Die Victoriafälle.
Wir wandten uns nun nach der tieferen Felsenschlucht, durch welche die ganze Wassermasse des Stromes abfließt. Dieser Abfluß geschieht im Zickzack, und in folgender Richtung. Von dem Felsenthore (dem Ausfluß) etwa 300 Schritte weit ist die Richtung südlich, geht dann unter einem stumpfen Winkel plötzlich auf 1000 Schritte in eine westsüdwestliche über, welche nach einem scharfen Winkel auf 1100 Schritte in eine südöstliche umschlägt u. s. w. Wenn wir von dem Thore längs derselben hinschreiten — so weit es nämlich die einmündenden Schluchten, die wegen ihrer Steilheit umgangen werden müssen, gestatten — so bietet sich dem Auge, man möchte sagen alle 200 Schritte ein neues Bild der steilen, die Schlucht bildenden Felsenwände. Hier stehen sie senkrecht, schroff, als wären sie scharf abgemeißelt, hier erhebt sich eine braune bis schwärzliche Felsenmauer, dort wieder eine ähnliche dunkle Felsenwand, hie und da mit grünen und rothen Flecken, stellenweise marmorirt; Punkte, die sofort in’s Auge fallen und zu dem dunklen Hintergrund einen äußerst angenehmen Contrast bilden. Der Wind hat von dem hochliegenden Ufer lose Erdtheile herabgeweht, welche sich mit Aloësamen in den Felsenritzen eingenistet haben, diese fingen an zu sprossen — die Wurzeln klemmten sich in die feinen Ritzen — hefteten sich innig an den Felsen an und nun gediehen die Pflanzen in den vollständig mit Erde und vertrockneten Blatttheilen gefüllten Felsenspalten vortrefflich, wie ihre mächtigen Blüthenähren es beweisen. Der reife Samen wird in den Fluß hinabgeführt, um weit, weit von den Fällen, an dem Ufer desselben Stromes neue Keime auszuwerfen und das Ufer zu schmücken.
Manche Partien der Felsenwände neigen sich terrassenförmig zur Tiefe und erscheinen theils jeder Vegetation bar, theils an den oberen horizontalen Flächen mit Vegetation überwuchert. Doch an vielen Stellen und dies namentlich am westlichen Ufer, sehen wir eine üppige Baum- und Buschvegetation bis zur mittleren Höhe oder bis zum Strome selbst herunterreichen. Sie bekleidet die vielen nach abwärts führenden, doch sehr steilen Schluchten, welche dem Regenwasser der nächsten Umgebung zum Abfluß dienen. Manche vereinigen sich an ihrer Mündung zu einer einzigen. In dieser Weise wechseln die Bilder längs der langen Partien der Zickzacklinie. Die Ueberraschung ist noch größer, wenn wir die Formen der Wände im kurzen Zickzackscheitel betrachten.
Ich will blos drei solcher Punkte besonders hervorheben. Das rechte (westliche) Ufer der kurzen Strecke unter der Abflußöffnung ist ein senkrecht abfallender Felsen, der gegen die Fälle zu etwas zurücktritt und im Canal eine rundliche Bucht bildet, dann jedoch, nach Osten als scharfe Felsenwand hervortretend, die westliche Wand des engen Felsenthores bildet, welches den herabgestürzten und unten wieder vereinigten Gewässern des Zambesi den Abfluß gestattet. Das uns gegenüberliegende Ufer, die östliche Wand dieses Thores, wird von einer kegelstutzförmigen, nach hinten (Osten) mit dem Hinterlande zusammenhängenden Felsenhöhe gebildet, welche im unteren Drittel, jeder Vegetation baar, schroff abfällt, in den zwei oberen Dritteln jedoch mit prachtvoller, tropischer Vegetation ringsum überwuchert terrassenförmig aufsteigt und mit ihrer Umgebung, dem rechts und links gähnenden Abgrunde, dem brausenden dunkelblauen Strom an ihrem Fuße, einen gewaltigen Eindruck hervorruft. Als ich noch im Schauen dieser Felsenscenerie versunken dastand, tauchte in meinem Geiste ein nie geschautes, doch oft geträumtes Bild: die hängenden Gärten der Semiramis, auf.
An dem folgenden kurzen, die zweite und dritte Zickzacklinie verbindenden Arme finden wir einen ähnlich geformten, doch mehr schroffen aus aufgethürmten Blöcken bestehenden Felsen. Er ist von Norden, von Osten und Süden von dem tobenden Wasser umspült, doch gegen Westen von dem Hinterlande durch eine tiefe Schlucht getrennt. Hier auf dieser isolirten, wohl über 300 Fuß hohen Felsenkuppe war kein Blättchen, keine Spur von Vegetation zu sehen, Floras liebliche Kinder waren von dem unwirthlichen Felsen verbannt. Vergebens haben sich seit Tausenden von Jahren alle die Elemente gegen den Felsenriesen empört, der Blitz unzählige seiner vernichtenden Schläge an ihm zersplittert, Aeolus mit all’ seinen Genossen gegen ihn angerast und unten der grimmigste Feind alles Festen auf der Erde schäumend und tosend an seinem Sockel sich gebrochen. Er bezwang diesen und wies ihm die Bahn.
Wenden wir uns nun von den Wänden der Schlucht zu der Tiefe selbst, in der ein dunkelblauer Strahl pfeilschnell dahinschießt. Er scheint kaum ein Drittel so breit wie die Mündung der Schlucht (nach oben), mit furchtbarer Gewalt stößt und bricht er sich an der scharfen Wendung der gegenüberliegenden Felsenwand, daß er theilweise zurückgeworfen wird und zurückströmend in der Regel in einer Bucht seine Kraft zu sammeln sucht, um sich mit der nächsten Woge zu vereinigen und von Neuem seine Kraft an dem Felsen zu versuchen. Stellenweise ragen aus der Fluth Felsblöcke empor, an denen die reißend dahineilenden Wogen aufschlagen und sich theilen. An einigen der Ecken, an denen die Fluth unter einem scharfen Winkel eine verschiedene Richtung einschlägt, sehen wir gleichsam um den brausenden und schäumenden Strahl zu verspotten, scharfkantige, spitz zulaufende, bis mehrere Meter lange Vorsprünge der heftigsten Strömung entgegengerichtet, an denen sich auch die Kraft derselben bricht.
Tausende von Jahren tobt der dunkle Strom in der Tiefe, allein wir können kaum stellenweise eine merkliche Einwirkung wahrnehmen, die er auf diese unerschütterlichen Wände hervorgebracht haben mochte. Ich bedauere nur, daß es mir nicht möglich war, länger als drei Tage an den Victoriafällen zu verweilen. Um die Schlucht, ja das gesammte, hochinteressante Naturwunder kennen zu lernen, müßte man 1½ bis 2 Monate an den Fällen verweilen, die Inseln oberhalb des Falles und das gegenüberliegende Ufer besuchen. Außerdem bietet die Natur in der nächsten Umgebung der Fälle so viel Anziehendes, daß ich mit mir längst in’s Reine gekommen bin, bei meinem nächsten Besuche nach Muße hier verweilen zu wollen.
Während des dreitägigen Aufenthaltes, wobei mir leider der Zustand meiner Füße den Genuß dieses herrlichen Bildes beeinträchtigte, hatten ich und mein Diener eine interessante Begegnung mit einer sehr zahlreichen Pavianheerde. An der von mir »Pavianschlucht« genannten Felsenschlucht, welche als Regenabfluß der umliegenden Gegend zum Flusse führt und in ihren beiden Dritteln dicht mit Bäumen bestanden, im unteren jedoch kahl und steil ist, sah ich an der mir gegenüber liegenden Wand eine zahlreiche Pavianheerde. Ich wünschte einige Pavianschädel zu gewinnen und tödtete ein Thier, dessen Leiche jedoch in den Fluß herabkollerte, verwundete andere und brachte auch den rechten Flügel des Feindes zum Weichen, dagegen behauptete das Centrum seinen Platz, während der linke Flügel sogar agressiv vorging und mit Steinen zu werfen begann, so daß ich, nachdem ich unvorsichtiger Weise alle Patronen mit Ausnahme einer verschossen, mich mit meinem Begleiter durch die Flucht einem Handgemenge mit den erzürnten Affen entziehen mußte.
Die am jenseitigen Ufer unter dem Häuptling Mochuri wohnenden Bathoka’s kamen auf Kähnen herüber, um uns Ziegen, Kafirkorn, Bier und Bohnen zum Kaufe anzubieten. Ich traf später in Schescheke einen dieses Stammes, es war ein Unterhäuptling und Verwandter Mochuris, und Sepopo, in der Meinung, daß ich noch keinen Bathoka gesehen, stellte mir denselben vor. Ich erkannte ihn sofort wieder, doch dieser hütete sich, desgleichen zu thun, da er sich der Uebertretung des königlichen Verbotes, von den Weißen Gewehre zu kaufen, schuldig fühlte und höchstwahrscheinlich zum Tode verurtheilt worden wäre.
Während ich an der kartographischen Aufnahme der Fälle arbeitete, stieß ich mehrmals auf weidende Pallahheerden, den Capdienern gelang es, ein Thier zu erlegen. Dieses schöne Thier gehört zu den häufigsten der am Zambesi angetroffenen Wildarten.
Am 20., dem Vorabende unserer Abreise, hatten wir noch ein interessantes Löwenabenteuer zu bestehen, das glücklicher Weise einen recht humoristischen Abschluß fand. Einige Augenblicke, nachdem ich von einem meiner Ausflüge zu den Fällen zurückgekehrt war, kam auch Walsh von seiner gewohnten Vogeljagd zum Lagerplatze und berichtete, daß er etwa 1200 Meter vom Lagerplatze einen Löwen eben in dem Momente gesehen habe, als er eine hochbegraste Wiese überschreiten wollte, um zum Flusse zu gelangen. Sofort wurde Kriegsrath gehalten und die Jagd auf den Löwen beschlossen, nur das eine wollte mir nicht gefallen, daß sich auch die beiden Frauen bereit erklärten, uns zu begleiten. Frau Francis hob zu ihrer Rechtfertigung hervor, daß ihr Gemahl in ihrer Gegenwart schon mehrere Löwen erlegt habe, weshalb sie auch diesmal einer solch’ ergötzlichen Scene nicht fernbleiben wollte. Frau Westbeech wieder, welche erst einige Monate verheiratet war, wollte ihren Georg nicht allein in der Gefahr wissen.
Wie ich schon erwähnte, war das eigentliche Zambesithal in einer Entfernung von 100 Schritten bis auf mehrere Meilen hin von einer sandigen Bodenerhebung begrenzt. Das meist mit Bäumen dichtbestandene Thal hatte gegen den Fluß zu einige baumlose Wiesen, die unmittelbar am Flußufer von einem dichten, etwa zwei bis drei Meter breiten Saropalmengebüsch umsäumt waren. Walsh war eben im Begriffe, über eine solche, etwa 30 Meter breite Wiese zu schreiten, als nahe an einem Baume der Löwe aufsprang, und im gegenüber liegenden Palmgebüsche verschwand. Nahe an dem Baume stand ein etwa fünf Meter hohes Bäumchen, an welches sich ein pyramidenförmiger Termitenbau anlehnte. An der bezeichneten Stelle angelangt, formirten wir uns in vier Treffen, um dem Raubthiere mit Aussicht auf Erfolg an den Leib zu rücken. Im ersten Treffen (von rechts nach links) standen Westbeech, Francis, Walsh und ich, im zweiten Mr. O. und B. und zwei Capdiener, im dritten ebenfalls zwei solche und zwei mit Musketen bewaffnete Matabele, dann folgten die übrigen Diener, manche mit Assagaien, manche mit Kiri’s, manche blos mit Baumästen bewaffnet. Die drei ersten Treffen sollten gegen den Busch vorrücken, das vierte auf der etwas erhöhten Bodenstelle am Wiesenrande stehen bleiben und das Palmengebüsch auf das eifrigste beobachten, um uns verdächtige Bewegungen in demselben sogleich melden zu können. Wir waren nicht weit gekommen, als uns Frauenrufe zum Stillstand brachten. Die Damen fanden sich unter dem Baume nicht sicher genug und wollten auf den Termitenbau gehoben sein, wozu ihnen auch sofort ihre Männer verhalfen. Wir setzten hierauf langsam und bedächtig unseren Marsch über die hochbegraste Wiese fort. Wir waren nun ungefähr bis auf zwei Meter dem Busch nahegekommen, und da der Löwe noch immer kein Zeichen von sich gab, hob sich der Muth aller Angreifer, doch dieser Aufschwung nahm ein jähes Ende, denn plötzlich schallte uns aus dem Dickicht ein wildes Gebrüll entgegen, stark genug, um selbst dem beherztesten Jäger die Ueberzeugung beizubringen, daß es einen Unterschied zwischen einer Felis Leo und einer Felis domestica gebe. Wir waren dem Thiere so nahe, daß es Francis mit einem Sprunge erreichen und tödten konnte, bevor wir es an dessen Leiche erlegt hätten.
Die erste Folge des Gebrülles war, daß wir stille hielten, unverwandten Blickes schauten wir nach der verdächtigen Stelle, doch konnten wir nichts sehen. Nach einigen Secunden ertheilte einer der beherzten Jäger den Rath, an den Rückzug zu denken, welchen wir auch, ohne weiter daran gemahnt zu werden, antraten. Die Stelle, von welcher das Gebrülle zu kommen schien, fixirend, das Gewehr schußbereit, zogen wir uns zurück. Während des Rückzuges hatten sich die einzelnen Treffen etwas gelichtet, doch den größten Muth bewies das vierte, das wir erst nach einigem Suchen auf dem großen Baume gewahrten, wohin es sich geflüchtet hatte. Wir feuerten zahlreiche Schüsse in das Gebüsch ab, doch ohne Erfolg, darauf zündeten wir das trockene Gras an und trachteten auf diese Weise das Raubthier zum Verlassen seines Schlupfwinkels zu bewegen, doch das Geschick war uns an diesem Tage nicht hold, wir hatten heftigen Gegenwind und da brannte es nach der entgegengesetzten Richtung. Wieder waren es laute Rufe von Seite der Frauen, welche unsere Aufmerksamkeit erregten. Der Wind hatte den übelriechenden Rauch in einer dichten Wolke gegen das Bäumchen getrieben, in dessen Aeste die beiden Frauen, um sich noch sicherer zu fühlen, hinaufgestiegen waren, und diese förmlich mit dem Ersticken bedroht, da wurde Löwe und alles andere vergessen und man eilte den Damen zu Hilfe, die auch bald aus ihrer Lage befreit waren, und nach allen den Mißerfolgen dachten wir die Löwen leben zu lassen und heimzukehren; doch Westbeech, der als tollkühner Löwenjäger bekannt war, wollte sich in Gegenwart seiner Neuvermählten solch’ eine Gelegenheit nicht entgehen lassen, und machte den Vorschlag, das Palmengebüsch flußaufwärts zu durchstöbern. Um diesen Vorschlag auszuführen, hatten wir die Wiese in der Richtung zu durchschreiten, in der es Walsh am Morgen gethan hatte. Mit Ausnahme der Frau Westbeech betheiligten wir uns alle an diesem zweiten Jagdzuge. Diese wurde unter dem Schutze des vierten Treffens, der Matabele Diener, welche nicht wenig darauf stolz waren, die Gemahlin ihres Herrn beschützen zu können, zurückgelassen.
Der Löwe kommt.
Wir hatten glücklich die Wiese überschritten und suchten bereits in den Palmenbüschen, als uns ein herzzerreißendes Geschrei zur Stelle bannte; in demselben Augenblicke hatten wir uns alle umgewendet, und das Erstaunen mehrte sich, als wir keine Spur von Frau Westbeech mehr sahen. Der erste, der sich von seinem Schrecken erholte, war Westbeech, mit dem Gewehre in der Rechten, eilte er an uns vorüber, da sich jedoch das Angstgeschrei aus dem tiefen Grase der Wiese, die wir eben überschritten hatten, wiederholte, eilten wir ihm nach; doch wurden wir neuerdings für einen Moment aufgehalten, als der vor uns laufende Westbeech plötzlich mit einem Schreie verschwindet. In der Aufregung, die sich unser bemächtigt hatte, beachteten wir das überlaute Gelächter der herbeilenden Matabele nicht, Francis, der uns allen Voraus war, machte zwei Sätze nach vorne und in das von den Matabele angestimmte Gelächter einfallend, warf er das Gewehr bei Seite und sah in’s Gras, wir hörten nur noch seine Worte. »Bleibt zurück! Bleibt zurück!« Nach einige Secunden tauchte Westbeech vor ihm auf, beide liefen nun einige Schritte weiter, beugten sich nieder und nun erschien Frau Westbeech als die dritte im Bunde. Die Lösung dieses etwas räthselhaften Vorganges war bald gefunden. Die an dem Zambesi-Ufer wohnenden Manansa’s hatten, als sie noch keine Gewehre besaßen, um sich des Wildes leichter bemächtigen zu können, am Ufer des großen Stromes zahlreiche Fallgruben gegraben. Diese von jenen der bei den Betschuana’s üblichen abweichenden Gräben waren 10 bis 12 Fuß lang, 8 bis 10 Fuß tief, bei einer Breite von nur 18 bis 24 Zoll, dabei verengte sich die obere Oeffnung nach unten derart, daß jedes Thier bei den Versuchen sich zu befreien, nur immer tiefer einfiel und eingezwängt wurde. In eine solche war die arme Frau Westbeech am jenseitigen, der ihr zu Hilfe eilende Gemahl am diesseitigen Ende der Wiese gefallen. Frau Westbeech hatte sich, von einigen Hautabschürfungen abgesehen, glücklicher Weise nicht beschädigt, der Zwischenfall veranlaßte es jedoch, die Jagd aufzugeben und nach dem Skerm zurückzukehren. Als uns Abends die Bathoka wie gewöhnlich aufsuchten und wir sie fragten, ob es hier Löwen gebe, antwortete man uns, daß ihnen seit vielen Jahren ein Löwe bekannt sei, der sich in der Regel nicht weit von unserem Skerm aufzuhalten pflege, es wäre aber ein so an den Menschen gewöhntes Thier, daß sie selbst bei Nacht unbehelligt vor ihm vorbeigingen.
Bevor ich noch von den Victoriafällen scheide, will ich des Eingebornenstammes, der Manansa, gedenken, welchen man hie und da noch im Albertslande begegnet und der noch in den Dreißiger Jahren sein eigenes Reich besaß. Die Manansa bewohnen das Hügelland südlich von und um die Victoriafälle, ein Gebiet, welches den Bamangwato’s von rechtswegen zugehört, das jedoch von dem Matabele-Herrscher auch als das seine betrachtet wird und unter welcher Streitfrage Niemand mehr als die Bewohner dieses Striches zu leiden haben. Die Bamangwato’s nennen sie schlechtwegs Masarwa, während in Wirklichkeit die Manansa nichts mit den Letzteren gemein haben. Die Manansa bebauen kleine versteckte Thalpartien oder leben als Jäger hie und da, ohne bleibende Wohnsitze zu haben; werden sie von den Matabele hart bedrängt, so flüchten sie nach dem Westen auf das Bamangwato-Gebiet, und wenn von den Letzteren bedrängt, nach Osten auf jenes der Matabele; nur dann, wenn sie nicht mehr entkommen können — ergeben sie sich auf Gnade und Ungnade und erklären sich als gehorsame Unterthanen ihrer »Verfolger«. Man kann Albertland ein streitiges Gebiet zwischen den Bamangwato und Matabele nennen und dessen Bewohner nur als periodisch ansässige — so lang die Geißel über ihnen schwebt — Unterthanen und Bewohner des Bamangwato-Reiches betrachten, die in Wirklichkeit, wenn es auch die Bamangwato behaupten, reine Sklavendienste verrichten.
Bis zum Jahre 1838 war der Stamm der Manansa in einem selbstständigen Reiche vereinigt, das südlich bis an die westlichen Makalaka’s und den Ugwajfluß weit aufwärts, sowie zum Mittellauf des Kwebu-River reichte. — Dieses Königreich war von einem »Großen Häuptling« beherrscht, der bei dem Andrange der Matabele nachzugeben bemüht war.
Allein so wie Moselikatze (Tigerkatze hätte besser für ihn gepaßt) den Königreichen der Makalaka ein Ende gemacht und das große Reich der Maschona zur Hälfte zerstört, so wurde auch jenes der Manansa von ihm vernichtet. Den guten Worten des freundlichen, aufrichtigen Häuptlings wurde kein Glauben geschenkt und da die grausamen Matabele nicht gewohnt waren, für ihre Erpressungen gute Worte zu ernten, wurde er für verrätherisch gehalten; man witterte darin einen hinterlistigen Plan. Auch bei den Wilden glaubt der Schlechte in jedem guten Nebenmenschen nur Schlechtes zu finden — und da man sicher dachte, daß er einen Hinterhalt gelegt habe und nur durch die freundlichen Worte Zeit gewinnen wolle, um seine Männer zu sammeln, wurde er von den in Ueberzahl in sein Gehöfte und seine Stadt eingedrungenen Matabele zur Erde geworfen, sein Leib mit Assagaien aufgeschlitzt, das Herz herausgeschnitten, und mit den Worten: »Du hattest zwei Herzen, auch ein falsches, esse es«, ihm dieses an die noch zuckenden Lippen gepreßt.
Bei diesem Raubzuge der Matabele wurde dem Manansa-Reiche ein Ende gemacht, die Manansa zersplittert, alle Knaben von den Matabele mitgenommen, um zu Kriegern erzogen zu werden. Seitdem wiederholten die Matabele oft ihre Raubzüge, und die Reste der Manansa, wurden theils nach und nach vernichtet, theils flüchteten sie zu Sepopo, dem früheren Marutsekönig, theils zu Mochuri, dem Chef der Bathoka (nördlich von den Victoriafällen), sowie zu Wanke, dem Chef der nordöstlichen Makalaka (nördlich vom Zambesi und östlich von den Victoriafällen). Ich machte mehrere Versuche, zu erfahren, ob die Uebriggebliebenen einen Häuptling unter sich anerkennen, doch lange erfolglos, bis sich Jene, mit denen ich täglich verkehrte, überzeugt haben mußten, daß ich die Antwort mir in meinem »lungalo« (Buch) eintragen wollte, nicht aber um, wie sie wohl dachten, es dem Matabele-König zu verrathen, theilten sie mir mit, daß sie alle, wo überall sie zerstreut auch wohnen mochten, einen Chef verehrten, der östlich von Wanke’s Land ein kleines Gebiet von diesem Fürsten eingeräumt erhalten und hier die Reste des Stammes um sich gesammelt hatte. »Und warum geht Ihr nicht auch dahin, statt hier wie die Hunde herumgejagt zu werden?« Eigenthümlich — ähnlich wie im Süden, wo der Buschmann an seinen Felsen und Klüften mit seinem ganzen Sein hält — ist es auch hier die Liebe zu den bewaldeten Höhen und anmuthigen Thälern, welche die flüchtigen Manansa an die Scholle bindet, auf der sie das Licht der Welt erblickten. Jener Chef (Häuptling) ist der Sohn des von den Matabele ermordeten Königs.
Die Manansa haben viele Gebräuche, mit denen sie sich von anderen südafrikanischen Stämmen unterscheiden. Ich will einstweilen eines Gebrauches erwähnen, welcher vielleicht auch einem weiteren Leserkreis überraschend erscheinen dürfte. Wir ersehen daraus, daß das weibliche Geschlecht, ähnlich wie bei den Marutse und im großen Gegensatz zu der ungefälligen Behandlungsweise von Seite der Betschuana und zu jener abscheulichen bei den Matabele auch bei den Manansa geachtet wird. Wir wollen die Verlobung eines Manansa-Mannes besprechen. Hat ein solcher mit Wohlgefallen die Reize eines Mädchens seines Stammes beobachtet und erkannt, sie auch liebgewonnen (was unter den Betschuana und Zulu eine Seltenheit ist), so sendet er eine ihm wohlbekannte alte Frau zu ihr, welche für ihn die Brautwerbung versucht. Die Abgesandte gibt von dem Antragsteller das bestmögliche Bild, schildert seine Geschicklichkeit im Erwerben des njama (ñama) (des Fleisches, d. i. des Wildes), seine Gutmüthigkeit, zählt die vielen Felle auf, die sein Lager weich machen, und die Fruchtbarkeit des kleinen Grundstückes, das schon seine Mutter bebaut hatte.
Nun wird Familienrath gehalten; hier entscheidet nicht blos der Vater noch befiehlt er, sondern Mutter, Tochter und Vater erörtern den Gegenstand untereinander. Ist es ein Mann, welcher der Tochter gefällt, und wissen die Eltern nichts gegen ihn einzuwenden, so wird dem (während der Unterredung) vor der Thüre wartenden Weibe eine befriedigende Antwort ertheilt. »Der Antragsteller möge kommen,« was jedoch schon so viel bedeutet, daß ihn die Eltern als Schwiegersohn, die Tochter als Mann annimmt. Erscheint er nun in der Hütte und hat er seinen Gruß gesprochen, so muß er vorerst seiner Auserwählten ein Geschenk machen, das früher in dem reichen Felle einer Halbaffenspecies bestand, seitdem jedoch Glasperlen unter ihnen bekannt wurden, bietet er ihr eine handvoll kleiner, blauer Glasperlen an. Nur nachdem er dies gethan und es angenommen wurde, spricht ihn das Mädchen an, die von nun an seine Frau ist. Glücklicher Weise vermissen wir hier die Orgien, wie sie leider die heidnischen Verlobungs- und Trauungsfeste vieler südafrikanischer Völker charakterisiren. Der Vater, die Mutter, und hat die junge Frau erwachsene Geschwister, die in demselben Gehöfte wohnen, so mischen sich auch diese in ein Gespräch, das bis zur Tagesneige dauert. Am Abend entfernen sich die Eltern aus der Hütte, um eine der Nebenhütten im Höfchen zu beziehen, und thun dies je nach der Jahreszeit durch ein bis zwei Wochen. Täglich am Morgen verläßt der junge Mann seine Frau und geht seiner Arbeit nach, worauf erst die Eltern für den Tag ihr Besitzrecht wieder geltend machen. Für jede Gunstbezeugung von Seite der jungen Frau muß ihr der Augetraute stets eine handvoll Glasperlen bezahlen. Jeden Morgen nehmen Beide eine Waschung des Körpers mit lauem Wasser vor, welche Gefälligkeit auch wieder mit einem Geschenke beglichen wird. Nach ein oder zwei Wochen bringt der Schwiegersohn dem Vater ein Geschenk von vier Ziegenböcken und vier Mutterthieren, oder statt derselben acht Glasperlenschnüre (zwei Pfund Glasperlen).
Von diesem Tage an helfen die Eltern dem jungen Paare zwei Hütten bauen oder eine, je nachdem der Mann schon eine besaß oder nur bei seinen Eltern oder Freunden wohnte. Eheliche Treue wird sehr gewahrt, namentlich von Seite des Mannes, als unerhört wurde mir ein Treubruch bezeichnet, und dies führt uns zu einem wichtigen Punkt, in welchen die Manansa die »gebildeten Marutse« überflügeln, die mit ihrem abscheulichen »Mulekau«-Thum ihre eigenen Frauen zum Treubruche verleiten, sie oft gegen ihren Willen dazu zwingen. — Die bevorstehende Niederkunft einer Frau führt ihre alten Nachbarinnen in’s Haus. Das Erste, was sie thun, ist, die Waffe des Mannes, mag es ein Assagai oder ein Gewehr etc. sein, hinauszutragen und sie in eine andere seiner Hütten, sollte er jedoch (was selten der Fall) nur eine Hütte besitzen, in die Wohnung seines Nachbarn zu tragen, ebenso wie für den Ehemann ein unwiderrufliches Gebot ist, sich von eben dem Augenblicke aus der Hütte seines kranken Weibes zu entfernen. Erst am achten Tage nach der Geburt des Kindes, und nachdem Mutter und Kind mit warmem Wasser und die Hütte durch und durch gereinigt wurde, führen die alten Weiber den Mann wieder in sein Haus zurück, um seine Frau zu begrüßen und sein Kind zu sehen. — Diese Reinigungsproceduren, welch’ ein Gegensatz zu der Unreinlichkeit der Hottentotten-Race und der Makalaka’s! — Trotzdem, daß der Mann in’s Haus eingeführt wurde, darf er nicht darin wohnen, erst nach drei bis vier Wochen von dem Tage an gerechnet, an dem er sein Kind zuerst erblickte.
Tritt ein Todesfall ein, so wird die Person in der Abendstille in der Nähe des Gehöftes, und wenn es der Boden gestattet, in einer etwa fünf Fuß tiefen Grube beerdigt. Ein Erwachsener erhält einen Assagai in’s Grab und wird dabei in eine Carosse gehüllt. Die Beerdigung geht außer dem Gestöhne der weiblichen Angehörigen im Stillen vor sich. Stirbt ein Hausvater, so wird den Tag nach der eben genannten Ceremonie all’ sein Eigenthum zusammengetragen. Die Bewohner des Dorfes versammeln sich und nun tritt der älteste Sohn hervor, um von dem Eigenthum Besitz zu nehmen. Ist kein Angehöriger oder kein Sohn vorhanden, so wird von den Versammelten ein Mann zum Erben eingesetzt, meist ein Freund des Verstorbenen, und dieser hat dann den Namen desselben anzunehmen.
Die Manansa sind in der Regel von Mittelgröße und nicht stark gebaut, doch bereiten sie dem Forscher nicht geringe Schwierigkeiten, weil sie seit der Zerstückelung des Landes sich mit den ebenfalls flüchtigen Matonga und Masupia und nördlich vom Zambesi mit den Makalaka und Bathoka sehr vermischt haben. Schwarzbraun ist der Teint des Stammes, freundliche Augen, kleiner Kopf und große Lippen. — Als Verzierungen beobachtete ich bei ihnen jene der ärmeren Classen im Marutse-Reiche (doch war es wohl anders als noch ihr Reich bestand), Arm- und Fußringe aus Gnu- und Giraffenhaut, auch aus Eisendraht. Sie tragen höchst einfache Ohrringe aus besserem Material und als Kleidung in der Regel blos einen kaum handbreiten Lappen aus Calico oder aus wildwachsender Baumwolle bereitet, doch zuweilen ein kleines Fell über die Hüften geschlungen, die Frauen kurze Röckchen aus gegerbten Fellen. Als Diener dürften die Manansa allen übrigen südafrikanischen Stämmen vorzuziehen sein, ich fand sie sehr geschickt im Anschleichen des Wildes, dabei nicht überhitzig, sondern, was eben nöthig war, sehr vorsichtig, gefällig, ehrlicher als andere und vor Allem treuer.
Die Manansa werden von den mächtigeren, umwohnenden Stämmen, von den Marutse, Betschuana und Matabele, mit Verachtung angesehen und demgemäß behandelt. Sie sind die »Schildbürger« des nördlichen Süd-Afrika geworden. Was ihnen namentlich zur Last gelegt wird, ist ihre auffallende Gutmüthigkeit und Friedfertigkeit, zwei Tugenden, welche seitdem die Zulu-Matabele zwischen dem Limpopo und Zambesi der Rohheit und Herzlosigkeit Platz gemacht — als Untugenden, die erstere als ein gleißnerisches Betragen, die zweite als Feigheit angesehen werden. — Auch dies ist ein Werk des Vandalenthums der Matabele, nicht nur Mord und Raub, auch das Ersticken aller edleren Gefühle und Mißtrauen in jedes freundliche Wort, das da gesprochen, in jede gute Handlung, die begangen wird, waren eingezogen.
Werden sie verfolgt und ist Flucht nicht mehr möglich, so kehren die Manansa um und gehen mit gesenktem Assagai ihren Feinden entgegen. Bei dem Zusammentreffen legen sie die Waffen auf die Erde und hocken sich nieder. Wenn nun auch der Sturm ihrer Verfolger auf sie losbricht, sie bleiben ruhig. Als sie von einem (dem vorletzten) der Bamangwato-Könige Moschesch bedrängt wurden, beschwichtigten sie die Habsucht ihrer Verfolger mit Elfenbein. Moselikatze’s Krieger raubten die Knaben und auch viele Frauen; die Horden des gegenwärtigen Matabele-Despoten nehmen, was sie nur zu Gesichte bekommen, auch dann, wenn sie von La-Bengula einem Weißen als Begleiter nach den Victoriafällen mitgegeben werden — nur dann, wenn dem Könige in dem Weißen durch einen der in Gubulowajo wohnenden Missionäre ein Mann von Bedeutung vorgestellt wird, wie z. B. im Jahre 1875, als Major S. um Diener nach den Victoriafällen ersuchte, befiehlt der König den Begleitern, sich jedweden Mordens und Raubens zu enthalten, damit es der Weiße bei seiner Rückkehr der »großen weißen Königin« (Königin Victoria) nicht berichten könne.
Als ich einst einem Manansa, der periodisch sich bei einem Händler verdungen und sich so über das Geistesniveau seiner Landsleute geschwungen hatte, über die »Feigheit« seines Stammes fragte, antwortete er mir mit einem gutmüthigen Lächeln und Schütteln des Kopfes: »Furchtsame Pallahs sind wir nicht und auch von langer Zeit her nicht gewesen. Allein wir lieben das Leben in den Dörfern und das Jagen der Thiere, die wir in Gruben fangen, seltener die Waffe gebrauchend. Wir geben den blutliebenden Matabele unsere Elephantenzähne und zeigen ihnen, wenn sie es verlangen, die frischen Spuren der Elephanten, um ihrer noch mehr zu erlegen; allein wir wollen und mögen nicht kämpfen da wir nicht das Blut und das Tödten der Thiere, noch weniger der Menschen lieben.«
Nach dem Tode eines Königs versammeln sich die Männer und bringen den zum Nachfolger bestimmten Thronerben in des Königs Haus. Sie bringen eine Handvoll Sand und kleine Steinchen vom Zambesi und auch einen Hammer. »Hier ist die Allgewalt über das Land, das Wasser und das Eisen (Arbeit und die Waffen).« Dabei erinnern ihn die Häuptlinge und das Volk von dem Tage an, wo er König wurde, nie vom Fleische des Nilpferdes und des Rhinoceros zu essen, da diese Thiere »sehr bösartig« seien, und der König, der ihr Fleisch genieße, wild und böse werden könnte.
Das Albertland, im Süden von dem sandigen Lachenplateau begrenzt, im Westen bis zur Tschobe-Mündung reichend, und vom Zambesi durchströmt, gehört unstreitig zu den meist interessanten Partien des zentralen Süd-Afrika. Nicht allein durch das Naturphänomen der Victoriafälle von Wichtigkeit, bietet es dem Touristen eine Fülle anziehender, felsiger und bewaldeter Hügellandschaften und hochbegraster Thäler.
Der Geologe, Botaniker wie auch der Mineraloge werden gewiß nur befriedigt dieses Hügelland verlassen. Mit Ausnahme des Spring- und Bläßbockes und des schwarzen Gnu wird der Mammaliajäger die meisten größeren Quadrupeden, die Süd- und Central-Afrika charakterisiren, vorfinden; der Mineraloge findet reichliche Arbeit. Unter den niederen Thieren sind Reptilien zahlreich vertreten, Krokodile oft bis zu den entferntesten Partien der Bergflüsse anzutreffen, in denen theils Spuren am Ufer, theils das getrübte Wasser ihre Gegenwart verrathen. Von Insecten sind alle Geschlechter, namentlich aber die Lepidoptera durch viele neue Arten ausgezeichnet. Die Thäler besitzen einen so guten Boden, daß bei dem warmen Klima tropische Gewächse mit Vortheil angebaut werden könnten, nur muß vorerst die Tsetse-Frage gelöst sein und man Mittel gefunden haben, den sommerlichen Fiebern vorbeugen zu können.
Auf dem Rückzuge nach Panda ma Tenka schlugen wir eine etwas veränderte Richtung ein. Unsere Capdiener schossen am Matopa-Flusse ein Wildschwein und weiter aufwärts im selben Thale wurde unsere Colonne von einem Geschrei der voranschreitenden Diener alarmirt. Durch einen penetranten Geruch angezogen, waren unsere Schwarzen abseits in die Büsche eingedrungen und fanden hier einen männlichen Elephanten in Folge von Schußwunden verendet. Das Thier war stark von Löwen angefressen; diese hatten sich an die Lippen gemacht und das Fleisch an den Schußwunden aufgerissen. Die Diener konnten noch eines der davonschleichenden Raubthiere erblicken. W. und F., deren Diener das Elfenbein gefunden, nahmen es in Besitz, und die Diener schnitten die untersten Fußglieder ab, um sie zu unserem Aerger mitzunehmen. Der penetrante Geruch, der diesem Leckerbissen der Eingebornen entströmte, zwang uns endlich, auf dessen Entfernung zu dringen. Frisch zubereitet kommen sie den Bärentatzen gleich; die der schwartigen Sohle aufliegende Substanz und das Herz, also winzige Theile im Verhältniß zu seiner Größe, sind die Leckerbissen, die das Riesenthier dem Menschen bietet.
Der Rückweg mit den wunden Füßen war so beschwerlich, daß ich mich mit Noth weiter schleppte. Den größten Theil beider Strecken von der Gaschuma-Ebene bis zu den Fällen und zurück nach der Ebene, hatten auch die Damen zu Fuße zurückgelegt. Wir gelangten bis auf mich wohlbehalten in der Gaschuma-Ebene und einen Tag später, am 24. September, in Panda ma Tenka an. Hier traf ich zwei Matonga’s und einen Manansa, welche Arbeit suchten und die ich sofort miethete, während mir W. und F. mit ihren Leuten behilflich waren, meine zu einer so weiten Reise nöthigen, zahlreichen Gegenstände nach dem Leschumo-Thale zu schaffen.
Zweiter Aufbruch nach Impalera. — Die Krokodile im Zambesi und ihre Gefährlichkeit. — Begräbnißfeier bei den Masupias. — Sepopo und seine Frauen. — Reisepläne. — Baum- und Busch-Vegetation im Walde von Schescheke. — Einzug einer Karawane von Tributpflichtigen. — Die Marutse als Fischer. — Maschoku, der Scharfrichter Sepopo’s. — Schmiedewerkzeuge der Marutse. — Der prophetische Tanz der Masupia’s. — Besuch der Königinnen. — Der Fang des Krokodils. — Die Mankoë. — Die Verwaltung des Marutse-Mabunda-Reiches. — Die Beamten-Hierarchie. — Eine Elephantenjagd unter Sepopo’s Anführung. — Ausflüge in den Wald von Schescheke und Büffeljagden in demselben. — Eine interessante Löwenjagd. — Der Löwentanz der Marutse. — Die Maschukulumbe am Hofe Sepopo’s. — Moquai, des Königs Tochter. — Hochzeitsfeier bei den Marutse.
Jagd auf Sporngänse.
Am 24. September saß ich wieder in meinem Wagen in Panda ma Tenka, der Ausarbeitung meines Tagebuches obliegend. Ich fühlte mich äußerst mißmuthig und bedrückt; die physischen Schmerzen an meinen wunden Füßen verschärften noch diesen Zustand, aus welchen mich Niger, mein treuer und anhänglicher Begleiter herausriß, da er mich nach längerer Abwesenheit (ich hatte ihn bei dem letzten Ausfluge zu den Victoriafällen zurücklassen müssen) zu begrüßen kam. Es that mir wirklich leid, mich in der nächsten Zukunft von dem Hunde zu trennen, denn da ich ihn dem Gifte der Tsetsefliege nicht aussetzen wollte, gedachte ich ihn mit dem mir von dem Bamangwato-Könige mitgegebenen Diener Meriko nach Schoschong zu senden, wo er einstweilen bei meinem Freunde, Herrn Mackenzie, verbleiben sollte. Hätte ich damals geahnt, daß ich wieder nach dem Süden zurückkehren müsse und Niger nicht wieder sehen sollte, ich hätte das treue Thier nie von meiner Seite gelassen. Als ich Meriko den ausbedungenen Lohn bezahlte und ihn mit Lebensmitteln versehen hatte, machte er sich mit dem Hunde auf den Weg, und langte nach drei Wochen in Schoschong an. Leider war um diese Zeit mein Freund Mackenzie nicht anwesend und der Hund wurde einem Wagenlenker von Francis und Clark, der eben nach Grahamstown fuhr, mitgegeben. Trotz aller Mühe, die ich mir gab, das Thier wieder zu gewinnen, blieb es verschollen.
Meine Tauschartikel waren sehr herabgeschmolzen und so sah ich mich genöthigt, trotz der exorbitanten Preise von den anwesenden Elfenbeinhändlern Glaskorallen, Kattun und Wolldecken zu kaufen.[11]
Am 27. September erkrankte ich an Dysenterie, doch war der Anfall kein heftiger, und gelang es mir, mich bald wieder herzustellen. Während des Aufenthaltes in Panda ma Tenka lernte ich auch einen Mann aus der Umgegend von Grahamstown, Henry W., kennen, er war ein ausgezeichneter Jäger, doch konnte ich nicht umhin, es ihm sehr übel zu nehmen, daß er sich manchmal auf der Jagd arge Schlächtereien erlaubte. So gab er einst einen weiblichen Elephanten, der ihn verfolgte, nachdem er das Thier durch einen Schuß zum Falle gebracht, seinen Dienern preis, welche dasselbe durch mehr denn zwei Stunden mit ihren Assagaien marterten, bevor er seinen Qualen durch einen Schuß ein Ende machte.
Von Panda ma Tenka schrieb ich einen Brief an einige befreundete Großhändler in den Diamantenfeldern und Port Elizabeth, um hier einiges Interesse für den Handel mit Gummi elasticum zu wecken, das die Portugiesen aus dem Marutse-Reiche nach dem Westen ausführen.
An beiden folgenden Tagen hatten wir Regen und Sturm, nachdem in den letzten Monaten zuvor in diesen Gegenden kein Regen gefallen war. Am 30. September verließen wir Panda ma Tenka, um in gleicher Weise wie das erste Mal über die Gaschuma-Ebene nach dem Leschumo-Thale zu gelangen, mußten aber die Fahrt bald unterbrechen, da die Last des Karrens zu groß war und ich um einen zweiten Wagen nach Panda ma Tenka senden mußte. Derselbe kam erst am Nachmittage des 1. October an, wir zogen nun weiter und übernachteten an der Gaschuma-Ebene, auf welcher ebenso wie in Panda ma Tenka die Nacht zuvor ein Trupp Löwen die Zugthiere aus ihrer Umzäunung zu scheuchen bestrebt war. Obgleich meine vier Diener drei verschiedenen Stämmen angehörten und eben so viele Dialecte sprachen, einer die Sesupia, einer die Setonga und einer die Senanso, so verstanden sie doch alle die Sesuto-Serotse und ich hatte, mit ihnen plaudernd, Gelegenheit, neue Ausdrücke in der letztgenannten Sprache zu erlernen. Auf der Fahrt nach Saddlerspan versuchte es ein Diener Westbeechs, mit Namen Fabi, einigen in der Nähe grasenden Zulu-Hartebeests beizukommen und stieß dabei beinahe mit einem Löwen zusammen, der ebenfalls das Wild beschlich.
In der Nacht auf den 4. langten wir wohlbehalten im Leschumothale an. Schon am folgenden Tage sandte ich meine vier Diener nach dem Tschobethale. Da mir Westbeech auch seine acht Langohren, die wir mitgenommen hatten, zur Verfügung stellte, konnte ich den größten Theil meines Gepäckes absenden, und langte am 5. selbst dort an. Im Leschumothale hatte ich die beiden englischen Händler Brown und Kroß getroffen welche mich sehr freundlich aufnahmen und eben von einem vergeblichen Versuche, zu Sepopo gelangen zu können, in’s Leschumothal zurückgekehrt waren; sie hatten kurz vor meiner Ankunft zwei prächtige Löwen, darunter einen alten männlichen und unbemähnten erlegt.
Am Tage nach meiner Ankunft im Tschobethale erschienen hier sechzehn und am folgenden sechs weitere Bootsleute, die von Sepopo gesendet, Westbeech mit seinen Waaren und mich mit meinem Gepäcke nach Schescheke zu bringen hatten. Dem König war es namentlich um die Waaren des Händlers zu thun, da dieser bei seinem letzten Besuche eine Anzahl von Elephanten-Gewehren nach Panda ma Tenka gebracht zu haben vorgab und der König selbe schon mit Ungeduld erwartete. Der giftige Muschungulubaum war diesmal in voller Blüthe, die Blüthen groß, schön dunkel-carminroth. Ich wollte mich früh am 6. mit allen Waaren übersetzen lassen, allein ein heftiger Wind ließ es nicht zu, jedenfalls wäre es sehr gefährlich gewesen, die Bootfahrt zu unternehmen, da das Umkippen der Kähne für die Insassen derselben äußerst unangenehm ist und diese sehr oft den Krokodilen zum Opfer fallen. Ich war später in Schescheke selbst Augenzeuge solcher Unglücksfälle geworden.
Ich gedenke später ausführlicher über die Krokodile des zentralen Zambesi zu sprechen, will aber jetzt schon einer Tragödie gedenken, die sich vor Kurzem unweit der Landungsstelle am jenseitigen (Impalera-)Ufer abgespielt hatte. Ein Masupia-Mann war mit seinem Weibe und seinem Töchterchen längs des linken Tschobe-Ufers ausgefahren, um Schilfrohr für seine Behausung zu schneiden. Während dieser Beschäftigung schlug der Kahn in Folge eines Windstoßes um und seine drei Insassen fielen in’s Wasser. In Folge der eben an dieser Stelle herrschenden starken Strömung gelangten Mutter und Tochter wohlbehalten an eine Sandbank. Sie sahen eben, wie der Mann sich durch das Schilf dem Ufer zuarbeitete, schon hatte er dasselbe erfaßt und trachtete sich auf die etwa vier Fuß hohe, steile Wand emporzuschwingen; nach mehreren fruchtlosen Versuchen, wobei er in’s Wasser zurückfiel, gelang es ihm endlich, einen herabhängenden Buschzweig zu erfassen, so daß er sich auch im selben Augenblicke emporzuziehen vermochte, als der Freudenschrei seiner Angehörigen ihnen auf den Lippen erstarb. Im Schilfe zeigte sich plötzlich der unförmige Körper eines Krokodils. In dem Momente als der Mann sich emporziehen wollte, war das Krokodil ebenfalls emporgeschnellt und hatte einen seiner über dem Wasser hängenden Füße ergriffen und riß den Unglücklichen mit sich in die Fluth zurück. Das Geschrei der Frauen zog eine im Felde arbeitende Genossin herbei, die nach Impalera eilte, um die beiden Frauen noch vor dem Dunkelwerden zu retten, da sie sonst in der Nacht auf der Sandbank ein ähnliches Schicksal wie den Gatten und Vater ereilt hätte.
König Sepopo.
Am folgenden Morgen wurde meine Aufmerksamkeit durch wiederholte Gewehrschüsse wachgerufen; ich erfuhr auf meine Frage, was dieselben zu bedeuten hätten, daß man eben einen Masupia begrabe. Ungefähr 400 Schritte nördlich der Niederlassung liefen auf einem zwischen zwei Bäumen gelegenen Raume zwölf mit Gewehren bewaffnete Männer herum, welche ihre Gewehre abschossen und dazwischen heftig schrieen; unter einem der beiden Bäume saßen zehn Männer und Frauen Bier trinkend, unter dem linken Baume befand sich das bereits zugeworfene Grab. Die Masupia’s machen ihre Gräber sechs bis sieben Fuß tief und zwei Fuß breit. Der Verstorbene wird mit seiner Carosse und seinen Waffen, seiner Haue, begraben und ihm auch etwas Korn in’s Grab gelegt. Seine Freunde verbleiben den Tag über am Grabe, und ist der Mann wohlhabend, so wird neben dem Bier auch viel Fleisch von seinen geschlachteten Hausthieren verzehrt. Das Schießen, Schreien und Umherlaufen soll das Eindringen der bösen Geister in das frischaufgeworfene Grab verhüten. Als ich einen der Umstehenden über die Todesursache des Dahingeschiedenen fragte, hob dieser die Augen gegen das Firmament und meinte Molemo sei daran schuld. Am selben Tage brachten die Masupia’s Fleisch von einem Nilpferde, das sie erbeutet. Es war, wie sie meinten, ein junges Thier, doch hatte es bereits zehn Zoll lange Stoßzähne. Beim Transportiren meines Gepäcks nach der Makumba-Landungsstelle war mir Makumba’s Bruder, Ramusokotan, behilflich, ein Unterhäuptling, der einige Meilen stromaufwärts am linken Ufer des Tschobe wohnend, den unteren Flußlauf zu bewachen hat. Auf meinem Gange nach der benannten Landungsstelle stieß ich dreimal auf Pallahgazellen, zweimal so nahe, daß ich sie aus nächster Nähe beobachten konnte.
Ich fand das Wasser des Zambesi abermals gesunken, auf der Bootfahrt während des Vormittags entkam mein Boot nur durch ein Wunder der Wuth des einen der drei Nilpferde, denen Blockley auf unserer ersten Fahrt nach Schescheke den Führer mit zwei Schüssen geraubt hatte. Als wir an derselben Stelle diesmal ohne die Thiere zu beunruhigen, vorbeipassiren wollten, fühlten plötzlich Westbeechs Bootsleute mit ihren Rudern das Thier unter dem Kahne, doch entkamen sie glücklich, weil vielleicht die Berührung mit dem Ruder das Nilpferd etwas abgeschreckt hatte. Das Thier machte nun einen Stoß nach meinem (dem folgenden) Boote; doch die Bootsleute, gewarnt durch den Schrei und die pfeilschnelle Bewegung des vorderen Bootes, waren eben so schnell nachgefolgt, und so tauchte der unförmliche Kopf des Dickhäuters drei Meter hinter meinem Kahne auf.
In Schescheke angekommen, hätte ich in einer vom Könige errichteten Hütte wohnen können, ich zog jedoch das Anerbieten Westbeechs vor, mich in einer der Hütten, die in seinem Höfchen standen und in welchem inzwischen Blockley einen kleinen Pfahlbau als Waarenhäuschen errichtet hatte, niederzulassen. Als ich Sepopo aufsuchte, rief mir dieser entgegen, daß ich zu spät gekommen sei und er die für mich bestimmten Marutse-Männer nicht länger hätte auf mich warten lassen können. Am Nachmittage kam ich wieder und brachte dem Könige allerlei kleine Geschenke, wobei es den König recht ergötzlich stimmte, als ich mich selbst mit ihm in der Sesuto-Serotse zu verständigen suchte.
Gegen Abend rief mich Blockley aus der Hütte, um einen seltenen Anblick genießen zu können. Der König war von einem Besuche der sich in der Barotse aufhaltenden Königinnen und seiner Tochter Moaquai, der Mabunda-Königin, beehrt worden. Es waren etwa 40 Kähne, in manchen war die Mitte des Bootes für die königlichen Frauen mit je einer Matte überdeckt, um diese gegen die Gluth der Sonne und den Regen zu schützen, manche der Kähne hatten 13 Ruderer, die durchwegs stehend ihre Arbeit verrichteten. Andere Kähne waren mit riesigen Töpfen, Matten, Körben, theils mit den Bedürfnissen der Reisenden, theils mit den für den König bestimmten Geschenken beladen.
Am folgenden Tage besuchte ich Kapt. McLoud, Fairly und Kowly. Der König hatte sie in einer Rundhütte nahe dem königlichen Gehöfte einlogirt. Sie klagten, daß der König noch immer zaudere, die große Elephantenjagd, derentwegen sie zum zweiten Male herüber gekommen waren, abzuhalten. Auch besuchte ich mit Westbeech die Königinnen, welche von der Barotse gekommen waren und welche dieser während seines Aufenthaltes in der Barotse kennen gelernt hatte, unter ihnen befand sich Mokena, die Mutter des Landes. Ich lernte sechzehn Frauen Sepopo’s kennen, seine Lieblingsfrau war eine Makololo Namens Lunga, eine andere hieß Mafischwati, die Mutter Kaikas, der von Sepopo bestimmten Thronerbin; die vierte hieß Makaloe, die fünfte Uesi, die sechste Liapaleng, sodann folgte Makkapelo, durch welche im Jahre 1874 zwei Männer ihren Tod fanden; Mantaralucha, Manatwa, Sybamba, Kacindo. Als zwölfte nenne ich Molechy, die von Sepopo wegen Treulosigkeit beinahe ertränkt worden war, dasselbe geschah einer anderen mit Namen Sitau. Der Verführer wurde gewöhnlich den Scharfrichterknechten übergeben, um für den König Büffelfleisch zu holen, d. h. er wurde im Walde gespeert. Der König selbst bestrafte aber Sitau auf folgende Weise. Unter großem Zulauf der Bewohner Schescheke’s stieß er mit einigen Kähnen vom Lande gegen die Flußmitte ab, er selbst saß mit Sitau in einem Kahne. Mitten im Strome angelangt, band er ihr Hände und Füße, und tauchte sie dreimal so lange unter das Wasser, daß sie mit genauer Noth wieder zu sich gebracht werden konnte. Als sie zu sich kam, fragte er sie, wie ihr das Ertrinken gefalle, und drohte ihr, das nächste Mal sie einfach in den Fluß zu werfen. Die vierzehnte war Silala und zwei andere hatte er zweien seiner Häuptlinge zum Geschenk gemacht. Der eigentliche Thronfolger war vor zwei Jahren gestorben, er hieß Maritela und war ein Sohn Marischwati’s. Vor seinem Tode kam zufällig der Gouverneur der Barotse an sein Lager, und da das Kind über Durst klagte, willfahrte er seinem Begehr und reichte ihm einen Trunk aus einem in der Nähe stehenden Topfe. Zufällig starb der Knabe kurz darauf und der allgemein beliebte Gouverneur wurde von Sepopo angeklagt, sein Söhnchen vergiftet zu haben, zum Tode verurtheilt und vergiftet. Die ebenfalls aus der Barotse angekommene Tochter Moquay hatte sich mit einem der aus der allgemeinen Metzelei geretteten Makololo, Namens Manengo verheirathet. Der König berichtete mir während eines Besuches, den er mir abstattete, über den König der Makololo, daß dieser sehr elend zu Grunde ging, da sein Körper mit Geschwüren gänzlich bedeckt war. Nach seinem Tode begannen die Parteikämpfe unter seinem Stamme.
Eine weitere Konferenz mit Sepopo und den Portugiesen, die ich am 12. hatte, ließ schon dem Könige keine Ruhe, er belehrte mich, daß, wenn ich auf meiner Weiterreise von Schescheke mich nur zwei Tage lang in jeder Stadt der Barotse aufhalte, ich zwei Monate lang durch sein Reich in einem Kahne zu reisen hätte, bevor ich jenes des Iwan-Joe erreicht haben würde. Ich fände hier die Quellen des Zambesi und würde von da zwei Monate sieben Tage bis Matimbundu brauchen. Auch am 13. besuchten wir die neu angekommenen Königinnen und fanden, daß sie in hoher Achtung standen. Gruppen von Besuchern waren um sie gelagert und warteten ruhig ab, bis es ihnen gestattet wurde, die hohen Gäste ansprechen zu dürfen.
Am 14. wurden wir von einem Tänzer besucht, dessen Waden mit einigen aus Fruchtschalen gearbeiteten Schellen behangen waren. Sein Tanz war ein Springen und ein Schütteln des ganzen Körpers, um mit den Schellen großen Lärm zu erzeugen. Am Hofe Sepopo’s fand sich auch ein Mambari, der bei dem Könige Schneiderdienste verrichtete, er war auf einem nach Westen unternommenen Raubzuge der Marutse mit seinen Leuten irriger Weise gefangen genommen worden. Dieser Mambari war mit zwei seiner Genossen an einer nahen Quelle, als sie bei der Rückkehr eben zu der Metzelei ihrer Leute anlangten. Die beiden anderen ließ Sepopo wieder ziehen, nachdem er sie reichlich mit Vieh beschenkt, doch Kolintschintschi, der nunmehrige königliche Schneider, wurde am Hofe zurückgehalten.
Auf meinen Ausflügen in den Schescheke umgebenden Wald fand ich außer derselben Baum- und Buschflora wie in den Betschuana-Wäldern noch zahlreich mir neue Arten und manche mir schon von den Betschuana-Ländern her bekannte Species zur doppelten Höhe gediehen. An Vierfüßlern war die Gegend sehr reich und unter diesen fand sich eine mir noch unbekannte Art einer Hartebeest-Antilope mit platt gedrückten Hörnern. Sehr zahlreich war auch die Vogelwelt vertreten, unter anderen fand ich hier zum erstenmale den Bienenfänger (Merops Nubicus), einen grauen, mittelgroßen Tukan, den großen Plotus und zwei Spornkibitz-Arten, welche durch gelbliche Hautlappen an ihrem Gesichte ausgezeichnet waren.
Am 17. begegnete ich einer jener Karawanen, welche aus den entfernteren Theilen des Reiches Abgaben an den König bringen. Sie zählen zehn bis mehrere Dutzend Menschen. Die freiwillig von ihrer Heimat Scheidenden oder von ihren Häuptlingen Abgesandten kommen mit ihrem ganzen Haushalte, da sich in ihrer Abwesenheit Niemand um die Kinder bemühen würde. Die eben vorüberziehende Karawane zählte 30 Personen, voran schritten die Männer von ihren Frauen und diese wieder von den Kindern gefolgt, beim Einzuge in Schescheke ordneten sie sich der Größe nach. Den Zug eröffnete der Führer, welcher nur seine Waffen und eine eiserne Glocke trug, mit welcher er unaufhörlich läutete. Dann folgten die Abgaben tragenden Männer mit Elephantenzähnen und mit Manzawurzeln und einer kleinen Frucht gefüllten Körben beladen. Die Frauen trugen die Reise-Utensilien und die Nahrungsmittel.
Am 19. unternahm ich, Westbeech, B. und W., je zwei in einem Kahn eine Bootfahrt stromaufwärts, um in einer der Lagunen mit der Angel zu fischen. Es lagen mehrere größere und kleinere Kähne in der hafenartigen Bucht und wir trafen zweimal eine so gute Wahl, daß wir nach einigen Minuten zurückkehren und die Canoes wechseln mußten; im kleinsten konnten ich und Bauer kaum das Gleichgewicht erhalten. Auf diesem Ausfluge beobachtete ich auch das Fischen der Marutse und Masupia mittelst Netzen. Aus zwei mit je vier Bootsleuten bemannten Kähnen, welche je ein großes aus Bastschnüren geflochtenes, weitmaschiges Netz bargen, warfen die Fischer hier das Netz aus, wobei sie sich, je tiefer dasselbe einsank, desto mehr nach rechts und links den Ufern näherten; sie zogen dabei das Netz nach aufwärts, so daß in dem Momente, wo sich die Kähne berührten, auch das Netz sammt den gefangenen Fischen in beiden Kähnen lag. Die Fische wurden nun mit Kiri’s betäubt und an’s Land befördert. Auf unserer Heimfahrt waren wir Zeugen einer unangenehmen Prügelscene. Von den in unserer kleinen Bucht badenden Mädchen hatte eines dem andern einige Glasperlen gestohlen, dies wurde von den anderen bemerkt, welche nun sich auf die Diebin stürzten, sie mit Händen und mit Schilfrohrstücken so lange schlugen, bis sie auf die Knie fiel und schreiend und flehend die Hände aufhob; doch selbst als sich ihrer ein Mann annahm wurde die Züchtigung fortgesetzt und ihr endlich von der Beschädigten das kleine Lederröckchen vom Leibe gerissen.
Als ich Abends beim Könige zum Nachtmahle geladen war, spielte sich eine Scene ab, welcher leider ein Gebrauch im Marutse-Reiche, sowie die Grausamkeit Sepopo’s zu Grunde lagen. Eine Stunde mochte seit Sonnenuntergang verronnen sein; im königlichen Gehöfte ging es recht munter zu. Gewohnter Weise saß der König mit gekreuzten Füßen auf seiner Matte, ihm zur Rechten die zu seiner Unterhaltung an diesem Tage bestimmten Königinnen. Zu seiner Linken war mir und seinem Neffen und nunmehrigen Nachfolger eine ähnliche Matte als Teppich angeboten. Auf der freien Stelle zwischen uns und dem in einem Halbkreise sitzenden, zahlreich versammelten Volke hatte der königliche Mundschenk Matungulu seine gewöhnliche Stelle schon eingenommen und war eben damit beschäftigt, Honigbier auszuschenken. Der Honig wird von den Marutse-Königen als Krongut betrachtet und muß an diese abgegeben werden, der Verkauf desselben wird von dem Könige mit dem Tode bestraft. Tagtäglich gehen einige dazu bestimmte Männer aus, um mit Hilfe des Honigkukuks Honig zu sammeln und die königliche Küche zu versehen, manche kehren gleich, noch am selben Tage, manche jedoch erst nach einigen Tagen mit ihrer Beute zurück.
Der König hatte eben von dem ihm dargereichten Glase ein wenig genippt und den Rest seiner Lieblingskönigin Lunga gereicht, dabei, wie er dachte, einen Capitalwitz vorgebracht, den er, wie gewohnt, zuerst selbst belachte, welches Lachen der Etikette gemäß von der demüthig zusammengekauerten Umgebung desselben mit einem wahren Pferdegewieher beantwortet wurde. Dasselbe war noch nicht ausgeklungen, als eben wohl den so entstandenen Lärm benutzend, einer der Unterhäuptlinge aus der Menge zu dem Könige heranschlich und demselben ziemlich leise von kaum hörbarem Händeklatschen begleitet, Folgendes berichtete: »In meinem Dorfe lebt ein alter Mann, dessen Füße zu schwach sind, um das Polocholo (Wild) zu jagen. Schon vor langer Zeit hat es Njambe (Gott) gefallen, seine Weiber sterben zu lassen und ihm so die Möglichkeit benommen, sich mit Mabele (Korn) zu nähren; seine Verwandten leben, da er mit Dir, o König, nach Schescheke gekommen war, in der fernen Barotse, und so hat er Niemanden hier, der ihm Nahrung reichen könnte, noch ist er selbst im Stande, sich welche zu erwerben.« Während der Häuptling sprach, schenkte Sepopo seine Aufmerksamkeit einem Anderen ihm gegenüber sitzenden Manne und als der erstere geendet, gab er diesem mit einem Autile intate zu verstehen, daß er ihn begriffen, und der Ruf »Maschoku« zeigte dem Berichterstatter, daß er erhört wurde. Maschoku hieß Sepopo’s Scharfrichter und er wurde eben gerufen, um den Häuptling, sein Dorf, den König und die Nachbarn von der Gegenwart des alten Mannes zu befreien.
Während meines Aufenthaltes in Schescheke gab es im Marutse-Reiche keinen so gehaßten Menschen wie Maschoku, keinen gefürchteteren Namen als diesen. Dem Stamme nach ein Mabunda, war er in Folge seiner Tauglichkeit ein Werkzeug Sepopo’s und seiner Geschicklichkeit halber, mit der er sein furchtbares Amt versah, von dem Könige zum Häuptling erhoben worden. Mehr denn sechs Fuß lang, sehr stark gebaut, zeichnete er sich durch einen unförmlichen Kopf und sehr abstoßende Gesichtszüge aus, welche ihm meinerseits mit Rücksicht auf sein Amt den Namen die Mabunda-Hyäne zuzogen. Auf den Ruf des Königs kam Maschoku auf allen Vieren herangekrochen, ein unterwürfiges, listiges Lächeln, ein Grinsen, das von der Befriedigung, mit der er des Königs Rufe zu folgen schien, ließ den Menschen noch widerlicher erscheinen, als er es ohnehin schon war. Auch er klatschte in die Hände und horchte; vor dem Könige angekommen, senkte er den Kopf, um gespannt des Königs Befehl zu vernehmen. »Maschoku,« sprach der König, »kennst Du den Mann, von dem eben der Häuptling sprach? Trachte die Sache morgen Früh in Ordnung zu bringen.« Dann nickte der König seinem Günstling zu und nachdem er ihn noch mit einem Becher Impote ausgezeichnet, entließ er den Mann, welcher auf dieselbe Weise, wie er gekommen, zurückkroch. So war die Sache abgemacht und für neue Nahrung der Krokodile des Zambesi gesorgt worden. Der König machte seinem guten Humor noch in einigen Witzen Luft, zog sich hierauf in sein Schlafgemach zurück, während die Musikcapelle in ihrem vor den königlichen Wohnungen erbauten Häuschen die nächtliche Serenade executirte.
Wir wollen nun sehen, wie am folgenden Morgen dem Befehle des Königs Genüge geschah. Einige Stunden nach Tagesanbruch hatten sich vor der Grashütte des den Krokodilen geweihten überflüssigen Mannes fünf Männer eingefunden, aus denen sich die berüchtigte Gestalt der Mabunda-Hyäne auffällig hervorhob, der letztere beugte sich nun zu der kleinen Eingangsöffnung der Hütte herab, streckte seinen unförmlichen Arm aus, um das Opfer beim Fuße zu ergreifen. Der Greis versuchte es, sich zu erheben, doch seine Schwäche hinderte ihn daran; wie Espenlaub zitterte der gebrechliche Körper. Mit den Worten. »Fasset an, ihr Männer, je eher desto besser für Dich, Vater,« tröstete der Scharfrichter sein Opfer. Die Gehilfen des Scharfrichters schleppten nun den Mann zum Flusse. Schweigend schritt die Gruppe dahin; am Ufer angelangt, band Maschoku die Hände und Füße des Mannes und ließ ihn in das bereit gehaltene Canoe bringen. Das Boot stieß ab, und nach einigen Ruderschlägen waren die Mörder in der Mitte des Flusses angelangt; während nun der Gehilfe mit dem Ruder das Gleichgewicht des Bootes zu erhalten bestrebt war, ergriff der Scharfrichter sein Opfer mit fester Hand und tauchte es, unterstützt von einem Gehilfen unter Wasser. Gurgelnde Laute entstiegen der Tiefe und die Arme zuckten nach aufwärts, doch alles vergebens, an der Gewalt des eisernen Griffes Maschoku’s scheiterte auch der verzweifelt Rettungsversuch. Auch die Luftblasen, welche bisher noch an der Oberfläche der Fluth auftauchten, blieben aus, das Leben war aus dem Körper entwichen. Nun wurde der Körper in’s Boot gezogen und näher dem Ufer an einer Stelle, wo die königlichen Straßenreiniger den Unrath den Krokodilen vorzuwerfen pflegten, in die Tiefe versenkt. Dies die gewöhnliche Weise wie König Sepopo mit kranken, alleinstehenden und altersschwachen Leuten umzugehen pflegte. In Schescheke gab es mehr solcher Opfer als in anderen Theilen des Marutse-Reiches, weil sich hier Fremdlinge aus den verschiedenen Provinzen versammelten, um den König zu begrüßen. Unter manchen Herrschern jedoch, wie z. B. unter dem beim Volke im guten Angedenken stehenden Großvater Sepopo’s, wurde diesem Gebrauche nie gehuldigt, ebensowenig während der Regierung einer Königin.