Maschukulumbe an Sepopo’s Hofe.

Als der Körper des Thieres unter den beiden Mimosen niedergelegt wurde, untersuchten ich und Cowley die Wunden und fanden, daß mein erster Schuß die linke Schädelhälfte der Länge nach durchbohrt hatte. Nach dem Schusse lag die Löwin auf der Erde und von ihrem Gesichte war nur ein kleiner Theil unter den Augen sichtbar geworden. Dorthin drang meine zweite und auch Cowley’s Kugel ein; ich fand sie in dem zerschmetterten zweiten Halswirbel, während sich die kleine Bleipille meines Freundes an den scharfen unteren Schädelknochen in Atome zersplittert hatte.

Mit der Aufzeichnung dieser Löwenjagd war auch das mir von Westbeech geschenkte und aus seinem Tagebuche geschnittene Papier, das letzte, dessen ich überhaupt habhaft werden konnte, ausgegangen, ich nahm nun meine Zeitungen, die ich in Schoschong erhalten und zwischen denen ich Pflanzen zu pressen pflegte, zu Hilfe, schnitt die freien Ränder ab und klebte sie mit dem Gummi der Mimosen zu Blättern zusammen.

Am nächsten Tage beehrte mich Marancian mit seinem Besuche und wir sprachen mit W. über die Barotse, das Mutterland der Marutse. Marancian meinte, ich würde, da ich Alles unter den Leuten in Schescheke so beobachte und Häuser und all’ die Dinge in mein lungalo (Buch) eintrage, weit schönere Bauten und Dinge in den Städten der Barotse sehen und er machte mich namentlich auf die Denkmäler der Könige aufmerksam. Mich freute diese neue Aufmunterung zur Reise nach dem schon von Westbeech, dann eingehend vom Könige, von den Häuptlingen Rattau, Ramakocan, den Königinnen, Moquai und den Portugiesen besprochenen Lande. So kamen wir auch auf des Königs verstorbenen Thronfolger Maritella zu sprechen. Nach seinem Tode ließ der König das zur Stadt und ihrer Umgebung gehörende Vieh auf dem Grabe zusammentreiben und hier mehrere Stunden stehen, bis die Thiere durstig und hungrig geworden, Ihren Unmuth durch Gebrülle kundgaben. »Seht,« sprach der Herrscher, »auch die Thiere trauern um Maritella, mein Kind.«

An diesem Tage kehrte der König mit seinen Leuten von der großen Elephantenjagd zurück. Er war höchst unmuthig und mit dem Erfolge derselben in jeder Beziehung unzufrieden. Am 2. hatte man in den Sümpfen in der Nähe von Impalera über hundert Elephanten getroffen, jedoch nur vier davon erlegt. Nicht weniger als zehntausend Schüsse waren gegen die Thiere abgefeuert worden. Am Abend sah ich bei dem König die erbeuteten Hauer. Zwei à 60, sechs zwischen 25 und 30 Pfund Gewicht, vier kleine Kuhhauer und vier werthlose Zähne junger Thiere. Dabei waren die zwei größten durch die Kugeln arg beschädigt worden.

In der letzten Zeit war es in Schescheke recht empfindlich warm geworden, so daß man durchaus nicht mehr eine Jacke am Körper ertragen konnte. Um so schwüler war es in meiner fensterlosen Grashütte und wahrhaft unerträglich, wenn die über einen Fuß starke, nasse Graslage, die auf dem Schilfrohrgerippe lag, auszudünsten begann.

Am 7. machte ich einen abermaligen Ausflug, diesmal nach Nordost, es war die längste Fußreise, die ich je zu Stande gebracht, etwa 52 englische Meilen. Schon etwa um zwei Uhr hatte ich Schescheke verlassen, durchschritt den westlichen Theil von Blockley’s Kraal bis an den Kaschteja hin und verfolgte dann den Fluß aufwärts, indem ich vergeblich eine passende Uebergangsstelle suchte. Das Thal am unteren Laufe des eben genannten und schon mehrmals erwähnten linken Zambesi-Zuflusses ist flach, wiesig, von Niederwald umsäumt. Bis zum Kaschteja trafen wir Zebras, gestreifte Gnu’s, Letschwe- und Puku-Antilopen, Rietbock- und Steinbock-Gazellen, im Thale des Kaschteja den Orbecky und Rietbock in Heerden, eine Erscheinung, die weder ich noch ein anderer Jäger zuvor beobachtet hatte.

Die englischen Offiziere wollten am 8., höchst unzufrieden mit dem Aufenthalte in Schescheke, die Stadt verlassen, doch sie waren nicht im Stande, Kähne von Sepopo zu erhalten, um nach dem Tschobethal und Panda ma Tenka zurückkehren zu können. Auch am 9. schlug Sepopo ihre abermalige Bitte ab. Heute kehrte auch Blockley von Panda ma Tenka mit einer größeren Anzahl von Gewehren zurück; ich war froh, den freundlichen Mann, der mir so viele Dienstleistungen erwiesen, wiederzusehen, und machte mit ihm einen Besuch beim Könige, der mich wahrhaft beglückte, denn nunmehr sollte mein längst gehegter Wunsch in Erfüllung gehen. Der König war gesonnen, das mir gegebene Versprechen baldigst zu erfüllen. Er theilte uns mit, daß in nächster Zeit die von der Barotse zu Besuche gekommenen Königinnen sowie Moquai nach dem letzteren Lande zurückkehren würden, und daß ich in ihrer Gesellschaft reisen solle; ich konnte keine einflußreicheren Begleiter als jene von den Völkern so hochgeehrten Frauen haben.

Als ich gegen Mittag Sepopo zum zweiten Male besuchte, fand ich sein Gehöft mit Menschen gefüllt und als ich in das Haus eintrat, fragte mich der König, ob ich schon Maschukulumbe gesehen hätte, da ich es verneinte, nahm er mich bei der Hand, führte mich vor sechs auf der Erde hockende Menschen, die mir fremd und einer eingehenderen Betrachtung werth schienen. Sie waren von schwärzlicher Hautfarbe und hatten alle einen weiblichen Zug in ihrem Gesichte, die meisten eine Adlernase. Jener Zug rührte von der Bartlosigkeit der Gesichter, sowie davon her, daß ihre Oberlippe stark eingefallen war. Eine weitere Eigentümlichkeit der fremden Besucher war, daß sie mit Ausnahme ihres Scheitels alle behaarten Theile an ihrem Körper rasirt hatten, besonders auffallend war aber die Haarfrisur, welche sich auf ihrem Scheitel auftürmte. Sepopo berichtete mir, daß es Maschukulumbe seien, welche nach Osten und Norden die Grenznachbarn seines Reiches bilden. Vom Könige und mehreren Häuptlingen befragt, berichteten sie, daß die Stämme der Maschukulumbe unter folgenden Fürsten leben. Sialoba, Mokobela, Kajila, Wuengwa, Kasenga, Kaingo, Musanana, Similindi, Kasamo, Kanjambo und Nadschindu. Die Anwesenden waren Abgesandte, welche alljährlich mit Geschenken zur Begrüßung des Herrschers an den Marutse-Hof kommen und nach einigen Wochen mit Gegengeschenken heimkehren. In ihrem Lande gehen sie vollkommen nackt einher, nur die Frauen pflegen sich Eisenglöckchen an einem Riemen um den Leib zu hängen. Der Stolz der Maschukulumbe ist ihr Haar, es ist auch in der That sehenswerth. Auf der Höhe des Scheitels, fest mit dem Kopfe zusammenhängend, ruht ein kegel- oder kegelstutzförmiger, aus mehreren Lagen aufgebauter Chignon. Die einen Lagen sind aus horizontalen, die anderen aus verticalen, bei einem zweiten aus sich kreuzenden, bei dem anderen wiederum aus parallel laufenden, kunstvoll geflochtenen Zöpfchen gebildet und mit einer Gummilösung durchtränkt, so daß das Ganze als ein aus dem Haare des Trägers allein bereiteter Bau angesehen werden könnte; doch dem ist nicht so. Periodisch schabt der Maschukulumbe bis auf eine kreisrunde, bis fünfunddreißig Zentimeter im Umfange messende Cranium-Fläche das wollige Haar von seinem Körper ab. Auf die am Scheitel stehenbleibende Wolle wird nun der thurmartige Chignon aufgebaut; das durch das periodische Abschaben gewonnene Haar wird aufbewahrt, bis eine hinreichende Menge zur Verfügung steht; um diese jedoch in möglichst kurzer Zeit zu erlangen, erlaubt sich der Gemahl auch den Kopf etc. seiner Frauen, seiner Sklaven und die Köpfe aller der im Kriege erschlagenen Feinde abzuschaben, und das so gewonnene, für den Maschukulumbe unschätzbare Material mit Hilfe von Gummi mit seinem Eigenen zu verbinden, und dann in kleine Zöpfchen zu flechten. Die längste dieser Frisuren endete in einen 1.03 Meter langen Schweif. Sie war nach rechts geneigt, beugte sich der Mann nach vorne, so senkte sich auch der ganze Haarthurm. Diese Frisur hatte einen Umfang von sechsunddreißig Zentimeter, die anderen waren zwanzig bis dreißig Zentimeter hoch. Die Temporalmuskeln waren zu fingerdicken Strängen entwickelt, nur dadurch konnte der Kopf auch die große Last auf dem Cranium tragen. Die eingesunkenen Oberlippen waren durch das Aussprengen der oberen Schneidezähne bedingt, welcher Proceß bei den Maschukulumbe ähnlich wie die Boguera bei den Betschuana’s zur Zeit ihrer Mannbarkeit oder vor derselben, also in der Abhärtungsperiode des Knaben vorgenommen wird. In ähnlicher Weise brechen sich ein nördlich vom Zambesi wohnender Makalakastamm und die an seinen beiden Ufern wohnenden Matonga’s die oberen mittleren Schneidezähne und thun dies aus einem Motiv der Eitelkeit. Die Matonga-Frauen sind der Ansicht, daß nur Pferde mit allen Zähnen fressen, die Männer jedoch sollen kein Pferdegebiß haben.

Der König war an diesem Tage mit den Seinen beschäftigt, aus den Blattrippen der Saropalme ein Musikinstrument zu schneiden, die concave Fläche desselben wurde mit Ausnahme der Enden tief ausgefurcht und an der convexen, rückwärtigen Außenfläche zahlreiche zwei bis drei Millimeter breite seichte Furchen eingeschnitten, das Instrument wurde dann beim Elephantentanze mit einem Stäbchen gestrichen.

Westbeech, Dorehill und Cowley verließen am 10. Schescheke, um nach Panda ma Tenka zu gehen, während sich Sepopo noch immer weigerte, den beiden englischen Officieren, welche sehnlichst abzureisen wünschten, Kähne zur Verfügung zu stellen. Am 11. zog der König, von einem Haufen seiner Unterthanen begleitet, durch die Stadt und führte laut singend den Mokoro- oder Bootstanz auf. Unter den Klängen der Schiffermelodie wurde eine Bootfahrt versinnlicht. Der Vortänzer, hier der König, machte die Gesten des Bugruderers, der ihm folgende Schwarm, etwa siebzig seiner Unterthanen ahmten die Backbordmänner nach. Da ich die Hoffnung nicht aufgab, Sepopo werde die englischen Offiziere ziehen lassen, arbeitete ich neue Feuilletons für englische und heimische Blätter aus und übergab ihnen dieselben sowie meine Correspondenz zur freundlichen Weiterbeförderung. Sie waren schon im Begriffe in die Boote zu steigen, als sie abermals von Sepopo zurückgehalten wurden; endlich gab er nach. Da waren es aber die von den Engländern gemieteten Diener, welche sich die unfreundliche Behandlungsweise ihres Königs zum Muster nehmend, nicht minder unverschämt betrugen. Durch meine Intervention gelang es indeß, auch diese zur Vernunft zu bringen und den Officieren die Abreise zu ermöglichen. In den letzten Tagen hatte sich eine der Sommerplagen von Schescheke, die Mosquito’s, recht bemerkbar gemacht und ließen mich kaum zur Ruhe kommen.

Am 16. wurde abermals von den Marutse des notwendigen Köders halber eine Hetzjagd auf einen Hund unternommen, da eine Frau beim Baden wieder von den Krokodilen getödtet wurde. Auf meinem Rundgange durch die Stadt kam ich eben dazu, als ein Menschenschwarm nach dem Flusse hinstürzte; demselben folgend kam ich zu den zwei Mimosen, in deren Nähe eben zwei riesige Krokodile an’s Land gezogen wurden.

Seit einigen Tagen fiel jeden Nachmittag Regen und am frühen Morgen so reichlicher Thau, daß ein Ausgang vor zehn Uhr ein Morgenbad genannt werden konnte. In den meisten Partien war das Gras drei Fuß hoch.

Sepopo’s Arzt.

Am 20. machte ich wieder einen Ausflug nach Nordost und schoß eine Steinbock-Gazelle, dabei war meine Ausbeute an Coleoptera äußerst reich. Am folgenden Tage machte ich einen größeren Ausflug nach Norden. Ich verließ Schescheke noch vor Tagesgrauen und kehrte gegen sechs Uhr Abends heim. Trotz des starken Thaues und der sonstigen Mühen fühlte ich mich durch neue Beobachtungen und die gewonnene Beute reichlich entlohnt. Ich fand manche Theile des Waldes mit einem hohen umfangreichen Busch, der von Tausenden großer weißer Blüthen bedeckt war, dicht bestanden. Diese Blüthen dufteten so herrlich, daß die Luft im Walde von einem starken, förmlich berauschenden Wohlgeruche geschwängert war. Auf einer der tief im Walde liegenden Lichtungen fand ich zwei zuvor noch nicht beobachtete Lilien, die eine zeigte eine schöne violette Blüthe; an der zweiten fand ich einen ockergelben Blattkäfer, an den jungen Trieben des Mutsetlabusches eine zweite rothblaugestreifte und zwei mir noch neue Rüsselkäfer-Arten. Am Heimwege erhaschte ich an zwei weißblühenden Büschen drei Arten kleiner Rosenkäfer und in einer ausgetrocknete hochbegrasten Bodeneinsenkung, die auf meiner zweiten Reise erwähnte, im Lande Seschele’s angetroffene Litta Spec.

Mabunda. Makololo.

Abends erschien der König in unserem Gehöfte und lud mich und Walsh auf einen Becher Honigbier ein; während des Nachtmahls fertigte der König einen Proceß ab. In der Stadt hatte eine Schlägerei (ein sehr seltenes Ereigniß) stattgefunden, und ein Mann war dabei von seinen Genossen mit dem Widerhaken eines Assagai verwundet worden. Sepopo verurtheilte die Leute zur Zahlung eines Schmerzengeldes und als die Schuldigen (es waren Makalaka’s, welche am Kaschteja wohnen) ihre Insolvenz betheuerten, befahl er ihnen, dem Verwundeten eines ihrer Rinder zu geben, und durch zwei Monate in den königlichen Feldern den Königinnen bei der Ausübung ihrer Arbeiten behilflich zu sein. Am 23. kehrte Bauren über Impalera von Panda ma Tenka nach Schescheke zurück. Er berichtete, daß mein früherer Diener Pit von einem Büffel verwundet worden war und daß Westbeech auf seinem Wege nach Impalera einen Büffel erlegt habe. In Folge der letzten Regen hatten sich die Lachen und Senken in den Gehölzen gefüllt und das Wild sich von der am Zambesi anliegenden Wildebene Blockleyskraal in den Wald zurückgezogen. Am Nachmittage untersuchte ich die beiden Fischspecies Tschi-Mo und Tschi-Maschona, doch sollte ich den Tag nicht beschließen, ohne noch Zeuge einer unerquicklichen und bedauernswerten Scene zu sein, durch die ich die der Königin Moquai gezollte Achtung bedeutend geschmälert sah.

Da ich mich am 24. auf eine Büffeljagd begeben wollte, zog ich mich etwas zeitlicher in meine Hütte zurück. Es mochte etwa neun Uhr Abends sein, als ich ein lautes Weinen vom Flusse her vernahm. Anfangs achtete ich nicht darauf, doch bald wurde dasselbe von einem dumpfen Gebrause menschlicher Stimmen übertönt und erweckte meine Neugierde. Narri, einer meiner Diener, den ich abgesendet, um mich über die Ursache dieser Bewegung aufklären zu lassen, stürzte wenige Minuten später ganz außer Athem zu mir und berichtete, daß die Königin Moquai eben eine ihrer Dienerinnen ertränken lasse. Ich konnte eine solche Handlungsweise von Moquai nicht glauben und eilte zum Flusse, um mich zu überzeugen.

Mehrere Gruppen von zankenden und schreienden aber auch lachenden Menschen belagerten das Ufer, an welches man eben einen anscheinend leblosen Körper einer Sklavin trug. Auf dem Wege nach Moquai’s Wohnung, wohin man diese weiter schleppte, erfuhr ich auch den Sachverhalt. Das vor uns liegende Mädchen, das indessen wieder ihr Bewußtsein erlangt hatte, war eine Dienerin (Sklavin) Moquai’s. Tags zuvor hatte Moquai der Dienerin bekannt gemacht, daß sie ihr einen Mann, einen Mabunda, einen häßlichen Holzschneider, zum Gemahl bestimmt habe. Als Zeichen ihrer Unterwürfigkeit kreuzte die Sklavin ihre Hände über der Brust, doch brach sie im selben Momente in ein lautes Schluchzen aus, ein deutlicher Beweis, wie sehr ihre Gefühle der aufgedrungenen Wahl wiederstrebten. Darüber wurde die Königin so unwillig, daß sie ihre Magd sofort entließ. Moquai, die etwas Aehnliches noch nicht zuvor beobachtet, berief das Mädchen noch einmal vor sich. Als die Königin ihren Befehl wiederholte, wagte es die Sklavin zu widersprechen. Sie wollte ihrer Herrin treu dienen, von dem ihr aufgedrungenen Alten jedoch nichts wissen. Moquai fühlte sich durch diesen Widerstand beleidigt und erzürnt und ließ den Bräutigam rufen und bedeutete ihm, in der Stille der Nacht seine Braut an den Strom zu führen und sie so lange unter Wasser zu halten, bis sie beinahe erschöpft sei, sie dann herauszuziehen und im bewußtlosen Zustande in seine Hütte zu bringen, damit sie aus ihrem Todesschlummer als eine Mosari (eine verheiratete Frau) erwache.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als am nächsten Morgen Gesang und Trommelschlag aus Moquai’s Gehöfte an mein Ohr schlugen. Vor der Hütte der Neuvermählten wurde der Hochzeitstanz aufgeführt. Ich sah zehn Männer, welche die Füße hoch emporhebend, sich langsam gehend und gleichzeitig vorwärts bewegend, eine elyptische Bahn beschrieben. In der Mitte der Tanzenden stand ein schreiender Sänger, der sich in entgegengesetzter Richtung drehte und mit einem Laubzweige den Tact angab. Die Tänzer waren sämmtlich mit Schürzen aus rauhgargearbeiteten Thierfellen bekleidet (meist Thari- und grauen Fuchsfellen). Manche hatten ihre Waden mit drei bis vier Reihen angefädelter, aus Fruchtschalen verfertigter Schellen behangen. Der Gesang des in der Mitte Hüpfenden wurde vom Schlage zweier Langtrommeln begleitet, vier andere Tänzer hockten auf der Erde, um die müde gewordenen abzulösen. Unter den Tanzenden drehten sich auch zwei kaum zehnjährige Knaben; später gesellten sich zahlreiche Vorübergehende hinzu; namentlich um sich nach dem Tanze an dem Kafirkornbier gütlich zu thun, das die Königin gespendet. Der Tanz dauerte nicht weniger als drei Tage. Zuweilen wiederholt der Kreis den Gesang im Chore, zog die Schultern an einander und führte in demselben Momente eine rasche Vorwärtsbewegung aus.

Als ich am Nachmittage von einem Ausfluge in das westliche Gehölz heimkehrte, lenkte ich meine Schritte nach der Hütte der Neuvermählten. Die Hütten der Leibeigenen ringsum waren im freudigsten Aufruhr; Alles lachte und scherzte und überall saßen und lagen Gruppen um die gefüllten Butschualatöpfe; der Trommelschlag rief viele Neugierige herbei, Alles war lustig und fröhlich, nur Eine, die Hauptperson schien wenig von alldem zu sehen und zu hören, den Kopf auf ihre Hände gestützt, saß sie auf der Erde vor ihrer Hütte; ihre Züge waren starr und das Auge blickte stier auf den nächsten Hüttenzaun.

Am 25. überraschte uns Sepopo und Moquai mit einer Serenade, der erstere hatte sechs, die letztere zwei Musikanten, zwei Myrimbas (Kürbisschalenpianos), und vier Morupas (Röhrentrommeln) im Gefolge; um den König nicht zu beleidigen, blieb ich den ganzen Tag daheim. Gegen Mittag des 26. kam Westbeech von Panda ma Tenka mit Gewehren für den König, auch erschienen zwei Portugiesen in Schescheke, von denen einer, obgleich sie sich beide Señhores nannten, so schwarz wie ein Mambari war, diesen Beinamen jedoch mit Verachtung zurückwies. Francis Roquette hieß der eine, und hatte nebst dunklen Frauen zwanzig Diener. Diese zeichneten sich dadurch aus, daß sie bis auf einen, einem Helmkamm gleichenden Haarkamm ihre Wolle vom Kopfe abgeschabt hatten. Am 27. beendeten meine Diener die ihnen aus Segeltuch zugeschnittenen Segeltuchsäcke, in denen mein Gepäck auf der Weiterreise befördert werden sollte. An diesem Tage wurde auch das im europäischen Style errichtete Berathungshaus fertig und die bisher in einem der königlichen Häuser aufbewahrten Kriegstrommeln darin untergebracht. Da ich deutlich sehen konnte, daß sich die Königinnen zum Aufbruch nach der Barotse rüsteten, traf auch ich meine Vorbereitungen, um jeden Augenblick abreisen zu können. Die beiden Portugiesen kamen vom Norden aus einem der Maschukulumbe-Länder, in welchen sie den größten Theil ihrer Waaren für Elfenbein ausgetauscht hatten, während sie den Rest derselben, Feuerstein-Musketen, grobes Schießpulver in Fäßchen, Blei, Eisenkugeln und Kattun nach Schescheke brachten. Am 1. December 1875 ging endlich mein sehnlichster Wunsch in Erfüllung, ich konnte die Weiterreise stromaufwärts antreten.


[11] Ich bezahlte für 30 Pfund blaue große Glasperlen, die schon um nächsten Tage in der Sonne zersprangen, 30 Pfund Elfenbein.

[12] Einer abergläubischen Ansicht zu Folge halten die Marutse in Verwesung gerathenes Hundefleisch als eine von den Krokodilen besonders gesuchte Lockspeise.

[13] Als sich später die Marutse gegen ihren Herrscher erhoben, eröffneten sie ihre Feindseligkeiten damit, daß sie dieses Riesenboot verbrannten.

X.
Den Zambesi aufwärts.

Aufbruch von Schescheke. — Die Flottille der Königinnen. — Erstes Nachtlager. — Marutse-Typen. — Mankoë. — Fruchtbarkeit des Zambesi-Thales. — Die Stromschnellen an centralen Zambesi. — Die Mutschila-Aumsinga-Stromschnellen. — Schiffbruch in denselben. — Sioma von Löwen belagert. — Vom Fieber besinnungslos niedergeworfen. — Rückkehr nach Schescheke.

Mankoë.

Am Morgen des 1. December 1875 besuchte mich ein Marutse-Unterhäuptling und lud mich ein ihm zu folgen. Am Ufer des Zambesi angelangt, fand ich drei für mich bestimmte königliche Kähne, die indeß kaum für den Transport meines Gepäcks hinreichten, weshalb ich um einen vierten ersuchte, wobei meine Diener noch immer zu Lande am Ufer folgen mußten. Gegen Mittag verließen wir Schescheke und kamen ziemlich rasch vorwärts. Ich fand so zahlreiche Inseln und Buchten, daß ich es bedauern mußte, in Folge der herannahenden Fieberzeit rasch reisen zu müssen und nicht die nöthige Zeit zur Verfügung hatte, das Bett des Zambesi in seiner ganzen Breite mit seinen Inseln, Lagunen etc. in allen Details kartographisch aufnehmen zu können. Der Uferabhang, in dessem Sande sich eine 12 bis 24 Zoll starke, mit Thon untermischte Torfschichte bemerkbar machte, zeigte mir schon auf der ersten Strecke unserer Fahrt einige sammelnswerthe Pflanzen; doch konnte ich nicht daran denken, die Fahrt zu unterbrechen, da mir viel daran lag die Flottille der Königinnen, welche bereits Morgens Schescheke verlassen hatten, einzuholen. Gegen Abend kamen wir an Stellen, an denen zahlreiche vom Strome herabgeführte und im Grunde festsitzende Baumstämme die größte Vorsicht geboten; bei Sonnenuntergang hatten wir endlich die Landungsstelle der Flottille erreicht. Es war ein nackter, sandiger Uferabhang, doch beiderseits von Schilf und oben von Gebüschen gegen Wind geschützt. Während die weiblichen Dienerinnen zahlreiche Herdfeuer angezündet hatten und ihren Küchenarbeiten oblagen, führten mehrere Kähne das zum Baue der Hütten nöthige Schilfrohr herbei. Ich wollte an diesem gemeinsamen Lagerplatze übernachten, meine Bootsleute jedoch schlugen einen, noch einige Meilen entfernteren vor, und da ich damals ihre Finten nicht kannte, fügte ich mich; erst später erfuhr ich, daß sie sich möglichst bestrebten, nicht an demselben Orte, den sich die königliche Flottille zum Lagerplatze erwählt hatte, zu übernachten, damit mich die Königinnen gegen ihre Belästigungen nicht zu schützen vermochten. Spät am Abend langten wir endlich an der auserkorenen Lagerstelle an, es war eine wenige Hütten zählende Niederlassung von Mamboëfischern und Nilpferdjägern. Einige in den Ufersand eingetriebene Baumäste, auf denen Netze hingen, zahllose aufgesteckte Köpfe kleiner Krokodile und nicht minder zahlreiche herumliegende Welse wiesen deutlich auf ihr Gewerbe hin. Wir logirten uns in einer 2½ Meter hohen, drei Meter breiten und sechsundzwanzig Meter langen Grashütte ein. Während der Fahrt beobachtete ich zahlreiche Wasser- und Sumpfvögel, Staare, Finken, Eisvögel etc.

Als wir am nächsten Morgen eben im Begriffe waren, mit unserem Gepäck die Boote zu beladen, kam die königliche Flottille in Sicht, die wir nun erwarteten. Die Mamboë, die Bootsleiter der Königinnen, übergaben derselben ein Abends vorher geschlachtetes Rind und die Mutter des Landes, Mokena, war so gütig, mir ein Hinterviertel von dem geschlachteten Thiere zu überlassen. Meine Bootsleute mußten sich der königlichen Flottille anschließen und nun ging es rasch vorwärts. Die vielen, bald vor, bald hinter uns fahrenden, einander überholenden, den Fluß kreuzenden, dort wieder zwischen den Inseln rechts oder links einbiegenden stark bemannten Kähne boten, auf dem tiefblauen, von Mimosengebüschen und den Schilfrohrwalde umsäumten Strome ein wechselndes und sehr interessantes Bild, das ich gerne festgehalten hätte, wenn nicht die kartographische Aufnahme des Flusses jede Minute beansprucht haben würde. Einer am rechten Ufer erbauten Marutse-Niederlassung gegenüber hielten wir für eine halbe Stunde auf einer Sandbank, um den Bootsleuten, die sich sehr wacker hielten, einige Augenblicke Ruhe zu gönnen. Während diese gemüthlich ihre Dachapfeifen schmauchten, wurde von den königlichen Frauen ein kleiner Imbiß eingenommen, bei dem sie auch mich nicht vergaßen, indem mir eine der Königinnen, Mamangala, geröstete Fische übersandte. Flußscenerie und die Thierwelt blieben sich auch heute gleich.

Gegen Abend landeten wir an einer Stelle, an der schon früher von vorüberfahrenden Schiffern circa zwanzig Hütten errichtet worden waren. Es war auch die höchste Zeit, denn ein Gewitter war im Anzuge und es fing zu regnen an, bevor ich mein Gepäck an’s Ufer gebracht hatte; hier lag auch bereits das vierte Boot. Der Sturm dauerte bis gegen Mitternacht. Der Regen drang in die Hütten und ich mußte mit meinen Decken mein Gepäck zu sichern suchen. Auf einem Kistchen sitzend, entschlummert, glitt ich im Schlafe auf den Boden nieder und erwachte früh zu meinem Erstaunen in einer in der Hütte entstandenen Regenlache; die Folgen ließen nicht auf sich warten. Am folgenden Morgen gab ich dem Drängen meiner Bootsleute nach und unternahm einen Jagdausflug auf einer mit vier bis fünf Fuß hohem Grase bewachsenen, von zahlreichen Lagunen und beträchtlichen Sümpfen bedeckten Ebene, welche von dem Schescheker Walde umsäumt, sich nach Westen erstreckte und hie und da bewaldet war. Auf niedrigen Bodenerhebungen erblickte ich kleine Marutse-Dörfer, deren bedeutendstes Katonga hieß. Zur Zeit der Zambesi-Ueberschwemmungen steht die ganze Ebene bis zu diesen Dörfern unter Wasser.

Von dem leider erfolglosen Jagdausfluge zurückkehrend, fühlte ich plötzlich eine nie zuvor empfundene Müdigkeit über mich kommen, welche so zunahm, daß ich etwa eine halbe Wegstunde von unserem Lager entfernt außer Stande war, weiter zu gehen, und mich meine Diener dahin tragen mußten. Nach den Symptomen zu schließen, welche diese Müdigkeit begleiteten, hatte mich das Fieber überfallen. Meine Bootsleute waren sehr ungehalten darüber, daß ich ohne Beute zurückgekehrt war und ihnen die Bewohner von Katonga nicht hinreichend Bier und Korn gegeben hatten, ich war deshalb froh, daß sich der mir als Führer mitgegebene Unterhäuptling Sekele meiner annahm und die Leute zur Ruhe verwies. Während der Nacht verschwand eine der Dienerinnen der Fürstin Moquai. Diese ließ die Spur, die zum Wasser führte, verfolgen, und es zeigte sich, daß die Person einige Schritte flußabwärts an’s Land gestiegen war und die Richtung nach Schescheke eingeschlagen hatte; sofort wurden einige der Männer nachgesendet, welche die Flüchtige, die unlängst gegen ihren Willen verheiratete Sclavin, zurückbrachten.

Marutse-Typen.

Wir setzten am nächsten Morgen die Bootfahrt fort und liefen gegen Mittag in einen schmalen Flußraum ein, der von der nördlichsten mehrerer bewaldeter Inseln und dem linken Ufer gebildet wird. Ich erlaubte mir diese Inselgruppe die Rohlfs-Inseln zu benennen. Auf der Festlandseite des Flußarmes lag die westlichste Masupia-Niederlassung Sekhosi, in der schon seit vielen Decennien fleißig Ackerbau getrieben wurde, unter Anderem wurden hier auch Manza und Bohnen cultivirt. Gegenwärtig pflegen die Marutse nur so viel anzubauen, als sie zu ihrem Lebensbedarfe und ihren Abgaben benöthigen, nur die Masupia, Batoka und östlichen Makalaka bauen etwas mehr an und verkaufen den Ueberschuß den Händlern und Jägern aus dem Süden. Dabei cultiviren sie meist nur sandige Abhänge, Waldstellen um Termitenhaufen, während die fruchtbarsten marschigen Theile vollkommen brach liegen. Mit Rücksicht auf diese großen Strecken, die regelmäßige Bewässerung, die man diesen angedeihen lassen kann, das warme Klima etc., hat das Land eine große Zukunft. Die von den Flüssen entfernteren Binnengebiete bestehen aus einem oft meilenlange Wiesenstrecken einschließenden Urwald, so daß auch diese gute Felder abzugeben versprechen. Nöthigenfalls können auch die Flüsse, wie der Zambesi selbst, zur Bewässerung des Landes herangezogen werden. Die Stämme sind strebsam und arbeitsam; hat der Pflug in’s Land Eingang gefunden und ist es einmal vom Süden oder Osten dem allgemeinen Verkehr geöffnet, so wird das Marutse-Reich rasch aufblühen.

In den Manekango-Stromschnellen.

Ungefähr zwölf Meilen von Schescheke tritt ein Vorbote der die südliche Barotse durchziehenden und den Fluß nach abwärts begleitenden Höhenketten, der Wald von Schescheke, unmittelbar an’s Ufer. Schon östlich von Schescheke, etwa halben Weges zwischen den Makumba-Stromschnellen und der Mündung des Kaschteja-Flusses, auf welcher Strecke das Land sich allmälig nach Westen hob, vermißte ich die Saro- und und Fächerpalme, sowie die Papyrusstaude. Westlich von Sekhosi ist das Gefälle des Stromes ein bedeutendes, es beginnen hier auch die Süd-Barotse-Stromschnellen und Katarakte des zentralen Zambesi. Dieselben sind zumeist durch Felsenbänke gebildet, welche quer in einer geraden oder schrägen Richtung über den Fluß ziehen und gleichsam Verbindungsarme zwischen den beiden den Zambesi begleitenden Höhenketten darstellen. Durch diese Felsenriffe sind zahlreiche Inseln gebildet und je weiter ich kam, desto interessanter schien das Flußbett mit seinen vielen nackten, dunkelbraunen, doch auch nicht minder zahlreichen beschilften, oder stellenweise auch hochbewaldeten Inseln zu werden. Auf einer Strecke von vierzehn englischen Meilen zählte ich einen Katarakt und vierundvierzig Stromschnellen, die letzteren waren in der Weise gebildet, daß sich allmälig das aus einer einzigen Felsenplatte gebildete Flußbett neigte, oder daß sich dasselbe plötzlich stufenförmig senkte. Stellenweise waren es wieder Felsenblöcke, welche theils unter dem normalen Wasserstande liegend oder auch über denselben hervorragend die Stromschnellen verursachten, nur einmal beobachtete ich, daß eine Felsenbarrière durch den Fluß lief, welche hie und da Oeffnungen zeigte, durch welche sich das Wasser mit Wucht Bahn zu brechen suchte.

Mambari. Matonga.

Diese Schnellen wären mit den Marutse-Kähnen unpassirbar, wenn sie nicht von den Krokodilen gemieden würden. Die Abwesenheit der großen Saurier ermöglicht es den Schiffern, an solchen Stellen das Boot zu verlassen und den Kahn theils schiebend, theils ziehend das Hinderniß zu überwinden. An den schwierigeren Partien ist es jedoch nöthig, das Gepäck auf die aus dem Flusse hervorragenden Blöcke umzuladen und dann den leeren Kahn über die Stromschnellen zu bringen. Die erste dieser Stromschnellen die wir passirten, nennen die Eingebornen Katima Molelo, sie bestand mehreren Partien und wir waren im Stande, sie mit den Rudern an einer Stelle zu überwinden, während an den übrigen die Bootsleute aussteigen und die Kähne über die Felsenriffe ziehen mußten. Kaum über das Hinderniß gelangt, beeilten sie sich in das Boot zu springen, um den im tieferen Fahrwasser auf der Lauer liegenden Krokodilen zu entgehen. Die nächstbedeutendste Stromschnelle nach dieser, die wir am 5. zu passiren hatten, war jene von den Eingebornen Mutschila Aumsinga genannte, es ist die gefährlichste auf der Strecke Schescheke-Nambwe-Katarakt, sie ließ leider auch mir ihre Gefährlichkeit fühlen. Meine Krankheit hatte sich an diesem Tage verschlimmert, allein ich achtete darauf, daß mir selbst das Sitzen in dem Kahne beschwerlich wurde, indem es mit Gliederschmerzen verbunden war, dennoch ließ ich mich in meiner kartographischen Arbeit nicht stören.

Zambesi aufwärts.

Die Mutschila-Aumsinga-Stromschnelle wird durch eine ziemlich bedeutende Neigung des felsigen Bettes, sowie zahlreiche unter dem Wasser liegende Felsenblöcke gebildet, doch die dem Schiffer drohende Gefahr rührt von einem anderen Umstande her. Zwischen einer bewaldeten Insel und dem linken Ufer gelegen, und nur etwa fünfzig Meter breit, zeigt sie zwei, durch einige an ihrem Beginn liegende Inseln bedingte Seitenströmungen, welche die Kraft des Schiffers erschöpfen, und dieß um so mehr, als sie an keiner Stelle so seicht ist, daß die Bootsleute den Kahn über die Schwelle ziehen könnten. Ein zweiter Uebelstand in meinem Falle war, daß die Kähne schwer beladen, aber nicht hinreichend bemannt waren. Meine Gewehre sowie meine Tagebücher, Glasperlen, Patronen, und die für die Häuptlinge und Könige bestimmten Geschenke befanden sich in meinem Boote, das an diesem Tage das dritte in der Reihenfolge war. Das zweite war jenes, welches mein Schießpulver, meine Medicamente, meine Provisionen und die in Schescheke gesammelten Insecten und Pflanzen führte (die übrigen gesammelten Gegenstände hatte ich Westbeech zur Weiterbeförderung nach Panda ma Tenka übergeben). Da ich sah, daß die Bemannung dieses Bootes nur mit genauer Noth der Strömung Widerstand leisten konnte, rief ich den Leuten zu, die vom Ufer überhängenden Bäume und Büsche zu ergreifen, um das Boot mindestens in seiner Stellung zu erhalten. Meine Zurufe wurden indeß vom Brausen der Strömung übertönt. Die Ruder gleiten von der Felsenplatte wie von einer Spiegelfläche ab, die ihnen allen wohlbekannte Gefahr verwirrt die Bootsleute, statt ihre Muskeln anzuspannen; regellos greifen ihre Ruder ein und damit war das Los des Bootes entschieden. Doch nein, es kann nicht möglich sein, so bitter und unversöhnlich kann ja des Geschickes Walten mir nicht entgegentreten. Meine Medicamente, die Nahrungsmittel, die Mühen so vieler Tage sollten vom Wasser verschlungen und mir verloren gehen? und eben jetzt, da ich an Fieber erkrankt, ihrer bedürftiger als je gewesen, und wo die Hoffnung und Möglichkeit, das Verlorene wieder zu erlangen, vollkommen fern gerückt war?

Meine Bootsleute wurden durch die verzweifelte Lage des vorderen Bootes verwirrt und die Strömung begann auch mit unserem Boote ihr Spiel. Doch wir waren dem Ufer nahe und rasch genug konnten die überhängenden Aeste ergriffen und das Boot gegen die Insel herangezogen werden. Das erste Boot aber war der Wucht der Strömung nachgebend, bald aus seiner zur Stromlinie parallellen Stellung gebracht und bot der Gewalt des Wassers seine Breitseite entgegen. »Helft doch!« schrie ich verzweifelt den Leuten in meinem Boote zu und war eben selbst im Begriffe in das Wasser zu springen, alles andere, selbst das heftige Fieber, unter dessen Einwirkung ich seit den letzten zwei Stunden so heftig transpirirte, daß die Kleider am Körper klebten, war unter den obwaltenden Umständen vergessen; meine Bootsleute hielten mich aber mit Gewalt zurück. Von der Strömung erfaßt, auf der einen Seite niedergepreßt, neigte sich das Boot, seine Lenker, denen bei dem verzweifelten Versuch, die Gewalt der Strömung zu überwinden, die Ruder gebrochen waren, verloren das Gleichgewicht und in demselben Momente schlug die erste Welle in das Boot, bald folgten eine zweite, eine dritte Welle und nun — ich traute meinen Augen nicht — schlug es um. Nach mehrfachen Anstrengungen, wobei meine und die folgenden Bootsleute treulich mithalfen, gelang es, das Boot wieder flott zu machen und einige Gegenstände zu retten.

Alle kühnen Hoffnungen, alle Pläne und Wünsche, der Traum vom atlantischen Ocean — alles war hier versunken. Mitleidslos zerstörte das Geschick in wenigen Augenblicken die siebenjährigen Vorbereitungen zur Ausführung meiner mir selbstgestellten Aufgabe. Angesichts dieses Unfalls, der alle früheren Enttäuschungen tausendfach überbot, mußte ich, vom Fieber niedergeworfen, auf die Fortsetzung der Reise, der alle meine Anstrengungen galten, verzichten. Und um das Maaß der bitteren Erfahrungen voll zu machen, sah ich auch die Früchte monatelanger Arbeit emsigen Sammelns vernichtet — kaum einen nennenswerten Bruchteil konnte ich retten.

Verlust meines Bootes.

Nachdem wir das mir für die Dauer meines Lebens denkwürdige Mutschila-Aumsinga passirt hatten, landeten wir eine Stunde später am rechten Zambesi-Ufer unterhalb eines Mabunda-Dorfes mit Namen Sioma; die uns längs des linken Ufers folgenden Diener wurden herübergeholt, um so rasch wie möglich vor einbrechender Nacht ein Lager errichten zu können. Wir wurden jedoch von den Mabunda’s mit der Nachricht überrascht, daß die Gegend von Löwen nur wimmle und ihr Dorf sozusagen allnächtlich von diesen Raubthieren belagert sei. Mir schien diese Mittheilung nur ein Vorwand zu sein, uns zur Fortsetzung der Reise zu bewegen. Ich erstand von ihnen für Glasperlen Kafirkornbier, das ich meinen Bootsleuten als Gratification für die vielen Mühen, die sie an diesem Tage meinethalben hatten, verabreichte. Da ich mich durch die Mittheilung der Mabunda’s nicht abschrecken ließ und sie mit den Glasperlen günstiger gestimmt hatte, riethen sie uns, die Dächer einiger verlassenen am Flusse erbauten Hütten ab- und zusammenzutragen und diese kegelförmigen Grasbauten in Hufeisenform derart neben einander aufzustellen, daß ein Theil des Dachrandes (nach Außen) auf die Erde zu liegen komme, der andere dagegen auf kurzen Pfählen nach innen zu gestützt sei, so daß unser Lager sieben riesigen kegelförmigen Grasfallen nicht unähnlich war. Vor den Hütteneingängen ließ ich mehrere große Feuer anzünden.

Sioma von Löwen angegriffen.

Während der unglückseligen Fahrt des heutigen Tages waren mir am Ufer des Stromes zwanzig bis vierzig Fuß hohe Bäume mit weißlicher Rinde aufgefallen, von deren Stamme zahllose Wurzeln, einem dichten Barte gleich und von den über das Wasser wuchernden Aesten in drei bis sechs Fuß langen, röthlich braunen Zotten herabhingen.

Am 5. regnete es den ganzen Tag hindurch, der Wind war am Nachmittage eisig kalt geworden und obgleich die Diener das offene, fallenartig niedergelegte Dach mit Matten zu verhängen suchten, so wurden diese vom Winde immer weggeblasen und ich unzählige Male in meiner heißen Fieberhitze von dem kalten Regenschauer plötzlich abgekühlt. Während ich fast regungslos auf dem aus Kisten errichteten Lager gebannt war — meine Krankheit hatte sich nur noch verschlimmert und ich konnte nur mit Hilfe der Diener meine Lage ändern — wurde ich Ohrenzeuge eines Gesprächs, welches von den letzteren, die mich schlafend wähnten, außerhalb der Hütte geführt wurde. Borili, einer der beiden Matonga’s gab seiner Schadenfreude lebhaften Ausdruck, daß der Njaka (Zauberer, Doctor) schwer erkrankt sei und suchte seine Genossen dazu zu verleiten, mit meinen Vorräthen das Weite zu suchen und auf das südliche Tschobe-Ufer zu flüchten. Da die anderen drei Diener sich ziemlich passiv verhielten, beschloß ich das Complot im Keime zu ersticken. Ich rief die Diener und während ich die anderen mit Glasperlen beschenkte, frug ich Borili, ob er noch immer ein Tlobolo (Gewehr) als Lohn zu erhalten gedenke. Auf seine rasche bejahende Antwort erwiderte ich mit Nein und hielt ihm vor, daß er kein guter Diener, sondern ein Dieb sei und drohte ihm im Wiederholungsfalle eines ähnlichen verrätherischen Versuches nach Schescheke zur Bestrafung zurückzusenden.

Abends ließ die Fieberhitze etwas nach, so daß ich mich von den Dienern von meinem Schmerzenslager herabheben und mich auf die Erde setzen ließ; mit dem Rücken gegen mein Lager gestützt, empfing ich einige Mabunda’s und erhandelte von ihnen einige Handarbeiten, schrieb an meinem Tagebuche und bereitete aus den noch geretteten, wenigen Medicamenten für einen der Bootsleute ein Brechmittel, der durch den zu reichen Genuß der Frucht eines Busches Ki-Mokononga bedenklich erkrankt war. Nach den Symptomen, unter denen derselbe erkrankte, sowie nach dem penetranten Geruche konnte ich schließen, daß das Fleisch dieser Frucht die Eigenschaften des Amigdalin und Dulceïn (Blausäure) vereinigt. Die Früchte waren 2½ bis 3½ Zentimeter lang, 1½ bis zwei Zentimeter dick, hatten einen länglichen Kern, ein gelbliches Fruchtfleisch und eine zähe Epidermis, sie schmeckten süßlich und nach bitteren Mandeln. Nachdem sich der Mann mehrmals erbrochen, fühlte er sich bedeutend besser und am nächsten Tage wieder ganz wohl.

Da das Fieber etwas nachgelassen, benützte ich die freien Augenblicke, um den von Sioma herabgekommenen Mabunda-Häuptling und meine Bootsleute sowie die beiden Führer über Land und Leute im Marutse-Reiche zu befragen. Den Hauptgegenstand unseres Gespräches bildeten die zwischen dem Zambesi und Tschobe wohnenden Stämme Livaga, Libele und Lujana, sowie die am zentralen Tschobe, welcher den Namen Lujana führt, wohnenden unabhängigen Bamaschi unter den drei Fürsten Kukonganena, Kukalelwa und Molombe.

In der folgenden Nacht wurden wir von der Wahrheit der Mittheilung der Mabunda’s überzeugt. Schon nach Sonnenuntergang fingen etwa 150 Schritte vor uns Löwen ein mehrstimmiges Concert an und ließen nicht ab, als bis der Tag zu grauen begann; oben im Dorfe aber schrieen die Leute die ganze Nacht hindurch und schlugen auch eine Trommel dazu, sie hatten mehrere Feuer innerhalb der ihr kleines Dörfchen umschließenden Umzäunung angezündet und trachteten auf alle mögliche Weise die Raubthiere abzuhalten. Meine Bootsleute saßen aber die ganze Nacht mit ihren langen Speeren vor ihren Hütten, auf deren Wände sich ihre Schatten abzeichneten. Glücklicherweise verging die Nacht, ohne daß es die Löwen gewagt hätten, uns einen Besuch abzustatten.

Am 6. fühlte ich mich wieder schlechter, so daß ich den ganzen Tag über liegen bleiben mußte und mich nur meinem Tage- und meinem Skizzenbuche widmen konnte. Die regnerische und kalte Witterung der nächsten Tage verschlechterte meinen Zustand immer mehr; obwohl glühend vor Fieberhitze, fröstelte ich unter dem Hauche des kalten Nordostwindes. Mit genauer Noth konnte ich schreiben. Ich suchte mir Muth einzuflößen, allein es scheiterte an der nackten Wirklichkeit. Der Kopf brannte wie Feuer, die Zeilen flimmerten mir vor den Augen und doch war das meine einzige Zuflucht.

Am 8. fuhren wir weiter, ich weigerte mich, die Rückfahrt nach Schescheke anzutreten, während der Fahrt jedoch verschlimmerte sich mein Zustand so sehr, daß ich Abends aus dem Boote an’s Land getragen werden mußte. Kaum in einer der von vorüberfahrenden Schiffern errichteten Grashütten untergebracht, stellte sich heftiges Erbrechen und ein ruhrartiger Anfall ein, welche mich so schwächten, daß ich den Morgen nicht mehr zu erleben fürchten mußte. Und doch hatten wir an diesem Tage die interessanteste Partie des Zambesi, die ich mit Ausnahme der Victoriafälle kennen gelernt habe, durchreist. Wir hatten nicht weniger als zweiundvierzig Stromschnellen zu passiren und waren bis zum südlichsten der Barotse-Katarakte gelangt.

Am 9. schleppten mich meine Diener zu einigen geräumigen Hütten über dem Katarakte (etwa 1000 Schritte weit) die für die Königin Moquai errichtet waren. Von den Stromschnellen waren die, von den Marutse Manekango, sowie die, Muniruola genannten, die gefährlichsten zu passiren. Die letzteren waren von einer förmlichen Felsenmauer gebildet, die achtundzwanzig Zoll über dem Wasser quer über den Fluß hinzog und durch welche sich das Wasser durch kleinere und größere Oeffnungen Bahn brach. Bei der heftigen Strömung mußten die Bootsleute die Kähne emporheben und an den engen Durchbruchsstellen durchzuziehen trachten, unterdessen legten mich die Bootsleute aus dem Kahne auf das Felsenriff. In den erwähnten Hütten hatte die Königin drei Tage lang auf mich gewartet, sie dachte, daß ich umgekehrt wäre und setzte die Heimreise fort, sandte aber am 9. von ihrer entfernten Landungsstelle ihren Gemahl Manengo zu mir. Nachmittags stellte sich heftiges Erbrechen und Athembeschwerden ein, ließen aber glücklicher Weise am nächsten Tage wieder nach und ich konnte einige Löffel Maizena zu mir nehmen.

An diesem Tage fuhr Inkambella, der Gouverneur der Barotse, nach Sepopo der bedeutendste Mann im Lande, stromabwärts vorbei. Abends trat abermals eine Verschlimmerung meines Zustandes ein und ich ließ die Bootsleute rufen, um mich mit ihnen über die Rückkehr nach Schescheke verständigen zu können; von meinen Dienern hörte ich indeß, daß diese bereits zwei Kähne unterhalb der Fälle in Bereitschaft hielten, meiner Weisung also schon zuvorgekommen waren. Als ich sie deshalb zur Rede stellte, erfuhr ich, daß ihnen König Sepopo einen geheimen Befehl ertheilt hatte, auf mich wohl Acht zu geben und mich wo möglich in seinem Reiche am Leben zu erhalten. Als Arzt hatte ich mir Achtung verschafft und der König, der mich deshalb als großen Zauberer ansah, wollte es verhüten, daß durch meinen Tod ein großes Unglück über das Land hereinbreche.

Am 11. luden mich die Bootsleute in einen der Kähne, meinen Diener Narri in den zweiten und steuerten bald darauf mit mir gegen Schescheke zu — nicht ohne vorher von mir Geschenke erpreßt zu haben. Zu gleicher Zeit stritten sie sich mit meinen Dienern, weil diese sie beim Diebstahle einiger meiner Gegenstände ertappt hatten.

Auf der Rückfahrt am 11. brannte die Sonne so heiß und der Durst quälte mich so sehr, daß ich, um nur etwas Kühlung zu finden, meine Hände aus dem Boote in’s Wasser herabhängen ließ. Die Bootsleute beeilten sich jedoch, mir sie wieder in den Schoß zu legen und warnten mich vor den zahlreichen Krokodilen. Abends übernachteten wir einige Meilen östlich von Katonga und langten am folgenden Tage in Schescheke an. Als ich von den Bootsleuten zu Westbeech gebracht wurde und mich in der Thüre aufstellte, erkannte mich dieser nicht wieder.

XI.
Dritter Aufenthalt in Schescheke

Condolenzbesuche des Königs und der Häuptlinge — Eine neue Unthat Sepopo’s. — Masarwa’s in Schescheke. — Ceremoniell bei den Mahlzeiten an Sepopo’s Hof. — Mein erster Ausflug. — Der Fischfang im Marutse-Reiche. — Sepopo erkrankt. — Wanderungen eines Arabers durch Süd-Afrika. — Unterthanen-Verhältniß im Marutse-Reiche. — Characterzüge einzelner Stämme des Reiches. — Die Zukunft des Landes.