Musikinstrumente der Marutse.

Außer den genannten drei Häusern fand ich in dem königlichen Hofraume noch drei Hütten, welche mir auffielen, erstlich des Königs Apotheke und sein Badezimmer, eigentlich ein auf dünnen Pfählen ruhendes Strohdach mit einem Durchmesser von etwa drei Meter und mit einem fünf Fuß hohen Pfahle in der Mitte. Dieser Pfahl war mit kleinen Körbchen, Kalebassen, Säckchen, Antilopenhörnern, Knochen, Korallensträngen etc. behangen, unter denen die gefäßartigen Objecte heilende Kräuter, sowie Gifte, deren man sich zu den Hinrichtungen bediente, doch auch allerlei Zauberschwindel, Zauberinstrumente und Mittel aus Holz, Rohr, Vogel- und Thierknochen, Elephanten- und Nilpferd-Elfenbein, Fruchtschalen, Thierklauen, zu Pulver gebrannte Knochenstücke, ferner die Schuppen des Schuppenthieres und des Krokodils, Schlangenhaut, Tuch- und Wolllappen enthielten. Auch auf dem Boden der Hütte lagen solche Gegenstände in verschiedenen Gefäßen und an der Innenseite des Hüttendaches war ein Medicinkistchen aufgehangen, das ein portugiesischer Händler einst Sepopo verehrt hatte. Außerdem hingen einige Musikinstrumente in der Hütte und jeden Abend wurde eine riesige runde Holzschüssel hereingebracht, in der Sepopo sein Bad nahm. Vor derselben stand eine kleinere Hütte mit einem prismatischen Dache, in welcher verunstaltete Elephantenzähne, deren man zufällig auf der Jagd habhaft geworden war, sowie einige Gefäße mit allerlei Zaubermitteln lagen, deren sich der König auf der Jagd bediente. Hinter dem Empfangshause erhob sich ein ähnlich geformtes, bedeutend kleineres, prismatisches, auf einen Baumstamm gehobenes Dach, unter welchem eine Unzahl von Elephantenschwänzen als Trophäen dieser in der Nähe von Schescheke erlegten riesigen Dickhäuter, sowie eine Gruppe von Assagaien, die größten und bestgearbeiteten im ganzen Lande vor dem schädlichen Einflusse des Regens geschützt wurden. Zwischen dieser Hütte und der hohen Rohrumzäunung standen auf Holzgestellen und Stäbchen einige Gefäße (Kürbisschalen und Thon), in welcher zur Jagd benöthigte Zaubermittel aufbewahrt wurden. Bei meinen Gängen durch die Stadt fand ich in jedem Höfchen einen Baumast oder einen kleinen trockenen Stamm eingepflanzt, an dem die Kopfskelette der Antilopen sowie die Atlaswirbel der größten Säugethiere, die Jagdtrophäen des Herrn des Gehöftes, hingen und die von dessen Thatkraft Zeugniß geben sollten. Nach dem Tode des Mannes werden dann diese Trophäen auf sein Grab niedergelegt.

Kischitanz.

Am 26., als ich mich eben am Ufer des Flusses erging, warf sich ein Krokodil aus dem Wasser auf einen im Kahne stehenden Mann, der sich jedoch durch einen Sprung auf das sandige Ufer zu retten vermochte.

Von den Portugiesen, von dem Könige und seinen Häuptlingen, sowie von Blockley erfuhr ich, daß der Madschila-River ein ähnlich sandiges und bewaldetes Hochplateau wie jenes zwischen den Salzseen des centralen Süd-Afrika und dem Zambesi-Gebiete durchströme, bei den später unternommenen Ausflügen in dieser Richtung hin konnte ich jedoch bemerken, daß das Land größere, zum Ackerbau vorzüglich geeignete Lichtungen besaß, welche gegenwärtig zahlloses Wild beherbergten.

Kischitänzer-Maske.

Am 27. machte ich wiederholte Versuche, um vom Könige Kähne zu meiner Rückkehr nach Panda ma Tenka zu erlangen, wurde aber mit leeren Ausflüchten vertröstet. Tags zuvor hatte der König mir zu Ehren einen Mabunda-Tanz aufführen lassen. Die Idee dieses Tanzes ist eine verwerfliche, auch ist es vielleicht von Interesse zu wissen, daß die Schwarzen des Marutse-Reiches sich der in diesem Tanze enthaltenen Unschicklichkeit bewußt sind und deshalb nur maskirte Männer daran theilnehmen. Auffallend vorgeschritten erscheinen die Völker des Marutse-Mabunda-Reiches in ihren musikalischen Begriffen. In der Fertigkeit der Handhabung musikalischer Instrumente finden sie zwar Rivalen in den Stämmen an der Ostküste Süd-Afrika’s, die häufiger mit den Portugiesen in Berührung kamen, im Gesange sind ihnen die Matabele-Zulu überlegen. Im Marutse-Mabunda-Reiche fand ich zum ersten Male eine vom Könige zu seiner Unterhaltung und Verherrlichung gehaltene, aus einheimischen Künstlern recrutirte Musikbande. Sie besteht aus mehreren Tambours, welche längliche, röhren- und kegelstutzförmige einfache, sowie sanduhrartig geformte Doppeltrommeln mit ihren Hohlhandballen und Fingern bearbeiten; die Doppeltrommeln hängen an einem um den Nacken geworfenen Riemen, während die länglichen von den resp. Künstlern »geritten« werden. Die wichtigsten Instrumente der Capelle sind die Myrimbas (Kalebaßpianos), welche ähnlich den Doppeltrommeln getragen werden. Die Musikbande besteht aus 20 Mann, von denen jedoch nur sechs bis zehn jedesmal auftreten, damit eine hinreichende Anzahl für den Nachtdienst und als Reserve erübrigt wird. So treten auch die beiden königlichen Cithervirtuosen meist einzeln auf. Die Musikanten müssen auch Sänger sein, um in den freien Intervallen, oder bei den gedämpften Klängen der Instrumente mit schreiender Stimme des Königs Lob zu verkünden.

Die zum Dienst Befohlenen müssen sich jederzeit bereit halten, dem oder jenem ihnen vom Könige Bezeichneten vorzuspielen, sie haben den König bei seiner Ankunft in der Stadt zu empfangen, ihn auf seinen Ausgängen zu begleiten und müssen bei öffentlichen Tänzen, Hochzeiten etc., doch immer nur auf des Königs ausdrücklichen Befehl spielen. Außer den drei Trommelarten und zahlreichen Sylimbas (citherartigen Instrumenten) fand ich bei der königlichen Musikcapelle noch Streichinstrumente aus Fächerpalmenrippen, eiserne Glöckchen und eine klöppellose Doppelglocke, sowie aus Fruchtschalen verfertigte Schellen, ferner aus Elfenbein, Holz und Schilfrohr gearbeitete Pfeifchen. So werden die Streichinstrumente beim Elephantentanz, die Glocken beim Kischitanz, die Schellen bei den Hochzeits-Ceremonien verwendet; für den prophetischen Tanz der Masupia leiht der König flaschenförmig ausgehöhlte, durchlöcherte, mit trockenen Samen gefüllte, faustgroße Kürbisse, welche geschüttelt, schellenartige Laute erzeugen. Nur die aus Fruchtschalen bereiteten Schellen, einige Glöckchen und kurze Pfeifen sind in ähnlicher Form unter der Bevölkerung zu finden, häufiger das citherartige Instrument, doch meist in untergeordneter Gestalt; die größten und bestgearbeiteten besitzt der König, wie ihm überhaupt alle Capellen-Instrumente gehören, so daß es mir nicht gelingen konnte, diese zu den schönsten Handarbeiten im Marutse-Reiche gehörenden Objekte meinen Sammlungen einzuverleiben, dagegen erstand ich mehrere kleine citherartige Instrumente. Die Gemeinden, d. h. Niederlassungen, haben in der Regel bei den meisten Stämmen längliche kleine Trommeln, je eine, in der Berathungs- oder Gemeindehütte aufbewahrt, die bei besonderen Jagderfolgen, bei Vergnügungen, bei Bestattungen erschallen.

Die Weisen und Melodien der Marutse-Mabunda sind im Allgemeinen eintönig doch zahlreich und zeigen, daß einiger Unterricht in kurzer Zeit verhältnißmäßig guten Erfolg haben würde. Selbstverständlich ist hier die Musik nur ein mechanisches Bearbeiten der einzelnen Instrumente, nur bei den Citherspielern fand ich eine Ausnahme. Ich erwähne namentlich die beiden königlichen Citherkünstler, zwei Greise, die unstreitig mit Gefühl spielten. Sie sangen, d. h. summten dazu, doch ihre Stimme war genau den bald ruhig fließenden Accorden entsprechend gemessen, bei der sich allmälig zu Piano und Pianissimo dämpfenden Melodie zu einem flüsternden leisen Gesange gesunken, um wieder allmälig zu einem Forte überzugehen. Ich vermißte hier glücklicher Weise das mißtönende krächzende Einfallen, wodurch sich der plötzlich in ein schreckliches Fortissimo ausbrechende Gesang des Obertambours kennzeichnete.

Noch eines Musik-Instrumentes muß ich erwähnen, ich bedauere blos, daß ich es überhaupt nennen muß, und daß ich es im Marutse-Lande vorfand; es sind vier Kriegstrommeln, die nur zur Kriegszeit geschlagen, gewöhnlich im Berathungshause aufbewahrt werden. Der Wahnsinn des Aberglaubens machte sie zu grausigen Objecten, ihr rother Anstrich, die rothen Flecken am Trommelfelle, sind Blutzeichen; sie enthalten trockene Fleisch- und Knochenstücke, die, unschuldigen Kindern angesehener Eltern bei Lebzeiten abgeschnittenen Finger und Zehen, welche Amulete (Beschwörungsmittel) abgeben sollten, um dem neuerbauten Schescheke Krieg und Feuer, und dem Reiche räuberische Ueberfälle fern zu halten.

Im Gesange stehen die Bewohner des Marutse-Mabunda-Reiches höher als die Betschuana, in manchen Formen ebenbürtig der Zulu-Race, doch werden sie von diesen und den Matabele durch deren großartige Kriegs- und Todtengesänge übertroffen. Der oben erwähnte Tanz, den ich am 26. beobachtete, ist ein Landesgebrauch der Mabunda, wird Kischitanz genannt und nur auf des Königs Geheiß getanzt und hat geschlechtliche Aufregung zum Zwecke. Den Kischitanz tanzen zwei oder vier Männer, von denen je einer den Mann, der andere die Frau vorstellen soll; die große Röhrentrommel begleitet den Tanz; die Tänzer sind von einem Haufen junger Leute umgeben, die zu dem Trommelschlag singend in die Hände klatschen und aus deren Mitte zuerst einzeln, dann je zwei neue Tänzer hervorkommen und gegen den König gewendet, ihren körperverdrehenden Tanz beginnen. Ein Anlauf, ein Annähern von der einen, ein Zurückweichen von der anderen Seite etc. sind das Wesen und die gebräuchlichen Gesten des Tanzes. Die Costüme sind königliches Eigenthum, es war mir daher nicht möglich, sie zu erwerben.

Dasselbe besteht aus der eigentlichen Maske, dem Netzwerk und der Lendenumhüllung. Die Maske, von Knaben aus Thon und Kuhdünger modellirt, ist mit rothem Ocker und Kalk bemalt und ein ziemlich bedeutendes Product des Mabunda-Fleißes. Die Maske ist bedeutend größer als der Kopf, den sie nebst dem Halse vollkommen bedeckt und einer mit niedergeschlagenem Visir versehenen Helmhaube ähnelt. Für die Augen und den Mund, seltener für die Nase, sind kleine Spalten offen gelassen. Die scharf hervorragenden Züge der Maske sind den als Wasserspeier benützten Zerrgestalten ähnlich und die Maske am Cranium mit Buckeln versehen, am mittleren in der Regel als Schmuck Schwanzhaare des gestreiften Gnu, an den übrigen Federbüsche befestigt. An der Maskenhaube oder unter ihr so weit hinausreichend, daß der Halstheil bedeckt wird, sehen wir das Netzgewand, das aus einer langen geschlossenen, mit langen Aermeln und daran befestigten Netzhandschuhen, aus federspuldickem Bastnetzwerk gearbeiteten Jacke und aus ähnlichen hohen Strümpfen besteht. Von den Lenden bis zu den Knöcheln reicht eine in Falten gelegte Wolldecke oder Carosse, welche die die Frau vorstellende Maske trägt, über der letzteren wird noch je ein Thierfell vorne und hinten getragen. Bis auf einen um den Hals bandartig geschlungenen Strohwisch ähnelt die weibliche Maske der männlichen, die letztere zeigt auffallendere Haubenverzierungen. Am Stahlringe, der um die Hüften läuft, sind rückwärts einige Glöckchen befestigt, die bei der leisesten Körperbewegung erklingen. Der Kischitanz, der eine Unzahl von Zuschauern anlockt und zu dem Kinder nicht zugelassen werden, wird in Schescheke meist in vierzehntägigen Zwischenräumen aufgeführt.

Am Ufer des Zambesi.

Am 27. bemerkte ich einige Leute des Alumba-Stammes, welche sich durch eine besondere Haarfrisur auszeichneten. Die einzelnen kleinen Knoten ihres wolligen Haares werden mit einem aus Fett und Brauneisenstein bestehenden Brei derart bestrichen, daß die Wolle vollkommen verhüllt wird und die 1 bis 2½ Zoll langen Haarknoten an dem herabhängenden Ende bedeutend verdickt erscheinen. In dieser Weise wird nur das Wollhaar am Scheitel behandelt, und zwar in etwa vier über einander liegenden Lagen. Einige der Marutse trugen am Halse Schuppen des Schuppenthieres und Reste einer Schildkrötenart, welche sie mit gutem Erfolg als blutstillendes Mittel gebrauchten. Auch zeigte man mir ein Stückchen Buschholz, an dem man bei Keuchhusten-Anfällen, kleine Kinder mit Erfolg saugen läßt.

Bei seinen Besuchen, die uns Sepopo abstattete, brachte er stets, von einem ganzen Trosse seiner Diener begleitet, bedeutende Mengen von Elfenbein, um von Blockley namentlich Gewehre und Schießpulver zu kaufen. Während des Nachtmahls stellten sich dann die Schützen ein, welche am folgenden Morgen zur Jagd befohlen waren; der König gab jedem circa einen Liter Schießpulver und merkte sich genau den Mann. Blockley klagte über die Forderungen Sepopo’s, die dieser an ihn stelle, besonders darüber, daß er nach jedem Kaufe ein bedeutendes Geschenk begehre. Westbeech hatte dies eingeführt und den König daran so gewöhnt, daß dieser nunmehr sich ohne Geschenk nicht zufrieden gab. Anfangs, da Westbeech der einzige Händler war, welcher seine Waaren am Zambesi feilbot und dies am rechten Tschobe-Ufer geschah, konnte er für seine Waaren jeden beliebigen Preis fordern und bekam ihn auch, als jedoch andere Händler, durch diesen Erfolg angelockt, nach Schescheke gingen, waren sie vollkommen in der Gewalt des Königs und da sie sich noch überdies überboten, klagten sie über den schlechten Ertrag des Handels.

Als ich am 28. den König besuchte und wir abermals über meine Reise sprachen (der König war in Folge eines Streites mit Blockley in schlechter Stimmung und ich trachtete ihn, indem ich ihm durch Mahura lustige Reisebegebnisse erzählte, wieder in guten Humor zu bringen), zeichnete er mir im Sande mit seinem Stöckchen meine Route durch sein Reich, zeichnete den Lauf des oberen Zambesi und seiner Nebenflüsse, daß mir förmlich das Herz vor Freude pochte. Den König freute das Interesse, das ich an seinen Mittheilungen nahm, er rief zwei vorübergehende Männer herbei. Es waren zwei Manengo vom oberen Zambesi, welche die mir bezeichnete Strecke mehrmals bereist hatten und vom Könige befragt, die eben von ihm beschriebene Route selbst bestimmen sollten. Und siehe da — ihre Erklärung stimmte mit der des Königs vollkommen überein.

Als ich Abends eben damit beschäftigt war, an meinem Tagebuche zu arbeiten, versuchte es Jemand, sich durch die Eingangsöffnung zu drängen. Es war eine Frau, die den Basuto-Diener April suchte. Ihr Mann hatte bei dem Brande Alles verloren und von April ein kleines Geschenk an Glasperlen erhalten, wofür er sein Mulekau wurde und nun dessen Frau während der Zeit seines Aufenthaltes in Schescheke als Gegengeschenk erhalten hatte.

Alles was Sepopo bei mir sah und ihm neu erschien, wollte er, wenn es ein ihm brauchbar dünkender Gegenstand war, besitzen, andernfalls aber wenigstens die Erklärung des Gegenstandes erhalten. So befragte er mich über meinen Compaß; um ihm die Wichtigkeit des Instrumentes zu zeigen, zeichnete ich die östliche Hemisphäre in den Sand, dann Afrika allein und darauf meine Route wie die verschiedenen, südlich vom Zambesi liegenden, unabhängigen Betschuana-Reiche.

Am Nachmittage besuchte ich das königliche Küchen-Departement, das mehrere Personen zählte und unter der Leitung einer Frau stand. Die riesigen Korngefäße ruhten auf Holzgestellen, in eigenen, aus Matten und Rohr erbauten Hütten. Im Allgemeinen war Alles sehr reinlich gehalten. Zur Zeit meines Besuches wurde eben — das Feuer wird stets im Höfchen auf einem niedrigen Heerde angemacht — von einem Diener Nilpferdfleisch in einem riesigen Topfe gekocht. Das Fleisch war ziemlich gar und wurde auf einer Holzschüssel servirt, dann aus dieser auf kleinere zertheilt und der Königin zugesendet.

Spät Abends kam ein Bote vom Panda ma Tenka-Thale mit der Nachricht, daß Westbeech mit dem Händler Francis von Schoschong daselbst angekommen sei. Da ich am nächsten Morgen die versprochenen Kähne zur Abreise zu erhalten hoffte, arbeitete ich bis gegen Morgen an den entworfenen Zeichnungen.

Früh am 29. wurde ich auch zu den Kähnen gerufen. Diese sollten mich bis zur Makumba-Landungsstelle bringen und dann hier liegen bleiben, um die von Westbeech zu erwartenden Waaren nach Schescheke zu bringen. Die Stromfahrt nach abwärts war nicht minder angenehm als die Fahrt zu Sepopo. Ich gab mich der Betrachtung der reichen Vogelwelt hin und hatte bald an den insbesondere durch einen verlängerten Unterkiefer ausgezeichneten, schwarzweiß-gescheckten Scheerenschnäbeln (Rhynchopsinae), den riesigen Marabus und den großen Eisvögeln mehr denn hinreichende Studienobjecte gefunden. Die Binsen waren mit Schnecken bedeckt und das Ufer von den Krabben förmlich durchlöchert. Ein Loch lag neben und über dem andern. Das Wasser war in den wenigen Tagen, seitdem ich den Strom aufwärts befahren hatte, um 18 Zoll gefallen.

Am nächsten Morgen, nachdem wir an der Bucht übernachtet, fuhren wir weiter, die Bootsleute thaten dabei ihr Möglichstes, rasch vorwärts zu kommen, und schätzte ich die Geschwindigkeit, mit der wir uns vorwärts bewegten auf vier bis fünf englische Meilen in der Stunde. Als ich nach Impalera gelangte, fand ich hier die Händler Westbeech und B. Francis, sowie einen Gehilfen des ersteren, welche eben im Begriffe waren, Sepopo begrüßen zu gehen. Sie hatten ihre Wägen in Panda ma Tenka zurückgelassen. Francis war diesmal wie auf allen seinen Handelszügen von seiner von Weißen wie Schwarzen hochgeschätzten Gemahlin begleitet. Er war mit zwei Wägen und einem entfernten Verwandten, Oppenshaw, als Gehilfen (Clerk) gekommen. Westbeech, der sich erst einige Monate zuvor mit einer Farmerstochter aus dem westlichen Transvaal-Gebiete verehelichte, kam in der Begleitung seiner jungen Frau, eines Gehilfen Buuren und eines Mannes mit Namen Walsh, der früher Soldat und dann Gefangenwärter in Hope-Town gewesen war und sich sehr gut auf das Abbalgen der Vögel verstand. Er sollte eben dieser Arbeit in den Zambesi-Gegenden obliegen und beide sich in den Ertrag theilen. Westbeech und Francis wollten von ihrem Besuche bei Sepopo rasch nach dem Panda ma Tenka-Thale zurückkehren und dann nach den Victoriafällen gehen, um dieses Naturwunder ihren Frauen zu zeigen.

Von den angekommenen Händlern erhielt ich meine Correspondenz, darunter willkommene Briefe aus der Heimat, aus den Diamantenfeldern (Griqualand-West), aus den Transvaaler Goldfeldern, auch 60 Zeitungen, deren freie Ränder mir später von großem Nutzen sein sollten; darunter ein Exemplar der »Diamond News« mit meinem ersten über die dritte Reise veröffentlichten Artikel. Meine Abreise war durch die Abwesenheit des Häuptlings Makumba verzögert worden. Das Uebersetzen über den Tschobe schien mir zwar leicht zu bewerkstelligen, allein ich brauchte ja Träger, um die in Schescheke gesammelten Objecte und das für den Verkauf von Ochsen von Blockley erhaltene Elfenbein nach dem Panda ma Tenka-Thale schaffen zu lassen. Die zweite Ueberfahrt über Tschobe verursachte mir viel Sorgen und Aerger. Mangel an Trägern und ein Boot, das ein faustgroßes Leck hatte, wodurch der Transport meiner Sammlungen sehr gefährdet wurde, hielten mich in steter Aufregung. Im Leschumothale angekommen, fand ich die schon erwähnten englischen Officiere, Mr. Loud und Fairly, die einen zweiten Besuch bei Sepopo machen wollten, sie gestatteten mir, mich ihres Wagens nach Panda ma Tenka zu bedienen. In der Nacht zum 3. wurde das Gespann geholt und ich verließ das Thal. Auf meinem Zuge nach der Gaschuma-Ebene beobachtete ich, daß das Abbrennen des Waldgrases eine Verminderung der Tsetse zur Folge hatte und das Gras bereits neu zu sproßen begann.

Am Mittag des 4. langten wir in der Gaschuma-Ebene an, welche, trotzdem sie wieder abgebrannt worden war, an den noch begrasten Stellen zahlreiches Wild beherbergte. Am Wagen befanden sich auch zwei den englischen Officieren gehörige Pferde, welche unglücklicher Weise gerade dem nachlässigsten ihrer Diener anvertraut waren. Ohne meinen Warnungen Gehör zu schenken, ritt derselbe am nächsten Morgen mit den Pferden voraus. Als wir uns der Baobabstelle näherten, befahl ich meinem Diener und dem Wagenlenker scharf auszuspähen, denn ich war dessen sicher, daß der bekannte Löwe dem störrigen Diener begegnet war. Da es noch nicht vollkommen Tag war, konnten wir nicht viel sehen, doch bemerkte der Wagenlenker den Gesuchten auf einem Baume stehend und blos ein Pferd des Capitän M. nahebei. Das geübte Auge des Hottentotten erkannte zu gleicher Zeit in den einige hundert Schritte entfernten Büschen zu unserer Rechten einen sich zurückziehenden Löwen. Mich auf den Bock stellend, spähte ich aus und sah auch bald darauf das Pferd einige Schritte links vom Wege mit ausgerissenen Eingeweiden daliegen. Einige kleine Wunden im Nacken zeigten, wie es der Löwe getödtet. Die Sache trug sich folgendermaßen zu. Ungefähr auf 300 Schritte dem schon erwähnten Baobab nahegekommen, wurde der Diener von dem Löwen angegriffen und bei der Verfolgung vom Pferde abgeworfen, während der Löwe, ohne sich um den Mann weiter zu kümmern, den Pferden nachsetzte. Hierbei trat dem Eisenschimmel des Herrn Fairly die herabgleitende Decke bei dem Fluchtversuche hindernd in den Weg, so daß das Thier eingeholt und niedergerissen wurde. Der Schwarze suchte seine Zuflucht in dem nächsten Mapanibaume, auf welchem er auch bis zur Annäherung unseres Wagens verblieb, während das zweite Pferd bis zu unserer Ankunft, etwa sechzig Schritte entfernt ruhig graste. Ich nahm mit den Dienern Verfolgung des Löwen auf, jedoch ohne Erfolg.


[10] Ich hoffe die Manzawurzel zu einem der Ausfuhrmittel aus dem Marutse-Reiche zu machen.

VIII.
Ausflug zu den Victoriafällen.

Ankunft in Panda ma Tenka. — Neue Enttäuschungen. — Theunissen verläßt mich. — Aufbruch nach den Fällen. — Jagd auf Orbecki-Gazellen. — Eine Giraffenheerde. — Die Süßwassertümpel in der Umgebung der Victoriafälle. — Thier- und Pflanzenleben in denselben. — Ein schmerzenreicher Gang. — Der erste Anblick der Fälle. — Unser Skerm. — Charakteristik der Fälle. — Großartigkeit und Pracht derselben. — Höhe und Breite der Fälle. — Die Inseln an der Fallkante. — Höhe der Dunstsäulen. — Die Erscheinung der Fälle bei Sonnen-Auf- und Niedergang. — Die Abflußrinne des Zambesi unterhalb der Fälle. — Felsenbildungen. — Vegetation und Thierleben an den Fällen. — Jagd auf Paviane. — Ein interessantes Löwenabenteuer. — Die Manansa’s. — Schicksale und Charakter derselben. — Ihre Sitten und Gebräuche. — Brautwerbung und eheliches Leben bei denselben. — Todtenbestattung. — Rückkehr nach Panda ma Tenka.

Jagd auf Bushvaarks.

In Panda ma Tenka angelangt, fand ich reges Leben in Westbeechs Pfahlumzäunung, mehrere Wägen waren eingetroffen, ein ganzer Troß von Dienern bewegte sich bunt durcheinander und dazwischen heulten und liefen nicht weniger als etwa 20 Hunde. Leider fand ich, daß der Regen in meinen Wagen gedrungen war und mir die aus Thierfellen bereiteten Kisten derartig beschädigt hatte, daß die meisten der in ihnen aufbewahrten Insecten, Pflanzen und Samen verdorben waren. Einige der bei meiner Abreise zurückgebliebenen Händler fand ich bedenklich am Fieber erkrankt. Während meiner Abwesenheit wurde einer der Diener Khama’s, des Bamangwato-Königs, der von diesem an den schon erwähnten Jäger Africa verdungen worden war, von einem Elephanten getödtet. Africa mußte später, als er nach Schoschong kam, als Entschädigung 50 £ St. zahlen.

Nach dem Besuche der Victoriafälle wollte Westbeech mit seinem Gehilfen Bauren einen dreimonatlichen Aufenthalt in Schescheke nehmen, Blockley sollte es indeß versuchen, mit Wanke, dem östlich von den Victoriafällen wohnenden Makalaka-Fürsten Handel zu treiben, während Bradshaw in Panda ma Tenka bleiben, die Oberaufsicht führen und von den Madenassana’s und Masarwa’s Elfenbein einhandeln sollte. Mein Gefährte Th. hatte vollauf zu thun, um für die am Wechselfieber erkrankten Elfenbeinhändler die nöthigen Medicamente zu bereiten. Während ich tagsüber Ausflüge unternahm und meine Vorbereitungen zur zweiten Zambesi-Reise traf, benützte ich die Nachtstunden zur Erledigung meiner Korrespondenz und Aufzeichnung meiner Erlebnisse.

Am 10. September kehrten Westbeech und Francis von Sepopo zurück und brachten je einen circa 50 Pfund schweren Elfenbeinzahn als Geschenk des Königs für ihre Frauen mit. Sie waren auf ihrer Rückfahrt auf mehr als 30 Krokodile und 5 Nilpferde gestoßen, wobei sie von einem der letzteren angegriffen wurden. Mein zweiter Aufenthalt in Panda ma Tenka brachte mir viele Sorgen und Enttäuschungen, meine Mühe, Diener und Träger zu finden, war leider vergeblich. Meine Enttäuschung erreichte den höchsten Grad, als ich von einem der Händler erfuhr, daß mein Gefährte Th. mit mir nicht weiter gehen und mich hier verlassen wolle, um nach dem Süden zurückzukehren; ich hatte mich auf ihn verlassen und seinethalben andere Offerten zurückgewiesen. Th. war mir die ganze Zeit bisher immer treu und willig beigestanden und ich konnte es kaum glauben, daß er mich in der gegenwärtigen entscheidenden Stunde meiner Reise, in welcher ich einen Freund so nöthig hatte, verlassen konnte, dieses Mißgeschick war indeß unabwendbar und wurde noch dadurch verschärft, daß Pit sich derart ungeberdig benahm, daß ich ihn entlassen mußte.

Zusammentreffen mit Giraffen.

Es war eine Wiederholung jener vielen Enttäuschungen am Vorabende der Ausführung einer lange gehegten Idee oder eines lange gefaßten Planes, wodurch ich mich plötzlich von meinem angestrebten Ziele weit zurückgeschleudert sah. Wo sollte ich Diener miethen, die mir auf meiner Weiterreise nach Nordwest als Träger dienen mußten? In dieser unangenehmen Lage, in einer Situation, in der ich, von meinen Leuten verlassen, selbst nicht im Stande war, in den Wäldern nach Osten die Eingebornendörfer aufzusuchen, um neue Diener zu miethen, wurden Westbeech und Francis meine Retter. Als die Beiden meine Noth erfuhren, versprachen sie mir unter den südlich von den Victoriafällen wohnenden Manansa oder den ihnen benachbarten Batoka’s Diener zu werben — doch unter der Bedingung, daß ich sie zu den Victoriafällen begleitete, wohin sie sich begeben wollten um »the splendid falls« ihren Frauen zu zeigen. Da half kein Zögern und ich ging. Es gelang mir noch zuvor einen Masupia-Mann, den ich »Elephant« taufte und der vom Zambesi hergekommen war, um bei einem Eingebornen oder weißen Jäger Arbeit zu suchen, zu miethen.

Es war eigentlich nicht meine Absicht, die Victoriafälle aufzusuchen (sie lagen etwa 50 englische Meilen rechts ab von meiner Reisetour), allein durch diese eigenthümlichen, unerwarteten Umstände gezwungen, mußte ich mich zu einem Besuche derselben entschließen. Heute schätze ich mich glücklich, der Aufforderung der beiden Händler Folge geleistet zu haben. Meinen Wagen der Aufsicht der Leute Westbeechs überlassend, machte ich mich mit den neuen Freunden auf den Weg. Wir fuhren in zwei Wägen bis zur Gaschuma-Ebene. Die Gegend zwischen der früheren Handelsstation am Panda ma Tenka-Flüßchen und Gaschuma ist für den Reisenden sehr anziehend. Wir gelangten gegen 3 Uhr Morgens zu den ersten Teichen der Gaschuma-Ebene. Die Richtung nach derselben war eine nordnordwestliche, während die Victoriafälle nordöstlich lagen, wir uns daher von der Gaschuma-Ebene nach Osten zu wenden und dann eine Ostnordost-Richtung einzuschlagen hatten.

Um die von der Tsetse inficirte Gegend zu den Victoriafällen durchziehen zu können, mußten die Wägen mit den Ochsen auf der Gaschuma-Ebene zurückgelassen werden und bedienten wir uns für die Weiterfahrt eines von sechs Langohren gezogenen Karrens. Die Reise-Gesellschaft bestand aus folgenden Personen: Westbeech und seine Frau, Francis und dessen Frau, Bauren, Oppenshaw, Walsh und mir, ferner vier Cap-Halfcastmännern, meinem Masupia-Diener und zwanzig Makalaka’s und Matabele’s. Diese benutzten wir als Träger, um unsere Nahrung, Kochgeschirre und Decken fortzuschaffen.

Auf der Gaschuma-Ebene, welche durch dichte Fächerpalmenbüsche und einige prachtvolle Fächerpalmen geschmückt ist, blieben wir bis zum 15., um eine tüchtige Umzäunung um unsere Wagen zu errichten, denn zahlreiche Löwenspuren nöthigten uns zur größten Vorsicht. Das Gras auf der Ebene war zum größten Theile niedergebrannt, nur hie und da zeigten sich noch dichtere Partien. Stellenweise fing neues Gras zu sprossen an und hier, kaum daß man sie wahrnehmen konnte, lagen flach auf der Erde paarweise oder zu Vieren die schönen, zierlichen Orbecki-Gazellen, die bei unserer Annäherung plötzlich aufsprangen und in Sätzen davon eilten, um sich in der Entfernung von einigen hundert Schritten nach uns umzusehen.

Ich und O. (F.’s Freund) hatten einige der Thiere verfolgt und waren so von der langsam sich vorwärts bewegenden Karawane abgekommen. Da jedoch unsere Verfolgung nutzlos war, wandten wir uns nach unseren Gefährten, hatten auch schon hundert Schritte nach dieser Richtung hin zurückgelegt, als kaum 30 Schritte vor uns blitzähnlich ein Orbecki-Pärchen aufsprang. Freund O. schießt auf das eine Thier, das kaum 50 Yards von uns entfernt stehen blieb und bricht ihm den einen Vorderlauf nahe am Knöchel, allein auf drei Füßen jagt das Thier in großen Sätzen weiter. Wir folgen, doch schon auf 200 Schritte Entfernung springt es wieder auf; wir schießen neuerdings und fehlen, erst ein dritter von mir abgefeuerter Schuß traf das in großen Sätzen flüchtende Thier in die Lenden. Es fiel im Sprunge und als wir es erreichten, war es verendet. Da kein Diener in der Nähe war, mußten wir es abwechselnd tragen, bis wir nach zweistündigem Marsche in der brennenden Hitze zu den tief im Walde lagernden Genossen stießen.

Nachmittag brachen wir auf und legten sechs Meilen, im Ganzen bisher dreizehn englische Meilen zurück. Diese Strecke war von der Gaschuma-Ebene und einem tiefsandigen Walde gebildet. Dann passirten wir vier Thäler und schlugen in dem bedeutendsten, dem fünften, unser Nachtlager auf. Diese Thäler waren seicht, die Spruits bis auf jene im vierten und fünften trocken, hochbegrast und vertieften sich nach Südost, wohin die Flüßchen sich wandten, um sich in den Panda ma Tenka-Fluß zu ergießen. In dem dritten Thale trafen wir eine Giraffenheerde an, die an uns in einer Entfernung von 600 Schritten thalabwärts vorbeipassirte. Auf der Strecke von der Gaschuma-Ebene bis zu unserem Nachtlager trafen wir folgende Wildarten, nebst frischen Spuren von Thieren, die kurz zuvor unsern Pfad gekreuzt haben mußten. Orbecki’s, Deuker-, Rietbock- und Steinbock-Gazellen, Wasser-Antilopen, Zulu-Hartebeests, Kudu’s, Giraffen, Büffel, Elephanten und Zebra’s.

Das Flüßchen, an dem wir übernachteten, hieß Tschetscheta. Dasselbe floß bald in dünnem Strahle über Steine, bald durch einen schilfigen Morast, um gleich darauf einen tiefen, klaren, breiten Tümpel zu bilden. Die Thäler waren alle hochbegrast, das Gras stellenweise bis fünf Fuß hoch und dicht, und der Boden humusreich. Diese klaren Tümpel der oberen Zuflüsse des Panda ma Tenka-River und einige, welche hoch oben liegen und von Krokodilen nicht erreicht werden können, gehören zu den interessantesten Punkten der hügeligen Umgebung der Victoriafälle. Ich habe manche Stunde, in der Betrachtung derselben versunken, hier durchträumt; das klare Wasser zeigt uns, daß der Tümpel von Krokodilen frei ist und darum lohnt es sich der Mühe, sich in das Gras auszustrecken und dem Leben und dem Bilde unter der schimmernden Oberfläche einige Betrachtung zu widmen.

Da wo hohes Gras diese Miniatur-Weiher umgibt, wäre es gefährlich, sich denselben ohne Vorsicht zu nähern, hohes Gras an Flüssen ist ein gesuchter Aufenthalt aller Katzenarten Süd-Afrika’s und deshalb ist es nöthig, erst einige Steine in das Gras vor sich zu werfen, um sich zu vergewissern, daß das Feld rein sei. Nachdem dies geschehen, nähern wir uns dem Tümpel. Nahe an unserem Lagerplatze lag ein vier Meter breiter, zwei Meter tiefer und zehn Meter langer Weiher, in den sich ein kaum zehn Zentimeter breiter Wasserstrahl ergoß, der Abfluß in ein Binsendickicht war etwas breiter.

Die Fluth war klar, man konnte leicht die Objecte am Grunde des Weihers erblicken. Wohl die Hälfte der krystallenen Fluth war von einem zarten, hier hell-, dort dunkelgrünen, die mannigfachsten und groteskesten Formen und Gestalten bildenden Algengewebe durchsetzt. Hier stieg es in Schichten empor, neben und übereinander gelagert, den zarten, theilweise oder halb durchsichtigen Wölkchen in den azurnen Höhen ähnlich, dort zur Linken, nahe dem Ausflusse bildete es ein dunkles Labyrinth von Grotten und Höhlen, während es sich zu unserer Rechten zu dem wunderlichen Gebilde einer Burgruine aufgethürmt hat. Deutlich sieht man den Bergsockel, dessen dichten Lagen ein hohes, viereckiges Prisma und ein dieses noch um einige Zoll überragender Cylinder, eine Warte ein Thurm entsteigt; beide Gebilde, mit einem beiläufigen Durchmesser von 12 Zoll sind in dem untersten Drittel ihrer Höhe mit einem Querarme verbunden, der in seiner unteren Hälfte durchbrochen erscheint, diese breite Spalte in dem zarten Algengewebe, durch die eben ein Fischchen schoß, glich einer gothischen Thoröffnung. Oben an dem prismatischen Wartthurme sonderten sich vom Pflanzengebilde einige wenige kurze, theilweise spitzige Fortsätze ab, welche arg beschädigten Zinnen täuschend ähnlich waren.

Vom Hintergrunde gegen des Weihers Mitte reicht ein dunkelgrüner, unter dem Wasser bedeutend umfangreicher erscheinender Säulenwald, die Stengel des über dem Wasser säuselnden Rohres. An einer freien Stelle in der Fluth vor uns, zwischen dem Ufer, an dem wir im Grase ausgestreckt, und den mannigfachen Gebilden der Algen, steigen drei spiralförmig gewundene Stengel einer großbluthigen Nymphaea empor, zwei tragen die bekannten flachen, großen und glänzenden Blätter, der dritte eine schöne hellblaue Blüthe. Wie ein funkelnder Stern liegt sie auf dem Krystallspiegel. Noch andere Algenformen (nebst jener erwähnten) entsteigen dem dunklen Grunde des Weihers, manche mit zersägten und lappigen Blättern, ähnlich denen verschiedener Farrenkräuterarten.

Anfangs scheinen uns diese Pflanzengebilde ruhig zu schlummern, doch gewöhnt sich das Auge an das Bild, so nimmt es eine leise Strömung wahr, welche in der klaren Fluth durch den Einfluß des dünnen Wasserstrahles von rechts her erzeugt wird — und die Folge davon? — Die Rohrsäulen vibriren, jetzt stärker, nach und nach schwächer, bis sich wieder eine rascher zu bewegen scheint. Und die Grotten, Höhlen und die wundersam geformten Ruinen der Algen? Jene rechts, namentlich die beiden senkrecht aufgetürmten Formen zittern deutlich und ununterbrochen, während sich die dem Abflusse nahen stark nach diesen neigen, als wenn sie Lust hätten, den scheidenden Tropfen nach dem nächsten Weiher zu folgen. Einige gelbblüthige Wasserpflanzen und jene gelappten Cryptogamen am Boden strecken sich, als würden sie sich sehnen, gleich der reichblätterigen Blume der Wasserrose, welche als erklärte Königin des kleinen Seereiches sich auf der spiegelnden Oberfläche hin- und herwiegt, auch die Höhe und mit ihr die letztere zu erreichen, um sich am Tage von den Sonnenstrahlen erwärmen und küssen, von den Schatten der Nacht kühlen und vom Morgenthau erfrischen zu lassen.

Das Bild im Weiher gestaltet sich für den Beschauer noch anziehender durch das Leben der Thierwelt, welcher das Gewässer zum bleibenden Aufenthalte dient. An der freiesten Stelle, um der Sicherheit halber Rundschau halten zu können, liegen mehrere dunkelgestreifte barsch(?)artige Fische, bis auf die leichten, kaum merkbaren Bewegungen ihrer Schwanzflossen unbeweglich. Zeitweilig tauchen aus den Grottenlabyrinthen der Algen etwa fußlange, langbebartete Welse auf, welche meist paarweise, bald neben, bald hinter einander schwimmend, sich necken und spielen. Doch was ist jener dunkle, gelblich marmorirte, querüber im Schilfwalde, auf dem gegenüberliegenden Ufer und, wie es scheint, unbeweglich liegende Gegenstand? Eine Schlange? — Nein, jetzt rührt es sich; das eine spitze Ende berührt die Wasseroberfläche, es ist ein Leguan, der auf die befloßten Bewohner des Weihers lauert. Und außerdem welch’ emsig Treiben der niederen Thierwelt! Kleinere und größere Wasserkäfer, Dytiscus- und Hydrophilus-Arten, sowie auch Wasserspinnen, die einen emsig sich emporrudernd, die anderen, schon mit dem hellschimmernden Luftbläschen versehen, wieder hinab eilend, um sich unter den Blättern der Wasserpflanzen, oder in dem Algengewebe zu verbergen. Gleich Seiltänzern klimmen ihre Larven und jene der Lybellen die Stengel der Seerosen auf und nieder, während jene der Uferfliegen mühsam kleine, puppenförmige Gehäuse nachschleppen.

Am nächsten Morgen ging es weiter; wir hatten zahlreiche Flüßchen und tiefe, von schwarzem Humusboden bedeckte und mit hohem Gras überwachsene Thäler zu überschreiten. Die Flüßchen flossen nach Südsüdwest, nach Süd, nach Südost und Ost und ergossen sich, wie ich denke, alle in den Panda ma Tenka-Fluß. Die Thäler waren theils durch felsige Höhen, theils durch sandige Wälder von einander getrennt. Wir trafen Kudu’s, Stein- und Wasserböcke, Bushvaarks und zahlreiche Elephantenspuren. Am Nachmittage kamen wir über einen hohen, tiefsandigen Wald in ein größeres und breiteres Thal, in das von beiden Seiten mehrere Seitenthäler einmündeten. Unser Nachtlager schlugen wir an einem stets fließenden Wasser auf, welches auch die sämmtlichen Gewässer, die aus den Seitenthälern in das Hauptthal münden, aufnimmt und von den hier früher wohnenden Manansa der Matopa-Fluß genannt wird. Auf zwei Drittel seines Laufes stellt der 5 bis 22 Fuß breite, 1 bis 4 Fuß tiefe Fluß einen Gebirgsfluß dar, dessen Bett sich gegen seine Mündung (unterhalb der Victoriafälle) verbreitert.

Am folgenden Morgen, den 17. September (1875), verließen wir zeitlich unser Lager, um noch am selben Tage die Victoriafälle zu erreichen. Mir war dieser und alle die ferneren Tage dieser Reise, bis zu meiner Heimkehr nach Panda ma Tenka, zu Leidenstagen geworden. Um meine Fußbekleidung für die fernere lange Reise zu schonen, hatte ich zu diesem Ausfluge mir von einem im Panda ma Tenka-Thale jagenden Händler ein Paar Schuhe gekauft; leider zerfielen dieselben schon am zweiten Tage und ich sah mich gezwungen, die lose anhängenden Stücke mit Riemchen an den Fuß zu binden. Dazu waren die durchwanderten Gegenden sehr dornenreich und steinig, und die Felsenplatten durch die heiße Sonne glühend geworden.

Leben und Weben am Grunde der Süßwassertümpel.

Schon am selben Morgen und zwar an einer Biegung des Matopa-Thales — es wendet sich plötzlich nach Osten — hörte ich deutlich ein dumpfes Gebrause, einem in weiter Ferne gleichmäßig rollenden Donner nicht unähnlich. Da ich meinen Gefährten voraus war — ich ging immer rascher, um mich dann auf einige Momente niedersetzen zu können, konnte ich es mir Anfangs nicht erklären, allein nach und nach schien es mir der erste Vorbote des berühmten Wasserfalles zu sein. Wir hatten mehrmals den Matopa-River und manchmal unter großen Schwierigkeiten zu überschreiten; ich ging voraus, denn meine Füße schmerzten mich sehr, und ich sehnte mich darnach, mich auf einige Stunden ausruhen zu können. An dem steilen, bewaldeten Abhange des linken Ufers beobachtete ich einige flüchtige Zebra’s, denen ich, soweit die Richtung ihrer Flucht mit meinem Ziele, den vor mir noch in ziemlicher Entfernung ober den Katarakten aufsteigenden Wasserdünsten, zusammenfiel, einige Stunden nachschlich, doch nicht rasch genug in den zum Matopa-Flüßchen führenden Schluchten folgen konnte. Je weiter ich ging, desto müder fühlte ich mich; spät am Nachmittag mußte ich die Sohlen der zerstückelten Schuhe tragen und trachtete barfuß die Fälle zu erreichen. Ich fühlte mich jeden Moment mehr und mehr abgemattet, da ich vom Morgen her nichts zu mir genommen hatte. Endlich gegen 4 Uhr langte ich, über eine tiefsandige Waldeshöhe eilend, bei dem Falle an. Mir durch die Gebüsche Bahn brechend, stand ich am Rande des Abgrundes, in den sich die Wässer stürzen. — Ich werde nie diesen Anblick vergessen.

Die Füße waren jedoch nicht mehr im Stande, die Körperlast zu tragen, und so mußte ich mich auch von dem herrlichen Anblick trennen und dem Ufer aufwärts folgend, einige Wildfrüchte zu erhaschen suchen. Ich schlich mehr, als ich ging und mußte mich an den Bäumen und Sträuchern festhalten, um nicht umzusinken, da endlich auf einem halbverdorrten Klapperbäumchen entdeckte ich eine Frucht. Ich wußte, daß sie ein süßes Fleisch barg, schlug sie mit einem Steine herab, zerschlug die dünne gelbliche Schale und leerte in wenigen Augenblicken den Inhalt, als mir der Same der Frucht auffiel, welcher jenem von Nux vomica täuschend ähnlich war. Einige Minuten nach dem Genusse der Frucht stellte sich auch wirklich heftiges Erbrechen ein und ich sank vollkommen ermüdet nieder. Mühselig kroch ich zu dem Ufer des Zambesi und schlürfte von dem klaren Wasser, das meine Lebenskräfte wachrief. Um meine Reisegefährten aufmerksam zu machen, feuerte ich einige Schüsse ab, erhielt aber keine Antwort. Nach einer halben Stunde fühlte ich mich wieder besser, und als ich etwa 50 Schritte gegen den Wald gegangen war, sah ich die ersten meiner Genossen aus diesem heraustreten. Zwischen drei laubreichen, breitkronigen Bäumen, etwa 500 Schritte vom Zambesi und 900 Schritte von dem Falle wurde nun ein »Skerm« errichtet.

Mit dem Betreten der von Büffeln, Elephanten, Löwen etc. bewohnten Districte drängt sich den zu Fuß Reisenden die Nothwendigkeit auf, allabendlich einen Skerm (Schirm, Schutz) anzulegen, innerhalb dessen er die Nacht unbelästigt zubringen kann. Je nach der Anzahl der Begleiter und Diener errichtet man einen bis drei solcher Skerme, welche, von halbmondförmiger Gestalt, aus in die Erde eingetriebenen, etwa sechs Fuß hohen und mit Zweigen durchflochtenen Pfählen bestehen. In dem zu zwei Drittel umzäumten Raume befindet sich das Nachtlager; die offene Seite wird durch ein oder mehrere Feuer geschützt, welche wie eine Secante die offenen Enden des Halbmondes verbinden. Abwechselnd muß einer der Diener die Nacht über wachen, um diese Feuer zu unterhalten. Unsere Diener machten vier Skerme, einen mit zwei Grashütten für die zwei Ehepaare, einen für uns Junggesellen, Mr. W., B., O. und mich, einen für die Capdiener (Halbcast), welche sich über die Zulu’s und Makalaka’s erhaben fühlend, mit diesen nicht einen und denselben Schlafraum theilen wollten, und einen für sich selbst. Unser Lagerplatz lag etwa in der Mitte des eigentlichen Zambesi-Thales, zwischen dem Flusse und der tiefsandigen, dichtbewaldeten Bodenerhebung, welche einigermaßen parallel als die Senke eines Hochplateaus und eines Hügelnetzes schon von der Tschobe-Mündung ab den Fluß stromabwärts begleitet. Längs des Flusses zieht sich ein dichtes Gebüsch von Saropalmen und zwischen diesem und jener Bodenerhebung liegt das eigentliche mit hohem Grase bewachsene, von dichtem Busch- und Baumwuchs bedeckte Thal, aus welchem die stolzen Fächerpalmen und mächtigen Baobabbäume dem Auge sofort auffallen. Wir hielten uns drei Tage in der Nähe der Fälle auf, und trotzdem ich durch meine wunden Füße viel zu leiden hatte, muß ich doch diesen Zeitraum als einen der mich befriedigendsten meines ganzen Aufenthaltes in Süd-Afrika bezeichnen. Ich halte die Victoriafälle des Zambesi für eine der großartigsten Erscheinungen auf der Erdoberfläche. Während wir an manchen Wasserfällen die Masse des niederstürzenden Wassers wie an dem Niagara, bei anderen die Höhe der senkrechten Wand, über die sich das Wasser in die Tiefe stürzt, bewundern, erregt bei den Victoriafällen nicht nur der in einer Unzahl von einzelnen Strahlen und Massen getheilte Fall des Wassers, sondern auch der Abfluß des herabgestürzten Wassers in einer engen, steilwandigen und tiefen Felsenschlucht, deren Breite sich zu der Strombreite oberhalb der Fälle etwa wie 1:13 verhält, unser Staunen und Entzücken.

Der von Westen nach Osten zu fließende Strom macht an den Fällen eine plötzliche Wendung nach Süden, so daß das Ufer an dem wir stehen zum westlichen, das gegenüberliegende zum östlichen wird. Da jedoch der Fluß unter denselben nicht in seiner vollen Breite abfließt, ist es dem Beschauer möglich, einen großen Theil des den Fällen gegenüber nicht bedeutend tiefer als diese liegenden südlichen Ufers als Standpunkt zu benützen, um mit dem Gesichte nach Norden gekehrt, die Victoriafälle betrachten zu können. Leider ist jedoch der unmittelbare Rand des Abgrundes, in den sich die Wasser stürzen, und der wie erwähnt, den Fällen gegenüberliegt, durch die stetig auf ihn fallenden Wasserdünste so glatt, daß man nicht bis unmittelbar an dieselben herantreten kann. Wir stehen nun etwa 100 bis 200 Schritte von einer klippenreichen, schwarzbraunen, an 400 Fuß hohen Felsenwand entfernt, ihre untere Begrenzung können wir nicht sehen; über ihre obere stürzen sich die Wasser des Zambesistromes. Mehrere durch üppige tropische Vegetation geschmückte Inseln, etwas über 100 Schritte vom westlichen Ufer entfernt, theilen den Fall gleich in seinem westlichsten Viertel, und auch weiterhin nach dem Ostufer ist er unmittelbar über dem Abgrunde, am Rande der Felsenwand gelegene kleinere und größere, jeder Vegetation baare, braune Felseninseln circa dreißigmal getheilt. Zu unserer Linken zwischen den bewachsenen Inseln und dem Westufer ist die Felsenwand niedrig, so daß das Wasser mit Wucht nach der Kante zueilt und hier in einem einzigen, wohl 100 Schritte breiten Schwall bogenförmig in die Tiefe stürzt. Zwischen diesem und den nächsten Strahl ist eine große Fläche der schwarzbraunen Felsenwand zu erblicken, welche auch überall, zwischen und hinter den dünnen oder auch breiten, lichten, weißerscheinenden und zur Tiefe schießenden oder senkrecht über die Felsenwand herabfallenden Strahlen zu sehen ist, und so einen dunklen Hintergrund gewährend, diese nur noch deutlicher und schöner hervorhebt.

Die einen sind so dünn, daß sie den Grund nicht erreichen, schon im oberen oder im unteren Drittel, manche in der Hälfte des Falles zerstäuben, um als Dunst emporzusteigen. Manche, etwa drei bis fünf Meter breit, erreichen den Abgrund — doch mit zerstäubenden und aufkräuselnden Rändern — dort wieder fällt ein breiter Strahl auf eine vorspringende Felsenzacke, daß er sich bricht und in Cascadenform zur Tiefe stürzt, am wichtigsten schien mir der vom linken Uferrande in die Tiefe schießende Wasserstrahl. Die Mannigfaltigkeit der fallenden Wasserstrahlen und Massen ist gewiß unerreicht.

Haben wir diesen durch einige Zeit unsere volle Aufmerksamkeit gewidmet, so ist es lohnend, den Blick zu erheben, bis er gegen Norden dem blauen Horizont begegnet. Im weiten Hintergrunde das herrliche Grün der Fächer- und Saropalmen, mit denen die in der Ferne über das Flußbett zerstreuten Inseln bewachsen sind, welches angenehm von dem lichten Azur der Höhen absticht, und neben und um diese Inseln die tiefblauen Ränder des Stromes, seine Fluthen, die noch so still, so langsam fließen, daß es scheint, als würden sie stille stehen, und folgen wir ihnen nach der Richtung, in welcher wir stehen, so sehen wir sie anfangs wenig, doch dann, je näher sie uns rücken, um so bewegter, bis sie einige Ketten quer über den Fluß sich hinziehender und größtentheils aus dem Wasser hervorragender Felsenblöcke erreichen, gegen diese anprallend zurückweichen, um sich nun zwischen den freien Lücken und Nischen mit vervielfachter Geschwindigkeit dem Abgrunde zu nähern, die schroffe Kante zu erreichen und dann brausend in die Tiefe zu stürzen. Besonders schön erscheinen die mit den Fächer- und Saropalmen und Palmengebüsch, mit Lianen und Aloëarten bewachsenen, über dem Abgrunde liegenden und von drei Seiten von den schäumenden Wogen umgebenen Inseln. Nachdem Livingstone diese Fälle — zu Ehren der Königin Victoria — »Victoriafälle« genannt hat, erlaubte ich mir, das hochinteressante, die Victoriafälle beiderseits umgebende Hügelland zu Ehren des Prinz-Gemahls »The Albert country« und die Inseln zu Ehren der königlichen Prinzen und Prinzessinnen mit deren Namen zu belegen.

Wenden wir uns zu dem südlichen und zugleich westlichen Ufer, an dem wir stehen, und zu jenem Abgrunde, der wie ein Felsentrog zwischen uns und den Fällen sich befindet und das herabstürzende Wasser aufnimmt. Unser Ufer, wie das gesammte unter den Fällen ist eine Felsenbank, die mit Humus und Thonerde bedeckt, einer besonders in der unmittelbaren Nähe der Fälle üppigen Vegetation Raum gewährt.

Indem wir an dem Rande des Abgrundes stehen, genießen wir den Schatten riesiger Sykomoren, Mimosen, etc. Diese Bäume, welche unsere schlanksten Pappeln an Höhe überragen, haben meist wohl eine erst im letzten Sechstel oder Achtel ihrer Höhe beginnende Krone, diese aber ist so dicht, daß man unter ihnen wie unter einem ausgespannten Schirm steht. Armdicke Lianen, schnurgerade oder in Spiralen emporsteigend, verbinden den Fuß des Baumes mit seinem Gipfel und bieten den Affen Gelegenheit, dem verborgenen Beobachter ihre Kletterkünste vorzuführen. Außer den hohen Bäumen sind es noch dichte Saro- und Fächerpalmen-Gebüsche und riesige Farrenkräuter, welche zur Ueppigkeit der Scenerie dieses Ufers so viel beitragen. Der Reisende schreitet bei einem Gange durch diese hochinteressanten Formen Floras über einen elastischen, schwellenden Teppich von kleinen Blumen und Moos, der von Feuchtigkeit durchtränkt ist, am Rande des Abgrundes aber, da, wo der nackte braune Felsen hervorblickt, sehen wir einzeln oder in Knäueln, kleine, erbsen- bis hühnereigroße, etwas plattgedrückte, rundliche, dunkelgrüne Algen lose dem Felsen aufliegen.

Diese Ueppigkeit der Vegetation ist zu gutem Theil auf die continuirlich von den Fällen herrührenden und auf die gegenüberliegenden Ufer herabfallenden, reichlichen Wasserdünste zurückzuführen. Unaufhörlich steigen längs der oberen Kante des Falles mit den einzelnen Fallstrahlen correspondirende Säulen von Wasserdünsten einige hundert Fuß hoch in die Lüfte, auf 50 englische Meilen weit sichtbar. Eben während unseres Betrachtens sind sie unmittelbar vor uns so dicht, daß sie die gegenüberliegende Stelle vollkommen verhüllen, doch schon im nächsten Augenblicke hat sie ein mäßiger Windhauch von Osten her nach Links zu gedrängt, nur eine dünne und durchscheinende Säule ist zurückgeblieben, welche wie ein Schleier mehrere der vor uns herabstürzenden Strahlen verhüllt und nun ein wahrhaft märchenhaftes Bild hinzaubert, denn auch das tiefe Blau der Fluth über dem Falle und jene herrlichen Inseln mit den Palmen erscheinen uns so fern gerückt und doch wieder so nah, wie in einen Nebelschleier gehüllt.

Von unvergleichlicher Schönheit und malerischem Reize sind diese Fälle bei Sonnen-Aufgang oder Niedergang, wenn kreisrunde, in den Dunstfäden erscheinende Regenbögen den Effect erhöhen. Das Aufsteigen der Dünste ist mit einem eigenthümlichen Zischen verbunden, und doch ist dies nur zeitweilig zu hören, wenn der Wind das Getöse aus dem Grunde der Felsenschlucht, das den Beschauer im wahren Sinne des Wortes betäubt, etwas abschwächt. Wie ich schon erwähnt, können wir von dem Südufer — dem besten Standpunkte des Beobachters — den Boden des Abgrundes nicht sehen (wohl von der westlichen Seite, wenn wir uns an den Rand einer bebuschten Schlucht durcharbeiten können), und darum wirkt das furchtbare Getöse, das von der Tiefe aus die Lüfte erfüllt und meilenweit wie das ununterbrochene Rollen des Donners vernommen wird, nur um so betäubender auf die menschlichen Sinne ein. Wir hören ein Brüllen und Zischen, zeitweise deutlich das eigentümliche Anschlagen stürzender Wassermassen an den harten Felsenklippen, der Felsenboden unter uns scheint zu zittern, als käme dies Getöse aus einer Höhle unter uns. Wenn wir in die Tiefe des Abgrundes hinabsehen könnten, es würde die Sinne befriedigen und das ängstliche Gefühl, das sich unwillkürlich unser bemächtigt, bannen, so aber kommt es uns vor, als stünden wir an einem Höllenkrater, in dem die Elemente, in einem Vernichtungskampf mit einander begriffen, rasen. Wie klein, wie machtlos und unansehnlich erscheint der Mensch gegen solch’ ein Product der Natur!