pfahlkranze gestützt, wodurch noch um den Außenbau eine schattige Veranda geschaffen wird. Den Bau dieser Häuser übernehmen die Frauen, jenes des Königs die Königinnen, nachdem ihnen ihre Männer, hier die Diener oder die dazu beorderten Unterthanen das nöthige Material herbeigeschafft, geebnet und mit Cement (aus Thon und Sand hergestellt) angeworfen haben. Die Baustellen haben gewöhnlich einen Umfang von 6 bis 12 Meter. Die Peripherie wird zu einer 30 bis 40 Centimeter tiefen, 10 bis 15 Centimeter breiten Furche vertieft und in diese lose Bündel von starkem, über vier Meter hohem Rohr eingelassen und die Furchen sodann ausgefüllt. Mittelst zwei bis vier Palmenblattstricken wird diese cylindrische Rohrmauer der Quere nach durchflochten, die Rohrstengel fest mit einander verbunden, wobei ich beobachtete, daß diese zum Durch-, Um- und Aneinanderflechten der Rohrbündel und Stengel benützten Querverbindungen nach oben zu kürzer werden, so daß statt einer cylindrischen eine kegelstutzförmige, etwa drei bis vier Meter hohe Rohrmauer entsteht, welcher Vorgang auch genau der Natur des Baumaterials entspricht.
In einer Höhe von drei bis vier Meter über dem cementirten Boden wird das Rohr gleichmäßig abgeschnitten und dann in allen Fällen die Außenseite, bisweilen auch die Innenfläche dieser Rohrwand cementirt. Nachdem dies vollendet, wird von Männern das niedere kegelförmige Rohrdach geflochten und von den Frauen einer enganschließenden Kappe gleich, dem Baue aufgesetzt und von außen cementirt. Mit einer in der Regel dem Hofeingange entgegen blickenden Thüröffnung von halb ovaler Gestalt, die man in die Rohrwand einschneidet und deren Rahmen man durch kunstvolles Cementgesimse ersetzt, vollendet man den Bau des concentrischen Hauses. Bei der Anlage des Außenbaues wird in ähnlicher Weise vorgegangen. Auch hier wird eine Furche gegraben, der Boden cementirt und Rohrbüschel, doch nur von 2⅔ bis 3⅓ Meter Höhe eingepflanzt, die etwa 30 Centimeter tief im Boden sitzen. Da diese Umfassungsmauer die Wucht des Hauptdaches zu tragen hat, wird die Rohrwand durch zahlreiche, eng aneinander oder höchstens 50 Centimeter von einander abstehende, ihr an Höhe gleichkommende oder sie um einige Centimeter überragende, der Rinde beraubte Pfähle gestützt. Die Außenfläche dieses äußeren Hauses ist stets, die Innenfläche zumeist cementirt, weshalb man kaum das leichte Baumaterial vermuthen würde. Genau mit der Oeffnung des Innenbaues correspondirend ist auch an dem Außenbaue die Thüre angebracht, bei allen größeren Bauten von Manneshöhe, 2½ Meter hoch und 80 Centimeter bis einen Meter breit. Ist der Außenbau (12 bis 24 Meter im Umfange) von den Frauen vollendet, so wird das Hauptdach von Männern geflochten und die Verandapfähle in einer Entfernung von 1 bis 1½ Meter von dem Außenbau eingerammt. Der Raum zwischen diesen Pfählen und dem Außenbau, d. h. das Trottoir der Veranda wird etwa 10 bis 20 Centimeter hoch aufgeschüttet und cementirt. Ist nun inzwischen das kegelförmige Riesendach fertiggestellt, so wird es dem Außenbau aufgesetzt, die schwierigste Procedur bei der gesammten Bauthätigkeit. In einem Tempo wird das Dach von 40 bis 60 Männern mittelst 3 bis 4½ Meter langen Pfählen von der Erde gehoben und auf die kürzeren Pfähle gestützt; nun verwechseln einige, nach und nach alle die kurzen Pfähle gegen die längeren und abermals wird das Dach in einem Tempo hoch aufgehoben, daß der Rand an einer Stelle auf der Dachspitze des Innenbaues ruht und dann mit Bedacht von der entgegengesetzten Seite weitergehoben, bis es über dem Dache des Innenbaues liegt. Das ungleichmäßig die Veranda überragende Rohr wird nun zugestutzt und von Männern wie Frauen das Dach mit dem trockenen, vorjährigen Ufergras gedeckt. Dabei wird zuerst das Dach mit einer 15 bis 30 Centimeter dicken Graslage regendicht überschüttet und mit Fächerpalmenstricken und Tauen netzartig umwunden, um es gegen den Wind widerstandsfähig zu machen.
Auf das Glätten des grauen Cementes und vor Allem auf den gesimsartigen Rahmen der inneren Thüre, auf welcher dünne Leisten auf das Feinste und symmetrisch ausgeführt sind, wird die größte Mühe verwendet. Der König besitzt in seinem Hofe drei solche in dem Winkel eines gleichschenkeligen Dreieckes stehende Häuser; zwei bis drei Königinnen je eines; die Würdenträger in der Regel eines bis zwei. Namentlich schön und gediegen sollen jedoch die königlichen Gebäude in der Barotse gearbeitet sein. Die Nebenhäuser der Königinnen sind nach Art der backofenförmigen Bauten der Masupia’s gearbeitet. Der königliche Hof besteht aus mehreren um die Gebäude des Regenten concentrisch angeordneten Häusergruppen.
Die königlichen Wohnhäuser sind von einer elliptischen Umzäunung umgeben und werden nach außen hin von zwei concentrischen Gehöftkreisen umfaßt, die je sechs bis acht Gehöfte zählen, welche von den Königinnen bewohnt werden, im weiteren Umkreise befindet sich sodann das königliche Vorrathshaus, das Küchen-Departement, die Hütte für die königliche Musikbande; im vierten äußersten Kreise stehen das im europäischen Style gehaltene Berathungshaus und die Hütten der Dienerinnen und Diener. Die Häuptlinge wohnen in einem weiten concentrischen Kreise um den Complex der königlichen Wohnungen, oder wenn sich, wie in Neu-Schescheke, die königlichen Gebäude an ein Gewässer lehnen, in einem Kreissegmente, wobei jedem Häuptlinge die Stelle, an der er sich in der Residenz niederlassen soll, genau ausgemessen ist. Den Hofeingang versperrt man bei Nacht, um die Raubthiere abzuhalten, mit einer aus Rohr gearbeiteten Thüre.
Eine zweite Bauart, hauptsächlich bei einem Zweigstamme der Marutse im Gebrauche, ist die cylindrische. Die in diesem Style aufgeführten Hütten sind cylindrisch und hoch, selten und dann nur an der Innenwand cementirt. Sie haben einen Durchmesser von 3 bis 4 Meter und sind mit einem 1 bis 1¼ Meter hohem Rohrdach gedeckt, welches an seiner Spitze verschiedene, aus Holzstücken, Gras- und Strohseilen verfertigte Verzierungen trägt.
Eine andere Bauart der Hütten bei den Marutse ist die giebeldachförmige, mit einem gewöhnlich in der Mitte angebrachten, der Hofthür zugekehrten niedrigen Eingang, an dessem Rahmen das Baumaterial, Schilfrohr oder Gras, vorspringende Kämme bildet, um den Regen abzuhalten und einen besseren Verschluß zu sichern. Die armförmigen, oben bogenartig in einander greifenden Rohrbündel sind durch zahlreiche, dünnere aus gleichem Material geformte Latten der Quere nach verbunden. Bei größeren Bauten wird der Giebel durch drei bis fünf Pfähle gestützt und durch Matten-Verschalung das Innere in zwei ungleiche Räume getheilt, von denen der kleinere als Empfangs-, der größere als Schlafraum benützt wird. Solcher Giebelbauten enthält ein größeres Gehöfte einen bis zwei, bei einem Wohlhabenden findet sich in der Regel noch eine Rundhütte als Kornkammer und bei einem Häuptlinge eine ähnliche als Berathungshaus. Der Hofraum ist von länglich-ovaler Form und das Hauptgebäude mit seiner Frontseite dem Eingange zugekehrt.
Von den in Schescheke lebenden Marutse wohnen zwei Drittel derselben in solchen Häusern unter dem Häuptlinge Maranzian. Die Mabunda’s haben den Langbau der Marutse im Gebrauch, nur sind ihre Hütten kürzer und breiter und haben einen flacheren First. Die Umzäunung ist eine viereckige und besteht aus ½ bis 2 Meter hohen Pfählen, die in einer Entfernung von ein bis zwei Meter in die Erde eingelassen sind, und einem sich an diese mittelst Querstangen stützenden Rohrzaun.